Pflegeplanung anhand von NANDA-I, NIC und NOC auf Grundlage des AACN Synergy Model
Abstract
This thesis examines how combining the AACN Synergy Model with the NANDA-I, NIC, and NOC classifications enables a structured, patient-centered, and legally compliant nursing care plan in anesthesia nursing. It proposes a practical documentation framework that enhances quality, transparency, and professionalization in perioperative care.
Full text
Bachelorarbeit Thema: Pflegeplanung anhand von NANDA-I, NIC und NOC auf Grundlage des AACN Synergy Model Betreuerin: Prof. Dr. Anja Katharina Peters Student: Florian Winkler Matrikelnummer 5063 Studiengang: B.Sc. Pflege – Schwerpunkt Praxisentwicklung
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 Inhalt Abbildungsund Tabellenverzeichnis ................................................................. 2 1 Einleitung ...................................................................................................... 1 1.1 Problemstellung und Relevanz in der Anästhesiepflege .............................. 2 1.2 Zentrale Fragestellung der Arbeit .............................................................. 4 2 Theoretischer Hintergrund .............................................................................. 6 2.1 Bedeutung der Pflegeplanung und Leistungsdarstellung ............................ 6 3 Das AACN Synergy Model ............................................................................... 9 3.1 Patientenspezifische Charakteristika ...................................................... 10 3.2 Pflegespezifische Charakteristika ........................................................... 12 3.3 Das AACN Synergy Model in der perioperativen Versorgung ...................... 14 3.4 Wirksamkeit des AACN Synergy Model .................................................... 18 4 NNN-Taxonomie .......................................................................................... 19 4.1 Umsetzung von NANDA, NIC, NOC im OP-Bereich ................................... 20 4.2 NANDA-I – Pflegediagnosen ................................................................... 21 4.3 NIC – Pflegeinterventionen ..................................................................... 28 4.4 NOC – Pflegeergebnisse ......................................................................... 30 4.5 NNN – Zusammenspiel .......................................................................... 31 4.6 NANDA, NIC und NOC in der Pflegepraxis ............................................... 34 5 Kombination von NNN und Synergy Model ..................................................... 36 6 Methodik ..................................................................................................... 39 7 Diskussion .................................................................................................. 41 7.1 Zusammenfassung ................................................................................ 41 7.2 Ausblick ............................................................................................... 45 7.3 Kritik an Synergy Model und NNN-Taxonomie ........................................... 48 7.4 Reflexion .............................................................................................. 52 8 Entwicklung einer praxisorientierten Dokumentationsvorlage ......................... 54 9 Anhang ....................................................................................................... 59 Suchprotokoll und Suchstrategie .............................................................. 59 Literaturverzeichnis ........................................................................................ 65
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 Abbildungsund Tabellenverzeichnis Abbildung 1: Grundschritte des Pflegeprozess (Quelle: Das Pflegeprozess - Lehrbuch (Wilkinson) 2012 ............................................................................... 6 Abbildung 2: Taschenkarte zum Pflegeassessment aus Pflegediagnosen und Pflegemaßnahmen, hogrefe, 2024 ................................................................... 23 Abbildung 3: Taschenkarte für Pflegediagnosen aus Pflegediagnosen und Pflegemaßnahmen, hogrefe, 2024 ................................................................... 25 Abbildung 4: Taschenkarte zum Pflegeassessment aus Pflegediagnosen und Pflege-maßnahmen, hogrefe, 2024 .................................................................. 28 Abbildung 5: Verbindungsherstellung zwischen Diagnose, Intervention und Outcome Quelle: NOC and NIC Linkages to NANDA-I and Clinical Conditiones (Moorhead et. al. 2012) ................................................................................... 32 Abbildung 6: Organigramm des Pflegeprozess in Kombination von Synergy Model und NNN, erstellt: Florian Winkler ................................................................... 37 Abbildung 7: Mindmap zur Beziehung zwischen NNN - Taxonomie und Synergy Model erstellt: Florian Winkler ......................................................................... 38 Tabelle 1: AACN Patientencharakteristika ......................................................... 11 Tabelle 2: Kompetenzbereiche professionell Pflegender nach Synergy Model nach Miller erstellt: Florian Winkler .......................................................................... 13 Tabelle 3: Homogenisierungswerkzeug zur Pflegeplanung mit Synergy Model - NNN Taxonomie erstellt: Florian Winkler .................................................................. 57 Tabelle 4: Selbsteinschätzung pflegerischer Kompetenzen nach Sonya R. Hardin erstellt: Florian Winkler ................................................................................... 58
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 Disclaimer Unabhängig von der Formulierung meiner Texte möchte ich ausdrücklich betonen, dass ich jedem Menschen unabhängig von Geschlecht, Sexualität, Herkunft, Religion oder anderen Merkmalen mit der gleichen Würde und dem gleichen Respekt begegne. Es ist mir ein grundlegendes Anliegen, alle Individuen entsprechend der im Grundgesetz verankerten Werte und den Prinzipien der Menschlichkeit zu behandeln. Ich distanziere mich ausdrücklich von jeglicher Form der Diskriminierung und trete für eine gerechte und gleichwertige Behandlung aller Menschen ein. Messen Sie meine Einstellung nicht an meiner Fähigkeit, in einem Text korrekt zu gendern.
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 1 1 Einleitung „Was wir nicht benennen können, können wir nicht kontrollieren, nicht praktizieren, nicht lehren, nicht finanzieren oder auf die politische Agenda setzen“ (Clark und Lang 1992) Ein strukturierter und gut dokumentierter Pflegeprozess ist in deutschen Krankenhäusern nach wie vor selten zu finden (DBfK 2024) – insbesondere in Funktionsbereichen wie der Anästhesiepflege. Dabei ist gerade dieser Prozess entscheidend für die Weiterentwicklung des Pflegeberufs und die Umsetzung evidenzbasierter Praxis (Weidner et. al. 2024). Der Pflegeprozess stellt eine Brücke zwischen Theorie und Praxis dar, indem er pflegerische Erfahrungen systematisch erfasst, analysiert und in professionelles Handeln überführt (Panfil et al. 2022). Pflegemodelle und Klassifikationen nehmen dabei eine zentrale Rolle ein. Klassifikationssysteme wie NANDA-I, NIC und NOC schaffen eine standardisierte Sprache zur Planung, Durchführung und Evaluation pflegerischer Maßnahmen. Sie fördern Transparenz, Vergleichbarkeit und Qualitätssicherung. Das AACN Synergy Model hingegen bietet einen theoretischen Rahmen, der die individuelle Anpassung pflegerischer Maßnahmen an die Bedürfnisse der Patient:innen sowie die Kompetenzen der Pflegefachpersonen ermöglicht. Erfahrene Pflegekräfte sind oft in der Lage, mit wenigen Informationen fundierte Entscheidungen zu treffen – ein Wissen, das meist implizit, erfahrungsbasiert und schwer zugänglich ist. Die Frage stellt sich daher, wie dieses Expertenwissen für Berufsanfänger systematisch nutzbar gemacht und gleichzeitig die Versorgungsqualität für Patient:innen verbessert werden kann. Genau hier setzen Pflegeklassifikationen und Modelle an: Sie strukturieren vorhandenes Wissen, machen es nachvollziehbar und operationalisierbar.
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 2 1.1 Problemstellung und Relevanz in der Anästhesiepflege Für eine sichere Narkose ist eine strukturierte Vorbereitung essenziell. Während die ärztliche Prämedikation in Deutschland weit etabliert ist, fehlt es an einer systematischen pflegerischen Prämedikation. Diese wird bislang weder gesetzlich gefordert noch flächendeckend umgesetzt, obwohl sie wesentlich zur Patientensicherheit beitragen kann. Derzeit wird lediglich verlangt, dass eine Pflegefachperson während der Narkose anwesend ist – eine rechtlich verbindliche Grundlage zur pflegerischen Planung vor der Anästhesie existiert nicht, obwohl dies aus dem Pflegeberufegesetz (PflBG) von 2020 ableitbar ist. Obwohl der Pflegeprozess gesetzlich fest verankert ist (§ 4 PflBG 2025);(§ 5 PflBG 2025; § 113 SGB 11 2025), bleibt seine praktische Umsetzung häufig folgenlos. Es mangelt an institutioneller Kontrolle, Konsequenzen bei Nichteinhaltung sowie an finanziellen Anreizen. Auch bei Qualitätsprüfungen durch den Medizinischen Dienst liegt der Fokus auf Ergebnisqualität und formaler Dokumentation, nicht auf der inhaltlichen Qualität von Pflegediagnostik oder -planung. Dieses Missverhältnis zwischen gesetzlichem Anspruch und praktischer Realität führt dazu, dass Pflegeprozesse oftmals formalistisch abgearbeitet werden. Besonders unter Zeitdruck oder Personalmangel bleibt die Pflegeplanung auf ein Mindestmaß reduziert. Die Verantwortung für den Pflegeprozess liegt zwar gesetzlich bei den Pflegefachpersonen, doch fehlen ihnen häufig die notwendigen strukturellen Rahmenbedingungen. Modellprojekte wie PEPA (Kiel University Institute for Medical Informatics and Statistics, University Hospital Schleswig-Holstein 2025) oder Advanced Nursing Practice (ANP);(Müller-Staub et al. 2007) zeigen hingegen, dass standardisierte Pflegediagnostik und strukturierte Pflegeplanung die Qualität der Pflege deutlich verbessern können. In PEPA etwa führten praxisnahe Schulungen zur Anwendung von NANDAI, NIC und NOC zu einer besseren Nachvollziehbarkeit von Pflegeprozessen, erhöhter Eigenverantwortung und positiven Rückmeldungen bei Qualitätsprüfungen. ANP-Modelle, die standardisierte Diagnostik als Grundlage ihrer
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 3 Entscheidungsfindung nutzen, erhöhen die Sicherheit und Wirksamkeit der Versorgung zudem entlaste dies medizinische Strukturen. Politische Programme, der im Bundestag vertretenen Parteien, anerkennen zwar die Bedeutung des Pflegeprozesses, formulieren jedoch keine konkreten Vorgaben zur Nutzung von Klassifikationen wie NANDA-I. Selbst im aktuellen Gesetzesentwurf (Deutscher Bundestag 19.02.2025) zur Stärkung der Pflegekompetenz wird die Verantwortung für den Pflegeprozess betont, ohne explizit Pflegediagnostik zu fordern – obwohl deren Anwendung für eine fachlich fundierte Planung unverzichtbar ist. Es wird im Entwurf auf eine „Muster - Scope of Practice“ verwiesen. In dieser Aufgabe sollen die Tätigkeiten von Pflegefachpersonen umfassend beschrieben werden – über sämtliche Handlungsfelder der professionellen Pflege hinweg. Die Spannweite reicht dabei von präventiver Beratung in der häuslichen Umgebung über psychosoziale Begleitung in spezialisierten Settings bis hin zur hochkomplexen Versorgung in der Intensivund Akutpflege. Berücksichtigt werden sollen dabei sämtliche pflegerischen Kontexte – unabhängig von Versorgungsform, Fachgebiet oder institutionellem Rahmen. In dem Gesetzentwurf werden in §8 Abs. 3c SGB XI die Pflegekassen und Krankenkassen verpflichtet wissenschaftliche Expertise und die konkrete Ausgestaltung und Weiterentwicklung von pflegerischen Leistungen zu Untersuchen. Dafür werden von 2025 bis 2030 10 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. 10 Mio. € über fünf Jahre, aufgeteilt auf zwei Spitzenverbände (GKV & PKV), bedeutet grob 2 Mio. € pro Jahr, was für ein nationales Projekt mit Fachbeteiligung, Evaluation und Pilotierung nicht annähernd, insbesondere durch den fachlichen Umfang, realistisch ist. Die alleinige Steuerung durch Pflegeund Krankenkassen ist strukturell problematisch, da sie wirtschaftlich motiviert ist und den Pflegeberufen keine gleichberechtigte Mitsprache gewährt. Damit wird die Entwicklung des „MusterScope of Practice“ nicht professionsgeleitet, sondern extern kontrolliert – ein Vorgehen, das bei anderen Heilberufen undenkbar wäre. Fachliteratur und Studien, unter anderem von (Müller-Staub et al. 2007), belegen, dass Pflegediagnostik in der Praxis oft fehlt oder unsystematisch angewendet wird. Pflegefachpersonen fühlen sich durch mangelnde Schulung und strukturelle
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 4 Unterstützung im Umgang mit Klassifikationen überfordert. Der Pflegeprozess wird häufig als bürokratische Pflicht statt als Unterstützung für professionelles Handeln wahrgenommen (Althaus 2018). Zusammenfassend zeigt sich, dass trotz gesetzlicher Vorgaben die Umsetzung des Pflegeprozesses in der Anästhesiepflege lückenhaft bleibt. Es fehlt an Verbindlichkeit, Kontrolle und Anreizsystemen. Dabei könnte gerade eine strukturierte Pflegeplanung mit Hilfe von NANDA-I, NIC und NOC auf Basis des AACN Synergy Models wesentlich zur Patientensicherheit beitragen und die Professionalisierung der Pflege stärken. 1.2 Zentrale Fragestellung der Arbeit Ziel dieser Arbeit ist es daher, zu analysieren, inwieweit das AACN Synergy Model in Kombination mit den Klassifikationssystemen NANDA-I, NIC und NOC (NNN) eine fundierte Grundlage für die strukturierte Pflegeplanung im Setting der Anästhesie bietet. Dazu wird untersucht, ob die Synergie zwischen pflegerischen Kompetenzen und patientenspezifischen Bedürfnissen – wie sie das Synergy Model beschreibt – mit den standardisierten NNN-Taxonomien systematisch verbunden werden kann, um die gesetzlich geforderte Pflegeprozessqualität zu erreichen und zu verbessern. Ziel der Arbeit ist es, ein praxisorientiertes Konzept zur Pflegeplanung im perioperativen Setting zu entwickeln, welches die Anforderungen des Pflegeberufegesetzes und der Qualitätssicherung (§4, §5 PflBG; §113 SGB XI) erfüllt. Durch die Kombination von AACN Synergy Model und NANDA-I, NIC sowie NOC soll eine nachvollziehbare, strukturierte und patientenorientierte Pflegeplanung ermöglicht werden.
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 5 Daraus ergeben sich folgende Fragestellungen: Inwieweit kann die Kombination aus dem AACN Synergy Model und den Klassifikationssystemen NANDA-I, NIC und NOC zu einer effektiven und gesetzeskonformen Pflegeplanung in der Anästhesiepflege beitragen? Wie lassen sich Synergy Model und NNN-Taxonomien praktisch und logisch synchronisieren? Welche Auswirkungen hat eine strukturierte Pflegeplanung auf die Patientensicherheit im perioperativen Bereich? Welche strukturellen Voraussetzungen sind für eine erfolgreiche Implementierung notwendig? Ein gesetzlich verankerter, qualitativ hochwertiger Pflegeprozess lässt sich nur durch eine systematische und standardisierte Pflegediagnostik verwirklichen. Ohne verpflichtende Anwendung und verknüpfte Anreizsysteme bleiben Pflegeprozesse in der Praxis häufig fragmentiert, ineffektiv und formalisiert.
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 12 3.2 Pflegespezifische Charakteristika Diese betreffen nicht nur technische Fertigkeiten, sondern ebenso kommunikative, ethische und reflexive Fähigkeiten. Ein zentrales Element stellt das klinische Urteilsvermögen dar, was die Fähigkeit beschreibt, komplexe Situationen zu erkennen, zu priorisieren und fundierte pflegerische Entscheidungen zu treffen. Dies erfordert nicht nur Erfahrung, sondern auch eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und ethischen Fragestellungen. Ebenfalls zentral ist die Fähigkeit zur pflegerischen Anwaltschaft – verstanden im Sinne einer engagierten Fürsprache für die Interessen und das Wohl der Patient:innen, insbesondere dann, wenn diese selbst nicht in der Lage sind, ihre Anliegen zu äußern (Hardin 2017). Weitere Kompetenzen betreffen unter anderem die Teamfähigkeit, die Fähigkeit zu interprofessioneller Zusammenarbeit, sowie ein systemisches Verständnis pflegerischer Prozesse. Pflege wird im Sinne des Synergy Models nicht als Einzelleistung gedacht, sondern als Teil eines dynamischen Versorgungssystems, welches auf Kooperation, Kommunikation und gemeinsame Zielsetzung angewiesen ist. Gerade im hochkomplexen Feld der Anästhesiepflege ist diese Denkweise essenziell, um schnelle, präzise und patientenzentrierte Entscheidungen treffen zu können.
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 13 Kompetenzbereiche professionell Pflegender im Kontext des Synergy Models nach Julie Miller, BSN, RN, CCRN Kompetenzbereich Beispiele für typische Fertigkeiten und Wissensanwendung Fachliches Urteilsvermögen / kritisches Denken (Kombination technischer und kognitiver Fähigkeiten) Durchführung fundierter klinischer Beurteilungen Interpretation pathophysiologischer Zusammenhänge Begründetes Vorgehen bei medikamentöser Therapie und Infusionsmanagement Integration von Laborbefunden in die Pflegepraxis Sichere Bedienung und Störungsbehebung technischer Geräte Orientierung an evidenzbasierten Standards bei spezifischen Risikokonstellationen (z. B. Sepsisprävention, Infektionskontrolle) Reflektierter Umgang mit eigenen Entscheidungsprozessen Systemisches Denken / Organisation (Zeitmanagement und prozessorientiertes Handeln) Verlässliche Überwachung von Vitalparametern Strukturierte Durchführung ärztlicher Anordnungen Prioritätensetzung bei Aufnahmen, Verlegungen und Notfällen Fristgerechte und vollständige Pflegedokumentation Nutzung strukturierter Arbeitslisten und Checklisten Entwicklung individueller Strategien zur Arbeitsorganisation Umgang mit Vielfalt (Kulturelle, biografische und soziale Sensibilität) Wahrnehmung und Einbezug individueller Lebensrealitäten Integration kultureller, spiritueller und sozialer Bedürfnisse in die Pflege Anpassung pflegerischer Maßnahmen an Besonderheiten der Patient:innen Kommunikation / Zusammenarbeit (Empathisches Handeln, kollegialer Austausch, Interessenvertretung) Konstruktive Kommunikation mit Ärzt:innen und Kolleg:innen Nutzung interdisziplinärer Ressourcen bei komplexen Situationen Bereitschaft zur Unterstützung anderer und zum lebenslangen Lernen Gesprächsführung mit Patient:innen und Angehörigen in emotional belastenden Situationen Delegation von Aufgaben unter Berücksichtigung rechtlicher Vorgaben und eigener Verantwortung Pädagogisches Handeln / Begleiten (Förderung von Gesundheitskompetenz & Partizipation) Zielgerichtete Schulung von Patient:innen und Angehörigen Erkennen und dokumentieren psychosozialer und spiritueller Bedarfe Formulierung individueller und überprüfbarer Pflegeziele Evaluation von Lerneffekten im Pflegeprozess Sicherheit / Risikobewusstsein (Schutz der Patient:innen und der Pflegefachperson) Sicherer Umgang mit Medikamenten und medizinischer Technik Anwendung geeigneter Schutzmaßnahmen für Personal und Patienten (z. B. bei Isolationspflicht) Nutzung von Risikoerfassungsinstrumenten (z. B. Schmerzskalen, Monitoringparameter) Einschätzung eigener Kompetenzgrenzen und aktives Nachschlagen aktueller Standards Tabelle 2: Kompetenzbereiche professionell Pflegender nach Synergy Model nach Miller erstellt: Florian Winkler
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 14 3.3 Das AACN Synergy Model in der perioperativen Versorgung Das Synergy Model verfolgt drei Zielrichtungen: Es richtet sich an die Patient:innen, die Pflegefachpersonen und das Gesundheitssystem. Übergeordnetes Ziel ist eine bestmögliche Versorgung mit möglichst geringem Ressourceneinsatz – effektiv und effizient zugleich. Damit dient das Modell nicht nur der individuellen Patientensicherheit, sondern auch der Optimierung der Versorgungsstrukturen im Krankenhaus und in der Gesellschaft insgesamt. Zentrale Leistungsindikatoren im Sinne des Modells sind Patientenzufriedenheit, Lebensqualität, Wohlbefinden sowie messbare Verhaltensund Funktionsveränderungen. Diese Daten werden in der BRD im Versorgungskontext nicht systematisch erfasst. Diese Indikatoren sollen als Vergütungsgrundlage in die Finanzierungssysteme der Krankenhäuser einfließen. Das Ausbleiben von Komplikationen gilt dabei als Zeichen hoher Versorgungsqualität – ein Aspekt, der im deutschen G-DRG-System bereits abgebildet ist (Fischer 2002) und somit eine gute Anschlussfähigkeit des Modells an bestehende Vergütungsmechanismen bietet. Das Synergy Model ist flexibel einsetzbar und kann auch in der klinischen Routine, etwa bei Schichtübergaben, zur Strukturierung und Entscheidungsfindung beitragen. Der individuelle Zustand eines Patienten kann mit den Merkmalen des Synergy Model als ein fortlaufender Verlauf dargestellt werden. Das Synergy Model bietet eine strukturierte Grundlage, um Pflegepersonal gezielt und kompetenzorientiert einzusetzen. Voraussetzung dafür ist ein regelmäßiges, professionelles Assessment der Pflegepersonen selbst. Dieses kann nicht nur zur optimalen Personaleinteilung beitragen, sondern auch zur Identifikation von Entwicklungsund Schulungsbedarf. Nachfolgend werden vier Situationen beschrieben, wie das Synergy – Model in die Praxis übertragen werden könnte. Die Pflege im OP-Bereich unterscheidet sich deutlich von anderen Versorgungsformen. Sie umfasst meist die präoperative Holding Area, gegebenenfalls die Narkoseeinleitung, den eigentlichen Operationssaal sowie den Aufwachraum. Der Patientenkontakt ist hier kurz, aber intensiv. In dieser knappen Zeit wirken starke
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 15 Stressoren, wie Angst oder Kontrollverlust – insbesondere aufgrund der Ungewissheit über den Eingriff. Viele Patient:innen äußern einen hohen Informationsbedarf, wobei sowohl konkrete als auch diffuse Ängste thematisiert werden. Pflegefachpersonen, die in diesen Momenten einfühlsam agieren und ihre Kompetenz sicher vermitteln, schaffen ein Gefühl von Sicherheit. Vor der Implementierung des Synergy Models in diesem Setting bedarf es einer gezielten Schulung des Pflegepersonals. Im Anschluss daran erfolgt eine Selbsteinschätzung der Pflegefachpersonen entlang der Modellcharakteristika, aus der ein persönliches Kompetenzprofil entsteht. Dieses Profil sollte regelmäßig evaluiert und idealerweise auch durch Kolleg:innen oder Vorgesetzte ergänzt werden. Solche Assessments eignen sich auch für Einarbeitungsprozesse und besonders für Ausbildungsverläufe: Mentor:innen und Lernende können gemeinsam den Lernfortschritt reflektieren und objektivieren (Hardin 2017). Strukturell bedeutet die Anwendung des Modells, dass entweder Pflegefachpersonen mit dem passenden Profil auf bestimmte Dienste eingeteilt oder ihnen gezielt passende Patient:innen zugewiesen werden. Dies kann von der jeweiligen Schichtleitung koordiniert werden. Voraussetzung dafür ist eine zeitgerechte Erfassung der elektiven Patient:innen, etwa auf Basis der Prämedikation. Eingriffsart und Patientenzustand, wie zum Beispiel Alter, Gewicht, Vorerkrankungen und MallampatiScore, ermöglichen eine zuverlässige Einschätzung des pflegerischen Aufwands. Komplexe Eingriffe wie eine Schädeloperation durch die Neurochirurgie bringen andere Anforderungen mit sich als etwa eine transurethrale Resektion in der Urologie. Bei Notfallpatient:innen – etwa im Schockraum – sollte grundsätzlich mit maximalem Pflegeaufwand gerechnet werden. Pflege in der Holding Area In der Holding Area erfolgt die unmittelbare Vorbereitung der Patient:innen auf den Eingriff. Die Pflegefachperson benötigt hier Einfühlungsvermögen, Verantwortungsbewusstsein und ein hohes Maß an fachlicher Genauigkeit. Die Zustände der Patient:innen variieren stark – in Bezug auf Stabilität, Vulnerabilität, Angstniveau und medizinische Vorerfahrungen (Hardin und Kaplow 2020).
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 16 Zentrale Aufgaben sind die Überprüfung rechtlicher Voraussetzungen wie die vollständige und korrekt dokumentierte Aufklärungen zu Operation und Narkose sowie die Einschätzung der Einwilligungsfähigkeit und die Abklärung des Wissensstands über den Eingriff. Treten Unklarheiten auf, muss die Pflegeperson im Sinne des anwaltschaftlichen Handelns intervenieren – etwa durch Rücksprache mit dem / der Chirurg:in oder Anästhesist:in. Daneben erfolgt die Kontrolle medizinischer Parameter, wie Gerinnung, Kaliumwerte oder die Vorbereitung von Blutkonserven. Hier gilt: Werden Risiken erkennbar, muss darauf hingewiesen und gehandelt werden. Verpflichtend ist die Nutzung der WHO-Checkliste (BMG 2016) für chirurgische Eingriffe. In diesem Rahmen lässt sich ein Assessment nach dem Synergy Model integrieren – beispielsweise über eine spezifisch angepasste Checkliste für prä-, periund postoperative Anforderungen. Pflege während der Narkoseeinleitung und Operation Während des Eingriffs befinden sich Patient:innen in einer maximal verletzlichen Situation (Hardin und Kaplow 2020). Sie haben keine oder nur stark eingeschränkte Möglichkeit zur Mitbestimmung. Das vertraute Umfeld ist nicht zugänglich. Umso wichtiger ist es, dass Pflegefachpersonen stellvertretend für die Interessen der Patient:innen eintreten. Dies beginnt mit der Kontrolle des Team Timeouts, bei dem vor Schnittbeginn Informationen wie Patientenidentität, Eingriffsart, Allergien oder Risiken wie zum Beispiel ein Blutverlust abgeglichen werden. Auch hier ist die WHOCheckliste verbindlich. Eine weitere Aufgabe ist die Einhaltung der sterilen Bedingungen. Die Positionierung der Patient:innen liegt in Deutschland rechtlich beim Operateur, der dafür haftet. Jedoch ist er auf die Mitarbeit der Pflegefachpersonen und die Bereitstellung des notwendigen Materials angewiesen. Risiken durch extreme Lagerungen müssen gemeinsam bewertet werden. Vor der Narkoseeinleitung ist sicherzustellen, dass alle benötigten Materialien vollständig vorhanden sind. Dies verhindert unnötige Narkosen und deren Risiken. Die Kontrolle der Instrumente, Tücher und Nadeln bleibt über den gesamten Eingriff
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 17 hinweg eine Kernaufgabe. Medikamente müssen exakt etikettiert und sicher gelagert sein. Beim perioperativen Setting ist die enge Zusammenarbeit von Anästhesieund OPPflege von Besonderer Bedeutung. Diese erfordert ein hohes Maß an Kommunikation, gegenseitigem Vertrauen sowie moralischer Integrität. Moralische Integrität bedeutet für Pflegefachpersonen, im ethischen Handeln gegenüber Patient:innen verlässlich zu ihren Werten zu stehen, auch unter Druck. Im Sinne der Anwaltschaft (Advocacy) heißt das, die Bedürfnisse und Rechte des Patienten klar zu vertreten – selbst dann, wenn dies Konflikte mit anderen Berufsgruppen oder institutionellen Vorgaben mit sich bringt. Pflege im Aufwachraum Nach dem Eingriff bleiben Patient:innen über eine gewisse Zeit hinweg instabil und anfällig für Komplikationen. Die Vulnerabilität ist erhöht, die Stabilität dadurch reduziert. Pflegefachpersonen müssen daher ein ausgeprägtes klinisches Urteilsvermögen sowie die Fähigkeit zum kritischen Denken mitbringen. Sie müssen Komplikationen, wie Nachblutungen, Schock, PONV, Hypovolemie oder Delir frühzeitig erkennen und adäquat reagieren. Auch das Weaning – also das selbstständige Atmen nach Beatmung – kann erforderlich sein (Hardin 2017). Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Schmerzmanagement. Schmerzen können Hinweise auf Komplikationen sein. Eine exakte Einordnung ist daher essenziell. Objektivierende Instrumente, wie die numerische Ratingskala (NRS) oder die Behavioral Pain Scale (BPS) kommen zum Einsatz, müssen aber durch Erfahrung und klinische Einschätzung ergänzt werden. Gerade im Aufwachraum sind auch systemisches Denken und kulturelle Sensibilität und die Fähigkeit zum klinischen Hinterfragen wichtig. Kulturelle Sensibilität in der postnarkotischen Pflege bedeutet, auf die individuellen Werte, Kommunikationsstile und Gewohnheiten eines Patienten Rücksicht zu nehmen – etwa bei der Ansprache, dem Schamempfinden oder religiös geprägten Bedürfnissen –, um Sicherheit, Würde und Vertrauen direkt nach dem Aufwachen zu fördern. Zudem kann in besonderen Fällen, etwa bei Kindern, auch ein kurzer Familienkontakt zur
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 18 Stabilisierung beitragen (Whitcomb et al. 2010). Ob dieser sinnvoll ist, muss durch die Pflegefachperson individuell entschieden werden – auch unter Einbeziehung der Kompetenzen der Angehörigen (Berwick und Kotagal 2004). 3.4 Wirksamkeit des AACN Synergy Model Studien aus den USA verweisen darauf, dass die Implementierung des Synergy-Modells sowohl die Arbeitszufriedenheit von Pflegefachpersonen, als auch die klinischen Patientenergebnisse positiv beeinflussen können (Dellafiore et al. 2022; Freyling et al. 2008). Genannt werden zum Beispiel bessere Symptomund Krankheitsbewältigung bei Patienten, ein höheres Selbstpflege-Niveau, weniger Wiederaufnahmen und ein stärkeres Engagement der Patient:innen in ihre Versorgung. Ein Praxisbericht aus Italien beschreibt die erfolgreiche Einführung des Synergy-Modells auf einer herzchirurgischen Intensivstation. Dort wurde das Modell genutzt, um patientenzentriert die Überleitung von der Klinik in die Rehabilitation oder Primärversorgung zu gestalten. Die Autoren berichten, dass durch Fokussierung auf individuelle Patientenbedürfnisse und entsprechende Pflegekompetenzen ein reibungsloseres Entlassungsmanagement erreicht wurde. Auch im deutschsprachigen Raum wird das Synergy-Konzept rezipiert: Ein Fachartikel in Pflege & Gesellschaft (2018) stellte das AACN Synergy Model als Paradigmenwechsel zu patientenorientierter Intensivpflege vor (Monke et al. 2018). Hier wird betont, dass das Modell eine theoriegeleitete Grundlage bietet, um klinische Exzellenz zu fördern und die Pflege an den individuellen Bedürfnissen kritischer Patienten auszurichten. Insgesamt dient das Synergy-Modell somit als Rahmenkonzept, welches Pflegefachpersonen dabei unterstützt, Pflegepersonal nach Patientensituation einzusetzen und ihre Fähigkeiten gezielt weiterzuentwickeln, um bestmögliche Outcomes für Patient:innen zu erzielen.
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 19 4 NNN-Taxonomie Pflegeklassifikationen sind dafür da, das vorhandene Wissen der Pflege so zu ordnen, dass es im Alltag nutzbar und nachvollziehbar wird. Sie helfen dabei, pflegerisches Handeln zu strukturieren, es einheitlich zu beschreiben und sichtbar zu machen. Gleichzeitig bieten sie die Möglichkeit, Pflegeleistungen besser zu planen, umzusetzen und zu bewerten. Im Grunde schaffen Klassifikationen die Sprache, mit der Pflege kommuniziert werden kann – unter Pflegenden, im interprofessionellen Team und auch im gesundheitspolitischen Raum. Die Klassifikationen bestehen aus definierten Begriffen, die in einem wissenschaftlich fundierten System geordnet sind. Dieses System hat die Aufgabe, pflegerische Phänomene eindeutig zu benennen. Dadurch wird nicht nur die Dokumentation leichter, sondern auch die Vergleichbarkeit und Qualitätssicherung von Pflegeleistungen möglich. Besonders in Zeiten, in denen Pflegeberufe mehr Verantwortung übernehmen und sich stärker wissenschaftlich legitimieren müssen und wollen, sind solche Systeme unerlässlich. Bekannte Klassifikationssysteme wie NANDA-I, NIC und NOC sind international verbreitet und werden auch in deutschsprachigen Ländern eingesetzt, vorrangig in der Schweiz. Sie decken dabei verschiedene Bereiche ab: NANDA-I beschreibt die Pflegediagnosen, also die Einschätzung, wie der Mensch auf gesundheitliche Herausforderungen reagiert. NIC beschreibt die Interventionen, also das pflegerische Handeln. NOC wiederum definiert, woran gemessen werden kann, ob die Pflege erfolgreich war – dem gewünschtem und definierte Pflegeergebnis. Diese drei Systeme bilden zusammen eine einheitliche Logik für die professionelle Pflege. Sie ordnen subjektive Einschätzungen und objektive Beobachtungen so, dass Pflege nachvollziehbar wird. Gerade im Zusammenspiel mit Pflegemodellen, wie etwa dem Synergy Model, wird daraus ein vollständiger Pflegeprozess. Dabei hilft die Klassifikation, nicht nur das „Wie“ der Pflege zu organisieren, sondern auch das „Warum“ zu verstehen. Sie schlägt eine Brücke zwischen Theorie und Praxis. Dabei ist es auch mit dem ICD-Katalog verbindbar.
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 20 Ein weiterer Vorteil dieser Klassifikationen ist ihre Kompatibilität mit digitalen Dokumentationssystemen. In der Schweiz wird das NNN-System (NANDA, NIC, NOC) zum Beispiel bereits in elektronischen Pflegeplanungen genutzt und auch von Krankenversicherern akzeptiert. Es hat sich also in der Praxis bewährt und wird dort auch zur Begründung der Pflegebedürftigkeit herangezogen. Zusammenfassend lässt sich sagen: Pflegeklassifikationen sind keine reine Theorie, sondern ein praxisnahes Werkzeug. Sie helfen Pflegefachpersonen dabei, Entscheidungen fachlich zu begründen, Pflegeprozesse zu strukturieren und die eigene Arbeit sichtbar zu machen. Die enge Verbindung des NNN-Systems mit den funktionellen Gesundheitsmustern nach Gordon (Doenges et al. 2024) ist historisch und praktisch bedeutsam, stellt jedoch keine inhaltliche Einschränkung dar. Das System ist flexibel einsetzbar und lässt sich mit verschiedenen Pflegemodellen sinnvoll kombinieren – vorausgesetzt, diese ermöglichen ein fundiertes Assessment und eine strukturierte Pflegeplanung. 4.1 Umsetzung von NANDA, NIC, NOC im OP-Bereich In der perioperativen Pflege wurden seit 2015 diverse Implementierungen und Studien zu NNN berichtet. Besonders in Brasilien und Spanien/Portugal – Ländern mit hoher Akzeptanz von Pflegediagnosen – gibt es eine Forschungsarbeite, welche nachfolgend Beschrieben wird. Ein Beispiel ist eine prospektive Kohortenstudie von Bjørklund-Lima (BjorklundLima et al. 2019), die bei chirurgischen Patienten mit der Diagnose Risiko lagerungsbedingter Verletzung die messbaren Pflegeergebnisse (NOC-Indikatoren) untersuchte. Die Studie identifizierte spezifische klinische Indikatoren aus der NOC-Klassifikation, die geeignet sind, den Zustand dieser Patient:innen zu überwachen wie zum Beispiel Folgen der Immobilität, wie oben genannt. So konnten objektive Kriterien für den Erfolg von Lagerungsinterventionen festgelegt werden. Dies unterstützt Pflegefachpersonen darin, bei gefährdeten Patienten gezielt auf definierte Outcomes hinzuarbeiten und diese zu evaluieren (Müller-Staub et al. 2008).
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 21 In deutschen Fachzeitschriften sind fallweise Praxisberichte zu finden, etwa zu Pflegediagnosen im Intensivund Anästhesiebereich. Die Einführung von NANDA-Pflegediagnosen auf Intensivstationen wird aber auch kontrovers gesehen, wie Diskussionen in Pflegeforen zeigen, worin Vorbehalte wegen Aufwand und zugleich Begeisterung über Professionalisierung beschrieben werden (Valentina Pezer 2009). Insgesamt lässt sich beobachten, dass Schulungen und Change-Management nötig sind, um NNN-Modelle erfolgreich in der Klinik zu verankern – was durch Erfahrungen aus der Schweiz untermauert wird: Müller – Staub demonstrierte, dass erst durch ein strukturiertes Training die Konsistenz und Akzeptanz von Pflegediagnosen im Team deutlich zunimmt. (Müller-Staub et al. 2007) Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass seit 2015 wissenschaftliche Studien und Praxisberichte die Implementierung von NANDA-I, NIC und NOC in der perioperativen Pflege untersuchten. Standardisierte Pflegeklassifikationen ermöglichen es, häufige perioperative Risiken – wie Lagerungsschäden oder Hypothermie – klar zu benennen und evidenzbasierte Interventionen zu planen. Wissenschaftliche Arbeiten, zum Beispiel Kohortenund Interventionsstudien aus Europa und Südamerika zeigen, dass die Anwendung dieser Standardsprachen die Pflegeplanung verbessert und potenziell patientenrelevante Outcomes positiv beeinflusst. Gleichzeitig wird deutlich, dass Schulungen und Akzeptanzförderung nötig sind, um die NNN-Modelle erfolgreich im Pflegealltag zu verankern. 4.2 NANDA-I – Pflegediagnosen Heather Herdman, die Geschäftsführerin von NANDA International, definiert die Pflegediagnose in ihrem Lehrbuch wie folgt: Klinische Beurteilung der menschlichen Reaktion einer Person, pflegenden Person, Familie, Gruppe oder Gemeinde auf einen Gesundheitszustand / auf Lebensprozesse. Eine Pflegediagnose bildet die Grundlage zur Auswahl geeigneter Pflegeinterventionen mit denen Outcomes erreicht werden sollen, für die die jeweilige Pflegefachperson verantwortlich ist (Herdman et al. 2021). Pflegediagnosen sind ein zentrales Element des Pflegeprozesses und bilden die Grundlage für professionelle pflegerische Entscheidungsfindung (Georg und
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 28 Etablierung einer Pflegediagnose hierzu erhöht die Verantwortlichkeit der Pflege in diesem Bereich und fördert die Umsetzung evidenzbasierter Maßnahmen durch Pflegende. 4.3 NIC – Pflegeinterventionen Die Nursing Interventions Classification (NIC) ist ein international etabliertes Klassifikationssystem, welches pflegerische Interventionen systematisch erfasst, beschreibt und in einen wissenschaftlich fundierten Bezugsrahmen überführt. Sie ist unmittelbar an Pflegediagnosen sowie Pflegeergebnisse gekoppelt und bildet damit die mittlere Handlungsebene des Pflegeprozesses ab. Ziel der NIC ist es, Pflegehandlungen evidenzbasiert, transparent und vergleichbar zu machen. Pflegeinterventionen im Sinne der NIC sind „[…] jede Behandlung, die auf klinischer Entscheidungsfindung und Fachwissen beruht und von einer Pflegefachperson durchgeführt wird, um Patientenergebnisse zu verbessern[…]“ (Bulechek 2022). Diese Definition betont die fachliche Autonomie der Pflege und rückt das professionelle Urteil von Pflegefachpersonen ins Zentrum pflegerischen Handelns. Die Struktur der NIC basiert auf drei hierarchisch gegliederten Ebenen: sieben Domänen, 30 Klassen als inhaltliche Untergruppen und derzeit 554 einzelne Abbildung 4: Taschenkarte zum Pflegeassessment aus Pflegediagnosen und Pflege-maßnahmen, hogrefe, 2024
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 29 Interventionen. Jede Intervention ist mit einem Label, einer Definition sowie einer Reihe von zugehörigen Aktivitäten ausgestattet. Diese Aktivitäten stellen konkrete Handlungsschritte dar, die situativ angepasst werden können und die Planung, Durchführung und Dokumentation pflegerischer Leistungen systematisieren. Ein klassisches Beispiel ist die Intervention „Sturzprävention“ (NIC-Code 6490), deren Aktivitäten unter anderem die Einschätzung individueller Risikofaktoren, die Gestaltung einer sicheren Umgebung, das Training von Mobilität sowie die Einbeziehung anderer Berufsgruppen umfasst. Die Auswahl geeigneter Interventionen erfolgt dabei nicht schematisch, sondern auf Grundlage fundierter klinischer Entscheidungsfindung. Hierbei sind Kriterien wie das angestrebte Pflegeergebnis (NOC), die Charakteristika der Pflegediagnose (NANDA-I), die wissenschaftliche Evidenzlage, die Akzeptanz durch die Patient:innen sowie die Durchführbarkeit in der konkreten Versorgungssituation zu berücksichtigen. Die NIC fördert nicht nur die Professionalisierung der Pflege, sondern auch deren Integration in interdisziplinäre Versorgungskonzepte. Ihre Anwendung ermöglicht eine transparente Darstellung der Pflegeleistung, unterstützt Qualitätsentwicklung, erleichtert die Evaluation und schafft eine dokumentierbare Verbindung zwischen Pflegediagnostik und Outcomes. Darüber hinaus stellt die NIC eine wichtige Grundlage für pflegewissenschaftliche Forschung und für digitale Dokumentationssysteme dar, insbesondere im Rahmen von Pflegeinformationssystemen. In der Anästhesiepflege kann die standardisierte Nutzung der NIC beispielsweise dazu beitragen, präoperative Risikofaktoren systematisch zu adressieren, pflegerische Interventionen zur Angstreduktion und Stabilisierung zu planen sowie postoperative Komplikationen wie Delir oder Schmerz strukturiert zu bearbeiten. Damit entfaltet die NIC eine hohe Anschlussfähigkeit an modellgeleitete Pflegeplanung – insbesondere in Verbindung mit dem AACN Synergy Model. Durch die Kombination entsteht ein patientenzentrierter, strukturierter Pflegeprozess, der pflegewissenschaftliche Standards mit den Anforderungen der klinischen Praxis verbindet und Pflegeinterventionen nachvollziehbar, überprüfbar macht.
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 30 4.4 NOC – Pflegeergebnisse Die Nursing Outcomes Classification (NOC) ist ein international etabliertes Klassifikationssystem, das pflegesensitive Ergebnisse systematisch erfasst, beschreibt und evaluierbar macht. Ihr primäres Ziel besteht darin, die Wirksamkeit pflegerischer Interventionen messbar und nachvollziehbar zu gestalten, um die Qualität pflegerischen Handelns zu sichern und dessen Bedeutung innerhalb interprofessioneller Versorgungskontexte zu unterstreichen. Die NOC definiert ein Pflegeergebnis als: […] einen Zustand, ein Verhalten oder eine Wahrnehmung, die als Reaktion auf Pflegeinterventionen bei Individuen, Familien oder Gemeinschaften auftreten und entlang eines Kontinuums beobachtbar und bewertbar sind […] (Moorhead et al. 2013). Jedes Pflegeergebnis innerhalb der NOC ist durch eine Reihe von Indikatoren beschrieben, die anhand einer standardisierten fünfstufigen Likert-Skala bewertet werden (Moorhead et al. 2013). Diese Skala ermöglicht die Einschätzung von minimaler bis optimaler Ausprägung eines spezifischen Merkmals und erlaubt damit eine vergleichbare und strukturierte Evaluation. Um die Qualität der definierten Ergebnisse zu sichern, wird das sogenannte RUMBA-Schema als Bewertungsrahmen herangezogen. Das Akronym steht für die Merkmale „Relevant, Understandable, Measurable, Behavioral, Attainable“ (Müller Staub et al. 2017). Ein Pflegeergebnis gilt demnach als geeignet, wenn es für die Pflegepraxis relevant, für alle Beteiligten verständlich, messbar, verhaltensorientiert und realistisch erreichbar ist. Dieses Schema stellt sicher, dass formulierte Ergebnisse nicht nur theoretisch sinnvoll, sondern auch praktisch anwendbar und überprüfbar sind. Die systematische Erhebung von Ergebnissen fördert eine gezielte Reflexion pflegerischer Maßnahmen und legt die Grundlage für eine evidenzbasierte Weiterentwicklung pflegerischer Prozesse. Die NOC ist in sieben übergeordnete Domänen in der ersten Ebene gegliedert, welche die Breite pflegerischer Zielrichtungen widerspiegeln: funktionale Gesundheit, physiologische Gesundheit, psychosoziale Gesundheit, Gesundheitswissen und -verhalten, wahrgenommene Gesundheit, Familiengesundheit sowie die Gesundheit von Systemen und Gemeinschaften. Die zweite
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 31 Ebene bildet Unterkategorien der Domänen, die das Thema weiter differenziert. In der dritten Eben sind die konkreten, quantifizierbaren Ergebnisse zu finden in Form einer Likert Skala. Diese dort aufgeführten Ergebnisse werden als Indikatoren bezeichnet. In der deutschsprachigen Ausgabe umfasst die NOC aktuell 385 standardisierte Pflegeergebnisse, die 29 spezifischen Klassen zugeordnet sind. In der englischsprachigen Version sind bereits über 490 Ergebnisse dokumentiert (Müller Staub et al. 2017). Die Anwendung der NOC in der klinischen Praxis bringt vielfältige Vorteile mit sich. Sie erlaubt eine systematische und transparente Dokumentation pflegerischer Leistungen, stärkt die Argumentationsbasis der Pflege in interprofessionellen Teams und schafft die Voraussetzung für eine leistungsorientierte Vergütung pflegerischer Tätigkeit. Darüber hinaus fördert sie die Versorgungsqualität, da Pflegeinterventionen gezielter geplant, durchgeführt und evaluiert werden können. Auch im Kontext von Pflegeforschung und -ausbildung stellt die NOC ein wertvolles Instrument dar, da sie eine standardisierte Terminologie und damit eine gemeinsame Sprache zur Verfügung stellt, auf deren Grundlage pflegerische Prozesse einheitlich beschrieben und wissenschaftlich untersucht werden können. NNN-Verknüpfung ermöglicht eine durchgängige und strukturelle Abbildung des Pflegeprozesses (Bulechek 2022). Die NOC schließt diesen Prozess mit einer Evaluation der Pflegeziele ab und macht Pflegeerfolge sichtbar. Insbesondere im Sinne eines kybernetischen Pflegeverständnisses, das Rückkopplungen zwischen Planung, Handlung und Wirkung systematisch integriert, leistet die NOC einen wesentlichen Beitrag zu einer lernenden und qualitätsorientierten Pflegepraxis. 4.5 NNN – Zusammenspiel Das Zusammenspiel der drei Klassifikationen NANDA-I, NIC und NOC – auch als NNN bezeichnet – stellt eine zentrale Grundlage für eine systematische, evidenzbasierte und qualitativ hochwertige Pflege dar. Während jede dieser Klassifikationen für sich genommen bereits ein wertvolles Instrument zur Strukturierung
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 32 pflegerischen Handelns darstellt, liegt ihr volles Potenzial in der integrativen Anwendung innerhalb des Pflegeprozesses (Johnson 2011). Die NANDA-I-Klassifikation liefert die pflegerische Diagnostik – also eine klinische Beurteilung menschlicher Reaktionen auf Gesundheitsprobleme oder Lebensprozesse. Diese Diagnosen bilden die Grundlage für die Auswahl geeigneter Interventionen, die mithilfe der NIC-Klassifikation beschrieben und geplant werden. Schließlich ermöglicht die NOC-Klassifikation eine gezielte Bewertung der pflegerischen Ergebnisse. Sie definiert messbare Zustände oder Verhaltensweisen, die als Reaktion auf pflegerisches Handeln auftreten. Gemeinsam ermöglichen die drei Systeme eine durchgängige Dokumentation, Planung und Evaluation der Pflegeleistung. Abbildung 5: Verbindungsherstellung zwischen Diagnose, Intervention und Outcome Quelle: NOC and NIC Linkages to NANDA-I and Clinical Conditiones (Moorhead et. al. 2012)
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 33 Die Verbindung dieser Klassifikationen ist mehr als eine Aneinanderreihung einzelner Schritte. Sie bietet eine logische, kohärente Struktur, die kritisches Denken und klinische Entscheidungsfindung unterstützt. Durch die systematische Verknüpfung von Pflegediagnosen, Interventionen und Outcomes – sogenannten Linkages – kann die Pflege fachlich begründet und patientenzentriert gestaltet werden. Dabei orientiert sich die Auswahl der Interventionen nicht nur an der Pflegediagnose, sondern berücksichtigt auch das angestrebte Ergebnis sowie patientenindividuelle Faktoren. Ein wesentlicher Nutzen des Zusammenspiels von NNN liegt in der verbesserten Kommunikation innerhalb des Pflegeteams sowie mit anderen Berufsgruppen. Die standardisierte Sprache erleichtert es, komplexe Pflegezusammenhänge nachvollziehbar zu machen und im interprofessionellen Austausch transparent zu kommunizieren. Darüber hinaus bildet das NNN-System eine solide Basis für digitale Dokumentationssysteme und unterstützt somit die Weiterentwicklung pflegeinformatischer Lösungen. Es schafft die strukturelle Grundlage für elektronische Pflegeplanung und ermöglicht eine einheitliche Datenerhebung für Qualitätsentwicklung, Forschung und gesundheitspolitische Entscheidungen. Aufgrund der Komplexität der NNN-Taxonomie erscheint eine effektive Integration in die Pflegepraxis nur mithilfe einer IT-Lösung realistisch, da sich der damit verbundene Formalisierungsund Dokumentationsaufwand manuell kaum bewältigen lässt (Müller Staub et al. 2017). Nicht zuletzt bietet das NNN-Modell auch einen didaktischen Mehrwert: Es fördert die Ausbildung pflegewissenschaftlicher Kompetenzen, stärkt das pflegerische Selbstverständnis und unterstützt die Entwicklung professioneller Urteilsfähigkeit. In Zeiten wachsender Anforderungen an die Pflege – sei es durch demografischen Wandel, komplexere Krankheitsbilder oder Digitalisierung – leistet das Zusammenspiel von NNN einen entscheidenden Beitrag zur Professionalisierung und Qualitätssicherung pflegerischer Versorgung (Johnson 2011).
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 34 4.6 NANDA, NIC und NOC in der Pflegepraxis Zu den Vorteilen einer standardisierten Pflegesprache zählen eine bessere Kommunikation im Team, höhere Sichtbarkeit pflegerischer Interventionen, höhere Pflegequalität und eine bessere Auswertbarkeit von Pflegeoutcomes (Rutherford 2008). Eine integrative Review-Studie (2020) fand, dass standardisierte Pflegeklassifikationen (v.a. NANDA-I, NIC, NOC) inzwischen in über 25 Ländern und vielfältigen Versorgungsbereichen eingesetzt werden (Fennelly et al. 2021). Im deutschsprachigen Raum sind Pflegediagnosen längerem ebenfalls ein Thema: Die Anwendung standardisierter Pflegediagnosen, wie etwa nach NANDA-I, ist in Österreich durch Ausbildungspraxis und berufliche Standards stärker verankert als in Deutschland. Während in Österreich Pflegediagnosen in vielen Einrichtungen als fester Bestandteil der professionellen Pflegeplanung gelten, zeigt sich in Deutschland eine deutlich heterogenere Umsetzung in der Praxis. Diese Unterschiede lassen sich unter anderem auf die gesetzliche Klarheit im österreichischen Gesundheitsund Krankenpflegegesetz (Gesundheitsund Krankenpflegegesetz Österreich 2025) und die Struktur der Pflegeausbildung zurückführen. Schweizer Projekte integrierten NANDA, NIC und NOC in elektronische Pflegedokumentationen – beispielsweise hat Zürich ein Pflegedokumentationsmodell (ENPDM) mit der NNN-Taxonomie (NANDA, NIC, NOC) verknüpft, um den Pflegeprozess im Klinikinformationssystem abzubilden (Bernhart-Just et al. 2010). Diese Entwicklungen zeigen, dass die NNN-Taxonomien international breit implementiert und erprobt werden. Die Forschung zu NNN ist nachfolgend seit 2015 dargestellt. Die aktuelle systematische Übersichtsarbeit (Rodríguez-Suárez et al. 2023) untersuchte die Wirksamkeit des Pflegeprozesses mit NANDA-I/NIC/NOC-Terminologie. In 17 einbezogenen Studien zeigte sich unter anderem, dass eine Schulung von Pflegekräften in NNN zu verbessertem klinischem Denken und konsistenterer Anwendung von Diagnosen, Interventionen und Ergebnissen führte. Beispielsweise erzielte eine Interventionsgruppe nach gezieltem Clinical-Reasoning-Training eine signifikant höhere Übereinstimmung zwischen Pflegediagnosen, -maßnahmen und -ergebnissen als eine Vergleichsgruppe. Mehrere Studien in dieser Review zeigten zudem, dass durch NNN-
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 35 Dokumentation bestimmte Patientenergebnisse verbessert werden konnten, etwa bei Sturzrisikopatienten oder Diabetikern. Allerdings werden weitere hochwertige Studien gefordert, insbesondere zum Einfluss auf die Wirksamkeit von Pflegeinterventionen und Patientenzufriedenheit. Insgesamt untermauert die Literatur, dass NANDA, NIC und NOC praktikable Instrumente sind, um den Pflegeprozess zu standardisieren und die Pflegequalität messbar zu machen (Müller-Staub 2009).
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 36 5 Kombination von NNN und Synergy Model Die Kombination aus strukturierter Pflegediagnostik (NANDA-I, NIC, NOC) und synergetischer Arbeitsweise kann in der Anästhesiepflege helfen, Pflegeprobleme im OP frühzeitig zu erkennen, Maßnahmen standardisiert umzusetzen und die Pflegeergebnisse zu evaluieren. National wie international gibt es erfolgreiche Beispiele und zunehmende Evidenz für dieses integrative Vorgehen. Die Literatur seit 2015 spiegelt wider, dass eine standardisierte Pflegesprache in Verbindung mit patientenorientierten Modellen ein wichtiger Schritt zur Professionalisierung und Qualitätssteigerung in der perioperativen Pflege ist. Fortlaufende Forschung und Austausch – etwa über Konferenzen wie zum Beispiel ACENDIO – fördern die Weiterentwicklung und Anpassung dieser Modelle an spezifische Settings wie die Anästhesie. Pflegefachpersonen berichten, dass sie mit NANDA, NIC, NOC gezielter und nachvollziehbarer pflegen können und das Synergy-Modell ihnen hilft, den großen Blick für patientenorientierte Prioritäten zu behalten. Das Stichwort ist “Matching” von Patientencharakteristika und Pflegeexpertise. Die Pflegefachperson kann dann mithilfe von NANDA/NIC/NOC sehr spezifisch planen: Etwa Risikodiagnosen wie “Gefahr der perioperativen Hypothermie” und “Gefahr der lagerungsbedingten Verletzung” stellen die Problemschwerpunkte transparent dar. Entsprechende NIC-Maßnahmen, wie präoperative Hautbeurteilung, aktive Wärmung und Polsterung, werden dokumentiert und NOC-Indikatoren zum Beispiel Thermoregulation, Hautintegrität, dienen zur Erfolgskontrolle. So entsteht ein ganzheitlicher Pflegeplan, der sowohl individuell auf den Patienten zugeschnitten ist (Synergie-Prinzip) als auch objektiv messbar und kommunikativ anschlussfähig ist durch eine Standardterminologie.
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 37 Abbildung 6: Organigramm des Pflegeprozess in Kombination von Synergy Model und NNN, erstellt: Florian Winkler Für Pflegepersonen in Ausoder Weiterbildung sowie Einarbeitung bietet die Kombination von NNN und Synergy - Model die Möglichkeit sich im Berufsfeld zu orientieren und einen Überblick über die notwendigen Interventionen zu gewinnen. So können effektiv Wissenslücken durch Selbsterkenntnis geschlossen werden. Erfahrungsberichte zeigen, dass diese Kombination fruchtbar sein kann: Das italienische Team (Nania et al. 2021; Dellafiore et al. 2022), das das Synergy-Modell implementierte, nutzte parallel ein elektronisches Pflegeplanungs-System – es ist anzunehmen, dass dort wie in vielen Regionen Italiens, NNN-Taxonomien hinterlegt waren, um Pflegediagnosen und -outcomes zu dokumentieren. Konkrete Daten aus dem perioperativen Feld liegen hierzu jedoch kaum vor, was ein mögliches Feld für zukünftige Studien darstellt. Die vorhandenen Evidenzen und Berichte untermauern jedoch, dass Pflegeklassifikationen wie NANDA/NIC/NOC im perioperativen Setting gut einsetzbar sind, um Pflegeprobleme systematisch zu managen und die Pflegequalität nachzuweisen. Gleichzeitig betont das Synergy-Modell die Notwendigkeit, Pflegepersonal mit passenden Kompetenzprofilen einzusetzen – gerade in hochkomplexen Bereichen wie der Anästhesiepflege. Stimmen beide Ansätze überein, kann die Pflege im Operationssaal wesentlich zur Patientensicherheit und positiven
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 44 Model sollten sie darüber hinaus ihr Kompetenzprofil kennen und gezielt weiterentwickeln. Auf organisatorischer Ebene müssen Prozesse und Strukturen so gestaltet sein, dass Pflegefachpersonen anhand ihrer Kompetenzen gezielt den Patient:innen zugewiesen werden, deren Bedarfe sie bestmöglich decken können. Dies setzt ein exaktes präoperatives Assessment sowie eine leistungsfähige Personalsteuerung voraus. Ein weiteres zentrales Element ist der Einsatz digitaler Dokumentationssysteme, die strukturierte Pflegeplanung effizient und alltagstauglich abbilden können. Systeme, in denen NNN-Klassifikationen hinterlegt sind, wie sie etwa in der Schweiz bereits Anwendung finden, fördern die Standardisierung, verbessern die Dokumentation und erleichtern die interprofessionelle Zusammenarbeit. Die zentrale These meiner Arbeit lautet daher: Ein gesetzlich verankerter, qualitativ hochwertiger Pflegeprozess lässt sich nur durch eine systematische und verpflichtende Anwendung standardisierter Pflegediagnostik realisieren. Ohne verbindliche Vorgaben, klare Anreizsysteme durch Gratifikation und unterstützende Strukturen bleibt der Pflegeprozess in der Praxis häufig formalisiert, ineffektiv und ohne messbare Wirkung auf die Versorgungsqualität. Zusammenfassend zeigt die Arbeit auf, dass die Kombination aus Synergy Model und NNN-Klassifikationen nicht nur zur Erfüllung gesetzlicher Anforderungen beiträgt, sondern auch eine professionelle, evaluierbare und patientenzentrierte Pflege ermöglicht. Gleichzeitig zeigt sie auf, dass Pflege nur dann ihre volle Wirkung entfalten kann, wenn sie als reflektierte, systematisch geplante und kontrollierte Tätigkeit verstanden und strukturell unterstützt wird. Nur unter diesen Bedingungen kann die Pflegeplanung ihre zentrale Rolle in der Sicherstellung von Pflegequalität und Patientensicherheit nachhaltig erfüllen. Zudem stützt die Arbeit meine These: Nur wenn Pflegediagnostik systematisch und standardisiert – und zudem verpflichtend – eingesetzt wird, kann der gesetzlich geforderte, qualitativ hochwertige Pflegeprozess in der Praxis wirksam umgesetzt werden. Andernfalls bleibt der Pflegeprozess ein formalisierter Rahmen ohne Substanz,
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 45 der weder zur Professionalisierung der Pflege noch zur Verbesserung der Patientenversorgung beiträgt. 7.2 Ausblick Die theoretische Analyse zeigt: Eine Synthese aus NNN-Taxonomien und Synergy Model bietet das Potenzial, pflegerische Prozesse strukturiert, dynamisch und kompetenzorientiert zu gestalten. Um diesen Mehrwert zu belegen, sind gezielte empirische Untersuchungen notwendig. Zukünftige Studien sollten untersuchen, inwieweit eine integrierte Anwendung zur Verbesserung von Pflegequalität, Personalsteuerung und professioneller Weiterentwicklung beitragen kann. Besonders in komplexen Versorgungsfeldern wie Intensivoder Onkologiepflege könnten Pilotprojekte zeigen, wie eine solche Verknüpfung praktisch umgesetzt und evaluiert werden kann. Auch die Entwicklung praxisnaher Instrumente zur systematischen Integration beider Systeme parallel stellt ein relevantes Forschungsfeld dar. Langfristig könnte dabei die Kombination strukturierter Pflegeklassifikationen mit einem kompetenzbasierten Steuerungsmodell einen entscheidenden Beitrag zur Professionalisierung und Sichtbarmachung pflegerischer Leistungen leisten – sowohl im intraals auch im interprofessionellen Kontext. Im Gegensatz zu funktionellen oder defizitorientierten Ansätzen ermöglicht das Synergy Model dabei einen individualisierten Pflegeprozess, bei dem Assessment, Diagnostik, Zieldefinition, Maßnahmenplanung und Evaluation kontinuierlich angepasst werden. Pflegediagnosen entstehen nicht abstrakt, sondern im konkreten Abgleich mit der Patientensituation und den Kompetenzen der Pflegefachperson. Trotz der klaren Struktur und Anschlussfähigkeit an Klassifikationen wie NANDA-I, NIC und NOC ist das Synergy Model im deutschen Gesundheitswesen bislang weder strukturell implementiert noch gesetzlich verankert. Zwar ist der Pflegeprozess gesetzlich gefordert (§ 5 Pflegeberufegesetz, § 113 SGB XI), doch ohne inhaltliche Vorgaben bleibt er ein formaler Rahmen ohne methodische Tiefe. Die im Modell vorgesehene professionelle Entscheidungsautonomie der Pflege wird dadurch
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 46 systematisch untergraben. Dieser Widerspruch zwischen einem theoriebasierten, patientenzentrierten Modell und der realen pflegepolitischen Praxis zeigt ein strukturelles Defizit: Die Weiterentwicklung pflegerischer Qualität wird behindert, solange keine verbindlichen Konzepte wie das Synergy Model oder/und NNN implementiert oder überprüft werden. Es ist darüber hinaus zu beachten, dass der internationale Katalog pflegerischer Interventionen umfangreicher ist als der nationale. Dies liegt daran, dass in der Bundesrepublik Deutschland heilkundliche Tätigkeiten bisher nicht auf Pflegefachpersonen übertragen werden. Zwar eröffnet § 14 des Pflegeberufegesetzes die Möglichkeit, solche Tätigkeiten im Rahmen von Modellvorhaben zu erproben, doch sind diese bislang ohne nachhaltige Ergebnisse geblieben. Da es Pflegefachpersonen aus Deutschland jedoch gemäß den Assoziierungsabkommen (Richtlinie 2005/36/EG) möglich ist, problemlos in anderen EU-Staaten und der Schweiz tätig zu werden – auch in Ländern, die bereits deutlich weitergehende und etablierte Modelle der Übertragung heilkundlicher Tätigkeiten auf Pflegefachpersonen umgesetzt haben – stellt dies letztlich ein ausschließlich nationales beziehungsweise lokal begrenztes Problem dar. Beispielsweise könnte eine, in Deutschland examinierte Pflegefachperson, eine European Professional Card (EPC) beantragen und sich damit in Irland registrieren lassen, um als General Nurse anerkannt und tätig zu werden. Nach der Registrierung beim Nursing and Midwifery Board of Ireland (NMBI) besteht die Möglichkeit, eine zusätzliche Weiterbildung zu absolvieren, um heilkundliche Tätigkeiten zu übernehmen, wie etwa das Verschreiben von Medikamenten. Dieses Weiterbildungsprogramm ist verpflichtend und führt nach erfolgreichem Abschluss zur Eintragung als Registered Nurse Prescriber, wodurch die Pflegefachperson zur eigenverantwortlichen Verschreibung bestimmter Arzneimittel befugt wäre. Eine weitere Möglichkeit wäre, in Schweden eine Weiterbildung zur Anästhesiepflegefachperson zu absolvieren. Die größte Herausforderung dabei stellt sicherlich das Erlernen der schwedischen Sprache dar, da gute Sprachkenntnisse eine Voraussetzung für die Zulassung sind. Die spezialisierte Ausbildung dauert in der Regel ein
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 47 Jahr, umfasst 60 ECTS-Punkte und schließt mit einem anerkannten Abschluss auf Hochschulniveau ab. Nach erfolgreichem Abschluss wäre die Pflegefachperson berechtigt, in Schweden unter ärztlicher Supervision eigenverantwortlich einfache Allgemeinanästhesien bei Patient:innen mit geringem Risiko, wie zum Beispiel ASA I– II, durchzuführen. Insgesamt verdeutlichen die oben beschriebenen Optionen, die Problematik um den deutschen Ärztestand. Dieser verhält sich wie ein Familienmitglied, welches sich den ganzen Tag über zu viel Arbeit im Haushalt beklagt – lautstark und unermüdlich. Doch wenn jemand ernsthaft seine Hilfe anbietet, wird diese empört zurückgewiesen, mit dem Verweis, der Helfende sei angeblich unfähig. Genauso verhält sich der Ärztestand, wenn es um die Übertragung heilkundlicher Tätigkeiten an professionell Pflegende geht: Statt dringend benötigte Entlastung anzunehmen, wird reflexartig abgeblockt – nicht aus Sachgründen, sondern aus Traditionsdenken und Besitzstandswahrung. Dabei ist es in vielen anderen Ländern längst gelebte Praxis, dass Pflegende bestimmte heilkundliche Aufgaben übernehmen – etwa in Skandinavien, den Niederlanden oder im angelsächsischen Raum. Die dort vorliegenden wissenschaftlichen Daten liefern keinerlei Hinweis auf eine erhöhte Patientengefährdung (WHO 2023). Dennoch hält die deutsche Ärztekammer unbeirrt an der Erzählung fest, jede Verlagerung heilkundlicher Verantwortung auf Pflegefachpersonen gefährde die Patientensicherheit – ein Argument, dass bei genauer Betrachtung mehr ideologisch als evidenzbasiert ist (WHO 2025). Zudem hätte eine verbindliche Implementation der Taxonomie und des Models das Potenzial einen konsequenten Informationsfluss zu begünstigen. Es ist weniger anfällig für eine Verfälschung der Informationen durch die feste Struktur. Es ist anzunehmen, dass die Arbeit durch das aufwändige Assessment bei der einrichtungsinternen und -externen Überleitung zu einer Zeitersparung führen kann. Das Fortsetzen bereits begonnener, begründeter Pflegeinterventionen kann zu einer Zeitersparung führen, da die notwendige Planung bei einer Überleitung nicht erneut durchgeführt werden muss. Volle Entfaltung der Vorzüge des Systems stelle ich mir in
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 48 Kombinationen eines leistungsstarken und ergonomisch designten EDV System mit Integration in das klinische Informationssystem vor. Die elektronische, objektivierte Dokumentation ermöglicht eine transparentere Darstellung der erbrachten Leistungen vor den Kassen und der Selbstverwaltung im Gesundheitssystem. Im Gesamtbild ergibt das perspektivisch die Möglichkeit die pflegerische Arbeit zu ökonomisieren, rationalisieren und besser auf die Bedürfnisse der Klienten anzupassen. Im Gesamtbild sind damit Kosteneinsparungen mit einer höheren Qualität möglich. Eine sorgfältige Pflegeplanung berücksichtigt auch eventuelle Folgen, welche erst später oder indirekt auftreten können. Komplikationen wie ein Delir oder eine Aspiration lassen sich dadurch vermeiden – das spart nicht nur Leid, sondern auch Kosten. So können diese frühzeitig erkannt und durch gezielte Vorbeugung verhindert werden. 7.3 Kritik an Synergy Model und NNN-Taxonomie Sowohl die Integration des AACN Synergy Modells als auch die Nutzung der NANDAI-, NICund NOC-Taxonomien (NNN) unterliegen lizenzrechtlichen Regelungen. Diese Lizenzen sind mit Kosten verbunden. Die Lizenzgebühren für die Verwendung der NNN-Taxonomien in Softwareanwendungen werden individuell mit Elsevier und der AACN ausgehandelt und richten sich nach Nutzungsumfang, Reichweite und Funktionalität. Eine öffentlich zugängliche Preisliste für entsprechende Programmierschnittstellen (APIs) existiert nicht. Erfahrungswerte deuten jedoch darauf hin, dass selbst für grundlegende Nutzungsrechte mit jährlichen Lizenzkosten im unteren fünfstelligen Bereich zu rechnen ist. Zwar ist eine händische Nutzung beider Systeme – unter der Voraussetzung der vollständigen Beschaffung der zugrunde liegenden Fachliteratur – grundsätzlich möglich, jedoch im praktischen Versorgungsalltag vergleichbar ineffizient, fehleranfällig und schwer skalierbar, insbesondere im Hinblick auf standardisierte Dokumentation, Qualitätssicherung und interprofessionelle Kommunikation. Gleichzeitig stellt sich in der Bundesrepublik Deutschland eine grundlegende Systemfrage: Ist es überhaupt gerechtfertigt, erhebliche Mittel in die Lizenzierung von Klassifikationen wie NANDA-I, NIC und NOC zu investieren, wenn deren Anwendung im Versorgungsalltag ökonomisch nicht honoriert wird? Anders als in Ländern mit
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 49 einem eigenständigen Pflegebudget, wie zum Beispiel in den USA, Kanada oder den Niederlanden, ist in Deutschland die pflegefachlich geleistete Diagnostik und Planung nicht direkt abrechnungsfähig. Die Pflegeplanung nach anerkannten Klassifikationen erfolgt hierzulande nicht im Rahmen eines wirtschaftlich hinterlegten Leistungsmodells, sondern häufig auf Basis von Dokumentationspflichten, interner Qualitätsziele oder gesetzlicher Vorgaben, wie im Rahmen der Qualitätsprüfung nach § 114 SGB XI. Daraus ergibt sich ein Spannungsverhältnis: Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser sollen hochstrukturierte, wissenschaftlich fundierte Pflegeplanungen erstellen, haben aber keinen direkten finanziellen Anreiz, diese in den Versorgungsalltag zu implementieren. Der Erwerb von teuren Lizenzen für Klassifikationssysteme erscheint in diesem Kontext ökonomisch fragwürdig – insbesondere dann, wenn die Planung weder vergütet noch gesetzlich verpflichtend vorgeschrieben ist. Diese Situation birgt nicht nur das Risiko, dass Pflegeplanung als bürokratische Mehrbelastung wahrgenommen wird, sondern verstärkt auch die Abhängigkeit von freiwilligem Engagement einzelner Fachpersonen oder Einrichtungsleitungen. Ein nachhaltiger Einsatz strukturierter Pflegeklassifikationen setzt jedoch voraus, dass deren Anwendung nicht nur professionell, sondern auch wirtschaftlich legitimiert ist – etwa durch: Berücksichtigung in Abrechnungsmodellen, wie zu Beispiel dem Pflegebudget, OPS-Kataloge, DRG-relevante Pflegekomplexmaßnahmen. Zudem sollte es Förderprogramme für digitale Pflegeentwicklung oder eine gesetzlich geregelte Refinanzierung lizensierter Wissensbestände im Pflegekontext geben. Solange Pflegeplanung nicht als eigenständige, vergütete Leistung anerkannt ist, stellt sich die Frage, ob der Erwerb entsprechender Lizenzen nicht mehr Ausdruck eines professionellen Selbstverständnisses ist – und weniger Teil einer strukturell geförderten Pflegeentwicklung. In einem solchen Klima droht die Professionalisierung ins Leere zu laufen. Erschwerend hinzu kommt, dass die für die Erstellung einer fundierten Pflegeplanung aufgewendete Arbeitszeit bislang nicht transparent abrechenbar ist. Damit fehlt eine zentrale Voraussetzung für die ökonomische und
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 50 organisatorische Integration pflegewissenschaftlich begründeten Handelns im Versorgungsalltag. Bei allen Vorteilen, welche die Kapitalisierung von Wissen für Qualitätssicherung, Standardisierung und Weiterentwicklung bietet, bleibt die freie Verfügbarkeit wissenschaftlich fundierten Pflegewissens ein zentrales Element globaler Gesundheitsgerechtigkeit – insbesondere in Regionen und Versorgungssystemen mit begrenzten Ressourcen. Gerade mit Blick auf die USA – die Herkunftsländer sowohl des Synergy Models (AACN) als auch der NANDA-I, NIC und NOC-Klassifikationen – zeigt sich ein fundamentaler Widerspruch: Trotz hochentwickelter, international führender Pflegewissenschaft existiert dort eines der sozial fragmentiertesten und ungleichsten Gesundheitssysteme unter den Industrieländern (Blumenthal 2024). Der Zugang zu Gesundheitsversorgung ist stark vom Versicherungsstatus und der Zahlungsfähigkeit abhängig; breite Bevölkerungsschichten, insbesondere rassisch oder ökonomisch benachteiligte Gruppen, bleiben systematisch unterversorgt (Baumgartner, Collins, Radley 2021). Es entsteht so eine Art systematisierte Dissonanz: Während in akademischen und institutionellen Kontexten hochdifferenzierte und wissenschaftlich fundierte Pflegemodelle entwickelt und gelehrt werden, ist deren praktische Anwendung im Alltag großer Teile der Bevölkerung durch die hohe Kapitalisierung und Marktlogik des US-Gesundheitswesens faktisch eingeschränkt. Die wirtschaftlichen Kennzahlen von Elsevier, einem Tochterunternehmen der britisch-niederländischen RELX Group, verdeutlichen den klaren Fokus auf Profit: Im Jahr 2024 erwirtschaftete Elsevier einen operativen Gewinn von rund 1,17 Milliarden Pfund (relex 2024). Dieses Ergebnis belegt eindrucksvoll, dass Elsevier kein gemeinwohlorientiertes, sondern ein klar marktwirtschaftlich ausgerichtetes Unternehmen ist, welches gezielt auch im Pflegeund Gesundheitswesen hohe Renditen erzielt – einem Sektor, der zu großen Teilen durch öffentliche Mittel finanziert wird. Ein besonders kritischer Aspekt ist die Rolle Elseviers bei der kommerziellen Verwertung pflegewissenschaftlicher Klassifikationen wie NANDA-I, NIC und NOC. Obwohl diese Taxonomien maßgeblich mit öffentlicher Förderung und im Rahmen
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 51 akademischer Pflegeforschung entwickelt wurden, ist der Zugang zu ihnen häufig nur über kostenpflichtige Plattformen und Lizenzen möglich, die Elsevier vertreibt. Institutionen, die mit diesen Klassifikationen arbeiten wollen – etwa im Rahmen der Pflegeplanung oder Qualitätssicherung –, müssen Lizenzgebühren entrichten, teilweise im fünfstelligen Bereich pro Jahr. Dies wirft erhebliche ethische Fragen auf: Öffentlich finanzierte Forschungsergebnisse werden durch private Anbieter kommerzialisiert und stehen dadurch nicht uneingeschränkt allen Akteur*innen im Gesundheitswesen zur Verfügung. Elsevier schränkt durch die kommerzielle Verwertung der NNN-Taxonomie den Zugang zu evidenzbasierter Pflegeplanung erheblich ein. Dies ist besonders bedenklich, da gerade im Pflegebereich der Bedarf an strukturierten, wissenschaftlich fundierten Planungsinstrumenten hoch ist – und gleichzeitig viele Akteure über begrenzte finanzielle Mittel verfügen. Die Kommerzialisierung von Grundlagenwissen, welches mit öffentlicher Unterstützung entwickelt wurde, steht somit im Widerspruch zum Grundgedanken einer solidarisch finanzierten und wissenschaftlich fundierten Gesundheitsversorgung. Ein Vergleich mit anderen internationalen Klassifikationssystemen zeigt, dass es auch anders geht: Sowohl die ICD-10 als auch die ICNP, International Classification for Nursing Practice, beide herausgegeben beziehungsweise unterstützt von der WHO, werden offen zugänglich und gemeinwohlorientiert betrieben. Sie sind frei verfügbar für nicht kommerzielle Forschung und Bildung sowie gemeinnützigem Einsatz und werden aktiv in nationale und internationale Gesundheitssysteme integriert, ohne kommerzielle Hürden aufzubauen. Entsprechend existieren auch OpenSource-Alternativen zu NANDA-I, NIC, NOC und dem Synergy Model – etwa durch die ICNP selbst oder durch theoretische Konzepte wie das Roper-Logan-TierneyModell oder Orem’s Self-Care Theory. Diese Modelle sind lizenzfrei nutzbar, verursachen keine zusätzlichen Kosten und entstammen teils gemeinwohlorientierten, vertrauenswürdigen Institutionen. Ihr Einsatz ermöglicht evidenzbasiertes pflegerisches Handeln auch ohne den ökonomischen Druck, der durch proprietäre Systeme entsteht.
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 52 Es wird deutlich, dass Pflegewissen nicht ausschließlich marktwirtschaftlicher Verwertung unterliegen darf. Eine gerechte, frei zugängliche Verbreitung ist Voraussetzung für professionelle Pflegeentwicklung im Sinne aller Menschen. 7.4 Reflexion Die Themenwahl dieser Arbeit war bewusst ambitioniert: Die Kombination des AACN Synergy Models mit den Klassifikationssystemen NANDA-I, NIC und NOC (NNN) zielt auf eine tiefgreifende Integration zweier komplexer Strukturen – eines theoriebasierten pflegerischen Bezugsrahmens und einer standardisierten Sprache zur Pflegeplanung. Bereits im Vorfeld zeigte sich, dass diese Verbindung in der deutschwie auch englischsprachigen Fachliteratur bislang kaum explizit ausgearbeitet wurde. Zwar existieren zahlreiche Einzelstudien zur Wirksamkeit beider Systeme, doch ein systematischer, aufeinander bezogener Einsatz – insbesondere in der perioperativen Pflege – ist bislang nicht dokumentiert oder evidenzbasiert beschrieben. Diese Lücke bietet einerseits einen hohen wissenschaftlichen Reiz, andererseits stellte sie eine methodische und inhaltliche Herausforderung dar. Viele der in der Arbeit angestellten Überlegungen, etwa zur konkreten Verzahnung von Patientencharakteristika mit Pflegediagnosen oder zur Verknüpfung von pflegerischen Kompetenzen mit Interventionen und Outcomes, beruhen auf theoretischer Logik und Plausibilität, nicht jedoch auf empirisch überprüften Praxisbeispielen. Der Transfer dieser Konzepte in die konkrete Versorgungspraxis – etwa auf einer Anästhesieoder Aufwachstation – konnte mangels verfügbarer Studien und institutioneller Pilotprojekte nicht belegbar abgebildet werden. Dieser Umstand schränkt die unmittelbare Übertragbarkeit der in der Arbeit entwickelten Strukturvorschläge zwar ein, verdeutlicht aber zugleich den bestehenden Forschungsbedarf. Die Reflexion macht deutlich, dass ein solcher Brückenschlag zwischen Modell und Klassifikation nicht nur denkbar, sondern auch notwendig ist, um pflegewissenschaftliche Erkenntnisse stärker in den klinischen Alltag zu integrieren. Es bedarf hierfür jedoch weiterer Forschung, konkreter
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 53 Implementierungskonzepte sowie institutioneller Bereitschaft, evidenzbasierte Pflegestrukturen umfassend zu erproben.
Bachelorarbeit I Florian Winkler (Matrikelnummer: 5063) I SoSe 2025 60 CINAHL (via EBSCOhost) ("standardized nursing language" OR "NANDA NIC NOC") AND ("synergy model") AND ("perioperative setting" OR "surgical nursing") AND ("clinical practice") Google Scholar ("NANDA" OR "NIC" OR "NOC") AND ("AACN Synergy Model") AND ("perioperative care" OR "anesthesia nursing") AND (implementation OR outcomes OR practice) ScienceDirect ("NANDA NIC NOC" AND "perioperative nursing") ("AACN Synergy Model" AND "nursing intervention") careLit (deutschsprachige Pflegeforschung) ("NANDA" ODER "NIC" ODER "NOC") UND ("SynergyModell") UND ("perioperative Pflege" ODER "Anästhesiepflege") UND (Implementierung ODER Anwendung) LIVIVO (ZB MED) ("Pflegediagnosen" UND "Hypothermie" UND "perioperativ") ("Gefahr einer lagerungsbedingten Verletzung" UND "Pflegediagnose") Springer Pflege & GMS ("Pflegediagnosen" UND "Synergy-Modell") ("AACN Synergy Model" UND "Pflegepraxis") Datenbank / Plattform Suchstrategie Filter Treffer (gesamt / relevant) PubMed (NCBI) (NANDA OR NIC OR NOC ...) AND (AACN Synergy Model ...) AND (perioperative ...) Publikationsdatum ≥1998 5 / 2 CINAHL (EBSCO) (NANDA OR NIC OR NOC ...) AND (Synergy Model ...) AND (perioperative ...) Seit 1998; PeerReviewed 7 / 3 Scopus (TITLE-ABS-KEY(NANDA ...) AND TITLE-ABS-KEY(...)) 1998–2025 8 / ~2 Web of Science TS=(NANDA OR NIC OR NOC AND Synergy Model) 1998–2025 4 / 1 Cochrane Library (NANDA OR NIC OR NOC) AND Synergy Model Alle Reviews 0 / 0
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