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Die Flut im Juli 2021. Erfahrungen und Perspektiven aus dem Rettungsingenieurwesen und Katastrophenrisikomanagement

Fekete, Alexander,Beckers, Daniel,Hetkämper, Chris,Berger, Yvonne,Welter, Anne,Kippnich, Uwe,Klemm, Alois,Kippnich, Maximilian,Holzheimer, Elias,Lechner, Konstanze,Wieland, Marc,Schliesser, Leonard,Gonder, Martin,Juhl, Finn Moritz,Luchtmann, Michael,Müll

Abstract

Die Hochwasser- oder Flutereignisse aufgrund von Starkregen im Juli 2021 haben in Deutschland und angrenzenden Ländern ein bis dato nicht bekanntes Ausmaß an Todesopfern und Verlusten hinterlassen. Es ist wichtig aus solchen Ereignissen zu lernen, um künftig besser auf solche Situationen vorbereitet zu sein. Dieser Sammelband beinhaltet Erfahrungsberichte und Betrachtungen von Studierenden und Mitarbeiter:innen des Instituts für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr (IRG), der TH Köln, sowie weiteren Personen, die im Bereich Gefahrenabwehr, Bevölkerungs- Katastrophen-, Zivilschutz tätig sind, oder sich mit Themen wie Naturgefahren und Katastrophenrisikomanagement befassen. Viele Studierende sind gleichzeitig in Organisationen der Feuerwehr, des Rettungsdiensts oder anderer Hilfsorganisationen neben dem Studium tätig, wie auch viele Alumni des IRG. Aber auch jene, die nicht operativ tätig sind, haben wichtige Beobachtungen durch Kontakte oder sogar eigene Schäden machen können. In einem ersten Austausch unter Studierenden des IRG Anfang August 2021 wurde festgestellt, wie wertvoll ein neutraler Austausch ist, und eine Offenlegung von Erfahrungen, Kritik und Lösungsideen, ohne Personen oder einzelne Organisationen allein dabei zu kritisieren. Da es mitunter an solchen Austauschmöglichkeiten zwischen den Organisationen der Gefahrenabwehr fehlt, soll dieser Sammelband eine solche Möglichkeit bieten. Um der Bandbreite an unterschiedlichen Hintergründen gerecht zu werden und vor allem im Sinne der Sache, um möglichst viele auch verschiedene Erfahrungen und Perspektiven zu sammeln, oder diese zu bestätigen, finden sich in diesem Sammelband Beiträge unterschiedlicher Länge und Sprache. Eine offene Bewertung auch aus unterschiedlichen Sichtweisen ist sehr wertvoll, um ein ganzheitlicheres Bild der ganzen Lage zu erhalten. Zum damaligen Zeitpunkt in den ersten Monaten nach dem Hochwasser beherrschten Themen wie Koordination der Einsatzkräfte, Verfügbarkeit und Ausfall technischer Ausrüstung aber auch Verpflegung, kritische Infrastruktur, Alarmierung und Warnung den Austausch. Inhaltlich ist dieser Sammelband ebenfalls bewusst nicht eingegrenzt, damit eine große Bandbreite an Aspekten dokumentiert werden kann. Aufgrund der inhaltlichen Auslegung der Lehre und Forschung am IRG werden bestimmte Themenbereiche wie etwa Einsatzorganisationen, Stabsarbeit, Frühwarnung, kritische Infrastruktur, verwundbare Personengruppen etc. häufiger behandelt als andere Themen. Es werden auch Beiträge aus laufenden Forschungsprojekten u.a. zu kritischer Infrastruktur, Notwasserversorgung, Integration von Einsatzkräften eingebunden. Die Ergebnisse einer Umfrage zur Zufriedenheit der Einsatzkräfte werden dargestellt und diskutiert. Für alle diese Themen dient jedoch hauptsächlich die Grundidee eine Klammer; was kann man im relativ neutralen Rahmen einer Hochschule äußern, und der Gesellschaft durch solch eine Dokumentation an die Hand geben, um die Erfahrungen zu dokumentieren und eine Diskussion anzuregen, was man daraus lernen könnte. Eine Hochschule kann nur einen Rahmen z.B. für Ideen, Wissenstransfer oder Technologien bieten. Aber alle, die daran mitarbeiten, als Studierende, Mitarbeiter:innen oder kooperierende Partner:innen, sind gleichzeitig Teil der Gesellschaft, die sich nicht alltäglich mit Krisen und Katastrophen dieses Ausmaßes befassen muss. Laut einer Definition von Katastrophen zeichnen sich diese durch ihren Überraschungseffekt, oder durch die Über-wältigung der Fähigkeiten Einzelner oder ganzer Gemeinden aus. Es gibt wenige, die sich damit langfristig planerisch befassen, weil solche Ereignisse zum Glück relativ selten lokal vorkommen. Oft steht man vor einem Rechtfertigungsproblem, weil in unserer Hochleistungsgesellschaft im Alltag wie auch in Katastrophen alles perfekt funktionieren soll. Aber es gibt den Spruch „There is no glory in prevention“ auch deswegen, weil tägliche Unfälle und Beinahestörfälle nahezu unbemerkt von ehrenamtlichen sowie hauptberuflichen Einsatzkräften bewältigt werden. Hier hat leider wieder eine Flutkatastrophe gezeigt, wo die Grenzen der Vorbereitung und in der Bewältigung liegen. Für den Wiederaufbau und das Lernen für die Vorbereitung auf andere Ereignisse und Katastrophen ist es daher wichtig, Lehren zu ziehen, diese zu dokumentieren und der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

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Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2022 Schriftleitung Karsten Fehn, Alexander Fekete, Chris Hetkämper, Alex Lechleuthner, Ompe Aimé Mudimu, Ulf Schremmer Die Flut im Juli 2021 Erfahrungen und Perspektiven aus dem Rettungsingenieurwesen und Katastrophenrisikomanagement Edited by Alexander Fekete, Daniel Beckers, Chris Hetkämper 2 Fekete, A.; Beckers, D. & Hetkämper, C. (Eds.) 2022 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2022 This document is published within the series 'Integrative Risk and Security Research'. All publications can be downloaded from http://opus.bsz-bw.de/fhk/doku/publizierte_Schriftenreihen.php. Despite thorough revision the information provided in this document is supplied without liability. The document does not necessarily present the opinion of the editors. EDITION NOTICE Editors of Series Karsten Fehn (Prof. Dr. iur. Dr. rer. medic.) Alexander Fekete (Prof. Dr.-Ing.) Chris Hetkämper (M.Sc.) Alex Lechleuthner (Prof. Dr. med. Dr. rer. nat.) Ompe Aimé Mudimu (Prof. Dr.-Ing.) Ulf Schremmer (Prof. Dr.-Ing.) TH Köln - University of Applied Sciences Institute of Rescue Engineering and Civil Protection Betzdorfer Str. 2 50679 Cologne Germany www.irg.th-koeln.de Editorship of Series - contact: [email protected] Editors of this Volume Alexander Fekete (Prof. Dr.-Ing.) Daniel Beckers (B.Eng.) Chris Hetkämper (M.Sc.) Contact Chris Hetkämper Email: [email protected] Phone: + 49 (0) 221 8275 4253 Web: http://riskncrisis.wordpress.com Recommended Citation Full Volume Fekete, Alexander; Beckers, Daniel; Hetkämper, Chris (Eds.) (2022) Die Flut im Juli 2021. Erfahrungen und Perspektiven aus dem Rettungsingenieurwesen und Katastrophenrisikomanagement. Integrative Risk and Security Research, 1/2022, 81 pages. Recommended Citation Sections Author's Surname, First Name (2022): Title. In: Fekete, Alexander; Beckers, Daniel; Hetkämper, Chris (Eds.) (2022) Die Flut im Juli 2021. Erfahrungen und Perspektiven aus dem Rettungsingenieurwesen und Katastrophenrisikomanagement. Integrative Risk and Security Research, 1/2022, Page Reference. ISSN: 2366-4029 Cologne, December 2022 3 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2022 Alexander Fekete Die Hochwasseroder Flutereignisse aufgrund von Starkregen im Juli 2021 haben in Deutschland und angrenzenden Ländern ein bis dato nicht bekanntes Ausmaß an Todesopfern und Verlusten hinterlassen. Es ist wichtig aus solchen Ereignissen zu lernen, um künftig besser auf solche Situationen vorbereitet zu sein. Dieser Sammelband beinhaltet Erfahrungsberichte und Betrachtungen von Studierenden und Mitarbeiter:innen des Instituts für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr (IRG), der TH Köln, sowie weiteren Personen, die im Bereich Gefahrenabwehr, BevölkerungsKatastrophen-, Zivilschutz tätig sind, oder sich mit Themen wie Naturgefahren und Katastrophenrisikomanagement befassen. Viele Studierende sind gleichzeitig in Organisationen der Feuerwehr, des Rettungsdiensts oder anderer Hilfsorganisationen neben dem Studium tätig, wie auch viele Alumni des IRG. Aber auch jene, die nicht operativ tätig sind, haben wichtige Beobachtungen durch Kontakte oder sogar eigene Schäden machen können. In einem ersten Austausch unter Studierenden des IRG Anfang August 2021 wurde festgestellt, wie wertvoll ein neutraler Austausch ist, und eine Offenlegung von Erfahrungen, Kritik und Lösungsideen, ohne Personen oder einzelne Organisationen allein dabei zu kritisieren. Da es mitunter an solchen Austauschmöglichkeiten zwischen den Organisationen der Gefahrenabwehr fehlt, soll dieser Sammelband eine solche Möglichkeit bieten. Um der Bandbreite an unterschiedlichen Hintergründen gerecht zu werden und vor allem im Sinne der Sache, um möglichst viele auch verschiedene Erfahrungen und Perspektiven zu sammeln, oder diese zu bestätigen, finden sich in diesem Sammelband Beiträge unterschiedlicher Länge und Sprache. Eine offene Bewertung auch aus unterschiedlichen Sichtweisen ist sehr wertvoll, um ein ganzheitlicheres Bild der ganzen Lage zu erhalten. Zum damaligen Zeitpunkt in den ersten Monaten nach dem Hochwasser beherrschten Themen wie Koordination der Einsatzkräfte, Verfügbarkeit und Ausfall technischer Ausrüstung aber auch Verpflegung, kritische Infrastruktur, Alarmierung und Warnung den Austausch. Inhaltlich ist dieser Sammelband ebenfalls bewusst nicht eingegrenzt, damit eine große Bandbreite an Aspekten dokumentiert werden kann. Aufgrund der inhaltlichen Auslegung der Lehre und Forschung am IRG werden bestimmte Themenbereiche wie etwa Einsatzorganisationen, Stabsarbeit, Frühwarnung, kritische Infrastruktur, verwundbare Personengruppen etc. häufiger behandelt als andere Themen. Es werden auch Beiträge aus laufenden Forschungsprojekten u.a. zu kritischer Infrastruktur, Notwasserversorgung, Integration von Einsatzkräften eingebunden. Die Ergebnisse einer Umfrage zur Zufriedenheit der Einsatzkräfte werden dargestellt und diskutiert. Für alle diese Themen dient jedoch hauptsächlich die Grundidee eine Klammer; was kann man im relativ neutralen Rahmen einer Hochschule äußern, und der Gesellschaft durch solch eine Dokumentation an die Hand geben, um die Erfahrungen zu dokumentieren und eine Diskussion anzuregen, was man daraus lernen könnte. Eine Hochschule kann nur einen Rahmen z.B. für Ideen, Wissenstransfer oder Technologien bieten. Aber alle, die daran mitarbeiten, als Studierende, Mitarbeiter:innen oder kooperierende Partner:innen, sind gleichzeitig Teil der Gesellschaft, die sich nicht alltäglich mit Krisen und Katastrophen dieses Ausmaßes befassen muss. Laut einer Definition von Katastrophen zeichnen sich diese durch ihren Überraschungseffekt, oder durch die 4 Fekete, A.; Beckers, D. & Hetkämper, C. (Eds.) 2022 Überwältigung der Fähigkeiten Einzelner oder ganzer Gemeinden aus. Es gibt wenige, die sich damit langfristig planerisch befassen, weil solche Ereignisse zum Glück relativ selten lokal vorkommen. Oft steht man vor einem Rechtfertigungsproblem, weil in unserer Hochleistungsgesellschaft im Alltag wie auch in Katastrophen alles perfekt funktionieren sol tägliche Unfälle und Beinahestörfälle nahezu unbemerkt von ehrenamtlichen sowie hauptberuflichen Einsatzkräften bewältigt werden. Hier hat leider wieder eine Flutkatastrophe gezeigt, wo die Grenzen der Vorbereitung und in der Bewältigung liegen. Für den Wiederaufbau und das Lernen für die Vorbereitung auf andere Ereignisse und Katastrophen ist es daher wichtig, Lehren zu ziehen, diese zu dokumentieren und der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. 5 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2022 Inhaltsverzeichnis Teil I: Untersuchungen vor dem Hochwasser Untersuchung des Vorbereitungsgrades der Bevölkerung in Deutschland in Bezug auf Starkregenereignisse ............................................................................................................................................................................................................. 8 Yvonne Berger Motivation for Pre-Disaster Preparedness .............................................................................................................................. 11 Anne Welter Teil II: Einsätze im Hochwasser Überörtlicher Einsatz mit der MTF 47 in das Ahrtal nach der Flut .............................................................................. 15 Uwe Kippnich, Alois Klemm, Maximilian Kippnich Erkundung im Ahrtal mit Unterstützung von Verfahren mit Künstlicher Intelligenz ............................................ 22 Elias Holzheimer, Uwe Kippnich, Maximilian Kippnich, Konstanze Lechner, Marc Wieland Erfahrungsbericht eines THW Helfers und Sicherheitsforschers .................................................................................... 27 Leonard Schliesser Teil III: Untersuchungen zum Hochwasser Umfragen nach dem Hochwasser .............................................................................................................................................. 35 Alexander Fekete Strukturierte Einbindung von Spontanhelfenden in Großschadenslagen Entwicklung eines nutzerorientierten Systems .................................................................................................................................................... 37 Martin Gonder Überprüfung der Erreichbarkeit durch die Feuerwehr nach dem Hochwasser in Bad Neuenahr-Ahrweiler durch eine Netzwerkanalyse mit dem ArcGIS Network Analyst .............................................................................. 43 Finn Moritz Juhl Trinkwasserversorgung nach der Hochwasserkatastrophe im Juli 2021 am Beispiel Erftstadt Blessem .... 52 Michael Luchtmann Teil IV: Zukunftsgerichtete Betrachtungen Die Führungskraft im Homeoffice als ein Konzept der Zukunft im Katastrophenschutz ..................................... 57 Anna Müller Einfluss der klimawandelbedingten Zunahme von Starkregenereignissen auf die Anlagensicherheit......... 60 Moritz Sebastian Schüßler 6 Fekete, A.; Beckers, D. & Hetkämper, C. (Eds.) 2022 Das Risk & Rescue GIS-Lab an der TH Köln .............................................................................................................................. 63 Finn Moritz Juhl, Peter Priesmeier Aufarbeitung und Erinnerungskultur ein Jahr nach den Flutereignissen 2021 ....................................................... 68 Alexander Fekete Exkurs: Erforschung möglicher Methoden zur Umsetzung eines umfassenden Risikound Krisenmanagements im Sektor Wasser ............................................................................................................................. 73 Chris Hetkämper 7 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2022 Teil I Untersuchungen vor dem Hochwasser 8 Fekete, A.; Beckers, D. & Hetkämper, C. (Eds.) 2022 Vergleich der Einschätzung der Bevölkerung mit der Einschätzung der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben in Hinblick auf den Vorbereitungsgrad durch Befragung der Bürger *innen und Durchführung von Interviews mit Expert*innen Yvonne Berger Kurzfassung Diese Bachelorarbeit vergleicht, ob die Bürger*innen in Deutschland Starkregenereignisse als Gefahr wahrnehmen und inwiefern sie vorbeugende Maßnahmen ergreifen, mit der Einschätzung der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben. Dabei werden die Faktoren Risikowahrnehmung, Vorbereitung und Starkregenerfahrung mit Hilfe einer deutschlandweiten Online-Befragung und Interviews mit Expert*innen untersucht. Die Vorgehensweise basiert auf empirischen, sozialwissenschaftlichen Forschungsmethoden. Die aus der Bevölkerungsbefragung und den Interviews gewonnenen Erkenntnisse werden dazu dienen, Diskrepanzen in der Einschätzung aufzudecken und Handlungsempfehlungen für die Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben zu entwickeln. Die Ergebnisse von 498 Fragebögen und elf Interviews zeigen, dass die Selbsteinschätzung der Bevölkerung und die Einschätzung der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben vor allem im Bereich Risikowahrnehmung Unstimmigkeiten aufweisen. Darüber hinaus wurde festgestellt, dass die Kommunikation mit der Bevölkerung verbessert werden muss, um diese für das Thema Starkregen besser zu sensibilisieren. Abstract This bachelor thesis compares whether citizens in Germany perceive heavy rain events as a danger and to what extent they take preventive measures with the assessment of authorities and organizations with security tasks. The factors of risk perception, preparation and heavy rain experience are examined with the help of a nationwide online survey and interviews with experts. The approach is based on empirical and sociological research methods. The findings from the population survey and the interviews will be used to uncover discrepancies in the assessment and to develop recommendations for action for the authorities and organizations with security tasks. The results of 498 questionnaires and eleven interviews show that the self-assessment of the population and the assessment of the authorities and organizations with security tasks show discrepancies, especially in the area of risk perception. Furthermore, it was determined that communication with the population needs to be improved in order to better sensitize them to the topic of heavy rain. 9 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2022 Generell kann Starkregen in jedem Ort Deutschlands auftreten (Junghänel et al. 2021). Außerdem wird es als wahrscheinlich angesehen, dass Starkregenereignisse zukünftig vielerorts zunehmen werden (Bach et al. 2013; Nikogosian et al. 2021). Dennoch wird das Auftreten eines Starkregenereignisses weder bei den Kommunen noch bei der Bevölkerung in Deutschland als Risiko wahrgenommen (Goderbauer-Marchner et al. 2015). Aus diesem Grund ist Ziel dieser Bachelorarbeit, ein genaueres Bild des Vorbereitungsgrades der Bevölkerung in Deutschland in Bezug auf Starkregenereignisse aufzuzeigen. Wobei der Vorbereitungsgrad der Bevölkerung hier als Zusammenspiel zwischen Risikowahrnehmung, Wissensstand und Ergreifen von Maßnahmen im Vorfeld eines Starkregenereignisses zu verstehen ist. Dazu wird folgende Leitfrage beantwortet: Wie unterscheiden sich die Selbsteinschätzung und die Einschätzung der BOS in Bezug auf den Vorbereitungsgrad der Bevölkerung bei Starkregenereignissen? Um diese beantworten zu können, werden zwei verschiedene Arten der Befragung als Methode zur Datenerhebung verwendet. Einerseits wird eine Online-Umfrage der Bevölkerung und andererseits Interviews mit Expert*innen durchgeführt. Um diese beiden Befragungsarten vergleichen zu können, werden die Fragen in die drei Hauptkategorien • Risikowahrnehmung, • Vorsorge und • Starkregenerfahrung eingeteilt und die Fragen aufeinander abgestimmt. Es sind Übereinstimmungen und Diskrepanzen zwischen der Selbsteinschätzung der Bevölkerung in Deutschland und der Einschätzung der BOS in Bezug auf den Vorbereitungsgrad der Bevölkerung in Deutschland vorhanden. Im Bereich Risikowahrnehmung ist die Selbsteinschätzung der Bevölkerung deutlich höher als die Einschätzung der Expert*innen. Etwa die Hälfte der Bevölkerung nimmt gemäß Umfrage Starkregen als Risiko wahr, auch wenn sie nicht von einem Starkregen betroffen war. Die Expert*innen hingegen gehen davon aus, dass lediglich eine schwache Risikokultur in Deutschland vorhanden ist. Abbildung 1: Meinungsbildung zum Thema Maßnahmenergreifung aus eigener Umfrage 16 Fekete, A.; Beckers, D. & Hetkämper, C. (Eds.) 2022 Der Einsatz Am Samstag, den 17.07.2021 um 07:00 Uhr früh wurde durch die Landesgeschäftsstelle des Bayerischen Roten Kreuzes in München das Standardhilfeleistungskontingent Unterfranken/Bayern mit dem Einsatzauftrag zur überörtlichen Hilfe nach Rheinland-Pfalz alarmiert. Die Einheiten sollten sich schnellstmöglich zum Sammelraum, der Autobahnmeisterei in Hösbach begeben und sich für eine Einsatzzeit von mindestens 72 Stunden autarken Einsatz vorbereiten. Die Alarmierung wurde zentral von der Integrierten Leitstelle des Bayerischen Roten Kreuzes in Schweinfurt übernommen. Im Rahmen der Einsatzplanung sind verschiedene Sammelräume an den Autobahnen mit entsprechender Kapazität erkundet und vorbeplant, was sich in diesem Fall als sehr nützlich erwiesen hat. Die Autobahnmeisterei Hösbach liegt unmittelbar an der Bundesautobahn 3 und verfügt über entsprechende Kapazitäten wie sanitäre Einrichtungen, ausreichend Parkflächen und Möglichkeiten zur Durchführung einfacher Instandsetzungsmaßnahmen. In Rahmen von Ausbildungsveranstaltungen wurde das Anfahren des Sammelraumes in der Vergangenheit geübt, was sich bei diesem realen Einsatz bewährt hat. Dazu gehört auch, dass der örtliche BRK-Kreisverband Aschaffenburg die Aufnahmebereitschaft in kürzester Zeit herstellen, unverzüglich die Autobahn GmbH verständigen und die Details abstimmen kann. Weiterhin kümmern sich die Einsatzkräfte um den Lotsendienst, Sicherungsmaßnahmen, Registrierung der Fahrzeuge und weitere wichtigen Maßnahmen. Ebenso wird die Polizei mit alarmiert, die ein sicheres WiederAuffahren der dann gebildeten Marschblöcke auf die Autobahn ermöglicht. Die von den beteiligten Hilfsorganisationen aus ganz Unterfranken alarmierten Einheiten wurden sofort nach dem Eintreffen registriert und in zwei Marschpakete aufgeteilt. Nach einer kurzen Lageeinweisung konnten bereits um 13:00 Uhr die ersten Fahrzeuge in Richtung Sammelraum zum am Nürburgring im Landkreis Bad Neuenahr Ahrweiler aufbrechen. Die Marschentfernung beträgt 209 km. Durch die ad hoc Alarmierung war keine Zeit entlang der Marschstrecke entsprechende Rastplätze für einen Technischen Halt festzulegen. Während des Marsches stellte sich heraus, dass alle angefragten und von Kradmeldern erkundeten Rastmöglichkeiten an der Strecke keine Kapazität für das Aufnehmen der vielen Fahrzeuge hatten. Daher wurde von der Kontingentführung entschieden, dass die Fahrzeuge bei Bedarf in eigener Zuständigkeit die Marschkolonne verlassen können und sich dann wieder anschließen und sich bei der Marschleitung zurückmelden. Dies funktionierte sehr diszipliniert und ohne Zwischenfälle. Um 18:00 Uhr, also 11 Stunden nach der Alarmierung erreichte der Verband vollständig den Sammelraum Nürburgring. Hier waren bereits unzählige BOS - Einheiten aus Deutschland und dem benachbarten Ausland, sowie starke Kräfte der Bundeswehr, einschließlich verschiedener Hubschrauber eingetroffen. Der Sammelraum eignete sich durch die logistischen Voraussetzungen der Rennstrecke zur Aufnahme der Einheiten sehr gut. Durch die Weitläufigkeit des Areals und die unzähligen Einheiten war es anspruchsvoll die richtige Befehlsstelle zu finden. Hilfreich war der Zufall, dass man bekannte KollegenInnen auf anderen Bundesländern getroffen hat, die man von vergangen Einsätzen und Übungen kannte. Diese gaben entsprechende Hinweise und erste valide Informationen zur Lage. Es fand eine erste Lageeinweisung durch einen Vertreter der Aufsichtsund Dienstleistungsdirektion statt. Ebenso gab es die erste Lagebesprechung mit den Kollegen des Vorkommandos aus Bayern. Für die MTF 47 wurde als Base of Operation die Landesblindenschule in Neuwied ausgewählt, was sich später als eine sehr gute Entscheidung herausstellte. Neuwied ist vom Schadensgebiet rund 50 km entfernt auf der gegenüberliegenden Rheinseite und war durch eine gute und intakte Verkehrsanbindung mit dem Auto zeitnah zu erreichen. Bei der genannten Einrichtung handelt es sich um eine spezielle Bildungsstätte, nicht nur für 17 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2022 Kinder und Jugendliche sondern auch für Erwachsene. Hierdurch standen erwachsengerechte sanitäre Einrichtungen, große Klassenzimmer und eine Aula zur Verfügung, die die Anforderung optimal erfüllten. Das Lehrerzimmer wurde zum Stabsraum umfunktioniert und verfügte in ausreichendem Maße über die benötigte Infrastruktur. Der Verband wird wurde nach Dienstvorschrift 100 mit den sechs Sachgebieten geführt, was man in den Räumlichkeiten sehr gut darstellen konnte. Weiterhin standen in unmittelbarer Nähe ausreichend Parkplätze, auch für die Großfahrzeuge zur Verfügung. Da der Ort und die Umgebung von Neuwied nicht von der Naturkatastrophe betroffen waren, konnten alle Einrichtungen der Infrastruktur, wie beispielsweise Tankstellen oder Supermärkte genutzt werden. Weiterhin war es für die Einsatzkräfte sehr gut, dass man nach der anspruchsvollen Arbeit im Krisengebiet an einen intakten Ort zurückzukehren konnte, um sich zu regenerieren. Während der gesamten Einsatzdauer und insbesondere zu Beginn, waren örtliche Führungskräfte bei den Stabsbesprechungen dabei und konnten ganz gezielte Hinweise zur Lage geben und auftretende Probleme direkt mit den Möglichkeiten vor Ort abwickeln ohne lange Meldewege in Kauf zu nehmen. Am Folgetag, Sonntag den 18.07.2021 ergaben sich primär zwei Einsatzabschnitte. Zum einen die Unterstützung beim Aufbau der zentralen PSNV-Stelle am Nürburgring und zum anderen die sanitätsund betreuungsdienstliche Versorgung im Ahrtal. Die Führungsstruktur vor Ort war in drei gleichen Ebenen gegliedert. Diese setzte sich aus der Aufsichtsund Dienstleistungsdirektion (ADD), der Technischen Einsatzleitung und den Abschnitt Gesundheit zusammen. Dieser taktische Aufbau wurde bei der Landesregierung, am Nürburgring sowie an der Bundesakademie für Bevölkerungsschutz und Zivile Verteidigung (BABZ) in Ahrweiler aufgebaut und betrieben. Vom Abschnitt Gesundheit an der BABZ wurde den bayerischen Kräften ein Abschnitt, bestehend aus den Ortschaften Dernau, Mayschoß, Altenahr, Altenburg, Ahrbrück, Hönnig und Liers, zugewiesen. Die Kontingentführung splittete den Verband in die verschiedenen Schnell-Einsatz-Gruppen auf. Die Einheiten arbeiteten nach der Auftragstaktik, lösten die Aufgaben vor Ort in eigener Zuständigkeit und setzten die Lagemeldung an den einsatzführenden Stab Gesundheit ab. Bereits am gleichen Tag wurden die Anfahrtswege zu den Bereichen erkundet, damit am Folgetag sofort mit dem Einsatz begonnen werden konnten. Im Hinblick auf die stark zerstörte Infrastruktur und die damit verbundenen Gefahren wie, ungesicherte beschädigte Stromoder Gasleitungen, zerstörte Straßen und Brücken und einsturzgefährdete Häuser, wurde ein Einsatz aus Sicherheitsgründen nur von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang durchgeführt. Am Montag, 19.07.2021 kam noch ein dritter Einsatzabschnitt hinzu. Es musste ad hoc eine Verpflegungsstelle in Bad Neuenahr Ahrweiler, möglichst zentral für täglich fünftausend Portionen erkundet, aufgebaut und umgehend betrieben werden. Herausforderung war besonders, dass zu diesem Zeitpunkt die Trinkwasserversorgung und Abwasserbeseitigung zusammengebrochen war. Das Standard-Hilfeleistungskontingent ist abweichend zur MTF mit zwei Verpflegungsgestattet. Durch diese vorhandenen Ressourcen konnte neben der Versorgung der Bevölkerung auch die autarke Versorgung der eigenen Einsatzkräfte in der Landesblindenschule, umgesetzt werden. Dieser Stützpunkt mitten in Ahrweiler sollte noch einige Wochen die betroffene Bevölkerung versorgen. Zwischenzeitlich wurde ein weiteres bayerisches Kontigent zur Ablösung alarmiert, welches am Abend desselben Tages in Neuwied eingetroffen ist. Nach einer entsprechenden Übergabe auf den unterschiedlichen Ebenen der Führungskräfte war der operative Einsatz vor Ort um Mitternacht beendet und die Ablöseeinheit übernahm lückenlos den weiteren Einsatz. 18 Fekete, A.; Beckers, D. & Hetkämper, C. (Eds.) 2022 Am Dienstag, den 20.07.2021 verlegten die Einheiten nach dem Frühstück an die Heimatstandorte. Dies erfolgte nicht mehr im Marschverband, sondern in kleinen Marschpaketen mit wenigen Fahrzeugen was deutlich weniger Fahrzeit bedeutet, da das Fahren in der Kolonne entfällt. Alle Beteiligten erreichten unverletzt und ohne größere Materialund Fahrzeugausfälle am Abend ihre Heimatstandorte. Hier wurden sofort das Material überprüft und falls erforderlich aufgefüllt, die Fahrzeuge und Aggregate betankt und gereinigt sowie die persönliche Schutzausstattung wieder aufbereitet. Dies hat sich als sehr wichtig erwiesen, da schon nach wenigen Tagen einzelne Einheiten erneut zur Ergänzung ins Krisengebiet verlegt haben. Erfahrungen was haben wir gelernt? Gerade bei überörtlichen Einsätzen ist es wichtig, dass alle Beteiligten Führungskräfte auf die gleiche Struktur zurückgreifen können. Dies gestaltet sich in Deutschland schwierig, da bedingt durch den Föderalismus jedes Bundesland seine eigenen Katastrophenschutzgesetze und Verfahren anwendet. Hier wären zukünftige zentrale bundeseinheitliche Begriffe hilfreich, die allen Beteiligten bekannt sind. Dies hilft den überörtlich unterstützenden Einheiten schneller die richtigen Ansprechpartner vor Ort zu identifizieren. Bewährt hat sich die Führungsstruktur nach der Dienstvorschrift 100 (Führung und Leitung im Einsatz), da diese bundeseinheitlich gelehrt und angewandt wird. Ebenso waren viele Parallelen zum Hochwassereinsatz 2002 in Sachsen und Sachsen-Anhalt an der Elbe festzustellen, die man hätte vermeiden können. Der Zeitabstand zwischen Vorkommando und Einsatzeinheiten war sehr kurz, so dass nicht alles vorbereitet werden konnte. Da bei solchen Ereignissen die Lage vor Ort meist sehr unübersichtlich sein kann und sich von dem gemeldeten Lagebild deutlich unterscheidet, sollte neben dem klassischen Vorkommando noch eine Spezial Schnell-Einsatz-Gruppe mit voraus entsandt werden. Diese hat Spezialfähigkeiten, wie Erkundung, Logistik für die autarke Versorgung für das Team über 72 Stunden. Ebenso Fahrzeug und Material aus dem Bereich Technik und Sicherheit, die eine kleine Base of Operation aufbauen und betreiben können. Diese kann dann für die nachfolgenden Einheiten erweitert und für diesen Zweck genutzt werden. Ebenso waren logistischen Probleme wie, sanitäre Einrichtungen für die Einsatzkräfte, Betriebsstoffaufnahme, Unterkunft und weitere Aspekte zu bearbeiten. Um die überörtlichen Einheiten effektiv und ihrem tatsächlichen Einsatzwerten entsprechend einsetzen zu können, benötigt man ein aussagekräftiges Lagebild. Dies muss schnellstmöglich erstellt und immer wieder aktualisiert werden. Hierfür sollte man ein Erkundungsteam etablieren, welches über eine entsprechende Ausbildung und Ausrüstung verfügt. Gerade bei stark betroffener Infrastruktur hat man nicht die Möglichkeit durchgängig auf das Internet zurückzugreifen. Daher haben die Erkundungsergebnisse in einfacher und verständlicher Art und Weise zu erfolgen. Dies kann auch die Zusammenfassung auf einem Meldezettel sein und die händische Dokumentation von Points of interest und besonderen Gefahrenstellen auf einer Karte ergänzen. Da auch die Kommunikation im Schadensgebiet mit Digitalfunk und Handynetz zuerst gar nicht oder in den ersten Tagen nach der Flut nur sehr eingeschränkt möglich gewesen ist, haben sich Melder mit geländegängigen Motorrädern bewährt. Diese konnten auch an den Rand des Schadens fahren, und bei vorhandener Netzabdeckung die Meldungen telefonisch an die entsprechenden Stellen absetzen. Da solche Katastrophen sofort ein hohes mediales Interesse auslösen sind zeitnah die Pressebeauftragten der Einheit zu definieren. Diese stimmen sich mit der entsendenden Stelle ab und koordinieren die Arbeit vor Ort. Ebenso sind Social-MediaBeauftrage zu benennen. Deren Aufgabe ist es, relevanten Einsatzinformationen zu filtern. Dies ist ein zusätzliches Tool für das Lagebild, da diese Medien von Externen aber auch von den Einsatzkräften hoch frequentiert werden. Besonders hervorzuheben ist die sehr gute Zusammenarbeit mit den Führungskräften vor Ort, insbesondere dem Abschnitt Gesundheit an der BABZ bestehen aus Organisatorischen Leiter (OrgL) und Leitenden 19 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2022 Notarzt (LNA), was die Grundlage für den Einsatzerfolg war. Ein persönlicher Kontakt zu den Führungsstellen vor Ort ist so schnell wie möglich herzustellen, um die Einheit und deren Leistungsfähigkeit darzustellen, die Einsatzabwicklung abzustimmen und die Kontaktdaten auszutauschen. Auch sind regelmäßige Lagebesprechungen, hier reichen zwei am Tag, durchzuführen um nach dem Führungsvorgang den Einsatz zu bewerten. Diskussion und Fazit Nur wenn alle Beteiligten bereit sind, aus den gemachten Erfahrungen zu lernen, und die Erkenntnisse in neue Verfahren zu etablieren, wird es zur Optimierung des Systems kommen. Ein Erfolgsrezept ist die Einsatzabwicklung mit möglichst einfachen und flexiblen Vorgehensweisen aufzubauen und in der Anfangsphase einfache Führungsmittel, wie Meldeblock und Bleistift zu nutzen. Die Alarmierung der Einsatzkräfte über den Funkmeldeempfänger ist etabliert, die übermittelten Informationen aber sehr gering. Hier kann zukünftig die Möglichkeit der Push-Nachrichten auf das Handy mit einer Art Informationsticker die Situation deutlich verbessern. Die Flut im Ahrtal hat deutlich gezeigt, dass man sich auf das Unvorstellbare vorbereiten muss. Hierzu gehört neben einer adäquaten persönlichen Schutzausrüstung, Fahrzeuge die tatsächlich geländegängig sind und sehr strapazierfähiges Material, welches eine hohe Widerstandsfähigkeit aufweist. Ebenso ist die Ausbildung anzupassen. Neben der Theorie sind Übungen in benachbarten Bundesländern über mindestens über Nacht (24 h) durchzuführen. Diese Ausbildungsform hatte sich in der Vergangenheit durch die Teilnahme an Übungen im Grenzgebiet zu Nachbarstaaten, aber auch im Ausland bewährt. Ein wichtiger Erfolgsfaktor ist die hohe Motivation der Helfer. Bei allen zukünftigen Herausforderungen im Zivilund Bevölkerungsschutz müssen die Strukturen dem neuen, bürgerschaftlichen Engagement angepasst werden um eine möglichst optimale Hilfe leisten zu können. Bilder zur Verfügung gestellt vom Bayerischen Roten Kreuz 20 Fekete, A.; Beckers, D. & Hetkämper, C. (Eds.) 2022 Bilder zur Verfügung gestellt vom Bayerischen Roten Kreuz 21 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2022 Bilder zur Verfügung gestellt vom Bayerischen Roten Kreuz 22 Fekete, A.; Beckers, D. & Hetkämper, C. (Eds.) 2022 Autoren: Elias Holzheimer1, Uwe Kippnich1, Maximilian Kippnich1, Konstanze Lechner2, Marc Wieland2 1 Bayerisches Rotes Kreuz, Landesgeschäftsstelle, München 2 Deutsches Zentrum für Luftund Raumfahrt (DLR), Deutsches Fernerkundungsdatenzentrum (DFD), Oberpfaffenhofen Vorbemerkung Auf Grundlage der Erfahrungen des Einsatzes der Medizinischen Task Force 47 (Unterfranken/Bayern) bei der Flut im Sommer 2021 im Landkreis Ahrweiler Rheinland-Pfalz wird über den Schwerpunkt der Erkundung und das taktische Vorgehen berichtet. Das zur MTF 47 gehörende Erkundungsteam, welches u.a. über ein 8x8 Amphibienfahrzeug ARGO verfügt, war bei der Mission eng mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) sowie dem Deutschen Zentrum für Luftund Raumfahrt e.V. vernetzt. Dies ermöglichte in kürzester Zeit sehr gute Ergebnisse im Hinblick auf Kartenprodukte, über die im Detail berichtet wird. Weiterhin konnten von dem Deutsch Artificial Intelligence for der Akutphase, aber auch einige Monate später im Rahmen der Schadensaufnahme genutzt werden. Der Bericht zeigt, wie moderne Methoden in der Gefahrenabwehr effektiv genutzt werden können. Vorbereitungsphase Aufgrund der Wetterwarnung vor extremen Niederschlägen bereits am Dienstag, den 13.07.2021 mit Mengen über 200 Liter/ qm im Bereich Westdeutschland, tauschte sich das BRK mit dem Aktivation Manager des Zentrum für Satellitengestützte Kriseninformation (ZKI) aus, ob schon Kampagnen geplant sind, wenn es tatsächlich zu diesem gemeldeten Starkregenereignis kommen sollte. Seit vielen Jahren besteht ein enger Austausch zwischen BRK und DLR im Hinblick auf Kartenprodukte. Diese wurden bei verschiedenen nationalen und internationalen Übungen sowie beispielsweise bei der Schneekatastrophe 2019 im Alpenraum im Krisenmanagement eingesetzt. Das DLR bereitete sich entsprechend vor, und konnte so schon am Freitag, den 16.07.21, also zwei Tage nach der dramatischen Flut im Ahrtal, mittels Hubschrauber eine großflächige Befliegung durchführen und entsprechende Aufnahmen erstellen. Aus diesen Daten wurden zeitnah (Vorher/Nachher) Karten erstellt, welche den beteiligten Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) zur Verfügung gestellt wurden. Die Integrierte Leitstelle des Bayerischen Roten Kreuz in Schweinfurt, fungierte hier als Schnittstelle zwischen ZKI und den Bedarfsträgern vor Ort. Dieser Service wurde noch bis Ende August 2021 aufrechterhalten. Im Zusammenhang mit Großschadenslagen ist auch das Projekt AIFER (Artificial Intelligence for Emergency Response) zu erwähnen. In diesem Projekt werden Luftund Satellitenbilder mit Social-Media Daten mittels künstlicher Intelligenz verknüpft, um ein möglichst umfassendes Lagebild für alle am Einsatz beteiligten BOS zu schaffen. Im Rahmen der ZKI-Aktivierung kamen bereits einige Komponenten des AIFER Projekts zum Einsatz, etwa die Auswertung von Radar-Satellitendaten zur großflächigen Identifikation von Hochwasserflächen oder die automatisierte Erkennung von exponierten Gebäuden aus Luftbildern. 23 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2022 Alarmierung Im Rahmen der überörtlichen Hilfe forderte das Bundesland Rheinland-Pfalz Unterstützung in verschiedenen Bundesländern an. In Zuge dessen wurde vom Freistaat Bayern die Medizinische Task Force 47 (MTF) Unterfranken alarmiert. Am Samstag, den 17.07.21 verlegte der Verband mit rund 150 Einsatzkräften und 50 Fahrzeugen in das Krisengebiet zu Sammelpunkt am Nürburgring. Zu diesem Verband gehörte auch ein 8x8 Amphibienfahrzeug ARGO das mit 4 speziell ausgebildeten Einsatzkräften nach dem Eintreffen im Schadensgebiet einen entsprechenden Erkundungsauftrag bekommen hat. Auftrag Im Schadensgebiet angekommen, stellte sich zunächst einmal die Frage nach der räumlichen Ordnung und der Zugänglichkeit der Einsatzabschnitte für nachfolgende Einsatzeinheiten verschiedener Fachdienste. Neben einer Bedarfsfeststellung in der betroffenen Verbundgemeinde Altenahr, ergab sich der Einsatzauftrag, Anfahrtswege für verschiedene Fahrzeugklassen, sowie bestehende Strukturen und Ansprechpartner zu identifizieren und zu kontaktieren. Hier sei betont, dass Empathie und Einfühlungsvermögen bei der Informationsbeschaffung durch Befragungen eine wichtige Rolle spielten. Im weiteren Verlauf war die Zuführung von Hilfsgütern in entlegene und schwer erreichbare Ortsteile ein zentraler Bestandteil des Einsatzes. Einsatzdurchführung Die Durchführung eines solchen Erkundungsauftrages, muss unabhängig von anderen Einheiten stattfinden. Durch schnelles Ausrücken und hohe Flexibilität, kann ein entstehender Zeitvorteil genutzt werden, um auf Grundlage des Erkundungsergebnisses den weiteren Einsatzverlauf zu planen und notwendige Hilfe zeitnah zuzuführen. Nachdem das Team einen geeigneten Weg gefunden hat, um das zerstörte Schadensgebiet sicher zu erreichen, wurde der Kontakt zu den vor Ort eingesetzten Kräften aufgenommen, um Mithilfe von gewonnenen Eindrücken einen ersten orientierenden Überblick zu erlangen. Das Ergebnis der Kontaktaufnahme führte zur Bildung mehrere Unterabschnitte, wovon einer zum Einsatzschwerpunkt wurde, nachdem dieser bis zuletzt gänzlich unberücksichtigt bleiben musste. Die Erkundung der anderen Abschnitte wurde mit den notwendigen Anforderungen abgeschlossen, sodass eine Fokussierung auf Reimerzhoven, einen Ortsteil von Altenahr stattfinden konnte. Hier machte sich das Team die Eigenschaften des All-Terrainund konnte durch die Spezialfähigkeit des Fahrzeuges, den in Mitleidenschaft gezogenen Weinbergweg nutzen, um die entlegene Ortschaft zu erreichen. Dort konnte ein Trupp schnell den Bedarf an Verbandmaterial, Dauermedikation und Trinkwasser feststellen. Die angeforderten Güter wurden durch inzwischen geschlossene Kontakte zügig organisiert und letztlich durch das Erkundungsteam zugeführt. Nach der Anforderung weiterer Kräfte, stellte das Team den Kontakt zu den Bewohnern sicher und die Einsatzkräfte dienten als vertraute Ansprechpartner für Betroffene, Verantwortliche und Kollegen diverser Organisationen und Behörden. Neben der Versorgung mit dem Notwendigsten, stand das Erkundungsteam eng mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), dem Deutschen Zentrum für Luftund Raumfahrt sowie der rückwärtigen Einsatzführung in Bayern in Verbindung. So konnten die vor Ort festgestellten Bedarfe formuliert und gemeldet werden, wodurch es möglich war, sehr schnell und genau Points of Interest (POI) zu identifizieren. Von diesen Bereichen wurden Kartenprodukte erstellt und den Bedarfsträgern vor Ort zur Unterstützung der Einsatzdurchführung zur Verfügung gestellt. Hierbei zeigt sich, dass es sehr wichtig ist nicht nur digitales Material zu erstellen, sondern auch ausgedruckte Karten in entsprechender Qualität bereitzustellen. Am Ende 24 Fekete, A.; Beckers, D. & Hetkämper, C. (Eds.) 2022 des mehrtägigen Einsatzes galt es, die erschaffene Struktur an nachrückende Einheiten und zivile Helfer zu übergeben, sodass eine nachhaltige Hilfe sichergestellt war. Struktur des Erkundung Teams Das zur Erkundung eingesetzte Team sollte vielfältig, aber dennoch gut aufeinander abgestimmt sein. Die im Ahrtal eingesetzte Gruppe bestand aus vier Einsatzkräften. Alle Teammitglieder kennen das komplexe Hilfeleistungssystem rund um den Katastrophenschutz, verfügen über die entsprechende Ausbildung und übernehmen im eigenen Schutzbereich verantwortliche Positionen. Um möglichst flexibel zu sein, sind alle im Umgang mit dem mitgeführten Amphibienfahrzeug trainiert, jedoch übernahm einer meist die technische Verantwortung und sorgte für die sichere Fortbewegung im Einsatzgebiet. Ein weiterer Kollege hatte im Bereich der Fernmeldetechnik und des Fachdienstes Information und Kommunikation (IuK) fundierte Kenntnisse und setzte diese ein, um die Einsatzdokumentation, Informationssammlung sowie eine Kommunikation zur rückwärtigen Einsatzführung sicherzustellen und aufrecht zu erhalten. Dies war auch, wie bereits erläutert, für die Abstimmung mit BBK und DLR sehr hilfreich. Die Aufgabe des Einheitsführers wurde von einem Zug.- oder Verbandführer übernommen und bestand im Wesentlichen darin, einen Gesamtüberblick zu wahren, gemeinsam mit dem restlichen Team das weitere Vorgehen zu planen und an Lagebesprechungen mit der rückwärtigen Führung teilzunehmen. Unter den 4 Einsatzkräften waren neben 2 Rettungssanitätern, wovon einer zusätzlich die Qualifikation des Altenpflegers besitzt, auch 2 Notfallsanitäter eingesetzt, sodass man auf präklinische Versorgungen vorbereitet war und Transporte von PatientInnen möglich gewesen wären. Insgesamt ist zu betonen, dass sich das Team bereits im Vorfeld kannte, gemeinsame Einsätze und Übungen absolvierte und man die Kompetenzen des jeweils anderen gut einschätzen konnte. Durch hohes gegenseitiges Vertrauen und breit aufgestelltes Fachwissen aller Kräfte konnten eine flache Hierarchie und größtmögliche Flexibilität erreicht werden. Die Gruppe ka Ausstattung des Teams beschränkte sich auf technisches Equipment, Selbstversorgung im Einsatzgebiet, Kommunikationsmedien und Notfallmedizinisches Material. So wurden für den Einsatz auf dem Amphibienfahrzeug Helme mit Kopfhörern ausgestattet, welche an die Digitalfunkgeräte angeschlossen werden konnten, um die Funkerreichbarkeit auch während der Fahrt und in lauter Umgebung zu gewährleisten. Für notfallmedizinische Maßnahmen wurde immer ein Rucksack mitgeführt, dessen Ausstattung der eines Notarztkoffers gleicht. Ebenso ist das Spezialfahrzeug mit einer Schleifkorbtrage ausgestattet, welche modular und je nach Bedarf abgenommen und angebracht werden kann, falls Personen liegend transportiert werden müssen. Die Schleifkorbtrage eignete sich auch sehr gut um Material, wie Lebensmittel, Reinigungsgeräte, Eimer und weitere Gegenstände schnell zu transportieren. Gängige Führungsund Kommunikationsmittel, welche in der PSA der Einsatzkräfte Platz finden, ergänzten die Ausrüstung. Neben Funkgeräten und Mobiltelefonen diente ein einfacher Notizblock mit Kugelschreiber und Bleistift zur Abarbeitung der Lage. Herausforderungen vor Ort Der vergangene Ahrtaleinsatz war mit vielen Herausforderungen verbunden. Nicht nur die eingesetzten Kräfte, sondern auch Material und Technik stießen bei dieser Katastrophe an Ihre Grenzen. Am Einsatzort waren geographische Gegebenheiten kaum zu erkennen und selbst der Vergleich mit Karten ließ einen ehemals angelegten Straßenverlauf oft nur erahnen. Abhilfe schaffte zu Beginn lediglich eine abfotografierte Wanderkarte des Tals. Die erste Kontaktaufnahme mit Ortskräften verdeutlichte schnell, dass vorhandene Gefahrenabwehrstrukturen kaum greifen konnten, da diese selbst massiv in Mitleidenschaft gezogen wurden. 25 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2022 Die extreme Zerstörung erforderte bereits auf Anfahrt höchste Konzentration für den Fahrer des Gespannes, um gefährliche Passagen und Rangiervorgänge zu vermeiden. Wegen der geringen Geländegängigkeit des Kommandowagens wurde dieser bereits am Rand des Schadensgebietes geparkt und mittelweite Strecken mussten mit dem Argo zurückgelegt werden. Die Kommunikation mit Mobiltelefon war erst im Verlaufe des Einsatzes eingeschränkt möglich und auch das Funknetz war nur bedingt nutzbar, sodass man mehr denn je auf Notizen und Absprachen angewiesen war. Lagebesprechungen mit dem Bürgermeister und anderen Fachdiensten zum Sachverhaltsabgleich mussten regelmäßig und vor Ort vereinbart und abgehalten werden. Eine weitere Herausforderung war der Umgang mit Betroffenen. Die Frustration der Bevölkerung war deutlich spürbar und wurde durch Vielzahl anwesender Einsatzkräfte nicht immer positiv beeinflusst. Nachbetrachtung Welche taktischen Verfahren und Einsatzmittel sind Erfolgsfaktoren? Die eingesetzten Einsatzkräfte des Erkundungsteams kannten sich schon seit längerer Zeit. Es handelte sich um ein trainiertes und motiviertes kleines Team mit hoher Flexibilität, die schon in der Vergangenheit bei der Abarbeitung größere Schadenslagen im eigenen Schutzbereich im Einsatz gewesen sind. Erkundungen und Hilfeleistungen in einem solchen Einsatzgebiet erfordern ein hohes Maß an Vorsicht, technischem Geschick und medizinisch-taktischer Fachkenntnis. Die Balance dieser Eigenschaften und ein darauf abgestimmtes Team-Ressource-Management innerhalb der erkundenden Einheit waren hierbei unerlässlich. Des weiteren ist der Kontakt zur betroffenen Bevölkerung allgegenwärtig und muss als zentraler Bestandteil einer Erkundung angesehen werden. Die Befragung unverletzter Betroffener erfordert viel Fingerspitzengefühl und sollte der notwendigen Zielorientiertheit ausreichend Empathie und Zurückhaltung gegenüberstellen. Durchführung einer Drohnenbefliegung im Oktober 2021 Im Rahmen des bereits beschriebenen Forschungsprojektes AIFER, wurden im Oktober 2021 in den genannten Schadensgebiet Drohnenflüge von der Bergwacht aus dem Bereich Rhön-Spessart durchgeführt. Das DLR war für die Flugplanung verantwortlich. Hier wurden im Vorfeld mit dem Piloten und den weiteren Beteiligten die Details wie Fluggebiet, Flughöhe, Kameraposition und weitere Details abgestimmt. Mit den bei der Befliegung gewonnen Daten konnte sehr eindrucksvoll das Schadensausmaß dargestellt werden. Eine weitere Befliegung ist für dem Herbst 2022 geplant. So hat man eine lückenlose Dokumentation und kann neben den immensen Schäden auch den Fortschritt des Wiederaufbaus und der Herstellung der kritischen Infrastruktur wie beispielsweise Straßen, Brücken und Bahnanlagen darstellen. Zusammenfassung Warum ist eine frühzeitige, schnelle Erkundung die Basis für den Einsatzerfolg? Einem Missverhältnis zwischen Hilfsbedürftigen und Einsatzkräften, musste frühestmöglich entgegengewirkt werden. Eine schnelle zeitnahe Erkundung ist die Basis für eine adäquate Einsatzplanung, um die vorhandenen Mittel auch ressourcenschonend und effektiv einsetzen zu können. Experten stuften nach Auswertung der zur Verfügung stehenden Daten und Informationen das Flutereignis von 2021 in Westdeutschland als ein Ereignis ein, welches nur alle tausend Jahre eintritt. Folglich sind die ge- 32 Fekete, A.; Beckers, D. & Hetkämper, C. (Eds.) 2022 In meinen Augen sticht das THW gerade hier hervor und kann auf eine lange Geschichte und einen eigentlich reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen (siehe THW-Fibel), der aber Gefahr läuft, durch die Vielzahl an neuen Techniken und Ger derne Methoden, sondern darum, den Einsatzauftrag auch dann noch erfüllen zu können, wenn die gewohnten, bequemen Hilfsmittel oder Materialen nicht mehr zu Verfügung stehen. Dabei gilt allerdings zu berücksichtigen, dass z.B. der händische Bau von behelfsmäßigen Übergängen, der Einsatz von Faschinen, oder das Befreien der Ahr-Keller von Schlamm personalund kräfteintensiv ist. Zwar ist die individuelle Einsatzbereitschaft der Helfer weiterhin hoch, die individuelle körperliche (und damit verbunden auch psychische) Belastbarkeit scheint jedoch, nicht zuletzt auf Grund des gesellschaftlichenund demographischen Wandels, zu sinken. Als Forschender und Praktiker überras bildungshandbuch dem Nicht-Handeln von Führungskräften in Extremsituationen oder der Risikokommunikation gesagt werden. Nach der Katastrophe im Ahrtal war die Schuldfrage schnell medial präsent und wurde durchaus auch organisationsintern kontrovers diskutiert. Aus Sicht eines Sicherheitsforschers ist die Frage nach (individueller) Schuld für eine gesunde Fehlerkultur höchst problematisch, denn sie entmutigt im Zweifelsfall auf Probleme aufmerksam zu machen und scheitern zu dürfen. Beurteilt man den Warntag von 2020 z.B. nur aus Sicht der medialen Schlagzeilen, so ging er grandios schief und Christoph Unger musste daher als Präsident des Bunhat Probleme offengelegt und die Möglichkeit eröffnet, diese auch anzupacken. Leider kamen die angestoßenen Verbesserungen und der Ausbau der Warnlandschaft für das Ahrtal zu spät. Möchten wir auch weiterhin unseren hohen Sicherheitsstandard in Deutschland aufrechterhalten und verbessern, kommen wir um eine oder besser gemacht werden soll. Korrekturvorschläge nicht vage umschreiben, sondern konkret im Wortlaut formulieren. Wer sich daran hält, le -Fibel, Zielinski 1977) Katastrophen und Unglücksfälle ereignen sich selten auf Grund einzelner Inkompetenzen oder Fehler und sind meistens auf systemische Schwächen zurückzuführen. Der Klimawandel mit seinen Folgen, aber auch eine herausfordernde internationale Sicherheitslandschaft kann jedoch nicht allein von den staatlichen Akteuren bewältigt werden. Es braucht dazu die Zusammenarbeit von staatlichen, wirtschaftlichen und privaten Akteuren mit dem gemeinsamen Ziel, auf zukünftige Krisen besser vorbereitet zu sein. Krisenvorsorge ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die eine Kultur erfordert, in der man die Herausforderungen einer komplexeren Welt klar benennt. Nur durch ein gemeinsames Risikobewusstsein, einem öffentlichen Diskurs über Sicherheit und einer ganzheitlichen Sicherheitsstrategie wird sich Deutschland diesen Herausforderungen stellen können. 33 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2022 Literaturangaben Anderson, B. 2016. Governing emergencies: the politics of delay and the logic of response. Transactions of the Institute of British Geographers, 41, 14-26. Börnsen, W. 2021. Wir haben den Umgang mit Katastrophen verlernt. tagesschau. Deutscher Wetterdienst 2021a. Bericht zum Ablauf und Umfang der operationellen Warnund Beratungstätigkeit des Deutschen Wetterdienstes im Vorlauf und während des Unwetters 12. - 15. Juli 2021 in NRW und RheinlandDeutscher Wetterdienst 2021b. Hydro-klimatologische Einordnung der Starkund Dauerniederschläge in TeiJuli 2021. online. Folkers, A. 2017. Existential provisions: The technopolitics of public infrastructure. Environment and Planning D: Society and Space, 35, 855-874. 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(Eds.) 2022 Teil III Untersuchungen zum Hochwasser 35 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2022 Alexander Fekete Nach dem Hochwasser kam es zu einer großen Reihe von Umfragen verschiedenster Einrichtungen. Auch wir haben uns an einigen Umfragen beteiligt oder diese selbst durchgeführt. An dieser Stelle möchten wir uns ganz herzlich bei allen bedanken, die diese Umfragen unterstützt haben, indem sie sie ausgefüllt oder weiterverteilt haben. Wie auch anderen Orts in diesem Band angesprochen, ist es immer eine Gratwanderung, wann es vertretbar ist, bei einer solchen Katastrophe Umfragen zu führen. Sicherlich ist es für die Forschung wie auch für die Praxis eine sehr wichtige Datengrundlage, um kursierende Meinungen über Probleme und Verbesserungsmöglichkeiten zu überprüfen oder aber auch um überhaupt Grundlageninformation zu erhalten. Die Vielzahl parallellaufender Umfragen mag viele irritiert haben, jedoch ist es sehr wichtig, um verschiedenste Aspekte abzufragen oder aber teilweise auch sogar die gleichen Aspekte aus verschiedenen Blickwinkeln zu überprüfen. Noch einmal daher der Dank an alle, die geduldig ein oder mehrere Befragungen mitgemacht haben. Die Daten aus solchen Umfragen ermöglichen es auch, bei künftigen Ereignissen Vergleiche ziehen zu können. Es sind also wissenschaftlich gesehen sehr wertvolle Daten. Auch aus der Einsatzpraxis und von vielen Organisationen haben wir großes Interesse an diesen Umfragen erfahren. Das zeigt die hohe Bedeutung dieses Ereignisses und das große Interesse und die Lernbereitschaft vieler Personen und Organisationen. Wir haben verschiedene Akteursgruppen mit unterschiedlichen Befragungen untersucht. Zum einen die Einsatzkräfte und die Spontanhelfenden. Über unsere Studierenden, die teilweise selbst als Rettungskräfte arbeiten, ergaben sich viele Ideen für zu untersuchende Aspekte und auch Möglichkeiten, diese Umfrage breit zu streuen. Das Thema Spontanhelfende haben wir auch zusammen mit der Universität Bonn und der Universität Wuppertal in einer Umfrage untersucht, da das Thema schon lange als recht kontroverses Thema untersucht wird. Beim Hochwasser 2021 hat sich noch einmal die enorme Bedeutung von spontaner Hilfe angesichts Zehntausender Helfer gezeigt. Als weitere Akteursgruppe haben wir auch Unternehmen befragt, um auch ein Bild zu deren Schwierigkeiten und Erfahrungen zu bekommen. Wir haben weiterhin Expert:innen aus der Risikoforschung und im Risikomanagement befragt, national wie auch international, um deren Eindrücke zu Hochwasserereignissen in 2021 auch in anderen Ländern zu vergleichen mit den Erfahrungen in Deutschland. Wir haben uns bewusst bei der Befragung betroffener Bürgerinnen und Bürger lange zurückgehalten, da diese durch die Ereignisse sehr betroffen waren und diese auch noch lange verarbeiten werden. Über die Betreuung von Abschlussarbeiten und in noch laufenden Doktorarbeiten untersuchen wir die angesprochenen Gruppen noch weiterhin und auch viele der oben genannten Umfragen werden noch immer ausgewertet. Damit all jene, die an den Umfragen teilgenommen haben sowie andere Interessierte einen Zugang zu den Umfragen und ihren Ergebnissen haben, aber auch, damit man bei der Vielfalt von Umfragen den Überblick behält, haben wir zusammen mit dem Deutschen Komitee für Katastrophenvorsorge (DKKV) auf deren Webseite einen Eintrag erstellt, der sowohl laufende Umfragen als auch deren Ergebnisse darstellt. Über das DKKV wurden auch mehrere online Workshops öffentlich organisiert, an denen viele Interessierte teilgenommen und über die Hochwassererfahrungen wie auch Forschungsaspekte diskutiert haben. Das Thema Hochwasser 2021 ist noch lange nicht abgeschlossen, sowohl in der realen Bewältigung der Betroffenen als auch in der Aufarbeitung durch die Forschung. Allen sei gedankt, die dies weiterhin unterstützen. 36 Fekete, A.; Beckers, D. & Hetkämper, C. (Eds.) 2022 Auf der folgenden Seite sind die Umfragen und einige Ergebnisse über das DKKV öffentlich abrufbar: www.dkkv.org • Bericht zur Flutkatastrophe 2021 • Allgemeine Informationen des DKKV • Veröffentlichungen und Pressebeiträge • Aktuelle Forschungsaktivitäten Ende August 2022 finden sich darin 21 laufende und abgeschlossene Umfragen und Forschungsprojekte unter gende Einrichtungen registrieren können. Zu folgenden Untersuchungen, an denen wir beteiligt waren, liegen bereits Veröffentlichungen vor: • Bier, M., Stephan, C., Fathi, R., Fiedrich, F., Kahl, A., Fekete, A. (2022). Vorabinformation Erste Ergebnisse der Umfrage unter Spontanhelfenden der Flutkatastrophe 2021. ResearchGate. • Gonder, Martin; Fekete, Alexander; Emrich, Christian 2022 Erfolg bei der Bewältigung von Großschadenlagen durch die richtige Organisation von Spontanhelfenden. BRANDSchutz [1/2022] • Fekete, Alexander; Baumgarten, Christian; Bentler, Christian 2021 Motivation im Hochwassereinsatz Eine Analyse der Zufriedenheit von Einsatzkräften und Helfern in den Hochwassereinsätzen 2021 und 2013 in Deutschland. BBK Bevölkerungsschutz 4/2021: 38-41 • Fekete, Alexander. Motivation, Satisfaction, and Risks of Operational Forces and Helpers Regarding the 2021 and 2013 Flood Operations in Germany 587. https://doi.org/10.3390/su132212587 • Here Comes the Flood, but Not Failure? Lessons to Learn after the Heavy Rain and Pluvial Floods in Germany 2021 https://doi.org/10.3390/w13213016 • Fekete, Alexander (2021) Vorläufige Erst-Auswertung zur Umfrage zur Zufriedenheit der Einsatzkräfte, Helferinnen und Helfer beim Hochwasser 2021, TH Köln, Köln, Stand: 29.9.2021, 22 Seiten. fekete2021-erste-ergebnisse-der-hochwasser-umfrage-2021-2 • Kuhlicke, Prof. Dr. Christian, Prof. Dr. Christian Albert, Prof. Dr. Daniel Bachmann, Prof. Dr. Jörn Birkmann, Prof. Dr. Dietrich Borchardt, Prof. Dr. Alexander Fekete, Prof. Dr. Stefan Greiving, Prof. Dr. Thomas Hartmann, Prof. Dr. Bernd Hansjürgens, Prof. Dr. Robert Jüpner, Prof. Dr. Sigrun Kabisch, Prof. Dr. Kerstin Krellenberg, Prof. Dr. Bruno Merz, Prof. Dr. Roland Müller, Prof. Dr. Dieter Rink, Dr. Karsten Rinke, Prof. Dr. Holger Schüttrumpf, Prof. Dr. Reimund Schwarze, Prof. Dr. Georg Teutsch, Prof. Dr. Annegret Thieken, Dr. Maximilian Ueberham, Prof. Dr. Martin Voss. 2021 Fünf Prinzipien für klimasichere Kommunen und Städte. Five principles for climate-proof municipalities and cities. UFZ. Im Fokus Juli 2021, 10 Seiten. Auch in: DWA Korrespondenz Wasserwirtschaft 9/21, (14) Nr. 9: 537-539 37 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2022 Martin Gonder Kurzfassung Bei Großschadenslagen oder Krisen entscheiden sich oftmals zahlreiche Menschen zur spontanen Hilfe. Die vielen freiwilligen Helfer:innen, die nicht in einer Hilfsorganisation tätig sind oder sich vorher als potentiell Helfende registriert haben, werden als Spontanhelfer:innen bezeichnet. Sie mobilisieren und organisieren sich selbständig, um zur Bewältigung der Schadenslage beizutragen (Drews et al. 2021). Diese selbständige Organisation findet vornehmlich in Sozialen Medien statt. Um die Ressourcen der Freiwilligen optimal zu nutzen und mit in die behördliche Gefahrenabwehr zu integrieren, bedarf es Strukturen und Kommunikationswege (Gonder et al. 2022). Ziel der Bachelorarbeit war es, Personenkreise, die als Helfende in Großschadenslagen aktiv werden, sowie deren Kommunikationskanäle zu identifizieren/kanalisieren und daraus ein nutzerorientiertes System zur Einbindung in bestehende Strukturen zu entwickeln. Hierbei wurden neben der Literaturrecherche eine OnlineUmfrage unter Spontanhelfenden sowie standardisierte Expert:inneninterviews mit Influencer:innen, die Spontanhelfende koordinierten und mobilisierten, aber auch mit Kommunikationsexperten durchgeführt. Die Forschung hat ergeben, dass für ein neues umfassendes System kein Bedarf besteht. Hilfsorganisationen und Behörden müssen in Großschadenslagen und Krisen Soziale Medien frühzeitig auf möglichst starken Kanälen aus dem Alltag bespielen. So sind ein Kanalisieren und Koordinieren möglich. Das Verweisen auf ein Portal mit einer kurzen Registrierung von Namen, Postleitzahl sowie Verfügbarkeit und ggf. besonderer Ausstattung wird als ausreichend angesehen, um die Barrieren zur Registrierung so gering wie möglich zu gestalten. Problemstellung Die Anzahl der Naturkatastrophen ist weltweit erheblich gestiegen, auch in Deutschland (IPCC 2020). Das erkannte Phänomen, dass sich Menschen in Großschadenslagen/Krisen entscheiden, spontan zu helfen, zeigte sich u. a. bei den Hochwassern in den Jahren 2002 und 2013. Hier kamen bis zu 23.000 Personen zum Helfen und Unterstützen der behördlichen Gefahrenabwehr (Fathi et al. 2017). Auch bei der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal im vergangenen Jahr sind eine Vielzahl von Menschen zum Helfen in die Region gekommen. Dieses Engagement ist bei der Flüchtlingswelle 2015 zu erkennen gewesen und jetzt auch in der aktuellen Ukrainekrise. Hier sind ebenfalls eine Vielzahl von Menschen z. B. an Bahnhöfe gekommen, um Asylsuchende willkommen zu heißen und sie mit Kleidung etc. auszustatten (Fathi et al. 2017). Ferner werden Zimmer und Wohnungen zur Verfügung gestellt (Mühling 2022). Die Spontanhelfenden tragen mit Man-Power und ihren mitgebrachten Großgeräten maßgeblich zum Erfolg zur schnellen Bewältigung in Großschadenslagen und Krisen bei und unterstützen die behördliche Gefahrenabwehr. Jedoch können auch Probleme bei unkoordiniertem, nicht abgestimmtem Handeln auftreten. Falsch ausgeführte Tätigkeiten und Arbeiten können für Spontanhelfende selbst, aber auch für ihr Umfeld ein Risiko und eine Verletzungsgefahr darstellen. Gerade bei Hochwasserlagen, bei denen eine Anfahrt in das Krisengebiet für Hilfsorganisationen nur auf wenigen Straßen möglich sein könnte, dürfen diese nicht durch Fahrzeuge 38 Fekete, A.; Beckers, D. & Hetkämper, C. (Eds.) 2022 von Spontanhelfenden versperrt werden (Drews et al. 2021). So wurde zum Teil das Hilfsangebot für Spontanhelfer:innen durch die Pressearbeit in Radio und Internet als unerwünscht bezeichnet (Magoley 2021). Um die Ressourcen der Spontanhelfenden sinnvoll zu nutzen, ist eine frühzeitige Einbindung durch die behördliche Organisation/Gefahrenabwehr unbedingt notwendig und muss erfolgen. Aus der beschriebenen Problemstellung ergaben sich die nachfolgenden Forschungsfragen: • Welche Personenkreise stehen in Großschadenslagen/Krisen als Spontanhelfer:innen potentiell zur Verfügung? • Was sind die Kommunikationskanäle, um Spontanhelfende für Einsätze effektiv und schnell zu akquirieren und während dem Einsatz zielorientiert zu steuern? • Wie kann aus den gewonnenen Erkenntnissen über die richtigen Kommunikationswege ein nutzerorientiertes System zu Einbindung von Spontanhelfer:innen entwickelt werden und welche Anforderungen bestehen an das System? Methodik Die nachfolgende Abbildung beschreibt das methodische Vorgehen der Bachelorarbeit. Die Bachelorarbeit besteht auf einer 3-Säulen-Forschung. Im ersten Schritt wurde eine Online-Umfrage entwickelt. Hieran nahmen über 3.000 Proband:innen teil. Im zweiten Forschungsschritt wurden 5 strukturierte Expert:inneninterviews durchgeführt. Zu den Expert:innen gehörten Influencer:innen, die sich in der Hochwasserlage im Ahrtal engagiert haben. Sie nutzen ihre Bekanntheit und ihre Reichweite, um eine Vielzahl von Menschen zum Helfen zu mobilisieren und auch durch Aufrufe zu koordinieren. Auf Basis der Ergebnisse aus der Online-Umfrage und der Expert:inneninterviews wurde eine Systemidee zur Koordinierung und zur strukturierten Einbindung von Spontanhelfer:innen entwickelt. Die Systemidee wurde zur Optimierung weiteren Expert:innen aus dem Bereich Kommunikation und Marketing vorgestellt und diese dazu interviewt. 39 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2022 Abbildung 1: Forschungsdesign (Quelle: Bachelorarbeit M. Gonder 2021) Ergebnisse Die Online-Umfrage sowie die Expert:inneninterviews haben ergeben, dass sich aus allen Gesellschaftsund Altersschichten sowie deren Berufsgruppen Menschen zum Helfen in Großschadenslagen/Krisen bereit erklärt haben oder sich bereit erklären würden. Eine klare Einordnung der Helfenden in eine Personengruppe kann nicht vorgenommen werden. Spontanhelfende sind oft pragmatisch eingestellt und unkompliziert in ihrer Lebensart. Sie möchten ihre Hilfe schnell und unbürokratisch einbringen. Dabei reisen sie häufig aus weiterer Entfernung an, ohne dass sie einen direkten Bezug zum Schadensort haben. (Gonder 2021) Effektive Kommunikationskanäle unter Spontanhelfenden sind Soziale Medien. Hier sind vornehmlich Facebook, Instagram und YouTube zu nennen. Über 95 % der Befragten nutzen diese Kanäle mehrmals täglich zur Information und zur Kommunikation. Eine Steuerung und Kanalisierung von Spontanhelfenden kann Behörden und Organisationen nur gelingen, wenn diese frühzeitig auf sozialen Plattformen aktiv sind und diese mit eigenen Informationen frühzeitig bespielen. Hierbei kann es hilfreich sein, Gruppen zu gründen, in die potentiell Helfende eintreten können. Gleichwohl können Aufrufe zur Hilfe oder die Informationsweitergabe in Großschadenslagen/Krisen über soziale Medien erfolgen. Hierfür wird ein*e digitale*r Pressesprecher:in vorgeschlagen. Diese*r sollte dem Alter der Zielgruppe entsprechen und möglichst authentisch auftreten. Ferner sollte der/die digitale Pressesprecher:in nicht immer wechseln, um einen Wiedererkennungswert und auch Vertrauen aufzubauen. Die Art der Texte und Ansprachen sollten der Zielgruppe der jeweiligen Plattform entsprechen. Wichtig ist, dass Behörden und Hilfsorganisationen versuchen informationsführend zu werden, um 40 Fekete, A.; Beckers, D. & Hetkämper, C. (Eds.) 2022 koordinationsführend sein zu können. Die Behörde bzw. Hilfsorganisation muss sich dahin bewegen, wo Kommunikation stattfindet. Eine direkte Angliederung an den Stab der Gefahrenabwehr wird ebenfalls als wichtig erachtet. (Gonder 2021) Ein nutzer:innen orientiertes System, muss ein schlankes, einfaches System sein, welches dem potentiell Helfenden sinnvoll erscheint. Als ein sinnvolles System wird ein einfaches Anmeldungsportal mit Namen, Postleitzahl, die zeitliche Verfügbarkeit sowie mögliche besondere Ausstattung gesehen. Weiterhin wird als richtig erachtet, mögliche Registrierungsangaben so kurz wie möglich zu halten, um die Registrierungshürde so gering wie möglich abzubilden. Das System darf die Helfenden nicht abschrecken und es soll keine Barriere zur schnellen, unkomplizierten Hilfe darstellen. Der/die digitale Pressesprecher:in kann auf die Wichtigkeit eines Registrierungsportals zum Kanalisieren der Helfenden und für einen zielorientieren Einsatz aufmerksam machen. Aus der nachfolgenden Abbildung 2 ist zu entnehmen: Über 90 % der Befragten würden in Großschadenslagen/Krisen in einem dafür vorgesehenen Portal die Registrierungsangaben tätigen, um sich zur Hilfe anzumelden/zu registrieren. Andere Angaben werden als Eintrittshürde und Barriere zur Registrierung angesehen und sollten somit in einem Portal nicht abgefragt werden. (Gonder 2021) Abbildung 2: Mögliche Registrierungsangaben (Quelle: Bachelorarbeit M. Gonder 2021) Um Helfende zielorientiert einzusetzen, erhalten sie direkt nach der Registrierung ein Feedback mit dem Ort des Sammelplatztes, an dem sie sich einfinden sollen. Vom Sammelplatz aus werden Helfende mit Shuttlebussen an die Orte, der zu erbringende Hilfeleistung gebracht. Somit ist ein unkontrollierter Helfer:inneneinsatz weitestgehend ausgeschlossen. An den Sammelplätzen kann eine Kurzeinweisung erfolgen und Helfende 41 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2022 können Informationen zu möglichen Gefahren erhalten. Ohne eine Registrierung und ein Sammeln an einem Punkt erhalten Helfende keine Informationen und können sich selbst oder andere in Gefahr bringen. Der Sammelplatz ist in nachfolgender Abbildung 3 zu erkennen, ebenfalls die Registrierungsangaben mit den jeweiligen Informationen. Diese können in einem GIS-System durch die Postleitzahlenangabe visualisiert werden. So ist es möglich, Helferströme frühzeitig zu erkennen. (Gonder 2021) Darstellung Fahrtstrecke/Wohnort/Sammelplatz/Einsatzort (Quelle: Bachelorarbeit M. Gonder 2021) Zusammenfassend ist festzustellen, dass eine Spontanhelfer:innenkoordination nur gelingen kann, wenn von Behörden/Hilfsorganisationen eine Kommunikation mit Spontanhelfenden auf Augenhöhe stattfindet. Es ist wichtig Soziale Medien frühzeitig mit Information zu bespielen, auch wenn vorerst keine Hilfe benötigt wird. Menschen wollen in Großschadenslagen helfen, um ihren Beitrag zur Bewältigung zu leisten. Wenn es keine Anlaufstelle und Information zur Hilfe gibt, kann sich die Hilfe verselbständigen und die benötigten Ressourcen der Helfenden können nicht mehr zielorientiert eingesetzt werden. Hilfsorganisationen und Behörden müssen in Großschadenslagen ihre Kanäle frühzeitig und zielgruppengerecht mit Informationen bespielen, um informationsführend und auch koordinationsführend zu sein (Gonder 2021). Literaturangaben Drews, Patrick; Betke, Hans; Vossschmidt, Stefan; Nell, Rebecca; Lindner, Sebastian; Sackmann, Stefan (2021): Acht Jahte Spontanhelfendenforschung. Was haben wir gelernt? Deutsche-Feuerwehr-Zeitung. In: Brandschutz (10/2021), S. 858 865. Fathi, Ramian; Martini, Stefan; Kleinebrahn, Anja; Voßschmidt, Stefan (2017): Spontanhelfer im Bevölkerungsschutz. Rahmenempfehlungen für den Einsatz von Social Media. Hg. v. Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Online verfügbar unter https://www.researchgate.net/publication/322267232_Spontanhelfer_im_Bevolkerungsschutz_Rahmenempfehlungen_fur_den_Einsatz_von_Social_Media, zuletzt geprüft am 06.10.2021. Gonder, Martin (2021): Strukturierte Einbindung von Spontanhelfenden in Großschadenslagen Entwicklung eines nutzerorientierten Systems. Bachelorarbeit. In Zusammenarbeit mit der Berufsfeuerwehr München. Hg. v. Martin Gonder. Köln. Gonder, Martin; Fekete, Alexander; Emrich Christian (2022): Erfolg bei der Bewältigung von Großschadenslagen durch die richtige Organisation von Spontanhelfenden. Soziale Medien gewinnbringend nutzen. 48 Fekete, A.; Beckers, D. & Hetkämper, C. 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Anhang Datensatz Verwendet für Aktualität Downloaddatum Quelle Autobahnen Autobahnen 01.04.2020 17.12.2021 Allgemein: (LVermGeo 2020e) Downloadseite: (LVermGeo 2020a) Bundesstraßen Bundesstraßen 01.04.2020 17.12.2021 Allgemein: (LVermGeo 2020f) Downloadseite: (LVermGeo 2020b) Landstraßen Landstraßen 01.04.2020 17.12.2021 Allgemein: (LVermGeo 2020h) Downloadseite: (LVermGeo 2020d) Kreisstraßen Kreisstraßen 01.04.2020 17.12.2021 Allgemein: (LVermGeo 2020g) Downloadseite: (LVermGeo 2020c) OSM rheinland-pfalzlatest-free.shp Ergänzende OSM-Straßendaten 19.12.2021 19.12.2021 (Geofabrik 2021) ATKIS DTK50 Hintergrundkarte und Abgleichkarte Straßenlagen Stand der ausgewählten Kacheln 21.07.2021 12.12.2022 Allgemein: (LVermGeo 2021b) Downloadseite: (LVermGeo 2021a) 51 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2022 Gewässerstationierungskarte 3C NRW Gewässerlagen und -flächen 25.03.2021 17.12.2021 (LANUV 2021) 52 Fekete, A.; Beckers, D. & Hetkämper, C. (Eds.) 2022 Michael Luchtmann Kurzfassung Trinkwasser als Teil der Kritischen Infrastruktur ist zum Überleben der Menschen immens wichtig und muss stets überall in ausreichender Qualität verfügbar sein. Diese Verfügbarkeit kann aufgrund verschiedenster Gefahren nicht immer gewährleistet werden, wie auch nach dem Hochwasserereignis im Juli 2021 in Erftstadt - Blessem. Es wurde im Rahmen der Bachelorarbeit eine Risikoanalyse in Anlehnung an das Bundesministerium des Innern (BMI) zum Schutz Kritischer Infrastrukturen (KRITIS) durchgeführt. In Band 1 versorgung - - und Katastrophenhilfe (BBK) wurde diese Methode anhand eines Beispiels dargelegt. Um diese Risikoanalyse mit den Schwerpunkten der Verwundbarkeit einzelner Komponenten der Trinkwasserversorgung, sowie der Ermittlung des Schadensausmaßes und der Eintrittswahrscheinlichkeit ähnlicher Ereignisse so anwendungsspezifisch wie möglich abschließen zu können, wurde der Aufbau der Trinkwasserversorgung in Erftstadt - Blessem im Vorfeld beschrieben und eine Aussage hinsichtlich zukünftiger Extremwetterereignisse getroffen. Die Ergebnisse der Analyse zeigen, dass ein Hochwasserereignis wie das im Juli 2021 nur einen geringen Teil der Komponenten der Trinkwasserversor eine Unterbrechung der Versorgung mit Trinkwasser nicht verhindert werden konnte. Im Anschluss an die Auswertung der Risikoanalyse werden Möglichkeiten zur Verringerung der Verwundbarkeit der betroffenen Komponenten diskutiert. Dabei wird deutlich, dass Sofortmaßnahmen zur Herstellung einer Notversorgung unerlässlich sind. Zielführender sind jedoch Maßnahmen, die einen verbesserten langfristigen Schutz der Kritischen Infrastrukturen versprechen und das verbesserte Wiederaufbauen fördern, insbesondere im Hinblick auf den fortschreitenden Klimawandel und damit zusammenhängende Extremwetterereignisse. Abstract Drinking - water as part of the critical infrastructure is immensely important for people's survival and has always to be available everywhere in sufficient quality. This availability cannot always be guaranteed due to a wide variety of hazards, as was the case after the flood event in July 2021 in Erftstadt - Blessem. A risk analysis based on the German Federal Ministry of the Interior (BMI) on Critical Infrastructure Protection (CRITIS), was carried out. In Volume 15 'Security of Drinking Water Supply - Part 1: Risk Analysis' of the Federal Office of Civil Protection and Disaster Assistance, this method was applied. In order to be able to conclude this risk analysis with focus on the vulnerability of individual components of the drinking - water supply, as well as the determination of the extent of damage and the probability of occurrence of similar events as applicationspecific as possible, the structure of the drinking water supply in Erftstadt - Blessem was described in advance and a statement was made regarding future extreme weather events. The results of the analysis show that a flood event like the one in July 2021 affects only a small part of the components of the drinking - water supply. However, the 'pipeline network' component will be damaged to such an extent that interruption of potable 53 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2022 water supply cannot be prevented. Following the evaluation of the risk analysis, options for reducing the vulnerability of affected components are discussed. Immediate measures to establish an emergency supply are indispensable. Much more important, however, are measures that promise improved long - term protection of critical infrastructures and promote improved reconstruction, especially in view of advancing climate change and its extreme weather events. Problemstellung Welches Risiko birgt ein Hochwasserereignis, wie das in Erftstadt - Blessem im Juli 2021, auf die Kritische InfraMethode Zur Beantwortung dieser Fragen wurde als Methode eine Risikoanalyse in Anlehnung an das Bundesministerium des Innern (BMI) zum Schutz Kritischer Infrastrukturen (KRITIS) durchgeführt. Diese Methode setzt sich aus sechs Schritten zusammen: 1. Beschreibung der Wasserversorgung 2. Durchführung der Gefahrenanalyse 3. Identifikation relevanter Szenarien 4. Durchführung einer Vulnerabilitätsanalyse 5. Bestimmung von Schadensausmaß und Eintrittswahrscheinlichkeit 6. Risikovergleich und Risikobewertung Im Zuge der Betrachtung von Schritt 5 und 6 gibt es zwei unterschiedliche Szenarien, die bei der Ergebnisdarstellung im weiteren Verlauf erläutert werden. Zur Bearbeitung dieser Schritte werden neben Expertenmeinungen und archivierten Daten auch die jüngst gewonnenen Erkenntnisse des Hochwasserereignisses im Juli 2021 miteinbezogen. Ergebnisse Nach Durchführung der Vulnerabilitätsanalyse der an der Trinkwasserversorgung beteiligten Teilprozesse Abbildung 1 Vulnerabilität der Teilprozesse (eigene Darstellung) Die Vulnerabilitätsanalyse zeigt, dass eine Gefahrenlage vorliegt. Somit muss das mögliche Schadensausmaß und die Eintrittswahrscheinlichkeit ermittelt werden (Tab. 1). 54 Fekete, A.; Beckers, D. & Hetkämper, C. (Eds.) 2022 Tabelle 1: Beispielhafte Bestimmung des Schadensausmaßes in Anlehnung an Wienand & Hasch, 2019 (eigene Darstellung) Betroffene/Dauer < 8h 8-24h 1-3 Tage 4-7 Tage >7 Tage 1 2 3 3 4 400 800 2 3 4 4 5 3 4 4 5 5 Die farblich markierten Felder in Tab. 6 stellen die zwei Szenarien dar. Da im Referenzereignis (blau) laut Halfen ein Großteil der Einwohner*innen evakuiert wurden, befanden sich weniger Menschen im betroffenen Gebiet als im hypothetischen Szenario. (Online - Interview mit Herrn Lutz Halfen der Stadtwerke Erftstadt (04.11.2021)) Dort wird davon ausgegangen, dass alle Einwohner*innen noch im Ort sind. Bei dem Referenzereignis wird io (magenta) werden alle Berenzereignis besitzt das Schadensausmaß einen Wert von 3 und für das analysierte Szenario einen Wert von 4. Ein Wert von 3 bedeutet ein mäßiges Schadensausmaß, wohingegen der Wert 4 ein großes Schadensausmaß klassifiziert. (Wienand & Hasch 2019) Abbildung 2: Risikomatrix für den Zeitraum von 1 - 3 Tagen zur Auswirkung eines extremen Hochwasserereignisses in Erftstadt - Blessem auf die Trinkwasserversorgung in Anlehnung an Wienand & Hasch, 2019 (eigene Darstellung) das Schadensausmaß davon abhängt, ob eine frühzeitige Evakuierung des betroffenen Gebietes möglich ist oder nicht. 55 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2022 Fazit Ist ein Schadensereignis bereits eingetroffen, können nur kurzfristig umsetzbare Maßnahmen (Notwasserversorgung) zur schnellen Bewältigung des Szenarios führen. Vorbeugende Maßnahmen, die dafür sorgen sollen, dass die Wahrscheinlichkeit eines KRITIS - Ausfalles möglichst gering ist, sind im Sinne der Widerstandsfähigkeit des Gemeinwesens gegenüber Katastrophen zu präferieren (UNDRR. 2015). Die Bezirksregierung Arnsberg (BA) als zuständige Bergbehörde in NRW wurde aufgrund dessen vom Wirtschaftsministerium NRW zusammen tragt, dass Maßnahmen zur Gefahrenabwehr im Erosionsbereich zwischen dem Tagebau Blessem beinhaltet. Dieses Projekt, das bereits 2025 beendet sein soll, hat das Ziel, eine langfristige Sicherung der vom Hochwasser betroffenen Bereiche herstellen zu können. (Bezirksregierung Arnsberg. 2022) Literaturangaben Bezirksregierung Arnsberg. (2022). Gefahrenabwehr im Erosionsbereich zwischen Tagebau Blessem, Ortschaft Blessem und Fluss Erft Online - Interview mit Herrn Lutz Halfen der Stadtwerke Erftstadt (04.11.2021) UNDRR. (2015). Sendai Framework for Disaster Risk Reduction 2015-2030 Wienand, I., & Hasch, M. (Mai 2019). Sicherheit der Trinkwasserversorgung - Teil 1: Risikoanalyse 56 Fekete, A.; Beckers, D. & Hetkämper, C. (Eds.) 2022 Teil IV Zukunftsgerichtete Betrachtungen 57 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2022 Anna Müller Das Hochwasser zeigte, dass Veränderungen im Katastrophenschutz notwendig sind. Über Änderungen der Konzepte, Vereinheitlichungen über Landesgrenzen hinweg und Neuerungen in der Alarmierung wird schon vielfach gesprochen. Zwei weitere Gedanken lassen sich jedoch auch aus dem Einsatz als Lehren ziehen, die ein Konzept der Zukunft bilden können. Im Fokus dabei steht die Einsatzkraft, die das Kernelement des Katastrophenschutzes und seiner Leistungsfähigkeit darstellt. 1. Regelungen zu Einsatzzeiten Wie lief der Einsatz beim Hochwasser ab? Bereits am Mittwoch dem 14.7. kam abends die erste Alarmierung. Bis zum 17.7. morgens früh waren unsere Einsatzkräfte fast durchgängig an unterschiedlichen Einsatzorten zur Unterstützung eingesetzt. Auch danach ging die Kette der Alarmierung fort, was jedoch hier nicht betrachtet werden soll. In dieser Zeit vom 14.7. bis zum 17.7. kamen insgesamt drei Alarmierung. 1. Alarmierung: Unterstützung im eigenen Kreis 2. Alarmierung: Unterstützung im Nachbarkreis 1 3. Alarmierung: Unterstützung im Nachbarkreis 2 Die erste Alarmierung konnte mit einer Gruppe, die zweite mit einem Trupp abgearbeitet werden. Mit der dritten Alarmierung am 15.7. am frühen Morgen begann unser längster Hochwasser-Einsatz. Insgesamt wurde eine Tag-, eine Nachtund erneut eine Tagschicht gestellt, welche 18, 19 und 21 Stunden dauerten. Hier fehlten klare Entscheidungen zur Ablöse, und versprochene Ablösen verspäteten sich ungewiss. Erschwerend hinzu kam eine Fahrzeit von etwa einer Stunde, die sich in diesen Einsatzzeiten ebenfalls niedergeschlagen haben. testens bei der dritten Alarmierung merkte man den Personen die Müdigkeit dann deutlich an. Obwohl Ruhemöglichkeiten vorhanden waren, wurden diese nur teilweise genutzt, da auch die Aufgaben an der Einsatzstelle erfüllt werden mussten. Positiv ist hervorzuheben, dass die Motivation der Einsatzkräfte durch die Müdigkeit nicht geschmälert wurde. Tabelle 1: Zusammenfassung der Alarmierungskette vom ersten Alarm am 14.7. bis zum Ende der Einsatzunterstützung im Nachbarkreis 2 Abmarsch 14.7. später Nachmittag Unterstützung im eigenen Kreis Abmarsch 14.7. nachts Unterstützung im Nachbarkreis 1 durch wenige Einsatzkräfte Abmarsch 15.7. früh morgens Tagschicht 1 Unterstützung im Nachbarkreis 2, Fahrzeit etwa 1 Stunde Abmarsch 15.7. später Nachmittag - Nachtschicht Nachtschicht im Nachbarkreis 2 Abmarsch 16.7. Vormittag Tagschicht 2 Tagschicht 2 im Nachbarkreis 2 Einsatzende in dieser Alarmierungskette 17.7. gegen frühen Morgen 64 Fekete, A.; Beckers, D. & Hetkämper, C. (Eds.) 2022 Das IRG sieht hier einen zunehmenden Bedarf in der Praxis, digitale Geodaten zu nutzen, wie es z. B. durch mangelndes Kartenmaterial oder Kenntnisse in der Nutzung vorhandener digitaler GIS Angebote beim Hochwasser 2021 deutlich wurde. Es wird zudem die fachliche Kompetenz im Umgang mit GIS von Absolvent*innen als notwendig angesehen, damit diese auch in Hinblick auf den Wandel im Bereich der Verarbeitung von Geodaten in der Gefahrenabwehr zukunftsfähig bleiben. Daher wird ein Ausbau der Anwendungen und Kompetenzen im Bereich der GIS in der Forschung, Lehre und im Transfer zur Praxis angestrebt. Das Risk & Rescue GIS-Lab am IRG GIS werden am IRG in verschiedenen Bereichen der Gefahrenabwehr und des Katastrophenschutzes eingesetzt. Sie dienen dazu, neue Erkenntnisse durch die Verknüpfung von unterschiedlichen Daten mit Raumbezug zu gewinnen. Sie werden zur Darstellung genutzt aber insbesondere auch für Berechnungen mit räumlichen Daten. Es erfolgt die Analyse von Luft und Satellitendaten, die Kartierung von Naturgefahrenzonen (wie Waldbrand-, Hochwassergefahren oder Erdbebenzonen), welche z. B. zur Verschneidung mit weiteren Daten (z. B. solchen zur Expositionsund Verwundbarkeitsanalyse) genutzt werden. Weitere Anwendungsfälle sind Analysen Kritischer Infrastrukturen (KRITIS) sowie Erreichbarkeitsanalysen und Standortplanung von z. B. Feuerwehr und Rettungsdienst. Andere wichtige Themen, welche u. a. auch auf Grundlage räumlicher Daten bearbeitet werden, sind die soziale Verwundbarkeit und Resilienz. Arbeitsbereiche von GIS im Rettungsingenieurwesen: • Anfahrtswege, Rettungswege, Routing • Befahrbarkeit von Risikozonen und Großschadenslagen • Aufstellflächen von Einsatzfahrzeugen, Wendekreise • Standortplanung für Neubauten von Feuerwachen, Krankenhäusern usw. • Reichweitenanalysen von Funk und Sirenenwarnungen • Sichtweitenanalysen • Gefahrenzonen von Naturgefahren, menschlichen und technischen Gefahren • Risikound Verwundbarkeitsanalysen von Bevölkerung, Infrastruktur, Umwelt usw. • Spezielle Ausfallzonen und Kaskadeneffekte Kritischer Infrastruktur • Evakuierungszonen • Wachstum von urbanen Regionen in Gefahrenzonen, Landnutzungswandel • Digitale Lagekarten • Entscheidungsunterstützungssysteme Beispiele für Karten und GIS-Methoden finden sich z. B. auf der Webseite des GIS-Labors: riskncrisis.wordpress.com unter Risk & Rescue GIS-Lab. Das GIS-Labor (Risk & Rescue GIS-Lab) am Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr (IRG) der TH Köln wurde 2021 gegründet und ist im Verantwortungsbereich von Herrn Prof. Dr. Alexander Fekete angesiedelt. 65 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2022 Neben fachlicher Betreuung durch Mitarbeitende des Instituts ist das Labor aktuell regelmäßig von einem Mitarbeiter und einer wissenschaftlichen Hilfskraft mit GIS-Erfahrung besetzt, sodass eine Sprechstunde während der Vorlesungszeit angeboten werden kann. In diesen Zeiten, gerne aber auch per E-Mail, erfolgt die Beratung von Studierenden bei Geoinformationssysteme betreffenden Fragestellungen. Aktuell bietet die Räumlichkeit des Labors nur Kleingruppen und Einzelpersonen Platz. Mittelfristig ist es jedoch geplant, auch einen Raum mit PC-Arbeitsplätzen zur Nutzung von GIS bereitzustellen. Es wird derzeit noch am weiteren Aufund Ausbau des Labors gearbeitet und auch langfristig eine kontinuierliche Ausweitung und Verbesserung des Angebotes des Labors angestrebt. Dies umfasst unter anderem den Aufbau einer Webseite, die Entwicklung eines Planes zur Erfassung, Verwaltung und Zurverfügungstellung von vor allem am Institut und durch Studierende erarbeiteten Geodaten. Dazu soll ein entsprechendes Forschungsdatenrepository aufgebaut werden. Darüber hinaus werden Angebote für Studierende in Form von GIS-Kursen und Workshops entwickelt. Die Veranstaltungen sollen bei dem Einstieg in die Arbeit mit Geoinformationssystemen helfen und ermöglichen, Anwendungen in der Gefahrenabwehr kennenzulernen. Zudem wird zur Etablierung und zukünftigen Ausrichtung sowie Positionierung des Labors darauf hingearbeitet, Netzwerke zu schaffen, das Labor zu einem Kompetenzzentrum im Bereich der Geoinformationssysteme in der Gefahrenabwehr auszubilden und bei Forschungsprojekten mitzuwirken. Auch in der Lehre werden Geoinformationssysteme für Fragestellungen der Gefahrenabwehr bereits zum Teil in vielen Modulen im Bachelor und Master am IRG genutzt. Dieser Bereich soll durch das GIS-Labor am IRG ebenfalls weiter ausgebaut werden. Die Relevanz von GIS in Bezug auf Hochwasser Im Bereich Wasser und Wassergefahren sind die (möglichen) Betätigungsfelder des IRG aktuell Hochwasser, Starkregen, Wasser Verund Entsorgung, Dürre, Löschwasserversorgung und -rückhaltung, Verknüpfung mit anderen KRITIS, Auswertung von Geländemodellen zur Abschätzung der Auswirkungen von Starkregenereignissen mittels Senkenberechnung, Standortanalyse sowie Erreichbarkeit während oder nach Überflutungen. Ebenfalls werden Befragungen und Surveys durchgeführt, sowie statistische Daten aus dem Zensus, Daten aus Geoportalen und Satellitenbilder genutzt, um im GIS diverse qualitative Daten mit quantitativen Daten zu verknüpfen. Es werden Betroffenheitsaspekte, Wahrnehmung von Hochwasserrisiken, soziale Netzwerke und weitere soziale Aspekte integriert. Ebenso werden numerische Angaben zu Flächengrößen von Hochwasserereignissen der Vergangenheit wie auch modellierte mögliche Hochwasserzonen und Landnutzungsklassen einbezogen. Im Nachgang der Katastrophe im Ahrtal letztes Jahr erfolgte insbesondere eine Auseinandersetzung mit den entsprechenden Hochwasserszenarien z. B. durch die Kartierung von Schäden an der Infrastruktur in den Flutgebieten im Ahrtal. Auch konnten z. B., anhand des vom Copernicus Emergency Management Service (EMS) (European Commission 2021) zur Verfügung gestellten Überflutungsbereichs, Bevölkerungsanteile und betroffene Infrastruktur (KRITIS) ermittelt werden, welche vom Hochwasser betroffen waren und in Verbindung mit weiteren Daten Auswirkungen darauf abgeschätzt werden. Mittels Erreichbarkeitsanalysen wurden Einflüsse zerstörter Infrastruktur auf die Hilfsfristen der Feuerwehren bewertet. Auf Grundlage dieser und anderer Daten sollen u. a. künftige Bedrohungslagen besser eingeschätzt werden können. 66 Fekete, A.; Beckers, D. & Hetkämper, C. (Eds.) 2022 Standort einer integrierten Leitstelle in NRW in der Starkregengefahrenkarte aus dem GeoPortal NRW. Viele Gebäudeteile und Zufahrtswege wären überflutet; solche GIS-Daten können für die Vorbereitung und Planung essentiell sein. Es sind weitere Arbeiten im Bereich Hochwasser und der anderen genannten Tätigkeitsfelder des Labors bzw. des Instituts geplant. Diese sind im Wesentlichen Risikoanalysen von KRITIS gegenüber Hochwasser und daraus resultierende Kaskadeneffekten, soziale Verwundbarkeit gegenüber Hochwasser sowie Multigefahrenanalysen von Hochwasserereignissen in Kombination mit weiteren Naturund menschengemachten Gefahren wie Erdrutschen, pandemischen Lagen oder Erdbeben. Kontakt Technische Hochschule Köln Risk & Rescue GIS-Lab Campus Deutz Betzdorfer Straße 2 50679 Köln Raum ZN 4-10b T: 0221 8275 4112 E: [email protected] Internet: https://www.th-koeln.de/anlagen-energie-und-maschinensysteme/risk--rescue-gis-labor_82929.php Blog: https://riskncrisis.wordpress.com/risk-rescue-gis-lab/ Sprechstunde (während der Vorlesungszeiten): Mittwochs: 10:00 Uhr bis 12:00 Uhr und 14:00 Uhr bis 16:00 Uhr Sowie nach Vereinbarung Technische Hochschule Köln Prof. Dr.-Ing. Alexander Fekete Campus Deutz Betzdorfer Straße 2 50679 Köln E: [email protected] 67 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2022 Literaturangaben European Commission (2021): Copernicus Emergency Management Service - Mapping. EMSR517: Flood in Western Germany. Online verfügbar unter https://emergency.copernicus.eu/mapping/list-of-components/EMSR517/GRADING/EMSR517_AOI15, zuletzt geprüft am 15.07.2022. Hao-wei, Yao; Wen-li, DONG; Dong, LIANG; Rogner, Arnd; Jing-wei, Lai (2011): Application of GIS on Emergency Rescue. The 5th Conference on Performance-based Fire and Fire Protection Engineering. In: Procedia Engineering 11, S. 185 188. DOI: 10.1016/j.proeng.2011.04.645. Jayawardene, Vimukthi; Huggins, Thomas J.; Prasanna, Raj; Fakhruddin, Bapon (2021): The role of data and information quality during disaster response decision-making. In: Progress in Disaster Science 12, S. 100202. DOI: 10.1016/j.pdisas.2021.100202. Majlingova, Andrea; Hilbert, Radovan; Restas, Agoston (2018): GIS Applications in the Disaster Management - an Overview. In: FIRE PROTECTION & SAFETY Scientific Journal 12 (1), S. 44 81. DOI: 10.17423/delta.2018.12.1.37. U.S. Geological Survey (USGS) (o. J.): What is a geographic information system (GIS)? Online verfügbar unter https://www.usgs.gov/faqs/what-geographic-information-system-gis, zuletzt geprüft am 14.07.2022. 68 Fekete, A.; Beckers, D. & Hetkämper, C. (Eds.) 2022 Alexander Fekete Spuren vor Ort ein Jahr später Ein Jahr danach sind vielerorts die Schäden und Zerstörung noch sehr deutlich zu sehen. Die Aufbauarbeiten an Gebäuden und Infrastruktur sind ebenso sichtbar, wie die Dankesplakate, und mobilen Beleuchtungsund Heizungseinrichtung, die noch immer in Betrieb sind. Über einige zerstörte Felder und Sportanlagen ist sprichwörtlich Gras gewachsen. Auch nimmt das normale Leben seinen Lauf, und es ist für einige noch gewöhnungsbedürftig, dass im Ahrtal Tourismus wieder aktiv beworben wird. Auch in der Frage der Erinnerungskultur gibt es Debatten, ob in Bad Neuenahr eine zerstörte Brücke als Erinnerung und Touristenmagnet erhalten werden soll oder nicht. Man merkt dem Ganzen also deutlich die Phase nach einer Katastrophe an, wo die nicht regionale Aufmerksamkeit das Thema langsam verdrängt, und es auch lokal in einen Alltagszustand übergeht. Spuren in den Medien und Köpfen In der national-medialen Aufmerksamkeit verbleibt das Thema momentan noch, da Untersuchungsausschüsse noch andauern. Das beeinflusst die Aufarbeitung, denn viele Gemeinden und Organisationen sind noch nicht bereit, alle Auskünfte und Informationen sorglos mit der Forschung zu teilen. Umso wichtiger ist es auch, verschiedene Stimmen zu hören und zu dokumentieren, bevor das Vergessen einsetzt. Diejenigen, die betroffen waren und auch diejenigen, die geholfen haben, haben viele Eindrücke, die sie noch lange prägen werden. Aber wie kann man das Wissen dazu aufheben oder anderen mitgeben, die im Tal nebenan gar nicht betroffen waren? Auch hierfür braucht es solche wissenschaftlichen Aufzeichnungen, und auch Aufzeichnungen und Stimmen von jenen, die es nicht gewohnt sind, aufzuschreiben. Dies kann man auf verschiedene Art und Weise tun: eine Audioaufzeichnung etwa, von Personen, die man kennt. Das kann auch von Nicht-Wissenschaftler:innen durchgeführt werden, zum Beispiel mit Verwandten oder Bekannten. Auch ist es wichtig, Fotos, die gemacht wurden, aufzuheben oder der Forschung ggf. zur Verfügung zu stellen. Denn es war tatsächlich schwer, von außen an Bildmaterial zu kommen. Anfangs natürlich, da man vor Ort wichtigeres zuerst zu tun hatte. Später aber auch, da es wegen der Gerichtsverfahren dann Bedenken gab, auch gerade von Einsatzorganisationen. Umgang mit Erinnerungen und Erfahrungen In diesem Sinne ist dieser Sammelband nur eine Anregung, für dieses Ereignis, mehr darüber nachzudenken, auf welche vielfältige Weise Erinnerungen aufbewahrt werden können. Es muss nicht gleich ein Museum sein, wie es zum Beispiel nach dem Erdbeben 1976 in Italien im Friaul entstanden ist. Es muss auch nicht nur eine wissenschaftliche Aufzeichnung sein. Aber es ist wichtiges Wissen, das Menschenleben retten kann und das sich viele in einem Krisenfall wünschen, auch gerade in den betroffenen Verwaltungen, Behörden wie auch den Einsatzorganisation. Dieser kleine Sammelband mit wenigen Beiträgen sei daher vor allem eine Art Denkzettel, künftige Aufarbeitung in verschiedenen Phasen und Jahren nach dem Ereignis weiter zu betreiben. Es ist normal, dass sowohl das gesamte Interesse als auch das wissenschaftliche Interesse nach Ereignissen rasch nachlässt. Jedoch sind einige Langzeitstudien wichtig, wie sie zum Beispiel nach dem Erdbeben in Friaul von Robert Geipel durchgeführt wurden. Denn nicht nur muss man dokumentieren und verstehen, welche geplanten Aufbaumaßnahmen sich auch als wie sinnvoll herausgestellt haben. Man kann das auch nutzen, um beim 69 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2022 nächsten Ereignis bereits gemachte Fehler zu vermeiden und bereits gemachte Erfahrungen erfolgreich einsetzen zu können. Das ist alles leichter gesagt als getan und auch daher danken wir den Beitragenden in diesem Sammelband für Ihre Mühe. Zur Frage der Ethik von Forschung nach einer Katastrophe Eine Frage, die häufig nicht offen ausgesprochen wird, ist die Skepsis, ob es angebracht ist, über Katastrophen unmittelbar nach dem Ereignis und vor Ort zu forschen. Als sich die Flut am 14. Juli abzeichnete mit ihren Ausmaßen in direkter Nachbarschaft der Technischen Hochschule Köln, stellte sich die Frage, wie und ob man hier von wissenschaftlicher Seite helfen könnte oder sollte. Viele, die als Einsatzkräfte tätig waren, konnten direkt helfen. Viele in der Hochschule waren auch direkt selbst betroffen. Aus der normalen Bevölkerung haben sich hohe Zahlen von freiwilligen Helfenden gefunden, die über Wochen oder Monate in den betroffenen Regionen tatkräftig geholfen haben. Unsere Umfragen dazu zeigen auch, dass es viele gab, die von der Ferne aus helfen wollten und es auch tun konnten. Jedoch ist die Einbindung von spontan Helfenden ein in der Gefahrenabwehr bereits heiß umstrittenes Thema. Wie also helfen, ohne zu stören oder wie helfen, um sich nahtlos einzufügen? Solche ähnlichen Fragen stellen sich auch für jene, die forschend tätig werden wollen und damit ihren Beitrag leisten. Damit stellt sich aber auch die Frage, welche Forschungsarbeit opportun und ethisch vertretbar ist. Wie vermeidet man dabei, im Weg zu stehen oder Gefühle von Betroffenen oder Helfenden zu verletzen? In den ersten Tagen einer Katastrophe ist es zum Beispiel ethisch eine Frage, ob man eine Katastrophe vor Ort bereits dokumentieren sollte. Wenn man Einsatzkräften oder Betroffenen im Weg steht, oder vor Ort auch nur unauffällig dokumentieren möchte; man wird ebenfalls eine Art Hochwassertourist, oder als solcher möglicherweise wahrgenommen. Daher haben wir von diesen Besuchen in den betroffenen Regionen abgesehen. Forschende anderer Hochschulen haben das nicht, sie hatten allerdings auch wichtige Aufgaben in der flächendeckenden Dokumentation übernommen. Zudem haben Sie sich mit beschrifteten Westen oder Fahrzeugen als Hochschule kenntlich gemacht. Eine weitere Frage ist, wie ethisch es ist, Menschen zu befragen, die betroffen sind. Ab wann kann man Menschen aufsuchen und mit den Geschehnissen konfrontieren? Wie muss man auch bei Einsatzkräften behutsam vorgehen und bei Befragungen möglicherweise gleich psychologische Betreuung mit organisiert haben? Welche Ergebnisse darf man wie und wo veröffentlichen? Natürlich gilt diese Frage auch dann, wenn man längst das Einverständnis der Befragten hat. Aber es trat noch ein anderes Problem auf. Während einige anfingen, Betroffenen-Interviews zu führen oder Interviews mit Expertinnen und Experten, waren anfangs einige noch aufgeschlossener, bis sich dann abzeichnete, dass die Schuldfrage durch polizeiliche Untersuchungen und Gerichtsverfahren untersucht werden sollte. Verständlicherweise haben danach viele ihre Einwilligung zurückgezogen. Oder auch Organisationen die wissenschaftliche Erforschung gestoppt, zumindest in der Zusammenarbeit mit Externen. Bis die Ereignisse gerichtlich aufgearbeitet sind, scheint es aber auch in diesem Fall länger als ein Jahr zu dauern. In diesem Zeitraum gehen wertvolle Möglichkeiten verloren, direkte Eindrücke aus erster Quelle oder zweiter Quelle rechtzeitig zu dokumentieren. Die Erfahrung, dass nach bereits erfolgten Expert:innen-Interviews diese rein wissenschaftlich angedachten Aufzeichnungen auch von der Polizei angefragt wurden, zeigt, dass auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schließlich in ein ethisches Dilemma geraten. Müssen sie diese Information herausgeben, obwohl sie vorher zugesichert hatten, genau dies nicht zu tun? Zumindest ist diese Frage erst 70 Fekete, A.; Beckers, D. & Hetkämper, C. (Eds.) 2022 einmal ungeklärt und es fehlt eine Art ethische Beratung dazu für die Wissenschaft. An dieser Stelle stellt sich abschließend die Frage, wie so etwas künftig gut organisiert und vorbereitet werden kann. Sich nicht beim Denken im Kreis drehen; vom Wiederaufbauund Planungs-Dilemma zum Risiko-Wissensmanagement Gerade weil der gesamte Sammelband sich im Titel und Inhalt nur um Hochwasser dreht, ist es umso wichtiger auch andere Themen anzusprechen. Denn ein Grundsatz in der Katastrophen-Management Denkweise ist es, sich nach einem Ereignis nicht nur wieder exakt auf das gleiche Ereignis vorzubereiten. Natürlich muss man aus den Fluten Lehren ziehen. Natürlich muss man jetzt auch andere, gerade die nicht betroffenen Gemeinden, gut vorbereiten. Auch weisen wiederkehrende Ereignisse auf Problembereiche hin, um die man sich ebenfalls kümmern muss. Dennoch ist es wichtig, immer ein gewisses Portfolio unterschiedlicher Szenarien im Katastrophen-Management zu beachten. Neben einem Hochwasser also auch eine menschlich-technische Gefahr, zum Beispiel wie einen Stromausfall, Chemieunfall oder Cyberangriff oder eine Pandemie. Sich beim Denken nicht im Kreis zu drehen, bezieht sich aber nicht nur auf die Einengung auf nur eine Gefahr, die gerade vorgekommen ist. Sondern auch beim Wiederaufbau daran zu denken, Dinge gleich mit zu verbessern. Oder für andere mögliche Ereignisse mit zu planen. Das fällt sehr schwer, und das haben die Flutereignisse 2021 wieder einmal illustriert. Denn natürlich ist der Wunsch erst einmal dringend für die Betroffenen und auch für die Handelnden, sofort alles wieder aufzubauen. Es herrscht ein enormer Erwartungsdruck und Wiederaufbaudrang. Es hat sich gezeigt, dass trotz besseren Wissens mögliche Wiederaufbaufehler nicht vermieden werden konnten. Obwohl man sich bewusst ist, dass man nahe am Fluss gleich wieder ins Hochwasser hinein baut. Manchmal ist das eben nicht zu vermeiden, schlussfolgern viele. Deutschland ist nicht alleine mit einer Ungeduld und einer Frustration über langsame Prozesse beim Wiederaufbau. Nach einem verheerenden , möglichst rasch wieder aufzubauen. Behörden wurde dort nachgesagt, zu langsam zu sein, dabei wurden in der Planung viele gute Dinge mitbedacht. Man kann daraus die Lehre ziehen, dass man in Zukunft eine Mischung vornehmen muss. Einerseits raschen Wiederaufbau zulassen, auch wenn man sehenden Auges schon ahnt oder sogar weiß, dass einzelne Gebäude wieder abgerissen werden müssen. Und andererseits, behutsam gleich Vorschläge machen, Verbesserungen mit einzubauen und zu planen. Im besten Falle werden natürlich bei einem künftigen Katastrophenfall vor Ort nicht gleich nur die Einsatzorganisationen, die helfen und retten, sondern auch jene, die planen können einbezogen. In Kriegen wird das teilweise recht eindrucksvoll gemacht. Im zweiten Weltkrieg haben die Deutschen Polen angegriffen und noch unter dem Bombardement haben sie bereits die Fassaden und die Gebäude dokumentiert, um den Wiederaufbau zu planen. Ähnliches findet aktuell wohl auch in der Ukraine statt. Wenn man Fachberater:innen hätte, die wissen und verstehen, welche Schwierigkeiten es beim Wiederaufbau gibt, so könnten diese vor Ort gleich den Betroffenen helfen, damit diese selbst entscheiden können, Fehler zu vermeiden. Es gab tatsächlich auch Bürgerinitiativen, wie die aus Rodenkirchen in Köln, die mit einem Beratungsmobil unermüdlich die Betroffenen vor Ort beraten haben. Diese Bürgerinitiative hatte sich aus den Erfahrungen der Hochwasser in Köln 1993 und 1995 gebildet. Aber diese extrem wertzuschätzende Arbeit weniger Ehrenamtlicher der Bürgerinitiative steht vor dem Problem, dass sie schon längst im Ruhestand sind und nur wenige waren. Es braucht mehr solcher engagierten Menschen, die ihr Wissen über Katastrophen auch noch 71 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2022 nach Jahrzehnten ungefragt teilen. Man muss auch hier eine Art Erinnerungskultur schaffen und viele Menschen in der Breite ausbilden, die als Multplikator:innen später anderen (Betroffenen und Interessierten) helfen können. Gewisse Risiken gehen Menschen auch bewusst ein, und nehmen sie in Kauf. Man muss eine Abwägung treffen, Menschen Entscheidungshoheit zu belassen und ihnen trotzdem Optionen aufzuzeigen. Dies wurde auch beim Hochwasser in Großbritannien 2014 so gehandhabt. Anwohner weigern sich, zu evakuieren und die Behörden haben umgeschwenkt auf Informationen, statt Zwangsräumung. Dann konnten die Menschen selbst entscheiden, ob sie das Risiko von Plünderung wirklich gravierender fanden als das Risiko, selbst zu ertrinken. - , rasch auf. Fast jedes Sicherheitsthema, auch ein Hochwasser ist mit einem Entscheidungsdilemma verbunden, die Freiheit dafür teilweise aufzugeben. Nicht nur bei Pandemie-Maßnahmen wie Maskenpflicht oder Impfungen, auch bei anderen Katastrophenarten oder Krisenarten ist es so, dass man jede Sicherheit mit gewissen Einschränkungen erkauft. Bei Hochwasser schützt ein Deich, versperrt aber den Zugang zum Wasser. Und eine Gemeinde kann geschützt werden, wenn eine andere einen Acker als Überflutungsgebiet bereitstellt. Damit entsteht auch die Frage der Risikoverteilungsgerechtigkeit zwischen Oberund Unterliegern. Bei größeren Entscheidungen über Schutzräume oder Schutzwände, Ausweichbecken oder der Frage der Bevorratung gilt es, nicht nur für sich selbst zu denken, sondern auch bewusst sein, dass man das Risiko bei eigenen Schutzmaßnahmen möglicherweise auf andere verlagert. Wer sich also die Sicht auf den Rhein nicht verbauen lassen möchte und Planfeststellungsverfahren damit in die Länge zieht, beeinflusst damit fast wörtlich das Risiko anderer. Das ist bei einer Pandemie durchaus ähnlich, auch ohne Baumaßnahmen. Sich beim Wiederaufbau nicht im Kreise zu drehen und nur an das zu denken, was man bereits kennt und unbedingt wieder herstellen möchte, ist auch menschlich gesehen nicht einfach zu vermeiden. Es ist sehr verständlich und daher muss man hier auch eine Ausgewogenheit finden. Für eine Beratungsleistung erkennt man, dass hier eine sehr umfassende und interdisziplinäre Denkweise und Kompetenzarten gefordert ist. Bisher sind zu viele Ausbildungsberufe in den Versicherungen oder in der Berechnung der Finanzmathematik oder auch beim Katastrophenschutz zu sektoral, zu spezifisch vorhanden. Es bedarf an Menschen, mit einem Überblick über das Thema, von der persönlichen und psychologischen Betroffenheit bis hin zum Gemeindeund Gesamtwohl. Das klingt vielleicht viel verlangt, jedoch ist es genau das, was wir versuchen systemübergreifend und transdisziplinär auszubilden. Das beinhaltet das Mitdenken über den Umkreis von einzelnen Gefahren hinaus zu verschiedensten Sektoren von Betroffenheiten und auch Bewältigungsmöglichkeiten. Häufig wird so eine Ausbildung in ihrer Sinnhaftigkeit angezweifelt von jenen, die hier einen Katastrophismus vermuten. Aussagen Feld schon längst gehört. Es ist ein Dilemma, denn wenn dann auch nichts passiert, scheint bewiesen, dass es unrealistisch war. Tritt dann so eine Katastrophe ein unter, wie man es oft nennt, Verkettung ungünstiger UmMahner gab, die das schon längst gesehen hatten. There is no glory in prevention. 72 Fekete, A.; Beckers, D. & Hetkämper, C. (Eds.) 2022 Mit zunehmenden Ereignissen steigt jedoch auch die Akzeptanz dieser Thematik, und es ist bedauerlich, dass es immer erst zu Ereignissen oder Häufungen davon kommen muss, dass ein Umdenken einsetzt. Auch hierfür ist es gut, Vermittler zu haben, die Erfahrung haben und systemübergreifend denken können. Bei der Flut 2021 haben viele leider am eigenen Leib diese Erfahrung machen müssen. Jedoch können sie auch in anderen Gefahrensituationen oder anderen Regionen wertvolle Hinweise geben, aus ihrer Erfahrung, die sie unmittelbar oder danach gemacht haben. Es ist wünschenswert, dieses Wissen aufzuheben und weiter systematisch in Zukunft zu erhalten. Eine Art gesamtgesellschaftliches Risiko-Wissensmanagement. 73 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2022 Chris Hetkämper Einführung Aufarbeitung und Erinnerungskultur ein Jahr nach den Flutereignissen 2021 kete beschreibt unter anderem die Notwendigkeit, sich beim Wiederaufbau nicht im Kreis zu drehen und durch die anderen Beiträge wird unterstrichen, welche Breite an Themen und Schnittstellen die Flutkatastrophe aufgezeigt hat. Mit genau solchen Themen befasst sich die Arbeitsgruppe Risikound Krisenmanagement am Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr. Entsprechend wird mit diesem Beitrag ein kleiner Einblick in die Arbeit mit Parallelen und Hintergründen zum Flutereignis 2021 gegeben. Das Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr beteiligt sich selbst durch aktive Forschung an der Untersuchung und Entwicklung von Methoden, um das Risikound Krisenmanagement Kritischer Infrastrukturbetreiber zu verbessern. In diesem Kontext werden nachfolgend zwei Forschungsprojekte sowie eine Masterarbeit als konkreter Anwendungsfall beschrieben. Auf Seite der Governance oder auch Steuerung wird in einem gemeinsamen Projekt (IMPULS) mit der Wasserversorgung Rheinhessen-Pfalz GmbH im Auftrag des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe nach Pushund Pullsowie Hebelfaktoren gesucht, um die Implementierung von integrierten Risikomanagementsystemen zu fördern und verbessern. Diese Managementsysteme sind bspw. erforderlich, um während komplexer Ereignisse in Zusammenarbeit mit Dritten und Abhängigkeit zu anderen Infrastrukturen handlungsfähig zu bleiben. Das nächste Beispiel, das Projekt NOWATER hingegen untersucht spezifischer für Krankenhäuser, wie mit dem Ausfall der Trinkwasserverund -entsorgung umgegangen werden kann. Thematisch zusammenhängend wurde, im dritten Beispiel, für den Bereich der Stromversorgung in der vorgestellten Masterarbeit eine Methode zur Bewertung der Notfallplanung der Energieversorgung entwickelt und initial empirisch erprobt. Integriertes Risikomanagement Pushund Pull-Faktoren der Kritischen Infrastrukturen mit besonderem Fokus auf den Sektor Wasser Das Hochwasser 2021 hat u.a. auch wieder einmal fehlende Schnittstellen in der Zusammenarbeit zwischen Sektoren, aber auch Verfahren aufgezeigt. Schon im Rahmen eines Vorgängerprojekts, KIRMin, wurde das Thema Hochwasser für die Stadt Köln und den angrenzenden Rhein-Erft-Kreis untersucht. Im Projekt wurde dabei auch eine DIN-Spezifikation erstellt, um oft getrennte Vorgänge bei einer allgemeinen Risikoanalyse für den Bevölkerungsschutz besser mit einer Risikoanalyse für Kritische Infrastrukturen zu integrieren. Die Forschungsarbeit im Projekt impuls hat zum Ziel, diese Integration zu vertiefen, in einzelnen Sektoren der KRITIS, hier im Bereich der Wasserversorgung. Es geht auch darum, Faktoren zu identifizieren, die Betreiber Kritischer Infrastrukturen inoder extrinsisch motivieren, ein (integriertes) Risikomanagement zu etablieren. Aus diesen werden Hebelfaktoren abgeleitet, welche dem Fördermittelgeber, das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, zur Verfügung gestellt werden, damit Kritische Infrastrukturen zukünftig resilienter gestaltet werden können. Hierbei umfasst das Vorhaben ebenfalls die Erhebung von Optimierungsmöglichkeiten oder Hindernissen in der Umsetzung eines integrierten Risikomanagements, um Punkte identifizieren zu können, an welchen noch weitere Anpassungen und Arbeiten notwendig sind. 80 Fekete, A.; Beckers, D. & Hetkämper, C. (Eds.) 2022 Fazit Das gestufte Bewertungsmodell bietet einen ersten Ansatz, ein allgemeines Werkzeug für die Krankenhausalarmund Einsatzplanung im Bereich der Energieversorgung zur Verfügung zu stellen. Im Rahmen der Masterarbeit konnte eine erste exemplarisch-empirische Anwendung erfolgreich durchgeführt werden. Damit die Methode eine tatsächliche praktische Anwendbarkeit erreichen kann, sind jedoch weitere Arbeiten erforderlich. Diese werden im Rahmen des Forschungsprojekts NOWATER durchgeführt. Das umfasst neben einer Evaluation ebenfalls die Ausarbeitung der Fortgeschrittenstufe gemeinsam mit einem Expert:innen-Gremium. Literatur 24RHEIN. Klinikum Leverkusen evakuiert hunderte Patienten Solingen hilft aus. 2021. url: https://www.24rhein.de/rheinland-nrw/leverkusen-klinikum-evakuierung-hunderte-patienten-stromausfall-operationen-absage-90862346.html (besucht am 27. 09. 2021). ÄrzteZeitung. Klinik-Versorgung in Hochwasser-Gebieten muss neu konzipiert werden. 2021. url: https://www.aerztezeitung.de/Wirtschaft/Klinik-Versorgung-in-Hochwasser-Gebieten-muss-neu-konzipiert-werden-421431.html (besucht am 27. 09. 2021). Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Abschätzung der Verwundbarkeit gegenüber Hochwasserereignissen auf kommunaler Ebene. Bonn: Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, 2011. isbn: 9783939347248. Hetkämper, Chris. Methode zur Bewertung der Notfallplanung von Krankenhäusern im Bereich der Energieversorgung (Überarbeitete Aufl. zur Publikation). Masterthesis. Köln: TH Köln Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr, 2021, 207 Seiten. urn: urn:nbn:de:hbz:832-epub4-18671 Saaty, T. L. Decision making with dependence and feedback : the analytic network process : the organization and prioritization of complexity. Pittsburgh, PA: RWS Publications, 1996. isbn: 0962031798. Weber, K. Mehrkriterielle Entscheidungen. De Gruyter Oldenbourg, 5. Mai 1993. 232 S. isbn: 3486221663. url: https://www.ebook.de/de/product/17778188/karl_weber_ mehrkriterielle_entscheidungen.html. 81 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2022 Bisher in der Schriftenreihe veröffentlicht: Fekete, Alexander; Hetkämper, Chris; Norf, Celia (Eds.) (2020) Bevölkerungsschutz im gesellschaftlichen Wandel (BigWa). Integrative Risk and Security Research, 1/2020, 45 pages. Fekete, Alexander; Bogardi, Janos J. (Eds.) (2019) Resilience and Vulnerability: Conceptual revolution(s) or only revolving around words? A collection of essays, working papers and think pieces from the period 2008-2018. Integrative Risk and Security Research, 3/2019, 130 pages. Fekete, Alexander; Asadzadeh, Asad, Moghadas, Mahsa (Eds.) (2019) INCOR Basis-Infrastrukturen und Services einer inklusiven Katastrophenresilienz im Iran. Abschlussbericht der Definitionsphase. INCOR Basic Infrastructures and Services for Enhancing Inclusive Community Disaster Resilience in Iran. Final report of the definition phase. Integrative Risk and Security Research, 2/2019, 64 pages. Norf, C, Tiller, P & Fekete, A (Eds.) (2019) Glossar zum Wissensmanagement im Bevölkerungsschutz. Integrative Risk and Security Research, 1/2019. 89 pages. Stephan C, Bäumer, J, Norf, C & Fekete, A, (Eds.) (2018) Forschung und Lehre am Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr. Beiträge aus Forschungsprojekten sowie Perspektiven von Lehrenden und Studierenden. Integrative Risk and Security Research, 1/2018, 94 pages. Fekete, A, Garschagen, M, Norf, C, & Stephan C (Eds.) (2017) Recovery after extreme events. Lessons learned and remaining challenges in Disaster Risk Reduction. Integrative Risk and Security Research, 2/2017, 115 pages. Norf, C, Stephan C & Fekete, A, (Eds.) (2017) Interdisziplinäre Perspektiven des Risikound Krisenmanagements - . Integrative Risk and Security Research, 1/2017, 41 pages. Fekete, A, Grinda, C & Norf, C (Eds.) (2015) Macht allein Schaden klug? Wissen, Erfahrung und Lernen im Umgang mit Risiken Beiträge aus Wissenschaft und Praxis zum 27. Treffen des Arbeitskreises Naturgefahren/Naturrisiken. Integrative Risk and Security Research, 3/2015, 94 pages. Baumgarten, C & Bentler, C (Eds.) (2015) Analyse der persönlichen Zufriedenheit von Einsatzkräften während der Hochwasserkatastrophe 2013 in Deutschland. Eine Umfrage zur Steigerung der Motivation von Helfern im Bevölkerungsschutz. Integrative Risk and Security Research, 2/2015, 96 pages. Grinda, C, Norf, C, Blätgen, T & Fekete, A (Eds.) (2015) Country Profiles of Climate and Disaster Extremes in 16 Countries. Results of the DAAD Alumni Summer School 2013. Integrative Risk and Security Research, 1/2015, 64 pages. Norf, C. et al. (Eds.) (2014) Coping with Disasters and Climate Extremes Challenges & Cooperation Potential. 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