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BUILD THAT WALL! ÜBERLEGUNGEN ZUM ARBEITSAUFWAND BEI DER ERRICHTUNG DER GALLIENISCHEN STADTMAUER VON VERONA

Stockinger, Ulrich; Gesellschaft pro Vindonissa

Abstract

Zur Rekonstruktion der Bauzeit von (spätantiken) Stadtmauern wird häufig aufeine Inschrift aus Verona verwiesen, die Anfangs- und Enddatum der Errichtungder muri Veronensium nennt (CIL V 3329). Eine kombinierte archäologisch-epigrafische Analyse zeigt einerseits, dass gewisse Faktoren unsicher sind und dieAussagekraft für bauökonomische Vergleiche einschränken, und andererseits, dassdas 265 n.Chr. in Verona durchgeführte Bauprojekt sehr effizient organisiert war.

Full text

IANUA PATET COR MAGIS ANA Z. MASPOLI SANDRA AMMANN HANNES FLÜCK SVEN STRAUMANN (HRSG.) XXXIII Veröffentlichungen der Gesellschaft Pro Vindonissa FESTSCHRIFT FÜR PETER-ANDREW SCHWARZ ZUM 65. GEBURTSTAG ianua patet cor magis IANUA PATET COR MAGIS ANA Z. MASPOLI SANDRA AMMANN HANNES FLÜCK SVEN STRAUMANN (HRSG.) XXXIII Veröffentlichungen der Gesellschaft Pro Vindonissa FESTSCHRIFT FÜR PETER-A NDR EW SCHWARZ ZUM 65. GEBURTSTAG GESELLSCHAFT PRO VINDONISSA © 2025 by Gesellschaft Pro Vindonissa, ch-5200 Brugg Promoted by LIBRUM Publishers & Editors LLC, Basel, Frankfurt a. M. isbn 978-3-907662-14-4 ianua patet cor magis by individual Authors is licensed under a Creative Commons AttributionNonCommercial 4.0 International License. www.creativecommons.org Open Access bei: www.librumopen.com doi 10.19218/3907662144 KORREKTORAT. Stefan Worminghaus, Rudolf Känel KOORDINATION. Hannes Flück, Sandra Ammann, Ana Z. Maspoli, Sven Straumann und Jörg Blum GESTALTUNGSKONZEPT, BILDREDAKTION, UMSCHLAG UND SATZ . Jörg Blum, Zürich BILDBEARBEITUNG. Thomas Humm, humm dtp Matzingen, und Jörg Blum, Zürich DRUCK. Druckhaus Müller, Langenargen (D) klima-druck.de ID-Nr. Druckprodukt CO₂ kompensiert Mehr Informationen zur Berechnungsmethodik, zur Kompensation und dem gewählten GoldstandardKlimaschutzprojekt finden Sie unter klima-druck.de/ID. 24181679 Präsidialdepartement des Kantons Basel-Stad t Archäologische Bodenforschung Abteilung Kultur DIE DRUCKLEGUNG WURDE ERMÖGLICHT MIT FINANZIELLEN BEITRÄGEN VON FOLGENDEN INSTITUTIONEN. Swisslos-Fonds Kanton Aargau Dr. Daniel Schuhmann Fonds Stiftung Pro Augusta Raurica Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt Kantonsarchäologie Aargau Kantonsarchäologie Solothurn Kantonsarchäologie Zürich Kantonsarchäologie St.Gallen Kantonsarchäologie Schaffhausen Archäologie, Hauptabteilung Kultur, Glarus Archäologischer Dienst Graubünden Section d’archéologie et paléontologie du Canton de Jura Römerstadt Augst Archäologie Schweiz Arbeitsgemeinschaft für die provinzialrömische Forschung in der Schweiz (ARS) Gesellschaft Pro Vindonissa Basler Zirkel für Urund Frühgeschichte Arbeitsgemeinschaft Prospektion Schweiz Albert-Weitnauer-Stiftung Departement Bildung und Kultur Fachstelle Archäologie        TITELBILD. Eingang mit Inschrift und Wappen der Familie von Salis. Palazzo Salis, Bondo. Foto: Andrea Badrutt ianua patet cor magis ZUM GELEIT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Ana Z. Maspoli TABULA GRATULATORIA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 BIBLIOGRAFIE VON PETER-ANDREW SCHWARZ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 LISTE DER VON PETER-ANDREW SCHWARZ AB 2007 BETREUTEN ABSCHLUSSARBEITEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 DIE VINDONISSA-PROFESSUR AN DER UNIVERSITÄT BASEL – EIN INTERKANTONALES ERFOLGSMODELL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 Thomas Doppler, Elisabeth Bleuer und Georg Matter 15 JAHRE LEGIONÄRSPFAD VINDONISSA: EINE ERFOLGSGESCHICHTE . . . . . . . . . . . 31 Rahel Göldi (K)EINE ZUKUNFT OHNE HERKUNFT? GEDANKEN ZUM STATUS QUO UND HERAUSFORDERUNGEN DER ARCHÄOLOGIE IN DER SCHWEIZ IM 21. JAHRHUNDERT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 Andrea Schaer GÄHNENDE LEERE? VERBREITUNGSKARTEN, IHRE GESCHICHTE UND INTERPRETATION AM BEISPIEL SPÄTREPUBLIKANISCHEN BRONZEGESCHIRRS 49 Holger Baitinger und Gabriele Rasbach ENTRE ARGENTORATE ET VINDONISSA LES CAMPS MILITAIRES JULIO-CLAUDIENS D’OEDENBURG . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 Michel Reddé CIL III 4441 – EINE INSCHRIFT SUCHT IHREN TEMPEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 Franziska Beutler, Christian Gugl, Gabrielle Kremer und Mario Wallner DIE JOCHWEIHUNG DES VETERANEN PRIMANIUS INGENU(U)S MIT NENNUNG DER CULTORES UND COLONI AUS KRATZENBURG . . . . . . . . . . . . . . . . 81 Peter Henrich BUILD THAT WALL! ÜBERLEGUNGEN ZUM ARBEITSAUFWAND BEI DER ERRICHTUNG DER GALLIENISCHEN STADTMAUER VON VERONA . . . . . . . . . . . . . . . . . 91 Ulrich Stockinger RETOUR SUR LE BUSTE EN OR D’AVENCHES . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .101 Michel E. Fuchs INHALT ianua patet cor magis KARNIVORE NEANDERTALER UND RÖMISCHE GERSTENFRESSER: ZUR VERKNÜPFUNG VON TIERISCHEM PROTEIN MIT «URSPRÜNGLICHER MÄNNLICHKEIT» UND MACHT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .111 Brigitte Röder EQUIDEN ALS SPIEGEL VON MENSCH-TIER-BEZIEHUNGEN IN RÖMISCHER ZEIT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .121 Claudia Gerling DONNÉES RÉCENTES SUR L’HABITAT GALLO-ROMAIN DE COURROUX (CANTON DU JURA) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .131 Robert Fellner et Céline Robert-Charrue Linder EINE EISENPFEIFE VON DER SPÄTLATÈNEZEITLICHEN HÖHENBEFESTIGUNG MONTCHAIBEUX (JU) – ENDLICH EIN BEWEIS FÜR KELTISCHE PFEIFENRAUCHER? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .141 Raphael Berger, Andreas Heege und Elena Prado EIN GLÜCKSBRINGER AUS DER VILLA RUSTICA VON FLUMENTHALATTISHOLZWALD IM KANTON SOLOTHURN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .155 Mirjam Wullschleger HANDWERK IM BILD – BERUFSDARSTELLUNGEN AUF RÖMISCHEN GEFÄSSEN ALS AUSDRUCK GEMEINSCHAFTLICHER IDENTITÄT: EIN NEUER BLICK AUF EINEN ALTBEKANNTEN FUND AUS STUDEN BE/PETINESCA . . . . . . . . . . . . . . . . .165 Christa Ebnöther und Andrew Lawrence mit Beiträgen von Markus Scholz und Günther E. Thüry SCHON DREIMAL AUSGEGRABEN UND DENNOCH ETWAS GEFUNDEN – DIE RÖMISCHE VILLA AUF DEM LENDENBERG BEI SCHLEITHEIM . . . . . . . . . . . . . . . .179 Valentin Homberger «THE BITE OF A SNAKE» EINE GUSSFORM FÜR SCHLANGEN ARMREIFEN AUS KEMPRATEN . . . . . . . . . . . . . . . .191 Regula Ackermann, Hannes Flück und Markus Helfert AUF DER SUCHE NACH DER PIONIERBESIEDLUNG. ZUR FRÜHZEIT VON AUGUSTA RAURICA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203 Sven Straumann, Sandra Ammann und Hans Sütterlin AUGUSTUS IN AUGST: EIN BRONZE NACHGUSS DER STATUE VON PRIMAPORTA IM GARTEN DER VILLA CLAVEL UND DIE ITALIENISCHE KUNSTINDUSTRIE . . . . 221 Martin A. Guggisberg VERFLIXT UND ZUGEMAUERT – NEUES ZUR WESTFRONT DES HAUPTFORUMS VON AUGUSTA RAURICA . . . . . . . . . 233 Juha Fankhauser, Simon Friz, Cédric Grezet und Claude Spiess VOM FEILKLOBEN ZUM SCHRAUBSTOCK – 2000 JAHRE KLEMM VORRICHTUNGEN IM HANDWERK . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251 Alex R. Furger ERRARE HUMANUM EST: EIN ANTONINIAN FÜR TETRICUS II. MIT FEHLERHAFTER LEGENDE . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267 Markus Peter ianua patet cor magis SCHÄDEL GEFUNDEN! NEUES ZUM PLATTENGRAB BEIM FELDHOF IN AUGUSTA RAURICA/AUGST . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271 Michael Baumann EINE SELTENE BEIGABE IN EINEM FRÜHMITTELALTERLICHEN FRAUENGRAB AUS KAISERAUGST . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277 Simone Mayer ZU ZWEI NEUENTDECKTEN ZIEGELPLATTEN MIT GRAFFITI AUS DEM CASTRUM RAURACENSE . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 287 Jakob Baerlocher PRIMI VINDONISSENSES – DIE SPÄTLATÈNEZEITLICHEN BRANDGRÄBER DER GRABUNG WINDISCH-SPILLMANNWIESE V.003.1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 295 Örni Akeret, Cornelia Alder, Sabine Deschler-Erb und Lara Kurmann ACHILL AUF EINEM GOLDRING MIT GLASKAMEO AUS VINDONISSA . . . . . . . . . . . . . 311 Regine Fellmann Brogli und Stefanie Martin-Kilcher EIN BISSCHEN GLAS MUSS SEIN! ZU EINER GESICHTSPERLE AUS DEM GRÄBERFELD AM REMIGERSTEIG IN VINDONISSA/BRUGG AG . . . . . . . . . 321 Sylvia Fünfschilling EINE TÖNERNE STÜTZFIGUR AUS VINDONISSA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 327 Rudolf Känel LETZTE RUHE MIT RHEINBLICK. NEUES UND ALTES ZU DEN SPÄTANTIKEN BESTATTUNGEN IN MUMPF . . . . . . . . . . 335 Nathalie Hertig AUF DEM WINDISCHER SPORN – ANMERKUNGEN ZU EINER SPÄTRÖMISCHEN BEFESTIGUNG VON VINDONISSA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 343 Matthias Flück und Jürgen Trumm MAUERN UND MÜNZEN AUF DER EGG ZWISCHEN MANDACH UND VILLIGEN – EINE ALTE GRABUNG IN NEUEM LICHT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 361 Valentin Häseli EIN ZERSTÖRTES GRÄBERFELD DER MITTELKAISERZEIT AN DER AESCHENVORSTADT IN BASEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 375 Markus Asal EXILE? ON MAIN STREET? DIE SPÄTANTIK-FRÜHMITTELALTERLICHEN BESTATTUNGEN ÖSTLICH DES MÜNSTERHÜGELS (BASEL-ANTIKENMUSEUM) UND IHR KONTEXT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 387 Martin Allemann und Anna Flückiger WIE KOMMT EINE TÖRICHTE JUNGFRAU VOM MÜNSTER NACH ST. LEONHARD? TRANSFER EINES BASLER STATUEN FRAGMENTES . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 399 Christoph Philipp Matt SECOND LIFE DER DINGE: BASLER SPOLIEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 409 Hans-Rudolf Meier KOT, KULT UND KÜCHE – TAUBEN IN MARRAKESCH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 419 Thomas Reitmaier und Raphael Sele ABKÜRZUNGEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 429 97 ianua patet cor magis BUILD THAT WALL! Ulrich Stockinger Mörtel zum Abbinden benötigte und ob bzw. wie eine solche Höhe in maximal acht Monaten erreicht werden konnte – gleiches gilt analog auch zum Teil für die Instandsetzung der republikanischen Stadtmauer und jedenfalls für die dort zusätzlich angefügten Türme. Bei der Annexmauer erlaubte die Verwendung von grossen Spolienblöcken und wenig Mörtel für die Schalen eine raschere Aushärtung des Mörtels und einen grossen Lastabtrag über die Schalen, sodass der mit maximal 1m vergleichsweise schmale Mauerkern entlastet wurde. Analog zu anderen spätantiken Befestigungen49 ist davon auszugehen, dass das opus caementicium auch in Verona in Lagen eingebracht wurde, wobei ihre Höhe, die wiederum die Aushärtungszeit beeinflusste, nicht bekannt ist. Es ist nicht klar, wann die für die Errichtung der Annexmauer nötigen Abrissarbeiten bzw. die Baumaterialbeschaffung erfolgten. Der inschriftlich festgehaltene Baubeginn zu Beginn des Zeitfensters, in dem aufgrund der steigenden Minimaltemperaturen mit Mörtel gebaut werden konnte50, deutet darauf hin, dass zu diesem Zeitpunkt zumindest schon ein Teil des Baumaterials bereitstand und die konstruktiven Arbeiten direkt begonnen wurden. Mörtelarbeiten waren wohl maximal bis zum inschriftlich dokumentierten Bauende möglich, bevor die Temperaturen zu winterlich wurden. Um eine Bauzeit von acht Monaten zu erreichen, war sicher ein gut durchdachtes, perfekt ineinandergreifendes Projektmanagement nötig, nicht zuletzt um den nötigen Kalkmörtel und das wiederverwendete Baumaterial für die verschiedenen Bauabschnitte bereitzustellen. Die Baumaterialbeschaffung (Gewinnung und Transport) machte einen wesentlichen Teil des Zeitaufwands für antike Bauprojekte aus. Dieser Aufwand konnte durch das Recycling von Baumaterial aus bestehenden Bauten substanziell verringert werden, obwohl dies mitunter ein komplexer Prozess war, u. a. abhängig von der Höhe und der Bautechnik der abzureissenden Gebäude sowie der Zugänglichkeit, dem Material und den Dimensionen der Bauteile51. Bei spätantiken Stadtmauerbauten in urbanen Kontexten wurden in grossem Massstab Spolien eingesetzt52, nicht zuletzt da man für diese öffentlichen Grossbauprojekte ohnehin meist vorhandene Bausubstanz entfernen und den Schutt sonst abtransportieren musste. Auch beim Transport des Baumaterials wurde aufgrund der kurzen Wege Zeit eingespart. Bei der weit ausgedehnten, horizontal orientierten und durch repetitive Prozesse gekennzeichneten Errichtung von Stadtmauern konnte eine grössere Anzahl an Bauarbeitern gleichzeitig eingesetzt werden, um die Bauzeit zu verkürzen. In Verona ist von mehreren simultan operierenden Bautrupps auszugehen, wie das bei anderen Stad tmauern53 archäologisch belegt ist. Insgesamt ist für die 550m lange Annexmauer ein Bauvolumen von ungefähr 9500m3 zu erschliessen ▶ 4, wobei ca. 3700m3 opus caementicium und 5700m3 Stein (und wenig Ziegel, beides wohl grösstenteils recyceltes Baumaterial) bis in eine Höhe von mehr als 9m über dem damaligen Strassenniveau verbaut wurden54. Das Bauvolumen bei der Instandsetzung der republikanischen Mauer ist schwierig abzuschätzen und könnte 6000–19000m3 betragen haben55. Legt man die von Alexander Heising herangezogenen Zahlen56 zu den nötigen Mannstunden in den verschiedenen Baugewerken zugrunde, dann reichten für die konstruktiven Arbeiten an der Annexmauer etwa 40 Personen, die 245 Tage tätig waren57. Die Wirklichkeit war freilich komplexer, denn die einzelnen Arbeitsschritte hingen teilweise voneinander ab, griffen ineinander oder bedingten gewisse Pausen. Die Arbeiterzahl war beispielsweise auch von der Anzahl bzw. Länge der Bauabschnitte, der Höhe der Lagen und der nötigen Aushärtezeit des opus caementicium abhängig und schwankte vielleicht zwischen 50 und 100 Personen (in mehreren Bautrupps). Für die Instandsetzungsarbeiten an der republikanischen 0 1 2 3 4 5 m Schalen: 4125 m² (Spolien, Kalkstein) Mauerkern: 3300 m² (opus caementicium, kleine Steine, Ziegelfragmente) Fundament: 1650 m² (Kieselsteine, Ziegelbruch, Kalkstein, Mörtel) Brustwehr: 371,25 m² (Spolien/Kalkstein?) 4 Schematischer Aufbau der Annexmauer im Süden mit ungefähren Volumina der einzelnen Bauteile, M. 1:100, gestrichelte Kontur: kein archäologischer Nachweis für genaue Höhe (basierend auf Cavalieri Manasse/Hudson 1999, 75 Abb. 8; Cavalieri Manasse 2018, 65 Abb. 12). 98 ianua patet cor magis BUILD THAT WALL! Ulrich Stockinger Mauer dürften weitere 40–200 Arbeitskräfte nötig gewesen sein. Falls die Beschaffung und der Transport des Baumaterials vor dem offiziellen Baustart noch nicht abgeschlossen waren, müssen dafür weitere Arbeitskräfte einkalkuliert werden – trotz der Verwendung von Spolien dürfte dafür deutlich mehr Personal nötig gewesen sein als für die konstruktiven Arbeiten; bei einem Verhältnis von 5:158 zusätzlich 450–1500 Personen. Insgesamt könnten demnach etwa 600–2000 Personen in die gallienischen Baumassnahmen involviert gewesen sein. Zumindest ein Teil der zeitintensiven Arbeiten zur Bereitstellung des Baumaterials dürfte bereits vor dem 3. 4. 265 erfolgt sein, sodass die Anzahl der gleichzeitig tätigen Arbeitskräfte niedriger anzusetzen ist. ANMERKUNGEN ZUR INTER PRETATION UND ÜBERTRAGBARKEIT DER INSCHRIFT Die Analyse des bekannten archäologischen Befunds zeigt, dass das Volumen der Baumassnahmen, auf die sich die Inschrift von der porta Iovia bezieht, wohl deutlich von den bisher bei bauökonomischen Vergleichen genannten Zahlen59 abweicht. Es kann gegenwärtig nur grob erschlossen werden und beträgt zwischen 6000 (nur kleine Instandsetzungsarbeiten an der republikanischen Mauer) und 28 500m3 (weitgehende Instandsetzungsarbeiten an der republikanischen Mauer und Neubau Annexmauer). Das schränkt – neben den teilweise sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen – die Aussagekraft für bauökonomische Vergleiche mit spätantiken urbanen Fortifikationsprojekten nördlich der Alpen deutlich ein. Zudem dürfte die ungewöhnliche Nennung der Bauzeit in der Inschrift auch mit einem ungewöhnlichen raschen Abschluss der Arbeiten korrelieren. Es bleibt unklar, welche vorbereitenden Schritte für das Bauprojekt innerhalb des angegebenen Zeitraums erledigt wurden und ob bei der Einweihung der Mauern noch Nachbereitungsarbeiten ausstanden. Nichtsdestotrotz ist das Tempo der Bauarbeiten in Verona beeindruckend: Wenn man den Tag der Weihung, an dem keine Bauarbeiten stattgefunden haben dürften, nicht miteinbezieht, dauerte die Errichtung der muri Veronensium nach Auskunft der Inschrift maximal 245 Tage60. Das bedingte einen effizienten Bauablauf, eine professionelle Logis tik und eine optimierte Bautechnik – keineswegs wurden als panische Reaktion auf die Zerstörung der Vororte «aus ihren Trümmern in aller Eile Mauern aufgeführt»61, die gallienischen Baumassnahmen an der Stadtmauer dürften vielmehr minutiös geplant worden sein. Der Rhythmus des Bau prozesses dürfte insbesondere durch die Abbindezeiten der Mörtelschichten in den einzelnen Mauerpartien diktiert worden sein. So arbeiteten mehrere Bautrupps gleichzeitig, wobei das zu einem grossen Teil recycelte Baumaterial konstant zur Verfügung stehen musste. Die Inschrift legt eine federführende Rolle des römischen Militärs, das über eine umfassende Expertise in (fortifikatorischen) Grossbauprojekten verfügte, für die Durchführung der Arbeiten an der Stadtmauer nahe. Organisation, Durchführung und Effizienz von Bauprojekten waren auch von deren Umfang und Komplexität abhängig, sodass die Zahlen für Verona nur mit Vorsicht skalierbar sind. Das Volumen der Annexmauer ist im Vergleich zu Neubauten spätantiker Stadtmauern in den Nordwestprovinzen gering, so hatte beispielsweise die Befestigung von Mogontiacum/Mainz ungefähr das sechsfache Bauvolumen62. Während die Höhe vergleichbar ist, entspricht die Stärke der Annexmauer in Verona nicht den spätantiken Befestigungsmauern in den gallischen und germanischen Provinzen. Das verringerte den Arbeitsaufwand und erlaubte eine schnellere Aushärtung des Mörtels, sodass der Bauprozess insgesamt deutlich beschleunigt wurde. Auch die Einbeziehung des republikanischen Stadtmauerabschnitts und die Nutzung von Spolien, die durch die nötigen Abbrucharbeiten ohnehin verfügbar waren, verkürzten die Bauzeit. Überraschenderweise wurde das Amphitheater nicht direkt in die Stadtmauer eingebunden wie in Rom oder Rimini63, obwohl mehr als 200m Mauer zusätzlich errichtet werden mussten, um alle Zugänge des Amphitheaters weiter nutzen zu können. Trotz aller Einschränkungen bietet die Bauinschrift aus Verona eine bislang einzigartige Möglichkeit, um die Zahl der an einem spätantiken Stadtmauerbauprojekt beteiligten Arbeiter zu rekonstruieren. Denn damit sind ausnahmsweise zwei der drei wichtigsten, voneinander abhängigen Variablen (annähernd) bekannt (Bauvolumen, Bauzeit), sodass die dritte, d. h. die Arbeiterzahl, verlässlicher als sonst abgeschätzt werden kann. Die Analyse der Bauinschrift und des archäologischen Befunds verdeutlicht, dass die individuellen Rahmenbedingungen und die jeweilige Ausführung einen grossen Einfluss auf spätantike Stadtmauerbauprojekte hatten und bei bauökonomischen Berechnungen zu berücksichtigen sind. So 58 Heising 2008, 172 hält für Mogontiacum/Mainz (ebenfalls mit Spolienblöcken) ein Verhältnis von mindestens 4:1 bis 6:1 zwischen Materialbeschaffung und Bau für wahrscheinlich. | Zusätzlich sind wohl ca. 10% der Gesamtarbeiterzahl für die Organisation und Administration zu veranschlagen. 59 Vgl. Anm. 4. 60 Es wird hier davon ausgegangen, dass möglichst rasch und damit an jedem Tag gearbeitet wurde. Die Dipinti aus den Traiansthermen in Rom deuten darauf hin, dass an diesem Bauprojekt zumindest von Ende Februar bis Mitte Oktober und ohne Feiertage gearbeitet wurde, vgl. Volpe/ Rossi 2012. 61 Kähler 1935, 183. 62 Heising 2008, 171 Tab. 16. 63 Cavalieri Manasse/Hudson 1999, 78 mit Anm. 33. 99 ianua patet cor magis BUILD THAT WALL! Ulrich Stockinger spielten insbesondere die urbanistische und topografische Ausgangslage, die militärische, politische und strategische Bedeutung der Stadt, der historische Hintergrund, die Involvierung der öffentlichen Hand und des Militärs, die Dimensionen des Bauprojekts, aber auch Anteil und Art des wiederverwendeten Baumaterials eine entscheidende Rolle für den geleisteten zeitlichen und finanziellen Aufwand. Die Auswertung veranschaulicht auch, dass epigrafische und archäologische Quellen unterschiedlichen Filtern unterworfen sind. Es braucht also ein Grundverständnis für die daraus resultierenden Schwierigkeiten und Unklarheiten, um Indizien aus der jeweils anderen Disziplin sinnvoll nutzen zu können – eines der vielen Anliegen, für die sich auch Peter-Andrew Schwarz stets eingesetzt hat. 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Zusätzlich werden folgende Abkürzungen für Zeitschriften verwendet: AKB Archäologisches Korrespondenzblatt AFS Archäologischer Führer der Schweiz AS Archäologie der Schweiz ASA Anzeiger für Schweiz. Altertumskunde ASA N.F. Anzeiger für Schweizerische Altertumskunde, Neue Folge ASSPA Annuaire de la Société Suisse de Préhistoire et d’Archéologie Ber. RGK Berichte der Römisch-Germanischen Kommission BPA Bulletin de l’Association Pro Aventico CAR Cahiers d’Archéologie Romande CIL Corpus Inscriptionum Latinarum HA Helvetica Archaeologica JbAK Jahresbericht aus Augst und Kaiseraugst JbAS Jahrbuch Archäologie Schweiz Jber. GPV Jahresbericht der Gesellschaft Pro Vindonissa Jber. SLMZ Jahresbericht des Schweiz. Landesmuseums Zürich JbHVFL Jahrbuch des Histor. Vereins für das Fürstentum Liechtenstein JbRGZM Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz JbSGU Jahrbuch der Schweiz. Gesellschaft für Urgeschichte JbSGUF Jahrbuch der Schweiz. Gesellschaft für Urund Frühgeschichte MAGZ Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft Zürich RIC The Roman Imperial Coinage SPM Die Schweiz vom Paläolithikum bis zum frühen Mittelalter UFAS Urund frühgeschichtliche Archäologie der Schweiz Veröff. GPV Veröffentlichungen der Gesellschaft Pro Vindonissa ZAK Zeitschrift für Schweiz. Archäologie und Kunstgeschichte Weitere Abkürzungen und Siglen: ADB Archäologischer Dienst Bern AE L’Année Épigraphique AR Augusta Raurica EAD Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege (Grafische Sammlung SNB) EDCS Epigraphik-Datenbank Clauss/Slaby GPV Gesellschaft Pro Vindonissa GS Grafische Sammlung HLS Historisches Lexikon der Schweiz HMB Historisches Museum Basel HRL Hochrhein-Limes IDR Inscriptiones Daciae Romanae ILAlg Inscriptions latines d’Algérie ILJug Inscriptiones Latinae quae in Iugoslavia … repertae et editae sunt KAAG Kantonsarchäologie Aargau KASG Kantonsarchäologie St.Gallen KDM BS Die Kunstdenkmäler des Kantons Basel-Stadt MAGZ Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft Zürich ÖAI Österreichisches Archäologisches Institut ÖAW Österreichische Akademie der Wissenschaften PIR Prosopographia Imperii Romani PIR² Prosopographia Imperii Romani (2. Auflage) PLRE The Prosopography of the Later Roman Empire RIB The Roman Inscriptions of Britain RIU Die römischen Inschriften Ungarns SMRA Site et Musée romains d’Avenches SNB Schweizerische Nationalbibliothek ThLL Thesaurus Linguae Latinae RPC Münz-Typ nach Burnett u.a. 1992 Allgemeine Abkürzungen: Abb. Abbildung Anm. Anmerkung B. Breite Bd. Band Beg. N. Begrawiyeh Nord bes. besonders Bsp. Beispiel bspw. beispielsweise bzw. beziehungsweise ca. circa cf. vergleiche Dat. Datierung d. h. das heisst Dm. Durchmesser dt. deutsch ebda. ebenda ehem. ehemalig engl. englisch et al. und andere f./ff. folgende fig. figura/figure Fl. Fläche freundl. freundlich Fragm. Fragment frz. französisch Gr. Grab H. Höhe ha Hektare Imit. Imitation indet. unbestimmt insbes. insbesondere it. italienisch Jh. Jahrhundert Kat. Katalog l. links L. Länge lat. lateinisch Lit. Literatur M. Massstab max. maximal mind. mindestens N Norden n. Chr. nach Christus n. l. nach links n. r. nach rechts Nr./no. Nummer Nrn. Nummern O Osten o. ohne o. ä. oder ähnliches Pos. Position 430 ianua patet cor magis r. rechts rät. rätisch resp. respektive röm. römisch S Süden s. siehe S. Seite Sign. Signatur sog. sogenannt s. o. siehe oben St. Stärke s. u. siehe unten s. v. unter dem Stichwort (sub voce) Taf. Tafel u. und u. a. unter anderem v. a. vor allem v. Chr. vor Christus Verf. Verfasser verm. vermutlich Vorb. Vorbereitung W Westen z. B. zum Beispiel z. T. zum Teil Open Access doi 10.19218/3907662144