scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

„Ortsnamen zwischen Rhein und Elbe – Onomastik im Europäischen Raum“. Ein Forschungsprojekt der Göttinger Akademie der Wissenschaften

Jürgen Udolph

Abstract

    The place names of the German federal states of Lower Saxony and Westphalia (part of the state of North Rhine-Westphalia) that were attested before 1600, including the names of deserted towns and villages, are critically examined on the basis of their historical evidence and linguistically examined according to their origin and interpretation etymologically, morphologically and typologically, with the volumes of the NOB (Niedersächsisches Ortsnamenbuch) to be an example. Once the work is completed, maps and summary papers will provide an evaluation of the question of origin, etymological connections and settlement history.    The results will also be relevant for Scandinavia, England, Eastern Europe (including the Baltic States) and parts of Central Europe.

Full text

326 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVII JÜRGEN UDOLPH Zentrum für Namenforschung – Göttingen Akademie der Wissenschaften zu Göttingen ORCID id: orcid.org/0000-0002-8475-7857 Wissenschaftliche Forschungsrichtungen: Historische Linguistik, Gewässernamen, Ortsnamen, Familiennamen. DOI: doi.org/10.35321/all87-16 ORTSNAMEN ZWISCHEN RHEIN UND ELBE – ONOMASTIK IM EUROPÄISCHEN RAUM. EIN FORSCHUNGSPROJEKT DER GÖTTINGER AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN Vietovardžiai tarp Reino ir Elbės – Onomastika Europos erdvėje. Getingeno mokslų akademijos mokslo-tiriamasis projektas ANNOTATION The place names of the German federal states of Lower Saxony and Westphalia (part of the state of North Rhine-Westphalia) that were attested before 1600, including the names of deserted towns and villages, are critically examined on the basis of their historical evidence and linguistically examined according to their origin and interpretation etymologically, morphologically and typologically, with the volumes of the NOB (Niedersächsisches Ortsnamenbuch) to be an example. Once the work is completed, maps and summary papers will provide an evaluation of the question of origin, etymological connections and settlement history. The results will also be relevant for Scandinavia, England, Eastern Europe (including the Baltic States) and parts of Central Europe. KEYWORDS: place names, names of deserted places, settlement history, Germanic peoples, Saxons. Ortsnamen zwischen Rhein und Elbe – Onomastik im Europäischen Raum. Ein Forschungsprojekt der Göttinger Akademie der Wissenschaften Įžvalgos / Insights 327 VORGESCHICHTE Die Vorgeschichte zu dem Projekt der Göttinger Akademie der Wissenschaften, von dem hier die Rede sein wird, hat ihren Anfang am 18.10.1990 in den Räumen des Sprachwissenschaftlichen Seminars der Universität Göttingen genommen. An diesem Tag fand die erste Stunde des Proseminars Ortsnamen als Geschichtsquelle mit dem Zusatz Die Ortsnamen des Kreises Wolfenbüttel unter der Leitung von Jürgen Udolph statt. An ihr nahmen einige Studierende teil, darunter auch schon Kirstin Casemir und Uwe Ohainski, die das Projekt nicht nur seitdem begleitet haben, sondern seit diesem Tag an ohne Unterbrechung in entscheidender Weise gefördert haben. Der Plan bestand darin, mit dem Kreis Wolfenbüttel ein Projekt in Angriff zu nehmen, das den Ortsund Wüstungsnamen des Landes Niedersachsen gewidmet war. In anderen Bundesländern Deutschlands hatten schon zum Teil umfassende Untersuchungen an den Siedlungsnamen eingesetzt und waren auch schon zu wichtigen Ergebnissen gekommen. Für Niedersachsen fehlten entsprechende Studien fast ganz. Das einmal begonnene Seminar wurde in den folgenden Jahren bis 2000 kontinuierlich fortgesetzt. Behandelt wurden die Ortsnamen der Kreise Wolfenbüttel, Göttingen, Osterode/Harz, Goslar, Northeim, Holzminden, Hildesheim, Hameln-Pyrmont, Hannover (einschließlich Stadt Hannover), Peine, Celle, Helmstedt, Gifhorn sowie der Städte Braunschweig und Hannover. Die Veranstaltungen an der Universität Göttingen wurden allerdings 1999– 2000 unterbrochen, weil J. Udolph einen Ruf auf die Professur für Onomastik der Universität Leipzig erhalten hatte und diesen nach einem Vertretungssemester 1999–2000 im Wintersemester angenommen hatte. Die Arbeiten an den Ortsnamen Niedersachsens wurden allerdings nicht unterbrochen. Es war gelungen, Städte und Kreise in Niedersachsen für diese Untersuchungen zu interessieren und für finanzielle Unterstützung zu gewinnen. Vor allem Stadt und Kreis Hannover zeigten sich sehr interessiert, daher konnten seit etwa 1996–1997 die Untersuchungen der Ortsund Wüstungsnamen des Bereiches intensiviert werden und das Ergebnis der Arbeiten 1998 als erster Band eines Niedersächsischen Ortsnamenbuches (= NOB I) veröffentlicht werden. Zwei Jahre später folgten die Ortsnamen des Kreises Osterode (= NOB II). Einige Jahre zuvor war die umfangreiche Untersuchung Namenkundliche Untersuchungen zum Germanenproblem von J. Udolph (1994) erschienen, in der eine Reihe von Grundwörtern und Suffixen germanischer Herkunft und deren Vorkommen in Ortsnamen des altgermanischen Siedlungsgebietes behandelt und auch mit Hilfe von Kartierungen näher bestimmt werden konnten. Dabei stellte sich heraus, dass die Länder Niedersachsen, Teile von Sachsen-Anhalt, JÜRGEN UDOLPH 328 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVII Thüringen, Hessen und Westfalen in besonderer Weise an den Verbreitungen Anteil haben. Es bestärkte die Autoren des NOB darin, die Arbeit an den Ortsnamen Nordund Mitteldeutschlands fortzusetzen. In enger Verbindung mit diesen Überlegungen stand die 2003 als Dissertation entstandene Untersuchung von K. Casemir zu den Ortsnamen des Landkreises Wolfenbüttel und der Stadt Salzgitter (= NOB III), in der die Autorin in dankenswerter Weise auch archäologische und siedlungsgeschichtliche Aspekte mit den Ortsnamen verknüpft hatte. Auch ihre Magisterarbeit über die -büttel-Namen (Casemir 1997) war ein wichtiger Beitrag zur Untersuchung der Ortsnamen auch Niedersachsens. Nach seinem Ruf nach Leipzig konnte J. Udolph in einem Gespräch mit dem Präsidenten der Göttinger Akademie diese davon überzeugen, dass ein Ortsnamenbuch für Niedersachsen eine wichtige und notwendige Aufgabe für die Akademie wäre. Um es kurz zu machen: nach längeren Diskussionen und Gesprächen innerhalb der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften wurde das Projekt, erweitert um den Bereich SachsenAnhalt und Westfalen in das Akademienprogramm Deutschlands größtes geistesund sozialwissenschaftliches Forschungsprogramm, aufgenommen. Die Betreuung lag in den Händen der Göttinger Akademie der Wissenschaften, die Arbeitsstelle wurde an der Universität Münster eingerichtet und 2005 begannen die Untersuchungen. DAS PROJEKT Unter der Leitung von J. Udolph waren zunächst Hendrik Davids, Michael Flöer, Claudia Maria Korsmeier, Brigit Meineke und Jutta Schröder an dem Projekt tätig. Etwas später kamen dann K. Casemir als Arbeitsstellenleiterin und dann noch U. Ohainski, Josef Dolle und zeitweise auch Jens Kersting hinzu. Anfangs war das Projekt auf 32 1/2 Jahre angelegt und umfasste die Untersuchung der Ortsnamen der Länder Niedersachsen (einschließlich Bremen und Bremerhaven), Westfalen und Sachsen-Anhalt. Aufgrund von internen Entscheidungen der Akademien wurde die Laufzeit auf 25 Jahre verkürzt, was uns zwang, Sachsen-Anhalt aufzugeben. Das haben wir sehr bedauert. Eine detaillierte Beschreibung des Projekts, des Standes der Bearbeitung, seiner Ziele und weiterer damit zusammenhängender Aspekte müssen wir an dieser Stelle nicht geben. Man findet sie auf einer Internetseite der Göttinger Akademie der Wissenschaften unter https://adw-goe.de/forschung/ forschungsprojekte-akademienprogramm/ortsnamen-zwischen-rhein-undelbe/ und unter dem Link Ortsnamen.net. Ortsnamen zwischen Rhein und Elbe – Onomastik im Europäischen Raum. Ein Forschungsprojekt der Göttinger Akademie der Wissenschaften Įžvalgos / Insights 329 Kurz umrissen kann man als Ziel des Projektes formulieren: Die vor 1600 bezeugten Ortsnamen des Untersuchungsgebiets einschließlich der Wüstungsnamen werden auf der Grundlage ihrer historischen Belege kritisch erschlossen und sprachwissenschaftlich nach Herkunft und Deutung etymologisch, morphologisch und typologisch untersucht, wobei die Bände des Niedersächsischen Ortsnamenbuches als Vorbild dienen. Nach Abschluss der Bearbeitung werden Kartierungen und zusammenfassende Abhandlungen eine Auswertung für die Frage nach der Herkunft, den etymologischen Verbindungen und der Siedlungsgeschichte bieten. Den aktuellen Stand der Arbeiten geben zwei Karten wieder, die wir hier abdrucken: KARTE 1: Westfälisches Ortsnamenbuch – Bearbeitungsstand Oktober 2022 JÜRGEN UDOLPH 330 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVII KARTE 2: Niedersächsisches Ortsnamenbuch – Bearbeitungsstand Oktober 2022 Dabei ist seit Beginn der Untersuchungen versucht wurden, eine auch für interessierte Laien verständliche Darstellung zu bieten. Die Diskussion um den sogenannten „Elfenbeinturm“, in dem sich akademische Forschung angeblich bewegt, ist nicht zuletzt auch dadurch entstanden, dass in wissenschaftlichen Publikationen zum Teil eine Sprachform gepflegt wurde (und wird), die eine Distanz zur interessierten Öffentlichkeit entstanden ließ. Im Bereich der Indogermanistik ist durch Einführung der sogenannten „Laryngale“ und deren graphische Darstellung, die auch in die Ortsnamenforschung Eingang gefunden hat, eben diese Distanz in hohem Maße verstärkt worden. Es ist auch in diesem Fall unser Bestreben, diese Distanz bei der Behandlung der Ortsnamen abzubauen. Ortsnamen interessieren in hohem Maße auch die Öffentlichkeit, daher ist es notwendig, eine verständliche Sprache und Darstellung zu wählen. Das Teilprojekt Westfälisches Ortsnamenbuch wird 2022 mit Band 20 abgeschlossen sein, während sich das auf 28 Bände geplante Niedersächsische Ortsnamenbuch noch in Bearbeitung befindet. Ortsnamen zwischen Rhein und Elbe – Onomastik im Europäischen Raum. Ein Forschungsprojekt der Göttinger Akademie der Wissenschaften Įžvalgos / Insights 331 Eine Auflistung aller bisher erschienenen Bände geben wir an dieser Stelle nicht. Darüber informiert die Internetseite ortsnamen.net unter den Rubriken Niedersächsisches Ortsnamenbuch und Westfälisches Ortsnamenbuch, in denen auch Übersichtskarten der entsprechenden Bearbeitungsgebiete zu finden sind. Die publizierten Bände sind zunächst im Buchhandel erhältlich, aber drei Jahre nach ihrem Erscheinen (Ablauf der Sperrfrist) sind sie auf res doctae – Dokumentenserver der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen verfügbar, wo auch eine Suchmaske den Fund von gewünschten Ortsnamen erleichtert (https://rep.adw-goe.de/). GRUNDLAGEN, ZIELE UND ERSTE ERGEBNISSE DES PROJEKTES 1. Die Relevanz der Ortsnamenforschung liegt nicht nur in der Frage nach der Bedeutung eines einzelnen Namens. Zwar ist die Undurchsichtigkeit der geographischen Namen immer wieder Auslöser für die Frage: „Was bedeutet dieser Name eigentlich?“, aber daraus allein ergeben sich nur bruchstückhafte Einsichten in die Sprachoder Siedlungsgeschichte. Weiterreichende Erkenntnisse erschließen sich erst dann, wenn ein größeres Gebiet namenkundlich untersucht ist. Erst dann gelingt es, die ursprüngliche Bedeutung eines einzelnen Namens in ihren Grundzügen zu erfassen. Deshalb strebt eine zusammenfassende Auswertung onomastischer Forschung auch immer wieder und mit Recht nach einer kartographischen Erfassung des gesammelten Materials und der verschiedenen Ebenen, mit denen die Namen verzahnt sind. 2. Eine Untersuchung des Ortsnamenschatzes der Länder Westfalen, Niedersachsen, Bremen und auch Sachsen-Anhalt ist für die Vorund Frühgeschichte Europas deshalb von besonderer Bedeutung, weil bis zum Beginn dieses Projektes eine gravierende Forschungslücke bestand und gerade dieses bisher nicht untersuchte Territorium nicht nur mit den benachbarten deutschen Ländern wie dem Rheinland, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen, Thüringen und Hessen in engstem Kontakt steht, sondern weil es nach Untersuchungen der letzten Jahre in auffallender Weise mit weiten Bereichen der Germania, ferner mit dem westslavischen Sprachgebiet und in seinen ältesten Spuren mit dem Baltikum und einem altslavischen Siedlungsgebiet in Südpolen und der Ukraine verbunden ist. JÜRGEN UDOLPH 332 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVII 3. Im Einzelnen lassen sich nach den bisher erschienenen Bänden und anderen jüngeren Untersuchungen folgende Verbindungslinien ziehen, deren Bedeutung im einzelnen noch genauer zu untersuchen ist: a) von Niedersachsen und Westfalen aus nach England, wobei Belgien, die Niederlande und Flandern Brücken bilden (erster Kartierungsversuch: Udolph 1994: 775 [Karte 55]). Dass es zwischen dem Ortsnamenbestand Nordund Westdeutschlands und dem Englands enge Verbindungen gibt, die alt sein müssen, ist schon sehr früh u.a. von H. Jellinghaus (1898, 1902) erkannt worden, auch E. Schröder (1933: 22) hatte bei dem Grundwort -horst auf Grund einer bei ihm angefertigten Untersuchung entsprechend geäußert: es sei ein „Siedlungswort, das einzig und allein den Sachsen eigen ist, das sie allein mit nach England nahmen und das auch in weit abgelegener Gegend erscheint“ (zur weiteren Aufarbeitung von -horst s. Udolph 1994: 776–796, vgl. auch Karte 3). Das gilt aber auch für andere Appellativa. So heißt es bei Hessmann 1985: 199: „Altenglische Elemente finden, insoweit sie nicht aus dem Britischen oder Skandinavischen übernommen wurden, fast immer ihre Entsprechung im Bereich des Altsächsischen“ (d.h. vor allem in Niedersachsen). Wir konnten das vor wenigen Jahren mit Hilfe einer etwas weiter gefassten Auflistung von Appellativen (Udolph 2006) stützen. Zuvor hatte er in mehreren Beiträgen einzelne Appellativa ausgewählt und anhand der davon abgeleiteten Ortsnamen die Wanderungen westgermanischer Stämme nach England nachzuzeichnen versucht (Udolph 1994: 765–830; 1995). Daraus stammt die folgende Karte 3, die germanisch horst, z.B. in mittelhochdeutsch hurst, auch hürste, althochdeutsch hurst, altsächsisch hurst ‘Gebüsch, Gestrüpp’, mittelniederdeutsch, mittelniederländisch hurst, horst, niederländisch horst, auch altenglisch hyrst, englisch hurst zumeist ‘Buschwald, Gebüsch, Gehölz, Gesträuch, Gestüpp, Niederholz’, ‘bewachsene kleine Erhöhung in Sumpf und Moor’ u.ä. enthalten. Bei den Arbeiten an den Ortsnamen Westfalens und Niedersachsens ist uns ein weiteres Phänomen begegnet, das mit England zu tun hat, bisher aber nie bemerkt wurde: sie enthalten zum Teil Appellativa, die es nur im altenglischen bzw. englischen Wortschatz gibt. Die Konsequenz daraus ist erheblich: es bedeutet nämlich, dass das zugrundeliegende Wort, das nur noch im Englischen bewahrt ist, früher auch in den germanischen Mundarten Norddeutschlands lebendig gewesen ist. Hier nur ein Beispiel: Im Englischen ist seit altenglischer Zeit gut bezeugt: grif(e), grāf, grove ‘Hain, Gehölz’, verwandt mit slav. grabrъ, grabъ ‘Hainbuche’ und anderen Wörtern. Damit sind verschiedene englische Ortsnamen gebildet, wie z.B. Grafton oder Grovehurst. Man findet dieses Wort nun auch in deutschen Ortsnamen wie Grastrup, Kr. Lippe, Grafhorst, Kr. Helmstedt, Grasdorf, Region Hannover und vielleicht auch in Greven, Kr. Steinfurt (dazu zuletzt WOB 13: 123f.). Ortsnamen zwischen Rhein und Elbe – Onomastik im Europäischen Raum. Ein Forschungsprojekt der Göttinger Akademie der Wissenschaften Įžvalgos / Insights 333 KARTE 3: horst/hurst in Ortsnamen Von hieraus wird auch neues Licht auf alte und angeblich schon entschiedene Frage, von wo aus die westgermanischen Besiedler Englands gekommen sind, geworfen. Fast allgemein wird angenommen, dass diese aus SchleswigHolstein und Dänemark gekommen sind, Bedas berühmte Sätze wirken bis heute nach: „Advenerunt autem de tribus Germaniae populis fortioribus, id est Saxonibus, Anglis, Jutis“ [Sachsen, Angeln, Jüten“]. Untersuchungen, die diese Behauptung mit Hilfe der Ortsnamen Schleswig-Holsteins bestätigen wollten (z.B. Laur 1964), erbrachten allerdings keine Ergebnisse. Daraus ist geschlossen worden, dass die Namenforschung für diese Fragestellung nicht konsultiert werden kann. Erste Anzeichen deuten aber darauf hin, dass diese Auffassungen für Niedersachsen offenbar nicht zutreffen. Nach Abschluss der Untersuchung wird man mit Sicherheit eine Antwort auf diese Frage erhalten: Ortsnamen sind für Wanderungsbewegungen die sichersten Zeugen, das zeigt sich bei Übertragungen in den deutschen Osten, von Europa nach Übersee, von den russischen Stammlanden nach Sibirien und anderswo. Ähnliches gilt für die Heimat und Herkunft der Sachsen. Diese Fragen wurden bisher fast nur aus archäologischer und historischer Sicht behandelt. Neuere Untersuchungen zeigen, dass der angebliche Eintrag Saxones bei Ptolemaeus, der im allgemeinen auf Schleswig-Holstein bezogen wird, wahrscheinlich ein Lesefehler ist (Springer 2002; 2004: 27–29). Damit bricht ein wichtiger Stein aus der bisherigen Theorie heraus, Sachsen seien ursprünglich aus Schleswig-Holstein gekommen. Die Frage ist völlig offen. Bedenkt man, JÜRGEN UDOLPH 334 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVII dass die ersten sicheren Hinweise auf Sachsen aus onomastischer Sicht die englischen Grafschaften Essex, Middlesex, Sussex, Wessex usw. sind, kommt auch hier den Ortsnamen eine wichtiger Zeugniswert zu: Lässt sich anhand der Namenvergleiche zwischen englischen und kontinentalgermanischen Namen etwas zur Herkunft der Besiedler Englands sagen? b) Durch die Bearbeitung der Ortsnamen Niedersachsens und Westfalens sind auch Verbindungen zum Wortund Namenschatz von Schleswig-Holstein, Dänemark und Skandinavien herausgearbeitet worden. Dazu zählen Ortsund Wüstungsnamen, denen Appellativa wie haugaz ‘Hügel, Grabhügel’, *hlaiwaz ‘(Grab)hügel’, klint ‘Anhöhe, Berg’, malm- (auch in got. malma ‘Sand’), wedel ‘seichte Stelle im Wasser, Furt’ u.a.m. zugrunde liegen. Etliche dieser Appellativa hat J. Udolph (1994: 830–918) behandelt. Aus dieser Sammlung hier nur eine Kartierung (Karte 4): KARTE 4: wedel in Ortsnamen c) Das Aufarbeiten der Ortsnamen des Untersuchungsgebiets hat auch Übereinstimmungen sowohl im Wortschatz wie im Ortsnamenbestand mit den baltischen und slavischen Siedlungsgebieten bzw. dem entsprechenden Wortund Namenbestand erbracht. Sie bestätigen schon früh geäußerte Vermutungen von W. P. Schmid, wonach im Baltischen ein Zentrum der Alteuropäischen Ortsnamen zwischen Rhein und Elbe – Onomastik im Europäischen Raum. Ein Forschungsprojekt der Göttinger Akademie der Wissenschaften Įžvalgos / Insights 341 LITERATUR Bach Adolf 1954: Die deutschen Ortsnamen, Bd. 2, Heidelberg: Carl Winter Universitätsverlag. Brylla Charlotte 2009: Der semantische Kampf um den Begriff des Nordens in Schweden zur Zeit des Nationalsozialismus. ‒ Facetten des Nordens. Räume – Konstruktionen – Identitäten, Berliner Beiträge zur Skandinavistik, Bd. 17, hrsg. von J. Hecker-Stampehl, H. Kliemann-Geisinger, Berlin: Nordeuropa-Institut. Casemir Kirstin 1997: Die Ortsnamen auf -büttel. (Namenkundliche Informationen Beiheft 19), Leipziger Universitätsverlag. Casemir Kirstin, Udolph Jürgen 2006: Die Bedeutung des Baltischen für die niedersächsische Ortsnamenforschung. ‒ Baltų onomastikos tyrimai – Aleksandrui Vanagui atminti, sud. L. Bilkis, A. Ragauskaitė, D. Sinkevičiūtė, Vilnius: Lietuvių kalbos institutas, 114–136. Dini Pietru U., Udolph Jürgen 2005: Slawisch-Baltisch-Germanische Sprachbeziehungen. ‒ Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 29, 59–78. Grimm Jacob 1845: Geschichte der deutschen Sprache, Leipzig: S. Hirzel. Grimm Jacob 1871: Kleinere Schriften, Bd. 5, Berlin: Dümmler. Hessmann Pierre 1984: Bedeutung und Verbreitung einiger nordwestdeutscher Sumpfbezeichnungen. ‒ Gießener Flurnamen-Kolloquium, hrsg. von R. Schützeichel, Heidelberg: Winter, 190–200. Jellinghaus Hermann 1898: Englische und niederdeutsche Ortsnamen. ‒ Anglia 20, 257–334. Jellinghaus Hermann 1902: Bestimmungswörter westsächsischer und englischer Ortsnamen. ‒ Jahrbuch des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung 28, 31–52. Krahe Hans 1949: Ortsnamen als Geschichtsquelle, Heidelberg: Quelle & Meyer. Laur Wolfgang 1964: Namenübertragungen im Zuge der angelsächsischen Wanderungen. ‒ Beiträge zur Namenforschung 15, 287–297. Müller Gunter 1970: Das Problem der fränkischen Einflüsse auf die westfälische Toponymie. ‒ Frühmittelalterliche Studien 4, 244–270. NOB ‒ Niedersächsisches Ortsnamenbuch, hrsg. von K. Casemir, J. Udolph, Bd. 1ff. Bielefeld 1998ff. NOB I ‒ Ohainski Uwe, Udolph Jürgen 1998: Die Ortsnamen des Landkreises und der Stadt Hannover, Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte. JÜRGEN UDOLPH 342 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVII NOB II ‒ Ohainski Uwe, Udolph Jürgen 2000: Die Ortsnamen des Landkreises Osterode, Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte. NOB III ‒ Casemir Kirsten 2003: Die Ortsnamen des Landkreises Wolfenbüttel und der Stadt Salzgitter, Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte. NOB IV ‒ Casemir Kirsten, Ohainski Uwe, Udolph Jürgen 2003: Die Ortsnamen des Landkreises Göttingen, Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte. Schmid P. Wolfgang 1994: Linguisticae Scientiae Collectanea, hrsg. von. J. Becker, Berlin, New York: de Gruyter. Schröder Edward 1993: Sachsen und Cherusker. ‒ Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 10, 5–28. Schuh Robert 1980: -heim-Namen in Ostfranken. Ausdruck fränkischer Herrschaft? ‒ Ortsnamen als Ausdruck von Kultur und Herrschaft. Erlanger Ortsnamenkolloquium, hrsg. von R. Schützeichel, Heidelberg: Winter, 33–47. Springer Matthias 2002: Saxones und Saxonia im Altertum und Frühmittelalter. ‒ Namenkundliche Informationen 81/82, 155–177. Springer Matthias 2004: Die Sachsen, Stuttgart: Kohlhammer. Udolph Jürgen 1994: Namenkundliche Studien zum Germanenproblem, Berlin: de Gruyter. Udolph Jürgen 1995: Die Landnahme Englands durch germanische Stämme im Lichte der Ortsnamen. ‒ Nordwestgermanisch (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 13), Berlin, New York: de Gruyter, 223–270. Udolph Jürgen 1997: Zogen die Hamelner Aussiedler nach Mähren? Die Rattenfängersage aus namenkundlicher Sicht. ‒ Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 69, 125–183. Udolph Jürgen 1998: Fränkische Ortsnamen in Niedersachsen? ‒ Festgabe für Dieter Neitzert zum 65. Geburtstag, hrsg. von P. Aufgebauer, U. Ohainski, E. Schubert (Göttinger Forschungen zur Landesgeschichte, Bd. 1), Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte, 1–70. Udolph Jürgen 1999: Baltisches in Niedersachsen? ‒ Florilegium Linguisticum. Festschrift für Wolfgang P. Schmid zum 70. Geburstag, hrsg. von E. Eggers, J. Becker, J. Udolph, D. Weber, Frankfurt, Main: Peter Lang, 493–508. Udolph Jürgen 2005: Slavisch-Baltisch-Germanische Übereinstimmungen in Toponymie und Hydronymie. ‒ Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 29, 64–67. Ortsnamen zwischen Rhein und Elbe – Onomastik im Europäischen Raum. Ein Forschungsprojekt der Göttinger Akademie der Wissenschaften Įžvalgos / Insights 343 Udolph Jürgen 2006: England und der Kontinent: Ortsnamenparallelen (Ein Situationsbericht). ‒ Language and Text. Current Perspectives on English and Germanic Historical Linguistics and Philology, Heidelberg: Winter, 317–343. WOB – Westfälisches Ortsnamenbuch, hrsg. von K. Casemir, J. Udolph, Bd. 1ff, Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte, 2009ff. WOB 13 ‒ Korsmeier Claudia Maria 2009: Die Ortsnamen des Landkreises und der Stadt Hannover, Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte. Vietovardžiai tarp Reino ir Elbės – Onomastika Europos erdvėje. Getingeno mokslų akademijos mokslo-tiriamasis projektas SANTRAUKA Remiantis istoriniais duomenimis, straipsnyje kritiškai analizuojami Vokietijos Žemutinės Saksonijos ir Vestfalijos žemių (Šiaurės Reino-Vestfalijos žemės dalies) vietovardžiai, paliudyti iki 1600 metų, įskaitant apleistų miestų ir kaimų vardus. Tyrime taip pat atlikta šių vietovardžių lingvistinė analizė atsižvelgiant į jų kilmę ir etimologinę, morfologinę ir tipologinę interpretaciją, naudojant kaip pavyzdį Žemutinės Saksonijos vietovardžių knygą. Atlikus tyrimą, žemėlapiuose ir tyrimo apibendrinimuose įvertinamas kilmės klausimas, etimologinės sąsajos ir vietovių apgyvendinimo istorija. Tyrimo rezultatai bus naudingi Skandinavijos, Anglijos, Rytų Europos (įskaitant Baltijos šalis) ir tam tikrų Centrinės Europos regionų tyrimams. Įteikta 2022 m. rugpjūčio 21 d. JÜRGEN UDOLPH Zentrum für Namenforschung – Göttingen / Rosdorf, Steinbreite 9, D-37124 Rosdorf bei Göttingen Akademie der Wissenschaften zu Göttingen Arbeitsstelle Ortsnamen zwischen Rhein und Elbe – Onomastik im europäischen Raum Robert-Koch-Str. 29, D-48149 Münster [email protected]