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Addenda etymologica zu den „Anmerkungen zu einigen mit An- beginnenden litauischen Gewässernamen und ihren außerbaltischen Verwandten“

Harald Bichlmeier

Abstract

In einem früheren Artikel wurde die „Gewässerwurzel uridg. *en-/*on-“ als Fiktion verworfen. Folglich wurden Gewässernamen wie lit. Anatà, Anýkštė tentativ auf Grundlage der Wurzel uridg. *h2en- ‘Wasser schöpfen’ erklärt. Diese ist aber zunächst im Anatolischen nachweisbar, die Belege für Fortsetzer der Wurzel auch in der westlichen Indogermania sind rar, teils zweifelhaft. Im Beitrag wird nun ein weiterer potentieller Fortsetzer dieser Wurzel im Westindogermanischen, hier im Germanischen, vorgestellt, wodurch die Annahme, dass den o.a. litauischen Gewässernamen eben die Wurzel uridg. *h2en- zugrunde liegt, gestärkt wird.

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66 Acta Linguistica Lithuanica XCI HARALD BICHLMEIER Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ORCID id: orcid.org/0000-0003-0001-1677 Research fields: onomastics (toponymy), historical phonology of the Germanic languages, Indo-European linguistics, Aljamiado-texts. DOI: doi.org/10.35321/all91-03 ADDENDA ETYMOLOGICA ZU DEN „ANMERKUNGEN ZU EINIGEN MIT ANBEGINNENDEN LITAUISCHEN GEWÄSSERNAMEN UND IHREN AUSSERBALTISCHEN VERWANDTEN“ Etimologiniai straipsnio „Pastabos dėl kelių lietuvių vandenvardžių, prasidedančių An-, ir jų nebaltiškos kilmės giminaičių“ papildymai ANNOTATION In einem früheren Artikel wurde die „Gewässerwurzel uridg. *en-/*on-“ als Fiktion verworfen. Folglich wurden Gewässernamen wie lit. Anatà, Anýkštė tentativ auf Grundlage der Wurzel uridg. *h2en- ‘Wasser schöpfen’ erklärt. Diese ist aber zunächst im Anatolischen nachweisbar, die Belege für Fortsetzer der Wurzel auch in der westlichen Indogermania sind rar, teils zweifelhaft. Im Beitrag wird nun ein weiterer potentieller Fortsetzer dieser Wurzel im Westindogermanischen, hier im Germanischen, vorgestellt, wodurch die Annahme, dass den o.a. litauischen Gewässernamen eben die Wurzel uridg. *h2enzugrunde liegt, gestärkt wird. SCHLÜSSELWÖRTER: Baltische Hydronymie, keltische Hydronymie, ‘alteuropäische’ Hydronymie, Phonotaktik. Straipsniai / Articles 67 Addenda etymologica zu den „Anmerkungen zu einigen mit Anbeginnenden litauischen Gewässernamen und ihren außerbaltischen Verwandten“ ANNOTATION An earlier article made it clear that the “hydronymic root PIE *en-/*on-” is a phantasm. Because of this, hydronyms such as Lith. Anatà and Anýkštė were explained tentatively based on the root PIE *h2en- ‘to haul (water)’. This root, however, is primarily continued in Anatolian, while attestations of the continuation of this root in Western IE languages are rare, partially even dubious. The article offers another form, potentially continuing this root in Western IE, precisely in Germanic. Thus, the assumption that the above-mentioned Lithuanian hydronyms also contain the root PIE *h2enis supported indirectly. KEYWORDS: Baltic hydronymy, Celtic hydronymy, ‘Old European’ hydronymy, phonotactics. 1. In einer Reihe früherer Artikel, besonders aber in den „Anmerkungen zu einigen mit Anbeginnenden litauischen Gewässernamen und ihren außerbaltischen Verwandten“ (in Acta Linguistica Lithuanica 84 = Bichlmeier 2021a) hat der Verfasser des nachfolgenden Beitrags* eine Reihe von Gewässernamen in Deutschland (z.B. Inn, antik Aenus) und Österreich (z.B. Enns, antik/mittelalterlich Anisa, Anisus), aber eben auch in Litauen (z.B. der dehydronymische Wiesenname Anatà1, der Flussname Anýkštė, der Flussname Anýkščiai; vgl. LVŽ I 88f., 102) und der Ukraine (Onut; ein rechter Zufluss des Dnjester/Dnistro)2 daraufhin * Ich danke den beiden anonymen Gutachtern des Beitrags für ihre wertvollen Anmerkungen und Hinweise. 1 Der Name ist morphologisch nicht endgültig geklärt, am ehesten ist wohl von vorurbalt. *h2enotoauszugehen; ein bisweilen erwogener Zusammenhang mit dem Wort für ‘Ente’, vgl. lit. ántis, apreuß. antis < uridg. *h2enh2tiist wohl abzulehnen; im Baltischen wurde der Laryngal in dieser Position, also in nichterster Silbe, nicht vokalisiert. Eine Verbindung mit dem Wort für ‘Ente’ könnte nur hergestellt werden, wenn das Wort ein vorbaltisches Relikt wäre, was freilich sehr unwahrscheinlich ist. 2 Dieser Name ist etymologisch ebenfalls nicht sauber geklärt, vgl. Trubačëv 1968: 220, der zwei Möglichkeiten anführt, erstens ein thrakisches Kompositum *ana-utus ‘ohne Wasser’ oder *ana-utus ‘auf dem Wasser’ (vgl. Utus, Plinius Nat.hist. 3, 149), etc. (Detschew 1957: 349). Wobei freilich bei einer Sprache wie Thrakisch die Bedeutungszuordnung zu Lexemen oft fragwürdig bleiben muss, auch wenn das Präfix an(a)- wohl auch in dem Kastellnamen Anasamus (Tabula Peutingeriana 8, 1: Anasamo), gelegen an der Mündung des Flusses Asamus (Plinius, Nat.hist. 3, 149), heute bulg. Osăm (vgl. Detschew 1957: 30) vorzuliegen scheint. Zweitens geht er von einem slawischen *onutja > aksl. onušta ‘Art Beschuhung’ etc. (ESJS 586) aus, was ein auch im Baltikum verbreitetes Benennungsmotiv von Flüssen ist; vgl. den Flussnamen lit. Kurpininkė, den Sumpfnamen lett. Kùrpītes-purvs zu lit. kùrpė, lett. kupe ‘Schuh’ (vgl. Vanagas 1981: 174). Bei letzterer Lösung bleibt ungeklärt, wo die zurecht angesetzte Palatalisierung geblieben ist: Der Fluss müsste dann ja *Onuč(a) heißen. – Hier wird (wie ähnlich auch in älterer deutschsprachiger HARALD BICHLMEIER 68 Acta Linguistica Lithuanica XCI untersucht, ob zwischen ihnen etymologische Zusammenhänge bestehen – und wenn ja, welche3. Ergebnis dieser Untersuchung(en) war dreierlei: einerseits, dass die mitteleuropäischen Namen am ehesten keltischen Ursprungs sind und auf eine Wurzel uridg. *pen- ‘Sumpf, langsam fließendes Wasser’ zurückgehen dürften; andererseits, dass die in der onomastischen Literatur herumgeisternde „Gewässerwurzel *en-/*on-“ eben ein Phantasma (das nicht einmal in IEW 311ff. erwähnt wird), ein Geist ist, den Krahe aus der Flasche gelassen hat und der einfach nicht wieder dahin zurückwill: Alle als Argumente für die Existenz dieser Wurzel vorgebrachten Lexeme sind wertlos, da es sich durchweg bei den Appellativa um keltische Wörter handelt, die lautgesetzlich anlautendes uridg. *pverloren haben können, oder um Namen, die aus ehedem sicher keltisch besiedeltem Gebiet oder aus zumindest möglicherweise für eine gewisse Zeit keltisch besiedeltem Gebiet stammen, für die also das Gleiche gilt wie für die Appellativa. Und selbst, wenn man die Wurzel in moderner Weise als uridg. *h1en(H)- ansetzte, würde sich das Problem nicht auflösen, da es weiter keine Appellativa gibt, die ausschließlich auf der Grundlage von uridg. *h1en(H)- etymologisiert werden müssten. Und drittens hat sich gezeigt, dass auch eine weitere Wurzel in diesem Kontext eine Rolle spielen kann, nämlich uridg. *h2en- ‘(Wasser) schöpfen’: Diese Wurzel kann theoretisch allen Namen (und semantisch passenden Appellativen) zugrunde liegen, deren Vorform urkelt. *an- (< uridg. *h2en-), urgerm./urbalt./urslaw. *an- (< uridg. *h2en-/ *h2on-) oder urkelt. *on- (< uridg. *h2on-) anlautete. Von den eingangs genannten Namen träfe das eben auf Enns/ Anisa, lit. Anatà, Anýkštė etc. sowie ukrain. Onut zu. Man sollte dabei nicht zu sehr die in Wörterbüchern angesetzte Bedeutung der Wurzel in den Blick nehmen – wichtig für Gewässernamen der ältesten Schichten in Europa ist, dass die jeweils zugrundeliegende Wurzel etwas bedeutet, was irgendwie mit Wasser bzw. Gewässern zu tun haben kann. 2. Eine zentrale Rolle in der ganzen Argumentation spielte auch die gallische Glosse anam gl. paludem, die aus dem in mehreren Handschriften (die älteste datiert erst von 796 n. Chr.) überlieferten Glossar Endlichers stammt. Die Zuverlässigkeit dieses Glossars wird aufgrund etlicher korrupter Stellen freilich Literatur, wo freilich meist mit der ominösen „Wasserwurzel *en-/*on-“ operiert wird) eher von einer archaischen Bildung vorurslaw. *h2en-ont-oausgegangen. 3 Weitere Beiträge, in denen Teilaspekte des Problems behandelt werden, sind Bichlmeier 2010: 34f.; 2018; 2020: 27f.; 2021b; 2021c; 2023a: 50–52; 2023b: 56–59; Bichlmeier, Zimmer 2022: 59 mit Anm. 30, 107f. Straipsniai / Articles 69 Addenda etymologica zu den „Anmerkungen zu einigen mit Anbeginnenden litauischen Gewässernamen und ihren außerbaltischen Verwandten“ sehr unterschiedlich beurteilt. So schön gall. anam semantisch zu den anderen von der Wurzel uridg. *pengebildeten Appellativen und Namen passt (weshalb die Verbindung „schon immer“ hergestellt wurde), so problematisch bleibt doch das Lautliche: Wenn nicht irgendwelche Verschreibungen oder lautliche Sonderentwicklungen der Endung stattgefunden haben, ist das Wort der Akk.Sg. zu gall. *anā-. Diese Form erfordert dann, wenn sie zu uridg. *pengehört, eine Vorform urkelt. *ā- < vorurkelt. *p-ā-. Eine solche Entwicklung widerspricht allen Regeln der Phonotaktik, bereits vorurkelt. *p-ākonnte so eigentlich nicht existieren und hätte vielmehr als *pnāerscheinen und anschließend urkelt. *(φ)nāergeben müssen (genauer dazu s.u.)4. Einen Ausweg aus diesem Dilemma bot eben die Annahme, dem Wort liege uridg. *h2en-eh2- > vorurkelt. *anā- > urkelt. *anāzugrunde. Problematisch daran war nun freilich, dass die Wurzel uridg. *h2enganz sicher nur im Anatolischen in heth. ḫān-i/ḫan- ‘(Wasser) schöpfen’, wozu auch die Ableitung DUGḫaneššar c. ‘Schöpfgefäß’ gehört, vorliegt5, daneben weniger sicher/vielleicht in arm. hanem ‘nehme heraus/weg, bringe heraus, ergreife’6 und vielleicht in „etymologisch ebenfalls umstrittenem gr. ἄντλος m. ‚Kielbodenwasser, Bilgenwasser‘ (falls < *h2n-tlo- ‚was geschöpft wird‘?).“7 Es ergibt sich somit eine sichere Verknüpfung des gallischen Worts mit dem hethitischen Wortpaar, eine unsichere mit einem griechischen und eine zweifelhafte mit einem armenischen. Schön wäre es und würde die Etymologie deutlich stützen, wenn es außerdem noch eine sichere Verbindung mit einem Wort der westlichen Indogermania gäbe. Eine solche Verbindung könnte es in der Tat geben: im Westgermanischen gibt es eine kleine Gruppe von Wörtern, die eine Vorform urgerm. *unþī-, *unþiōf. ‘Welle, Woge’ voraussetzen; es sind dies ahd. und(e)a f. ‘Welle, Flut’ (ab dem 8. Jh. bezeugt, z.B. auch im Abrogans), mhd. ünde, unde st./sw.f. ‘Welle, Flut’, frühnhd. unde, ünde f. ‘Flut, Woge, Welle’8, as. ūthia, ūđia f. ‘Welle, Woge’, 4 Vgl. ausführlich zu diesem Problem z.B. Bichlmeier 2021a: 201f. 5 Vgl. HEG I 144f., 148; EDHIL 281f. 6 Vgl. EDAIL 389, 636f.; falls nicht < uridg. *senh2- (vgl. zu dieser Wurzel LIV² 532f.). 7 Vgl. GEW I 114 (mit älterer, heute allgemein abgelehnter Etymologie auf Basis von uridg. *semh2- ‘schöpfen’ (vgl. zu dieser Wurzel LIV² 531); DÉLG 89, 1272 (zusätzlich mit Etymologie aus gr. ἀν(α)- + uridg. *telh2- ‘hochheben’ (vgl. zu dieser Wurzel LIV² 622f.); EDG I 109 (Verbindung mit heth. ḫan-). 8 Mit manchen der althochdeutsch bezeugten Formen gleichlautendes lat. unda f. ‘Welle, Woge’ bleibt vollständig fern; trotz des Gleichlauts und trotz der praktisch selben Bedeutung hat es HARALD BICHLMEIER 70 Acta Linguistica Lithuanica XCI andfrk. unda f. ‘Strömung’, mndl. onde, unde f. ‘Strom, Strömung’, ae. ýđ f. ‘Welle, Flut, See, Meer’; aisl. uðr, unnr f. ‘Welle, Woge’, nisl. unnur f. ‘dss.’9. Urgerm. *unþī-/*unþiōsetzt vorurgerm. *(H)unt(i)ooder *(H)ut(i)ofort. Potentiell kommen hierfür mindestens folgende Wurzeln als Grundlage in Frage bzw. wurden schon bei der Etymologisierung verwendet: Wenn man davon ausgeht, dass *t Teil des Suffixes ist: 1) uridg. *h2en- ‘(Wasser) schöpfen’, 2) uridg. *h2/3en- ‘sich wölben’; wenn *t Teil der Wz. ist: 3) uridg. *ned- ‘nass sein/werden’ < ‘rauschen dröhnen’. In der (anatolistischen) Literatur wird Variante 2) bevorzugt und regelmäßig eine Verbindung mit heth. ḫua(n)ḫeššar n. ‘Woge’, ḫuanḫuanalaš ‘ein Körperteil’, pal. ḫuwanḫuwani- ‘Brust(kasten)’, kschr.luw. ḫūwanḫuwanala- ‘?’ hergestellt. Nach dieser Erklärung beruht das urgermanische Wort auf uridg. *h2/3un-t(i)o-, die ‘Welle’ wird also als das ‘(an)geschwollene (Wasser)’ interpretiert. Allerdings berücksichtigt diese Lösung nicht, dass nach den phonotaktischen Regeln des Urindogermanischen die Vokalisierung der angesetzten Vorform uridg. *h2/3-t()olauten müsste, was folglich urgerm. *unþ(i)ōergeben sollte (vgl. etwa uridg. *ĝ- ‘arbeiten’ > urgerm. *urkin got. waúrkjan ‘arbeiten’, uridg. *lH- > urgerm. *ulin got. wulan ‘wallen’). Nun stehen neben den letztgenannten Lexemen immer auch Wortformen mit vollstufiger Wurzel, die grundsätzlich den Erhalt des anlautenden *- befördert haben mögen, während solche Formen neben vorurgerm./ uridg. *h2/3-t()onicht zu greifen sind, doch bleibt das Problem der nicht regelkonformen Vokalisierung der Grundform. Vereinzelt findet sich in der Literatur auch die Verknüpfung mit einer Wurzel uridg. *net-, die eine Variante zu uridg. *ned- ‘nass sein/werden’ sein solle; dann läge vorurgerm. *t-()ozugrunde. Da eine Wz. *netsonst nicht greifbar ist, also die Annahme einer solchen Wurzel gänzlich ad hoc ist, entfällt diese Lösung. Für urgerm. *unþī-/ *unþiōließe sich somit auch vorurgerm. *h2-t()oansetzen, was freilich auch eine problematische semantische etymologisch mit ahd. unda, undea gar nichts zu tun (vgl. LatEW II 816ff.; DÉLL 746; EDLIL 641). 9 Schützeichel 2012: 349; Starck, Wells 1971–1990: 667; Schützeichel, hrsg., 2004 X 173; MH II 1775; Götze 1920: 216; Baufeld 1996: 234; DW XXIV 433f.; EDPG 560f.; Tiefenbach 2010: 433; Berr 1971: 336 (s.v. sêo-ūđia); Lasch, Borchling 1928ff. III 205f. (unde¹); ONW s.v. unda; Verwijs, Verdam 1885–1941 III 539; V 306 (onde¹); VIII 851 (unde¹); Holthausen 1974: 413; Bosworth 1898: 1301; Toller 1921: 753; de Vries 1962–1977: 632, 635 (unnr³); Jóhannesson 1956: 129; Jónsson 1931: 577, 582f. (unnr⁴); Magnússon 1995: 1088 (unnur²) (die Quellen werden in der Fußnote aufgrund thematischer Reihenfolge angegeben). Straipsniai / Articles 71 Addenda etymologica zu den „Anmerkungen zu einigen mit Anbeginnenden litauischen Gewässernamen und ihren außerbaltischen Verwandten“ Verschiebung notwendig machen würde: ‘zu schöpfendes/ geschöpftes (Wasser)’ > ‘Flut’ > ‘Welle’? Alle drei Vorschläge erfordern überdies eine betonte schwundstufige Wurzel. Diese lässt sich durch Akzentrückziehung bei der Substantivierung des ursprünglich endbetonten und damit auf einer frühen Stufe der Entwicklung des Worts in der Wurzel automatisch schwundstufigen Verbaladjektivs erklären. Keine Erklärung kommt ohne Sonderannahmen aus. 3. Was ergibt sich nun daraus? Nachdem nun eben die „Gewässerwurzel *en-/*on-“ als Fiktion erwiesen ist, selbst wenn man sie in adäquater Weise als uridg. *h1en(H)- ansetzen würde, bleibt für die baltischen und slawischen Namen somit als wahrscheinliche Grundlage urgerm. *h2en- ‘(Wasser) schöpfen’ übrig. Fortsetzer hat diese Wurzel vielleicht im Keltischen und vielleicht im Germanischen: Bei gall. anam und mir. an ‘Wasser, Urin’ liegt vielleicht eben diese Wurzel zugrunde, da die traditionelle Herleitung dieser Wörter aus der Wurzel uridg. *pennur mir Sonderannahmen hinsichtlich der Phonotaktik möglich ist. Eine Stütze für die Existenz der Wurzel uridg. *h2enin der westlichen Indogermania liefert vielleicht auch das Germanische: Urgerm. *unþī-, *unþiō- ‘Welle, Woge’ kann auf der Grundlage von uridg. *h2enwiderspruchsfrei erklärt werden kann (uridg. *h2-t[]ó- → vorurgerm. *h2-t[]o- > urgerm. *unþ[i]a-), während die sonst als Erklärung präferierte Vorform uridg. *h2/3-t()ozur Wurzel uridg. *h2/3en- ‘sich wölben’ sich lautgesetzlich im Germanischen zu urgerm. *unþ(i)aentwickeln sollte, was die tatsächlich bezeugten Wortformen aber nicht widerspiegeln. Zwar gibt es letztlich keinen durchschlagenden Beweis, aber die Tatsache, dass immerhin die Wahrscheinlichkeit weiterwächst, dass die Wurzel uridg. *h2enauch in der westlichen Indogermania vorhanden war, lässt indirekt auch die Wahrscheinlichkeit wachsen, dass sie nicht nur dem österreichischen Gewässernamen Anisa/Enns, sondern auch den Gewässernamen ukrain. Onut und lit. Anatà, Anýkštė etc. zugrunde liegt. HARALD BICHLMEIER 72 Acta Linguistica Lithuanica XCI LITERATUR Baufeld Christa 1996: Kleines Frühneuhochdeutsches Wörterbuch. Lexik aus Dichtung und Fachliteratur des Frühneuhochdeutschen, Tübingen: Max Niemeyer Verlag. Berr Samuel 1971: An Etymological Glossary to the Old Saxon Heliand, European University Papers, Ser. 1: German language and literature, 33, Bern, Frankfurt: Herbert Lang & Co. Ltd. Bichlmeier Harald 2010: Bairisch-österreichische Ortsund Gewässernamen aus indogermanistischer Sicht. – Blätter für oberdeutsche Namenforschung 46, 3–63. 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Zugang: https://lavi.lu.lv/wp-content/uploads/2024/05/Linguistica_Lettica_31.2-1.pdf. Straipsniai / Articles 73 Addenda etymologica zu den „Anmerkungen zu einigen mit Anbeginnenden litauischen Gewässernamen und ihren außerbaltischen Verwandten“ Bichlmeier Harald, Zimmer Stefan 2022: Die keltischen Flussnamen im deutschsprachigen Raum. Ein keltologisch-indogermanistischer Kommentar zum Deutschen Gewässernamenbuch, mit vier Karten von A. Dicklberger, Münchener Studien zur Sprachwissenschaft, Beiheft 32, Dettelbach: Verlag J. H. Röll. Bosworth Joseph 1898: An Anglo-Saxon Dictionary, ed. and enlarg. by T. N. Toller, Oxford: Oxford University Press. DÉLG – Chantraine Pierre. Dictionnaire étymologique de la langue grecque. Histoire des mots, nouvelle édition, Paris: Klincksieck, 2009. DÉLL – Ernout Alfred, Meillet Antoine. Dictionnaire étymologique de la langue latine: histoire des mots, retirage de la 4. éd. augm. d’additions et de corr. par J. André, Paris: Klincksieck, 2001. 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