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Bachelor-Arbeit Ausbildungsgang Soziokulturelle Animation Kurs BB 2020 – 2025 Esra Cukadar Cancel Culture: Zwischen Ausschluss und Verantwortung Eine Bestandesaufnahme und die Rolle der Soziokulturellen Animation Diese Arbeit wurde am 11.08.2025 an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit eingereicht. Für die inhaltliche Richtigkeit und Vollständigkeit wird durch die Hochschule Luzern keine Haftung übernommen. Studierende räumen der Hochschule Luzern Verwendungsund Verwertungsrechte an ihren im Rahmen des Studiums verfassten Arbeiten ein. Das Verwendungsund Verwertungsrecht der Studierenden an ihren Arbeiten bleibt gewahrt (Art. 34 der Studienordnung). Studentische Arbeiten der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit werden unter einer Creative Commons Lizenz im Repositorium veröffentlicht und sind frei zugänglich.
09-2022 Originaldokument gespeichert auf LARA – Lucerne Open Access Repository and Archive der Zentralund Hochschulbibliothek Luzern Urheberrechtlicher Hinweis: Dieses Werk ist unter einem Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle NutzungKeine Bearbeitung 3.0 Schweiz (CC BY-NC-ND 3.0 CH) Lizenzvertrag lizenziert. Um die Lizenz anzuschauen, gehen Sie bitte zu https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/ch Sie dürfen: Teilen — das Material in jedwedem Format oder Medium vervielfältigen und weiterverbreiten. Zu den folgenden Bedingungen: Namensnennung — Sie müssen angemessene Urheberund Rechteangaben machen, einen Link zur Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Diese Angaben dürfen in jeder angemessenen Art und Weise gemacht werden, allerdings nicht so, dass der Eindruck entsteht, der Lizenzgeber unterstütze gerade Sie oder Ihre Nutzung besonders. Nicht kommerziell — Sie dürfen das Material nicht für kommerzielle Zwecke nutzen. Keine Bearbeitungen — Wenn Sie das Material remixen, verändern oder darauf anderweitig direkt aufbauen dürfen Sie die bearbeitete Fassung des Materials nicht verbreiten. Keine weiteren Einschränkungen — Sie dürfen keine zusätzlichen Klauseln oder technische Verfahren einsetzen, die anderen rechtlich irgendetwas untersagen, was die Lizenz erlaubt. Jede der vorgenannten Bedingungen kann aufgehoben werden, sofern Sie die Einwilligung des Rechteinhabers dazu erhalten. Diese Lizenz lässt die Urheberpersönlichkeitsrechte nach Schweizer Recht unberührt. Eine ausführliche Fassung des Lizenzvertrags befindet sich unter https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/ch/legalcode.de
Vorwort der Studiengangleitung Bachelor Die Bachelor-Arbeit ist Bestandteil und Abschluss der beruflichen Ausbildung an der Hochschule Luzern, Soziale Arbeit. Mit dieser Arbeit zeigen die Studierenden, dass sie fähig sind, einer berufsrelevanten Fragestellung systematisch nachzugehen, Antworten zu dieser Fragestellung zu erarbeiten und die eigenen Einsichten klar darzulegen. Das während der Ausbildung erworbene Wissen setzen sie so in Konsequenzen und Schlussfolgerungen für die eigene berufliche Praxis um. Die Bachelor-Arbeit wird in Einzeloder Gruppenarbeit parallel zum Unterricht im Zeitraum von mehreren Monaten geschrieben. Gruppendynamische Aspekte, Eigenverantwortung, Auseinandersetzung mit formalen und konkret-subjektiven Ansprüchen und Standpunkten sowie die Behauptung in stark belasteten Situationen gehören also zum Kontext der Arbeit. Von einer gefestigten Berufsidentität aus sind die neuen Fachleute fähig, soziale Probleme und Entwicklungspotenziale als ihren Gegenstand zu beurteilen und zu bewerten. Denken und Handeln in Sozialer Arbeit ist vernetztes, ganzheitliches Denken und präzises, konkretes Handeln. Es liegt daher nahe, dass die Diplomand_innen ihre Themen von verschiedenen Seiten beleuchten und betrachten, den eigenen Standpunkt klären und Stellung beziehen sowie auf der Handlungsebene Lösungsvorschläge oder Postulate formulieren. Ihre Bachelor-Arbeit ist somit ein wichtiger Fachbeitrag an die breite thematische Entw icklung der professionellen Sozialen Arbeit im Spannungsfeld von Praxis und Wissenschaft. In diesem Sinne wünschen wir, dass die zukünftigen Fachleute der Sozialen Arbeit mit ihrem Beitrag auf fachliches Echo stossen und ihre Anregungen und Impulse von den Fachkreisen aufgenommen werden. Luzern, im August 2025 Hochschule Luzern, Soziale Arbeit Studiengangleitung Bachelor Soziale Arbeit
III Abstract Cancel Culture wird im öffentlichen Diskurs oft als moralische Korrektur oder übersteigerte Empörung verstanden. Beide Sichtweisen greifen zu kurz. Diese Arbeit zeigt am jüngeren Beispiel von Sanija Ameti, dass Ausschlusspraktiken auf tiefliegende gesellschaftliche Strukturen zurückgehen. Ametis Geschlecht, Herkunft und Biografie führten zu besonderer Verwundbarkeit – Kritik schlug rasch in Ausgrenzung und Bedrohung um. Cancel Culture ist kein neues Phänomen; sie ist älter als die medial viel diskutierte Wokeness. Heute nutzen auch konservative Kräfte, oft erklärte Gegner jener Wokeness, Cancel Culture strategisch, wie etwa um Gegenspielende zum Schweigen zu bringen oder sich als Opfer zu inszenieren. Öffentliche Skandalisierungen folgen dabei wiederkehrenden Mustern wie rascher Schuldzuweisung, Isolation und dem Fehlen von Möglichkeiten zur Wiedergutmachung. In der Soziokulturellen Animation können Fachpersonen dem entgegentreten, indem sie Räume für Dialog, Verständnis und gemeinsames Lernen schaffen. Community Accountability, Listening Circles und Pods verschieben den Fokus weg von Bestrafung hin zu Kontextualisierung, Verantwortung und Gemeinschaft. Abolitionistische Ansätze stärken dabei die Vorstellung, dass gesellschaftlicher Wandel durch Beziehung, Verantwortung und Fürsorge statt durch Strafe entsteht. So entstehen neue Wege im Umgang mit gesellschaftlichen Spannungen.
IV Danksagung Vier Tage vor Druck. Ich schreibe müde diese Zeilen. Mein Kopf ist voll, ich habe keine grossen Ansprüche an diesen Text, kein roter Faden, keine grosse Stringenz. Was folgt ist kein literarisches Meisterwerk. Sondern nur das, was übrig bleibt, wenn mein Herz noch einmal Danke sagen will. Diese Arbeit ist nicht allein entstanden. Sie verdient, dass das sichtbar wird. Weil wir einander tragen. Weil Fürsorge ein politischer Akt ist. Und weil das Teilen von Zeit, Wissen, Geduld und Raum vielleicht das Konsequenteste ist, was wir füreinander in diesem System tun können. Derya hat mich aufgerichtet, wenn ich am liebsten liegen geblieben wäre. Sie hat mit mir gedacht, gestritten, verworfen, nochmals gedacht. Sie hat das Titelblatt gestaltet, alles mit der Druckerei koordiniert, nachgefragt – fachlich und liebevoll. Sie hat diese Arbeit mitgeformt. David hat nicht nur Kebab gebracht, sondern auch sein soziokulturelles Wissen geteilt. Mit Humor, Alltagsunterstützung und der einen Frage zur richtigen Zeit hat er gezeigt, dass ein einziger Satz der Anfang von allem sein kann. Marisol hat die Struktur gehalten. Mit ihrem Wissen, ihre Schärfe hat sie Ordnung in meine Gedanken gebracht. Sie hat sich auf meinen Zeitplan eingelassen, obwohl ihrer voll war. Sie wusste, wo der Punkt sitzt. Und was lieber rausfliegt. Anne-Catherine hat mit unglaublichem Können das Abstract geschärft. Trotz allem, was bei ihr lief, hat sie sich die Zeit genommen, sich auf meine Arbeit einzulassen. Ein Geschenk auf den letzten Metern. Marcus war da, wenn es gezwickt hat – aus der Ferne, aber nie zu weit weg. Mitgedacht, mitgefühlt, mitgetragen und gezeigt, dass Nähe auch auf Distanz tragen kann. Jonas hat am Ende das Sprach-Detox gemacht. Ein letzter Check, bevor das PDF gespeichert wurde. Präzise, unaufgeregt, nicht selbstverständlich und goldwert. Simone Gretler Heusser war die Art von Dozentin, die hilft, ohne sich aufzudrängen. Sie hält die Türen offen, auch wenn man nicht anklopft. Mein Team bei der OJA, dass in Zeiten von Erschöpfung und Krankheit Raum gegeben und Verständnis gezeigt hat, wenn der Kopf nicht dort war, wo die Arbeit es verlangt hätte.
V Meine Eltern. Ihr habt viel getragen, damit ich heute tragen darf, was ich will. Diese Arbeit ist auch eure. Sie erzählt von Migration, von Klassenverhältnissen, von leisen Kämpfen, die nie in einer Fussnote stehen. Aber in allem, was hier zwischen den Zeilen passiert. Danke. An euch alle. Ich habe geschrieben. Ihr habt gehalten.
VI Inhaltsverzeichnis Abstract ................................................................................................................................... III! Danksagung ............................................................................................................................. IV! Inhaltsverzeichnis ..................................................................................................................... VI! 1. Einleitung .............................................................................................................................. 1! 1.1 Ausgangslage .................................................................................................................. 1! 1.2 Ziel und Fragestellung ...................................................................................................... 3! 1.3 Aufbau der Arbeit ............................................................................................................ 6! 1.4 Abgrenzung ..................................................................................................................... 7! 2. Cancel Culture in der Schweiz ............................................................................................... 9! 2.1 Begriffserklärung ............................................................................................................. 9! 2.2 Aktuelle Debatten und Medienberichterstattung ............................................................. 12! 2.2.1 Der Fall Sanija Ameti und gesellschaftliche Reaktionen in der Schweiz ........................ 14! 2.3 Auswirkungen von Cancel Culture auf die gesellschaftliche Teilhabe und Inklusion ........ 16! 2.4 Fazit Cancel Culture in der Schweiz ............................................................................... 17! 3. Theoretische Perspektiven auf Cancel Culture: ein Überblick ............................................... 18! 3.1 Feministische Theorien .................................................................................................. 18! 3.2 Abolitionismus ............................................................................................................... 19! 3.3 Fazit Theoretische Perspektiven auf Cancel Culture ....................................................... 21! 4. Die Rolle der Soziokulturellen Animation .............................................................................. 23! 4.1. Definition Soziokulturelle Animation ............................................................................... 23! 4.2 Auftrag Kohäsion: Handlungsfeld und Methode ............................................................. 25! 4.3 Soziokulturelle Animation und Cancel Culture: Chancen und Herausforderungen .......... 26! 4.4 Fazit Soziokulturelle Animation ....................................................................................... 27!
VII 5. Diskussion ........................................................................................................................... 28! 5.1. Analyse der gesellschaftlichen und politische Dimension von Cancel Culture ................ 28! 5.2 Reflexion der Verantwortung der Soziokulturellen Animation im Umgang mit Cancel Culture ................................................................................................................................ 30! 5.3 Positionierungsempfehlung ............................................................................................ 32! 6. Fazit .................................................................................................................................... 35! 6.1. Beantwortung der Fragestellung ................................................................................... 35! 6.2 Bezug Praxis und Profession ......................................................................................... 38! 6.3 Ausblick ........................................................................................................................ 40! 7. Literaturverzeichnis .............................................................................................................. 42!
7 Cancel Culture: Zwischen Ausschluss und Verantwortung Eine Bestandesaufnahme und die Rolle der Soziokulturellen Animation Verantwortung der SKA und mündet in Positionierungsempfehlungen für die Praxis. Abschliessend fasst das sechste Kapitel in komprimierter Form die Beantwortung der Forschungsfragen zusammen, stellt den Praxisbezug her und gibt einen Ausblick auf weiterführende Forschungsund Professionalisierungsperspektiven. 1.4 Abgrenzung In dieser Arbeit wird ein erster Versuch unternommen, eine Bestandesaufnahme zum Phänomen Cancel Culture aus der Perspektive der SKA vorzunehmen und es in diesem Kontext zu positionieren. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der aktuellen Situation und den Auswirkungen von Cancel Culture im deutschsprachigen Raum, insbesondere in der Schweiz. Historische Entwicklungen des Phänomens werden bewusst ausgelassen, um sich gezielt auf die gegenwärtigen Herausforderungen zu konzentrieren. Die Arbeit beschränkt sich auf den spezifischen Kontext der SKA und vermeidet eine umfassende globale Betrachtung. Besonders berücksichtigt werden Ansätze der SKA, die gezielt auf die Überwindung von Spaltungen durch die Gesellschaft ausgerichtet sind. Ziel ist es, eine erste Positionierung der SKA im Umgang mit Cancel Culture zu formulieren, ohne eine abschliessende moralische oder politische Bewertung des Phänomens vorzunehmen. Dieser Ansatz stellt einen ersten Schritt dar, um praxisorientierte Perspektiven für die SKA zu entwickeln und deren Rolle in der Auseinandersetzung mit Cancel Culture zu reflektieren. Die Arbeit versteht sich dabei als Ausgangspunkt für weitere Diskussionen und Vertiefungen zu diesem Thema. Dabei ist zu betonen, dass sich die Arbeit nicht als vollumfängliche Analyse jeglicher Erscheinungsformen von Cancel Culture versteht. Die Arbeit konzentriert sich exemplarisch auf jene Dynamiken, in denen öffentliche Kritik in soziale Ausgrenzung umschlägt, mit dem Fokus intersektionaler Verwundbarkeit. Damit einher geht eine bewusste Abgrenzung zu jenen Debatten, in denen Cancel Culture Praktiken im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt verhandelt werden. Der Umgang mit Fällen sexualisierter Gewalt bildet ein spezifisches Spannungsfeld. Zum einen fehlt es häufig an rechtlichen Grundlagen und institutioneller Schutzinfrastruktur für Gewalterfahrene. Zum anderen besteht die Gefahr, dass mit Cancel Culture emanzipatorische Schutzund Solidarisierungspraxen delegitimiert oder sogar kriminalisiert werden. In solchen Konstellationen erscheint das sogenannte Canceln oftmals als kompensatorische Reaktion auf strukturelles, gesellschaftliches, mediales, so wie institutionelles Versagen. Eine analytische
8 Cancel Culture: Zwischen Ausschluss und Verantwortung Eine Bestandesaufnahme und die Rolle der Soziokulturellen Animation Gleichsetzung mit anderen Formen der Sanktionierung würde jedoch die spezifische Betroffenheit der Subjekte und die Dringlichkeit ihrer Schutzbedürftigkeit verkennen. In dieser Arbeit wird daher bewusst auf eine vertieftere Auseinandersetzung mit dieser Thematik verzichtet. Sexualisierteund ähnliche Gewaltformen bedürfen einer eigenständigen, kontextspezifischen Analyse, die den Erfahrungen gewaltbetroffener gerecht werden und nicht reproduzieren.
9 Cancel Culture: Zwischen Ausschluss und Verantwortung Eine Bestandesaufnahme und die Rolle der Soziokulturellen Animation 2. Cancel Culture in der Schweiz Im folgenden Kapitel wird Cancel Culture nicht über eine terminologische Definition erschlossen, sondern als Auswirkung medialer und gesellschaftlicher Prozesse analysiert. Im Anschluss werden zunächst die Mechanismen der aktuellen Debattenund Berichterstattung untersucht. Es folgt ein ausgewähltes Fallbeispiel aus der Schweiz, welches exemplarisch die Ausprägungen und öffentliche Reaktionen veranschaulichen. Darauf aufbauend widmet sich Abschnitt 2.4 den Auswirkungen auf gesellschaftliche Teilhabe und Inklusion. Abschliessend werden die Befunde synthetisiert und ihre Bedeutung für die weitere Auseinandersetzung mit Cancel Culture diskutiert. 2.1 Begriffserklärung Cancel Culture kommt aus dem Englischen und kann mit «absagen» oder «löschen» ins Deutsche übersetzt werden (Thiele, 2022). Thiele (ebd.) hält fest, dass Cancel Culture sich nicht klar definieren lässt, da sich der Begriff aus geschichtlichen Gründen eine Umdeutung bzw. Aneignung erfahren hat. Dennoch lässt sich zusammenfassend der Begriff Nicht-zu-Wort-kommen-lassen als allgemeine Begriffserklärung nutzen. Ebenso dominiert nach Daub (2023a) im öffentlichen Diskurs um Cancel Culture die Strategie der sprachlichen Neubeschreibung. Emotionale und historische Kontinuitäten geraten dabei in den Hintergrund. Daub geht davon aus, dass neue Begriffe zwangsläufig den Eindruck neuer Phänomene vermitteln, auch wenn die dahinterstehenden Sachverhalte bereits seit langer Zeit bestehen. Ebenso gilt eine inflationäre Verwendung eines Terminus als Beleg für seine tatsächliche Ausweitung. Bei genauerem Hinsehen zeigen aktuelle Beschreibungen von Cancel Culture jedoch grosse Übereinstimmungen mit älteren Diskursen, die längst für ganz andere Phänomene genutzt wurden. Ist das zugrundeliegende Problem real, so besteht es schon lange. Andernfalls bezieht das aktuelle Vokabular seine Wirkung aus früheren Sprachspielen, die aus nicht transparenten Gründen in Vergessenheit geraten sind (S. 74). Nach Daubs (ebd.) systematischer Erklärung von Cancel Culture ist diese ein Phänomen einer modernen Form «moralischer Panik», welche als kollektive Reaktion auf eine inakzeptable Aussage oder Handlung in Kraft tritt. Dabei liegt sein Augenmerk darauf, dass es den europäischen Diskurs ohne den Diskurs in den Vereinigten Staaten gar nicht gäbe. Um zu verstehen, worum es genau geht, muss die Kontextualisierung beachtet werden. Cancel Culture ist nicht universell definierbar, da es in verschiedenen nationalen Kontexten jeweils anders ausgeübt wird. Ebenso ist es wichtig, Cancel
10 Cancel Culture: Zwischen Ausschluss und Verantwortung Eine Bestandesaufnahme und die Rolle der Soziokulturellen Animation Culture stehts im Kontext von Internetkultur zu betrachten, da beide Phänomene eng miteinander verflochten sind. Nach Daubs These entpuppt sich der Diskurs als eine Erneuerung der Thematik um «politische Korrektheit». Beide Begriffspaare erweisen sich als nur eingeschränkt geeignet, um gesellschaftliche Realitäten präzise zu beschreiben. Als Diskursphänomene hingegen verfügen sie über ein hohes analytisches Potenzial. Obwohl die Merkmale von «politischer Korrektheit, Wokeness2 und Identitätspolitik» inhaltlich diffus bleiben und ihre genaue Abgrenzung unklar ist, zeigt der Debattenstil in Tonfall und Argumentationsführung eine bemerkenswerte Einheitlichkeit, die sich über mehrere Jahrzehnte gehalten hat. Der Gegenstand des Diskurses verändert sich erheblich und bleibt instabil. Im Gegensatz dazu erscheint das Subjekt, das an ihm arbeitet, in seinem Auftreten konstant (S.13–14). Ng (2020) bezeichnet Cancel Culture als «the withdrawal of any kind of support (viewership, social media follows, purchases of products endorsed by the person, etc.) for those who are assessed to have said or done something unacceptable or highly problematic» also der Entzug jeglicher Unterstützung (Zuschauerschaft, Followerschaft in den sozialen Medien, Kauf von Produkten, die von der betreffenden Person empfohlen werden, usw.) für Personen, die als inakzeptabel oder höchst problematisch eingestuft werden. Damit führen also Handlungen, die als diskriminierend – wie sexistisch, rassistisch oder anderweitig verletzend – wahrgenommen werden, zum Ausschluss bzw. zum Entzug der öffentlichen Bühne (S. 623/eigene Übersetzung). Während Ng den Entzug von Unterstützung als Kernmerkmal herausstellt, erweitert Daub (2023a) den Blick auf die digitalen Mechanismen, die diesen Ausschluss in Echtzeit multiplizieren und weltweit intensivieren. Er möchte darauf aufmerksam machen, dass Cancel Culture nicht ohne das Internet funktioniert. Er beschreibt sogar, dass es der Geburtsort der modernen Cancel Culture sei und ohne das Internet die Beschreibung nicht möglich wäre. Im Internet lassen sich Phänomene beobachten, bei denen emotionale Eskalation, mediale Skandalisierung und öffentliche Blossstellung von Personen im Vordergrund stehen (Daub, 2023a, S.14–15). Der wissenschaftliche Diskurs zu Cancel Culture erfasst diese Dynamiken jedoch oftmals nur unzureichend und neigt gelegentlich zu Verzerrungen (Thiele, 2022). So wird nach Daub (2023) Cancel Culture häufig semantisch mit Identitätspolitik verknüpft und durch argumentative Manöver auf politisch linke und auf junge Menschen projiziert, obwohl die zugrundeliegenden Mechanismen breit gestreut auftreten. Mit unseren vernetzten Kommunikationsmöglichkeiten verbreiten sich Skandalisierungsimpulse heute schneller und umfassender als in den 2 Übersetzt bedeutet Woke «Wachsamkeit» und wird für Menschen verwendet, welche sich gegen Ungerechtigkeiten einsetzen (Woke | Gender Glossar, o. J.).
11 Cancel Culture: Zwischen Ausschluss und Verantwortung Eine Bestandesaufnahme und die Rolle der Soziokulturellen Animation Medienstrukturen von vor zwanzig Jahren (Daub, 2023a, S. 14–16). Soziale Netzwerke können grosse kollektive Energien um emotionale Themen mobilisieren und Influencer:innen oder Privatpersonen erlangen ohne mediale Gatekeeper eine öffentliche Reichweite, obwohl ihnen oft die Mittel zur Selbstpräsentation fehlen. Plattformen wie Twitter und Facebook tragen zudem bei, dass auch ganz normale Menschen so sichtbar und angreifbar werden wie Politiker:innen oder Prominente (Daub, 2023a, S. 14–16). Es zeigt sich, dass der Diskurs um Cancel Culture vielfach etablierte Begriffe aus der Debatte um politische Korrektheit übernimmt und lediglich auf die neue Situation überträgt, ohne deren spezifische Neuheit herauszuarbeiten (ebd., S. 106). Dadurch wird das Phänomen primär als kulturelles oder ideologisches Problem verhandelt, während die zugrunde liegenden institutionellen und ökonomischen Rahmenbedingungen, die Skandalisierungsprozesse im Online-Kontext überhaupt erst ermöglichen, weitgehend unberücksichtigt bleiben (ebd., S. 16). Indem die Diskussion auf den «Twitter-Mob» und seine moralischen Entrüstungsrituale fokussiert (ebd., S. 17), wird eine tiefere Auseinandersetzung mit den materiellen Voraussetzungen und Machtstrukturen vernachlässigt, die das schnelle Überspringen von Empörungsimpulsen in vernetzten Medien begünstigen (Thomas & Wischermann, 2020, S. 251). Insgesamt führt diese Rhetorik dazu, dass reale Konflikte und Missstände eher umgedeutet, als substanziell analysiert werden. Dadurch wird weitergehend eine präzisere Problembeschreibung erschwert (Daub, 2023a, S. 230). Daub (ebd.) argumentiert, dass Cancel Culture als moderne Form moralischer Panik verstanden werden muss (S. 15). Diese moralische Panik wird durch eine sogenannte «Transferlogik» erzeugt (S. 92). Sie breitet sich nach Thiele (2022) sowohl über traditionelle Massenmedien, als auch über zeitgenössische Social-Media-Plattformen aus. Gleichzeit passt sie sich kontinuierlich an unterschiedliche lokale Kontexte an (Daub, 2023a, S. 13). Im Zentrum seiner Analyse stehen die dialektischen Wechselwirkungen zwischen einer von Aufmerksamkeitsökonomie 3 geprägten Dynamik und den Mechanismen eines kollektiven sozialen Ausschlusses (ebd., S. 14): Erstens die Aufmerksamkeitsökonomie, bei der kontroverse Inhalte sukzessiv zugespitzt werden, um die Debattendauer und -intensität zu erhöhen. Zweitens die Logik des sozialen Ausschlusses. 3 Aufmerksamkeitsökonomie beschreibt ein Mediensystem, in dem Aufmerksamkeit als knappe Ressource gilt und zum zentralen Massstab für Sichtbarkeit und Bedeutung wird. In den öffentlichen Medien, insbesondere in den sozialen Netzwerken, konkurrieren Inhalte nicht mehr primär um inhaltliche Qualität oder Relevanz, sondern um Reichweite, Klicks und Reaktionen. Was Sichtbarkeit erzeugt, wie Empörung, Zuspitzung oder moralische Empfindung, wird algorithmisch bevorzugt, währen differenzierte oder kontextualisierte Beiträge untergehen können (Russ-Mohl, 2022).
12 Cancel Culture: Zwischen Ausschluss und Verantwortung Eine Bestandesaufnahme und die Rolle der Soziokulturellen Animation In der kollektive Empörungsrituale wie «Shitstorms» oder mediale Ächtungen Individuen stigmatisieren und aus dem Diskurs drängen (ebd., S. 14–17). Diese Wechselwirkung erklärt, warum ein ursprünglich lokal verankertes Ereignis binnen Stunden weltweit als Paradebeispiel moralischer Entrüstung fungiert und zugleich in seiner konkreten Bedeutung variiert (ebd., S. 14, 169). Darüber hinaus verortet Daub die Transferlogik sowohl als historisch als auch technologisch (ebd., S. 16, 35). Daub argumentiert, dass institutionelle (z.B. Medienportale) und ökonomische (z.B. Finanzielle Sicherheit) Rahmenbedingungen die Dynamik von Cancel Culture erst ermöglichen und verstärken (ebd., S. 16). Daraus ergibt sich, dass Cancel Culture als moralische Panik, vor allem als dynamisches, medienübergreifendes Phänomen zu verstehen ist (ebd., S. 52). 2.2 Aktuelle Debatten und Medienberichterstattung Nach Daub (2023) wird Cancel Culture unter anderem durch mediale Push-Faktoren verstärkt. Ein zentraler Push-Faktor ist der Umgang mit Anekdoten und vereinfachte Narrative auf Social Media, die dafür sorgen, dass Cancel Culture Debatten ihre Schärfe verlieren, aber als unterhaltsame Zuspitzung wahrgenommen werden. Diese Form von Debattenführung führt dazu, dass einzelne Stimmen monolithisch erscheinen. Jede weitere Stimme in der Debatte zeigt dann, dass die Eskalationsstufe in einem Fall steigt und sich die Debatte immer mehr verhärtet (S. 208). Zum anderen lässt sich im Schweizer Kontext feststellen, dass Themen im Bereich Identitätspolitik und kulturelle Debatten zu Auseinandersetzungen führen, die nicht nur in den Medien, sondern auch in sozialen Netzwerken ausgetragen werden. Ein Beispiel davon ist unter anderem die «Dubler Schokokopf»-Debatte (Cassani, 2017). Die Firma Dubler stellt eine Süssigkeit aus schokoladenüberzogenem Schaum her. Diese Süssigkeit wurde unter einem Namen verkauft, der rassistische Konnotationen aufweist und auf koloniale Herkunft verweist. Die Diskussion wurde dann durch eine Online-Petition ausgelöst, welche den Hersteller dazu aufforderte, dem Produkt einen neuen Namen zu geben. Ein weiteres Beispiel ist das Ausschlussverfahren von Sanija Ameti aus der Grünliberalen Partei (GLP), welche nicht nur ihre Anstellung verlor, sondern laut der WOZ auch Morddrohungen erhielt, nachdem sie auf ein Jesusund-Maria-Bild schoss (Jikhareva, 2024) – siehe dazu Abschnitt 2.2 Der Fall Sanija Ameti und gesellschaftliche Reaktionen in der Schweiz. Nach einem Bericht des SRF (McEvily, 2023) werden viele Narrative um Cancel Culture vor allem von konservativen Plattformen wie Politiker:innen bewusst lanciert. Diese Narrative schaffen
13 Cancel Culture: Zwischen Ausschluss und Verantwortung Eine Bestandesaufnahme und die Rolle der Soziokulturellen Animation medial eine stark überzeichnete Resonanz. Eine kritische Gegenstimme bilden Medien wie die WOZ, die entsprechend Fälle prüfen, widerlegen und öffentlich machen (Daub, 2021). Verstärkt werden die in den Sozialen Medien ausgetragenen Debatten durch die bereits erwähnte Aufmerksamkeitsökonomie. Durch deren Logik werden in sozialen Netzwerken Kontroversen algorithmisch verstärkt, die einen weiteren Push-Faktor darstellen (Daub, 2023a, S. 14–17). Personalisierungsund Empfehlungsalgorithmen selektieren besonders emotional aufgeladene Inhalte, was die Wirkungsdauer einzelner Skandale verkürzt und die Schärfe der Debatten erhöht (ebd., S. 98). Dieser Prozess der algorithmischen Verstärkung trägt dazu bei, dass Empörungswellen rasant weite Teile der Sozialen Medien erreichen und dort immer weiter hochgetrieben werden (ebd., S. 16). Damit eng verbunden sind gezielte Frame-Setting-Strategien4. Daub zeigt, wie sich Debatten um Cancel Culture immer wieder in vergleichbaren Frame-Setting-Strategien abspielen. Zum Beispiel in der Rhetorik der «moralischen Panik» oder der «sozialen Ächtung» (ebd., S. 31–35). Dadurch entsteht eine kaum zu durchbrechende Zirkularität der einzelnen Vorfälle. Diese Frames werden bewusst von politischen Akteur:innen und Medien aufgegriffen, um einzelne Fälle stellvertretend für grundsätzliche Wertedebatten zu inszenieren (ebd., S. 33–34). Metaphorisch arbeitet Daub mit Bildern aus der Verlustund Transferlogik. Ein weiterer PushFaktor liegt in dieser metaphorischen Rahmung selbst. Das bedeutet, Cancel Culture erscheint als «Flächenbrand moralischer Entrüstung», der sich ohne Kontrollinstanz über Grenzen positioniert (Daub, 2023a, S. 41–44). Die Metapher der «Transferlogik» veranschaulicht, wie eine einmal entflammte Empörung in kürzestem Zeitraum von einer nationalen Debatte zu einem globalen Skandal wird, ohne dass der eigentliche Anlass noch im Fokus steht (ebd., S. 14–15). Als weiteren Push-Faktor weist Daub schliesslich auf Genderund Diversity-Biases5 hin, die im Zuge von Identitätspolitik und Cancel Culture verstärkt werden. Diskussionen werden entlang von bereits bestehenden Machtund Privilegienstrukturen gefiltert. Bestimmte Stimmen, etwa jener marginalisierter Gruppen, werden einerseits gecancelt und andererseits als Opfer gerahmt. 4 Framing (Einrahmung) bezeichnet die redaktionelle Schwerpunktsetzung, bei der Medien bestimmte Aspekte eines Themas hervorheben und andere ausblenden. Diese Einordnung ist Teil professioneller Berichterstattung und prägt die Wahrnehmung, bietet zugleich aber Raum für einseitige Darstellungen, die der «redaktionellen Linie» folgen (Glossar, o. J.). 5 Bias wird aus dem Englischen mit Verzerrung/Voreingenommenheit übersetzt und beschreibt ein Vorurteilendes Verhalten (Wondrak, 2014).
14 Cancel Culture: Zwischen Ausschluss und Verantwortung Eine Bestandesaufnahme und die Rolle der Soziokulturellen Animation Auf diese Weise verfestigt die Debattenrhetorik bestehende Ungleichheiten, anstatt diese kritisch zu hinterfragen (ebd., S. 251–257). 2.2.1 Der Fall Sanija Ameti und gesellschaftliche Reaktionen in der Schweiz Im folgenden Abschnitt wird exemplarisch ein Ereignis aus der Politik skizziert, um die Bandbreite und Reichweite von Cancel Culture im gesellschaftlichen und institutionellen Gefüge der Schweiz sichtbar zu machen. Im Zentrum steht als Anschauungsbeispiel der Fall der ehemalige Grünliberalen (GLP) Politikerin Sanija Ameti. Sie war in einem ausserordentlichen Ausmass von einer medialen Empörungsdynamik, einer parteipolitischen Instrumentalisierung betroffen, was in einer strafrechtlichen Androhung endete. Ihr Fall zeigt exemplarisch die Verflechtungen zwischen öffentlicher Empörung, politischen Prozessen und rechtlichen Rahmenbedingungen (McEvily, 2023; Jikhareva, 2024). Im September 2024 geriet die Zürcher Stadträtin Sanija Ameti in den Fokus einer nationalen Debatte, als sie auf Instagram Fotos von einem privaten Schiesstraining veröffentliche. Die Fotos zeigten sie beim Schiesstraining mit einer Sportpistole vor einer Maria mit Jesus als Kleinkind Ikone, auf welcher Einschusslöcher sichtbar waren. Innerhalb kürzester Zeit wurde Ameti in den sozialen Medien heftig kritisiert, woraufhin sie die Fotos löschte und öffentlich entschuldigte. Dennoch setzte eine mediale Welle ein, die sich zu einem nationalen Shitstorm entwickelte. Ihr Rücktritt wenige Tage später aus der Grünliberalen Partei (GLP) illustrierte den hohen politischen Druck, der auf ihr lastete (Jikhareva, 2024). Im Diskurs wurde der Fall vielfach als Beispiel für moralische Entrüstung und selektive Empörungsrituale diskutiert (u. A. Nau, SRF, WOZ). Laut dem Nachrichtendienst Nau haben konservative Kräfte, insbesondere die Junge Schweizerische Volks Partei (SVP), nutzen um Cancel Culture als politisches Instrument gemacht, und Ametis Verhalten als vermeintliche Respektlosigkeit zu deklarieren (Felder, 2024) und sie somit moralisch zu diskreditieren. Gleichzeitig vermischten sich politische Kritik mit rassistischen und sexistischen Ressentiments (Jikhareva, 2024). Ameti wurde in den sozialen Medien nicht nur beleidigt, sondern erhielt laut eigenen Angaben mehrfach Morddrohungen, musste sich zeitweise aus der Öffentlichkeit zurückziehen und stand unter Polizeischutz (Baba News, 2024). Frauenverbände und zivilgesellschaftliche Organisationen wie der katholische Frauenbund Schweiz bezeichnete die Angriffe als unverhältnismässig und als Ausdruck struktureller Misogynie und Rassismus (Frauenbund Schweiz, 2024).
15 Cancel Culture: Zwischen Ausschluss und Verantwortung Eine Bestandesaufnahme und die Rolle der Soziokulturellen Animation Trotz der Entschuldigung und ihrer politischen Konsequenzen, unter anderem ihr Rücktritt aus der GLP, blieben die Angriffe gegen Ameti bestehen (Baba News, 2024). In zahlreichen Beiträgen (u. A. WOZ, SRF, NZZ) wird der Fall unterschiedlich gerahmt: Während einige Medien die Debatte als Beispiel für moralische Empörungsrituale beschrieben, problematisierten andere das ungleiche mediale Machtverhältnis und hinterfragten die selektive Aufregung. Dabei geriet Ametis eigene Perspektive weitgehend in den Hintergrund. Wenige Medien, wie zum Beispiel das SRF (2024) berichteten darüber, dass sie sich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Bilder in einem Zustand psychischer und körperlicher Erschöpfung befand und das Schiesstraining als Teil eines therapeutischen Rehabilitationsprogramms zur Traumaverarbeitung nutzte (SRF, 2024). Juristisch ist der Fall zum Zeitpunkt der Niederschrift nicht abgeschlossen. Die Zürcher Staatsanwaltschaft hat gemäss SWI Swissinfo (2025) Anklage gegen Ameti angekündigt. Der genaue Tatbestand lautet gemäss NZZ (2025) «Störung der Glaubensfreiheit» (Pescatore, 2025). Der Fall Sanija Ameti verdeutlicht exemplarisch die Verschränkung mehrerer Ebenen, die für eine kritische Auseinandersetzung mit Cancel Culture zentral sind. Erstens zeigt sich die Dynamik digitaler Empörung und öffentlicher Verurteilung, die sich über soziale Medien mit hoher Geschwindigkeit entfaltet und häufig eine tiefere Auseinandersetzung mit Kontext , Intention und persönlicher Situation der betroffenen verdrängt (Daub, 2023a, S. 27–28). Zweitens tritt die mediale Logik der Aufmerksamkeitsökonomie hervor. Indem affektgeladene Inhalte bevorzugt verbreitet werden, wird die öffentliche Empörung ökonomisch verwertet, was insbesondere polarisierende Debatten befeuert und zu einer Zuspitzung beiträgt (Russ-Mohl, 2022). Drittens wird deutlich, wie schnell rassistische und misogyne6 Diskriminierungsmechanismen reaktiviert werden können, wenn marginalisierte Personen öffentlich im Zentrum politischer Diskurse stehen (Frauenbund Schweiz, 2024). Die Intensität der Angriffe gegen Ameti lässt sich nicht unabhängig von ihrer Position als junge, migrantisch gelesen Frau verstehen (Jikhareva, 2024) und verweist auf die Intersektionalität7 von Ausschluss, Macht und medialer Repräsentation (Schmaltz et al., 2024, S. 6–7). 6 Misogynie beschreibt die individuelle und strukturelle Abwertung von Frauen und Weiblichkeit. Sie wirkt nicht nur durch offenen Hass, sondern auch durch tief verankerte gesellschaftliche Normen, die Frauen kontrollieren, sanktionieren und in geschlechtsspezifische Rollen drängen («Misogynie erklärt von FUMA Fachstelle Gender & Diversität NRW», o. J.) 7 Intersektionalität bezieht sich auf die Interaktion verschiedener sozialer Kategorien wie Gender, Race und Class. Das Bedeutet, dass diese Kategorien ineinander verwoben sind und sich gegenseitig verstärken, abschwächen oder sogar verändern können. Diskriminierungserfahrungen können nicht getrennt voneinander betrachtet werden, sondern beeinflussen sich gegenseitig und können neue Formen der Diskriminierung hervorbringen. Marginalisierungen treten nicht nacheinander oder nebeneinander auf, sondern überschneiden sich.
16 Cancel Culture: Zwischen Ausschluss und Verantwortung Eine Bestandesaufnahme und die Rolle der Soziokulturellen Animation Gerade im Fall Ameti offenbart sich, dass die Verhandlungen um moralische Normen und Grenzen des Sagbaren selten gleichmässig verlaufen. Während einzelne Politiker:innen trotz problematischer Aussagen weiter im Amt bleiben (Baba News, 2024), sah sich Ameti aufgrund eines situativ erklärbaren «Fehlverhaltens» mit unverhältnismässigen Folgen konfrontiert, inklusive rassistischer und sexistischer Anfeindungen, psychischer Belastung und juristischer Konsequenzen. Dies verweist auf eine strukturelle Schieflage in der gesellschaftlichen Sanktionierungspraxis (Loick & Thompson, 2022, S. 19–21). Als Fallbeispiel zeigt er, wie persönliche Fehltritte, unabhängig von ihrer Einordnung, in einem Umfeld struktureller Ungleichheit aufgrund der Cancel Culture unterschiedliche Folgen entfalten können. 2.3 Auswirkungen von Cancel Culture auf die gesellschaftliche Teilhabe und Inklusion Dieses Beispiel zeigt auf, wie das Phänomen der Cancel Culture weitreichende Auswirkungen auf das gesellschaftliche Zusammenleben haben kann. Das hat auch für die Praxis der Sozialen Arbeit Folgen. Aus Sicht der Sozialen Arbeit stellt Cancel Culture ein komplexes Spannungsfeld dar, das weit über mediale Inszenierung hinaus reicht. Sie berührt zentrale Fragen von Teilhabe, sozialer Gerechtigkeit und Machtverhältnissen. Im Zentrum steht dabei die Auseinandersetzung mit den Folgen öffentlicher Ausschlusspraktiken für die Betroffenen, insbesondere dort, wo bereits bestehende strukturelle Ungleichheiten wie Rassismus, Sexismus oder Klassismus wirksam sind. Cancel Culture kann unter bestimmten Bedingungen, wie dies zum Beispiel bei Sanija Ameti der Fall war, bestehende Exklusionsmuster reproduzieren oder gar verschärfen, indem marginalisierte Personen erneut Zielscheibe gesellschaftlicher Sanktionen werden. Zugleich wird in der Debatte deutlich, dass nicht nur die Betroffenen von Ausschlussprozessen Beachtung verdienen, sondern auch die Frage gestellt werden muss, wie sich solche Dynamiken auf das gesellschaftliche Verständnis von Zugehörigkeit und sozialer Integration auswirken. Wenn Ausschluss nicht mit der Möglichkeit zur Wiedereingliederung oder zur konstruktiven Auseinandersetzung verknüpft ist, können langfristige partizipative Strukturen geschwächt werden. Besonders im Kontext Sozialer Arbeit ist die Frage zentral, wie Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen und Beteiligung unter Bedingungen von digitaler Sichtbarkeit, öffentlicher Bewertung und symbolischer Sanktion gewährleistet bleibt. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, Wirkungen von Cancel Culture nicht nur auf individueller Ebene, sondern auch in ihren kollektivgesellschaftlichen Konsequenzen zu betrachten: Wie verändern sich Beteiligungsformate, wenn bestimmte Positionen durch sozialen Druck zum Schweigen gebracht werden? Wie lässt sich mit normativen Rahmungen umgehen, die zwischen
23 Cancel Culture: Zwischen Ausschluss und Verantwortung Eine Bestandesaufnahme und die Rolle der Soziokulturellen Animation 4. Die Rolle der Soziokulturellen Animation Im vorangegangenen Kapitel wurden verschiedene theoretische Zugänge zu Cancel Culture vorgestellt, die auf feministischen, transformativen und abolitionistischen Überlegungen basieren. Diese Perspektiven bieten wichtige Anhaltspunkte für die Frage, wie mit Spannungen zwischen Ausschluss, Verantwortung und Gerechtigkeit umgegangen werden kann. Im Mittelpunkt des vorliegenden Kapitels steht daher die Auseinandersetzung mit den Konsequenzen, die sich aus diesen Erkenntnissen für die Profession der SKA ergeben. Zunächst wird im Kapitel 4.1 die SKA als Berufsfeld umrissen. Dabei werden zentrale Arbeitsprinzipien, Handlungsfelder und die Bedeutung einer genderbewussten Haltung aufgezeigt. Daran anschliessend wird in Abschnitt 4.2 untersucht, mit welchen Ansätzen die Profession auf gesellschaftliche Spaltungen und Polarisierungsprozesse reagieren kann. Im letzten Abschnitt werden Potenziale und Herausforderungen der SKA als vermittelnde Instanz die der Brückenbildner:in, thematisiert. 4.1. Definition Soziokulturelle Animation Laut Wandeler und Emmenegger (2013) hat sich die SKA als eigenständige Disziplin der Sozialen Arbeit im deutschsprachigen Sozialraum etabliert. Deren zentrale Zielsetzung liegt in drei komplementären Handlungsdimensionen: Erstens die Aktivierung von Individuen und Gruppen durch nichtdirektive Motivation und Methoden der aktivierenden Pädagogik, zweitens die Vernetzung aller lokalen Ressourcen und Akteur:innen, und drittens die Vermittlung demokratischer Prozesse als Grundlage partizipativer Praxis (S. 35). Wandeler & Emmenegger (2013, S. 35) merken an: «Soziokulturelle Animation ist eine soziale Aktion, welche sich in verschiedenen Aktivitäten ausdrückt, abhängig von den sozialen, kulturellen und politischen Bedingungen und Möglichkeiten der betroffenen Bevölkerung. Diese Aktion zielt darauf ab, die betroffenen Gruppen zu strukturieren und zu aktivieren, um die von diesen Gruppen beabsichtigten sozialen Veränderungen zu erreichen. Die Teilnahme beruht auf Freiwilligkeit und die Aktion findet auf der Basis demokratischer Strukturen statt. Die Mittel der Aktion sind Methoden der aktivierenden Pädagogik, welche die Mitbeteiligung stimulieren». Diese Haltung wird in konkreten Berufsfelder sichtbar, wie etwa in der Quartierarbeit, in der offenen Kinderund Jugendarbeit, in niederschwelligen Hilfeund Lernangeboten oder in soziokulturellen Organisationen, welche Begegnungen, politische Bildung oder partizipative Prozesse ermöglichen. In all diesen Kontexten schafft die SKA Räume, die nicht abstrakt geplant,
24 Cancel Culture: Zwischen Ausschluss und Verantwortung Eine Bestandesaufnahme und die Rolle der Soziokulturellen Animation sondern aus einem realen gesellschaftlichen Bedarf heraus entstehen (Willener & Friz, 2019, S. 19–20; 29–30). Projekte nehmen dabei eine zentrale Rolle ein. Sie entstehen im Kontext gesellschaftlicher Veränderungen und tragen selbst zur aktiven Gestaltung dieses Wandels bei. En Projekt definiert sich durch einen klar abgegrenzten Rahmen und basiert auf einem konkreten Handlungsbedarf oder einem vorhandenen Potenzial. Aus diesen Projekten können neue Angebote in Organisationen implementiert werden oder an eine neue Organisation gegründet werden (ebd., S. 151) Insbesondere sind Fähigkeiten wie die Gestaltung offener Situationen, der Einsatz nonverbaler Anregungsstrategien und die konsequente Ausrichtung auf das Prinzip «Animation – Partizipation – Demokratie» wesentlich (Wandeler & Emmenegger, 2013, S. 35–36). Dieses methodische Vorgehen ist in einen ethischen Rahmen eingebettet, den der Berufskodex Soziale Arbeit Schweiz vorgibt. Der Berufskodex der Sozialen Arbeit Schweiz ist ein Regelwerk, welches vom Berufsverband Avenir Social als Instrument zur ethischen Begründung professionellen Handelns in der Sozialen Arbeit etabliert wurde. Er unterstützt Fachpersonen dabei, eine ethisch begründete Haltung zu entwickeln, fördert den Diskurs über ethische Fragen und stärkt die Berufsidentität innerhalb der gesamtem Sozialen Arbeit Schweiz (Berufskodex Soziale Arbeit Schweiz - Avenir Social, o. J., S. 5). Wie oben erwähnt dient der Berufskodex als Instrument zur Begründung der Handlung «mit Klientinnen und Klienten, die in besonderer Weise verletzbar oder benachteiligt sind, d.h. mit Individuen, Familien, Gruppen und Gemeinwesen» (ebd., S. 5). Aufbauend darauf formuliert Teil III Grundwerte der Sozialen Arbeit zentrale Prinzipien: • Menschenwürde und Menschenrechte gelten als unabdingbare Grundlage, die jedem Individuum ungeachtet von Status, Geschlecht oder Herkunft einen unantastbaren Wert zusprechen (ebd., S. 10). • Soziale Gerechtigkeit wird ausdrücklich als vorrangiges Ziel verankert, aus dem sich Verpflichtungen zur Bekämpfung von Diskriminierung und zur gerechten Verteilung gesellschaftlicher Ressourcen ableiten (ebd., S. 11).
25 Cancel Culture: Zwischen Ausschluss und Verantwortung Eine Bestandesaufnahme und die Rolle der Soziokulturellen Animation In Teil IV «Handlungsprinzipien der Sozialen Arbeit» wird die Grundlage für das professionelle Handeln präzisiert. Gefordert wird eine ethisch fundierte Praxis, eine beständige Selbstreflexion der Fachpersonen, transparente Arbeitsweisen sowie eine kontinuierliche fachliche und moralische Qualitätskontrolle, so dass der Schutz und die Autonomie besonders vulnerabler Personen dauerhaft sichergestellt ist (ebd., S. 12). Diese Vorgaben verankern den Anspruch, dass Soziokulturelle Animator:innen ihre Methoden nicht nur technisch einsetzen, sondern stets reflektiert und verantwortungsbewusst handeln. Zudem betont das Kapitel «Handlungsmaximen bezüglich der Arbeit mit Klientinnen und Klienten», dass methodische Entscheidungen stets den Prinzipien des Datenschutzes, der Schweigepflicht sowie der sorgfältigen Unterscheidung zwischen überprüfbaren Fakten und subjektiven Deutungen folgen müssen (ebd., S. 14). Damit verpflichtet sich die SKA partizipative Methoden nicht lediglich als technische Werkzeuge zu verstehen, sondern als Ausdruck einer professionell begründeten, inkludierenden und ressourcenorientierten Haltung. Insbesondere für marginalisierte Menschen öffnen sie Räume, um soziale Teilhabe zu erproben, Selbstwirksamkeit zu erleben und gemeinsam Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln (Willener & Friz, 2019, S. 53–54). 4.2 Auftrag Kohäsion: Handlungsfeld und Methode Im Kontext der SKA versteht sich Kohäsion nicht als bloss nebeneinander stattfindendes Miteinander. Sie bezeichnet den verbindlichen Zusammenhalt, der aus den Beziehungsgeflechten aller Beteiligten erwächst (Wandeler & Emmenegger, 2013, S. 104). Wandeler und Emmengger (2013) greifen dazu auf die Sozialkapitaltheorie zurück und unterscheiden drei zentrale Kapitalsorten: Bonding Capital (Bindungskapital), das durch dichte, vertrauensfördernde Bindungen innerhalb kleinerer Gruppen entsteht und die interne Verlässlichkeit stärkt, dabei jedoch potenzielle Ausgrenzungstendenzen gegenüber Aussenstehenden begünstigt. Bridging Capital (Brückenkapital), das über schwache Beziehungen unterschiedliche Gruppen miteinander vernetzt und so den Zugang zu externen Ressourcen und Informationen erleichtert. Sowie das Linking Capital (Verbindungskapital), das vertikale Verknüpfungen zu institutionelle Akteur:innen wie Behörden oder NGOs herstellt und kollektive Anliegen wirkungsvoll in politische und administrative Prozesse einbettet (ebd., S.125–126). Für die SKA ist insbesondere das Bridging Capital von zentraler Bedeutung. Durch das gezielte Schaffen horizontaler Netzwerke, wie zum Beispiel in Jugendtreffs oder Gemeinschaftszentren, wird ein gemeinschaftliches «wir»-gefühl gestärkt und gleichzeitig der demokratische Austausch gefördert (ebd., S. 151). Zugleich erfordert diese Arbeit, die Spannungen zwischen enger
26 Cancel Culture: Zwischen Ausschluss und Verantwortung Eine Bestandesaufnahme und die Rolle der Soziokulturellen Animation Gruppenzugehörigkeit (bonding) und institutioneller Anbindung (linking) stehts im Blick zu behalten, um kohäsionsfördernd zu handeln, ohne neue Ausgrenzungen zu provozieren (ebd., S. 125–126). Um soziale Kohäsion zu fördern, agiert laut Giesecke (2015) die SKA in einem definierten Handlungsfeld wie z.B. einem Jugendtreff oder Quartierzentrum. Dort setzt die SKA methodisch auf ein Zusammenspiel von Offenheit und Planung. Das Handlungsfeld wird dabei als relativ dauerhafter Kontext verstanden, in dem pädagogische Situationen entstehen und gestaltet werden können (S. 47–50). Giesecke beschreibt es als «Lernfeld», das sowohl durch institutionelle Rahmenbedingungen, als auch offenen Situationen geprägt werden, in der sich Individuen und Gruppen bewegen (ebd., S. 47–50). Ebenso wird dieses Handlungsfeld von dem Faktor der Akteur:innen definiert. Diese bringen ihre Bedürfnisse, Interessen und Interaktionen ein, welche das Handlungsfeld dynamisch eröffnen und weiterentwickeln (ebd., S. 54–55). Diese Offenheit im Handlungsfeld ermöglicht es, flexibel auf die Akteur:innen zu reagieren, zugleich verlangt sie wie oben erwähnt, eine bewusste Planung von Rahmen und Ressourcen und verbindliche Gemeinschaftsprozesse anzustossen (Giesecke, 2015, S. 47–50). Methodisch folgt die SKA einem zweistufigen Ansatz: Erstens dem zielgerichteten, planmässigen Einsatz von Methoden, also dem strukturierten Vorgehen zur Erreichung definierter Lernund Beteiligungsziele. Zweitens der Anwendung spezifischer Techniken, mit denen diese Methoden Wirkung entfalten (Wandeler & Emmenegger, 2013, S. 292). Dies gewährleistet, dass reflexives und situativ angepasstes Handeln nicht dem Zufall überlassen bleibt, sondern auf einem empirischen Modell basiert. 4.3 Soziokulturelle Animation und Cancel Culture: Chancen und Herausforderungen Wie bereits erwähnt, agiert die SKA als Brückenbildner:in und schafft horizontale Vernetzungen, die das Bridging Capital stärken. Wiederholt kommt ihr damit eine zentrale Rolle zu, wenn es darum geht, dialogische Räume zu öffnen und solidarische Gemeinschaftsgefühle zu fördern (Wandeler & Emmenegger, 2013, S. 151). Neben diesen Aufgaben ist die SKA in Zeiten von Cancel Culture mit deren Dynamiken konfrontiert. Wie bereits im Kapitel 2 diskutiert, äussert sich Cancel Culture nicht nur im Entzug von Ressourcen (Ng, 2020, S. 623), sondern vor allem in Verengung öffentlicher Debatten auf einzelne Konfliktfälle. Vor diesem Hintergrund eröffnen sich für die SKA spezifische Chancen und zugleich Herausforderungen. Zum einen kann sie, wie bereits im Abschnitt 4.1 angedeutet, niedrigschwellige Dialogräume etablieren, in denen Betroffene und Beobachtende ihre Perspektiven in geschützter Atmosphäre austauschen. Durch nicht-direktive Motivierung und
27 Cancel Culture: Zwischen Ausschluss und Verantwortung Eine Bestandesaufnahme und die Rolle der Soziokulturellen Animation offene Situationsgestaltung lassen sich emotionale Eskalationen entschärfen und eine wertschätzende Fehlerund Lernkultur fördern (Giesecke, 2015, S. 47–50). Zum anderen erfordert die digitale Realität der Cancel Culture erneut medienpädagogische und reflexive Kompetenzen. Die SKA muss algorithmische Verstärkungsmechanismen verstehen, narrative Frames dekonstruieren und Gendersowie Diversity-Biases identifizieren (Hoffarth et al., 2022, S. 8; Thomas & Wischermann, 2020, S. 70). So kann sie sensibel auf Polarisierungstendenzen reagieren, ohne selbst spalterisch zu wirken (Daub, 2023a). Ebenso gilt es, politische Instrumentalisierung abzuwehren, die Empörungsdynamiken für parteipolitische Zwecke instrumentalisieren (McEvily, 2023). Auch bedarf es einer fortlaufenden Evaluationsstrategie. Durch partizipative Feedback-Tools dokumentieren Soziokulturelle Animator:innen Wirkungen ihrer Angebote in Echtzeit und passen Methoden situativ an. So bleibt ein reflexives Handeln kein Zufall, sondern folgt einem empirisch gestützten Modell (Wandeler & Emmenegger, 2013, S. 292). Zusammengefasst trägt die SKA durch ihre Vernetzung und die vielseitige Herangehensweise dazu bei, Cancel Culture nicht nur als Konfliktphänomen zu verwalten, sondern als Chance für inklusive Lernund Transformationsprozesse zu nutzen. Dadurch werden sowohl individuelle Erfahrungen ernst genommen, als auch gesamtgesellschaftliche Verantwortungen sichtbar gemacht. 4.4 Fazit Soziokulturelle Animation Die SKA erweist sich im Umgang mit den Herausforderungen von Cancel Culture als professionsspezifisches Handlungsfeld. Ihre Prinzipien partizipativer Pädagogik, demokratischer Vermittlung und reflexiver Praxis ermöglichen es, Spannungsfelder zwischen Ausschluss, Verantwortung und Gerechtigkeit zu bearbeiten. Insbesondere die Fähigkeit zur Gestaltung dialogischer Räume und zur Förderung horizontaler Vernetzung stärkt ihre Rolle als Brückenbildner:in in konflikthaften Gesellschaftsdiskursen. Zugleich zeigt sich, dass Cancel Culture neue Anforderungen an die Profession stellt. Medienpädagogische Sensibilität, ethisch fundiertes Handeln sowie die kontinuierliche Reflexion von Machtund Ausschlussdynamiken sind zentrale Kompetenzen. Damit wird deutlich, dass die SKA nicht nur moderierende, sondern auch transformatives Potenzial besitzt, um Exklusionsmechanismen entgegenzuwirken und Räume für kollektive Lernprozesse und soziale Teilhabe zu eröffnen. In einer zunehmend polarisierten Gesellschaft kann sie so einen Beitrag zur Stärkung von Kohäsion und Gerechtigkeit leisten.
28 Cancel Culture: Zwischen Ausschluss und Verantwortung Eine Bestandesaufnahme und die Rolle der Soziokulturellen Animation 5. Diskussion In den Kapiteln zwei bis vier wurden verschiedene Aspekte von Cancel Culture aus theoretischer, empirischer und professionsbezogener Perspektive betrachtet, um eine fundierte Grundlage für die Beantwortung der Fragestellung dieser Arbeit zu schaffen. Kapitel zwei widmete sich dem Begriff Cancel Culture und beleuchtete unterschiedliche Deutungsansätze sowie deren Auswirkungen auf gesellschaftliche Teilhabe und Inklusion im Schweizer Kontext. Ein Fallbeispiel veranschaulicht dabei exemplarisch, wie konfliktgeladen sich die Auseinandersetzungen rund um Cancel Culture gestalten können. Kapitel drei stellte ausgewählte theoretische Perspektiven vor, die unterschiedliche Lesarten von Verantwortung, Gerechtigkeit und Ausschluss aufzeigten. Kapitel vier untersuchte, welche Relevanz diese Entwicklungen für die SKA haben. Es wurde aufgezeigt, wie die Profession auf gesellschaftliche Spaltungen reagieren und in polarisierte Debatten eingreifen sollte, ohne ihre Grundprinzipien zu verlieren. Zudem wurden die Potenziale und Herausforderungen einer vermittelnden Haltung, etwa in der Rolle als «Brückenbildner:in», thematisiert. Diese Erkenntnisse fliessen nun in das vorliegende Diskussionskapitel ein, in den zentralen Überlegungen zusammengeführt, reflektiert und vertieft werden. Die Diskussion erfolgt aus einer soziokulturellen Perspektive und dient dazu, die eingangs formulierter Fragestellung auf Basis der erarbeiteten Inhalte zu beantworten. 5.1. Analyse der gesellschaftlichen und politische Dimension von Cancel Culture Die vorangegangenen Kapitel haben gezeigt, dass Cancel Culture nicht als singuläres Phänomen moralischer Aufregung verstanden werden kann, sondern als Ausdruck gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse, die sich entlang historischer Konfliktlinien entfalten. In einem Feld sich wandelnder Normen, digitaler Sichtbarkeit und symbolischer Macht (wie z.B. Glaubwürdigkeit, soziale Anerkennung) bildet Cancel Culture eine Schnittstelle, an der sich Fragen von Zugehörigkeit, Gerechtigkeit und Sanktionierung verdichten. Gesellschaftlich gesehen artikuliert sich in Cancel Culture eine doppelte Bewegung: Sie erscheint einerseits als Versuch, Verantwortung für diskriminierendes oder gewaltvolles Verhalten einzufordern, etwa im Sinne einer kollektiven Grenzziehung. Andererseits droht sie dort zur Exklusionspraxis zu werden, wo sie normativ wirksam wird, ohne kontextuelle Differenzierung oder geregelte Wiedereingliederung (Daub, 2023b). Diese Ambivalenz wurde in Kapitel 2 herausgearbeitet: So verdeutlicht der Fall Sanija Ameti exemplarisch, wie digitale Empörungswellen marginalisierte Akteur:innen besonders hart treffen, während dominante
29 Cancel Culture: Zwischen Ausschluss und Verantwortung Eine Bestandesaufnahme und die Rolle der Soziokulturellen Animation Gruppen10 weitgehend verschont bleiben (McEvily, 2023). Die Selektivität solcher Prozesse verweist auf bestehende gesellschaftliche Ungleichheitsverhältnisse, die sich im digitalen Raum fortschreiben (Daub, 2023a, S. 74–75). Mit Daub (ebd.) lässt sich Cancel Culture als Ausdruck moralischer Panik verstehen einer kollektiven Reaktion, die von affektiver Zuspitzung und medialer Dynamisierung lebt (S. 13-14). Feministische und abolitionistische Perspektiven setzen dem eine differenzierte Kritik entgegen. Sie problematisieren die punitiven Logiken öffentlicher Ächtung und plädieren für Formen transformativer Gerechtigkeit, die nicht auf Ausschluss, sondern auf Kontextualisierung, kollektive Verantwortungsübernahme und Wiedergutmachung zielen (Loick & Thompson, 2022, S. 21). Aus dieser Sicht wird nicht das kritisierte Verhalten negiert, wohl aber die Form seiner Bearbeitung hinterfragt (Davis et al., 2024, S. 15–18). Auf politischer Ebene lässt sich Cancel Culture als diskursive Formation beschreiben, die zunehmend als Projektionsfläche für ideologische Konflikte dient. Besonders konservative Akteur:innen, etwa in der Schweiz die SVP, bedienen sich des Narrativs der Cancel Culture, um Gegenpositionen zu «Wokeness», feministischen Anliegen oder antirassistischen Bewegungen zu formieren (McEvily, 2023). Cancel Culture wird so zum diskursiven Schlagwort, die nicht nur reale Konflikte überzeichnet, sondern auch neue symbolische Ordnungsmuster etabliert (Jikhareva, 2024). Zugleich verstärken mediale und algorithmische Dynamiken diese Prozesse (Daub, 2023a, S. 14– 17). In sozialen Netzwerken werden kontroverse Inhalte bevorzugt ausgespielt, Empfehlungen folgen affektiven Resonanzmustern, Empörungswellen verkürzen die Halbwertszeit öffentlicher Debatten. Die «Transferlogik» beschreibt dabei die rasche Übertragung lokaler Kontroversen in globale Diskursräume, ohne dass diese in ihren Ursprungskontexten verbleiben (ebd., S. 47-50). Auf diese Weise geraten soziale Ungleichheiten aus dem Blick, die eigentlich zentral wären, um Ausschlusspraktiken adäquat zu analysieren (Thomas & Wischermann, 2020, S. 251). Insgesamt wird deutlich: Cancel Culture ist weder rein repressiv noch per se emanzipatorisch. Ihre gesellschaftliche und politische Dimension liegt in der Spannung zwischen berechtigter Kritik und struktureller Reproduktion (Daub, 2023b). Für die SKA ergibt sich daraus ein doppelter Auftrag: Sie muss einerseits Räume öffnen, in denen Konflikte anerkennend und reflexiv 10 Eine dominante Gruppe verfügt über eine Überlegenheit in gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bereichen (Hoffarth et al., 2022, S. 260–261). In diesem Beispiel wäre es der weisse CisMann die in allen Institutionen über Macht und Kontrolle verfügen (ebd., S. 481). Cis bedeutet, dass die Person, sich mit dem bei der Geburt zugewiesenem Geschlecht, identifiziert (Xenia, 2017).
30 Cancel Culture: Zwischen Ausschluss und Verantwortung Eine Bestandesaufnahme und die Rolle der Soziokulturellen Animation bearbeitet werden können, und andererseits Mechanismen identifizieren, die marginalisierende Ausschlüsse verstärken. Die daraus resultierenden Spannungsfelder bilden den Ausgangspunkt für Kapitel 5.2, in dem die professionelle Verantwortung der SKA weiter konturiert wird. 5.2 Reflexion der Verantwortung der Soziokulturellen Animation im Umgang mit Cancel Culture In diesem Unterkapitel wird die Verantwortung der SKA im Umgang mit Cancel Culture auf drei Ebenen reflektiert. Die erste Ebene betrifft den professionellen Auftrag, der sich aus dem Berufsethos sowie den Prinzipien von Teilhabe, Inklusion, Geschlechtergerechtigkeit und demokratischer Aushandlung ableiten lässt. Die zweite Ebene thematisiert den daraus resultierenden Handlungsbedarf im Kontext von Polarisierung, öffentlicher Empörung und Ausschlussmechanismen. Die dritte Ebene richtet den Blick auf konkrete methodische und handlungspraktische Zugänge, mit denen die SKA diesen Herausforderungen begegnen kann, ohne ihre emanzipatorische Haltung aufzugeben. Die SKA steht angesichts der gesellschaftlichen Polarisierung und digitaler Ausschlussmechanismen vor der Herausforderung, ihre professionellen Grundprinzipien mit den Dynamiken von Cancel Culture in Einklang zu bringen. Ihre Verantwortung im Umgang mit Cancel Culture ist dabei nicht nur methodisch, sondern normativ zu verorten. Sie erwächst aus dem Berufsethos der Sozialen Arbeit, wie er etwa im Berufskodex Soziale Arbeit Schweiz festgelegt ist. Dieser Kodex definiert Menschenwürde, soziale Gerechtigkeit, Partizipation und Selbstbestimmung als zentrale Handlungsmaximen und verpflichtet Fachpersonen zu kontinuierlicher Reflexion, Transparenz und Verantwortung (Berufskodex Soziale Arbeit Schweiz - Avenir Social, o. J.) Gerade im Umgang mit digitalen Ausschlusspraktiken muss die SKA sicherstellen, dass diese Prinzipien gewahrt bleiben. Dass schliesst ein, sensible Unterscheidungen zwischen überprüfbaren Fakten und subjektiven Deutungen zu treffen, sowie besonders vulnerable Personen Schutz und Mitgestaltung zu garantieren (ebd., S. 5). Im Kontext von Cancel Culture ergibt sich daraus eine doppelte Ambivalenz: Einerseits kann die Praxis des Cancelns als notwendige Intervention gegen diskriminierendes Verhalten gelesen werden. Andererseits besteht das Risiko dass sie zur neuen Form der Exklusion wird, die gesellschaftliche Teilhabe marginalisierter Gruppen unterminiert (Daub, 2023b). Besonders deutlich wird diese Spannung dort, wo Recht nicht greift, wie bei sexualisierter Gewalt. Wenn institutionelle Schutzmechanismen versagen, wird Cancel Culture mitunter als letztes Mittel wahrgenommen, um Missstände sichtbar zu machen. Doch Recht ist nicht immer rechtens. Die Aufgabe der SKA besteht darin, dies Sichtbart zu machen und demokratische
31 Cancel Culture: Zwischen Ausschluss und Verantwortung Eine Bestandesaufnahme und die Rolle der Soziokulturellen Animation Aushandlungsprozesse zu stärken, anstatt sich in moralischer Eindeutigkeit zu verharren. Eine geschlechterbewusste, intersektionale Haltung wird damit zur Voraussetzung professionellen Handelns (Thomas & Wischermann, 2020, S. 305). Wie in Kapitel 3.1 gezeigt, macht der Schwarze Feminismus deutlich, dass Ausschlüsse nicht neutral verlaufen, sondern entlang von Machtachsen wie Gender, Race und Class wirksam werden (Hooks, 2023, S. 16–21). Die SKA muss folglich Räume für Perspektiven öffnen, die im öffentlichen Diskurs leicht überhört werden, insbesondere von Betroffenen intersektionaler Diskriminierung. Darüber hinaus fordert ein abolitionistisch informierten Ansatz, auf strafende und ausschliessende Logiken zu verzichten (Davis et al., 2024, S. 15–18). Stattdessen ist Verantwortung als kollektiver Aushandlungsprozess zu verstehen, in dem transformative Gerechtigkeit im Zentrum steht, Praxisformen wie Community-Accountability-Verfahren, transformative Gerechtigkeitszirkel oder solidarische Pods zeigen mögliche Handlungsmodelle auf, mit denen nicht nur Konflikte lokalisiert, sondern strukturelle Bedingungen in den Blick genommen werden können (Loick & Thompson, 2022, S. 53–55). Der Handlungsbedarf wird zusätzlich durch die medialen und politischen Dynamiken verschärft, wie in Kapitel 2.2 ausgeführt: Cancel Culture wird zunehmend politisch instrumentalisiert, etwa durch die SVP, die sie als Chiffre gegen «Wokeness» nutzt (McEvily, 2023). Gleichzeitig reproduzieren algorithmische Systeme (wie z.B. Aufmerksamkeitsökonomie) affektive Debattenstrukturen, in denen marginalisierte Personen besonders exponiert sind. Narrative wie im Fall Sanija Ameti verdeutlichen, dass solche Skandalisierungen strukturelle Machtverhältnisse oft eher verstärken als abbauen (Daub, 2023a, S. 47–50). Die SKA kann hier durch gezielte methodische Zugänge intervenieren. Als Brückenbildner:in im Sinne des Bridging Capital schafft sie horizontale Vernetzungen zwischen verschiedenen sozialen Gruppen (Wandeler & Emmenegger, 2013, S. 125–126). Durch nicht-direktive Anregung, Offenheit im Handlungsfeld und die Entwicklung niedrigschwelliger Dialogformate lassen sich Polarisierungen abschwächen (Daub, 2023a). Gleichzeitig bedarf es einer Medienpädagogik, die algorithmische Verstärkungsmechanismen erkennt, Frame-Setting-Strategien durchschaut und Gendersowie Diversity-Biases systematisch reflektiert (Hoffarth et al., 2022, S. 8; Thomas & Wischermann, 2020, S. 70). Um wirksam auf cancelnde Dynamiken zu reagieren, braucht es zudem kontinuierliche Evaluation, etwa durch partizipative Feedback-Tools, sowie eine Praxis, die auf strukturelles Lernen und gerechte Verteilung von Verantwortung zielt. Nur so lässt sich vermeiden, dass soziale Konflikte in punitiven Kurzschlüssen verharren.
32 Cancel Culture: Zwischen Ausschluss und Verantwortung Eine Bestandesaufnahme und die Rolle der Soziokulturellen Animation Die SKA ist daher in der Lage, Cancel Culture nicht nur als Krisensymptom, sondern als Anlass für Transformation zu begreifen und Räume zu schaffen, in denen soziale Gerechtigkeit, Anerkennung und solidarische Auseinandersetzung neu verhandelt werden können. Diese Potenziale bilden die Grundlage für die abschliessende Positionierung im folgenden Kapitel. 5.3 Positionierungsempfehlung Die vorangegangenen Kapitel haben deutlich gemacht, dass Cancel Culture kein einheitlich zu bewertendes Phänomen ist. Sie ist Ausdruck komplexer gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse zwischen Teilhabe, Ausschluss, Verantwortung und Gerechtigkeit. Was dabei als gerecht gilt, ist jedoch nicht selbstverständlich. Recht fungiert als Leitplanke ist aber auch dehnbar. Seine Auslegung hängt davon ab, wer das Recht spricht oder setzt. Wer hat Zugang zu diesen Prozessen? Wer darf mitbestimmen? Wer kann demokratische Werkzeuge nutzen? Vor diesem Hintergrund formuliert die SKA ihre Position nicht in Ablehnung oder Zustimmung zu cancelnden Praktiken, sondern als eigenständige Perspektive, die auf Vermittlung, strukturelle Analyse und gerechte Konfliktbearbeitung zielt. Es geht darum, Räume zu schaffen, in denen Machtverhältnisse sichtbar werden. Und darum, Aushandlungen gerechter zu gestalten – auch dort, wo Institutionen versagen. Die Empfehlungen gründen auf dem Berufskodex der Sozialen Arbeit, Menschenwürde, soziale Gerechtigkeit und partizipative Gestaltung sozialer Prozesse bilden den normativen Rahmen. Die SKA versteht sich als Akteur:in, welche die gesellschaftlichen Spannungen nicht scheut, sondern die in dialogische Prozesse überführt, auch unter widrigen Bedingungen. Aus diesen Überlegungen leite ich folgende fünf Punkte als Empfehlung für die Praxis ab: 1. Dialogräume schaffen Für Betroffene, Beteiligte und Beobachtende ist es zentral, dass sie ihre Perspektiven in geschützter Atmosphäre austauschen können. Bei konfliktbehafteten Debatten braucht es einen Ort, welcher Sicherheit und Vertrauen bietet. Die SKA muss solche Räume schaffen, in denen Unsicherheiten Platz haben und trotzdem ein Prozess möglich ist. Ziel ist nicht der Konsens. Im Mittelpunkt steht die Verständigung. Damit ist ein Dialog gemeint, der zuhört, Differenzen aushält und Beziehungen aufrechterhält – auch bei Widerspruch. Dazu braucht es eine Haltung, die Machtverhältnisse erkennt und Dominanz hinterfragt.
39 Cancel Culture: Zwischen Ausschluss und Verantwortung Eine Bestandesaufnahme und die Rolle der Soziokulturellen Animation Handlungsimpulse entwickelt. Die Frage, wo der professionelle Auftrag beginnt und wo er endet, wird dabei zur zentralen Herausforderung. Diese Unsicherheit wird zusätzlich dadurch verstärkt, dass sich persönliche und professionelle Haltungen zunehmend vermischen. Die emotionale Involviertheit von Fachpersonen erschwert in komplexen Fällen eine klare professionelle Einordnung. Da jeder Fall eine eigene Kontextualisierung verlangt, besteht die Gefahr, dass sich standardisierte Reaktionen auf dynamische Phänomene wie Cancel Culture nicht anwenden lassen. Dies macht präventive, kontextbewusste und reflektierte Arbeit umso notwendiger. Zu dieser Prävention zählt sowohl die Sensibilisierung gegenüber Hetze und öffentlicher Verurteilung als auch eine kritische Auseinandersetzung mit gesetzlichen Lücken im Schutz marginalisierter und vulnerabler Gruppen. Wo der institutionelle Schutz versagt, droht die Dynamik der Selbstjustiz, wodurch Gewaltverhältnisse nicht gelöst, sondern reproduziert werden. In diesem Zusammenhang ist es essenziell, eine vereinfachende Täter-Opfer-Zuschreibung zu vermeiden. Vielmehr müssen auch Gewaltausübende und gewaltbetroffene Subjekte als in Wechselwirkung stehende Akteur:innen betrachtet werden – ein Perspektivwechsel, der neue Möglichkeiten für Dialog, Verantwortung und Transformation eröffnet. Transformatorische Gerechtigkeit bildet in diesem Zusammenhang ein tragfähiges Leitprinzip. Es geht nicht um die Reproduktion von Strafe, sondern um nachhaltige, relationale Veränderung. Praxisorientierte Instrumente wie Feedbackschleifen, kollektive Evaluationsverfahren und konfliktsensible Moderationsformate können dazu beitragen, eine Kultur des Zuhörens, des Lernens und der wechselseitigen Verantwortung zu fördern. Die SKA kann so zu einer Schlüsselinstitution werden, wenn es darum geht, die Spannung zwischen berechtigtem Protest und inklusivem Miteinander in produktive Bahnen zu lenken. Wie dies in der Praxis sich zeigen kann, lässt sich an zwei Beispielen aus der SKA verdeutlichen: Im Jugendtreff wird bekannt, dass ein:e Jugendliche:r in den Sozialen Medien wegen einer problematischen Äusserung (z.B. Geschlecht oder Herkunft) öffentlich kritisiert wurde. Daraufhin wird die Person aus Gruppenchats ausgeschlossen, andere Distanzieren sich, so dass vermehrt eine angespannte Situation entsteht. Die SKA sollte in dieser Situation einen Geschützen Rahmen schaffen, in dem alle Beteiligten (Betroffene, Beobachtende, Betroffene Person), in einem moderierten Gesprächskreis zusammenkommen. Ohne Vorverurteilung aber mit klarer Haltung, wird ein Raum für gegenseitiges Zuhören und Reflexion eröffnet. Gemeinsam werden Hintergründe geklärt, Gefühle benannt und soziale Dimension des Vorfalls betrachtet. Ziel ist es,
40 Cancel Culture: Zwischen Ausschluss und Verantwortung Eine Bestandesaufnahme und die Rolle der Soziokulturellen Animation Verantwortung zu übernehmen und Wege für eine Wiedergutmachung zu finden. Dafür könnte ein Folgeprojekt sich eignen, in dem sich die betroffene Person aktiv gegen Diskriminierung positioniert. Dabei steht nicht die Schuld im Zentrum, sondern die Möglichkeit Veränderung, Lernen und Beziehungserhalt. Ein zweites Beispiel ergibt sich im Kontext politischer Bildungsarbeit: Eine Quartierorganisation veranstaltet einen öffentlichen Themenabend zu Rassismus im Alltag. Während der Diskussion fällt eine Aussage eines geladenen Gastes, die von mehreren Anwesenden als rassistisch empfunden wird. Noch am selben Abend kommt es zu emotionalen Reaktionen, einige Personen verlassen den Raum, online folgen kritische Kommentare. Anstatt in Verteidigung zu verfallen oder die Situation zu ignorieren, nimmt die Organisation die Irritation ernst und lädt zu einem Nachfolgeanlass ein. In einem partizipativem Format werden Perspektiven gesammelt, das erlebte gemeinsam aufarbeitet und neue Leitlinien für die Gestaltung zukünftiger Veranstaltungen erarbeitet. Die Organisation stellt sich selbstkritisch ihren eigenen Strukturen, schafft Transparenz und lädt marginalisierte aktiv ein. Dadurch wird die Beziehung zur Nachbarschaft langfristig gestärkt. Insgesamt zeigt sich, dass die SKA nicht nur Adressat:in gesellschaftlicher Wandlungsprozesse ist, sondern aktiv deren Gestaltung mitverantwortet. Cancel Culture stellt sie dabei nicht vor ein «Entweder-Oder», sondern fordert die Entwicklung eines professionellen «Dazwischen»: zwischen Kritik und Fürsorge, zwischen Konflikt und Beziehung, zwischen individueller Verantwortung und struktureller Reflexion. Dies ist nicht nur eine methodische, sondern auch eine zutiefst politische Herausforderung und zugleich eine Chance, die ethischen Grundlagen der Profession neu zu verankern. 6.3 Ausblick Die Auseinandersetzung mit Cancel Culture zeigt, wie wichtig es ist, neue Handlungsmuster in der SKA zu entwickeln. In Zeiten, in denen digitale Dynamiken Debatten prägen und schnell eskalieren lassen, reichen klassische Reaktionsmuster nicht mehr aus. Die SKA muss ihre ethischen Prinzipien neu verorten, besonders dort, wo Recht zwar besteht aber nicht rechtens ist. Dies gilt besonders bei Themen wie sexualisierter Gewalt in denen institutionelle Schutzmechanismen häufig versagen. Diese Erkenntnis wirft grundlegende Fragen auf. Wie hängen Recht, Gerechtigkeit und gesellschaftliche Verantwortung zusammen? Genau hier kann die SKA vermitteln. Sie kann
41 Cancel Culture: Zwischen Ausschluss und Verantwortung Eine Bestandesaufnahme und die Rolle der Soziokulturellen Animation sichtbar machen, wo es normative Lücken gibt. Wo Diskriminierung legalisiert wird und Schweigen zur Norm geworden ist. Und sie kann demokratische Prozesse anregen, die langfristige Veränderung ermöglichen. Dafür braucht es neue methodische Formate. Die Forschung sollte untersuchen, wie präventive Ansätze stärker mit Medienethik, Geschlechtergerechtigkeit und Konfliktbearbeitung verbunden werden können. Besonders wichtig ist das Spannungsverhältnis zwischen öffentlicher Sichtbarkeit, digitaler Empörung und dem Schutz verletzlicher Gruppen. Das verdient mehr Aufmerksamkeit. Auch die Fähigkeit der SKA, frühzeitig auf Ausschlussdynamiken zu reagieren, muss gestärkt werden. Nicht erst dann, wenn der Schaden da ist, sondern vorher. Die SKA sollte lernen, gesellschaftliche Entwicklungen früh zu erkennen, zu benennen und zu bearbeiten. Daraus ergeben sich neue Aufgaben für Forschung und Praxis. Eine ethisch fundierte, politisch wache und methodisch bewegliche Praxis ist nicht nur wünschenswert. Sie ist notwendig. Wer sich mit Verweis auf Professionalität dem Konflikt entzieht, schützt nicht die Neutralität – sondern das System, das Ungleichheit erzeugt.
42 Cancel Culture: Zwischen Ausschluss und Verantwortung Eine Bestandesaufnahme und die Rolle der Soziokulturellen Animation 7. Literaturverzeichnis Baba News. (2024, September 12). Debatte um Sanija Ameti – «Warum sind eigentlich Ädu, Nils und Ändu noch im Amt?». Baba News. https://www.babanews.ch/debatte-umsanija-ameti-warum-sind-eigentlich-aedu-nils-und-aendu-noch-im-amt/ Berufskodex Soziale Arbeit Schweiz—Avenir Social. (o. J.). Cassani, V. L. (2017, September 20). Auf allen Kanälen: Eine klebrig-weisse Debatte. https://www.woz.ch/!BXC68Q8C5R5W Crückeberg, J., Heinicke, J., Kalbhenn, J. C., Lohbeck, K., Mohr, H., & Landau-Donelly, F. (Hrsg.). (2024). Handbuch Kulturpolitik. Springer VS. Daub, A. (2021, November 3). Essay: Der kurze Weg von der Lappalie zur Cancel Culture. https://www.woz.ch/!Y3VWBERETBQN Daub, A. (2023a). Cancel culture transfer: Wie eine moralische Panik die Welt erfasst (2. Auflage). Suhrkamp. Daub, A. (2023b, Oktober 20). Von verzerrten Evidenzen und moralischer Panik. Bundeszentrale für politische Bildung. https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/diskurskultur-2023/541852/vonverzerrten-evidenzen-und-moralischer-panik/ Davis, A. Y., Dent, G., Meiners, E. R., & Richie, B. E. (Hrsg.) (with Jona Dieterson Kollektiv, J. D.). (2024). Abolitionismus. Feminismus. Jetzt. Eine intersektionale Intervention (1. Auflage). UNRAST Verlag. Emejulu, A. (2024). Schwarzer Feminismus und die Grenzen des Menschseins: Was bedeutet das alles? (A. Emejulu, Hrsg.; H. Hanowell, Übers.; 1. Originalausgabe). Reclam Verlag. Felder, S. (2024, September 9). Strafanzeigen gegen GLP-Ameti nach Schüssen auf Jesus-Bild | Nau.ch. Nau. https://www.nau.ch/news/schweiz/strafanzeigen-gegen-sanija-ametinach-schussen-auf-jesus-bild-66825409 Framing. (o. J.). Medienpolitik. Abgerufen 25. Juli 2025, von https://www.bpb.de/themen/medien-journalismus/medienpolitik/500675/framing/ Frauenbund Schweiz. (2024, September 10). Hass auf Sanija Ameti ist die falsche Antwort. Gerechtigkeit – Kirche – Politik. https://www.frauenbund.ch/aktuelles/hass-auf-sanijaameti-ist-die-falsche-antwort-10123 Giesecke, H. (2015). Pädagogik als Beruf: Grundformen pädagogischen Handelns (12., überarbeitete Auflage). Beltz Juventa. Hoffarth, B., Richter, S., Bers, C., Brodersen, F., Carnap, A., Degen, K., Flasche, V., Hoffarth, B., Meyer, J., Reuter, E., Richter, S., Rutschke, M., & Wartmann, R. (Hrsg.). (2022). Geschlecht und Medien: Räume, Deutungen, Repräsentationen (2. Auflage). Campus Verlag.
43 Cancel Culture: Zwischen Ausschluss und Verantwortung Eine Bestandesaufnahme und die Rolle der Soziokulturellen Animation Hooks, B. (2023). Feminismus für alle (M. Ruppel, Übers.; 3. Auflage). Unrast. Internetredaktion. (2023, September 19). FAQ. Universität Hamburg. https://www.jura.unihamburg.de/die-fakultaet/gremien-beauftragte/gleichstellungsbeauftragte/faq.html Jikhareva, K. von A. (2024, September 11). Am Pranger: Die verlorene Ehre der Sanija Ameti. https://www.woz.ch/!EJ49K6MNDEW0 Knapp, G.-A. (2012). Im Widerstreit: Feministische Theorie in Bewegung. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Loick, D., & Thompson, V. E. (Hrsg.). (2022). Abolitionismus: Ein Reader (Originalausgabe). Suhrkamp Verlag. McEvily, P. (2023, Januar 31). Debatte im Wahljahr—Lässt sich mit Cancel Culture und Wokeness Politik machen? - News - SRF [Nachrichtendienst]. Schweizer Radio und Fernsehen (SRF). https://www.srf.ch/news/schweiz/debatte-im-wahljahr-laesst-sichmit-cancel-culture-und-wokeness-politik-machen Merchel, J., Hansbauer, P., & Schone, R. (Hrsg.) (with Bieker, R., & Niemeyer, H.). (2023). Verantwortung in der Sozialen Arbeit: Ethische Grundlinien Professionellen Handelns (1. Auflage). Kohlhammer Verlag. Misogynie erklärt von FUMA Fachstelle Gender & Diversität NRW. (o. J.). FUMA Fachstelle Gender & Diversität NRW. Abgerufen 2. August 2025, von https://www.gendernrw.de/misogynie/ Müller, K. (2021, Mai 2). Was bedeutet „Shaming“? Netzwelt. https://www.netzwelt.de/abkuerzung/188302-bedeutet-shaming-bedeutungverwendung.html Ng, E. (2020). No Grand Pronouncements Here...: Reflections on Cancel Culture and Digital Media Participation. Television & New Media, 21(6), 621–627. https://doi.org/10.1177/1527476420918828 Nida-Rümelin, J. (2025). „Cancel Culture“ – Ende der Aufklärung? Ein Plädoyer für eigenständiges Denken (Aktualisierte Taschenbuchausgabe). Piper. Pescatore, L. (2025, Juli 21). Schüsse auf Marienbild: Zürcher Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen Sanija Ameti. Neue Zürcher Zeitung. https://www.nzz.ch/zuerich/sanijaameti-wegen-mutmasslicher-stoerung-der-glaubensfreiheit-angeklagt-ld.1894477 Russ-Mohl, S. (2022, Oktober 30). Aufmerksamkeitsökonomie. Theorien der Kommunikationswissenschaft. https://journalistikon.de/aufmerksamkeitsoekonomie/ Schmaltz, A.-B., Toffol, T., & Vidal Pons, I. (2024, September). FOKUS 2024—WEGE AUS DER GEWALT. 16 Tage gegen Gewalt an Frauen, Bern. https://www.frieda.org/de/publikationen/wege-aus-der-gewalt SRF. (2024, Dezember 14). «Sanija Ameti will Politikerin bleiben» [Nachrichtendienst]. Schweizer Radio und Fernsehen (SRF). https://www.srf.ch/news/schweiz/nach-schuessen-aufmarienbild-sanija-ameti-will-politikerin-bleiben
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