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Digital Profiling als Methode der frühmittelalterlichen Diplomatik. Ausgehend von einer Urkunde Ottos I. aus St. Petersburg

Marie-Luise Heckmann

Abstract

Anhand einer Reihe von äußeren und inneren Kriterien wird eine in St. Petersburg aufbewahrte Urkunde Ottos I. analysiert und einem von 39 namentlich bekannten Schreibern der kaiserlichen Kanzlei zugeordnet. Grundlage der Identifizierung sind die Signa sowie Größe, Format, Faltungen, Layout und Schrift des Kaiserdiploms. Es geht aber auch um die sprachliche Färbung von Eigen- und Ortsnamen sowie das Formelgut der Corroboratio. Die hierbei verwendete Methode des Digital Profiling wird sodann anhand von Vergleichsbeispielen einer Überprüfung auf ihre Tauglichkeit zur Schreiberidentifizierung unterzogen. Hilfreich sind Erkenntnisse der italienischen, russischen und deutschen Forschung.

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MARIE-LUISE HECKMANN Universität Potsdam ORCID i d: orcid.org/0000-0001-6924-8942 Wissenschaftliche Forschungsrichtungen: Mittelalterliche Geschichte, Kirchen-, Militärund Umweltgeschichte, Verfassungsund Vorstellungsgeschichte, Historische Hilfswissenschaften, insbesondere Diplomatik und Handschriftenkunde. DOI: doi.org/10.35321/all90-02 DIGITAL PROFILING ALS METHODE DER FRÜHMITTELALTERLICHEN DIPLOMATIK. AUSGEHEND VON EINER URKUNDE OTTOS I. IN ST. PETERSBURG¹ Für Prof. Dr. Vladimir Ivanovič Mažuga zum 75. Geburtstag am 15. April 2024 Skaitmeninis profiliavimas kaip ankstyvųjų viduramžių diplomatijos metodas. Remiantis Otono I dokumentu iš Sankt Peterburgo². Skiriama prof. dr. Vladimirui Ivanovičiui Mažugai, 2024 m. balandžio 15 d. švenčiančiam 75-tąjį jubiliejų ¹ Der vorliegende Beitrag geht aus einem Vortrag bei der Internationalen Tagung „West European Manuscripts and Charters from Late Antiquity to the Early Modern Period in Saint Petersburg Collections. Research, Catalogization and Digitization“ (St. Petersburg, 19. bis 22. September 2019) hervor. Er entspricht dem Interesse des Jubilars und seines akademischen Umfelds an Form und Inhalt von Urkunden und Rechtstexten. Vgl. Mažuga 2000; Čirkova 2019. ² Šis straipsnis parengtas tarptautinės konferencijos „Vėlyvosios antikos ir ankstyvųjų moderniųjų laikų Vakarų Europos rankraščiai ir istoriniai dokumentai Sankt Peterburgo fonduose. Tyrimai, katalogizavimas ir skaitmeninimas“, vykusios Sankt Peterburge 2019 m. rugsėjo 19–22 d. pagrindu. Straipsniai / Articles 23 MARIE-LUISE HECKMANN ANNOTATION Anhand einer Reihe von äußeren und inneren Kriterien wird eine in St. Petersburg aufbewahrte Urkunde Ottos I. analysiert und einem von 39 namentlich bekannten Schreibern der kaiserlichen Kanzlei zugeordnet. Grundlage der Identifizierung sind die Signa sowie Größe, Format, Faltungen, Layout und Schrift des Kaiserdiploms. Es geht aber auch um die sprachliche Färbung von Eigenund Ortsnamen, das Formelgut der Corro ratio und den Itinerarvergleich. Die hierbei verwendete Methode des Digital Profiling wird sodann anhand von Vergleichsbeispielen einer Überprüfung auf ihre Tauglichkeit zur Schreiberidentifizierung unterzogen. Hilfreich sind dabei Erkenntnisse der italienischen, russischen und deutschen Forschung. SCHLÜSSELWÖRTER: Schreiberprofilierung, frühmittelalterliche Diplomatik, Königsund Kaiserurkunden, Schreiberidentifizierung, Materialität, Schriftlichkeit und Zeichen. ANNOTATION On the basis of a number of external and internal criteria, a document of Otto I kept in St. Petersburg is analysed and assigned to one of 39 scribes of the imperial chancellery known by name. The basis of the identification is the signa as well as the size, format, folds, layout and font of the imperial diploma. But it is also about the linguistic colouring of proper and place names as well as the formulas of corroboratio and itinerary comparison. The digital profiling method used for this purpose is then tested for its suitability for writer identification on the basis of comparative examples. Findings from Italian, Russian and German research are helpful. KEYWORDS: Digital profiling, Early medieval diplomatics, Imperial charters, Identification of scribes, Materiality, Writing and Signs. 24 Acta Linguistica Lithuanica XC Digital Profiling als Methode der frühmittelalterlichen Diplomatik. Ausgehend von einer Urkunde Ottos I. in St. Petersburg 1. DEM UNBEKANNTEN SCHREIBER AUF DER SPUR Abb. 1: D O I. 371 (969 IV 18, Cassana)³ Die abgebildete Urkunde macht gleich auf den ersten Blick mehrerlei deutlich: Es handelt sich hierbei um ein Schriftstück, das breiter als hoch ist. Es wurde zudem in älterer Zeit offenkundig nicht ausgebreitet (also „plan“) aufbewahrt, sondern vielmehr auf 4 X 3 Felder zusammengefaltet. Im Text lassen sich überdies zwei Schriftarten unterscheiden, eine mit weit in die Höhe gezogenen Buchstaben (Elongata), die andere mit winzigen Buchstaben auf der Grundlinie, die in der Oberlänge mit Schlaufen versehen sind und in der Unterlänge verschieden lang auslaufen. Hinzu kommen im unteren Teil des Schriftstücks ein Zeichen, das in einer eigenartigen Verbindung von zwei Großbuchstaben T besteht, ein dunkel verfärbtes viereckiges Loch, das von zwei jeweils helleren Kreisen umgeben ist, sowie ein kreisförmiger Abdruck, der sich weiter rechts davon anschließt. Auffallend sind auch der unregelmäßige Umriss ³ Scan erstellt nach: Bolʾšakov 2012: 201. Straipsniai / Articles 25 MARIE-LUISE HECKMANN und mehrere Löcher (zumeist an den Rändern zu sehen). Das Pergament hat eine dunkelgelbe Farbe. Die Urkunde macht in ihrer klar strukturierten, wenn auch auf den ersten Blick wenig verständlichen Grundordnung einen hieratischen Eindruck und löst aufgrund ihrer Fremdheit bei manchem Betrachter vielleicht sogar Ehrfurcht aus. Der Schreiber bleibt zunächst unbekannt, weil weder eine Unterschrift noch sonst ein Hinweis auf seine Individualität vorhanden zu sein scheinen. Es stellt sich somit die Frage: Wie kommt man diesem Schreiber auf die Spur? Die bisherige Forschung zur frühmittelalterlichen Königsund Kaiserdiplomen stützt sich vor allem auf paläographische⁴, graphische, rhetorische, semiotische und symbolische Merkmale (also den Gesamteindruck und die Bedeutung einzelner Elemente)⁵, auf Formelanalysen (etwa der Intitulatio, der Arenga und der Narratio)⁶, auf die Zusammenhänge zwischen Herkunft, Recht, Verwaltung und Politik (Dispositio und Interventionsformeln)⁷ sowie auf die Analyse der Herrschaftspraxis mittelalterlicher Könige und Kaiser (gestützt auf Actum und Datum als Mittel der Itineraranalyse)⁸. Auch die Entstehung einer Königsoder Kaiserurkunde wird erörtert⁹. Es geht dabei nicht zuletzt um den Anteil von Ausstellern und Empfängern am so genannten Diktat eines Diploms¹⁰. Symbole und Zeichenhandlungen beim Einsatz der Urkunde als Machtsymbol¹¹ werden in der bisherigen Forschung ebenso erörtert wie Signa und andere Herrschaftszeichen¹². Die Bedeutung von Eigennamen, die oftmals Urkunden entnommen sind, wird hingegen nur vereinzelt thematisiert¹³. Untersuchungen zu Bischofsurkunden, die ⁴ Sredinskaja 2014. Zur frühmittelalterlichen Schriftlichkeit vgl. auch Hoffmann 1986; Ganz 1990: 36–80; Methoden 1999; Hoffmann 2005; 2012: 160–216. ⁵ Bautier 1984; GS 1996; Kölzer 1998; Worm 2004; Mersiowsky 2015: 44–114, 190–215, Teil 1. ⁶ Fichtenau 1960, 1986; Patt 2016. Zur Intitulatio: Wolfram 1973. Zur Arenga: Fichtenau 1957; Neumann 1978; Hausmann, Gawlik 1987. Zur Narratio: Merta 1994; Burkhardt 2000; Zwierlein 2016; Heckmann 2014. ⁷ Schetter 1935; Codea 2008. Vgl. Finckenstein 1989; Schieffer 1998. ⁸ Müller-Mertens 1980; Bernhardt 1993; Huschner 2003, 2006. ⁹ Mersiowsky 2015: 661–706, 720 f., Teil 2. ¹⁰ Kruisheer 1979; Johanek 1990; Mersiowsky 2015: 114, Teil 1. ¹¹ Keller 1998. ¹² Rück 1996; Keller 1997. ¹³ Schlaug 1962; Tiefenbach 1984. 26 Acta Linguistica Lithuanica XC Digital Profiling als Methode der frühmittelalterlichen Diplomatik. Ausgehend von einer Urkunde Ottos I. in St. Petersburg nachfolgend zum Vergleich herangezogen werden, entstanden in der Regel in der landesgeschichtlichen Forschung14. Eine Zusammenschau, die die inneren und äußeren Merkmale eines Grundbestands frühmittelalterlicher Urkunden systematisch erfasst, vergleichend auswertet und die Ergebnisse in einen breiteren Kontext einordnet, erweist sich vor diesem Hintergrund als Forschungsdesiderat. Die Königsund Kaiserurkunden des ausgehenden 9. und der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts bilden ein besonders geeignetes Quellen corpus für eine solche Untersuchung, stellen aber aufgrund ihrer hohen Komplexität15 auch eine besondere Herausforderung dar. Die in einer neueren hilfswissenschaftlichen Untersuchung entwickelte Methode der Schreiberprofilierung (Digital Profiling) zielt auf die Überwindung dieses Hiatus. Ihre Grundfrage lautet, ob sich anhand eines, mehrerer oder aller Merkmale einer bestimmten Königsoder Kaiserurkunde ein bestimmter Schreiber identifizieren lässt. Zunächst wird die neue Methode vorgestellt. Sodann wird der verantwortliche Schreiber eines Diploms Kaiser Ottos des Großen, das heute in St. Petersburg aufbewahrt wird, mittels der neuen Methode identifiziert. Schließlich ebnen mehrere Anwendungsbeispiele der Methode den Weg zu einem Resümee über Bischöfe der frühen Ottonenzeit als Schreiber von Königsund Kaiserurkunden. Im Schlussfazit geht es um Reichweite und Grenzen der neuen Methode. 2. SCHREIBERPROFILIERUNG (DIGITAL PROFILING) Das Schreiberprofilierung (Digital Profiling) beruht auf einem Bündel von fünfzig Kriterien, das auf Diplome der fünf Könige bzw. Kaiser Arnulph, Ludwig das Kind, Konrad I., Heinrich I. und Otto I. angewandt wird. Auf diese Weise sollen Kontinuitäten und Brüche in der Diplomatik frühmittelalterlicher Königsund Kaiserurkunden deutlich werden. Die Untersuchung geht insbesondere auf den Anteil des Schreibers an der Herstellung einer Urkunde ein. Sie kommt dabei zu folgender Schlussfolgerung: „Der Urheber des Diploms – vielmehr eines individuellen Kunstwerks – ist gleich an seinem Stil zu erkennen. Manche Empfänger scheinen sogar Wert darauf gelegt zu haben, die Meisterwerke bestimmter Künstler zu erhalten. Ihre 14 Z.B. Wisplinghoff 1954; Johanek 1969; Ludwig 2008; Die ältesten Urkunden 2008. 15 Zur Komplexität ottonischer Urkunden vgl. Rück 1991; Schulze 2007: 23–40. Straipsniai / Articles 27 MARIE-LUISE HECKMANN Fertigkeit [also die der Schreiber] tritt am deutlichsten in Zeichen zutage, die mit großer Übung eingetragen wurden. Der Meister achtete aber stets auf kleine Veränderungen, so dass jedes Stück zum Unikat wurde. Unterschiede heben überdies hervor, dass sich die Schreiber als Künstler stetig weiter entwickeln wollten, ohne jedoch ihren unverkennbaren Duktus aufzugeben.“ 16 Folgt man dieser These, so handelt es sich bei den Urkundenproduzenten um die Mitglieder einer hochgradig spezialisierten und ästhetisch versierten Bildungselite. Der Schlüssel für die Zuordnung einzelner Urkunden zu bestimmten Schreibern liegt – der genannten Untersuchung zufolge – in einer jeweils einzigartigen Kombination mehrerer Merkmale. Besonders aussagekräftig sind hierfür drei Signa, die auf den meisten Königsund Kaiserdiplomen dieser Epoche zu finden sind: Chrismon, Monogramm und Rekognitionszeichen, also die Zeichen für die Anrufung des dreieinigen Gottes, für die Unterschrift des Herrschers und für die Anerkennung der formalen Korrektheit und Vollständigkeit der Urkunde. Hilfreich für die Schreiberidentifizierung sind aber auch die formalen Bestandteile der Corroboratio (Bekräftigungsformeln) sowie die Anzahl und Anordnung der Elemente des Eschatokolls (Schlussteil einer Urkunde). Nützlich für die Zuordnung von Urkunden zu einem Schreiber ist außerdem die sprachliche Färbung der in der Regel lateinischen Personenund Ortsnamen (wobei eine sächsisch-niederdeutsche, eine fränkisch-oberdeutsche und eine italienische Lautbildung an der Orthographie ablesbar ist). Auch Besonderheiten von Actum (Zeitpunkt der Rechtshandlung) und Datum (Zeitpunkt der Beurkundung) sowie ausgewählte graphische und paläographische Merkmale (wie zum Beispiel die Gestaltung der Signa, die Verwendung von Abkürzungen, der Einsatz von Kleinund Großbuchstaben oder die Verwendung von tironischen Noten – einer antiken Geheimschrift – bzw. von griechischen Buchstaben im Rekognitionszeichen) liefern dem Autor zufolge wertvolle Anhaltspunkte, um einem unbekannten Schreiber „auf die Spur zu kommen“. 3. DIE URKUNDE AUS ST. PETERSBURG Die nachfolgend zu analysierende Urkunde entstand am 18. April 969 in Cassana. Ausstellungsdatum und -ort ermöglichen eine schnelle Identifizierung des Stücks als Diplom Ottos I. Nr. 371. Die Urkunde war lange Zeit nur aus 16 Schnase 2019: 82. 28 Acta Linguistica Lithuanica XC Digital Profiling als Methode der frühmittelalterlichen Diplomatik. Ausgehend von einer Urkunde Ottos I. in St. Petersburg zwei jüngeren Abschriften bekannt. Ihr Wortlaut soll nach dem MGH-Editor Emil von Ottenthal auf einer Zusammenarbeit der italienischen Schreiber B und D beruhen. Das Diktat wird dabei vor allem mit It D (also dem vierten Schreiber Ottos des Großen in Italien) in Verbindung gebracht17. Das Originaldiplom wurde noch ein weiteres Mal im Jahre 1913, ebenfalls nach einer der beiden Abschriften, gedruckt18. 1937 wurde sie in Russland und 2012 in Österreich, in beiden Fällen ausgehend von dem in Sankt Petersburg aufgehobenen Original, kritisch herausgegeben19. Die Urkunde war irgendwann im 19. Jahrhundert aus Oberitalien nach Russland und dort in die Sammlung des Hilfswissenschaftlers Nikolaj Petrovič Lichačëv (1862–1936) gelangt. Dieses Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften gilt als ausgewiesener Fachmann für Wasserzeichenkunde20, was zu seinem Interesse an Urkunden verschiedener Epochen gut passt. 4. FORMALANALYSE Man erkennt an der Urkunde folgende äußere und innere Merkmale: 1) Sie umfasst mit einer Breite von 564 mm und einer Höhe von 414 mm (nach Ghignoli) eine Fläche von 0,32 m² und hat das zeitübliche Querformat. Königsund Kaiserurkunden aus Italien liegen unter Otto dem Großen (936–976) häufig bei 500 bis 549 mm Breite, nördlich der Alpen werden oft 350 bis 499 mm erreicht. Auch in der Höhe sind Urkunden aus Italien tendenziell etwas größer21; 2) Die Urkunde ist viermal in der Höhe und viermal in der Breite gefaltet. Dies ist seit dem ausgehenden 9. Jahrhundert ein Standardverfahren und kommt im Falle von It B, einem der beiden mutmaßlich an der Urkunde beteiligten Schreiber, noch mindestens zweimal vor22; 17 ÄdG 508 f. (= MGH D O I. 371). 18 Gabotto et al. 1913: 102–104, Nr. LXV. 19 Anninskij 1937: 141–150 (Russisch), 151–160 (Lateinisch). Ghignoli 2012: 245–247 (Lateinisch). Vgl. Nowak, Weigl 2017: 396, Nr. 13 f. 20 Bol’šakov 1993: 201, Nr. 481; 2012: 259; Sredinskaja 2014: 113. 21 Schnase 2019: 281 f., Tabelle 129: DD O I. 243 (428: 500), 334. 356 (434: 467), 357. 378 (470: 520), 390. 407. 408. 410. D O II. 17 (470: 551). Vgl. auch ebd.: 121 f. 22 Ebd.: 154, 190, 342, Tabelle 49, 99, 149. Straipsniai / Articles 29 MARIE-LUISE HECKMANN 3) Das Chrismon besteht paläographisch gesehen aus einem eingerollten Diagonalstrich und einem einfachen Schaft, der durch ein gleichschenkliges Diagonalkreuz durchschnitten wird²³; 4) Die Signumszeile (Ausweis für die formale Korrektheit und Vollständigkeit der Urkunde) beginnt versetzt zur Rekognitionszeile (Ausweis für die formale Gegenprüfung der Urkunde), und zwar etwa auf derselben Position wie das mittig angebrachte Monogramm; 5) Sie ist zudem nach rechts eingerückt und wird zusätzlich durch einen Längsstrich markiert; 6) Das Monogramm hat ein rautenförmiges O und keine Haste; 7) Das Wort subscript befindet sich zwischen Herrschernamen und Epitheton; 8) Es fehlen sowohl ein Rekognitionszeichen als auch die et-Ligatur; 9) Das ursprünglich durchgedrückte Siegel befand sich rechts neben Signumund Rekognitionszeile. Sein Durchmesser betrug etwa 47 mm und soll entweder mit dem zweiten oder mit dem vierten Königssiegel Ottos I. identisch gewesen sein²⁴; 10) Der Siegelabdruck rechts neben seiner früheren Position lässt vermuten, dass das Siegel im Verlauf der Zeit verloren gegangen ist. Die nach rechts eingerückte Signumzeile (4), das Fehlen des Rekognitionszeichens (8), das abgekürzt wiedergegebene Wort subscript (7) sowie die Stufung von Signumund Rekognitionszeile (5) erweisen Italien als Schreiberheimat²⁵. Nicht nur die Form des Chrismons (1) und die Markierung der Signumzeile (4), sondern auch der Buchstabe S, der eine Art Stabkrümme bildet, auf der Unterlänge ansetzt und in der Oberlänge oft mit einer Schlaufe abgeschlossen wird²⁶, ist für die Identifizierung des Schreibers hilfreich. Hinzu kommt die typische Bekräftigungsformel des gesuchten Schreibers. Dazu sei bemerkt, dass die Corroboratio in der Kanzlei Ottos I. aus bis zu sieben Bestandteilen besteht. Dazu gehören: 1) Beschlussformel; 2) Tätigkeitsformel; 3) Ewigkeitsformel; 4) Getreuenformel; 5) Schreibbefehl; 6) Beglaubigungsformel und 7) Besiegelungsbefehl. Je feierlicher die Urkunde des Herrschers war, desto mehr Bestandteile enthält die Corroboratio. Die Corroboratio lässt sich für die Analyse auch mittels typischer Zahlenkombinationen wiedergeben. Dabei gilt: Je länger die Ziffernfolge, desto feierlicher ist das Diplom. Aber es gibt ²³ Kursiv gesetzt sind die wichtigsten Merkmale für eine Schreiberidentifizierung. ²⁴ Ghignoli 2012: 239 f. Anders: Schnase 2019: 265, Tabelle 117. Hiernach kommt in Urkunden des Schreibers S O I. 22 zumeist das vierte Siegel Ottos I. vor. ²⁵ Schnase 2019: 133 f. ²⁶ Ebd.: 105. 30 Acta Linguistica Lithuanica XC Digital Profiling als Methode der frühmittelalterlichen Diplomatik. Ausgehend von einer Urkunde Ottos I. in St. Petersburg auch individuelle Unterschiede, je nach Sprachfertigkeit und Stilgefühl des Schreibers²⁷. Faltungen Chrismon Positionierungen von Signum-, Rekognitionsund Apprektionszeilen sowie Form des Monogramms (Eschatokoll) Positionierung des Siegelabdrucks Abb. 2 a–d: D O I. 371 (Details) Die Bekräftigungsformel hat im vorliegenden Fall vier Glieder und lautet: Et ut verius credatur diligentiusque ab omnibus observetur, manu propria roborantes anulum nostrum inferius imprimo iussimus. Auf Deutsch heißt das sinngemäß: „Damit sie für wahr gehalten und von allen sorgfältig beachtet werde, haben wir befohlen, die Urkunde eigenhändig zu bekräftigen und unser Siegel weiter unten aufzudrücken.“ Die Corroboratio beginnt mit Blick auf das genannte Schema mit der Beschlussformel (1) Et ut verius credatur. Ihr folgen die Getreuenformel (4) diligentiusque ab omnibus observetur, die Tätigkeitsformel (2) manu propria roborantes und der Besiegelungsbefehl (7) anulum nostrum inferius imprimo iussimus. Die Formulierung ist für den gesuchten Schreiber durchaus typisch²⁸ und kann der Einfachheit halber mit der Nummernfolge 1, 4, 2, 7 codiert werden. Wie die Anzahl von vier Gliedern zeigt, deutet die Corroboratio des Diploms zudem auf eine gewisse Feierlichkeit der Rechtsverleihung hin. ²⁷ Vgl. ebd.: 70–72, 84–86, 139–146. ²⁸ Ebd.: 307 f., Tabelle 141. Vgl. ebd.: 105 f. Straipsniai / Articles 31 MARIE-LUISE HECKMANN 5. SCHREIBERIDENTIFIZIERUNG Wie eine Zusammenschau der genannten und weiterer Merkmale erweist, handelt es sich bei dem Schreiber der Urkunde Nr. 371 um Humbert von Parma. Humbert ist in der Diplomatik kein Unbekannter. Er hat nicht nur mehrere Diplome, sondern auch einige Bischofsurkunden verfasst, deren Schriftmerkmale eine neuere Studie aus Italien eingehend erörtert29. Die Forschung hatte aufgrund einer Rekonstruktion des königlichen Itinerars und anderer Hinweise schon seit längerer Zeit vermutet, dass der von Sickel als It B bezeichnete Schreiber mit dem Bischof und späteren Erzbischof von Parma identisch ist. Die Vorstellung vom Schreiber als „subalternem Kanzleigehilfen“ wird seither zunehmend in Frage gestellt30. Die vorgestellte Analyse erhärtet diese Annahme. So ordnet sich der Petersburger Fund gut in das Itinerar des genannten Schreibers ein31. Die Nachweise für eine Tätigkeit dieses Schreibers zeigen Oberund Mittelitalien als Tätigkeitsfeld an, während die Daten 31. Januar 965 und 29. Juli 972 die zeitlichen Grenzen der Urkundenherstellung im Auftrag des Herrschers markieren32. Die Urkunde aus Sankt Petersburg eingerechnet, hat Humbert von Parma knapp zwanzig (also etwa vier Prozent aller) Urkunden Ottos I. und mindestens ein Diplom Ottos II. niedergeschrieben33. Als weiterer Beleg für die Identifikation des gesuchten Schreibers mit Humbert von Parma sei kurz ein anderes Diplom aus dessen Schreibstube vorgestellt. Die Gestaltung von Chrismon und Monogramm sowie die Anordnung der drei konstitutiven Zeilen (Signumzeile, Rekognitionszeile, Apprec a tio) im Eschatokoll von D O I. 356 sind dem Befund von D O I. 371 durchweg vergleichbar34. 29 Ghignoli 2015. 30 Huschner 2003: 101–112; 2006: 362–364; 2015: 208. Anders: Hoffmann 2005: 461–463. 31 Schnase 2019: 192, Tabelle 102: DD O I. 274, 334, 356, 357, 378, 390, 407, 408, 410; D O II. 17. 32 Ebd.: 244 f., Tabellen 102 f.: Datumsund Actumsorte: San Ambrogio: D O I. 274, Benevent: D O I. 356. D O II. 17; Grafschaft Penne: D O I. 357; Cassano: D O I. 371; Percena: D O I. 378; Ravenna: DD O I. 407, 410; Rom: D O I. 408. 33 DD O I. 274, 334, 356, 357, 378, 390, 407, 408, 410; D O II. 17. Vgl. Schnase 2019: 243, Tabelle 101 bzw. 244, Tabelle 102. Nach Huschner 2003: 101 f. außerdem DD O I. 239, 243, 337, 339, 371, 373, 401 (?), 413, 414. 34 D O I. 356; Lichtbildarchiv (= LBA) 3835. Diese und die weiteren Urkundenaufnahmen (teilweise leicht modifiziert) nach: https://lba.hist.uni-marburg.de/ (letzte Einsichtnahme: [Zugriff 5.12.2023]). Dem Lichtbildarchiv Älterer Originalurkunden sei für diese und weitere gemeinfreie Abbildungen gedankt. 32 Acta Linguistica Lithuanica XC Digital Profiling als Methode der frühmittelalterlichen Diplomatik. Ausgehend von einer Urkunde Ottos I. in St. Petersburg Abb. 3: D O. I. 356 (968 II 15, Benevent)35 Auf dem Diplom für das Kloster Hersfeld vom 15. Februar 968 blieb auch das Siegel erhalten. Es handelt sich in diesem Fall um das fünfte Siegel Ottos I. Abb. 4: Fünftes Siegel Ottos I. (968 II 15, Benevent)36 35 LBA 3835. 36 HStAM Best. Urk. 56 Nr. 2844. Zur Identifizierung des Siegels vgl. Posse 1909: Tafel 41. Dem Staatsarchiv Marburg sei für die Vorlage zur Veröffentlichung gedankt. Straipsniai / Articles 33 MARIE-LUISE HECKMANN 6. SCHREIBEREIGENTÜMLICHKEITEN Ein kursorischer Überblick über acht weitere Diplome Ottos I. und mehrere zeitgenössische Bischofsurkunden soll die Stringenz der Methode der Schreiberprofilierung als Werkzeug zur Identifizierung bislang unbekannter Schreiber erweisen. Alle nun vorgestellten Königsoder Kaiserurkunden lassen sich anhand der Form der Signa und der Anordnung der drei Zeilen des Eschatokolls leicht von den Erzeugnissen Humberts von Parma unterscheiden. Wie sich zeigen lässt, stammen sie von den Erzbischöfen Brun von Köln37, Heinrich von Trier38 und Willigis von Mainz39. Diese drei Schreiber fertigten jeweils mehr als zwanzig Kaiserurkunden an. Sie agierten in der frühen, mittleren bzw. späten Regierungszeit Ottos I., was sie wegen einer jeweils größeren Anzahl von Belegen zu einer Art von „Leitfossilien“ der Untersuchung macht. Im ersten Fall geht es um zwei Diplome Ottos I., die sein jüngerer Bruder Brun erstellt haben soll. Brun verbirgt sich wahrscheinlich hinter der in der Diplomatik verwendeten Sigle BA40. Sofern diese Gleichsetzung zutrifft, können Hessen, Sachsen und der Mittelrhein als bevorzugte Arbeitsgebiete gelten. Damit verfügte Brun über einen vergleichsweise großen überregionalen Bewegungsradius, der gut zu seiner durch andere Quellen belegten Tätigkeit passt41. Brun ist in der Kanzlei des Königs als Kanzler, Erzkanzler und Erzkappellan belegt. Im Anschluss an seine Tätigkeit als Schreiber des Königs (943–953) hätte er bei Zutreffen der Identifizierung als Erzbischof von Köln (953–965) amtiert. Während seines Pontifikats erhob er mehrere Kleriker seines Umfelds oder auch Mönche der „Gorzer Reform“ zu Bischöfen seiner Diözese. Außerdem wurde er – ganz im Sinne der Verbindung zwischen Regnum und Sacerdotium – als Erzherzog von Lothringen tätig42. Die Analyse der Corroborationes der wahrscheinlich durch Brun angefertigten Königsurkunden unterstreicht, dass der Schreiber den gehobenen bis feierlichen Urkundenstil beherrschte43. Im gehobenen Stil formuliert ist beispielsweise die 37 Zu Brun von Köln vgl. Wolf 1989; Schwenk 1995 und Schwenk 1995a. 38 Zu Heinrich von Trier vgl. Ries 1969. 39 Zu Willigis von Mainz vgl. Büttner 1975; Heinemeyer 1976; Goez 1990; Hehl 2000; Heckmann 2011; Haarländer 2014. 40 Schreiber Nr. 4, nach: Schnase 2019: 242, Tabelle 101. 41 Die Quellen zu Bruns Tätigkeit als junger Kleriker sind ansonsten eher spärlich; Schwenk 1995a: 100. 42 Schwenk 1995 und Schwenk 1995a. 43 Vgl. Schnase 2019: 303 (1267), 305 f. (13267), 306 (1234276, 1423267), 307 (14267, 124267), 308 (567), 310 (127), 316 (56713242), Tabelle 141. 34 Acta Linguistica Lithuanica XC Digital Profiling als Methode der frühmittelalterlichen Diplomatik. Ausgehend von einer Urkunde Ottos I. in St. Petersburg Bekräftigungsformel eines Diploms, mit dem der König am 7. Februar 950 in Worms dem Kloster St. Gallen drei Höfe schenkt. Hier heißt es: Iussimus quoque inde hoc presens preceptum conscribi per quod volumus firmiterque iubemus, ut hec nostre traditionis condonatio amodo et deinceps omni tempore firma stabilisque permaneat sine ullius contradictionis obstaculo, manu propria nostra firmatum anuliq ue nostri inpressione (!) sigillatum (5, 1, 2, 4, 5, 6, 7)⁴⁴. Nur zwei Tage später erfolgte die Bekräftigung einer Urkunde, mittels derer der König dem Kloster Pfäfers das Wahlrecht und die Immunität betätigt. Die aus einer Vorurkunde übernommene Formel lautet in diesem Fall: Et ut hec auctoritas huius emunitatis [wohl aus imunitatis korr.] ac confirmationis nostre firmior habeatur et per futura tempora a fidelibus nostris verius credatur et diligentius observetur, manu propria subter eam confirmavimus et anulo nostro [nostro über der Zeile] sigillari iussimus (1, 2, 3, 4, 2, 7, 6)⁴⁵. • Code 127: D O.I. 97 – Gütertausch, Magdeburg, 948 III 30 • Code 1267: D O.I. 77 – Übertragung von Hoheitsrechten (regalia), Frohse, 946 V 30 • Code 13267: D O.I. 100 – Schenkung einer Abtei, Aachen, 948 IV 30 • Code 124267: D O.I. 164 – Übertragung von Hoheitsrechten (regalia) und Schenkung, Quedlinburg, 953 IV 21 • Code 1423267: D O.I. 64 – Schenkung eines königlichen Lehnguts, Allstedt, 945 V 1 Abb. 5: Feierlichkeit und Rechtsakt in ausgewählten Urkunden Ottos I. Am Formelgut der Corroboratio lassen sich im Übrigen nicht nur die persönlichen Vorlieben eines Schreibers, sondern auch Austauschbeziehungen zwischen einzelnen oder mehreren Schreibern ablesen⁴⁶. Einer genaueren ⁴⁴ ÄdG 202 (D O.I. 119). ⁴⁵ ÄdG 203 (D O I. 120). ⁴⁶ Die viergliedrige Formel 1, 2, 6, 7 benutzen außerdem die Schreiber 1, 2, 5, 11, 15, 29 und 30, die fünfgliedrige Formel 1, 3, 2, 6, 7 benutzen auch die Schreiber 1, 2, 3, 11, 23, 25, 30, 32, 33 und 35, die sechsgliedrige Formel 1, 2, 3, 4, 2, 7, 6 kennen auch die Schreiber 12, 24, 30 und 36, 1, 4, 2, 6, 7 verwenden besonders häufig die Schreiber 22, 23, 24, daneben auch die Schreiber 3, 4, 16, 26, 27, 28 und 32, 1, 2, 4, 2, 6, 7 verwenden auch die Schreiber 22, 24 und 26. Vgl. Schnase 2019: 302–317: Tabelle 141. Stráipsniai / Articles 35 MARIE-LUISE HECKMANN Untersuchung bedarf die Frage, ob bestimmte Formeln für bestimmte Rechtsakte bevorzugt wurden. Es folgen zwei weitere Beispiele für Urkunden des Schreibers Brun von Köln. Abb. 6: D O I. 120 (950 II 9, Worms)⁴⁷ Als besondere äußere Merkmale der Diplome, die Brun von Köln für seinen Bruder Otto I. hergestellt hat, lassen sich benennen: Am Layout ist abzulesen, dass der gesamte Urkundentext linksbündig geschrieben ist. Kontext und Eschatokoll sind deutlich voneinander abgesetzt. Siegel und Rekognitionszeichen nehmen das rechte Drittel des (ganz oder weitgehend) frei gebliebenen Mittelbandes ein, das das Protokoll und den Kontext vom Eschatokoll abhebt. Vergleicht man die Gestaltung des Eschatokolls der Königsurkunden, die Brun als Schreiber zuzuweisen sind, miteinander, so erweist sich mehrerlei: Signumsund Rekognitionszeile befinden sich in zehn Fällen auf gleicher ⁴⁷ St. Gallen, Stiftsarchiv, Urkunden Pfäfers (861–1500) 0000.32, in: Monasterium.net, URL </mom/CH-StiASG/StiAPfae/0000.32/charter>, accessed at 2024-02-26Z. Dem Stiftsarchiv St. Gallen sei für die Genehmigung zur Veröffentlichung gedankt. 36 Acta Linguistica Lithuanica XC Digital Profiling als Methode der frühmittelalterlichen Diplomatik. Ausgehend von einer Urkunde Ottos I. in St. Petersburg Höhe, in elf weiteren Fällen begrenzt das Unterband der Signumszeile oben die Rekognitionszeile, nur in einem Beispiel liegt die Rekognitionszeile viel tiefer als die Signumszeile48. Das Monogramm ist in 14 Fällen zwischen Herrschername und Epitheton und nur in einem Fall im Epitheton zu finden49. Das königliche Siegel befindet oder befand sich in 18/22 Fällen links neben dem Rekognitionszeichen50. In 15 Fällen wird das erste Siegel Ottos des Großen benutzt. Dies entspricht der frühen Abfassungszeit der Diplome51. Das Chrismon, das aus Bogen und Schaft besteht, ist gut von anderen Chrisma absetzbar: Der Bogen hat eine brezelförmige Verzierung, die in den vier Beinen eines „X“ ausläuft. Der Schaft besteht aus einer Schlangenlinie, die oft mit einzelnen tironischen Noten versehen ist. Es enthält in der Regel einen Mittelscheitel mit einem unten liegenden Notenfeld52. Das Rekognitionszeichen ist zwei-, vieroder fünfstöckig. In 10/20 Fällen erkennt man einen Mittelscheitel, ein Achterschlaufenband und ein Feld mit tironischen Noten. Die übrigen zehn Rekognitionszeichen sind ähnlich gestaltet53. Das Monogramm des Königs besteht aus zwei großen T, die durch einen Längstbalken verbunden sind. Dieser wird mittig durch eine Horizontale durchschnitten, die oben und unten in je einem kleinen rautenförmigen O endet (fortan als T8T bezeichnet)54 In der Paläographie sticht nur wenig hervor: Die erste Zeile, die Signumszeile und die Rekognitionszeile erscheinen immer in Elongata, während die Datierungszeile genauso wie der übrige Urkundentext in diplomatischer Minuskel gehalten ist. Für die abgekürzten Tagesangaben sowie Monatsbezeichnungen werden häufig Großbuchstaben herangezogen55. Als markante Buchstaben sind A und G zu benennen: Der Buchstabe A ist in zwölf Fällen offen und hat einen runden linken und einen runden rechten Schaft, in neun weiteren Fällen ist er ebenfalls offen, allerdings mit je geschwungenem linken und rechten Schaft56. Der Buchstabe G ist in 19/24 Fällen rund und hat einen geschlossenen oberen und einen gerundeten unteren Bogen, in drei weiteren Fällen ist er ebenfalls 48 Vgl. Schnase 2019: 286, Tabelle 133. 49 Vgl. ebd.: 285, Tabelle 132. 50 Vgl. ebd.: 287, Tabelle 135. 51 Vgl. ebd.: 344 f., Tabelle 148. 52 Vgl. ebd.: 317, 319 f., Tabelle 142. 53 Vgl. ebd.: 327, 329, 333, Tabelle 145. 54 Vgl. ebd.: 325, Tabelle 143: „keine Haste, rautenförmiges o[,] T8T“ (4 Urkunden), […] „linkschwingende Haste, rautenförmiges o[,] T8T“ (14 Urkunden). 55 Vgl. ebd.: 269 f., Tabelle 117. 56 Vgl. ebd.: 266, Tabelle 114. Straipsniai / Articles 37 MARIE-LUISE HECKMANN rund und verfügt über einen geschlossenen oberen und einen durchgebogenen unteren Bogen57. Abb. 7: D O I. 126 (950 VII 16, Nim­burg)58 57 Vgl. ebd.: 263, Tabelle 112. 58 LBA 2666. 38 Acta Linguistica Lithuanica XC Digital Profiling als Methode der frühmittelalterlichen Diplomatik. Ausgehend von einer Urkunde Ottos I. in St. Petersburg Abb. 8: Urkunde Erzbischof Bruns von Köln für St. Caecilien (962 XII 25, Köln)59 Vergleicht man die erwähnten Diplome mit einer Urkunde, die Brun als Erzbischof für das Kölner Kloster St. Cäcilien ausgestellt hat, so ergibt der paläographische Befund eine hohe Übereinstimmung in der st-Ligatur. In der Bischofsurkunde wird zudem wie in den Königsurkunden bis auf ganz wenige Ausnahmen60 ein offenes, rundes a benutzt. Auch der Schriftduktus ist vergleichbar, die Buchstaben sind in allen drei Fällen steil nach oben ausgerichtet, es gibt Schlaufen in den Hasten von f und s. Die Hasten von b, d und l enden demgegenüber stets in nach rechts verlaufenden Bögen. Die Zeilenabstände sind 59 HStA Köln HUA Nr. 3a. Vgl. Oediger 1978: 138, Nr. 449. LBA 9174. 60 So im Wort mancipia und im Namen Hartger in der Zeugenreihe. Straipsniai / Articles 39 MARIE-LUISE HECKMANN in allen drei Urkunden gleichmäßig eingerichtet. Es besteht jeweils ausreichend Raum zwischen den Unterlängen einer Zeile und den Oberlängen der darauf folgenden Zeile. Die Positionierung der Zeilen, die Linksbündigkeit des Textes und die ähnlich gestalteten Charisma der Bischofsurkunde bzw. der Diplome Ottos I., die Brun zugeschrieben werden, machen die Identifizierung Bruns als Schreiber plausibel. Die Bischofsurkunde weist allerdings – in abweichender Schrift – darauf hin, dass der Kanzler Meginhero sie geschrieben und der Erzbischof sie eigenhändig beglaubigt habe. Hierzu heißt es: Ego Bruno dei gratia archiepiscopus hanc cartam a Meginhero cancellario scriptam manu propria sigillo impresso confirmavi. Dieser Aspekt wird weiter unten erörtert. Abb. 9: D O I. 200 (959 IV 9, Quedlinburg)⁶¹ ⁶¹ LBA 10560. 40 Acta Linguistica Lithuanica XC Digital Profiling als Methode der frühmittelalterlichen Diplomatik. Ausgehend von einer Urkunde Ottos I. in St. Petersburg Abb. 10: D O I. 206 (960 II 12, Frankfurt)⁶² Im zweiten vorzustellenden Fall erweist sich der spätere Erzbischof Heinrich von Trier (956–964) als Urkundenproduzent. In der Diplomatik trug er bislang die Sigle LF⁶³. Die Urkunden Heinrichs von Trier lassen sich an folgenden Merkmalen erkennen: 1. das Chrismon und das Rekognitionszeichen bilden die Endpunkte einer diagonalen Achse von links oben nach rechts unten; 2. Igel-förmiges Chrismon; 3. mehrstöckiges Rekognitionszeichen, dessen Felder mit verschiedenen Schraffuren und ornamentalen Mustern belegt sind; 4. das ⁶² LBA 10031. ⁶³ Identifizierung nach Schnase 2019: 242, Tabelle 101. Straipsniai / Articles 41 MARIE-LUISE HECKMANN Monogramm besteht aus zwei T, die unten in Rauten (für den Buchstaben o) enden und untereinander durch einen Querbalken verbunden sind; 5. Protokoll, Kontext, Signumsund Rekognitionszeile bzw. Appre­ciationszeile sind deutlich voneinander abgesetzt; 6. Signumsund Rekognitionszeile stehen auf einer Linie, 7. die Signumszeile ist nach links ausgerückt; 8. die zweite Zeile von oben ist nach rechts eingerückt; 9. das c enthält eine Oberschlaufe als Verzierung. Eine Bischofsurkunde Heinrichs I. von 964 wird zum Vergleich herangezogen. Abb. 11: Urkunde Bischof Heinrichs I. von Mainz (964)64 Sie zeigt im paläographischen Befund (Duktus, Kürzungen und Verzierungen der diplomatischen Minuskel sowie der Elongata) eine gewisse Ähnlichkeit mit den beiden Diplomen des Königs65. Der Schriftzug der Corroboratio und das Chrismon sind hingegen deutlich abweichend gestaltet. In der Corroboratio erscheint weitgehend in Majuskelschrift der Text Ego Heinricus dei gratia Trevirorum licet indignus archiepiscopus hoc signum propriis manibus feci. 64 LBA 7262. 65 Zur Rolle des Duktus in der Paläographie vgl. Mažuga 2022. 42 Acta Linguistica Lithuanica XC Digital Profiling als Methode der frühmittelalterlichen Diplomatik. Ausgehend von einer Urkunde Ottos I. in St. Petersburg Im dritten Fall, der die Schreiberprofilierung als Methode zur Identifizierung eines Schreibers unterstreichen soll, geht es um drei Diplome Ottos I. bzw. seines Sohnes Otto II., die Willigis von Mainz (975–1011) in seiner Wirkungszeit als Schreiber zugewiesen werden können. Bis dato lautete seine Sigle WC66. Abb. 12: D O I. 423 (972 X 18, Nierstein)67 66 Identifizierung nach Schnase 2019: 242, Tabelle 101. 67 LBA 2700. Straipsniai / Articles 43 MARIE-LUISE HECKMANN Abb. 13: D O II. 27 (972 X 18, Nierstein)68 LBA 2701. 44 Acta Linguistica Lithuanica XC Digital Profiling als Methode der frühmittelalterlichen Diplomatik. Ausgehend von einer Urkunde Ottos I. in St. Petersburg Abb. 14: D O II. 44 (973 VI 27, Worms)69 Für die drei Diplome, die Willigis von Mainz als Schreiber hergestellt hat, sind große Übereinstimmungen in der Gestaltung des Chrismons, des Monogramms sowie der Signumund der Rekognitionszeile zu konstatieren. Außerdem ist der paläographische Befund gut vergleichbar. Er zeichnet sich unter anderem durch Schlaufenbildung in den Abkürzungen und Ligaturen aus. Das Chrismon besteht auf allen drei Urkunden aus einem Bogen mit drei s-Noten und aufgesetzten Wellenstrichen. Der Schaft ist ebenfalls mit Wellenstrichen belegt70. Das Monogramm besteht links und rechts je aus einem 69 LBA 2705. 70 Vgl. Schnase 2019: 317 f., Tabelle 142 (S O I. 32). Str aipsniai / Articles 45 MARIE-LUISE HECKMANN großen T, die durch ein gleicharmiges Kreuz miteinander verbunden sind. Der senkrechte Balken des Kreuzes endet oben wie unten in einem kleinen o. Diese Form des Monogramms ist allerdings, und das gilt es zu beachten, für mindestens 16 der rund fünfzig bekannten Schreiber unter Otto dem Großen nachweisbar71. Die Signumund die Rekognitionszeile erstrecken sich in allen drei genannten Fällen über zwei Zeilen und füllen den Raum zwischen Kontext und Apprecatio aus. Sie beginnen linksbündig auf derselben Linie wie der Textblock aus Protokoll und Kontext. Erzbischof Willigis von Mainz (975–1011) war vom 11. April 965 bis zum 25. Januar 975 als Schreiber Ottos I. tätig72. Er bevorzugte für die Bekräftigung der Königsurkunden Formelgut, das nur in einem Fall aus zwei Gliedern, ansonsten aber aus fünf, sechs oder sogar acht Gliedern besteht73. Dieser Befund unterstreicht nicht nur ein großes Sprachvermögen des Schreibers, sondern verweist auch auf einen vielfältigen Austausch mit anderen Schreibern der Spätzeit Ottos I. Formeln, die mit den Codes 2, 6, 7; 5, 6, 7 oder 5, 7, 6 enden, erfreuten sich nämlich unter den Schreibern dieser Epoche einer besonderen Beliebtheit. 7 OTTONISCHE BISCHÖFE ALS SCHREIBER Im Sinne einer Schlussfolgerung aus dem bisher Gesagten liegt es nahe, die Schreiber auch als Gruppe in den Blick zu nehmen. Die vorgestellten Fallbeispiele stehen – wie bereits mit dem Ausdruck „Leitfossilien“ angedeutet offenkundig für drei Schreibergenerationen, die sich unter Otto I. gegenseitig ablösten. Der Wechsel der Schreiber geschah jeweils bei der Ausweitung der Herrschaft des Königs der Sachsen und Franken; einmal nach Italien 951; sodann bei der Kaiserkrönung 962; und schließlich durch die Heirat und Rangerhöhung Ottos II. mit der byzantinischen Prinzessin Theophanu 967. Die meisten Schreiber stammten aus dem hohen Adel und wurden irgendwann zu Bischöfen berufen. Ihr Dienst bei der Herstellung von Königsoder Kaiserurkunden erfolgte sequentiell, also entweder, wenn der König alljährlich eine bestimmte Region besuchte, oder immer dann, wenn er die Prälaten für eine bestimmte Zeitspanne in seine Begleitung berief74. 71 Vgl. ebd.: 325, Tabelle 143. 72 Vgl. ebd.: 244, Tabelle 102. 73 Vgl. ebd.: 302 (12), 305 (13267), 308 (124267), 309 (12567), 312 (12576, 132576), 313 f. (1242576), 314 (14323267), 315 (12342567, 143242567). 74 Vgl. ebd.: 246–249, Tabelle 104. 46 Acta Linguistica Lithuanica XC Digital Profiling als Methode der frühmittelalterlichen Diplomatik. Ausgehend von einer Urkunde Ottos I. in St. Petersburg Im Sinne besagter Schlussfolgerung werden nachfolgend die Schreiber Arnolfs von Kärnten, Ludwig des Kindes, Konrads I. bzw. Ottos des Großen tabellarisch aufgeführt und der jeweilige Befund ausgewertet. Abb. 15: Die Schreiber Arnolfs von Kärnten, Ludwigs des Kindes und Konrads I. Es ergibt sich, dass die Schreiber des Königs an der Wende des 9. zum 10. Jahrhundert entweder Klöstern oder Bischofsschulen entstammten. Aus den nachfolgend angeführten beiden Tabellen zum Vergleich für die Regierungszeit Ottos I. lässt sich folgern: Die Mehrzahl der Schreiber Ottos I. war ein bis fünf, manchmal sogar zehn Jahre lang für ihn tätig. Am längsten belegt ist Tuto von Paderborn mit dreißig Jahren Schreibtätigkeit für den König. Zahlreiche Schreiber tauchen hingegen nur einmalig auf, wofür zum einen der Überlieferungszufall, zum anderen aber auch die große Anzahl bislang unidentifizierter Schreiber (mindestens 32/67) ausschlaggebend ist. Strai̯psniai / Articles 47 MARIE-LUISE HECKMANN Abb. 16: Schreiber und Urkundenanzahl unter Otto I. (Schreiber teilweise auch unter Heinrich I. bzw. Otto II. tätig) Etwa dreißig von rund fünfzig Schreibern unter Otto I. waren oder wurden Bischöfe, davon stieg einer sogar zum Papst auf, sieben waren Mönche, darunter zwei Äbte, oder Weltkleriker. Zwei sind als Kanzler belegt. Auch wenn diese Zahlen nur Tendenzen wiedergeben können, zeigen die Überschneidungen zwischen den Ausstellungsterminen der Kaiserdiplome und den Amtszeiten der Bischöfe, dass es durchaus eine Verantwortlichkeit für beide Tätigkeiten gab. Die Tatsache, dass die Herstellung von Herrscherdiplomen sowohl vor als auch während der Amtszeit eines Schreibers als Bischof erfolgen konnte, zeigt, dass es sich bei der Urkundenproduktion um keine eigene Stufe einer Karriere handelte. Zieht man hingegen den zeitlichen Aspekt für den Vergleich heran und betrachtet man den Hof als mobilen Personenverband, so erweisen sich die Bischöfe als ein regionales Element der königlichen Herrschaftspraxis, das durch die Vergabe von Kirchengut und Herrschaftsrechten immer an die jeweiligen Diözesen zurückgebunden blieb. Zugleich gehörten die Bischöfe zu einer hochspezialisierten Elite, deren Aus-, Heranund Weiterbildung an den Bischofsschulen und im Umfeld der Bischofssitze erfolgte. Inwieweit dieselben Schreiber für rechtliche wie für liturgische Schriftstücke zuständig waren, ist eine nach wie vor eine offene Frage. Buchund Geschäftsschriften 48 Acta Linguistica Lithuanica XC Digital Profiling als Methode der frühmittelalterlichen Diplomatik. Ausgehend von einer Urkunde Ottos I. in St. Petersburg unterscheiden sich teilweise erheblich und die Anzahl der Belege von ein und demselben Bischofssitz ist in der Regel „eher gering“⁷⁵. Abb. 17: Die Schreiber Ottos I. und ihre Amtszeiten als Bischöfe (Schreiber teilweise auch unter Heinrich I. bzw. Otto II. tätig) Die Bischöfe der Ottonenzeit stehen, insgesamt betrachtet, für eine enge Verflechtung von Regnum und Sacerdotium, wie sie sich seit dem frühen 9. Jahrhundert abgezeichnet hatte und dann in der Mitte des 11. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichte. Diese enge Verbindung sollte erst an der Wende zum 12. Jahrhundert mit der Gregorianischen Kirchenreform auseinanderbrechen. Aus dieser Entwicklung erwuchsen dann allmählich die beiden Grundformen der Papsturkunde (Bulle, Mandat), die – mit dem Pontifikat Leos IX. (1049–1954) einsetzend – besondere Siegel, eigene Signa, ein festes Format (hochrechteckig statt querrechteckig), bestimmte Faltungen, je nach Gebrauch standardisierte Schriften und verfestigte Formeln aufweisen⁷⁶. ⁷⁵ Für einen Vergleich lohnenswert wären etwa die Bestände in Bamberg, Köln, Karlsruhe, Magdeburg, München und Trier, vielleicht auch in Friaul, Merseburg, Naumburg und Zürich. ⁷⁶ May 1995; Frenz 2000: 15–58; Rück 2000; Čirkova 2007, 2010. Straipsniai / Articles 49 MARIE-LUISE HECKMANN 8. CHANCEN UND GRENZEN DER SCHREIBERPROFILIERUNG Die Kernthese der vorgestellten Untersuchung lautet, dass es sich bei frühmittelalterlichen Königsoder Kaiserdiplomen um individuelle Kunstwerke und bei ihren Produzenten um einzigartige Künstler handelt, die sich namentlich identifizieren lassen. Diese Kernthese lässt sich vor allem dann erhärten, wenn ein größeres Ensemble an Vergleichsstücken vorliegt, das aufgrund mehrerer übereinstimmender Merkmale einem Schreiber zugewiesen werden kann. Unabdingbare Voraussetzung für die Schreiberprofilierung ist somit eine große Anzahl verschiedener Merkmale und eine gewisse Anzahl von Vergleichsstücken. Als konstitutiv für die Schreiberidentifizierung erwiesen sich für die Regierungszeit Ottos des Großen die Signa (meistens das Rekognitionszeichen, oft das Chrismon, zuweilen auch das Monogramm) sowie die Anordnung der Signumund Rekognitionszeilen. Zudem sind Actum und Datum, die mittels einer Itineraranalyse ausgewertet werden, besonders geeignet, um die Identifizierung eines Schreibers weiter zu stützen. Weniger individualisiert erscheinen die Schriften, die Großund Kleinschreibung, die Abkürzungen und die Ligaturen, also die paläographischen Merkmale frühmittelalterlicher Königsund Kaiserurkunden. Immerhin ließen sich durch die Merkmallerfassung Vorlieben für bestimmte Buchstabentypen oder auch für gewisse Schreibweisen (Duktus) bei einem oder mehreren Schreibern erkennen. Die aus der Handschriftenkunde bekannte Scriptoriumsthese (Bernhart Bischoff) sollte vor diesem Hintergrund künftig auch für die Urkundenherstellung Berücksichtigung finden. Oder mit anderen Worten: Was Specimina wie die Initialen, die Auszeichnungsschriften, die Schriftraumgestaltung oder die Verfärbung des Pergaments für die Lokalisierung eines Scriptoriums bedeuten, das lässt sich vielleicht auch für die regionale Zuordnung einer Gruppe von Urkunden sagen. Hierfür sind das jeweilige Set von Großund Kleinbuchstaben, Abkürzungen und Ligaturen, vielleicht auch der Einsatz von Auszeichnungsschriften (Elongata) und die Schleifenbildung bestimmter Buchstaben hilfreich. Als eigene Beobachtung bleibt festzuhalten, dass die beiden vergleichend herangezogenen Bischofsurkunden Bruns von Köln bzw. Heinrichs von Trier eine je abweichende Schrift innerhalb der Corroboratio aufweisen. Der 50 Acta Linguistica Lithuanica XC Digital Profiling als Methode der frühmittelalterlichen Diplomatik. Ausgehend von einer Urkunde Ottos I. in St. Petersburg zugehörige Text hebt in beiden Fällen die Eigenhändigkeit der Beglaubigung hervor⁷⁷. Die sprachliche Färbung von Ortsund Personennamen bedarf ebenso wie die Benutzung von tironischen Noten und griechischen Buchstaben im Rekognitionszeichen noch genauerer Untersuchung. Sie erlaubt aber zumindest den Rückschluss auf ein bewusstes Vorgehen sowie eine sehr gute Ausbildung der zugehörigen Schreiber. Hier könnte die genauere Verortung eines mutmaßlichen Urkundenproduzenten in der Nähe einer entsprechenden Bischofsschule die Argumentation noch weiter schärfen. Das Formelgut der Corroboratio steht in der vorgestellten Untersuchung für die Breite stilistischer Fähigkeiten und korreliert möglicherweise mit dem Rechtsakt. Es entspricht dabei eher stilistischen Gewohnheiten von Schreibergruppen, als dass es individuelle Sprechoder Schreibweisen anzeigt. Es gibt allerdings Ausnahmen. Die Schreiberprofilierung als Methode hat immerhin neue Fragestellungen und Perspektiven eröffnet. So bildet das aus salischer Zeit belegte „Eigendiktat in der Arenga“, also ein bislang dem Aussteller zugeschriebenes individuelles Merkmal, vielleicht doch einen weiteren Anwendungsfall für die Schreiberprofilierung. Oder provokativ gefragt: War der Bischof (Leo von Vercelli) und nicht der König (Heinrich II.) der Schreiber des bekannten Diploms D H II. 34⁷⁸? Anhang⁷⁹ SOI. 4: Vierter Schreiber Ottos I. Identifizierung: Brun von Köln⁸⁰ Sigle: BA Beispiele: DD O I. 120, 126 ⁷⁷ Vgl. auch Ghignoli 2015: 69–78. ⁷⁸ Anders: Hoffmann 1988: 415. ⁷⁹ Im Anhang werden exemplarisch einige Angaben für zwei Schreiberprofilierungen erhoben. Häufungen von Merkmalen oder andere Besonderheiten sind kursiv gesetzt. ⁸⁰ Vgl. Schnase 2019: 242, Tabelle 101. Straipsniai / Articles 51 MARIE-LUISE HECKMANN Innere Merkmale Insgesamt 25 Originale bekannt⁸¹ → Schreiber von ca. fünf Prozent aller Urkunden Ottos I. Datumund Actumorte: Frankfurt (5), Aachen (2), Allstedt (2), Balgstädt (1), Busendorf (1), Dahlum (1), Elten (1), Frohse (1), Ingelheim (1), Kissenbrück (1), Magdeburg (3), Nimburg (1), Quedlinburg (1), Salz (1), Wallhausen (1), Worms (2)⁸². → Hessen, Mittelrhein und Sachsen als bevorzugte Tätigkeitsgebiete (relativ großer Bewegungsradius) Aufenthalte: Balgstädt: D O I. 55 (943 V 24); Kissenbrück: D O I. 56 (944 II 29); Allstedt: D O I. 57 (944 V I); Elten: D O I. 59 (944 VII 18); Allstedt: D O I. 65 (945 V 4); Magdeburg: D O I. 69 (945 VI 11); Frohse: D O I. 77 (946 V 30); Frankfurt: D O I. 83A und B (946 XI 28, 2 Originale), Salz: D O I. 87 (947 II 14); Magdeburg: D O I. 96 (948 III 27), D O I. 97A und 97B (948 III 30, 2 Originale); Aachen: D O I. 100 (948 IV 30), D O I. 102 (948 V 2); Ingelheim: D O I. 103 (948 VI 11); Frankfurt: D O I. 109 (949 II 2); Dahlum: D O I. 116 (950 I 1); Busendorf: D O I. 117 (950 I 18); Worms: D O I. 119 (950 II 7), D O I. 120 (950 II 9); Nimburg: D O I. 126 (950 VII 16); Wallhausen: D O I. 134 (951 VII 28); Frankfurt (mit dem 6. Siegel Ottos I.): D O I. 159 (952 XII 30), D O I. 160 (953 I 1)⁸³. → Knapp zehn Jahre Schreibtätigkeit (943–953) vor dem Aufstieg zum Erzbischof von Köln (953–965) Formular Interventionsformeln: (adire) nostram postulantes regalitate (1), interventionibus obtemperatoris (1), interventionibus, cum consensu (1), ⁸¹ Vgl. ebd.: 243, Tabelle 102. Außerdem DD O I. 64 (Allstedt, 945 V 4) und 164 (Quedlinburg, 953 IV 21) als Abschriften, die BA aufgrund des Diktats zugeschrieben werden. ⁸² Vgl. ebd.: 244, Tabelle 103. ⁸³ Vgl. ebd.: 244 f., Tabelle 103; 246, Tabelle 104. D O I 59 wurde gemeinsam mit Friedrich von Mainz geschrieben. D O I. 134 ist eine zeitnahe Nachzeichnung. 52 Acta Linguistica Lithuanica XC Digital Profiling als Methode der frühmittelalterlichen Diplomatik. Ausgehend von einer Urkunde Ottos I. in St. Petersburg interventum (1), nos adiit (1), obtulerunt nostris obtutibus (1), per interventum (3), petitionem (1), peticioni obtemperantes (1), pulsaverunt nostras aures (1), veniens ad nos detulit preceptum, deprecatus est (1)84. → Engagement von Hofangehörigen für Privilegierungen Intervenienten: Edith (1), Ottos Bruder Brun (4), Ottos Bruder Heinrich (2), Ottos Sohn Liudolf (3), Herzog Hermann (3), Erzbischof Friedrich von Mainz (1), Abt Thieto von St. Gallen (1), Abt Hadamar von Fulda (2), Abt Berthold von Inde (1), Abt Rodwig von Hornbach (1), Abt Ansfried von St. Arnulf zu Metz (1), Bischof Adalbert von Metz (2), Bischof Baldric (1), Markgraf Gero (2), Graf Konrad (2), Herzog Konrad (2), Getreue (1)85. → Enge Kontakte Bruns von Köln als jüngerer Bruder des Königs und hoher Geistlicher zur Königsfamilie sowie zu hohen weltlichen und geistlichen Amtsträgern am Hof, darunter viele Äbte und einige Bischöfe → Engagement von Hofangehörigen für Privilegierungen Empfänger: Abt Hadamar von Fulda (1), Brüder Folcmar und Richbert (1), Eberhard (1), Getreuer Rudolf (1), Kirche zu Cambrai (1), Kloster Korvei (1), Kloster St. Moriz zu Magdeburg (2), Kloster Hersfeld (2), Kloster Hornbach (1), Kloster Kornelimünster (1), Kloster Pfävers (1), Kloster Reichenau (3+), Kloster S. Gallen (1), Kloster Senones (1), Kloster St. Emmeram zu Regensburg (1), Markgraf Christian (1), Markgraf Gero (2), Matrone Helmburc (1), Megingoz (1), Meier Wetti (1), Mönche von St. Arnulf zu Metz (1), Kloster Essen (1)86. → Regionale Mobilität der Empfänger, darunter Vertreter vieler Klöster, in Richtung des reisenden Königshofs zum Erhalt einer durch den jüngeren Bruder des Königs hergestellten Urkunde Corroborationsformeln: Bestandteile: 1 (= Beschlussformel) auctoritas (9), condonatio (3), praeceptum (7), stipulatione subnixum (1), vicissitudo (1). 2 (= Tätigkeitsformel) firma & stabilis permaneat (4), firma et inconvulsa permaneat (1), firma permaneat (1), firma permaneat, veriusque credatur (1), firma stabilisque perduret (1), firma stabilisque permaneat (2), firma 84 Vgl. ebd.: 294, Tabelle 139. 85 Vgl. ebd.: 255–257, Tabelle 109. 86 Vgl. ebd.: 258–260, Tabelle 110. Straipsniai / Articles 53 MARIE-LUISE HECKMANN stabilisque permaneat verius credatur (1), firmavimus stabile permaneat (1), firmior habeatur verius credatur. & diligentius observetur (1), irrefragabiliter (sic!) firmiorem in di (sic!) nomine obtineat vigorem (1), pleniorem indi (sic!) nomine obtineat stabilitatem (1), potestate habeat (1), valeat inconvulsa manere (1), verius credatur ac diligentius observetur (1). 3 (= Ewigkeitsformel) a modo & deinceps (1), futura tempora (1), nostris futurisque temporibus (2), succedentium curricula temporum (1), succedentium temporum curricula (3). 4 (= Getreuenformel) cunctis retro farculis (sic!) (1), fidelibus (2), fidelium (1). 5 (= Schreibbefehl) conscribi (5). 6 (= Beglaubigungsformel) manu confirmavimus (1), manu firmato (1), manu firmatum (6), manu firmavimus (13), manu firmum (1), manu roboratum (1). 7 (= Besiegelungsbefehl) anulo corroborari praecipimus (2), anulo insigniri iussimus (5), anulo insigniri praecipimus (3), anulo insignito (1), anulo roboratum (2), anulo sigillari iussimus (3), anulo sigillari praecipimus (1), anulo sigillatum (5), praecipimus (1). Kombinationen: 1, 2, 7 (1), 5, 6, 7 (3), 1, 2, 6, 7 (8), 1, 3, 2, 6, 7 (4), 1, 4, 2, 6, 7 (1), 1, 2, 4, 2, 6, 7 (1), 1, 3, 2, 4, 2 (2), 1, 2, 3, 4, 2, 7, 6 (1), 1, 4, 2, 3, 2, 6, 7 (1)⁸⁷. → Unterteilung der Formeln nach Motiven (Codes) erlaubt semantische Analysen, die über den wörtlichen Diktatvergleich hinausgehen → Benutzung von zwei Standardformeln, die eine gewisse Festlichkeit der Beurkundung anzeigen, durch den Schreiber; dieser hat aber auch die Befähigung, Urkunden für die ganze Bandbreite der Feierlichkeit anzufertigen → Komplexität der Formeln als Spiegel für den Grad der Feierlichkeit → Grad der Feierlichkeit als Hinweis auf den Rang der Empfänger in den Augen des Königs oder auch auf die Art des Rechtsakts Semantik Lautung volkssprachlicher Namen: Personennamen: brun (15+), Brun (5), hoholt (1), brunonis (1), Fridurici (8+), fridurici (8), Herolti (1), rodbberti (3+)⁸⁸. Ortsnamen: aquisgrani (1), Altsteti (2), altsteti (1), balgesteti (1+), ⁸⁷ Vgl. ebd.: 295, 301–307, 310, 316, Tabelle 140 f. ⁸⁸ Vgl. ebd.: 251, Tabelle 106. 54 Acta Linguistica Lithuanica XC Digital Profiling als Methode der frühmittelalterlichen Diplomatik. Ausgehend von einer Urkunde Ottos I. in St. Petersburg Busen (1), dalaheim (1+), eltnon (1), Franconofurt (1), Franconof (1), Frosa (1), Ingilenheim (1+), Krissenbruka (1), Magedeburg (1+), magedaburg (2+), magidaburc (1+), niuunburg (1+), Salze (1), Uualahuson (1+), vuormacia (2+)⁸⁹. → Rückschlüsse auf die regionale Herkunft von Schreibern aufgrund sprachlicher Merkmale → In diesem Fall: Rheinischer Fächer (Ripuarisch)? (b statt p im Anlaut, f statt p im Anlaut, c statt t zwischen Vokalen, k statt ch im Auslaut, Erweichungen der Vokale vor und nach g, Diphthonge ai und iu) Äußere Merkmale Erhaltungszustand Formate (i.d.R. Schriftraum): Höhe (in mm): 250–299 (2), 300–349 (2), 350–399 (8), 400–449 (8), 450–499 (5); Breite (in mm): 400–449 (2), 450–499 (15), 500–549 (1), 550–599 (5), 600–649 (2); Fläche (in mm bzw. m²): DD O L. 55 (279 X 472 ~ 0,13 m²), 57 (330 X 459 ~ 0,15 m²), 59 (350 X 400 = 0,14 m²), 65 (440 X 550 ~ 0,24 m²), 69 (373 X 462 ~ 0,17 m²), 77 (387 X 463 ~ 0,18 m²), 83A (446 X 473 ~ 0,21 m²), 83B (468 X 458 ~ 0,21 m²),⁹⁰ 87 (364 X 462 ~ 0,17 m²), 96 (450 X 460 ~ 0,21 m²), 97A (437 X 458 ~ 0,2 m²), 97B (371 X 486 ~ 0,18 m²)⁹¹, 100 (386 X 552 ~ 0,21 m²), 102 (433 X 545 ~ 0,24 m²), 104 (360 X 580 ~ 0,21 m²), 109 (465 X 605 ~ 0,28 m²), 116 (268 X 465 ~ 0,13 m²), 117 (447 X 470 ~ 0,21 m²), 119 (460 X 570 ~ 0,26 m²), 120 (440 X 620 ~ 027 m²), 126 (397 X 468 ~ 0,19 m²), 159 (444 X 576 ~ 0,26 m²), 160 (344 X 464 ~ 0,16 m²)⁹². → Bevorzugung eines ausgeprägten Querformats beim Vorliegen eines Hochformats ⁸⁹ Vgl. ebd.: 253 f., Tabelle 108. ⁹⁰ LBA 2806. Außenmaße. ⁹¹ LBA 15901. Außenmaße. ⁹² Vgl. Schnase 2019: 281, Tabelle 129. Straipsniai / Articles 55 MARIE-LUISE HECKMANN Faltungen: 1 X 4 Felder (1), 2 X 4 Felder (2), 2 X 5 Felder (1), 2 X 6 Felder (2), 2 X 7 Felder (3), 2 X 8 Felder (1), 3 X 3 Felder (1), 3 X 6 Felder (2), 3 X 8 Felder (1), 4 X 3 Felder (1), 4 X 4 Felder (4), 4 X 5 Felder (1), 4 X 6 Felder (4), 4 X 9 Felder (1), 5 X 3 Felder (1), 5 X 4 Felder (1)⁹³. → Bevorzugung kleinformatiger, aber nur selten kleinstformatiger Faltungen Layout Aussparungen und Punktierungen: Aussparung Monogramm in der Signumszeile (3), Aussparung Monogramm in der Rekognitionszeile, Aussparung Rekognitionszeichen im Textblock (1), Aussparung Monogramm in der Signumszeile, Punktierung Signumszeile (1), Aussparung Monogramm, Punktierung Rekognitionszeile (1), Aussparung Monogramm in der Signumszeile, Punktierung Signumszeile, Punktierung Rekognitionszeile (9). Aussparung Monogramm in der Signumszeile, Aussparung Rekognitionszeichen im Textblock, Aussparung Siegel im Textblock, Punktierung Signumszeile (2), Aussparung Monogramm in der Signumszeile, Aussparung Rekognitionszeichen im Textblock, Aussparung Siegel im Textblock, Punktierung Signumszeile, Punktierung Rekognitionszeile (4), Aussparung Monogramm in der Signumszeile, Punktierung Signumszeile, Punktierung Rekognitionszeile, Punktierung Siegel im Textblock (1), Punktierung Signumszeile, Punktierung Rekognitionszeile, Nachtragung Monogramm zwischen Signumsund Rekognitionszeile (1)⁹⁴. Markierung der Signumszeile: Zwei Punkte, ein Komma, dreieckig (6), drei Punkte, ein Komma, viereckig (5), fehlt (4), drei Punkte, ein Komma (3), drei Punkte übereinander (2), ein Punkt in der Mitte (1), ein Punkt rechts, ein Punkt links des Rekognitionszeichens (1), zwei Punkte nebeneinander, ein Komma darunter (1)⁹⁵. ⁹³ Vgl. ebd.: 282 f., Tabelle 130. ⁹⁴ Vgl. ebd.: 289–291, Tabelle 137. ⁹⁵ Vgl. ebd.: 326, Tabelle 144. 56 Acta Linguistica Lithuanica XC Digital Profiling als Methode der frühmittelalterlichen Diplomatik. Ausgehend von einer Urkunde Ottos I. in St. Petersburg Gestaltung des Eschatokolls: Signumsund Rekognitionszeile auf gleicher Höhe (10), Unterband der Signumszeile begrenzt oben die Rekognitionszeile (11), Rekognitionszeile liegt viel tiefer als Signumszeile (1)96. → Organisation des Schreibraums mit dem Zirkel Beschädigungen: Übersiegelung, Siegel intakt: Et-Ligatur und Aktumzeile übersiegelt (1), Übersiegelung, Siegel teilweise zerstört: Rekognitionszeichen teilweise übersiegelt (1), Übersiegelung, Siegel teilweise zerstört: Unterlängen Corroboratio teilweise verfärbt, Actumzeile übersiegelt (1), Übersiegelung, Siegel zerstört. Wachsverfärbung: Actumzeile teilweise verfärbt (1)97. → Hinweis auf Herstellungsablauf: Siegel offenkundig zum Schluss angebracht → Insgesamt wenig Beschädigungen wegen sorgfältiger Aufbewahrung zur Erhaltung der Rechtswirksamkeit98 Zeichen Chrismon: Bogen: brezelförmige Verzierung und „X“, Schaft: oft Achterschlaufenband, Wellenoder Schlangenlinien, tironische Noten; Haste: bevorzugt linksschwingend, rautenförmiges „o“, T8T (18), gelegentlich gerade (2) oder fehlende Haste (4)99. Rekognitionszeichen: bevorzugt 2, 4 oder 5-stöckig. Mittelscheitel, Achterschlaufenband, Notenfeld (10), Mittelscheitel, Achterschlaufenband, Achterschlaufenband, Notenfeld (3), oft Mittelscheitel, Achterschlaufenband, Kreuzfeld oder Notenfeld oder 2 Notenfelder, einmalig geschöpfte Arkaden mit z-Zeichen, Achterschlaufenband, Notenfeld, Wellenstrichreihe, einmalig Schopf, Notenfeld100. 96 Vgl. ebd.: 284, Tabelle 131. 97 Vgl. ebd.: 292, Tabelle 138. 98 DD O I. 83B und 97B als Beispiele für Reinschriften ohne Rechtswirksamkeit. 99 Vgl. Schnase 2019: 317, 320, Tabelle 142. 100 Vgl. ebd.: 327, 328, 329, 333, Tabelle 145. Straipsniai / Articles 57 MARIE-LUISE HECKMANN Siegel: Erstes Siegel Ottos I. (14)101. Schrift Großbuchstaben (aus drucktechnischen Gründen ohne Wiedergabe der Kürzungszeichen): Signum (7+), Invictissimi (1+). Brun (1+). Anno (3+), Incarnationis (1), Incarnat (1). Indictione (1), Indictione (1). Regnante (7+), Serenissimo (1+), Ottone (3+), Ottonis (1). Actum (4), Actvm (1), Actu (5), hier ohne Wiedergabe des Kürzungszeichens), Fel (1+), ameN (15)102. Abkürzungen (aus drucktechnischen Gründen ohne Wiedergabe der Kürzungszeichen): Signumszeile: signu (3+), advice (4+). Datumszeile: Stichtage: KL (3), Kl (15+), KAL (1), ID (2), Id (2), Non (1), NoN (1). Monatsangaben: IAN (1+), FEB (4+), Mart (2+), Mai (6+), IVN (1), Ivn (1), Ivnii (2+), Aug (1+), DECEb (2+). Indiktionsangabe: Indict (1), indict (16+), in (1). Herrscherjahre: dni (10+), dom (1+), pio (8+). Actumszeile: Actu (5), actu (7+), d (19+), no (19+), am (1+). Stichtage: KAL (1), Kl (15+), KL (3), ID (2), Id (2), NON (2+). Monatsangaben: IAN (1+), FEB (4+), MART (2+), APR (1+), MAI (6+), IVN (2+), IUN (1), AUG (2+), DECEB (1+)103. Zierbuchstaben an Zeilenanfängen (Versalien): Buchstabe S: Schaft−„S“ mit Oberschlaufe, mittigem Ansatz nach links und linksschwingender Unterlänge (19), rund, runder Bogen, rechter und oberer Bogenabschnitt sind verschmolzen und geschwungen (Schwellzug) (12), rund, runder Bogen (3). Buchstabe A: Offen, runder linker Schaft, runder rechter Schaft (12), offen, geschwungener linker Schaft, geschwungener rechter Schaft (9)104. → Ob es sich bei den geschilderten Gestaltungsgewohnheiten um zeitübliche Trends oder um Vorlieben eines bestimmten Schreibers handelt, müsste im Vergleich mit den übrigen Angaben in den Tabellen festgestellt werden. Brun von Köln scheint eine ausgeprägte Elongata als Auszeichnungsschrift, eine fein geschriebene diplomatische Minuskel mit geringen Oberlängen und im Layout die Absetzung von Zeilenanfängen und Zeichen geschätzt zu haben. Das Chrismon, das Monogramm und das Rekognitionszeichen entsprechen 101 Vgl. ebd.: 344, Tabelle 148. 102 Vgl. ebd.: 267, Tabellen 115. 103 Vgl. ebd.: 275–279, Tabellen 124–128. 104 Vgl. ebd.: 263 f., 266, Tabellen 112–114. 58 Acta Linguistica Lithuanica XC Digital Profiling als Methode der frühmittelalterlichen Diplomatik. Ausgehend von einer Urkunde Ottos I. in St. Petersburg hingegen ebenso wie die Positionierung des Eschatokolls und seiner Zeilen wohl eher zeitgenössischen Geschmacksund Symmetrievorstellungen als persönlichen Eigenarten des Schreibers In den Rekognitionszeichen von mindestens 19 Urkunden Bruns von Köln finden sich griechische Zeichen. Möglicherweise stehen sie für eine Datierung des Vollzugs (Actum) der Urkunden105. → Die Kenntnis und Wertschätzung des Griechischen und der griechischen Zahlzeichen verweisen auf eine sehr gute Ausbildung im Trivium. Die vermuteten rechnerischen Fähigkeiten würden zudem den Schluss auf eine solide Ausbildung des Schreibers im Quadrivium, besonders in den Grundrechenarten Addition und Multiplikation, vielleicht unter Nutzung des Abacus, erlauben. Der Vergleich mit anderen Schreibern zeigt, dass auch Adalbert von Magdeburg, Biso von Paderborn, Dietrich von Metz, Ernust, Friedrich von Mainz, Petrus von Pavia, Rather von Verona, Wido von Modena und Wigfried von Verdun über rudimentäre Griechischkenntnisse verfügten S O I. 22106 Zweiundzwanzigster Schreiber Ottos I. (vierter Schreiber aus Italien) Identifikation: Humbert von Parma Stand: Bischof, Erzbischof Sigle: It B Beispiele: DD O I. 356, 371 Innere Merkmale Anzahl: Mindestens neunzehn Urkunden: DD O I. 239. 243. 274. 334. 337. 339. 356. 357. 371. 373. 378. 390. 401 (?). 407. 408. 410. 413. 414. D O II. 17. 105 Vgl. ebd.: 336, Tabelle 147. 106 Ausgaben nach Abschriften: ÄdG 508 f. (= MGH D O I. 371); Gabboto et al. 1913: 102–104, Nr. LXV; nach dem Original: Anninskij 1937: 141–150 (Russisch), 151–160 (Latein); Chignoli 2012: 245–247. Vgl. Huschner 2003: 101 f.; Chignoli 2015; Schnase 2019: 242–249, 258–265, 284–287, Tabellen 101–104, 110–113, 131–133. Straipsniai / Articles 59 MARIE-LUISE HECKMANN → Humbert Schreiber von ca. vier Prozent aller Urkunden Ottos I., außerdem Schreiber von Bischofsurkunden, darunter mehrere mit persönlicher Unterschrift Tätigkeit als Schreiber: 965 I 31 bis 972 V 25. Datumund Actum sorte: San Ambrogio: D O I. 24 (962 VII 29). Zusammen mit dem Schreiber S O I. 24 (= Ambrosius von Bergamo): Vada: D O I. 334; Ferrara: D O I. 390; Benevent: D O I. 356, D O II. 17; Grafschaft Penne: D O I. 357; Cassano: D O I. 371; Percena: D O I. 378; Ravenna: DD O I. 407, 410; Rom: D O I. 408. → Oberund Mittelitalien als Tätigkeitsgebiet Durch Originalurkunden belegte Aufenthalte107: Orta: D O I. 243 (962 VII 29)108; S. Ambrogio: D O I. 274 (965 I 3); Vada: gemeinsam mit S O I. 24 (= Ambrosius von Mainland): D O I. 334 (966 XII 2); Benevent: D O I. 356 (968 II 15); Benevent: D O II. 17 (968 II 15); Am Fluss Ricaria in der Landschaft Penne: D O I. 357 (968 V 4); Percena: D O I. 378 (969 VIII 10)109; Ferrara: gemeinsam mit dem Schreiber S O I. 25 (= Ambrosius von Mainland): D O I. 90 (970 III 22); Ravenna: gemeinsam mit S O I. 25 (= Gumbald von Mantua): D O I. 407 (972 I 8); Rom: D O I. 408 (972 IV 22); Ravenna: D O I. 410 (972 V 25). 107 Vgl. Schnase 2019: 354–357. 108 Vgl. http://archivista.icar.beniculturali.it/fonds/30447/units/715399 [Zugriff 8.12.2023]. 109 Zugang: https://www.beweb.chiesacattolica.it/istituticulturali/istituto/2717/Archivio%20storico%20diocesano (Anfrage vom 8.12.2023 nach dem Verbleib der Urkunde bislang unbeantwortet). 60 Acta Linguistica Lithuanica XC Digital Profiling als Methode der frühmittelalterlichen Diplomatik. Ausgehend von einer Urkunde Ottos I. in St. Petersburg ABKÜRZUNGEN DD H II. – Diplom(e) Heinrichs II. DD O I. – Diplom(e) Ottos I. HStAM – Hauptstaatsarchiv Marburg LBA – Lichtbildarchiv Älterer Originalurkunden; Zugang: https://lba.hist.uni-marburg.de/. mm – Millimeter m² – Quadratmeter StiASG – Stiftsarchiv St. Gallen QUELLEN UND LITERATUR ÄdG – Die Urkunden Konrad I., Heinrich I. und Otto I., hrsg. von T. Sickel, Hannover: Hahnsche Buchhandlung, 1879–1884. Zugang: https://www.dmgh.de/mgh_dd_ko_i_dd_h_i__dd_o_i/index.htm#page/III/mode/1up. Anninskij Sergej A. 1937: Аннинский, Сергей А, Диплом Оттона I (969 г.) в коллекции АН СССР [Diplom I (969 g.) v kolekcii AN SSSR]. – Вспомогательные исторические дисциплины: сборник статей [Vspomogatelʹnye discipliny: sbornik statej], М., Л.: Академия наук СССР [M., L.: Akademija nauk SSSR], 141–160. 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Vėliau, remiantis lyginamaisiais pavyzdžiais, tikrinamas čia taikomo skaitmeninio profiliavimo metodo tinkamumas raštininko identifikavimui. Tyrimo metu paaiškėjo, kad karaliaus ir kaizerio Otono I dokumentai kompleksiški ir pasižymi daugybe jiems būdingų ir informatyvių ypatybių, tokių kaip horizontalus 68 Acta Linguistica Lithuanica XC Digital Profiling als Methode der frühmittelalterlichen Diplomatik. Ausgehend von einer Urkunde Ottos I. in St. Petersburg formatas, christograma, identifikavimo ženklas ar trumpiniai, kurios vėlesniuose raštuose nebeatinkamos. Be to, siekiant patikimai identifikuoti raštininką, valdovo raštus reikia susieti su jo aplinkoje veikusiais žinomais asmenimis, surenkant daugiau informacijos apie juos. Ottono dinastijos valdymo laikais vyskupai sudaro didžiausią, keliamus reikalavimus atitinkančią tokių asmenų grupę, kuriai būdingas aukštas raštingumo lygis. Dėl to ypač tikėtina, kad daugelis karaliaus ir kaizerio Ottono I dokumentų buvo parengti vyskupų, galimai dirbusių jo kanceliarijoje raštininkais. Ši tezė jau suformuluota vienoje iš tyrimo dalių. Jeigu vyskupų, kaip raštininkų, profiliavimo hipotezė pasitvirtintų, pateiktos identifikacijos gerokai pakeistų IX a. pabaigos ir X a. pradžios reikšmingumo, raštijos ir komunikacijos sistemos vaizdą. Arba vaizdžiai tariant: raštininkų, vykdžiusių jonančio karaliaus neatidėliotinus pavedimus, pėdsakas vestų iš jų veiklos trijose miglose link gerai išmanytos ir ryškiai šviečiančios katedroje. Įteikta 2024 m. kovo 18 d. M A R I E - L U I S E H E C K M A N N Universität Potsdam, Historisches Institut Am Neuen Palais 10, D-14469 Potsdam [email protected] Straipsniai / Articles 69