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Sensible Themen, offene Worte: Gesprächsführung in der Sozialen Arbeit mit queeren Jugendlichen zu tabuisierten Themen

Bajer, Eva

Abstract

Die Bachelorarbeit «Sensible Themen, offene Worte. Gesprächsführung in der Sozialen Arbeit mit queeren Jugendlichen zu tabuisierten Themen» wurde von Eva Bajer verfasst. Die Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie Fachpersonen der Sozialen Arbeit Gespräche mit queeren Jugendlichen über sensible und tabuisierte Themen professionell gestalten können. Im Zentrum steht die Gesprächsführung als elementares Handlungsinstrument der Praxis in der Sozialen Arbeit. Die Forschungsfrage der Arbeit lautet: Welche kommunikationstheoretischen Ansätze und Arbeitsweisen in der Sozialen Arbeit helfen Jugendlichen dabei, über sensible Themen, wie zum Beispiel die sexuelle Orientierung, zu sprechen? Grundlage der methodischen Vorgehensweise ist eine qualitative Inhaltsanalyse, durchgeführt anhand von Interviews mit fünf Fachpersonen der Sozialen Arbeit. Auf Basis der Interviews sowie einer theoriegeleiteten Analyse werden kommunikationstheoretische Ansätze, Bedürfnisse queerer Jugendlicher, methodische Zugänge, der Auftrag an die Soziale Arbeit und professionsethische Herausforderungen reflektiert. Die Ergebnisse zeigen, dass wirksame Gesprächsführung nicht nur von fachlichem Wissen, sondern insbesondere von Haltung, Authentizität und reflexiver Selbstpositionierung getragen wird. Aus den Forschungsergebnissen geht hervor, dass eine queersensible Gesprächsführung die Identitätsbildung der Jugendlichen wesentlich fördern kann. Die Arbeit versteht sich als Beitrag zur Weiterentwicklung einer diversitätssensiblen, lebensweltorientierten Praxis in der Sozialen Arbeit und formuliert abschliessend konkrete Praxisempfehlungen zur Stärkung queersensibler Gesprächsführung.

Full text

Sensible Themen, offene Worte Gesprächsführung in der Sozialen Arbeit mit queeren Jugendlichen zu tabuisierten Themen Bachelorarbeit Eva Bajer BB 2021-2025 Sozialpädagogik Begleitperson Ledwina Siegrist Bachelor-Arbeit Ausbildungsgang: Sozialpädagogik Kurs: BB 2021-2025 Eva Bajer Sensible Themen, offene Worte Gesprächsführung in der Sozialen Arbeit mit queeren Jugendlichen zu tabuisierten Themen Diese Arbeit wurde am 11.08.2025 an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit eingereicht. Für die inhaltliche Richtigkeit und Vollständigkeit wird durch die Hochschule Luzern keine Haftung übernommen. Studierende räumen der Hochschule Luzern Verwendungsund Verwertungsrechte an ihren im Rahmen des Studiums verfassten Arbeiten ein. Das Verwendungsund Verwertungsrecht der Studierenden an ihren Arbeiten bleibt gewahrt (Art. 34 der Studienordnung). Studentische Arbeiten der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit werden unter einer Creative Commons Lizenz im Repositorium veröffentlicht und sind frei zugänglich. 09-2022 Originaldokument gespeichert auf LARA – Lucerne Open Access Repository and Archive der Zentralund Hochschulbibliothek Luzern Urheberrechtlicher Hinweis: Dieses Werk ist unter einem Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle NutzungKeine Bearbeitung 3.0 Schweiz (CC BY-NC-ND 3.0 CH) Lizenzvertrag lizenziert. Um die Lizenz anzuschauen, gehen Sie bitte zu https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/ch Sie dürfen: Teilen — das Material in jedwedem Format oder Medium vervielfältigen und weiterverbreiten. Zu den folgenden Bedingungen: Namensnennung — Sie müssen angemessene Urheberund Rechteangaben machen, einen Link zur Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Diese Angaben dürfen in jeder angemessenen Art und Weise gemacht werden, allerdings nicht so, dass der Eindruck entsteht, der Lizenzgeber unterstütze gerade Sie oder Ihre Nutzung besonders. Nicht kommerziell — Sie dürfen das Material nicht für kommerzielle Zwecke nutzen. Keine Bearbeitungen — Wenn Sie das Material remixen, verändern oder darauf anderweitig direkt aufbauen dürfen Sie die bearbeitete Fassung des Materials nicht verbreiten. Keine weiteren Einschränkungen — Sie dürfen keine zusätzlichen Klauseln oder technische Verfahren einsetzen, die anderen rechtlich irgendetwas untersagen, was die Lizenz erlaubt. Jede der vorgenannten Bedingungen kann aufgehoben werden, sofern Sie die Einwilligung des Rechteinhabers dazu erhalten. Diese Lizenz lässt die Urheberpersönlichkeitsrechte nach Schweizer Recht unberührt. Eine ausführliche Fassung des Lizenzvertrags befindet sich unter https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/ch/legalcode.de Vorwort der Studiengangleitung Bachelor Die Bachelor-Arbeit ist Bestandteil und Abschluss der beruflichen Ausbildung an der Hochschule Luzern, Soziale Arbeit. Mit dieser Arbeit zeigen die Studierenden, dass sie fähig sind, einer berufsrelevanten Fragestellung systematisch nachzugehen, Antworten zu dieser Fragestellung zu erarbeiten und die eigenen Einsichten klar darzulegen. Das während der Ausbildung erworbene Wissen setzen sie so in Konsequenzen und Schlussfolgerungen für die eigene berufliche Praxis um. Die Bachelor-Arbeit wird in Einzeloder Gruppenarbeit parallel zum Unterricht im Zeitraum von mehreren Monaten geschrieben. Gruppendynamische Aspekte, Eigenverantwortung, Auseinandersetzung mit formalen und konkret-subjektiven Ansprüchen und Standpunkten sowie die Behauptung in stark belasteten Situationen gehören also zum Kontext der Arbeit. Von einer gefestigten Berufsidentität aus sind die neuen Fachleute fähig, soziale Probleme und Entwicklungspotenziale als ihren Gegenstand zu beurteilen und zu bewerten. Denken und Handeln in Sozialer Arbeit ist vernetztes, ganzheitliches Denken und präzises, konkretes Handeln. Es liegt daher nahe, dass die Diplomand_innen ihre Themen von verschiedenen Seiten beleuchten und betrachten, den eigenen Standpunkt klären und Stellung beziehen sowie auf der Handlungsebene Lösungsvorschläge oder Postulate formulieren. Ihre Bachelor-Arbeit ist somit ein wichtiger Fachbeitrag an die breite thematische Entwicklung der professionellen Sozialen Arbeit im Spannungsfeld von Praxis und Wissenschaft. In diesem Sinne wünschen wir, dass die zukünftigen Fachleute der Sozialen Arbeit mit ihrem Beitrag auf fachliches Echo stossen und ihre Anregungen und Impulse von den Fachkreisen aufgenommen werden. Luzern, im August 2025 Hochschule Luzern, Soziale Arbeit Studiengangleitung Bachelor Soziale Arbeit Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ IV Abstract Die Bachelorarbeit «Sensible Themen, offene Worte. Gesprächsführung in der Sozialen Arbeit mit queeren Jugendlichen zu tabuisierten Themen» wurde von Eva Bajer verfasst. Die Arbeit beschäPigt sich mit der Frage, wie Fachpersonen der Sozialen Arbeit Gespräche mit queeren Jugendlichen über sensible und tabuisierte Themen professionell gestalten können. Im Zentrum steht die Gesprächsführung als elementares Handlungsinstrument der Praxis in der Sozialen Arbeit. Die Forschungsfrage der Arbeit lautet: Welche kommunikaZonstheoreZschen Ansätze und Arbeitsweisen in der Sozialen Arbeit helfen Jugendlichen dabei, über sensible Themen, wie zum Beispiel die sexuelle OrienZerung, zu sprechen? Grundlage der methodischen Vorgehensweise ist eine qualitaZve Inhaltsanalyse, durchgeführt anhand von Interviews mit fünf Fachpersonen der Sozialen Arbeit. Auf Basis der Interviews sowie einer theoriegeleiteten Analyse werden kommunikaZonstheoreZsche Ansätze, Bedürfnisse queerer Jugendlicher, methodische Zugänge, der AuPrag an die Soziale Arbeit und professionsethische Herausforderungen reflekZert. Die Ergebnisse zeigen, dass wirksame Gesprächsführung nicht nur von fachlichem Wissen, sondern insbesondere von Haltung, AuthenZzität und reflexiver SelbstposiZonierung getragen wird. Aus den Forschungsergebnissen geht hervor, dass eine queersensible Gesprächsführung die IdenZtätsbildung der Jugendlichen wesentlich fördern kann. Die Arbeit versteht sich als Beitrag zur Weiterentwicklung einer diversitätssensiblen, lebensweltorienZerten Praxis in der Sozialen Arbeit und formuliert abschliessend konkrete Praxisempfehlungen zur Stärkung queersensibler Gesprächsführung. Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ V Inhaltsverzeichnis Abstract ______________________________________________________________________ IV Abbildungsverzeichnis ________________________________________________________ VII 1 Einleitung __________________________________________________________________ 1 1.1 Problemstellung ______________________________________________________________ 2 1.2 Motivation und Relevanz _______________________________________________________ 2 1.3 Zielsetzung und Fragestellung _________________________________________________ 3 1.4 Der Einsatz von Sprache _______________________________________________________ 4 1.5 Abgrenzung der bearbeiteten Thematiken ______________________________________ 4 1.6 Aufbau der Arbeit ______________________________________________________________ 4 2 Theorie ____________________________________________________________________ 5 2.1 Adoleszenz und Identitätsentwicklung _________________________________________ 5 2.1.1 Identitätsentwicklung und Entwicklungsaufgaben ____________________________________ 6 2.1.2 Adoleszenz und Scham ____________________________________________________________ 8 2.1.3 Identität und Sexualität ___________________________________________________________ 10 2.1.4 Sexuelle Identität, Tabuisierungen und Diskriminierungen ____________________________ 11 2.1.5 Entwicklungsaufgaben, sexuelle Identitätsentwicklung und Pathogenese ______________ 12 2.1.6 Herausforderungen für Queers in der Adoleszenz ___________________________________ 14 2.1.7 Sexuelle Orientierung und Interkulturalität __________________________________________ 15 2.1.8 Sexuelle Orientierung und Intersektionalität ________________________________________ 16 2.2 Die Rolle der Sozialen Arbeit im Umgang mit tabuisierten Themen ______________ 17 2.2.1 Der Berufskodex und Gespräche über tabuisierte Themen ___________________________ 18 2.2.2 Lebensweltorientierung und Gespräche über sexuelle Orientierung ___________________ 19 2.3 Gespräche in der Sozialen Arbeit ______________________________________________ 22 2.3.1 Haltung _________________________________________________________________________ 23 2.3.2 Nähe und Distanz ________________________________________________________________ 23 2.3.3 Personenzentrierter Ansatz ________________________________________________________ 25 2.3.4 Gewaltfreie Kommunikation _______________________________________________________ 27 2.3.5 Systemische Beratung und Gesprächsführung ______________________________________ 28 3 Forschungsdesign _________________________________________________________ 30 3.1 Datenerhebung ______________________________________________________________ 30 3.2 Das Problemzentrierte Interview (PZI) _________________________________________ 30 3.3 Sampling ____________________________________________________________________ 31 3.4 Durchführung der Interviews __________________________________________________ 32 Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ VI 3.5 Datenaufarbeitung ___________________________________________________________ 32 3.6 Datenanalyse ________________________________________________________________ 33 3.7 Limitation der Forschung _____________________________________________________ 34 4 Darstellung der Forschungsergebnisse _____________________________________ 34 4.1 Adoleszenz und Identitätsentwicklung ________________________________________ 35 4.2 Die Rolle der Sozialen Arbeit im Umgang mit tabuisierten Themen ______________ 41 4.3 Gesprächsführung mit Jugendlichen über tabuisierte Themen __________________ 45 5 Diskussion der Forschungsergebnisse _____________________________________ 58 5.1 Diskussion der Ergebnisse ____________________________________________________ 58 5.1.1 Identitätsentwicklung und sexuelle Orientierung ____________________________________ 58 5.1.2 Die Rolle der Sozialen Arbeit ______________________________________________________ 60 5.1.3 Gesprächsführung _______________________________________________________________ 62 5.1.4 Wirkung der Gesprächsführung ____________________________________________________ 64 6 Praxisempfehlungen für die Soziale Arbeit __________________________________ 66 6.1 Adoleszenz und sexuelle Orientierung in der Praxis ____________________________ 66 6.2 Rolle der Sozialen Arbeit in der Praxis _________________________________________ 66 6.3 Gesprächsführung in der Praxis _______________________________________________ 67 7 Allgemeine Schlussfolgerungen für die Soziale Arbeit _______________________ 68 7.1 Zusammenfassende Beantwortung der Fragestellungen _______________________ 68 7.2 Ausblick _____________________________________________________________________ 70 7.3 Persönliches Fazit ____________________________________________________________ 70 8 Literaturverzeichnis _______________________________________________________ 71 9 Anhang _____________________________________________________________________ I Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ VII Abbildungsverzeichnis Cover: Queere Jugendliche (eigene Darstellung) Abbildung 1: Fragestellungen (eigene Darstellung) __________________________________________________ 4 Abbildung 2: Entwicklungsaufgaben (eigene Darstellung) ____________________________________________ 7 Abbildung 3: Komponenten der Entwicklungsaufgaben (eigene Darstellung) ___________________________ 8 Abbildung 4: Drei Risikowege (eigene Darstellung) _________________________________________________ 13 Abbildung 5: Intersektionale Überschneidungen (eigene Darstellung) ________________________________ 16 Abbildung 6: Strukturund Handlungsmaximen (eigene Darstellung) ________________________________ 21 Abbildung 7: Spezifische Herausforderungen (eigene Darstellung) ___________________________________ 25 Abbildung 8: Wichtigste Merkmale der personenzentrierten Gesprächsführung (eigene Darstellung) ___ 26 Abbildung 9: Wichtigste Pfeiler der GFK (eigene Darstellung) ________________________________________ 28 Abbildung 10: Zentrale Prinzipien systemischer Gesprächsführung (eigene Darstellung) _______________ 29 Abbildung 11: Ablaufschema einer qualitativen Inhaltsanalyse (Kuckartz & Rädiker, 2024, S. 132) ______ 33 Abbildung 12: Dimensionen, Oberund Subkategorien (eigene Darstellung) __________________________ 35 Abbildung 13: Dimensionen, Oberund Subkategorien (eigene Darstellung) __________________________ 42 Abbildung 14: Dimension Oberund Subkategorien (eigene Darstellung) _____________________________ 46 Abbildung 15: Zusammenfassung der gewonnenen Ergebnisse (eigene Darstellung) __________________ 64 Abbildung 16: Wichtigste Indikatoren für die Wirkung von Gesprächen (eigene Darstellung) ____________ 65 Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 1 1 Einleitung Jugend ist eine Zeit intensiver Selbs`indung, vor allem in Bezug auf IdenZtät, Beziehungen und Zugehörigkeit. Für queere Jugendliche, also junge Menschen, deren sexuelle OrienZerung oder geschlechtliche IdenZtät nicht den gesellschaPlichen Normvorstellungen entspricht, ist dieser Weg häufig von zusätzlichen Belastungen geprägt. Laut der BZgA-Studie «Jugendsexualität – 9. Welle» (BZgA, 2022) beschreiben sich rund neun Prozent der 14bis 25-Jährigen in Deutschland als nicht ausschliesslich heterosexuell (S. 4). Doch hinter diesen Zahlen stehen junge Menschen, die sich in einer GesellschaP bewegen, die noch immer stark durch HeteronormaZvität geprägt ist. Die aktuell vorherrschenden gesellschaPlichen Strukturen, die stark heteronormaZv und auf ein zweigeschlechtliches System ausgerichtet sind, stellen für queere Jugendliche, oder solche, die sich möglicherweise in diese Richtung entwickeln, besondere Hürden und Einschränkungen in Bezug auf ihre gesellschaPliche Teilhabe dar. Die Jugendhilfe ist aufgrund ihres AuPrags zur Bekämpfung von Diskriminierung und zur Förderung von Chancengleichheit klar gefordert, auf diese ProblemaZk einzugehen (Schirmer, 2017, S. 179-180). Besonders alarmierend sind die psychosozialen Folgen: In einer Befragung gaben fast 45 Prozent der schwulen Jugendlichen an, bereits Suizidgedanken gehabt zu haben, knapp neun Prozent hanen einen oder mehrere Suizidversuche unternommen (Biechele et al., 2001; zit. in Kugler, 2017, S. 369). Queere Jugendliche haben häufig keine greisaren Vorbilder, erleben Ablehnung im Elternhaus, Mobbing in der Schule und Unsichtbarkeit in der Öffentlichkeit. Ihre grösste Sorge ist die Ablehnung von Eltern (69,4 %) und Freund:innen (73,9 %), (Kugler, 2017, S. 366-368). Diese Erfahrungen führen häufig zu Rückzug, IsolaZon und dem Gefühl, «die*der Einzige auf der Welt» zu sein (Watzlawik, 2004; zit. in Kugler, 2017, S. 368). Das belastet die psychische Gesundheit erheblich. Studien nennen als häufige Folgen u.a. Depressionen, Angst, Substanzmissbrauch, Essund Schlafstörungen sowie psychosomaZsche Beschwerden (Kersten & Sandfort, 1994; zit. in Kugler, 2017, S. 368). GleichzeiZg zeigt die BZgA-Studie (BZgA, 2022) auch: Der Wunsch nach Unterstützung ist gross. Queere Jugendliche suchen häufiger nach InformaZonen, Austausch und professioneller Beratung, nicht nur zu Sexualität und IdenZtät, sondern auch zu Gesundheit, Diskriminierungserfahrungen und psychischem Wohlbefinden (S. 24). Sie brauchen Räume, in denen sie angs`rei und offen sprechen können. Ebenfalls benöZgen sie FachkräPe, die ihnen mit Verständnis, Sensibilität und Fachwissen begegnen. Diese Erkenntnisse machen deutlich: Es braucht gezielte, niedrigschwellige und sensible Gesprächsangebote, die die Lebensrealität queerer Jugendlicher ernst nehmen. Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 8 Abbildung 3: Komponenten der Entwicklungsaufgaben (eigene Darstellung) Werden die Entwicklungsaufgaben erfolgreich bewälZgt, sind die grundlegenden Voraussetzungen geschaffen, um eine einzigarZge persönliche IdenZtät zu formen und eine individuelle Persönlichkeit zu entwickeln (Quenzel & Hurrelmann, 2022, S. 26). 2.1.2 Adoleszenz und Scham Im Folgenden wird auf das Gefühl der Scham eingegangen. Die Auswirkungen von Scham auf Jugendliche in der Adoleszenz werden beschrieben. Ebenfalls, wie sich Scham auf Gespräche auswirkt. DefiniBon der Scham Scham ist ein komplexer, sekundärer Affekt, der, im Gegensatz zu primären EmoZonen wie Freude oder Angst, auf Selbstbewertung beruht (Taylor, 1985; zit. in Streeck-Fischer, 2021, S. 35) und kogniZve Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 9 Selbsterkenntnis voraussetzt (Lewis, 1971; zit. in Streeck-Fischer, 2021, S. 35). Sie entsteht, wenn das tatsächliche Selbst vom Idealbild abweicht, etwa durch unerfüllte Erwartungen, DemüZgungen oder unfreiwillige Blossstellungen. Scham ist bipolar: Man schämt sich für etwas (Subjektpol) und vor jemandem (Objektpol). Besonders in der Adoleszenz, die von körperlichen und psychischen Veränderungen geprägt ist, wird Scham intensiv erlebt und beeinflusst die IdenZtätsbildung stark. Obwohl alle Menschen Scham empfinden, ist sie individuell und kulturell verschieden ausgeprägt. Sie reicht von leichter Verlegenheit bis hin zu einem Gefühl massiver Überflutung. Wenn die EmoZon zu schmerzhaP wird, kann sie verdrängt oder an andere delegiert werden, um sie abzuwehren (Seidler, 1995; zit. in Streeck-Fischer, 2021, S. 35). Gesellscha=liche und soziale FunkBon von Scham Scham fungiert als sozialregulierender Affekt. Sie basiert auf der Vorstellung, von anderen bewertet zu werden und zeigt eine potenzielle Gefährdung zwischenmenschlicher Beziehungen an (Scheff, 2014; zit. in Blumenthal, 2023, S. 47). Gemäss Bourdieus Habitustheorie dient sie dazu, bestehende soziale Ordnungen zu reproduzieren (Bourdieu, 2001; zit. in Blumenthal, 2023, S. 52). Beschimpfungen, Beschämungen und andere Formen der Abwertung haben eine doppelte FunkZon: Sie ermöglichen dem Abwertenden soziale Abgrenzung und führen beim Betroffenen zu einer verinnerlichten Selbstabwertung (Blumenthal, 2023, S. 54). Da Scham kulturell geprägt ist, lösen PrakZken wie Missachtung, Erniedrigung, soziale Ausgrenzung, Drohungen, SankZonen und -ismen wie Rassismus oder Sexismus häufig Scham aus (Streit, 2019; zit. in Blumenthal, 2023, S. 47). Scham dient letztlich der sozialen Anpassung, indem sie anzeigt, wenn gesellschaPliche Normen, sei es im Verhalten, der Kleidung oder im emoZonalen Ausdruck verletzt werden (Blumenthal, 2023, S. 59). Scham in Gesprächen In GesprächssituaZonen wird Scham häufig nicht offen benannt, sondern hinter Masken verborgen, da sie in westlichen GesellschaPen tabuisiert ist (Marks, 2013, S. 152–153). Typische Ausdrucksformen sind Erröten, Stonern, Stammeln oder Verstummen. Betroffene versuchen meist, das Gefühl abzuwehren. Dabei erfüllt Scham auch eine wichZge FunkZon: Ihre SchmerzhaPigkeit kann zur Veränderung moZvieren. Diese Lernchancen bleiben jedoch oP ungenutzt, etwa aufgrund traumaZscher Erfahrungen oder fehlender Sensibilität im sozialen Umfeld. Ein unterstützendes, achtsames Umfeld ist notwendig, um konstrukZv mit Scham umzugehen. Zur Abwehr von Scham können verschiedene Mechanismen auPreten, etwa Gewalt gegen andere, PerfekZonismus, übermässiges Leistungsdenken, emoZonale Erstarrung, Depression, Sucht oder Suizidalität (Marks, 2013, S. 153). Diese Strategien belasten individuelle Entwicklungen und zwischenmenschliche Beziehungen, auch in professionellen Kontexten wie der Beratung. Ein Übermass an Scham sollte daher vermieden werden (Marks, 2013, S. 155). Scham kann durch Verweigerung von Anerkennung, Beschämung, psychische oder physische Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 10 Entblössung oder durch Grenzverletzungen ausgelöst werden. Menschen empfinden Scham, wenn sie gesellschaPliche oder persönliche Normen nicht erfüllen oder zu viel InZmes preisgeben (Marks, 2013, S. 157). Auch die Verletzung des eigenen moralischen Ideals kann Scham hervorrufen. Ein geschützter Raum, der Integrität wahrt, kann vor übermässiger Scham schützen, in der Beratung wird dies häufig als «safe space» bezeichnet (Marks, 2013, S. 159). Scham in der Adoleszenz In der Adoleszenz spielt Scham eine zentrale Rolle für die Persönlichkeitsund IdenZtätsentwicklung. Sie fördert Selbstreflexion, die Abgrenzung des Selbst von anderen und die Subjektwerdung (StreeckFischer, 2021, S. 34–36). Häufig ist sie mit Gefühlen von MinderwerZgkeit, Blossstellung, Versagen und Rückzug verbunden. Ein stabiles Selbstbewusstsein entsteht erst durch das Gefühl, von anderen gesehen zu werden. Bleibt Anerkennung, etwa durch Eltern aus, kann dies Scham auslösen. Körperliche Veränderungen und Selbstunsicherheit führen oP zu einer «Schamkrise». Als «Schninstellenaffekt» markiert Scham die Grenze zwischen Innen und Aussen. Ebenfalls unterstützt sie die Differenzierung von Selbst und Objekt sowie die Subjektwerdung (Seidler, 1995, 2001; zit. in Streeck-Fischer, 2021, S. 36). Scham kann, bewusst durchlebt, vor dem entwertenden Blick anderer schützen. Wird sie jedoch nicht integriert, können destrukZve Muster entstehen: Rückzug oder Entwertung anderer bei narzissZscher Überhöhung. Jugendliche stehen vor der Aufgabe, eine Balance zwischen Selbstbehauptung und Anerkennung anderer zu finden, ohne sich von Scham blockieren zu lassen (Streeck-Fischer, 2021, S. 56). Gerade bei jungen Erwachsenen erschwert Scham den offenen Austausch über tabuisierte Themen. Sie äussert sich häufig indirekt, etwa durch Schweigen, Ausweichen oder nonverbale Signale. Deshalb braucht es in der Gesprächsführung einen geschützten, urteilsfreien Raum (ebd.). Nur wenn Jugendliche sich sicher fühlen, können sie emoZonale Schutzmechanismen überwinden. Achtsames Nachfragen und das RespekZeren nonverbaler Schutzsignale wie Erröten oder Verstummen sind dabei zentral. So wird Scham nicht verdrängt, sondern integriert, was Reflexion und Beziehungsgestaltung fördert. Scham sollte nicht als Hindernis, sondern als Lernfeld verstanden werden. GleichzeiZg ist sie eng mit dem Bedürfnis nach Anerkennung durch Gleichaltrige und der Angst vor Zurückweisung verbunden (Quenzel & Hurrelmann, 2022, S. 211). 2.1.3 Iden>tät und Sexualität In der Jugendzeit besteht eine zentrale Entwicklungsaufgabe darin, das eigene Leben akZv zu gestalten und Verantwortung zu übernehmen. Jugendliche müssen Körper, Denken und Triebe integrieren, um sich als eigenständiges Subjekt wahrnehmen zu können (Ladame, 2012; zit. in Streeck-Fischer, 2021, S. Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 11 56). Im frühen Erwachsenenalter sind Sexualität und PartnerschaP zentrale Lernbereiche. Jugendliche erleben körperliche Veränderungen, werden sexuell akZv und entwickeln Schutzstrategien vor ungewollten SchwangerschaPen und sexuell übertragbaren Krankheiten. Diese Kompetenzen entstehen exploraZv durch Erfahrungen und erfordern die Vereinbarkeit sexueller Bedürfnisse mit anderen Lebensbereichen (Lohaus et al., 2024, S. 17). Ein Coming-out stellt für trans, schwule und lesbische Jugendliche eine besondere Herausforderung dar. In einer heteronormaZv geprägten GesellschaP fehlen oP Vorbilder, während Angst vor Beschämung, Diskriminierung und Ablehnung besteht (Cassée, 2019, S. 390). Die sexuelle ExploraZon ist allgemein anspruchsvoll, für queere Jugendliche jedoch oP komplexer. Je nach Verlauf werden Erfahrungen ins Selbstbild integriert. Dauer und Tiefe dieser Entwicklung sind individuell (Lohaus et al., 2024, S. 322). Die IdenZtätsentwicklung Jugendlicher hat sich durch gesellschaPliche und familiäre Veränderungen verzögert und inhaltlich verändert. Sexuelle IdenZtät und Partnerpräferenzen zeigen heute hohe Flexibilität (Seiffge-Krenke, 2021, S. 45). GleichzeiZg wirken Normen und Erwartungen aus Schule, Familie und Peer-Gruppen (Lohaus et al., 2024, S. 267). Für eine gelingende BewälZgung ihrer Entwicklungsaufgaben benöZgen Jugendliche innere und äussere Ressourcen. Lohaus et al. (2024) bezeichnen diese als BewälZgungsressourcen, die akZviert werden, wenn Anforderungen als stresserzeugend erlebt werden (S. 26). Chancen und Risiken werden in Kapitel 2.1.5 erläutert. 2.1.4 Sexuelle Iden>tät, Tabuisierungen und Diskriminierungen In einer vorwiegend heteronormaZven GesellschaP laufen queere Jugendliche Gefahr, sich durch bestehende Normen in ihrer sexuellen En`altung eingeschränkt und verunsichert zu fühlen. Angst vor Ablehnung oder Ausgrenzung kann zu ambivalenten Gefühlszuständen führen, was das Entdecken und Ausleben der eigenen sexuellen OrienZerung erheblich erschwert. ExploraZon, Unsicherheit und Verwirrung sind in dieser Entwicklungsphase häufig. Idealerweise mündet sie in die Ausbildung eigener moralischer Vorstellungen (Graber, 2023). Der normaZve Erwartungsdruck der Erwachsenenwelt spielt dabei eine zentrale Rolle. Jugendliche fühlen sich verpflichtet, gesellschaPliche Vorstellungen von Sexualität zu erfüllen, auch wenn diese nicht ihrem Erleben oder Entwicklungsstand entsprechen (Quindeau, 2014, S. 68; zit. in Höblich & Mantey, 2023, S. 23). Tabuisierte Themen erschweren diesen Prozess zusätzlich. Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 12 Tabuisierungen und Diskriminierungen Tabus haben eine soziale FunkZon und ihre Übertretung kann SankZonen auslösen. Laut Dorsch Lexikon der Psychologie (2022) handelt es sich bei Tabus um MeidungsvorschriPen, deren Bruch mit Strafe belegt sein kann. KraP (2004) beschreibt sie als Meidungsgebote, bei deren Übertretung der Ausschluss aus der GemeinschaP droht (S. 10). Jugendliche spüren oP sehr genau, welche Themen in ihrem Umfeld tabuisiert sind. In vielen Familien, Bildungsund Jugendhilfeeinrichtungen herrschen heteronormaZve Grundeinstellungen. HeteronormaZvität bezieht sich auf die Norm der Zweigeschlechtlichkeit. Davon abweichende Lebensweisen wie die von Queers gelten als normabweichend (Schmidt et al., 2015, S. 25). OP wird Jugendlichen ihre eigene Meinung abgesprochen, wenn sie von den gesellschaPlichen Normalitätsannahmen abweichen (Debus & Laumann, 2018, S. 29). Erleben sie Tabuisierungen und Diskriminierungen, kann dies zu Rückzug, innerer OrienZerungslosigkeit, Konflikten, bis hin zur Angst vor Ausschluss führen. Viele Jugendliche berichten von Diskriminierung und gewaltvollen Übergriffen an Schulen gegenüber nicht-heterosexuellen Personen (Kramer et al., 2018, S. 7). Während sich sexuelle Vielfalt in Medien und öffentlichen InsZtuZonen zunehmend zeigt, gehören für betroffene Jugendliche Abwertungen und tätliche Angriffe weiterhin zum Alltag (Schmidt et al., 2015, S. 9). 2.1.5 Entwicklungsaufgaben, sexuelle Iden>tätsentwicklung und Pathogenese Für die erfolgreiche BewälZgung ihrer Entwicklungsaufgaben benöZgen Jugendliche personale und soziale Ressourcen (Lohaus et al., 2024, S. 28). Der Grad der BewälZgung beeinflusst massgeblich die übergeordnete Aufgabe der Adoleszenz: die IndividuaZon und die Herausbildung einer stabilen IchIdenZtät. Diese Aufgaben sind vielfälZg, miteinander verknüpP und unterliegen in der heuZgen pluralisZschen GesellschaP keiner einheitlichen Norm. So kann etwa eine misslingende Beziehungsgestaltung unter Gleichaltrigen die Ablösung vom Elternhaus erschweren (Quenzel & Hurrelmann, 2022, S. 200–202). Dennoch bewälZgen die meisten Jugendlichen diese Phase ohne gravierende Krisen (Neurologen und Psychiater im Netz, o. J.). Bei etwa 10–15 % jedoch reichen die verfügbaren Ressourcen nicht aus, was sich negaZv auf Gesundheit und Persönlichkeitsentwicklung auswirken kann. Eine wichZge personale Kompetenzen ist z. B. die Fähigkeit, mit Rückschlägen konstrukZv umzugehen (Quenzel & Hurrelmann, 2022, S. 200–205). Besonders problemaZsch wird es, wenn unterschiedliche Bezugsgruppen widersprüchliche Erwartungen stellen. Ein Beispiel ist der Coming-out-Prozess bei nicht-heterosexuellen Jugendlichen, der je nach familiärer ReakZon zur Belastung wird (Kramer et al., 2018, S. 25). Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 13 Wichström und Hegna (2003) bezeichnen nicht-heterosexuelle OrienZerung als Risikofaktor für Suizidversuche im Jugendalter (zit. in Streeck-Fischer, 2021, S. 85). Laut Resch (o. J.) ist die Übernahme einer sozialen Rolle ein zentraler Mechanismus im IdenZtätserwerb. Gelingt dies nicht, kann es zur IdenZtätsdiffusion kommen. WichZg sind daher Vorbilder: Jugendliche, die sich bezüglich Queerness, Hautfarbe, Religion oder Kultur ähnlich verorten, können als Rollenmodelle OrienZerung geben (Warrach, 2021, S. 52). Viele homosexuelle, bisexuelle oder transgeschlechtliche Jugendliche berichten davon, nicht entsprechend ihres inneren Wesens wahrgenommen worden zu sein, was zu seelischen Verletzungen führt. Auch Erwachsene kämpfen teils mit den Folgen früherer Ablehnung (Rauchfleisch, 2021, S. 32, S. 38). Chronisch nicht bewälZgte Entwicklungsaufgaben führen zu dauerhaPem Stress mit negaZven Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung (Quenzel & Hurrelmann, 2022, S. 76). Pathogenese und Risikowege Wenn Jugendliche ihre Entwicklungsaufgaben nicht erfolgreich bewälZgen, können problemaZsche Verhaltensweisen entstehen. Der entstehende Druck kann nicht lange ausgehalten werden, Schamund KompensaZonsmechanismen setzen ein. Die folgende Abbildung zeigt die Risiken der Schamund KompensaZonsmechanismen. Drei Risikowege lassen sich unterscheiden (Quenzel & Hurrelmann, 2022, S. 207–208). Abbildung 4: Drei Risikowege (eigene Darstellung) Je nach Persönlichkeit, bisherigen BewälZgungsmustern und verfügbaren Ressourcen kann es zu unterschiedlichen oder kombinierten Ausprägungen kommen. VerfesZgte Risikowege haben negaZve Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung (Quenzel & Hurrelmann, 2022, S. 209). Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 14 2.1.6 Herausforderungen für Queers in der Adoleszenz Neben den allgemeinen Entwicklungsaufgaben stehen Jugendliche, deren sexuelle OrienZerung und/oder IdenZtät nicht mit der vorherrschenden heteronormaZven GesellschaPsstruktur übereinsZmmt, vor zusätzlichen Herausforderungen. Dieses Spannungsfeld macht die ohnehin sensible Adoleszenzphase noch verletzlicher (Höblich & Mantey, 2023, S. 25). Queere Jugendliche müssen dieselben Entwicklungsaufgaben bewälZgen wie cis-heterosexuelle Gleichaltrige, sind dabei jedoch zusätzlich mit Diskriminierung, Vorurteilen, familiärer Ablehnung, Tabuisierung und oP mit internalisierter HomonegaZvität konfronZert. Die Vorstellung, dass trans-, homooder bisexuelle Menschen heute weitgehend akzepZert seien, ist laut Rauchfleisch (2021) realitätsfern (S. 44). Trotz zunehmender gesellschaPlicher Offenheit bleibt das Coming-out für viele belastend: Laut Studien haben 74 % Angst vor Ablehnung durch Freund:innen, 69 % durch Familie, und etwa 20 % fürchten sogar körperliche Gewalt (Krell & Oldemeier, 2017; zit. in Rauchfleisch, 2021, S. 39). Ablehnung durch das familiäre Umfeld kann schwere seelische Verletzungen mit langfrisZgen Folgen verursachen. Auch ausserhalb der Familie, in Schule, Jugendgruppen oder Sportvereinen, erleben queere Kinder und Jugendliche Ausgrenzung und Gewalt, oP allein aufgrund ihrer tatsächlichen oder vermuteten sexuellen OrienZerung oder GeschlechtsidenZtät. Besonders betroffen sind sie in Umfeldern mit stark tradierten Geschlechterbildern (ebd.). Mangelnde Vorbilder und verinnerlichte Homound TransnegaBvität Die meisten Kinder wachsen in cis-heterosexuellen Familien auf und kennen fast nur solche Lebensmodelle. Wenn sie selbst nicht cis oder hetero sind, finden sie oP keine passenden Vorbilder oder OrienZerungshilfen. Zwar gibt es heute mehr sichtbare trans, homound bisexuelle Personen in der Öffentlichkeit, PoliZk und Medien, was die IdenZtätsentwicklung junger Menschen posiZv beeinflusst. Doch bleiben diese Vorbilder oP zu fern, um im Alltag eine prägende Rolle zu spielen (Rauchfleisch, 2021, S. 59). Lesben, Schwule und trans Menschen internalisieren im Laufe ihrer Entwicklung die negaZven gesellschaPlichen Bilder, die ihnen über ihre IdenZtät verminelt werden. Sie reagieren auf die Belastungen durch ein breites Spektrum an Störungen, wie Depressionen, Angst, Antriebslosigkeit, soziale IsolaZon, Suizidalität und körperliche Beschwerden. Manche dieser Symptome verschwinden, wenn die Akzeptanz der eigenen IdenZtät erreicht ist und äussere Stressoren verringert werden (Rauchfleisch, 2021, S.69). Queers und das Internet Viele trans, biund homosexuelle Kinder fühlen sich anfangs allein mit ihren Gefühlen. Das Internet hilP ihnen zu erkennen, dass sie nicht die Einzigen sind, sondern viele ähnliche Erfahrungen machen Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 15 (Rauchfleisch, 2021, S. 72). Im Netz können sich trans, biund homosexuelle Jugendlichen diskret über ihre IdenZtät informieren. Sie können lernen, ihre Erfahrungen besser zu verstehen, ohne andere einbeziehen zu müssen (Rauchfleisch, 2021, S.75). Das Internet spielt daher eine zentrale Rolle beim Empowerment sexueller und geschlechtlicher Minderheiten (vgl. Döring, 2017; zit. in Rauchfleisch, 2021, S. 77). 2.1.7 Sexuelle Orien>erung und Interkulturalität Wie Warrach (2021) betont, ist es in der Beratungspraxis oP hilfreicher, Herausforderungen im Umgang mit sexueller OrienZerung und Sexualität nicht ausschliesslich kulturellen Unterschieden zuzuschreiben. KonstrukZver ist es, normaZve Vorstellungen sowohl in HerkunPsals auch in AufnahmegesellschaPen zu reflekZeren, um einem Othering entgegenzuwirken (S. 51). Dennoch dominieren in öffentlichen und privaten Diskursen oP stereotype Zuschreibungen. Eriksons DefiniZon von IdenZtät als Schninpunkt zwischen Selbstbild und gesellschaPlicher Erwartung verweist auf die Bedeutung des kulturellen Kontexts für die IdenZtätsbildung (Erikson, 1983; zit. in Seiffge-Krenke, 2021, S. 201). In EinwanderungsgesellschaPen wird IdenZtätsentwicklung komplexer: Jugendliche müssen ihre individuellen Entwürfe mit normaZven Vorgaben der Aufnahmekultur vereinbaren, was auch Fragen der persönlichen Handlungsmacht (agency) berührt. OP prallen individualisZsche Werte wie Selbstverwirklichung auf kollekZvisZsche Erwartungen, in denen familiäre Loyalität dominiert. Für Jugendliche mit MigraZonshintergrund ist dieser Prozess besonders herausfordernd, da elterliche Unterstützung oP begrenzt ist. Aber auch bei einheimischen Jugendlichen können elterliche Ängste und Kontrolle die Entwicklung behindern (ebd.). Studien zeigen: Durch digitale Vernetzung verfolgen Jugendliche weltweit ähnliche Strategien der IdenZtätserkundung. GleichzeiZg wirken hemmende familiäre Muster kulturübergreifend (Seiffge-Krenke, 2021, S. 201). Ein Coming-out ist für Jugendliche mit MigraZonshintergrund besonders belastend. In patriarchal geprägten Familien werden queere IdenZtäten häufig abgelehnt. OuZngs können zu Gewalt oder familiärem Ausschluss führen (Rauchfleisch, 2021, S. 51). Eine Studie zu lesbischen und schwulen Jugendlichen mit MigraZonshintergrund zeigt: 12 % hanen Suizidgedanken oder -versuche, 15 % versuchten, ihre sexuelle OrienZerung zu verändern (Steffens et al., 2010; zit. in Rauchfleisch, 2021, S. 56). Die ReakZonen der Eltern sind häufiger negaZv, Homosexualität wird oP als moralischer Verstoss wahrgenommen. Ein Coming-out ist unabhängig vom kulturellen Hintergrund eine grosse Herausforderung (Rauchfleisch, 2021, S. 56). Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 16 2.1.8 Sexuelle Orien>erung und Intersek>onalität IntersekZonalität bezeichnet das Zusammenwirken verschiedener sozialer Merkmale wie Geschlecht, sexuelle IdenZtät, ethnische Zugehörigkeit, Behinderung oder Gesundheitszustand, Alter, soziale HerkunP und andere. Diese Merkmale können sich überschneiden und je nach Kontext zu unterschiedlichen Formen von Benachteiligung oder Bevorzugung führen, wodurch vielschichZge soziale Ungleichheiten entstehen (Riner, 2024). Folgende Darstellung zeigt die erschwerten Bedingungen und ihre intersekZonalen Überschneidungen. Abbildung 5: Intersektionale Überschneidungen (eigene Darstellung) Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 17 2.2 Die Rolle der Sozialen Arbeit im Umgang mit tabuisierten Themen Im folgenden Kapitel wird die Rolle der Sozialen Arbeit im Kontext der sozialpädagogischen Gesprächsführung über sensible und tabuisierte Themen wie die sexuelle OrienZerung von Jugendlichen dargestellt. Der Berufskodex der Sozialen Arbeit AvenirSocial und die LebensweltorienZerung gemäss Hans Thiersch geben dem Forschungsvorhaben einen geeigneten berufstheoreZschen Rahmen. Soziale Arbeit und Sexualität Soziale Arbeit ist akZv an der gesellschaPlichen DefiniZon und Deutung von Sexualität beteiligt. Das erfordert eine kriZsche Auseinandersetzung mit EmoZonen, Machtverhältnissen und ungleichen Bedingungen, die auch ihre WissensprodukZon prägen. Obwohl es erste theoreZsche und empirische Arbeiten zur Sexualität in der Sozialen Arbeit gibt, bleibt das Thema in der Fachdisziplin randständig. PoliZsche Interessen und eine historisch bedingte Tabuisierung des Sexuellen erschweren eine umfassende und reflekZerte Professionalisierung in diesem Feld (Brodersen & Jäntschi, 2021; zit. in Höblich & Mantey, 2023, S. 62). Studien zur Rolle der Sozialen Arbeit und queeren Jugendlichen Seit den späten 1990er-Jahren wächst das Interesse an marginalisierten sexuellen und geschlechtlichen Lebensweisen in der Sozialen Arbeit. Studien zeigen, dass queere Jugendliche in vielen Lebensbereichen Diskriminierung erfahren, auch in sozialpädagogischen Einrichtungen (Höblich & Mantey, 2023, S. 65). Dennoch bieten insbesondere queere Jugendgruppen vergleichsweise unterstützende Räume. FachkräPe stehen dabei vor der Herausforderung, queere Jugendliche wertschätzend zu begleiten, ohne sie auf ihre IdenZtät zu reduzieren. Die Studie von Cornelia Sperling (2021) stellt fest, dass sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in den Strukturen der sächsischen Kinderund Jugendhilfe kaum berücksichZgt werden. Dies geschieht nicht aus Ablehnung, sondern weil ihre Unsichtbarkeit als irrelevant wahrgenommen wird. FachkräPe unterschätzen oP die WichZgkeit des Themas, was negaZve Folgen für die psychosoziale SituaZon und Teilhabe der Jugendlichen hat (zit. in Höblich & Mantey, 2023, S. 66). Queere Jugendliche erleben dadurch ein Dilemma: Sie müssen sich offenbaren, um Unterstützung zu erhalten, riskieren dabei aber Diskriminierung (Perels, 2006; zit. in Höblich & Mantey, 2023, S. 66). In der empirischen Forschung zur Sexualität in sozialpädagogischen Kontexten zeigt sich jedoch zunehmend eine wachsende Aufmerksamkeit und Sensibilität für vielfälZge sexuelle und geschlechtliche IdenZtäten. GleichzeiZg zeigt sich eine theoreZsche und inhaltliche Beschränkung in der ThemaZsierung: Der Einfluss pädagogischer InsZtuZonen und FachkräPe auf die sexuelle Entwicklung der Adressat:innen wird bislang kaum berücksichZgt. Insgesamt wird Sexualität in der Sozialen Arbeit meist problemzentriert betrachtet, während empirische Studien zu Bedingungen, die sexuelle Vielfalt, Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 24 Nähe aber darf nicht zur Flucht aus schwankenden Verhältnissen in klammernde, sich abschliessende In;mität geraten, Distanz darf nicht Ausdruck einer Gleichgül;gkeit sein, die sich in gekonnter Freundlichkeit gegen die Zumutung von Nähe immunisiert oder sich im Hinweis auf die vermeintlich notwendige Distanz zur EnFaltung des Eigensinns des Anderen der offenkundigen Erwartung und Notwendigkeit von Nähe entzieht (zit. in Dörr & Müller, 2007, S. 42). Nähe kann als Geborgenheit und Verlässlichkeit erlebt werden. Distanz kann hingegen als schützender Abstand, der Freiraum schaz und individuelle Entwicklung ermöglicht, empfunden werden (Thiersch, 2007; zit. in Dörr & Müller, 2007, S. 32). Beide können jedoch auch negaZv erlebt werden: Nähe als einengend oder klammernd, Distanz als Liebesentzug oder GleichgülZgkeit. Entscheidend ist daher nicht die Kategorie an sich, sondern ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Nähe und Distanz (Dörr & Müller, 2007, S. 7). Nähe und Distanz in der Sozialen Arbeit Soziale Arbeit erfordert ein sensibles Gleichgewicht zwischen Nähe und professioneller Distanz. FachkräPe müssen Vertrauen ausauen, ohne ihre Rolle oder Grenzen zu verlieren. Berührungen oder emoZonale Zuwendung können Fürsorge ausdrücken, aber auch missverstanden werden. Dies gilt besonders bei Jugendlichen, die Sexualität zur Selbstdarstellung nutzen, oder wenn Fachpersonen unbewusst in Verführungsdynamiken geraten (Kunz, 2014, S. 15). In der Arbeit mit sexualitätsoder gewaltbezogenen Themen kann emoZonale Nähe zu übermässiger IdenZfikaZon führen, mit dem Risiko, eigene Vorstellungen über die Bedürfnisse der Klient:innen zu stellen. Zu viel Nähe fördert Abhängigkeiten, zu viel Distanz wirkt kalt und abweisend (ebd.). Formale Schutzmassnahmen wie Verhaltenskodizes sind wichZg, aber nur wirksam in Verbindung mit persönlicher Reflexion. Das Konzept der «zugewandten Abgegrenztheit» beschreibt eine Haltung, die Empathie mit professioneller Distanz vereint. Es hilP, mit Nähe, Macht und emoZonalen Verstrickungen bewusst umzugehen. Daher sollte die Ausbildung gezielt emoZonale und körperbezogene Themen aufgreifen. Dies kann mithilfe sexualpädagogischer Methoden, Selbsterfahrung und Reflexion geschehen (Kunz, 2014, S. 15–16). Gespräche mit Jugendlichen über Sexualität und sexuelle OrienBerung In Gesprächen mit queeren Jugendlichen stehen Fachpersonen vor besonderen Spannungsfeldern: Viele Ratsuchende bringen Erfahrungen mit Ausgrenzung, Diskriminierung oder sogar Gewalt mit (Kugler, 2017, S. 364-367). In diesem Kontext suchen sie nicht nur fachliche Hilfe, sondern auch emoZonale Sicherheit und Anerkennung. Die zentrale Herausforderung besteht also darin, in der Beratungsarbeit mit queeren Jugendlichen eine zugewandte, aber klar abgegrenzte Beziehungsgestaltung zu entwickeln Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 25 (Kugler, 2017, S. 370). Dies erfordert eine hohe Sensibilität für Machtverhältnisse, für die Besonderheiten queerer Lebensrealitäten und für die eigene Rolle als Fachperson. Reflexion, Supervision und spezifische Fortbildungen im Bereich Queer-Pädagogik und sexualitätsbezogener Beratung sind essenziell, um in diesem Spannungsfeld professionell handeln zu können (Kugler, 2017, S. 371). Folgende Darstellung zeigt die spezifischen Herausforderungen. Abbildung 7: Spezifische Herausforderungen (eigene Darstellung) 2.3.3 Personenzentrierter Ansatz Carl Rogers Theorie geht davon aus, dass jeder Mensch ein grundlegendes Bedürfnis nach posiZver Entwicklung und persönlichem Wachstum besitzt. Aus diesem Grund setzte er sich intensiv mit den Voraussetzungen auseinander, die solche Entwicklungsprozesse begünsZgen. Mit anderen Worten: Rogers wollte herausfinden, welche Bedingungen Menschen dabei unterstützen, sich selbst besser zu verstehen und dadurch ihr persönliches Potenzial zu en`alten (Wetzel, 2024). Dabei geht es nicht um eine spezielle Gesprächstechnik, sondern um eine besondere Haltung und Atmosphäre, die eine Person in ein Gespräch einbringt. Eine solche Beziehung entsteht nur, wenn man sich selbst akzepZert, denn gemäss Carl Rogers (2004), weil «es auf lange Sicht nicht hilP, so zu tun, als wäre ich jemand, der ich nicht bin» (zit. in Hubert, 2022, S. 186). Dies erfordert Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und den Gesprächspartner:innen sowie die BereitschaP, auch persönliche und beziehungsrelevante Gefühle offen zu zeigen. Zentrale Aspekte hilfreicher Beziehungen sind, das Gegenüber wer`rei anzunehmen, empathisch auf es einzugehen und Veränderung nicht erzwingen zu wollen. Diese Haltung kann Vertrauen fördern, Abwehr vermindern und Selbsterkenntnis sowie SelbstheilungskräPe stärken (Rogers, 2004; zit. in Hubert, 2022, S. 187). Ziel ist nicht primär Problemlösung, sondern die Förderung persönlicher Entwicklung, um mit Herausforderungen besser umgehen zu können. Eine hilfreiche Beziehung ist geprägt von Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 26 Echtheit, bedingungsloser Annahme und Zefem Einfühlungsvermögen (ebd.). All dies sollte getragen werden von einem posiZven Menschenbild und dem Vertrauen in die Fähigkeit zur Selbstveränderung. Empathie setzt Selbstkenntnis voraus: Wer sich selbst versteht, kann sich angs`rei auf andere einlassen. Respekt vor dem Leben in seiner Vielfalt ist dabei ein innerer Grundwert, keine auferlegte Norm (Rogers, 2004; zit. in Hubert, 2022, S. 188). Die drei wichZgsten Merkmale dieser Gesprächsführung werden in der Abbildung aufgeführt (Wetzel, 2024). Abbildung 8: Wichtigste Merkmale der personenzentrierten Gesprächsführung (eigene Darstellung) Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 27 Diese drei Merkmale schaffen eine vertrauensvolle Atmosphäre, in der persönliche Entwicklung und Selbstklärung möglich werden. Sie gelten nicht nur in der Psychotherapie, sondern auch in Beratung, Pädagogik und Führung als wirkungsvoll (Wetzel, 2024). 2.3.4 Gewal[reie Kommunika>on Die Gewal`reie KommunikaZon (GFK) versteht sich in erster Linie als eine innere Haltung, die von Achtsamkeit, Respekt und Mitgefühl geprägt ist. Entwickelt wurde dieser Ansatz von Marshall Rosenberg, der dabei auf einem posiZven und ganzheitlichen Menschenbild ausaut. Im Zentrum der Methode steht die bewusste Wahrnehmung und der Ausdruck eigener Gefühle und Bedürfnisse, verbunden mit einer konkreten Bine. GleichzeiZg ist es wesentlich, auch die EmoZonen und Bedürfnisse des Gegenübers achtsam und einfühlsam wahrzunehmen und zu berücksichZgen. Ziel der Gewal`reien KommunikaZon ist es, Beziehungen so zu gestalten, dass gegenseiZges Verständnis und Wertschätzung entstehen. Dadurch können Wege gefunden werden, wie die Bedürfnisse aller Beteiligten, auch in KonfliktsituaZonen, gemeinsam und im Einvernehmen erfüllt werden (Hamburger InsZtut für gewal`reie KommunikaZon, o. J.). Ein Akt Gewal`reier KommunikaZon besteht darin, eine SituaZon sachlich zu beschreiben, eigene Gefühle zu benennen, diese mit einem Bedürfnis zu verknüpfen und daraus eine konkrete Bine abzuleiten. Gefühle, Bedürfnisse und Binen sind dabei eng miteinander verbunden. Zentral sind IchBotschaPen, da es um die subjekZve Wahrnehmung geht. Verallgemeinerungen wie «immer» oder «nie» sowie Formulierungen mit «müssen» oder «sollen» sollten vermieden werden (Rosenberg, 2001; zit. in Hubert, 2022, S. 144-145). Da man nicht wissen kann, was andere fühlen, sind vorsichZge Formulierungen wichZg. Selbst bei rein technischer Anwendung fördert GFK das Einfühlungsvermögen und kann so zu einem konflik`reieren Miteinander beitragen (Rosenberg, 2015; zit. in Hubert, 2022, S. 144-145). Die folgende Abbildung stellt die wichZgsten Pfeiler der GFK dar (Hubert, 2022, S. 144–145). Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 28 Abbildung 9: Wichtigste Pfeiler der GFK (eigene Darstellung) 2.3.5 Systemische Beratung und Gesprächsführung Verhalten erhält seine Bedeutung immer durch den jeweiligen Kontext. Jede Handlung, sei es ein Wort, eine Geste oder ein Blick, wird erst im Zusammenhang verständlich, in dem sie vom Beobachter gesehen wird. Die systemische Sicht betont daher, dass individuelles Verhalten vor allem durch den situaZven Kontext und die geltenden, oP unausgesprochenen Regeln erklärbar ist (Palmowski, 2014, S. 34). Systemisch arbeitende Berater:innen gehen davon aus, dass Klient:innen über eigene Fähigkeiten und Kenntnisse verfügen und als «Expert:innen für ihr eigenes Leben» gelten. Ihre Grundhaltung ist geprägt von Respekt, Offenheit, Empathie und Wertschätzung. Sie gehen davon aus, dass jeder Mensch in der Lage ist, individuelle Lösungen zu entwickeln und fördern deshalb die Nutzung bereits vorhandener Stärken und Ressourcen. Die Beratung orienZert sich an den Bedürfnissen und Zielen der Klient:innen. Im gemeinsamen Gespräch werden Rahmenbedingungen erarbeitet, die es ermöglichen, eigene Potenziale zu en`alten und selbstverantwortlich an passenden Lösungen zu arbeiten. Typische Methoden der systemischen Beratung sind unter anderem das zirkuläre Fragen, die Wunderfrage, Reframing, Arbeit am Genogramm sowie die Arbeit mit Familienskulpturen (Falk-Frühbrodt, o. J.). Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 29 Grundaspekte systemischer Gesprächsführung Der zentrale Zweck systemischer Gesprächsführung liegt darin, komplexe Beziehungsstrukturen und InterakZonsmuster zwischen Menschen zu erkennen und posiZve Entwicklungen anzustossen. Dafür wird häufig auf ein breites Repertoire an Methoden zurückgegriffen. Die zentralen Prinzipien systemischer Gesprächsführung sind in der folgenden Abbildung dargestellt (Eggert & Köster-Ries, 2025): Abbildung 10: Zentrale Prinzipien systemischer Gesprächsführung (eigene Darstellung) Für die systemische Gesprächsführung ist vor allem die innere Haltung entscheidend: Sie sollte geprägt sein von Wertschätzung, einem Blick auf vorhandene Ressourcen, Offenheit für verschiedene Lösungswege und einer neutralen PosiZon. Dabei wird die Eigenverantwortung aller Beteiligten respekZert und das Wissen anerkannt, dass nachhalZge Veränderungen am besten aus dem System selbst heraus entstehen (Falk-Frühbrodt, o. J.). Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 30 3 Forschungsdesign Mit Jugendlichen über ihre sexuelle OrienZerung zu sprechen und sie in ihrer IdenZtätsfindung zu befähigen und zu unterstützen, erfüllt einen professionellen AuPrag der Sozialen Arbeit. Gemäss Schmocker (2019) fördert Soziale Arbeit gesellschaPlichen Wandel, sozialen Zusammenhalt sowie die Stärkung und Befähigung von Menschen. Dabei orienZert sie sich an sozialer GerechZgkeit, Menschenrechten, gemeinschaPlicher Verantwortung und der Anerkennung von Vielfalt. Sie wirkt auf soziale Strukturen ein und unterstützt Menschen darin, Lebensherausforderungen zu bewälZgen und ihr Wohlbefinden zu verbessern (S. 3). Aus diesem AuPrag an Fachpersonen der Sozialen Arbeit ergeben sich die Forschungsfragen: Welche kommunikaBonstheoreBschen Ansätze und Arbeitsweisen in der Sozialen Arbeit helfen Jugendlichen dabei, über sensible Themen, wie zum Beispiel die sexuelle OrienBerung, zu sprechen? Woran erkennen Fachpersonen in Gesprächen über sensible Themen die Auswirkung auf die Entwicklung der Jugendlichen? 3.1 Datenerhebung Für die Datenerhebung im Rahmen der Forschung wurden fünf Interviews durchgeführt und transkribiert. Die daraus entstandenen Transkripte dienten als Basis für die weitere Datenanalyse. Im folgenden Abschnin werden das Vorgehen der Datenerhebung sowie die zugrunde liegenden Sampling-Verfahren näher erläutert. Ebenfalls wird die Durchführung beschrieben. 3.2 Das Problemzentrierte Interview (PZI) Das Problemzentrierte Interview (PZI) wurde von Andreas Witzel als eine methodische AlternaZve zu Forschungsansätzen entwickelt, die auf einer normaZv-standardisierten TradiZon beruhen (Witzel, 1982; zit. in Witzel & Reiter 2022, S. 10). Seine theoreZschen Wurzeln liegen in den methodologischen und erkenntnistheoreZschen Diskussionen der 1970er Jahre, insbesondere im Kontext von Jürgen Habermas’ Bestrebung, interpretaZve Ansätze wieder stärker in den wissenschaPlichen Diskurs einzubringen (Habermas, 1967; zit. in Witzel & Reiter, 2022, S. 10). Im Problemzentrierten Interview (PZI) wird vorhandenes Theoriewissen zunächst systemaZsch zur jeweiligen sozialwissenschaPlichen Fragestellung aufgearbeitet und reflekZert. Dieses Vorwissen dient der Interviewvorbereitung und hilP dabei, die subjekZve Sichtweise der Befragten im Kontext ihres Alltagswissens besser zu verstehen und einzuordnen. Dabei ist entscheidend, dass das Vorwissen die PerspekZve der Interviewten nicht überlagert. So können im Gespräch und in der anschliessenden Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 31 Analyse neue Aspekte der Problemstellung erkannt und das bestehende Forschungswissen erweitert werden (Witzel & Reiter, 2022, S. 11). Diese Methode eignet sich besonders für Forschungsprojekte, in denen davon auszugehen ist, dass sich die Erfahrungen von Forschenden und Befragten, wie in der Sozialforschung häufig der Fall, überschneiden. Sie zeigte sich deshalb für das vorliegende Forschungsvorhaben als geeignet. Forschende wie Beforschte sind auf unterschiedliche Weise von gesellschaPlichen Rahmenbedingungen geprägt. Dies kann dazu führen, dass Forschende ihre eigenen alltagsweltlichen Selbstverständlichkeiten nicht hinterfragen, wodurch diese als unbewusste Deutungsmuster wirksam bleiben und die ForschungsperspekZve unbeabsichZgt beeinflussen können (Kelle, 2007; zit. in Witzel & Reiter, 2022, S. 12). Der problemzentrierte Ansatz versucht, diesem Risiko entgegenzuwirken, indem er die unterschiedlichen WissensperspekZven bereits in der Vorbereitung systemaZsch berücksichZgt. Die ForschungssituaZon ist dabei als interakZver, diskursiv sowie dialogischer Prozess konzipiert, in dem Bedeutungen wechselseiZg ausgehandelt werden (Mey, 2000; zit. in Witzel & Reiter, 2022, S. 12). Der Interviewlei`aden wurde auf Grundlage der theoreZschen Ausführungen (vgl. Kapitel 2) entwickelt, unter BerücksichZgung des zweiten Schrins der inhaltlich strukturierenden Inhaltsanalyse nach Kuckartz und Rädiker (2024, S. 132-156). Der vollständige Lei`aden befindet sich im Anhang. Zur Überprüfung der Verständlichkeit und Tauglichkeit für die Praxis wurde der Lei`aden vor der Durchführung der Interviews einer externen Person vorgelegt und entsprechend evaluiert. 3.3 Sampling QualitaZve Forschung zielt nicht prinzipiell darauf ab, über die untersuchten Personen hinaus verallgemeinerbare Aussagen zu treffen. Sie hat vielmehr zum Ziel, komplexe Lebenswelten und InterakZonen angemessen zu erfassen und zu beschreiben. Deshalb muss bei der SZchprobenwahl nicht zwingend RepräsentaZvität im Sinne einer Abbildung der Grundgesamtheit angestrebt werden. Standessen sollte das Sampling darauf ausgerichtet sein, eine möglichst heterogene und in relevanten Merkmalen maximal kontrasZerende Gruppe zu gewinnen. Dies stellt das Prinzip der Varianzmaximierung dar (Panon, 2002; zit. in Petrucci & Wirtz, 2007). Es wurden zwei Sampling-Methoden kombiniert, um eine Varianzmaximierung im Rahmen der begrenzten Möglichkeiten anzustreben: Die gezielte SZchprobe und das Schneeballverfahren. Bei der gezielten SZchprobe wurden ausgewählte Spezialist:innen befragt. Mit dem Schneeballverfahren wurde der Kreis der Spezialist:innen um weitere Fachpersonen erweitert. Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 32 Gezielte SBchproben Gezielte SZchproben werden hauptsächlich eingesetzt, um besZmmte EigenschaPen, Entwicklungen oder Einsichten innerhalb einer ausgewählten Gruppe zu untersuchen. Indem man sich auf spezielle Merkmale oder Erfahrungen konzentriert, können Forschende Zefere Einblicke gewinnen und das Thema umfassender und detaillierter erfassen. Gezielte SZchproben haben zum Ziel, Phänomene zu verstehen und Einsichten aus einer besZmmten PerspekZve zu gewinnen (Stewart, o. J.). Da die Forschungsfrage sich auf eine ausgewählte Zielgruppe (Queers) und eine spezifische ThemaZk (Gespräche über sensible und tabuisierte Themen) bezieht, waren gezielte SZchproben zielführend. Schneeballsampling Beim Schneeballsampling schlagen die befragten Personen weitere mögliche Interviewpartner:innen vor. Auf diese Weise entsteht ein Zugang zum Untersuchungsfeld. Potenziell wichZge Personen können gefunden werden. Diese Methode eignet sich gut, um ein neues Forschungsfeld kennenzulernen (Universität Leipzig, o. J.). 3.4 Durchführung der Interviews Im Vorfeld der Interviews fand ein Austausch mit den Interviewpartner:innen stan. Im Sinne eines Arbeitsbündnisses wurden die Fachpersonen über die Rahmenbedingungen und ihre Rolle als Interviewte und Profis der Gesprächsführung informiert (Witzel & Reiter, 2022, S. 98). Vorab hanen sie Gelegenheit den Lei`aden zu studieren und Feedbacks zu geben. Die Durchführung der Interviews erfolgte in drei Varianten. Drei Interviews wurden in den Beratungsräumen der Fachpersonen geführt. Ein Interview wurde an der HSLU in einem reservierten Raum durchgeführt. Ein Interview fand bei der Verfasserin des Forschungsprojektes zu Hause stan. Alle Interviews wurden digital aufgezeichnet. 3.5 Datenaufarbeitung Alle Interviews wurden in schriPdeutscher Sprache geführt. Während der Vorbereitung der Interviews hanen alle Fachpersonen bestäZgt, dass sie in ihrem Berufsalltag oP SchriPdeutsch sprechen und es für sie weder mit einem Mehraufwand verbunden ist, noch eine Verfälschung ihrer Aussagen zu befürchten ist. Alle mündlich geführten Interviews wurden mit der SoPware NoScribe transkribiert. Die Transkripte wurden vollständig mit den Audioaufnahmen abgeglichen und korrigiert. Dies geschah unter Einbezug der SoPware NoScribeEdit. Alle Transkripte wurden anonymisiert und mit Zahlen zu Beginn jeder Zeile versehen. Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 33 3.6 Datenanalyse Als Grundlage der Analyse dienten die Transkripte der geführten Interviews. Jedes der fünf Interviews bildete dabei jeweils eine separate Analyseeinheit. Die inhaltlich strukturierende qualitaZve Inhaltsanalyse wurde entsprechend dem von Kuckartz und Rädiker (2024) beschriebenen Ablaufmodell (vgl. Abbildung 11) durchgeführt (S. 105-108). Die folgende Abbildung zeigt den Ablauf der inhaltlich strukturierenden qualitaZven Inhaltsanalyse gemäss Kuckartz und Rädiker (2024 S.132). Abbildung 11: Ablaufschema einer qualitativen Inhaltsanalyse (Kuckartz & Rädiker, 2024, S. 132) Im ersten Schrin wurden alle Transkripte, die im Rahmen der qualitaZven Datenausereitung der PZIs erstellt wurden, gesichtet. Es wurden relevante Passagen hervorgehoben, mit Memos versehen und erste Fallskizzen erarbeitet. Anschliessend wurden im zweiten Schrin die Hauptkategorien aus den themaZschen Lei`aden-Kategorien und der Theorie dedukZv abgeleitet (Kuckartz & Rädiker, 2024, S. 72). Dies geschah auf der Basis der analyZschen Kategorien nach Kuckartz und Rädiker (2024, S. 70-103). Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 40 meine, die sind alle ultra rechts, aber rich;g, auch die Jugendlichen» (Transkript, Zeile 157-159). Die Interviewten beobachten jedoch abgesehen vom Stadt-Land-Gefälle in der gesamten GesellschaP weiterhin Abwertungen und Diskriminierungen. «Ja, also wir leben in einer queerfeindlichen Gesellscha], wir leben in einer rassis;schen Gesellscha], und wir internalisieren das ja alle, auch die Betroffenen» (04-Transkript, Zeile 624-626). Auffällig ist, dass in zwei der fünf Interviews Diskriminierungserfahrungen im Arbeitsalltag sowohl quanZtaZv als auch qualitaZv besonders betont werden. Dies im Gegensatz zu den übrigen drei, in denen Diskriminierung nur am Rande erwähnt wird. Die beiden Interviewten sind selbst als queere Personen betroffen und scheinen Diskriminierung sensibler wahrzunehmen als nicht betroffene Gesprächspartner:innen. Transkulturalität, Religionen und IntersekBonalität Die SituaZon der queeren Jugendlichen wird noch komplexer, wenn sie mit religiösen, kulturellen und stark patriarchalen Vorstellungen in ihrem sozialen Umfeld konfronZert werden. Vier von fünf Interviewten berichten von ihren Erfahrungen im Umgang mit Transkulturalität, Religionen und Ablehnung in Familien. «Was ich gemerkt habe, es ist einfach mega wich;g, ganz spezifisch auf die Situa;on der Jugendlichen einzugehen und zu schauen, wo erlebst du mega Druck oder wo erlebst du Unterstützung. Und das kann so vom Elternhaus, mit Religion, Kulturen, ich meine, du kannst in Uri leben und du hast den gleichen Druck wie vielleicht eine Familie, die eine Religion hat, die aus religiösen Gründen diesen Druck auraut» (04-Transkript, Zeile 566-572). Die interviewten Fachpersonen sind sich bewusst, dass sie Stereotypisierungen im Umgang mit HerkunP, Kulturen und Religionen vermeiden sollten. In diesem Kontext vergleichen sie muslimische Personen und Personen mit Religionszugehörigkeiten in anderen Kirchen in der Schweiz, die Queerness gleichermassen ablehnen. «Ich bringe dann auch den Vergleich, dass es hier tatsächlich nicht viel anders war, dass einfach die Zeit hier etwas schneller gelaufen ist, aber die Homosexualität ist im christlichen Rahmen genauso eine Sünde und auch hier wird nicht, also im christlichen, wird auch nicht sehr tolerant darauf reagiert» (01Transkript, Zeile 578-582). Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 41 Queerness, eine dunkle Hau`arbe und ein MigraZonshintergrund können für die Jugendlichen zusätzliche Herausforderungen evozieren. Die Überschneidungen der Merkmale, die zu mehrfachen Diskriminierungen führen können, werden als IntersekZonalität zusammengefasst. «Wenn sie dann noch of coulor sind oder was auch immer, dann ist es noch viel krasser. Intersek;onalität. Das alles» (04-Transkript, Zeile 365-367). HeteronormaBvität und HomonegaBvität Weitere Herausforderungen für die Entwicklung der Jugendlichen und ihrer sexuellen IdenZtät können entstehen, wenn sie ausschliesslich mit HeteronormaZvität und HomonegaZvität konfronZert werden. «Wissen, also Privilegien wie Wissen, Bildung, das sind alles Einflussfaktoren, die entweder ein homonega;ves Verhalten stärken können oder verstärken, aber auch abbauen» (05-Transkript, Zeile 267-269). Fachpersonen sind bemüht, cisund heteronormaZven Einflüssen auf die SozialisaZon der Jugendlichen akZv entgegenzuwirken, wie folgendes Zitat belegt. «Oder Flirt-Tipps, was funk;oniert, was nicht, und das ist unabhängig von sexueller Orien;erung oder geschlechtlicher Iden;tät, weil wir nicht, wir möchten nicht in diese Stereotypen gehen und diese Cis-Norm reproduzieren» (05Transkript, Zeile 287-290). 4.2 Die Rolle der Sozialen Arbeit im Umgang mit tabuisierten Themen Im folgenden Kapitel wird untersucht, wie die interviewten Fachpersonen ihren professionellen AuPrag definieren. Welche Rolle nehmen sie in Gesprächen mit Jugendlichen über Sexualität und sexuelle OrienZerungen ein? Welche Einflüsse haben ihre IntervenZonen auf der Mikroebene im Umgang mit Jugendlichen? Welche AmbiZonen haben sie für die Makroebene in der GesellschaP? Ebenfalls wird erläutert, welche Theorien der Sozialen Arbeit in ihrer Arbeit BerücksichZgung finden. In der Abbildung sind die Dimension, die Oberund die Subkategorien abgebildet. Diese ergeben die inhaltliche Struktur des Kapitels. Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 42 Abbildung 13: Dimensionen, Oberund Subkategorien (eigene Darstellung) Rolle der Sozialen Arbeit Die Fachpersonen wurden nach ihrer professionellen Rolle, ihrem AuPrag auf der Ebene der Individuen (Mikroebene) und ihren gesellschaPlichen AuPrag (Makroebene) befragt. Ebenfalls wurde die Frage gestellt, welche Theorien der Sozialen Arbeit in ihrem beruflichen Alltag zum Tragen kommen. «Ich verstehe mich als eine Unterstützung aus der Gesellscha]. Gesellscha]- lich gesehen bin ich sicher mit einer progressiven, toleranten Haltung unterwegs» (01-Transkript, Zeile 214-216). Professionelles Selbstverständnis Die Interviewten erläutern ihre professionelle Rolle und ihr professionelles Selbstverständnis im Umgang mit der sexuellen OrienZerung der Jugendlichen. Folgende Zitate illustrieren ihre professionelle Haltung. «Also ich bin klar, ähm, affirma;v und, ähm, und versuch die Leute auch wirklich darin zu bestärken, sich selber zu werden und sich auszuprobieren» (04Transkript, Zeile 25-27). «Es braucht Wissen, es braucht Haltung, also weisst du, wirklich, es braucht mega Reflexion, es braucht eigene Reflexion, hey wie gehe ich mit diesen Themen um, oder so, weil das spielt alles rein, das spielt massiv rein» (04-Transkript, Zeile 986-989). Alle Interviewten betonen die WichZgkeit von Fachwissen, lebenslangem Lernen und Reflexion der eigenen Haltung. Ebenso wünschen sich alle Reflexion in Teams und mit Fachkolleg:innen. Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 43 Sexualität und Soziale Arbeit Eine interviewte Person betont die WichZgkeit in der Sozialen Arbeit, Sexualität im Alltag explizit zum Thema zu machen. Sie hat in ihrer zwanzigjährigen Karriere eine Zurückhaltung bezüglich dieser Themen erleben dürfen, wie das folgende Zitat belegt. «Ich finde so, hey, sorry, Sexualität und Iden;tät sind so grundlegende Themen, und wir als Sozis, wenn wir uns dem entziehen, dann finde ich so, dann haben wir unseren Job nicht getan» (04-Transkript, Zeile 702-705). Reflexionen Das eigene Handeln immer wieder zum Gegenstand von Reflexionen zu machen, wird als ein Qualitätskriterium betont. «Also ich glaube, das ist das Professionelle. Dass wir das nicht einfach irgendwie machen, sondern dass wir das immer wieder reflek;eren. Und am schönsten wäre es natürlich, wenn wir das im ganzen Team könnten (. . .)» (04-Transkript, Zeile 417-420). Weiterbildungen In einer GesellschaP, die sich schnell weiterentwickelt und wandelt, stellen alle fünf Interviewten den Anspruch an sich selbst, fortlaufend Neues dazuzulernen. «Ich glaube, die Aufgabe von uns Sozialarbeitenden ist auch, uns wirklich, ähm, uns wirklich auch mit Literatur und mit, äh, mit Weiterbildung in diesen Themen fit zu halten oder überhaupt fit zu werden dafür» (01-Transkript, Zeile 252-255). LebensweltorienBerung Die LebensweltorienZerung nach Hans Thiersch ist eine Theorie der Sozialen Arbeit, das den Alltag und die Lebenswelt der Menschen in den Minelpunkt stellt. Alle Interviewten sind mit der Theorie vertraut und stellen Bezüge zu ihrer professionellen Arbeit her. Jugendliche als Expert:innen Die LebensweltorienZerung nach Hans Thiersch setzt die Lebenswelt der Adressat:innen der Sozialen Arbeit in den Minelpunkt und macht sie zu Expert:innen ihrer Lebenswelt. Die Auswertung aller Textpassagen ergibt, dass diese professionelle Haltung von allen Interviewten verinnerlicht wurde und sich in der Praxis als zielführend etabliert hat. Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 44 «Jugendliche oder deren Familien sind für mich die Fachpersonen zu ihren Themen, sie wissen immer mehr als ich, ich versuche nur zu erfassen, wo sie stehen» (01-Transkript, Zeile 317-319). «(. . .) war das nicht auch Thiersch, der gesagt hat, der Klient ist mal der Experte seiner selbst (. . .)» (03-Transkript, Zeile 32-33). Die Befragten betonen, wie wichZg es ist, Jugendlichen auf Augenhöhe zu begegnen, trotz Altersunterschieden, beruflicher Rolle und bestehender Machtverhältnisse. Indem sie die Jugendlichen als Expert:innen ihrer eigenen Lebenswelt anerkennen, schaffen sie die Grundlage für gelingende Gespräche. «Aber diese persönlichen Erfahrungen und diese Lebenswelt, das ist das Wich;gste überhaupt. Also, sie sind Hauptperson und nicht ich, oder?» (04Transkript, Zeile 733-735). Strukturmaximen Die Strukturmaximen der LebensweltorienZerung nach Hans Thiersch sind grundlegende Prinzipien, die das professionelle Handeln in der Sozialen Arbeit leiten. Die Auswertung der Textpassagen ergab, dass folgende Strukturmaximen zum Alltag der Fachpersonen gehören. Strukturmaxime Normalisierung Folgendes Zitat einer Interviewten kann der Strukturmaxime der Normalisierung zugeordnet werden. Alle Interviewten bringen zum Ausdruck, dass ihnen Normalisierungen von Diversität ein persönliches und gesellschaPliches Anliegen sind. «Und ich versuche immer auch zu vermijeln, dass alles quasi normal ist. Also den Normbegriff sehr weit zu stecken und auch zu vermijeln, dass das ja bei anderen auch so ist» (02-Transkript, Zeile 246-249). Strukturmaxime Inklusion Eine Interviewte äussert auffallend häufig, dass es für sie von grosser Bedeutung ist, gesellschaPliche Normierungen in Frage zu stellen. Dies ist besonders für queere Jugendliche von grosser Bedeutung. «Und ich glaube, das ist auch wich;g, die Hoffnung da nie aufzugeben, und auch ein bisschen, dass man irgendwie den Normbegriff eben, die Jugendlichen sind sehr streng, das ist ja nicht normal, und auch bei sich selber dann streng, und das ist, glaube ich, auch wich;g zu vermijeln. Normal ist, nicht normal zu sein» (02-Transkript, Zeile 281-284). Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 45 Die Lebensbedingungen für queere Menschen zu verbessern, stellt für eine Interviewte ein besonderes Anliegen dar. Sie sieht es als ihren AuPrag an, die Jugendlichen zu unterstützen ihre sexuelle IdenZtät leben zu können. Damit dies gelingen kann ist eine grössere Offenheit in unserer GesellschaP notwendig. «Und ich möchte sie ja unterstützen, dass wir die Umstände ändern können und dass sie sich selber leben können (. . .). Und darum geht es, weil, ich meine, wenn wir eine andere Gesellscha] häjen, dann wäre das gar kein Thema, dann wären die nicht suizidal» (04-Transkript, Zeile 301-306). 4.3 Gesprächsführung mit Jugendlichen über tabuisierte Themen Im Folgenden werden Methoden und Haltungen, die es Jugendlichen ermöglichen in Gesprächen mit Fachpersonen über tabuisierte und sensible Themen zu sprechen dargestellt. Das Kapitel bildet die Dimension der Gesprächsführung ab. Der Dimension folgen die Oberund Subkategorien, wie in der folgenden Abbildung visualisiert. Diese strukturieren das Kapitel. Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 46 Abbildung 14: Dimension Oberund Subkategorien (eigene Darstellung) Vertrauen und Beziehungsau]au Alle fünf Interviewten betonen, wie wichZg der Vertrauensund Beziehungsausau mit Jugendlichen zu Beginn der Zusammenarbeit ist. Fachpersonen benöZgen besonders viel Fingerspitzengefühl, Übung, sowie eine aufmerksame, zugewandte und emphaZsche Grundhaltung, um Vertrauen herzustellen. Folgende Zitate beschreiben die Anfangsphase. «Es geht immer zuerst um eine, um eine Vertrauensphase, die gebildet werden muss oder ein Vertrauen, das wachsen muss. Und dann sind sie manchmal ganz schnell bereit, ganz ;ef einzusinken» » (01-Transkript, Zeile 07-10). «Das Vertrauen hil], die Vertraulichkeit hil], die Zugewandtheit und das direkte Interesse an ihnen» » (01-Transkript, Zeile 159-161). Empathie und Offenheit Das emphaZsche Verstehen der Jugendlichen hilP insbesondere in der Anfangsphase und im Prozess des Beziehungsausaus. Ebenso wichZg ist eine offene Grundhaltung und dass diese bereits zu Beginn des Gesprächs für die Jugendlichen spürbar wird. «Und da sind wir wieder bei der Augenhöhe, beim Ernstnehmen, empathisch sein und neugierig, was denkst du eigentlich über Dinge?» (05-Transkript, Zeile 250-252). «Aber ich schwinge wie mit. Ich darf auch Jugendlichen sagen, wie es mir persönlich geht mit ihnen. Das ist so das Empathische und das Wertschätzende» (05-Transkript, Zeile 434-436). Ein Interviewter betont in Bezug auf die geforderte Offenheit eine Reflexion der eigenen Vorurteile durch die eigene Sozialisierung. Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 47 «Aber dem offen Begegnen möglichst vorurteilsfrei, ich sage jetzt möglich, weil wir haben alle Vorurteile oder irgendwelche indoktrinierten Vorstellungen, die uns durch Sozialisierung gegeben worden sind» (03-Transkript, Zeile 107-110). AuthenBzität Zwei Interviewte betonen die WichZgkeit von AuthenZzität im Sinne von Echtheit. Dies bedeutet, als Fachperson so zu sprechen und aufzutreten, wie es dem eigenen Naturell entspricht, Gefühle zu zeigen und für das Gegenüber greisar zu sein. «Ähm, erstens, indem ich mich auch, ich mich und auch P. kurz vorstelle und indem ich spürbar bin und mich auch zeige (. . .)» (01-Transkript, Zeile 374375). AuthenZsch zu sein verbinden zwei Interviewte mit dem Zeigen von Gefühlen, aber auch mit Verletzlichkeit. Dies kann zum Beispiel das Äussern von Unsicherheiten sein. «Ich formuliere das auch. Hey, so welcome. Diese Unsicherheiten sind okay, die gehören dazu. Das gehört zu unserem Leben (. . .). Ich muss nicht sicher sein. Wir können darüber kommunizieren, ganz ehrlich und offen. Wir können auch zusammen mal schweigen. Oder wir können auch einfach mal da sitzen und die Klient:innen Person kann weinen und ich sitze einfach nur da» (04Transkript, Zeile 374-375). Eine Sprache mit vielen Fachwörtern, die schwer verständlich ist und Distanznahme beim Gegenüber provozieren kann, lehnt eine Interviewte ab. «Und du brauchst auch, dass Menschen authen;sch sind. Also auch so von wegen Kommunika;onss;l. Ich finde so wirklich authen;sch sein, ein authen- ;scher Kommunika;onss;l ist enorm wich;g. Das andere ist einfach abgehoben und schaw Distanz» (04-Transkript, Zeile 335-339). Transparenz Vier von fünf Interviewten betonen die WichZgkeit von Transparenz für den Beziehungsausau mit den jugendlichen Gesprächspartner:innen. Transparenz fördert das Vertrauen der Jugendlichen. «Ich sage, was ich von, von den KlientInnen weiss (. . .) oder sowas und ich sage, was die mir jetzt gesagt haben, dass, damit sie einschätzen können, worüber ich Bescheid weiss und, und was auch nicht und was sie korrigieren müssen vielleicht» (01-Transkript, Zeile 380-386). Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 48 Da Jugendliche viele vertrauliche und persönliche InformaZonen über sich preisgeben, ist es für alle Fachpersonen wichZg, dass die Jugendlichen gut informiert werden. Der Datenschutz und die Verschwiegenheit Drinen gegenüber werden Jugendlichen ausführlich erklärt. «(. . .) was mit den Informa;onen passiert, auch welchen Zweck das hat und auch immer so, dass die Person auch immer eine Kontrolle hat» (02-Transkript, Zeile 70-72). In zwei Interviews wird hervorgehoben, dass es hilfreich ist zu erklären, warum welche Fragen gestellt werden und welchem Zweck die InformaZonen dienen. Die Jugendlichen können so Verständnisfragen stellen und fühlen sich nicht sinnlos ausgefragt. Ebenfalls behalten sie Kontrolle über ThemaZken, die sie nicht ansprechen möchten. Jugendliche hinterfragen in der Adoleszenz Vieles und sind Erwachsenen gegenüber oP sehr kriZsch. Wenn es Fachpersonen gelingt, auf die Skepsis der Klient:innen einzugehen, kann Vertrauen wachsen. «Und ich finde es wich;g, klar zu deklarieren, warum ich das frage» (01-Transkript, Zeile 250-251). MitbesBmmung Als ein weiterer förderlicher Faktor für den Beziehungsund Vertrauensausau wird von allen Interviewten die MitbesZmmung der Jugendlichen beschrieben. Die Jugendlichen sollen soweit und so umfangreich wie möglich Einfluss auf die Terminfindung, den Ort der Durchführung des Gespräches, die Sitzordnung im Raum und die Gesprächsinhalte haben. Die Interviewten berichten von folgenden Vorgehensweisen, die sich in ihrer Arbeit bewährt haben. «(. . .) immer aufs Gegenüber zugehen und fragen, wie häjest du das gerne, sollen wir lieber rausgehen unter einem, das kenne ich aus der Reformpädagogik, Gespräche einfach mal draussen bei einem Spaziergang unter einem schönen Baum staj hin, wo du weisst, auf einer Bank nebeneinander, nicht an einem Tisch gegenüberliegend und so.» (03-Transkript, Zeile 313-318). Eine der interviewten Fachpersonen zeigt im Interview die Vorteile von Sitzgelegenheiten, die sich drehen lassen. «(. . .) dafür habe ich eigentlich diese Sessel hier, wo man sich auch ganz gut abdrehen kann und den Augenkontakt abwenden kann. Ich mache das ganz gezielt manchmal in Beratungen, dass ich mich selbst abwende oder mal zum Fenster rausschaue damit und dann wieder zurückkomme und in diesen Zeiten Gelegenheit gebe für eine kurze Pause von diesem direkt bei mir Sitzen» (01-Transkript, Zeile 181-186). Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 49 Allen Interviewten ist es ebenfalls wichZg, den Jugendlichen die Kontrolle darüber zu geben was sie wann und in welchem Tempo mineilen möchten. «Oder wenn die Person, die Person, die vor mir sitzt, gibt das Tempo an und gibt den Ton an. Und wenn die Person sagt, ich muss gerade rausgehen, dann ist das rich;g» (03-Transkript, Zeile 384-387). Eine Interviewte betont wie wichZg es ihr ist, dass die Jugendlichen ihre eigenen Grenzen wahren. «Einfach damit man selber ein bisschen messen kann und dass man dann jeder Mensch auch irgendwie spüren kann, wo ist die Grenze, was will ich jetzt nicht sagen, dass mir eben jetzt nicht schlechter geht und halt auch insgesamt, dass jemand etwas Schlimmes nicht erzählen muss, wenn er gerade ohnehin einen schlechten Tag hat (. . .)» (02-Transkript, Zeile 105-110). Haltungen Im Folgenden wird auf die Haltungen eingegangen, die es den Interviewten erleichtern mit Jugendlichen über sensible und tabuisierte Themen zu sprechen. Als Haltungen, die förderlich sind, wird in dieser Forschungsarbeit die Ko-ProdukZon der Fachpersonen und Jugendlichen beim Erarbeiten von Lösungen definiert. Ebenfalls eine konstrukZve Fehlerkultur, der Umgang mit Nähe und Distanz sowie Wertschätzung und Humor. «Das ist alles auch hilfreich, aber ich glaube eben, was du sagst, die Haltung kannst du nicht irgendwie kreieren. Du kannst deine Haltung ausdrücken, aber wenn du eine andere Haltung hast, dann kannst du noch so versuchen zu überspielen. Sie spüren es ja» (04-Transkript, Zeile 64-67). Ko-ProdukBon Die Fachpersonen anerkennen die Klient:innen als Expert:innen ihrer Lebenslagen und als Profis ihrer Herausforderungen und Fragestellungen. In diesem Zusammenhang ist es nur konsequent, die Fragestellungen der Jugendlichen gemeinsam zu erarbeiten. Diese Herangehensweise verhindert den Jugendlichen Ratschläge zu geben und sie zu bevormunden. Das folgende Zitat illustriert die Arbeitsweise. «(. . .) systemisch fasziniert mich deshalb, weil das eben auf Augenhöhe ist und weil ich da nicht, mich nicht, äh, über den Klienten, die Klien;n, ähm, setzen muss und weil es weniger anstrengend ist, weil wir zusammen nach Lösungen suchen und ich nicht einen im Hinterkopf, äh, ausbrüten muss, so» (01-Transkript, Zeile 348-352). Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 56 Dies gilt es zu vermeiden Im folgenden Abschnin wird dargestellt, was es in Gesprächen über sensible und tabuisierte Themen zu vermeiden gilt. Alle fünf interviewten Fachpersonen haben klare Vorstellungen, was zum Scheitern der Gespräche führen kann. Zwang, Druck und Bedrängen Ein ZwangsseÇng kann dazu führen, dass sich die Jugendlichen verweigern. Die Ausübung von Druck und das sogenannte «Bohren» werden von drei der fünf Interviewten als kontraprodukZv bewertet. Zu einem nicht geeigneten Zeitpunkt Gespräche zu führen ist ebenfalls nicht förderlich für eine emphaZsche Beziehungsgestaltung. «Die Klassiker, geschlossene Fragen stellen, ein Gespräch zu erzwingen. Auch mit Bohren. Auch mit Bohren oder auch mal, ich finde es auch wich;g zu sagen, ich merke nach drei Minuten, das wird heute nichts. Das ist okay» (03Transkript, Zeile 403-406). «(. . .) ich habe schon erlebt, dass Eltern ihre, ihre Kinder, ihre Jugendlichen hierher gezerrt haben, oder gesagt haben, sie fahren mit ihnen zur Schule und haben den Umweg dann hier zu P. gemacht und haben sie mitgenommen, gegen den Willen der Jugendlichen» (01-Transkript, Zeile 485-489). Zwei Interviewte berichten, dass sie sich in eine eher passive, empfangende Gesprächshaltung begeben, da ein zu direktes und offensives Fragen, abträglich sein kann. «(. . .) also wenn ich sehr, sehr direkt in so eine Thema;k reingehe, dann ist das falsch» (03-Transkript, Zeile 364-366). «Es gibt dann Gutachter oder Therapeuten, die dann sehr konfronta;v sind, (...) und dass das halt nicht passt zum Verhalten und so weiter. Ich mache das nicht, weil er braucht das im Moment, weil dieser Schutz, und ich finde, man tut sich ja nichts Gutes, weil er wird dann zumachen und da gar nichts mehr sagen» (02-Transkript, Zeile 335-340). Fragebögen abarbeiten und Checklisten abhaken Wenn die Fachpersonen einen Fragebogen abhaken und das Gespräch nach Checklisten führen, kann das gemäss einer Interviewten für Jugendliche abschreckend wirken. Die Gespräche laufen Gefahr, zu erstarren und die Jugendlichen können den Eindruck gewinnen, dass sie in ein rigides Schema gepresst werden. Dass ihre Fragen, Bedürfnisse und Anliegen minels Checklisten und Fragebögen abgehakt werden. In diesen Fällen fühlen sie sich als Individuen wenig wertgeschätzt. Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 57 «Das gibt es ja auch bei anderen Themen, wo ich das auch von anderen Sozialarbeitenden oder auch Psychotherapeut:innen mitgekriegt habe, dass die dann einfach so finden, ah, jetzt muss ich diese Fragen fragen und es hat überhaupt keinen Beziehungsaurau gegeben und es wird dann so mechanis;sch, und das finde ich ganz, ganz schlimm. Ich meine, die laufen ja dann teilweise raus, oder?» (04-Transkript, Zeile 335-340). Moralisieren Der moralische Zeigefinger kann dazu führen, dass Jugendliche schnell verstummen. Sie wenden sich an FachkräPe, um beraten zu werden und Unterstützung zu erfahren. «Und so, wenn das dann so, der Pa;ent dann so unter Druck schon ist und so und jetzt muss er das da auch noch sagen und hört sich dann in seiner Vorstellung, denkt er halt, jetzt kommt für mich auch noch der moralische Zeigefinger, das darfst du nicht und so» (04-Transkript, Zeile 335-340). Bevormunden und die Augenhöhe verlieren Alle fünf Interviewten betonen die WichZgkeit der Augenhöhe. Sie meinen damit, dass sie nicht von oben herab oder zu autoritär und belehrend mit Jugendlichen sprechen. Da es in der sozialen Arbeit immer ein Machtgefälle gibt, ist es wichZg, Augenhöhe zu wahren. Das folgende Zitat illustriert diesen Umstand. «(. . .) bei der Oberstufe ist es sehr wich;g, dass ich die Jugendlichen nicht bevormunde und ihnen nicht sage, was sie machen müssen, weil ich verliere sie dann» (05-Transkript, Zeile 517-523). Unwissenheit und Abwehrhaltung Eine Interviewte betont, wie wichZg es ist, dass Fachpersonen sich selbstkriZsch reflekZeren. Sind sie authenZsch, offen und gut informiert? «Und die meisten haben keine Ahnung von diesen Themen, keine. Und es ist nicht so, wir sind Sozis und wir haben das Wissen. Nein, sorry, die Klienten haben sehr viel mehr Wissen in diesen Gebieten. Und ich finde, das müssen wir auch anerkennen und sagen, ja, ich anerkenne deine Lebenswelt, du hast da auch sehr viel Wissen (. . .) ja, so eine Demut auch und das finde ich grundlegend wich;g» (04-Transkript, Zeile 839-847). Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 58 5 Diskussion der Forschungsergebnisse Im Folgenden werden die im Kapitel 4 dargestellten Ergebnisse mit den theoreZschen Grundlagen aus dem Kapitel 2 in Beziehung gesetzt. Der Fokus liegt auf neuen Erkenntnissen und unterschiedlichen Haltungen der Fachpersonen, sofern sie zur fachlichen Diskussion und Beantwortung der Forschungsfrage beitragen. 5.1 Diskussion der Ergebnisse Die Adoleszenz ist eine Phase intensiver IdenZtätsentwicklung (vgl. Kapitel 2.1). Die Forschung bestäZgt dies und ergänzt praxisnahe PerspekZven: z. B. der hohe InformaZonsstand vieler Jugendlicher, das Stadt-Land-Gefälle hinsichtlich Akzeptanz queerer Menschen und die Notwendigkeit fortlaufender Weiterbildung der Fachpersonen. 5.1.1 Iden>tätsentwicklung und sexuelle Orien>erung Im Folgenden werden die Forschungsergebnisse rund um IdenZtätsentwicklung und sexuelle OrienZerung diskuZert. Jugendliche zeigen hohen Gesprächsbedarf Alle Fachpersonen berichten, dass Jugendliche in Beratungsgesprächen Themen wie sexuelle OrienZerung und GeschlechtsidenZtät häufig ansprechen. Besonders betont wird dabei die Unsicherheit, was die Theorie ebenfalls als typisch für die Adoleszenz beschreibt (vgl. Kapitel 2.1.3). IntersekBonale Herausforderungen fordern queere Jugendliche Die Theorie beschreibt die normaZven Entwicklungsaufgaben, wie z.B. Qualifizieren oder Binden (vgl. Kapitel 2.1.1) und die zusätzlichen, intersekZonalen Herausforderungen für queere Jugendliche (vgl. Kapitel 2.1.6 & 2.1.8). In der Praxis zeigt sich bei queeren Jugendlichen ein individueller, oP komplexerer Entwicklungsweg. Der daraus resulZerende Unterstützungsund Beratungsbedarf übersteigt nicht selten die Ressourcen des sozialen Umfelds. An dieser Stelle kommen Fachpersonen der Sozialen Arbeit zum Tragen, die Jugendliche begleiten, fördern und bestärken können. Die Beratungsangebote zeigen sich in der Forschung als ein elementarer Bestandteil für die Erhaltung oder Wiederherstellung der psychischen Gesundheit und des Wohlbefindens der Jugendlichen. Jugendliche kommen mit viel Vorwissen Jugendliche bringen unterschiedlich viel Wissen mit, teils mehr als Fachpersonen. Dieses Wissen stammt häufig aus dem Internet (vgl. Kapitel 2.1.6 / Queers und das Internet) den Medien oder dem Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 59 Peer-Austausch. Entscheidend ist, wie Fachpersonen mit diesem Ungleichgewicht umgehen. Reflexion und Akzeptanz des «Expert:innentums» der Jugendlichen sind zentrale Faktoren für das Gelingen der Gespräche (vgl. Kapitel 2.2.2). Tabuisierungen und Diskriminierungen Trotz einer grösseren medialen Offenheit und einer wachsenden Toleranz in der Öffentlichkeit, im Umgang mit sexuellen OrienZerungen, berichten Fachpersonen von Diskriminierungen der queeren Jugendlichen (vgl. Kapitel 2.1.4). Dies geschieht insbesondere im ländlichen Raum. Fachpersonen outen sich teilweise selbst in städZschen Beratungsstellen nicht. Diese Diskrepanzen werfen Fragen nach Profession, dem Nähe-Distanz-Verhältnis, Haltung und VersorgungsgerechZgkeit auf, die im Kapitel Praxisempfehlungen weitergeführt werden. Scham und Tabuisierung in Gesprächen Scham wirkt in Beratungsgesprächen oP hemmend, nicht nur bei sexuellen Themen (vgl. Kapitel 2.1.2), sondern bereits beim Aufsuchen von Hilfe z.B. in Beratungsstellen. Die Haltung der Fachperson beeinflusst, ob Scham abgebaut oder verstärkt wird (vgl. Kapitel 2.1.2 / Scham in Gesprächen). Offen bleibt, ob die Grundausbildung der Fachpersonen in Sozialer Arbeit allein für die Gestaltung und Durchführung von Gesprächen über sensible Themen ausreicht (vgl. Kapitel 1.1). Interviewte Fachpersonen betonen die Notwendigkeit von Fortund Weiterbildungen. Soziale Unterstützung wächst Die Auswertung der Forschungsergebnisse zeigt: Jugendliche erfahren zunehmend mehr Unterstützung durch ihr soziales Umfeld. Viele queere Jugendliche finden Akzeptanz und Kapazitäten für Gespräche mit ihren Eltern. Dies ist eine posiZve Entwicklung, vergleicht man die in der Theorie beschriebenen hohen Herausforderungen queerer Jugendlicher in ihrem sozialen Umfeld mit aktuell sich verbessernden LebenssituaZonen (vgl. Kapitel 2.1.4 / Tabuisierungen und Diskriminisierungen). Tabuisierungen nehmen, gemäss der Interviewten, gesellschaPlich in den vergangenen Jahren ab, was sich ebenfalls posiZv auf Beratungsprozesse auswirkt. Pathogenese und psychosoziale Belastungen sind ein Risiko Die Forschung bestäZgt die Theorie, dass queere Jugendliche psychosozial stärker belastet sind (vgl. Kapitel 2.1.4). Suizidalität und Belastungen durch höheren Stress stellen ein grosses Risiko dar (vgl. 2.1.5). Ursachen sind unter anderem Anpassungsdruck und fehlende Vorbilder im Alltag. IdenZfikaZonsfiguren finden queere Jugendliche in den Medien und im Internet (vgl. Kapitel 2.1.6 / Queers und das Internet). Da Vorbilder im Alltag fehlen, forderte eine Fachperson, dass sich Professionelle der Sozialen Arbeit, Lehrpersonen und queere Erwachsene outen sollten. In diesem Rahmen wird auch das Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 60 Näheund Distanz-Verhältnis in der Sozialen Arbeit in Frage gestellt (vgl. Kapitel 2.3.2). Die Profession ist gefordert eine Haltung zu diesem Thema zu finden und zu etablieren. Der Bedarf für Jugendliche ist in der Beratung hoch. Die Frage, ob sich Fachpersonen bewusst als Vorbilder outen sollten, wird in den Praxisempfehlungen (Kapitel 6) ausführlicher behandelt. 5.1.2 Die Rolle der Sozialen Arbeit Im Folgenden werden die Ergebnisse aus der Forschung in Bezug auf die Rolle der Sozialen Arbeit diskuZert. Fachpersonen in sozialpädagogischen Kontexten und Beratungsstellen Die Fachpersonen bewiesen sich in den Interviews als Spezialist:innen in ihrem Fachgebiet. Sie verfügten über viel Fachwissen, Erfahrung in der Gesprächsführung mit queeren Jugendlichen und Zusatzausbildungen. Ihre queersensible Haltung und ihre Kompetenzen in der Gesprächsführung wurden deutlich. Die Spezialist:innen berichteten über negaZve Erfahrungen der queeren Klient:innen in sozialpädagogischen Einrichtungen: Nicht alle Fachpersonen begegnen queeren Themen mit Offenheit. Ein geringer InformaZonsstand, Abwehrhaltungen und Rech`erZgungen in Einrichtungen und OrganisaZonen der Sozialen Arbeit gehören zur Realität für queere Jugendliche (vgl. Kapitel 1.2). Regelmässige Reflexion eigener Haltungen und kollegiales Feedback werden als essenziell betrachtet, um bewussten und unbewussten Diskriminierung entgegenzuwirken. Queere Jugendliche können Bagatellisierung, Nichtbeachtung und Abwertung ihrer herausfordernden Realitäten, durch Fachpersonen, als unbewusste Diskriminierungen interpreZeren (vgl. Kapitel 2.1.4). Soziale Arbeit und Sexualität Die interviewten Fachpersonen fordern, neben einer grösseren Sensibilität für die Bedürfnisse queerer Jugendlicher, eine hohe Reflexion des eigenen Handelns, der Haltungen und dem eigenen Fachwissen. Soziale Arbeit als Profession, reflekZert ihre Rolle in Bezug auf Sexualität und sexuelle OrienZerungen bislang nicht vollumfänglich. Theorie und Forschung zeigen fehlende Sichtbarkeit sexueller Vielfalt in InsZtuZonen (vgl. Kapitel 2.2 / Studien zur Rolle der Sozialen Arbeit und queere Jugendliche). Ebenfalls gibt es Lücken durch mangelhaPe fachliche Ausbildung, die sich auf die spezifischen Herausforderungen und Bedarfe queerer Jugendlicher bezieht. Dies zeigen Forschung und Theorie gleichermassen. Es besteht Verbesserungsund Handlungsbedarf. Strukturmaximen im Berufsalltag Die Praxis zeigt, dass die in der Theorie ausgeführten Maximen IntegraZon und Inklusion von den Fachpersonen, in der Beratung von queeren Jugendlichen, umgesetzt werden. Alltagsnähe und Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 61 Sozialraumbezug zeigen sich in der Praxis als ausbaufähig, besonders in ländlichen Regionen (vgl. Kapitel 2.2.2 / Gestaltungsprinzipien lebensweltorienZerter Sozialer Arbeit – Die Strukturund Handlungsmaximen). In der Auswertung der Forschungsergebnisse stellte sich die Frage nach der VersorgungsgerechZgkeit in ländlichen Regionen. An dieser Stelle besteht für die Soziale Arbeit OpZmierungsbedarf, auf welchen in den Empfehlungen für die Praxis der Sozialen Arbeit eingegangen wird. Interkulturalität zeigt sich in der Praxis der beratenden Fachpersonen Jugendliche mit MigraZonshintergrund suchen Beratungsstellen auf. Fachpersonen berichten von posiZven Entwicklungen in den Familien in Bezug auf eine wachsende Akzeptanz queerer Familienmitglieder (vgl. Kapitel 2.1.7). Gespräche mit Jugendlichen und ihren Angehörigen konnten eine posiZve Verbesserung der Lebenswelt der Jugendlichen und ihrer Familien bewirken. Fachpersonen betonten in den Interviews, dass mangelnde Akzeptanz und Diskriminierungen auch in Schweizer Familien weit verbreitet sind. Es wurde darauf verwiesen, dass Religionszugehörigkeiten, unabhängig von NaZonalitäten, häufig zu einer mangelnden Akzeptanz führen können (vgl. Kapitel 2.1.7). HeteronormaBvität erweist sich als eine grosse Herausforderung Die interviewten Fachpersonen betonen, dass HeteronormaZvität fest in der GesellschaP verankert ist (vgl. Kapitel 2.1.6 / Zusätzliche Herausforderungen). In Ihrem Berufsalltag verbalisieren und reflekZeren sie die geltenden Normen deshalb regelmässig. Sie setzen sich für eine grössere Inklusion von queeren Jugendlichen ein und erfüllen somit ihren AuPrag gemäss dem Berufskodex von AvenirSocial. Indem sie sich für den gesellschaPlichen Wandel einsetzen, fördern sie Akzeptanz und GerechZgkeit. PosiBve Entwicklungen Fachpersonen ermöglichen und fördern sichere Räume des Austauschs und der Diversität für queere Jugendliche (vgl. Kapitel 2.2.1). Die Forderungen aus der Theorie und dem Berufskodex der Sozialen Arbeit werden im Berufsund Beratungsalltag berücksichZgt (vgl. Kapitel 2.2.1). Die Praxis orienZert sich an lebensweltorienZerten Ansätzen. Ko-ProdukZon mit Jugendlichen ist gelebte Realität (vgl. Kapitel 2.2.2). IrritaBonen und Spannungsfelder in der Praxis Diversitätssensibilität der Fachpersonen und der Jugendlichen steht insZtuZonelle und gesellschaPliche HeteronormaZvität entgegen (vgl. Kapitel 2.1.6 / Zusätzliche Herausforderungen). Machtverhältnisse werden bewusst in Teams reflekZert. Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 62 5.1.3 Gesprächsführung Im Folgenden werden die Ergebnisse der Forschung in Bezug auf Gesprächsführung diskuZert. Vertrauensvolle Gesprächsatmosphäre – Theorie und Praxis im Einklang Vertrauen, Empathie, AuthenZzität und Transparenz sind zentrale Bedingungen für Gespräche. Die Interviewten Fachpersonen bestäZgen dies und setzen auf MitbesZmmung, in ÜbereinsZmmung mit personenzentrierten Ansätzen (vgl. Kapitel 2.3.3). Haltung, Nähe und Distanz – Theorie und Praxis im Spannungsfeld Fachpersonen gehen unterschiedlich mit Nähe und Distanz um: Einige meiden persönliche Offenheit und sich als queere Personen zu outen. Andere nutzen ihre persönlichen InformaZonen bewusst. Dies spiegelt das Spannungsfeld zwischen klassischem Professionsverständnis von Nähe und Distanz und der Praxis wider (vgl. Kapitel 2.3.2). Eine klare Haltung von Fachpersonen, Teams und OrganisaZonen stellt eine Herausforderung dar. Es besteht Verbesserungsund Handlungsbedarf. In den Praxisempfehlungen (Kapitel 6) werden die Erkenntnisse verZeP. Umgang mit Scham und Tabus – Theorie bestäBgt sich Scham kann Gespräche belasten (vgl. Kapitel 2.1.2 / Scham in Gesprächen). Fachpersonen müssen nonverbale Signale deuten und mit Tabus und Scham sensibel und achtsam umgehen können. Pausen, Schweigen und Rückzugsmöglichkeiten sind in der Praxis zentrale Werkzeuge. Haltung als Schlüsselkompetenz – Kongruenz, Reflexion und LebensweltorienBerung Eine konstrukZve Fehlerkultur und die Anerkennung der Jugendlichen als Expert:innen werden als entscheidend betont, stärker als in der Theorie beschrieben (vgl. Kapitel 2.2.2). Die interviewten Fachpersonen sind sich einig, dass diese Faktoren elementar für die Gespräche sind. Gewal_reie KommunikaBon und personenzentrierter Ansatz Die Praxis der interviewten Fachpersonen zeigt, dass Gewal`reie KommunikaZon (vgl. Kapitel 2.3.4) und der personenzentrierte Ansatz (vgl. Kapitel 2.3.3) in Gesprächen mit queeren Jugendlichen etabliert sind. Die Fachpersonen betonen, dass sie ihre KommunikaZon stark verinnerlicht haben und vieles unterbewusst abläuP. Für die Gesprächsführung mit queeren Jugendlichen sehen sie den Einsatz als sehr gewinnbringend. Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 63 IrritaBonen und Spannungsfelder in der Praxis Eine klare Haltung von Nähe und Distanz sorgt für Handlungsbedarf (vgl. Kapitel 2.3.2) / Nähe und Distanz in der Sozialen Arbeit). Der Aspekt Humor bleibt unterbeleuchtet, obwohl er für Beziehungsarbeit und in seiner EntlastungsfunkZon für Fachpersonen relevant sein könnte. Fazit der Diskussion Die Forschung bestäZgt viele theoreZsche Grundlagen, zeigt aber auch, dass eine queersensible Praxis weitergehende Anforderungen an Haltung, AuthenZzität und Fehlerkultur stellt. Theorie und Praxis müssen stärker dialogisch verbunden werden, um Spannungsfelder produkZv zu nutzen. Reflexion und Offenheit gegenüber eigenen Grenzen sind zentrale Erfolgsfaktoren (vgl. Kapitel 2.3.1). Die folgende Abbildung fasst die gewonnenen Ergebnisse zusammen. Sie stellt die in der Theorie beschriebenen Aspekte in einen Kontext mit den aus der Forschung gewonnen Erkenntnissen des beruflichen Alltags. Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 64 Abbildung 15: Zusammenfassung der gewonnenen Ergebnisse (eigene Darstellung) 5.1.4 Wirkung der Gesprächsführung Die Wirkung der Gesprächsführung wird von Fachpersonen in verschiedenen Dimensionen wahrgenommen: aus dem Verhalten der Jugendlichen, der Gesprächsdynamik sowie der eigenen Selbstreflexion (vgl. Kapitel 2.3.1). Vertrauensau]au der Jugendlichen Ein wesentlicher Indikator ist, dass Jugendliche sich öffnen und sensible Themen wie sexuelle OrienZerung oder GeschlechtsidenZtät ansprechen. Wiederholte Gesprächsnutzung signalisiert Sicherheit und Akzeptanz (vgl. Kapitel 2.3.3). Entscheidend hierfür ist eine empathische, transparente Haltung, die Scham reduziert und Zugang zu schwierigen Themen ermöglicht. Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 65 AkBve Beteiligung Wirksamkeit zeigt sich, wenn Jugendliche nicht nur Fragen beantworten, sondern den Gesprächsprozess akZv mitgestalten. Das Prinzip der Ko-ProdukZon stärkt ihre Selbstwirksamkeit und erkennt sie als Expert:innen ihrer Lebenswelt an (vgl. Kapitel 2.2.2). Umgang mit Wissensdifferenzen Viele Jugendliche verfügen über hohes Vorwissen (vgl. Kapitel 2.1.6 / Queers und das Internet). Wenn Fachpersonen dies anerkennen und ihr eigenes Nichtwissen offen einräumen, entsteht eine gleichwürdige Gesprächsatmosphäre. Reflexion von Machtverhältnissen und eine offene Fehlerkultur unterstützen dies (vgl. Kapitel 2.2.2). Nonverbale Signale Vermehrter Blickkontakt, offene Körperhaltung oder die BereitschaP, unangenehme Gefühle zu themaZsieren, weisen auf gelingende Gespräche hin. Pausen und Rückzugsmöglichkeiten sind dabei wichZge Werkzeuge (vgl. Kapitel 2.3.3). Fachliche Selbstreflexion Wirksame Gesprächsführung zeigt sich auch darin, dass Fachpersonen ihre Haltung konZnuierlich hinterfragen, Rückmeldungen annehmen und ihre Praxis weiterentwickeln (vgl. Kapitel 2.3.1). Die folgende Abbildung stellt eine Zusammenfassung der wichZgsten Indikatoren für die Wirkung von Gesprächen dar: Abbildung 16: Wichtigste Indikatoren für die Wirkung von Gesprächen (eigene Darstellung) Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ 72 Graber, E. G. (2023). Entwicklung in der Adoleszenz: MSD Manual, Ausgabe für medizinische Fachkreise. https://www.msdmanuals.com/de/profi/p%C3%A4diatrie/wachstum-und-entwicklun-g/entwicklung-in-der-adoleszenz Hamburger Institut für gewaltfreie Kommunikation. (o. J.). Was ist GfK. https://www.gewaltfrei-kommunizieren.hamburg/was-ist-gfk/ Hierholzer, S. (2020). 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Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ I 9 Anhang Interviewlei_aden mit Zielsetzungen (PZI) Forschungsfrage: Welche kommunikaZonstheoreZschen Ansätze und Arbeitsweisen in der Sozialen Arbeit helfen Jugendlichen dabei, über tabuisierte Themen, wie zum Beispiel die sexuelle OrienZerung, zu sprechen? 1. EinsBeg Frage 1: Wie erleben Sie Gespräche mit jungen Erwachsenen zu sensiblen und tabubehaPeten Themen wie der sexuellen OrienZerung? Ziel: Eins;eg ins Thema, persönliche Perspek;ve auf den Gesprächsgegenstand erfassen; Eröffnung des Erfahrungsraums. 2. Adoleszenz & IdenBtätsentwicklung Frage 2: Wie erleben Sie die Auseinandersetzung junger Menschen mit ihrer sexuellen OrienZerung? Mit welchem Wissensstand und in welchem emoZonalen Zustand suchen die Jugendlichen die Beratung auf? Ziel: Erste Beobachtungen zur Iden;tätsentwicklung und zum Umgang Jugendlicher mit ihrer Orien;erung erheben. Frage 3: Welche Rolle spielt das Umfeld (z. B. Schule, Peergroup, Familie, Social Media) für die Jugendlichen im Rahmen ihrer Auseinandersetzung mit ihrer sexuellen OrienZerung? Ziel: Einfluss der Lebenswelt auf Gesprächsinhalte und Gesprächsverläufe erfassen. Frage 4: Welche Themen erleben Sie als besonders schwer ansprechbar (durch die Jugendlichen und durch sie als Beratenden) – und woran machen Sie das fest? Ziel: Tabuisierung, Scham und thema;sche Schwellen iden;fizieren; Zugangshürden benennen. 3. Interkulturalität / Transkulturalität Frage 5: Wie gehen Sie mit Einflüssen von Religionen und Kulturen im Kontext der sexuellen OrienZerungen in den Gesprächen um? (Wie informieren Sie sich, welchen Stellenwert geben Sie diesen Einflüssen, wie äussern sich diese Einflüsse?) Ziel: Transkulturelle Arbeit am Thema erfassen. Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ II 4. Rolle der Sozialen Arbeit & LebensweltorienBerung Frage 6: Wie definieren Sie Ihre professionelle Rolle und Aufgabe in Gesprächen über sexuelle OrienZerung? Was ist ihr AuPrag? (z.B. auf der Mikroebene die Unterstützung der Individuen & auf der Mesoebene ihr insZtuZoneller AuPrag & auf der Makroebene ihr gesellschaPlicher AuPrag) Ziel: Rollenverständnis und Selbstkonzept der Fachperson erheben. Frage 7: Welche Bedeutung und welchen Stellenwert geben Sie als beratende Person dem Lebensalltag, den Erfahrungen, der persönlichen ExperZse der Klienten? (LebensweltorienZerung gemäss Hans Thiersch) Ziel: Bedeutung von Lebensweltorien;erung für Zugang, Beziehung und Themenwahl analysieren. 5. Gesprächsführung Frage 8: Wie gestalten und fördern Sie eine vertrauensvolle Gesprächsatmosphäre? (SZchwort save space, Beziehungsarbeit, Verschwiegenheit, etc.) Ziel: Prak;ken zur Beziehungsgestaltung und Vertrauensaurau dokumen;eren. Frage 9: Wie gehen Sie mit Scham, Schweigen und Pausen im Gespräch um – sowohl bei den Jugendlichen als auch bei Ihnen selbst? (z.B. Beispiele nennen) Ziel: Umgang mit emo;onalen Spannungsfeldern reflek;eren. Frage 10: Welche kommunikaZonstheoreZschen Ansätze oder Methoden nutzen Sie bewusst in solchen Gesprächen? (z.B. personenzentrierter Ansatz gemäss Carl Rogers, systemische Gesprächsführung, gewal`reie KommunikaZon etc.) Ziel: Theore;sch fundierte methodische Zugänge erfassen. Frage 11: Welche inneren Haltungen empfinden Sie als besonders hilfreich oder kontraprodukZv, um Offenheit bei tabubehaPeten Themen zu fördern? Ziel: Erfolgsfaktoren und Gelingensbedingungen herausarbeiten. Frage 12: Was kann Ihrer Erfahrung nach zum Scheitern solcher Gespräche führen – und wie gehen Sie damit um? Was müssen Sie tun damit ein Gespräch scheitert? Ziel: Brüche, Misserfolge und deren Reflexion in der Praxis beleuchten. Modul 382 Sensible Themen, offene Worte Eva Bajer __________________________________________________________________________________ III 6. Reflexion & Abschluss Frage 13: Gab es ein Gespräch, das Sie besonders berührt oder geprägt hat? Was war daran bedeutsam? Ziel: Emo;onal bedeutsame Erfahrungen als Reflexionsquelle erfassen; ver;efende Einsichten ermöglichen.