Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2019 Karsten Fehn, Alexander Fekete, Chris Hetkämper, Alex Lechleuthner, Ompe Aimé Mudimu, Celia Norf, Ulf Schremmer Glossar zum Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz Celia Norf, Petra Tiller & Alexander Fekete Unter Mitarbeit von Johanne Kaufmann & Noah Herschbach
2 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2019 This document is published within the series 'Integrative Risk and Security Research'. All publications can be downloaded from http://opus.bszbw.de/fhk/doku/publizierte_Schriftenreihen.php. Despite thorough revision the information provided in this document is supplied without liability. The document does not necessarily present the opinion of the editors. EDITION NOTICE Editors of Series Karsten Fehn (Prof. Dr. iur. Dr. rer. medic.) Alexander Fekete (Prof. Dr.-Ing.) Chris Hetkämper (B. Eng.) Alex Lechleuthner (Prof. Dr. med. Dr. rer. nat.) Ompe Aimé Mudimu (Prof. Dr.-Ing.) Celia Norf (M. Sc.) Ulf Schremmer (Prof. Dr.-Ing.) TH Köln - University of Applied Sciences Institute of Rescue Engineering and Civil Protection Betzdorfer Str. 2 50679 Cologne Germany www.irg.th-koeln.de Editorship of Series - contact:
[email protected] Editors of this Volume Celia Norf (M. Sc.) Petra Tiller (M. A.) Alexander Fekete (Prof. Dr.-Ing.) With the assistance of: Johanne Kaufmann (B. Eng.) Noah Herschbach Contact Celia Norf Email:
[email protected] Phone: + 49 (0) 221 8275 2739 Petra Tiller Email:
[email protected] Phone: + 49 (0) 221 8275 2452 Web: http://riskncrisis.wordpress.com Recommended Citation Norf, C, Tiller, P & Fekete, A 2019, Glossar zum Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz. Integrative Risk and Security Research, 1/2019. ISSN-Nummer 2366-4029 Cologne, August 2019
3 Glossar - Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz Inhaltsverzeichnis Abbildungsverzeichnis ............................................................................................................................. 4 Abkürzungsverzeichnis ............................................................................................................................ 5 Vorwort ................................................................................................................................................... 6 1. Einleitung ......................................................................................................................................... 7 2. Aufbau und Benutzung des Glossars ............................................................................................. 10 3. Glossar zum Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz.......................................................... 12 4. Literaturverzeichnis Einleitung und Glossar .................................................................................. 39 5. Wissenschaftliche Ausführungen zum Thema Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz ..... 40
4 Glossar - Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Wissenskreislauf nach Probst et. al. (2012) ..................................................................... 33 Abbildung 2: Wissenspyramide nach Aamodt und Nygård (1995) ...................................................... 34 Abbildung 3: Wissensspirale, auch SECI-Modell genannt nach Nonaka und Takeuchi (1995) ............. 35 Abbildung 4: Genese von Wissen nach Davenport und Prusak (1999) ................................................. 36 Abbildung 5: Wissenstreppe nach North (2016) ................................................................................... 37 Abbildung 6: TOM-Modell nach Gerhards und Trauner (2011) ............................................................ 38
5 Glossar - Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz Abkürzungsverzeichnis AKNZ Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz ASB Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland BAMF Bundesamt für Migration und Flüchtlinge BBK Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe BMBF Bundesministerium für Bildung und Forschung BMI Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat BOS Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben DRK Deutsches Rotes Kreuz FU Berlin Freie Universität Berlin Hrsg. HerausgeberIn bzw. HerausgeberInnen JUH Johanniter-Unfall-Hilfe KZV Konzeption Zivile Verteidigung MHD Malteser Hilfsdienst TH Köln Technische Hochschule Köln THW Technisches Hilfswerk
6 Glossar - Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz Vorwort Liebe Leserinnen und Leser, das vorliegende Glossar stellt die wesentlichen Begriffe und Konzepte zu Wissensmanagement und seiner Bedeutung für den Bevölkerungsschutz vor. Es soll Ihnen ermöglichen, einen ersten Überblick über das Thema zu erhalten. Das Glossar ist ein Ergebnis des Forschungsprojektes WAKE (https://wake-project.eu/)1, das Lösungsansätze für den bestmöglichen Umgang mit Wissen im Bevölkerungsschutz entwickelt. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Aufarbeitung der Flüchtlingssituation 2015/2016. Es geht um die Frage, wie das darin erworbenes Wissen und die dabei gemachten Erfahrungen strukturiert gesammelt, gesichert, aufgearbeitet und für spätere Szenarien genutzt werden können. Das Glossar kann und soll kein Ratgeber für die praktische Einführung von Wissensmanagement in Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgabe (BOS) sein. Vielmehr werden im Verlauf des WAKE-Projektes, aufbauend auf diesem Glossar, organisationsund behördenspezifische Handlungsempfehlungen für die praktische Umsetzung von Wissensmanagementlösungen im Bevölkerungsschutz entwickelt. Jede BOS besitzt eine eigene, im Laufe der Zeit gewachsene Struktur und ein charakteristisches Aufgabenprofil. Um ihre Ziele zu erreichen, besitzt und benötigt sie entsprechend spezifisches Wissen. Für die Einführung eines Wissensmanagements kann es daher kein Patentrezept geben. Es muss in jedem einzelnen Fall eine individuell zugeschnittene, praktische Wissensmanagementlösung erarbeitet werden. Die später im WAKE-Projekt folgenden Empfehlungen können aus diesem Grund auch keine Generallösung für ein in allen BOS identisches Wissensmanagement bieten. Sie können aber wertvolle Anhaltspunkte bieten, Wissensmanagement praktisch einzuführen und im Organisationsalltag und in Einsatzsituationen im Bevölkerungsschutz effektiv mit Wissen umzugehen. Sie können die folgende Einführung gerne überspringen und direkt ins Glossar einsteigen. Wir empfehlen Ihnen aber, sich einen Moment Zeit zu nehmen und die nächsten drei Seiten zu lesen. Denn diese vermitteln eine erste Vorstellung, was Wissensmanagement bedeutet, und welche Herausforderungen auf eine BOS im strukturierten und ganzheitlichen Umgang mit Wissen zukommen2. Wissensmanagement ist zwar etwas, das bereits jeder Mensch für sich – meist sehr intuitiv – praktiziert, um sein Wissen im Alltag oder Arbeitsleben zu ordnen und sinnvoll einzusetzen (z.B. in Form eines eigenen Ablagesystems für Dateien auf dem Computer). Für BOS, die das Wissen vieler Mitarbeitenden auf ein gemeinsames Ziel hin strukturieren und gewinnbringend nutzen müssen, ist Wissensmanagement jedoch eine vielschichtige und schwierige Angelegenheit. Gerade angesichts der besonderen Herausforderungen im Bevölkerungsschutz wie demographischer Wandel, Ehrenamt und sich ändernden Lagen sehen sich BOS damit konfrontiert, ihre bisher praktizierten Ansätze von Wissensmanagement zu analysieren, anzupassen und weiterzuentwickeln. Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen! Celia Norf, Petra Tiller und Alexander Fekete 1 Das Projekt WAKE (Migrationsbezogenes Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz der Zukunft) wird gefördert durch das BMBF im Rahmen des Programms „Forschung für die zivile Sicherheit 2012-2017“ (Projektlaufzeit 10/2018-09/2021). Projektpartner sind neben der TH Köln, über die dieses Glossar entstanden ist, die Katastrophenforschungsstelle der FU Berlin, das DRK, das THW und die JUH. Assoziierte Partner sind u.a. das BAMF, der ASB und der MHD. 2 Um die Lesbarkeit zu gewährleisten, haben wir in der Einleitung von der klassischen wissenschaftlichen Zitierweise abgesehen. Die Gedanken und Ideen zum Wissensmanagement beruhen auf folgende Publikationen: Auer und Sturz (2007), Bürgel (1998); Covey und Proß-Gill (2006); Davenport und Prusak (1999); Gerhards und Trauner (2011); Meusburger (2018); Pircher (2014); Probst et al. (2012); Stember und Göbel (2013)
7 Glossar - Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz 1. Einleitung Vielleicht kennen Sie das aus Ihrer Behörde oder Organisation auch: Erfahrungen werden unzureichend aufgearbeitet und das Rad wird immer wieder neu erfunden. Neue Ideen und Vorschläge bleiben unberücksichtigt, weil man bestimmte Dinge „schon immer so gemacht hat“. Kurze Gespräche in der Kaffeeküche gelten als „Klatsch“, obwohl sie oft sehr informativ sind. Durch eine hohe Mitarbeiterfluktuation geht wertvolles Wissen verloren. Es gibt zwar eine Datenbank, wichtige Informationen lassen sich aber nur schwer finden. Diese Beispiele verdeutlichen die Relevanz eines umfassenden „Wissensmanagements“. Das Wort selbst wirkt auf den ersten Blick etwas abschreckend, besagt aber eigentlich nichts anderes als: - Eine BOS erkennt, wie wichtig Wissen generell ist, um ihre Ziele zu erreichen. - Sie definiert genau, welches Wissen sie braucht, um ihre Aufgaben effektiv und effizient zu erfüllen, aber auch, welches Wissen nicht gebraucht wird. - Daraufhin macht sie das in der BOS bereits vorhandene, aber auch fehlende und nicht mehr benötigte Wissen ausfindig (z.B. Handlungsleitfäden, Checklisten, Lehrbücher). Ebenso identifiziert sie bereits bestehende Instrumente (z.B. Lessons Learned, Fortbildungsangebote, persönliche Netzwerke der Mitarbeitenden) und technischen Hilfsmittel von Wissensmanagement (z.B. Datenbanken). - Sie generiert neues Wissen aus gemeinsamen organisationalen Erfahrungen und dem impliziten (also Erfahrungs-) Wissen der Mitarbeitenden (z.B. durch regelmäßige Evaluationen) und ergänzt die vorhandenen Bestände, falls nötig, durch Wissen von außen (z.B. mit Hilfe von Fachleuten, Fortbildungsangeboten). - Sie bringt das Wissen in eine leicht verständliche Form und Ordnung (Organigramme, Yellow Pages, klar und einfach strukturierte Datenbanken, klare Kommunikationswege, Verschriftlichung des generierten Wissens in Handlungsleitfäden, Checklisten etc.). - Sie macht es für die Mitarbeitenden so verfügbar, dass auch sie ihre Aufgabe innerhalb der Organisation sinnvoll und erfolgreich erfüllen können. Durch Schulungen, Handlungsleitfäden etc. wird das generierte Wissen wieder in die Organisation zurückgeführt. - Da es sich bei Wissensmanagement um kein einmalig zu erreichendes Ziel, sondern um einen fortlaufenden Prozess handelt, muss sich eine BOS immer wieder aufs Neue mit den gerade beschriebenen Schritten auseinandersetzen. Die Wissensbestände müssen ständig überprüft und aktualisiert werden. Zudem wird keine BOS bei der Einführung eines Wissensmanagements von Grund auf neu anfangen, sondern immer auf bereits bestehenden Teillösungen aufbauen und durch weitere ergänzen3. Vielleicht fragen Sie sich jetzt: Wenn Wissen schon in Datenbanken organisiert wird, regelmäßige Evaluationen stattfinden und Erfahrungen in Lessons Learned aufgearbeitet werden – warum braucht eine BOS darüber hinaus dann noch ein gesondertes und zeitaufwändiges Wissensmanagement? Diese Frage ist berechtigt, wenn Wissensmanagement als etwas Zusätzliches und Belastendes wahrgenommen wird. Allerdings bewirkt effektives Wissensmanagement das genaue Gegenteil: Nach einer anfänglichen, sicherlich anstrengenden Einführungsund Umgewöhnungsphase ermöglicht es nicht nur 3 Dieser Prozess der Definition von Wissenszielen und dem daran anschließenden Identifizieren, Erwerben, Entwickeln, (Ver-)Teilen, Nutzen, Bewahren und Bewerten von Wissen beschreibt den sogenannte Wissenskreislauf von Probst et al. (2012), ausführlichere Infos dazu im Anhang.
8 Glossar - Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz die Vereinfachung von Arbeitsabläufen, sondern auch die Klarheit von Verantwortlichkeiten, Strukturen und Kommunikation und dadurch die Förderung der Motivation und Leistungsstärke der Mitarbeitende. Auch wenn in den BOS bereits in Teilen Wissensmanagement betrieben wird, bestehen diese einzelne Strategien meist isoliert nebeneinander her. Nicht zuletzt, weil klare Strukturen, Arbeitsabläufe, Zuständigkeiten und Kommunikationswege fehlen, werden einzelne Praktiken nicht miteinander vernetzt und daher ihre Potentiale nicht voll ausgeschöpft. Ein umfassendes und strategisches Wissensmanagement hat den Mehrwert, dass es diese Teillösungen sinnvoll miteinander verbindet, sie auf ein übergeordnetes Ziel ausrichtet und die Mitarbeitenden dadurch den Nutzen der Maßnahmen für die Erfüllung ihrer Aufgaben erkennen. Es steht in weniger Zeit mehr und mehr Wissen zur Verfügung steht, dessen Gültigkeit allerding gleichzeitig kürzer wird. Aus diesen Gründen muss in entsprechend kürzerer Zeit immer mehr Wissen gesichtet, verarbeitet, geteilt, überarbeitet, weiterentwickelt und an das Leitbild einer BOS angepasst werden. Diese könnte ihre Aufgaben effizienter und effektiver erfüllen, wenn es eine klarere Vorstellung darüber gäbe, welches Wissen für die Erreichung ihrer Ziele notwendig ist und welches unnötige Wissen getrost „vergessen“ werden kann. Im zielgerichteten Identifizieren, Vernetzen und Anwenden des relevanten und geeigneten Wissens liegt daher der Schlüssel für den Nutzen eines umfassenden Wissensmanagements. Eine der wichtigsten Aufgaben von Wissensmanagement, auch im Bevölkerungsschutz, ist es, das individuelle, implizite Wissen und die Erfahrungen der Mitarbeitenden (das meist schwer in Worte zu fassen ist), für die Organisation explizit, also sichtbar, verfügbar und nutzbar zu machen. So kann es über personelle und strukturelle Veränderungen hinweg erhalten bleiben und geht nicht verloren. Mit dem stetigen Anwachsen und der Bedeutungszunahme von Wissen hat ein tiefgreifender Wandel in der Art der Arbeit (von vorwiegend körperlicher zu vorwiegend geistiger Arbeit) und der Beschäftigungsstruktur stattgefunden (u. a. weil viele freiwillige Helfer aufgrund der großen Distanz zwischen ihrem hauptberuflichen Arbeitsplatz und ihrem Wohnort für das Ehrenamt nur noch eingeschränkt zur Verfügung stehen). Wissen ist immer an den Menschen gebunden, allein von ihm ist es abhängig, ob er sein Wissen zur Verfügung stellt oder nicht. Damit muss aber auch der Umgang mit den Mitarbeitenden von Grund auf neu überdacht werden. Diesem Umstand kann eine BOS am besten gerecht werden, wenn sie bei der Einführung eines Wissensmanagements nicht nur den Organisationszielen und technischen Lösungen Beachtung schenkt, sondern gerade auch den Mitarbeitenden einen großen Stellenwert einräumt. Ein Wissensmanagement kann in einer BOS also nur dann erfolgreich eingeführt werden, wenn alle drei Dimensionen (Technik, Organisation und Mensch)4 beachtet werden. Die Organisation und ihre Leitung müssen sich zunächst über die Wichtigkeit und den Stellenwert von Wissen zur Erfüllung der Aufgaben klarwerden. Die Einführung eines Wissensmanagements kann nur erfolgreich sein, wenn man von seinem Nutzen überzeugt ist und es von der Führungsebene rückhaltlos gefördert wird. Ein Wissensmanagement sollte dabei nicht als etwas Unnatürliches von außen aufgezwungen werden. Es sollte vielmehr an die jeweilige Behördenund Organisationsstruktur und -kultur sowie an bereits vorhandene Elemente eines Wissensmanagements angepasst werden. Ein Wissensmanagement lässt sich zwar auch ohne technische Hilfsmittel einführen, mit Hilfe eines Ordnersystems angesichts der Menge an Dokumenten, mit denen mittlerweile gearbeitet wird, ist das 4 Hierbei handelt es sich um das sogenannte TOM-Modell von Bullinger et al. (1998).
9 Glossar - Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz aber kaum noch möglich. Eine klar strukturierte Datenbank, Diskussionsforen, Social Media, Yellow Pages und andere IT-Lösungen sind eine gute Basis für eine leicht verständliche und damit reibungslose Kommunikation in einer Organisation. Allerdings ist es allein mit der Einführung einer Datenbank als Wissensmanagement eben nicht getan. Die beste Datenbank hilft nichts, wenn die Mitarbeitenden sie nicht nutzen, weil sie nicht wissen, wo genau sie ihr Wissen ablegen sollen oder wie sie auf das Wissen anderer Mitarbeitenden zugreifen können. Viele sind, aus unterschiedlichen Gründen, auch nicht gewillt, ihr Wissen der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Hier kommt die dritte Dimension ins Spiel: der Mensch. Das arbeitsrelevante Wissen, das die Mitarbeitenden besitzen, ist ihr Kapital, aber auch das der Organisation. Die Mitarbeitenden werden dieses Kapital nur in einer vertrauensvollen und wertschätzenden Atmosphäre gerne zur Verfügung stellen. Eine solche Atmosphäre bedeutet u. a.: alle Mitarbeitenden sind wichtige Wissensträger, nicht nur das Führungspersonal; Fehler werden nicht als Versagen, sondern als Möglichkeit zum Lernen gesehen; Mitarbeitende können darauf vertrauen, auch weiterhin gebraucht und geschätzt zu werden, obwohl sie ihr Wissen der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Ebenfalls gehört dazu, nicht nur die greifbaren Mittel und Methoden für Wissensmanagement in den Prozess aufzunehmen (z. B. Schulungen, Datenbanken, klare Kommunikation und Strukturen, Yellow Pages, Leitfäden etc.). Es sollte vielmehr ganz bewusst aus der breiten Palette an Hilfsmitteln, Kommunikationsund Vernetzungswegen geschöpft und diese als wertvolle Ergänzung integriert werden. Hierzu gehören vor allem auch informelle Abläufe, persönliche Netzwerke und Kaffeepausenbzw. Zwischen-Tür-und-Angel-Gespräche. Sie bestimmen das Organisationsleben so oder so und daher lohnt es sich, sie als relevante Form des Informationsund Wissensaustausches anzuerkennen und zu nutzen. Denn diese Art von Austausch fördert Vertrauen, Zusammenhalt, Kollegialität und damit schließlich die Motivation der Mitarbeitenden. Wenn eine BOS das organisationale Wissen und das persönliche Wissen ihrer Mitarbeitenden bereits gut organisiert und sinnvoll nutzt, braucht sie kein zusätzliches Wissensmanagement einführen. Wenn allerdings wertvolle zeitliche, finanzielle und personelle Ressourcen verloren gehen, weil es an klaren Zuständigkeiten und Kommunikationswegen fehlt, wertvolles Wissen in unstrukturierten Datenbanken verloren geht und sich Arbeitsabläufe unnötig wiederholen, dann empfiehlt es sich, über die Einführung eines strukturierten und umfassenden Wissensmanagements nachzudenken. Aber: Wissensmanagement bietet keine schnelle Lösung. Es bedeutet, sich auf einen langen Umstellungsprozess einzulassen, in dessen Verlauf auch die Mitarbeitenden mit einbezogen werden müssen. Denn sie sind die Fachleute für den konkreten Bedarf an benötigten Lösungen. Zudem ist die Umsetzung von Wissensmanagement in die Praxis sehr viel schwieriger als die schöne Idee. Denn selbst, wenn die Motivation da ist, ein Wissensmanagement einzuführen, zerbricht der gute Vorsatz meist schnell wieder daran, dass man weder weiß, wo man anfangen, noch wie man das Ganze eigentlich konkret umsetzen soll. Für die praktische Einführung muss man sich daher erfahrene Wissensmanagement-ExpertInnen zur Seite holen. Wissensmanagement ist eine Einstellung, eine Geisteshaltung gegenüber den aktuellen Veränderungen und Entwicklungen (u.a. Zuwachs von Wissen, Technologien, demographischer Wandel). Am Ende eines langen und sicherlich auch anstrengenden Prozesses hat man aber eine BOS mit offener Kommunikation, kollegialer und produktiver Zusammenarbeit und motivierten Mitarbeitenden, die ihr Wissen und ihre Arbeitskraft der Behörde bzw. Organisation gerne zur Verfügung stellen. Gerade im Bevölkerungsschutz, dessen oberstes Ziel es ist, Menschenleben zu beschützen, ist diese Aufgabe von besonderer Bedeutung.
16 Glossar - Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz Wissensziele Normativ Operativ Strategisch Lernenden Organisation Persönliches Wissensmanagement Organisationales Wissensmanagement Wissensmanagementproblem Methoden des Wissensmanage ments Brainstorming Best Practice Datenbanken Diskussions-foren Fortbildungen Gelbe Seiten Gruppenmeetings Groupware Kollegiale Netzwerke Lessons Learned Planspiele Soziale Medien Übungen Wiki Wissenslandkarten
17 A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z Glossar - Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz Zentrale Begriffe des Wissensmanagements Definitionen/ Erläuterungen Anwendungsbeispiel im Bevölkerungsschutz A Arten von Wissen Unterscheidung zwischen einer Vielzahl von Wissensarten und Erscheinungsformen in der Fachliteratur. In diesem Glossar finden sich Definitionen für die gängigsten Arten, von denen viele als Gegensatzpaare genannt werden. [10, 15] ➔ Explizites Wissen, Externes Wissen, Implizites Wissen, Individuelles Wissen, Internes Wissen, Kollektives Wissen, objektives Wissen, Subjektives Wissen Kein Beispiel, da Sammelbegriff B Best Practice Für eine bestimmte Problemstellung erarbeitete Lösung, welche die dafür bestmögliche Lösung darstellt. Bestmöglich bedeutet, dass diese Lösung mit anderen innerhalb oder außerhalb der Organisation verglichen und als beste erkannt wurde. [15] ➔ Methoden des Wissensmanagement Damit eine BOS ihre Aufgaben besser erfüllen kann, erarbeitet sie zum Beispiel Handlungsabläufe für Einsätze, in denen die ideale Lösung zur Einsatzbewältigung beschrieben wird und die die bisherigen Handlungsabläufe ersetzt. Bestände von Wissen Existierendes individuelles und kollektives Wissen in einer Organisation bezogen auf bestimmte Sachgebiete [21] ➔ Wissensbasis Alles Wissen, das z.B. zum Sachbereich baulicher Brandschutz in einer BOS vorhanden ist, zählt zu ihren Wissensbeständen. Dabei handelt es sich nicht nur um das organisationale Wissen, wie Leitfäden etc., sondern auch um das Wissen der einzelnen Mitglieder. Bevölkerungswissen Häufig nicht dokumentierte Informationen und Einschätzungen über existierende, sich verändernde oder neue Gefahren aus teilweise generationsübergreifenden Kenntnissen der Umgebung [3] Aufgrund langanhaltender Trockenheit kommt es zu einem Waldbrand. Ein lokaler Landwirt kennt den Forst wie seine Westentasche. Als die Feuerwehr ankommt, kann er ihr den besten Zufahrtsweg weisen. Mit Hilfe dieses Bevölkerungswissens verliert die Feuerwehr keine wertvolle Zeit beim Erreichen der Brandstelle. Bewahrung von Wissen Bewusste Auswahl, Speicherung und Sicherung von relevantem Wissen [15, 21] ➔ Wissenskreislauf In einer Einsatznachbesprechung stellen die Einsatzkräfte fest, welches Wissen sich für die Lagebewältigung als hilfreich erwiesen hat und daher festgehalten werden muss und welches Wissen für zukünftige Prozesse unwichtig ist bzw. geworden ist und daher nicht bewahrt werden muss.
18 A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z Glossar - Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz Zentrale Begriffe des Wissensmanagements Definitionen/ Erläuterungen Anwendungsbeispiel im Bevölkerungsschutz Bewertung von Wissen Messung des Erfolgs der durchgeführten Wissensmanagementmaßnahmen entsprechend der zuvor gesetzten Wissensziele [21] ➔ Wissenskreislauf, Ziele von Wissen, Normatives Wissensziel, operatives Wissensziel, Strategisches Wissensziel Eine BOS hat beschlossen, dass vierteljährlich ein Brainstorming zur Beurteilung von Einsatzstrategien durchgeführt wird. Nach einem Jahr zieht sie Bilanz und bewertet, ob dieses Format erfolgreich für die Entwicklung besserer Einsatzstrategien war und zukünftig weitergeführt werden soll. C Communities of Practice ➔ Kollegiale Netzwerke D Daten Sammlung und Messung von Beobachtungen. Ihre Bedeutung wird erst dann deutlich, wenn sie in einen bestimmten sachlichen Zusammenhang gestellt werden. [20] ➔ Wissenstreppe, Informationen Die Stadtentwässerungsbetriebe Köln sammeln systematisch Daten über Wasserstand, Fließgeschwindigkeit etc. des Rheins und bereiten diese auf. Die daraus entstandenen Daten können die Betriebe nun bei zukünftigen Hochwasserereignissen als Entscheidungsgrundlage nutzen. Datenbanken Technische Methode zur Verwaltung, Archivierung und Recherche von Informationen [15, 21] ➔ Methoden des Wissensmanagement Alle Informationen, die einer BOS zur Erfüllung ihrer Aufgaben dienen, also z.B. Einsatzpläne, Best Practice, Handlungsleitfäden etc., werden in einer Datenbank gespeichert und organisiert. Von dort können sie von alles Mitgliedern auch wieder abgerufen und verwendet werden. Declarative knowledge ➔ Konzeptuelles Wissen Diskussionsforen IT-Plattform, die die Kommunikation räumlich nicht zusammenarbeitender Teams ermöglicht und erleichtert. Fragen können beantwortet, Lösungen erarbeitet und Beiträge gespeichert werden. [12] ➔ Methoden des Wissensmanagement Verschiedene Ortsgruppen einer BOS bilden ein Diskussionsforum, um sich über mögliche Vorgehensweisen und Lösungen in Einsätzen auszutauschen. E Eingebettetes Wissen Sozial konstruiertes Wissen ist eingebettet in den jeweiligen Organisationskontext und nicht objektiv vorgegeben [11, 14] Anton Schmitz wechselt aufgrund eines Umzugs von den Johannitern zur DRK und merkt erst dann welche unterschiedlichen Arbeitsroutinen es in den beiden Organisationskulturen gibt.
19 A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z Glossar - Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz Zentrale Begriffe des Wissensmanagements Definitionen/ Erläuterungen Anwendungsbeispiel im Bevölkerungsschutz Embedded knowledge ➔ Eingebettetes Wissen Embodied knowledge ➔ Verinnerlichtes Wissen Embrained knowledge ➔ Konzeptionelles Wissen Encoded knowledge ➔ Kodiertes, objektiviertes Wissen Encultured knowledge ➔ Kulturelles Wissen Entwicklung von Wissen Bildung neuen Wissens, durch die Entwicklung neuer Fähigkeiten innerhalb einer Organisation [15, 21] ➔ Wissenskreislauf Für die Entwicklung von organisationsinternem Wissen stehen zahlreichen Kreativtechniken zur Verfügung. Die Leitung veranstaltet bei einer Mitgliederversammlung ein Brainstorming zum Thema Effektive Warnung der Bevölkerung im Krisenfall und kann daraus einen neuen Handlungsleitfaden entwickeln. Ereigniswissen Wissen innerhalb und außerhalb der Organisation über Ereignisse und Trends [14, 15] ➔ Gegenstandswissen Im Themenbereich der Ersten Hilfe gibt es regelmäßig medizinische Erkenntnisse. Eine BOS informiert sich über diese und integriert sie in ihre Arbeitsabläufe. Erfahrung Bestandteil impliziten Wissens, oft nur schwer in Worte zu fassen und schriftlich zu dokumentieren. Sie helfen neue Situationen mithilfe vergangener Erlebnisse einzuordnen und zu verstehen. [11, 15] ➔ Ground truth, Implizites Wissen ➔ Verinnerlichtes Wissen Im Kölner Karneval wird ein Helfer von ein paar Jecken zu einem auf dem Boden liegenden Mann gerufen. Durch seine 20-jährige Erfahrung im Sanitätsdienst der JUH erkennt er sofort, dass es sich um eine Alkoholvergiftung handelt, ohne die Symptome im Einzelnen bewusst für sich durchgehen zu müssen. Erfahrungsschatz Durch praktische Anwendung theoretischer Konzepte entstandene Erkenntnisse ➔ Erfahrung Die Feuerwehr-Dienstvorschrift 3 erklärt theoretisch jeden kleinen Schritt für einen konkreten Löscheinsatz. Dieser Ablauf wird so lange eingeübt, bis alle Einzelheiten in den Erfahrungsschatz der Einsatzkräfte übergegangen sind.
20 A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z Glossar - Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz Zentrale Begriffe des Wissensmanagements Definitionen/ Erläuterungen Anwendungsbeispiel im Bevölkerungsschutz Erwerb von Wissen Verbreiterung der individuellen und organisatorischen Wissensbasis [15, 21] ➔ Wissenskreislauf Einer BOS fehlt nach der Einführung des neuen BHKG (Gesetz über den Brandschutz, die Hilfeleistung und den Katastrophenschutz) in NRW die nötige juristische Kompetenz. Daher zieht sie eine externe Expertin für eine Schulung des Personals hinzu und erwirbt sich somit das nötige Wissen. Event knowledge ➔ Ereigniswissen Explizites Wissen Alles bewusste, sprachlich formulierbares und verschriftlichbares Wissen. Es ist allgemein zugänglich und problemlos auf verschiedene Zusammenhänge übertragbar. [11, 12] ➔ Implizites Wissen Bei den JUH soll Wissensmanagement eingeführt werden. EineMitarbeiter ist nun beauftragt die Vielzahl an explizitem, verschriftlichtem Wissen, z.B. Bücher, Lehrbücher und Schulungsmaterial, Handlungsleitfäden, Check-Listen, Datenbanken, Dienstvorschriften etc. zu sammeln und zu strukturieren. Externes Wissen Alles Wissen, das einer Organisation und/oder einzelnen Mitgliedern nicht selbst zur Verfügung steht und dass sie von außerhalb hinzugezogen werden muss [11] ➔ Internes Wissen Auf der A1 ist ein Gefahrentransporter von der Fahrbahn abgekommen. Nach der weiträumigen Sperrung zieht die Feuerwehr das TUIS (Transport-Unfall-Informationsund Hilfeleistungssystem) des Verbandes der chemischen Industrie für den fachgerechten Umgang mit den entwichenen Chemikalien zu Rate. Weil dieses Wissen bei der Feuerwehr intern nicht zur Verfügung steht, muss sie auf diese externe Wissensquelle zurückgreifen. F - - - G Gegenstandswissen Wissen mit Bezug zum "Gegenstand", also über was etwas gewusst wird [11, 14,15] ➔ Arten von Wissen, Inhaberwissen Kein Beispiel, da Sammelbegriff Gelbe Seiten Verzeichnis, in dem alle Mitarbeitenden mit ihren Fähigkeiten, ihrem Fachwissen und weiteren Kontaktinformationen registriert sind. Ermöglicht ein schnelles Auffinden von Ansprechpartner. Häufig mit dem englischen Begriff Yellow Pages bezeichnet. [12, 15, 20] ➔ Methoden des Wissensmanagement Eine BOS legt zur besseren Übersicht interner Strukturen Gelbe Seiten an. Jeder Mitarbeitende füllt dafür einen Steckbrief mit allen relevanten Informationen aus, z.B. Name, Ausbildung, Fachkenntnisse, Sprachen, Hobbies, Foto etc. Mit Hilfe einer Suchfunktion können die Mitarbeitenden nun schnell, auch über Abteilungsgrenzen hinweg, Ansprechpartner für bestimmte Fragen finden. Genese von Wissen Eines der verschiedenen Modelle von Wissensentstehung. Die Genese von Wissen ist ein Modell von Davenport und Prusak (1999). [9] ➔ Modelle der Wissensentstehung Kein Beispiel, da Modell
21 A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z Glossar - Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz Zentrale Begriffe des Wissensmanagements Definitionen/ Erläuterungen Anwendungsbeispiel im Bevölkerungsschutz Ground truth ➔ Erfahrungsschatz Groupware Informationsund Kommunikationstechnologie, die gemeinsames Arbeiten mehrerer Personen über räumliche Distanzen hinweg online arbeiten ermöglicht. Zum Beispiel zur Erstellung von gemeinsamen Dokumenten, Gruppenterminkalender, Videokonferenzsysteme, schwarze Bretter. [4] ➔ Methoden des Wissensmanagement Eine BOS will zur Einsatzvorbereitung und zum Einsatzvorgehen Dokumente erstellen, in der das Fachwissen verschiedener Bereich einfließt. Da es aus zeitlichen Gründen sehr schwierig ist, die entsprechenden Fachleute an einen Tisch zu bringen, wird eine Onlineplattform eingerichtet, in der die Beteiligten gemeinsam an den Dokumenten arbeiten können. Sie können dies sowohl zu verschiedenen Zeiten als auch von verschiedenen Orten aus tun. H - - - I Identifikation von Wissen Sammlung und Dokumentation von Wissen und Erfahrungen innerhalb einer Organisation zur Feststellung des bestehenden Wissensumfangs. Diese Erkenntnisse können dadurch sowohl organisationsintern als auch -extern strukturiert zur Verfügung gestellt werden. [21] ➔ Wissenskreislauf Nach der LÜKEX 2018 werden in der Abteilung Krisenmanagement des BBKs die gewonnenen Erkenntnisse der Einsatzkräfte identifiziert, also gesammelt, dokumentiert und systematisch ausgewertet. In Form von Lessons Learnedund Best Practice-Dokumenten, Vorträgen und Workshops werden sie sowohl an internen als auch externen Interessierten zur Verfügung gestellt. Implizites Wissen Individuelles, meist intuitives, in der eigenen Tätigkeit und Erfahrung tief verankertes Wissen. Oftmals ist man sich dieses Wissens nicht bewusst und kann es daher nur schwer in Worte fassen und weitergeben. [2, 18] ➔ Explizites Wissen, Erfahrung, Arten von Wissen Eine langjährige Mitarbeiterin des Räumdienstes in Köln weiß nach einer Sturmnacht intuitiv welche Straßen zuerst geräumt werden müssen. Die eingehenden Fakten bestätigen ihre Vermutung. Da sie kurz vor ihrer Pensionierung steht, besteht die Gefahr, dass dieses implizite Wissen mit ihrem Ausscheiden verloren geht. Individuelles Wissen Implizites und/oder explizites, an eine Person, max. an einen engen Personenkreis gebundenes Wissen [4, 11] ➔ Kollektives Wissen, Erfahrung, Explizites Wissen, Implizites Wissen Das Wissen, das in einer BOS zu einem bestimmten Sachbestand an eine Person oder einen engen Personenkreis gebunden ist. Informationen Für eine Person oder Organisation relevanten Daten. Aus Daten werden Informationen und diese bilden die Grundlage für die Entstehung von Wissen [20] ➔ Modelle der Wissensentstehung Die durch die Auswertung der Daten zum Rheinpegel entstandenen Informationen geben Aussagen darüber, dass Hochwasserereignisse im Frühjahr gehäuft vorkommen.
22 A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z Glossar - Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz Zentrale Begriffe des Wissensmanagements Definitionen/ Erläuterungen Anwendungsbeispiel im Bevölkerungsschutz Informationsmanagement Alle Prozesse zur Erfassung, Organisation und Steuerung von Informationen in einer Organisation. Es bildet die Grundlage für ein effektives Wissensmanagement. [3] Bei der Einführung eines Wissensmanagements kann eine BOS auf die interne Datenbank als Informationsmanagementsystem aufbauen, in der die Mitarbeitenden sämtliche Informationen zu vergangenen Einsätzen eingetragen haben. Inhaberwissen Wissen mit Bezug zum "Inhaber", also wie das Wissen mit der Person oder Organisation verbunden ist [11, 14, 15] ➔ Gegenstandswissen, Arten von Wissen Kein Beispiel, da Sammelbegriff Instrumente des Wissensmanagements ➔ Methoden des Wissensmanagement Internes Wissen Innerhalb einer Organisation vorhandenes Wissen [11] ➔ Externes Wissen, Arten von Wissen Das Wissen, das innerhalb einer BOS zu einem bestimmten Sachbestand vorhanden ist, im Gegensatz zu dem Wissen, das dafür von außerhalb herangezogen werden muss. J - - - K Kodiertes, objektiviertes Wissen Explizit vorhandenes Wissen in Form von Datenbanken, Formeln, Regeln usw. [14] ➔ Explizites Wissen, Inhaberwissen, objektives Wissen Alles Wissen, das in einer BOS schriftlich dokumentiert ist und in Datenbanken oder Büchern etc. nachgeschlagen werden kann, z.B. Handlungsleitfäden, Formeln (wie z.B. die Risikoformel) Kollegiale Netzwerke Netzwerke, in denen sich Fachleute organisationsintern und -extern miteinander über gemeinsame fachliche Themen und Erfahrungen austauschen [2, 11] Erfahrung Die Führungskräfte mehrerer DRK und THW Ortsverbände treffen sich regelmäßig und besprechen die Einsatztaktik für kommende Veranstaltungen. Durch diesen fachlichen Austausch bilden sie kollegiale Netzwerke Kollektives Wissen Wissen, über das alle oder zumindest viele Mitglieder einer Organisation verfügen, oder gemeinsam darauf zugreifen können [2, 11] ➔ Individuelles Wissen, objektives Wissen, Subjektives Wissen Das kollektive Wissen, das in einer BOS zu einem bestimmten Sachbestand allgemein verfügbar und nicht an bestimmte Personen gebunden ist, z.B. Handlungsleitfäden, Vorschriften, etablierte Verhaltensweisen etc. Konzeptionelles Wissen Die Fähigkeit vom Einzelfall auf generelle Muster zu schließen [11, 14] ➔ Inhaberwissen Nach mehreren Einsätzen auf Großveranstaltungen, bei denen ein DRK-Mitglied aufgebrachte BesucherInnen beruhigt hat, kann er jetzt erkennen, mit Hilfe welcher psychologischen Techniken er prinzipiell beruhigend auf Menschen einwirken kann.
23 A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z Glossar - Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz Zentrale Begriffe des Wissensmanagements Definitionen/ Erläuterungen Anwendungsbeispiel im Bevölkerungsschutz Konzeptuelles Wissen Wissen über Sachbestände (Faktenwissen) [11, 14, 15] Gegenstandswissen In Ausbildungslehrgängen an der AKNZ lernen die Teilnehmenden die Änderungen von Gesetzen und Vorschriften, z.B. die Neuerungen in der Konzeption Ziviler Verteidigung (KZV) Kulturelles Wissen In der jeweiligen Organisationkultur vorhandenes Wissen, Selbstverständnis, die gemeinsamen Orientierungen und Werte. Wird von den Mitgliedern durch Sozialisationsprozesse an neue Mitglieder weitergegeben. [14] ➔ Inhaberwissen, Implizites Wissen Abgesehen vom übergreifenden Ziel im Bevölkerungsschutz, Menschen in Notlagen zu helfen, setzt jede einzelne BOS für sich noch einmal intern Schwerpunkte, z.B. liegt vor allem die technische Komponente in der Hand des THWs, während die Hilfsorganisationen eher einen medizinischen und betreuungstechnischen Fokus haben. L Lernende Organisation Durch Wissensmanagement wird eine Organisation zur "lernenden Organisation". Diese setzt sowohl die Lernbereitschaf der Mitarbeitenden voraus als auch eine Organisationskultur, in der Wissensund Erfahrungsaustausch grundlegender Bestandteil sind. [22] Kein Beispiel, da Oberbegriff Lessons Learned Systematische Dokumentation und Aufbereitung von Erfahrungen in einer Organisation, durch die sie aus Erfolgen und Misserfolgen systematisch lernen und ihre Prozesse optimieren kann [15, 17] ➔ Methoden des Wissensmanagement Nach einem Einsatz wird im Team nach einer bestimmten Struktur aufgearbeitet, was gut und was weniger gut gelaufen ist. Die Erkenntnisse werden anschließend in zukünftige Einsatzabläufe integriert. M Metakognitives Wissen ➔ Konzeptionelles Wissen Methoden des Wissensmanagement Hilfsmittel zur praktischen Anwendung und Umsetzung des Wissensmanagement [14] Mit Hilfe verschiedener Instrumente und Methoden (z.B. Brainstorming, Lessons Learned, Best Practice, Übungen, Planspiele, Fortbildungen, Dokumentensysteme, Kollegiale Netzwerke, Gruppenmeetings etc.) kann das Wissensmanagement einer BOS in die Praxis umgesetzt werden. Modelle des Wissensmanagements In der Fachliteratur werden die Bezeichnungen "Wissensmanagementmodell" und "Wissensmodell" nicht deutlich unterschieden. Daher werden hier im Glossar entsprechende Wissensmanagementlösungen als "Ansätze von Wissensmanagement" bezeichnet. Kein Beispiel, da Oberbegriff
24 A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z Glossar - Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz Zentrale Begriffe des Wissensmanagements Definitionen/ Erläuterungen Anwendungsbeispiel im Bevölkerungsschutz Modelle der Wissensentstehung Es gibt verschiedene Modelle, wie Wissen entsteht, z.B. Wissenspyramide, Wissensspirale, Wissenstreppe, Genese von Wissen. [11] Kein Beispiel, da Sammelbegriff N Nichtwissen Bewusster oder unbewusster Mangel an Wissen als unumgänglicher Bestandteil von Wissensmanagement [13, 20] Nichtwissen ist bis zu einem bestimmten Ausmaß unvermeidbarer Bestandteil des Bevölkerungsschutzes und der bewusste Blick auf fehlende Bestände von Wissen kann zu einer Überlebensfrage werden. Allerdings ist es wichtig abzuwägen, wieviel Wissen und Nichtwissen für eine konkrete Entscheidungssituation nützlich ist. Normatives Wissensziel Verankerung der Bedeutung von Wissen im Organisationsleitbild und in der Organisationskultur [12] ➔ Ziele von Wissen, operatives Wissensziel, Strategisches Wissensziel Als einen der zentralen Punkte ihres Organisationsleitbildes legt eine BOS als normative Wissensziel fest, dass Wissen eine herausragende Rolle für die Erfüllung ihrer Aufgabe im Bevölkerungsschutz spielt. Dafür möchte sie das Wissen und die Erfahrungen aus den vergangenen Einsätzen zielgerichtet für zukünftige Einsätze nutzen. Nutzung von Wissen Eines der Ziele des Wissensmanagements einer Organisation zur Bewältigung ihrer Aufgaben [21] ➔ Wissenskreislauf Mit Hilfe von Handlungsleitfäden, Weiterbildungen etc. wird den Mitgliedern einer BOS das Wissen aus früheren Einsätzen zur Verfügung gestellt. So können sie es für zukünftige Lagebewältigungen nutzen. O objektives Wissen Synonym zu allgemein gültigem, Kollektives Wissen und Gegensatz zu an den Menschen gebunden, individuellem Wissen [11, 15] Das objektive Wissen, das im Bevölkerungsschutz zu einem bestimmten Sachbestand allgemein anerkannt und verfügbar ist, z.B. Handlungsleitfäden, Lehrbücher etc. operatives Wissensziel Umsetzung der strategischen Wissensziele im täglichen Arbeitsablauf [21] ➔ Ziele von Wissen, Normatives Wissensziel, Strategisches Wissensziel Um ihre Expertise im Bereich technischer Systeme zur Trinkwasserversorgung intern auszubauen, legt eine BOS als operatives Wissensziel fest, dass die MitarbeiterInnen und HelferInnen der humanitären Nothilfe jährlich drei Schulungen besuchen sollen.
25 A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z Glossar - Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz Zentrale Begriffe des Wissensmanagements Definitionen/ Erläuterungen Anwendungsbeispiel im Bevölkerungsschutz Organisationales Wissensmanagement Begriff wird in Abgrenzung zum Begriff "Persönliches Wissensmanagement" verwendet. Bei organisationalem Wissensmanagement handelt es sich um eine Unternehmensstrategie. Dabei wird mit Hilfe von Prozessen und Methoden Wissensmanagement in einer Organisation eingeführt. Kein Beispiel, da Oberbegriff P Persönliches Wissensmanagement Wissensmanagement des einzelnen Mitarbeiters. Es gibt ähnliche Teilprozesse wie beim Organisationales Wissensmanagement, der Fokus liegt aber auf den persönlichen Bereichen und dem individuellen verantwortungsbewussten Umgang mit Informationen und Wissen. Kein Beispiel, da Oberbegriff Planspiele Anhand des Durchspielens von komplexen Situationen lernen die Teilnehmenden verschiedene Handlungsoptionen kenne und erweitern so ihr Erfahrungswissen in einem risikofreien Rahmen [15] ➔ Methoden des Wissensmanagement Um auf akute Gefahrensituationen besser reagieren zu können, führen BOS im Vorfeld mögliche Szenarien als Planspiele durch. Procedural knowledge ➔ Prozesswissen Prozesswissen Wissen über Prozesse, also (automatisierte) Abläufe und Zusammenhänge [14, 15] ➔ Gegenstandswissen In einer BOS wissen alle Mitarbeitende wie die Meldewege innerhalb und zwischen Abteilungen ablaufen, aber auch z.B. nach welchen Schritten ein Einsatz erfolgt. QR - - - S SECI-Modell ➔ Wissensspirale
32 A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z Glossar - Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz Zentrale Begriffe des Wissensmanagements Definitionen/ Erläuterungen Anwendungsbeispiel im Bevölkerungsschutz Z Ziele von Wissen Richtungsgebend für das Wissensmanagement. Sie legen fest, welche Bestände von Wissen in einer Organisation aufgebaut werden und lassen sich in normative, strategischen und operative Wissensziele unterscheiden.[12, 15] In einer BOS soll ein Wissensmanagement eingeführt werden. Über die Festlegung der Wissensziele wird ein Plan erstellt, mit welchen Mitteln und Maßnahmen in welchen Bereichen welches Know-How aufgebaut werden soll.
33 A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z Glossar - Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz Abbildung Wissenskreislauf Wissen identifizieren Wissen bewahren Wissen nutzen Wissen (ver)teilen Wissen entwickeln Wissen erwerben Wissensziele Wissen bewerten Abbildung 1: Wissenskreislauf nach Probst et. al. (2012)
34 A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z Glossar - Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz Abbildung Wissenspyramide Abbildung 2: Wissenspyramide nach Aamodt und Nygård (1995)
35 A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z Glossar - Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz Abbildung 3: Wissensspirale, auch SECI-Modell genannt nach Nonaka und Takeuchi (1995) Abbildung Wissensspirale/SECI-Modell
36 A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z Glossar - Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz Abbildung 4: Genese von Wissen nach Davenport und Prusak (1999) Abbildung Genese von Wissen
37 A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z Glossar - Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz Abbildung Wissenstreppe Abbildung 5: Wissenstreppe nach North (2016)
38 A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z Glossar - Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz Abbildung TOM-Modell Abbildung 6: TOM-Modell nach Gerhards und Trauner (2011)
39 A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z Glossar - Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz 4. Literaturverzeichnis Einleitung und Glossar [1] Aamodt, A. and Nygård, M. (1995), “Different roles and mutual dependencies of data, information, and knowledge — An AI perspective on their integration”, Data & Knowledge Engineering, Vol. 16 No. 3, pp. 191–222. [2] Auer, T. and Sturz, W. (Eds.) (2007), ABC der Wissensgesellschaft, 1. Aufl., Doculine-Verl.-GmbH, Reutlingen. [3] Blank-Gorki, V. and Hufschmidt, G. (2016), “Wissensmanagemant im Bevölkerungsschutz”, in Fekete, A. and Hufschmidt, G. (Eds.), Atlas Verwundbarkeit und Resilienz: Pilotausgabe zu Deutschland, Österreich, Liechtenstein und Schweiz, Werbedruck GmbH Horst Schreckhase, Spangenberg, pp. 26–37. [4] Brich, S. (Ed.) (2014), Gabler Wirtschaftslexikon, 18., aktualisierte und erw. Aufl., Springer Gabler, Wiesbaden. [5] Bullinger, H.-J., Wörner, K. and Prieto, J. (1998), “Wissensmanagement. Modelle und Strategien für die Praxis”, in Bürgel, H.D. (Ed.), Wissensmanagement, Springer Berlin Heidelberg, Berlin, Heidelberg, pp. 21–39. [6] Bürgel, H.D. (Ed.) (1998), Wissensmanagement, Springer Berlin Heidelberg, Berlin, Heidelberg. [7] Covey, S.R. and Proß-Gill, I. (2006), Der 8. Weg: Mit Effektivität zu wahrer Größe; mit 8 Filmen auf DVD, GABAL Management, 3. Aufl., GABAL, Offenbach. [8] Davenport, T.H. and Prusak, L. (1999), Wenn Ihr Unternehmen wüßte, was es alles weiß: Das Praxishandbuch zum Wissensmanagement, 2. Auflage, Verlag Moderne Industrie, Landsberg/Lech. [9] Davenport, T.H. and Prusak, L. (2010), Working knowledge: How organizations manage what they know, [Nachdr.], Harvard Business School Press, Boston, Mass. [10] Fekete, A. and Hufschmidt, G. (Eds.) (2018), Machbarkeitsstudie für einen Atlas der Verwundbarkeit und Resilienz: Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz. [11] Gerhards, S. and Trauner, B. (2011), Wissensmanagement: 7 Bausteine für die Umsetzung in der Praxis, 4. Aufl., Carl Hanser Fachbuchverlag, s.l. [12] Karutz, H., Geier, W. and Mitschke, T. (Eds.) (2017), Bevölkerungsschutz: Notfallvorsorge und Krisenmanagement in Theorie und Praxis, Springer Berlin Heidelberg, Berlin, Heidelberg, s.l. [13] Katenkamp, O. (2011), Implizites Wissen in Organisationen: Konzepte, Methoden und Ansätze im Wissensmanagement, Zugl.: Dortmund, Techn. Univ., Diss., 2010, Dortmunder Beiträge zur Sozialforschung, 1. Aufl., VS Verlag für Sozialwissenschaften / Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH Wiesbaden, Wiesbaden. [14] Lehner, F. (2014), Wissensmanagement: Grundlagen, Methoden und technische Unterstützung, 5., aktualisierte Auflage, Hanser, München. [15] Meusburger, G. (2018), Unternehmensführung mit Wissensmanagement: Wissensorientiertes Management aus der Praxis, Meusburger Guntram GmbH, Wolfurt. [16] Mittelmann, A., Della Schiava, M., Dückert, S. and Terhoeven, G. (2011), Werkzeugkasten Wissensmanagement, Books on Demand GmbH, Norderstedt. [17] Nonaka, I. and Takeuchi, H. (1995), The knowledge creating company: How Japanese companies create the dynamics of innovation, Oxford Univ. Press, New York. [18] North, K. (2016), Wissensorientierte Unternehmensführung: Wissensmanagement gestalten, 6., aktualisierte und erweiterte Auflage, Springer Gabler, Wiesbaden. [19] Pircher, R. (Ed.) (2014), Wissensmanagement, Wissenstransfer, Wissensnetzwerke: Konzepte, Methoden, Erfahrungen, Publicis, Someret. [20] Probst, G.J.B., Raub, S.P. and Romhardt, K. (2012), Wissen managen: Wie Unternehmen ihre wertvollste Ressource optimal nutzen, 7. Aufl., Springer Gabler, Wiesbaden. [21] Reinmann, G., Mandl, H., Erlach, C. and Neubauer, A. (2001), Wissensmanagement lernen: Ein Leitfaden zur Gestaltung von Workshops und zum Selbstlernen, Beltz Weiterbildung, Beltz, Weinheim. [22] Stember, J. and Göbel, A. (2013), Wissensmanagement in öffentlichen Verwaltungen: Gemeinsame empirische Studie der Materna GmbH Information & Communications und der Hochschule Harz Fachbereich Verwaltungswissenschaften.
40 A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z Glossar - Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz 5. Wissenschaftliche Ausführungen zum Thema Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz Die nachfolgenden Ausarbeitungen zum Thema Wissen und Wissensmanagement sind der Veröffentlichung „Machbarkeitsstudie für einen Atlas der Verwundbarkeit und Resilienz (Atlas VR) – Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz“ von Hufschmidt und Fekete (Hrsg.) (2018) entnommen. Diese bildet den neuesten Stand der Forschung zum Thema Wissensmanagement allgemein und im Bevölkerungsschutz bereits so umfassend und differenziert ab, dass eine weitere Veröffentlichung keinen Mehrwert ergeben hätte. Mit dem Einverständnis der AutorInnen Blank-Gorki, Hufschmidt und Fekete haben wir aus dieser Veröffentlichung die Kapitel I-IV und VII übernommen und nur hier und da ein paar kleine Änderungen vorgenommen. Mit diesen Änderungen wird die inhaltliche Aussage des Ursprungstextes nicht verändert. Es soll damit lediglich ein zusammenhängender Lesefluss erreicht werden, der durch das Weglassen von Kapitel V und VI ansonsten unterbrochen worden wäre. Dies gilt auch für die Stellen, wo wir eigene Ergänzungen hinzugefügt haben. Diese sind deutlich mit „Norf et al.“ gekennzeichnet.
! Gabriele!Hufschmidt!!&!Alexander!Fekete!(Hrsg.)! Wissensmanagement! im!Bevölkerungsschutz! Machbarkeitsstudie!für!einen!Atlas!der! Verwundbarkeit!und!Resilienz!(Atlas!VR)!!! Autoren:!Verena!Blank-Gorki!▪!Lukas!Edbauer!▪!Alexander!Fekete!▪! Gabriele!Hufschmidt.!Unter!Mitarbeit!von:!Martin!Blümel!▪!Martin! Hilljegerdes!▪!Marcel!Köster! !
3 beeinflusst, verbessert und übergreifend vernetzt werden kann. In diesem Zusammenhang bezieht Wissensmanagement als übergeordnetes Konzept die bereits genannten Aspekte „Wissenserwerb und -vermittlung“ sowie „Wissenstransfer“ mit ein. Kapitel II und III machen dies im Detail deutlich. Darüber hinaus zeigt Kapitel III auf, dass im Wissensmanagement ein ganzheitlicher Ansatz im Vordergrund steht. Technische Systeme zur Speicherung und Kommunikation von Inhalten allein greifen zu kurz. Nur gemeinsam mit dem Blick auf Netzwerkstrukturen, neue Formen des organisationalen Lernens und eine intelligente Anordnung von Organisationsstrukturen ergibt sich ein tragfähiges Wissensmanagementkonzept (Katenkamp 2011; Lehner 2012). Wie können diese theoretischen Grundlagen und Überlegungen nun für den Bevölkerungsschutz genutzt werden? Dieser Frage widmet sich Kapitel IV und zeigt auf, welche Ansätze aus dem Wissensmanagement wie für den Bevölkerungsschutz genutzt werden können. Kapitel V fasst die Kernaspekte der Darstellung von Wissen und Wissensmanagement noch einmal zusammen und versucht einen Ausblick zu geben. Zusammengefasst: Wissen ist eine zentrale und handlungsbeeinflussende Ressource. Wissen im Bevölkerungsschutz kann aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden: Wissenserwerb und - vermittlung sowie Wissenstransfer sind mögliche Schwerpunkte. Wissensmanagement greift beide Aspekte als wesentliche Elemente auf und bietet einen umfassenden Ansatz zum systematischen und bewussten Umgang mit Wissen. Wissensmanagement dient der Verbesserung und systematischen Vernetzung von personenoder organisationsbezogenen Wissensbeständen. Der Atlas VR zeigt als Pilotversion Möglichkeiten sowie die Vorund Nachteile für Wissenserwerb und - transfer im Kontext eines Wissensmanagementkonzeptes im Bevölkerungsschutz auf. 2. Wissensmanagement: Vom Bedarf und Mehrwert für den Bevölkerungsschutz Wissensmanagement (der englische Term „knowledge management“ findet sich im Deutschen ebenso) hat seine Wurzeln u.a. im wirtschaftlichen Kontext. Auch wenn sich viele weitere Wissenschaftsbereiche mindestens ebenso intensiv und vor allem länger mit Aspekten beschäftigen, die unmittelbar mit dem Thema zusammenhängen. Dazu gehören nicht zuletzt die Philosophie, die Psychologie, die Soziologie, die Pädagogik u. v. m. Vor allem Unternehmen sind auf der Suche nach Lösungen, wie Informationen und Wissen systematisiert und „gemanagt“ werden können. Mit dem Ziel, die Produktivität zu steigern, wurden zunächst vor allem IT-Lösungen eingeführt; Datenbanken zur Speicherung und Visualisierung von expliziten Wissensbeständen standen dabei im Vordergrund (Grant 2007; Katenkamp 2011). Mit Fortentwicklung und wissenschaftlicher Fundierung des Themenfeldes wurde deutlich, dass diese rein technische Sichtweise zu kurz greift. Die Bedeutung der „sozialen Dimension“ von Wissen – dem Menschen als Wissensträger – wurde zunehmend deutlicher. Gesamtsysteme der Gewinnung, Strukturierung, Organisation und Nutzbarmachung von Wissen – bezogen auf den individuellen Kontext sowie auf den organisatorischen Rahmen – erweitern die Perspektive.
4 Hintergrund all dieser Entwicklungen ist die Frage, warum es für Organisationen eine Herausforderung ist, ihr Wissensrepertoire abzurufen bzw. „why organizations do not know what they know” (Szulanski 1996, S. 38). Auch in Organisationen des Bevölkerungsschutzes entstehen in der alltäglichen Arbeitspraxis immer wieder Situationen, in denen eigentlich verfügbares Wissen nicht abrufbar ist. Häufig liegt das an (1) Unkenntnis über Wissensbestände, (2) Kommunikationsdefiziten und/oder (3) Flüchtigkeit von Wissen, das an einzelne, nur temporär eingesetzte Mitarbeiter geknüpft ist (Katenkamp 2011; Lehner 2012; Peneder 2013; Szulanski 1996; Probst et al. 2012). Gleichzeitig wird die Notwendigkeit, bestehendes Wissen als zentrale Ressource nutzen zu können, als wesentlich eingeschätzt. Zu diesem Ergebnis kamen die Teilnehmer eines Workshops, der im Rahmen der Machbarkeitsstudie zum Atlas VR durchgeführt wurde (vgl. Kapitel IV). In Behörden und Organisationen des Bevölkerungsschutzes existieren zwar Maßnahmen, um vorhandenes Wissen zu strukturieren und verfügbar zu machen, diese sind jedoch häufig Insellösungen. Organisationsübergreifende Lösungen haben bisher eher eine untergeordnete Bedeutung gespielt. Dabei ist vor allem in der Vorbereitung aber auch in der Abarbeitung und Nachbereitung von Krisen und Katastrophen ein interdisziplinärer Austausch über Organisationsgrenzen hinweg unerlässlich. Der Rückgriff auf bereits bestehende Wissensbestände aus vorangegangenen ähnlichen Situationen, der Austausch über spezifische Kenntnisse und Fähigkeiten wird vor allem von Entscheidern und Praktikern als Wunsch genannt, um das „Rad nicht jedes Mal neu erfinden zu müssen“, wie es ein Teilnehmer des erwähnten Workshops formulierte. Besondere Beachtung sollten hierbei Referenzdisziplinen des Wissensmanagements (Anmerkung von Norf et al.) Lehner (2014) beschäftigt sich ausführlich mit den zahlreichen Referenzdisziplinen des Wissensmanagements. Seine Wurzeln hat Wissensmanagement vor allem in den Konzepten des Organisationalen Lernen und des Organisationalen Gedächtnisses. Aber Wissensmanagement und die Frage „Wie gehen Organisationen mit Wissen um?“ ist inzwischen auch Gegenstand vieler anderer wissenschaftlicher Disziplinen. Lehner nennt hier vor allem die Teildisziplinen der Informatik und informatiknahen Wissenschaften (u.a. Informatik, Wirtschaftsinformatik), der Wirtschaftswissenschaften (u.a. Managementwissenschaften, Personalwissenschaften, Organisationswissenschaften) und der Humanwissenschaften (u.a. Psychologie und Soziologie, hier vor allem die Wissenssoziologie). Darüber hinaus haben auch andere Disziplinen Einfluss auf die Erforschung und Entwicklung von Wissensmanagement, z.B. die Philosophie, Pädagogik, Rechtswissenschaften, Medienwissenschaften, Volkswirtschaftslehre oder Politikwissenschaften. Diese Vielzahl der Referenzdisziplinen zeigen, wie interdisziplinär dieses Feld ist. Durch die unterschiedlichen Herangehensweisen der einzelnen Wissenschaftsgebiete ist einerseits die einheitliche Definition wichtiger Begriffe schwer und es finden sich viele unterschiedliche Methoden, Techniken und Ansätzen des Wissensmanagements. Andererseits bestehen zwischen den Konzepten zahlreiche Verbindungen, wodurch wiederum eine klare Trennung dieser Konzepte und Aufteilung nach Disziplinen nicht möglich ist.
5 Einsatzauswertungen und die Identifizierung von sog. „best practice“-Konzepten erfahren. Dabei ist es eine besondere Herausforderung, die speziellen Strukturen des Bevölkerungsschutzsystems in Deutschland zu berücksichtigen: Die Differenzierung zwischen hauptund ehrenamtlich Tätigen führt zu einem großen Pool an unterschiedlichem Wissen, das in einem vielgliedrigen System „gespeichert“ ist. Wie dieses Wissen systematisch identifiziert und als Ressource genutzt werden kann, muss ebenfalls Teil eines Wissensmanagementkonzeptes für den Bevölkerungsschutz sein (vgl. Kapitel IV). Zusammengefasst: Wissensmanagement beschäftigt sich mit der Gewinnung, Strukturierung, Organisation und Nutzbarmachung von Wissen. Die Ressource Wissen wird in Organisationen nicht immer konsequent und optimal genutzt; Wissen erodiert. Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz bezieht sich sowohl auf eine organisationsinterne als auch auf eine organisationsübergreifende Perspektive. Wesentliches Element von Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz ist die Frage nach bereits existierenden Informationsund Wissensbeständen – besonders in Bezug auf Einsatzauswertungen und best-practice-Konzepte.
6 II. Wissen: Betrachtungen zu einem vielschichtigen Konzept Verena Blank-Gorki Den Begriff „Wissen“ eindeutig zu definieren, ist keine leichte Aufgabe. Es existieren unzählige Ausführungen und Zuschreibungen in unterschiedlichen Fachdisziplinen zu diesem Begriff. Bereits Philosophen der Antike wie Platon oder Aristoteles haben sich mit dem Wesen von Wissen auseinandergesetzt. Seitdem ist es Gegenstand vielfältiger wissenschaftlicher Diskurse. Im Folgenden werden Grundlagen und Unterscheidungen des Begriffs vorgestellt und hinsichtlich ihrer Relevanz für Fragestellungen zum Wissensmanagement eingeordnet. 1. Wissen: Grundlagen und Modelle Unterschiedliche Sichtweisen über die Natur und Beschaffenheit von Wissen machen es schwer, eine eindeutige Begriffsbestimmung vorzunehmen. Vielmehr scheint es so zu sein, dass es „über das Wesen von Wissen […] sehr unterschiedliche Vorstellungen [gibt], die nicht durch Definitionen aufgelöst werden können“ (Lehner 2012, S. 58). Der bekannteste Diskurs bezieht sich auf zwei Perspektiven: Wissen wird einerseits als (1) objektiv und allgemeingültig sowie (2) als subjektiv und an Menschen gebunden beschrieben. Die erste Sichtweise geht davon aus, dass es Wissen gibt, das losgelöst vom Individuum gespeichert ist (Popper 1973) und aufgrund einer „objektiven Gewißheit“ (Kant 1978) für alle Menschen gleich zugänglich ist. Damit sind beispielsweise mathematische Gleichungen oder andere naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten gemeint, die allgemein als „wahr“ angenommen werden. Darin liegt der entscheidende Unterschied zur subjektiv orientierten Sichtweise. Hierbei wird Wissen als Zustand oder Fähigkeit eines Individuums verstanden (Popper 1973). Da sich die meisten Wissensmanagement-Maßnahmen auf die subjektive Form von Wissen beziehen, steht diese Perspektive in den weiteren Betrachtungen im Vordergrund. Mit der subjektiven Definition ist die Annahme verbunden, dass Wissen an Menschen gebunden ist und es sich um ein soziales Konstrukt handelt. Es entsteht, wenn Informationen von Individuen oder auch Organisationen aufgenommen und in Erfahrungskontexte eingeordnet werden (Davenport und Prusak 1999; Katenkamp 2011). Wissen wird demnach als Ergebnis eines Prozesses der Verarbeitung von Information bzw. Daten und Zeichen gesehen. Verschiedene Modelle verdeutlichen diesen Zusammenhang (vgl. Aamodt und Nygård 1995; North 2002; Davenport und Prusak 1999 und Abbildung II.1, II.2 und II.3).
7 Abbildung II.1: Wissenspyramide (nach Aamodt und Nygård 1995, Abbildung nach Herrmann 2012, eigene Darstellung) Abbildung II.2: Wissenstreppe (nach North 2002, eigene Darstellung) Basis der meisten Modelle sind Zeichen (vgl. Abb. II.1 und II.2), die mittels Sinneswahrnehmungen von realen Objekten abgeleitet werden (die Semiotik befasst sich mit einer solch grundsätzlichen Unterteilung). Dabei handelt es sich um unzusammenhängende Buchstaben oder Zahlen, die erst durch eine bestimmte Reihenfolge (sog. Syntax) Sinn ergeben. In manchen Modellen wird auch der Begriff
8 „Fakten“ verwendet (vgl. Abbildung II.3). Diese Kategorie fasst Zeichen und Syntax zusammen und beschreibt somit ebenfalls die Grundlage für die Entwicklung von Wissen. Abbildung II.3: Genese von Wissen (nach Davenport und Prusak 1999, Abbildung nach Weichselgartner und Pigeon 2015, eigene Darstellung) Daten sind aus Zeichen bzw. Fakten resultierende Messungen oder Beobachtungen, die allerdings noch kontextunabhängig existieren. Eine Bedeutung erhalten sie erst, wenn sie eine systematische Selektion erfahren. Personen oder Organisationen sammeln Daten für die Bearbeitung eines bestimmten Sachverhalts und lassen diese somit zu relevanten Informationen werden (Pircher 2014). Im Kontext des Bevölkerungsschutzes übernehmen diese Aufgabe bspw. Leitstellen und Lagezentren. Unabhängig davon, ob es sich um ein Hochwasser, einen großflächigen Stromausfall oder einen Massenanfall von Verletzten (MANV) handelt: Je nach Lage werden Daten gesichtet, systematisch aufgenommen und mit Sachbezug aufbereitet. Auf diese Weise entstehen Informationen, die für die Abarbeitung einer Notlage entscheidend sein können. Informationen haben damit einen themenspezifischen und gleichzeitig subjektiven Bezug: Die Person oder Organisation, die sie im Prozess der Datensichtung als relevant auswählt, misst ihr eine entsprechende Bedeutung bei. Wissen und Informationen stehen in enger Verbindung zueinander. Die organisierte und reflektierte Verarbeitung von Informationen kann die Entstehung von Wissen nach sich ziehen: Werden Informationen in persönliche, individuelle Erfahrungskontexte integriert, können sich neue kognitive Verknüpfungen entwickeln (Davenport und Prusak 1999; Katenkamp 2011; Pircher 2014), die den
9 „Wissensinhaber“ zu Handlungen veranlassen (Lehner 2012, S. 58). So werden bspw. bei der Entscheidung für oder gegen eine Maßnahme bei der Bekämpfung von Hochwasser (z. B. gezielte Öffnung von Dämmen oder Deichtoren) im besten Fall alle verfügbaren und relevanten Lageinformationen berücksichtigt. Gleichzeitig greifen die Führungskräfte und Entscheider auf eigene bereits existierende Wissensbestände aus Fachkenntnissen, früheren Erfahrungen, usw. zurück oder ziehen die jeweiligen Experten hinzu. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Wissen sich nicht eindimensional erklären lässt. Zwar ist die Aufnahme und Verarbeitung von Informationen ein entscheidender Baustein, um neues Wissen zu generieren. Aber die bereits bestehenden individuellen Wissensstrukturen entscheiden darüber, wie die neuen Elemente aufgenommen und verarbeitet werden. Abbildung II.4 zeigt verschiedene Bestandteile von Wissen, die nicht immer trennscharf zu unterscheiden sind und eine große Schnittmenge untereinander aufweisen (Davenport und Prusak 1999). Abbildung II.4: Bestandteile von Wissen (nach Davenport und Prusak 1999, eigene Darstellung) Wie Menschen Informationen verarbeiten und neues Wissen generieren, hängt in besonderem Maße von vorangegangenen Erfahrungen ab. Frühere Tätigkeiten und Situationen bilden die Grundlage, auf denen neue Aspekte eingeordnet und bewertet werden können. Eng damit verknüpft ist das Konzept der „Praxis“. Im Englischen auch als „ground truth“ (Davenport und Prusak 1999, S. 8) bezeichnet, ist damit das Wissen gemeint, dass durch die praktische Anwendung theoretischer Konzepte und den daraus resultierenden Erkenntnissen entstanden ist. Bezogen auf das heterogene Feld des Bevölkerungsschutzes sind hierbei vor allem Erfahrungen aus zurückliegenden Einsätzen zur
10 Abarbeitung von komplexen Gefahrenund Schadenslagen als zentral einzuordnen. Darüber hinaus lassen sich aber auch bspw. die praktische Anwendung von präventiven Schutzmaßnahmen und die Durchführung von Übungen benennen. Zur zentralen Bedeutung von praktischem Wissen und Erfahrungswissen für den Bevölkerungsschutz in Bezug auf Aspekte von Wissensmanagement finden sich in Kapitel IV weitere Ausführungen. Zwei weitere zentrale Bestandteile von Wissen sind die Fähigkeit komplexe Sachverhalte aufzunehmen und sich ein Urteil zu bilden. Im Gegensatz zu Informationen und Daten beinhaltet individuelles Wissen auch immer einen bestimmten Anteil an persönlicher Meinung. Basierend auf Erfahrungen und Vorkenntnissen, aber auch auf Heuristiken (Daumenregeln, Intuition) sowie individuellen Werten und Annahmen entscheiden Menschen darüber, wie neue, komplexe Informationen aufgenommen und verarbeitet werden. Dieser Prozess läuft zu einem großen Teil unbewusst ab (Pircher 2014). Zusammengefasst: Der Begriff „Wissen“ lässt sich auf vielfältige Weise und aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven definieren; eine einheitliche Begriffsbestimmung ist nicht möglich. Wissen wird hier als Zustand bzw. Fähigkeit eines Individuums verstanden. Wissen ist das Ergebnis eines Prozesses der Verarbeitung von Information bzw. Daten und Zeichen. Wissen entsteht auf Basis bereits bestehender kognitiver Wissensstrukturen (Vorerfahrungen, Fachwissen, Heuristiken, etc.) 2. Arten von Wissen Im vorangegangenen Abschnitt standen die Genese und die verschiedenen Bestandteile von Wissen im Vordergrund. Im Hinblick auf die speziellen Fragestellungen von Wissensmanagement (vgl. Kapitel III) ist es darüber hinaus sinnvoll, sich mit unterschiedlichen Arten und Erscheinungsformen von Wissen auseinanderzusetzen. Die am häufigsten verwendete Differenzierung bezieht sich auf implizites und explizites Wissen (Nonaka und Takeuchi 1995; Polanyi 1962, 1985). Hierbei liegt der wesentliche Unterschied in der „Artikulationsfähigkeit“ (Katenkamp 2011, S. 56): Explizites Wissen ist artikulierbar und bewusst, es liegt in greifbaren Dokumenten, Büchern usw. vor. Implizites Wissen hingegen ist nicht vollständig artikulierbar, ist erfahrungsbasiert und unbewusst. Es bezieht sich auf das Können und persönliche Erfahrungen von Individuen oder Organisationen. Dementsprechend kann es nicht ohne weiteres geäußert bzw. externalisiert und von anderen Personen genutzt werden. Auch im Kontext des Bevölkerungsschutzes sind beide Wissensformen zu finden. Berichte zu Forschungsprojekten, systematische Aufzeichnungen über Einsätze, Aufsätze in den einschlägigen Fachzeitschriften, aber auch weniger formalisierte Fachvorträge, Diskussionsforen, Workshops usw. machen deutlich, dass vielfältige (Repräsentations-)Formen von explizitem Wissen vorhanden sind. Gleichzeitig ist das heterogene Feld der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS)
11 und der thematisch verwandten Akteure auch häufig dadurch gekennzeichnet, dass Wissen auf spezifischen Erfahrungen basiert und dadurch an bestimmte Personen gebunden ist. Besonders im operativen, aber auch im politisch-administrativen Bereich scheint es eine große Menge an implizitem Wissen zu geben, das nicht ohne weiteres in eine explizierbare Form überführt werden kann. „Lessons learned“-Veranstaltungen und deren Dokumentation sowie systematische Einsatzauswertungen sind Beispiele, die hier Abhilfe schaffen können. Implizites und explizites Wissen kann sich nicht nur auf eine Person sondern auf eine ganze Organisation beziehen (Spender 1996; Warnecke et al. 1998). Abbildung 5 macht diese Unterscheidung deutlich. Individuelles Wissen ist dadurch gekennzeichnet, dass nur eine Person oder max. ein sehr exklusiver Kreis bspw. an Führungskräften über bestimmtes Wissen verfügt. Kollektives Wissen hingegen existiert innerhalb einer Organisation, unabhängig von bestimmten Personen. Das bedeutet nicht, dass alle Mitarbeiter dieses Wissen besitzen, aber es ist so weit verbreitet, dass es beim Ausscheiden Einzelner verfügbar bleibt bzw. wieder rasch generiert werden kann. Eine weitere Differenzierung bezieht sich darauf, dass für die Aufgabenerfüllung relevantes Wissen entweder innerhalb von Organisationen vorhanden ist (intern) oder von außen (extern) dazu geholt werden muss (vgl. ebenfalls Abbildung II.5). Abbildung II.5: Wissenswürfel (nach (Warnecke et al. 1998), eigene Darstellung) Aus allen drei genannten Gegensätzen (Dichotomien), „explizit-implizit“, „individuell-kollektiv“ und „intern-extern“, lassen sich unmittelbare Folgerungen ableiten, mit denen sich Wissensmanagement auseinandersetzen muss. Dazu gehören Fragen, wie (1) implizites Wissen in explizites Wissen transferiert werden kann, (2) explizites Wissen Teil individueller Wissensbestände wird, (3) individuelles Wissen in kollektives Wissen überführt wird und (4) externes Wissen verfügbar und in internes Wissen umgewandelt werden kann. Anders formuliert: Wie kann (1) persönliches Wissen artikuliert, z. B. verschriftlicht, werden? (2) „Schriftwissen“ gelernt werden? (3) Wissen geteilt werden? (4) Wissen in die eigene Organisation überführt werden?
12 Kapitel III und IV beleuchten diese Aspekte und ordnet sie im Kontext des Bevölkerungsschutzes ein. Der sog. Wissenswürfel (vgl. Abbildung II.5) verdeutlicht die verschiedenen Arten von Wissen. Die Differenzierung zwischen implizitem und explizitem Wissen ist vor allem für ein WissensmanagementKonzept relevant. Denn im Kern geht es beim Wissensmanagement darum, Wissensquellen besser zu vernetzen. Beide Dimensionen bilden allerdings nur einen bestimmten und verdichteten Teil eines größeren Spektrums ab. Sowohl in der Praxis als auch in der Wissenschaft werden weitere Wissensarten unterschieden. Je nach Blickwinkel haben verschiedene Autoren hierzu unterschiedliche Systematiken entwickelt (für einen Überblick vgl. Katenkamp 2011; Lehner 2012). So werden Wissensarten bspw. einerseits mit Bezug zum „Wissensinhaber“ betrachtet. Die einzelnen Varianten beziehen sich folglich darauf, wie Wissen an Personen oder Organisationen gebunden ist. Einen anderen Fokus setzen Beschreibungen von Wissensarten, die den „Wissensgegenstand“ in den Vordergrund stellen. Zentral ist hierbei das Wissen „über etwas“. Tabelle II.1 bietet einen Überblick zu den verschiedenen Perspektiven und daraus abgeleiteten Wissensarten. Verschiedene Wissensarten schließen sich nicht gegenseitig aus. Im Gegenteil: Die vorgestellten Formen von Wissen existieren gleichzeitig und bilden in einem Zusammenspiel die Grundlage für menschliches Handeln. Ebenso sind die Wissensbestände von Personen und Organisationen nicht konstant. Das bedeutet, dass sie sich im zeitlichen Verlauf verändern können. So ist es bspw. möglich, dass das sog. Ereigniswissen aufgrund neuer Erfahrungen anwächst, verborgenes Wissen öffentlich und artikulierbar wird oder kulturelles Wissen sich inhaltlich wandelt (Lehner 2012). Im Bevölkerungsschutz lassen sich die genannten Wissensarten ebenfalls identifizieren, wobei Schwerpunkte erkennbar sind: Je nach Art der zu bewältigende Aufgabe haben nicht alle Wissensarten die gleiche Bedeutung. Deutlich wird dieser Umstand, wenn die verschiedenen Kategorien in Bezug zum Katastrophenkreislauf gesetzt werden. Abbildung II.6 gibt einen Überblick, welches Wissen zu welchem Zeitpunkt besondere Relevanz hat. Dabei ist zu betonen, dass es sich um ein theoretisches Modell handelt, das nicht zwangsläufig in allen realen Situationen zutrifft. Es dient allerdings dazu herauszustellen, dass zu unterschiedlichen Zeitpunkten verschiedene Wissensarten bei der Aufgabenbewältigung im Vordergrund stehen, während andere eine nachgeordnete Rolle spielen. Daraus lassen sich erste Hinweise ableiten, wo Maßnahmen und Instrumente von Wissensmanagement ansetzen können.
19 Tabelle III.1: Herausforderungen im Wissensmanagement Übergeordnete Herausforderungen im Wissensmanagement Konkrete Herausforderungen im Wissensmanagement Wie erfolgt der Transfer von (1) implizitem zu explizitem Wissen? Fähigkeiten und Kenntnisse zu bestimmten Themenfeldern sind häufig implizit und an Personen gebunden. Persönliche Erfahrungen haben einen Einfluss auf Entscheidungen, liegen aber häufig nicht expliziert vor. Systematische Dokumentation, Austauschforen etc. können ein möglicher Ansatzpunkt sein. (2) explizitem Wissen zu individuellen Wissensbeständen? Selbst wenn Wissen explizit in Form von Dokumenten, Büchern usw. vorliegt, ist damit nicht automatisch die Überführung in individuelle Wissensbestände verbunden. Der notwendige Transfer kann als eine Form von Lernen angesehen werden. Fachspezifische Aus-, Fortund Weiterbildungen unterstützen diesen Prozess. (3) individuellem zu kollektivem Wissen? Besteht in einer Organisation Konsens darüber, welches Wissen für mehr als eine Person zur Verfügung stehen soll, sind verschiedene Wege des Transfers denkbar. Personen, die als Wissensinhaber bekannt sind, haben die Möglichkeit durch direkten Austausch mit Kollegen ihr Wissen zu teilen (bspw. durch persönlic he Austauschforen). Ebenso sind technische Lösungen wie Datenbanken, Plattformen oder Wikis möglich. Auch ist es denkbar, sog. Multiplikatorenschulungen durchzuführen, in denen Personen ausgebildet werden, die das erworbene Wissen dann an einen größeren Adressatenkreis weitertragen können. (4) externem zu internem Wissen? Nicht alles Wissen, das für die Abarbeitung einer Aufgabe notwendig ist, ist automatisch innerhalb der eigenen Organisation verfügbar, sondern muss aus externen Quellen gewonnen werden. Praktische Möglichkeiten sind der Austausch mit Fachexperten und/oder in sog. „Communities of Practice“. Bereits auf Basis dieser Fragen lässt sich erkennen, dass die Implementierung eines ganzheitlichen Wissensmanagements eine Aufgabe ist, die mit einem gewissen Maß an Aufwand verbunden ist - sowohl personell als auch zeitlich (Schwaab 2007). Es bedarf eines schrittweisen Vorgehens, das in einem reziproken Prozess immer wieder an den Anforderungen der eigenen Organisation angepasst wird. Für den Bevölkerungsschutz sind hierzu in Kapitel IV weitere Ausführungen zu finden.
20 Zusammengefasst: Wissensmanagement hat das Ziel, verschiedene Wissensbestände in neue Formen zu transferieren. Konkrete Herausforderung von Wissensmanagement betreffen den Transfer von (a) implizitem zu explizitem Wissen, (b) explizitem Wissen zu individuellen Wissensbeständen, (c) individuellem zu kollektivem Wissen und (d) externem zu internem Wissen. Wissensmanagement verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz: Maßnahmen – wie bspw. technische Lösungen – funktionieren nur, wenn sie von allen personalen Ebenen akzeptiert sind und mitgetragen werden. 3. Ausgewählte Wissensmanagement-Ansätze Mit Blick auf die konkreten Anforderungen, die ein ganzheitliches Wissensmanagement mit sich bringt, wurden seit den 1980er-Jahren eine Vielzahl unterschiedlicher Konzepte und Modelle entwickelt (vgl. für einen Überblick Lehner 2012). Im Kern geht es in den meisten Modellen darum, einen theoretischen Rahmen zu entwickeln, wie effektives Wissensmanagement in Organisationen aussehen kann und wo die Schwerpunkte in der praktischen Umsetzung liegen sollten. Dabei stehen – je nach Ausrichtung der Autoren – stets unterschiedliche Teilaspekte und Schwerpunkte im Vordergrund. Letztlich ist es bisher noch nicht gelungen, ein übergreifendes Modell zu entwickeln, das alle Sichtweisen und Ansätze integriert. Mit der im Folgenden vorgestellten „Wissensspirale“ von Nonaka und Takeuchi (1995) sowie dem „Wissenskreislauf“ von Probst et al. (2012) werden für die vorliegende Studie zwei prominente Konzepte aufgegriffen, die in der Praxis erprobt sind und sich bewährt haben. Die jeweils postulierten Bausteine für ein ganzheitliches Wissensmanagement bilden wesentliche Kernelemente ab und lassen sich auch auf die entsprechenden Bedarfe im Bevölkerungsschutz übertragen. 3.1 SECI-Modell (Nonaka/Takeuchi) Im Kern der sog. Wissensspirale steht der Transfer zwischen implizitem und explizitem Wissen. Nonaka und Takeuchi (1995) nehmen in ihrem Modell an, dass neues Wissen entsteht, wenn beide Arten miteinander interagieren. Das kann auf unterschiedlichen Ebenen stattfinden – bspw. beim Individuum selbst oder in der Interaktion zwischen einzelnen Personen, Gruppen oder gar ganzen Unternehmen. Die Wissensumwandlung findet demnach über vier Hauptprozesses statt:
21 Abbildung III.1: Wissensspirale (Nonaka und Takeuchi 1995, Darstellung übernommen von www.community-of-knowledge.de) (a) Die Sozialisation meint das Teilen von implizitem Wissen zwischen zwei Individuen. In direkter Interaktion (bspw. im persönlichen Gespräch im Sinne eines „Erfahrungsaustauschs“) geschieht der Transfer „implizit zu implizit“ (Lehner 2012). (b) Mit der Externalisierung ist die Umwandlung von implizitem zu explizitem Wissen gemeint. Entscheidend sind hierbei zwei Aspekte: Die Artikulation von Wissen (bspw. bei der Äußerung und Diskussion von Ideen in Arbeitsgruppen) und die Übersetzung der artikulierten Inhalte in eine für andere verstehbare Form (bspw. Modelle, Hypothesen, Metaphern, usw.) (Nonaka und Konno 1998) (c) Die Kombination beschreibt den Prozess, wie explizites Wissen weitere Verbreitung finden kann. Es geht dabei im Kern um die Weitergabe bzw. Diffusion, die Systematisierung und Zusammenführung von bereits bestehenden Inhalten, um neues explizites Wissen zu generieren.(Nonaka und Takeuchi 1995). Hier kommen vor allem Instrumente wie Dokumentationen, technische Netzwerke usw. zum Einsatz (Lehner 2012). (d) Die Internalisierung ist „ein Lernprozess, der mit dem ´Learning by Doing` verwandt ist“ (Lehner 2012, S. 77). Die Aufnahme von neuem explizitem und die Verinnerlichung in das eigene implizite Wissen sind die Kernelemente. Dabei ist entscheidend, ob das neue Wissen auch auf individueller Ebene angewandt werden kann. Alle vier Prozesse stehen für die Umwandlung und Generierung von neuem Wissen. Allerdings sind sie nicht unabhängig voneinander zu sehen. Entscheidend ist das Zusammenspiel bzw. der spiralförmige Durchlauf der Prozesse in Bezug auf ein thematisches Interaktionsfeld (vgl. Abbildung III.1). Als Beispiel
22 im Kontext des Bevölkerungsschutzes sei die Entwicklung eines neuen Konzeptes für Hochwasserschutz genannt. Mit dem Austausch zuständiger Mitarbeiter auf kommunaler Ebene zu diesem Thema kann die Sozialisation beschrieben werden. Externalisierung kann durch einen systematisch angelegten Austausch von fachlich relevanten Akteuren aus Praxis und Wissenschaft erfolgen, ggf. mit der Zielstellung ein erstes explizites Konzept bzw. inhaltliche Empfehlungen dafür zu generieren. Das neu entstandene Konzept kann im Rahmen der Kombination mit bereits existierenden Konzepten, Erfahrungen aus vorangegangenen Hochwasserlagen usw. abgeglichen und kombiniert werden. Auf diese Weise entsteht neues Wissen, das möglichst vielen Akteuren zur Verfügung gestellt werden sollte, um diesen die Möglichkeit zu geben, das neu entstandene Wissen zu internalisieren und in den eigenen Bezügen anzuwenden, was wiederum zu einem erneuten Durchlauf der Wissensspirale und damit zu einer weiteren Wissenserneuerung führen kann. Das skizzierte Beispiel beschreibt einen idealtypischen Ablauf und bildet sicher nicht alle relevanten Aspekte ab, die notwendig sind, um neue bevölkerungsschutzspezifische Konzepte zu entwickeln. Es wird allerdings deutlich, dass das SECI-Modell einen besonderen Fokus auf Kommunikation und Dialog als Mittel des Wissensmanagements legt. Technische Instrumente spielen nur eine untergeordnete bzw. ergänzende Rolle. Nonaka und Takeuchi führen ihre Überlegungen noch fort und ergänzen das Modell um Gesichtspunkte, wie sich Wissen auf unterschiedlichen organisationalen bzw. hierarchischen Ebenen entwickelt. Sie betonen dabei, dass unterschiedliche Voraussetzungen bestehen müssen, damit das Konzept der Wissensspirale auch effektiv eingesetzt werden kann. Besonders hervorzuheben sind hierbei die Aspekte Intention und Autonomie: Ein klar definiertes Ziel (Intention) ist die erste Prämisse für einen erfolgreichen Prozess der Wissensschaffung. Ein ebenso hoher Stellenwert kommt der Autonomie zu. Mitarbeiter, die bspw. in selbstorganisierenden Teams tätig sein können, sind häufig motivierter und erarbeiten im Sinne der Zielvorgabe neue Lösungen (Lehner 2012). 3.2 Wissenskreislauf (Probst/Raub/Romhardt) Ein weiteres prominentes Modell im Wissensmanagement haben Probst et al. (2012) vorgelegt. Ihr Wissenskreislauf beinhaltet acht Bausteine, mit denen alle praktischen Elemente eines umfassenden Wissensmanagements dargestellt werden. Sechs der Bausteine bilden die Kernprozesses von Wissensmanagement und sind als Kreislauf angelegt. Es handelt sich dabei um (1) Wissensidentifikation, (2) Wissenserwerb, (3) Wissensentwicklung, (4) Wissensverteilung, (5) Wissensnutzung und (6) Wissensbewahrung. Darüber hinaus halten Probst et al. noch die Komponenten „Wissensziele“ und „Wissensbewertung“ fest. Diese bilden den strategischen Rahmen für die anwendungsbezogenen Kernprozesse (vgl. Abbildung III.2).
23 Abbildung III.2: Wissenskreislauf ( Probst et al. 2012, eigene Darstellung) Wissensziele geben allen anderen Prozessen ihre Richtung. Soll Wissensmanagement in einer Organisation umgesetzt werden, gilt es sich im Vorfeld zu überlegen, welche Fähigkeiten auf welchen Ebenen aufgebaut werden sollen. Wesentlich ist es hierbei zwischen normativen, strategischen und operativen Wissenszielen zu unterscheiden. Es hat verschiedene Konsequenzen, ob durch Wissensmanagement die Unternehmenskultur (normativ), der zukünftige Kompetenzbedarf (strategisch) oder die konkreten Maßnahmen (operativ) angesprochen werden sollen. Bei einem umfassenden Wissensmanagementansatz sind alle Ebenen gleichermaßen betroffen und sollten vorher in das Konzept eingefügt werden (Probst et al. 2012; Lehner 2012). Mit der Wissensidentifikation ist das Ziel verbunden, bereits vorhandenes Wissen sowie entsprechende Daten und Informationen sichtbar zu machen. Analog zu den vorangegangenen Ausführungen geht es in diesem Kontext also nicht zuletzt darum, wie der Transfer von implizitem zu explizitem Wissen gestaltet werden kann. Die Komponente Wissenserwerb bezieht sich auf die Frage, wie die individuelle und/oder organisatorische Wissensbasis verbreitert werden kann. Probst et al. (2012) sprechen in ihrem Modell damit auch den „Einkauf“ von Fachexpertise an, sollte die interne Entwicklung nicht möglich sein. Wissensentwicklung ergänzt in diesem Sinne den Prozess des Wissenserwerbs. Innovative Fähigkeiten, Ideen und Prozesses müssen nicht zwangsläufig extern erworben, sondern können ebenso intern entwickelt werden. Mit der Wissensverteilung sind alle Aktivitäten und Methoden verbunden, die den Transfer von Wissen an die erforderlichen Stellen fördert. Wie erreicht vorhandenes Wissen die richtigen Adressaten? Wie kann die Wissensverteilung effektiv und effizient gestaltet werden? Im nächsten Schritt beinhaltet das Modell die sog. Wissensnutzung, also die angemessene Anwendung von Wissen zur Erreichung der eingangs festgesetzten Ziele. Dabei stellt sich im Normalfall heraus, welches Wissen sinnvoll ist und welches für zukünftige Prozesse nicht erhalten werden muss. Der
24 Prozess der Wissensbewahrung nimmt diese Erkenntnisse auf und bezieht sich auf die Selektion und Speicherung von Wissen. Mit der Wissensbewertung ist die Messung des Erfolgs der durchgeführten Wissensmanagementmaßnahmen verknüpft. Hierbei ist der Abgleich mit den eingangs formulierten normativen, strategischen und operativen Wissenszielen entscheidend. Anhand der Ergebnisse können diese angepasst und entsprechend neue Maßnahmen im Sinne der skizzierten Kernprozesse eingeleitet werden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass das Modell von Probst et al. zwar grundsätzlich einen Ablauf als Kreislauf zugrunde legt (vgl. Abbildung III.2). Gleichwohl können sich in der tatsächlichen Umsetzung aber auch Vernetzungen zwischen den Kernprozessen ergeben. Zusammengefasst: Der Ansatz für ein ganzheitliches Wissensmanagement findet sich in verschiedenen Modellen und Konzepten wieder. Prominente Beispiele sind die sog. Wissensspirale nach Nonaka/Takeuchi (SECI-Modell) und der Wissenskreislauf nach Probst et al. Die Wissensspirale beinhaltet die Kernannahme, dass neues Wissen entsteht, wenn implizites und explizites Wissen miteinander interagieren. Sozialisation, Externalisierung, Kombination und Internalisierung sind die vier Hauptprozesse der Wissensspirale. Sie beschreiben einen modellhaften Ablauf der Umwandlung und Generierung von neuem Wissen. Das TOM-Modell (Anmerkung von Norf et al.) Ein weiteres Wissensmanagement-Modell, das sich besonders als Leitmodell für die praktische Einführung und Umsetzung von Wissensmanagement und zur Erfolgsmessung eignet, ist das sogenannte TOM-Modell von Bullinger, Wörner und Prieto (1998; Bullinger et al. 1998). Es nähert sich dem Thema Wissensmanagement über einen ganzheitlichen Ansatz mithilfe der drei Dimensionen Organisation, Technik und Mensch an. Das Modell besagt, dass ein Wissensmanagement nur dann erfolgreich eingeführt werden kann, wenn keine der drei Dimensionen außen vor gelassen wird. Eine Organisation muss sich über die Wichtigkeit von Wissen für die Erfüllung ihrer Aufgaben im Klaren sein und daher Wissensmanagement im Unternehmen und den Geschäftsprozessen verankern und in einem langfristigen Prozess umzusetzen. Ohne den Rückhalt im und die Förderung durch das Management wird die Einführung von Wissensmanagement nicht gelingen. Die alleinige Implementierung z. B. einer Datenbank im Unternehmen greift dabei allerdings zu kurz. Abgesehen davon, dass IT-Lösungen an die jeweilige Organisationsstruktur und –kultur angepasst sein müssen, werden Technologien nicht oder nur in begrenztem Maß fruchten, wenn nicht auch die Dimension Mensch Beachtung findet. Wissen ist an die Mitarbeitenden gebunden und diese werden die wertvolle Ressource nur in einer vertrauensvollen, wertschätzenden und anerkennenden Atmosphäre zur Verfügung stellen. Neben materiellen und immateriellen Anreizen sollte in der Organisationskultur gelten: „Nicht das Wissen einzelner, sondern das kollektive Wissen ist Macht“. (Bullinger et al. 1998: 8). Entsprechend des Bedarfs der jeweiligen Organisation ist eine geeignete Schwerpunktverteilung der drei Dimensionen zu wählen.
25 Der Wissenskreislauf beinhaltet verschiedene Bausteine, die sich auf die praktischen Elemente von Wissensmanagement beziehen. Am Baustein „Wissensziele“ orientieren sich alle weiteren Abläufe im Wissenskreislauf. Ihm kommt eine zentrale Bedeutung zu, da Wissensziele vorgeben, auf welchen Ebenen (strategisch, normativ, operativ) Wissensmanagement betrieben werden soll. Wissenskreislauf und Wissensspirale sind idealtypische Modelle, deren Kernprozesse in der konkreten Umsetzung nicht immer klar abgrenzbar sind und Interdependenzen aufweisen.
26 IV. Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz Gabriele Hufschmidt & Verena Blank-Gorki Die theoretischen Auseinandersetzungen zur Beschaffenheit von Wissen und den Grundlagen von Wissensmanagement aus Kapitel II und III haben bereits verdeutlicht, dass der gesamte Themenkomplex im Bevölkerungsschutz eine nicht zu unterschätzende Relevanz hat. Hieran schließen sich die folgenden Ausführungen unmittelbar an. Die Fragestellungen, die eine praktische Anwendung und Umsetzung von Wissensmanagementkonzepten in der Praxis des Bevölkerungsschutzes mit sich ziehen, liegen auf der Hand. Das Feld der Akteure ist heterogen, die strukturellen und personellen Voraussetzungen in den einzelnen Organisationen sind unterschiedlich. Die Entwicklung eines allgemeingültigen Ansatzes ist demnach schwierig und würde den gewachsenen Strukturen ggf. nicht gerecht. Nichtsdestotrotz lohnt es sich, die Ressource „Wissen“ und die Vorteile eines strukturierten Wissensmanagements besser nutzen zu können3. Die Teilnehmer zweier Workshops im Rahmen der Machbarkeitsstudie gewährten Einblicke in den bisherigen Status quo zum Thema Wissensmanagement in den jeweiligen Organisationen und gaben wesentliche Hinweise darauf, wo die Potentiale der damit verbundenen Fragestellungen liegen. Die Zusammensetzung beider Expertenkreise war so angelegt, dass eine möglichst breite Perspektive entstehen konnte. Beteiligt waren Vertreter von Hilfsorganisationen und aus Katastrophenschutzbehörden verschiedener Ebenen (Kommunen, Länder und Bund), dem Technischen Hilfswerk (THW), dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) sowie aus der Privatwirtschaft (KRITIS-Betreiber). Ebenso waren Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen eingebunden. Auf Basis der fachlichen Einschätzungen und praktischen Hinweise aus den beiden Gremien konnten wesentliche Ansatzpunkte identifiziert und erste Empfehlungen für die praktische Umsetzung von Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz erarbeitet werden. 1. Wissensmanagement in der Praxis: Der Umgang mit vorhandenen Quellen und Instrumenten Wie in Kapitel II dargestellt, unterscheidet die Theorie zwischen Fakten, Daten, Information und Wissen. In der Praxis ist diese Unterscheidung nicht immer durchzuhalten. Auf die Nachfrage hin, woher die Teilnehmer der Workshops Informationen und Wissen für ihre Arbeit beziehen und welches Format sie dabei bevorzugen, zeigte sich deutlich, dass im Alltag nicht explizit zwischen Informationen 3 Anmerkung von Norf et al.: Wie hoch der Bedarf an strategischem und nachhaltigem Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz wirklich ist, hat sich sehr deutlich im Nachgang der Flüchtlingssituation 2015/2016 gezeigt. Auch ohne den Begriff an sich konkret zu nennen, wurden auf Konferenzen, in Workshops und in Veröffentlichungen zahlreiche und wichtige Aspekte des Wissensmanagements wiederholt angesprochen: BABS 2017, BBK 2017, Biegert et al. 2018, Embacher 2015, Fathie & Martini 2017, Fekete et al. 2015, Neuberger et al. 2018, Roth 2017, Schuchardt & Peperhove 2016. Auch Projekte wie HybOrg (2018), SiKoMi (2018) oder WAKE (2018) zeigen die aktuelle und langfristige Notwendigkeit eines übergreifenden Wissensmanagements im Bevölkerungsschutz im Kontext von Migration.
27 und Wissen differenziert wird. Im Vordergrund steht, dass Inhalte – unabhängig von ihrer Art und Beschaffenheit – gewonnen und genutzt werden können. Des Weiteren zeigte sich, dass unterschiedliche Ebenen eine Rolle bei der Identifikation von Wissen spielen: (a) Das direkte berufliche Umfeld, (b) die eigene Organisation und (c) externe Quellen außerhalb der eigenen Organisation. Dabei ist festzuhalten, dass es zwischen den Ebenen Überschneidungen gibt (vgl. Abbildung IV.1). Abbildung IV.1: Ebenen der Gewinnung von Informationen und Wissen (eigene Darstellung) Die Beiträge der Teilnehmer sind in Tabelle IV.1 im Detail aufgeführt. Die Rückmeldungen machen deutlich, dass die Bedeutung der einzelnen Informationsund Wissensquellen je nach Aufgabenstellung variiert (entsprechend der Phasen „Vorsorge“ und „Nachsorge“, Kapitel II, Abbildung II.6). Darüber hinaus lassen sich allerdings einige Kernkategorien identifizieren, die unabhängig von spezifischen Aufgaben oder zu bearbeitenden Fragestellungen eine Rolle spielen. So gaben bspw. alle Befragten an, dass besonders kollegialer Austausch im direkten beruflichen Umfeld und „Erfahrungswissen“ (sog. implizites Wissen, vgl. Kapitel II) eine hohe Bedeutung haben. Interessant und bemerkenswert ist weiterhin die Benennung des Zufalls als nicht seltene Informationsund Wissensquelle. Damit ist gemeint, dass es im beruflichen Alltag vorkommt, dass bestimmte Inhalte nicht gezielt gesucht werden, sondern als „Nebenprodukt“ eines Kontaktes, einer anderen Recherche oder einer anderen Tätigkeit entstehen bzw. gefunden werden.
28 Tabelle IV.1: Informationsund Wissensquellen im Bevölkerungsschutz Informationsund Wissensquellen Organisationsinterne Informationsund Wissensquellen Personenbezogene Quellen Kollegen, andere Mitarbeiter, kollegiale Beratung und Netzwerke Interne Experten Erfahrungsberichte (mündlich/schriftlich) Technikorientierte Quellen internes Wiki Datenbanken, Portale (teilweise zugangsbeschränkt) Dokumentationssysteme Aktenarchiv Dokumentenablage Kundenmeldungen, Systeminformationen Lageinformationen: Karten, Bilder Strukturiertes Unternehmenswissen: Policies, Spezifikationen, Standards Taschenkarten und -alarmplan Wissenschaftliche Hypothesengenerierung Organisationsexterne Informationsund Wissensquellen Personenbezogene Quellen Berater, externe Fachleute aus anderen Behörden und Instanzen Branchenarbeitskreise, Unternehmensnetzwerke Andere Dienststellen/Behörden: Kollegiale Beratung Workshops mit Praktikern und sog. Endanwendern Technikorientierte Quellen spezielle Portale: Sammlungen von Fachthemen Webseiten übergeordneter oder fachverwandter Behörden und Einrichtungen Datenbanken, Portale, Deep Web Wissenschaftliche Quellen Bibliotheken (bspw. Fachinformationsstelle BBK) Fachmagazine Forschungsprojekte, wissenschaftliche Befragungen Beteiligung an Public/Private Partnership-Projekten Sonstige Quellen Presse/Medien Fortbildungsseminare
35 (3) Wissen (ver-)teilen: Wie erfolgt der Transfer von individuellem zu kollektivem Wissen? Herausforderungen bzw. Möglichkeiten im Bevölkerungsschutz: Verschiedene, auch technische, Instrumente können eingesetzt werden, um das Wissen Einzelner für die gesamte Organisation zugänglich zu machen. Im Kontext dieser Studie wurden verschiedene Handlungsoptionen genannt, die personenbezogen, technikorientiert oder als Dokumentationsmechanismus angelegt sind, wie z. B. interne Wikis (vgl. Tabelle 3). Auch ein systematisches Fehlermanagement oder die Dissemination von „best practice“ Ansätzen sind Handlungsoptionen. (4) Wissen (ver-)teilen: Wie erfolgt der Transfer von externem zu internem Wissen? Herausforderungen bzw. Möglichkeiten im Bevölkerungsschutz: Im Rahmen dieser Studie nannten die Teilnehmer der Workshops verschiedene Quellen bzw. Möglichkeiten, um externes Wissen zu internalisieren. Die Communities of Practice, also persönliche Kontakte, spielen erneut eine wichtige Rolle, zusätzlich zu spezielle Portalen, Webseiten übergeordneter oder fachverwandter Behörden und Einrichtungen, externen Datenbanken und Internetportalen. Auch wissenschaftliche Quellen aus Bibliotheken, Fachmagazinen, Forschungsberichten, Beteiligung an Public/Private Partnership-Projekten und generell aus den Medien sind relevant. Der „Atlas VR“ (Kapitel VI) ist aufgrund seiner Funktionen ein Beispiel für ein speziell als fachund ressortübergreifend konzipiertes Informationsund Wissensmanagementportal. Auch bei der Beantwortung dieser Kernfrage kann das Wissen der Bevölkerung Berücksichtigung finden, da es in der Regel außerhalb einer Organisation existiert. Möglichkeiten sind partizipative Verfahren z. B. im Rahmen der Festlegung von Vorsorgemaßnahmen, der Austausch mit etablie rten Bürgerinitiativen oder die gezielte Ansprache von Wissensinhabern. Ausnahmen von dieser „externeninternen“ Sichtweise bilden Organisationen, die stark lokal präsent sind und einen hohen Anteil an ehrenamtlichen Mitarbeitern haben. In diesem Fall ist das Wissen bereits in der Organisation und kann für die Organisation zugänglich gemacht werden. Neben den drei Komponenten des Wissenskreislaufmodells - Wissen identifizieren, erwerben und teilen, die im Kontext der vier Kernfragen besprochen wurden - seien zum Abschluss die Komponenten „Wissen bewahren“ und „Wissen nutzen“ besprochen. Das Bewahren von Wissen geschieht, sobald entsprechende Strukturen und Instrumente des Wissenstransfers und -austauschs von explizitem Wissen bestehen. Das Bewahren sollte so organisiert sein, dass das Wissen – wenn es einmal organisationsintern gespeichert ist – leicht identifiziert und gefunden werden kann. Dies ist vor dem Hintergrund drohender „Wissenserosion“, z. B. durch Personalfluktuation oder Zeitmangel, von hoher Relevanz. Ganz konkret kann sich das gut organisierte Bewahren sehr positiv auf vorhandene Ressourcen auswirken, da weniger Zeit aufgewendet werden muss, um Wissen zu finden und „das Rad nicht jedes Mal neu zu erfinden“. Mit Blick auf den
36 Bevölkerungsschutz ist es gerade die Phase der „Bewältigung“ im Rahmen des „Katastrophenkreislaufs“ (Kapitel II, Abbildung 6), in der Informationen und Wissen schnell zu Verfügung stehen müssen. Das Nutzen von Wissen, also seine Verwendung, geschieht in vielerlei Hinsicht und bezieht sich auf alle Phasen des „Katastrophenkreislaufs“ (vgl. Kapitel II): Das Wissen in den Phasen der Vorsorge, der Bewältigung und der Nachsorge ist entsprechend der Aufgabenstellungen sehr unterschiedlich; entscheidend ist, dass Wissen nun im Sinne von Nutzen in konkrete Handlungen mündet (Erstellen von Risikoanalysen und Vorsorgekonzepten, Stabsarbeit, planvoller Wiederaufbau). Auf diese Weise kann der der „Kreislauf“ gestoppt und „Exitoptionen“ generiert werden, sodass künftige Katastrophen verhindert werden. Daher ist das Modell des Katastrophenkreislaufs auch nicht als ein deterministisches, sich zwingend wiederholendes Ablaufschema zu verstehen. Die Zusammenstellung der Herausforderungen bzw. Möglichkeiten von Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz verdeutlicht, dass einige Handlungsoptionen mehr als nur einem Ziel dienen, also einen Mehrfachnutzen aufweisen wie z. B. die CoPs, best practice Ansätze, ein systematisches Fehlermanagement oder die Nutzung von Webportalen. Diese Mehrfachwirkungen sind besonders dann interessant, wenn z. B. aufgrund von Budgetlimitierungen Prioritäten bei der Einführung und Umsetzung von Wissensmanagement-Maßnahmen gesetzt werden müssen. Aber auch bei der Erstellung eines ganzheitlichen Konzeptes für Wissensmanagement in einer Organisation sollten diese Mehrfachwirkungen berücksichtigt werden. Zusammengefasst: Die hier vorgestellte Zusammenführung von theoretischen Modellen des Wissensmanagements und Berichten aus der Praxis bietet einen Denkanstoß und Orientierung für die Annährung bevölkerungsschutzrelevanter Organisationen mit dem Thema Wissensmanagement. Die identifizierten Herausforderungen für den Bevölkerungsschutz mit Blick auf die Implementierung von Wissensmanagement bieten gleichermaßen Ansatzpunkte einer solchen Implementierung. Es existieren vielfältige Möglichkeiten, um Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz zu fördern und umzusetzen. Eine Wissensmanagement-Maßnahme kann das Erreichen mehrerer Ziele fördern; bei knappen Ressourcen sollte dieser Mehrfachnutzen beachten werden. 4. Leitfragen für die Einrichtung eines Wissensmanagementsystems, oder Teile davon Abschließend stellen folgende Leitfragen eine mögliche Herangehensweise für die Etablierung eines Wissensmanagementsystems, oder bestimmter Elemente daraus, für Organisationen des Bevölkerungsschutzes vor:
37 a. Welche Strukturen und Instrumente des Wissensmanagements bestehen bereits in meiner Organisation? b. Welche Bedarfe gibt es in meiner Organisation? c. Welchen Etappen des „Wissenskreislaufs“ werden diese Bedarfe zugeordnet? d. Welche Kernfragen sind mit diesen Zielen / Etappen verbunden? e. Welche Handlungsmöglichkeiten gibt es generell? Welche Möglichkeiten passen am besten zu meiner Organisation? f. Welche Handlungsoptionen sind hinsichtlich des Budgets der Organisation realistisch? g. Wie kann ich basierend auf 1. bis 6. eine Wissensmanagementstruktur in meiner Organisation konzipieren? Wer sollte involviert sein? h. Wer sollte vor der Implementierung des Konzeptes involviert sein? i. Wie kommuniziere ich die Implementierung und setze sie um? Als praxisorientierte Literatur zur weiteren Vertiefung sei Schwaab (2007) empfohlen.
38 V. Zusammenfassung und Ausblick Alexander Fekete und Gabriele Hufschmidt Wissen ist eine zentrale Ressource in Organisationen, egal ob sie privatwirtschaftlich, staatlich oder privat-gesellschaftlich (ggf. gemeinnützig) orientiert sind. Während die Bedeutung dieser Ressource durchaus anerkannt ist, mangelt es mitunter an Strukturen und Prozessen, die einen effektiven und effizienten Umgang mit Wissen fördern und sicherstellen. Ein solches „Wissensmanagement“ ist besonders dann wichtig, wenn andere Ressourcen wie Geld und Zeit knapp sind. In der vorliegenden Veröffentlichung und Studie wird Wissensmanagement als ein ganzheitlicher Ansatz zur Verbesserung und systematischen Vernetzung von personenoder organisationsbezogenen Wissensbeständen verstanden. Die Studie stellt Grundlagen des Wissensmanagements dar und erläutert z. B. die Unterscheidung von Daten, Informationen und Wissen oder zwischen explizitem und implizitem Wissen. Konkrete Herausforderungen für Wissensmanagement sind zusammenfassend dargestellt. Der Artikel stellt ferner die Ergebnisse aus zwei projektbezogenen Workshops vor, in denen mit Akteuren aus dem Bevölkerungsschutz verschiedene Aspekte des Wissensmanagements erarbeitet und diskutiert wurden. Neben genutzten Informationsund Wissensquellen sowie bereits vorhandenen Instrumenten wurden zudem Probleme und Bedarfe struktureller und inhaltlicher Art diskutiert. Die Studie hat gezeigt, dass es einen großen Bedarf in Organisationen des Bevölkerungsschutzes gibt, Informationen und Wissen besser zu erfassen, zu teilen, aufzubereiten, kurzum, ein Informationsund Wissensmanagement zu betreiben. In den Workshops, aber auch in Einzelgesprächen mit Beteiligten aus Forschung und Praxis im Bevölkerungsschutz wurde immer wieder deutlich, dass man ein Grundproblem teilt: Zeit für Wissensmanagement zu haben und Aufmerksamkeit und Akzeptanz hierfür zu generieren. Es kann festgehalten werden, dass es zwar vereinzelte Bausteine von Wissensmanagement in den unterschiedlichen Organisationen gibt, jedoch ganzheitliche Wissensmanagementstrukturen fehlen. Theorie bzw. Modelle des Wissensmanagements und Erkenntnisse aus den Workshops werden schließlich verknüpft um Denkanstöße und Orientierung für die Annäherung bevölkerungsschutzrelevanter Organisationen an das Thema Wissensmanagement zu bieten. Die Analyse in der Studie gliedert sich entsprechend der Leitfragen: (1) Wie kann implizites Wissen in explizites Wissen transferiert, d.h. persönliches Wissen artikuliert und dokumentiert werden? (2) Wie kann explizites Wissen Teil individueller Wissensbestände werden, d.h. „Schriftwissen“ oder anderweitig dokumentiertes Wissen, aufgenommen und gelernt werden? (3) Wie kann individuelles Wissen in kollektives Wissen überführt, d.h. Wissen geteilt werden? (4) Wie kann externes Wissen verfügbar und in internes Wissen umgewandelt, z. B. in die eigene Organisation überführt werden? Konkrete Handlungsoptionen und Instrumente des Wissensmanagements für Organisationen des Bevölkerungsschutzes werden herausgearbeitet.
39 Die vorliegende Machbarkeitsstudie soll Grundlagen und Ansätze zum Nachdenken über den Umgang mit Wissen innerhalb und zwischen Organisationen des Bevölkerungsschutzes bieten und Anregungen zum Handeln geben. Ein Wissensmanagementkonzept wäre für den Bevölkerungsschutz zu entwickeln in Kooperation mit Nutzern auf allen Ebenen; lokal bis international, aus Praxis und Forschung; integrativ, interund transdisziplinär und an der Erweiterung des Wissenshorizonts unbedingt interessiert. Während des Projektverlaufs hat sich außerdem immer wieder die Frage gestellt, welche Informationen in welche Art Wissen überhaupt überführt und zugänglich gemacht werden können.
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