Acta Linguistica Lithuanica 2025, vol. 93, pp. 1–9 Contents link / Turinio nuoroda ISSN 2669-218X (online / elektroninis) Copyright © 2025 Albrecht Greule. Published by the Institute of the Lithuanian Language. This is an Open Access article distributed under the terms of the Creative Commons Attribution Licence, which permits unrestricted use, distribution, and reproduction in any medium, provided the original author and source are credited. // Išleido Lietuvių kalbos institutas. Šis straipsnis yra atviros prieigos, platinamas pagal „Creative Commons“ priskyrimo licencijos sąlygas, leidžiančias neribotai naudoti, platinti ir atkurti turinį bet kokioje laikmenoje, nurodant autorių ir šaltinį. Received: / Gauta: 2025-08-25. Accepted: / Priimta: 2025-10-27. 1 EIN FALL VON „UMGEKEHRTER“ ETYMOLOGIE? DIE REDUKTION DER VERBALEN POLYMORPHIE AM BEISPIEL VON GERMANISCH *klīƀ- ‘KLEBEN BLEIBEN’ „Atvirkštinės“ etimologijos atvejis? Veiksmažodinės polimorfijos redukcija – germaniškojo *klīƀ- ‘prilipti’ pavyzdys ALBRECHT GREULE Universität Regensburg E-mail:
[email protected] ORCID ID: https://orcid.org/0009-0000-7993-1040 Wissenschaftliche Forschungsrichtungen: Textgrammatik, Theolinguistik und geistliches Lied, Onomastik, historische Syntax. https://doi.org/10.35321/all93-05 ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ ANOTACIJA Vertinant iš indoeuropiečių prokalbės perspektyvos, vokiečių kalbos veiksmažodžio kleben (liet. ‘lipti, lipdyti’) etimologija, rodo, kad šis vokiečių veiksmažodis yra paskutinis polimorfinis pėdsakas. Iš pirminių duomenų galima rekonstruoti keletą indoeuropietiškų aoristo, esamojo ir būtojo kartinio laikų, kauzatyvo ir esyvo morfemų. Kalbamosios šaknies morfemos pagrindą sudarantis indogermaniškasis *gleibh- (protogermanų *klīƀ-) ‘kleben bleiben’ (liet. ‘prilipti’) tekste žymimas klaustuku. Tai išskirtinis germaniškosios raidos atvejis, vakarų ir šiaurės germanų kalbose pakeitęs indogermanų *leip- ‘kleben bleiben’. Straipsnyje aptariama, kokią įtaką pirmapradžio protogermanų *klīƀ- ‘kleben bleiben’ formų visumos redukcijai daro sintaktinės ir semantinės aplinkybės, veikusios nuo senovės vokiečių aukštaičių iki naujosios vokiečių aukštaičių kalbų epochos. ESMINIAI ŽODŽIAI: morfologija, redukcija, sintaktinė kaita, reikšmės kaita, kalbos istorija.
2 ABSTRACT The etymology of the German verb kleben (to stick) shows, against the background of the IndoEuropean root language, that German kleben is the last remnant of a polymorphy. Initially, separate IndoEuropean morphemes for aorist, present, perfect, causative, and essive are reconstructable. However, the approach of the underlying root morpheme Indo-European *gleibh- (Proto-Germanic *klīƀ-) ‘to remain stuck’ is marked with a question mark. It is a Germanic special development through which Indo-European *leip- ‘to remain stuck’ was replaced in West and North Germanic. The article demonstrates the role that syntactic and semantic causes play in the reduction of the original complete set of forms of Proto-Germanic *klīƀ- ‘to remain stuck’ from Old High German to Modern High German. KEYWORDS: Morphology, Reduction, Syntactic Change, Semantic Change, History of Language. Im Lexikon der indogermanischen Verben listet Martin Kümmel unter dem Lemma ?*gleibh- ‘kleben bleiben’ fünf Bildungsweisen des Verbs auf, nämlich Aorist, Präsens, Perfekt, Kausativ und Essiv 1 . Sie werden aus dem Altkirchenslavischen, (eine Neubildung) aus dem Lettischen, mehrheitlich aber aus dem Althochdeutschen (ahd.) rekonstruiert. Da das Verb nur im Germanischen und Baltoslavischen belegt ist, werden sowohl das (idg.) Lemma als auch die Konstrukte des Perfekts, Kausativs und Essivs mit Fragezeichen markiert. Über das Althochdeutsche hinaus ist die Entsprechung von (idg.?) *gleibhim Germanischen als *klīƀaußer im Gotischen gut belegt 2 . Die Ursache für das Auftauchen von idg. ?*gleibh- ‘kleben bleiben’ anstelle von idg. *leip- ‘kleben bleiben’ 3 fast ausschließlich im Germanischen (als *klīƀ-) ist darin zu suchen, dass sich die Fortsetzungen von idg. *leipim Germanischen (Präsens got. af-lifnan ‘übrigbleiben’ statt germ. *limƀe/a-, Perfekt ahd. bi-leif / bi-leib ‘er blieb’, Kausativ ahd. leiben ‘übriglassen’, Essiv ahd. lebên ‘leben’, geneuertes Präsens ahd. bi-lîban ‘bleiben’) semantisch von der Grundbedeutung ‘kleben bleiben’ entfernt haben. Die dadurch entstandenen semantischen Lücken im germanischen Bedeutungsfeld ‘kleben bleiben’ wurden durch adäquate Formen des Morphems germ. *klīƀgefüllt. Aus der Sicht des Sprachwandels ist es interessant, die Linien nachzuzeichnen und die Ursachen aufzuspüren, wie und warum die im Germanischen bzw. Althochdeutschen vorhandene vierfache Polymorphie (Präsens, Perfekt, Kausativ, Essiv) in der deutschen Sprache der Gegenwart auf ein einziges schwaches Verb, nämlich kleben, reduziert wurde. Da dafür nicht nur Lautwandlungen, sondern auch syntakto-semantische Gründe eine Rolle spielen, wird für die Belege auf allen historischen Sprachstufen des Deutschen auch die semantische und syntaktische Umgebung erfasst und zur Erklärung herangezogen 4 . 1 LIV 189f. 2 Vgl. Seebold 1970: 206–298; EWA V 599–600. 3 LIV 408f. 4 Zur Methode vgl. das zum Mittelhochdeutschen syntaktischen Verbwörterbuch (MSVW) Gesagte (Greule 2023).
3 Erste Hinweise auf die Entwicklung der Polymorphie im Verlauf der deutschen Sprachgeschichte findet man im 11. Band des DWB unter kleiben 5 . Es heißt dort zum stark flektierten Verb kleiben: „Das einfache wort ist schon mhd. sehr selten, es scheint früh bedrängt zu sein von seinem zweigworte, dem schwachen klëben, das nun ganz an seine stelle getreten ist“, „das bedrängte wort war aber früh auch durch verwechselung mit nah anklingenden worten gefährdet. So mit dem schwachen kleiben“ und „im nhd. aber ist vermengung beider (sc. von stark flektiertem kleiben und schwach flektiertem kleiben) nicht ausgeblieben.“ Die punktuellen Hinweise im DWB reichen für einen Gesamtüberblick über die Entwicklung der aus germ. *klīƀ- (~ idg. ?*gleibh-) hervorgegangenen ahd. Verblexeme klîba-n, klimba-n, klaib, kleibe-n und klebê-n leider nicht aus. Es bedarf dazu der Aufarbeitung sowohl der äußeren Formen als auch der Sememe samt der Verb-AktantenKonstellation (VAK) auf allen Sprachstufen und des darauf aufbauenden Vergleichs der spezifischen Bestände. Die Herausarbeitung der Sememe wird insofern erleichtert, als die historischen Wörterbücher des Deutschen beleggestützte Wörterbücher sind, also entweder alle oder zumindest viele Belegsätze zu einem Verb zitieren, und online zugänglich sind 6 . Für das Urgermanische können – übereinstimmend mit den idg. Bildungsgesetzen – folgende fünf Formen angesetzt werden: 1) Präsens *klimƀe/a- (< vorgerm. / idg. *gli-n-bh-) > ahd. klimban ‘klimmen’; 2) Präteritum *klaiƀ-/*kliƀ- (< Perfekt vorgerm. / idg. (ge-)glóibh-); 3) Präsens *klīƀe/a-, neu zum Perfekt hinzugebildete Präsensform 7 > ahd. Klîban ‘haften’; 4) Kausativ *klaiƀ-eja- > ahd. kleiben (< *klaibjan) ‘festkleben’; 5) Essiv *kliƀ-ē- > ahd. klebên ‘kleben’. Das „alte“ nasalinfigierte Präsens urgerm. *klimƀe/awird in Konkurrenz zum neu gebildeten Präsens *klīƀe/agleichsam aus der Morphemgruppe *klīƀ- : *klaiƀ- : *kliƀ- ‘kleben bleiben’ ausgeschieden und bildet ein eigenes Morphem *klimbmit neuer Bedeutung ‘klimmen, klettern’. Der Bedeutungswandel von ‘kleben bleiben’ zu ‘klettern’ ist verschiedentlich zu beobachten, am besten bei dem mit germ. *klīƀ- ‘kleben bleiben’ synonymen Verb lit. lipt (mit nasalinfigiertem Präsens limpù) neben lit. lpti (lipù) ‘klettern’ (< ‘bleibe kleben’) 8 Darüber hinaus steht neben ahd. klîban ‘haften’ an. klífa ‘klettern’. Weil das Morphem *klimbsemantisch und morphologisch aus dem Morphem *klīƀ- : *klaiƀ- : *kliƀfrüh ausgeschieden wurde und als Verb der dritten Ablautreihe eigene Weg ging, wird sein Schicksal hier nicht weiterverfolgt. Das ablautende Präteritum *klaiƀ-/*kliƀgeht im neuen Verb der ersten Ablautreihe auf, d.h. die Positionen 2) und 3) oben fallen zusammen. Die idg. Perfektreduplikation 5 DWB XI Sp. 1069. 6 Es handelt sich um: AHDWB, DWB XI, FNHDWB, Goethe-Wörterbuch, MHDWB. 7 Vgl. Seebold 1970: 296f., 298; EWA V 597f. 8 LIV 408f.
4 verschwindet wie bei allen Verben der ersten Ablautreihe im Germanischen spurlos. Die Lautwandel, die vom ablautenden Morphem germ. klīƀ- : *klaiƀ- : *kliƀzum Althochdeutschen führen, sind regelmäßig: Der labiale Spirant /ƀ/ wird zu ahd. /b/ despirantisiert; /ai/ wird zu ahd. /ei/; /i/ wird vor /ê/ (in klebên) wie in einigen anderen Wörtern zu /e/ gesenkt. Im Blick voraus ereignen sich, abgesehen von der Abschwächung unbetonter (End-)Silben (z.B. ahd. klebên > mhd. kleben) gravierende vokalische Wandlungen erst in der frühneuhochdeutschen Zeit: Diphthongierung von ahd. / mhd. /î/ zu nhd. /ei/ (mhd. klîben > nhd. kleiben), Dehnung von Kurzvokal in offener Tonsilbe (kleben > kle:ben). Da /ei/ in den mitteldeutschen Mundarten monophthongiert (>/ê/) wurde, kann dort im Unterschied zu den oberdeutschen Mundarten klêben (< kleiben) mit kle:ben (< klebên) zusammenfallen. Die folgenden Kapitel erfassen als Exzerpte aus den historischen deutschen Sprachstufen-Wörterbüchern die Entsprechungen von (a) ahd. klîban ‘haften’, (b) ahd. kleiben ‘festkleben’ und (c) ahd. klebên ‘kleben’ mit den Sememen und den Verb-AktantenKonstellationen (VAK) 9 . a) Ahd. klîban stV. 1. jmdm., einer Sache anhaften, -hängen, an etw. festhalten P Zustand / E Zustandsträger (was anhaftet) → Sn / E Ort (Stelle des Angehaftetseins) → Sd. Belege: joh mir io hiar zi libe wiht alles io ni klibe, ni si, druhtin, thaz thin willo ist O 1,2,51. ungilonot ni bileip, ther gotes wizzode kleip Os 20; ferner: O 2,6,36. 3,17,64. 4,37,21. 5,1,14. 3,2. 20. 23,77. Metaphorisch jmdm. folgen: ni sahun sie nan (Jesus) sizen untar scualarin êr, noh kliban themo manne, ther se (thio buah) inan lerti wanne O 3,16,10; ferner: 4,12,39. Oh 30. 2. jmdm.zustoßen: P Vorgang / E Vorgangsträger (was zustößt) → Sn / E Adressat (wem etw. zustößt) → Sd. Einziger Beleg: Johane ouh hiar leid kleib Oh 98. Mhd. ?klîben stV. nur ane klîben stV. !. jmdm. anhaften: P Zustand Belege: wan des der mensche in gewonheit kumet daz klîbet im gerne ane PrBerth 1:201,4; eine vêde im anecleib / von eime sîner rittere NvJer 9508. 2. etw. (an etw.) heften, festmachen: P Tätigkeit Beleg: zu herzin ich daz clîbe [lîbe:], / daz in in des jâmirs rôst / dî hoffenunge was ein trôst, / daz got dî sînen nicht vorlât NvJer 15292 (Des Reims wegen clîbe statt cleibe). 9 Grammatikalische Abkürzungen: P = Prädikat, E = Ergänzung / Aktant, Sn = Substantiv im Nominativ, Sg = Substantiv im Genitiv, Sd = Substantiv im Dativ, Sa = Substantiv im Akkusativ, pS = Präpositionalgruppe, ADV = Adverb.
5 Frühneuhochdeutsches Wörterbuch ---- Goethe-Wörterbuch ----- Kommentar: „Das einfache wort (kleiben stv.) ist schon mhd. (klîben) sehr selten, es scheint früh bedrängt zu sein von seinem zweigworte, dem schwachen klëben, das nun ganz an seine stelle getreten ist“ 10 . Das starke, vorwiegend Zustands-Prädikate bildende Verb ahd. klîban ist nach spärlicher Beleglage im Mittelhochdeutschen danach nicht mehr nachweisbar. Eine Ursache dürfte der Umstand sein, dass mit ahd. klebên, mhd. kleben (< germ. *kliƀ-ē-), das formal dem Essiv entspricht 11 , neben dem ursprünglichen Zustandsprädikat ahd. klîban ein synonymer Konkurrent steht. b) Ahd. kleiben swV. 1. etw. an etw. kleben, streichen; etw. an etw. anheften, befestigen: P Tätigkeit / E Tätigkeitsträger (wer anheftet) → Sn / E Objekt (was angeheftet wird) → Sa / E Ort (wo / wohin angeheftet wird) → pS (p=in, ana) / E Adressat (wem etw. angeheftet wird) → Sd. Belege: ein horo ... kleibt er imo ... in thero ougono stat O 3,20,24 – thaz er (Adam) es firleipti, iz (den Apfel) avur thara kleipti in then boum , thar si (Eva) iz nam: missigiangin wir so fram O 2,6,30. Übertragen: etw. einprägen: Beleg: hugi hiar nu harto thero minero worto, in herzen kleibi siu nu sar O 5,15,38. 2. etw. verbinden, zusammenfügen (nur glossarisch) 3. etw. in Worte (ein)kleiden: P Tätigkeit / E Tätigkeitsträger → Sn / E Objekt → Sa / Ort → pS (p=in). Einziger Beleg: thaz man thia diufi ni firstat, thero brosmono kleini ...: lesent zi in thia redina thie hohun gotes thegana; in giscrip iz kleibent, thaz mine gilichon leibent O 3,7,52. Mhd. kleiben swV. [1. (zusammen)kleben: P Zustand / E Zustandsträger (was zusammengeklebt ist) → Sn. Einziger Beleg: swanne im in der zit der munt / cleibete unde in der durst twanc, / so satzete er ie vor sich den tranc Vät 15557] 2. etw. / sich (an etw.) kleben, schmieren, anbringen: 10 DWB XI Sp. 1069. 11 Essiv ist eine Art der (idg.) Verbalstammbildung, durch die der Zustand des Subjekts ohne Betonung des Eintretens in den Zustand bezeichnet wird, vgl. LIV 25.
6 P Tätigkeit / E Tätigkeitsträger (die Klebenden) → Sn / E Objekt (was angeklebt wird) → Sa / Ort (wo angeklebt wird) → pS / Adv (p=an, in). Belege: [die Weißgerber] habent daz reht gen den laederern, daz si kain lo an diu vael klaiben suln, noh kain vael an daz ander heften <...>, man sule si besunder lazzen StRAugsb 44,18. 72,7 – wâ man den aschen hin klaibt, der auz dem unk geprant wirt, dâ mag kain spinn ir netz geweben BdN 264,20. Fnhd. kleiben swV. 1. etw. / sich an etw. befestigen, festmachen, ankleben P Tätigkeit / E Tätigkeitsträger (der Anklebende) → Sn / E Ort (wo angeklebt wird) → ADV. Beleg: Wen er ein brieflein sigeln sol, | So klaibt er eitlichs wachs daran. – An den fels <...> ist eyn closterlyn gebuwit <...> glich alß abs eyne swalbe dor an gekleybit hette. 2. kleben, festkleben, an etw. hängen: P Zustand / E Zustandsträger (was klebt) → Sn, [E Geschädigter (wem etwas klebt) → Sd] Beleg: Swanne im in der zit der munt | Cleibete unde in der durst twanc | So satzete er ie vor sich den tranc. 3. etw. (einen Bau) mit Lehm verputzen; etw. verkleiben, verblenden: P Tätigkeit / E Tätigkeitsträger (der Verputzende) → Sn / E Objekt (was verputzt wird) → Sa. Beleg: 2 scot eyme knechte, der den zygelofen cleybete. Goethe-Wörterbuch ----- 12 c) Ahd. klebên swV. kleben, hängen, festhaften an etw., an jmdm., sitzen bleiben: P Zustand / E Zustandsträger (was festhaftet) → Sn / Ort (wo etw. festhaftet) → pS (p=an). Beleg: tes (des Seeigels) natura ist solih . ube er chleben beginnet. an demo skeffe. daz nehein dunst so michel nechumet tiu iz eruuekken muge Nb 167,29 [141,18]; ferner: 201,29 [166,30]. Übertragen: a) einer Sache verhaftet sein, zugehören: 12 Dass in der 25. Auflage von Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache (Kluge 2011: 498) das Stichwort kleiben ‘kleben’ als „peripher und regional“ – im Unterschied zu anderen neueren etymologischen Wörterbüchern – noch verzeichnet ist, verdankt es seiner Verwandtschaft mit kleben und dem Substantiv Kleiber ‘Spechtmeise’.
7 P Zustand / E Zustandsträger (was festhaftet) → Sn / Ort (wo etw. festhaftet) → pS (p=an, in, zuo). Belege: fremediu chint ... chlebent an demo alten urchundi Npw 17,46; sie chlebent in ueteri testamento Np ebda.; albus nechlebet nieht zu homo Ni 558,21/22 [72,2]; b) jmdm. (innerlich) verbunden sein; jmdm. am Herzen liegen, nahestehen: P Zustand / E Zustandsträger (wer innerlich verbunden ist) → Sn / E Adressat (wem man innerlich verbunden ist) → Sd / E Ort (Stelle, wo man innerlich verbunden ist) → pS (p=in, after, zi). Beleg: denne al sin liup unte sin minna chlebege unte haftege in disemo (d. i. Benjamin) cum anima illius ex huius anima pendeat [Comm. in Gen. = Gen. 44,30] Thoma, Glossen S. 23,30. mhd. kleben swV. 1. hängen (bleiben), haften, festsitzen: P Zustand / E Zustandsträger (was haftet) → Sn / E Ort (wo / woran etwas haftet) → pS / Adv (p=an). Beleg: si [Maria] sach dô daz kriuz ûf heben / und ir sun dar ane kleben / mit nageln vast dar an geslagen Philipp 7293. 7687; Pass I/II (HSW) 24167. 2. kleben (von klebriger Masse): P Zustand / E Zustandsträger (glebrige Masse) → Sn, [E Ort (woran etwas klebt) → Adv / pS (p=ze)]. Belege: dort da ich wart erslagen, / da clebet noch min heilic blut Pass I/II (HSW) 20535. übertr. solten alle flüeche kleben, / sô müesten lützel liute leben Freid 130,12. Fnhd. kleben an jmdm. / einer Sache hängen, kleben, festsitzen, verweilen; jmdm. / einer Sache anhaften, etw. nicht loslassen können‹; von konkreten und abstrakten Bezugsgegenständen P Zustand / E Zustandsträger (wer / was klebt) → Sn / E Ort (woran etw. klebt) → pS / Adv (p=an, in). Beleg: Vrasandt daß man nicht klebe an den buchstaben, vnd vermeine, hören vnd lesen sey genug. Goethe-Wörterbuch: kleben 1. etw mittels leimartiger Bindemittel od den Gebrauch selbsthaftender Substanzen befestigen: P Tätigkeit / E Tätigkeitsträger (Klebender) → Sn / E Objekt (was geklebt wird) → Sa / E Ort (wohin geklebt wird) → pS (p=auf, in). Beleg: Der Buchbinder klebte die Etiketten auf die Kupferstich-Portefeuilles. 2. fest haften; wiederholt ‘k. bleiben’, übertr: mit etw sachlich, innerlich verbunden sein:
8 P Zustand / E Zustandsträger (was kleben bleibt) → Sn / E Ort (wo etw. klebt) → pS (p=an). Beleg: glaubst du dass du mir fürchterlicher bist weil noch des Grafen von Helfenstein Blut an deinen Kleidern klebt? – nicht alle Hoffnung schwindet, | Der immerfort an schalem Zeuge klebt. Kommentar: Von den drei ahd. zum Morphem (germ.) *klīƀgebildeten Verbformen ist einzig und allein ahd. klebên, die Verbform des Essivs, bis heute erhalten geblieben. Bei der Verwendung von kleben bei Goethe wird der heutige semantische Status des Verbs schon deutlich. Es hat heute die Funktion übernommen, sowohl Zustandsals auch TätigkeitsPrädikate zu bilden. Beide Funktionen waren bis zum Frühneuhochdeutschen formal getrennt: ahd. klîban und klebên, mhd. klîben und kleben bildeten eindeutig Zustandsprädikate, während ahd. kleiben und mhd. kleiben das urgerm. Kausativ *klaiƀ-ejaund damit das Tätigkeitsprädikate bildende Verb fortsetzten. Allerdings führte die Besetzung des Zustandsprädikate bildenden Sememes ‘kleben bleiben’ mit zwei (synonymen) Verben, nämlich mit schwachem mhd. kleben und starkem mhd. klîben, zur Aufgabe des starken Verbs. Hinzukommt, dass auf dem Weg zum Neuhochdeutschen mhd. klîben und kleiben im Frühneuhochdeutschen lautlich in kleiben zusammengefallen sind und fnhd. kleiben sowohl Zustandsals auch Tätigkeitsprädikate bildete und das ursprünglich starke Verb, fnhd. kleiben (< mhd. klîben), ebenfalls schwach flektiert wurde. Das Frühneuhochdeutsche weist nun zwei schwache Verben, das monoseme kleben und das polyseme kleiben, auf, wobei zwischen beiden Verben eine Teilsynonymie hinsichtlich des Zustandsprädikats besteht. Für den Schritt, der zur Aufgabe des Verbs kleiben in der nhd. Schriftsprache führte, sind außer der Polysemie schließlich zwei weitere Lautwandel verantwortlich, nämlich die Dehnung in offener Tonsilbe > kle:ben und die mitteldeutsche Monophthongierung von /ei/ > /e:/, kleiben > /kle:ben/ 13 . Bis auf fnhd. kleiben und nhd. kleben sind alle verglichenen Verben eigentlich (ohne Rücksicht auf übertragene Bedeutungen) monosem und weisen die erwartbare VAK auf: Die Zustandsprädikate bildenden Verben haben die VAK P – Zustandsträger – Ort, die kausativen Tätigkeits-prädikate bildenden Verben die VAK P – Tätigkeitsträger – Objekt – Ort. Lediglich die ahd. Belegsätze weisen zusätzlich noch die Rolle Adressat (wem etw. angeheftet wird) auf. Formal ändert sich nur die Aktante E Ort → pS insofern als im Neuhochdeutschen infolge der Standardisierung die Präposition an (sie kleben an der Wand / an die Wand) zur Norm wird. Abschließend ist zu fragen, um welche Art von „Etymologie“ es sich bei der vorliegenden Untersuchung handelt. Während die „klassische“ Etymologie die Herkunft eines gegenwartsprachlichen Wortes erarbeitet und im Falle von Erbwörtern wie nhd. kleben bis ins Urgermanische und Indogermanische vorstößt, ist die Fragerichtung im vorliegenden Fall der Reduktion verbaler Polymorphie genau umgekehrt: Es wird gefragt, warum von der polymorphen urgermanischen Wurzel *klīƀ- ‘kleben bleiben’ im neuhochdeutschen einzig und allein das polyseme Verb nhd. kleben übrig bleibt. 13 Vgl. Paul 2007: § L45.
9 LITERATUR EWAhd V: Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutsch [Etymological Dictionary of Old High German] 5 (iba – luzzilo), unter der Leitung von R. Lühr, erarb. von H. Bichlmeier, M. Kozianka, R. Schuhmann mit Beiträg. von A. L. Lloyd unter Mitarb. von K. K. Purdy, Göttingen, Zürich: Vandenhoeck & Ruprecht, 2014. Greule Albrecht 2023: Von antreiten bis eischen. Aus der Werkstatt des Mittelhochdeutschen syntaktischen Verbwörterbuchs (MSVW) [From antritten to eischen. From the Workshop of the Middle High German syntactical verb dictionary (MSVW)]. – Acta Linguistica Lithuanica 89, 11–26. DOI: https://doi.org/10.35321/all89-01. Kluge Friedrich 2011: Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache [Etymological Dictionary of the German Language], 25. durchges. und erweit. Aufl., bearb. von E. Seebold, Berlin, Boston: Walter De Gruyter. LIV: Lexikon der indogermanischen Verben. Die Wurzeln und ihre Primärstammbildungen [Lexicon of Indo-European Verbs: Roots and Their Primary Stem Formations], H. Rix, M. Kümmel, T. Zehnder, R. Lipp, B. Schirmer, 2. Aufl., Wiesbaden: Dr. Ludwig Reichert Verlag, 2001. Paul Hermann 2007: Mittelhochdeutsche Grammatik [Middle High German Grammar], 25. Aufl., neu bearb. von T. Klein, H. J. Solms, K. P. Wegera, mit einer Syntax von I. Schröbler, neu bearb. und erweit. von H. P. Prell, Tübingen: Walter De Gruyter. Seebold Elmar 1970: Vergleichendes und etymologisches Wörterbuch der germanischen starken Verben [Comparative and Etymological Dictionary of Germanic Strong Verbs], The Hague, Paris. WÖRTERBÜCHER ONLINE AHDWB: Althochdeutsches Wörterbuch [Old High German Dictionary]. Zugang: https:// awb.saw-leipzig.de. DWB XI: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm [German Dictionary by Jacob Grimm and Wilhelm Grimm] 11, 1864–1873. Zugang: https://woerterbuchnetz.de/?sigle=DWB&lemid=A00001. FNHDWB: Frühneuhochdeutsches Wörterbuch [Early New High German Dictionary]. Zugang: https://fwb-online.de. Goethe-Wörterbuch: Goethe-Wörterbuch [Goethe Dictionary]. Zugang: https://gwb-uni-trier.de. MHDWB: Mittelhochdeutsches Wörterbuch [Middle High German Dictionary]. Zugang: https://www.mhdwb-online.de.