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Macht allein Schaden klug? Wissen, Erfahrung und Lernen im Umgang mit Risiken. Beiträge aus Wissenschaft und Praxis zum 27. Treffen des Arbeitskreises Naturgefahren/Naturrisiken.

Bloemertz, Lena,Bohle, Johannes,Bostenaru Dan, Maria,Armas, Iuliana,Hoffmann, André,Reinke, Verena,Saurugg, Herbert,Tillmann, Tanja,Lechleuthner, Alex,Lotter, Andreas,Fekete, Alexander,Grinda, Christiane,Norf, Celia,Fuchs, Sven,Kuhlicke, Christian

Abstract

Nach größeren überregionalen und auch kleineren regionalen Schadenereignissen wird wiederholt diskutiert, welche Mechanismen und Maßnahmen erforderlich sind, um die Gesellschaft widerstandsfähiger gegen Naturgefahren (und auch andere Gefahren) zu machen. Diese öffentlich, auf politischer und wissenschaftlicher Ebene geführte Auseinandersetzung führt stets zu einem gewissen Aktionismus, zu unmittelbaren Bekundungen von monetärer Abgeltung der Schäden, und zu Bekenntnissen im Sinne einer erforderlichen nachhaltigeren Schutzstrategie basierend auf dem Risikoansatz. lm Laufe von Wochen und Monaten nach den Ereignissen verebbt diese Diskussion allerdings regelmäßig, nur vereinzelt werden grundlegende Transformationsprozesse im Umgang mit Naturgefahren angestoßen. Vor diesem Hintergrund stellte das 27. Treffen des Arbeitskreises Naturgefahren/ Naturrisiken die Fragen nach dem Zusammenhang zwischen der Rolle von Wissen, Erfahrung und Lernen im Umgang mit gegenwärtigen aber auch zukünftigen Naturgefahren in den Mittelpunkt. Die vorliegende Ausgabe der Schriftenreihe ‚Integrative Risk and Security Research‘ bietet nun, im Rahmen von Fach- sowie Diskussionsbeiträgen, Einblicke in die dort diskutierten Perspektiven und deckt dabei eine Vielzahl von Gefahren und Risiken ab, wie z.B. Überschwemmung, Hitze, Frost- und Brandschaden in der Landwirtschaft, ein mögliches Versagen des Stromnetzes, Erdbeben, Sturmfluten und Lawinen.

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Integrative Risk and Security Research Volume 3/ 2015 Alexander Fekete, Christiane Grinda, Alex Lechleuthner, Ompe Aimé Mudimu, Celia Norf, Ulf Schremmer Macht allein Schaden klug? Wissen, Erfahrung und Lernen im Umgang mit Risiken Beiträge aus Wissenschaft und Praxis zum 27. Treffen des Arbeitskreises Naturgefahren/Naturrisiken Edited by Alexander Fekete, Christiane Grinda & Celia Norf 2 Macht allein Schaden klug? Integrative Risk and Security Research Volume 3/ 2015 T his document is published within the series 'Integrative Risk and Security Research'. All publications can be downloaded from https://www.th-koeln.de/anlagen-energie-undmaschinensysteme/schriftenreihe-integrative-risk-and-security-research_17446.php,; or you use http://tinyurl.com/oaj4r7a Despite thorough revision the information provided in this document is supplied without liability. The document does not necessarily present the opinion of the editors. EDITION NOTICE Editors of Series Alexander Fekete (Prof. Dr.-Ing.) Christiane Grinda (Dipl.-Geogr.) Alex Lechleuthner (Prof. Dr. med. Dr. rer. nat.) Ompe Aimé Mudimu (Prof. Dr.-Ing.) Celia Norf (M. Sc.) Ulf Schremmer (Prof. Dr.-Ing.) TH Köln University of Applied Sciences Institute of Rescue Engineering and Civil Protection Betzdorfer Str. 2 50679 Cologne Germany www.irg.th-koeln.de Editorship of Series - contact: [email protected] Editors of this Volume Alexander Fekete (Prof. Dr.-Ing.) Christiane Grinda (Dipl.-Geogr.) Celia Norf (M. Sc.) Contact Celia Norf Email: [email protected] Phone: + 49 (0) 221 8275 2739 Web: http://riskncrisis.wordpress.com Recommended Citation Surname, First Name (Year of Publication): Title. In: Fekete, A, Grinda, C & Norf, C (Eds.) Macht allein Schaden klug? Wissen, Erfahrung und Lernen im Umgang mit Risiken– Beiträge aus Wissenschaft und Praxis zum 27. Treffen des Arbeitskreises Naturgefahren/Naturrisiken. Integrative Risk and Security Research, 3/2015, Page Reference. Cologne, December 2015 3 Integrative Risk and Security Research Volume 3/ 2015 Zum Geleit Nach größeren überregionalen und auch kleineren regionalen Schadenereignissen wird wiederholt diskutiert, welche Mechanismen und Maßnahmen erforderlich sind, um die Gesellschaft widerstandsfähiger gegen Naturgefahren (und auch andere Gefahren) zu machen. Jüngste Beispiele hierfür sind das Erdbeben in Nepal im April/Mai 2015, aber auch aus dem Bereich anderer gesellschaftlicher Risiken die im September einsetzende Flüchtlingsbewegung in Richtung Mitteleuropa. Diese öffentlich, auf politischer und wissenschaftlicher Ebene geführte Auseinandersetzung führt stets zu einem gewissen Aktionismus, zu unmittelbaren Bekundungen von monetärer Abgeltung der Schäden, und zu Bekenntnissen im Sinne einer erforderlichen nachhaltigeren Schutzstrategie basierend auf dem Risikoansatz. lm Laufe von Wochen und Monaten nach den Ereignissen verebbt diese Diskussion allerdings regelmäßig, nur vereinzelt werden grundlegende Transformationsprozesse im Umgang mit Naturgefahren angestoßen. Vor diesem Hintergrund stellte das 27. Treffen des AKs die Fragen nach dem Zusammenhang zwischen der Rolle von Wissen, Erfahrung und Lernen im Umgang mit gegenwärtigen aber auch zukünftigen Naturgefahren in den Mittelpunkt. Rund 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Deutschland, Osterreich, Rumänien, Griechenland und der Schweiz skizzierten im Rahmen von Präsentationen einen integrativen Rahmen zum Verständnis von Lernprozessen vor dem Hintergrund des Postulates dass gesellschaftliches Lernen und damit der gesellschaftliche Umgang mit Naturgefahren individuelle Lernkomponenten voraussetzt: Nur wenn zumindest Teile einer Gesellschaft bereit sind, beispielsweise von Nachbarn, lokalen Institutionen oder aus der eigenen Erfahrung ihren Umgang mit Naturgefahren zu ändern, wird man aus Schaden klug. Die präsentierten Beispiele umfassten den Umgang mit Überschwemmung, Hitze, Frostund Brandschaden in der Landwirtschaft, einem möglichen Versagen des Stromnetzes und Erdbeben. Anhand einiger Leitfragen tauschten sich die Mitwirkenden des AKs über ihre Forschungsergebnisse aus:  Welche Wissensbestände werden in der Forschung zu Naturgefahren bzw. -risiken als legitim angesehen und welche nicht?  Wird Erfahrung möglicherweise überbewertet?  Verhindern „hundertprozentige Schutzversprechen“ Lernprozesse?  Auf welche Risiken sollte sich eine Gesellschaft sich überhaupt vorbereiten – und wie viel Flexibilität sollte dabei erhalten bleiben?  Welches Eigenleben entfalten einmal publizierte Schwellenwerte?  Welche Paradigmen etablieren sich und was sind die Gründe dafür? Gastgeber des 27. AK-Treffens war das Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr der Fachhochschule Köln. Wir möchten uns ganz herzlich im Namen aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Treffens bei Alexander Fekete, Christiane Grinda und Celia Norf für die organisatorische Vorbereitung und Durchführung vor Ort bedanken. Insbesondere freut es uns, dass wir mit vorliegendem Band wieder einmal interessante Beiträge aus einem AK-Treffen zusammenfassen konnten, und diese Aufnahme in die Kölner Schriftenreihe Integrative Risk and Security Research gefunden haben. Sven Fuchs, Wien & Christian Kuhlicke, Leipzig 4 Macht allein Schaden klug? Danksagung Das Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr der Technischen Hochschule Köln bedankt sich herzlich bei allen Mitwirkenden des 27. AK-Treffens, insbesondere den Vortragenden, die mit ihren Beiträgen dieses Treffen zu einem interessanten und vielseitigen Austausch gemacht haben. Ein großer Dank gilt auch den Autoren des vorliegenden Sammelbandes für die Mühe und Bereitschaft, einige Themen des AK-Treffens aber auch Beiträge, die durch dieses Treffen und sein Thema angeregt wurden, sowohl aus wissenschaftlicher als auch z.T. aus Praxissicht für die Öffentlichkeit aufzubereiten. Auch danken wir den externen Reviewern für die Prüfung der Beiträge dieser Ausgabe hinsichtlich ihrer wissenschaftlichen Qualität. Wir danken ihnen vielmals für die investierte Zeit und Mühe. Nach alphabetischer Reihenfolge geht unser Dank an: Martin Bönewitz - Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung; Maria Bostenaru Dan - Universität Bukarest; Sven Fuchs - Universität für Bodenkultur Wien; Thomas Lindemann - Johanniter Auslandshilfe; Gerrit Meenen - Technisches Hilfswerk; Sabine Obermöller - RheinErft-Kreis; Roman Peperhove - AG Interdisziplinäre Sicherheitsforschung, FU Berlin; Christine Prokopf - Westfälische Wilhelms-Universität Münster; Kerstin Rosenow-Williams - Ruhr-Universität Bochum. Unser besonderer Dank geht an die Sprecher des Arbeitskreises Christian Kuhlicke und Sven Fuchs, die uns die Organisation und Durchführung dieses 27. AK anvertraut haben. Dieser Sammelband vereint multidisziplinäre Schreibund Sichtweisen, um einen Dialog und eine Diskussion anzuregen. Wir bedanken uns für interessierte Zuschriften und Kommentaren, die den Autoren helfen, die Beiträge inhaltlich weiterzuentwickeln und neue Netzwerke zu knüpfen. Alexander Fekete, Christiane Grinda & Celia Norf Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr/ Technische Hochschule Köln 5 Integrative Risk and Security Research Volume 3/ 2015 Inhaltsverzeichnis Fachbeiträge (peer-reviewed) Strukturierungsmöglichkeiten des Themas Wissen und Lernen im Katastrophenrisikomanagement Lena Bloemertz 6 Räumliche Ordnung in Trénelle-Citron: Risiko, Sicherheit und Klientelismus Johannes Bohle 10 Die Einwirkung von Katastrophen in der Vergangenheit: Eine digitale Darstellung für die Spuren des 1977 Erdbebens auf das Magheru Boulevard in Bukarest und ihre Wechselwirkung mit Darstellungen für die Stadt Köln Maria Bostenaru Dan & Iuliana Armas 23 Wissen und Erfahrung bei der Abwehr von Spätfrostschäden im deutschen Weinbau André Hoffmann 28 „The Big Easy“ oder Opfer von Naturgewalten? New Orleans als Fallbeispiel für den Umgang mit dem Vulnerabilitätsbegriff im Geographieunterricht Verena Reinke 36 Die vernachlässigten Schattenseiten der Vernetzung Herbert Saurugg 42 Sturmfluten, Washover-Prozesse und Dünendurchbrüche auf Sylt und Amrum Tanja Tillmann 62 Welches Potential bietet das Georadar (GPR) als Methode zur Ortung von Lawinenverschütteten Tanja Tillmann 79 Diskussionsbeiträge Aus Schaden Klug – Rettungsdienst Mitnahme EKG-Defibrillations-Einheit in die Notaufnahme bei Patienten mit einer vermuteten Herzerkrankung Alex Lechleuthner & Andreas Lotter 88 Macht Schaden klug? Überlegungen zu Wissen, Erfahrung, und Lernen im Umgang mit Risiken Alexander Fekete, Christiane Grinda & Celia Norf 90 6 Macht allein Schaden klug? Strukturierungsmöglichkeiten des Themas Wissen und Lernen im Katastrophenrisikomanagement Lena Bloemertz Email: [email protected] Abstract Das 27. Treffen das AKs beschäftigte sich mit der Rolle von Wissen, Erfahrung und Lernen im Umgang mit gegenwärtigen und zukünftigen Risiken unter dem Titel „Macht alleine Schaden klug?“. Dieser Artikel möchte sich der Beantwortung dieser Frage annähern, in dem er einen Vorschlag für die Bedeutung der Begriffe im Katastrophenrisikomanagement skizziert. Einleitung Eine Erwartung, welche an das Katastrophenrisikomanagement (KRM) gestellt wird, ist es, zu einer erhöhten Sicherheit der Bevölkerung beizutragen. Dementsprechend führen die immer wieder und immer häufiger mit großen Schäden einhergehenden Naturereignisse dazu, sich zu fragen, welche Rolle Wissen, Erfahrung und Lernen (WEL) für den Umgang mit gegenwärtigen und zukünftigen Risiken hat. Schnell werden dabei Aussagen getroffen, wie „hätten wir das gewusst…“. Um sich der Frage was für erfolgreiches KRM fehlt systematisch nähern zu können, möchte dieser Beitrag erste Definitionen für WEL aufzeigen und deren Beitrag für KRM diskutieren. Risiko Um in Hinblick auf gegenwärtige und zukünftige Risiken die Bedeutung von WEL zu betrachten, ist zunächst eine Definition von Risiko notwendig. Der Begriff Risiko wird vielfältig gebraucht1. Dies wird u.a. deutlich wenn man versucht eine Frage auf die Antwort „haben Risiken zugenommen“ zu geben. Häufig wird eine Zunahme von Risiken gleichsetzt mit einer Zunahme von konkreten Bedrohungen, wie zum Beispiel Extremwettereignissen. Anders sieht es aus wenn man die Unterscheidung von Luhmann (1991) benutzt. Nach Luhmann kann man Risiko im Gegensatz zu Gefahr als bewusste Entscheidungen in Bezug auf mögliche in der Zukunft eintreffende Ereignisse ansehen. Benutzt man diese Unterscheidung, nehmen Risiken zu, wenn Entscheidungsmöglichkeiten zunehmen. Weichhart (2007) identifiziert noch weitere Distinktionspaare wie Risiko/Chance und Risiko/Sicherheit, welche jeweils eine andere Sicht auf Risiko implizieren. Im vorliegenden Aufsatz wird Risiko wird als das Zusammentreffen eines Ereignisses (skizziert durch Wahrscheinlichkeit und Ausmaß) mit einer bestimmten Schadensanfälligkeit (Verwundbarkeit und Exposition) angesehen. Dies entspricht auch der aktuellen Benutzung des Risikobegriffs durch den IPCC (2014) und wird in der bekannten Formel: Risiko = Ereignis/Gefahr (Wahrscheinlichkeit * Ausmaß) * Exposition * Vulnerabilität (R = W*A*E*V) ausgedrückt. Eine Risikoanalyse auf Grundlage der oben genannten Faktoren bildet eine Grundlage für das Katastrophenrisikomanagement (KRM). Akteure und Phasen des Katastrophenrisikomanagements2 Zur Diskussion der Rolle von WEL im KRM wird hier zur Vereinfachung nur zwischen der Phase der Vorbeugung (Vorbereitung und Prävention) und der Phase der Bewältigung direkt nach einem Ereignis unterschieden. Vor einem Ereignis geht es darum, das Risiko zu verringern, nach einem Ereignis darum, eine Katastrophe zu bewältigen. Vorbeugung beinhaltet damit eine sinnvolle Abschätzung von Wahrscheinlichkeit und zu erwartendem Ausmaß, sowie die Verringerung von Exposition und Verwundbarkeit. Die Zusammenfassung dieser unterschiedlichen Aspekte in einem „Risikowert“ kann vor allem dabei helfen, unterschiedliche Gefahren und deren potenzielle Auswirkungen zu vergleichen. 1 Eine Übersicht verschiedener Risikodefinitionen findet sich z.B. in Renn (2008). 2 Spiekermann et al. (2015) haben eine Disaster-Knowledge Matrix (DKM) entwickelt, welche dazu dient Barrieren der Übertragung von Daten, Informationen, Wissen und Weisheit und die jeweils betroffenen Akteure in den verschiedenen Phasen des Katastrophenrisikomanagement (Prävention, Vorbereitung, Bewältigung und Regeneration) zu identifizieren. Jedoch wird dort Erfahrung als Teil des Wissens angesehen und Lernen als omnipräsente Voraussetzung zur Schaffung von Daten, Informationen, Wissen und Weisheit. Damit ist der Fokus ein anderer als im hier vorliegenden Artikel. 7 Integrative Risk and Security Research Volume 3/ 2015 Bewältigung beinhaltet Nothilfe und Wiederaufbau. Da beim Wiederaufbau bzw. der Regeneration die gleichen Maßstäbe gelten sollten wie bei der Vorbeugung, wird hier nur die Nothilfe betrachtet wird. Als Akteure im KRM werden direkt Betroffene, öffentlicher Sektor (lokal, national, international), Wissenschaftler, Versicherung und die Akteure der Nothilfe unterschieden. Manche dieser Akteure müssen für die Gesamtgesellschaft Rahmenbedingungen setzen, andere wiederum werden zur Beratung herangerufen, wieder andere müssen Entscheidungen treffen die ihre Verwundbarkeit direkt betreffen. Akteure Direkt Betroffene (Bevölkerung und Industrie), öffentlicher Sektor, Wissenschaftler, Versicherungen, Akteure der Nothilfe (inkl. NROs) Phasen des KRM Vorbeugung (Analyse und Veränderung von Wahrscheinlichkeit, Ausmaß, Exposition, Verwundbarkeit), Bewältigung Tabelle 1: KRM – Akteure und Phasen Quelle: Eigene Aufstellung Damit Entscheidungen getroffen werden (können), ist zumeist eine genaue Kenntnis einer konkreten Situation (Daten), als auch ein Verständnis der grundsätzlichen Zusammenhänge notwendig. Daneben muss die notwendige Motivation, etwas zu verändern, existieren, damit bestehende Erkenntnisse umgesetzt werden. Vor allem in der Phase der Vorbeugung spielt die Motivation eine wichtige Rolle, da hier die Unsicherheit über die Zukunft eine entscheidende Größe ist, während es bei der Nothilfe um die Reaktion auf eine konkret vorliegende Situation geht. Wissen, Erfahrung und Lernen Es gibt verschiedene Ansätze Wissen zu unterteilen. Die bekannteste davon ist die Unterscheidung in explizites und „stillschweigendes“ oder implizites3 Wissen (für eine Einführung und Diskussion des Zusammenhangs von implizitem, explizitem und stillschweigendem Wissen siehe z.B. Grant 2007, welcher die viel zitierte Arbeit von Polanyi (1996) rezipiert). Wissen soll hier verstanden werden als explizites Wissen, welches Subjekten bewusst zu Verfügung steht und welches in Sprache dargelegt werden kann. Zudem geht es bei Wissen (im Gegensatz zu Daten) darum, ein Verständnis von Zusammenhängen zu haben. Damit geht Wissen über die reine Ansammlung von Daten hinaus. Als sinnvoll erscheint es damit Wissen zu definieren als strukturierte Erkenntnis, die sich in Theorien oder Regeln verpacken lässt. Bei Erfahrung steht nicht die Zerlegung der Realität in einzelne Bestandteile und ein Verständnis der Zusammenhänge im Vordergrund, sondern Gesamteindrücke und das Durchleben von Situation. Was hierbei in den Vordergrund gerückt wird, ist zum einen die Tatsache, dass manches Wissen implizit ist und kaum in Worte gefasst und nur durch Erleben erlangt werden kann. Erfahrungen sind v.a. auch wichtig, um in Katastrophensituationen schnell (und quasi intuitiv) Entscheidungen zu treffen (siehe u.a. Klein (1998)), da häufig nicht genügend Zeit für eine genaue Analyse bleibt. Als wichtig wird hier zudem angesehen, dass Erfahrungen nicht nur die rationale Ebene, sondern auch die emotionale Ebene ansprechen. Zu wissen, dass bei einem Erdbeben viele Häuser einstürzen werden und dies zu Chaos und einer hohen Anzahl von Opfern führt, ist nicht das gleiche wie die eigene Erfahrung einer derartigen Situation. Lernen wiederum betont, dass Wissen und Erfahrung den jeweiligen Akteuren zu einem bestimmten Zeitpunkt zu Verfügung stehen muss. Hiermit rückt die Frage in den Mittelpunkt, wer Wissen und/oder Erfahrung hat und dieses auch umsetzen kann. „The known is thus appropriated by the knower so that (depending on the form of knowledge) it is understood and applicable, either through the use of this acquired knowledge in concrete actions or as guidance for decision-making.” (Spiekermann et a. 2015: 97). Diese Umsetzung enthält auch das Überdenken von Präferenzen. Dabei sind Erfahrungen häufig unabdingbar für Lernen, wie von Donahue und Tuohy skizziert: „There [are] no teeth in lessons from someone else’s experience. We don’t really learn from others unless we can really imagine ourselves in that other person’s circumstance.” (Donahue and Tuohy (2006:11). 3 Implizites Wissen ist im Allgemeinen nur durch Übung, eigenes Erleben zu erlangen (z.B. Fahrrad fahren, Alltagsbewältigung). 8 Macht allein Schaden klug? Ziel dieses Artikels ist es nicht, zu untersuchen, ob und wie Wissen bisher systematisch in Bezug zu Risiken gesetzt wurde und wie man dies verbessern kann, sondern anhand der drei oben skizzierten Begriffe klarer zu unterscheiden, ob man gerade von der Rolle von Wissen (Kennen von Zusammenhängen), Erfahrung (intuitives Handeln in konkreten Situation, sowie die Fähigkeit sich Not-Situationen vorzustellen) oder Lernen (Aneignung von Wissen und Erfahrung, sowie Überdenken von Prioritäten) spricht, welche für verbessertes KRM relevant sind. WEL im Risikomanagement Was das Ausmaß und die Wahrscheinlichkeit von Naturereignissen angeht, basieren Aussagen zumeist auf der Auswertung von Zeitreihen/Daten. Für viele Naturgefahren, gibt es zwar inzwischen auch Versuche prozesshaft zukünftige sich verändernde Wahrscheinlichkeiten vorherzusagen (z.B. Stürme und Niederschläge im Rahmen des Klimawandels), aber Zeitreihen sind weiterhin von großer Bedeutung. Bei auf Zeitreihen beruhenden Wahrscheinlichkeitsaussagen ist tatsächlich alleine Schaden, welcher klug macht, da nur neue Ereignisse zur Änderung von Statistiken führen. Jedoch ist es selten eine falsch eingeschätzte oder veränderte Wahrscheinlichkeit eines Naturereignisses welches zum Eintreten einer Katastrophe führt. Die Statistiken sind deshalb v.a. für die Festlegung für langfristige Betrachtungen und die Festlegung von Versicherungsprämien von Bedeutung. Die Festlegung von Gefahrenräumen, in denen man die Exposition analysiert ist eng mit der Erfassung von potenziellen Naturereignissen verbunden. In Bezug auf Verringerung von Exposition sind häufig Informationen darüber, dass Naturereignisse eintreten können von größerer Relevanz als Wissen über das genaue Ausmaß und die Möglichkeit der Vorhersage eines bestimmten Ereignisses. Generelle Informationen darüber, welche Naturgefahren in welchem Gebiet auftreten können, sollten heutzutage überall vorhanden sein. Jedoch sind die Informationen meist nicht allen potenziellen Akteuren bekannt. Hier ist die Hauptfrage wohl eher, wer bereit ist für die Bereitstellung der nötigen Informationen zu sorgen und damit Lernen zu ermöglichen. Ebenso gilt für Verwundbarkeit, dass die grundlegenden Zusammenhänge, welche dazu führen, dass eine Schadensanfälligkeit besteht, zumeist bekannt sind. Fehlende Möglichkeit oder Einsicht Vorsorge zu betreiben (z.B. Schutzmauern, Gesundheitsvorsorge) und der Zugang zu Informationen (aktueller Zustand eines Gebäudes), welche es erlauben eine konkrete Situation besser einzuschätzen, sind meist entscheidender als fehlendes Wissen. Bei vielen dieser Aspekte kommt es darauf an, dass existierendes Wissen den jeweiligen Akteuren zur Verfügung steht und die Bereitschaft etwas zu verändern vorhanden ist. Diskussionen um das Risikomanagement würden davon profitieren, wenn in den öffentlichen Darstellungen auch berichtet würde, warum im Vorfeld keine Verringerung von Risiken stattgefunden hat. Meist, liegt das darin, dass nur ein Abwägen zwischen unterschiedlichen Optionen stattfindet und keine reinen Entscheidungen zwischen „Risiko eingehen“ oder „kein Risiko-eingehen“ möglich sind, sondern man sich vielmehr zwischen unterschiedlichen Risiken entscheiden muss. Grundprobleme beim Umgang mit Gefahren und deren Konsequenzen sind die Wertung unterschiedlicher Arten der Auswirkungen (auf unterschiedliche Bevölkerungsgruppen, oder Sektoren (z.B. Umwelt, Menschen, Wirtschaft, …)), sowie das Abwägen zwischen Risiken einer hohen Wahrscheinlichkeit und einem geringen Schadenpotenzials und Risiken mit einer kleinen Wahrscheinlichkeit und einem hohen Schadenpotenzial. Auch die Frage des potenziellen Nutzens des Eingehens eines Risikos ist hier von Relevanz. Auf welcher Grundlage entschieden wird, welches potenzielle Ereignis als problematischer als ein anderes angesehen wird4, hängt von vielen Aspekten ab, welche z.B. von Douglas/Wildavsky (1982) für Gesellschaften und in der Forschung zur individuellen Wahrnehmungen von Risiken z.B. von Slovic (2001) untersucht worden sind. Aufgrund all dieser Aspekte kann es keine einfache Risiko Gegenüberstellung geben, welche einem klar dabei hilft Prioritäten zu setzen. Risikomanagement ist deshalb vor allem ein Aushandlungsprozess. Fazit Das Eintreten absoluter Sicherheit bzw. die gänzliche Abwesenheit von Risiko ist unrealistisch und in den meisten Situationen findet ein Abwägen zwischen verschiedenen Optionen mit je unterschiedlichen Risiken 4 In konstruktivistischen Ansätzen wiederum ist das Vorhandensein einer realen Gefahr kaum von Bedeutung, der Fokus liegt alleine darauf wie innerhalb Gesellschaften bestimmte Bedrohungen/Risiken diskursiv geschaffen werden (siehe grundlegend dazu Foucault (1982)). 9 Integrative Risk and Security Research Volume 3/ 2015 statt. Zudem ist häufig Prozesswissen vorhanden, aber Informationen (Daten) über eine bestimmt Situation fehlen. Der Ruf nach noch mehr Wissen, um diese Situation zu verbessern, wird hier nur bedingt erfolgreich sein. Wie auch in der Publikation von Spiekermann et al. dargelegt wird: „The (research) gap between knowledge of risk, its interpretation and action allows us to re-confirm that a lack of knowledge is not the key challenge. The issue related to increasing disaster losses lies much more with risk interpretation and understanding, mentalities across scales, power structures, personal attitudes, values, world views and budget constraints. […] It appears that the focus on `the knowledge gap` can legitimately be questioned.” (Spiekermann et al. 2015:107) Die obigen Ausführungen stellen nur einen ersten Ansatz dar, die Bedeutung von Wissen, Erfahrung und Lernen differenzierter zu betrachten. Bei Aussagen wie „hätten wir das gewusst“, muss man sich klar machen, dass mit dem „gewusst“, so wohl Zugang zu Informationen/Daten, Wissen über Zusammenhänge, als auch Erfahrung gemeint sein können. Zudem sollte man stets die Frage danach stellen, welchem Akteur Wissen oder Erfahrung fehlen, bzw. wo Lernprozesse nicht stattgefunden haben. Absolute Sicherheit ist eine Illusion. Vielleicht gilt es deshalb v.a. stets Vorsicht walten zu lassen und auch auf unerwartete bzw. sogar unbekannte Ereignisse vorbereitet zu sein. Die im Rahmen der Resilienz-Diskussion angebotenen allgemeinen Faktoren der Stärkung von Resilienz, wie zum Beispiel Diversifizierung und Pufferkapazität, sind zum Beispiel nicht auf das Wissen um konkrete Gefahren und deren potenziellen Auswirkungen angewiesen. Auch was allgemeine Faktoren der Bewältigung angeht, lassen sich viele allgemeine Prinzipien finden, welche die Reaktion auf jegliche Art von Ereignis ermöglichen. Literaturverzeichnis Douglas, M & Wildavsky, A 1982, Risk and Culture: An Essay on the Selection of Technical and Environmental Dangers, University of California Press, Berkeley, CA. Donahue, AK. & Tuohy R, 2005, ‘Lessons we don’t Learn: A study of the Lessons of Disasters, why we repeat them, and how we can learn them’, Homeland Security Affairs, vol. 2, no. 2, Available from: www.hsaig.org Foucault, M 1982, Structuralism and post-structuralism. Telos 55, pp. 95-211. Grant, K 2007, ‘Tacit knowledge Revisited – We Can Still Learn from Polanyi’, The Electronic Journal of Knowledge Management, vol. 5, no. 2, pp.173-180. Horrigan PG 2007, Epistemology: An Introduction to the Philosophy of Knowledge, iUniverse, New York IPCC 2014, Climate Change 2014: Impacts, Adaptation, and Vulnerability. Part A: Global and Sectoral Aspects. Contribution of Working Group II to the Fifth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change, Cambridge University Press, Cambridge, United Kingdom and New York, NY, USA, Klein G 1998, Sources of power: How people make decisions, MIT Press, Cambridge, MA. Luhmann, N 1993, Risk: A Sociological Theory, de Gruyter, New York. Polanyi, M 1966, The tacit dimension, Doubleday, Garden City Renn, O 2008, ‘Concepts of Risk: An Interdisciplinary Review – Part 1: Disciplinary Risk Concepts’, GAIA, vol. 17, no.1, pp.50–66. Slovic, P 2001, ‘Trust, emotion, sex, politics, and science: surveying the risk-assessment battlefield’, Risk Analysis, vol. 19, no. 4, pp. 689–701. Spiekermann, R, Kienberger, S. Norton, J, Briones, F & Weichselgartner, J 2015 ‘The Disaster-Knowledge Matrix – Reframing and evaluating the knowledge challenges in disaster risk reduction’, International Journal of Disaster Risk Reduction, vol. 13, pp. 96-108. Davies, M. 2001, ‘Knowledge (Explicit and Implicit): Philosophical Aspects’, International Encyclopedia of the Social & Behavioral Sciences. Elsevier, pp. 8126-8132 Weichhart, P 2007, ‚Risiko-Vorschläge zum Umgang mit einem schillernden Begriff‘, Ber. z. dt. Landeskunde, vol. 81, no. 3, pp. 201-214. 16 Macht allein Schaden klug? Trénelle-Citron: Raumordnungsinstrumente In den folgenden Ausführungen wird zuerst ein Blick auf die Raumordnungsinstrumente geworfen und dabei von der nationalen bis zur Ebene der Liegenschaft vorgegangen. Anschließend werden die Diskurse in den wissenschaftlichen Publikationen untersucht und mit aktuellen räumlichen Praktiken in Verbindung gesetzt. Die französische Gesetzgebung hat bislang die lokalen Besonderheiten der Überseedepartements wenig berücksichtigt. Vor allem in den 1980er und 1990er Jahren war die Reaktion auf die entstandenen Marginalviertel durch freiwillige und erzwungene Umquartierung in soziale Wohnbauprojekte (HLM, habitation à loyer modéré) geprägt. Ähnlich wie in den französischen Großstädten, oder wie oben beschrieben in Kingston, entstanden in Fort-de-France ganze Viertel, beispielsweise die ‚Cité Dillon‘, die fast ausschließlich aus diesen Wohnblöcken bestehen. Um den negativen Folgen dieser Praxis in den Marginalvierteln entgegenzuwirken, fordert der Bericht Letchimys Umsiedlungen zu vermeiden und den Verbleib der Bevölkerung in den bestehenden Strukturen, wenn möglich, zu favorisieren: „[…] les opérations de restructuration […] doivent privilégier le maintien des habitants chaque fois que la nature des lieux le permet“ [„[…] die Restrukturierungsmaßnahmen […] sollen den Verbleib der BewohnerInnen favorisieren, wenn das an diesem Ort möglich ist“] (Letchimy 2009; Übersetzung J.B.). Der Bericht Letchimys dient als Vorlage für das nach ihm benannte nationale Gesetz 725 (o.A. 2011). Das Gesetz implementiert wichtige Änderungen in die Raumordnung: StaatsvertreterInnen, auf kommunaler oder departementaler Ebene, können per Dekret Gebäude als heruntergekommen, unhygienisch oder unsicher deklarieren und Maßnahmen wie Renovierung oder Abriss anordnen. Titellose BewohnerInnen haben Anspruch auf finanzielle Entschädigung, solange sie länger als zehn Jahre in ihrem Haus leben, sollte das Gebäude wegen Umgestaltungsmaßnahmen beispielsweise abgerissen werden. Um die Umsiedlung muss sich der Staat oder die Kommune kümmern (o.A. 2011). Zum einen wird der Kommune mehr Handlungsspielraum in der Raumordnung gegeben (mit der Vorgabe, Restrukturierungen Umsiedlungen vorzuziehen) und zum anderen ist es Titellosen möglich im Falle einer Umsiedlung finanzielle Entschädigung zu erhalten. Die beiden relevanten Instrumente für die Klassifizierung von Gebäuden und Grundstücken sind der Plan Prévention des Risques und der Plan local d’urbanisme. Den Plan Prévention des Risques (Préfecture de la Martinique 2004) gilt es auf drei Ebenen zu lesen: Erstens, auf der Ebene der oben beschriebenen Kategorien von Naturgefahren, zweitens, auf der Ebene aus der Siedlungsstruktur resultierenden Herausforderungen und drittens als Synthesedokument. Für das Gebiet von Trénelle-Citron gilt die zweithöchste Gefahrenstufe für Überschwemmungen (entlang des Ufers der Rivière Madame). Für die Gefahr Erdbewegungen gilt ebenso die zweithöchste und in Teilen die dritthöchste Stufe. Als gewachsenes Marginalviertel am Rand der Stadt wird Trénelle-Citrons Besiedlungsstruktur auf der entsprechenden Karte in der mittleren Kategorie eingestuft. Im Synthesedokument (Abb. 4) ist das Gebiet entsprechend der gelben und der orangen Zone zugeordnet. Daraus werden folgende Vorgaben für die Raumordnung abgeleitet: Kein Bau von öffentlichen Gebäuden, bestehende private Bebauung soll sicherer gemacht werden und geplante Bauvorhaben sollen die bestehenden Gefahren berücksichtigen. 17 Integrative Risk and Security Research Volume 3/ 2015 Abbildung 5: Ausschnitt aus dem PPR Quelle: Bohle 2015 18 Macht allein Schaden klug? Valérie November (November 2002) bezeichnet Zonierung als bevorzugte räumliche Figur zur Übersetzung von Risiko. Dem wohnt das Versprechen von Sicherheit inne, denn wer in der weißen Zone lebt, ist sicher; wer in der violetten Zone lebt, ist in ständiger Gefahr. Vor diesem Hintergrund ist es wenig überraschend, dass Praktiken wie Umsiedlung ergriffen werden. Der Transfer der Bevölkerung von einer (unsicheren) Zone in eine (sichere) Zone ist Ausdruck dieser essentialistischen räumlichen Logik. Soziale Realitäten werden hierbei nicht berücksichtigt, wie die Erfahrungen mit den Umsiedlungsprogrammen in HLM der 1980er und 1990er Jahre zeigen. Ergänzt wird der Plan Prévention des Risques durch den Plan local d‘urbanisme (ADUAM 2008). Während der Plan Prévention des Risques aus den berechneten Gefahren Bedingungen für bauliche Maßnahmen eines Gebietes regelt, definiert der Plan local d‘urbanisme mit Rückgriff auf den Plan Prévention des Risques die konkreten Bebauungsregeln. Im Plan local d‘urbanisme wird vor allem für die private Nutzung bestimmt, was gebaut werden darf, wie gebaut werden darf und welche Nutzung erlaubt ist. Für die vorliegende Fallstudie sind einige Artikel des Plan local d‘urbanisme besonders interessant, da sie die Differenz zwischen juristischen Regelungen und der lokalen Realität veranschaulichen: Artikel drei definiert, dass aus Gründen des Brandund Zivilschutz jedes Grundstück für Fahrzeuge erreichbar sein muss. Dies ist durch die gewachsene Struktur und Topographie des Viertels nicht gegeben, viele Gebäude sind nur über Treppen oder Innenhöfe zu erreichen. Die bestehenden Straßen sind teilweise zu schmal für Einsatzfahrzeuge. Artikel vier regelt den Zugang zu kommunalen Leistungen wie Trinkund Abwasser, Elektrizität, Telefonanschluss und Abfallentsorgung. Alle Gebäude sind zwar an das Versorgungsnetz angeschlossen, allerdings ist die Zuordnung der Leitungen zu Gebäuden schwierig, was die Kontrolle von Nutzung und die Abrechnung erschwert. Die Abfallentsorgung ist nur dort möglich, wo die entsprechenden kommunalen Fahrzeuge die Straßen passieren können. Die Entsorgung von Abfällen in die Rivière Madame wird regelmäßig thematisiert. An der Rivière Madame ist laut Artikel sechs ein Korridor von zehn Metern freizulassen. Diese Regelung ist nur teilweise umgesetzt und ein konfliktträchtiges Feld: Am Flussufer siedeln vor allem BewohnerInnen, die später nach Trénelle-Citron gezogen sind und mit eingesessenen BewohnerInnen über die Frage nach der Besiedlung der Uferzone in Konflikt geraten (Audebert & Saffache 2002). Artikel acht besagt, dass auf dem gleichen Grundstück ein Mindestabstand von vier Metern zwischen Gebäuden liegen muss. Dies läuft der Struktur des ‚lakou‘ zuwider. Hier tritt die fundamentale Rolle von Zirkulation in der Ordnung urbaner Räume zu Tage (Legg 2011). Das Ziel des Sicherheitsdispositives in den Raumordnungsinstrumenten ist es, Zugang zum Viertel und die Zirkulation von Einsatzfahrzeugen im Viertel zu ermöglichen. Auf der Ebene der einzelnen Liegenschaften in Trénelle-Citron gibt es ein weiteres Instrument, die Risikoanalyse die von der Stadt in Auftrag gegeben wurde (GEOTER & Ville de Fort-de-France 2006). Dabei wurden alle Gebäude in Trénelle erfasst, deren Wert geschätzt und berechnet, welche Kosten für Baumaßnahmen zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit entstehen würden. In Abb. 5 ist das Datenblatt eines der erfassten Gebäude reproduziert. Die Risikoanalyse umfasst Informationen wie Fotografien, Aufriss, Grundriss, Wohnfläche, geschätzter Wert und verbaute Materialien des Gebäudes. Außerdem wird die Verwundbarkeit des Gebäudes klassifiziert und in entsprechende Kategorien übersetzt. Mögliche Kosten für Abriss, Umbau und Schutzmaßnahmen werden berechnet und abschließend aus den Informationen Empfehlungen abgeleitet. Die erhobenen Daten könnten als Berechnungsgrundlage für Restrukturierungsmaßnahmen im Sinne des Plan local d‘urbanisme und des Plan Prévention des Risques dienen. In anderen urbanen Kontexten ließen sich die Maßnahmen auch als Ausprägung von Inwertsetzung untersuchen. Im vorliegenden Fallbeispiel lässt sich eine solche Tendenz nicht erkennen. Aus den geführten Gesprächen mit verschiedenen involvierten Akteuren geht hervor, dass die getätigten staatlichen Investitionen nicht auf ökonomischen Rückfluss abzielen, sondern auf die Sicherung des sozialen Friedens. 19 Integrative Risk and Security Research Volume 3/ 2015 Abbildung 6: Beispiel für Risikoanalyse der Liegenschaften Quelle: GEOTER & Ville de Fort-de-France 2006 Zusammenfassend ist festzustellen, dass in den letzten Jahren eine Reihe von Dokumenten erstellt wurden, die auf verschiedene Art und Weise die räumliche Ordnung erfassen, klassifizieren, bewerten und regulieren. Alle diese Dokumente kreisen um Fragen der (Un-)Sicherheit, vor allem mit Verweis auf Naturgefahren. Das bedeutet für die Bevölkerung von Trénelle-Citron, dass die Gemeinde per Erlass jedes Gebäude mit der Begründung auf Naturgefahren oder Sicherheit abreißen lassen kann. Alle hier vorgestellten Dokumente würden ein entsprechendes Vorgehen stützen. Die Macht dazu liegt in den Händen der Mairie, also des Bürgermeisteramtes, das heißt seit 1945 bei der Parti Progressiste Martiniquais. Wissenschaftliche Diskurse und lokale Praktiken Eine Diskursanalyse der wissenschaftlichen Dokumente (Audebert & Saffache 2002; Letchimy 1992; Mavoungo & Saffache 2005; Saffache 2000) die zum Thema vorliegen, ergibt fünf zentrale Themenkomplexe: Verwundbarkeit, nicht-regelkonformes Verhalten, fehlende Risikokultur, Identität, Regierung und Steuerung. Die Verwundbarkeit der Bevölkerung von Trénelle-Citron wird vor allem mit Verweis auf Naturgefahren und soziale Charakteristika begründet. Eng hiermit verbunden sind die Verweise auf mannigfaltiges nichtregelkonformes Verhalten, besonders in Hinblick auf bauliche Praktiken. Mit diesen beiden Diskursen verbunden ist jener der fehlenden Risikokultur. Unter dem Schlagwort der fehlenden Risikokultur werden unter anderem die passive Haltung der Bevölkerung, nicht vorhandene Sensibilität für Risiken sowie unangepasste Praktiken und Einstellungen im Umgang mit Risiken subsummiert. Diese Punkte ließen sich auch mit fehlender Risikowahrnehmung beschreiben, aber interessanterweise wird quasi ausschließlich auf fehlende Risikokultur rekurriert. Dieser Umstand ließe sich als Versuch interpretieren, den positiv besetzten Diskursen über Identität und Erbe des Viertels auf dem gleichen Feld zu begegnen und entsprechend die Frage nach dem Geist des Viertels anders zu besetzen. In den Feldern Identität, sowie Regierung und Steuerung lassen sich Überschneidungen feststellen. Hierbei geht es beispielsweise darum, die Bevölkerung zu kontrollieren, sie zur Räson zu bringen, beziehungsweise nicht aufzuschrecken. Das ist verknüpft mit Verweisen auf die Umsiedlungspraktiken in HLM, die Verflechtungen zwischen Viertel und Lokalpolitik, sowie die soziale Kohäsion des Viertels. Ähnlich wie die 20 Macht allein Schaden klug? Dokumente der ersten Dokumentgruppe, bewegen sich die wissenschaftlichen Dokumente im Spannungsfeld Sicherheit und Identität, wobei vor allem die Vulnerabilität des Viertels adressiert wird. In der Zusammenschau der beiden Dokumentgruppen lassen sich die Technologien auf der räumlichen Ebene der Bevölkerung, beziehungsweise des Milieus, als Biopolitik auffassen. Die Prozesse um Verbesserung der ‚unwürdigen Lebensverhältnisse‘, die Risikoanalyse, die Risikokultur, etc. sind Effekte der Ausbreitung der Sicherheitsdispositive mit dem Ziel, Kontrolle über die räumliche Ordnung zu erlangen (Rabinow 1982). Auf der Ebene konkreter Praktiken gibt es eine Reihe von lokalen Initiativen, die unter Stichworten wie ‚Recht auf Stadt‘ oder ‚Écoquartier‘ auf Praktiken der gewachsenen und heute noch relevanten Aneignung des Raumes verweisen und dabei Fragen von Identität aber auch von Entwicklung, Erbe und Fortschritt thematisieren. Auf der anderen Seite wurde damit begonnen, die in den Dokumenten angelegte Umgestaltung durchzuführen. In einem ersten Schritt wird die bauliche Struktur des Viertels dahingehend geändert, dass mehr automobile Zirkulation von außen und innerhalb des Viertels möglich wird. Im Spannungsverhältnis der präsenten Diskurse von Risiko, Sicherheit Verwundbarkeit und Identität entstehen verschiedene Räume und räumliche Repräsentationen. Trénelle-Citron als Risiko-Raum, als verwundbarer Raum, als Lebens-Raum, als Solidaritäts-Raum. Grenzen von Versicherheitlichung Aus den beschriebenen Prozessen geht hervor, dass eine auf Versicherheitlichung fokussierte Analyse der Thematik nicht gerecht wird. Sinnvoller erscheint es eine gouvernementalitätsanalytische Perspektive einzunehmen. Denn diese fahndet nicht nach von Sicherheitsdiskursen ausgelösten großen und kleinen Ausnahmezuständen, sondern fragt nach Subjektivierungsweisen, Problematisierungen, sowie Rationalitäten und Technologien des Regierens (Rosol & Schipper 2014). Diese sollen im Sinne eines zusammenfassenden Endes schlaglichtartig beleuchtet werden. Die Subjektivität der BewohnerInnen von Trénelle-Citron wird durch Wissensformen und Regierungstechniken, sprich Techniken der Regierung des Selbst und der Regierung Anderer, beständig ausgehandelt. Die konfligierenden Diskurse um fehlende Risikokultur auf der einen und vielfältiger sozialer Praktiken wie der ‚technique du coup de main‘ auf der anderen Seite veranschaulichen dies. Die Problematisierung von Sicherheit in Trénelle-Citron ist das Resultat konkreter Diskurse und Praktiken, die es als ein zu regierendes Problem identifizieren. Spannend am vorliegenden Fallbeispiel ist, dass die Antworten auf das konstruierte Sicherheitsproblem sehr unterschiedlich ausfallen und sich der Prozess wie kollektives Wissen über das zu regierende Sicherheitsproblem gebildet wird direkt mitverfolgen lässt. Dass Trénelle-Citron zum einen ein Risikoraum ist und zum anderen Umsiedlungsprojekte wie in den 1980er und 1990er Jahren negativ bewertet werden wird von allen Interviewpartnern als Common Sense herausgearbeitet. Welche Antworten sich auf das Sicherheitsproblem durchsetzen ist noch umkämpft. Betrachtet man die Dokumente zur Raumordnung und die folgenden Interventionen ergibt sich ein kleinteiliges Puzzle, aus dem als aktuell dominierende Handlungsrationalität die Maxime der Verbesserung der Lebensumstände geht. Die ‚heruntergekommenen und unwürdigen Wohnverhältnisse‘ sollen durch staatliche Maßnahmen verbessert werden und so die Sicherheit des Viertels gegenüber Naturgefahren erhöht und gleichzeitig die soziale Struktur erhalten bleiben. Die Motivation dahinter lässt sich nicht klar trennen und herausarbeiten. Klientelismus und/oder der Wunsch die Identität des Viertels als zentraler Bestandteil einer martinikanischen Identität zu bewahren scheinen jedoch gewichtigere Faktoren als die erhöhte Sicherheit vor Naturgefahren darzustellen. Ausgangsbasis für die obige Analyse waren die Technologien des Regierens, konkret die Apparate, rechtliche Regelungen und Institutionen, die bestimmte Praktiken und Problemsichten nahe legen. Fazit Das Leben in Trénelle-Citron ist seit der Gründung des Viertels von Unsicherheit geprägt. Unsicherheit auf der einen Seite durch Naturgefahren, auf der anderen durch soziale Probleme wie unter anderem nicht geklärte Besitzverhältnisse, Generationskonflikte, prekäre Lebensverhältnisse und Gewalt. In diesem Spannungsfeld kommt der Ordnung des Raumes und den strukturierenden Technologien und Rationalitäten eine zentrale Rolle zu (Foucault 2004a; 2004b). Risiko und Dispositive der Sicherheit sind das Ergebnis spezifischer Rationalitäten und Technologien, die gesellschaftliche Wirklichkeiten bedingen, quantifizierbar und dadurch regierbar machen (Mattissek 2008). Der Text stellt klassische Elemente der Raumordnung in den Vordergrund um aufzuzeigen, dass Raumordnung „[…] nicht nur als Technik der räumlichen Gestaltung […], 21 Integrative Risk and Security Research Volume 3/ 2015 sondern als zutiefst normative, machtgeladene und politische Technologie des Regierens […]“ (Reuber 2010, S. 208) verstanden werden kann. Am Beispiel Trénelle-Citron wird deutlich, dass Risiko und (Un-)Sicherheit das Ergebnis dieser Technologien des Regierens sind. In Trénelle-Citron sind nicht Risiko und Sicherheit, sondern die Sorge um die Verbesserung der ‚unwürdigen Lebensverhältnisse‘ die Norm, die das Handeln anleitet. Mit anderen Worten, die anzustrebende Norm ist nicht die Sicherheit der Bevölkerung, sondern die Verbesserung der Lebensverhältnisse, um den Status quo beizubehalten. Diese prägt die gouvernementalen Praktiken. Mit der gouvernementalitätsanalytischen Perspektive lassen sich die Technologien und Rationalitäten des Messens, Klassifizierens und Quantifizierens als notwendig für die Konstruktion der Problematisierung von Risiko verstehen. Ohne den wissenschaftlichen Diskurs und die Übersetzung in Karten und Pläne wäre ein Sprechen über Risiko und Sicherheit nicht relevant. Die Raumordnungsinstrumente legitimieren dies erst. Karten, Pläne, Statistiken und resultierende Schätzungen von Wahrscheinlichkeiten charakterisieren die Mechanik der Sicherheit (Foucault 2004a; Hannah 2000). Die Raumordnungsinstrumente spiegeln den technokratischen Charakter der Rationalitäten und festigen die Dichotomie Experten versus Lokalbevölkerung, die in den Diskursen eingeschrieben ist. Der Geist des Viertels, beziehungsweise die Kultur des Viertels ist das am stärksten umkämpfte diskursive Feld. Hier stehen sich zwei gegensätzliche Positionen gegenüber. Mit dem Verweis auf die soziale Kohäsion und die Identität des Viertels, wird dem Diskurs über die fehlende Risikokultur entgegengearbeitet. Serge Letchimy verkörpert die Spannung zwischen diesen Polen. Auf der einen Seite ist er als Stadtplaner Experte, auf der anderen Seite begründet er seine technokratischen Lösungsvorschläge mit Verweis auf die gewachsene Identität des Viertels (Chamoiseau 1995; Letchimy 1992; Letchimy 2009). Um der Komplexität des Fallbeispiels gerecht zu werden, argumentiert der vorliegende Beitrag für die Bevorzugung einer gouvernementalitätsanalytischen Perspektive gegenüber einer Analyse von Versicherheitlichung. Zusammenfassend ist zu konstatieren, dass Diskurse um Risiko und (Un-)Sicherheit, Identität, sowie Entwicklung, Fortschritt und Erbe konkurrieren und das Leben im Viertel strukturieren. Mit anderen Worten: auf der räumlichen Ebene der Bevölkerung des Viertels wird Macht über Technologien der Biopolitik ausgeübt. Dabei spielen die Konstruktion von Risiko und Sicherheitsdispositive eine zentrale Rolle. Ähnlich wie in anderen urbanen Räumen der Karibik ist in dem erläuterten Fallbeispiel der Klientelismus eine treibende Kraft hinter gouvernementalen Praktiken. Danksagung Die Feldforschung für diesen Betrag wurde finanziell unterstützt durch das Projekt „Die Amerikas als Verfechtungsraum“ am Center for InterAmerican Studies der Universität Bielefeld. Ein erster Entwurf wurde im Rahmen der Tagung „Politische Geographien von Entwicklung, Risiko und Versicherheitlichung“ im Oktober 2014 an der Universität Bonn vorgestellt, vielen Dank den TeilnehmerInnen für die Anmerkungen und Anregungen. Herzlichen Dank an die beiden anonymen ReviewerInnen für die hilfreichen Kommentare und an die HerausgeberInnen dieses Sammelbandes für die Aufnahme und Betreuung des Beitrags. Auf Martinique bin ich folgenden Personen zu besonderem Dank verpflichtet: Romain Cruse für die Erstellung der Karte; Bruno Carrer für die interessanten Gespräche über und die Exkursionen in die verschiedenen Viertel von Fort-de-France; Serge Letchimy und Pascal Saffache für die fruchtbaren Gespräche über Geschichte, Gegenwart und Zukunft von Trénelle-Citron. Literaturverzeichnis ADUAM 2008, Plan local d‘urbanisme‘ Online, ADUAM Portal [31. Juli 2014]. Audebert, C & Saffache, P 2002, Les quartier populaires de la ville de Fort-de-France. 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Das Ziel des postdoc Projektes (2014-2015) ist es, eine alternative Kartendarstellung zu den heutigen durch GIS entworfenen Kartenbildern zu entwickeln, die besser für eine strategische Planung des Katastrophenmanagements geeignet sein soll. Das Bedürfnis einer strategischen Planung beruht auf die Notwendigkeit bestimmte Aktionsgebiete detailliert zu bearbeiten und daher verschiedene Maßstäbe gleichzeitig zur Verfügung zu haben. Im Buch „Tickle your catastrophe“ zeigt Salewski (2011) die Geschichte neuer Kartentechniken, als Antwort an Harley (1989), die in der Kartendarstellung hilfreich sein können, da sie einerseits der strategischen Planung dienen, andererseits sogenannte Walkscapes darstellen. Diese sind: das Szenario (Kahn, 1962) und das “derivé“ (Debord, 1955). Die Verbindung zwischen beiden Darstellungen beschreibt unserer Ansicht nach die Verbindung zwischen einer systemischen Vorgehensweise und der strategischer Planung. Das Kartenkonzept in dieser Vorgehensweise unterstützt das Konzept bezüglich der Route und das Bild der Stadt in unserem Vorschlag. Die Pädagogik-Komponente der Katastrophen, Thema des Treffens in Köln (aus Schaden lernen), ist auch ein Vorsatz in unserer Arbeit. Diese Komponente stützt sich auf die Vorgehensweise des „lessons learned“, wobei man aus den vergangenen Katastrophen lernen kann. Während die Strategie als Vorgehensweise (Kahn, 1962) einen militärischen Ursprung hatte um nach und nach in verschiedene Bereiche der Wissenschaft übernommen zu werden (von der Planung bis in die Didaktik), stammt „lessons learned“ aus dem Projektmanagement/Wissensmanagement. Zum Beispiel hat das Earthquake Engineering Research Institute ein Programm, das sich dem Lernen aus dem Erdbebenerfahren widmet (https://www.eeri.org/projects/learning-from-earthquakes-lfe/). Jedes neue Ereignis wird untersucht und Lehren für die künftige Prävention gezogen. Auch das GFZ Potsdam hat das Konzept „lessons learned“ für das Hochwasser an der Elbe 2002 angewandt (zahlreiche Veröffentlichungen unter: http://www.gfzpotsdam.de/forschung/ueberblick/departments/department-5/hydrologie/projekte/abgeschlosseneprojekte/lessons-learned/). Dadurch sind spätere Hochwasserereignisse nicht mehr so schadensreich gewesen. Das pädagogische Konzept von z.B. Thomas Brückner (1998) fördert genau dieses Wissensmanagement. Die Struktur unseres Projekts hat ihren Ursprung im Katastrophenprojektmanagement. Insbesondere sind wir an dem virtuellen Teil bezüglich der Simulationen interessiert. Die Simulation ist ein Werkzeug in der strategischen Planung gemäß Habitat II (das zweite Treffen des Programms der Vereinten Nationen für menschliche Siedlungen – UN-HABITAT - United Nations Human Settlements Programme), aber auch ein Ergebnis eines Szenarios. Derzeit werden die Ansätze für Habitat III auf einer verbesserten Basis entwickelt. Die Simulation bildet auch eine didaktische Strategie, die auf einer indirekten Aktion basiert (Cerghit, 2006). Simulationsbeispiele im Katastrophenmanagement waren das Hauptthema des C3 Teilprojektes „Modellbildung und Simulation“ (Leitung Frank Fiedrich, Fritz Gehbauer) des SFB 461 (http://www.tmb.kit.edu/SFB461_C3/projektziele/projektziele.html). In unserem Vorhaben geht es um Multimediaunterstützung des Lernens. Das Konzept der Stadtführung in den Orten, die als Zeugen früherer Katastrophenereignissen dienen, wird aus der physischen Welt in die Welt der Simulation übertragen. Zum Lernen werden in unserem Ansatz digitale Spiele zur Ortung auf der Karte eingesetzt. Für die physische Welt wurden ebenfalls Vision und strategische Planung eingesetzt, im Rahmen des AESOP (Association of European Schools of Planning) Workshops „Becoming local“ Bukarest, im Juni 2014 (unter der 24 Macht allein Schaden klug? Leitung von Ceren Sezer). In Debord’s Karte (1955) hat dieser die verschiedenen Bereiche der Stadt gemäß der Psychologie beim Durchwandern der Straßen dargestellt. Dadurch wird die psychische Welt auch im Bereich der Karten weitergegeben. Obwohl dieses Konzept bereits die Katastrophendimension in sich trägt (gemäß Salewski, 2011), geht Gociman (2006) einen Schritt weiter, indem sie den Wiederaufbau nach Katastrophenereignissen mit der mentalen Karte der Einwohner in Verbindung bringt. Die mentale Karte beruht auf einem höchst erfolgreichen Konzept von Kevin Lynch, „Das Bild der Stadt“ (1960). Lynch (1960) unterscheidet zwischen die Flächenoder Linienmäßigkeit von Stadtbereichen (Grenzgebiet, Merkmal, Weg etc.) wie sie in einem gut vertrauten Durchgehen der Stadt von den Bewohnern wahrgenommen werden. Dieses Konzept ist inzwischen Unterrichtsfach an Städtebaufakultäten. August Sander – Kriegszerstörung in Köln Im Jahre 2010 hat die Erstverfasserin eine Archivforschung zum Thema Katastrophenphotographie aus dem 19. Jahrhundert beim Canadian Centre for Architecture durchgeführt: Feuer, Erdbeben, Überflutung, Krieg (Köln sowie eine Pariser Kommune), Vulkane (Photograph Giorgio Sommer). Neben Naturkatastrophen werden auch von Menschen verursachten Katastrophen photographisch dargestellt. Unter den Archivobjekten befindet sich die Mappe vom Photograph August Sander: „Köln nach der Zerstörung“. Die Bombardierung von Köln ist zwar nicht die bekannteste Zerstörung im 2. Weltkrieg, aber der photographische Ansatz von Sander (1945-46) gilt als Katastrophenlehre. August Sander versuchte mit Hilfe der Bilder eine Nachricht zu hinterlassen und zwar: „Wer den Untergang von Köln miterlebt und überlebt hat, kann sich noch eine Vorstellung machen von dem Vorgang der furchtbaren Katastrophe, wird es aber niemals verstehen können, denn es handelt sich ja nicht um eine Naturkatastrophe, wie bei ‚Pompei und Herkulanum‘, sondern um ein vorsätzlich begangenes Verbrechen durch eine ruchlose Politik, die uns Elend und Verderben gebracht hat. Die Mappe, die eine kleine Auswahl photographischer Dokumente enthält, müssen Zeitgenossen und Nachkommen eine harte und unerbittliche Mahnung sein. Die prophetischen Worte aber des ‘großen Führers‘ müssen eine Warnung sein für alle Zeiten in politischen Fragen.“ (August Sander 1945-46) Abb. 1 stellt eine Liste der Kölner Orte dar, die nach der Zerstörung für das Buch fotografiert wurden. Eine detaillierte Beschreibung befindet sich in Bostenaru (2011a). Wir haben auch Sander‘s Buch in der Forschung miteinbezogen, obwohl es nicht aus dem 19. Jahrhundert stammt, weil es sich um dieselbe Art von Photographie handelt: künstlerische Darstellung von Katastrophenereignissen. Im Vergleich zu Kozák und Cernák (2010) haben wir uns auf Katastrophen konzentriert, da andere ältere Bilddarstellungsweisen von Katastrophen schon von den erwähnten Autoren miteinbezogen wurden. Diese Art von Photographie unterscheidet sich völlig von der heutigen, die entweder technisch ist, oder bei der es sich um Bilder handelt, die den Medien dienen. Im Rahmen unseres Projektes arbeiteten wir daran auch das Kartenkonzept mit den Katastrophenbildern zu verbinden. Dafür wurde ein Datenbankkonzept entwickelt und zwar eine Ontologie der Bilder (Bostenaru, 2011b). Die ontologische Vorgehensweise ist eine Möglichkeit die Bilder einiger Klassifikationskriterien zuzuordnen. Eine andere Vorgehensweise ist das komplexe Netzwerk. Mit der Software ORA wird ein Netzwerk der Zusammenhänge, welche diese Klassifizierungen der Ontologie folgen (Katastrophentyp, Ort, Photograph, Zeitpunkt etc.), erstellt und die Bilder von Köln in diesem Zusammenhang genau lokalisiert. Für ein Beispiel solcher Anwendung siehe Sun (2015). Dieses Netzwerk ist aber kartenunabhängig. Der nächste Schritt ist die Überlappung des Netzwerks auf die Karte. In den nächsten Schritten wird mit dem Bild selber gearbeitet und es wird ein Zusammenhang zwischen Photographie und Karte durch die in der Einführung erwähnten, aber auch mit Hilfe weiterer Methoden hergestellt. Popa (2014) hat das Konzept der mentalen Karte von Lynch (1960) auf die Landschaftsanalyse übertragen. Eine Ruinenlandschaft wird in unserem Projekt auch wie eine Landschaft analysiert. Als Beispiel dient hier Abb. 2, der Anblick aus der Luft der Kölner Innenstadt, früher und heute. Die Ergebnisse der Landschaftsanalyse lassen sich auf Karten nach der Methode von Lynch (1960) eintragen. Man kann Merkmalruinen verwenden (die als solche sogar erhalten werden könnten, wie die Gedächtniskirche in Berlin), aber auch weitgehend zerstörte Gebiete oder die Führungsrouten, die in der Erkundung verwendet wurden (der mentalen Karte folgend), sowie auch die Grenzgegend. Eine Darstellung der Lynch Methode gibt es in Bostenaru (2013). In Abb. 1 wurden diejenigen Photos fett gekennzeichnet, die für eine solche Analyse geeignet sind. Auf dem Luftbild dient das Uferbild der Darstellung der Silhouette, wie in Bostenaru und Panagopoulos (2014) für Lissabon. 25 Integrative Risk and Security Research Volume 3/ 2015 Partie am Dom Altstadt am Dom Detail des Doms Die Rheinfront mit Dom Blick vom Dom auf Deichmannhaus und Jesuitenkirche St. Aposteln Der Neumarkt mit St. Aposteln Blick vom Dom auf Hbf., Deichmannhaus und Jesuitenkirche Aus der Altstadt Die Hohestraße Hohenzollernbrücke Blick vom Dom auf Hohenzollernbrücke + Messegelände Der Neumarkt mit St. Aposteln Hohenzollernbrücke Blick vom Dom auf die Altstadt mit Rheingelände Eigelstein Zeughaus St. Martin und Stapelhaus St. Gereon (2) Partie um die Elendskirche Blick auf St. Gereon St. Maria im Kapitol Severinsviertel Deutscher Platz mit Hochhaus Jesuitenkirche Jesuitenkirche am Hbf. St. Pantaleon St. Ursula Georgskirche „Kraft durch Freude“ Der Ausblick eines Kölners aus seinem Fenster Dürenerstraße Abbildung 1: Liste der Bilder im Buch von August Sander (siehe Legende weiter im Text) Quelle: Eigene Darstellung Abbildung 2: Luftbild der Innenstadt Köln mit Sanktaposteln, jetzt und zuvor. Photo: jetzt (links) Bostenaru, 2000, dann (rechts), August Sander: Blick vom Dom auf die Altstadt mit Rheingelände, 1945-1946, Plate 5 from the portfolio Köln nach der Zerstörung 1945-1946, vol.1, Gelatin silver print, 22,1 x 28,9 cm, Collection Centre Canadien d'Architecture/Canadian Centre for Architecture, Montréal, PH1982:0018.01:005 © Photograph. Samml./SK Stiftung Kultur – A. Sander Archiv, Köln, VG Bild-Kunst, Bonn 2015. Die einzelnen Ruinen sind auch wichtig als Merkmale auf der Karte, oder als Knotenpunkte der Führungsroute. Diese Möglichkeit wird in einer eigens entwickelten und im Folgenden präsentierten Multimediaanwendung dargestellt. Für diese Anwendung haben wir die fett geschriebenen und unterstrichenen Bilder in Abb. 1 ausgewählt. Multimedia Anwendung – Darstellung der Stadt Köln Multimedia Anwendungen werden in diesem Jahrtausend immer häufiger zur Darstellung geisteswissenschaftlicher Inhalte verwendet, darunter zählen auch die virtuellen Reisen (sog. „armchair travel“ auf dem Bildschirm, vertraut um 2000 http://www.armchair-travel.com/). Im Jahr 2000 hat die Erstautorin an einer solchen multimedialen Führung für die Stadt Köln gearbeitet und gleichzeitig die Stadt zum Anlass des Multimediatreffs besucht. Die Führung wurde mit der Autorensoftware Macromedia (jetzt Adobe) Director gemacht und das Multimediatreffen wurde den Anwendungen dieser Software gewidmet, unter der Anwesenheit von Mitglieder des Entwicklungsteams aus San Francisco. In Hughes (1999) bekommt man einen guten Überblick der Positionierung dieser Autorensoftware in der Geschichte der Multimedia. Wie Kahn (1962) und Debord (1955) stammt das Konzept der Software auch von der Art wie Filme gedreht werden. Grundkonzepte wie „score“ (die Bühnensteuerung in der Computeranwendung) belegen es. Die geplante Anwendung enthält die folgenden Momente: Zeitleiste, Führung, Quiz (Spiel). Die Führung erfolgt auf einer Karte. Die Knoten des Netzwerks, das der Fußgänger in der Erkundung der Stadt verfolgt, blenden beim Überfahren mit der Maus ein historisches Bild ein. Wenn 32 Macht allein Schaden klug? bei Vollmond, und zwar besonders dann, wenn der Vollmond auf die Eisheiligen falle. Dies ist jedoch wissenschaftlich nicht nachweißbar. Ein Blick in andere Erdteile (Nordamerika, Neuseeland) zeigt jedoch, dass – unter den dortigen Bedingungen – eine erfolgreiche Frostschadensabwehr – z.B. durch die Auflösung der Bodeninversion mittels Luftverwirbelung – umsetzbar und ökonomisch vertretbar ist (Poling 2008). Das Thema beherrschte in den betroffenen Gebieten die folgenden Weinbaufachtagungen und war der Anstoß zu verschiedenen Forschungsmaßnahmen. Im brancheninternen Diskurs stehen vor allem moderne Techniken (Heißluftgebläse, Gelkerzen, Luftverwirbeln durch Hubschrauber und Windmaschinen) im Vordergrund, da sie aus Sicht der landwirtschaftlichen Praktiker den Eindruck vermitteln, die Gefahr in den Griff zu bekommen. Die im Obstbau nach wie vor verbreitete Frostschutzberegnung spielt für den Weinbau hingegen kaum eine Rolle, da die dazu notwendige Bewässerungsinfrastruktur nicht vorhanden und ökonomisch nicht leistbar ist. In brancheninternen Diskurs wurde auch die hohe Technik-Affinität der Winzer deutlich, für die der Traktor mit angehängtem Gerät die übliche Technik ist, um den Weinberg zu bearbeiten. Besonders der Pflanzenschutz mit Fungiziden prägt die Erfahrung und das Verständnis der Winzer in der Schadensabwehr, mit mobiler, moderner Technik zeitnah und aktiv gegen die Gefahr vorgehen zu können. Deshalb stand schnell die Vorstellung von einem Schutzgerät im Raum, das an den Traktor angehängt die Frostgefahr bekämpft - eine Idealvorstellung vieler Winzer, von mobilen Luftverwirbelungsoder Heiztechniken (Abb. 6) bis hin zur Frage nach Spritzmitteln (sog. Pflanzenstärkungsmitteln), die die Frostschadensgefahr senken könnten. Dieses aktive Vorgehen geht auch einher mit dem subjektiven Gefühl, auf jeden Fall etwas getan zu haben, um die jungen Primärtriebe der Rebe proaktiv zu retten, auch wenn der reale Nutzen der Methode u.U. zweifelhaft sein könnte. Die Einflussfaktoren der Schadensgefahr bei Spätfrösten sind jedoch vollkommen andere als bei biotischen Schaderregern. Erst mit dem Verständnis der Kaltluftbildung und –Ansammlung sowie ihrer räumlich gezielten Bekämpfung ist es möglich, wirksame Abwehrstrategien in gefährdeten Arealen zu entwickeln. Deshalb war es zunächst wichtig, den Winzern durch gezielte Schulung – z.B. auf den Weinbaufachtagungen und durch die Offizialberatung der Landwirtschaftsverwaltung – für die Einflussfaktoren des Spätfrosts zu sensibilisieren. Präventive Methoden stehen derzeit weniger im Fokus des Diskurses, da dies oft mit einer Änderung der Bewirtschaftungsweise einhergehen müsste. Nur, sofern dies in den Rahmen der eigenen betrieblichen Bewirtschaftungsweise passt, ist eine Adaption realistisch. Ein Beispiel dafür ist die Übernahme von voll mechanisierungsfähigen Nichtschnitt-/Minimalschnittsystemen in den frostgefährdeten Tieflagen in Rheinhessen und der Pfalz: Durch eine veränderte Erziehungsform wird ein Vielfaches an Rebenholz und Knospen heckenoder buschartig bis in 2m Höhe erhalten. Dadurch stehen mehr Knospen pro Rebe zur Verfügung als in der klassischen Bogenerziehung; somit auch mehr von ihnen einen Schaden überleben. Außerdem ragt die Mehrheit der Knospen dabei über den gefährlichen Kaltluftsee hinaus (siehe Abb. 5). Das Minimalschnittsystem ist jedoch nur dort willkommen, wo die Möglichkeit der vollen Mechanisierung der Traubenproduktion erwünscht ist, und dies sind vor allem Rheinhessen und die Pfalz, da in den dortigen ebenen Lagen viele Fassweinproduzenten ansässig sind, die dieses System aus Gründen der Arbeitsökonomie schätzen. Anbaugebiete mit stärker traditionellem Einschlag und einem hohen Anteil von Selbstvermarktern stehen diesem System nach wie vor kritisch gegenüber, da es die Möglichkeit der Traubenselektion durch Handlese ausschließt. 33 Integrative Risk and Security Research Volume 3/ 2015 Abbildung 5: Während bei der üblichen Bogenerziehung (rechts) ein Totalschaden entstand, sind im Minimalschnittsystem (links); kaum Verluste zu erkennen Quelle: Hochschule Geisenheim Mai 2011 Seit 2011 ist zudem zu beobachten, dass in der Zuliefererbranche des Weinbaus die Frostschadensabwehr als neues Business entdeckt wird, was durch eine verstärkte Bewerbung von Abwehrmitteln und –Techniken zu sehen ist: Gelkerzen und Gebläse zur Beheizung (Abb. 6), Luftverwirbelungsgeräte sowie angebliche Frostschutz-Spritzmittel (sog. Pflanzen-Stärkungsmittel) mit unklarer Wirkung. Auch werden Frostversicherungen angeboten, wobei diese wegen des nur schwer versicherbaren Kumulrisikos entweder teuer sind oder nur unvollständigen Schutz bieten können. Aus der Fragestellung nach der Wirksamkeit einzelner Frostschutzmethoden und deren Adaptierbarkeit auf mitteleuropäische Verhältnisse sind in den Institutionen für Weinbauforschung der einzelnen Bundesländer verschiedene angewandte Forschungsprojekte entstanden (z.B. Müller et.al. 2014, Petgen et.al. 2015). Andere Projekte beschäftigen sich mit der Identifizierung gefährdeter Weinbaulagen mittels Geographischer Informationssysteme (Oberhofer et.al. 2012, Kartschall et.al. 2015, Kotremba et.al. 2015). Eine Fokussierung der agrarökonomischen Forschung auf ein spezielles betriebliches Risikomanagement im Weinbau steht jedoch noch aus. Abbildung 6: Stopgel®-Frostschutzkerze und mobiles Frostbuster®-Heißluftgebläse Quelle: Schwappach 2012 Lernerfahrungen im Spätfrost des Frühjahrs 2014 Im Frühjahr 2014 gab es in den deutschen Weinanbaugebieten zwei Spätfrostereignisse mittlerer Intensität (Tiefsttemperaturen -2° bis -3°C). Durch den Schaden 2011 sensibilisiert, wurden in vielen gefährdeten 34 Macht allein Schaden klug? Weinbaulagen Abwehrmaßnahmen durchgeführt. Besonders in der Pfalz mit ihren reliefarmen Anbauflächen traten großflächige Luftverwirbelungsmaßnahmen in Aktion, z.B. durch Hubschraubertiefflüge und erstmals auch durch ein System von Windmaschinen, die ortsfest installiert wurden und bei Duttweiler eine Fläche von 45 ha schützen (Abb. 7). Abbildung 7: Windmaschinen im Einsatz zur Auflösung von Bodeninversionen bei Duttweiler/Pfalz Quelle: Syring-Lingenfelder 2014 In kleineren Kaltluftarealen wurde dem Frost betrieblich individuell durch Feldfeuer und Gelkerzen begegnet. Die angewandten Maßnahmen zeigten eine effektive Wirkung, aber auch ihre Grenzen auf: So ist die amtliche Genehmigung von Windmaschinen z.B. abhängig von ihrer Lärmbelastung; Hubschraubereinsätze sind gebunden an die Nachtfluglizenzen der Fluggeräte und ihrer Piloten. Offenes Feuer wurde von Anwohnern teilweise missinterpretiert und führte zu Fehlalarmen der örtlichen Feuerwehr. Vor allem aber wurde deutlich, dass große Flächen individuell nur schwer zu schützen sind und entsprechende Gegenmaßnahmen deshalb als Gemeinschaftsaufgabe geplant werden müssen. Die weitgehend besonnene Reaktion der Winzer hat gezeigt, dass eine Sensibilisierung für die Schadensgefahr stattgefunden hat. Der weitere Lernprozess im Umgang mit der Gefährdung und den geeigneten Abwehrmaßnahmen wird gesteuert werden durch die Erfahrung der Winzer bei realer Frostgefahr in den kommenden Jahren. Fazit Nach dem schweren Frostschaden 2011 hat die deutsche Weinbaubranche die Gefährdung durch Spätfröste erkannt. Für die Gefährdung sensibilisiert, versuchten die Winzer bei Spätfrösten im Frühjahr 2014 durch Abwehrmaßnahmen die Schadensgefahr zu minimieren. Dabei standen vor allem aktive, technische Maßnahmen im Vordergrund. Präventive Maßnahmen, die u.U. einen geringeren (Kosten-)Aufwand darstellen, sind nur von Interesse, soweit sie in die jeweilige betriebliche Bewirtschaftungsweise passen. Viele Winzer sind jedoch nach wie vor unsicher, mit welchen Methoden sie ihre gefährdeten Weinbaulagen effektiv schützen können. Ein auf den einzelnen Betrieb angepasstes Risikomanagement benötigt vorab eine Bewusstseinsbildung über die spezifische Frostschadensgefährdung des jeweiligen Betriebes, um ein solches Risikomanagement aufbauen zu können. Hier ist noch weiterer Entwicklungsund Beratungsbedarf vorhanden. 35 Integrative Risk and Security Research Volume 3/ 2015 Ein Blick in andere Erdteile zeigt, dass – unter der dortigen Bedingungen – eine erfolgreiche Schadensabwehr möglich ist. Es ist jedoch die Aufgabe der Weinbauforschung, die Adaptierbarkeit verschiedener Schutzstrategien auf die Wirksamkeit in mitteleuropäischen Verhältnissen zu überprüfen. Literaturverzeichnis Gehrke, T 2013, ‚Risikomanagement für Extremwetterereignisse aus Sicht der Versicherungswirtschaft‘ in Klimawandel und Extremwetterereignisse - ein Problem für die Landwirtschaft, eds Christen, GE, Flessa, H, Latacz-Lohmann, U, Mühling, KH, Müller, J & Waldhardt, R 1/2913: DLG-Verlag (Agrarspectrum des DAF, Band 46), pp. 119–136. Geiger, R 1961, Das Klima der bodennahen Luftschicht, Braunschweig. Hoppmann, D 2009, ‚Klimawandel und Weinbau‘, in 125 Jahre Wetterstation Geisenheim 1884-2009. Jubiläumsband mit Beiträgen aus der agrarmeteorologischen Forschung und Beratung, ed PersekeOckelmann, C, Offenbach am Main: Deutscher Wetterdienst (Annalen der Meteorologie, 45), S. 106123. Hoppmann, D 2010, Terroir. Wetter, Klima und Boden im Weinbau, Stuttgart (Hohenheim). 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München. 36 Macht allein Schaden klug? „The Big Easy“ oder Opfer von Naturgewalten? New Orleans als Fallbeispiel für den Umgang mit dem Vulnerabilitätsbegriff im Geographieunterricht Verena Reinke Email: [email protected] Abstract New Orleans - The Big Easy oder Opfer von Naturgewalten? Die in dieser Frage enthaltenen konträren Beschreibungen implizieren bereits den Konflikt, in dem sich New Orleans im US-Bundesstaat Louisiana befindet: Einerseits werden dieser Stadt oftmals Südstaatenflair, Blues, Jazz sowie kreolische Leichtlebigkeit zugewiesen; andererseits verbinden viele Menschen seit dem verheerenden Hurrikan Katrina im August 2005 ein Katastrophenszenario mit ihr. Assoziiert werden Bilder von in den Fluten Ertrunkenen, Obdachlosen und einer nahezu komplett überfluteten Stadt, die den Namen The Big Easy nicht mehr verdient. Naturgewalten, Katastrophen - Ereignisse wie „Katrina“ in New Orleans sind nicht nur Themen vieler Medien; auch im Geographieunterricht in der Schule sind sie ein Gegenstand, so werden bereits junge Menschen, die zukünftig unsere Gesellschaft mitgestalten, mit oben beschriebenen Bildern konfrontiert. Unweigerlich mit New Orleans in Verbindung zu bringen ist zudem der Vulnerabilitätsbegriff, der seit einigen Jahren auch in Geographie-Schulbüchern zu lesen ist und Schülerinnen und Schüler, aber auch Lehrkräfte vor eine Herausforderung stellt: Was bedeutet Vulnerabilität genau und in Bezug auf die jeweiligen Fallbeispiele? Die Vielschichtigkeit des Begriffs erfordert eine vertiefte Auseinandersetzung der Themen durch die Lehrkraft, um diesen Terminus für Schülerinnen und Schüler so aufzubereiten, dass sie ihn im Kontext des Unterrichts erschließen und anwenden können. Das Fallbeispiel New Orleans bietet sich dafür sehr gut an, da es das Zusammenwirken von Natur(kräften), Mensch und Gesellschaft verdeutlicht und mit dem Hurrikan Katrina die Verwundbarkeit einer vermeintlichen Supermacht vor Augen führt. In dem Beitrag wird die Konzeption einer Unterrichtssequenz vorgestellt, in welcher der Vulnerabilitätsbegriff wie ein strukturgebendes Element fungiert, da das sukzessive Erarbeiten des Begriffs den kumulativen Wissensaufbau und vernetztes Denken unterstützt. Querverweise zu anderen Fallbeispielen und erste Ergebnisse aus dem Unterricht bieten einen kleinen Einblick in den Umgang mit dem Terminus in der Schule, welcher gerade im Hinblick auf das Lernen für die Zukunft von besonderer Bedeutung ist. „Vulnerabilität“ als Fachbegriff im Jahrgang 9? „New Orleans ist anders als die meisten klischeehaften Städte der USA. Ein Grund für die Bevölkerungsentwicklung ist, dass die armen Gebiete von New Orleans im „Kessel“ der Stadt liegen. Diese Gebiete, welche größtenteils afroamerikanisch besiedelt sind, sind während Katrina überschwemmt und zerstört worden. Die meisten Weißen besiedeln besser gelegene Gebiete.“ (Robin, 15 Jahre). Es ist ungewöhnlich, ein Schülerzitat an den Anfang eines Diskussionsbeitrages in einem solchen Band zu stellen. Stammt es doch aus einer Hausaufgabe im Rahmen einer Kurzeinheit im Geographieunterricht einer 9. Klasse, so deutet es gleichzeitig auf die Antwort auf die im Titel formulierte Frage hin: Ja! Verwundbarkeiten durch Naturgefahren sind Thema im Schulunterricht. Die Zeilen des Schülers zeigen, dass Jugendliche bereits früh mit komplexen Themen wie z.B. dem Fallbeispiel Hurrikan Katrina konfrontiert werden, wenn es etwa um „Naturgefahren“ geht. Schulatlanten in der aktuellen Ausgabe (z.B. Diercke 2015) beinhalten nunmehr sogar thematische Karten, die mit dem Titel „Verwundbarkeit und ihre Messung“ oder „Risikoindex“ überschrieben sind und zugehörige Graphiken mit Begriffen wie Vulnerabilität, Resilienz, Anpassungskapazität zeigen. Durch den Lehrplan verbindlich festgelegte Themen wie Naturgewalten bringen folglich die Beschäftigung mit dem Themenkomplex der Verwundbarkeit mit sich und bieten somit die Möglichkeit, Termini wie Vulnerabilität in den Unterricht einzubinden. Doch wie gelingt dieses Vorhaben, ohne dabei in eine Art „Katastrophenpädagogik“ zu verfallen und ohne die Jugendlichen zu überfordern? Dass es Thema des Erdkundeunterrichts ist und sein sollte, zeigen nicht zuletzt die neuen Karten in den 37 Integrative Risk and Security Research Volume 3/ 2015 Schulatlanten. Ohne eine ausführliche Beschäftigung mit dem Begriff können die Karten jedoch nur bedingt erschlossen werden. Es bedarf einer vertieften Auseinandersetzung mit dem Begriff, was exemplarisch an Raumbeispielen erfolgen sollte. Für den Erdkundeunterricht bietet das Fallbeispiel New Orleans die Chance, das Zusammenwirken von Natur(kräften), Mensch und Gesellschaft zu verdeutlichen, da durch den Hurrikan „Katrina“ der Weltbevölkerung die Verwundbarkeit einer vermeintlichen Supermacht vor Augen geführt worden ist. New Orleans wird als Fallbeispiel in die Themenreihe USA eingebunden, um problemorientiert ein komplexes Thema zu erschließen und darüber den im Kontext des globalen Wandels immer wichtiger werdenden Vulnerabilitätsbegriff in seinen Facetten darzulegen. Genannter Terminus fungiert in dieser als strukturierendes Element, da das sukzessive Erarbeiten des Begriffs den kumulativen Wissensaufbau und das – nicht nur – in der Geographie maßgebende vernetzte Denken ermöglicht. Zentral in allen Stunden ist der Mensch-Umwelt-Konflikt. Schon die frühe Besiedlung des sehr empfindlichen Naturraums macht New Orleans generell als Raum verwundbar, sodass ein Kampf gegen die Natur nicht gelingt (vgl. Colten 2006: 24). Was durch Deiche vor Überschwemmung geschützt werden soll, ist Land, das in New Orleans überwiegend unter dem Meeresspiegel liegt, sodass einige Viertel besonders gefährdet sind. Nicht zufällig werden Zusammenhänge zwischen der Höhenlage, dem Ausmaß der Flut und ethnischer Zusammensetzung eines Stadtteils bei der Kartenarbeit evident. Die Schüler können so selbst auf die „soziale Vulnerabilität“ der Stadt schließen, die sich in der ethnischen Segregation spiegelt. So kann deutlich werden, dass im alten Süden durchaus nicht die Rede von Gleichberechtigung ist, sondern dass es fast den Anschein hat, „Jim Crow“ sei noch längst nicht ausgezogen. Ein fundiertes Urteilsvermögen setzt zwangsläufig umfangreiches Wissen aus physisch-und humangeographischen Perspektiven voraus, was durch verschiedene Methoden sowie über Arbeit mit Karten und Daten vermittelt werden kann, um den Schülern den facettenreichen Begriff verständlich zu machen. „Mud, mud, mud … this is a floating city, floating below the surface of the water in a bed of mud…“ (Boneval Latrobe 1819; zit. nach Campanella 2008) New Orleans liegt in der Küstenebene am Golf von Mexiko in einem Gebiet, das von Mai bis Oktober von Hurrikans betroffen sein kann. Die Küstenebene von Louisiana bietet solchen Naturgefahren eine verletzliche Angriffsfläche, was im Folgenden für die von drei Wasserkörpern umgebene Stadt New Orleans knapp umrissen wird. Die genaue Höhenlage der Stadt zu definieren ist aufgrund der zahlreichen Transformationen schwierig und bedarf genauer Betrachtung. Generell wird die Lage in den Medien mit ca. 80% unter dem Meeresspiegel angegeben. Häufig unerwähnt bleibt jedoch der Prozess der Landabsenkung, der sich in den letzten 200 Jahren intensiviert hat. Diese Veränderungen sind zum einen auf die Unterbrechung der natürlichen Sedimentationsprozesse des Mississippi durch anthropogene Überformung zurückzuführen (Campanella 2006). Zum anderen liegt die Absenkung an der generellen naturgeographischen Beschaffenheit des Mississippi-Deltas und des Sumpflandes der Küstenebene (Campanella 2006.) Nicht nur die Senkungsprozesse des Landes intensivieren jene Vulnerabilität, auch der Verlust der vorgelagerten Feuchtgebiete durch Erosion und wirtschaftliche Aktivitäten im Golf von Mexiko nimmt der Stadt einen wirksamen Schutz im Falle eines Hurrikans, da diese „wetlands“ die Sturmgeschwindigkeit reduzieren können und wie ein Schutzwall fungieren, was durch frühere Aufzeichnungen belegt ist (vgl. van Heerden 2006, Campanella 2006, Colten 2006). Zahlreich vorhandenes Kartenmaterial über die Sedimentationsprozesse und den „Coastal Land Loss“ ist seit „Katrina“ erneut gesichtet worden und dokumentiert den Verlust der natürlichen Barriere (z.B. Studien von van Heerden 2006, Campanella 2010, Colten 2006 und 2009). Der Mensch hat letztlich selber die physische Vulnerabilität induziert. Die besonders gefährdeten Stadtgebiete haben bereits in der Vergangenheit die günstigsten Grundstücke geboten, so ist schon früh eine Verteilung der Besiedlung nach Sozialstatus und Ethnie erfolgt. Die Reaktion auf diese ungünstigen natürlichen Bedingungen zeigt sich in Schutzmaßnahmen gegen Naturgewalten: Deiche sollen vor Hochwasser schützen, Kanäle die Stadt „entwässern“ und große Wasserschleusen (z.B. Lake Pontchartrain) die großen Wassermassen im Falle einer Flut „managen“. Dass dies ein Trugschluss ist, die Technik den nötigen Widerstand nicht leistet, hat „Katrina“ in New Orleans offenbart. Das Deichsystem ist kollabiert, die Stadt hat noch Wochen, nachdem der Hurrikan am 29.08.2005 auf Land traf, unter Wasser gestanden. „Katrina“ hat ganze Stadtteile weggespült und die labile Seite der Stadt gezeigt: Das 38 Macht allein Schaden klug? Katastrophenmanagement versagte, Evakuierungsmaßnahmen funktionierten begrenzt oder gar nicht, die Welle von Hilfsbereitschaft unter den Amerikanern konnte nicht koordiniert werden. Diese schlechte Organisation hat sich auch noch Wochen nach dem Sturm durch die Katastrophe hindurch gezogen. Seit dem Wiederaufbauprozesses spiegelt sich die soziale Vulnerabilität erneut: Einige Stadtteile (z. B. French Quarter, Garden District) haben bereits nach wenigen Wochen kaum Spuren von Katrina erkennen lassen; im Lower 9th Ward hingegen wird auch heute noch die Berechtigung deutlich, im Hinblick auf das Katastrophenmanagement zu diskutieren, ob es sich um „gescheiterte Planung oder geplantes Scheitern“ (Cutter & Gall 2008: 353) handelt. Das Viertel Lower 9th Ward, das sehr tief am Industrial Canal liegt und durch den Deichbruch dort besonders stark betroffen gewesen ist, hat zum Zeitpunkt des Sturms zu 98% aus afroamerikanischer Besiedlung bestanden. Das Viertel war überwiegend für Wohnraumnutzung vorgesehen (Kammerbauer 2014). Für das Bild dieses Stadtteils ist privates Eigenheim charakteristisch; in der Regel sehr einfache kleine Häuser, die über Generationen hinweg in der Familie blieben, sodass darin auch der Grund für die Verbundenheit der (ehemaligen) Bewohner zu sehen ist („neighbourhood communities“). Doch vier Jahre nach dem Sturm sieht es dort aus wie in einem Geisterdorf, da die Stadt hier nicht in den Wiederaufbau investiert und nur wenige Menschen wieder ansiedeln können. Die Afroamerikaner fühlen sich vertrieben, unerwünscht und machtlos. Hilfe gibt es nur bedingt von Non-Profit-Organisationen. Als Beispiel sei hier das „Make-it-Right-Projekt“ unter der Schirmherrschaft Brad Pitts zu nennen, das gezielt im Lower 9th Ward den Wiederaufbau unterstützt und gleichzeitig mehr Investitionen der Stadt in Bildung fordert. Vorwürfe der Vernachlässigung werden laut, gab es doch schon vor „Katrina“ zu wenig öffentliche Schulen im Lower 9th Ward, sodass die Bewohner kaum Chancen hatten, die hohe Armutsrate zu verringern und Kriminalität zu vermindern. Aus der Perspektive der Stadt ist es dort jedoch zu gefährlich; im Falle einer neuen Flut gäbe es einfach keinen Schutz (vgl. Logan 2005, Felgentreff 2008). Eine erste Lehre nach Katrina? Oder geht es doch um den hohen Anteil der afroamerikanischen Bevölkerung? Ein Konflikt, der vor dem historischen Hintergrund des alten Südens die Segregationen und fehlende Gleichberechtigung evident werden lässt. Ein anderes Beispiel hierfür bieten die ehemaligen „Public Housing Projects“, die Wohnraum für sozial schwache Bürger der Stadt bereit halten – auch hier sind die Bewohner zu 99% afroamerikanischer Abstammung. St. Bernard in der St. Bernard Area ist nach dem Sturm geschlossen worden, weil die Häuser hoch unter Wasser gestanden haben, was aus Sicht der ehemaligen Bewohner, die in Notunterkünften und z. T. in anderen Städten untergebracht worden sind, kein Grund für eine Schließung hätte sein müssen. Was Jakob & Schorb als „soziale Säuberung“ (2008) bezeichnen, beschreibt die Stadtverwaltung von New Orleans als Neugestaltung zu einem Mixed-Income-Viertel, wo sich eine Mittelschicht etablieren soll. Potenzielle Kandidaten für einen Wohnraum können sich bei der ansässigen Hausverwaltungsbehörde bewerben. Die Chancen der afroamerikanischen Bevölkerung können – affirmativ formuliert – in der Folge dieses Umstrukturierungskonzeptes zusammengefasst werden, wozu der Untertitel von Jakob & Schorb passt: „Wie New Orleans nach der Flut seine Unterschicht vertrieb.“ (Jakob & Schorb 2008). „Katrina“ hat Konflikte offengelegt, die nach Bohle (Bohle 2007) ein Paradebeispiel für den Vulnerabilitätsbegriff in drei Ebenen liefern: Ökologie, Technologie, Gesellschaft. Auch die Doppelstruktur von interner und externer Vulnerabilität ist hier erkennbar. Soziale Vulnerabilität resultiert auch aus Disparitäten in einem Raum, die in der Jahrgangsstufe 9/10 häufig Thema sind. In New Orleans trifft dies in besonderem Maße zu, da zusätzlich ein Zusammenhang zwischen Ungleichheiten von Räumen (auf der Ebene der Viertel) und beispielsweise ökonomischer Vitalität erfolgen kann, sodass dieses Raumbeispiel für die Definition des Begriffes Bezugsebenen bietet (Bohle 2007). New Orleans hat bis 2005 trotz einiger Lehrstunden (z.B. Hurrikan Betsy) nicht aus vorherigen Problemen gelernt, sondern aus Fehlern die falschen Schlüsse gezogen (vgl. Colten et al. 2008: 31), was sich schon wie in dem zuvor von Ivor van Heerden gezeichneten Szenario angekündigt hat, durch „Katrina“ 2005 zur Katastrophe geworden ist und zu einer anderen Wahrnehmung dieses Raumes geführt hat. Dieser Konflikt zwischen Umwelt, Mensch und Gesellschaft und dem Risiko, mit dem gelebt werden muss, wird in New Orleans/Süd-Louisiana sehr deutlich. Für die Zukunft lernen Diese Wechselwirkung zwischen naturgeographischen Gegebenheiten und dem Menschen sowie die Beschäftigung mit den deutlich werdenden Konflikten im Rahmen dieses Unterrichtsgegenstandes sind exemplarisch für geographische Fragestellungen, die auf das Zusammenwirken zwischen Mensch und Natur 39 Integrative Risk and Security Research Volume 3/ 2015 zielen. Die Menschen in New Orleans haben einst durch die Besiedlung und Umgestaltung der Natur eine vermeintliche Begrenzung derselben bewirkt, Hurrikan „Katrina“ jedoch hat umgekehrt die Determiniertheit der Bürger im Falle einer Naturgewalt gezeigt. Im Rahmen dieser soll den Schülern einerseits das Verständnis natürlicher Systeme vermittelt werden, was über den Zugang der Entstehung von Hurrikans erfolgt. Über die Anwendung der Kenntnisse auf das Fallbeispiel Katrina wird Bezug genommen auf das Raumbeispiel New Orleans in Nordamerika (vgl. Niedersächsisches Kultusministerium KC 20085), für das die Schüler naturgeographische Gegebenheiten erarbeiten und diese auf die Bedingungen und Herausforderungen für Menschen beziehen. In der zweiten Stunde setzen sich die Schüler auf der Basis dieser Lagebeziehung mit der Notwendigkeit, aber auch mit den Grenzen risikominimierender Maßnahmen auseinander und erkennen, dass die Menschen in Louisiana mit dem Risiko leben müssen, da auch Schutzmaßnahmen wie Deiche nicht vor den Naturgewalten schützen. Somit werden Aspekte aus den Kompetenzbereichen „Fachwissen“, „Räumliche Orientierung“ und „Beurteilung und Bewertung“ in einem neuen und komplexeren Kontext trainiert und thematisch um mögliche Folgen wie ethnische Segregation, Disparitäten, Probleme bei der Wiederherstellung eines Raumes erweitert (KC 2008). Daher wird andererseits und überwiegend gemäß der Anforderung an die Jahrgangsstufen 9/10 das Verständnis für humangeographische – in erster Linie gesellschaftliche – Prozesse geschult, da die Schüler sich auf einem hohen Niveau mit ethnischer Segregation und einem scheinbar unlösbaren Konflikt im Wiederaufbau der Stadt auseinandersetzen, bei dem die Natur bzw. Umwelt durch die physische Vulnerabilität der Stadt auch immer eine Rolle spielt. Da der Schwerpunkt in der Jahrgangsstufe 9/10 auf der funktionalen Betrachtungsweise komplexer MenschUmwelt-Beziehungen liegt, erscheint es sinnvoll, den eigentlich schwierigen Begriff „Vulnerabilität“ in das Unterrichtsgeschehen zu integrieren, da er auch bei den noch folgenden Themen (Klimawandel, Ressourcenmanagement etc.) genutzt werden kann. In den vorgestellten Unterrichtsstunden ist er zum einen strukturgebend, zum anderen notwendig im Hinblick auf die Kompetenzschulung in dieser Kurzeinheit, in der das Beurteilen und Bewerten im Vordergrund stehen soll und somit der funktionalen Betrachtungsweise gerecht wird (KC 2008). Die Schüler erschließen bereits in Stunde I eine Dimension der Verwundbarkeit von Räumen (physisch). Dass ein Raum im Prinzip jedoch erst vulnerabel wird, wenn der Mensch betroffen ist, stellt den unabdingbaren Zusammenhang zur Mensch-Umwelt-Problematik heraus, womit der Unterrichtsgegenstand dem Säulenprinzip der „modernen Geographie-Didaktik“ entspricht: „Die Deiche hatten beim Hurrikan ‚Katrina‘ versagt. Die Optionen lauten nun: die Stadt in Teilen oder ganz aufgeben oder die Deiche verstärken und den nächsten Hurrikan abwarten. Die Entscheidung fällt nicht einfach naturwissenschaftlich/hydrologisch aus, sondern ingenieurstechnisch, politisch, ökonomisch und sozial. Sie fällt aber im Verhältnis zur Natur, die dazu in Teilen in das Handeln einbezogen wird. [Hervorhebung V.R.] Deshalb spricht man in der modernen Geographie von den gesellschaftlichen Naturverhältnissen, die in einer „Dritten Säule“ im Fach konzeptionell untersucht und behandelt werden.“ (Rhode-Jüchtern 2009: 12). Einige Stellen der Unterrichtseinheit erfordern zweifelsohne werteorientiertes Denken. Die Subjektorientierung ist auch eine wesentliche Voraussetzung zur Intensivierung des Urteilsvermögens (Hoffmann 2012, Meyer & Felzmann 2012, Wilhelmi 2010). In diesem Kontext sind bei der unterrichtlichen Planung auch Themenkomplexe aus der neurodidaktischen Forschung sehr dienlich, insbesondere die Erkenntnisse zu dem sogenannten deklarativen Gedächtnis. Dieses wird wiederum in ein semantisches, das für die Speicherung von Fakten und Daten zuständig ist, und ein episodisches Gedächtnis unterteilt, das sich auf bildhafte Vorstellungen, Erfahrungen und Emotionen bezieht. Letzteres spielt eine wichtige Rolle: „Für Behaltensprozesse auch und gerade im Bereich des WerteLernens sind episodische Zugänge besonders wichtig.“ (Schirp 2009: 250). Basierend auf dieser Erkenntnis ist die methodische Gestaltung der hier skizzierten Unterrichtsreihe zu der Verwundbarkeit New Orleans‘ stark an real existierenden Personen sowie deren Schicksale orientiert. Für die Schulung der Beurteilungsund Bewertungskompetenz bietet sich das Thema dieser Unterrichtseinheit sehr gut an, denn: „Dabei haben sich Themen und Fragestellungen bewährt, die authentische und herausfordernde Probleme, multiple Kontexte mit vielfältigen und kontroversen Perspektiven aufgreifen und keine eindeutigen Lösungen zulassen.“ (Coen & Hoffmann 2010: 10). Die Schüler 5 Im Folgenden abgekürzt als KC 2008. 40 Macht allein Schaden klug? bearbeiten mit New Orleans ein authentisches Fallbeispiel, können aus verschiedenen Perspektiven Erkenntnisse und gegensätzliche Positionen kennen lernen, mit zuverlässigen Daten arbeiten und auf dieser Basis über den Konflikt in New Orleans bewertend diskutieren. Die Schüler werden keine Lösung finden können. Dieser Dissens soll sich jedoch als produktiv erweisen, indem das Bewusstsein für Raumverantwortung intensiviert wird. Die oft als Schwierigkeit wahrgenommenen Prinzipien Kontroverse und Mehrdimensionalität erweisen sich im Hinblick auf das Training der Bewertung als notwendig und gewinnbringend, so können die Schüler weiterführende Fragen zur Vulnerabilität der Stadt New Orleans entwickeln (Coen & Wenz 2012). Positiv wird sich das Interesse der meisten Schüler sowohl an den USA als auch an „Naturkatastrophen“ auswirken, was durch eine Interessenstudie belegt ist (Hemmer & Hemmer 2010). Bisherige Lehren für zukünftiges Lehren „Naja, also eine Katastrophe ist das ja eh erst, wenn es wirklich Opfer und so richtig großen Schaden gibt, ansonsten ist so ein Sturm ja eine natürliche Sache.“ (Mattis, 14). Ja! Eine solche Schüleräußerung führt auch im Gespräch mit 14-16jährgigen schon zu einer Diskussion über den Katastrophenbegriff und bestätigt zudem, dass so komplexe Begriffe einer intensiven Betrachtung bedürfen. Die oben skizzierten didaktischen Schwerpunkte sind in ihren Grundzügen übertragbar auf andere Fallbeispiele. Exemplarisch ist hier eine Unterrichtsreihe zum Raumbeispiel Nordostindien zu nennen, ferner auch die Überschwemmungsproblematik in Bangladesch. Es ist deutlich geworden, dass Schüler bei der langsamen Erschließung des Begriffs diesen in seinen Facetten erfassen können. Bei den bisherigen Durchführungsversuchen mit unterschiedlichen Lerngruppen hat sich der direkte Bezug zu den realen Fallbeispielen aus dem Lower 9th Ward und dem direkten Personenbezug als hilfreich erwiesen. Dieser Zugang, der das episodische Gedächtnis anspricht, scheint hier lernförderlich für die Erfassung des Begriffes zu sein. Bisher gibt es jedoch als Datenmaterial, anhand dessen die Vermutung geprüft werden kann, lediglich schriftliche Bearbeitungen von Schülern aus drei Lerngruppen, in denen die Verwendung des Begriffes „Vulnerabilität“ analysiert wird, sowie Ergebnisse aus dem Unterricht, in dem die Schülerinnen und Schüler eine neunten Klasse an einem niedersächsischen Gymnasium eine Podiumsdiskussion durchführen und so mündlich den Terminus in das Gespräch einbringen. Somit handelt es sich um erste Eindrücke, die aber einer weiteren Überprüfung bedürfen. Basis ist eine eigens konzipierte Kurzeinheit zum Thema, in die Datenund Bildmaterial integriert wurde, das zum Teil aus einem Studienprojekt vor Ort hervorgegangen ist. Fest steht, dass Begriffe wie Risiko, Vulnerabilität, Katastrophe, Anpassungskapazität durchaus auch Thema in der Schule sind und nun auch in gängigen Schulatlanten auftreten. Gerade im Sinne einer Bildung, die junge Menschen auf zukünftige Prozesse auf der Erde vorbereiten soll, ist es wichtig, sie mit genannten Begriffen und deren Gebrauch vertraut zu machen. Dass die Definition von Vulnerabilität teilweise nicht ganz eindeutig ist bzw. es verschiedene Auffassungen gibt, soll die Idee der Integration in den Schulunterricht vorerst nicht tangieren - wichtig für die Vermittlung ist eine klar erkennbare Struktur, anhand derer ein Fallbeispiel als Unterrichtsgegenstand für Jugendliche aufbereitet werden kann. Literaturverzeichnis Bohle, HG 2007, ‚Geographien der Verwundbarkeiten‘, Geographische Rundschau, vol. 59, no. 10, pp. 20-25. Campanella, R 2010, Delta Urbanism., Amercian Planning Association, Chicago, Washington. Campanella, R 2008, Bienvilles Dilemma. A historical geography of New Orleans, Center for Louisiana Studies, Lafayette. Campanella, R. 2006, Geographies of New Orleans, Center for Louisiana Studies, Lafayette. 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Abbildung 5: Dominoeffekte können eine Vielzahl von Folgeereignissen auslösen; Quelle: PublicDomainPictures, www.pixabay.com Abbildung 6: Mögliche bereits abschätzbare strategische Schockereignisse; Quelle: Eigene Darstellung Mittlerweile gibt es eine Reihe von möglichen und realistischen Szenarien (Abb. 6), die durch systemische Risiken ausgelöst werden können. Wesentlich ist dabei, dass fast immer unsere Kritische Infrastruktur von einem solchen strategischen Schockereignis betroffen wäre, da es entsprechende Wechselwirkungen und Abhängigkeiten gibt (Komplexe Systeme). Strategische Schocks sind Ereignisse, die äußerst selten vorkommen, jedoch ernorme Auswirkungen erwarten lassen. Nassim Taleb hat dafür den Begriff der „Schwarzen Schwäne“ geprägt. Er fügt noch hinzu, dass derartige Ereignisse im Nachhinein immer einfach zu erklären sind, vorher aber nicht erkannt oder ignoriert werden (Taleb 2013b). Ein Finanzkollaps hätte etwa erhebliche Auswirkungen auf die zahlreichen Infrastrukturbaustellen der Energiewende. Umgekehrt könnten Blackouts – überregionale und länger andauernde Stromund Infrastrukturausfälle – zu weitreichenden Wirtschaftsund Finanzkrisen führen. Durch die vielschichtige Vernetzung können sich strategische Schocks häufig einfach auf andere Systeme ausbreiten (Dominoeffekte) – auf die Gesellschaft, auf Unternehmen, auf andere Infrastrukturbereiche bzw. auf so gut wie alles, was damit verbunden ist. Dabei gibt es eine Reihe von Fallstricken, die diese Ausbreitung begünstigen. Ein Beispiel ist die Just-in-Time/Just-in-Prozess-Logistik, die einen sehr hohen Synchronisationsgrad erfordert und daher sehr störanfällig ist, wenn wichtige Kettenglieder zeitgleich ausfallen. Dies ist im Alltag kaum 49 Integrative Risk and Security Research Volume 3/ 2015 spürbar, da kleine Störungen beherrscht werden. Allerdings sind die Auswirkungen eines möglichen Blackouts auf diesen Bereich kaum abschätzbar (Casti 2012, Saurugg 2012a, 2012b). Der wirtschaftliche Druck zur Optimierung und Effizienzsteigerung hat mittlerweile zu einer Reduktion der Robustheit von Systemen geführt, da wichtige Redundanzen, Reserven und Puffer immer häufiger eingespart werden (Wachstumsparadigma) (Dueck 2010). Damit sinkt die Fähigkeit, mit größeren Störungen umgehen zu können. Besonders brisant sind die Entwicklungen im Bereich der Kritischen Infrastruktur, von denen unser Gemeinwesen ganz erheblich abhängig ist. Durch immer aufwendigere und undurchsichtigere technische Lösungen und durch die steigende Vernetzung schaffen wir immer größere Verwundbarkeiten, ohne uns dessen bewusst zu sein oder dafür einen Plan B zu haben. Technische Sicherungen gegen Katastrophen verschieben häufig nur den kritischen Punkt, an dem ein System in die Katastrophe kippt (Ossimitz et al. 2006, Beck 2008). Ein weiterer Fallstrick ist, dass wir in den letzten Jahrzehnten in unserer mitteleuropäischen Gesellschaft sehr stabile und konstante Verhältnisse erleben durften. Daher besteht kaum ein Bewusstsein, dass die gesamte Menschheitsgeschichte und auch heute noch der Großteil der Welt von Variabilität und zyklischen Entwicklungen gekennzeichnet waren und sind. Wir haben in den vergangenen Jahren in vielen Bereichen wichtige Auffangnetze reduziert, was uns wiederum anfälliger gegenüber größeren Störungen macht. Ob dies den Finanzsektor, die Energieund Rohstoffversorgung, das europäische Stromversorgungssystem, eine Pandemie oder auch die möglichen Auswirkungen des Klimawandels betrifft, es gibt eine Vielzahl an potenziellen Ereignissen, die uns für strategische Schocks anfällig machen. Dabei sind in Anbetracht der möglichen Konsequenzen und der gesellschaftsverändernden Auswirkungen Wahrscheinlichkeiten irrelevant (Taleb 2013b). Die Konsequenzen sind umso schwerwiegender, je seltener ein Ereignis eintritt, und desto schwieriger ist eine analytische Einschätzung. Entscheidend ist nicht, dass jemand ein Ereignis „vorhersagt“, sondern dass diese „Vorhersage“ mit Konsequenzen verbunden ist. Daher ist es notwendig, dass Systeme und ihre Fragilität analysiert werden und nicht Einzelereignisse oder einzelne Elemente eines Systems (Taleb 2013a). Eine Vorgangsweise, die heute weitgehend nicht üblich ist (Zurich 2014). Ein bekanntes Beispiel zur Illustration der Fehleinschätzung von Risiken ist die sog. Truthahn-Illusion (Abb. 7): Ein Truthahn, der Tag für Tag von seinem Besitzer gefüttert wird, hat nicht die geringste Ahnung, was am Tag X passieren wird. Er muss aufgrund seiner positiven Erfahrungen annehmen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass etwas gravierend Negatives passiert, von Tag zu Tag kleiner wird. Am Tag vor Thanksgiving wird jedoch ein entscheidender Wendepunkt eintreten, mit entsprechend fatalen Folgen für den Truthahn. Die TruthahnIllusion steht zudem für die Überzeugung, dass sich jedes Risiko berechnen lässt, obwohl dies nicht möglich ist (Gigerenzer 2013, Taleb 2012). Dabei spielt auch eine Rolle, dass das Nichtvorhandensein von Beweisen mit einem Beweis für ein Nichtvorhandensein verwechselt wird. Es ist davon auszugehen, dass vordergründig stabile Systeme fragiler sind, als Systeme, in denen häufiger Störungen auftreten (Vernetzung und Lebensfähigkeit). Darüber hinaus wird übersehen, dass der sogenannte schlimmste Fall zu der Zeit, da er sich ereignete, schlimmer war als der damals erwartete „schlimmste Fall“ (Taleb 2013a). 50 Macht allein Schaden klug? Abbildung 7: Die Truthahn-Illusion als Folge eines linearen, vergangenheitsorientieren Denkens; Quelle: Eigene Darstellung Exponentielle Entwicklungen Unter anderem spielen bei der Unterschätzung der Auswirkungen exponentielle Entwicklungen eine entscheidende Rolle (Abb. 8), die mit linearem Denken nur schwer erfassbar sind, wie folgende Legende zum Ausdruck bringt: Der Erfinder des Schachspiels hatte einen Wunsch frei. Er wünschte sich von seinem König folgende vordergründig sehr bescheidene Belohnung: Für das erste Feld des Schachbrettes ein Korn, für das zweite zwei Körner, für das dritte vier Körner und bei jedem weiteren Feld doppelt so viele wie auf dem vorherigen Feld. Dieser Wunsch war jedoch nicht erfüllbar. 2^64 entspricht etwa 18 Trillionen Weizenkörnern, oder rund 100 Milliarden Lkw-Ladungen Getreide, was mit sämtlichen Welternten seit Beginn des Getreideanbaus nicht abdeckbar wäre (Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Sissa_ibn_Dahir (16.09.15)). In vernetzten Systemen steigt die Möglichkeit der Wechselwirkungen exponentiell an, womit die Steuerbarkeit drastisch sinkt (Kleine Ursache, große Wirkung). Dynamik Mit der Vernetzung steigt auch die Dynamik in einem System. Diese bezeichnet die Änderungen aller Systemzustände über die Zeit. Ein dynamisches System steht niemals still, es lebt. Daher sind Analysen immer nur ein Ausschnitt zum Zeitpunkt X, was sich bei der Planung oder Durchführung von Systemeingriffen meistens negativ auswirkt, da sich das System ja laufend weiter verändert. 51 Integrative Risk and Security Research Volume 3/ 2015 Abbildung 8: Exponentielle Entwicklungen am Beispiel 2^x. Kommt etwa in der IT-Welt zum Tragen; Quelle: Eigene Darstellung Emergenz Eine weitere Rolle spielt die steigende Emergenz in komplexen Systemen. Diese führt zur spontanen Herausbildung von neuen Systemeigenschaften oder Strukturen durch das Zusammenspiel der Systemelemente und der Rückkoppelungen. Die Eigenschaften der Systemelemente lassen dabei keine Rückschlüsse auf die emergenten Eigenschaften des Systems zu. So sind etwa die Elemente Sauerstoff und Wasserstoff brennbar. Vereint im Wassermolekül kann Wasser zum Feuerlöschen verwendet werden. Zusätzlich kommt es zur spontanen Selbstorganisation, eine Steuerbarkeit, wie wir sie von linearen Systemen („Maschinen“) kennen, ist nicht mehr möglich. Komplexe Probleme lassen sich daher nicht in Teilprobleme zerlegen, um diese dann zu analysieren und anschließend wieder zu einer Gesamtlösung zusammenzufügen. Rückkoppelungen In komplexen Systemen kommt es zu positiven und negativen Rückkoppelungen. Positive Rückkoppelungen wirken selbstverstärkend (mehr führt zu mehr). Sie sind zwar für einen Start oder für ein Abbremsen wichtig, jedoch auf Dauer schädlich. Negativen Rückkoppelungen wirken hingegen stabilisierend (mehr führt zu weniger). Beide Arten sind für die Selbststeuerung von komplexen Systemen notwendig (Vester 2011). Gerade am Finanzmarkt kommt es immer wieder durch positive Rückkoppelungen zu Blasenbildungen und Crashs. Der Kurs steigt und damit auch das Interesse an den Papieren, womit wieder der Kurs steigt. Aber eben nicht unendlich (Vernetzung und Lebensfähigkeit). Und dieser Zeitpunkt ist nie vorhersagbar (Komplexe Systeme). Auch wenn immer wieder mit mathematischen Modellen versucht wird, negative Entwicklungen vorherzusagen, blieben bislang sämtliche Versuche erfolglos. Menschen neigen generell dazu, Erfolge auf eigenes Können und Misserfolg auf äußere Einflüsse und Pech zurückzuführen. Dass es etwas mit Zufall und Glück zu tun haben könnte, wird in der Regel ausgeschlossen (Taleb 2013b). Wenn man diese Mechanismen kennt, kann man sie auch nützen. Das hat aber nichts mit einer vermeintlichen Berechenbarkeit zu tun. 52 Macht allein Schaden klug? Abbildung 9: Steuerung versus Regelung Quelle: Eigene Darstellung Korrelation versus Kausalität Ein anderer Irrtum entsteht, indem Korrelationen gerne mit Kausalitäten gleichgesetzt werden (Kurzfristiger Aktionismus versus langfristige Ziele). Die Korrelation beschreibt eine Beziehung zwischen unterschiedlichen Ereignissen, Zuständen oder Funktionen. Dabei muss keine kausale Beziehung bestehen. Kausalität hingegen bezeichnet einen naturgesetzlichen, reproduzierbaren Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung. Ein kausales Ereignis hat eine feste zeitliche Richtung, die immer von der Ursache ausgeht, auf die die Wirkung folgt, was daher in komplexen Systemen mit laufenden Rückkoppelungen zu Fehlschlüssen verleitet (Komplexe Systeme) (Dueck 2015, Taleb 2013a). So kann es zwar zwischen dem Rückgang der Geburtenanzahl und der Abnahme von Störchen in einer Region eine Korrelation geben, aber sicher keine Kausalität. Kurzfristiger Aktionismus versus langfristige Ziele Unser Wirtschaftssystem bzw. die Verfolgung des Wachstumsparadigmas führt dazu, dass in vielen Bereichen nur sehr kurzfristig und auch kurzsichtig geplant und gehandelt wird (Wachstumsparadigma). Die zunehmend auf Kennzahlen getriebene Betrachtung verleitet zu Aktionismus. Der Betrachtungshorizont wird auf kurzfristige Erfolge eingeschränkt, die langfristige Lebensfähigkeit bleibt außen vor. Aktionismus findet mittlerweile fast überall statt, da er gesellschaftsfähig geworden ist. Statt die Ursache eines Problems zu suchen und dort anzusetzen, wird häufig nur eine Symptombehandlung durchgeführt, da diese rasch angewandt werden kann und ein schnelles („vermarktbares“) Ergebnis liefert. Fundamentale Lösungen hingegen führen kurzfristig häufig zu Nachteilen und bringen erst langfristig einen positiven Nutzen bzw. Mehrwert (Ossimitz et al. 2006) (Evolutionäre Prägungen). Ob das eine nicht erfolgte Verfassungsoder Verwaltungsreform, eine Bildungs-, eine Gesundheitswesensoder eine Pensionsreform ist, die Beispiele können lange fortgesetzt werden. Aber auch Hochwasserschutzdämme oder Lawinenschutzbauten sind vorwiegend eine Symptombehandlung. Auch hier vergrößern sich die Komplexitätslücken. Sowie das bloße Ausschalten von Warneinrichtungen keine Gefahren beseitigt, wie etwa auch die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko 2010 einmal mehr gezeigt hat. Wachstumsparadigma Eine wesentliche Rolle bei vielen negativen Entwicklungen spielt unser scheinbar unumstößliches Wachstumsparadigma, dem sich quasi alles andere unterzuordnen hat. Dem Menschen ist es immer wieder gelungen Grenzen auszudehnen. Ob beim Bevölkerungswachstum oder bei dem Ressourcenvorkommen, immer wurden die Erwartungen deutlich überschritten. Eine weitere Möglichkeit kurzfristig weiter wachsen bzw. gute Zahlen liefern zu können besteht darin, Reserven und Redundanzen zu reduzieren, oder Wartungsintervalle hinauszuzögern. Ob dies jedoch langfristig nachhaltig ist, zeigt sich erst in der Zukunft. Bis dahin gilt die bisherige Erkenntnis, dass ein System, das zwingend permanentes Wachstum braucht, nicht nachhaltig existieren kann und daher selbst seinen eigenen Untergang herbeiführt (Ossimitz et al. 2006, Vester 2011). In der Natur gibt es kein unbegrenztes, sondern nur ein zyklisches bzw. s-förmiges Wachstum, da dieses selbstzerstörerisch wirkt. Tumore stellen bisher den erfolglosen Gegenversuch dar (Vester 2011). 53 Integrative Risk and Security Research Volume 3/ 2015 S-förmiges Wachstum S-förmiges Wachstum beginnt langsam, steigt nach einer längeren Periode exponentiell an und flacht dann wieder ab (Abb. 10). Ob durch Angebot und Nachfrage, Ressourcenverknappung oder BeuteRäuberverhältnisse, ausschlaggebend sind immer selbstregulierende Regelkreise (Rückkoppelungen). Ein weiteres Wachstum ist nur über einen neuen Zyklus (etwa durch eine neue Technologie) möglich, der rechtzeitig angestoßen werden muss. Die künstliche Ausdehnung des exponentiellen Wachstums führte bisher immer zum Systemkollaps. Abbildung 10: S-förmiges Wachstum Quelle: Vester, 2011 Menschen neigen dazu, diesen Mechanismus zu ignorieren. Was durchaus auch eine Zeit lang gut gehen kann, da Systemgrenzen dehnbar und Systeme generell elastisch sind (Systeme). Dieser Erfolg führt aber zu einer Selbstüberschätzung der eigenen Fähigkeiten, mit meist langfristigen negativen Folgen (Zeitverzögerte Wirkungen). So haben etwa langjährige Marktführer wie Kodak im Bereich der analogen Fotografie oder Nokia im Bereich der Mobiltelefone derartige Entwicklungen (Digitalfotografie bzw. Smartphones) unterschätzt. Kodak ist Geschichte, Nokia spielt gegenüber seiner früheren Rolle nur mehr ein Schattendasein. Eine intensive Landnutzung führt zwar kurzfristig zu mehr Wachstum und Output, führt aber zu einer Ressourcenübernutzung und damit zum Rückgang oder zur vollständigen Zerstörung der Nutzbarkeit. Aber auch fundamentale gesellschaftliche Weiterentwicklungen entstehen meist erst dann, wenn das Alte untergegangen ist („Schöpferische Zerstörung“). Auch Innovation führt generell dazu, dass bisherige Lösungen obsolet werden oder mit weit weniger Ressourcenaufwand bewältigt werden können. Dies wird häufig übersehen und führt dann zu unangenehmen Überraschungen, obwohl es sich immer um dieselben Gesetzmäßigkeiten handelt (Dueck 2010). Entweder es gelingt ein rechtzeitiger Neuanfang und Übergang, oder es kommt zu einem abrupten Ende (Vester 2011). Zeitverzögerte Wirkungen Eine weitere Rolle spielen zeitverzögerte Wirkungen. Dinge, die in der Ferne liegen, sind für uns schwer abschätzbar (Evolutionäre Prägungen). Herzkreislauferkrankungen, Übergewicht und viele andere Wohlstandskrankheiten basieren auf jahrwenn nicht jahrzehntelangem Fehlverhalten. Aber nicht nur im persönlichen Bereich haben wir damit Schwierigkeiten. Auch der Klimawandel entsteht über viele Jahrzehnte, zuerst schleichend und dann immer schneller. Es kommt zu einem exponentiellen Anstieg der Auswirkungen, die irreversible sind (Exponentielle Entwicklungen, -förmiges Wachstum). 54 Macht allein Schaden klug? Ein anderes Beispiel stammt aus der IT-Welt, wo es in den vergangenen Jahren zu einem exponentiellen Anstieg in der Qualität und Quantität der Zwischenfälle gekommen ist. Und wie es scheint, ist damit das Ende noch nicht erreicht, ganz im Gegenteil. Das, was uns noch bevorstehen könnte, würde alles Bisherige in den Schatten stellen. Ein infrastruktureller Systemkollaps ist keine Utopie (Zurich 2014, Casti 2012, Grüter 2013). Auch das europäische Stromversorgungssystem wird von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet immer häufiger an der Belastungsgrenze betrieben. Die unsystemischen Eingriffe der deutschen Energiewende tragen dabei wesentlich zur Destabilisierung bei (Kurzfristiger Aktionismus versus langfristige Ziele, Komplexe Systeme). Eine europäische Großstörung („Blackout“) auf Grund eines Systemversagens scheint nur mehr eine Frage der Zeit zu sein (Saurugg 2012b). Kleine Ursache, große Wirkung In hoch vernetzten Systemen können kleine Ursachen verheerende Auswirkungen auslösen. So gibt es etwa noch immer die Nachwirkungen der amerikanischen Immobilienkrise 2007. Nachdem die Ursachen nicht behoben wurden, ist davon auszugehen, dass die nachfolgenden Krisen noch heftiger ausfallen werden (Vernetzung und Lebensfähigkeit). Die Wechselwirkungen des hoch vernetzten Finanzsystems wurden und werden dabei vielfach unterschätzt (Casti 2012, Renn 2014, Taleb 2012). Alle großen Blackouts der vergangenen Jahre (außerhalb Europas) wurden durch die Kumulation mehrerer kleiner Ereignisse zum falschen Zeitpunkt ausgelöst. Europa ist bisher davon verschont geblieben, was aber leider keine Garantie für die Zukunft ist (Truthahn-Illusion, Vernetzung und Lebensfähigkeit) (Saurugg 2012b). Ein sehr plastisches Beispiel sind auch Lawinen. Diese werden durch kleine Störungen ausgelöst. Durch selbstverstärkende Rückkoppelungen entsteht die verheerende und gleichzeitig irreversible Wirkung. Natürlich gibt es auch positive Beispiele für kleine Ursache, große Wirkung. Etwa die zufällige Entdeckung von Penizillin, die massive Auswirkungen auf die Mortalität hatte. Ebenso kann hier das Pareto-Prinzip herangezogen werden. Mit 20% des Aufwandes 80% des Erfolges erreichen bzw. umgekehrt, 80% des Aufwandes für 20% des Erfolges. Evolutionäre Prägungen Bei menschlichen Handlungen spielen immer evolutionär geprägte Muster eine Rolle. So neigen wir etwa dazu, lieber kurzfristige Erfolge als einen langfristigen Mehrwert in Kauf zu nehmen. In der Psychologie wird dafür der Begriff „Belohnungsaufschub“ verwendet. Dabei wird auf eine unmittelbare (anstrengungslose) Belohnung zu Gunsten einer größeren Belohnung in der Zukunft verzichtet, die allerdings entweder erst durch Warten oder durch vorherige Anstrengung erlangt werden kann. Dieses Phänomen kann heute in vielen Bereichen, etwa bei politischen Entscheidungen, beobachtet werden (Kurzfristiger Aktionismus versus langfristige Ziele). Was evolutionär durchaus Sinn gemacht hat, stellt heute häufig einen langfristigen Nachteil dar (Klingholz 2014, Dueck 2010). Eine andere Prägung ist, dass beim Tod einer großen Gruppe viel mehr Betroffenheit entsteht, als wenn die gleiche Anzahl von Personen verteilt stirbt. Auch das ist historisch nachvollziehbar, bedrohte der Tod einer größeren Gruppe einer Sippe doch die Überlebensfähigkeit der ganzen Sippe. Das gilt heute nicht mehr. Dennoch reagieren wir nach wie vor nach diesem Muster. So kamen etwa auf amerikanischen Straßen im Jahr 2002 rund 1.500 Menschen mehr ums Leben als in den Jahren zuvor. Viele Menschen fürchteten sich nach 9/11 vor dem Fliegen und traten die Reise lieber mit dem Auto an. Ein fataler Irrtum (Vester 2011). Sehr viel wurde seither auch in die (Flug-)Sicherheit investiert. Gleichzeitig haben wir jedoch zugelassen, dass in den letzten Jahren unsere Gesellschaft im infrastrukturellen Bereich um ein Vielfaches verwundbarer geworden ist. Durch den Klimawandel sind auch in unseren Breiten in Zukunft verstärkt längere Hitzephasen zu erwarten. Bisherige Auswertungen haben ergeben, dass es während solcher Hitzewelle zu einem massiven Anstieg der Mortalität kommt bzw. dass es in den letzten 50 Jahren in Europa die meisten Todesopfer infolge von Hitzewellen gab. Gleichzeitig gibt es dazu aber kaum ein öffentliches Bewusstsein. Dies ist wohl auch darauf zurückzuführen, dass kein Einzelereignis zum Massenanfall führt, sondern dass es sich um einen „schleichenden“ Prozess handelt, wo noch dazu die Todesursache nicht immer eindeutig einer Ursache zuordenbar ist (→ Einfaches Ursache-Wirkungsdenken). 55 Integrative Risk and Security Research Volume 3/ 2015 Zum anderen führen Durchschnittswerte zu falschen Erwartungen, wie etwa beim Anstieg der globalen Erderwärmung in Folge des Klimawandels. Viel wesentlicher sind die erwartbaren Varianzen (z.B. Extremwetterereignisse), die sich besonders auf lokaler Ebene auswirken und auch die erforderlichen Bewältigungskapazitäten betrifft. Durchschnittswerte vermitteln im generellen einen falschen Eindruck und verleiten zu falschen Schlüssen (Renn 2014). Ein generelles Problem ist auch, dass wir uns zu stark auf das konzentrieren, was wir bereits wissen und weniger auf die Vorsorge, wie dies etwa Nassim Taleb zum Ausdruck brachte: „Wir neigen dazu, nicht das Allgemeine zu lernen, sondern das Präzise. Wir lernen keine Regeln, sondern nur Fakten. Jeder weiß, dass wir mehr Vorbeugung als Behandlung brauchen, doch kaum jemand belohnt Vorbeugungsmaßnahmen. Wir glorifizieren jene, deren Namen in die Geschichtsbücher eingegangen sind, auf Kosten derjenigen, über die unsere Bücher schweigen.“ (Taleb 2013b: 9) Mangelnde Systembetrachtung Allen Szenarien ist gemein, dass die Basis dieser Entwicklungen auf die mangelnde Systembetrachtung und - berücksichtigung zurückzuführen ist. Wir agieren in vielen Bereichen noch so, als gebe es keine Vernetzung und man könnte die einzelnen Bereiche isoliert betrachten („Silodenken“). Dieser Irrtum wurde etwa 2013 im Rahmen des europäischen Programms zum Schutz kritischer Infrastrukturen (EPCIP) eingestanden (Europäische Kommission 2013). Das Umdenken und neue Handeln benötigt aber Zeit. Zeit, die wir in vielen Bereichen nicht haben, da die Entwicklungen mit den potenziellen negativen Auswirkungen ungebremst voranschreiten. Dennoch müssen wir damit beginnen. Systemisches Denken Damit schließt sich der Kreis zum linearen Denken. Albert Einstein wird gerne mit „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“ zitiert. Daher sind aktuelle und zukünftige Herausforderungen, wie etwa der Klimawandel, Technikkatastrophen („man-made disaster“), Finanzkrisen, Lebensmittelkrisen, Antibiotikaresistenzen, Terrorismus, Hungersnöte, Naturkatastrophen, Pandemien oder Ressourcenverknappung nicht alleine mit dem bisherigen – vergangenheitsund erfahrungsbasierten – Denken zu lösen. Die „Steuerung“ vernetzter Systeme erfordert ebenso vernetztes Denken und Handeln, also systemisches Denken. Dabei müssen wir uns von der Vorstellung der Steuerbarund Kontrollierbarkeit, wie dies bei Maschinen möglich ist, verabschieden. Das funktioniert bei komplexen, offenen Systemen nicht. Nur wenn wir das akzeptieren können, können wir lernen, mit den neuen Herausforderungen und den damit verbundenen Risiken umzugehen (Langner 2012). 56 Macht allein Schaden klug? Abbildung 11: Ein Paradigmenwechsel in der Sicherheitsbetrachtung ist erforderlich Quelle: Eigene Darstellung Systemisches Denken hilft, das Wesentliche eines Systems, die Wirkungsgefüge und Wechselwirkungen, zu erkennen. Dabei geht es nicht mehr um die Konzentration auf das Wesentliche, sondern um die Erfassung des ganzen Musters. Darüber hinaus muss die Aufmerksamkeit auf Entwicklungen und nicht auf Zustände gelegt werden. Denn Zustände ändern sich in dynamischen Systemen häufig (Vester 2011, Dörner 2011, Krizanits 2014). Zusätzlich ist ein „Sowohl-als-auch-Denken“ erforderlich. Die technische Vernetzung hat der Menschheit viele positive Errungenschaften gebracht. Leider neigen wir dazu, diese Seite überzubewerten und die möglichen Schattenseiten bis zum Eintritt zu ignorieren. Unser abendländisches „Entweder-oder-Denken“ ist binär. Gut und schlecht, warm und kalt, trocken und heiß, gesund und krank, arm und reich, und so weiter. Die Betonung liegt auf „und“, nicht etwa auf „oder“. Dieser Aspekt steht uns häufig im Weg. Damit werden auch viele Handlungsspielräume eingeschränkt. Mit einem „Sowohl-als-auch-Denken“ lässt sich die Realität leichter abbilden. Sie ist nicht nur schwarz/weiß, sondern es gibt viele Graustufen dazwischen, wenngleich die Pole eine wichtige Rolle spielen und sich gegenseitig bedingen. (Beck 2008, Völkl/Wallner 2013) Daher sollte es selbstverständlich sein, dass jede Sonnenseite auch eine Schattenseite hat. Auch in Zukunft werden wir lineares, logisches, rationales, analytisches oder fachspezifisches Denken für dafür geeignete Prozesse und Technologien benötigen. Aber wir brauchen zusätzlich Menschen, die das ganze System überblicken und mögliche Fehlentwicklungen erkennen können. Denn die bisher durchaus sehr erfolgreiche Denkweise eignet sich nur für die Lösung von Problemen in Systemen mit geringer Komplexität. Werden sie zur Steuerung von hochkomplexen Systemen verwendet, führen sie zu unerwünschten oder häufig sogar zu schmerzhaften Nebenund Folgewirkungen (Beck 2008). Je größer das System wird, desto schwieriger wird die Realisierung. Daher müssen die in diesem Beitrag (nicht vollzählig) aufgezählten Aspekte bereits im Systemdesign einfließen. Natürlich wäre es eine Utopie anzunehmen, dass sich das einfach und per Top-Down-Anordnung umsetzen ließe, was sogar der Natur komplexer Systeme widersprechen würde. Daher geht es darum, dieses Wissen möglichst breit zu streuen, damit es in möglichst vielen Bereichen einfließen kann und die Selbstorganisationsfähigkeit komplexer Systeme, wie es auch unsere Gesellschaft eines ist, zu mobilisieren. Dazu gehört etwa auch wieder die stärkere Übernahme von Eigenverantwortung (Dueck 2010, Giebel 2012). Diese Fähigkeiten werden wir in turbulenten Zeiten dringend benötigen. Von der Natur wissen wir, dass sich evolutionäre Veränderungen aus vielen kleinen Puzzlestücken entwickeln. Diese fügen sich zum richtigen 57 Integrative Risk and Security Research Volume 3/ 2015 und nicht vorhersehbaren Zeitpunkt ohne zentrale Steuerung zusammen. Es gibt keinen großen Plan. Alle Versuche der zentralen Steuerung sind bisher im wahrsten Sinne des Wortes brutal gescheitert. Auslöser für fundamentale Änderungen sind meist große Brüche oder Krisen. Nicht von ungefähr bieten Krisen auch immer Chancen, eingetretene Pfade zu verlassen und neue Wege zu gehen. In der Vergangenheit waren derartige Krisen häufig mit Kriegen verbunden. Wir hätten heute das Wissen und die Fähigkeiten, eine evolutionäre Weiterentwicklung auch ohne Zerstörungen voranzutreiben. Was wir bereits heute tun können, ist, uns auf turbulente Zeiten einzustellen und vorzubereiten, indem wir möglichst viele Puzzlestücke gestalten, die uns etwa auf eine mögliche Post-Wachstumsära vorbereiten. Oder, indem wir beginnen, das Systemdesign unserer Kritischen Infrastruktur zu überdenken. Bis hin zur Erhöhung der gesamtgesellschaftlichen Resilienz, indem die Bevölkerung wieder als aktives Systemelement gesehen und die Selbsthilfeund Selbstorganisationsfähigkeit gestärkt wird (Giebel 2012). Viele kleine Aktivitäten, wie etwa der Wunsch nach regionalen Produkten und Wertschöpfung, einer dezentralen Energieversorgung aus erneuerbaren Energiequellen, Urban Gardening („der Garten in der Stadt“) oder Komplementärwährungen sind Anzeichen dafür, dass Veränderungen bereits bottom-up begonnen haben. Bottom-up bedeutet dabei, dass Menschen aus eigener Überzeugung von sich aus tätig werden und einen Veränderungsprozess anstoßen, der keinem Masterplan folgt und daher nur bedingt steuerbar ist. Gerade die unausweichliche Energiewende führt zu einer massiven Machtverschiebung. Dass derartige Entwicklungen nicht reibungslos von sich gehen werden, ist selbstsprechend (Scheer 2012). Besonders gefährlich ist dabei der derzeit eingeschlagene Weg, wie das grundsätzlich dezentrale System der erneuerbaren Energieversorgung in das bisher zentrale System der Energieversorgung integriert wird. Die Energiewende bedeutet weit mehr als nur die dezentrale Stromerzeugung, wie sie derzeit vorwiegend verfolgt wird. Sie erfordert einen Kulturwandel, um die bestehende Komplexitätslücke wieder zu minimieren. Daher ist gerade in diesem Bereich ein Plan B – was machen wir, wenn das System die Eingriffe nicht mehr verträgt und es zu einem temporären Systemkollaps kommt – unverzichtbar. Einen solchen gibt es derzeit jedoch nicht. Was wiederum auf unser lineares Denken und auf die Truthahn-Illusion (Abb. 10) zurückzuführen ist. Kognitive Grenzen Aus Studien ist bekannt, dass unser Hirn bei maximal 3-4 miteinander vernetzten Faktoren die Wechselwirkungen erfassen kann (Graeme 2005) und dann an kognitive Grenzen stößt. Das hängt etwa auch mit den exponentiell ansteigenden Wechselwirkungen zusammen. Gleichzeitig versuchen wir aber weiterhin die durch Vernetzung entstehende Komplexität mit unseren bisherigen linearen Denkweisen und Lösungsansätzen zu steuern. Visualisierung Eine Möglichkeit mit diesen kognitiven Grenzen besser umgehen zu lernen besteht in der Visualisierung bzw. Ursache-Wirkungsmodellierung. Dabei handelt sich vordergründig um ein Kommunikationsinstrument, das allen Beteiligten die Zusammenhänge und mögliche Wechselwirkungen (Wirkungszusammenhänge) besser vor Augen führen. Ein Modell wird umso besser, je mehr unterschiedliche und auch widersprüchliche Blickwinkel enthalten sind. Dabei muss immer Bewusst sein, dass ein Modell nicht die Realität, sondern nur ein vereinfachtes Abbild dieser darstellt, ähnlich wie eine Landkarte nur ein vereinfachtes Modell des Geländes ist und zur Orientierung dient. Zudem ist bei komplexen Situationen nie eine vollständige Berechenbarkeit sondern immer nur eine Annäherung möglich (Neumann 2013). Hinzu kommt, dass Menschen grundsätzlich auf der Suche nach Mustern bzw. nach Erfahrungen aus der Vergangenheit sind, die bei der Bewältigung der aktuellen Situation helfen sollen (Krizanits 2013, Taleb 2013b). Das funktioniert bei bekannten Situationen sehr gut, stößt aber immer dann an Grenzen, wenn es sich um eine neuartige Situation handelt, etwa wie bei den Auswirkungen der Komplexitätsentwicklungen. Auch bei der Modellierung wird man bei Unbekannten oder bei Unsicherheiten auf das bestehende Bauchgefühl zurückgreifen. Durch die transparente Darstellung und Diskussion können jedoch Schwachstellen bzw. auch Stärken besser erkannt werden, was beim reinen „Gefühl“ einer Person oder Personengruppe meist nicht möglich ist. Zudem kann das Modell jederzeit mit neuen Erkenntnissen weiterentwickelt und angepasst werden. Insgesamt geht es dabei weniger um fertige Erklärungen, als vielmehr um neue Möglichkeiten zum Erfassen sinnvoller Erklärungen (Neumann 2013). 64 Macht allein Schaden klug? (Tillmann 2014b). Die Untersuchungsgebiete beschränken sich geomorphologisch auf den Bereich der Nehrungshaken (Abb. 1), deren Entstehung durch den Küstenlängstransport von Sedimenten aus dem pleistozänen Liefergebiet der Inselgeestkerne erfolgte. Dünendurchbrüche und Küstenschutz auf Sylt Die Sylter Westküste liegt mit der Breitseite in der Hauptangriffsrichtung der Windund Wellenenergie. Es überwiegen nach Häufigkeit und Stärke Winde aus den Sektoren W, NW und SW, die infolge von Sturmfluten hohe Wasserstände, Seegang, und erhebliche Brandungsenergien im Bereich der Sylter Westküste erzeugen können (Dette 1977; Lamprecht 1957). Vorgelagerte, die Insel schützenden Außensände und Sandbänke wie vor Amrum fehlen vor Sylt, sodass Seegang, Brandung und Tidenströmung an der als „Hochenergie-Küste“ (Schäfer 2005: 228) bezeichneten Westküste zu starken Abbrüchen führen. Die größten Abbruchsraten sind am südlichen Inselende (Hörnum Odde) zu verzeichnen. Einen massiven Eingriff in das natürliche Küstensystem der Hörnum Odde stellen die 1967/68 am Weststrand zum Schutze der 1959 erbauten Kersig-Ferienhaussiedlung errichteten Tetrapoden dar (Kramer 1992). Durch das 1270 m lange Tetrapodenquerwerk sollte der durch Küstenlängstransport in das Hörnum-Tief verfrachtete Sand länger vor der Küste verweilen. Zwar setzte schon kurz nach Bauende eine Sandablagerung und Strandverbesserung im Luv der Bühne ein, auf der Lee-Seite kam es jedoch zur Steigerung der jährlichen Abbruchraten von 2 m auf 15 m (Besch 1996). Zwischen den Jahren 1974 und 1980 wurden südlich des Längswerkes insgesamt 150 m Dünen erodiert (Kelletat 1992). Zum Ausgleich negativer Sandbilanz sowie der Abschwächung erosiver Phasen und der Sicherung und Entlastung der Randdüne durch Reduzierung der Wellenbelastung werden auf Sylt seit 1972 in regelmäßigen Abständen Sandvorspülungen praktiziert (EAK 1993). Eine besondere Form der Sandaufspülungen stellen die Sandersatzmaßnahmen im Bereich der überflutungsgefährdeten Dünentäler dar. Abbildung 1: Untersuchungsgebiete auf den Inseln Sylt und Amrum Quelle: Eigener Entwurf in Anlehnung an die Topographische Karte Deutschland/Schleswig Holstein, Landesvermessungsamt Schleswig-Holstein, Bundesanstalt für Kartographie und Geodäsie 2005) Dünendurchbrüche und Küstenschutz auf Amrum Im Vergleich zu Sylt spielt der Küstenschutz der Insel Amrum eine untergeordnete Rolle. So sind für Amrum in Chroniken der jüngeren Vergangenheit keine größeren Landverluste durch zerstörerische Sturmfluten 65 Integrative Risk and Security Research Volume 3/ 2015 hinterlegt. Durch den Kniepsand und die im Westen vorgelagerten Außensände wird Amrum vor dem direkten Angriff der Nordsee geschützt (Tillmann et al. 2013). Während Sturmfluten wird der größte Teil der Energie bereits am Kiepsand dissipiert, sodass der Inselkern nur selten direkt von Brandung und Seegang beeinflusst wird. Dementsprechend finden bei Extremereignissen die größten Sedimentumlagerungen im Bereich des Kniepsandes statt. So ist der Küstenschutz der Westküste stark von der Entwicklung des Kniepsandes geprägt. Die Anfänge des Küstenschutzes auf Amrum gehen auf das 18. Jahrhundert zurück und hatten primär das Ziel, den zunehmenden Sandflug mit Hilfe biotechnischer Maßnahmen einzudämmen. Dazu zählen das Errichten von Sandfangzäunen und die gezielte Anpflanzung von Strandhafer (Ammophila arenaria). Aufgrund günstiger natürlicher Bedingungen begann der Bau von massiven Schutzwerken erst ab dem Jahre 1895 (Kramer 1992). Auf Amrum wurde eine durchgehende Dünenkette, die im Westen der Norddorfer Marsch bestand, während der Sturmflut 1825 durchbrochen (Müller & Fischer 1937). In der Folgezeit wurde mit biotechnischen Maßnahmen versucht die Dünenlücken zu schließen. Um 1850 war der Bereich an dem der Nordhaken ansetzt jedoch fast völlig abgetragen. Nur ein 1,5 m hoher Dünenwall schützte die dahinter liegende Marsch noch vor Überflutung aus Westen (LKN-SH 2009). Man befürchtete einen erneuten Durchbruch zur Wattseite und eine Abtrennung der Amrum Odde von der Hauptinsel (Remde 1972). Diese Stelle wurde als Risumlücke (Müller & Fischer 1937: 197) bezeichnet. 1894 wurde mit dem Bau von Steinbuhnen am Nordende vor der Risumlücke begonnen, die jedoch die Gefahr eines Durchbruches nicht verhindern konnten. Erst nach mehrmaliger Überflutung der Marsch konnte im Jahr 1914 die Risumlücke durch einen 625 m langen Deich nordwestlich von Norddorf geschlossen werden (Kramer 1992). Mit der Verlagerung des nördlichen Endes des Kniepsandes veränderte sich die Strömung im Bereich der Odde, sodass die Dünenkette bei Gäärsdeel etwa 1 km nördlich des Risumdeichs stark erodiert und abgetragen wurden (LKN-SH 2009). Das verschmälerte den Nordhaken zunehmend, sodass auch dort die latente Gefahr eines Inseldurchbruchs bestand. Da die Sturmfluten des Jahres 1936 und 1954 die mit biotechnische Maßnahmen geschaffenen Vordünen abräumten und das Wasser in Form eines Washovers bis an die Wattseite strömte, wurde ein Bitumendeich mit einer Höhe von +4,50 m NN gebaut (LKN-SH 2009), der inzwischen auf ganzer Länge eingesandet und durch eine Randdüne von durchschnittlich 6 m - 10 m Höhe überdeckt ist (Abb. 5). Im äußersten Nordosten der Insel liegt die Amrum Odde, die von der Entwicklung des Kniepsandes bis dato noch nicht profitiert hat und als einziges Dünengebiet der Insel eine negative Sedimentbilanz aufweist. Die Randdünen der Odde sind zum Teil schmal und von deflationsbedingten Windrissen durchsetzt, sodass vereinzelt Dünendurchbrüche bei schweren Sturmfluten möglich sind. Der Kniepsand hat diesen Abschnitt bislang noch nicht in ausreichendem Maße erreicht, sodass die Odde den Meeresangriffen in Form von Brandung und Sturmfluten relativ schutzlos ausgeliefert ist und ein Sedimentnachschub aus Kniepsand und Küstenlängstransport ausbleibt. Die Bereiche, an denen der Kniepsand auf die Küste aufläuft, sind von Strömung und Brandung am stärksten betroffen. So verlagerte sich die Gefahrenstelle von Gäärsdeel zum Hüsdeel bzw. dem Haustal (Abb. 5), in dem sich noch heute auf +2,75 m NN Höhe dass 1936 von der Gemeinde Norddorf errichtete Vogelwärterhaus des Vereins Jordsand befindet. Eine Sturmflut am 23.12.1954 durchbrach den seeseitig schmal gewordene Dünenwall und flutete das dahinter liegende Haustal. Biotechnische Maßnahmen in Form von Sandfangzäunen und Strandhaferpflanzungen begünstigten den Wiederaufbau eines Strandwalles. Während der Sturmflut 1962 wurde dieser Dünenwall erneut auf einer Länge von ca. 300 Meter erodiert. Da zugleich der Dünenwall an der Wattseite durchgebrochen war, lag das Haustal auf beiden Seiten offen zu dem Meer. Durch biotechnische Maßnahmen und den Einsatz von Planierraupen wurden die Strandwälle wieder hergestellt. Während der Sturmflut 1965 brach die Nordsee jedoch erneut in das Haustal ein. In der Folgezeit wurde der Wiederaufbau der Dünenwälle vor dem Haustal zusätzlich durch die Wanderung des Kniepsandes nach Nordosten begünstigt. Bedingt durch die Nordostwanderung des Kniepsandes verlagerte sich der Gefahrenpunkt nach Norden. Weitere ehemalige Durchbruchstellen befanden sich Mitte der 1960er Jahre im Dünental Sahara. Anfang der 1970er Jahre sind Abbrüche des Dünenwalles vor dem Grat Bakerdeel (großes Seeschwalbental) festzustellen, sodass die Sturmfluten im Jahre 1976 eine Lücke von rund 150 Metern in die Dünekette rissen und zu einer vollständigen Überflutung des Dünentals führten (LKN-SH 2009). Durch biotechnische Maßnahmen wurden die Strandwälle wieder hergestellt und konnten sich begünstigt durch die fortschreitende 66 Macht allein Schaden klug? Nordostwanderung des Kniepsandes in der Folgezeit zu hohen und breiten Dünenwällen akkumulieren. Heute sind vor allem das weiter im Norden liegende Lungdeel (Langtal) sowie die äußerste Nordspitze bei Sturmfluten durch Überflutung gefährdet. Methoden Die Untersuchung rezenter Washover-Ablagerungen basiert auf Georadarmessungen, Bohrungen, sedimentologischen Analysen und geomorphologischen Geländebefunden. Das Georadar, engl. Groundpenetrating radar (GPR), ist ein hochauflösendes elektromagnetisches Impulsreflexionsverfahren, das eine hochauflösende und zerstörungsfreie Prospektion des oberflächennahen Untergrundes bietet (vgl. u. a. Annan 2001; Blindow et al. 2005). Elektromagnetische Wellen breiten sich im Untergrund aus und werden bei Änderungen elektrischer Materialeigenschaften reflektiert, gebrochen, gestreut und zum Teil absorbiert. Das reflektierte elektrische Feld der elektromagnetischen Welle wird aufgezeichnet und in einem Weg-ZeitDiagramm, dem Radargramm, dargestellt. Durch die Reflexion an Schichtgrenzen oder Störkörpern erhält man ein quasi kontinuierliches Profil des Untergrundes in Abhängigkeit von dessen dielektrischen Eigenschaften (Annan 2009). Hauptursachen für Reflexionen im Küstenbereich sind unterschiedliche elektromagnetische Materialeigenschaften bzw. die Ablagerungsstrukturen innerhalb der Sedimentkörper. In klastischen Sedimenten werden diese häufig durch Änderungen der Korngröße, -zusammensetzung, -form, -orientierung und -packung hervorgerufen. In vielen Sedimenten sind Korngröße und Sortierung eine Funktion der primären Ablagerungsstrukturen, sodass GPR-Reflexionen auf primäre sedimentäre Strukturen zurückzuführen sind (Bristow et al. 1996). Die Georadarmessungen wurden mit einem Georadarsystem SIR 2000 der Firma Geophysical Survey Systems Inc. in Kombination mit den Antennenfrequenzen 200 MHz und 400 MHz Antenne durchgeführt. Topographische Höhenunterschiede entlang der GPR-Transekte führen zu Verzerrungen im Radargramm (Jol & Bristow 2003; Tillmann & Wunderlich 2012) und wurden im unmittelbaren Anschluss an die Georadarmessungen mit Hilfe eines differentiellen GPS Systems erfasst. Für die Radargramme wurde ein minimales Bearbeitungsverfahren gewählt, um sich bei der Interpretation möglichst nah an den Rohdaten orientieren zu können. Mit der Software Reflex-Win (Sandmeier Scientific Software) wurden entsprechend der nachfolgenden Reihenfolge die Nullzeitpunkt-Korrektur (static correction), der Dewow-Filter (subtractmean dewow), ein Bandpass-Filter und der background removal-Filter angewandt. Mit Hilfe der GainFunktion (energy decay) konnte die mit zunehmender Tiefe verstärkte Signalabschwächung kompensiert werden. Die sedimentologische Datenbasis stellen Bohrungen dar. In den Untersuchungsgebieten wurden Rammkernund Pürkhauersondierungen durchgeführt. Die Rammkernsondierungen wurden mit einer Kombination aus Benzinschlagkopfbohrer (Wackerbohrer), Schlitzsonden (Ø = 80 mm, Ø = 60 mm, Ø = 30 mm) und hydraulischem Ziehgerät durchgeführt und bis zu einer Tiefe von 8 m abgeteuft. Aus den Bohrkernen wurden Sedimentproben für granulometrische Laboranalysen (Nassund Trockensiebung) entnommen. Zur Berechnung korngrößenstatistischer Parameter wurde das Programm Gradistat nach Blott & Pye (2001) verwendet. Die Auswertung nach korngrößenstatistischen Parametern erfolgte mit der Methode nach Folk & Ward (1957). Ergebnisse Washover-Prozesse an der Südspitze bei Hörnum (Sylt) Aktuelle Washover-Ereignisse und Dünendurchbrüche sind auf der Insel Sylt auf das südliche Inselende (Hörnum Odde) konzentriert (Abb. 2). Stellvertretend für die aktuelle Washover-Dynamik ist das GPR-Profil 2 (Abb. 3). Die Dünentäler der Hörnum Odde werden während Sturmfluten oftmals von West nach Ost überspült. Als Konsequenz der Dünendurchbrüche und um an diesen Stellen eine Abtrennung der südlichen Oddespitze zu verhindern, wurden zu Beginn der Sturmflutsaison 2007/2008 Sandersatzmaßnahmen in Form einer Dünenverwallung von rund 10700 m³ eingebracht (LKN-SH 2009), die durch biotechnische Maßnahmen gesichert und durch Strandhaferpflanzungen stabilisiert wurde (Abb. 3 Bild C). 67 Integrative Risk and Security Research Volume 3/ 2015 Abbildung 2: Topographische Karte von Sylt mit Lage der GPR-Profile 2 bei Hörnum sowie GPR-Profil 1 und Bohrung 7 bei Rantum Quelle: Topographische Karte 1:25.000 Schleswig Holstein, Landesvermessungsamt Schleswig-Holstein, Bundesanstalt für Kartographie und Geodäsie 2005 Washover-Sedimente und durch -Strukturen wie z. B. Washover-Channel oder Washover-Fans können nicht immer durch hochauflösende Luftbilder identifiziert werden. Herkömmliche geomorphologische Methoden zur Untersuchung von Washover-Gebieten wie z. B. direkte Geländebeobachtungen oder die Interpretation von Luftbildund LIDAR-Daten stoßen an die Problematik der räumlichen Abgrenzung und eindeutigen Identifizierung von Washover-Sedimenten und Strukturen. Die Identifizierung und Unterscheidung von Washover-Sedimenten einzig auf der Basis von sedimentologischen Daten aus Bohrungen ist ebenfalls nur bedingt möglich. In feinkörnigen, organisch angereicherten Marschsedimenten lassen sich WashoverSedimente in der Regel leicht anhand von eingeschalteten grobklastischen gering sortierten Sand-, Muschelund Schillhorizonten nachweisen (Godfrey 1979; Sedwick & Davis 2003). Washover-Sedimente in einem sandigen Sedimentationsraum wie z. B. im Dünengelände oder auf Sandwattflächen zu identifizieren ist bedeutend schwieriger. Darüber hinaus stammt ein Großteil der Washover-Sedimente selbst ursprünglich aus den erodierten Dünen und dem Strandbereich (Horwitz 2008). Die durch einsetzende äolische Morphodynamik umgelagerten Sande lassen sich durch Bohrungen kaum von den ursprünglich durch Washover-Prozesse transportierten und abgelagerten Sanden unterscheiden, da beide auf ein einheitliches Ausgangsmaterial zurückzuführen sind. Bohrungen bieten zudem nur punktuelle Informationen und liefern darüber hinaus kaum Informationen über den internen Aufbau und die sedimentologische Struktur von Washover-Ablagerungen. Eine räumliche Interpolation von Bohrdaten kann daher häufig zu Fehloder Überinterpretationen führen. Aufgrund fehlender Sedimentstrukturen lässt sich in der Regel auch keine eindeutige Fließrichtung des Washovers ableiten. Auch im Gegensatz zu Aufschlüssen (trenches) bietet die Georadarmethode in der Regel eine stärkere laterale Kontinuität, die vor allem für die Analyse von Sedimentstrukturen bedeutend ist. Washover sind Gebiete intensiver äolischer Morphodynamik (Leatherman & Zaremba 1987), sodass oft nicht zwischen der ursprünglich durch den Washover-Prozess induzierten Sedimentation und der unmittelbar im Anschluss einsetzenden äolischen Morphodynamik bzw. Dünenbildung unterschieden werden kann (vgl. Abb. 3 Bild D). Das Georadar-Profil 2 (Abb. 3 Bild D) wurde im Oktober 2008 unter Verwendung eines GSSI SIR-2000 und einer 200 MHz Georadarantenne im rechten Winkel zur Washover-Fließrichtung gemessen (Abb. 2). Das 68 Macht allein Schaden klug? Transekt verläuft direkt auf dem Vorspülkörper der im Eingangsbereich zum Dünental eingebrachten Dünenverwallung (Abb. 3 Bild C). Der obere Profilbereich zeigt im Radargramm 2 nur wenig interne Reflexionen und umfasst Bereiche, die gänzlich frei von Reflektoren sind. Die wenigen, irregulären und diskontinuierlichen Reflexionen besitzen eine schwache bis sehr schwache Amplitude. Vereinzelt sind direkt an der heutigen Geländeoberfläche Diffraktionshyperbeln ausgebildet. Die ursprüngliche vor der Dünenverwallung bestehende Topographie des Dünentals ist durch den konkaven Talverlauf zu erkennen. Dieser spiegelt sich im Radargramm durch einen durchgehenden Hauptreflektor mit sehr starker Amplitude wieder. Unter dem Hauptreflektor bzw. am Grund des Dünentals sind zahlreiche Diffraktionshyperbeln konzentriert. An der Basis des Dünentals finden sich Reflexionen mittlerer Amplitude, die sich dem konkaven Verlauf der Topographie anpassen. Zum Teil sind diese Reflektoren wannenbis rinnenförmig ausgebildet (Kasten 1 in Abb. 3 Bild D) und vereinzelt von Diffraktionshyperbeln umgeben. Im Randbereich ist zudem ein annähernd horizontaler Verlauf der Reflektoren zu beobachten (Kasten 2 in Abb. 3 Bild D). Das nördliche und südliche Profilende wird von den sich anschließenden Dünenzügen eingenommen. 69 Integrative Risk and Security Research Volume 3/ 2015 Abbildung 3: A. Dünental im Süden Sylts vor der Sturmflutsaison 2006/2007 (eigene Aufnahme) am 19.10.2006). Zur Lage siehe Abb. 2. B: Dünental nach der Sturmflutsaison (Aufnahme am 21.04. 2007). Zum Strand hin geöffnetes Dünental fungiert als Windkorridor und ermöglicht den Transport von Sand aus dem Strandbereich. Ursprüngliche Washover-Sedimente können im Gelände nicht von äolischen Sedimenten unterschieden werden. C: Der Eingang des Dünentals wurde 2008 durch eine aufgespülte Dünenverwallung geschlossen und durch biotechnische Strandhaferpflanzungen vor weiterer Deflation geschützt. D: GPR-Profil 2 (200 MHz). Radargramm nach dem Processing und der topographischen Korrektur. E: Interpretation und Legende. Quelle: in Anlehnung an Tillmann & Wunderlich (2014b). 70 Macht allein Schaden klug? Georadar-Profil 2 entspricht aus geomorphologischer Sicht dem nahe der Küstenlinie gelegenen Eingangsbereich eines Washover-Channel und bildet dessen Querschnitt ab. Als grundlegend für die Interpretation erweist sich die Verteilung von Diffraktionshyperbeln. Sie entstehen an solitären, punktförmigen Objekten im Untergrund, deren Abmessungen klein gegenüber der Wellenlänge sind. Diese Objekte reflektieren ein auftreffendes elektromagnetisches Signal in alle Richtungen, wirken dadurch als Punktstreuer und bilden sich im Radargramm im Form von Hyperbeln ab (vgl. Annan 2001; Neal 2004). Der obere Abschnitt wird von den künstlich in Form einer Dünenverwallung eingebrachten Vorspülsanden eingenommen. Die Spülsande zeigen im Radargramm nur wenig interne Reflexionen und deuten so auf einen lithologisch homogenen Sedimentkörper (Ékes & Hickin 2001) hin. Die Washover-Prozesse der Hörnum Odde orientieren sich stark an der Topographie des Dünentals. Die ursprüngliche, vor der Dünenverwallung bestehende Topographie des Dünentals ist in den GPR-Daten anhand eines starken, durchgehenden Reflektors zu erkennen, der geomorphologisch den konkaven Talverlauf des sich erosiv in das Dünental eingeschnittenen Washover-Channel widerspiegelt. Die Sedimente im Liegenden des Dünentals sind zum Teil in ihrem oberen Bereich diskordant gekappt. Die hohe Amplitude des basalen Kontaktbereichs des Washover-Channel lässt sich durch den Materialwechsel und die dadurch geänderten elektromagnetischen Materialeigenschaften erklären. Zudem wird eine Anreicherung von Schwermineralen an der Basis der Washover-Sedimente, wie sie z. B. in Horwitz (2008), Leatherman et al. (1977) und Morton et al. (2007) beschrieben wurde, vermutet. Anschließend werden zuerst die tiefsten Stellen im Dünental durch WashoverSedimentation verfüllt. Treibgut gelangt mit der Sturmflutbrandung und durch Washover-Prozesse in das Dünental hinein. Die in das Dünental eingedrungenen Wassermassen branden auf diese Weise zeitweilig an die seitlichen Ränder des Dünentals. Nach Erreichen des Scheitelpunktes der Sturmflut und abnehmender Tidekurve gehen die Wassermassen zurück, fließen zum Teil der Schwerkraft folgend allmählich nach Westen aus dem Dünental heraus oder versickern im sandigen Untergrund des Talbodens. Die zurückfließende Strömung besitzt weitaus weniger Energie als die ursprüngliche Sturmflut. Die Abnahme der Fließgeschwindigkeit bedingt eine geringere Transportkapazität, sodass das von der westlich brandenden und in das Dünental durch Washover-Prozesse eindringenden Nordsee mitgelieferte grobkörnige Material und Treibgut nicht mehr in Suspension gehalten werden kann und im Dünental zur Ablagerung gelangt. Dies geschieht sowohl an der Dünentalbasis als auch an den seitlichen Rändern des Dünentals. Mit dichter Vegetation bewachsene Dünentäler fördern die Akkumulation von Treibgut und Sediment. Die Vegetation fungiert dabei insbesondere als Sedimentfänger für die bodennah transportierten Komponenten. Sedimentologisch äußert sich die Abnahme der Strömungsintensität in einer für Washover-Ablagerungen typischen fining-upward Sequenz. Dementsprechend sind Washover-Sedimente in der Regel an ihrer Basis grobkörnig und werden mit abnehmender Fließgeschwindigkeit am Ende des Sturmes nach oben hin feiner (Andrews 1970; Leatherman & Williams 1983). Nach dem Zurückbleiben restlicher Wassermassen im Dünental folgt eine Stillwassersedimentation mit anschließender Verlandung. Die ursprüngliche laterale und distale Ausbreitung der Washover-Ablagerungen ist im Gelände anhand von Teekgrenzen dokumentiert. Teekgrenzen sind durch Ablagerung grober Komponenten z. B. Treibgut, Kiese und Pflanzenreste gekennzeichnet. Im Radargramm produzieren diese Objekte Diffraktionshyperbeln. Der Höchststand der Wassermassen im Dünental bzw. der Scheitelpunkt der Sturmflut ist an den seitlichen Rändern des Dünentals durch eine den Flutsaum nachzeichnende Teekgrenze markiert. Kiese, Strandgerölle und Treibgut werden vorwiegend nahe der Küstenline und an der Basis der WashoverChannel abgelagert (Leatherman & Zaremba 1987) und deuten auf eine erhöhte Fließgeschwindigkeit, Strömungsund Wellenenergie zu Beginn der Überflutung hin und werden im Radargramm ebenfalls als Hyperbel dargestellt. Diffraktionshyperbeln an der Basis der Washover-Sequenz werden zum Teil auch durch überdeckte Vegetation (z. B. Strandhaferhorste oder Büsche der Kamtschatka-Rose) hervorgerufen. Vergleichbare Reflexionsmuster, die auf überdeckte Dünenvegetation zurückzuführen sind, wurden bereits von Wang & Horwitz (2007) und Giradi & Davis (2010) als solche interpretiert. Washover-Prozesse bei Rantum (Sylt) GPR-Profil 1 (Abb. 4) hat eine Länge von 97 Metern und verläuft in küstennormaler Richtung von West nach Ost. Es wurde eine maximale Erkundungstiefe von 160 ns TWT bzw. -3,85 m NN erreicht. Im GPR-Profil 1 lassen sich unterschiedliche Reflexionsbereiche identifizieren. Der obere Profilbereich (bis 40 ns TWT bzw.-0,2 71 Integrative Risk and Security Research Volume 3/ 2015 m NN) wird von einfallenden Reflexionen der Dünenfazies eingenommen. Die untere Grenze bildet ein durchgehender, horizontaler Hauptreflektor mit starker Amplitude, der als Grundwasserspiegel interpretiert wird. Direkt unterhalb des Grundwasserspiegels sind kurze, nach Osten einfallenden Reflektoren nachzuweisen. Die moderat kontinuierlichen bis diskontinuierlichen Reflektoren verlaufen in ihrem oberen Bereich tangential und enden im unteren Bereich mit einem downlap auf den unterlagernden horizontalen Reflektoren (Profilbereich zwischen 65 ns - 110 ns TWT) der Sandwattfazies. Die mit einem Winkel von durchschnittlich 2° - 6° nach Osten einfallenden Reflektoren repräsentieren Ablagerungen, die auf WashoverEreignisse zurückzuführen sind und werden daher als Washover-Fazies zusammengefasst. Ab 110 ns TWT gehen die Reflexionen in die unterlagernden, ebenfalls horizontal ausgebildeten Reflexionen eines Mischwatts über, die im Vergleich zum Sandwatt deutlich schwächere Amplituden zeigen. Die untere Grenze des Mischwatts wird durch einen starken Reflektor einer Radarschichtfläche in 125 ns TWT bzw. -3 m NN gebildet, der als Oberfläche des im Untergrund anstehenden Geestkerns gedeutet wird. Bohrung 7 (Abb. 4) wurde als Pürkhauersondierung bis zu einer Tiefe von 3,5 m unter der Geländeoberfläche in das GPR-Profil 1 eingebracht (Abb. 2). Der obere Teil des Bohrkerns bis zu einer Tiefe von 0,8 m besteht aus gut sortiertem (0,49 φ) bis sehr gut sortiertem (0,32 φ) hellem Feinsand (2,59 φ - 2,87 φ) ohne makroskopisch erkennbare Muschelfragmente und Schillanteile. Die Oberfläche bildet ein bis zu einer Tiefe von 0,15 m ausgebildeter Podsol mit deutlichem Humusanteil und Wurzelwerk. Erst ab einer Tiefe von 1 m konnten im Bohrkern vereinzelt Muschelbruchstücke (Cerastoderma edule) nachgewiesen werden. Bohrung 7 zeigt von 3,5 m - 0,8 m Bohrtiefe eine deutlich ausgeprägte coarsening-upward Sequenz von Mittelsilt (6,12 φ) bis Mittelsand (1,21 φ). Der Bohrabschnitt zwischen 0,8 m und 2 m Tiefe besteht aus schlecht sortiertem (1,25 φ - 1,43 φ) Mittelsand und enthält damit die gröbsten Korngrößen des Bohrkerns. In einer Tiefe von 2 Metern bildet ein 10 cm mächtiger Oxidationshorizont die Grenze zur lithologischen Einheit im Liegenden. Neben Rostflecken sind dort feine Wurzeln sowie eine leichte Humusanreicherung zu erkennen. Bis zu einer Tiefe von 2,75 m besteht diese Einheit aus Feinsand (2,0 φ), der mit 1,63 φ insgesamt eine schlechte Sortierung aufweist. Ab einer Tiefe von 3 m deutet die dunkelgraue Sedimentfarbe auf stark reduzierende Sedimentationsbedingungen hin. In 3,1 m Bohrtiefe wurden Schalenreste der Baltischen Plattmuschel (Macoma baltica) gefunden. In einer Tiefe von 3,4 m konnten zudem Gehäuse der Wattschnecke (Hydrobia ulvae) nachgewiesen werden. 72 Macht allein Schaden klug? Abbildung 4: West-Ost streichendes GPR-Profil 1 (200 MHz). Zur Lage von GPR-Profil 1 und Bohrung 7 im Untersuchungsgebiet siehe Abb. 2 A: Radargramm nach dem Processing und der topographischen Korrektur. B: Interpretation Quelle: Tillmann & Wunderlich (2013). Washover-Prozesse bei Norddorf (Amrum) Die Bohrung AR3 befindet sich im Gäärsdeel nördlich der Ortschaft Norddorf und südlich der Amrum Odde (54°42’03’’ Nord und 8°20’31’’ Ost) und wurde dort bei Niedrigwasser auf einer Salzwiese eingebracht (Abb. 5). Die Bohrung erreicht eine Tiefe von 8 m unter der Geländeoberfläche (Abb. 6). Dies entspricht einer absoluten Tiefe von -7,75 m NN. Aus Bohrung AR3 wurden 25 Proben granulometrisch untersucht. Der oberste Abschnitt des Bohrkerns (Abb. 6) wird von einer 10 cm mächtigen Humusauflage mit Wurzeln der rezenten Salzwiesenvegetation eingenommen. Darunter folgen bis in eine Tiefe von 0,45 m hellgraue Feinsande (2,05 φ) mit einem Tonanteil von bis zu 11,5 %. Zwischen 0,45 m und 0,5 m Tiefe werden die Ablagerungen feiner und der Tongehalt nimmt mit 22,7 % zu. Die dominierende Korngröße ist sehr grober Silt (4,71 φ). Die obere Einheit stellt die heutige Salzwiese dar, die sich im strömungsberuhigten Lee der Amrum Odde gebildet hat. Wenige Meter im Osten wird die Landgewinnung und Vorlanderhöhung als Methode des Küstenschutzes durch das Anlegen zahlreicher Lahnungen und Grüppen seit 1951 unterstützt. Markant in den oberen 2 m Bohrtiefe ist eine ausgeprägte Wechsellagerung mit eingeschalteten Mittelsandlagen (1,85 φ - 1,87 φ). Im Gegensatz zur oberen Sandlage, die eine mäßig gute Sortierung 0,61 φ aufweist, sind die unteren beiden Sandschichten von durchweg schlechter Sortierung (1,67 φ - 1,74 φ). Der Anteil an Muschelschalen und Bruchschill ist in allen drei Sandlagen hoch. Zwischen den einzelnen Sandlagen sind die Sedimente feinkörniger. Der Anteil an Ton und organischer Substanz wie z. B. feinen Wurzeln ist entsprechend höher. Die mittlere Korngröße liegt zwischen Mittelsilt (6,02 φ) und sehr feinem Sand (3,75 φ). Der Tongehalt beträgt 10,8 % - 33,5 %. 73 Integrative Risk and Security Research Volume 3/ 2015 Abbildung 5: Topographische Karte mit Bohrungen und Küstenschutzelemente im Norden der Insel Amrum Quelle: Topographische Karte 1:25.000 Schleswig Holstein, Landesvermessungsamt Schleswig-Holstein, Bundesanstalt für Kartographie und Geodäsie 2005). Aus der jüngeren Geschichte Amrums ist bekannt, dass das Gebiet nördlich von Norddorf immer wieder durch Washover-Prozesse beeinflusst wurde (Albers & von Liebermann 2006; Quedens 1994). Schwere Sturmfluten in den Jahren 1936, 1954 und 1962 erodierten die Vordünen westlich des Gäärsdeels, sodass infolge der Sturmflut 1962 das Wasser in Form eines Washovers bis an die Wattseite strömte (Albers & von Liebermann 2006) und so auch das Salzwiesengebiet bei Bohrung AR3 überflutete. Darauf begründet werden die in die oberen zwei Meter des Bohrprofils eingeschalteten Mittelsandlagen als WashoverSedimente gedeutet, die sich vermutlich in Form eines Washover-Fans auf der Salzwiese bei Bohrung AR3 ablagerten. Die schlechte Sortierung, der hohe Anteil an Bruchschill und die im Vergleich zu den umgebenen Schichten groben Korngrößen sprechen für die episodische Sedimentation unter temporär erhöhtem Strömungsregime. 80 Macht allein Schaden klug? Abbildung 1: Testfeld am Nördlichen Schneeferner. A: Das Testfeld wurde mit Hilfe von Slalomstangen eingegrenzt und mittels differentiellem GPS und Maßbändern vermessen. B: Lage des Testfeldes innerhalb des Skigebietes Zugspitzplateau (GarmischPartenkirchen). C: Lage des Testfeldes neben den Gletscherseeliften I + II in 2650 m Höhe. Quelle: Eigene Aufnahmen, TK 1.25.000 Garmisch-Partenkirchen Methoden Das Geooder Bodenradar, engl. ground-penetrating radar (GPR), ist ein hochauflösendes elektromagnetisches Impulsreflexionsverfahren (EMR), das als geophysikalische Messmethode zur zerstörungsfreien Prospektion des oberflächennahen Untergrundes eingesetzt wird (Annan 2001; Blindow et al. 2005). Der Ursprung der Georadar-Methode geht auf Forschungen Anfang des 20. Jahrhunderts zurück mit dem Ziel ein Patent auf eine Technik zur Untersuchung und Lokalisierung im Untergrund vergrabener Objekte anzumelden (Reynolds 2011). Seit den 1970er Jahren wurde das Anwendungsgebiet des Georadars immer breiter, die Geräte und Technologie stetig verbessert (Forkmann 2006) und erste Interpretationskonzepte für Georadardaten veröffentlicht (Neal 2004). Georadarstudien mit dem Ziel der Ortung von Lawinenopfern wurden u. a. von Jaedicke 2003; Instanes 2004; Modroo & Olhoeft 2004; Heilig et al. 2008 durchgeführt. Von einer Georadar-Sendeantenne werden kurze, hochfrequente elektromagnetische Impulse einer bestimmten Frequenz in den Untergrund gesendet. Elektromagnetische Wellen breiten sich im Untergrund aus und werden bei Änderungen elektrischer Materialeigenschaften reflektiert, gebrochen, gestreut und zum Teil absorbiert. Die Ausbreitungsgeschwindigkeit ist materialspezifisch. Das reflektierte elektrische Feld der elektromagnetischen Welle wird von einer Empfangsantenne registriert, als sogenannte Signalspur aufgezeichnet und in einem Weg-Zeit-Diagramm, dem Radargramm, dargestellt. Durch die Reflexion an Schichtgrenzen oder Störkörpern erhält man ein quasi kontinuierliches Profil des Untergrundes in Abhängigkeit von dessen dielektrischen Eigenschaften (Annan 2009). Das Zeitintervall zwischen Senden, Reflexion und Empfangen wird als Zwei-Wege-Laufzeit (TWT = two-way travel time) bezeichnet und in der Einheit Nanosekunden (ns) angegeben. Ist die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Wellen im Untergrund bekannt, kann anhand der Signallaufzeit die Tiefe der Grenzschicht respektive des reflektierenden Objektes bestimmt werden. Die Geschwindigkeit der 81 Integrative Risk and Security Research Volume 3/ 2015 elektromagnetischen Welle ist abhängig von den elektromagnetischen Materialeigenschaften des Untergrundes und nach Art des Materials unterschiedlich. Schnee bietet generell ein hervorragendes Medium zur Ausbreitung von elektromagnetischen Wellen (Modroo & Olhoeft 2004). Die Georadarmessungen wurden mit einem Georadarsystem SIR 2000 der Firma Geophysical Survey Systems Inc. (GSSI SIR-2000) in Kombination mit einer 400 MHz Antenne durchgeführt. Die Georadarmessungen zum Zweck der Objektortung erfolgten in einem Survey Design längs und quer zu den im Schnee vergrabenen Objekten. Für die Versuche zur Bestimmung der Schneestratigraphie wurden die Georadarmessungen entlang der gegrabenen Schneeprofile gemessen. Zu Kontrollzwecken wurden rechts und links der Schneeprofile in einem Abstand von 5 m jeweils zwei weitere GPR-Profile aufgenommen. Topographische Höhenunterschiede entlang der GPR-Transekte führen zu Verzerrungen im Radargramm (z. B. Jol & Bristow 2003; Tillmann & Wunderlich 2012) und wurden im unmittelbaren Anschluss an die Georadarmessungen mit Hilfe eines differentiellen GPS Systems (Ashtech ProMark 2) erfasst. Für die Radargramme wurde ein minimales Bearbeitungsverfahren gewählt, um sich bei der Interpretation möglichst nah an den Rohdaten orientieren zu können. Mit der Software „Reflex-Win“ (Version 5.6) der Firma „Sandmeier Scientific Software, Karlsruhe“ wurden entsprechend der nachfolgenden Reihenfolge die Nullzeitpunkt-Korrektur (static correction), der Dewow-Filter (subtract-mean dewow), ein Bandpass-Filter und der background removal-Filter angewandt um Störsignale aus den Daten zu entfernen (Tillmann 2014). Mit Hilfe der Gain-Funktion (energy decay) konnte die mit zunehmender Tiefe verstärkte Signalabschwächung kompensiert werden (Tillmann 2015). Da Diffraktionshyperbeln in den gezeigten Radargrammen im starken Maße zur Interpretation beitragen, wurden auf das Entfernen der Hyperbeln durch den Bearbeitungsschritt der Migration verzichtet. Die Migration wird gemeinhin angewendet um die wahren Reflektorgeometrien im Radargramm wiederherzustellen und somit die Auflösung der Radargramme zu verbessern (Annan 2001; Cassidy 2009). Ergebnisse Tests zur Objektortung Auf dem Zugspitzplateau wurden auf einem speziell angelegten Testfeld am Nördlichen Schneeferner (Gletscherseelifte I + II) verschiedene Objekte einer typischen Skiausrüstung (Abb. 3) vergraben. Das Testfeld von 10 m x 50 m wurde mit Hilfe eines dGPS und Maßbändern eingemessen und mit Slalomstangen abgesteckt (Abb. 1). Die Objekte wurden vermessen und auf der Survey Linie im Schnee vergraben (Abb. 2). Die exakte Position der Objekte wurde mit einem dGPS bestimmt und markiert. Die Vergrabungstiefe im Schnee wurde mit Lawinensonden ermittelt (Abb. 2). Um die Schichtenlagerung des Schnees zu durchbrechen um auf diese Weise eine Lawine zu simulieren, wurden die obersten 50 cm mechanisch umgraben (Abb. 1). Abbildung 2: A: Georadarsystem GSSI SIR 2000 in Kombination mit einer 400 MHz-Antenne und einem Survey-Wheel. B: Typische Objekte einer Skiausrüstung wie z.B. ein Carving-Ski wurden im Schnee vergraben. Die Position wurde mittels dGPS markiert. C: Die Vergrabungstiefe im Schnee wurde mit Lawinensonden ermittelt. Quelle: Eigene Aufnahmen Zu den vergrabenen Objekten der Skiausrüstung zählen: Mobiltelefon, Skihelm, LVS (Lawinen-VerschüttetenSuchgerät), Lawinen-Airbag (Simulation eines Luftraumes), Handschuh, Big Foot, Snowboard, Carving Ski, Rucksack (leer), Skistock, Lawinen-Schaufel. Die Maße der Gegenstände sind in Abbildung 3 aufgeführt. 82 Macht allein Schaden klug? Abbildung 3: Maße der im Schnee vergrabenen Gegenstände einer typischen Skiausrüstung. Quelle: Eigene Darstellung Die Datenerhebung wurde mit einem Georadar SIR 2000 der Firma Geophysical Survey Systems Inc. (GSSI SIR-2000) in Kombination mit einer 400 MHz Antennenfrequenz (Abb. 2) in einem kontinuierlichen Messmodus und mit einer monostatischen Antennen-Anordnung durchgeführt. Für die Messungen wurde das Laufrad (survey wheel) an die Antenne angeschlossen, das die Strecke des während der Messung zurückgelegten Weges und damit die Länge des Profils misst (Abb. 2). Die Georadarmessungen wurden quer und längs zu den vergrabenen Objekten vorgenommen. Für die Radargramme wurde eine mittlere Ausbreitungsgeschwindigkeit der elektromagnetischen Welle im Untergrund von v = 0,16 m/ns berechnet. Abbildung 4: Radargramm (400 MHz) vom Testfeld Nördlicher Schneeferner (Gletscherseelifte I + II) mit den aus Abb. 3 vergrabenen Objekten einer Skiausrüstung. Besonders Objekte mit metallischen Bestandteilen bilden sich in Form von Diffraktionshyperbeln im Radargramm ab. Quelle: Eigene Darstellung 83 Integrative Risk and Security Research Volume 3/ 2015 Einzelne, näherungsweise punktoder kreisförmige Objekte im Untergrund, deren Abmessungen klein gegenüber der Wellenlänge sind und die ein auftreffendes elektromagnetisches Signal in alle Richtungen reflektieren, wirken für das elektromagnetische Signal als Punktstreuer und bilden sich im Radargramm als Diffraktionshyperbeln ab (Blindow et al. 2005; Neal 2004). Liegt ein Störkörper (z. B. ein Ski, Skistock etc.), in geringer Tiefe aber nicht direkt unterhalb der Antenne, so wird er auf Grund der halbkugelförmigen Wellenausbreitung dennoch abgebildet. Beim Aussenden der elektromagnetischen Welle verläuft das Signal nicht ausschließlich senkrecht in den Untergrund. Ein isolierter Punkt wird demzufolge schon bevor und nachdem das Georadar senkrecht über ihm positioniert ist von dem Signal erfasst. Dabei verringert sich die scheinbare Tiefe der Reflexion bei der Annäherung und vergrößert sich wieder beim Entfernen (Neal 2004). Bei der Projektion der Wegstrecke unter dem Messpunkt entsteht schließlich als geometrische Form im Radargramm eine Hyperbel, verursacht durch die unterschiedlichen Laufzeiten. Diese Tatsache ermöglicht die Detektion von Objekten im oberflächennahen Untergrund und ist damit Voraussetzung für die nachfolgenden Tests zur Ortung von Lawinenverschütteten. Die Reflektionen der einzelnen Objekte der Skiausrüstung bilden sich größtenteils im Radargramm (Abb. 4) ab. Während alle Gegenstände mit metallischen Bestandteilen im Radargramm deutlich in Form einer Diffraktionshyperbel zu erkennen sind, bilden Skihandschuh und der ungefüllte Rucksack keine Reflexion. Vor allem die großen Objekte Ski und Snowboard zeigen durch ihre Metallbestandteile (Skibindung, Stahlkanten etc.) eine deutliche Reflexion mit starker Amplitude. Die Diffraktionshyperbel, die im Radargramm die Skibindung abbildet, zeigt Multiplen, die höchstwahrscheinlich durch die Reflexion an der erhöhten Bindungsplatte der Skibindung entstehen. Der Lawinen-Airbag verfügt zwar nicht über metallische Bestandteile, wird aber im Vergleich zum Handschuh und Rucksack aufgrund seiner Größe vom Georadar aufgezeichnet. Der mit Luft gefüllte Airbag bildet hinsichtlich seiner dielektrischen Eigenschaften zur umgebenden Schneedecke eine Inhomogenität. Es ist anzunehmen, dass der durch den Lawinen-Airbag simulierte Hohlraum in der mehrere Tage alten Schneedecke eine abweichende Dichte und Feuchtigkeit aufweist. Unklar ist hingegen, ob sich dieser dielektrische Kontrast ebenso deutlich auch in einem lockeren Kristallgefüge von frisch gefallenem Neuschnee, das mit Luft gefüllten Hohlräumen versehenen ist, abzeichnet. Einen ähnlichen dielektrischen Kontrast würde man auch zwischen dem menschlichem Körper eines Verschütteten und Schneedecke vermuten. Heilig et al. (2008) konnten durch die Simulation eines verschütteten menschlichen Körpers nachweisen, dass sich dieser in Radargrammen aufgrund seiner dielektrischen Eigenschaften in trockenem Neuschnee detektieren lässt. In Nassschnee mit einer in Lawinen vergleichbaren Stratigraphie konnte dieser Nachweis dagegen nicht erbracht werden. Ob ein Gegenstand oder Verschütteter vom Georadar erfasst wird, hängt damit von seinen Reflexionseigenschaften bzw. dem elektromagnetischen Kontrast ab, den er zur umgebenden Schneedecke während der Verschüttung bildet. Tests zur Schneestratigraphie Nachfolgende Test zur Schneestratigraphie wurden primär mit dem Ziel der Detektion einzelner Schichten und Inhomogenitäten innerhalb der saisonalen Schneedecke getätigt. Die Schneestratigraphie im Untersuchungsgebiet zum Zeitpunkt der Messungen wurde anhand von 5 Schneeprofilen bestimmt. Die Profile wurden in unterschiedlichen topographischen Positionen und Expositionen in der Nähe des Testfeldes gegraben. Schnee wird im Laufe des Winters in Schichten akkumuliert und unterliegt permanenter Metamorphose. Die einzelnen Schichten unterscheiden sich in Korngröße, Feuchtigkeit, Dichte und Packung (Hoffmann 2001). Ist der Unterschied der einzelnen Schichten groß und ihre Bindung untereinander gering, bilden sich potentielle Schwachstellen innerhalb der Schneedecke (Bauer 1993). Durch Aufnahme der Schneeprofile und Rutschblocktests wurden potentielle Schwächezonen innerhalb der Schneedecke bestimmt und mit den gemessenen Radargrammen korreliert. Schneeprofile stellen zeitlich und örtlich begrenzte Stichproben dar. Daher wurden die Georadarmessungen im unmittelbaren Anschluss an die Profilansprache durchgeführt. Die Schneeprofile wurden nach der gängigen Nomenklatur (z. B. Munter 1997) aufgenommen und die Härte durch den Handtest (vgl. Bauer 1993; Hoffmann 2001) auf einer Skala von 1 - 5 bestimmt. Grundsätzlich ist jeder Schichtwechsel (Schichtgrenze/Kontaktfläche zwischen verschiedenen Schichten) eine mögliche Gleitfläche (Munter 1997). Die geringe Haftreibung zwischen den einzelnen Schichten kann in Hanglagen zur Herabsetzung der basalen Scherfestigkeit führen und einen Lawinenabgang herbeiführen (Hoffmann 2001). 84 Macht allein Schaden klug? Ein besonderes Augenmerk lag daher auf der Definition einzelnen Schichten im Schneeprofil und der anschließenden Korrelation mit den Radargrammen. Ob Georadarmessungen als Methode für eine definierte Fragestellung geeignet sind, wird in erster Linie durch die Auflösung bestimmt. Daher ist die Auflösung besonders für die Interpretation von GPR-Daten im Kontext der Schneestratigraphie von großer Bedeutung und definiert den Maßstab der Schichten, die mittels Georadar erfasst werden können. Die vertikale Auflösung, als der kleinste Abstand unter dem zwei übereinander liegende Schichten gerade noch zu unterscheiden sind (Neal 2004), wird im Allgemeinen durch die Wellenlänge kontrolliert (Knapp 1990). f v   Aus der o. g. Gleichung geht hervor, dass mit Erhöhung der Frequenz (f) die Wellenlänge (λ) kleiner wird und die vertikale Auflösung mit kürzerer Wellenlänge zunimmt. Eine hohe vertikale Auflösung kann durch den Einsatz einer Antenne aus dem höheren Frequenzbereich erreicht werden. Schichten deren Mächtigkeit unterhalb der vertikalen Auflösung einer 400 MHz-Antenne liegen, können mittels Georadar nicht erfasst werden. Ob Schichtwechsel innerhalb des Schneeprofils tatsächlich Gleitflächen darstellen bzw. eine schwache Bindung und Haftreibung aufweisen, lässt sich nur mit Hilfe des Rutschblocktest feststellen (Hoffmann 2001). Abbildung 5: Schneeprofil und Radargramm (400 MHz) entlang des Schneeprofils. Im Radargramm sind zwei Reflektoren sichtbar, die mit Hilfe des Schneeprofils als Altschneeschichten identifiziert werden. Quelle: Eigene Darstellung Im Radargramm sind zwischen 65 cm und 109 cm Tiefe zwei schwache, annähernd durchgängige Reflektoren sichtbar. Diese begrenzen innerhalb der Schneedecke eine ca. 45 cm mächtige Altschneeschicht. Die Kontaktfläche zwischen Altund Neuschnee entsteht durch die unterschiedlich weit fortgeschrittene Metamorphose. Als Produkt abbauender Metamorphose besitzen diese Altschneeschichten eine gewisse Härte und Verdichtung und sind daher aufgrund ihrer unterschiedlichen elektromagnetischen Eigenschaften auch im Radargramm erkennbar. Im Medium Schnee werden elektromagnetische Unterschiede besonders durch die unterschiedliche Dichte und den Feuchtigkeitsgehalt der einzelnen Schichten hervorgerufen (Yamamoto 2004). Die isotherme Metamorphose setzt unmittelbar nach Ablagerung des Neuschnees ein. Neuschneekristalle besitzen wegen ihrer oft stark verzweigten hexagonalen Formen eine im Verhältnis zu ihrem Volumen sehr große Oberfläche. Die nach der Ablagerung einsetzende Umkristallisierung führt zur Verkleinerung des Verhältnisses von Oberfläche zu Volumen (Bauer 1993). Der in tieferen Schichten der Schneedecke vorkommende grobkörnige Altschnee erreicht durch die kugelförmige Gestalt seiner Körner eine geringe Oberfläche. Die einzelnen Schneekörner rücken durch die Setzung der Schneedecke enger zusammen und 85 Integrative Risk and Security Research Volume 3/ 2015 berühren sich vielfach. An den Berührungspunkten sublimiert Wasserdampf und bildet neue Kornbrücken. Dabei wird der Porenraum zwischen den Körnen verringert, das Volumen nimmt ab und die Schneedecke setzt sich. Durch diesen Vorgang wird die Festigkeit des Schneegefüges erhöht und es kann zu Spannungen in der Schneedecke führen (Bauer 1993). Die Oberfläche der oberen im Radargramm (Abb. 5) erkennbaren Altschneeschicht erwies sich im Rutschblocktest als Gleitfläche. Im Schneeprofil ließ sich auf der Oberfläche der Altschneeschicht eine 1 cm mächtige Bildung von Oberflächenreif nachweisen. Aufgrund der geringen Mächtigkeit können Schichten von Oberflächenreif mit der gewählten Antennenfrequenz von 400 MHz nicht direkt im Radargramm abgebildet werden. Die Instabilität einer Schneedecke kann jedoch durch die Bildung von Oberflächenreif verstärkt werden. Geringmächtige Schichten aus eingeschneitem Oberflächenreif stellen aufgrund geringer Bindungskräfte oftmals Gleitflächen dar (Bauer 1993). In einer Tiefe von 160 cm lässt sich ein weiterer Reflektor erkennen, der laut Schneeprofil eine Kontaktfläche zwischen Altund Sulzschnee markiert. Diese ist weniger stark ausgeprägt und lässt daher auf einen ähnlichen Feuchtigkeitsgehalt und eine vergleichbare Dichte schließen. Sulzschnee entsteht in der Regel durch die Durchfeuchtung der Schneedecke, bei der sich die Kristallkörner mit einem Wasserfilm überziehen und enthält daher einen hohen Wasseranteil (Bauer 1993). Der im Vergleich zu den umgebenen Altschneeschichten relativ erhöhte Wassergehalt wird als Grund für den dielektrischen Kontrast und die entsprechende Reflektion im Radargramm gesehen. Dennoch ist der elektromagnetische Kontrast zwischen Neuschnee und Altschnee allgemein größer als der Kontrast von Altschnee zu Sulzschnee und lässt entsprechende eine stärkere Reflexion in den Georadardaten vermuten. Probleme und Grenzen der Georadar-Methode Ob sich das Georadar zur Ortung von Lawinenverschütteten eignet, hängt in erster Linie vom Faktor Zeit ab. Durchschnittlich sind bereits nach 30 Minuten Interventionszeit 50 Prozent der Lawinenverschütteten tot (Munter 1997). Ein Hauptziel in der Lawinenortung und Bergrettung besteht darin, die Suchzeiten zu verringern. In der praktischen Anwendung bedeutet dies, die Benutzerfreundlichkeit der Georadarmethode zu verbessern und gleichzeitig eine flächendeckende Anwendung zu ermöglichen. Neben den genannten Faktoren spielt zudem die logistische Zugänglichkeit der Unglückstelle eine Rolle. Ein Betreten des Lawinenkegels durch Suchmannschaften kann oftmals während akuter anhaltender Lawinengefahr in der Region nicht gewährleistet werden. Ein besonderes Potential besteht daher in der Automatisierung helikoptergestützter Lokalisierungsmethoden. Hinsichtlich der Anwendung von helikopterbasierten Georadarmessungen (Airborne GPR) besteht bislang noch ein Forschungsdefizit. Erste Studien (z. B. Heilig et al. 2008; Negi et al. 2008) bestätigen das Potential des Helikoptereinsatzes bei der Ortung von Lawinenverschütteten mittels Georadar, gewährleisten bislang jedoch keine Minimierung des Faktors Zeit durch Automatisierung der Messungen. Eine weitere Schwierigkeit in der Detektion besteht in der genauen Identifikation von Lawinenverschütteten im Radargramm. Zwar zeigen die o. g. Test zur Lawinenortung, dass sich typische Gegenstände einer Skiausrüstung im Radargramm, vor allem bedingt durch ihre metallischen Bestandteile abzeichnen, sofern diese vom Georadar im richtigen Winkel erfasst werden. Auszuschließen ist jedoch nicht, dass sich auch andere in der Lawine verschüttete, natürliche Objekte wie z. B. Reste von Vegetation, Bäume, Steine und Schneekonglomerate im Radargramm in Form von Diffraktionshyperbeln abzeichnen. Außerdem kann nicht gewährleistet werden, dass die o. g. Objekte der Skiausrüstung bei Stillstand der Lawine in unmittelbarer Nähe zum Verschütteten akkumuliert werden. So reagiert die Skibindung meist auf Erschütterung und wird sich in den meisten Fällen durch die Lawine lösen und bedingt durch die in handelsüblichen Ski integrierte Skibremse zum Stillstand kommen. Grenzen der Georadarmethode bestehen auch hinsichtlich schneestratigraphischer Fragestellungen. Schneeschichten deren Mächtigkeit unterhalb der vertikalen Auflösung der verwendeten Georadarantenne liegen, können im Radargramm nicht identifiziert werden. Für Fragestellungen aus dem Bereich der Schneestratigraphie eignen sich daher besonders Antennenfrequenzen aus einem Spektrum das größer als 400 MHz ist. Aufgrund der besseren Auflösung können auch geringmächtige Schichten vom Georadar erfasst werden, sofern sie einen entsprechenden dielektrischen Kontrast aufweisen. 86 Macht allein Schaden klug? Die Schneestratigraphie an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit stellt jedoch immer nur eine Momentaufnahme dar. Eine Verdichtung der Schneedecke durch das Gewicht der Georadargeräte während der Messung entlang des Schneeprofils kann bei diesem Ansatz nicht ausgeschlossen werden. Für die Gefahrenbeurteilung und Schneedeckeninformationen in lawinengefährdeten Gebieten ist jedoch eine kontinuierliche Messung bzw. ein Monitoring der Schneedecke über den gesamten Winter sinnvoll. Dieses Prinzip wurde erfolgreich von Heilig (2009) angewandt indem zu Beginn des Winters eine permanente GPRMessapparatur an der Basis der Schneedecke installiert wurde. Für die Gesamtbeurteilung der Schneedecke und des Gefahrenpotentials in einem Skigebiet würde sich daher besonders ein flächendeckendes Monitoring empfehlen. Zusammengefasst lässt sich festhalten, dass die Methode Georadar sowohl in der Ortung von Lawinenverschütteten als auch in der Schneestratigraphie theoretisch ein gewisses Potential bietet. Die Praktische Anwendung und Automatisierung der Methode mit dem Ziel einen deutlichen Vorteil hinsichtlich Zeit und Präzision zu erlangen befindet sich jedoch bis dato noch in einer bislang unzufriedenstellenden Anfangsphase der Entwicklung. Einordung in den Sammelband Mit dem Artikel soll ein Beitrag zum Thema des Sammelbandes „Macht allein Schaden klug“ geleistet werden. Hierbei steht die praktische Anwendung der Georadarmethode in Bezug auf Naturkatastrophen im Vordergrund. Anhand von Beispielen wird gezeigt, inwiefern sich die geophysikalische Prospektionsmethode zur Detektion von Lawinenverschütteten eignet. Die Frage, ob Schaden allein klug macht, ist aus der Sichtweise eines Überlebenden einer Lawinenkatastrophe wahrscheinlich positiv zu bewerten. Allerdings bedarf es weiterführender soziopsychologische Studien um eine Gewissheit darüber zu erlangen, ob und inwieweit ein solches Ereignis einen Lawinenverschütteten davon abhält sich der potentiellen Gefahr erneut auszusetzen. Bei der Regulierung von Schadensereignissen spielt die Methodik daher nur eine untergeordnete Rolle. Der Artikel gibt einen Einblick in das Potential der Georadarmethode bei der Ortung von Lawinenverschütteten. Das Hauptziel der erfolgreichen Lawinenrettung besteht jedoch darin, die Suchzeiten zu verringern. In der praktischen Anwendung der Georadarmethode bedeutet dies, die Benutzerfreundlichkeit zu verbessern und gleichzeitig eine flächendeckende Anwendung zu ermöglichen. Dies ist zum jetzigen Zeitpunkt allerdings noch nicht möglich. Danksagung Dem GEORADARFORUM sowie Herrn Dr. Jens Hornung (Technische Universität Darmstadt/ Institut für Angewandte Geowissenschaften) und Herrn Prof. Dr. Andreas Junge (Goethe-Universität Frankfurt/ Institut für Angewandte Geophysik) sei herzlich für die Bereitstellung des benötigten GPR-Equipments gedankt. Literaturverzeichnis Annan, AP 2009, ‘Electromagnetic Principles of Ground Penetrating Radar´, in Ground Penetrating Radar: Theory and Applications, ed Jol, HM,, Elsevier, Amsterdam, pp. 3-40. Annan, AP 2001, Ground Penetrating Radar – Workshop Notes. Sensors and Software Inc., Ontario, Kanada. 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Aus Schaden Klug – Rettungsdienst Mitnahme EKG-Defibrillations-Einheit in die Notaufnahme bei Patienten mit einer vermuteten Herzerkrankung Alex Lechleuthner & Andreas Lotter Email: alex.lechleuthner@th-koeln; [email protected] Patienten, die vom Rettungsdienst in die Notaufnahme einer Klinik gebracht werden, bleiben im Verantwortungsbereich des Rettungsdienstes bis eine rechtlich wirksame Übernahme durch das Krankenhauspersonal erfolgt ist. Stand der Technik ist es, Patienten mit einer Herzerkrankung während des Transportes mit einer EKGDefibrillations-Einheit zu überwachen. Diese sollte solange mitgeführt werden, bis die Übernahme abgeschlossen ist und die übernehmende Institution ihr eigenes Monitoring am Patienten angeschlossen hat. Sehr selten, aber immer wieder kommt es vor, dass die Kabel bei Ankunft am Krankenhaus abgemacht werden und der Patient („die wenigen Schritte“) in das Krankenhaus ohne Monitoring gebracht werden. Sollte der Patient dann in der Notaufnahme (oder auf dem Transport zu einer Station) dann kein Personal der Klinik vorhanden sein und/oder auch kein Defibrillator schnellstens erreichbar, kann plötzliches Kammerflimmern nur verzögert behandelt werden. Die Schadenswahrscheinlichkeit für den Patienten erhöht sich. Der eine oder andere langjährige Mitarbeiter im Rettungsdienst kennt solche oder ähnliche Situationen. D.h. sie kommen also vor. Es stellt sich die Frage, wie hoch das Risiko dafür ist und was getan werden muss, um das Risiko dafür zu senken? Risiko bezeichnet das Produkt aus Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensausmaß eines Ereignisses. Folglich führt ein Ereignis, das nicht eintritt (dessen Eintrittswahrscheinlichkeit also gleich null ist) auch zu keinem Risiko. Das Risiko der Eintrittswahrscheinlichkeit (= Gesamtrisiko) setzt sich darüber hinaus aus einzelnen Teilrisiken zusammen, die mathematisch miteinander in Verbindung stehen. Es gilt:      ∙  ∙  Dabei sind die einzelnen Teilrisiken: Gesamtrisiko für den Patienten.  Risiko, das dadurch entsteht, dass ein Patient mit kardialem Einsatzstichwort auf dem Weg vom RTW zur Notaufnahme durch ein auftretendes Kammerflimmern erleidet  Risiko, das dadurch entsteht, dass die Besatzung des RTWs das notwendige Material zur adäquaten Behandlung eines Kammerflimmerns (EKG mit Defibrillator) im Fahrzeug lässt  Risiko, das dadurch entsteht, dass das Personal auf der Notaufnahme nicht auf einen Patienten mit Kammerflimmern vorbereitet ist  Risiko, das dadurch entsteht, dass das für eine adäquate Behandlung von Kammerflimmern notwendige Material auf der Notaufnahme nicht zur Verfügung steht 89 Integrative Risk and Security Research Volume 3/ 2015 Es ist zu erkennen, dass das bei jedem Patienten vorhandene Grundrisiko  durch nicht vorhandenes Material oder Personal erhöht wird. Geht eines dieser Teilrisiken gegen null, bewegt sich auch die Erhöhung des Gesamtrisikos gegen null. Es genügt also, lediglich eines dieser Teilrisiken zu eliminieren, um auch die Erhöhung des Gesamtrisikos möglichst gering zu gestalten. Wird also das beseitigt, verringert sich auch die Risikoerhöhung für den Patienten entscheidend. Das Mitführen eines EKGs mit Defibrillator durch die RTW-Besatzung führt folglich zu einer Verringerung des Risikos für den Patienten. So kann man nachvollziehbar darstellen, wie sich Risiken für Patienten vermindern lassen, damit man nicht erst aus Schaden klug werden muss.