Eine Chorgründung aus dem Geist des Kulturprotestantismus: Adolf Hamm und der Basler Bach-Chor
Abstract
Die liturgische Musik aus der Feder von Johann Sebastian Bach ist unter dem Begriff Bach-Kantate in den letzten gut hundert Jahren von der Peripherie des Musiklebens in dessen Mitte vorgedrungen. Dabei standen nicht mehr nur einzelne Werke, sondern der vollständige Bestand der gut zweihundert mehrteiligen Kompositionen im Zentrum des Interesses.
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Dominik Sackmann Eine Chorgründung aus dem Geist des Kulturprotestantismus: Adolf Hamm und der Basler Bach-Chor In Schweizer Chorleben seit 1800 – Musik, Praxis und Kontexte = Vie chorale en Suisse depuis 1800 – Musiques, pratiques et contextes, herausgegeben von Caiti Hauck und Cristina Urchueguía, 341–393. Bern: Bern Open Publishing, 2024. DOI: 10.36950/edv-chm-2024.13 Diese Publikation steht unter der Creative-Lizenz CC BY-NC-SA 4.0. Nicht unter diese Lizenz fallen die Abbildungen. Copyright © der Abbildungen bei den FotografInnen und Archiven.
Eine Chorgründung aus dem Geist des Kulturprotestantismus 341 DOMINIKSACKMANN Eine Chorgründung aus dem Geist des Kulturprotestantismus: Adolf Hamm und der Basler Bach-Chor HeleneWerthemannzum95.Geburtstag Einleitung Die liturgische Musik aus der Feder von Johann Sebastian Bach ist unterdemBegriffBach-KantateindenletztenguthundertJahrenvonder Peripherie des Musiklebens in dessen Mitte vorgedrungen. Dabei standennichtmehrnureinzelneWerke,sonderndervollständigeBestand dergutzweihundertmehrteiligenKompositionenimZentrumdesInteresses.DieseTatsachespiegeltsichaufdemBuchmarkt,etwaindenPublikationenvonAlfredDürr,1ChristophWolffundTonKoopman2 sowie neuerdings von Hans-Joachim Schulze3undKonradKlek4 oder der GemeinschaftspublikationunterderLeitungvonAlbertJanBecking.5 AufdemKonzert-undCD-MarktwächstinexponentiellerZunahmedie ZahlderReiheneinspielungenunterderLeitungvonHelmuthRilling, GustavLeonhardtundNikolausHarnoncourt,TonKoopman,Masaaki Suzuki,JohnEliotGardinersowiederGesamtproduktionenderNederlandse Bachvereniging und der Bach-Stiftung St. Gallen. 1Dürr,Die Kantaten. 2WolffundKoopman,Die Welt der Bach-Kantaten. 3Schulze,Die Bach-Kantaten. 4Klek,Dein ist allein die Ehre. 5Becking,BötticherundHartinger,Wie schön leuchtet der Morgenstern.
342 Dominik Sackmann Solche «Bach Pilgrimages»6 verdanken sich ihrer Zwischenstellung von Konzert und Gottesdienst und werden bisweilen mit «Reflexionen»7 oderPredigtenverbundensowie–wieinSchönbergs«VereinfürmusikalischePrivataufführungen»8–(grundsätzlich)zweimalaufgeführt, wasdenKultcharakterdesmusikalischenObjektsindoppelterWeise, nämlicheinesalsdes«GenießensundvernünftigBewunderns»9 bedürftigen, unterstreicht. Die meisten dieser Kantaten-Aufführungen findeninKirchenstatt,fernabvomeigentlichenSonntagsgottesdienst, unddennochbasierensieinsofernaufihm,alsbeieinigenvonihnen das liturgische Jahr als Leitfaden der Programmierung herhalten darf. Eine solch vielfältige und internationale Rezeption steht meiner Beobachtungnacheinzigda:KaumeinWerkbestanddiesesAusmaßesund mitvergleichbarenAnforderungenanVokalsolisten,Chor,InstrumentalsolistenundEnsembleistindieserIntensitätundKonzentrationGegenstandeinerderartausschließlichenundeifrigenRezeptionseitens einergeradezumusik-religiösenVerehrerschaftgeworden–höchstens denAufführungenWagner’scherMusikdramenwährendderBayreuther Festspiele an die Seite zu stellen. Darum ist diese exzeptionelle Rezeptionshaltung und -handlung auf ihre Entstehung und Entwicklung zu befragen. Dabei geht es um die GeschichtederspezifischenRezeptionvonBachsKantaten,nichtbloß um Hinweise auf diesen Werkbestand im allgemeineren Rahmen der Bach-Rezeption.10Wiesichnochzeigenwird,unterliegtmeineUnter6«BachCantataPilgrimage»lautetderTitelderGesamteinspielungderKantatenausdemBachJahr2000unterderLeitungvonJohnEliotGardiner.Sieheders.,Music in the Castle of Heaven, 14–17. 7BeispielsweisebeidenAufführungenderBach-StiftungSt.Gallen,https://www.bachstiftung.ch/ konzerte-tickets/konzertablauf-und-orte-2/[LetzterZugriff:13.März2022]:«Werkeinführungen. VordemKonzertfindetfürInteressierteeine45-minütigemusikalisch-theologischeWerkeinführungstatt[…].Konzerte.ProAbendgelangtlediglicheineKantate,dafüraberzweimal,zurAufführung.DasVokalwerkwirddemPublikuminderAbfolgedesKirchenjahresnähergebracht. Reflexionen.ZwischendiebeidenKantatenaufführunglegenwireine‹Reflexion›überdenjeweiligenKantatentext.DabeibetrachtenPersönlichkeitenausverschiedenengesellschaftlichen BereichendenbarockenKantatentextausheutigerundpersönlicherSicht.Danachwirdmandas Werk anders hören als zuvor.» 8Berg,«ProspektdesVereinsfürmusikalischePrivataufführungen»,3. 9Forkel,Musikalisch-kritische Bibliothek,277. 10Etwainländer-oderregionenbezogenenDarstellungen,inStudienzurAufführungsgeschichte wie in Elstes Meilensteine der Bachrezeption,oderinumfassendenUntersuchungenwieHeinemanns und Hinrichsens Bänden Bach und die Nachwelt sowie Johann Sebastian Bach und die Gegenwart.
Eine Chorgründung aus dem Geist des Kulturprotestantismus 343 suchung aus gutem Grund der Beschränkung auf einen bestimmten regionalenRahmen,wasnichtheißt,dassdiejüngerenInitiativenin demselbengeografischenUmkreissichaufdiehierbehandeltenfrüherenVorgängeberiefen. Die Gründung des Basler Bach-Chors Am12.November1911tratderneugegründeteBaslerBach-Chorin einemselbstveranstaltetenKonzertimBaslerMünsterzumerstenMal andieÖffentlichkeit.AufdemProgrammstandenderActus tragicus BWV106,dieKantateVergnügte Ruh, beliebte SeelenlustBWV170und die Motette Jesu meine FreudeBWV227.DazuspielteAdolfHamm(18821938),derGründungsdirigentdesChors,dieTripelfugeEs-DurBWV552 für Orgel.11 Nach dieser Premiere schrieb der Rezensent der Schweizerischen Musik zeitung: UnterdemNamen‹BaslerBachchor›hatsicheinneuerVereingegründet, der beabsichtigt, unter Leitung des Münsterorganisten Herrn Adolf Hamm kleinere Werke der Chorliteratur, für die die grossenVereinemeistkeineZeitfinden,zuGehörzubringen,welche AufgabeinBaselfrüherderkleine,vonAugustWaltergeleiteteChor erfüllte.[…]WegendesgeringenverfügbarenRaumsaufdemLettnerbeiderOrgelmussderVereinsichaufeinekleineZahlinChor und Orchester beschränken. Wenn man gelegentlich ein etwas grösseresTonvolumengewünschthätte,sobietetdiegrössereIntimität –BachselbsthatjanuraufwenigSängergezählt–indiesenkleinern WerkendochauchihreVorzüge.InfeindifferenziertemAusdruck undindertechnischenBewältigungderKoloraturenzeigtedasneue EnsembleschonguteSchulung.HerrHamm[wirdbeschriebenals einMusiker],der,wieesübrigensbeiBachunumgänglichnötigist, alles mit peinlichster Sorgfalt vorbereitet und eingerichtet hatte und sichalskünstlerischüberlegenerDirigentauswies[…].12 11EinevollständigeAuflistungvonAdolfHammssämtlichenKonzertprogrammenab1907,siehe RefardtundMüry,«ProgrammsammlungenundRegister». 12Nf.(KarlNef),«Korrespondenzen»(1911),412,rechteSpalte.
344 Dominik Sackmann IndieserRezensionergibtsicheinekleineDiskrepanz:Einerseitshabe derVereinbeabsichtigt«kleinereWerkederChorliteratur»zurAufführungzubringen,andererseits,müssesichderChor«wegendesgeringenverfügbarenRaumsaufdemLettnerbeiderOrgel[…]aufeinekleineZahlinChorundOrchesterbeschränken».DieVerhältnisseklären hilftjenesZirkular,dasnochvordemKonzert,imOktober1911,andie BaslerMusikfreundeversandtwordenwar.Dortheisstes: MitdemderVereinigungbeigelegtenNamensolldieStilrichtung angedeutetwerden,indemJ.S.BachmitseinenKantatenundMotetten,sowieandereKomponisten,dieihmvorangehenundaufihn zurückweisen,inersterLiniezuWortkommensollen.DerBasler Bach-Chor ist auf den beschränkten Raum des Orgellettners im Münster angewiesen und verzichtet auf große Oratorienaufführungen mit vollständigem Orchester; aber er dürfte gerade deshalb berufensein,inseinenKonzertenWerkezubieten,diedengroßen Chorvereinigungen ferner liegen, im besonderen Kirchenmusik kleineren Umfangs aus früher und später Zeit.13 DiequantitativeBeschränkungwaralsoKonzeptundnichtetwaeine KonzessionanunvermeidlicheräumlicheZwänge. DerausdemElsassstammendeundinStraßburg,BerlinundLeipzig ausgebildeteAdolfHammwarseitdemHerbst1906Münsterorganist inBaselundLehreramdortigenKonservatorium.14 Er hatte im Januar 1907,15alsobaldnachAufnahmeseinergottesdienstlichenAmtstätigkeit,auchbegonnen,jeweilsinFrühjahrundHerbstimMünsterOrgelkonzerteinregelmäßigemTurnuszuveranstalten,waszuvorfür lange Zeit «in Basel etwas Unbekanntes»16 gewesen war.17 13Refardt,«DieGründungdesBaslerBach-Chors»,59. 14Cron,«DerLehrer»,76;Oesch,Die Musik-Akademie der Stadt Basel,26. 15RefardtundMüry,«ProgrammsammlungenundRegister»,159. 16Hiebner,«DerOrganist»,35. 17HinzuweisenwäreallerdingsaufdieOrgelkonzerte,welcheHammsVor-VorgängerBenedict Juckergegebenhatte.Hiebner,ebda.SieheauchHänggi,«DerKomponistundOrganistBenedict Jucker»,speziell176.
Eine Chorgründung aus dem Geist des Kulturprotestantismus 345 Schon vor der Gründung des Bach-Chors hatte Hamm zweimal, am 5.Juni190918undam17.Mai1911,19 einen kleinen Chor von sangeswilligenLiebhaberinnen undLiebhabern inein solches Konzertim Münsterintegriertundselberdirigiert,undzudemhatteerzumWeihnachtskonzert der Ortsgruppe Basel der Internationalen Musikgesellschaftam18.Dezember191020einennichtnäherspezifiziertenAd-hocChor beigezogen. War das erwähnte Zirkular von verschiedenen Persönlichkeiten unterschriebengewesen,sowarderBach-Chorletztlichdoch«ausschließlichaufHammsAnregunghinentstanden.»21ÜberdieBeweggründe, welchedenOrganistenzurGründungdiesesVereinsanspornten,hat Arnold Geering in der Gedenkschrift für Adolf Hamm informiert. Hamm, der selbst aus einer Theologenfamilie stammte, betrachtete seinen «Platz an der Basler Münsterorgel zeitlebens als kirchliches Amt[…].Erwardavonüberzeugt,daßseineStellungnebenderjenigen des Predigers die wichtigste im Gottesdienste sei.»22Nurwar«in derschweizerischreformiertenKirche»«dieMusikimGottesdienst[…] aufdiekümmerlichenReste,dasVor-undNachspielderOrgelunddas 18 Konzert mit alten Meistern, Programm: G. Muffat: Toccata F-dur; G. Böhm: Kantate «Mein Freund»fürSoli,ChorundOrchester;G.F.Händel:ConcertoD-Dur(?)mitStreichorchester; D.Buxtehude:Kantate«Alles,wasihrtut»fürSoli,ChorundOrchester.Geering,«DerChordirigent»,65sowieRefardtundMüry,«ProgrammsammlungenundRegister»,162. 19Programm:G.F.Händel:Orgelkonzertg-Moll,op.4Nr.3;J.S.Bach:Kantate«Ichhabegenug» BWV82;J.Brahms:BegräbnisgesangfürChorundBlasinstrumente,op.13;J.Chr.Bach:Motette «Ichlassedichnicht»fürChoracappella;J.S.Bach:AusderKantate«GottderHerristSonn’und Schild»BWV79:DuettfürAltundBass«Gott,achGott,verlassdieDeinennimmermehr»;Motette«DerGeisthilftunsrerSchwachheitauf»BWV226.Geering,«DerChordirigent»,66;Refardt und Müry, «Programmsammlungen und Register», 165 sowie sowie Nf., «Korrespondenzen» (1911),248. 20 Weihnachtskonzert der Ortsgruppe Basel der Internationalen Musikgesellschaft (Präsident: AdolfHamm),Programm:D.Buxtehude:Passacagliad-Moll;M.Franck.«HosiannademSohne Davids»;H.L.Hassler:«Nunkomm,derHeidenHeiland»;J.Pachelbel:PastoraleinF;M.Prätorius:«DenndieHirtendortmitLoben»;J.Crüger:«Christumwirsollenlobenschon»;AltböhmischesWeihnachtslied:«KommetihrHirten»;D.Buxtehude:«LobtGott,ihrChristen,allzugleich»;L.Schröter:«LobtGott,ihrChristen,allzugleich»;J.S.Bach:«VomHimmelhoch,da kommichher»;ChoralvorspielundFuge«VomHimmelhoch,dakommichher»,AdolfHamm, Orgel;Choradhoc;Ltg.:P.Schnyder.Geering,«DerChordirigent»,65f.;RefardtundMüry,«ProgrammsammlungenundRegister»,241sowieSchweizerische Musikzeitung51(1911),29–30. 21Refardt,«DieGründungdesBaslerBach-Chors»,61.InseinemGedächtnisartikel«AdolfHamm und sein Bach-Chor» (Basler Nachrichten95,2.BeilagezuNr.86,28.März1939,S.[1])schrieb Refardt:«EinspätererBaslerMusikhistorikerwirdeinmalurteilen:DerBaslerBach-Chordas istAdolfHamm.»,zit.vonMüllervonKulm,«Ausblick»,10. 22Geering,«DerChordirigent»,64.
346 Dominik Sackmann LiedvorundnachderPredigt,zurückgestutzt.»23 Dies führte ihn «zum AusbauseinerkünstlerischenTätigkeitaufdasGebietdervokalenKirchenmusik, soweit sie gottesdienstlich gebunden ist […].»24 Geering deutete diese Expansion der Tätigkeit des Organisten als stillschweigende Übernahme eines Kantorenamtes.25 Zeitgenössische Berichterstatterwurdennichtmüdedaraufhinzuweisen,dassHammseine ChorkonzertealsGefäßefürKirchenmusikoderkirchlicheChormusik26betrachteteundmithinseineKonzerte,dieanfänglichausschließlichimMünsterstattfanden,27alsGottesdienstebetrachtete,indenen dieKantatediePredigtvertrat,selbstwenndieBezeichnungen«liturgischerAbendgottesdienst»oder«protestantischeMorgenfeier»sowie die Mitwirkung des Bach-Chors darin noch einige Jahre auf sich wartenließen.28 Im Zentrum stand demnach nicht so sehr das konzertante AuftretendesChors,sondernstandendieWerke,derenBedeutungund Funktion:«BeiallenseinenKonzertengingesAdolfHammnichtum mehr oder weniger brillante Chorleistungen. Die technische Perfektion war ihm nicht das Höchste. Der Geist galt ihm mehr als die Materie.»29 AusdiesemGrundplanteHammdieKonzertedesBach-ChorsinzeitlicherNachbarschaftzudenkirchlichenFestzeitenPassionundWeihnachten.WeildamalsdieAufführungenvonBachsSonntagsmusiken nochkeineSelbstverständlichkeitwaren,verfassteHammauchEinführungstextezudeneinzelnenAufführungen,dieer«fürTagesblätterinverschiedenenFassungenschrieb,jedesmalimHinblickaufden besonderenLeserkreisderZeitung!»30 23Ebd. 24 Ebd. 25«DasOrganistenamtweitetesichzumKantorenamt,daserunausgesprocheninseinerganzen Aufgabenfülleverwaltete»,Geering,«DerChordirigent»,64–65. 26Scherer,«DerBaslerBach-Chor»,[7]. 27DieKonzertedesBach-Chorsfindenerstseit1940regelmäßiginderMartinskirchestatt,davor warensiedemMünstervorbehaltenundwurdenerstab1926inbeinahestetigemWechselin beideKirchenverlegt.Hiebner,«DerBaslerBach-Chor»,speziell45–47,sowieSuter,«Horchen was Bach zu sagen hat»,Umschlag. 28SieheRefardtundMüry,«ProgrammsammlungenundRegister»,271–72bzw.289–99passim. 29Hiebner,«DerBaslerBach-Chor»,21. 30Sacher,«MenschundKünstler»,31.
Eine Chorgründung aus dem Geist des Kulturprotestantismus 347 Zur Vorgeschichte: Bach-Rezeption in Basel im 19. Jahrhundert Obwohl in den Textzeugnissen zur Gründung des Bach-Chors die zentraleRolleAdolfHammsunbestrittenwar,bemühtensichdieAutoren seitKarlNef31undEdgarRefardtzuzeigen,dassdieseChorgründung nicht voraussetzungslos gewesen war, sondern dass die Bach-Verehrung in Basel schon damals auf eine beträchtliche Tradition zurückblicken konnte. In seiner Darstellung der «Gründung des Basler Bach-Chors» stellte Refardtwohlvölligwahrheitsgetreudar,inwelcherWeisesichHamms InitiativemitdeninBaselbereitsvorhandenenBach-Aktivitätengetroffenhatte:«Manwirdnichtohneweiteressagendürfen,daßHammbei derGründungdesBach-Chors frühere Einrichtungenim Augehatte. VondenKonzertenAugustWaltersmagererfahrenhaben»,welchebelegen, daßinmanchenFamilien[…]eineernsthaftePflegeguterHausmusik hochgehaltene Überlieferung war. Man kennt […[das MusiklebenimHauseRiggenbach-Stehlin,indem[…]AugustWaltervolles Verständnis und unermüdliche Hilfe für seine künstlerischen Bestrebungenfand.]…].UndähnlicheHäusergabesnochmehrere,so dasAndreasHeuslers,dereinausgezeichneterBachkennerwar[…]. Heuslers Schwiegersohn Emanuel La Roche hatte das auch so gehaltenundinsolchenKreisenwarderjungebachbegeisterteMünsterorganistAdolfHammgerneaufgenommenworden.[…]Namentlich abergewannerhierdieÜberzeugung,daßKräftevorhandenwaren, diedasstützenwürden,waserselbstaufzubauengedachte.32 Mit diesen Sätzen gab Refardt einen gedrängten Einblick in seine eigenenForschungen zuröffentlichen und privatenBachpflegeim Basel derzweitenHälftedes19.Jahrhunderts:EineSchlüsselpositionkam dabeidemausStuttgartstammendenAugustWalter(1821-1896)zu,33 31BereitsinseinerRezensiondeserstenKonzertesdesBach-ChorsinderSchweizerischen Musikzeitung,sieheoben,S.3undAnm.12. 32Refardt,«DieGründungdesBaslerBach-Chors»,62–63. 33Refardt,«BiographischeBeiträgezurBaslerMusikgeschichte»,52.
348 Dominik Sackmann dernichtnurvon1850bis187334die«Kränzchen»imHauseRiggenbach-Stehlinundab1858dessenSpin-off,densogenannten«OrpheusVerein»,351882bis1885dasKränzchenbeiWilhelmAlioth-Vischer36 undseineneigenenKonzertchorbis189537musikalischverantwortete, sondernvon1890bis189538auchdieähnliche,aberkurzlebigereprivateHausmusikpflege desRechtshistorikers Andreas Heusler-Sarasin39 unterstützte und zudem ab 1884 auch den Münsterchor leitete.40 In allendiesenZusammenkünftenspieltenBachsKantateneinewichtigeRolle,anfänglichdiesechsausderMarx’schenAusgabevon1830 (besondersBWV106,104,105)41undabdemErscheinenderKantatenBände der Bach-Gesamtausgabe immer mehr Werke in der Reihenfolge ihrerVeröffentlichung(BWV1,4,7,8,21,23usw.).42 AbgesehenvondiesenprivatenAktivitätenhattederbereits1824gegründeterepräsentativestädtische«BaslerGesangverein»ab1852 seineReihederAufführungenvonBachsumfangreicherenVokalwerkenaufgenommen,denenursprünglichebenfallshausmusikalische Initiativen vorausgegangen waren.43 Bis zur Jahrhundertwende führte der Gesangverein die Johannespassionab1861viermalvollständig,dieMatthäuspassionab1865achtmal,ganzeKantatenaus dem Weihnachtsoratoriumab1862zweimalunddieH-Moll-Messe ab 1882dreimalauf.44AdolfHammwusstezweifellosvondiesendiversenBestrebungenumdieWiederbelebungvonBachsVokalwerken, jalautdenGründungsdokumentendesBaslerBach-Chorsversuchte erjaausdrücklich,gegenüberdenAufführungenvonBachsPassionen,Weihnachtsoratorium und H-Moll-Messe durch den «Basler Gesangverein»eineAlternativezuetablieren.45 Mehr als diese lokalen Traditionen waren aber Hamms direkte persönliche Bekanntschaf34Schanzlin,Basels private Musikpflege,44. 35Ebd.,38–47. 36Ebd.,45. 37Ebd.,46. 38Ebd.,50. 39Ebd.,49–51. 40Merian,Basels Musikleben,149. 41Schanzlin,Basels private Musikpflege,37. 42 Ebd. 43Sackmann,«ZweiBeiträge»,61–70. 44Cimino,«‹Eindruckdergrossartigste,denhierjeeinWerkhervorgebracht›»,199(beiderMatthäuspassionaberkorrigiertaufgrundderAngabenvonEdgarRefardt,sieheAnhangII). 45SiehedasZirkularvomOktober1911,Refardt,«DieGründungdesBaslerBach-Chors»,59.
Eine Chorgründung aus dem Geist des Kulturprotestantismus 355 EinführungstextzurerstenAufführungderJohannespassion im Jahre1918daranfesthielt, daßessichbeiBachsoratorischenPassionenumgrandioserweiterteKantatenhandelt,dieimGegensatzetwazuHändelsOratorien das dramatische Moment nicht besonders betonen wollen. Wenn auch die dramatischen Chöre der Johannespassion in der Flammenschrift der Bachschen Tonsprache besonders hervorleuchten,sobleibtdochdieGrundideedesWerkeseinelyrische: musikalische Ausdeutung der Betrachtungen, welche die Kirche vonaltersherandieLeidensgeschichtezuknüpfenpflegt,musikalische Passionsandacht – Passionsfeier.82 HammsRekursaufSpittalässtsichnochgenaueramBeispielderKantate Du Friedefürst, Herr Jesu ChristBWV116belegen.Spittahatteseine ganzeChronologiedaraufgestützt,dassdieseKantatealsdiespätestederseit1732entstandenenChoralkantatenanzusehensei,weiler– ohneweitereBegründung–denTextdessounmittelbarwirkendenAltRezitativsdirektaufdamaligeKriegsgeschehnissebezog.83 Spitta hatte geschrieben:«AuchdasAlt-RezitativderCantate‹DuFriedefürst,Herr JesuChrist›istfreigedichtet;dieshatseinenGrundoffenbarindem durchdieKriegsereignissevon1744bestimmtenbesondernCharakter des Werks.»84HammsEinführungstextzudieserKantatebeginntmit demSatz: Esistnichtganzbewiesen,aberdochsehrwahrscheinlich,daßdiese Kantate1744entstandenist,alsoaufdenAnfangdeszweitenschlesischenKriegesanspielt(vgl.dasRezitativvordemSchlußchoral:‹Ach laßunsdurchdiescharfenRutennichtallzuheftigbluten!…Wohlan,sostreckedeineHandaufeinerschrecktgeplagtesLand,diekann derFeindeMachtbezwingenundbeständigFriedenbringen›).85 82 Hamm, «Ein Führer zuBach»,135,zit.in Geering,«DerChordirigent», 68[Hervorhebungen D.S.]. 83ZuSpittasdoppeltfalscherAnnahme,sieheSandberger,Das Bach-Bild Philipp Spittas,260f.mit Verweis auf die grundlegenden Untersuchungen von Dürr, «Zur Entstehungsgeschichte des BachschenChoralkantaten-Jahrgangs»,9–11. 84Spitta,Johann Sebastian BachBd.2,573. 85Hamm,«EinFührerzuBach»,118.
356 Dominik Sackmann SpittasDatierungindieNähegleichzeitigerKriegsereignissewarwohl auchderGrunddafür,dassHammdieseKantateaufdasProgramm der«WeihnachtsmusikinderKriegszeit,20.Dezember1914imMünster»86 gesetzt hat. Auch die Datierung des Actus tragicusauf1711stimmtmitSpittas Chronologie überein. Den aus dem Werktitel von Johannes Brahms’ Deutschem Requiem entliehenen Titelzusatz «nach Worten der Heiligen Schrift»87entnahmHammallerdingsderTitelseitederKantateBWV 106inderGesamtausgabederBach-Gesellschaft.88 Dieser nicht-originaleTitelzusatzwareswohlauch,derHamminseinemEinführungstextfürdieAufführungimApril1917zurBemerkungverleitete,der Actus tragicussei«einkleines‹DeutschesRequiem›intimsterArt.»89 Ein komplizierter Fall ist die Kantate BWV 145, die Hamm im Programm Auf, mein Herz, des Herren Taggenannt,90 der Rezensent in der Schweizerischen Musikzeitung aber mit dem Incipit So du mit deinem Munde bekennest Jesum91 gekennzeichnet hat. Heute wird der GrundbestanddieserKantatemitdemTextanfangdererstenArieIch lebe, mein Herze, zu deinem Ergötzen benannt. Spitta hat dieses Werk auch mitdemArien-Incipitbezeichnet,aberineinerFußnotebemerkt,dass demWerkineinerHandschriftausZeltersBesitzsowohleinChoral, «Auf,meinHerz,desHerrenTag»,alsaucheinChorsatz,«Sodumit deinemMundebekennestJesum»,vorangestelltseien,wobei«überdie EchtheitdesChorals[…]wohlkeinZweifelsein»könne,jedoch«dieArt der Melodieführung und Fugirung [des Chorsatzes] nicht Bachisch, eher Telemannisch» sei.92SpittananntealsoindergenanntenFußno86Ebd.,119. 87Ebd.,117. 88Rust,Joh. Seb. Bachs Werke. Dreiundzwanzigster Jahrgang: Zehn Kirchenkantaten[BWV101-110], 147,Titelblatt:«Actustragicus|‹GottesZeitistdieallerbesteZeit›|Cantate|nachWortender heiligenSchrift|No.106». 89Hamm,«EinFührerzuBach»,118. 90RefardtundMüry,«ProgrammsammlungenundRegister»,268. 91Nf.,«Korrespondenzen»(1912),167,rechteSpalte. 92Spitta,Johann Sebastian BachBd.2,274,Anm.11.Spittalagdamitübrigensganzrichtig;der ChorsatzstammtvonGeorgPhilippTelemann,TVWV1:1350.BeideZusätzezumoriginalen Kantatenfragment(?)warenwohlinden1780er-JahrenvonCarlPhilippEmanuelBachveranlasstworden.Jörg-AndreasBötticher,«BWV145.SodumitdeinemMundebekennestJesum/Ich lebe,meinHerze,zudeinemErgötzen»,inBecking,BötticherundHartinger,Wie schön leuchtet der Morgenstern,192,unterVerweisaufKüster,«Neuaufgaben des Organisten»,347undSchulze, Die Bach-Kantaten,193.
Eine Chorgründung aus dem Geist des Kulturprotestantismus 357 tealledreiKantatentitelalsmöglicheIdentifikatoren.WohlauchdeswegenentschiedsichHammdafür,dieKantatemitsamtderspäteren Zusätze aufzuführen und folgerichtig – und entgegen dem Titel in der Bach-Gesamtausgabe–denAnfangstextdesnichtvonBachstammenden Eingangschorals im Programm zu nennen.93 «Die Wiederbelebung protestantischer Kirchenmusik auf geschichtlicher Grundlage» Bei weitem wichtiger als diese nachweislichen Übereinstimmungen zwischen Hamms Einführungstexten und Spittas Werkbetrachtungen indessenBach-BiografieistdieVerwandtschaftzwischenHammsBaslerChorgründungundSpittasgrundlegenderenMotivationen,dieseiner Bach-Forschung zugrunde gelegen haben. Dabei berief sich Hamm nicht auf die eher deutsch-nationalen Töne im Vorwort zum ersten BandvonSpittasBach-Monografie,94sondernaufLeitgedanken,welchederAutorneunJahrespäter,1882,unterdemTitel«DieWiederbelebungprotestantischerKirchenmusikaufgeschichtlicherGrundlage» veröffentlichthat.95 Fast wörtlich scheint diese Wortwahl auch in den StatutendesBach-Chorsauf: DerBaslerBach-ChormachtsichzurAufgabe,diegeistlicheMusikallerZeitenspezielldiejenigeJ.S.Bachs,zupflegenunddurch öffentlicheAufführungenVerständnisdafürzuwecken.–ErveranstaltetinderRegeljährlichzweiKonzerteimMünster,daseine inderWeihnachts-,dasandereinderPassionszeit.Auchwillerin liturgischenGottesdienstendieAufführungderBachschenKantaten in ihrem ursprünglichen Rahmen wieder beleben.96 93RefardtundMüry,«ProgrammsammlungenundRegister»,268. 94Sieheunten,S.29f.undAnm.159. 95ZunächsterschieneninDeutsche Rundschau31(1882),wiederabgedrucktinPhilippSpitta,Zur Musik. Sechzehn Aufsätze,Berlin:Paetel,1892,29–58.(AlleZitatenachdieserAusgabe.) 96Zit.nachB.,«KurzerRückblick»,3.
358 Dominik Sackmann MitBezugaufHammsEinführungstexteformulierteGeering: ZugleichwurdedasPublikumdaraufhingewiesen,daßdieKantatennichtfürdasKonzertbestimmtwaren,sondernfürdenGottesdienst,unddaßsienurindiesemSinnewahrhaftiggewürdigt werden können. Er stellte sie daher auch mit seinem Bach-Chor in denDienstjenerBestrebungen,welchedenWerkenJ.S.Bachsim GottesdienstwiederEingangverschafften,sobalddieZeitdazugekommen war.97 MitseinerletztenBemerkunglieferteGeeringaucheineBegründung, warumdieseBemühungenzwarletztlichaufdenGottesdienstzielten, aberdennochvorerstimKonzertangesiedeltwerdenmussten. Spittas Aufsatz «Die Wiederbelebung protestantischer Kirchenmusik aufgeschichtlicherGrundlage»gehtdavonaus,«daßeineprotestantischeKirchenmusikschonseithundertJahrennichtmehrbesteht.»98 In ausdrücklichemGegensatzzumIdealderA-cappella-Musik,wiesieam Anfangdes19.JahrhundertsunteranderemvonCarlvonWinterfeld propagiert wordenist,99erhebtSpittaBachsKantatenzumInbegriff protestantischerKirchenmusik:«BachbringtdieeigentlicheprotestantischeKirchenmusikaufGrundlagedesChoralsundderOrgelmusik zurVollendung.»Als«ästhetischeMerkmalederwahrenKirchenmusik» nennt Spitta «Erhabenheit und Unpersönlichkeit.»100 Diese sieht er zunächstinderOrgelmusikverwirklicht: Weil die Orgel weder einen schnellen Wechsel der Stärkegrade noch ein An- und Abschwellen des einzelnen Melodietons, noch sonsteinebesondereSchattirungdesselbenzuläßt,wehrtsiedie HineintragungeinessubjectivenGefühlsausdrucksab.Durchdie ruhigströmendeGleichmäßigkeitihresKlanges,ebensowiedurch die großartige Fülle und Macht, die sie zu entwickeln fähig ist, macht sie zugleich den Eindruck des Erhabenen.101 97Geering,«DerChordirigent»,70 98Spitta,«DieWiederbelebung»,31. 99Ebd.,43. 100Ebd.,40. 101Ebd.,49–51.
Eine Chorgründung aus dem Geist des Kulturprotestantismus 359 WasSpittaanderOrgelmusikhervorhebt,siehterinBachsKantaten auchaufdieVokalmusikübertragen: AufderhöchstenHöhederOrgelkunststehend,fandBachinihren Ausdrucksmitteln sein Genüge nicht mehr. Um dem Ideale, das ihmvorschwebte, näher zu kommen,zogerMenschenstimmen undmehrundmehrauchandereInstrumentehinzu.Ergriffauch hinüberindienicht-kirchlichenKunstformenseinerZeitunderweiterte durch sie diejenigen Formen, welche der Orgel allein gehörten.ErumfaßtesoallmählichdiegesammtedamaligeTonkunst,aberalleneuenElementewußteermitdemGeistederOrgelmusiksozudurchdringen,daßsieeinvollständigkirchliches Gepräge erhielten.102 Diese Erkenntnis führt Spitta zu seiner grundsätzlichen und apodiktisch formulierten Schlussfolgerung: «Die Bach’schen Cantaten also demGottesdienstezurückzugewinnen,fürdensiegeschriebenundin demsieausgeführtwordenist,istwiederumeinMittelzurWiederbelebung der protestantischen Liturgie auf geschichtlicher Grundlage.»103 Die Neue Bach-Gesellschaft als Organ für Spittas Bestrebungen Philipp Spittas Forderung nach der Wiederbelebung des protestantischenGottesdienstesdurchdieAufführungvonBachsKantatenkann leicht als anachronistischer Vorstoß eingestuft werden. Dennoch scheintdieIntegrationderBach-KantateindenprotestantischenGottesdienstum1900dieGemüterbeschäftigtzuhaben,zumalinKreisen derebengegründetenNeuenBach-Gesellschaft.IndererstenAusgabe ihres Jahrbuchs104wurdendieVorträgeundDiskussionsbeiträgeabgedruckt, die im Oktober 1904 auf dem zweiten deutschen Bachfest inLeipzigGegenstandjenerDebattewaren,welche–zehnJahrenach 102Ebd.,53. 103Ebd.,55.DieeinzigeFußnoteinderspäterenWiederveröffentlichungdesAufsatzesimRahmen des Sammlung Zur Musikvon1892beziehtsichaufeineninzwischenveröffentlichtenTextvon SpittasBruderFriedrichSpittaausdemJahre1886. 104NeueBachgesellschaft,Bach-Jahrbuch 1904,21–103.
360 Dominik Sackmann Philipp Spittas frühem Tod – um ebendieses Thema kreisten. Damals wurde unter anderem in der Thomaskirche ein Gottesdienst der Bachzeit105nachgestellt,inderenZentrumdiePredigtdesevangelischen TheologenJuliusSmend(1857-1930)stand,diesichamRandeebenfalls derliturgischenWiederbelebungvonBachsKirchenmusikwidmete.106 Smends Postulat war in den folgenden Tagen des Leipziger Bachfestes immer wieder Gegenstand von zumeist zustimmenden Reaktionen. Dass Adolf Hamm zumindest die publizierten Diskussionsbeiträge kannte,gehtdaraushervor,dassseinsigniertesExemplardesersten Jahrgangs des Bach-Jahrbucheserhaltenist,wennleiderauchohneAnstreichungenoderAnmerkungen.107Mankannsogarvermuten,dass dieLektüresolcherTexteeinenentscheidenden,möglicherweiseletzter Schritt darstellte auf Hamms Weg zu einer praktischen Renaissance derBach-Kantaten. Adolf Hamm DieNamenSpittaundSmendführenaufverschiedenenWegenzum BaslerMünsterorganistenzurück,derlautNekrologschonzuLebzeiten «zu den ersten Orgelmeistern unserer Tage» zu rechnen war.108Adolf Hammwaram9.März1882inWickersheimimUnter-Elsassgeboren worden.109SeinVaterwardortevangelischerPfarrer,seineMutterwar dieTochtereinesStraßburgerPfarrers.MitachtJahrenhatteHamm begonnen, Orgel zu spielen und bald auch Gottesdienste begleitet. 1895übersiedeltedieFamilienachIllkirch,einemVorortvonStraßburg.AdolfbesuchtefortandasProtestantischeGymnasiumundhattedortOrgelunterrichtbeiErnstMünch(ErnestMunch,1859-1928),110 105Siegele,«JohannSebastianBach–‹DeutschlandsgrößterKirchenkomponist›»,67. 106«PredigtdesHerrnProfessorF.J.SmendausStraßburgimNachmittags-GottesdienstderThomaskircheam2.Oktober»,NeueBachgesellschaft,Bach-Jahrbuch 1904,22–18.Siehedazuauch Klek,Erlebnis Gottesdienst,36. 107DasBach-Jahrbuch 1904ausdemNachlassvonAdolfHammbefindetsichzurzeitimBesitzdes Verfassers. 108O.M.,«AdolfHamm†»,[8]. 109DiefolgendebiografischeÜbersichtfolgtSacher,«Lebenslauf».SieheauchSchanzlin,«Adolf Hamm». 110ZurBiografievonErnstMünch,sieheGeyer,La vie musicale à Strasbourg,226–27,sowieArnold, Albert Schweitzer,184–85.
Eine Chorgründung aus dem Geist des Kulturprotestantismus 361 aufdennochzurückzukommenseinwird.1900bis1902studierteer am Konservatorium Straßburg Orgel und Kirchenmusik bei Ernst MünchsowiealsNebenfächerMusiktheorieundVioloncello;gelegentlich wirkte er als Cellist im städtischen Orchester unter der Leitung vonFranzStockhausen(1839-1926),demjüngerenBruderdesSängers JuliusStockhausen(1826-1906),mit.DanebenstudierteHammTheologieanderStraßburgerUniversität;einJahrspäterbelegteerauch VorlesungeninKlassischerPhilologie, Philosophie,Religionsphilosophie,Psychologie,Kunst-undLiteraturgeschichte,abernichtimFach Musikwissenschaft,111obwohldieUniversitätStraßburgüberdaserste musikwissenschaftliche Institut innerhalb einer deutschen Universitätverfügte.Ab1902studierteerinBerlinPhilosophieunddeutsche Literatur,antikeLyrik(u.a.beiUlrichvonWilamowitz-Moellendorff, 1848-1931) und Kunstgeschichte (bei Heinrich Wölfflin, 1864-1945), danebennahmerUnterrichtbeiHeinrichReimann(1850-1906),dem OrganistenderKaiser-Wilhelms-Gedächtniskirche,der1898inBerlin selbst einen Bachverein gegründet hatte. Erst nach einem weiteren StudienjahranderUniversitätStraßburgentschlosssichHamm,sich ganzderOrgelzuwidmen,undreistezuKarlStraube(1873-1950)nach Leipzig,woerauchmusiktheoretischeKursebeiHugoRiemann(18491919)undSeminareimFachHymnologiebeiGeorgChristianRietschel (1842-1919)besuchte.NachnurzweiJahrenVollzeitausbildungverließ HammLeipzigmiteinemZeugnisvonKarlStraube112inderTasche, das ihn wärmstens für eine ihm angemessene Organistenstelle empfahl.WenigeWochenspätertraterseinenDienstimBaslerMünsteran, nachdemihnHansHuber,HermannSuterundseinVorgängerAlfred Glaus (1853-1919, Münsterorganist 1876-1906) bei einem Konzert in StraßburggehörtundausachtBewerbernausgewählthatten.113 Zweimal,gleich1906undnochmals1912,wurdeAdolfHammnachBerlin beziehungsweiseBernwegberufen,bliebaberBaseltreu,beimzweitenMalunterausdrücklichemVerweisaufseinenebengegründeten Bach-Chor.114 111Vgl.dagegenSchibli,«Rundumdie‹Voxhumana›»,71:«AdolfHamm[…]der[…]inStrassburg Musikwissenschaft studiert hatte.» 112Datiertaufden14.April1906,vollständigwiedergegebeninSacher,«Lebenslauf»,15–16. 113Sacher,«Lebenslauf»,16–17. 114SiehedenBriefvonAdolfHamm(z.Zt.Gersau,Seehof)anCarlChristophBernoulli-Burgervom 21.April1912,CH-BuNL137:B5.
362 Dominik Sackmann Ernst Münch und der Chor der Wilhelmskirche in Straßburg BesonderenEinflussaufHammsEntwicklungalsausgewiesenerBachSpezialisthattedieTatsache,dassHammseineJugend,seinefrühen StudienjahreunddenBeginnseinerKonzerttätigkeitinStraßburgverlebt hatte.115 DasElsasswarseit1871HauptstadtdesReichslandes,dasdirektdem deutschenKanzlerunterstelltwar.116 In der Folge wurde dessen HauptstadtStraßburgsoeifrigvonsogenanntenAltdeutschenbesiedelt,dass 1890derAnteilderZugewanderten39ProzentderGesamtbevölkerung betrug. Dadurch stieg auch die Zahl der Protestanten in der Stadt auf 49,52ProzentimJahr1890.Deswegenverwundertnicht,dasshierauch derevangelischenKirchenmusikeineraschwachsendeBedeutungzukam.117 Diese wachsende Präsenz der Protestanten und Protestantinnen inStraßburgwurdenochverstärktdurchdieKirchenchorgründungen, dieursprünglichimZusammenhangmitdemLutherjahr1883erfolgten,sichaberdarüberhinausfortsetzten.Zudiesengehörteauchder ChorderKircheSt.Wilhelm(Saint-Guillaume),118dergegründetwurde, um«d’avoirunchœurquipûtchanterauservicedivindesfêtesreligieusesdescompositionsdechantssacrésetdemusiquessérieuses».119 SeinersterundlangjährigerLeiterwarErnstMünch,120derab1882zunächst als Organist an Saint-Guillaume gewirkt hatte und – ähnlich wie später Hamm in Basel – «befremdet war von der Trockenheit des protestantischen Gottesdienstes».1211885hatteMünchdenKirchenchoran 115Hiebner,«AdolfHammundderBach-Chor»,11:«AdolfHamm,derinjungenJahrennebender MusikauchTheologiestudierthatteundwieseineVorfahrenursprünglichPfarrerwerden wollte,brachteausStrassburg,woersichdemKreisumSmendundSpittaverbundenfühlte, jeneaufeintiefesWissenumdieBeziehungenzwischendemverkündetenKanzelwortundder MusikgegründeteEinstellungmit,diefürseineTätigkeitimmerwegleitendgewesenist.Sie liessihndenndieseauchalsKantorenamtindesWorteseigentlichsterBedeutungauffassen.» 116Geyer,La vie musicale à Strasbourg,8. 117Ebd.,217. 118Oberdoerffer,«CinquantenaireduchœurdeSaint-Guillaume»,20:«LeChœurdeSaint-Guillaume est bel et bien le fruit de ces initiatives.» 119Geyer,La vie musicale à Strasbourg,218–19. 120BekannteralsErnstMünchwurdeseinSohn,derGeigerundspäterindenUSAwirkendeDirigentCharlesMünch(1891-1968). 121Geyer,La vie musicale à Strasbourg,219:«frappé par la sécheresse du culte protestant».
Eine Chorgründung aus dem Geist des Kulturprotestantismus 363 dieserKirchegegründetundimHerbst1886dasPfarrkonsistoriumangefragt,obmandenGläubigenandenhohenFesttagen«desœuvresdes grandscompositeursdemusiquereligieuse»anbietenkönnemitdem Hinweis:«lebutdecesconcertsspirituelsestd’éveillerdanslesclassespopulaireslegoûtdelabellemusique,desmaîtrestelsqueHændel, Bach,Haydn,Mozart».122 Münchs Initiative verband zwei entgegengesetzteAbsichten,einerseitsdieAbsicht,zur«VerstärkungdesGlanzes religiöserFeierlichkeiten»beizutragen,undandererseitsden«Wille[n], dieÖffentlichkeitmitdenmusikalischenWerkendergroßenMeister» vertraut zu machen.123 Wie beim Basler Bach-Chor konzentrierten sich dieaußerliturgischenAktivitätendesChorsaufdiekirchlichenFesttage.DiesenjährlichvierbisfünfFeiertagskonzerten,dieerdurchfast vierzigJahrehindurchplante,organisierteundmusikalischverantwortete,verdankteErnstMünchseinlokalesundregionalesRenommé.124 Ohne sich darauf «festnageln»125zulassen,standenimZentrumseines StrebensundSchaffensdieVokalwerkevonJohannSebastianBach.126 Inmehrals250Bach-AufführungenhatMünchzwischen1885und1919 81 Kantaten von Johann Sebastian Bach vorgestellt. Dem ursprünglichenAnstoß,demLuther-Jubiläum,gemäßwardurchalledieseJahre hindurchdieKantateEin feste Burg ist unser GottBWV80dasPiècede RésistancevonMünchsBach-Bemühungen,gefolgtvonWachet auf, ruft uns die Stimme BWV140,undderTrauerodeBWV198.127 Ebenso wie späterinBaselstanden,zumalwennesumBachsKantatenging,dieWerke, deren gemeindebildende Funktion und deren Scopus eher im Zentrum derBemühungenalsdiemusikalischePerfektionvonChor,Ensemble undSolisten.Nachundnachsolltennichtnurdiebereitsbekannten, sondern auch die noch unvertrauten Bach’schen Sonntagsmusiken zu Gehör gebracht werden.128Esgingauchdarum,sicheineBach-Gemein122Oberdoerffer,«CinquantenaireduChœurdeSaint-Guillaume»,21zit.nachGeyer,La vie musicale à Strasbourg,227.EineBeschreibungderKonzerteinSanktWilhelmfindetsichauchbei Arnold,Albert Schweitzer,184–86. 123Geyer,La vie musicale à Strasbourg,227:«C’est donc à la fois le souci de rehausser l’éclat des solennitésreligieusesetlavolontédefamiliariserlepublicavecdesœuvresmusicalesdes grand maîtres.» 124Ebd.,227–29. 125SiehedieseFormulierung,wennauchmitBezugaufAdolfHamm,oben,S.11undAnm.65. 126Will,«LeChœurdeSaint-GuillaumedeStrasbourg»,344:«C’estàl’écoledeBachqu’ilaétéforméetqu’iléduquesonchœur,laparoisseetlesmilieuxquifontéchoàcesaccentsnouveaux.» 127Geyer,La vie musicale à Strasbourg,229. 128Schweitzer,«Souvenirsd’ErnestMunch»,52.
364 Dominik Sackmann de zu formen.129 Dazu wurden auch «Begleittexte zu den Konzerten» verfasst,«diealsBeilageindenStraßburgerZeitungenoderindenProgrammheften abgedruckt wurden».130 Später berichtete der ständige Continuo-Organist–aufdennochzurückzukommenseinwird–,mit welcher Inbrunst und Verve «Münch, sein Bruder Gottfried und ich unsabendsumdenTischsetzten,umzusammeneinenPartiturenband dergroßenBach-Gesamtausgabezustudieren»undwiewir«bedauerten,nichtalle[Kantaten]aufsMalmachenzukönnen».1311894wurde erstmals die Matthäus-, ein Jahr später erstmals die Johannespassion inAngriffgenommen,vorerstinzweiTeilen,anGründonnerstagbeziehungsweiseKarfreitag,undab1908jeweilsintegral.132 Dazu kamen Weihnachtsoratorium,Osteroratorium,dieMotetten,1898erstmalsdie H-Moll-Messeund1900dasMagnificat.133 Der Wilhelmschor bestand bei seinerGründungausca.vierzigMitgliedern,wuchsaber–wiederBasler Bach-Chor – beträchtlich an und zählte bald hundert bis hundertzwanzig Sängerinnen und Sänger,134wobeinichtklarist,obMünch ebenfallsdasZielverfolgthat,sichausaufführungspraktischenGründeneinezahlenmäßigeBeschränkungderChorgrößeaufzuerlegen. WiespäterAdolfHammundderBaslerBach-Chorkonzentriertensich ErnstMünchundderWilhelmschornichtausschließlichaufBachsVokalwerke,sondernführtenauchvorbachscheKompositionenauf,WerkederälterenBach-Familie,gelegentlichChorwerkevonSchütz,VokalkonzertevonPachelbel,dannaberauchGraunsDer Tod Jesu,Oratorien von Händel und Haydn sowie geistliche Werke des 19. Jahrhunderts bishinzuVerdiundReger,jasogarzulokalenKomponistenwieGuillaumeRiff,dazuweltlicheKompositionenwieBeethovensChorfantasie, Berlioz’ Roméo et Juliette,OratorienvonSchumannundBruchbishinzu denWerkenvonZeitgenossen,PfitznersDer Blumen Rache,PiernésLa Croisade des Enfants und Regers Die Nonnen. 129Ebd.:«L’entrepriseétaitàl’époqueaudacieuse,carilfallaitd’abordformerlepublicpourqu’il fût à même de comprendre Bach.» 130Arnold,Albert Schweitzer,186. 131Schweitzer,«Souvenirsd’ErnestMunch»,52:«Combiendefois,àcetteépoque,Münch,sonfrère Gottfriedetmoi,noussommes-nousréunislesoirautourd’unetable,pourétudierensemble unvolumedepartitionsdescantates,danslagrandeéditiondeBach,enregrettantdenepouvoirlesfairejouertoutesenmêmestemps.» 132Geyer,La vie musicale à Strasbourg,231. 133Ebd.,231. 134Ebd.,232.
Eine Chorgründung aus dem Geist des Kulturprotestantismus 371 amdeutlichstenvorgetragenvonKarlBarth(1886-1968),162geworden, unteranderemauchweilinDeutschlandvieleAnhängerdesKulturprotestantismus unversehens den allzu weltlichen Heilsversprechen derNationalsozialistengefolgtsind,währendsichdurchausauchinder BekennendenKircheehemaligeAnhängerdesKulturprotestantismus wiederfanden.163Zudemverlornach1945«imZugedesAllgemeinwerdensliberalerTraditionen[…]derKulturprotestantismusgeradeauch inseinempolitischenAnspruchnotwendiganBedeutung.»164 Dass der Kulturprotestantismus sich in der Kirchenmusikgeschichte nichtalsBegriffodergaralsEpochenbegriffdurchgesetzthat,liegtinder Tatsache,dassseinEinflussbislangeheruntertheologiegeschichtlichen, soziologischen und politischen Gesichtspunkten erforscht worden ist, wenigerunterliturgischen,dassaberandererseitsdieErrungenschaften von Friedrich Spitta und Julius Smend in der multiperspektivischen DarstellungdurchKonradKlekinsgesamtnuramRandealsAusdruck desKulturprotestantismuswahrgenommenwordensind.165 DemgegenüberrechtfertigterstderkonkreteNiederschlagkulturprotestantischen Gedankenguts im liturgischen Alltag,warum vonKulturprotestantismus gesprochen werden muss und dabei mehr gemeint ist als eine zeitgebundenenationalliberaleStrömungimdeutschenKaiserreich.166 WasjedochderKulturprotestantismushinsichtlichLiturgieundKirchenmusik mit seinem Gegenstück, dem «Kulturkatholizismus» gemeinsamhatte,wardieTatsache,dassesspätestensseitderMittedes 19.JahrhundertseigentlichkeinenbedeutendenKomponistenmehrgegebenhat,derfunktionaleMusikfürdenGottesdienstgeschriebenhat. Dieserklärtunteranderem,warumindenRepertoiresbeiderKonfessionenmusikalischerHistorismus,insbesondereRückgriffeaufBach, Schütz,PalestrinaundGregorianik,vorgeherrschthat. SosehrsichbeideBrüderSpittainihrerSichtvonKircheundGottesdienstpraxis–unddiesganzimGegensatzzuihremVater,derausderErweckungsbewegungdesfrühen19.Jahrhundertskam–grundsätzlicheinigwaren,sosehrkönntemanPhilippSpittasBach-Propagandaalseinen restaurativenVersuchdeuten,denKulturprotestantismus,entgegensei162Barth,Evangelische Theologie im 19. Jahrhundert,passim. 163Graf,«Kulturprotestantismus»,237. 164Ebd.,238. 165EtwavonKlekinseinerDissertation,Erlebnis Gottesdienst,178–80. 166Graf,«Kulturprotestantismus»,231.
372 Dominik Sackmann nemimmerwiederpostuliertenGegenwartsbezug,indermusikalischen Praxis einem dezidierten Historismus zu unterwerfen. Wäre dies Philipp SpittasAbsichtgewesen,sohätteerdamit–überdieeigentlicheEpoche des Kulturprotestantismus hinaus – beträchtliche Erfolge gehabt, mit WirkungenauchjenseitsdeseigenenLeipzigerBach-Vereins,derStraßburgerInitiativenundderBaslerAktivitätenbisaufdenheutigenTag. VorerstbleibtaberdievertieftereBeschäftigungmitdemPhänomenKulturprotestantismusaufderAgendaderHistorischenMusikwissenschaft. Die Bach-Aufführungen des Basler Bach-Chors Zurück zumBasler Bach-Chor: Von besonderem Interesse wäreeine interpretationsgeschichtliche Einordnung von Hamms Bach-Pflege, sei es als Organist oder als Dirigent. Leider ist aber kein einziges TondokumentseinesWirkenserhalten.AuchdiezahlreichenRezensionen seiner Orgelkonzerte und der Auftritte des Bach-Chors geben kaum AufschlussüberdieBesonderheitenseinerInterpretationen,besonders seinerBach-Auffassung.Amausführlichstenäußertesichwohl,wenn auchausderRückschau,ArmandHiebnerinseinerGedenkschriftzum fünfzigjährigenBestehendesBaslerBach-Chors: Bei aller Verschiedenheit der künstlerischen Individualität Adolf Hamms und Hans Münchs gab es doch auch Gemeinsames im HinblickaufihrWirkenalsLeiterdesBach-Chores.[…]Ebensoferne einerdoktrinär-akademischenBachauffassungwieihremGegenpol,denzuihrerZeitimmernochgrassierenden,romantisierenden Deutungsversuchen,wusstensiejenengesundenStandpunktder Mittezubewahren,derdieBeachtungneuerhistorischerErkenntnisse mit der Unmittelbarkeit der künstlerischen Gestaltung in Einklang zu bringen wusste.167 167Hiebner,«AdolfHammundderBach-Chor»,16.InseinerfrüherenBetrachtung,«DerOrganist», 45–46,hattesichHiebnerähnlichgeäußertunddabeieinDiktumvonHammsNachfolgerals Münsterorganist,FritzMorel(1900-1973,Münsterorganist1939-1970),ohneweitereQuellenangabeeinbezogen:«EswarnichtklugeAnpassungandieForderungendesTages,wenneine frühermehroderwenigerromantisierendeBachdeutungimmermehreineobjektivierende TendenzzumDurchbruchkommenließ.NochbevorsichinLeipzigderradikaleUmschwung inderInterpretationalterMeistervollzog,hattesichHammeinenStilzueigengemacht,der völligsinngemäßdieFlächenformalterWerkeetagenmäßigzumAufbaubrachte(F.Morel).»
Eine Chorgründung aus dem Geist des Kulturprotestantismus 373 DarüberhinaussindeseherBeschreibungencharakteristischerKomponentenseinesWirkens,welcheausdenBerichtenderZeitgenossen zusammengetragen werden können. Jenseits der Berichte über Hamms gründliche und umfassende Probenarbeit wurde der improvisatorischeZugseinerInterpretationenunddasVertrauenaufdenMoment der Wiedergabe hervorgehoben.168 Dafür spricht auch die Tatsache, dass Hamm stets aus völlig unbezeichneten Partituren dirigierte169 undaufjeglicheEintragungenvonFingersätzeninseinenOrgelnoten verzichtete.170BesondereSorgfaltverwandteeraufdieAusgestaltung des Basso continuo.171FürseineAufgeschlossenheitinFragenhistorisch angemessener Aufführungspraxis spricht auch die frühe Verwendung von damals noch nicht wieder gebräuchlichen InstrumentenwieCembalo,Gambe,Violad’amoreundBlockflöte.172 Besonders lagihmauchdieInterpretationderChoräleamHerzen,fürderenWiedergabeervorzugsweiseeinenKnabenchorbeizog.173 Indem Hamm Bachs TrauerodenichtmitJohannChristophGottschedsOriginaltext, sondern mit der verallgemeinernden Textunterlegung von Wilhelm Rustaufführte,um«demPublikumdasVerständniszuerleichtern»,174 bewiesereinweiteresMalseineNähezuFriedrichSpittaskulturprotestantischenMaximen,welcheaktuellesVerstehenüberhistorische Korrektheitstellten.175 168Geering,«DerChordirigent»,73. 169Sacher,«MenschundKünstler»,29. 170Ebd.,27,29,30. 171Ebd.,28. 172Geering,«DerChordirigent»,70.ZurVerwendungdesCembalossieheauchSacher,«Mensch undKünstler»,28. 173Geering,«DerChordirigent»,72. 174Ebd.,74.DiealternativeTextierungfindetsichinRust,Joh. Seb. Bachs Werke. Dreizehnter Jahrgang. Dritte Lieferung: Trauer-Ode [BWV 198],XI–XII. 175Klek,Erlebnis Gottesdienst,150.
374 Dominik Sackmann Zusammenfassung, Notabene, Ausblick und methodischer Hinweis Zusammenfassung 1.DieBach-KantatekannihrerursprünglichenEntstehungwieauch derenRezeptionnachalsOrganistenmusik,alsSpezialfalleines«Orgelkonzertesmit»betrachtetwerden.DassäußerlichderChorimVordergrundsteht,istmeistensschlichtderTatsachegeschuldet,dassein VereindieOrganisationunddiefinanzielleVerantwortungeinerzumeistkonzertantenAufführungzutragenhat. 2.DieAufführungeinerBach-KantatebehältoftmalsdenCharaktereinesGottesdienstes,selbstwennsie–wiederumausfinanziellenGründen–imKonzertgegendienotwendigeKollekteodersogargegenEintrittspreise dargeboten wird. 3.DieRezeptionderBach’schenKantatenkannalsspäterReflexeiner historischen,spezifischtheologie-undkulturgeschichtlichenSituation oderKonstellationunterdemBegriffdesKulturprotestantismusaufgefasst werden. Notabene DieKonzertedesBach-ChorserwiesensichalsGlücksfall,daimeigentlichen Münstergottesdienst die künstlerische Mitwirkung merklich zurückgedrängtwurde,nachdem1927EduardThurneysen(1888-1974), ein Vertreter der so genannten Dialektischen Theologie, das dortige Pfarramt übernommen hatte.176 Thurneysen selbst rühmte nach dessenTodvorallemHammsdefensiveHaltung,indemdiesersichganz aufs Begleiten derGemeindechoräle beschränkte, auf dasOrgelspiel nachderPredigtverzichteteundbloßzumAusgang,«nachdemGottesdienst»,177nochetwasKomponierteshörenlassendurfte,etwaausdem 176Kuhn,«EduardThurneysen». 177Thurneysen,«ImDienstanderGemeinde»,58.
Eine Chorgründung aus dem Geist des Kulturprotestantismus 375 «Schatz der Bachschen Orgelkunst».178PlötzlichwurdedieKirchenmusik,derenzentraleFunktionimGottesdienstfürHammfeststand,179 aufihren«Antwortcharakter»reduziert–gemäßThurneysensWünschen: «Darum ist aber auch das Orgelspiel in diesem Gottesdienst ganz ausschließlich auf den Gesang, den Gesang der Gemeinde hin ausgerichtet.»180 Ausblick Es erscheint lohnenswert, den Kulturprotestantismus des späten 19. JahrhundertsunddessenAuswirkungenaufdiedamaligeGemeinde- undKirchenmusikpraxis alskaumverborgenegeschichtlicheTriebfederheutigerkirchenmusikalischeroderpseudo-liturgischerAktivitätenwahrzunehmenundsichaußerdemfürdieLösungenheutiger ProblemekirchlichenMusizierensvondenentsprechendenÄußerungeninSchriftenausjenerZeitinspirierenzulassen. Methodischer Hinweis Ein Phänomen wie die Bach-Rezeption lässt sich unter zwei Perspektivenbetrachten,alsAngebotundalsNachfrage:AufdereinenSeite stehtdieFrage,wasBachunddiePflegeseinerWerkewieauchdieBilder,diemansichvonihmmachte,inverschiedenenZusammenhängen zubietenhatten,aufderanderendieFragenachdemlokalenEinzelfall unddenspezifischenVoraussetzungenfüreinInteresseanBachsMusik.BeideBetrachtungsweisensindnichtinjedemFalldeckungsgleich. ErstwennmandenDetailsnachspürt,bespiegelnsichimjeweilskonkretenUmfeldAngebotundNachfrage.Nichtalles,waseinAußenstehendernichtversteht,kannleichtfertigals«letztlichnichtbelegbare 178Ebd. 179Geering,«DerChordirigent»,68,sieheauchoben,S.5undAnm.22. 180Thurneysen,«ImDienstanderGemeinde»,56.SacherbemerktwohlauchimHinblickaufdieseSituation:«DenKirchendiensthatHammseinganzesLebenmitvollemEinsatzversehen, obwohl seinem kritischen Geist Schwächen der Institution und ihrer Träger nicht verborgen bliebenundersichgelegentlichauchfreimütigdarüberäußerte»,Sacher,«MenschundKünstler»,31.
376 Dominik Sackmann Spekulation» abgetan werden.181NureineEinbettungdesEinzelfalls indessenbiografischenundgeistesgeschichtlichenZusammenhänge öffnetdenBlickaufdiemutmaßlichenBeweggründeeinesrezeptionsgeschichtlichund-ästhetischmotiviertenVorgangs. Bibliografie Literatur Arnold,Mathieu.Albert Schweitzer. Seine Jahre im Elsass (1875-1913).Leipzig:EvangelischeVerlagsanstalt,2019. B.«KurzerRückblick».InBasler Bach-Chor 1911-1941.[Basel],1942. Barth,Karl.Evangelische Theologie im 19. Jahrhundert. Theologische Studien. Eine Schriftenreihe,herausgegebenvonKarlBarthundMaxGeiger,49.Zollikon:EvangelischerVerlag,1957. Becking,AlbertJan,Jörg-AndeasBötticherundAnselmHartinger.Wie schön leuchtet der Morgenstern. Johann Sebastian Bachs geistliche Kantaten. Werkeinführungen und Dokumente der Basler Gesamtaufführung.Basel:Schwabe,2012. Berg, Alban. «Prospekt des Vereins für musikalische Privataufführungen». In Schönbergs Verein für musikalische Privataufführungen,herausgegebenvonHeinzKlausMetzgerundRainerRiehn.Musik-Konzepte,36.München:editiontext+kritik,1984. Buchli,Hanns.Rudolf Moser. Das Leben eines Musikers.Zürich:Flamberg,1964. Cimino,Paola.«‹Eindruckdergrossartigste,denhierjeeinWerkhervorgebracht›: dieschweizerischenErstaufführungenvonGlucksOrpheus(1856)undvonBachs Johannespassion(1861)inBasel».Basler Jahrbuch für historische Musikpraxis30 (2006):189–99. Cron,Joseph.«DerLehrer».InAdolf Hamm 1882-1938. Organist am Münster zu Basel. Erinnerungsschrift,herausgegebenvonPaulSacher,76–94.Basel:Holbein,1942. Druey,Jean.«ZumGedenken:HansMünch».Basler Zeitung141/139,Nr.212(10.September1983). Dürr,Alfred.Die Kantaten von Johann Sebastian Bach.München/Kassel:dtv/Bärenreiter,1971undspätereAuflagen. ———. «Zur Entstehungsgeschichte des Bachschen Choralkantaten-Jahrgangs». In Bach-Interpretationen,herausgegebenvonMartinGeck,7–11.Göttingen:VandenhoekundRupprecht,1969. Ehinger,Hans.«RudolfMoser†».Schweizerische Musikzeitung100(1960):365. Elste,Martin.Meilensteine der Bachrezeption 1750-2000.Kassel:Bärenreiter,2000. Forkel,JohannNikolaus.Musikalisch-kritische Bibliothek.Bd.2.Gotha,1778.Reprint Hildesheim:Olms,1964. 181Hinrichsen,Bach und die Schweiz,35.
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380 Dominik Sackmann Anhänge Anhang I: Aufführungen von Bachs Kantaten und Motetten in den Konzerten des Basler Bach-Chors 1911 bis 1920 Kantaten(incl.Weihnachtsoratorium)undMotetten von J. S. Bach AndereWerke 1. 12.11.1911 Actustragicus:«GottesZeitistdieallerbesteZeit» BWV106 «VergnügteRuh,beliebteSeelenlust»BWV170 Motette:«JesumeineFreude»BWV227 JohannSebastianBach:Fuge Es-DurfürOrgelBWV552/2 2. 2.4.1912 «Sehet,wirgehenhinaufgenJerusalem»BWV159mit Anfangschoraus«JesuderdumeineSeele»BWV78 «Ichlebe,meinHerze,zudeinemErgötzen»BWV145 («Auf,meinHerz,desHerrenTag»/«Sodumitdeinem Munde bekennest Jesum») HeinrichSchütz:DreiCantiones sacrae KarlH.David:Dasdeutsche Sanctusop.18 3. 22.12.1912 WeihnachtsoratoriumBWV248,I–III 4. 18.3.1913 Trauerode:«Lass,Fürstin,lassnureinenStrahl»BWV 198 «GottfährtaufmitJauchzen»BWV43 5. 30.5.1913 Pfingstchoral«Komm,heiligerGeist» WerkevonCésarFranck, GiuseppeVerdi,Charles Gounod und Johannes Brahms 6. 21.12.1913 WeihnachtsoratoriumBWV248,IV–VI 7. 7.4.1914 «IchwilldenKreuzstabgernetragen»BWV56 Motette:«Komm,Jesu,komm»BWV229 JohannSebastianBach: Fantasie g-Moll für Orgel BWV542/1,Orgelchoral«Vor deinenThron»BWV668 WolfgangAmadeusMozart: MissabrevisF-DurKV192 8. 20.12.1914 «DuFriedefürst,HerrJesuChrist»BWV116 «Nunkomm,derHeidenHeiland»BWV61 HeinrichvonHerzogenberg: DieGeburtChristi,op.90 9. 30.3.1915 «Sehet,wirgehenhinaufgenJerusalem»BWV159 «MeinGott,wielang»BWV155 «IchhattevielBekümmernis»BWV21 10. 19.12.1915 «MeineSeel’erhebtdenHerren»BWV10 LudwigvanBeethoven: MesseC-Durop.86
Eine Chorgründung aus dem Geist des Kulturprotestantismus 387 19./ 20.12.1900 Münster I. Bach(Wolfrum:Weihnachts-Mysterium) Magnificat BWV 243 Huber; Philippi 62 21./ 22.12.1901 Pauluskirche II. Bach Kantate «Christen ätzet diesen Tag» BWV 63; Kantate «Halt’ im Gedächtnis Jesum Christ» BWV 67(+BWV 1016) Philippi,Boepple, JakobNater(O) 64 29.3.1903 Münster III. Bach Trauerode, BWV 198 (Wolfrum); Arie«Schlage doch, gewünschte Stunde»,BWV53;Kantate «Ich hatte vielBekümmernis»,BW 21 (Robert Franz) Rückbeil-Hiller; Philippi;Kaufmann; Boepple 66 26./ 27.12.1903 Chor des Münsters II. Bach(Schröter,Prätorius,Brahms, Palestrina,Frescobaldi,Buxtehude) Motette «Singet dem Herrn ein neues Lied» BWV 225(+BWV541) Glaus (O) 66f. 27.3.1904 Chor des Münsters IV. Bach(Palestrina,Mendelssohn, Strauss) RezitativundArieausderKantate «Ichhabegenug»BWV82(+BWV 686?) Paul Boepple 67 30.5.1904 Musiksaal V.2.Künstlerkonzert (nacheinerAuff.von Händels Messias) Bach(Haydn,CPE&WFBach; Beethoven,HändelClari,Schubert, Schumann,Streicher,Liszt,Brahms) Lied«Bistdubeimir»BWV508 GeorgWalter,Tenor; OttoHegner(Kl) 67f. 22./ 23.2.1905 Musiksaal III. Bach(Courvoisier,Andreae) Kantate «Der zufriedengestellte Aeolus»BWV 205 Hermann Suter (Cemb.) 68 5.6.1905 Münster V.2. Bach(Palestrina,Perez,Corsi) Kantate«VergnügteRuh,bleibet Seelenlust» BWV 170; Rezitativ und Duett für Sopran und Bass aus der Kantate«IchhattevielBekümmernis»BWV21;Alt-Arie«Schlagedoch, gewünschteStunde»BWV53 AnnaKappel,Sopran; MariaPhilippi,Alt; GerardZalsman,Bass 69 Datum Ort Titel Komponist(en) Werke von J. S. Bach Bemerkungen S.
388 Dominik Sackmann 17./ 18.2.1906 Münster IV. Bach(Mozart:Requiem) Magnificat BWV 243 (teilweise in der Einrichtung von Robert Franz) Glaus (Orgel) 70 9./ 10.6.1906 Münster VI. Bach Matthäuspassion BWV 244 Philippi; Hamm (gr. O);Breil(Kl.O) 71 28.1.1906 Münster Leichenfeier für Margarethe RiggenbachStehlin Bach Choral «Wenn ich einmal soll scheiden» aus der Matthäuspassion; Trauerode «O wie selig seid ihr doch ihrFrommen»(405/495?) 71 24.3.1907 Münster IV. Bach(Buxtehude,Purcell,Schütz, Brahms,Eccard,Franck,J.&M. Haydn) Lied«MeinJesu,wasfürSeelenweh»,BWV487 AnnyHindermann, Alt;Hamm(O) 72 15./ 16.6.1907 Münster V. Bach H-moll-Messe BWV 232 Hamm (O); Breil (Ibach-Flügel) 73 4.9.1906 Münster Konzertzur62. Jahresversammlung der Schweizerischen Predigergesellschaft Bach(Gallus,Mozart) Choräle«Dir,dieJehova»BWV299 und «Lobe den Herrn» 73 25./ 26.1.1908 Münster ExtrakonzertV. Bach(Gabrieli,Beethoven,Schein, Hausegger,Courvoisier,Grieg) Motette «Singet dem Herrn ein neues Lied» BWV 225;«Jesus,unser TrostundLeben»BWV475(Rudolf Jung,Bariton) RudolfJung,Bariton; Hamm (O); 74 13./ 14.6.1908 Münster IV.Bach-Aufführungen:1. Bach Johannespassion BWV 245 Hamm (O); Breil (Cemb.);Casals(VdG?) 74 14.6.1908 Musiksaal IV.Bach-Aufführungen: 2.Matinée Bach Kantate«Weichetnur,betrübte Schatten» BWV 202(+BWV1028, Vlc.-Suite,1009) 74 Datum Ort Titel Komponist(en) Werke von J. S. Bach Bemerkungen S.
Eine Chorgründung aus dem Geist des Kulturprotestantismus 389 15.6.1908 Münster IV.Bach-Aufführungen:3. Bach Kantate «Mein liebster Jesu ist verloren» BWV 154; Kantate «Ich will denKreuzstabgernetragen»BWV 56; Motette «Singet dem Herrn ein neues Lied» BWV 225(+BWV542, 622,615,651) Messchaert,Bass; Hamm (O); Breil (Cemb.) 74 8./ 9.6.1912 Münster III.Bach-Aufführungen:1. Bach Matthäuspassion BWV 244 78 10.6.1912 Musiksaal III.Bach-Aufführungen:2. Bach Kantate«OholderTag,erwünschte Zeit»,BWV 210; Kantate «Der Streit zwischen Phöbus und Pan» BWV 201 Nordewier-Reddingius;Philippi,Schmidt; vanOort,Nahm;H. Suter(Kl) 78 6./ 7.12.1912 Münster I. JohannChristophBach(Händel, Mozart,SchubertBrahms,Reger) Michaelis-Motette «Es erhub sich ein Streit»BWV19 Hamm (O) 78f. 7./ 8.6.1913 Münster IV. Bach H-moll-Messe BWV 232 Hamm(O),Schlageter (Kl) 79 Datum Ort Titel Komponist(en) Werke von J. S. Bach Bemerkungen S.
390 Dominik Sackmann Anhang III: Bach-Aufführungen in der Schweiz bis 1911184 Matthäuspassion BWV 244 Basel(BaslerGesangverein)1865,1870,1876,1880,1885,1889,1896,1899,1906;Zürich(GemischterChor)1872,1873,1881,1885,1892,1896,1903,1909,1911;St.Gallen1889,1901,1906;Bern(Cäcilienverein)1890,1910;Genf1903;Neuchâtel1905; Winterthur1907;Frauenfeld(Oratoriengesangverein)1907;Aarau1908 Johannespassion BWV 245 Basel(BaslerGesangverein)1861,1868(2.Teil),1874,1892,1908;Zürich(Gemischter Chor)1876,1884,1890,1898,1906;Bern(Cäcilienverein)1887,1896;Frauenfeld (Oratoriengesangverein)1893,1895,1911;Neuchâtel1893;St.Gallen1897;Genf 1899 H-Moll-Messe BWV 232 Zürich(GemischterChor)1878,1887,1901,1908;Basel(BaslerGesangverein)1882, 1888,1900,1907;Neuchâtel1901;Bern(Cäcilienverein)1902 Weihnachtsoratorium BWV 248 Basel (Basler Gesangverein) in Teilen: 1861, 1862, 1885; vollständig: 1886; Zürich (GemischterChor)1874;Bern(Cäcilienverein)1881,1888,1898,1906;St.Gallen (Evang.Kirchengesangverein)1894;Winterthur1898;Solothurn1903;Biel(Liedertafel)1909 Magnificat BWV 243 Basel(BaslerGesangverein)1867,1900,1906;Zürich(GemischterChor)1867,1881, 1911;Bern(Cäcilienverein)1886,1909;Genf1894;Neuchâtel1892,1910 Trauerode «Lass, Fürstin, lass nur einen Strahl» BWV 198 Basel(BaslerGesangverein)1903 Lukaspassion BWV 246 Zürich(HäusermannscherPrivatchor)1908 Actus tragicus «Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit» BWV 106 Zürich(GemischterChor)1867,1896;Glarus1903 Kantate «Ich hatte viel Bekümmernis» BWV 21 Zürich(GemischterChor)1889;Burgdorf1899 Kantate «Nun ist das Heil und die Kraft» BWV 50 Olten1911 184EdgarRefardt,Oratorien-AuffführungeninderSchweiz.MaterialfürdenAufsatz«Chorgesang» im Schweizer Musikbuch1939,Typoskript,UniversitätsbibliothekBasel,SammlungRefardt.
Eine Chorgründung aus dem Geist des Kulturprotestantismus 391 Anhang IV: Aufführungen von namentlich genannten Kantaten, Liedern und Motetten von J. S. Bach (unter Ausschluss der Passionen, Magnificat und Reihenaufführungen des Weihnachtsoratoriums) in der Schweiz vom Dezember 1900 bis Dezember 1911 (gemäß den Angaben in der Schweizerischen Musikzeitung) Arie «Mein gläubiges Herze» aus der Kantate «Also hat Gott die Welt geliebt» BWV68/2(12) Rezitativ«Ichhabegenug»und/oderArie«Schlummertein»ausderKantate«Ich habegenug»BWV82/2und3(8) Kantate«IchwilldenKreuzstabgernetragen»BWV56(7) Motette«SingetdemHerrneinneuesLied,BWV225(7) AusschnitteausderMatthäuspassionBWV244(6) Kantatensatz«NunistdasHeilunddieKraft»BWV50(4) Kantate«JauchzetGottinallenLanden»BWV51(4) Kantate«Schlagedoch,gewünschteStunde»,BWV53(4) Kantate«GottesZeitistdieallerbesteZeit»(Actustragicus)BWV106(4) Arie«InDeineHändebefehl’ichmeinenGeist»ausdem«Actustragicus»BWV106(4) Kantate«SeiLobundEhrdemhöchstenGut»BWV117(4) Lied«Bistdubeimir»BWV508(4) Kantate«Bleibbeiuns,denneswillAbendwerden»BWV6(3) Kantate«OewigesFeuer,oUrsprungderLiebe»BWV34(3) Kantate«IcharmerMensch,ichSündenknecht»BWV55(3) Kantate«EinfesteBurgistunserGott»BWV80(3) Motette«DerGeisthilftunsererSchwachheitauf»BWV226(3) Motette«LobundEhreundWeisheitundDank»BWVAnh.162(3) AusschnitteausdemWeihnachtsoratoriumBWV248(3) Lied«Jesu,unserTrostundLeben»BWV475(3) Lied«Komm,süßerTod»BWV478(3) Lied«WillstDudeinHerzmirschenken»BWV518(2) Kantate«IchhattevielBekümmernis»BWV21(2) Duett«Komm,meinJesu»ausderKantate«IchhattevielBekümmernis»BWV21/8(2) Kantate«Nunkomm,derHeidenHeiland»BWV?(2) Kantate«Sehet,welcheineLiebe»BWV64(2) Kantate«GottderHerr,istSonn’undSchild»BWV79(2) Kantate«Jesusschläft,wassollichhoffen»BWV81(2) Kantate«Ichhabegenug»BWV82(2)
392 Dominik Sackmann Kantate«VergnügteRuh,beliebteSeelenlust»BWV170(2) Motette«Jesu,meineFreude»BWV227(2) «Dir,dir,Jehova,willichsingen»BWV299(2) Lied«Brichentzwei,meinarmesHerze»BWV444(2) Lied«LiebsterHerJesu»BWV484(2) Duett«WennSorgenaufmichdringen»ausderKantate«AchGott,wiemanchesHerzeleid»BWV3 Kantate«ChristlaginTodesbanden»BWV4 Kantate«LobetGottinseinenReichen»BWV8 Kantate«LobetGottinseinenReichen»BWV11 Arie«Jesu,deineGnadenblicke»ausderKantate«LobetGottinseinenReichen»BWV 11 Arie«KreuzundKronesindverbunden»ausderKantate«Weinen,Klagen,Sorgen Zagen»BWV12 Arie«Seufzer,Tränen»ausderKantate«IchhattevielBekümmernis»BWV21 Kantate«Achwieflüchtig,achwienichtig»BWV26 Kantate«Werweiss,wienahemirmeinEnde»BWV27 Kantate«Gottlob,nungehtdasJahrzuende»BWV28 Arie«Wohleuch,ihrausgewählteSeelen»ausderKantate«OewigesFeuer»BWV 34/3 Kantate«Werdagläubetundgetauftwird»BWV37 Arie«Höchster,machdeineGüte»ausderKantate«JauchzetGottinallenLanden» BWV51/3 Kantate«IchwilldenKreuzstabgernetragen»(Bach-Wolfrum)BWV56 Arie«IchendebehendemeinirdischesLeben»ausderKantate«SeligistderMann» BWV57/7 Arie«IchbinvergnügtinmeinemLeiden»BWV58/1 Arie«IchbinvergnügtinmeinemLeiden»BWV58/3 Kantate«OEwigkeitduDonnerwort»BWV60 Kantate«NunkommderHeidenHeiland»BWV61 Kantate«ChristenätzetdiesenTag»BWV63 Kantate«SiewerdenausSabaallekommen»BWV65 Kantate«HaltimGedächtnisJesumChrist»BWV67 Kantate«Wachet,betetundseidallzeitbereit»BWV70 Duett«AchGott,verlassdieDeinennimmermehr»ausderKantate«GottderHerrist Sonn’undSchild»BWV79/5 Arie«IchfreuemichaufmeinenTod»ausderKantate«Ichhabegenug»BWV82/5 Arie«Seht,seht,wasdieLiebetut»ausBWV85/5 Arie«IchwilldochwohlRosenbrechen»ausderKantate«Wahrlich,wahrlichich sageeuch»BWV86/2 Kantate«WernurdenliebenGottlässtwalten»BWV93
Eine Chorgründung aus dem Geist des Kulturprotestantismus 393 Kantate«DuHirteIsrael»BWV102 Kantate«DuHirteIsrael,höre»BWV104 Arie«BeglückteHerde»ausderKantate«Du,Israel,höre»BWV104/4 Kantate«Herr,gehnichtinsGerichte»BWV105 Arie«WielieblichklingtesindenOhren»ausderKantate«Ichfreuemichindir» BWV133/4 Kantate«Wachetauf,ruftunsdieStimme»BWV140 Kantate«TrittaufdieGlaubensbahn»BWV152 Arie«SteinderüberalleSchätze»ausderKantate«TrittaufdieGlaubensbahn»BWV 152/4 Kantate«MeinliebsterJesuistverloren»BWV154 Kantate«GottalleinsollmeinHerzehaben»BWV169 Kantate«Erschallet,ihrLieder»BWV172 Kantate«SingetdemHerrn»BWV190 Trauerode«Lass,Fürstin,lassnureinenStrahl»BWV198(BearbeitungvonRust/Wolfrum) Kantate«DerStreitzwischenPhöbusundPan»BWV201 Kantate«Weichetnur,betrübteSchatten»BWV202 Kantate«DerzufriedengestellteÄolus»BWV205 AusschnitteausderMotette«JesumeineFreude»BWV227 Motette«Fürchtedichnicht,ichbeiDir»BWV228; Motette«KommJesu,komm»BWV229 Arie«Benedictus»ausderH-Moll-MesseBWV232/IV/2 Arie«Etexultavit»ausdemMagnificatBWV243/2 Choral«Gottlob,esgehtnunmehrzuEnde»BWV321 Lied«Ichhaltetreulich»BWV466 Lieder«Kommt,Seelen,dieserTag»BWV479 Lied«MeinJesu,wasfürSeelenweh»BWV487 Lied«Sogibstdunun»BWV501 Lied«Wiewohlistmir,oFreundderSeelen»BWV517