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Das Rathaus Rodenkirchen. Ein Nachruf

Grothkopp, Clara

Abstract

Das Rathaus Rodenkirchen im Kölner Süden wurde 1967 nach einem Entwurf des Kölner Architekten Walther Ruoff (1914-1991) erbaut. Er war 1962 als Gewinner aus einem Wettbewerb für ein neues repräsentatves Rathaus der damals eigenständigen Gemeinde hervorgegangen. Es steht bis zuletzt als bauliches Zeugnis von Wachstum und Selbstbewusstsein in der Architektursprache des Brutalismus. 2005 wurde nach langen Debatten der Abriss des Hauses beschlossen. Die Publikation beschäftigt sich mit der Architektur und Bauidee des Rathauses, wie auch mit der Rezeptionsgeschichte, die letztendlich zum bedauerlichen Abbruch führte.

Full text

Kölner Beiträge zur Baugeschichte und Denkmalpflege Band 7 Das Rathaus Rodenkirchen Ein Nachruf Clara Grothkopp KÖLNER BEITRÄGE ZUR BAUGESCHICHTE UND DENKMALPFLEGE * BAND 7 CLARA GROTHKOPP DAS RATHAUS RODENKIRCHEN EIN NACHRUF Kölner Beiträge zur Baugeschichte und Denkmalpflege Band 7 Clara Grothkopp Das Rathaus Rodenkirchen. Ein Nachruf Köln, Juli 2023 ISSN : 2700-953X URN : urn:nbn:de:hbz:832-cos4-11565 DOI : https://doi.org/10.57684/COS-1156 Die Reihe „Kölner Beiträge zur Baugeschichte und Denkmalpflege“ ist eine wissenschaftliche Schriftenreihe des Studienschwerpunkts Baugeschichte, Denkmalpflege und Planen im Bestand an der Fakultät für Architektur der TH Köln. Sie dokumentiert die wissenschaftliche Praxis in den Arbeitsfeldern der Denkmalpflege, Baugeschichte und Kunstwissenschaften. Die Inhalte entstammen Forschungsprojekten und wissenschaftlich ausgerichteten Projektarbeiten des Masterstudiums. Die Verantwortung der Beiträge liegt bei den Autorinnen und Autoren. Herausgeberinnen und Herausgeber: Prof. Dr. Norbert Schöndeling Prof. Dr. Daniel Lohmann Prof. Dr. Petra Sophia Zimmermann Technische Hochschule Köln Institut für Baugeschichte und Denkmalpflege Fakultät für Architektur Betzdorfer Straße 2 50679 Köln http://www.th-koeln.de http://akoeln.de Schriftleitung: Prof. Dr. Daniel Lohmann [email protected] +49 221 8275 2828 Autorin: Clara Charlotte Grothkopp [email protected] Dieser Band wurde als elektronisches Dokument über Cologne Open Science publiziert, den Hochschulserver der Technischen Hochschule Köln. Abruf unter: http://cos.bibl.th-koeln.de. Der Band basiert auf einer Studienarbeit der Autorin, betreut durch Prof. Dr. Daniel Lohmann. Trotz intensiver Recherche ist es nicht in allen Fällen gelungen, die Rechteinhaber der Abbildungen ausfindig zu machen. Etwaige Berechtigte melden sich bitte bei den Herausgebern der Reihe. GSEducationalVersion GSEducationalVersion Vorwort einführung Die Entstehungsgeschichte Kurzportrait Die weitere Entwicklung zu dieser arbeit Anlass der Untersuchung Quellenlage Methodik beschreibungen Baubeschreibung Vergleich Entwurf - Bau - Bestand rezeption und reaktion Tagespresse Fachpublikationen Denkmalbewertung Darstellung des Neubau-Vorhabens architekturhistorische einordnung Architektur in den 1960er Jahren Rat vom ‚Gemeinderat‘ Bauaufgabe Rathaus - Vergleich mit weiteren Rathäusern Brutalismus-Theorie ein nachruf Was ist das Rathaus Rodenkirchen? Was war das Rathaus Rodenkirchen? Wofür steht das Rathaus Rodenkirchen? fazit anhang Quellenverzeichnis Abbildungsverzeichnis 08 10 14 15 18 19 21 23 38 47 52 56 57 59 60 62 68 72 74 76 78 80 86 Platzhalter für Erklärungstext der Weitergabe... Abb. 1 (Titelbild): Blick in die Meldehalle im Jahr 1968 (Ausschnitt, Foto: Inge von der Ropp, 1967. HAStK, Best. 1466 (Ropp, Inge von der), Fo 156, Innenaufnahmen, [1967]) Abb. 2 (vorherige Seite): Schwarzplan im Maßstab 1:50000 des Stadtgebiets Köln mit farbiger Hervorhebung des Rathauses (Zeichnung: Clara Grothkopp) 08 Der Brutalismus hat es schwer. Die Bauten seiner Gattung sind akut bedroht von Missverständnis, Vernachlässigung und Abbruch, wenn er auch unter Architekt:innen und Architekturhistoriker:innen, sowie unter einer wachsenden Gruppe von begeisterten Laien eine breite Fangemeinde hat. Noch im Jahr 2017 rief eine internationale Initiative und Ausstellung im Frankfurter Architekturmuseum laut „SOS Brutalismus!“ und erzeugte mit wissenschaftlichen Hintergründen und einer globalen Datenbank guter und bedrohter Beispiele der Architekturströmung einen positiven Schub an Kenntnis und Wertschätzung. Dennoch schwappt weiterhin die Abbruchwelle über die Bauten dieser Gattung. Eine von vornherein als sperrig empfundene Architektursprache erfährt wenig öffentliche Wertschätzung, auch aufgrund von Unkenntnis und mangelnder Vermittlung. Wie es um den Brutalismus in Köln und Umgebung steht, insbesondere im Auftrag der öffentlichen Hand, war die Fragestellung eines mehrsemestrigen Studienprojektes an der TH Köln in den Jahren 2021 und 2022. Clara Grothkopps Studie über das Köln-Rodenkirchener Rathaus verfolgt dabei vorbildlich eine Strategie der Betrachtung, die sich möglichst objektiv der Architektur des Bauwerks nähert. Über eine systematische Gebäudebeschreibung und die sorgfältige Recherche von Quellen spürt sie Ideen und Positionen des Architekten Walther Ruoff und seiner Bauherren nach. Zudem entsteht über die Herausarbeitung späterer Veränderungen des Baus ein differenziertes Bild der eigentlichen Bauidee und von dessen Qualitäten. Die Intentionen der öffentlichen Hand bei der Entscheidung für die Architektur des Brutalismus als Ausdruck eines repräsentativen, demokratischen Selbstbewusstseins werden hierdurch deutlich. Erkennbar ist aber auch die spätere zunehmende Verwässerung der Gebäudequalität durch Veränderungen und mangelnde Pflege. Die umkippende öffentliche Meinung in Bürgerschaft und Politik ins Negative wird von der Autorin über eine Zusammenfassung der Rezeption des Gebäudes in der Tagespresse gleichermaßen analytisch dargelegt. Die Arbeit verdeutlicht hierdurch sehr anschaulich, wie es zu einer Abrissentscheidung kam, auch bedingt durch einen Wandel in den Repräsentationsbedürfnissen der öffentlichen Hand. Es ist dem besonderen Engagement der Autorin bei der Recherchearbeit zu verdanken, die Architektur des Rodenkirchener Rathauses nun in den Mittelpunkt zu stellen, ungeachtet der emotional aufgeladenen öffentlichen Debatte oder der bedauerlichen Abrissentscheidung. Die Geschichte zeigt aber auch, dass gelegentlich Bauten länger stehen als ihre Grabrede es hätte erwarten lassen. Langwierige politische Entscheidungsprozesse würden es vielleicht hier und da ermöglichen, manche der Bauten zu retten. Hoffnungsvoll stimmt ein Blick auf die aktuelle Entwicklung, in der gesellschaftliche Paradigmenwechsel bereits in vollem Gange sind. Derzeit bildet sich zunehmend Gegnerschaft gegen die vielen Abrisse in Köln und ganz Deutschland, zuletzt laut zu vernehmen an der Schein-Debatte über vermeintliche Abrisspläne der Kölner Zentralbibliothek. Vorwort des Herausgebers 09 Die Publikation von Clara Grothkopps Studie mag dazu beitragen, differenzierter über die Zeugnisse der Architektur des Brutalismus nachzudenken und drohenden weiteren Verunglimpfungen oder Abrissen von Zeugnissen dieser Architekturströmung eine alternative Betrachtungsweise gegenüberzustellen. Wir wünschen viel Freude und Erkenntnisse bei der Lektüre. Daniel Lohmann 10 einführung Die Entstehungsgeschichte Anfang der 1960er Jahre verteilten sich die Verwaltungs-Einrichtungen der damalig eigenständigen Gemeinde Rodenkirchen1 auf sieben verschiedene Gebäude. Lange hegte die Gemeinde den Wunsch, dies zentral in einem Gebäude zusammenzuführen. Im Herbst 1962 wurden 63 Architekten zu einem Wettbewerb eingeladen, 39 davon reichten Entwürfe ein.2 Ein Preisgericht aus Personen der Politik und Architektur grenzte die Wahl auf sieben Entwürfe ein und legte die ersten drei Preise fest. Die finale Entscheidung lag beim Gemeinderat Rodenkirchen. In einer öffentlichen Sitzung beschlossen sie den Sieger-Entwurf. Der mit dem ersten Preis ausgezeichnete Entwurf des Kölner Architekten Walther Ruoff sollte auch Grundlage des Baus werden, mit dessen Realisierung man zwei Jahre nach Wettbewerbsentscheid begann.3 Die Bauleitung lag bei Kurt Stein. Im Juli 1967 zog die Verwaltung in das fertiggestellte Gebäude. Die Gemeinde hatte nun eine zentrale Verwaltungs-Einrichtung: Das ‚Rathaus Rodenkirchen‘. Zu dieser Zeit wohnten in Rodenkirchen etwa 40.000 Menschen. Die attraktive Lage am Rhein und die Nähe zur boomenden Großstadt Köln ließen einen starken Bevölkerungswachstum erwarten. Auf Grund der Rayonsbestimmungen der unter Kaiser Wilhelm 1. entstandenen Gürtelfestung hatte Rodenkirchen als Teil des Landkreises Kölns lange seine Selbstständigkeit behauptet und sich auch nach der preußische Herrschaft Wünschen der Eingemeindung widersetzt.4 Einerseits als IndustrieAbb. 3 (links): Versammlung zur Grundsteinlegung des Rathauses am 30. September 1964 (Steckner 2012: S. 57) Abb. 4 (rechts): Fotografie des Eingangsschilds mit dem Hinweis auf den Umzug der Bauverwaltung der Gemeinde Rodenkirchen am 16. Juni 1967 (Steckner 2012: S. 66) 1 bis 1961 ‚Gemeinde Rondorf‘ 2 Vgl. Gaihser 1962a: S. 17 3 Vgl. Gaisher 1967: S.9 4 die Eingemeindung ist bereits in einem Entwurf von 1913 vorliegend, vgl. Steckner 2012: S. 7 17 Abb. 13: Mittlerweile befindet sich an der Front des Sitzungssaalkubus‘ oberhalb des Eingangs eine Plastik des Rheinbogens (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) 18 Im Rahmen des Moduls ‚Architekturwissenschaften‘ der Mastervertiefung Denkmalpflege/ Planen im Bestand an der Fakultät für Architektur der TH Köln beschäftigten sich Studierende mit öffentlichen Gebäuden in Nordrhein-Westfalen, die der Architekturströmung des sogenannten ‚Brutalismus‘ zugeordnet werden können. Aufbauend auf einem studentischen Wettbewerb der internationalen DenkmalpflegeOrganisation ICOMOS im Jahr 2021 zu ‚Brutalismus‘ allgemein, lag im Wintersemester 2021/22 der Fokus auf öffentlichen Gebäuden dieser Architekturströmung. Anlass war eine Anfang 2022 unter anderem von der Landesinitiative Baukultur NRW veranstaltete binationale virtuelle Konferenz namens ‚Brutal Different‘. Sie zielte auf eine Auseinandersetzung von in Israel und NRW entstandenen Gebäuden der öffentlichen Hand ab, da dort auffällig häufig Gebäude brutalistischer Gestaltungsweisen in den 1960er bis 1970er Jahren für öffentliche Zwecke errichtet wurden. Mit der Wahl des Rodenkirchener Rathauses entschied sich die Verfasserin bei ihren Untersuchungen für ein Gebäude, was offensichtlich den vorgegebenen Kriterien – ein öffentliches Gebäude im Stil des Brutalismus – entsprach. Die Entwicklungsgeschichte des Rathauses spielte bei der Wahl des Objekts jedoch eine mindestens ebenso große Rolle. Die öffentlichen Diskussionen waren der Verfasserin aus autobiografischen Gründen bekannt. Die nähere Auseinandersetzung mit dem Gebäude und dessen Biografie ergaben jedoch neue Erkenntnisse. Trotzdem blieben am Ende der Seminararbeit im Wintersemester zahlreiche Fragen offen. Ungeachtet der Abriss-Entscheidung beschäftigt das Thema die Bevölkerung in Rodenkirchen weiterhin. In informellen Gesprächen polarisieren die Meinungen. Die in der Seminararbeit gewonnenen Erkenntnisse, der fachliche Hintergrund der Verfasserin und ihr persönliches Interesse führten zu folgender Frage: Was genau ist/ war das Rathaus Rodenkirchen? zu dieser arbeit Anlass der Untersuchung 19 Der Architekt Walther Ruoff sammelte Publikationen über das Gebäude, wie im Nachlass bei seinem Sohn Jo Ruoff einsehbar. Es handelt sich um je einen Artikel in den Zeitschriften ‚Bauwelt‘ und ‚Gemeinderat‘ von 1968 und mehrere Berichte im ‚Kölner Stadt-Anzeiger‘. Mehrmals tritt das Rodenkirchener Rathaus dabei in Zusammenhang mit dem Rathaus von Bensberg des Architekten Gottfried Böhm auf, das im selben Jahre entstand und dem Architekturstil des ‚Brutalismus‘ zugeordnet wird.19 Auch Abzüge professioneller Fotografien des Rathauses der Kölner Fotografin Inge von der Ropp konnten im Nachlass des Architekten gefunden werden. Aussagen Ruoffs über seine Planungen und seine Haltung zur Architektur sind hingegen nicht bekannt.20 Ruoff erhielt als freischaffender Architekt mehrere Aufträge der Staatshochbauverwaltung des Landes Nordrhein-Westfalen in Köln.21 Als Teil der ‚Werkgruppe 7‘ arbeitete er an der heute noch für Köln gestaltprägenden Hochschule für Musik und Tanz mit. Durch den Bau mehrerer Schulen in den 1950er und 1960er Jahren und der Unterschutzstellung einiger seiner Werke ist Ruoffs Oeuvre heute noch in Köln vertreten. Das Rodenkirchener Rathaus wurde 1967 mit dem Kölner Architekturpreis ausgezeichnet, womit es im Zusammenhang mit großen Werken der Kölner Architekturgeschichte wie der Oper, dem Wiederaufbau des Gürzenich oder auch dem der Architekturströmung des Brutalismus zugeordneten Wohnhaus Oswald Matthias Ungers‘ in Müngersdorf steht.22 Außer der bronzenen Plakette und der Aufführung in der Liste aller ausgezeichneten Objekte des Jahres 1967 ist jedoch über die Begründung für den Preis nichts überliefert. Quellenlage 19 Vgl. Deutsche Bauzeitung 1967: S. 454 20 Walther Ruoff war im Anschluss an seine Karriere als Architekt als Schriftsteller tätig, mdl. Hinweis Jo Ruoff [21.12.2021] 21 hier gemeint: Kreispolizeibehörde, St.-Apostel-Gymnasium, Institut für internationales Recht, vgl. Ministerium für Landesund Stadtentwicklung des Landes NordrheinWestfalen: Anhang 22 Vgl. Architektur Forum Rheinland: Kölner Architekturpreis Abb. 14: Bezirksbürgermeister Mödlers (links) und Architekt Walther Ruoff (rechts) mit der Plakette des Kölner Architekturpreises im Februar 1969 (Steckner 2012: S. 68) 20 Mit der Eingemeindung Rodenkirchens im Jahre 1975 müssten alle Unterlagen über den Bau an die Stadt Köln gegangen sein. Der Bauantrag samt Plänen sowie Anträge zu kleineren Nutzungsänderungen im Laufe der Jahre sind dementsprechend dort einsehbar. Die Wettbewerbsausschreibung und Hintergründe zur -entscheidung konnten bisher nicht gefunden werden. Auch das Werk des Architekten Walther Ruoff ist bisher nicht Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzungen gewesen.23 Im Rahmen einer Masterthesis an der TU Berlin diente das Rathaus Rodenkirchen allerdings als eines von drei Beispiele für den heutigen Umgang mit brutalistischen Gebäuden. Die kontroversen Auseinandersetzungen vor Ort führen zu einer besonderen Sachkenntnis über die Entwicklung des Gebäudes bei Einzelpersonen oder Initiativen wie der ‚Rodenkirchener Bürgervereinigung e.V.‘. Vor allem die Lokalzeitung ‚Rodenkirchener Bilderbogen‘ mit einem lückenlosen Archiv aller Ausgaben der letzten 63 Jahre gibt einen Einblick in die historischen und zeitgenössischen Konflikte rund um das Rathaus. 23 Mdl. Hinweis Daniel Lohmann [30.11.2021] zu dieser arbeit Quellenlage 21 Methodik Als wichtigste Primärquelle bei der Auseinandersetzung mit einem Gebäude gilt zunächst das Gebäude selbst. Da das Rathaus aufgrund der bevorstehenden Abrissarbeiten nur noch im Dezember 2021 für eine Begehung zugänglich war, beschränkten sich die Untersuchungsmöglichkeiten auf einen einzigen Besuch. Die während der Begehung aufgenommenen Fotos ermöglichen einen Vergleich mit den im Nachlass befindlichen bauzeitlichen Fotografien. Zum Zeitpunkt der Begehung war noch nicht bekannt, dass ein umfangreicher Fund an bauzeitlichen Fotografien im Nachlass enthalten ist. Mit diesem Wissen wäre ein detaillierterer Abgleich zwischen bauzeitlichem und heutigem Zustand möglich gewesen. Mit Hilfe des Plansatzes aus dem Bauantrags konnte zudem durch eine Abstraktion dessen ein Verständnis für übergeordnete Entwurfsprinzipien entwickelt werden. Aber auch das bloße Nachzeichnen der Pläne trug zu einem Erkenntnisprozess bei: Es zwang zu der konkreten Auseinandersetzung mit allem, was auf diesen Plänen abgebildet ist. Die schriftlichen Quellen stellten in dieser Arbeit eine Herausforderung dar: Die Beiträge in der Tagespresse sind zum einen meinungsbehaftet, zum anderen stellen sie nur einen Ausschnitt der bauzeitlichen Rezeption dar. Eine Rekonstruktion der Entwicklungen wäre immer lückenhaft. Die Presseberichte dienen also als Einblick in die zeitgenössischen Konflikte – nicht als Überblick. Aufgrund der bisher dünnen fachlichen Auseinandersetzung sollen Vergleiche zu übergeordneten architekturhistorischen Entwicklungen eine Hilfestellung zum Verständnis des Rodenkirchener Rathauses geben. Abb. 15: Der Versuch der Verfasserin, anhand von Fotografien das Rathaus zu erfassen und zu verstehen (Foto: Olivia Oelsen, Dezember 2021) GSEducationalVersion 23 beschreibungen Baubeschreibung Das Rathaus befindet sich im Kölner Stadtteil Rodenkirchen. Der Ort kann sowohl geografisch als auch sozial als Mittelpunkt des gleichnamigen Stadtbezirks 2 gesehen werden, der überwiegend aus Wohngebieten besteht. Die nach Köln stadteinwärts gerichtete Hauptstraße, an der das Rathaus liegt und die nähere Umgebung nördlich des Rathauses bilden einen gewerblichen Schwerpunkt des Stadtteils. Etwa 200 Meter östlich des Rathauses verläuft das Rheinufer. Mit seiner Lage südlich des äußeren Grüngürtels ist Rodenkirchen vom Stadtgebiet Kölns separiert. Das Rathaus selbst ist etwa 50 Meter von der Straße abgerückt, sodass zwischen Straße und Rathaus ein Vorplatz entsteht. Gerahmt ist der Platz von an der Straße vierstöckigen und zum Rathaus hin bis zu einstöckigen Gebäuden der Nachkriegszeit. Im Erdgeschoss sind Arkadengänge ausgebildet, die im Süden an der Hauptstraße fortgeführt sind. Die gesamte Erdgeschosslage ist wird gewerblich genutzt. Der Platz selbst wird überwiegend als Parkfläche für Autos genutzt. Das Rathaus rahmt mit wenigen Metern Abstand zur übrigen Bebauung den Platz im Westen ein. Der Haupteingang befindet sich mittig zum Platz. Nördlich des Gebäudes führt ein Fußweg entlang, von dem aus über wenige Straßen das Rheinufer erreicht wird. Ein von hier aus erschlossener, rückseitig an das Rathaus angeordneter Platz dient ebenso als Abstellfläche für PKW, zudem wird von hier die Zufahrtsrampe einer Tiefgarage erschlossen, die nördlich des Rathauses verläuft. Der rückwärtige Parkplatz, sowie unmittelbar an das Rathaus angeschlossene Grünflächen im Süden des Gebäudes weisen einen großzügigen Baumbestand auf und grenzen damit den Solitärbau von den umgebenden Gebäuden verstärkt ab. Abb. 16: Luftaufnahme des Rathauses Rodenkirchen um 1967 (Foto: Privatsammlung) Abb. 17 (vorherige Seite): Schwarzplan im Maßstab 1:1000 des Stadtteils Rodenkirchen mit farbiger Hervorhebung des Rathauses (Zeichnung: Clara Grothkopp) 24 Die Kubatur des Rathauses kann grob als mehrere ineinander verschobene Quader bezeichnet werden. Alle Gebäudeteile haben Flachdächer. Der im nördlichen Bereich einund im südlichen Bereich zweistöckige Baukörper bildet eine Art ‚Fuß‘ aus, der einen sich darüber etwa mittig entwickelnden würfelförmigen Baukörper mit deutlich kleinerer Grundfläche trägt. Prägnant kragt über dem Haupteingang ein kleinerer, zum Platz hin vollständig geschlossener Quader aus. Ansonsten zeigt sich der Baukörper im Erdgeschoss mit der längsten Ausdehnung in Nord-SüdRichtung von fast 60 Metern flach und breit. Der Ausbau mehrerer Vorund Rücksprünge am Fuß lockert die Fassade hier auf. Die Gebäudekanten des Hochbaus bilden dagegen eine geometrisch einfache Kubatur. Mit fünf identischen Etagen entsteht ein klarer Baukörper, der im allseitig zurückgesetzten achten Stockwerk einen Abschluss findet. Das einzig nicht orthogonale Bauvolumen ist ein zylinderförmiger Aufbau von etwa drei Metern Höhe und fünf Metern Durchmesser, der sich leicht südlich versetzt auf dem Flachdach des Hochbaus befindet. Das Gebäude ist vollständig unterkellert. Auf der Rückseite im Osten des Gebäudes öffnet sich das Kellergeschoss zu einem tiefergelegten Innenhof. Aus dem nördlichen, einstöckigen Gebäudeteil des Fußes ist ein etwa zwölf auf sechs Meter fassender Bereich ausgeschnitten, der als Innenhof dient. Bis auf wenige Flächen ist die Fassade mit horizontalen Fensterbändern versehen. Der etwa 15 Zentimeter breite Abstand zwischen den Fenstern ist bündig und im gleichen Material wie die Fensterrahmen angelegt, wodurch der Eindruck eines beschreibungen Baubeschreibung 1) additive Bauweise Sitzungssaal Innenhof ‚Fuß‘ Bürgermeisterbüro Fraktionszimmer Überfahrt Fahrstuhl & Haustechnik tiefer gelegter Innenhof umlaufende Dachterrasse Abb. 18 (oben links): abstrahierte Axonometrie des Rathaus Rodenkirchen ‚von Vorne‘ (Grundlage: Bauantrag, Zeichnungen: Clara Grothkopp) Abb. 19 (oben rechts): abstrahierte Axonometrie des Rathaus Rodenkirchen ‚von Hinten‘ (Grundlage: Bauantrag, Zeichnungen: Clara Grothkopp) 25 2) horizontale Betonung Piktogramm zur Erläuterung der ‚Fensterbänder‘ Vereinfachte Darstellung der Fassadengestaltung Abb. 20 (links und rechts): abstrahierte Zeichnungen der Nordfassade des Rodenkirchener Rathaus (Grundlage: Bauantrag, Zeichnungen: Clara Grothkopp) Abb. 21: abstrahierte Axonometrie des Rathaus Rodenkirchen mit Blick auf die Westund Südfassade (Grundlage: Bauantrag, Zeichnungen: Clara Grothkopp) 26 Fensterbandes verstärkt wird. Die mit einer Brüstung von 90 Zentimetern angeordneten Fenster haben ein fast quadratisches Format und sind mit einem Öffnungsflügel in den oberen zwei Dritteln der Öffnung ausgestattet. Mit einer allseits identischen Höhe des Sturzes sind vereinzelt auch bodentiefe Fenster oder als schmale Bänder ausgebildete Öffnungen angeordnet. Vor allem der Kubus der oberen Stockwerke ist von einer vertikalen Wiederholung der Fensteranordnung geprägt, was den Eindruck eines zusammenhängenden Volumens verstärkt. Die Eingangstüren im Erdgeschoss erstrecken sich ebenso bis zur Geschossdecke und verlaufen über die gesamte Breite des auskragenden Quaders. Der Boden unterhalb dieser Auskragung ist durch die Verwendung von roten Tonziegeln vom restlichen Vorplatz abgesetzt. Die Fassade ist rundum mit einer schalungsrauhen Sichtbetonoberfläche ausgebildet. Erkennbare Fugen sowie die gleichmäßige Anordnung der Fenster verweisen auf die Anwendung einer elementierten Bauweise. Die Fenster und Türen bestehen aus schwarz eloxiertem Leichtmetall und enthielten ursprünglich alle einen außenliegenden Sonnenschutz aus orangefarbenen Stoffbahnen. Da die an der Fensterleibung verlaufende Stützkonstruktion nicht mehr funktionstüchtig scheint, sind einige der Fenster dauerhaft von diesen Jalousien verdeckt. Die Flachdächer sind kiesgedeckt. Die von außen als drei verschiedene Kuben wahrgenommenen Baukörper unterscheiden sich auch im Inneren in Funktion und Gestaltung: Der Fuß beinhaltete bis zum Auszug im Dezember 2021 im Erdgeschoss die verschiedenen Anlaufstellen für die beschreibungen Abb. 22 (oben links): Ausschnitt der Westfassade mit den orangefarbenen Jalousien (Foto: Inge von der Ropp, 1967. HAStK, Best. 1466 (Ropp, Inge von der), Fo 155, Außenansichten, [1967]) Abb. 23 (oben rechts): Der Kubus des Sitzungssaals von Norden mit dem darunter liegenden gepflasterten Eingangsbereich (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) Baubeschreibung 33 Abb. 36: Im 1. OG verläuft der Flur zu den Büros um eine abgerundete Betonbalustrade (Foto: Olivia Oelsen, Dezember 2021) Abb. 37 (links): das abgedeckte Oberlicht zur darunter liegenden Meldehalle und das Oberlicht zum Dach (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) Abb. 38 (rechts): Detailaufnahme der Ausführung der Abdeckung in Milchglas (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) 34 beschreibungen Abb. 39 (links): Ein Vorhang ermöglicht das vollständige Abdunkeln des ansonsten allseitig geschlossenen Sitzungssaals (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) Abb. 40 (rechts): Die Eichenholzvertäfelung im Sitzungssaal (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) Abb. 41 (links): Die Öffnungsflügel des großen Fensters im Sitzungssaal sind nur über eine Leiter erreichbar (Foto: Olivia Oelsen, Dezember 2021) Abb. 42 (rechts): Die metallenen Lampenschirme sind mittlerweile ausgebaut (Foto: Inge von der Ropp, 1967. HAStK, Best. 1466 (Ropp, Inge von der), Fo 156, Innenaufnahmen, [1967]) Baubeschreibung 35 Abb. 43 (links): neben dem umlaufenden Gang im Erschließungsbereich können viele Büroräume auch untereinander erschlossen werden (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) Abb. 44 (rechts): ein eingebautes Waschbecken in einem der Büroräume im 2. OG (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) Abb. 45: Eins der Fraktionszimmer mit bodentiefem Fenster (Foto: Olivia Oelsen, Dezember 2021) 36 Abb. 46 (links): Blick im Flur des 2. OGs Richtung Treppenhaus, rechts im Bild eine eingebaute hölzerne Sitzbank (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) Abb. 47 (rechts): das Treppenhaus mit rot lackiertem Metallgeländer (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) beschreibungen Abb. 48: Zwischen den Fraktionsräumen befindet sich eine Durchreiche (Foto: Olivia Oelsen, Dezember 2021) Baubeschreibung 37 Abb. 49: Das Treppenhaus zieht sich über alle neun Stockwerke (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) 38 Das hier abgebildete Foto des Entwurfsmodells zeigt auf, dass der heutige Bau nach dem Wettbewerbsgewinn Änderungen erfahren hat. Mindestens im Raumprogramm der unteren beiden Stockwerke scheint dem Entwurf eine andere Anordnung zugrunde gelegt worden zu sein. Nicht verändert hat sich die Gliederung in einen eingeschossigen Bereich im Norden und einen zweigeschossigen im Süden des Gebäudes. Ebenso scheint das additive und überschneidende Konzept mit der Auskragung des Sitzungssaals, des kleinere Kubus‘ des Bürgermeisterbüros und dem versetzt überschneidenden, darüber liegenden Büro-Kubus‘ bereits im Entwurf beabsichtigt gewesen zu sein. Auch der heutige Innenhof ist erkennbar. Dagegen unterscheidet sich das Entwurfsmodell im südlichen Gebäudeteil stark vom realisierten Bau: Ein Zwischenraum unterteilt die beiden Stockwerke in zwei Gebäudeteile. Dass dies einen Freiraum darstellen soll, lässt sich durch die angedeutete Bepflanzung innerhalb dieses Zwischenraums vermuten. Ob sich hier das Meldeamt befinden sollte, ist unklar. In der äußeren Erscheinung vermittelt das Modell dadurch einen anderen Eindruck: Die Unterteilung in zwei Gebäude lockert die Kubatur auf und erhöht dessen Komplexität. Die Verbindungsgänge zwischen den beiden Gebäuden erzeugt trotz offensichtlicher Zusammengehörigkeit einen stärkeren Bezug zum Außenraum. Der heutige Fuß weist eine stärkere horizontale Ausbreitung auf, was im Vergleich zum aufgezeigten Entwurfsmodell den Kontrast zwibeschreibungen Vergleich Entwurf - Bau - Bestand Abb. 50: Fotografie des Entwurfsmodells (Foto: vermutlich Walther Ruoff) 39 KÖLNER LAND Mittwoch, 12. Dezember 1962 Den ersten Preis im Architekten-Wettbewerb um das Rodenldrchener Rathaus im Wert von 10 000 Mark gewann Walter Ruolf, Köln Braunsfeld (links). Das siebengeschossige Verwaltungshochhaus erschien dem Preisgericht als besonders wirtschaillich und rationell aufgeteilt. Vorn im Modell die Häuser, die jetzt schon an der Hauptstraße in Rodenkirchen stehen. Den Entwurf, den die Fachleute mil dem zweiten Preis (8000 Mark) ausgezeichnet haben, zeigt das rechte Foto. Auch dieses Modell wurde anerkennend gewürdigt. Es stammt von dem Brühler Architekten Hilar Becker. Gemeinde gibt viel Geld für Preise aus Rathaus im Modell fertig Kölner Architekt mit dem ersten Preis aus�ezeichnet Von Helmut Gaihser R o denk i r c h e n (rg) - Nach zwölfstündiger Beratung hat das Rodenkirchener Preisgericht erste Entscheidungen über Form und Ge stalt des künftigen Rathausneubaues getroffen. Von 62 Architekten wurden vor Jahresfrist Unterlagen angefordert, 39 reichten ihre Ent würfe ein. Jetzt wurden die ersten fünf Preisträger ermittelt und zwei weitere Entwürfe angekauft. Erster Preisträger wurde Architekt BDA Walte Ruofl aus Köln-Br.unsield. Die jetzt ermittelten sieben Cntwür e stehen in engerer Wahl und werden nicht öffentlich von den .Mitglie dern des Hauptausschusses weiter geprüft. Danach entscheidet der Ge meinderat in öffentlicher Sitzung, nach welchem Entwurf das neue Rodenkirchener Rathaus an der Hauptstraße gebaut werden soll. Viel Mühe hat sich das Fachpreis gericht unter dem Vorsitz von Regie rungsbaumeister Schaller (Köln), Pro fessor Köngeter (Düseldorf), Architekt Hell (Köln), Regierungsbaudirektor Förster (Köln) und Baurat Wiesehöfer (Rodenkirchen) gemacht. Als Sach preisrichter fungierten Bürgermeister Kallscheuer, Gemeindedirektor Hölzer sowie die Gemeinderäte Stolz und Richrath. Die Preisverteilung: 1. Preis (10 000 Mark) Architekt BDA Walter Ruoff, Köln-Braunsfeld; 2. Preis (8000 Mark) Hilar Becker, Brühl: 3. Preis (550"0 Mark) Helmut Mettelsiefen, Ludwigs burg-Brühl; 4. Preis (4000 Mark) Dipl. Ing. Schrnidtlein, Köln-Dellbrück; 5. Preis (2000 Mark) Dipl.-Ing. Clemens Reuscher, Köln; 1. Ankauf (1500 Mark) M. F. Schneider, Köln; 2. Ankauf (1500 Mark) Dieter und Ingrid Franke (Rodenkirchen). Insgesamt wurp.en für Preise und Ankäufe 32 500 Mark aus gegeben. In sieben Geschossen Der Entwurf von Architekt Ruoff sieht ein siebengeschossiges Gebäude vor, das nicht mehr den Hochhaus bestimmungen unterliegt. Im Erd geschoß sind Ordnungsamt, Meldeamt, Sozialamt und Polizeistation vorge sehen. Die Kasse befindet sich eine halbe Treppe tiefer im Untergeschoß. Die Beleuchtung für die Kasse wird als gut angesehen, da der Hinterhof abge graben wird. Uber der Eingangshalle ist der Sitzungssaal vorgesehen. Er bietet Raum für 50 Ratsund Verwal tungsmitglieder, außerdem für 50 Zu hörer. Neben dem Sitzungssaal liegen die Räume für Bürgermeister, Ge meindedirektor und die Fraktions zimmer. Die Bürciflächen umfassen 2700 Quadratmeter und ermöglichen zu sammenhängende Abteilungen. Das Fachgericht urteilte über den 1. Preis: ,,Räumlich und plastisch sehr reizvoll, dabei klar und übersichtlich. Zuund Abfahrt des Rathauses sind , in den Gesamtverkehr übersichtlich eingebunden. Desgleichen die ausge wiesene Tiefgarage. Der Fußgänger platz vor dem Eingang steht in ausge wogenem Verhältnis zum Gebäude. 26 800 Kubikmeter umbauter Raum sind ausgewiesen. Der Bau ist wirtschaftlich, alle Einzelfunktionen sind gut zuein ander geordnet." Zweiter Preisträger wurde Hilar Becker als Brühl. Er entwarf ein zehnFortsetzung auf Seite 19 Ein Mann wurde vom Dienst suspendiert Noch wenig Einzelheiten über die Schloßaffäre B r ü h l (btz) -Die Hoffnung, daß die in der Unterschlagungsafiäre „Brühler Schloßverwaltung" ermittelnden Behörden am Dienstag weitere Nachrichten herausgeben würden, erfüllte sich nicht. Staatsanwalt Dr. Felsch war auch gestern nicht zu erreichen. Wie inzwischen aber von Oberregierungsrat Dr. Fritsche, dem Personal chef der Bezirksregierung In Köln, einem Mitarbeiter des Kölner Stadt Anzeiger bestätigt wurde, ist der Leiter der Gartenbauabteilung der Brüh ler Schloßverwaltung, dem auch die technische Verwaltung des Schlosses oblag, bis zum Abschluß der Untersuchung vom Dienst suspendiert worden. Bemühungen von Oberkreisdirektor Dr. Gierden, dem Chef der Polizei behör e Köln-Land, von der Ermittlungsbehörde eine of_fizielle StellunaB INTERVIEW Der Kölner Stadt-Anzeiger hat die drei ersten Preisträger im Wettbewerb Rathaus neubau Rodenklrchen gefragt, wie sie ihre Aufgabe gesehen haben. Obwohl es für die Planer nicht leicht war, ihre Meinung auf eine so kurze Formel zu bringen, lieferten sil' die folgenden Stichworte: Walther Ruoff (1) Es wird dngestrebt, der Gemeinde Roden kirchen ein Rathaus zu geben, das ihrer Größe und dem künftigen Wachs tum entspricht. Die zukünftige „Stadt krone" hat die Vor teile, daß ihr Stand ort in unmittelbarer Nachbarschaft des Rheinstromes liegt und am Ostrand eine große Baum gruppe vorhanden ist. Der Blick über den Rathausvorplatz von der Haupt straße her erfaßt diese gesamte Baum gruppe. Ebenerdig ist das Rathaus mit weitem Tor dem Bürger aufgetan. Zwei Publikumsgeschosse sind vor handen, und über kurze Treppen schnell zu erreichen. Hilar Becker (2) Das Rathaus muß ein „Haus geho benen Ranges" und ,_. nicht nur reiner ' Zweckbau sein. Die ser sichtbare Aus druck demokratischen Denkens einer Stadt verlangt einen Standort im Mittelpunkt des städtischen Lebens. Allerdings ließen sich auf dem zur Ver fügung gestellten Grundstück. die für ein Rathaus städtebaulich und gestalte risch wichtigen Grundsätze -beson ders im Hinblick. auf die starke Bin dung durch die vorhandene Bebauung -nur fragmentarisch verwirklichen. Der Versuch darf jedoch als gelungen betrachtet werden. Helmut Mettelsiefen (3) Eine Stadt baut nur einmal _in 100 Jahren ein Rathaus. Deshalb muß es ein ganz bestimmter, ,, unverwechselbarer Typ sein. Die Hauptstraße gilt als Rodenkirchener Zentrum, leidet aber unter Atemnot, da sie eng ist und durch die Straßenbahn nicht• gerade KL Nummer 288 -Seite 17 Mathias Leyendecker: bekannter als „Ohm Mattes" „Ohm Mattes" wird 80 Wesseling-Berzdorf (wg) -Ma thias Leyendecker, Berzdorfer Be zirksvorsteher, und im ganzen Landkreis als „Ohm Mattes·· be kannt, feiert am heutigen Mitt woch, 12. Dezember, seinen 80. Ge burtstag. Rüstig und stets guter Dinge blickt der Jubilar auf acht Lebensjahrzehnte zurück, die ein rastloses kommunalpolitisches Schaffen für den geliebten Heimat ort Berzdorf darstellen. Will_ man den Berzdorfer Be zirksvorsteher besuchen, muß man ·sich schon recht früh im Terminkalender vormerken lassen. Er liebt zu Hause oder im Amt keine offizieI!en Sprechstunden, sondern geht „unters Volk". Stän dig ist er unterwegs, um zu beob achten, zu begutachten und den Mitbürg�rn wertvolle Ratschläge zu erteilen. ,,Na, Mädche wo dröck dich dann de Schoh'",' fragt er und „seine·· Berzdorfer wissen daß diese Nachfrage aus ehrliche� Herzen kommt und von echter Nächstenliebe bestimmt ist. ,, O hm Mattes·· ist ein Verfech ter der Berzdorfer Belange wie ihn die bis vor kurzem selbstän dige Gemeinde in ihrer viel hundertjährigen Geschichte wohl kaum zuvor hatte. Unter seiner Leitu1;1g mit seinem Verhandlungs geschick wurde das abseits vom Verkehr dahinträumende Bauern dörfchen aufgeschlossen. Zu den Mathias Leyendecker hat an die- �;� :,�;:::_i_���ngsst�di�n maßg ordnende und leitende Hand des heutigen Bezirksvorstehers zu spüren. Eines allerdings hat er bis heute nicht verstehen können: die Eingemeindung nach Wesseling. Mathias Leyendecker wurde am 12. Dezemner 1882 in Berzdorf ge boren Von Beruf ist er Landwirt. 1924 wurde er Gemeindevorsteher von Berzdorf und Amtsvertreter in Brühl, 1927 erster Beigeordneter des Amtes Brühl-Land. Schon 1926 zählte Leyendecker zu den ersten Mitgliedern der Kommunalpoli tischen Vereinigung des Zen trums. Nach bitteren Jahren in der Nazizeit stellte sich der „Ohm"" so fort für den Wiederaufbau nach Kriegsende zur Verfügung. Von 1946 bis heute ist er Berz dorfer Bürgermeister und Bezirks vorsteher. Er ist Mitglied des Kreis tages, gehört seit Jahrzehnten dem Rheinischen Landwirtschaftsver band an, ist seit 1924 Mitglied des Berzdorfer Kirchenvorstandes, län ger als ein halbes Jahrhundert Mit glied und Vorsitzender der Spar und Darlehnskasse Meschenich, der Freieilligen Feuerwehr und des Männergesangvereins. Neun Jahre lang verwaltete er das Amt des Schiedsmannes, als Schöffe und Beisitzer war er 15 Jahre lang an verschiedenen Gerichten tätig. Im Jahre 1958 wurde ii .. _1 das Bundesverdienstkreuz verliehen und „für die unermüdliche und un eigennützige Arbeit in den Auf gaben der gemeindlichen Selbstschen dem Bauteil des Fußes und des Bürotraktes verstärkt. Die Unterschiede in der Erschließung des Geländes sind durch die zuvor aufgeführten Rahmenbedingungen nachvollziehbar. Im Norden ist eine markante Außentreppe im Modell zu erkennen. Ob sie als Fluchtweg oder Erschließung einer möglichen Dachterrasse angedacht war, lässt sich mit dem Modell allein nicht feststellen. Der Platz mit der angedeuteten Straße sowie der Rampe vor dem Gebäude erzeugen einen anderen Platzcharakter: Der Haupteingang liegt mittig zu dem dadurch entstandenen Platz. Die Stellung der Bäume suggeriert eine deutlichere Abgrenzung zur Hauptstraße. Mit weiteren Linien angedeutete ‚Abstandsflächen‘ unmittelbar vor dem Gebäude erzeugen durch eine Unterbrechung dessen im Eingangsbereich den Eindruck eines Sogs. In einem Artikel des Kölner Stadtanzeigers25 zum Wettbewerbsentscheid sind neben dem Modell des Siegerentwurfs auch Fotografien des zweiten und dritten Preisträgers abgebildet. Über einen Hinweis auf die Wettbewerbsausschreibungen aufgrund ähnlicher Gestaltungen lässt sich nur spekulieren. Der Vergleich zeigt jedoch: Auch hier wurde ein repetitiver Hochbau über einem Breitfuß als positiv bewertet. Der Entwurf Mettelsiefens beinhaltet zudem einen stark exponiert auskragenden Kubus – vermutlich für einen Sitzungssaal. Es existiert ein weiteres Foto eines Modells aus dem Bilderbogen von 1964, das sich schwer zuordnen lässt. Möglicherweise handelt es sich um einen weiteren Wettbewerbsbeitrag. Abb. 51: Fotografien weiterer Entwürfe des Rodenkirchener Rathauses: links der Gewinner des zweiten Preises des Brühler Architekten Hilar Becker, rechts der Gewinner des dritten Preises des Brühler Architekten Helmut Mettelsiefen (Gaisher 1962) Abb. 52: Fotografien eines Entwurfsmodells mit der Bildbeschreibung „Im Modell sieht das Verwaltungsgebäude recht passabel und lichtoffen aus“ (Rodenkirchener Bilderbogen 1964) 25 Gaisher 1962a 40 Unterschiede zwischen der ersten Ausführung im Inneren und dem heutigen Zustand ließen sich – zumindest in Teilen – durch die zeitgenössischen Fotografien und die Beschreibungen der Fachzeitschriften nachvollziehen. Die zuvor erwähnten Planungen einer Kantine im 7. OG sollten nicht realisiert werden, die Tiefgaragenzufahrt befand sich nun im Norden des Gebäudes, der Vorplatz wurde mit weiteren Parkplätzen ausgebaut. Ein weiterer baulicher Unterschied fiel mit der Besichtigung des Gebäudes im Dezember 2021 auf: die auf folgender Seite abgebildete Betonbalustrade im 1. OG verweist auf ein ehemaliges Oberlicht zur Meldehalle, die dort allerdings durch die Verkleidung der Decke nicht mehr sichtbar ist. Ein bauzeitliches Foto lässt die Wirkung dieser vertikalen Verbindung im südlichen Gebäudeteil erkennen. Die bauzeitlichen Fotografien sind wichtige Quellen für den Nachvollzug von erhaltenen und veränderten Bereichen. Die Auswahl der beauftragten Aufnahmen verdeutlicht die Wichtigkeit der dargestellten Räume. Die Fotos zeigen kleinere Veränderungen auf: So befand sich im heutigen Kassenraum das Trauzimmer mit schlichter Möblierung und einem auffälligen Deckenleuchter. Das Bürgermeisterbüro hat sich bis auf die Verdunklung kaum verändert, selbst der Schreibtisch befand sich im Dezember 2021 noch an der selben Stelle. Im Flur vor dem Sitzungssaal war ein Sitzbereich vorgesehen. Der Sitzungssaal ist mit einer grünen Bestuhlung und einer Vielzahl metallener Deckenleuchten ausgestattet. beschreibungen Vergleich Entwurf - Bau - Bestand Abb. 53 (unten): Blick in die Meldehalle im Dezember 2021 (Foto: Olivia Oelsen, Dezember 2021) Abb. 54 (folgende Seite): Blick in die Meldehalle im Jahr 1968 (Ausschnitt, Foto: Inge von der Ropp, 1967. HAStK, Best. 1466 (Ropp, Inge von der), Fo 156, Innenaufnahmen, [1967]) 41 42 beschreibungen Vergleich Entwurf - Bau - Bestand Abb. 56: Das Trauzimmer. Anmerkungen auf der Rückseite der Fotografie: „Blick aus dem Trauzimmer in den Innenhof; Links Blick durch die Erdgeschosshalle zum Haupteingang; gegenüber Sozialamt.“ (Foto: Inge von der Ropp, 1967. HAStK, Best. 1466 (Ropp, Inge von der), Fo 156, Innenaufnahmen, [1967]) Abb. 55: Das Trauzimmer. Anmerkungen auf der Rückseite der Fotografie: „Wände: Weiß; Boden: Perlon-Rips, grau; Leuchte: Glaskugeln unter Metallreflektor (Dinnebier; Düsseldorf); Stühle: Lilla Bezug (Arne Jacobsen)“ (Foto: Inge von der Ropp, 1967. HAStK, Best. 1466 (Ropp, Inge von der), Fo 156, Innenaufnahmen, [1967]) 49 Die Lage und Funktion Rodenkirchens als Besuchsund Ausspannungsziel wird als Stärke hervorgehoben, die als „pulsierender Kern“41 auf die umliegende Gemeinde ausstrahle. Bürgermeister Kallscheuer nennt die Entscheidung zu einem Rathaus-Neubau eine „Herzenssache“42, dessen Bauplatz sich im Mittelpunkt der Gemeinde befinden und diesen somit erhalten solle. In Diskussionen um die Rodenkirchener Hauptstraße, an der sich das Rathaus befindet, wird zum einen von einem „Gebiß voll von Lücken und Ecken“ gesprochen, „wie man sich einen greulichen Hexenmund nicht phantasievoller vorstellen kann“43. Überwiegend ist jedoch ein gespannter Optimismus über den Wandel des Ortsbildes herauszulesen. Ein Wegfall des dörflichen Charakters hin zu einem betriebsamen, urbanen Mittelpunkt sollte eine neue Identität des Ortes schaffen, eine Identität der Zuwachsentwicklung.44 Als Mittel werden zwei moderne Hochbauten an den Flanken des zukünftigen Rathausplatzes45 sowie der Rathausbau als moderner Anziehungspunkt und attraktiver Akzent46 genannt. Somit galt auch der entstehende Rathausplatz als offensichtliches Planungsziel mit der Hoffnung auf den Einsatz eines „geschäftigen Pulsschlag[s]“.47 Zum Rathaus selbst traten unterdessen Anmerkungen zum vorgesehenen Raumprogramm auf. So stand der Vorschlag eines „Ratskellers“ im Raum, der ein zwangloses Zusammenkommen48 von Verwaltung, Rat und Bürgerschaft ermöglichen würde. Als Vorbild wird das zeitgleich errichtete Rathaus in Bergisch Gladbach genannt. Hier würde der Ratskeller den Sitzungssaal um eine flexible Veranstaltungsfläche erweitern.49 Bemängelt wird, dass im Falle des Rodenkirchener Rathauses der ‚Ratskeller‘ nicht in die Ausschreibung eingeschlossen wurde. Als Lösung wird in einem Leserbrief zum einen eine weitere gemeinsame Planung mit dem Architekten Ruoff vorgeschlagen.50 Ganz einig scheint man bezüglich des Bedarfs laut den Zeitungsbeiträgen jedoch nicht gewesen zu sein: Ein Sitzungssaal als Mehrzweckraum, die sogenannte „Saalfrage“ wird auf der einen Seite als entscheidender Einfluss auf den Erfolg der kulturellen und gesellschaftlichen Stellung Rodenkirchens gesehen51, andererseits wird für größere Veranstaltungen auf den Bau der Aula am Rodenkirchener 41 Ebd. 42 Rodenkirchener Bilderbogen 1964 43 Rodenkirchener Bilderbogen 1963a 44 Vgl. Key 1962 45 Vgl. Ebd. 46 Vgl. Rodenkirchener Bilderbogen 1967b 47 Key 1962 48 Vgl. Garden 1966 49 Vgl. Key 1966 50 Vgl. Garden 1966 51 Vgl. Key 1964 Abb. 66: Bildbeschreibung: „Hier an der Stelle des niedergelegten SommersHof (Hospitalhof) war der mögliche und geeignetste Platz für ein neues repräsentatives Rathaus. Licht und offengelegen, hätte es mit einem schönen Vorhof, einen gefälligen Anziehungspunkt im Publikumsverkehr der Bürger zu den Verwaltungsstellen werden können.“ (W., B. 1964) 50 Gymnasium verwiesen.52 In weiteren Zeitungsbeiträgen dagegen scheint eine bloße Erweiterung der vorhandenen Rathausplanungen nicht auszureichen, sodass hierfür erneut der Vorschlag der Verlagerung des Bauplatzes Richtung Sürth als Lösung vorgeschlagen wird. Die Wünsche reichen bis zu der Prognose eines „Kleinstadtdreiecks“ durch ein „Kulturzentrum“ einschließlich Sportstadion mit Schwimmanlage.53 In einem Leserbrief führt dieser Vorwurf, das entworfene Raumprogramm decke nicht das zu erwartende Wachstum ab, zu der Frage nach dem Sinn des (zu kleinen) Neubaus als Ersatz für die bisher als nicht ausreichend groß empfundenen dezentralen Verwaltungseinrichtungen der Gemeinde.54 Diese Debatte beschränkte sich nicht auf wenige Zeitungsartikel. Dies geht aus weiteren Artikeln hervor, laut denen auch in den Parteien trotz bereits durchgeführtem Wettbewerb auf dem zentralen Bauplatz die Idee eines Kulturzentrums mit erweitertem Raumprogramm an anderer Stelle aufkam.55 Die Überlegungen scheinen so weit gegangen zu sein, dass die Verwaltung selbst das von Ruoff entworfene Rathaus als Provisorium bezeichnete, das nach 10 bis 15 Jahren Nutzung an Privatinteressent:innen verkauft oder vermietet werden sollte.56 Dies stieß wiederum auf Kritik, da der Rathausbau aufgrund der sparsamen Ausführung für eine andere Verwaltungseinrichtung nicht ausreichend ausgestattet sei und damit unverkäuflich oder nicht vermietbar wäre.57 Es wird deshalb aufgerufen, ein Rathaus ausreichender Größe und Ausstattung zu planen, um die rezeption und reaktion Tagespresse 52 Vgl. Garden 1966 53 Key 1962 54 Vgl. W., B. 1964 55 Vgl. Keuser (o.J.) 56 Vgl. W., B. 1964 57 Vgl. ebd. Abb. 67 (links): Die den Rathausvorplatz flankierenden Hochbauten (Key 1962) Abb. 68 (rechts): Das Rathaus im Rohbau (Foto: Weingarten, in: Garden 1966) 51 Gelder der Gemeinde nicht sinnlos zu verschwenden.58 Mit Verständnis für derartige Forderungen reagiert ein Autor namens W. Keuser im Artikel ‚Rathaus hin – Rathaus her‘59, da der Rathausbau von Steuergeldern finanziert werde und der Gemeinderat selbst wenig sachlich argumentieren würde. Entgegen den Vorwürfen hält er jedoch die Prämierung mehrerer Entwürfe für ein Zeugnis ihrer Anwendbarkeit. Die Ausschreibung hätte das Zentrum des Ortes als beste Lösung ermittelt, die Wachstumsprognose sei eben auch nur eine Prognose. In einem weiteren Artikel wird auch in Bezug auf die Qualität des zu erwartenden Rathauses appelliert, zunächst die Fertigstellung abzuwarten, bevor ein negatives Urteil gefällt wird. Dass ein Architektenwettbewerb durchgeführt wurde – was wohl erst im Laufe des Entscheidungsprozesses zu einem zentralen Rathaus-Bau beschlossen wurde60 – solle der bestmögliche Versuch sein, ein gutes Gebäude zu erschaffen.61 Die Berichterstattung besteht jedoch nicht ausschließlich aus kontroversen Kommentaren. In der Ankündigung, dass der Wettbewerb durchgeführt wurde, wird von vielen praktischen Ideen gesprochen. Der „Kern sei da“, sodass der Baustopp höchstens für Überarbeitungen des Wettbewerbsentwurfs von Vorteil wäre.62 Ironisch angemerkt wird im Rahmen der Wettbewerbsdurchführung der Vorschlag innerhalb eines der eingereichten Entwürfe, die Häftlingszellen unmittelbar angrenzend an die Räume der Gemeindekasse und noch dazu alles in den Keller zu legen.63 Nach der Fertigstellung von Ruoffs Entwurf wird über bauliche Mängel berichtet, die dem Bilderbogen über eine anonyme Zuschrift gemeldet wurden: Die Türbreiten seien zu gering und die elektrischen Versorgungsleitungen würden nicht in, sondern auf die Wände gelegt werden.64 Die Gestaltung des Gebäudes betreffend wird von Vorwürfen eines „Beamtensilos“ in der Bevölkerung berichtet65 und es wird als „zu profan“66 beschrieben. Mit dem Bericht über einen Beschluss des Gemeinderats, Veränderungen am Gewinnerentwurf vorzunehmen, fällt folgender Kommentar: „mit einem nüchternen Bürohaus ging ein ‚schöner Traum‘ in freundlich und gefälliger RathausForm zu Ende“67. Wie zur StandortFrage scheint jedoch auch dies nicht die endgültige Meinung gewesen zu sein. So urteilt im September 1964 die NRZ: „Jedenfalls wird der repräsentative ‚Ratsteil‘ des Hauses anderthalbgeschossig im ersten Stockwerk um einige Meter vorgezogen. Man darf ein sehr schönes Rathaus erwarten, bei dem es einem Rat nicht so schnell gelüsten wird, an anderer Stelle der großen Gemeinde noch einmal einen Bau zu errichten“.68 58 Vgl. ebd 59 Keuser (o.J.) 60 Vgl. W., B. 1964 61 Vgl. Garden 1966 62 Vgl. Rodenkirchener Bilderbogen 1963a 63 Vgl. ebd. 64 Vgl. Rodenkirchener Bilderbogen 1967a 65 Vgl. Garden 1966 66 Key 1966 67 Key 1964 68 Rodenkirchener Bilderbogen 1964 Abb. 69: „Gedicht op Kölsch“ von Else F. als Leserbrief im Rodenkirchener Bilderbogen (in: Key 1964) 52 rezeption und reaktion Fachpublikationen Neben der Tagespresse findet das Rathaus der bauzeitlichen Fachpresse Erwähnung, was das Interesse und somit fachliche Bedeutung des Baus bezeugt. Die kurzen Artikel in der Fachzeitschrift Bauwelt und dem vom Städteund Gemeindeverband Nordrhein-Westfalen herausgegebenen Gemeinderat ähneln sich stark im Inhalt. Sie bestehen größtenteils aus Beschreibungen des Gebäudes und seiner Rahmenbedingungen und bilden Fotos und Grundrisse ab. Wenige, aber prägnante Aussagen geben Hinweise auf die Entwurfsabsichten Ruoffs und stellen damit Besonderheiten des Gebäudes heraus. Als entwurfsprägender Aspekt kommt mehrmals die Ablesbarkeit der inneren Funktionen in der Kubatur als „plastisches Element“ 69 zur Sprache. „Es wurde versucht, den besonderen Zweck eines Rathauses in seiner äußeren Erscheinung gegenüber Verwaltungsgebäuden allgemein kenntlich zu machen“70: genannt wird dabei der „Breitfuß“ als Publikumsbereich, „der vorkragende Sitzungssaalkubus“, außerdem präsentiere der Hochbau „die horizontal und vertikal gereihten Arbeitszellen“.71 Des Weiteren taucht die Selbstbehauptung Rodenkirchens als eigenständiger Ort am Rande der Großstadt als mehrfach genannter Aspekt auf.72 Ein Zitat Ruoffs (im Kölner Stadtanzeiger abgedruckt, aber dennoch als Fachmeinung einzuordnen), formuliert das Ziel, ein Rathaus zu schaffen, das der „Größe und dem künftigen Wachstum [Rodenkirchens] entspricht“73. Es deutet den Wunsch der Gemeinde an, ein prägnantes Bauwerk zu erhalten. Dieser solle über Jahrzehnte bestanden haben, um die Selbstständigkeit Rodenkirchens zu symbolisieren, weshalb die Finanzierung über eigene Rücklagen der lokalen Verwaltung und Politik ein Anliegen gewesen sei.74 Der Versuch, diese Selbstbehauptung in dem Gebäude auszudrücken, führte ökonomisch bedingt zu wenigen, aber besonderen Gestaltungsmaßnahmen: Das Trauzimmer kommt im Gegenteil zu der Tagespresse zwar nicht zur Sprache, der Umgang im 7. OG mit Panorama-Ausblick auf Köln und den nahe liegenden Rhein wird jedoch als besondere Attraktion75 beschrieben und die Gestaltung des Sitzungssaals 69 Städteund Gemeindeverband Nordrhein-Westfalen 1978: S. 386-388 70 Ebd. 71 Bauwelt 1968: S. 119 72 Vgl. Bauwelt 1968: S. 119 73 Gaisher 1962a 74 Vgl. Städteund Gemeindeverband Nordrhein-Westfalen 1968: S. 186 75 Vgl. Bauwelt: S. 120 Abb. 70: Stellungnahme Walther Ruoffs zu seinem eingereichten Entwurf (Gaisher 1962a) 53 wird mit Fotos und genauen MaterialBeschreibungen hervorgehoben. Dass nicht primär die Gestaltung, sondern der im letzten Satz angesprochene Aspekt der Ökonomie einen Anteil der Publikationen der Fachkreise ausmacht, weist auf die Bedeutung dessen auf den architektonischen Ausdruck hin. Auch zum Grundriss werden ökonomische Motivationen genannt: Sowohl das Grundstück als auch die finanziellen Mittel sollen zu einer Komprimierung des Grundrisses und der vertikalen Wiederholung der Büro-Geschosse gezwungen haben.76 Die Effizienz der Erschließung bezieht sich sowohl auf den Verkehr außerhalb als auch innerhalb des Gebäudes.77 Es wird mehrmals betont, dass sich die Räume des Publikumsverkehrs auf die unteren Stockwerke beschränken78, was eine schnelle Erreichbarkeit gewährleistet. Die Aneinanderreihung der Büroräume in den oberen fünf Stockwerken spart Erschließungsfläche, die Anordnung der Nebenräume ohne Tageslichtbedarf im Kern des kubischen Gebäudeteils dagegen Fassadenfläche. Als retrospektive Facharbeit untersucht die Masterthesis von Melana Jäckels das Rathaus Rodenkirchen als eines dreier Fallbeispiele für den Umgang mit Rathäusern im Stil des ‚Brutalismus‘. Die oben aufgeführten bauzeitlichen Fachbeiträge dienten auch hier als Quelle. Durchgeführte Interviews mit lokal fachkundigen Gesprächspartnern wie dem damaligen Leiter des Bezirksamts Rodenkirchens Hubertus Tempski oder dem ehemaligen Stadtkonservator der Stadt Köln Ulrich Krings geben weiterführende Informationen zu der Entwicklung der Abriss-Entscheidung. So solle schon 20 Jahre nach Fertigstellung des Rathauses neben der Notwendigkeit einer Sanierung der Vorschlag eines Neubaus formuliert worden sein. Begründet mit baulichen, energetischen und stadtgestalterischen Defiziten vermutet Krings ebenso die Rolle des Rathauses als Sündenbock für die großflächige Zerstörung von Altbaubestand in dem ehemaligen Bauernund Fischerdorf Rodenkirchen nach dem zweiten Weltkrieg.79 Schon zu Bauzeiten soll 76 Vgl. Städteund Gemeindeverband Nordrhein-Westfalen 1968: S. 388 77 Vgl. Zitat Fachgericht und Ruoff in: Gaisher 1962a 78 Vgl. Städteund Gemeindeverband Nordrhein-Westfalen 1968: S. 386 „Räumlich und plastisch sehr reizvoll, dabei klar und übersichtlich. Zuund Abfahrt des Rathauses sind in den Gesamtverkehr übersichtlich eingebunden. Desgleichen die ausgewiesene Tiefgarage. Der Fußgängerplatz vor dem Eingang steht in ausgewogenem Verhältnis zum Gebäude. 26 800 Kubikmeter umbauter Raum sind ausgewiesen. Der Bau ist wirtschaftlich, alle Einzelfunktionen sind gut zueinander geordnet.“ Urteil des Fachgerichts zum Entwurf von Walther Ruoffs (Gaisher 1962a) 54 das Gebäude in der Bebauungsstruktur Rodenkirchens herausgestochen und den kleinstädtischen Charakter zerstört haben - jedenfalls in der Wahrnehmung mancher Einwohner:innen Rodenkirchens.80 Aufgrund dieser Uneinigkeiten seien 30 Jahre lang nur die nötigsten Sanierungsmaßnahmen getroffen worden, die „teilweise wenig Rücksicht auf die Charakteristiken des Baus und dessen Materialität“81 genommen hätten. Abbröckelnde Fassadenteile führten zur Sperrung des Innenhofs und vorsorglicher Abtragung des Betons an weiteren Teilen des Gebäudes.82 Die dadurch freigelegte Metallarmierung erzeugt nicht nur den optischen Eindruck von Baufälligkeit, sondern fördert auch weitere Korrosion. Vandalismus in öffentlich weniger einsehbaren Bereichen durch Verschmutzung und Zerstörung von Fenstern führte wiederum zu einer Ergänzung um Gitterverstärkungen mancher Fenster.83 Als 2013 ein Totalausfall der Heizungsanlage drohte, verursachte der zügige Einbau eines neuen Heizkessels weitere Ausfälle in den noch originalen Heizkörpern, die für den Druck nicht ausgelastet waren.84 Nach verschiedenen Wasserschäden durch Undichtigkeiten ergab eine Untersuchung, dass die Fallrohre vollständig verrostet waren, wodurch kontrolliertes Entwässern verhindert war.85 Den Austausch blinder Scheiben in Fenstern verhinderte ein Asbest-Fund in den Abdichtungen, Meldungen zu PCB und PCN in den Betonbauteilen verunsicherten Mitarbeitende. Es entstanden Gerüchte über Zusammenhänge mit Krankheitsfällen.86 Neben diesem Teufelskreis von unüberlegter Sanierung, scheint in anderen Fällen gar keine Pflege oder Überarbeitung stattgefunden zu haben: Es treten Verfärbungen des Sichtbetons auf, die Belüftungsanlage im Sitzungssaal soll defekt sein87 und beschädigte und ausgeblichene Jalousien tragen die Baufälligkeit dominant sichtbar nach außen. Aufgrund mangelhaften Brandschutzes wurden „rettungstaugliche Fenster“88 eingerichtet, die kurze Treppe im Foyer erhielt aufgrund der Barrierefreiheit einen Treppenlift. Die Summe an Problemen und der Sanierungsstau führen laut Jäckels zur Abrissentscheidung, auch, da das Rathaus mehrheitlich als „nicht mehr sanierungsfähig“89 gilt. Neben der Bausubstanz wird in der Arbeit von weiteren weiteren negativen Meinungen zum Gebäude berichtet: Der breite Fuß des Gebäudes erzeuge die Wirkung eines geschlossenen Raumes, weshalb der Weg vom Rathausplatz zum Rhein nicht wahrgenommen würde.90 Auch das Raumprogramm steht in der Kritik: Die Raumfolge sei nicht mehr zeitgemäß und die Büroräume wären in ihrer Größe unpassend und unflexibel.91 Gegenstimmen hielten diese Aussage jedoch für unfundiert, da sich die Funktion des Rathauses seit seiner Entstehung nicht wesentlich verändert habe und die Raum-Bedürfnisse gleich damit weiterhin erfüllt wären.92 rezeption und reaktion Fachpublikationen 79 Vgl. Krings, zit. nach Jäckels 2019: S. 78 80 Ebd. 81 Jäckels 2019: S. 78 82 Vgl. Ebd.: S. 80 83 Vgl. Ebd. 84 Vgl. Ebd.: S. 81 85 Vgl. Ebd.: S. 82 86 Vgl. Ebd. 87 Vgl. Ebd.: S. 81 88 Ebd.: S. 82 89 Ebd.: S. 78 90 Vgl. Ebd.: S. 80 91 Vgl. Ebd.: S. 82 92 Vgl. Ebd.: S. 82 55 Abb. 71 (links): Zustand des Warteraums im Dezember 2021 (Foto: Clara Grothkopp) Abb. 72 (rechts): Der Heizkörper in einem der Büroräume im Dezember 2021 (Foto: Clara Grothkopp) Abb. 73 (links): Eingang zum Keller des Rathauses im Dezember 2021 (Foto: Clara Grothkopp) Abb. 74 (rechts): Offengelegte Armierung an der Westfassade des Erdgeschosses im Dezember 2021 (Foto: Clara Grothkopp) 56 rezeption und reaktion Denkmalbewertung Eine Bewertung der angemerkten Kritik am Rathaus fand offiziell durch eine Prüfung des Denkmalwerts im Jahr 2005 statt. Der damalige Stadtkonservator Ulrich Krings wurde von der Bürgervereinigung Rodenkirchen e.V. angefragt, das Rathaus auf seine Denkmaleigenschaft hin zu beurteilen. Die Bürgervereinigung erhoffte sich als Resultat dessen eine Unterschutzstellung. Folgende Gründe wurden jedoch gegen diese Unterschutzstellung aufgeführt:93 1) Das Gebäude selbst besitze keine herausragenden Qualitäten, vergleichbare Gebäude in Köln seien ausreichend vorhanden und würden so die Architekturströmung und ihre Ausprägungen ausreichend vertreten. 2) Das Oeuvre Ruoffs sei durch die Unterschutzstellung mehrerer seiner Gebäude von „weitaus höherer Qualität“ gesichert. 3) Das Rathaus weise ein „nicht zu Ende geführtes Entwurfskonzept“ auf. 4) Durch die baulichen Mängel und deren Überarbeitung sei der ursprüngliche Zustand nicht mehr wiederherstellbar. 5) Eine Unterschutzstellung würde Widerstand in der Politik und der Bevölkerung auslösen. Das „Akzeptanzkontingent für die Unterschutzstellung moderner Architektur“ sei zu dem Zeitpunkt aufgebraucht gewesen. Krings spricht sich mittlerweile gegen diese Entscheidung aus.94 Somit unterstützt er die Gegenstimmen, die sagen, es hätte keine vernünftige Auseinandersetzung mit den Qualitäten des Gebäudes gegeben95, was die Bürgervereinigung Rodenkirchen e.V. mit der architektonischen und städtebaulichen Bedeutung des Rathauses unterstreicht.96 Sie heben die „ringsrum sehr elegant proportionierte Fassade“, sowie die „besondere Atmosphäre und Materialität des Foyers“97 hervor. Das Rathaus erzähle den Geist der Zeit der damaligen selbstständigen Gemeinde Rodenkirchens und weise typische Merkmale der 1960er-Jahre-Architektur auf.98 93 Vgl. Jäckels 2019: S. 79, die Auseinandersetzung liegt nicht vor 94 Vgl. Krings 2018, zit. nach Jäckels 2019: S. 79, 95 Vgl. Tempski 2018, zit. nach Jäckels 2019: S. 78 96 Maretzky 2018, zit. nach Jäckels 2019: S. 78 f. 97 Baunetz 2005 98 Vgl. ebd. 57 Darstellung des Neubau-Vorhabens Als Reaktion auf das Rodenkirchener Rathaus soll ein neues Rathaus entstehen. Bei dem Siegerentwurf des Wettbewerbs des Rodenkirchener Büros JSWD Architekten handelt es sich um einen fünfstöckigen, rechteckigen Bau mit verglaster Fassade. Zum Rathausplatz, der sich statt seiner Funktion als Parkplatz als „autofreie[r] Quartiersplatz gleich einem Teppich ausrollen“99 soll, bildet sich auf den Visualisierungen hinter der Fassade ein zweigeschossiges Foyer ab. Im ersten Obergeschoss ist der Sitzungssaal vorgesehen. Das Büro selbst spricht von einer „bürgernahe[n] und einladende[n] Stadtloggia“, „Empfang, Meldehalle und die vertikale Erschließung sind auf den ersten Blick lesbar und ermöglichen den Besuchern eine gute Orientierung“.100 Neben der barrierefreien Ausführung, einer betonten Energieeffizienz und einer durchgehenden Überdachung zwischen Rathaus, Tiefgaragenzugang und Bushaltestelle unterscheidet sich der Neubau vor allem in seiner Gestaltung: Er sei „zu hundert Prozent das Gegenteil von der jetzigen: transparent, offen und bürgerfreundlich“.101 Abb. 75: Visualisierung des Neubau-Vorhabens von JSWD-Architekten (Visualisierung: Mohan Karakoc, JSWD-Architekten: online) und als Vergleich das Rathaus Ruoffs als Fotomontage in die Visualisierung eingesetzt (Fotomontage: Clara Grothkopp) 99 Vgl. JSWD-Architekten, online 100 Ebd. 101 Petra Rinnenburger, im Kölner Wochenspiegel 2018, zit. nach Jäckels 2019: S. 84 58 65 Architekturwissenschaften WS 2021 - 2022 Rathaus Bensberg 12 Abb. 17 Treppenturm Innen Abb. 18 Foyer Obergeschoss Abb. 82: Das Foyer des Rodenkirchener Rathauses mit rauer Schalung an den massiven Stützen, gestockter Betonoberflächen der Wände und Tonziegeln als Bodenbelag, Anmerkungen auf der Rückseite der Fotografie: „Eingangshalle vom Haupteingang her“ (Foto: Inge von der Ropp, 1967. HAStK, Best. 1466 (Ropp, Inge von der), Fo 156, Innenaufnahmen, [1967]) Abb. 83: Das Foyer des ersten Obergeschosses im Rathaus Bensberg mit rauer Schalung an der Decke, gestockter Betonoberflächen der Wände und Stützen und Tonziegeln als Bodenbelag (Foto: Merlin Veit-Dott, 2022) 66 hen in der horizontalen Gliederung der Fassade durch abwechselnde Fensterund Betonbänder. Obwohl sie sich in der Höhe unterscheiden, scheinen sie durch eine allseits identische Sturzhöhe die Fassade plastisch einzuschneiden. Auch der Eingangsbereich weckt Assoziationen mit dem Rodenkirchener Rathaus: Die deckenhohe Verglasung sowie die Wahl roter Ziegel als Bodenbelag suggeriert einen schwellenlosen Übergang und trägt den öffentlichen Raum in das Gebäudeinnere.112 Hier schließt ein weiterer Vergleich an: Die Wahl des gestockten Betons mit glatter Schalung in Kombination mit Stahlbetonelementen rauer Schalung (in Bensberg die Decke, in Rodenkirchen Stützen) zeigt eine differenzierte Behandlung des ‚rohen‘ Materials. Dass Walther Ruoff in seiner Stellungnahme im Kölner Stadtanzeiger von der ‚Stadtkrone‘ spricht, mag im Zusammenhang mit dem Rathaus von Bensberg Zufall sein.113 Der 1919 von dem Architekten Bruno Taut erstmals verwendete Begriff der ‚Stadtkrone‘114 steht in der Architekturgeschichte für eine im 20. Jahrhundert aufgetretenen Suche nach neuen Definitionen (gebauter) überpolitischer Mittelpunkte der Gesellschaft.115 Der bewusste Gebrauch Ruoffs zeugt jedoch von dem Anspruch, ähnlich wie in Bensberg als Rathaus mit architektonischer Zeichenhaftigkeit über der Gemeinde zu ‚thronen‘ und sowohl als Anziehungspunkt als auch als Identität zu gelten. Ein gestalterischer Vergleich drängt sich mit der Westfassade des Bürgerhauses Sindlingen in Frankfurt am Main auf. Das 1960/61 in Sichtbeton architekturhistorische einordnung Bauaufgabe Rathaus - Vergleich mit weiteren Rathäusern Architekturwissenschaften WS 2021 - 2022 Rathaus Bensberg 13 Der Boden des Foyers im Erdgeschoss, welches sich in den linken Flügel ausbreitet, ist wie die gesamten Erschließungsräume des Rathauses in rotem Ziegel ausgeführt. Dieser „verleiht den Verbindungswegen den Charakter eines öffentlichen Raumes“ [Darius 1988: S.41]. Die Verlegerichtung der Steine passt sich den abgewinkelten Wänden des Grundrisses an und variiert auf größeren Flächen. Die Decken und Innenwände in den Erschließungsräumen sind wie die Außenflächen in Sichtbeton ausgeführt. Die rohe Architektursprache wird im Gebäudeinnern weitergeführt. Die Deckenflächen werden durch die abdrücke der verwendeten Holzschalung gegliedert und stoßen in den Flurbereichen gedanklich mit einem 90 Grad Winkel auf die Verlegerichtung des Bodenbelags. In Richtung des Ratsaales verwendete Böhm eine Holzverkleidung als zusätzliche, den Beton verdeckende, Abhangdecke. Ebenfalls „die Gestaltung der Büround Amtsräume wird durch die Materialien Sichtbeton, Holz und Ziegel bestimmt“ (siehe Abb. 22) [Darius 1988: ebd.]. Im Foyer und in den Erschließungsbereichen sind festmontierte Sitzmöbel in den Fassaden Versprüngen angebracht, welche in ihrer Form mit dem Grundriss interagieren (siehe Abb. 19). Die Brüstungsund Treppengeländer sind aus schwarz angestrichenen Metallgittern konstruiert. Die in den Kopfseiten der Bodenplatte, welche Ebenfalls ohne Verblechung oder ähnlichem ausgeführt wurde und vorgibt den Übergang zwischen Betonbodenplatte und Ziegelbelag ablesen zu lassen, befestigten Gitterstäbe sind in leicht geschwungener Form, einen rechten Winkel meidend, ausgeführt (siehe Abb. 21). So wird die Struktur des großen Komplexes bis in kleine Ausführungsdetails konsequent weitergeführt. Die Verglasungselemente sind ebenfalls keineswegs standardisiert ausgeführt. Im Deckenanschluss des Erdgeschosses scheint das Glas ohne jegliche Rahmung auf die rohe Betondecke zu stoßen. Auch die Fenstergläser im Treppenturm besitzen keine Rahmung und sind „durch Halteprofile im Innern direkt zwischen die schweren Betonstreifen geklemmt“ (siehe Abb. 17) [Knecht 2018: S.77]. Was besonders für die Außenwirkung des großen Turmes einen erheblichen Einfluss hat. Bei der Betrachtung des Gebäudeinnern wird deutlich, was der ehemalige Assistent Böhms in einem Artikel in der Bauwelt aus dem Jahr 2010 gemeint haben muss: „Alles war bis ins Detail überlegt, nirgends gab es zufällige Verschnitte oder ungeklärte Anschlüsse im Baugefüge. Mir war augenblicklich klar, dass hier ein ganz großer Wurf gelungen und dies auch etwas ganz und gar Neues war“ [Bauwelt 2010: S.14]. Abb. 19 Flur zwischen Foyer und Ratssaal Abb. 84: Der Eingangsbereich im Rathaus Bensberg (Foto: Merlin Veit-Dott, 2022) 112 Vgl. Darius 1988: S. 41 113 Vgl. Lange 2003: S. 58 und Müller-Frank 1968 114 Vgl. Taut 1919 115 Vgl. Pehnt 2006: S. 102-103 67 Architekturwissenschaften WS 2021 - 2022 Rathaus Bensberg 10 Abb. 13 Rechter Flügel des Rathauses Abb. 14 Rückseitiger Treppengang zum Wilhelm-Wagener-Platz Abb. 15 Engelbertsturm ausgeführte Veranstaltungsgebäude hat mit einem gestaffelten Grabendach von über 43 Metern von der Seite betrachtet einen deutlich expressiveren Ausdruck. Die hier abgebildete Fassade zeigt sich jedoch ausschließlich orthogonal und erinnert an die elementierte, fugenbetonte Gestaltung des Rodenkirchener Rathauses. Die reliefartige Komposition in Sindlingen steht unter Denkmalschutz. Abb. 85: Ausschnitt der Ostfassade des Rathauses Rodenkirchen (Foto: Inge von der Ropp, 1967. HAStK, Best. 1466 (Ropp, Inge von der), Fo 155, Außenansichten, [1967]) Abb. 86: Rechter Flügel des Rathaus Bensberg (Foto: Merlin Veit-Dott, 2022) 68 Der sogenannte ‚Brutalismus‘ spielte nicht nur für die Wahl des Rathauses als Untersuchungsobjekt eine Rolle, sondern kann auch anhand mehrerer Merkmale am Rathaus ‚erkannt‘ werden. Für ein besseres Verständnis seiner Ideen und Absichten soll im folgenden Absatz deshalb ein kurzer Definitionsversuchs der Architekturströmung des Brutalismus und ihrer Merkmale unternommen werden. Der Brutalismus weist eine deutlich höhere Definitionskomplexität auf als durch heutige Assoziationen von ‚Beton-Bauten‘ gemeinhin angenommen. Bereits in seinen Ursprüngen bestehen Uneinigkeiten. So ist bis heute ungeklärt, ob der Architekturtheoretiker Reyner Banham mit seinem Aufsatz zum ‚New Brutalism‘ von 1955, oder aber das Architekten-Ehepaar Alison und Peter Smithson mit ihrem Entwurf ‚Haus in Soho‘ 1953 die erste bewusste Definition schufen. Auch wenn sie sich in Fachaufsätzen jeweils auf die anderen Positionen bezogen und über Jahrzehnte darüber im Dialog standen, fand eine Einigung auf eine genaue Definition nicht statt.116 Die Komplexität des Themas wird neben dieser (vielleicht sogar bewusst geschaffenen)117 Verwirrung in der Architekturtheorie-Szene der Nachkriegszeit in der nachträglichen Betrachtung des ‚Brutalismus-Phänomens‘ verstärkt. In der Debatte, worum es sich beim Brutalismus handelt, gibt es zwei Ansätze. Zum einen bezieht der Begriff sich auf diejenige Theorie, die bewusst als „neues Kapitel der Architekturgeschichte“ geschaffen wurde und sich etwa bis zur Mitte der 1960er Jahre hält.118 Zum anderen kategorisiert er einen gebauten Architekturstil, der vielleicht sogar erst im Nachhinein mit dem Begriff des Brutalismus beschrieben wird. Dabei handelt es sich um ein internationales Phänomen, das auf regionale Gegebenheiten angepasst eine „Gefahr von Unschärfe und Beliebigkeit“119 entwickelt. Ein durch Social-Media befeuerter Trend der letzten Jahre, den Begriff auf alles anzuwenden, was mit dem Material Beton zu tun hat120, macht eine konkrete Eingrenzung des Begriffs endgültig unmöglich. Da es sich bei dem ‚gebauten Brutalismus‘ im Gegensatz zum ‚theoretischen‘ um eine nachträgliche Kategorisierung handelt, der theoretische Ansatz jedoch im Wesen seiner Sache mit der realen Umsetzung seine Eindeutigkeit verlieren kann, sind auch die ‚Kriterien des Brutalismus‘ nicht eindeutig abzugrenzen. Folgende Aufzählung ist also eine Sammlung möglicher, in diesem Zusammenhang aufgeführter Ansätze: Banham bringt dazu als Abgrenzung zu einem vermeintlich unabsichtlich brutalistisch gebauten Stil den Begriff der Ethik ins Spiel. Dies kann als Grundmotiv verstanden werden: Es geht beim Brutalismus um ehrliche Architektur, die Objektivität anstrebt und als Opposition zur ‚glatten‘, hinter Curtain-Wall-Fassaden versteckenden Architektursprache der Moderne verstanden werden kann. Baulich umgesetzt werden kann diese Ehrlichkeit zum einen im Sinne von Materialgerechtigkeit. Heißt: eine dem Material gerechte Auswahl der Konstruktion, die Verwendung des Material „as found“.121 Das muss architekturhistorische einordnung Brutalismus-Theorie 116 Vgl. van den Heuvel 2012: S. 31-32 117 Vgl. ebd.: S. 33 118 Vgl. Elser et. Al. 2017: S. 11 119 Elser 2017: S. 15-16 120 Vgl. ebd.: S. 15 121 Banham 1955, zit. nach Elser 2017: S. 18 69 nicht bedeuten, den unbearbeiteten Baumstamm als Stütze einzusetzen. Es geht darum, Grundeigenschaften des Materials zu hinterfragen und seinen Stärken entsprechend einzusetzen. Die Theorie des Brutalismus ist nicht auf ein bestimmtes Material, wie zum Beispiel häufig angenommen auf den Beton, bezogen. Das verwendete Material drückt sich nur unterschiedlich aus: Bei Mauerwerk kann dies zu kleineren Öffnungen oder Rundbögen als Lastabtragung führen, im Stahlbeton spricht dies für plastische Formbarkeit, große Spannweiten und Auskragungen. Diese Bauweise benötigt dann aber eben auch eine entsprechende Konstruktionshöhe. Zum anderen führt der Wunsch nach Ehrlichkeit zu dem verwandten Wunsch nach Ablesbarkeit: Dabei handelt es sich um das Zeigen der gewählten Konstruktion,122 aber auch um die Erkennbarkeit des Entwurfsgedankens, also die räumliche Fügung der inneren Funktionen. Konkrete Aufgaben der Architektur sollen durch räumliche Ausprägungen vermittelt und somit für alle Betrachtenden unmittelbar zugänglich sein. So hat etwa ein Wohnhaus eine kleinteiligere Unterteilung der verschiedenen Einheiten als ein Schwimmbad oder ein Theatersaal, was sich in der äußeren Kubatur ausdrücken kann. Des Weiteren von Banham in die Theorie eingebracht ist die „Erinnerbarkeit als ‚Image‘“,123 was einen expressiven, singulären Ausdruck der Entwürfe beschreibt. In dem Versuch, eine nachträgliche, der tatsächlichen Entwicklung der Architekturströmung angepasste Definition zu schaffen, wird dies um ein Kriterium der „Rhetorik“124 erweitert, was im Sinne von Inszenierung und Ausdruck aller architektonischer Maßnahmen bis hin zu Übertreibungen dessen zu verstehen ist. Auch die „Heroisierung der Bauarbeiter“125 und regionale Anpassung werden als nachträgliche Merkmale des Brutalismus aufgeführt.126 Dabei handelt es sich um Spuren, die mit handwerklichen Arbeiten erzeugt werden. Es entstehen Gebäude mit Aussage und Charakter. Der Entwurf reagiert auf die speziellen Anforderungen, den räumlichen und historischen Kontext127Dass Gebäude entstehen, die für diesen einen spezifischen Zweck und Ort gestaltet sind, macht sie immer zu Unikaten. Der Begriff des Brutalismus fällt auch im Zusammenhang mit dem Rodenkirchener Rathauses, meist in Bezug auf seine Materialität. Auch, wenn dies nicht in unmittelbarem Zusammenhang stehen muss, können hier mehrere Merkmale des Brutalismus erkannt werden. Schalungsrauhe Oberflächen der Fassade und im Foyer sowie der allgemeine Eindruck von Massivität lassen sich den Kriterien der Verwendung des Materials „as found“ und dessen Ablesbarkeit zuordnen. Die überlieferten Aussagen zum Rathaus bestätigen die gewollte Ablesbarkeit der inneren Funktionen. Dass dies eine prägnante, sich in unterschiedlichen Baukörper entwickelnde Kubatur erzeugt, kann dem Kriterium der Bildhaftigkeit zugeordnet werden. Mindestens im Sinne der ‚Rhetorik‘ ist die Kubatur also ein plastisches Element, dem eine gewisse Inszenierung nicht abgesprochen werden kann. 122 Vgl. Elser 2017: S. 18 123 Ebd. 124 Ebd. 125 Ebd.: S. 19 126 Vgl. Ebd. 127 Anmerkung Wolfgang Pehnt: „Sie boten Niegesehenes, aber ließen es selbstverständlich erscheinen. Sie begründeten unverwechselbare Orte, aber suchten auch den Kontakt zu vorhandenen Orten“, Pehnt 2006: S. 159 70 Entgegen dem ersten Eindruck des ‚Betonklotzes‘ muss allerdings die Konsequenz der Konstruktionsgerechtigkeit kritisch betrachtet werden: Das Material Beton ermöglicht skulpturale Formen, große Auskragungen und Spannweiten. Die am Rathaus angewandte Konstruktionsweise des Stahlbeton-Skelettbaus ist zwar durchaus eine materialgerechte Bauweise. Es ist aber nicht alles, was Beton leisten kann, steht also nicht nur für den Stahlbetonbau, sondern auch für andere Skelettbauweisen. Die Fassade mit den durchgehenden Fensterbändern suggeriert dagegen eine Statik, die hier gar nicht genutzt wird. Die Stützen sind in die Fassade eingearbeitet und lehnen sich noch ein wenig an das Curtain-Wall-Prinzip an. Von Ablesbarkeit der Konstruktion kann hier also nicht gesprochen werden. Und auch wenn die Ablesbarkeit der inneren Funktionen als entwurfsprägend dargestellt wird, so kann die damit erzeugte ‚Skulpturalität‘ bei weitem nicht mit vergleichbaren Objekten brutalistischen Bauens in Betonbauweise mithalten. Als Vergleich hierzu das Rathaus in Bensberg. Das Material ‚brut‘ nur in den Stockwerken mit Publikumsverkehr zu verwenden und in den oberen Stockwerken Tapeten, Teppiche und Linoleum-Böden zu verwenden, kann weiter als Kompromiss interpretiert werden. Das Foyer hingegen (siehe Abbildung 25, S. 24) offenbart die Kraftverläufe in dem Gebäude und zelebriert damit den Stahlbetonbau. architekturhistorische einordnung 71 72 73 ein nachruf Die vorhandenen schriftlichen Quellen zeigen eine kontroverse Debatte und einen nachlässigen Umgang mit der Architektur des Rodenkirchener Rathauses. Wie sich die Meinungen um das Gebäude innerhalb von etwa 60 Jahren entwickelt haben, lässt sich mit den vorhandenen Quellen nicht lückenlos nachverfolgen. Die detaillierte Betrachtung zeigt jedoch, wie vielschichtig die Geschichte des Gebäudes und wie gering dagegen die Auseinandersetzung mit dessen Bauidee war. Fest steht: Das Rathaus von heute ist ein mehrheitlich ungeliebtes Gebäude in einem sehr schlechten Zustand. Nun, da das Schicksal des Gebäudes den negativen Meinungen und dem mangelhaften baulichen Zustand unterliegt, können die neuen und detaillierteren Erkenntnisse zu dem Bau lediglich als Nachruf dienen. Zusammenfassend soll also der Versuch unternommen werden, aus den aufgeführten Quellen konkrete Eigenschaften des Gebäudes zu benennen und in die Entwicklungsgeschichte des Rathauses und Rodenkirchens sowie in einen architekturhistorischen Kontext einzuordnen. Mit der Abriss-Entscheidung wird das Rathaus in eine übergeordnete Entwicklung zu dem Umgang mit Architektur der 1960er Jahre eingereiht. Ein Eindruck dessen schließt die Arbeit ab und zeigt: Das Ende des Rodenkirchener Rathauses ist zwar beschlossen, die Relevanz seiner Geschichte ist jedoch aktueller denn je. Was ist das Rathaus Rodenkirchen? Abb. 87 (vorherige Seite) Die Westfassade mit dem auskragenden Sitzungskubus‘ des Rodenkirchener Rathauses (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) Abb. 88: Die Südund Ostfassade des Rodenkirchener Rathauses (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) 74 ein nachruf Was war das Rathaus Rodenkirchen? Die Betrachtung des Bestandes mit Hilfe der Methode einer Baubeschreibung ermöglicht eine schrittweise Annäherung an das Gebäude, wie auch ein Erkennen des Gesamtkonzepts und die dazugehörigen Ausprägungen in den einzelnen Räumen oder der Materialität. Ruoff plante einen additiv gefügten Komplex. Die Abstufung im Breitfuß, der eingeschnittene Innenhof, die einzelnen Kuben der Sonderräume, der auskragende Sitzungssaal sowie schließlich der darauf aufgestellte Büro-Kubus dominieren als übergeordnetes Konzept den Ausdruck des Gebäudes. Der Vergleich zu dem Entwurfsmodell verdeutlicht diese Absicht durch eine ursprünglich noch komplexer angedachte Unterteilung der einzelnen Baukörper. Dass dies nicht nur als gestalterische Idee zu verstehen ist, verdeutlichen die Ausführungen in den schriftlichen Quellen. Sowohl in den Fachpublikationen als auch der Tagespresse wird die Ablesbarkeit der inneren Funktionen mehrfach genannt. Dass dies den Bürger:innen der Gemeinde gegenüber als Transparenz und einladende Geste gemeint ist, offenbart sich zudem in dem Umgang mit der Erschließung des Gebäudes: Der vom Außenin den Innenraum übergehende Fußbodenbelag, die mit weiteren Maßnahmen angedeutete Ausführung dieser Eingangssituation im Entwurfsmodell und die Wahl des warmtonigen Ziegels in den öffentlichen Bereichen des Gebäudes öffnen das Rathaus zum Vorplatz. Ob der Versuch, die Bürger:innen über die Architektur anzuziehen und zur Mitgestaltung anzuregen,128 geglückt ist, wäre aufgrund der aktuellen Rezeption in der Bürgerschaft Rodenkirchens zu bezweifeln. Die Ablesbarkeit der inneren Funktionen in der Kubatur kann zudem in Bezug auf die Theorie des Brutalismus als Bildhaftigkeit interpretiert werden: Der Wille, eben keine nichtssagende Schachtel als Ausdruck der bürgerlichen Selbstverwaltung auszuwählen, lässt sich ebenso durch das komplexere Entwurfsmodell Ruoffs belegen. In Verbindung mit den weiteren aufgeführten Modellen zum Architektenwettbewerb zeigt: Rodenkirchen wollte einen städtebaulichen Akzent setzen und damit einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Das Rathaus ist ganz sicher Teil der angestrebten „Skyline am Rhein“.129 Wie der Sitzungssaal als Mittelpunkt der bürgerlichen Selbstverwaltung prägnant aus dem Gebäude hervorkragt, entwächst dem Fuß als Hochbau die effiziente Reihung der funktionierenden Verwaltung. Die Erwähnung dieser funktionalen Strukturierung in den Fachpublikationen belegt dies als entwurfsprägenden Aspekt. Im Rathaus zeigt sich dies in dem innenliegenden Kern der Nutzräume und der Aneinanderreihung der Büroräume. Die heute als ‚dunkle Gänge‘ bezeichnete Erschließung wird in den Ausführungen im Gemeinderat und den Fachbeiträgen nicht negativ gewertet. Im Gegenteil: Eine funktionierende, effiziente Verwaltung betonte die Selbstbehauptung Rodenkirchens gegenüber der naheliegenden Großstadt Köln. Der Vergleich zu weiteren Rathäusern zeigt, dass sich das Rathaus Rodenkirchen in die allgemeine Entwicklung der 1960er Jahre einreiht. Das Rathaus dient mit den publikumsin128 Vgl. Städteund Gemeindeverband Nordrhein-Westfalen 1968 129 Steckner 2012: S. 6 81 Bauen Umwelt der TU Berlin, Gabi Dolff-Bonekämper; Martin Bredenbeck (Prüfer), 2019. Knecht, Stefan (2018): Gottfried Böhm in Bergisch Gladbach. Michael Werling (Hrsg.), Bergisch Gladbach: BVG Rhein-Berg, S. 50-91. Krämer, Steffen (2007): „‚Urbanität durch Dichte‘ - Die Maxime im deutschen Städteund Siedlungsbau der 1960er Jahre“, in: Architektur der 60er Jahre. Wiederentdeckung einer Epoche, Adrian von Buttlar, Christoph Heuter (Hrsg.), Berlin: Jovis-Verlag, S. 106–115. Krings, Ulrich (2018): Die Architektur 1960 plus. Stufen der Wahrnehmung, angelehnt an Krings, Ulrich (2006): „Köln. Architektur von 1960 bis 1985. Anmerkungen zu ihrem Denkmalwert“, in: Mainzer, Udo (Hrsg.): Die Kunst der Denkmalpflege. 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Key, Willy (1962): „Die neue Vereinsgemeinschaft mit interessanten Aufgaben - Ein Kultur-Etat der dringliche Erhöhung bedarf - Unterstützung für bewiesene Aufbauarbeit“, in: Rodenkirchener Bilderbogen, 1962, Nr. 38. Gaihser, Helmut (1962a): „Rathaus im Modell fertig. Kölner Architekt mit dem ersten Preis ausgezeichnet“, in: Kölner Stadt-Anzeiger, 12.12.1962, S. 17-19 Gaisher, Helmut. (1962b): „Kölner Architekten bauen zwei Rathäuser. Wettbewerbe in Rodenkirchen und Bensberg“, in: Kölner Stadt-Anzeiger, 21.12.1962, S. 18 o.N. (1963a): „Problem Hauptstraße“, in: Rodenkirchener Bilderbogen, 01/1963, Nr. 46a. o.N. (1963a): „Der Traum vom feierlichen Baubeginn“, in: Rodenkirchener Bilderbogen, 08/ 1963, Nr. 53. o.N. (1964): „Rathaus bald. Rathaus später. Rathaus anders“, in: Rodenkirchener Bilderbogen, 05/ 1964, Nr. 62. W., B. (1964): Leserbrief. Geheimes Rathaus-Raten, in: Rodenkirchener Bilderbogen, 06/ 1964, Nr. 63. 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Juni 1967 (Steckner 2012: S. 66) Abb. 5: Baumaßnahmen an der Hauptstraße im August 1970 (Steckner 2012: S. 68) Abb. 6: Das Rheinufer in Rodenkirchen im Mai 1962 (Steckner 2012: S. 19) Abb. 7: Das Rodenkirchener Rheinufer mit Blick Richtung Kölner Stadtmitte um 1967, links im Bild: das Rodenkirchener Rathaus (Foto: von der Ropp) Abb. 8: Wechsel der Schrift des Standesamtes zur Kennzeichnung der Eingemeindung Rodenkirchens in die Stadt Köln im Januar 1975 (Steckner 2012: S. 94) Abb. 9: Das bauzeitliche Foto zeigt die Westfassade des Rathauses mit den prägnanten, orangefarbenen Jalousien und dem hervorkragenden Kubus des Sitzungssaals im 1. OG (Foto: Inge von der Ropp. HAStK, Best. 1466 (Ropp, Inge von der), Fo 155, Außenansichten, [1967]) Abb. 10: Die Westfassade des Rathauses mit der Beschriftung ‚Bezirksrathaus Rodenkirchen‘ und der Karikatur der Künstlerin Gerda Laufenberg aus 2011 über die ‚endlosen‘ Debatten um einen Neubau (Foto: Clara Grothkopp, Juli 2022) Abb. 11: Mitteilung über den Umzug des Bezirksamts in einen Interimsbau im Rodenkirchener Industriegebiet (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) Abb. 12: Überreste der technischen Ausstattung des Bezirksamts auf der Ostseite des Rathauses (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) Abb. 13: Mittlerweile befindet sich an der Front des Sitzungssaalkubus‘ oberhalb des Eingangs eine Plastik des Rheinbogens (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) Abb. 14: Bezirksbürgermeister Mödlers und Architekt Walther Ruoff mit der Plakette des Kölner Architekturpreises im Februar 1969 (Steckner 2012: S. 68) Abb. 15: Der Versuch der Verfasserin, anhand von Fotografien das Rathaus zu erfassen und zu verstehen (Foto: Olivia Oelsen, Dezember 2021) Abbildungsverzeichnis S. 6 S. 10 S. 11 S. 12 S. 13 S. 14 S. 15 S. 16 S. 17 S. 19 S. 21 87 Abb. 16: Luftaufnahme auf das Rathaus Rodenkirchen um 1967 (Foto: Hamburger Aero Lloyd GmbH) Abb. 17: Schwarzplan im Maßstab 1:1000 des Stadtteils Rodenkirchen mit farbiger Hervorhebung des Rathauses (Zeichnung: Clara Grothkopp) Abb. 18: abstrahierte Axonometrie des Rathaus Rodenkirchen ‚von Vorne‘ (Grundlage: Bauantrag, Zeichnungen: Clara Grothkopp) Abb. 19: abstrahierte Axonometrie des Rathaus Rodenkirchen ‚von Hinten‘ (Grundlage: Bauantrag, Zeichnungen: Clara Grothkopp) Abb. 20: abstrahierte Zeichnungen der Nordfassade des Rodenkirchener Rathaus (Grundlage: Bauantrag, Zeichnungen: Clara Grothkopp) Abb. 21: abstrahierte Axonometrie des Rathaus Rodenkirchen mit Blick auf die Westund Südfassade (Grundlage: Bauantrag, Zeichnungen: Clara Grothkopp) Abb. 22: Ausschnitt der Westfassade mit den orangefarbenen Jalousien (Foto: Inge von der Ropp, 1967. HAStK, Best. 1466 (Ropp, Inge von der), Fo 155, Außenansichten, [1967]) Abb. 23: Der Kubus des Sitzungssaals von Norden mit dem darunter liegenden gepflasterten Eingangsbereich (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) Abb. 24: Das Erdgeschoss mit den Räumlichkeiten der öffentlichen Nutzung (Zeichnung: Clara Grothkopp) Abb. 25: „Einganshalle mit Blick in den Innenhof“ (Anmerkungen auf der Rückseite, Foto: von der Ropp, 1967. HAStK, Best. 1466 (Ropp, Inge von der), Fo 156, Innenaufnahmen, [1967]) Abb. 26: Das erste Obergeschoss mit den Räumlichkeiten der Kommunalpolitik (Zeichnung: Clara Grothkopp) Abb. 27: Das Rathaus im Rohbau am 4. Mai 1966 (Steckner 2012: S. 59) Abb. 28: Maserung rauer Schalung an einer der massiven Stützen im Foyer. Im Hintergrund der abgetrennte Eingangsbereich (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) Abb. 29: Wände in gestockter Betonoberfläche mit farbiger Gesteinskörnung und bräunlichem Zement im Foyer, rechts angeschnitten: Ein Telefonier-Raum mit Holzvertäfelung (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) Abb. 30: Blick in einen Gang im Erdgeschoss, rechts Türen zu Büro-, links zu Nebenräumen (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) Abb. 31: Detailaufnahme einer Tür vor Wand mit gestockter Betonoberfläche (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) S. 23 S. 22 S. 24 S. 25 S. 26 S. 27 S. 29 S. 29 S. 30 S.31 88 anhang Abb. 32: Die ‚Teeküche‘ angrenzend an das ehemalige Meldeamt (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) Abb. 33: Raufasertapete im Verbindungsbereich zwischen Fraktionsräumen und Sitzungssaal im 1. OG (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) Abb. 34: Blick in den Innenhof vom 1. OG. In der Fassade zeichnet sich ebenfalls der Höhenversatz zwischen Eingangsbereich und Innenhof ab (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) Abb. 35: Das Büro des Bürgermeisters (Foto: Olivia Oelsen, Dezember 2021) Abb. 36: Im 1. OG verläuft der Flur zu den Büros um eine abgerundete Betonbalustrade (Foto: Olivia Oelsen, Dezember 2021) Abb. 37: das abgedeckte Oberlicht zur darunter liegenden Meldehalle und das Oberlicht zum Dach (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) Abb. 38: Detailaufnahme der Ausführung der Abdeckung in Milchglas (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) Abb. 39: Ein Vorhang ermöglicht das vollständige Abdunkeln des ansonsten allseitig geschlossenen Sitzungssaals (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) Abb. 40: Die Eichenholzvertäfelung im Sitzungssaal (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) Abb. 41: Die Öffnungsflügel des großen Fensters im Sitzungssaal sind nur über eine Leiter erreichbar (Foto: Olivia Oelsen, Dezember 2021) Abb. 42: Die metallenen Lampenschirme sind mittlerweile ausgebaut (Foto: Inge von der Ropp, 1967. HAStK, Best. 1466 (Ropp, Inge von der), Fo 156, Innenaufnahmen, [1967]) Abb. 43: neben dem umlaufenden Gang im Erschließungsbereich können viele Büroräume auch untereinander erschlossen werden (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) Abb. 44: ein eingebautes Waschbecken in einem der Büroräume im 2. OG (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) Abb. 45: Eins der Fraktionszimmer mit bodentiefem Fenster (Foto: Olivia Oelsen, Dezember 2021) Abb. 46: Blick im Flur des 2. OGs Richtung Treppenhaus, rechts im Bild eine eingebaute hölzerne Sitzbank (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) Abb. 47: das Treppenhaus mit rot lackiertem Metallgeländer (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) Abb. 48: Zwischen den Fraktionsräumen befindet sich eine Durchreiche (Foto: Abbildungsverzeichnis S. 32 S. 33 S. 34 S. 35 S. 36 89 Olivia Oelsen, Dezember 2021) Abb. 49: Das Treppenhaus zieht sich über alle neun Stockwerke (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) Abb. 50: Fotografie des Entwurfsmodells (Foto: vermutlich Walther Ruoff) Abb. 51: Fotografien weiterer Entwürfe des Rodenkirchener Rathauses: links der Gewinner des zweiten Preises des Brühler Architekten Hilar Becker, rechts der Gewinner des dritten Preises des Brühler Architekten Helmut Mettelsiefen (Gaisher 1962) Abb. 52: Fotografien eines Entwurfsmodells mit der Bildbeschreibung „Im Modell sieht das Verwaltungsgebäude recht passabel und lichtoffen aus“ (Rodenkirchener Bilderbogen 1964) Abb. 53: Blick in die Meldehalle im Dezember 2021 (Foto: Olivia Oelsen, Dezember 2021) Abb. 54: Blick in die Meldehalle im Jahr 1968 (Ausschnitt, Foto: Inge von der Ropp, 1967. HAStK, Best. 1466 (Ropp, Inge von der), Fo 156, Innenaufnahmen, [1967]) Abb. 55: Das Trauzimmer. Anmerkungen auf der Rückseite der Fotografie: „Wände: Weiß; Boden: Perlon-Rips, grau; Leuchte: Glaskugeln unter Metallreflektor (Dinnebier; Düsseldorf); Stühle: Lilla Bezug (Arne Jacobsen)“ (Foto: Inge von der Ropp, 1967. HAStK, Best. 1466 (Ropp, Inge von der), Fo 156, Innenaufnahmen, [1967]) Abb. 56: Das Trauzimmer. Anmerkungen auf der Rückseite der Fotografie: „Blick aus dem Trauzimmer in den Innenhof; Links Blick durch die Erdgeschosshalle zum Haupteingang; gegenüber Sozialamt.“ (Foto: Inge von der Ropp, 1967. HAStK, Best. 1466 (Ropp, Inge von der), Fo 156, Innenaufnahmen, [1967]) Abb. 57: Das 1. OG. Anmerkungen auf der Rückseite der Fotografie: „Vorraum des Sitzungssaales“ (Foto: Inge von der Ropp, 1967. HAStK, Best. 1466 (Ropp, Inge von der), Fo 156, Innenaufnahmen, [1967]) Abb. 58: Das Fenster zum Innenhof im 1. OG (Foto: Olivia Oelsen, Dezember 2021) Abb. 59: Das Bürgermeisterbüro (Foto: Olivia Oelsen, Dezember 2021) Abb. 60: Blick in den Sitzungssaal (Foto: Inge von der Ropp, 1967. HAStK, Best. 1466 (Ropp, Inge von der), Fo 156, Innenaufnahmen, [1967]) Abb. 61: Die eingebaute Bestuhlung für Öffentlichkeit und Presse im Sitzungssaal (Foto: Clara Grothkopp, Dezember 2021) Abb. 62: Die Bestuhlung im Plenarraum ist nicht mehr vorhanden (Foto: Clara S. 37 S. 38 S. 39 S. 40 S. 41 S. 42 S. 43 S. 44 S. 45 90 Grothkopp, Dezember 2021) Abb. 63: Der Sitzungssaal mit originaler Möblierung und den metallenen Leuchten (Foto: Inge von der Ropp, 1967. HAStK, Best. 1466 (Ropp, Inge von der), Fo 156, Innenaufnahmen, [1967]) Abb. 64: Ausschnitt aus „Ein Zweckbau ohne Prunk“ (Kölner Stadtanzeiger 12.07.1967: S. 10) Abb. 65: Ausschnitt aus dem Artikel „Rathaus bald. Rathaus später. Rathaus anders“ (Rodenkirchener Rathaus 1964) Abb. 66: Bildbeschreibung: „Hier an der Stelle des niedergelegten SommersHof (Hospitalhof) war der mögliche und geeignetste Platz für ein neues repräsentatives Rathaus. Licht und offengelegen, hätte es mit einem schönen Vorhof, einen gefälligen Anziehungspunkt im Publikumsverkehr der Bürger zu den Verwaltungsstellen werden können.“ (W., B. 1964) Abb. 67: Die den Rathausvorplatz flankierenden Hochbauten (Key, Willy 1962) Abb. 68: Das Rathaus im Rohbau (Foto: Weingarten, in: Garden, Willy 1966) Abb. 69: „Gedicht op Kölsch“ von Else F. als Leserbrief im Rodenkirchener Bilderbogen (in: Key, Willy 1964) Abb. 70: Stellungnahme Walther Ruoffs zu seinem eingereichten Entwurf (Gaisher 1962a) Abb. 71: Zustand des Warteraums im Dezember 2021 (Foto: Clara Grothkopp) Abb. 72: Der Heizkörper in einem der Büroräume im Dezember 2021 (Foto: Clara Grothkopp) Abb. 73: Eingang zum Keller des Rathauses im Dezember 2021 (Foto: Clara Grothkopp) Abb. 74: Offengelegte Armierung an der Westfassade des Erdgeschosses im Dezember 2021 (Foto: Clara Grothkopp) Abb. 75: Visualisierung des Neubau-Vorhabens von JSWD-Architekten (Visualisierung: Mohan Karakoc, JSWD-Architekten: online) und als Vergleich das Rathaus Ruoffs als Fotomontage in die Visualisierung eingesetzt (Fotomontage: Clara Grothkopp) Abb. 76: Das Rathaus Kaiserslautern (Lange 2003: S. 26) Abb. 77: Titelblatt des ‚Gemeinderats‘ (Städteund Gemeindeverband Nordrhein-Westfalen 1968) Abb. 78: Das Bürgerhaus Sindlingen (Lange 2003: S. 71) S. 45 S. 47 S. 48 S. 49 S. 50 S. 51 S. 52 S. 55 S. 57 S. 58 S. 60 S. 62