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Kindeswohlgefährdung im Kontext der Heilpädagogischen Früherziehung - Eine qualitative Studie über den Umgang mit der Thematik im Berufsalltag

Meier, Stéphanie

Abstract

Die vorliegende Masterarbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie Fachpersonen der Heilpädagogischen Früherziehung (HFE) in ihrem Berufsalltag mit der Thematik der Kindeswohlgefährdung und den daraus entstehenden Herausforderungen umgehen. Ziel der Arbeit ist es, praxisrelevante Erkenntnisse zu gewinnen und die fachliche Auseinandersetzung mit der Thematik zu stärken. Im Rahmen der Untersuchung wurden mit sieben Fachpersonen HFE mit mehrjähriger Berufserfahrung teilstrukturierte Leitfadeninterviews durchgeführt und anschliessend mittels inhaltlich strukturierender qualitativer Inhaltsanalyse ausgewertet. Die Ergebnisse zeigen, dass Fachpersonen HFE in der Praxis vor verschiedenen Herausforderungen stehen. Eine strukturierte und standardisierte Vorgehensweise, der gezielte Einsatz von Hilfsmitteln zur Erkennung von Kindeswohlgefährdung sowie kontinuierliche Weiterbildung sind entscheidende Unterstützungsfaktoren für den professionellen Umgang mit dieser Thematik.

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Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik Zürich Studiengang Sonderpädagogik Masterarbeit Kindeswohlgefährdung im Kontext der Heilpädagogischen Früherziehung - Eine qualitative Studie über den Umgang mit der Thematik im Berufsalltag Eingereicht von: Stéphanie Meier Begleitung: Matthias Lütolf Datum der Abgabe: 5. Mai 2025 Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung II Abstract Die vorliegende Masterarbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie Fachpersonen der Heilpädagogischen Früherziehung (HFE) in ihrem Berufsalltag mit der Thematik der Kindeswohlgefährdung und den daraus entstehenden Herausforderungen umgehen. Ziel der Arbeit ist es, praxisrelevante Erkenntnisse zu gewinnen und die fachliche Auseinandersetzung mit der Thematik zu stärken. Im Rahmen der Untersuchung wurden mit sieben Fachpersonen HFE mit mehrjähriger Berufserfahrung teilstrukturierte Leitfadeninterviews durchgeführt und anschliessend mittels inhaltlich strukturierender qualitativer Inhaltsanalyse ausgewertet. Die Ergebnisse zeigen, dass Fachpersonen HFE in der Praxis vor verschiedenen Herausforderungen stehen. Eine strukturierte und standardisierte Vorgehensweise, der gezielte Einsatz von Hilfsmitteln zur Erkennung von Kindeswohlgefährdung sowie kontinuierliche Weiterbildung sind entscheidende Unterstützungsfaktoren für den professionellen Umgang mit dieser Thematik. Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung III Danksagung An dieser Stelle möchte ich mich herzlich bei all jenen bedanken, die mich während der Erstellung dieser Masterarbeit unterstützt haben. Mein besonderer Dank gilt den interviewten Fachpersonen HFE, die sich die Zeit genommen haben, mir Einblicke in ihre wertvolle Arbeit zu geben und ihre Erfahrungen zu teilen. Ohne ihre Offenheit und Bereitschaft wäre die vorliegende Arbeit in dieser Form nicht möglich gewesen. Ein grosser Dank geht auch an meinen Mentor, Matthias Lütolf, für seine fachliche Begleitung, konstruktive Kritik und motivierende Unterstützung während des gesamten Forschungsprozesses. Nicht zuletzt möchte ich meiner Familie und meinen Freunden danken, die mich in herausfordernden Momenten ermutigt und tatkräftig unterstützt haben – sei es durch Gespräche, praktische Hilfe oder beim Korrekturlesen. Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung IV Inhaltsverzeichnis Abkürzungsverzeichnis.......................................................................................................... 1 1. Einleitung ....................................................................................................................... 2 1.1. Ausgangslage ........................................................................................................ 2 1.2. Zielsetzung ............................................................................................................ 3 1.3. Aufbau der Arbeit ................................................................................................... 3 2. Theoretischer Bezugsrahmen und Forschungsstand ...................................................... 4 2.1. Heilpädagogische Früherziehung als Profession.................................................... 4 2.1.1. Berufsauftrag und Zielsetzung ........................................................................ 4 2.1.2. Menschenbild und ausgewählte berufsethische Grundsätze .......................... 5 2.1.3. Meldepflicht .................................................................................................... 6 2.2. Kindeswohl ............................................................................................................ 6 2.2.1. Definition ........................................................................................................ 6 2.2.2. Grundbedürfnisse von Kindern ....................................................................... 7 2.2.3. Rechte von Kindern ........................................................................................ 8 2.3. Kindeswohlgefährdung........................................................................................... 8 2.3.1. Definition ........................................................................................................ 8 2.3.2. Formen von Kindeswohlgefährdung ............................................................... 9 2.3.3. Häufigkeiten von Kindeswohlgefährdungen in der Schweiz ...........................10 2.3.4. Risikound Schutzfaktoren ............................................................................ 11 2.3.4.1. Frühe Kindheit ...............................................................................................13 2.3.4.2. Kinder mit Beeinträchtigung ..........................................................................13 2.4. Professionelles Handeln und Erkennung von Kindeswohlgefährdung ...................13 2.4.1. Professionelles Handeln im Kindesschutz .....................................................14 2.4.2. Instrumente zur Identifikation einer Kindeswohlgefährdung ...........................15 2.4.3. Weiteres Vorgehen ........................................................................................18 2.5. Spannungsfeld Elternarbeit und Kindesschutz ......................................................19 Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung V 2.5.1. Dilemmata und ethische Herausforderungen.................................................19 2.5.2. Mögliche Strategien zur Balance zwischen Unterstützung und Intervention ..20 3. Fragestellung mit Unterfragen .......................................................................................22 4. Forschungsmethodisches Vorgehen .............................................................................24 4.1. Qualitativer Forschungsansatz ..............................................................................24 4.2. Datenerhebung: teilstrukturiertes Leitfadeninterview .............................................24 4.3. Stichprobe: InterviewpartnerInnen ........................................................................25 4.4. Erhebungsinstrument: Interviewleitfaden ..............................................................26 4.5. Pre-Test ................................................................................................................26 4.6. Datenerhebung: Interviewdurchführung ................................................................27 4.7. Datenaufbereitung: Transkription ..........................................................................27 4.8. Datenauswertung: Inhaltlich strukturierende qualitative Inhaltsanalyse .................27 5. Ergebnisse ....................................................................................................................31 5.1. Deskriptive Beschreibung Stichprobe ....................................................................31 5.2. Ergebnisse qualitative Inhaltsanalyse ...................................................................31 5.2.1. Themenblock «HFE-Kinder» .........................................................................31 5.2.2. Themenblock «Beobachtungen» ...................................................................33 5.2.3. Themenblock «Vorgehen» .............................................................................37 5.2.4. Themenblock «Spannungsfeld Elternarbeit-Kindesschutz» ...........................42 5.2.5. Themenblock «Wünsche» .............................................................................49 6. Diskussion und Evaluation ............................................................................................53 6.1. Beantwortung der Fragestellung ...........................................................................53 6.2. Interpretation der Ergebnisse ................................................................................56 6.3. Reflexion der Forschungsmethodik .......................................................................60 6.3.1. Stichprobe .....................................................................................................60 6.3.2. Interviewdurchführung ...................................................................................60 6.3.3. Transkription .................................................................................................61 6.3.4. Qualitative Inhaltsanalyse..............................................................................61 Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung VI 7. Fazit und Ausblick .........................................................................................................62 8. Literaturverzeichnis .......................................................................................................65 9. Abbildungsund Tabellenverzeichnis .............................................................................69 10. Anhang ..........................................................................................................................73 Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 1 Abkürzungsverzeichnis Abkürzung Bedeutung HFE Heilpädagogische Früherziehung Fachperson HFE Heilpädagogische Früherzieherin, Heilpädagogischer Früherzieher Um eine geschlechtsneutrale Formulierung zu verwenden, wird in dieser Arbeit der Begriff «Fachperson HFE» genutzt. Dieser bezeichnet sowohl Heilpädagogische Früherzieherinnen als auch Früherzieher und wird vom Berufsverband Heilpädagogische Früherziehung (BVF, 2019) verwendet. BVF Berufsverband Heilpädagogische Früherziehung EDK Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren KESB Kindesund Erwachsenenschutzbehörde BV Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft ZGB Schweizerisches Zivilgesetzbuch Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 2 1. Einleitung 1.1. Ausgangslage Das Wohl eines Kindes gilt als gefährdet, wenn nach fachlicher Einschätzung seine Grundbedürfnisse sowie seine subjektiven Bedürfnisse nicht ausreichend erfüllt werden und die Eltern nicht in der Lage sind, diesem Umstand entgegenzuwirken (Rosch & Hauri, 2022; Art. 307 Abs. 1 ZGB). Eine solche Gefährdung stellt ein erhebliches Entwicklungsrisiko dar, da Vernachlässigung sowie psychische, körperliche oder sexuelle Gewalt die gesunde Entwicklung des Kindes stark beeinträchtigen und schwerwiegende Folgen haben können (Hegnauer, 1999). Besonders gefährdet sind Kinder im Vorschulalter sowie Kinder mit Beeinträchtigungen oder Entwicklungsverzögerungen (Kinderschutz Schweiz, 2024; Caby & Simon, 2023). Diese Zielgruppe steht im Fokus der Heilpädagogischen Früherziehung (HFE), deren Auftrag es ist, Kinder im Vorschulbereich mit Beeinträchtigungen oder Entwicklungsverzögerungen sowie - gefährdungen zu unterstützen (Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren EDK, 2007). Die Sicherung und Förderung des Kindeswohls ist ein zentraler Auftrag der HFE. Sie nimmt im Schutz und in der Unterstützung von Kindern mit ungünstigen Entwicklungsbedingungen eine bedeutende Rolle ein (Naggl & Thurmair, 2005). Dabei gilt: Je früher eine Gefährdungssituation erkannt wird, desto wirksamer lassen sich Unterstützungsoder Schutzmassnahmen einleiten, um Folgeschäden zu verhindern oder deren Ausmass zu verringern (Hauri & Zingaro, 2020). Dies entspricht dem Früherkennungsund Präventionsauftrag der HFE (Berufsverband Heilpädagogische Früherziehung BVF, 2019). Die HFE richtet ihren Fokus nicht nur auf das Kind selbst, sondern auf die gesamte Familie. Ihr Auftrag umfasst die Beratung und Begleitung der Familie sowie die Stärkung der Erziehungskompetenzen der Eltern (BVF, 2019). Im Kontext von Kindeswohlgefährdung ergibt sich dadurch ein anspruchsvolles Spannungsfeld zwischen der Unterstützung der Eltern und dem Schutz des Kindes, in dem sich die Fachpersonen HFE bewegen. Zudem stellt die Erkennung einer Kindeswohlgefährdung bei Kindern mit Beeinträchtigung oder Entwicklungsverzögerung eine besondere Herausforderung dar (Caby & Simon, 2023). Die Rolle der HFE im Kontext von Kindeswohlgefährdung ist bisher wenig untersucht, obwohl die HFE eine zentrale Funktion im Bereich der Prävention und Früherkennung von Kindeswohlgefährdung einnimmt (Naggl & Thurmair, 2005). Insbesondere ist unklar, inwieweit heilpädagogische Interventionen dazu beitragen, Kindeswohlgefährdungen frühzeitig zu erkennen und abzuwenden. Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 3 Ein zusätzlicher Forschungsbedarf ergibt sich im Umgang mit der Doppelrolle der HFE, welche einerseits die Unterstützung und Begleitung der Eltern zur Aufgabe hat und andererseits das Kindeswohl zu schützen. Dies führt in der Praxis häufig zu Zielkonflikten, da die Förderung der elterlichen Erziehungskompetenzen nicht immer mit dem Schutz des Kindes zu vereinbaren ist. 1.2. Zielsetzung In der vorliegenden Masterarbeit wird aufgrund der in Kapitel 1.1 beschriebenen Ausgangslage untersucht, wie Fachpersonen HFE in ihrem Berufsalltag mit der Thematik der Kindeswohlgefährdung umgehen. Es wird analysiert, welche Beobachtungen sie auf eine mögliche Kindeswohlgefährdung schliessen lassen, wie sie anschliessend vorgehen und wie sie sich dabei im entstandenen Spannungsfeld zwischen der Unterstützung der Eltern und dem Schutz des Kindeswohls bewegen. Ziel ist es, Einblicke in ihre beruflichen Handlungsstrategien zu erhalten und Ansätze für den Umgang mit dieser Thematik zu erkennen, um praxisrelevante Erkenntnisse zu gewinnen und die fachliche Auseinandersetzung mit der Thematik Kindeswohlgefährdung im Kontext der HFE zu stärken. 1.3. Aufbau der Arbeit Ausgehend von der oben genannten Zielsetzung wird in Kapitel 2 zunächst eine theoretische Grundlage geschaffen. Kapitel 2.1 stellt die HFE als Profession vor, Kapitel 2.2 beleuchtet den Begriff des Kindeswohls und Kapitel 2.3 widmet sich der Kindeswohlgefährdung. In Kapitel 2.4 wird das Spannungsfeld Elternarbeit und Kindesschutz thematisiert. Nach der präzisierten Fragestellung in Kapitel 3 folgt in Kapitel 4 die Darstellung des forschungsmethodischen Vorgehens. Die daraus gewonnenen Forschungsergebnisse werden in Kapitel 5 präsentiert. Kapitel 6 beinhaltet die Interpretation der Ergebnisse im Kontext der theoretischen Grundlage aus Kapitel 2 sowie eine kritische Reflexion des methodischen Vorgehens. Zum Abschluss wird in Kapitel 7 ein Fazit über die gesamte Arbeit gezogen und ein Ausblick auf mögliche zukünftige Entwicklungen gegeben. Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 10 Sexuelle Gewalt Als sexuelle Gewalt werden Handlungen an oder vor einem Kind definiert, gegen die es sich nicht wehren kann, aufgrund psychischer, kognitiver, sprachlicher oder körperlicher Unterlegenheit. Psychische Misshandlung Psychische Misshandlung wird als starke systematische Ablehnung und Zurückweisung eines Kindes durch eine Bezugsperson präzisiert. Auf das Kind wird psychischer Druck, beispielsweise durch einen ständig forschen Umgangston, ausgeübt. Auch die Überbehütung gehört zu dieser Form der Misshandlung. Zentral ist das aktive Einwirken auf die psychische Befindlichkeit. Als Unterkategorien psychischer Misshandlung können unter anderem Erwachsenenkonflikte um das Kind, beispielsweise bei einer Trennung oder Scheidung, das Miterleben von Partnerschaftsgewalt oder auch das eher seltene Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom betrachtet werden. 2.3.3. Häufigkeiten von Kindeswohlgefährdungen in der Schweiz Die nationale Kinderschutzstatistik aus dem Jahr 2023 meldete einen erneuten Anstieg von vermuteten und bestätigten Misshandlungen an Kindern, die in einer Schweizer Kinderklinik behandelt wurden. Der Anstieg betrug 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wie die Abbildung 5 veranschaulicht. Gesamthaft wurden 2097 Kinder wegen Misshandlungen betreut (Fachgruppe Kinderschutz der Schweizer Kinderkliniken, 2024). Zahlreiche Kinder, deren Wohl gefährdet ist, werden nicht in einem Spital behandelt. Es wird deshalb davon ausgegangen, dass eine hohe Zahl von Fällen nicht erfasst wird (Kinderschutz Schweiz, 2024). Abbildung 5: Fallzahlen der 18 konstant teilnehmenden Kliniken 2013-2023 (Fachgruppe Kinderschutz der Schweizer Kinderkliniken, 2024) Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 11 2.3.4. Risikound Schutzfaktoren Um eine Gefährdung des Kindeswohls festzustellen, braucht es eine vorausschauende Beurteilung. Dazu können Erkenntnisse aus der empirischen Forschung genutzt werden, insbesondere zu Risikound Schutzfaktoren, die die zukünftige Entwicklung des Kindes beeinflussen (Rosch & Hauri, 2022). Eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für eine Kindeswohlgefährdung besteht in der Regel erst dann, wenn mehrere Risiken zusammenkommen. Abhängig von der Art des Ungleichgewichts entstehen Probleme, wenn die angesammelten Risiken nicht mehr durch Schutzfaktoren ausgeglichen werden können. Eingeteilt werden diese Faktoren grob in Merkmale des Kindes, der Eltern beziehungsweise der Familie sowie Merkmale des direkten sozialen Umfelds (Bender & Lösel, 2005). Die vorliegende Arbeit orientiert sich an den Risikound Schutzfaktoren des «Berner und Luzerne Abklärungsinstrument zum Kindesschutz» (siehe Kapitel 2.4.2.). Die folgende Tabelle 1 gibt einen Überblick zu Risikound Schutzfaktoren sowie Gefährdungsformen des Kindeswohls (Rosch & Hauri, 2022). Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 12 Tabelle 1: Toolbox Risikound Schutzfaktoren sowie Gefährdungsformen des Berner und Luzerner Abklärungsinstruments zum Kindesschutz (eigene Darstellung nach Rosch & Hauri, 2022) Einschätzungsbereich Risiken Schutzfaktoren Merkmale des Falles • frühere Gefährdungsmeldung • früheres Gefährdungsereignis Merkmale des Kindes • psychische Störung • Verhaltensauffälligkeit • Intelligenzminderung • dauerhafte körperliche Erkrankung • fröhliches Temperament • hohe Selbstwirksamkeitserwartung • Vorhandensein enger Freundschaften • ausgeprägte Impulsund Bedürfniskontrolle Merkmale der Betreuungssituation • fehlende Konstanz der Betreuungssituation • ungenügende Erfüllung emotionaler Bedürfnisse (Vernachlässigung, emotionale Gewalt) • ungenügende Erfüllung körperlicher Bedürfnisse (Vernachlässigung von Versorgung und Schutz) • ungenügende Eröffnung von Entwicklungschancen (grobe Vernachlässigung der Förderung, starke Überbehütung) • Gewalt in der Paarbeziehung • körperliche Gewalt • sexuelle Gewalt/Übergriffe • hohe Konstanz der Betreuungssituation • feinfühliges (emotional unterstützendes) Erziehungsverhalten einer Betreuungsperson • sichere Bindung des Kindes zu mindestens einer Betreuungsperson Merkmale der Betreuungsperson • psychische Störung • stark verringerter Selbstwert • psychische oder Verhaltensstörung durch psychotrope Substanzen/Suchtproblematik • eigene Erfahrung von Vernachlässigung/Misshandlung Merkmale des Familiensystems • Belastung durch unzureichende materielle Ressourcen • fehlende soziale Unterstützung • ausgeprägte sozial Unterstützung Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 13 2.3.4.1. Frühe Kindheit Kleine Kinder sind in einem besonders hohen Mass von Gewalt betroffen (Kinderschutz Schweiz, 2024). Dies verdeutlicht auch die nationale Kinderschutzstatistik der Schweizer Kinderkliniken aus dem Jahr 2023. Erneut war ein erheblicher Anteil der betroffenen Kinder sehr jung und somit besonders verletzlich. 45 Prozent der gemeldeten Kinder waren unter sechs Jahre alt, 18 Prozent waren jünger als ein Jahr (Fachgruppe Kinderschutz der Schweizer Kinderkliniken, 2024). Nach Lips, Wopmann, Jud und Falta (2020) bewegen sich Kinder im Vorschulalter hauptsächlich im familiären Umfeld, was die Beurteilung schwierig macht, ob ihre Grundbedürfnisse und Grundrechte erfüllt sind. Geschulte und sensibilisierte Fachpersonen können deshalb massgeblich zum Schutz kleiner Kinder beitragen, da sie in der Lage sind, eine Kindeswohlgefährdung frühzeitig zu erkennen (Kinderschutz Schweiz, 2024). 2.3.4.2. Kinder mit Beeinträchtigung Kinder mit einer Beeinträchtigung oder Entwicklungsverzögerung sind eine besondere Herausforderung im Kindesschutz (Caby & Simon, 2023). Studien haben gezeigt, dass das Risiko, Gewalt zu erleben, bei Kindern mit einer geistigen oder körperlichen Beeinträchtigung erhöht ist (Sullivan & Knutson, 2000). Gründe dafür sind, dass Kinder mit einer Beeinträchtigung oftmals weniger gut für ihre Bedürfnisse einstehen und ihre Grenzen aufzeigen können. Zudem haben Kinder mit einer Beeinträchtigung besondere Bedürfnisse, beispielsweise in Bezug auf Körperpflege oder die Ernährung (Brunner, 2020). Eine Kindeswohlgefährdung wird bei Kindern mit einer Beeinträchtigung oftmals nicht erkannt. Verhaltensauffälligkeiten werden beispielsweise der Beeinträchtigung zugeschrieben und nicht auf eine Misshandlung oder Vernachlässigung zurückgeführt (Hennicke, Buscher, Hässler & Roosen-Runge, 2009). Zudem besteht durchaus die Möglichkeit, dass die vorhandene Beeinträchtigung durch Gewalteinfluss entstanden ist (Schröttle, Hornberg, Glammeier, Sellach, Kavemann, Puhe & Zinsmeister, 2012). 2.4. Professionelles Handeln und Erkennung von Kindeswohlgefährdung In diesem Kapitel werden das professionelle Handeln im Kontext des Kindesschutzes, Instrumente zur Identifikation von Kindeswohlgefährdungen sowie Verfahren zur Einschätzung und Entscheidungsfindung beleuchtet. Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 14 2.4.1. Professionelles Handeln im Kindesschutz Es ist stets eine Herausforderung, professionell zu beurteilen, ob das Wohl eines Kindes gefährdet ist und inwieweit Fachpersonen selbst noch Unterstützung in der Situation bieten können (Hauri & Zingaro, 2020). Eine Fachperson HFE benötigt nach Wolf (2021) innere Stärke, Mut und Sicherheit, um sich einer kindeswohlgefährdenden Situation zu stellen. Zudem muss sie konfliktfähig und risikobereit sein sowie über das nötige Fachwissen verfügen. Bei Kindern mit einer Beeinträchtigung oder Entwicklungsverzögerung ist zusätzlich spezifisches Wissen erforderlich, um das Verhalten der einzelnen Familienmitglieder angemessen einschätzen zu können. Nebst persönlichen Fähigkeiten brauchen Fachpersonen HFE laut Wolf (2021) eine gut funktionierendes und unterstützendes Team. Ausserdem ist es wichtig, dass innerhalb des Teams die verschiedenen persönlichen Gefühlslagen ernst genommen werden. Interne Verfahrensabläufe bieten Struktur und Orientierung. Weiterbildungen zur Thematik helfen, das nötige Fachwissen aufzubauen. Ausserdem ist der interdisziplinäre Austausch zentral. Nach dem Grundprinzip der Ganzheitlichkeit soll ein Kind stets in seinen bio-psycho-sozialen Zusammenhängen betrachtet werden, da seine Entwicklung stark von seinem Umfeld abhängig ist (Sohns, 2010). Diese systemische Haltung unterstützt Fachpersonen der HFE auch im Kontext von Kindeswohlgefährdung und begünstigt eine ressourcenund lösungsorientierte Sichtweise (Caby & Simon, 2023). Durch die ganzheitliche Betrachtung wird auch eine eindimensionale Sichtweise verhindert. Es werden sowohl die möglichst objektiven Sichtweisen der beteiligten Fachpersonen als auch die subjektiven Empfindungen der Familie einbezogen. Zudem werden die Familienmitglieder als Fachpersonen für ihre eigene Lebenswelt betrachtet. Werte wie Respekt, Offenheit, Wertschätzung, Begegnung auf Augenhöhe, Transparenz und Verständnis sind zentral. Ein gute Vertrauensbasis zu allen Familienmitgliedern ist grundlegend für eine gelingende Kooperation. Dabei braucht es jedoch eine gute Balance zwischen Nähe und Distanz (Caby & Simon, 2023; Bröning, 2023; Hauri & Zingaro, 2020). Ein strukturiertes Vorgehen wird empfohlen. Dies ermöglicht es, auf die individuelle Situation des Kindes und seiner Familie einzugehen, und gibt Sicherheit im Handeln. Die Familie wird aktiv in den Prozess einbezogen, wobei das Wohlergehen des Kindes als gemeinsames Ziel im Mittelpunkt steht. Es wird angestrebt, eine Veränderung der Denkund Handlungsmuster der Familienmitglieder zu erreichen und gleichzeitig auf die Einhaltung ihrer Verpflichtungen zu achten (Caby & Simon, 2023; Bröning, 2023; Hauri & Zingaro, 2020). Die folgende Tabelle 2 bietet eine zusammenfassende Übersicht darüber, welche Voraussetzungen für professionelles Handeln im Kindesschutz notwendig sind. Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 15 Tabelle 2: Voraussetzungen für professionelles Handeln im Kindesschutz (eigene Darstellung nach Wolf, 2021; Caby & Simon; 2023, Bröning, 2023; Hauri & Zingaro, 2020) Voraussetzungen für professionelles Handeln im Kindesschutz Persönliche Fähigkeiten Team Vorgehen Haltungen Werte Mut unterstützende Teamstruktur strukturiert Ressourcenorientierung Respekt Sicherheit gut funktionierende Teamstruktur Kindeswohl im Zentrum systemische Haltung Begegnung auf Augenhöhe Fachwissen Emotionen respektieren aktiver Einbezug Familie Ganzheitlichkeit Offenheit innere Stärke interne Verfahrensabläufe Einhaltung Verpflichtungen (Familienmitglieder) Balance Nähe und Distanz Transparenz Konfliktfähigkeit Weiterbildung zur Thematik Veränderung Denkund Handlungsmuster (Familienmitglieder) Wertschätzung Risikobereitschaft interdisziplinärer Austausch Verständnis Vertrauen 2.4.2. Instrumente zur Identifikation einer Kindeswohlgefährdung «Es ist so banal wie folgenschwer, dass eine „Kindeswohlgefährdung“ erst dann verifiziert werden kann, wenn es jemanden gibt, der sein „ungutes Bauchgefühl“ in den Kontext einer Kindeswohlgefährdung stellt und dies auch so kommuniziert» (Wolf, 2021, S. 104). Eine frühzeitige Identifikation einer Kindeswohlgefährdung ermöglicht die rechtzeitige und wirksame Umsetzung geeigneter Unterstützungsoder Schutzmassnahmen. So können Folgeschäden verhindert oder deren Ausmass verringert werden (Hauri & Zingaro, 2020). Ein zentraler Bestandteil der Einschätzung einer möglichen Kindeswohlgefährdung ist die systematische Erfassung von Risikound Schutzfaktoren eines Kindes und seines Umfelds (vergleiche Kapitel 2.3.4). Das «Berner und Luzerner Abklärungsinstrument zum Kindesschutz» ist eines der Abklärungsinstrumente für Kindeswohlgefährdung und basiert auf dem Risikound Schutzfaktorenkonzept (Rosch & Hauri, 2022). Es wurde 2015 als erstes Abklärungs- Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 16 instrument für die deutschsprachige Schweiz von der Berner Fachhochschule und der Hochschule Luzern entwickelt und dient dazu, das gegenwärtige und zukünftige Wohl eines Kindes zu beurteilen sowie geeignete Unterstützungsangebote und gegebenenfalls Massnahmen herauszuarbeiten, um das Kindeswohl dauerhaft zu sichern. Zielgruppe dieses Abklärungsinstrumentes sind Sozialarbeitende, welche im Auftrag der KESB Abklärungen aufgrund einer eingegangen Gefährdungsmeldung durchführen (Lätsch, Hauri, Jud & Rosch, 2015). Basierend auf dem Berner und Luzerner Abklärungsinstrument erarbeiteten Hauri und Zingaro (2020) im Auftrag des Kinderschutzes Schweiz den Leitfaden «Kindeswohlgefährdung erkennen und angemessen handeln» als Orientierung für Fachpersonen im Sozialbereich, wie beispielsweise Fachpersonen HFE, welche mit Kindern oder ihren Eltern arbeiten. Auf diesen Leitfaden wird in der vorliegenden Arbeit exemplarisch eingegangen. Der Leitfaden unterstützt insbesondere in der Fragestellung, ob eine Meldung an die KESB erforderlich ist und welche weiteren Schritte sinnvoll sind. Ziele sind die Früherkennung einer Kindeswohlgefährdung sowie die Einleitung entsprechender Schutzund Unterstützungsmassnahmen. Der Leitfaden soll in diesem Prozess als Orientierungshilfe für die Fachperson dienen – sei es in einer Teambesprechung oder im Austausch mit der/dem Vorgesetzten – und nicht starr angewendet werden. Auch für die vorliegende Arbeit dient er als Orientierungshilfe im Vorgehen bei einem Verdacht auf Kindeswohlgefährdung. In Abbildung 6 ist die Vorgehensweise nach dem Leitfaden von Hauri und Zingaro (2020) dargestellt. Nach der Prüfung, ob sofortige Hilfe notwendig ist, werden die Anhaltspunkte für eine Gefährdung identifiziert. Mit wenigen Ausnahmen gibt es kaum Anzeichen, die alleine auf eine Kindeswohlgefährdung hinweisen. In der Regel ergibt sich eine Kindeswohlgefährdung erst durch eine umfassende Gesamteinschätzung. Die Anhaltspunkte sollten schriftlich festgehalten werden. Dabei gilt es, Fakten von Erklärungen und Interpretationen auseinanderzuhalten. Anschliessend werden die Schutzfaktoren und Risikofaktoren (siehe Tabelle 1) herausgearbeitet und eine Risikoeinschätzung vorgenommen (Hauri & Zingaro, 2020). Abbildung 6: Vorgehen bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung (eigene Darstellung nach Hauri & Zingaro, 2020) Vorgehen bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung 1. Notwendigkeit Soforthilfe prüfen 4. Risikofaktoren erkennen 3. Schutzfaktoren erkennen 2. Anhaltspunkte für Gefährdung identifizieren 5. Risikoeinschätzung vornehmen 6. Weiteres Vorgehen planen Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 17 Die Einschätzung des Risikos für eine Kindeswohlgefährdung ergibt zusammen mit der Einschätzung, wie sicher sich die Fachperson bei dieser Einschätzung fühlt, eine gesamthafte Risikoeinschätzung (Abbildung 7). Die Risikoeinschätzung wird mithilfe eines sogenannten Ampelsystems vorgenommen, mit einer Bandbreite von vier Stufen von «grün» (sehr kleines Risiko) bis «rot» (sehr hohes Risiko), da eine Kindeswohlgefährdung nicht in klar abgrenzbaren Kategorien von «vorhanden» und «nicht vorhanden» eingeteilt werden kann. Sie wird als fliessender Übergang zwischen Sicherheit und Gefährdung verstanden und sollte nach einer gewissen Zeit wiederholt werden (Hauri & Zingaro, 2020). Diesem Beispiel folgen diverse kantonale Leitfäden zur Erkennung einer Kindeswohlgefährdung (vergleiche beispielsweise Direktion für Inneres und Justiz des Kantons Bern, Kantonales Jugendamt, 2020). Abbildung 7: Risikoeinschätzung vornehmen (Hauri & Zingaro, 2020) Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 18 2.4.3. Weiteres Vorgehen Das weitere Vorgehen wird aufgrund der vorangegangenen Risikoeinschätzung geplant. Hauri und Zingaro (2020) haben dieses in Form eines Entscheidungsbaums dargestellt (Abbildung 8). Es wird in jedem Fall, auch wenn kein Hilfebedarf besteht, eine Fallbesprechung im Team empfohlen. Fällt die Risikoeinschätzung auf einen erheblichen Hilfebedarf (oranger Fall), soll abgewogen werden, ob die erforderliche Hilfe im Rahmen des eigenen Berufsauftrags mit den vorhandenen Ressourcen geleistet beziehungsweise der Zugang dazu ermöglicht werden kann oder ob weitergehende Massnahmen notwendig sind. Abbildung 8: Entscheidungsbaum für das weitere Vorgehen (Hauri & Zingaro, 2020) Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 19 Wenn die Fachperson selbst Unterstützung bieten oder entsprechend triagieren kann, muss entschieden werden, ob sie bereit ist, die Fallverantwortung verbindlich zu übernehmen oder ob dies von einer anderen Stelle beziehungsweise Fachperson übernommen werden sollte. Da Fälle dieser Art oftmals sehr komplex sind, wird empfohlen, diese Entscheidung im Team und mit Vorgesetzten zu besprechen. Anschliessend ist zu klären, ob die Familie bereit und in der Lage ist, die angebotene Unterstützung anzunehmen und Aufträge umzusetzen. Ist dies nicht der Fall, ist eine Gefährdungsmeldung angezeigt. Nun gilt es abzuklären, wer diese verfasst, unterzeichnet und die Familie darüber in Kenntnis setzt (Hauri & Zingaro, 2020). 2.5. Spannungsfeld Elternarbeit und Kindesschutz In diesem Kapitel werden Dilemmata und ethische Herausforderungen im Spannungsfeld von Elternarbeit und Kindesschutz sowie mögliche Strategien zur Balance zwischen Unterstützung und Intervention thematisiert. 2.5.1. Dilemmata und ethische Herausforderungen Fachpersonen HFE erleben grundsätzlich eine starke psychische Belastung, wenn sie eine Kindeswohlgefährdung vermuten oder bestätigen. Potenzielle Hinweise werden nicht selten ignoriert, nicht angesprochen oder anderen überlassen, um den emotionalen Druck zu verringern und die Handlungsfähigkeit zu erhalten (Wolf, 2021, Caby & Simon, 2023). Nebst der allgemeinen psychischen Belastung entsteht für die Fachpersonen HFE ein Spannungsfeld zwischen der Meldepflicht einer Kindeswohlgefährdung und dem Berufsauftrag der HFE sowie dem Wunsch, das Vertrauensverhältnis zu den Familien aufrechtzuerhalten. Die Ambivalenz zwischen Unterstützung und Kontrolle beeinflusst das Selbstverständnis und die Rolle der Fachpersonen HFE. Es entsteht ein professionelles Dilemma, da das Handeln in der HFE üblicherweise im Auftrag der Eltern und mit deren Einverständnis erfolgt. Wenn Fachpersonen HFE den Eindruck vermitteln, dass sie primär kontrollieren statt helfen, kann dies das Vertrauensverhältnis zwischen ihnen und der Familie stark belasten. Fachpersonen HFE befinden sich auf einer Gratwanderung, bei der sie zwischen professioneller Verantwortung und der Sorge um die Auswirkungen auf das Kind und die Familie abwägen müssen (Bauer & Wiezorek, 2007; Caby & Simon, 2023; Wolf, 2021). Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 26 4.4. Erhebungsinstrument: Interviewleitfaden Das teilstrukturierte Leitfadeninterview basiert auf einem vorab festgelegten Fragenkatalog, dem Interviewleitfaden (Anhang 4). Dieser dient als Orientierungshilfe, bleibt jedoch flexibel und wird an die jeweilige befragte Person angepasst. Dadurch können neue Fragen spontan eingefügt und die Reihenfolge der Themen bei Bedarf verändert werden. Diese Flexibilität ermöglicht es, gezielt auf individuelle Sichtweisen einzugehen und tiefergehende Einsichten zu gewinnen (Döring, 2023). Für die Erstellung des Interviewleitfadens dienten das Forschungsinteresse und das Literaturstudium als Grundlage. Zudem waren folgende Überlegungen leitend: «Was will ich genau in diesem Gespräch erfahren? Welche Informationen kann mir das Gegenüber liefern, die andere nicht geben können? Was ist speziell an seiner Perspektive auf den Forschungsgegenstand? Was will ich unbedingt von ihm erfahren?» (Roos & Leutwyler, 2022, S. 255). Anschliessend wurden die erarbeiteten Fragen aussortiert und passend zu den Unterfragen der vorliegenden Arbeit zu drei Oberthemen zusammengefasst: «Beobachtungen», «Vorgehen» und «Umgang mit dem Spannungsfeld Unterstützung der Eltern und Wohl des Kindes». Diese Oberthemen bilden den Hauptteil des Interviewleitfadens. Dieser folgt auf den Einstieg, welcher aus der Einleitung und einem Kurzfragebogen besteht (siehe Anhang 3). Als Ausklang dient eine Abschlussfrage, die Nachfrage nach Ergänzungen und der Dank für die Teilnahme (Roos & Leutwyler, 2022). 4.5. Pre-Test Vor der eigentlichen Erhebung wurde ein Pre-Test mit einer Fachperson HFE durchgeführt. Bevor ein Interviewleitfaden zur Datenerhebung eingesetzt wird, muss er getestet werden. Bei diesem Pre-Test können Personen befragt werden, die den späteren Zielpersonen möglichst ähnlich sind. Dieser Test dient dazu zu überprüfen, wie viel Zeit ein Interview etwa in Anspruch nimmt, ob die Fragen klar formuliert sind und ob sie die gewünschten Antworten hervorrufen (Roos & Leutwyler, 2022). Da der Pre-Test keine Änderungen erforderlich machte und die befragte Fachperson HFE den Stichprobenkriterien entsprach, wurde das Interview in die Stichprobe aufgenommen. Diese besteht somit aus insgesamt sieben Interviews. Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 27 4.6. Datenerhebung: Interviewdurchführung Bei der Terminvereinbarung wurde darauf geachtet, dass alle Teilnehmenden für das Interview genügend Zeit einplanten (etwa eine Stunde). Die Interviews wurden aufgrund der teilweise grossen Distanzen vorwiegend online durchgeführt. Die Dauer betrug zwischen 20 und 40 Minuten. Die Interviews wurden bewusst in Mundart geführt, um eine möglichst authentische und ungezwungene Gesprächsatmosphäre zu schaffen. Zur Entlastung der Interviewerin und zur Sicherstellung einer genauen Auswertung wurden die Gespräche als Audioaufnahme festgehalten. Dies ermöglichte es der Interviewerin, sich während des Gesprächs vollständig auf ihr Gegenüber zu konzentrieren, während die Aussagen im Anschluss wortwörtlich zur Verfügung standen. Vor Beginn der Interviews unterzeichneten die teilnehmenden Personen eine Vertraulichkeitsund Einverständniserklärung zur Tonaufnahme sowie zur Verarbeitung der erhobenen Daten (siehe Anhang 2). 4.7. Datenaufbereitung: Transkription Die aufgezeichneten Interviews wurden zeitnah transkribiert, um sicherzustellen, dass die Antworten gut in Erinnerung waren (Aeppli et. al., 2016). Mit der Transkription wird eine Audiooder Videoaufnahme in die schriftliche Form übertragen. Dieser Vorgang ermöglicht die Durchführung einer qualitativen Inhaltsanalyse (Kuckartz & Rädiker, 2024). Die Transkription der Audioaufnahmen für diese Arbeit erfolgte nach den Transkriptionsregeln für die computergestützte Auswertung gemäss Kuckartz und Rädiker (2024, Anhang 5). Die Transkription der sieben Interviews für die vorliegende Arbeit erfolgte mithilfe des Programms MAXQDA. Die Transkripte wurden anonymisiert, da qualitative Daten meist sensible Informationen umfassen, welche Rückschlüsse auf konkrete Personen zulassen können. Daher ist eine Anonymisierung zwingend. Die Interviews wurden mit den Buchstaben A bis G betitelt. Alle Transkripte sind im Anhang 6 zu finden. 4.8. Datenauswertung: Inhaltlich strukturierende qualitative Inhaltsanalyse Bei Transkripten handelt es sich um nicht-standardisierte Daten, die häufig komplexe und umfangreiche Informationen enthalten. Deshalb ist eine systematische und nachvollziehbare Reduktion der Informationsmenge erforderlich. Die qualitative Inhaltsanalyse stellt ein Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 28 Auswertungsverfahren dar, das sich besonders gut eignet, um grosse Datenmengen geordnet zu verdichten und zu strukturieren (Roos & Leutwyler, 2022). Unter qualitativer Inhaltsanalyse wird die systematische und methodisch kontrollierte wissenschaftliche Analyse von Texten, Bildern, Filmen und anderen Inhalten von Kommunikation verstanden. […] Im Zentrum der qualitativen Analyse stehen Kategorien, mit denen das gesamte für die Forschungsfrage(n) bedeutsame Material codiert wird. (Kuckart & Rädiker, 2024, S. 39) Die aufbereiteten Daten wurden gemäss Kuckartz und Rädiker (2024) systematisch auf Basis des Ablaufmodells der inhaltlich strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet (Abbildung 10). Die Auswertung erfolgte ebenfalls mithilfe des Programms MAXQDA. Nach der initialen Textarbeit wurden die Hauptkategorien gebildet. Als Auswertungskategorien werden häufig Themen und Unterthemen verwendet, die sich direkt aus den Forschungsfragen ableiten lassen. Dies war auch in dieser Arbeit der Fall. Im anschliessenden ersten Codierungsprozess wurden Textpassagen den somit deduktiv gebildeten Hauptkategorien zugeordnet. Anschliessend wurden auf Basis des Textmaterials Subkategorien entwickelt. Die Subkategorien wurden überwiegend induktiv aus den Daten entwickelt, wobei die theoretischen Grundlagen aus Kapitel 2 eine unterstützende Rolle spielten, beispielsweise bei der Gliederung oder Benennung der Kategorien. In einem Abbildung 10: Ablauf einer inhaltlich strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse in sieben Phasen (Kuckartz & Rädiker, 2024) Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 29 zweiten Codierungsprozess wurden die Daten mit den Subkategorien codiert. Nach einer abschliessenden Überprüfung wurde das Codierungssystem nochmals angepasst, da es nicht zu umfangreich und zu feingliedrig sein sollte. In einem mehrschrittigen Prozess entstand ein hierarchisch gegliedertes Kategoriensystem aus Hauptund Subkategorien, welche beschrieben und mit Ankerbeispielen versehen wurden (Anhang 7). Die folgende Grafik (Abbildung 11) zeigt die Hauptund Subkategorien des Systems. Sie wurde mit Hilfe der Funktion «Creative Coding» in MAXQDA erstellt. Abbildung 11: Hauptund Subkategorien Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 30 Im Anschluss erfolgte eine qualitative, kategorienbasierte Analyse entlang der Hauptkategorien. Zur Unterstützung wurde das «Smart-Coding-Tool» von MAXQDA eingesetzt. Im Feld «Kommentare» wurden die Aussagen der entsprechenden Textpassage stichwortartig zusammengefasst. Als letzter Schritt der inhaltlich strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse wurden die Ergebnisse deskriptiv dargestellt und mit Ankerbeispielen ergänzt (Kapitel 5, Kuckartz und Rädiker, 2024). Auch bei qualitativen Inhaltsanalysen sollte nach Roos und Leutwyler (2022) die Darstellung der Ergebnisse klar von deren Diskussion getrennt werden. Daher erfolgt die Diskussion in einem separaten Kapitel (Kapitel 6). Die Ergebnisse wurden auf der Grundlage der Theorie aus Kapitel 2 interpretiert und diskutiert. Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 31 5. Ergebnisse In diesem Kapitel werden die Ergebnisse der qualitativen Inhaltsanalyse dargestellt, indem das Material aus den sieben Interviews in Form deduktiv und induktiv gebildeter Kategorien zusammengefasst wird. Dabei folgt die Darstellung dem entwickelten Kategoriensystem (Anhang 7), das in Hauptund Subkategorien unterteilt ist. 5.1. Deskriptive Beschreibung Stichprobe Für die vorliegende Erhebung wurden sieben Interviews mit Fachpersonen HFE durchgeführt, die in einem öffentlichen oder privaten Anstellungsverhältnis tätig sind. Aus den Kurzfragebögen (siehe Anhang 3) geht hervor, dass die befragten Fachpersonen HFE zum Zeitpunkt der Erhebung zwischen 26 und 54 Jahre alt waren. Zwei der befragten Fachpersonen HFE sind männlich und fünf weiblich. Die Anzahl der Jahre Berufserfahrung in der HFE lag bei sechs der befragten Fachpersonen zwischen zwei und achteinhalb Jahren. Eine befragte Fachperson HFE verfügte bereits über 22 Jahre Berufserfahrung. Auf die Frage, wie sicher sich die befragten Fachpersonen HFE in der Erkennung einer Kindeswohlgefährdung fühlen, wurden Werte zwischen drei und fünf angegeben, wobei eins «sehr unsicher» und sechs «sehr sicher» bedeutet. Sechs Interviews wurden online durchgeführt und eines vor Ort am Arbeitsplatz. 5.2. Ergebnisse qualitative Inhaltsanalyse Die Ergebnisse der qualitativen Inhaltsanalyse sind in fünf Themenblöcke gegliedert. Diese wurden aus den drei Unterfragen (Kapitel 3) sowie dem Interviewleitfaden (Anhang 4) abgeleitet. Die Themenblöcke bilden die Hauptkategorien der qualitativen Inhaltsanalyse. Namentlich sind dies: «HFE-Kinder», «Beobachtungen», «Vorgehen», «Spannungsfeld Elternarbeit-Kindesschutz» und «Wünsche». 5.2.1. Themenblock «HFE-Kinder» Im Folgenden werden die Ergebnisse der Hauptkategorie «HFE-Kinder» dargestellt. Diese umfasst Aussagen der befragten Fachpersonen HFE zu Begründungen, wieso Kinder mit Erkrankungen, Entwicklungsverzögerungen oder Beeinträchtigungen ein erhöhtes Risiko für eine Kindeswohlgefährdung aufweisen. Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 32 Mehrere der befragten Fachpersonen HFE begründen das erhöhte Risiko für eine Kindeswohlgefährdung bei diesen Kindern mit dem erhöhten Betreuungsbedarf und den besonderen Bedürfnissen der Kinder, welche bei den Eltern zu einer Überforderung führen: «Ja, ich denke, diese Kinder haben einen deutlich erhöhten Betreuungsbedarf und die Eltern sind durch das grundsätzlich mehr Stress, mehr Belastung ausgesetzt, was halt sehr schnell zu Überforderung führen kann» (Interview G, Abs. 3). Als weitere Begründung werden eingeschränkte Kommunikationsmöglichkeiten der Kinder genannt: «Die Kinder können sich häufig auch nicht gut mitteilen» (Interview C, Abs. 5). Zentral ist für die befragten Fachpersonen HFE, dass die Eltern dieser Kinder schneller an ihre Grenzen kommen: Ja weil ich denke, dass es einfach viel intensiver ist mit diesen Kindern, sie brauchen mehr Aufmerksamkeit, sie fordern auch mehr von den Eltern, dass man schneller an die eigenen Grenzen kommt als Eltern und vielleicht auch ratlos ist. Also je nachdem, was es für ein Thema ist. Ja ich glaube so diese Hilflosigkeit stellt sich vielleicht schneller ein bei Eltern, die ein Kind haben mit einer Beeinträchtigung oder Entwicklungsverzögerung. (Interview A, Abs. 3) Die Fachpersonen HFE berichten, dass die Eltern vermehrt Termine sowie Behördenkontakte wahrnehmen müssen und in der Erziehung ein höheres Mass an Ideenreichtum erforderlich ist. Gleichzeitig erhalten die Eltern nur wenig Bestätigung vom Kind, und auch äussere Vergleiche führen zu Verunsicherung. Zudem leiden sie häufig unter Schlafmangel: Und ich habe auch viel beobachtet, dass die Mütter, von denen ich jetzt vor allem spreche, ihr Vertrauen, also die Kohärenz, das Vertrauen, ich spüre, was dieses Kind braucht, ich sehe, was das Kind will, nicht haben, verloren haben oder einfach, weil das Kind von Anfang an nicht so reagierte, wie sie es sich vorgestellt haben. Und das Vertrauen baut sich auf dem, dass wenn ich das Kind anlache, dass es zurück lacht. Dann passiert etwas. Es entsteht eine Beziehung. Und ich kenne mit der Zeit mein Kind. Ich weiss, wie es reagiert. Und ich habe viele Familien und Eltern, die nie wissen, wie ihr Kinder reagiert, also sehr unsicher sind. Die auch sehr exponiert sind. Also sich auch von aussen sehr viele solche Äusserungen anhören. […] Das kommt noch dazu. Und wenn du selber verunsichert bist und die Leute von aussen dich dann noch mehr verunsichern, ist das einfach mega schwierig zu händeln. Und das gibt ein Gefühl von Ohnmacht, von Überforderung, von Stress. Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 33 Es kommt dazu, dass diese Eltern oft nicht gut schlafen können, weil die Kinder nicht gut schlafen. Sie sind übermüdet. (Interview E, Abs. 3-5) Eine Fachperson HFE nennt zusätzlich das fehlende soziale Umfeld als weitere Begründung: Und das dann bewältigen zu können, dass es nicht in eine Kindswohlgefährdung reingeht, da braucht es ein sehr gutes System. Und ich kann mir vorstellen, dass bei gewissen Familien das System dann vielleicht nicht mehr so stabil ist, dass sich vielleicht auch gewisse Leute abwenden, wenn man merkt, das Kind ist nicht wie alle anderen Kinder. (..) Ja, dass man fest auf sich gestellt ist. (Interview D, Abs. 3) 5.2.2. Themenblock «Beobachtungen» Folgend werden die Ergebnisse der Hauptkategorie «Beobachtungen» aufgeführt. Diese umfasst Aussagen über Beobachtungen der befragten Fachperson HFE im Berufsalltag, die sie auf eine Kindeswohlgefährdung schliessen lassen. Eine Übersicht dieser Hauptkategorie mit ihren Unterkategorien bietet die Tabelle 3. Tabelle 3: Beobachtungen Beobachtungen Herausforderung Merkmale Fall, KESB Merkmale Kind Merkmale Betreuungssituation Merkmale Betreuungsperson Merkmale Familiensystem Herausforderung Mehrere Fachpersonen HFE betonen, dass es für sie eine grosse Herausforderung ist, eine Kindeswohlgefährdung zuverlässig zu erkennen. Die Anzeichen sind oft subtil und schwer zu interpretieren. Hinzu kommt die Unsicherheit, ob die eigene Wahrnehmung und Einschätzung zutreffend ist oder durch persönliche Haltungen beeinflusst wird: Manchmal ist das Kindswohl so subtil gefährdet, dass man es fast nicht erkennen kann. Oder erkennen kann man es vielleicht schon. Aber man muss sehr, sehr sensibilisiert sein. Das weiss ich nicht, ob ich das bin. Aber es ist manchmal wirklich mega mega schwierig, es zu erkennen. […] Ist das jetzt Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 34 nur meine Haltung, meine Einschätzung, ist wirklich etwas oder ist nichts? […] Also ich glaube, das finde ich das schwierigste, zu diesem Punkt zu kommen, zu entscheiden, doch das brauchts und wir gehen konkrete Schritte. (Interview B, Abs. 61) Sexuelle Gewalt sei besonders schwer zu erkennen: «Und was auch ganz schwierig ist, ist, wenn es irgendwie ein sexueller Missbrauch ist. Also da ist es sehr, sehr schwierig» (Interview A, Abs. 5). Eine Fachperson der HFE beschreibt die Herausforderung zu unterscheiden, ob ein Kind aufgrund seiner Entwicklungsverzögerung auffälliges Verhalten zeigt oder weil sein Wohl gefährdet ist: Aber es ist zum Teil wirklich sehr schwierig. Man weiss ja von Kindern, die eine Kindeswohlgefährdung haben, dass sie mit Verhaltensauffälligkeiten reagieren oder bettnässen oder stottern. Und das ist unser Klientel, oder? Und diese Abgrenzung, ist es jetzt einfach wirklich Entwicklungsverzögerung und einfach vom Kind her oder ist es wirklich aufgrund von einer Gefährdung? Das ist unglaublich schwierig. (Interview C, Abs. 119) Zudem wird die Einschätzung für Fachpersonen HFE als besonders anspruchsvoll beschrieben, da sie häufig als Erste in das Familiensystem eintreten und somit eine besondere Verantwortung tragen, mögliche Gefährdungen frühzeitig zu erkennen: Wir sind ja häufig die Ersten, die in die Familien kommen. Und die Kinder sind häufig noch nicht in einer externen Institution wie Kindergarten oder Schule oder Krippe. Also zum Teil sind sie es, aber zum Teil halt eben auch nicht. Dort hat man eher noch andere Fachkräfte drin. Und bei uns ist es halt häufig so, dass noch niemand drin ist und wir eigentlich die ersten sind, die in die Familie hinein sehen. Und das erkennen könnten. […] Und das müssen wir uns bewusst sein. (Interview C, Abs. 131-133) Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 35 Merkmale Fall, KESB Einige Fachpersonen HFE berichten über Fälle, in denen die KESB bereits involviert war, also bereits eine Beistandschaft für das betroffene Kind errichtet wurde und die Fachperson HFE ein erneute Kindeswohlgefährdung vermutet: «Und das Kind war aber schon bei der KESB und dann habe ich einfach mit denen Kontakt aufgenommen und Druck gemacht» (Interview E, Abs. 11). Merkmale Kind Verschiedene Fachpersonen HFE berichten, dass das Verhalten des Kindes auffällig war oder wurde: Es ist ein Kind, das wirklich unglaublich betreuungsaufwändig ist. Also für uns in der Spielgruppe braucht er wirklich konstant eine Eins-zu-eins-Betreuung. Und wir haben in der ersten Spielgruppensequenz, als der Junge bei uns war, war der Vater dabei und entsprechend der Junge natürlich auch. Und (..) er war da wirklich sehr sehr wild und nahm einfach alles in den Mund, hat zum Teil auch gebissen und geschlagen. (Interview G, Abs. 7) Als weitere Erkennungsmerkmale beim Kind wurden die Reaktionen und Interaktionen des Kindes sowie dessen Entwicklungsstand genannt: «Also ich denke erstmal (..) beim Kind selber. Wie reagiert es? Wie ist es bei dir, mit dir unterwegs in der Interaktion? Das ist jetzt vielleicht eins, auch in der Entwicklung, wo steht das Kind?» (Interview F, Abs. 7). Merkmale Betreuungssituation Deutlich am häufigsten berichten die Fachpersonen HFE über Beobachtungen in der Betreuungssituation, die auf eine Kindeswohlgefährdung schliessen liessen. Fast alle Fachpersonen HFE erwähnen eine auffällige Eltern-Kind-Interaktion: Wie ist das Gefühl von der Stimmung im Haus, der Mutter-Kind-Beziehung? Das ist ja schon oft ein Gefühl, oder? Wie schauen sie sich an? Was macht sie, wenn es weint? Aber ich kann es nur beobachten. Nimmt sie es gleich in den Arm? Lässt es sich beruhigen? (Interview E, Abs. 35) Zudem wird auch eine auffällige Interaktion zwischen Betreuungsperson und Kind in einer Kita beschrieben: «In einer Kita hatte ich das, also das war für mich so psychische Misshandlung oder auch eine emotionale Vernachlässigung, je nachdem, wie man das nennen möchte» (Interview A, Abs. 19). Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 42 5.2.4. Themenblock «Spannungsfeld Elternarbeit-Kindesschutz» Folgend werden die Ergebnisse der Hauptkategorie «Spannungsfeld Elternarbeit-Kindesschutz» aufgeführt. Diese umfasst Aussagen über verschiedene Aspekte im Umgang mit dem Spannungsfeld zwischen der Unterstützung der Eltern und dem Schutz des Kindeswohls. Eine Übersicht dieser Hauptkategorie mit ihren Unterkategorien bietet die Tabelle 5. Tabelle 5: Spannungsfeld Elternarbeit-Kindesschutz Spannungsfeld Elternarbeit-Kindesschutz Herausforderung Umgang mit Spannungsfeld Vertrauensbasis Kind im Zentrum Abwägen Transparenz Aktiver Einbezug Reflexionsprozesse anstossen Strukturiertes Vorgehen Triage Persönliche Werte und Überzeugungen Individuelle Wahrnehmung Wertschätzung und Respekt Unterstützung statt Verurteilung Empathie und Verständnis Grenzen professionellen Handelns Keine Kooperation Eltern Herausforderung Fast alle befragten Fachpersonen HFE bezeichnen das Spannungsfeld Elternarbeit-Kindesschutz als herausfordernd. In diesem Zusammenhang wurde mehrfach der Vertrauensbruch gegenüber den Eltern erwähnt. Auch, dass das Angebot der HFE freiwillig ist und die Eltern die Zusammenarbeit deshalb jederzeit beenden können: «Ja, ich finde es schwierig, eben weil wir ja ein freiwilliges Angebot sind. Und wir haben dann oft auch schon das Vertrauen aufgebaut mit der Familie und mit den Kindern. Und ich finde das jeweils recht herausfordernd, wie damit umzugehen» (Interview A, Abs. 35). Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 43 Umgang mit Spannungsfeld Vertrauensbasis Einige Fachpersonen HFE erachten es als essenziell, mit den Eltern eine Vertrauensbasis aufzubauen. Vereinzelt wird auch die Beziehung zu den Eltern als grundlegend für die Zusammenarbeit genannt. Die Kunst sei es, so eine Fachperson HFE, diese auch in schwierigen Situationen aufbauen zu können: Also das Wichtigste ist Beziehung und Vertrauen. Also, wenn ich reinkomme und sie wissen, das ist jemand, dem ich vertrauen kann, das ist schon mal die Basis für alles. Das habe ich jetzt gemerkt. Und die Kunst ist, auch dann eine Beziehung aufbauen zu können, wenn es schwierig ist. Auch wenn du das Gefühl hast, die Mutter spricht mit dem Kind himmeltraurig. Nimm sie ernst, versuche herauszufinden, wieso spricht sie so mit dem Kind? Und ich glaube, das spüren die Eltern sehr. Dass sie sich dann manchmal auch öffnen und plötzlich Fragen stellen oder auch einfach erzählen. Also ich glaube, ohne Beziehung geht nichts. (Interview E, Abs. 55) Diese Vertrauensbasis braucht es auch, um Schwieriges ansprechen zu können, erwähnen mehrere Fachpersonen HFE. Eine Herausforderung sei es, laut einer Fachperson HFE, trotz Vertrauen eine professionelle Distanz zu wahren und dennoch wachsam zu bleiben für auffällige Situationen: Es ist wirklich ein sehr, sehr spannendes Thema. (..) Ich denke eben, diese Gratwanderung zwischen Vertrauensbasis und doch wachsam sein für auffällige Situationen. […] Es gibt da das schöne Bild von zu der Familie ins Boot steigen und nicht die Familie ins Boot holen, das ich schon immer wieder so symbolisch vor mir habe. Und ich denke auch bei diesem Thema, eben nicht im Sinne von zu der Familie ins Boot steigen, wenn wirklich eine akute Gefährdung da ist und wir Teil davon werden, aber halt vertrauensmässig zu ihnen ins Boot steigen, dass man miteinander Veränderungen schaffen kann. (Interview G, Abs. 55) Kind im Zentrum Mehrheitlich berichten die Fachpersonen HFE, dass sie das Kind ins Zentrum stellen, wenn sie heikle Themen mit den Eltern ansprechen: Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 44 Weil es mir grundsätzlich dann auch um das Kind geht. Ich denke, das Kind auch ins Zentrum stellen, gerade in unserer Arbeit. Das hat mir auch meine Leitung gesagt. Unsere Aufgabe ist immer zu schauen, was das Kind braucht, damit es dem Kind gut geht. Und dort können wir ansetzen. (Interview D, Abs. 37) Abwägen Eine Fachperson HFE äussert, dass es jeweils ein Abwägen zwischen dem Wohl des Kindes und dem Vertrauen der Eltern sei: «Ich glaube, es ist dann ein Abwägen. Also, was gewichtet man mehr?» (Interview A, Abs. 35). Transparenz Mehrere Fachpersonen HFE betonen die Wichtigkeit der Transparenz gegenüber den Eltern im Umgang mit dem Spannungsfeld. Es wird mehrfach erwähnt, dass heikle Themen den Eltern gegenüber angesprochen werden müssen. Dabei sei eine klare Haltung wichtig und dass man nicht zu lange damit wartet: Und was ich aus diesen zwei Fällen gelernt habe ist, dass man, bevor man mit diesem grossen Wort kommt, dass wir eine Meldung machen, vorher schon möglichst bald einzusteigen und zu benennen, was man gesehen hat. […] Und ja, wenn ich jetzt, aus dem, was ich bis jetzt erlebt habe, das Gefühl habe, je eher man beginnt sich einzubringen und auch aufzuzeigen, ich sehe gewisse Schwierigkeiten und ich habe Bedenken und ich möchte euch unterstützen, dass man früher drin ist und dass sich die Eltern dann vielleicht auch öffnen. (Interview D, Abs. 25) Aktiver Einbezug Einige Fachpersonen HFE erwähnen, dass sie die Eltern in den Prozess einbeziehen: «Ja, ich glaube, es ist einfach wichtig, dass man die Eltern in den Prozess mitnimmt» (Interview C, Abs. 83). Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 45 Reflexionsprozess anstossen Mehrere Fachpersonen HFE berichten, dass sie nicht direkt belehrend eingreifen, sondern die Eltern durch gezielte Fragen und Gesprächsstrategien dazu anzuregen versuchen, ihr eigenes Verhalten zu hinterfragen und freiwillig Lösungen zu finden: Und ja, wo ich nachher versuche, in solchen Situationen Verhaltensweisen, die mich beschäftigten, die ich mir notiert habe vom letzten, vorletzten Mal, versuche anzusprechen und A bei den Eltern in Erinnerung zu rufen und sie zu fragen, wie war das für Sie? Quasi sie nochmals in die Situation reinzuschicken. (..) Ja, und in vielen Fällen, würde ich sagen, kommen sie nachher selber darauf, dass das vielleicht nicht ideal war. Die Reaktion oder so, wie sie das geregelt haben. Und ja, wir dann nachher auf einen gemeinsamen Suchprozess kommen, wie könnte es vielleicht anders gehen. Ja und möglichst viel zu fragen. Da kommt mir manchmal das Beratungsmodul wieder in den Sinn. (Interview G, Abs. 37) Strukturiertes Vorgehen Einzelne Fachpersonen HFE äussern, dass sie durch eine strukturierte Vorgehensweise im Umgang mit dem Spannungsfeld unterstützt werden: Und vielleicht darum eben auch meine schrittweise Vorgehensweise. Es ist nicht so, dass ich komme und finde hey, ich glaube wir haben da Kindeswohlgefährdung. Also so quasi, dass ich das den Eltern gegenüber so äussere, sondern wirklich, dass man das so in kleinen Schritten angeht und schaut, ob man schon so etwas bewegen kann, das dann dem Kind und der ganzen Familie helfen würde. (Interview A, Abs. 35) Triage Einige Fachpersonen HFE erwähnen die Notwendigkeit der Triage und den Fokus auf den eigenen Berufsauftrag im Umgang mit dem Spannungsfeld: «Und alles andere, eben Finanzen, Wohnsituation und so weiter und so fort, versuchen outzusourcen, weil das ist ja nicht unsere Aufgabe in dem Moment.» (Interview D, Abs. 37). Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 46 Persönliche Werte und Überzeugungen Individuelle Wahrnehmung Einzelne Fachpersonen HFE berichten, dass ihre persönlichen Werte die Entscheidung beeinflussen, versuchen aber, diesen Einfluss zu überprüfen. Vor allem durch den Austausch im anderen Fachpersonen und auch persönlicher Reflexion: Ich denke, gerade am Anfang haben sie natürlich sehr eine grosse Rolle. Wo sehe ich den Moment, in dem ich finde, oh das ist jetzt eine heikle Situation, die ich aufschreiben muss, wo ich mir Sorgen mache? Wo vielleicht jemand anderes findet ja, das ist jetzt noch nicht so schlimm. Oder wo jemand anderes findet ui, da leuchten alle Alarmleuchten, die es gibt. Ich finde, gerade am Anfang ist es sehr individuell und sobald man jemand zweites im Boot hat oder jemand drittes oder viertes wird es natürlich immer mehr abgesteckt mit verschiedenen Perspektiven. […] Ja, wo man am Anfang schon sehr aufpassen muss, dass man nicht mit seinen eigenen Werten und mit seiner eigenen Vorstellung, von was ist richtig und was ist falsch und nicht beginnt, sich für eine Seite einzusetzen oder parteiisch wird. Das passiert so schnell und es ist eigentlich sehr hilfreich, das mit jemandem zu besprechen, der nicht in der Familie involviert ist, um eben auch solche schwarzen Flecken aufzudecken. Wo man sieht ah ja stimmt, das wäre jetzt vielleicht noch wichtig, das auch zu bedenken oder um vielleicht nochmal nachzufragen oder eben mit jemand anderem auszutauschen. (Interview D, Abs. 31-33) Wertschätzung und Respekt Einige Fachpersonen HFE erwähnen, dass sie davon ausgehen, dass Eltern das Beste für ihr Kind wollen oder dass Eltern ihr Bestes geben: «Also ich gehe eigentlich schon davon aus, dass alle Eltern das Beste für ihre Kinder wollen und dass es halt Faktoren gibt, die das verunmöglichen. Also jetzt in der Kindeswohlgefährdung» (Interview C, Abs. 59). Auch der Blick auf die Ressourcen wird erwähnt: «Aber auch offen sein, doch noch Vertrauen in die Eltern haben, dass sie ihr Bestes geben. Ich finde auch, die guten Situationen wertschätzen, sie auch in ihrer Selbstwirksamkeit bestärken» (Interview D, Abs. 27). Zudem sei es wichtig, die Individualität jedes Familiensystems wertzuschätzen und zu akzeptieren: Und andererseits halt wirklich auch, (..) da denke ich, bin ich nach wie vor am Lernen, wie andere Familien als andere Systeme mit vielleicht anderen Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 47 kulturellem Hintergrund, mit anderen Geschichten und so weiter und so fort, sehen zu können und das primär mal versuchen zu akzeptieren. Auch wenn es für mich vielleicht sehr, sehr fremd und schwierig ist, mich darin zu bewegen und irgendwie agieren zu können. (..) Aber ich glaube, oder ich würde sagen von mir, dass mir das insgesamt gut gelingt, dort wirklich mal sehr unvoreingenommen ranzugehen, meine Werthaltung etwas auf die Seite zu stellen, was ich jetzt für meine eigenen Kinder oder die mir anvertrauten irgendwie als ganz zentral anschaue. Und ja, ich versuche zu schauen, was ist da und wie funktioniert das System genau diesbezüglich und wie kann ich dort vielleicht meine Gedanken oder meine Wertvorstellungen hineinbringen? (Interview G, Abs. 35) Unterstützung statt Verurteilung Verschiedene Fachpersonen HFE beschreiben die Haltung, die Eltern nicht zu verurteilen, sondern zu unterstützen: «Und nicht ein Verurteilen, sondern einfach ansprechen. Ich habe das beobachtet. (..) Ja. Wie ging es euch dabei?» (Interview D, Abs. 27). Empathie und Verständnis Einzelne Fachpersonen HFE zeigen gegenüber den Eltern auch Empathie und Verständnis für ihre Situation: «Zu sagen ich sehe, dass es eine schwierige Situation ist, dass es anspruchsvoll ist, das darf auch anspruchsvoll sein und ich möchte euch aber unterstützen» (Interview D, Abs. 25). Grenzen professionellen Handelns Vereinzelt berichten Fachpersonen HFE über die Einsicht, dass sie im Umgang mit schwierigen Familiensituationen in ihrem professionellen Handeln eingeschränkt sind, insbesondere wenn die KESB involviert ist. Diese reagiere nicht oder nicht schnell genug: Und ich hatte das Gefühl, wenn ja die KESB schon im Spiel ist, dann muss man doch reagieren. Aber dann siehst du einfach, auch die KESB kann nicht alles. Was sollen sie machen? Sie können ja das Kind nicht einfach mitnehmen. Aber für mich als Heilpädagogin, ich habe gemerkt, es gibt Grenzen oder es gibt wenig, das man gleich für das Kind machen kann. […] Und alles hat lange Wege und es sind sieben Leute und genau diese Person arbeitet aber nur am Freitag. (Interview E, Abs. 15) Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 48 Eine Fachperson HFE beschreibt, wie sie gelernt hat, mit solchen Situationen umzugehen. Sie versucht, Verständnis und Akzeptanz für die schwierigen Lebensumstände des Kindes aufzubringen und grenzt sich professionell ab. Dem Kind versucht sie positive Erfahrungen und Verlässlichkeit zu vermitteln. Also ich versuche Verständnis aufzubringen und auch einen gewissen Abstand, dass ich sage, das Kind wächst in diesem System auf. Ich kann es nicht retten vor dem System. Die Umweltfaktoren, die da sind, hat das Kind auch. Und wenn die Eltern nicht wollen, dass es in die Spielgruppe geht und ich immer wieder mal versuche und es immer noch nicht geht, wäre ja eigentlich auch so wie eine Kindeswohlgefährdung, kann man fast sagen, dann muss ich auch irgendwie stehen lassen. Dass ich sage ja, obwohl mir das Kind sehr leid tut. […] Und oftmals, ich meine, ich komme einmal in der Woche, und ich versuche dann einfach, dem Kind meine Aufmerksamkeit zu geben und meine Geborgenheit und mein Wohlwollen und meine Zeit und hoffe, über diese Beziehung dem Kind etwas mitgeben zu können in dieser kleinen Stunde, das ihm vielleicht ein bisschen nützt oder dass es weiss, in einer Woche kommt sie wieder. (Interview E, Abs. 43-45) Keine Kooperation Eltern Mehrere Fachpersonen HFE berichten, dass bei einer Kooperationsverweigerung der Eltern das Kindeswohl für sie oberste Priorität hat. In diesem Fall gewichten sie das Kindeswohl stärker und entscheiden, eine Gefährdungsmeldung zu machen oder machen zu lassen. Zuvor versuchen sie jedoch in mehreren Schritten, die Eltern zu einer Kooperation zu bewegen: Und wenn das aber nicht funktioniert und es geht nichts vorwärts, dann muss man, glaube ich, wie sagen, dann muss man eher irgendwelche Massnahmen ergreifen, die dem Kind helfen und im schlimmsten Fall fliegt man dann aus dem System raus, weil das Vertrauen verloren gegangen ist. […] Also dann eben ist es auch hier ein Abwägen was ist jetzt wichtiger im Moment. Aber wenn das Kindeswohl gefährdet ist oder beeinträchtigt ist sogar, dann hat das die oberste Priorität. (Interview A, Abs. 35-37) Solche Entscheidungsprozesse werden immer mit der/dem Vorgesetzten oder einer anderen Fachperson abgesprochen, berichten die interviewten Fachpersonen HFE. Einzelne Fachpersonen HFE erwähnen, dass sie bei einer Kooperationsverweigerung der Eltern keinen Auftrag mehr haben: «Ja, aber ich glaube, wenn die Eltern nicht kooperieren, haben wir Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 49 keinen Auftrag. Dann sind wir eh draussen. Und ich finde, dann kann man das noch machen. Also ja, also ich glaube, dann ist das Kindeswohl das oberste Gebot.» (Interview B, Abs. 57) Eine Fachperson HFE ist der Meinung, dass die Eltern in einer solchen Situation nicht mehr handlungsfähig sind und es deshalb eine Instanz braucht, die entscheidet: Und dann ist man schon an dem Punkt, wo es wirklich eine Meldung braucht. Weil sie sind nicht mehr handlungsfähig, sie finden keine Lösungen mehr, sie können die Situation nicht mehr verändern und dann braucht es eine Instanz, die dann entscheidet und verfügt. (Interview D, Abs. 41) 5.2.5. Themenblock «Wünsche» Im Folgenden werden die Ergebnisse zum Themenblock der Abschlussfrage «Wünsche» aufgeführt. Dieser umfasst Aussagen zu Wünschen der Fachpersonen HFE bezüglich besserem Umgang mit der Thematik Kindeswohlgefährdung. Eine Übersicht dieser Kategorie mit ihren Unterkategorien bietet die Tabelle 6. Tabelle 6: Wünsche Wünsche Leitfaden Vorgehen Leitfaden Gesprächsführung Wissen Begleitung durch Leitung HFE-Fachstelle Kindesschutz Entlastung Familie Leitfaden Vorgehen Mehrere Fachpersonen HFE äussern den Wunsch nach einem auf ihre Arbeitsstelle angepassten Leitfaden für das Vorgehen bei einem Verdacht auf Kindeswohlgefährdung. Darin sollen auch mögliche Anlaufstellen vermerkt sein. Ein solcher Leitfaden würde mehr Sicherheit im Umgang mit der Thematik bieten: Dass es ein Konzept gibt in der Institution, in welchem das Vorgehen klar geregelt ist und wo vielleicht auch hilfreiche Anlaufstellen vermerkt sind. Wo man weiss, an wen man sich melden kann, wenn man etwas besprechen möchte. Wer kann mir weiterhelfen? Was sind vielleicht Angebote, die bezüglich Paar-Thematik hilfreich wären? Was sind Angebote, bei denen es Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 50 darum geht, wie man die Erziehung verändern kann? Was kann ich den Eltern noch empfehlen, um zu schauen, ob sie das annehmen können? Je nachdem, welchen Bereich es betrifft. Und wenn sie das alles nicht annehmen können und man alles versucht hat, dass man dann den Schritt weiter machen kann. […] Und ich denke, das ist aber etwas, was im Moment bei uns, an unserer Dienststelle das Thema ist und wo man dran ist. Was wie auch nicht möglich ist, das so übergreifend für alle HFEs zu machen, weil es halt überall wieder anders ist. (Interview D, Abs. 43) Leitfaden Gesprächsführung Eine Fachperson HFE äussert den Wunsch nach praxisorientierten Leitlinien für die Gesprächsführung im Kontext von Kindeswohlgefährdung. Ebenfalls hilfreich fände sie Leitlinien und Visualisierungen für die Elternberatung in diesem Zusammenhang. Diese sollen dazu beitragen, den Eltern die Auswirkungen von Gewalt und Vernachlässigung auf die kindliche Entwicklung verständlich darzustellen: Und was vielleicht auch hilfreich sein könnte, ich denke gerade so Gesprächsführung oder eben auch Fragen, wie du jetzt geäussert hast, wie das Spannungsfeld zwischen Mutter und Vater. Wie bringe ich sie zusammen? Wie kann ich das Vertrauen aufrecht erhalten, auch wenn ich schwierige Sachen anspreche? Wenn ich sie darauf hinweise, dass die Situation im Moment nicht optimal ist? Ich denke, das ist sicher etwas, was hilfreich ist für die Gesprächsführung. Eigentlich wie einen Wegweiser zu haben oder vielleicht auch gewisse Visualisierungen. Was bedeutet das denn für das Kind, wenn es immer wieder körperliche oder psychische Gewalt erlebt oder wenn seine Grundbedürfnisse immer wieder nicht erfüllt werden? Wie wirkt sich das auf die Entwicklung aus? […] Nicht per se einen Ablauf, was als nächstes kommt, sondern mehr Sachen, die man zücken kann, wenn man merkt, dass man gerade ansteht. Was könnte ich jetzt noch bieten? (..) Ich denke, das wäre auch etwas, das übergreifend möglich wäre, für alle. (Interview D, Abs. 45) Wissen Einige Fachpersonen HFE äussern den Wunsch nach mehr Wissen und Sensibilisierung für die Thematik, da dies mehr Sicherheit im Umgang damit geben würde: Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 51 Also ich glaube, es ist schon immer wieder das Sensibilisieren von dir selber. Das heisst, irgendwelche Fallbesprechungen im Team, wo es um das geht, auch mal eine KESB besuchen. Was ist denn das eigentlich genau für ein Riesenkasten? Und wie läuft es da ab? Also auch mehr Wissen. (..) Und mich selber einfach mehr sensibilisieren. (..) Vielleicht bin ich dann auch durch mein grösseres Wissen ein bisschen mutiger. Weisst du, dass ich es eher nochmals anspreche, dass ich eher nochmals sage, dass mir etwas Sorgen macht oder dass mir etwas aufgefallen ist. Jetzt denke ich jeweils, ja jetzt schaue ich das nächste Mal nochmals oder so. Dass man da manchmal schon etwas besser schauen muss, zum Schutz des Kindes. (Interview E, Abs. 63) Eine Fachperson HFE berichtet, dass es eine entsprechende Ausbildung gibt: den CAS Kindesschutz an der Fachhochschule Luzern. Auch Kinderschutz Schweiz biete Weiterbildungen an: Also wenn du fragst, was wünsch ich mir? Laufende Weiterbildung. […] Also ich habe sie eben wirklich schon länger. (..) Neu ist es in Luzern, glaube ich. An der Fachhochschule. Kinderschutz, ja. […] Und ich weiss Kinderschutz Schweiz bietet auch Sachen an. […] Und die bieten ja Kurse für Eltern an. Das ist auch etwas. Starke Eltern, starke Kinder, heisst es, glaube ich. (Interview C, Abs. 121-129) Eine weitere Fachperson HFE äussert den Gedanken, ob Betreuungspersonen im Vorschulbereich besser für die Thematik sensibilisiert werden müssten: Ich würde, glaube ich, noch mal der Frage nachgehen sind Lehrpersonen, ich meine, sind die anders geschult als das Kitaund Spielgruppen-Personal? Ja, das würde ich spannend finden. Wann fallen wirklich die Gefährdungsmeldungen auf? Bei wem fallen sie auf und wer muss wirklich noch vorgängig geschult werden? Also müssen auch im vorschulischen Bereich die Fachpersonen noch mehr geschult werden, frage ich mich gerade. (Interview F, Abs. 99) Begleitung durch Leitung Eine Fachperson HFE äussert den Wunsch nach intensiver Begleitung und Anleitung durch die Vorgesetzten im Prozess. Sie ist der Meinung, dass einige Fachpersonen HFE aufgrund ihrer hohen Sensibilität Schwierigkeiten haben, eine Gefährdungsmeldung durchzusetzen, Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 58 sowie deren Gegenüberstellung. Zudem finden Fallbesprechungen im Team tendenziell erst dann statt, wenn ein konkreter Hilfebedarf besteht. Eine Gefährdung des Kindeswohls liegt auch bereits dann vor, wenn die ernsthafte Möglichkeit besteht, dass das Wohl künftig gefährdet sein könnte. Es muss demnach nicht bereits aktuell gefährdet sein (Hegnauer, 1999), um entsprechende Schritte einzuleiten, wie sie beispielsweise von Hauri und Zingaro (2020) empfohlen werden. Dieser Präventionsgedanke scheint den befragten Fachpersonen HFE noch zu wenig bewusst zu sein. Die Prävention ist jedoch Teil des Berufsauftrages der HFE (BVF, 2019). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ein strukturiertes Vorgehen, festgehalten in einem internen Leitfaden, den Fachpersonen HFE eine klare Unterstützung im Umgang mit der Thematik Kindeswohlgefährdung bietet. Auch in der Theorie wird die Bedeutung eines strukturierten Vorgehens einstimmig betont (Wolf, 2021; Caby & Simon, 2023; Hauri & Zingaro, 2020). Es ist zu empfehlen, vor allem die Risikound Schutzfaktoren für eine Kindeswohlgefährdung präsent zu haben. Diese unterstützen dabei, wachsam zu bleiben und bei einem Verdacht eine Risikoeinschätzung vorzunehmen, bei der das gesamte System betrachtet wird. Eine mögliche Unterstützung bieten hierfür beispielsweise die «Einschätzungshilfen zur Früherkennung von Kindeswohlgefährdung für Fachpersonen im Frühbereich (0–5 Jahre)» (Direktion für Inneres und Justiz des Kantons Bern, Kantonales Jugendamt, n. d.). In diesem Zusammenhang zeigt sich auch, wie bedeutsam die Umfelddiagnostik für die HFE ist, da diese den ganzheitlichen Blick auf ein Familiensystem unterstützt. Um dem Früherkennungsund Präventionsauftrag gerecht zu werden (Naggl & Thurmair, 2005; Pretis, 2020; BVF, 2019), sollte sie bereits zu Beginn der Zusammenarbeit mit einer Familie durchgeführt werden. Zur Unterstützung kann nebst einer umfassenden Anamnese beispielsweise der «Elternstressfragebogen (ESF)» nach Domsch und Lohaus (2010) eingesetzt werden. Dieser thematisiert das elterliche Stresserleben, die Rollenrestriktion, die soziale Unterstützung sowie die Partnerschaft. Weitere Unterstützung bietet der «Gesprächsleitfaden FegK 0–6» nach Burgener (2014), der darauf abzielt, eine Entwicklungsgefährdung frühzeitig zu erkennen. Auch der präventive Ansatz sollte mehr Beachtung finden. Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 59 Der Umgang mit dem Spannungsfeld zwischen der Unterstützung der Eltern und dem Schutz des Kindeswohls stellt für die befragten Fachpersonen HFE eine besondere Herausforderung dar. In der Theorie wird dies damit begründet, dass das ständige abwägen zwischen den Rollen viel Verantwortungsgefühl und professionelle Distanz erfordert (Caby & Simon, 2023). Im Umgang mit diesem Spannungsfeld nennen die Fachpersonen HFE essenzielle Werte, die auch für das grundlegende professionelle Handeln im Kindesschutz zentral sind. Zu den genannten Werten gehören Respekt, Transparenz, Wertschätzung, Verständnis und der Aufbau einer Vertrauensbasis, welcher von vielen der befragten Fachpersonen HFE als zentral angesehen wird. Auch werden ein strukturiertes Vorgehen mit dem Kindeswohl im Zentrum, der aktive Einbezug der Familie mit dem Ziel, deren Denkund Handlungsmuster zu verändern, sowie die Balance zwischen Nähe und Distanz erwähnt (vergleiche Tabelle 2 nach Wolf, 2021; Caby & Simon, 2023; Bröning, 2023; Hauri & Zingaro, 2020). Ebenfalls streben viele der befragten Fachpersonen HFE eine freiwillige Kooperation der Eltern an. Diese wird als wirkungsvoller und nachhaltiger als eine Gefährdungsmeldung bei der KESB angesehen. Dies wird auch durch die Theorie bestätigt (Caby & Simon, 2023; Hauri & Zingaro, 2020). Nach Bauer und Wiezorek (2007) sowie Caby und Simon (2023) erfordert der Umgang mit dem Spannungsfeld zusätzlich eine ausgeprägte Reflexionskompetenz sowie fundierte Fachkompetenzen. Es braucht auch eine ganzheitliche Betrachtung des Familiensystems, um eine einseitige Sichtweise zu vermeiden. Diese Voraussetzungen werden von den befragten Fachpersonen HFE nur vereinzelt erwähnt und sollten stärker in den Fokus gerückt werden. Auch hier empfiehlt sich eine laufende Weiterbildung: zum Rollenverständnis, zur professionellen Abgrenzung und zur Stärkung der Reflexionskompetenzen, beispielsweise in Form von Supervisionen oder Fallbesprechungen. Unterfrage 3 «Spannungsfeld Eltern-Kind» Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 60 6.3. Reflexion der Forschungsmethodik Anschliessend erfolgt eine kritische Auseinandersetzung mit dem methodischen Vorgehen für die vorliegende Arbeit. Dabei wird auf die Stichprobe, die Interviewdurchführung, die Transkription und die qualitative Inhaltsanalyse eingegangen. 6.3.1. Stichprobe Die vorliegende Masterarbeit basiert auf einer Stichprobe von sieben Fachpersonen HFE, die entweder in einem öffentlichen oder privaten Anstellungsverhältnis tätig sind und über mindestens zwei Jahre Berufserfahrung verfügen. Durch die heterogene Zusammensetzung hinsichtlich Berufserfahrung und Arbeitsverhältnisse konnten verschiedene Perspektiven auf die Thematik der Kindeswohlgefährdung berücksichtigt werden. Besonders die langjährige Erfahrung einzelner Fachpersonen (bis zu 22 Jahre) bot wertvolle Einblicke in die Herausforderungen und Strategien im Berufsalltag. Die Stichprobengrösse ist mit sieben Interviews relativ klein, was die Aussagekraft der Ergebnisse einschränkt. Eine grössere Anzahl an Interviews könnte die Vielfalt der Sichtweisen von Fachpersonen HFE erhöhen und zu einer umfassenderen Datenbasis führen. 6.3.2. Interviewdurchführung Die Interviews wurden überwiegend online durchgeführt, um die räumliche Distanz zu überwinden. Dies ermöglichte eine hohe Flexibilität und eine einfache Terminfindung. Eine Online-Durchführung birgt jedoch auch methodische Nachteile, wie beispielsweise technische Störungen. Glücklicherweise konnten die Interviews ohne technische Probleme oder Unterbrechungen durchgeführt werden, und die Tonqualität der Audioaufnahmen war in allen Interviews sehr zufriedenstellend. Zudem wurde die Gesprächsatmosphäre bei allen Interviews als entspannt und natürlich empfunden. Die Entscheidung, die Gespräche in Mundart zu führen, trug zu einer authentischen Gesprächsatmosphäre bei und förderte die Offenheit der Teilnehmenden. Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 61 6.3.3. Transkription Dank der Verwendung von MAXQDA konnte die Transkription mit nummerierten Abschnitten und Zeitmarkern unkompliziert erstellt werden. Die Aussagen wurden möglichst wortgetreu transkribiert, dennoch kam es durch die sprachliche Glättung und die Anpassung ins Hochdeutsche zu geringfügigen Veränderungen. Trotz des Einsatzes von MAXQDA erwies sich dieser Arbeitsprozess als zeitaufwändig. Zudem kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich vereinzelt kleine Fehler eingeschlichen haben. 6.3.4. Qualitative Inhaltsanalyse Für die qualitative Inhaltsanalyse wurde das Programm MAXQDA als sehr unterstützend empfunden. Es half, den Überblick über das Codierungssystem zu behalten, und ermöglichte, Textstellen schnell umzucodieren. Der Codierungsprozess wurde als komplex und zeitintensiv wahrgenommen. Das Codierungssystem wurde in mehreren Durchläufen überprüft und angepasst. Die intensive Auseinandersetzung wurde jedoch als hilfreich für die Auswertung der Daten empfunden. Um die Qualität des Codierungsprozesses zu gewährleisten, empfehlen Kuckartz und Rädiker (2024), dass jeder Text zumindest zu Beginn von zwei Codierenden bearbeitet wird. Dies konnte aufgrund der Vorgaben für die vorliegende Arbeit nicht umgesetzt werden. Die Autorin versuchte diesem Umstand jedoch entgegenzuwirken, indem sie das Codierungssystem in mehreren Durchläufen überprüfte und kontinuierlich anpasste. Dennoch basiert die Interpretation der Daten auf der individuellen Perspektive der Autorin. Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 62 7. Fazit und Ausblick Das Verfassen der vorliegenden Arbeit zielte darauf ab, zu untersuchen, wie Fachpersonen HFE in ihrem Berufsalltag mit der Thematik der Kindeswohlgefährdung umgehen. Nebst dem Einblick in deren berufliche Handlungsstrategien sollten praxisrelevante Erkenntnisse gewonnen und die fachliche Auseinandersetzung mit der Thematik Kindeswohlgefährdung gestärkt werden. Dafür wurden sieben Fachpersonen HFE mit mehreren Jahren Berufserfahrung interviewt, welche sich in einem privaten oder öffentlichen Anstellungsverhältnis befinden. Die Interviews wurden mittels inhaltlich strukturierenden, qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet und auf Basis der theoretischen Grundlagen diskutiert und interpretiert. Es konnten viele Übereinstimmungen aber auch einzelne Lücken zum aktuellen Forschungsstand festgestellt werden. Daraus wurden nützliche Erkenntnisse für die Praxis abgeleitet, die in den folgenden Abschnitten nochmals kurz erläutert werden. Die Erkenntnisse sollen jedoch mit Vorbehalt betrachtet werden, da sie aufgrund der kleinen Stichprobe und der persönlichen Erfahrungen der Befragten nicht als repräsentativ gewertet werden können. Obwohl in vielen Fällen treffende Beobachtungen gemacht werden, die auf eine mögliche Kindeswohlgefährdung hinweisen, fehlt es teilweise an einer ganzheitlichen Betrachtung des Familiensystems. Ebenso wird oftmals die umfassende Risikoeinschätzung, einschliesslich der Gegenüberstellung von Risikound Schutzfaktoren, vernachlässigt. Der gezielte Einsatz von Hilfsmitteln zur Erkennung einer Kindeswohlgefährdung würde zu mehr Sicherheit und Professionalität beitragen. Es ist ausserdem eine stärkere Sensibilisierung der Fachpersonen HFE angezeigt – insbesondere im Hinblick auf das erhöhte Risiko einer Kindeswohlgefährdung bei Kindern mit einer Beeinträchtigung oder Entwicklungsverzögerung (Sullivan & Knutson, 2000). Dies gilt auch für den präventiven Ansatz (Hegnauer, 1999; BVF, 2019). Weiterbildungen zur Thematik, die in den Interviews nur vereinzelt erwähnt wurden, sollten verstärkt in den Fokus gerückt werden, um das Fachwissen und die Handlungssicherheit der Fachpersonen HFE weiter zu stärken. Ein strukturiertes Vorgehen, festgehalten in einem internen Leitfaden, zeigt sich deutlich als gewünschte Unterstützung für die Fachpersonen HFE im Umgang mit der Thematik Kindeswohlgefährdung. Vor allem die Risikound Schutzfaktoren sollten den Fachpersonen HFE präsent sein. Eine mögliche Unterstützung bieten beispielsweise die «Einschätzungshilfen zur Früherkennung von Kindeswohlgefährdung für Fachpersonen im Frühbereich (0–5 Jahre)» (Direktion für Inneres und Justiz des Kantons Bern, Kantonales Jugendamt, n. d.). Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 63 Bezüglich Risikound Schutzfaktorenerfassung zeigt sich auch, wie bedeutsam die Umfelddiagnostik für die HFE ist, da diese den ganzheitlichen Blick auf ein Familiensystem unterstützt. Auf diese sollte bereits zu Beginn der Zusammenarbeit mit einer Familie zurückgegriffen werden, um dem Früherkennungsund Präventionsauftrag gerecht zu werden (Naggl & Thurmair, 2005; Pretis, 2020; BVF, 2019). Unterstützend können dabei, nebst einer umfassenden Anamnese, beispielsweise der «Elternstressfragebogen (ESF)» nach Domsch und Lohaus (2010), oder der «Gesprächsleitfaden FegK 0–6» nach Burgener (2014) sein. Im Umgang mit dem Spannungsfeld zwischen der Unterstützung der Eltern und dem Wohl des Kindes halten sich die Fachpersonen HFE an essenzielle Werte, die auch für das grundlegende professionelle Handeln im Kindesschutz zentral sind. Der Umgang mit dem Spannungsfeld benötigt zusätzlich eine ausgeprägte Reflexionskompetenz sowie fundierte Fachkompetenzen, eine professionelle Distanz sowie eine ganzheitliche Betrachtung des Familiensystems (Bauer & Wiezorek, 2007; Caby & Simon, 2023). Diese Voraussetzungen werden von den befragten Fachpersonen HFE nur vereinzelt erwähnt und sollten stärker in den Fokus gerückt werden. Es empfiehlt sich auch hier eine laufende Weiterbildung: zum Rollenverständnis, zur professionellen Abgrenzung und zur Stärkung der Reflexionskompetenzen, beispielsweise in Form von Supervisionen oder Fallbesprechungen. Die vorliegende Arbeit zeigt, dass Fachpersonen HFE im Umgang mit Kindeswohlgefährdung vor verschiedenen Herausforderungen stehen. Zukünftige Forschung könnte sich beispielsweise darauf konzentrieren, standardisierte Leitfäden für die HFE zu entwickeln – zugeschnitten auf die jeweiligen Arbeitsregionen oder -stellen – und deren Wirksamkeit empirisch zu überprüfen. Auch die Entwicklung praxisorientierter Leitlinien für die Gesprächsführung im Kontext von Kindeswohlgefährdung sowie von Leitlinien und Visualisierungen für die Elternberatung in diesem Zusammenhang stellen mögliche Forschungsgebiete dar. Mit den herausgearbeiteten Erkenntnissen möchte die Autorin dazu beitragen, einen differenzierten und sensibilisierten Blick auf das Wohl von Kindern zu stärken. Die Zielgruppe der HFE – Kinder im Vorschulalter mit Beeinträchtigungen oder Entwicklungsverzögerungen – ist besonders vulnerabel. Je früher eine gefährdende Situation erkannt wird, desto wirksamer lassen sich Unterstützungsmassnahmen einleiten, um Folgeschäden zu verhindern oder zu mindern (Hauri & Zingaro, 2020). Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 64 «Es ist so banal wie folgenschwer, dass eine „Kindeswohlgefährdung“ erst dann verifiziert werden kann, wenn es jemanden gibt, der sein „ungutes Bauchgefühl“ in den Kontext einer Kindeswohlgefährdung stellt und dies auch so kommuniziert» (Wolf, 2021, S. 104). Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 65 8. Literaturverzeichnis Aeppli, J., Gasser, L., Gutzwiller, E. & Tettenborn, A. (2023). Empirisches wissenschaftliches Arbeiten: ein Studienbuch für die Bildungswissenschaften (5., aktualis. Aufl.). Stuttgart: utb GmbH. Bauer, P. & Wiezorek, C. 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Kindeswohlgefährdung im Kontext der Stéphanie Meier Heilpädagogischen Früherziehung 66 Caby, A. & Simon, L. (2023). Kinder mit Beeinträchtigungen als Herausforderung im Kinderschutz. In B. Averbeck, F. Caby, B. E. Hermans & A. Röhrbein (Hrsg.), Kooperation im Kinderschutz: Handbuch für eine systemische Praxis, 1. Aufl. (S. 191-202). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. Deegener, G. & Körner, W. (2016). Risikoerfassung bei Kindesmisshandlung und Vernachlässigung: Theorie, Praxis, Materialien (4. Aufl.). Lengerich: Pabst Science Publishers. Dettenborn, H. (2010). Kindeswohl und Kindeswille: psychologische und rechtliche Aspekte (3., überarb. Aufl.). München: E. Reinhardt. Direktion für Inneres und Justiz des Kantons Bern, Kantonales Jugendamt (n. d.). Einschätzungshilfen zur Früherkennung von Kindeswohlgefährdung für Fachpersonen im Frühbereich (0-5 Jahre). 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