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Stimmen, die ‹wie Silberfäden leuchten›: Die Choralschola des Klosters Einsiedeln und ihre Interpretationspraxis

Klarer, Stephan

Abstract

Auf die Frage, was ein Benediktinermönch den ganzen Tag mache, folgt normalerweise die Antwort: beten und arbeiten. Diese Kurzformel des Klosterlebens – die in dieser Formulierung in der Benediktsregel gar nicht vorkommt – soll um einen dritten Aspekt ergänzt werden: die Gelehrsamkeit! Viele Klöster waren im Mittelalter Stätten von Bildung, Orte des Forschens, Lehrens und Lernens; teilweise sind sie es bis heute.

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Stephan Klarer Stimmen, die ‹wie Silberfäden leuchten› – Die Choralschola des Klosters Einsiedeln und ihre Interpretationspraxis In Schweizer Chorleben seit 1800 – Musik, Praxis und Kontexte = Vie chorale en Suisse depuis 1800 – Musiques, pratiques et contextes, herausgegeben von Caiti Hauck und Cristina Urchueguía, 323–340. Bern: Bern Open Publishing, 2024. DOI: 10.36950/edv-chm-2024.12 Diese Publikation steht unter der Creative-Lizenz CC BY-NC-SA 4.0. Nicht unter diese Lizenz fallen die Abbildungen. Copyright © der Abbildungen bei den FotografInnen und Archiven. Stimmen, die ‹wie Silberfäden leuchten› 323 STEPHANKLARER Stimmen, die ‹wie Silberfäden leuchten› – Die Choralschola des Klosters Einsiedeln und ihre Interpretationspraxis Einleitung: Einsiedeln im Mittelalter und in der frühen Neuzeit Auf die Frage, was ein Benediktinermönch den ganzen Tag mache, folgtnormalerweisedieAntwort:betenundarbeiten.DieseKurzformeldesKlosterlebens–dieindieserFormulierunginderBenediktsregel1garnichtvorkommt–sollumeinendrittenAspektergänztwerden: die Gelehrsamkeit!2 Viele Klöster waren im Mittelalter Stätten vonBildung,OrtedesForschens,LehrensundLernens;teilweisesind sie es bis heute. AuchimKlosterEinsiedelnwardieGelehrsamkeitseitderKlostergründungim10.JahrhunderteinintegralerBestandteildesKlosteralltags. Das spiegelte sich besonders im Wirken des ersten namentlich bekanntenLeitersderKlosterschulewider.DerGelehrtehießWolfgang,die KirchengeschichtekenntihnalsheiligenWolfgangvonTrier.3 Unter WolfgangwurdedieBibliothekdesKlostersausgebautundumBücher ergänzt,dieerwohlfürseinenUnterrichtverwendethat.Wieesdem damaligen Bildungsideal entsprach, mussten sich seine Schüler mit den Septem artes liberales auseinandersetzen und somit auch mit Musik.DavonzeugenmehreretheoretischeSchriften,diesichbisheute inderStiftsbibliothekEinsiedelnbefinden,soz.B.WerkevonBoethius 1SalzburgerÄbtekonferenz,Die Benediktusregel. 2DasvollständigeMottogar:«oralaboraetstudia»,vgl.ZentralefürUnterrichtsmedienimInternete.V.,«Benediktinerregel». 3Vgl.Tischler,«DieottonischeKlosterschuleinEinsiedeln». 324 Stephan Klarer undHucbaldodereineAbschriftderMusica Enchiriadis.4 Hinweise auf eine Interpretationspraxis der damals verbreiteten gregorianischen Gesänge allerdings sucht man in diesen Werken vergebens. Die mittelalterlicheSingpraxisistindenHandschriftenfestgehalten,diefürdie VerwendungimGottesdienstentstandensind.DasprominentesteBeispiel dafür ist der prächtige Codex 121derStiftsbibliothek,derzuden wichtigstenundältestenManuskriptendes10.Jahrhundertszählt.5Aus dieserHandschriftkönnentatsächlichInformationenüberdieArtund Weise,wieinEinsiedelnGregorianikgesungenwurde,gewonnenwerden;6denndarinbestehennebeneinandervielfältigeVarianteneinzelnerNeumen,diemitgroßerWahrscheinlichkeitdetaillierteAngaben zur sprachlichen und musikalischen Gestaltung der Gesänge darstellen. Neben der Veränderung der Neumenform nutzte der Schreiber aucheinSystemvonBuchstabenundAbkürzungen,überderenBedeutungderSt.GallerMönchNotkerineinemAnfangdes10.Jahrhunderts überliefertenBriefAuskunftgab.7 Die bekanntesten dieser litterae significativaesinddiejenigen,welche denzeitlichenVerlaufbezeichnen:eint für tenete[haltet],wennder FlussdesGesangsehergebremstwerdensoll,odereincalsAbkürzung von celeriter[schnell],wennesraschervorwärtsgehensoll. DiegesanglicheQualitätbetreffenfolgendevierlitterae: • len steht für leniter[mild],waseinensanftenKlangintendiert. • o,alsAbkürzungfürore rotundo[mitrundemMund],gibteinenkonkreten stimmtechnischen Hinweis. • pwirdvonNotkeralspressim[ansichdrückend]ausgedeutet,was durchaus als gestütztes Singen verstanden werden kann. • fgiltalsAbkürzungvoncum fragore[mitKrachen/Getöse]undweist aufeinSingenmitgroßerLautstärkehin.8 4Vgl.Lang,Der Mönch und das Buch;Klarer,«PaterRomanBannwart»;Tischler,«PaterRoman Bannwart»sowieStiftsbibliothekEinsiedeln,Codex 79(522): Musica enchiriadis. 5StiftsbibliothekEinsiedeln,Codex 121(1151): Graduale – Notkeri Sequentiae. 6Vgl.Praßl,«ScriptorInterpres»,55–58. 7Klöckner,Handbuch Gregorianik,89. 8Ebd.,89–92sowieHeller,«HinweisezumStimmklangingregorianischenHandschriften»,57–58. Stimmen, die ‹wie Silberfäden leuchten› 325 In den Handschriften, die ab dem 11. Jahrhundert entstanden sind, nimmtderZeichensatzderNeumeninsgesamtkontinuierlichab,ebensodieVerwendungderlitterae significativae. Damit wurden auch die wenigenAnhaltspunkte,dieaufdieInterpretationspraxisderEinsiedlerMönchehinweisen,seltener.Eskannnurgemutmaßtwerden,obmit der Reduktion der Zeichenvielfalt auch eine rhythmisch und klanglich eintönigereArtzusingeneinherging.9 Gesichert ist in Bezug auf das KlosterEinsiedelneinzig,dassim14.JahrhundertdieNeumenschrift durch Handschriften mit Quadratnotation ersetzt und dass die Gregorianik von der aufkommenden Mehrstimmigkeit und später von orchesterbegleiteten Werken in den Status reiner liturgischer Gebrauchsmusikzurückgedrängtwurde.Esgiltalsziemlichgesichert,dassnur nochimsogenanntenFrühamt,einemGottesdienstamfrühenMorgen, und im Stundengebet der Mönche einstimmig gesungen wurde; denn selbstinderVesper,diejaTeildesStundengebetsist,wurdeoftmehr9Vgl.Hangartner,Missalia Einsidlensia;Praßl,«Beobachtungen»sowiePraßl,«Choralhandschriften». Abbildung 1 Introitus Rorate coeli, Altes Frühamtbuch (Codex 598, Stiftsbibliothek Einsiedeln, 1–2, © Bild Stephan Klarer) 326 Stephan Klarer stimmigundmitOrchestermusiziert.Eswundertalsokaum,dasssich die Gelehrsamkeit in dieser Zeit auf andere Gebiete fokussierte und mansichwenigGedankenüberdenVortragdergregorianischenGesänge machte. Interessanterweise entstanden in Einsiedeln bis zum Endedes17.JahrhundertsdennochneueHandschriftenmiteinstimmigemliturgischenRepertoire,dieletzteundfürdieEntwicklungen im19.JahrhundertwichtigstedieserHandschriftenistdassogenannte Alte Frühamtbuch10von1692(sieheAbbildung1).11 Gregorianik-Interpretation im 19. und 20. Jahrhundert Gelehrsamkeitwurdeim19.Jahrhundertwiederzueinemzentralen AspektderGeisteswelt,waszumBeispielandersystematischenErforschung historischer Fakten zu sehen ist.12 So sind denn auch in zahlreichenDokumentendes19.und20.JahrhundertsausderMusikbibliothekdesKlostersEinsiedelnkonkreteInformationenüberdiePraxis deseinstimmigenSingenszufinden.ImFolgendensollderenEntwicklung,unterteiltinsiebenunterschiedlicheInterpretationsphasen,dargestelltwerden.DieZeitabschnitteunddiejeweilszugehörigeÄsthetik sindinderRegelabhängigvomamtierendenLeiterderChoralschola, dem sogenannten Choralmagister, und seinen musikalischen Ideen bzw.vondenLehrernunddenjenigenBüchern,dieihnbeeinflussthatten.13 Zwischen diesen sieben Interpretationsphasen gab es Übergangszeiten,währenddenenwenigerprägendeMännerdieGregorianikanleiteten.IhreNamenwerdenjeweilslediglicherwähnt. DieerstePhaseumfasstdieZeitab1803,nachdemdieEinsiedlerMönche aus dem revolutionsbedingten Exil in ihr Heimatkloster zurückgekehrt waren.14DamalsgabesdasAmtdesChoralmagistersnochnicht. DiegregorianischenGesängeimFrühamtwurdenvondenFratres,also denNovizen,gesungen.AngeleitetwurdederGesangjeweilsvomältes10StiftsbibliothekEinsiedeln,Codex 598(11). 11Vgl.Lang,Der Mönch und das Buch,106–24. 12Klöckner,Handbuch Gregorianik,153. 13Klarer,«DieChoralmagisterdesKlostersEinsiedeln(I)»;Klarer,«DieChoralmagisterdesKlostersEinsiedeln(II)»sowieKlarer,«PaterRomanBannwart»,188–279. 14Esistdavonauszugehen,dassdieGesangstraditionab1803bisindie1860er-Jahrekonstant geblieben ist. Stimmen, die ‹wie Silberfäden leuchten› 327 tenunterihnen,demFrater senior. Dafür scheint keine besondere musikalischeAusbildungoderBegabungvorausgesetztwordenzusein.15 Man sang die Stücke aus dem Alten Frühamtbuch(sieheAbbildung1) nach der Tradition des sogenannten Cantus Planus.«Dabeibekamjede einzelneNoteinderAusführungdengleichenrhythmischenWert,gesungen wurde eher langsam und stets mit Orgelbegleitung».16 Zudem wurden Schlusswendungen gern mit sogenannten «künstlichen Leittönen» geschärft.17 Die Beschreibung der damals gängigen Einsiedler ChoralinterpretationstammtvonP.AnselmSchubiger(1815-1888),dervon1847bis 1859Stiftskapellmeisterwar.NachdemerseinAmtniedergelegthatte, beschäftigte er sich mit der Geschichte und der Musikgeschichte des KlostersundwurdevorallemalsGregorianik-Forscherauchüberdie Landesgrenzen hinweg bekannt.18Erverfasste1870zuHandendes KonventseineDenkschrift,inderersichdeutlichgegenÄnderungen derbisherigenSinggewohnheitenaussprach,diedamalsumsichgegriffenhatten.19AllerdingszahltesichSchubigersEinsatzfürdieErhaltungderTraditionnichtaus,dennderAbtentschied,dassinEinsiedelnfortannachderneuerenArtChoralgesungenwerdensolle.20 DieNeuerungen,dieSchubigerbekämpfthatte,lassensichandenGepflogenheiteneinerjüngerenGenerationvonMusikernimKlosterablesen, deren Ästhetikder GregorianikdurchdenCäcilianismusund insbesondere durch die Person und die Schriften Franz Xaver Haberls beeinflusstwordensind.21 P.ClemensHegglin(1828-1924)–Stiftskapellmeistervon1859bis1875 undzusätzlichChoralmagistervon1869bis1875–setztesichfüreine lebendigereArtdesChoralsingensein,alssiezuvorgepflegtworden war.Erwarüberzeugt,dassdersogenannteCantus Rhythmicus die ursprüngliche Interpretationspraxis darstelle. Der Ausgangspunkt der 15Hegglin,Musikalische Erinnerungen. 16Klarer,«SingendeMönche–singendeGemeinde?»,392. 17Schubiger,Denkschrift über den einsidlischen Choralgesang;Klarer,«PaterRomanBannwart», 192–95sowieKlarer,«SingendeMönche–singendeGemeinde?»,392. 18Helg,«DieEinsiedlerKapellmeisterseit1800»,138–42. 19Klarer,«PaterRomanBannwart»,192–95sowieKlarer,«SingendeMönche–singendeGemeinde?»,392–94. 20Hegglin,Musikalische ErinnerungensowieKlarer,«PaterRomanBannwart»,197. 21 Haber, Magister Choralis; Klarer, «Pater Roman Bannwart», 197–99 sowie Klarer, «Singende Mönche–singendeGemeinde?»,393. 328 Stephan Klarer Gestaltung war der lateinische Text mit seinen starken und schwachen Silben und seinen rhetorisch sinnvoll gesetzten Betonungen. Diesem Grundsatz folgten auch die Tonlängen, die nicht mehr gleichmäßig, sondern abhängig von der Qualität sowie der Quantität der Textsilben und ihrer melodischen Positionen unterschiedlich gesungen wurden. DasSingtempowarhöher,wasimunbegleitetenVortragauchleichter zu realisieren war.22 ImChoralgesanghabendieNotenkeinenbestimmten,messbaren Werth.DieverschiedenenNotenformendienen,bloßdazu,dieModulationderStimmezuleiten.DieNotedarfalsoaufdieLängeoder Kürze,StärkeoderSchwäche derihrunterstehendenSilbenicht dengeringstenEinflussübensonderndieNoteerhältvielmehrvon derSilbedasMaß,ihreKraftundDauer.23 Hegglin berichtete über diesen Richtungsstreit in seinen handschriftlich überlieferten Lebenserinnerungen.24DieAufführungspraxisim engeren Sinne beschrieb er in seinem Text Über den Vortrag des Cantus Gregorianusvon1869.25 FürdieneueSingpraxisließHegglin1870zweiExemplareeinesNeuen FrühamtbuchesvonHandschreiben(sieheAbbildung2).26 Die lediglich zweifacheAusführungweistaufeinePraxishin,beiderdieSängerder Choralschola immer noch nach mittelalterlicher Manier die Gesänge auswendig kannten und sangen.27 HegglinsetztenichtnurneueMaßstäbeimrhythmischenBereichder Gregorianik-Interpretation;esistmehrfachbezeugt,dassihmauchdie stimmtechnischeFörderungseinerChoralsängereinAnliegenwar.In einerpädagogischenZeitschriftveröffentlichteer1874-75seineMethode unter dem Titel Goldenes ABC der Gesangskunst.AusdieserPublikationgehthervor,dassihmeinegesundesängerischeAtmungsowieein weicher,voller,nichtforcierterStimmklangwichtigwaren.Mankann 22Klarer,«PaterRomanBannwart»,199–206sowieKlarer,«SingendeMönche–singendeGemeinde?»,393. 23Hegglin,Über den Vortrag des Cantus gregorianus,9. 24Hegglin,Musikalische Erinnerungen. 25Hegglin,Über den Vortrag des Cantus gregorianus. 26Cantus Gregoriani pro Missis Cant. Matut.,NeuesFrühamtbuch,Einsiedeln1870(MusikbibliothekEinsiedelnMW632). 27Klarer,«PaterRomanBannwart»,230. Stimmen, die ‹wie Silberfäden leuchten› 329 alsodavonausgehen,dassdieGregorianiksingendenMöncheeinegute sängerische Schulung erhielten, was sich zweifelsohne künstlerisch positiv auswirkte.28 AmWirkenvonP.ClemensHegglinwerdenbereitszweizentraleMerkmalederEinsiedlerChoraltraditionim19.und20.Jahrhunderterkennbar:einerseitsdieBereitschaft,neuereErkenntnissederForschungin dieeigeneSingpraxiszuübernehmen,andererseitsdasInsistierendes ChoralmagistersaufderhohenstimmlichenQualitätdesVortrags. HegglinsNachfolgervon1876bis1879wurdeP.UrsJecker(1839-1882). Da die beiden Mönche musikalisch eng zusammengearbeitet hatten – JeckerwarHegglinsStellvertreteralsKapellmeistersowiealsLeiter derGregorianik–,ändertesichanderInterpretationspraxisunterdem neuen Choralmagister nichts.29 28Hegglin,«GoldenesABCderGesangskunst»sowieHegglin,«GoldenesABCderGesangskunst (Fortsetzung)»;vgl.auchKlarer,«PaterRomanBannwart»,206–09. 29Hegglin,Musikalische Erinnerungen,6sowieKlarer,«PaterRomanBannwart»,210. Abbildung 2 Introitus Rorate coeli, Neues Frühamtbuch (Musikbibliothek Einsiedeln, 1, © Bild Stephan Klarer) 330 Stephan Klarer Die dritte Etappe in der Interpretationsgeschichte der Einsiedler ChoralpraxisistdieAmtszeitvonP.ColumbanBrugger(1855-1905),dem späterenAbt,von1879bis1894.Erverfasste1888eineKurze Anleitung zum Studium und Vortrag des Choralgesanges.30 Darin berief er sich ausdrücklich,wieschonHegglin,aufdencäcilianistischenChoralförderer FranzXaverHaberl,abernunauchaufdieWerkedesdeutschenBenediktinersP.AmbrosiusKienlesowieaufdenfrühenGregorianik-PionierausdemKlosterSolesmes,DomJosephPothier.31 DieAusrichtunganPothierbrachteesmitsich,dassdierhythmische AusführungsichweiterhinamText,genaueranderSilbenqualität, orientierte. Der Gesang solle «im freien Rhythmus der Sprache vorgetragen»werden,wiewennderTextohneNotengesprochenwürde.32DierhythmischeBelebungdereinzelnenNeumenelementeallerdings,wieHegglinsiepraktizierthatte,wurdevoneinerTendenz zumÄqualismus,alsozugrundsätzlichbeinahegleichenNotendauern,abgelöst.ZurStimmbildungimGregorianischenChoralsindvon BruggerkeineÄußerungenüberliefert,erbemaßabereinemguten Vortrag«mitVerständnisundGefühl»einenhohenStellenwertbei.33 P.BonifazGraf(1868-1951)hatteBruggerregelmäßigalsLeiterder gregorianischenGesängevertreten.1894wurdeerseinNachfolger im Amt des Choralmagisters.34MitP.AdelrichBrosy(1862-1929)– LehrerfürLateinundGriechischamGymnasium,überdessenmusikalischeAusbildungoderBegabungnichtsüberliefertist–scheint dasChoralmagistratvon1898-1913ineherdilettantischeHändegeraten zu sein.35 Diesändertesich,alsP.BeatReiser(1880-1940)1914zumneuenVerantwortlichen für die Gregorianik ernannt wurde. Reiser hatte an der BenediktinerhochschuleSanAnselmoinRomPhilosophieund–auf ausdrücklichenWunschseinesAbtes–Gregorianikstudiert.DaerzudemeinesehrschöneundvolleStimmebesessenhabensoll,warer geradezuprädestiniertalsChoralmagister(bis1919).UnterseinerLeitungwurdebegonnen,dieProprienanwichtigenSonn-undFesttagen 30Brugger,Kurze Anleitung. 31KienleundPothier,Der Gregorianische ChoralsowieKienle,Choralschule. 32Brugger,Kurze Anleitung,5sowie43–44. 33Ebd.,42. 34Vgl.Klarer,«PaterRomanBannwart»,218. 35Vgl.Ebd.222. Stimmen, die ‹wie Silberfäden leuchten› 337 sche Gesänge vor und nach der katholischen Sonntagspredigt ausgestrahlt. Ebenso spielte das Ensemble elf LPs bzw. CDs ein. Bannwart selberwarauchjahrzehntelangalsDozentfürGregorianischenChoral an verschiedenen Schweizer Hochschulen tätig. Durch die Präsenz der Einsiedler Gregorianik in den Medien und auf verschiedenen TonträgernsowiedurchdiejeeigenePraxisdervielenSchülerinnenund SchülerBannwarts,verbreitetesichseineInterpretationspraxisinder ganzen Schweiz.55 Im Jahr 2007 wurde P. Roman Bannwart, unterdessen 88-jährig, als Choralmagisterabgelöst.NeuwurdeeinSystemetabliert,beidemsich mehrere Kantoren in der Leitung der gregorianischen Gesänge abwechselten.2009kehrtemanzuraltenOrdnungzurückundP.Urban Federer wurde zum allein verantwortlichen Choralmagister berufen. NachdessenWahlzumAbtvonEinsiedeln(2013)übernahmP.Daniel EmmeneggerdasAmt.GesungenwirdnachwievorausdenBlättern, die Bannwart für seine Praxis hergestellt hatte. Überblickt man die Entwicklung der Interpretationspraxis in den siebenskizziertenEtappenseitdem19.Jahrhundert,soistdasAugenmerkderVerantwortlichenaufdiestimmlicheSchulungderSingendenwohldieauffälligsteKonstanteindergesamtenfast140-jährigenEntwicklung.ImGegensatzbeispielsweisezuSolesmes,woauf «Stimmtechnik und Stimmpflege» weit weniger Wert gelegt wurde.56 Traditionsbrüche sind vor allem in Bezug auf das praktizierte Rhythmus-System festzustellen: 1869 geschah der tiefgreifende Wechsel vom Cantus Planus zum Cantus Rhythmicus. Dann herrschte fürmindestenssiebzigJahreeineZeitgroßerKontinuität,während dereinlebendigerVortragdeslateinischenTextes–alsodieklangliche Hervorhebung der Wortakzente und der Sinnakzente der Sätze–dieGrundlagederInterpretationenbildete.Abden1940er-JahrenfolgtedieSolesmes-Episode,währendderdieTextdeklamation gegenüber einer rein musikalisch organisierten Phrasengestaltung indenHintergrundgeriet.Ab1968schließlichentschiedmansich, dieErkenntnissederSemiologieanzuwenden,dieden«sinnvollen Textvortrag»,alsodieBeachtungvonBetonungundGliederungder 55Bruggisser-LankerundHangartner,Congaudent Angelorum Chori;Klarer,«PaterRomanBannwart»,102–09sowie123–27. 56Klarer,«PaterRomanBannwart»,270. 338 Stephan Klarer Sprache, überhaupt als Ausgangspunkt der Gregorianik und ihrer Singpraxis lehrt.57 DankdemEngagementderdiversenChoralmagisterkonntedasKlosterEinsiedelnabdemausgehenden19.Jahrhundertwiederzueinem Ort der musikalischen Gelehrsamkeit und der Choralpraxis werden. DenHöhepunktbildetedasWirkenvonP.RomanBannwart,derdie ChoralscholadesKlostersEinsiedelnzueinemmusikalischundsängerischgeachtetenKlangkörpergeformtundmitseinerInterpretationspraxis auf semiologischer Basis eine Brücke zu den Handschriften und damitmöglicherweiseauchzurSingpraxisundGelehrsamkeitdes10. Jahrhunderts geschlagen hat. Bibliografie Bannwart,Roman.«AbtGregorunddieChoralpraxisderScholaEinsiedlensis».In Festschrift zum tausendsten Todestag des seligen Abtes Gregor, des dritten Abtes von Einsiedeln 996–1996,herausgegebenvonOdoLang,267–74.St.Ottilien:EOS Verlag,1996. Birchler, Linus. «Gregorianisches aus Einsiedeln». In Der Chorwächter 49 (1924): 75–77. Brugger,Columban.Kurze Anleitung zum Studium und Vortrag des Choralgesanges im Allgemeinen und mit bes. Berücksichtigung des Einsiedl. Chorals.Einsiedeln:Selbstverlag,1888. Bruggisser-Lanker,ThereseundBernhardHangartner,Hrsg.Congaudent Angelorum Chori, P. Roman Bannwart OSB zum 80 Geburtstag (Festschrift),[1–3](Vorwort). Luzern:RaeberVerlag,1999. Caiter,Franz.Graduale für die Sonnund Feiertage im Kirchenjahr: Auszug aus dem Graduale Romanum der Editio Vaticana (Editio Typica 1908) bearbeitet und geordnet nach dem Ordo Cantus Missae (1972).Stuttgart:Selbstverlag,2008. Haberl,FranzX.Magister Choralis.Regenburg:VerlagFriedrichPustet,1864. Hangartner,Bernhard.Missalia Einsidlensia: Studien zu drei neumierten Handschriften des 11./12. Jahrhunderts.St.Ottilien:EOSVerlag,1995. Hegglin,Clemens.«GoldenesABCderGesangskunst,zunächstseinenI.Sopranund Altisten,sowieallenjungenstrebsamenGesangslehrerngewidmetvonP.C.H.».In Volksschulblatt: Organ für christliche Erziehung15(1874):401–03,411–14. ———.«GoldenesABCderGesangskunst,zunächstseinenI.SopranundAltisten,sowieallenjungenstrebsamenGesangslehrerngewidmetvonP.C.H.(Fortsetzung)». In Volksschulblatt: Organ für christliche Erziehung16(1875):14–15,19–20,26–30. 57Praßl,«DerCodexHartker(CH-SGs390/391)»,24–25. Stimmen, die ‹wie Silberfäden leuchten› 339 ———. Musikalische Erinnerungen: Iussu Thomae Abbatis conscriptum.Einsiedeln: Manuskript(MusikbibliothekEinsiedelnSchachtelD11b),1906. ———. Über den Vortrag des Cantus gregorianus: Meinen lieben und strebsamen Choralsängern dedicirt & gewidmet.Einsiedeln:Manuskript(MusikbibliothekEinsiedeln992,10),1869. 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