CIL III 4441 – EINE INSCHRIFT SUCHT IHREN TEMPEL
Abstract
Die Inschrift CIL III 4441 aus Carnuntum berichtet von der Renovierung einesHeiligtums der Silvanae und Quadriviae im Jahr 211 n. Chr. durch den VeteranenC. Antonius Valentinus. Die auf der Inschrift erwähnten Architekturelementebilden die Grundlage für Überlegungen zur Lokalisierung dieses Heiligtums imZentrum der römischen Kolonie, wobei ein seit 1892 bekannter Sammelfund vonWeihedenkmälern und vor allem neue grossflächige geophysikalische Messungenals Ausgangspunkt für diese Spurensuche dienen.
Full text
IANUA PATET COR MAGIS ANA Z. MASPOLI SANDRA AMMANN HANNES FLÜCK SVEN STRAUMANN (HRSG.) XXXIII Veröffentlichungen der Gesellschaft Pro Vindonissa FESTSCHRIFT FÜR PETER-ANDREW SCHWARZ ZUM 65. GEBURTSTAG
ianua patet cor magis
IANUA PATET COR MAGIS ANA Z. MASPOLI SANDRA AMMANN HANNES FLÜCK SVEN STRAUMANN (HRSG.) XXXIII Veröffentlichungen der Gesellschaft Pro Vindonissa FESTSCHRIFT FÜR PETER-A NDR EW SCHWARZ ZUM 65. GEBURTSTAG
GESELLSCHAFT PRO VINDONISSA © 2025 by Gesellschaft Pro Vindonissa, ch-5200 Brugg Promoted by LIBRUM Publishers & Editors LLC, Basel, Frankfurt a. M. isbn 978-3-907662-14-4 ianua patet cor magis by individual Authors is licensed under a Creative Commons AttributionNonCommercial 4.0 International License. www.creativecommons.org Open Access bei: www.librumopen.com doi 10.19218/3907662144 KORREKTORAT. Stefan Worminghaus, Rudolf Känel KOORDINATION. Hannes Flück, Sandra Ammann, Ana Z. Maspoli, Sven Straumann und Jörg Blum GESTALTUNGSKONZEPT, BILDREDAKTION, UMSCHLAG UND SATZ . Jörg Blum, Zürich BILDBEARBEITUNG. Thomas Humm, humm dtp Matzingen, und Jörg Blum, Zürich DRUCK. Druckhaus Müller, Langenargen (D) klima-druck.de ID-Nr. Druckprodukt CO₂ kompensiert Mehr Informationen zur Berechnungsmethodik, zur Kompensation und dem gewählten GoldstandardKlimaschutzprojekt finden Sie unter klima-druck.de/ID. 24181679 Präsidialdepartement des Kantons Basel-Stad t Archäologische Bodenforschung Abteilung Kultur DIE DRUCKLEGUNG WURDE ERMÖGLICHT MIT FINANZIELLEN BEITRÄGEN VON FOLGENDEN INSTITUTIONEN. Swisslos-Fonds Kanton Aargau Dr. Daniel Schuhmann Fonds Stiftung Pro Augusta Raurica Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt Kantonsarchäologie Aargau Kantonsarchäologie Solothurn Kantonsarchäologie Zürich Kantonsarchäologie St.Gallen Kantonsarchäologie Schaffhausen Archäologie, Hauptabteilung Kultur, Glarus Archäologischer Dienst Graubünden Section d’archéologie et paléontologie du Canton de Jura Römerstadt Augst Archäologie Schweiz Arbeitsgemeinschaft für die provinzialrömische Forschung in der Schweiz (ARS) Gesellschaft Pro Vindonissa Basler Zirkel für Urund Frühgeschichte Arbeitsgemeinschaft Prospektion Schweiz Albert-Weitnauer-Stiftung Departement Bildung und Kultur Fachstelle Archäologie TITELBILD. Eingang mit Inschrift und Wappen der Familie von Salis. Palazzo Salis, Bondo. Foto: Andrea Badrutt
ianua patet cor magis ZUM GELEIT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Ana Z. Maspoli TABULA GRATULATORIA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 BIBLIOGRAFIE VON PETER-ANDREW SCHWARZ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 LISTE DER VON PETER-ANDREW SCHWARZ AB 2007 BETREUTEN ABSCHLUSSARBEITEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 DIE VINDONISSA-PROFESSUR AN DER UNIVERSITÄT BASEL – EIN INTERKANTONALES ERFOLGSMODELL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 Thomas Doppler, Elisabeth Bleuer und Georg Matter 15 JAHRE LEGIONÄRSPFAD VINDONISSA: EINE ERFOLGSGESCHICHTE . . . . . . . . . . . 31 Rahel Göldi (K)EINE ZUKUNFT OHNE HERKUNFT? GEDANKEN ZUM STATUS QUO UND HERAUSFORDERUNGEN DER ARCHÄOLOGIE IN DER SCHWEIZ IM 21. JAHRHUNDERT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 Andrea Schaer GÄHNENDE LEERE? VERBREITUNGSKARTEN, IHRE GESCHICHTE UND INTERPRETATION AM BEISPIEL SPÄTREPUBLIKANISCHEN BRONZEGESCHIRRS 49 Holger Baitinger und Gabriele Rasbach ENTRE ARGENTORATE ET VINDONISSA LES CAMPS MILITAIRES JULIO-CLAUDIENS D’OEDENBURG . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 Michel Reddé CIL III 4441 – EINE INSCHRIFT SUCHT IHREN TEMPEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 Franziska Beutler, Christian Gugl, Gabrielle Kremer und Mario Wallner DIE JOCHWEIHUNG DES VETERANEN PRIMANIUS INGENU(U)S MIT NENNUNG DER CULTORES UND COLONI AUS KRATZENBURG . . . . . . . . . . . . . . . . 81 Peter Henrich BUILD THAT WALL! ÜBERLEGUNGEN ZUM ARBEITSAUFWAND BEI DER ERRICHTUNG DER GALLIENISCHEN STADTMAUER VON VERONA . . . . . . . . . . . . . . . . . 91 Ulrich Stockinger RETOUR SUR LE BUSTE EN OR D’AVENCHES . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .101 Michel E. Fuchs INHALT
ianua patet cor magis KARNIVORE NEANDERTALER UND RÖMISCHE GERSTENFRESSER: ZUR VERKNÜPFUNG VON TIERISCHEM PROTEIN MIT «URSPRÜNGLICHER MÄNNLICHKEIT» UND MACHT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .111 Brigitte Röder EQUIDEN ALS SPIEGEL VON MENSCH-TIER-BEZIEHUNGEN IN RÖMISCHER ZEIT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .121 Claudia Gerling DONNÉES RÉCENTES SUR L’HABITAT GALLO-ROMAIN DE COURROUX (CANTON DU JURA) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .131 Robert Fellner et Céline Robert-Charrue Linder EINE EISENPFEIFE VON DER SPÄTLATÈNEZEITLICHEN HÖHENBEFESTIGUNG MONTCHAIBEUX (JU) – ENDLICH EIN BEWEIS FÜR KELTISCHE PFEIFENRAUCHER? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .141 Raphael Berger, Andreas Heege und Elena Prado EIN GLÜCKSBRINGER AUS DER VILLA RUSTICA VON FLUMENTHALATTISHOLZWALD IM KANTON SOLOTHURN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .155 Mirjam Wullschleger HANDWERK IM BILD – BERUFSDARSTELLUNGEN AUF RÖMISCHEN GEFÄSSEN ALS AUSDRUCK GEMEINSCHAFTLICHER IDENTITÄT: EIN NEUER BLICK AUF EINEN ALTBEKANNTEN FUND AUS STUDEN BE/PETINESCA . . . . . . . . . . . . . . . . .165 Christa Ebnöther und Andrew Lawrence mit Beiträgen von Markus Scholz und Günther E. Thüry SCHON DREIMAL AUSGEGRABEN UND DENNOCH ETWAS GEFUNDEN – DIE RÖMISCHE VILLA AUF DEM LENDENBERG BEI SCHLEITHEIM . . . . . . . . . . . . . . . .179 Valentin Homberger «THE BITE OF A SNAKE» EINE GUSSFORM FÜR SCHLANGEN ARMREIFEN AUS KEMPRATEN . . . . . . . . . . . . . . . .191 Regula Ackermann, Hannes Flück und Markus Helfert AUF DER SUCHE NACH DER PIONIERBESIEDLUNG. ZUR FRÜHZEIT VON AUGUSTA RAURICA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203 Sven Straumann, Sandra Ammann und Hans Sütterlin AUGUSTUS IN AUGST: EIN BRONZE NACHGUSS DER STATUE VON PRIMAPORTA IM GARTEN DER VILLA CLAVEL UND DIE ITALIENISCHE KUNSTINDUSTRIE . . . . 221 Martin A. Guggisberg VERFLIXT UND ZUGEMAUERT – NEUES ZUR WESTFRONT DES HAUPTFORUMS VON AUGUSTA RAURICA . . . . . . . . . 233 Juha Fankhauser, Simon Friz, Cédric Grezet und Claude Spiess VOM FEILKLOBEN ZUM SCHRAUBSTOCK – 2000 JAHRE KLEMM VORRICHTUNGEN IM HANDWERK . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251 Alex R. Furger ERRARE HUMANUM EST: EIN ANTONINIAN FÜR TETRICUS II. MIT FEHLERHAFTER LEGENDE . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267 Markus Peter
ianua patet cor magis SCHÄDEL GEFUNDEN! NEUES ZUM PLATTENGRAB BEIM FELDHOF IN AUGUSTA RAURICA/AUGST . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271 Michael Baumann EINE SELTENE BEIGABE IN EINEM FRÜHMITTELALTERLICHEN FRAUENGRAB AUS KAISERAUGST . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277 Simone Mayer ZU ZWEI NEUENTDECKTEN ZIEGELPLATTEN MIT GRAFFITI AUS DEM CASTRUM RAURACENSE . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 287 Jakob Baerlocher PRIMI VINDONISSENSES – DIE SPÄTLATÈNEZEITLICHEN BRANDGRÄBER DER GRABUNG WINDISCH-SPILLMANNWIESE V.003.1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 295 Örni Akeret, Cornelia Alder, Sabine Deschler-Erb und Lara Kurmann ACHILL AUF EINEM GOLDRING MIT GLASKAMEO AUS VINDONISSA . . . . . . . . . . . . . 311 Regine Fellmann Brogli und Stefanie Martin-Kilcher EIN BISSCHEN GLAS MUSS SEIN! ZU EINER GESICHTSPERLE AUS DEM GRÄBERFELD AM REMIGERSTEIG IN VINDONISSA/BRUGG AG . . . . . . . . . 321 Sylvia Fünfschilling EINE TÖNERNE STÜTZFIGUR AUS VINDONISSA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 327 Rudolf Känel LETZTE RUHE MIT RHEINBLICK. NEUES UND ALTES ZU DEN SPÄTANTIKEN BESTATTUNGEN IN MUMPF . . . . . . . . . . 335 Nathalie Hertig AUF DEM WINDISCHER SPORN – ANMERKUNGEN ZU EINER SPÄTRÖMISCHEN BEFESTIGUNG VON VINDONISSA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 343 Matthias Flück und Jürgen Trumm MAUERN UND MÜNZEN AUF DER EGG ZWISCHEN MANDACH UND VILLIGEN – EINE ALTE GRABUNG IN NEUEM LICHT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 361 Valentin Häseli EIN ZERSTÖRTES GRÄBERFELD DER MITTELKAISERZEIT AN DER AESCHENVORSTADT IN BASEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 375 Markus Asal EXILE? ON MAIN STREET? DIE SPÄTANTIK-FRÜHMITTELALTERLICHEN BESTATTUNGEN ÖSTLICH DES MÜNSTERHÜGELS (BASEL-ANTIKENMUSEUM) UND IHR KONTEXT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 387 Martin Allemann und Anna Flückiger WIE KOMMT EINE TÖRICHTE JUNGFRAU VOM MÜNSTER NACH ST. LEONHARD? TRANSFER EINES BASLER STATUEN FRAGMENTES . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 399 Christoph Philipp Matt SECOND LIFE DER DINGE: BASLER SPOLIEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 409 Hans-Rudolf Meier KOT, KULT UND KÜCHE – TAUBEN IN MARRAKESCH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 419 Thomas Reitmaier und Raphael Sele ABKÜRZUNGEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 429
73 ianua patet cor magis CIL III 4441 Franziska Beutler, Christian Gugl, Gabrielle Kremer und Mario Wallner hierher transportierte. Raum S könnte also durchaus ein kleiner Kultraum gewesen sein, in dem die Altäre bewusst in der Sichtachse des Eintretenden aufgestellt wurden39. Schwierig zu bewerten sind die zahlreichen Bleivotive, die in Raum S und Bereich Q geborgen wurden, ohne dass ihr genauer Fundkontext jedoch dokumentiert worden ist40. Für eine Kultkontinuität an diesem Ort sprechen die Beobachtungen in Bereich Q. Dabei wurden vier Niveaus erkannt. Die auf den Niveaus II bis IV gefundenen Altäre lassen zudem chronologische Tendenzen erkennen. Eine Platte vom ältesten Niveau IV wurde aufgrund onomastischer Kriterien in das (frühe?) 2. Jahrhundert datiert41. Die Niveaus I und II wird man mit der (spätantiken?) Deponierung im Raum S verbinden dürfen. An diesem Platz wurden also nicht nur einmal Weihedenkmäler aufgestellt, es ist vielmehr von einer länger andauernden Nutzung dieser Lokalität zu kultischen Zwecken auszugehen. Manfred Kandler versuchte, die Renovierungsinschrift von 211 (CIL III 4441) mit dem «Silvanusheiligtum von 1892» in Verbindung zu bringen42. Eine vergleichbare Weihung an die Silvanae und die Quadriviae kam zwar in Bereich Q (Niveau III) zum Vorschein. Allerdings kann man die auf der Renovierungsinschrift genannten Architekturelemente im Befund von 1892 beim besten Willen nicht identifizieren. CHARAKTERISIERUNG DES STADTVIERTELS UND DER STRASSENVERLÄUFE Der Grundriss der 1892 entdeckten Befunde und ihre Lage im Stadtbild bieten keine Anhaltspunkte für eine Interpretation als Heiligtum für Silvanus bzw. für die Silvanae und die Quadriviae. Die freigelegten Areale erscheinen völlig unspezifisch und sind architektonisch in die angrenzende insula-Bebauung integriert. Die Wohneinheiten dieser insula weisen mitunter eine gehobene Ausstattung auf, was man zumindest aus den mehrfach auftretenden Apsidenräumen und einem grossen, gepflasterten Innenhof schliessen möchte. Aufgrund der neuen geophysikalischen Prospektionsergebnisse wissen wir, dass die südlich an der insula vorbeiführende Strasse S160 nur von untergeordneter Bedeutung war. Einen weitaus grösseren Stellenwert hatte die nördlich der insula vorbeiführende Strasse S170, die eine der wichtigsten West-Ost-Achsen der römischen Kolonie war. Auch die beiden Nord-Süd-Strassen S171 und S178, die die insula im Osten und Westen begrenzten, waren grosszügiger dimensioniert und sicherlich auch stärker frequentiert. Der neue Stadtplan von Carnuntum vermittelt den Eindruck, dass die Fundstelle von 1892 an keinem neuralgischen Punkt des Stadtgefüges lag. Trotz der vielen offenen Fragen, die die Altgrabungen hinterlassen, ist die Tatsache zur Kenntnis zu nehmen, dass wir über eine wahrscheinlich beachtliche Zeitspanne mit einem Kult für die Quadriviae an dieser Stelle zu rechnen haben und dass diese hier – zumindest in einem nachweisbaren Fall – gemeinsam mit den Silvanae verehrt wurden. Wie lässt sich nun aber die Renovierungsinschrift von 211 damit in Übereinstimmung bringen bzw. gibt es alternative Bauten, auf die man diese Inschrift beziehen kann? NEU ENTDECKTE HEILIGTÜMER IN DER ZIVILSTADT Im Rahmen des Prospektionsprojektes «ArchPro Carnuntum» konnten zwischen 2012 und 2015 eine Fläche von insgesamt 830ha magnetisch und etwas mehr als 240 ha mit Bodenradar untersucht werden43. In den Prospektionsdaten erkennt man mehrere Grundrisse, die man als Heiligtümer ansprechen kann. In der Carnuntiner Zivilstadt bzw. in deren Umfeld sind drei Objekte anzuführen, für die eine Deutung als Tempel in Frage kommt. HEILIGTÜMER IN DEN PROSPEKTIONSDATEN Unmittelbar südlich des Forums erkennt man den markanten Grundriss eines rechteckigen, isoliert innerhalb eines ummauerten Bereichs stehenden Gebäudes, das schon mehrfach als Heiligtum angesprochen wurde44. Auf diese Strukturen wird im Kapitel «Ein Heiligtum südlich des Forums» noch ausführlich einzugehen sein. Ein weiterer bemerkenswerter Grundriss liess sich zunächst luftbildarchäologisch, dann mittels geophysikalischer Prospektion rund 600m südlich der Zivilstadt dokumentieren ▶ 4,J45. Am aussagekräftigsten sind die Luftbilder des Jahres 2020, auf denen man drei ineinander geschachtelte, rechteckige Mauerverläufe beobachten kann ▶ 9. Das äussere Mauergeviert beschreibt ein Rechteck mit Seitenlängen von ca. 25 × 27 m. Mit einem Abstand von rund 3m schliesst parallel dazu ein weiterer rechteckiger Mauer verlauf an. Im Inneren befindet sich eine rechteckige, gemauerte Struktur mit Aussenmassen von ca. 9 × 10,5m. Im Luftbild zeichnet sich das Innere dieser Struktur als flächige Trockenmarke ab, während der Kontrast zwischen den beiden äusseren, konzentrischen Mauerrechtecken und den Bereichen da-
74 ianua patet cor magis CIL III 4441 Franziska Beutler, Christian Gugl, Gabrielle Kremer und Mario Wallner zwischen deutlicher ausgeprägt ist. Auf dem Luftbild meint man noch eine punktförmige Trockenmarke in der südlichen Hälfte der inneren Struktur erkennen zu können. Zugänge kann man in den Prospektionsdaten nicht sicher identifizieren. Diesen Grundriss kann man am besten als zentrales, Nordwest-Südost orientiertes Gebäude mit einer umlaufenden Portikus interpretieren. Gute Vergleiche liegen beispielsweise aus dem gallo-römischen Raum vor, wo im Grundriss übereinstimmende Kultbauten, eingefasst von einer Quadriportikus, bekannt sind46. Ein Zusammenhang mit der Renovierungsinschrift ist allerdings aus mehreren Gründen unwahrscheinlich. Dieses isoliert vor der Stadt liegende Heiligtum befindet sich in einem Bereich, der von keiner antiken Ausfallstrasse gequert wird. Die Lage in einem Feuchtgebiet47 sowie rund 400 m nordwestlich davon ergrabene Befunde einer römischen Wasserleitung48, die anscheinend mit diesem Gebäudekomplex fluchtet, machen eine andere Interpretation wahrscheinlich: Eine Deutung als Quellheiligtum oder als Quellfassung mit Heiligtum, von der die in den Jahren 2008 und 2009 freigelegte Wasserleitung ihren Ausgang genommen hätte, wäre dabei durchaus in Betracht zu ziehen. EIN HEILIGTUM BEI AMPHITHEATER III Ein Gebäude etwa 10–15m östlich von Amphitheater III an der Innenseite der Stadtmauer dürfte ebenfalls als Heiligtum zu interpretieren sein ▶ 5,H. Das Gebäude liegt am Südende einer etwa 50 × 20 m grossen, platzartigen Erweiterung, an deren Nordseite die Ausfallstrasse S124 vorbeiführt. Im Südosten mündet die Ringstrasse S191 ein, die entlang der Innenseite der Stadtmauer verläuft. Die isolierte Lage auf diesem Platz hebt das Bauwerk von der östlich und nördlich anschliessenden, dicht gedrängten Wohnbebauung ab. Das von einer Umfassungsmauer begrenzte Ensemble ist insgesamt ca. 15 × 22m gross ▶ 10. Die Hauptfassade ist nach Norden zum Platz hin ausgerichtet, während die Rückseite sehr nahe an die Stadtmauer heranreicht. In der Nähe der Südwestecke des Gebäudekomplexes befand sich ein ca. 3 × 6 m grosser Turm der Stadtbefestigung, der die Passage zwischen Gebäudekomplex und Stadtmauer auf ca. 4 m verengte. Das zentrale Element dieses Ensembles ist ein quadratischer Bau mit einer Seitenlänge von etwa 7,7m. Er ist an der Hauptachse ausgerichtet, aber etwas an die Rückwand versetzt. Entlang der Westund der Ostseite des Gebäudekomplexes erstreckt sich jeweils ein ungefähr 4 m breiter Trakt, der aus mehreren Räumen besteht. An der Ostseite lässt sich eine Abfolge von drei, 15–17 m2 grossen Räumen rekonstruieren. Auf der Westseite dürfte eine identische Raumanordnung bestanden haben. Der Raum zwischen diesen Seitentrakten und dem Kernbau wird offen gewesen sein, denn man erkennt in den Radardaten jeweils zwei parallel verlaufende Mauer züge, bei denen es sich am ehesten um gemauerte Kanalwangen handelt, die das Dachwasser des Kernbaus und vielleicht auch der Seitentrakte 9 Carnuntum, Schrägaufnahme aus dem Bereich südlich der Carnuntiner Zivilstadt: ein Quellheiligtum?
75 ianua patet cor magis CIL III 4441 Franziska Beutler, Christian Gugl, Gabrielle Kremer und Mario Wallner nach Norden hin ableiteten. Zwischen dem Kernbau, den man wahrscheinlich von Norden aus betreten hat, und der Hauptfassade befindet sich eine rund 5 × 11m grosse Fläche. Der Grundriss und die besondere Lage im Stadtbild machen eine Deutung als Heiligtum plausibel. Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass eine Verbindung mit der Renovierungsinschrift CIL III 4441 besteht. So lässt sich zwar eine Umfassungsmauer identifizieren, eine Portikus lässt sich allerdings nicht nachweisen. Auch die Lage des Baus wäre für ein den Vierwegegottheiten geweihtes Heiligtum nur unter grossen Vorbehalten zu verstehen. Während nördlich dieses Bauwerks die nach Westen führende Ausfallstrasse S124 vorbeizieht, liegt die nach Süden streichende Hauptachse S114 bereits rund 60m weiter im Osten, hinter einem weiteren insula-Block. EIN HEILIGTUM SÜDLICH DES FORUMS Bei dem bereits erwähnten, markanten Grundriss südlich des Forums sind einige Beobachtungen in Zusammenhang mit der Inschrift CIL III 4441 von Interesse. Im Stadtzentrum der römischen Kolonie wurden seit 2012 mehrfach Bodenradarmessungen durchgeführt, sodass insbesondere für das Forum, aber auch den südlich anschliessenden Bereich, sehr gute Prospektionsdaten vorliegen. LAGE IM STADTBILD Aus den Radardaten geht deutlich hervor, dass das Forum die bereits bestehende, gewachsene Siedlungsstruktur überbaut ▶ 4; 549. Dafür spricht der Verlauf der Strasse S114 (cardo maximus) im Bereich der Südostecke des Forums sowie das teilweise überbaute Heiligtum südlich davon. Der Forumskomplex beschneidet das Temenos-Areal offensichtlich im Norden. Sehr wahrscheinlich wurden im Zuge dieser enormen Baumassnahme auch zahlreiche Wohnbauten abgerissen. Dies fällt besonders bei der Betrachtung der Wohnbebauung unmittelbar östlich des Stadtzentrums auf. Offensichtlich wurde mit dem Bau des Forums auch eine der wichtigsten West-Ost-Achsen der Siedlung unterbrochen. Die zumindest abschnittsweise von Portiken gesäumte Strasse S193 – ein decumanus – kommt aus dem äussersten Osten der Stadt50 und trifft auf die Ostseite des Forums. Von der Westseite des Forums setzt sie sich als Strasse S170 weiter bis zur westlichen Stadtmauer fort, wo sie auf jenen Punkt trifft, an dem die grosse Wasserleitung von der Gstettenbreite, vom westlichen Vorfeld von Carnuntum kommend, in die Stadt geführt wird. Die wichtigste Nord-Süd-Achse der Stadt, die Strasse S114, verläuft östlich des Temenos. In diesem Bereich zweigt auch die Strasse S124 von S114 ab. Die zunächst in südwestlicher, dann in westlicher Richtung verlaufende Strasse S124 ist eine ältere, wichtige Ausfallstrasse donauaufwärts. Sie wurde durch den Bau der Stadtmauer versperrt und verlor an Bedeutung – sofern sie ausserhalb des Mauerringes nicht überhaupt aufgegeben wurde. Westlich 10 Carnuntum, Zivilstadt: Interpretation der GPR-Messdaten östlich von Amphitheater III. M. 1:500. 46 Bertin/Fauduet 1993, 39 Nr. 005; 60 Nr. 251; Fauduet 2010, 80 mit Abb. 47 Sedlmayer 2015, 33 Abb. 15: 7. 48 Konecny 2012, 177f. Taf. XC Abb. 1,37. 49 Die Baugeschichte des Forums ist nach wie vor offen. Zur Chronologie des Stadtzentrums zuletzt: Gugl et al. 2023, 88–93. 50 Maschek 2011, 35 Abb. 3 (sinistra decumanum II oder «Nordstrasse»).
76 ianua patet cor magis CIL III 4441 Franziska Beutler, Christian Gugl, Gabrielle Kremer und Mario Wallner des Temenos verläuft die Strasse S171, die entlang der Westseite des Forums nach Norden bis zum Macellum zieht. Nach unserem derzeitigen Wissensstand kann festgehalten werden, dass das Heiligtum vor dem Bau des Forums und der Errichtung der Stadtmauer am wichtigsten Strassenknotenpunkt von Carnuntum lag. Das Heiligtum war von vier Strassen – drei davon waren bedeutende Ausfallstrassen – eingefasst. Mit der Anlage des Forums veränderte sich diese Verkehrslage insofern, als die prominente West-Ost-Achse der Strasse S170/S193 innerhalb der Stadt nach Norden – zum decumanus maximus (Strasse S113) – verlegt wurde. Trotz dieser Veränderungen wurde der Strassenknotenpunkt beim Heiligtum weiter genutzt und behielt seine Bedeutung in der römischen Kolonie. STRUKTUR UND GRUNDRISS DES HEILIGTUMS Der rekonstruierte Grundriss des Heiligtums lässt zwei architektonische Elemente erkennen ▶ 11: einen kleinen, nach Südosten orientierten Tempel und die Einfassung des Temenos im Süden und Osten. Die Rückwand des Forumskomplexes bildet die nördliche Begrenzung. Eine Mauer, die von der Südwestecke des Forums hinter dem Tempel verläuft, trennt das Temenos von der westlich vorbeiführenden Strasse S171. Tempel und Heiliger Bezirk nehmen in der heute sichtbaren Form eine Fläche von 820m2 ein. Beide Baukörper sind nicht axial-rechtwinklig aufeinander ausgerichtet. Das könnte damit zu erklären sein, dass es sich um eine gewachsene Struktur handelt, die sich der Umgebung, insbesondere den Strassenverläufen, und vielleicht auch den Besitzverhältnissen, anpasste. Der Tempel ist nur annähernd rechteckig, denn die Rückwand verläuft zwar parallel zur westlichen Umfassungsmauer, nicht jedoch streng rechtwinkelig zu den Längsseiten des Baus. Das Tempelgebäude misst ca. 8 × 16m und besteht aus einer 7,5 × 6,25m grossen Cella, einem 3 × 6,25m grossen Vorraum und einem 3,5 × 6,25m grossen Vorbereich, vielleicht mit einer Treppe, die an den Längsseiten von halbhohen Mauern eingefasst worden wäre. Diesen Grundriss wird man am ehesten zu einem Antentempel, eventuell auch zu einem prostylen Tempel ergänzen. Unmittelbar vor der Treppe sieht man in den Radardaten einen stärker reflektierenden Bereich, den man mit Vorbehalten als Altar ansprechen kann. Die Umfassungsmauer des Heiligtums setzt an der südlichen Tempelwand an, zieht zunächst nach Südwesten, biegt dann aber bald nach Südosten um, wo sie bis zur Strasse S124 verläuft. Der südöstlichen Umfassungsmauer ist zur Strasse hin eine 4m tiefe, anscheinend durchlaufende Raumflucht vorgelagert. Man kann an eine Reihe von Tabernen denken, die sich zu den Strassen S124 und S114 hin öffnen. Nach 42m Länge wird diese Umfassungsmauer vom Forumskomplex überbaut, sodass die Nordostecke der ursprünglichen Temenoseinfassung im Messbild nicht mehr sichtbar ist. An der Innenseite der im Osten und Süden erhaltenen Umfassungsmauer zeichnet sich ebenfalls ein durchschnittlich 3,5m breiter, schwach reflektierender Streifen ab, von dem sich davor ein weiterer, ca. 1,25m breiter absorbie11 Carnuntum, Zivilstadt: GPR-Messdaten und Interpretation des Heiligtums südlich des Forums. M. 1:1000.
77 ianua patet cor magis CIL III 4441 Franziska Beutler, Christian Gugl, Gabrielle Kremer und Mario Wallner render Bereich abhebt. Der reflektierende Bereich dürfte wohl durch einzelne Mauern unterteilt gewesen sein. Eine Interpretation als L-förmige Portikus – vielleicht mit einem vorgelagerten Weg – ist denkbar. Im Norden des Heiligtums lässt sich ebenfalls ein ca. 2,25m breiter, absorbierender bis leicht reflektierender Streifen ausmachen, der entlang der Südwand des Forumskomplexes erscheint. Diese Struktur war offenbar durch eine Mauer von der Platzanlage getrennt. Hier könnte sich eine Aneinanderreihung von Räumen – vielleicht Ädikulen – befunden haben. Die beiden rechteckigen, annähernd symmetrisch angelegten, etwa 3,5 × 6,25m grossen Anbauten an der Südseite des Forums ragen in den Strassenraum bzw. in den Heiligen Bezirk hinein. Die Funktion dieser Anbauten erscheint unklar. Der westliche Anbau befindet sich im Heiligtum, der östliche liegt bereits ausserhalb davon und hat sicherlich zum Abbruch der einen oder anderen Taberne geführt. Manfred Kandler und Wolfgang Neubauer interpretierten diese beiden Anbauten als monumentale Treppenaufgänge, die die Räume im rückwärtigen Teil des Forums erschlossen hätten51. Die neuen Messdaten sprechen eher für grosse Wasserbecken, die durch eine von Westen oder Südosten kommende Leitung gespeist wurden. Beide Deutungen würden sehr gut die Lage eines Zugangs in den Heiligen Bezirk erklären, der an der Rückseite zwischen Forum, Tempel und Strasse S171 zu erkennen ist. Die giebelartige Inschrift kann man sich gut als Bekrönung eines derartigen Eingangs vorstellen. Ein weiterer Zugang dürfte an der Ostseite bestanden haben, wo die Umfassungsmauer des Temenos den Radardaten zufolge an zwei Stellen Unterbrechungen aufweist. Es wäre ebenfalls vorstellbar, dass das Heiligtum – vor der Errichtung des Forums – auch von Norden her zugänglich gewesen war. SCHLUSSFOLGERUNGEN Aus topografischer Sicht wäre das Heiligtum südlich des Forums für eine Verehrung der Wegegöttinnen prädestiniert. Die auf der Renovierungsinschrift CIL III 4441 genannte Erneuerung einer Mauer mit Eingang (murus cum introito) sowie einer Portikus mit Liege (porticus cum accubito) lässt sich ebenfalls mit guten Argumenten auf dieses Heiligtum beziehen. Kein anderer bekannter Kultbau und auch keine aus den neuen Messungen bekannte Struktur in Carnuntum käme dafür eher in Frage. In den Messdaten ist eine L-förmige Portikus zu identifizieren, wo man Liegemöglichkeiten, beispielsweise für kultische Mahlzeiten, sehr gut rekonstruieren könnte. Die angeführte Mauer mit dem Eingang sollte mit einer der sichtbaren Durchgangsmöglichkeiten an der Westoder der Ostseite des Heiligtums – am ehesten mit dem gut erkennbaren Zugang im Westen – gleichzusetzen sein. Die genannten Renovierungsarbeiten wären also nicht auf den Haupttempel zu beziehen, sondern vielmehr auf die Portikus und die Temenosmauer, die das Heiligtum begrenzen. Eine gemeinsame Verehrung der Silvanae und der Quadriviae ist in der römischen Welt – zumindest in unserem Denkmälerbestand – sehr selten nachgewiesen52. Neben den Belegen aus Carnuntum ist in diesem Zusammenhang nur ein Altar aus dem benachbarten Vindobona und aus dem fernen Westerwood am Antoninuswall zu nennen (vgl. oben). Im letzteren Fall handelt es sich um einen Altar für die Silvanae und Quadriviae, während aus Wien eine Weihung für Silvanus, die Silvanae und die Quadriviae vorliegt. Die Verbindung dieser drei Gottheiten spiegelt sich auch in den Denkmälern aus Carnuntum wider. Sie treten zum einen im «Sammelfund von 1892» in Erscheinung und zum anderen auf der hier besprochenen Renovierungsinschrift, die die Quadriviae und Silvanae benennt und eine Darstellung des Silvanus zeigt. Insofern wäre es auch denkbar, dass der Haupttempel dem Silvanus geweiht war und der Kult der Quadriviae und Silvanae nur in einem besonderen Bereich des Temenos zelebriert wurde. Gemeinsame Weihungen bzw. bildliche Darstellungen von den Silvanen, auf denen auch Silvanus oder Merkur in Erscheinung treten, sind in Pannonien und Dakien durchaus geläufig53. Auf der Weihung für die Silvanae Silvestres aus Mannersdorf am Leithagebirge, nahe Carnuntum, sind in der Bildnische über der Inschrift drei Silvanen, begleitet von einem (Silvanus-?)Merkur, einen caduceus in der linken Hand haltend, dargestellt54. Die Verbindung von Silvanus mit den Silvanen zeigen auch Denkmäler aus Aquae Balissae (Pannonia superior)55, Aquincum (Pannonia inferior)56 sowie Sarmizegetusa (Dacia)57. Die Verehrung des Silvanus und der Silvanae, zusammen mit den Quadriviae, scheint hingegen eine regionale Besonderheit im äussersten Nordwesten Pannoniens gewesen zu sein. Der archäologische Nachweis eines Heiligtums für die Quadriviae bzw. für Silvanus und die Silvanen in 51 Kandler 1999, 368 Abb. 5; Neubauer 2001, 49 Abb. 11. 52 Ferlut 2022, 322f. | Anscheinend erst in die Spätantike gehören Weihesteine und Schmuck mit Widmungen an Silvanus Viator, die die vielschichtige Erscheinung des Silvanus um den Aspekt einer Wegegottheit oder eines Beschützers der Reisenden erweitern: Tóth 1980, 97f.; Dészpa 2012, 137f.; Perinić 2016, 9f. 53 Perinić 2016, 21–28. 54 CIL III 4534; Perinić 2016, 120 Nr. 30 mit Abb. http:// lupa.at/8942 (aufgerufen 31.01.2024). 55 AE 1978, 657; Perinić 2016, 109 Nr. 2. http://lupa.at/26271 (aufgerufen 31.01.2024). | Perinić 2016, 119 Nr. 27 mit Abb. http://lupa.at/26398 (aufgerufen 31.01. 2024). 56 CIL III 10460; Perinić 2016, 121 Nr. 32 mit Abb. http://lupa.at/9744 (aufgerufen 31. 01. 2024). 57 Piso/Rusu 1977; Alicu et al. 1979, 93 Nr. 110 Taf. XXV. http://lupa.at/15150 (aufgerufen 31.01. 2024). | Rusu 1975, 697f. Abb. 1; Alicu et al. 1979, 94 Nr. 113 Taf. XXVI. http://lupa.at/17598 (aufgerufen 31.01.2024).
78 ianua patet cor magis CIL III 4441 Franziska Beutler, Christian Gugl, Gabrielle Kremer und Mario Wallner den Provinzen an der mittleren und unteren Donau sowie im Balkanraum gelang bis dato selten. Ein Tempel, der zweifellos den Vierwegegöttinnen geweiht war, ist in diesem Raum nicht bekannt. Selbst für den durch Weihedenkmäler sehr häufig nachgewiesenen Silvanus lassen sich nur sehr wenige Kultgebäude anführen. In Sarmizegetusa befindet sich der 25,5 × 20,4m grosse Kultkomplex für Liber Pater und Silvanus ausserhalb der Stadt. Von den drei cellae im rückwärtigen Bereich des Heiligtums dürfte der nordwestliche Eckraum dem Silvanus-Kult vorbehalten gewesen sein58. Ebenfalls ausserhalb der Stadt, nahe des sogenannten «Grossen Tempels», befindet sich ein weiterer 28 m × 12,8m grosser Komplex, der nun ebenfalls aufgrund eines Silvanus-und-Silvanae-Reliefs59 dem Silvanus zugeschrieben wird. In der westlichen Vorstadt von Mursa konnte ein zur Hauptstrasse hin sich öffnendes Ensemble aus Portikus und Platzanlage freigelegt werden, in dem in einer Grube vier Altäre zum Vorschein kamen. Sie sind zweimal dem Silvanus Augustus sowie je einmal dem Silvanus Domesticus und dem Silvanus Silvestris geweiht60. Ob hier tatsächlich ein Heiligtum vorliegt, ist schwierig zu beurteilen, weil der Befund bisher nur als Vorbericht veröffentlicht wurde61. Die Grundrisse dieser Heiligtümer lassen sich kaum mit dem Befund in Carnuntum vergleichen. Grössere Ähnlichkeiten lassen sich im Liber-und-Libera-Tempel in den östlichen canabae von Carnuntum erkennen, dessen Temenos vollständig freigelegt wurde62 ▶ 12. Die unregelmässige Form des Tempelbezirks ergibt sich durch die nördlich und westlich vorbeilaufenden Strassen, während im Osten und Süden unverbautes Land angrenzt. In der Osthälfte befindet sich ein Tempel mit einer 7,7 × 6,6m breiten cella, an den eine offene, tetrastyle Vorhalle anschliesst. An der Südund Ostseite des Temenos erstrecken sich entlang der Umfassungsmauer 3–4m breite Säulenhallen, die im Laufe der Zeit umgebaut wurden. Die Säulenhalle wurde durch das Errichten von Quermauern in einen Trakt aus abgeschlossenen Räumen umgestaltet. Ähnliche Modifikationen sind beim Heiligtum südlich des Zivilstadt-Forums nicht auszuschliessen. In der Nordostecke des Liber-undLibera-Heiligtums rekonstruierte Manfred Kandler einen Saalbau, in welchem er Liegebänke ergänzte, die der Kultgemeinde zur Veranstaltung von Gelagen gedient haben könnten. Der Vorschlag, die Renovierungsinschrift CIL III 4441 auf das Heiligtum südlich des Forums zu beziehen, verlangt auch eine erneute Stellungnahme zum «Sammelfund von 1892». Hätte man nicht eine derart grosse Anzahl an Weihedenkmälern hier gefunden, würde niemand an ein Heiligtum denken63. Eine abschliessende Neubewertung dieses Ensembles im Verhältnis zum diskutierten Heiligtum kann aus mehreren Gründen nicht erfolgen. Vom Heiligtum liegen zwar sehr gute Radarmessbilder vor, die jedoch nur ansatzweise die komplexe Stratigrafie und (relative) Chronologie im Stadtzentrum dokumentieren. Auch fehlen epigrafische Zeugnisse, die sichere Hinweise auf die verehrten Gottheiten liefern könnten. Bei den Grabungen von 1892 wurde leider auf eine vollständige Freilegung der Befunde verzichtet. Das Interesse galt den Steindenkmälern und den Bleivotiven, nicht jedoch anderen chronologisch aussagekräftigen Fundgruppen. Diese sehr unterschiedliche Quellenlage erschwert jede Gegenüberstellung, sodass einer Synthese enge Grenzen gesetzt sind. Mit der Deutung des Heiligtums südlich des Forums als Kultbezirk für Silvanus, die Silvanen sowie die Quadriviae stellt sich erneut die Frage nach der Herkunft der Weihedenkmäler des Sammelfunds. Wurden die Steine aus dem Heiligtum an diesen abseitigen Platz disloziert? Die vier nachgewiesenen 58 Schäfer 2007, 175–190 Abb. 32–33; Boda 2015, 288 Abb. 7: 12; 293; Szábo 2020, 303 Nr. I.42 Abb. 55. 59 Rusu-Pescaru/Alicu 2000, 119–122; Boda 2015, 288 Abb. 7: 21; 293; Szábo 2020, 306 Nr. I.48. http://lupa.at/15150 (aufgerufen 31.01.2024). 60 Filipović/ Kusik 2017. 61 Den Hinweis auf die Befunde in Mursa verdanken wir T. Leleković (Zagreb), der im Rahmen eines ÖAW-Stipendiums während des Jahres 2019 in Wien verweilen konnte. 62 Kandler 2001; Gassner 2003, 14f.; Kandler 2004a, 57 Abb. 40; Kremer 2012, 346f. 63 Die Interpretation des Befundes 1892 ist also hauptsächlich auf die Beurteilung der hier aufgefundenen Weihedenkmäler angewiesen (zu deren Verbleib s. Kremer 2012 und 2014). Auffällig ist die hohe Anzahl einfacher und inschriftloser Altärchen, die an das Inventar eines privaten Kultraums denken lässt. In diesem Zusammenhang kommt auch der Beurteilung des dreischiffigen Raums M als möglicher Versammlungsraum – etwa eines Vereins (collegium) – Bedeutung zu. 64 Kenner 1989, 934; Kandler 2004b; Gassner 2005; Holzner 2006, 175f.; Kremer 2012, 343f.; Kremer 2014; Ferlut 2022, 319. 332. 65 Vgl. z.B. Egelhaaf-Gaiser/Schäfer 2002; Eckhardt 2021. Zu Beispielen aus Carnuntum: Kremer 2012, 366f. 66 Dazu Kremer 2012, 343f. 400; Kremer 2014. Vgl. auch Dészpa 2012, 151, der in den anonymen Weihungen einen Hinweis auf Durchreisende sieht. 12 Carnuntum, canabae: Übersichtsplan des Liber-und-Libera-Heiligtums.
79 ianua patet cor magis CIL III 4441 Franziska Beutler, Christian Gugl, Gabrielle Kremer und Mario Wallner Niveaus in Bereich Q sind jedenfalls ein gewichtiger Hinweis auf eine länger andauernde Nutzung dieses erweiterten Strassenraums. Eine einmalige, in der Spätantike erfolgte Deponierung von Weihedenkmälern, etwa anlässlich des Auflassens eines Heiligtums, kann deshalb zwar in Raum S, nicht jedoch in Q erfolgt sein. In Bereich Q hätte man immer wieder aus dem Heiligtum stammende Weihedenk mäler, aus welchem Anlass auch immer (Renovierungen, Platzmangel), aufgestellt. Bereich Q wäre dann zwar ein locus religiosus gewesen, hätte aber über all die Jahre nur zur «Entsorgung» von nicht mehr benötigten Weihungen gedient. Diese Denkmäler verblieben dort an Ort und Stelle, sodass sie bei jeder Erhöhung des Strassenniveaus zugeschüttet wurden. Ist ein solches Szenario vorstellbar? Der nördlich anschliessende Wohnbereich dürfte grösseren Stadthäusern (domus) vorbehalten gewesen sein, die sich im Grundriss durch das Auftreten von beheizten Apsidenräumen sowie grossen, gepflasterten Innenhöfen zu erkennen geben. In diesem baulichen Kontext könnte man sich etwa den Sitz eines Kollegiums gut vorstellen. Für den dreiteiligen Bereich M wurde auch schon die Deutung als Versammlungssaal in Erwägung gezogen64. Da die Mitglieder von Kollegien in der Regel einen gemeinsamen Kult ausüben, ist mit dem Vorhandensein von Götterbildern und Weihe denkmälern jedenfalls zu rechnen65. Ein Hinweis auf einen solchen Zusammenhang im Bereich der Fundstelle 1892 könnte die auffallend hohe Anzahl einfacher Altärchen ohne eingemeisselte Inschrift sein66. Die Aufstellung der Steine im Bereich Q erfolgte hingegen anscheinend im öffentlichen Bereich, passt also gar nicht in das Bild einer weitgehend geschlossenen Kultgemeinschaft. Insofern lässt sich die bestehende Meinung, in den Bereichen Q und S ein «Heiligtum für Silvanus und die Quadriviae» zu sehen, nicht entkräften. Demnach wäre in der Zivilstadt von zwei Heilig tümern für diese Gottheiten auszugehen: einem grösseren Temenos mit Tempel, Portikus und Liegebank am Kreuzungspunkt von wichtigen Strassen sowie einem kleinen Heiligtum, abgelegen an einer Nebenstrasse. Die Platzwahl für letztere Kultstätte bleibt nach unserem derzeitigen topografischen Kenntnisstand allerdings rätselhaft. Die seit 2012 in Carnuntum intensivierten geophysikalischen Messungen haben unser Bild von der antiken Stadt um viele, mitunter erstaunliche Details ergänzt. Zu den bereits bekannten grossen Heiligtümern in Carnuntum sind nun mehrere kleinere hinzugekommen, die die Sakraltopografie der römischen Donaumetropole verdichten. Es ist reizvoll, die neuen Messbilder mit den altbekannten Denkmälern zu konfrontieren und zu diskutieren. Die Deutungsversuche der neuen Grundrisse bleiben trotz der hohen Qualität der Prospektionsdaten allerdings eine grosse Herausforderung und harren ihrer Klärung durch neue Grabungsergebnisse und Funde. LITERATURVERZEICHNIS Alicu et al. 1979: D. Alicu/Ch. E. Pop/V. Wollmann, Figured monuments from Ulpia Traiana Sarmizegetusa. BAR Internat. Ser. 55 (Oxford 1979). Bertin /Fauduet 1993: D. Bertin/I. Fauduet, Atlas des sanctuaires romano-celtiques de Gaule: les fanums. Archéologie aujourd’hui (Paris 1993). Birley 1984: E. Birley, A Centurion of Leg. VI Victrix and His Wife. Zeitschr. Papyrologie u. Epigraphik 57, 1984, 230–232. Boda 2015: I. Boda, The Sacred topography of colonia Sarmizegetusa. Acta Arch. Acad. Scien. Hungaricae 66, 2015, 281–304. de Jordan 1745: J. Ch. de Jordan, De originibus slavicis opus chronologico-geographico-historicum; ab antiquitate literis nota, in Seculum usque Christianum decimum (Wien 1745). Dészpa 2012: L. M. 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429 ianua patet cor magis ABKÜRZUNGEN Grundsätzlich gelten die Zitier-Richtlinien und Abkürzungen der Römisch-Germanischen Kommission (vgl. Ber. RGK 71, 1990, 973 – 998; 73, 1992, 477 – 540). Zusätzlich werden folgende Abkürzungen für Zeitschriften verwendet: AKB Archäologisches Korrespondenzblatt AFS Archäologischer Führer der Schweiz AS Archäologie der Schweiz ASA Anzeiger für Schweiz. Altertumskunde ASA N.F. Anzeiger für Schweizerische Altertumskunde, Neue Folge ASSPA Annuaire de la Société Suisse de Préhistoire et d’Archéologie Ber. RGK Berichte der Römisch-Germanischen Kommission BPA Bulletin de l’Association Pro Aventico CAR Cahiers d’Archéologie Romande CIL Corpus Inscriptionum Latinarum HA Helvetica Archaeologica JbAK Jahresbericht aus Augst und Kaiseraugst JbAS Jahrbuch Archäologie Schweiz Jber. GPV Jahresbericht der Gesellschaft Pro Vindonissa Jber. SLMZ Jahresbericht des Schweiz. Landesmuseums Zürich JbHVFL Jahrbuch des Histor. Vereins für das Fürstentum Liechtenstein JbRGZM Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz JbSGU Jahrbuch der Schweiz. Gesellschaft für Urgeschichte JbSGUF Jahrbuch der Schweiz. Gesellschaft für Urund Frühgeschichte MAGZ Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft Zürich RIC The Roman Imperial Coinage SPM Die Schweiz vom Paläolithikum bis zum frühen Mittelalter UFAS Urund frühgeschichtliche Archäologie der Schweiz Veröff. GPV Veröffentlichungen der Gesellschaft Pro Vindonissa ZAK Zeitschrift für Schweiz. Archäologie und Kunstgeschichte Weitere Abkürzungen und Siglen: ADB Archäologischer Dienst Bern AE L’Année Épigraphique AR Augusta Raurica EAD Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege (Grafische Sammlung SNB) EDCS Epigraphik-Datenbank Clauss/Slaby GPV Gesellschaft Pro Vindonissa GS Grafische Sammlung HLS Historisches Lexikon der Schweiz HMB Historisches Museum Basel HRL Hochrhein-Limes IDR Inscriptiones Daciae Romanae ILAlg Inscriptions latines d’Algérie ILJug Inscriptiones Latinae quae in Iugoslavia … repertae et editae sunt KAAG Kantonsarchäologie Aargau KASG Kantonsarchäologie St.Gallen KDM BS Die Kunstdenkmäler des Kantons Basel-Stadt MAGZ Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft Zürich ÖAI Österreichisches Archäologisches Institut ÖAW Österreichische Akademie der Wissenschaften PIR Prosopographia Imperii Romani PIR² Prosopographia Imperii Romani (2. Auflage) PLRE The Prosopography of the Later Roman Empire RIB The Roman Inscriptions of Britain RIU Die römischen Inschriften Ungarns SMRA Site et Musée romains d’Avenches SNB Schweizerische Nationalbibliothek ThLL Thesaurus Linguae Latinae RPC Münz-Typ nach Burnett u.a. 1992 Allgemeine Abkürzungen: Abb. Abbildung Anm. Anmerkung B. Breite Bd. Band Beg. N. Begrawiyeh Nord bes. besonders Bsp. Beispiel bspw. beispielsweise bzw. beziehungsweise ca. circa cf. vergleiche Dat. Datierung d. h. das heisst Dm. Durchmesser dt. deutsch ebda. ebenda ehem. ehemalig engl. englisch et al. und andere f./ff. folgende fig. figura/figure Fl. Fläche freundl. freundlich Fragm. Fragment frz. französisch Gr. Grab H. Höhe ha Hektare Imit. Imitation indet. unbestimmt insbes. insbesondere it. italienisch Jh. Jahrhundert Kat. Katalog l. links L. Länge lat. lateinisch Lit. Literatur M. Massstab max. maximal mind. mindestens N Norden n. Chr. nach Christus n. l. nach links n. r. nach rechts Nr./no. Nummer Nrn. Nummern O Osten o. ohne o. ä. oder ähnliches Pos. Position
430 ianua patet cor magis r. rechts rät. rätisch resp. respektive röm. römisch S Süden s. siehe S. Seite Sign. Signatur sog. sogenannt s. o. siehe oben St. Stärke s. u. siehe unten s. v. unter dem Stichwort (sub voce) Taf. Tafel u. und u. a. unter anderem v. a. vor allem v. Chr. vor Christus Verf. Verfasser verm. vermutlich Vorb. Vorbereitung W Westen z. B. zum Beispiel z. T. zum Teil