IANUA PATET COR MAGIS ANA Z. MASPOLI SANDRA AMMANN HANNES FLÜCK SVEN STRAUMANN (HRSG.) XXXIII Veröffentlichungen der Gesellschaft Pro Vindonissa FESTSCHRIFT FÜR PETER-ANDREW SCHWARZ ZUM 65. GEBURTSTAG
ianua patet cor magis
IANUA PATET COR MAGIS ANA Z. MASPOLI SANDRA AMMANN HANNES FLÜCK SVEN STRAUMANN (HRSG.) XXXIII Veröffentlichungen der Gesellschaft Pro Vindonissa FESTSCHRIFT FÜR PETER-A NDR EW SCHWARZ ZUM 65. GEBURTSTAG
GESELLSCHAFT PRO VINDONISSA © 2025 by Gesellschaft Pro Vindonissa, ch-5200 Brugg Promoted by LIBRUM Publishers & Editors LLC, Basel, Frankfurt a. M. isbn 978-3-907662-14-4 ianua patet cor magis by individual Authors is licensed under a Creative Commons AttributionNonCommercial 4.0 International License. www.creativecommons.org Open Access bei: www.librumopen.com doi 10.19218/3907662144 KORREKTORAT. Stefan Worminghaus, Rudolf Känel KOORDINATION. Hannes Flück, Sandra Ammann, Ana Z. Maspoli, Sven Straumann und Jörg Blum GESTALTUNGSKONZEPT, BILDREDAKTION, UMSCHLAG UND SATZ . Jörg Blum, Zürich BILDBEARBEITUNG. Thomas Humm, humm dtp Matzingen, und Jörg Blum, Zürich DRUCK. Druckhaus Müller, Langenargen (D) klima-druck.de ID-Nr. Druckprodukt CO₂ kompensiert Mehr Informationen zur Berechnungsmethodik, zur Kompensation und dem gewählten GoldstandardKlimaschutzprojekt finden Sie unter klima-druck.de/ID. 24181679 Präsidialdepartement des Kantons Basel-Stad t Archäologische Bodenforschung Abteilung Kultur DIE DRUCKLEGUNG WURDE ERMÖGLICHT MIT FINANZIELLEN BEITRÄGEN VON FOLGENDEN INSTITUTIONEN. Swisslos-Fonds Kanton Aargau Dr. Daniel Schuhmann Fonds Stiftung Pro Augusta Raurica Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt Kantonsarchäologie Aargau Kantonsarchäologie Solothurn Kantonsarchäologie Zürich Kantonsarchäologie St.Gallen Kantonsarchäologie Schaffhausen Archäologie, Hauptabteilung Kultur, Glarus Archäologischer Dienst Graubünden Section d’archéologie et paléontologie du Canton de Jura Römerstadt Augst Archäologie Schweiz Arbeitsgemeinschaft für die provinzialrömische Forschung in der Schweiz (ARS) Gesellschaft Pro Vindonissa Basler Zirkel für Urund Frühgeschichte Arbeitsgemeinschaft Prospektion Schweiz Albert-Weitnauer-Stiftung Departement Bildung und Kultur Fachstelle Archäologie TITELBILD. Eingang mit Inschrift und Wappen der Familie von Salis. Palazzo Salis, Bondo. Foto: Andrea Badrutt
ianua patet cor magis ZUM GELEIT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Ana Z. Maspoli TABULA GRATULATORIA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 BIBLIOGRAFIE VON PETER-ANDREW SCHWARZ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 LISTE DER VON PETER-ANDREW SCHWARZ AB 2007 BETREUTEN ABSCHLUSSARBEITEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 DIE VINDONISSA-PROFESSUR AN DER UNIVERSITÄT BASEL – EIN INTERKANTONALES ERFOLGSMODELL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 Thomas Doppler, Elisabeth Bleuer und Georg Matter 15 JAHRE LEGIONÄRSPFAD VINDONISSA: EINE ERFOLGSGESCHICHTE . . . . . . . . . . . 31 Rahel Göldi (K)EINE ZUKUNFT OHNE HERKUNFT? GEDANKEN ZUM STATUS QUO UND HERAUSFORDERUNGEN DER ARCHÄOLOGIE IN DER SCHWEIZ IM 21. JAHRHUNDERT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 Andrea Schaer GÄHNENDE LEERE? VERBREITUNGSKARTEN, IHRE GESCHICHTE UND INTERPRETATION AM BEISPIEL SPÄTREPUBLIKANISCHEN BRONZEGESCHIRRS 49 Holger Baitinger und Gabriele Rasbach ENTRE ARGENTORATE ET VINDONISSA LES CAMPS MILITAIRES JULIO-CLAUDIENS D’OEDENBURG . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 Michel Reddé CIL III 4441 – EINE INSCHRIFT SUCHT IHREN TEMPEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 Franziska Beutler, Christian Gugl, Gabrielle Kremer und Mario Wallner DIE JOCHWEIHUNG DES VETERANEN PRIMANIUS INGENU(U)S MIT NENNUNG DER CULTORES UND COLONI AUS KRATZENBURG . . . . . . . . . . . . . . . . 81 Peter Henrich BUILD THAT WALL! ÜBERLEGUNGEN ZUM ARBEITSAUFWAND BEI DER ERRICHTUNG DER GALLIENISCHEN STADTMAUER VON VERONA . . . . . . . . . . . . . . . . . 91 Ulrich Stockinger RETOUR SUR LE BUSTE EN OR D’AVENCHES . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .101 Michel E. Fuchs INHALT
ianua patet cor magis KARNIVORE NEANDERTALER UND RÖMISCHE GERSTENFRESSER: ZUR VERKNÜPFUNG VON TIERISCHEM PROTEIN MIT «URSPRÜNGLICHER MÄNNLICHKEIT» UND MACHT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .111 Brigitte Röder EQUIDEN ALS SPIEGEL VON MENSCH-TIER-BEZIEHUNGEN IN RÖMISCHER ZEIT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .121 Claudia Gerling DONNÉES RÉCENTES SUR L’HABITAT GALLO-ROMAIN DE COURROUX (CANTON DU JURA) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .131 Robert Fellner et Céline Robert-Charrue Linder EINE EISENPFEIFE VON DER SPÄTLATÈNEZEITLICHEN HÖHENBEFESTIGUNG MONTCHAIBEUX (JU) – ENDLICH EIN BEWEIS FÜR KELTISCHE PFEIFENRAUCHER? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .141 Raphael Berger, Andreas Heege und Elena Prado EIN GLÜCKSBRINGER AUS DER VILLA RUSTICA VON FLUMENTHALATTISHOLZWALD IM KANTON SOLOTHURN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .155 Mirjam Wullschleger HANDWERK IM BILD – BERUFSDARSTELLUNGEN AUF RÖMISCHEN GEFÄSSEN ALS AUSDRUCK GEMEINSCHAFTLICHER IDENTITÄT: EIN NEUER BLICK AUF EINEN ALTBEKANNTEN FUND AUS STUDEN BE/PETINESCA . . . . . . . . . . . . . . . . .165 Christa Ebnöther und Andrew Lawrence mit Beiträgen von Markus Scholz und Günther E. Thüry SCHON DREIMAL AUSGEGRABEN UND DENNOCH ETWAS GEFUNDEN – DIE RÖMISCHE VILLA AUF DEM LENDENBERG BEI SCHLEITHEIM . . . . . . . . . . . . . . . .179 Valentin Homberger «THE BITE OF A SNAKE» EINE GUSSFORM FÜR SCHLANGEN ARMREIFEN AUS KEMPRATEN . . . . . . . . . . . . . . . .191 Regula Ackermann, Hannes Flück und Markus Helfert AUF DER SUCHE NACH DER PIONIERBESIEDLUNG. ZUR FRÜHZEIT VON AUGUSTA RAURICA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203 Sven Straumann, Sandra Ammann und Hans Sütterlin AUGUSTUS IN AUGST: EIN BRONZE NACHGUSS DER STATUE VON PRIMAPORTA IM GARTEN DER VILLA CLAVEL UND DIE ITALIENISCHE KUNSTINDUSTRIE . . . . 221 Martin A. Guggisberg VERFLIXT UND ZUGEMAUERT – NEUES ZUR WESTFRONT DES HAUPTFORUMS VON AUGUSTA RAURICA . . . . . . . . . 233 Juha Fankhauser, Simon Friz, Cédric Grezet und Claude Spiess VOM FEILKLOBEN ZUM SCHRAUBSTOCK – 2000 JAHRE KLEMM VORRICHTUNGEN IM HANDWERK . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251 Alex R. Furger ERRARE HUMANUM EST: EIN ANTONINIAN FÜR TETRICUS II. MIT FEHLERHAFTER LEGENDE . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267 Markus Peter
ianua patet cor magis SCHÄDEL GEFUNDEN! NEUES ZUM PLATTENGRAB BEIM FELDHOF IN AUGUSTA RAURICA/AUGST . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271 Michael Baumann EINE SELTENE BEIGABE IN EINEM FRÜHMITTELALTERLICHEN FRAUENGRAB AUS KAISERAUGST . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277 Simone Mayer ZU ZWEI NEUENTDECKTEN ZIEGELPLATTEN MIT GRAFFITI AUS DEM CASTRUM RAURACENSE . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 287 Jakob Baerlocher PRIMI VINDONISSENSES – DIE SPÄTLATÈNEZEITLICHEN BRANDGRÄBER DER GRABUNG WINDISCH-SPILLMANNWIESE V.003.1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 295 Örni Akeret, Cornelia Alder, Sabine Deschler-Erb und Lara Kurmann ACHILL AUF EINEM GOLDRING MIT GLASKAMEO AUS VINDONISSA . . . . . . . . . . . . . 311 Regine Fellmann Brogli und Stefanie Martin-Kilcher EIN BISSCHEN GLAS MUSS SEIN! ZU EINER GESICHTSPERLE AUS DEM GRÄBERFELD AM REMIGERSTEIG IN VINDONISSA/BRUGG AG . . . . . . . . . 321 Sylvia Fünfschilling EINE TÖNERNE STÜTZFIGUR AUS VINDONISSA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 327 Rudolf Känel LETZTE RUHE MIT RHEINBLICK. NEUES UND ALTES ZU DEN SPÄTANTIKEN BESTATTUNGEN IN MUMPF . . . . . . . . . . 335 Nathalie Hertig AUF DEM WINDISCHER SPORN – ANMERKUNGEN ZU EINER SPÄTRÖMISCHEN BEFESTIGUNG VON VINDONISSA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 343 Matthias Flück und Jürgen Trumm MAUERN UND MÜNZEN AUF DER EGG ZWISCHEN MANDACH UND VILLIGEN – EINE ALTE GRABUNG IN NEUEM LICHT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 361 Valentin Häseli EIN ZERSTÖRTES GRÄBERFELD DER MITTELKAISERZEIT AN DER AESCHENVORSTADT IN BASEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 375 Markus Asal EXILE? ON MAIN STREET? DIE SPÄTANTIK-FRÜHMITTELALTERLICHEN BESTATTUNGEN ÖSTLICH DES MÜNSTERHÜGELS (BASEL-ANTIKENMUSEUM) UND IHR KONTEXT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 387 Martin Allemann und Anna Flückiger WIE KOMMT EINE TÖRICHTE JUNGFRAU VOM MÜNSTER NACH ST. LEONHARD? TRANSFER EINES BASLER STATUEN FRAGMENTES . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 399 Christoph Philipp Matt SECOND LIFE DER DINGE: BASLER SPOLIEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 409 Hans-Rudolf Meier KOT, KULT UND KÜCHE – TAUBEN IN MARRAKESCH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 419 Thomas Reitmaier und Raphael Sele ABKÜRZUNGEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 429
257 ianua patet cor magis VOM FEILKLOBEN ZUM SCHRAUBSTOCK Alex R. Furger noch in Skandinavien und sogar in Grönland nachzuweisen. Nebst Hirschgeweih kommen jetzt auch Rentiergeweih und Walfischknochen zur Herstellung dieser Kloben zum Einsatz. In der frühen Neuzeit schliesslich finden sich beinerne Kloben weiterhin im Norden und auffallend oft auf Island ▶ 6,X. Im Goldschmiedegewerbe leben diese Feil kloben – wie erwähnt ▶ 5,1–13 – in hölzerner Ausführung bis heute und fast überall auf der Welt weiter. VERWENDUNGSZWECK Ob solche Kloben früher allein für die Schmuckund Feinmetallbearbeitung oder auch von Kammmachern6 und anderen Berufsleuten verwendet wurden, ist nicht bekannt. Auf diese Unsicherheit der Zuweisung hat besonders Petra Westphalen hingewiesen7: «Eine Zuordnung der Kloben zu einem bestimmten Handwerk fällt wegen der vielfältigen Benutzungsmöglichkeiten schwer. Die einzigen Hinweise geben die genannten volkskundlichen Parallelen und rezente Vergleichsstücke. Am ehesten, jedoch nicht ausschliesslich, ist die Verwendung innerhalb der Buntund Edelmetallverarbeitung anzunehmen ▶ 8. Die Feuerbeständigkeit der eisernen Kloben stützt diese Vermutung.» Die beiden oben erwähnten Stücke aus einer römischen Münzwerkstätte bestätigen das auf einleuchtende Weise. KLOBEN AUS EISEN Eine Sonderform eiserner Feilkloben stellen schlanke Stielfeilkloben mit quadratischem «Schliessring» dar ▶ 9,1.2. Sie bestehen aus zwei langschmalen keilförmigen, im Querschnitt rechteckigen Teilen, die mittels eines quadratischen Rahmens aus Eisen resp. Bronze – teils mit abgerundeten Kanten – zusammengehalten werden8. Solche schlanken Kloben eignen sich nur für feine, dünne Metallteile. Die wenigen mir bekannten Stücke stammen bezeichnenderweise aus Gräbern von Goldoder Feinschmieden und sind bis jetzt erst für das Frühmittelalter belegt; sie haben aber formähnliche Nachfolger unter frühneuzeitlichen Kloben aus dem Uhrmacherund Bijouterieumfeld ▶ 9,3. KLOBEN AUS BEIN Nur wenige Beinkloben bestehen aus Knochen; die meisten sind aus Geweih. Das liegt wohl an der Sprödigkeit von Knochen, wenn er nicht mehr ganz frisch ist: die Kloben könnten im Einsatz zerbrechen. Da erschien den Handwerkerinnen und Handwerkern das etwas elastischere Geweih – je nach Landschaft vom Hirsch oder vom Rentier – geeigneter, wie der Archäotechniker David Constantine hervorhebt9: «The structure of antler gives it strength even when used against the grain, hence its widespread use for combs, clamps [Kloben] and similar items that are put under stress». Hinzu kommt, vor allem bei jüngeren Stücken, Walfischbein. 6 Tempel 1969, 39 Taf. 1; siehe auch Jankuhn 1943, 149, und A. Roussel, zitiert nach Westphalen 2002, 33. 7 Westphalen 2002, 33. 8 Tobias 2021, 130f. 9 Constantine 2014, 3. 8 Ein indischer Goldschmied bearbeitet einen Fingerring mit dem Stichel. Das Schmuckstück wird mit einem hölzernen Feilkloben festgehalten (analog ▶ 5,11–13). Chickmangalur (Karnataka, Südindien, 2016). 9 Schlanke Stielfeilkloben mit quadratischem resp. rundem «Schliessring». 1: Poysdorf-Reisshübeln/A, Männergrab 6; 2: Hérouvillette-Les Pérelles/F, Männergrab 10; 3: neuzeitliche Parallele (= ▶ 5,30). M. 1:2. 1 2 3
258 ianua patet cor magis VOM FEILKLOBEN ZUM SCHRAUBSTOCK Alex R. Furger WEITERE RÖMISCHE KLEMMUND FIXIERVORRICHTUNGEN SCHMIEDEZANGEN MIT FESTSTELLMECHANIK In römischen und frühmittelalterlichen Fundzusammenhängen finden sich immer wieder Schmiedezangen, die mit einer Feststellvorrichtung versehen sind, die es erlaubte, das eingeklemmte Werkstück wie in einem grossen Kloben dauerhaft zu fixieren. Zwei unterschiedliche Feststellmechanismen sind bei diesen Zangen zu beobachten. ZANGEN MIT GERADEN SCHENKELN UND SCHIEBESCHLAUFEN Die Zangen mit geraden Schenkeln und Schiebeschlaufen sind nichts Anderes als gewöhnliche Schmiedezangen mit einem zusätzlichen Teil, nämlich einer 8-förmigen Schlaufe, die aus einem Rundstab um den einen Schenkel gebogen ist und am anderen Ende einen Haken für den zweiten Schenkel zum Einrasten aufweist ▶ 10,1.210. Die beiden langen Zangengriffe (Schenkel) sind bei diesem «Modell» nicht gebogen, sondern verlaufen in der Regel gerade. Je nach Position der Backen der Zange resp. je nach Dicke des zu haltenden Werkstücks laufen die Schenkel zueinander ▶ 10,1 oder auseinander ▶ 10,2. Durch Verschieben der Schiebeschlaufe kann das Werkstück fest im Zangenmaul fixiert werden. Damit die Schiebeschlaufe nicht verloren gehen kann, weisen diese Zangen einen geschmiedeten Endknauf an mindestens einem Schenkelende auf. Solche Zangen mit Feststell-Schieber sind rund 9–21 cm lang. Der Fund einer solchen Zange bereits im Oppidum von Manching/D zeigt, dass dieser Typ schon im 2. Jahrhundert v. Chr. in Gebrauch war11. Dies wird durch den ebenfalls spätkeltischen Fund aus Korytnica/PL ▶ 10,1 bestätigt. Dieser Zangentyp ist sehr langlebig; er ist archäologisch von spätkeltischer Zeit bis ins Mittelalter vielfach nachgewiesen und ist in Schmiedebetrieben bis heute in Gebrauch. Zangen mit geraden Schenkeln und Schiebeschlaufen beschränken sich auf keine Region, sondern treten in ganz Europa auf. Auch heute noch sind solche Zangen im Schmiedebedarf verfügbar – und werden gerne benutzt ▶ 11. ZANGEN MIT LOCHSTREIFEN ZUM EINRASTEN Dieser Zangentyp weist am einen Schenkelende einen feinen Stift auf, der nach unten weist. Auch am anderen Ende ist ein Stift, an dem jedoch ein kleiner eiserner Streifen beweglich angenietet ist ▶ 10,3–5. Der Streifen weist mehrere Löcher auf, in denen der Stift des ersten Zangenschenkels eingeschoben werden kann. Je nach Loch, in dem beide Schenkel miteinander verbunden sind, variiert auch die Öffnung im Zangenmaul – entsprechend der Dicke des Werkstücks. Solche Zangen bewegen sich erstaunlicherweise im gleichen Grössenspektrum wie jene mit Schiebeschlaufe; sie sind zwischen 10 und 32 cm lang. Birgit Arrhenius hat aufgrund der kleinen Zange mit einem vierlochigen Feststellmechanismus aus dem frühmittelalterlichen Grab 39 von Vendel-Hovgårdsberg/S die Maulöffnungen ermittelt, die in den vier Einstellungen mit der Zange erreicht werden konnten: Es sind Weiten von 12, 14, 16 und 18mm12. 10 Beispiele von Schmiedezangen mit Fixierungsvorrichtungen in verschiedenen Maulöffnungen. 1 und 2: Zangen mit geraden Schenkeln und Schiebeschlaufen; 3, 4 und 5: Zangen mit Lochstreifen zum Einrasten. – Fundorte: 1 Korytnica/PL, 4. Viertel 2. Jh. bis 1. Hälfte 1. Jh. v. Chr.; 2 Nortvig/ DK, 1. Jh. bis 1. Hälfte 2. Jh. n. Chr.; 3 Drocksjö/S, Mitte 7. Jh. n. Chr.; 4 Romfo/N (Romfohjellen), wikingisch, ca. 600–1100 n. Chr.; 5 Sæbø/N (Grabfund), frühes 9. Jh. n. Chr. M. 1:4. 1 2 3 4 5
259 ianua patet cor magis VOM FEILKLOBEN ZUM SCHRAUBSTOCK Alex R. Furger Eine besonders interessante, 24 cm lange Zange stammt aus einem Schmiedegrab des 9. Jahrhunderts aus Sæbø/N ▶ 10,513. Am Ende eines der Griffe befindet sich ein kleiner, dornförmiger vorstehender Stift. Am anderen Griff befindet sich eine besonders lange, klappbare Stange, die in regelmässigen Abständen von 13 Löchern durchbohrt ist. Dadurch kann die Zange als Feststellzange mit einer überraschenden Bandbreite an Backenbreiten verwendet werden. Solche Zangen mit Lochstreifen zum Einrasten sind ein frühmittelalterliches Phänomen. Sie finden sich in Nordeuropa inklusive Skandinavien und den Britischen Inseln und decken einen Zeitraum vom 5. bis 10. Jahrhundert ab. RÖMISCHE HOBELBANKHAKEN Römische Hobelbänke mit Feststellmechanismen wie die neuzeitlichen Exemplare sind unbekannt, insbesondere Klemmbacken, die mit einem hölzernen Schraubengewinde geschlossen werden können. Was wir aus antiken Zusammenhängen kennen, sind wenige Abbildungen ▶ 12, die hölzernen Werkbankteile von der Saalburg/D ▶ 13,114 und einige sog. «Bankhaken» aus Eisen ▶ 13,2–615. Mir sind jedoch keine Werkbankteile bekannt, die schräg ausgestemmte Löcher für die Aufnahme solcher Bankhaken aufweisen würden und damit eine direkte Verbindung dieser beiden Fundgattungen belegen würden. Die Bankhaken (engl. benchstops resp. benchdogs;) wurden so in die schrägen Schlitze der Werkbank geschoben, dass die zu bearbeiteten Bretter und Werkstücke an die beiden Spitzen der Haken angeschlagen werden konnten. Beim Hobeln, bei dem die Schubkraft immer in dieselbe Richtung ausgeübt wird, genügte es, das Brett an nur einer Seite zu fixieren ▶ 14,7. Bei anderen Arbeiten hätten die Werkstücke auch fest auf der Werkbank fixiert werden können, indem man sie beidseitig zwischen Bankhaken mit Leisten und Holzkeilen einspannte. SCHNITZBANK Die sog. Schnitzbänke ▶ 14 (engl. shaving horse) sind ähnlich vielseitig in verschiedenen Handwerken einsetzbar wie die Kloben. Allerdings sind sie für grössere Werkstücke bestimmt. Einige Forscher vermuten, dass solche Klemmvorrichtungen bereits im Frühen Mittelalter im Einsatz waren16. Durch Funde lassen sie sich – wegen der Erhaltungsbedingungen für Holz – nur schwer belegen. Aus Reims/F ist allerdings ein römisches Relief bekannt, das just eine solche Schnitzbank in der Werkstatt eines Holzschnitzers (?) zeigt und wohl ins 1. Jahrhundert n. Chr. gehört ▶ 1517. Die auf dem Grabstein dargestellte Einrichtung wurde von verschiedenen Autoren falsch gedeutet und erst Paul Brandt beschrieb das Relief treffend18: «Auf einem Reimser Grabstein sitzt ein Holzschuhmacher in Tunika mit Kapuze rittlings 11 Zange mit geraden Schenkeln und Schiebeschlaufe im Einsatz in einer «fabrique d’aiguilles» im Jahr 1850. Fertig produzierte Nadeln werden hier bündelweise feingefeilt. 12 Wandbild aus Herculaneum/I mit einer Werkbank, an der links zwei Eroten ein Brett sägen. Am rechten Ende der massiven Werkbank ist ein Holzbrett mit einem hakenförmigen Klemmhebel (engl. holdfast) zur weiteren Bearbeitung fixiert. 10 Ohlhaver 1939, 63f. Abb. 28,7; 29,4.7–9. 11 Jacobi 1974, 8–10 Taf. 3,15. 12 Arrhenius 1979, 404 Abb. 12, unten. 13 Lorange 1889, Taf. 8,3; Constantine 2014, 12. 14 Jacobi 1934, Taf. 4,12–14; Goodman 1964, 184. 15 Ausführlich zu Bankhaken: Pietsch 1983, 51f. Abb. 18 Taf. 17,409–413. 16 Constantine 2014, 21 Abb. 27. 17 Espéran dieu 1913, 41 Nr. 3685; Goodman 1964, 184 Abb. 191; Williatte 2004, 17 Abb. 11. | Von einigen Autoren allerdings als Holzsandalenmacher auf der Werkbank oder als Schmied am Amboss gedeutet. 18 Brandt 1927, 112 Abb. 142.
260 ianua patet cor magis VOM FEILKLOBEN ZUM SCHRAUBSTOCK Alex R. Furger 13 Details zu römischen Werkund Hobelbänken. 1: Längsund Querschnitte römischer Werkbankplatten aus der Saalburg/D; 2–6: eiserne Bankhaken von der Saalburg/D; 7: Anwendung römischer Bankhaken; 8: Anwendung frühneuzeitlicher Bankhaken. Verschiedene Massstäbe. 14 Schnitzbank, auch Schneidesel oder Zugbank genannt (engl. shaving horse). Derartige Klemmvorrichtungen wurden in manchen Gewerben verwendet und fanden sich bis vor kurzem auch auf vielen Bauernhöfen. Je nach Werkstoff und Grösse des Werkstücks konnte die obere Drückbacke aus Holz oder teilweise aus Eisen sein. 1: Konstruktionsschema; 2: im Heimatmuseum Haus Montfort/D (L. 192,5 cm); 3: 1894 (mit Metallbügel). 1 2 3 1 7 2 3 84 5 6
261 ianua patet cor magis VOM FEILKLOBEN ZUM SCHRAUBSTOCK Alex R. Furger auf seiner Schnitzbank. Der linke Fuss tritt in eine lederne Schleife und hält damit den in Arbeit befindlichen Leisten auf einer besonderen Stütze fest, an der Wand stecken hinter einer Querleiste fünf Werkzeuge, unter der Bank steht ein Korb mit nicht mehr erkennbarem Inhalt.» Durch Druck mit den Füssen auf einen Hebel oder eine Lederschlaufe knapp über dem Boden wurde ein Haken oder eine hölzerne Backe auf die Werkbank gedrückt, worunter das Werkstück fixiert werden konnte und gleichzeitig Hände und Arme frei zum Arbeiten blieben ▶ 14. Solche einfachen Konstruktionen, die leicht selber anzufertigen waren, fanden sich bei Schindelmachern, Möbelschreinern, Holzschuhmachern, Küfern, Korbmacherinnen, Beinschnitzern, Wagnern etc. GROSSE WINKELFÖRMIGE KLEMMHAKEN Auf einem Grabrelief eines «Sabiniani, Minuonis (filii)» aus Autun/F, Saint-Pierre-l’Étrier, ist ein Handwerker mit einem seltsamen Gerät abgebildet19 ▶ 16. In der Rechten hält er einen schlanken Hammer, seine Linke ruht auf dem Bauch. Darunter ist eine grosse «Zange» mit einem geraden und einem zickzackförmigen Schenkel abgebildet. Ob die Konstruktion aus Holz oder Eisen angefertigt ist, ist nicht ersichtlich, aber Eisen erscheint mir naheliegender. Der winkelförmige Schenkel weist eine nach unten gebogene Spitze auf, die man sich in einer Werkbank verankert vorstellen kann. Die beiden Arme sind mit einer gut erkennbaren, vernieteten Achse beweglich miteinander verbunden. Zwischen den Klammerbacken steckt ein kleines, leider nicht identifizierbares Objekt. Das ungewöhnliche Ding wird vom Erstautor als «emporte-pièce» bezeichnet, also als «Mitnehmer-Stück» resp. als eine Art Stanzgerät; er wagt aber keine Berufsbestimmung des dargestellten Handwerkers. Diese Darstellung wurde seit der Erstpublikation nur selten gewürdigt. Franz Maria Feldhaus bezeichnete das Werkzeug als «Stanze», andere Autoren wiesen es dem Tischleroder Schuhmacherhandwerk zu, und Marquita Volken vermutete im Ver storbenen einen Nagelschmied20. Das Grabrelief aus Autun ▶ 16 macht jedenfalls deutlich, dass mit so einem Gerät ein Werkstück auf 19 de Caumont 1855, 86–88 (mit Abb.; «presse»); Espérandieu 1910, 80 f. Kat.-Nr. 1878; Feldhaus 1954, 146 Abb. 104; Pinette 1987, 260f. cat.-no. 531b («emporte-pièce … [d’]un cordonnier»); Volken 2011, 319 Abb. 372. 20 Feldhaus 1954, 146 Abb. 104; Volken 2011, 319 Abb. 372 (Zitat). 15 Römisches Relief aus Reims/F. Es zeigt vermutlich einen Holzschnitzer an einer Schnitzbank. Höhe 105 cm. 16 Grabrelief des römischen Handwerkers Sabinianus aus Autun/F mit einer grossen Klemmvorrichtung. Diese kann aus Eisen oder aus Holz bestehen. Weil eine Berufsbezeichnung auf der Grabinschrift fehlt, muss offenbleiben, ob die Vorrichtung als Stanze, Spannklemme oder zum Festhalten grösserer Werkstücke (z.B. Holzschuhe) gedient hat. Gesamthöhe 139 cm, Breite 39 cm.
262 ianua patet cor magis VOM FEILKLOBEN ZUM SCHRAUBSTOCK Alex R. Furger der Werkbank mühelos festgehalten werden konnte, indem man mit dem Bein oder dem Bauch auf den oberen Hebelarm drückte und beide Hände frei hatte zum Arbeiten am fest eingeklemmten Objekt. Da der mitabgebildete Hammer schlank ist und nicht breit wie Schuhmacherhämmer, vermute ich, dass ein Feinschmied und kein Schuster auf dem Grabrelief aus Autun abgebildet ist. In den folgenden Jahrhunderten wurden solche oder ähnliche Fixationshilfsmittel in grösserer Ausführung im Schiffbau, bei historischen Hobelbänken oder dann wie oben beschrieben in den bereits erwähnten Handwerken weiterhin genutzt21. ECHTE SCHRAUBSTÖCKE Die Geschichte des Schraubstocks ist noch nicht im Detail geschrieben, und wenn sie kurz erwähnt ist, werden meist Gemeinplätze zum Besten gegeben22. Nach Ausweis der ersten bildlichen Darstellungen kommt der Schraubstock relativ spät, d.h. um 1500, in Gebrauch23. Eine formal und zeitlich bisher völlig isoliert dastehende Ausnahme sei eingangs etwas genauer vorgestellt. DER KLEINE SCHRAUBSTOCK AUS LAURIACUM (ENNS/A) Im Museum von Enns/A wird ein eisernes Gerät aus der römischen Stadt Lauriacum aufbewahrt ▶ 17. Bislang handelt es sich um ein Unikum, dessen Deutung Alfred Mutz zu verdanken ist. Er beschreibt das Werkzeug folgendermassen24: Der kleine schmale Schraubstock «besteht aus zwei Hauptteilen, dem langen geraden und dem geschweiften kürzeren Teil. Dieser ist beweglich an den längeren Teil angenietet. Beide sind warm gelocht und die Stelle zu einem grossen runden ‹Auge› ausgeweitet. Das untere Ende des langen Teiles ist rund und konisch zu einer Angel ausgeschmiedet. Beide Teile sind an ihrem oberen Ende gleich lang abgesetzt und die schmalen Innenflächen weisen einen mittels Meissel eingeschlagenen Kreuzhieb, ähnlich einer Feile, auf. Unterhalb des Auges am langen Teil ist eine Blattfeder angenietet, deren Ende am Original abgebrochen ist.» Und zur Ergänzung des Objekts und seiner Handhabung fährt A. Mutz fort: «Durch die Löcher konnte eine Schraube durchgesteckt, die konische Angel in einen Balken oder Tisch eingetrieben werden, und der kleine praktische Schraubstock war betriebsbereit.» Die drei Autoren, die dieses Fundstück bisher eher knapp als ausführlich publiziert haben, geben uns leider keinerlei Hinweise auf Fundumstände und Datierung dieses singulären Stücks. Zwei Aspekte lassen jedoch einen römischen Kontext ziemlich sicher erscheinen: der antike Fundort Lauricum und die schmiedetechnische Konturierung der beiden Schenkel des Schraubstocks. Dass Schraubstöcke erst über tausend Jahre nach dem Stück aus Lauriacum erneut wieder erscheinen ▶ 18, lässt einmal mehr über die Natur des menschlichen Erfindergeistes nachdenken. Wir haben es hier wohl mit einer spätmittelalterlichen «Neu-Erfindung» des Schraubstocks zu tun. 17 Kleiner römischer Schraubstock aus Enns-Lauriacum/A. M. 1:2. 21 Furger 2025. 22 Empfehlenswert: Nedoluha 1956. | Etwas knapper: Feller / Tourret 1980, 109–115; Stahlschmidt 1971, 115. 23 Kreft 2009, 10. 24 Mutz 1968 (mit Foto-Abb.); Schubert/Ubl 1997, 17 (mit Zeichnung).
263 ianua patet cor magis VOM FEILKLOBEN ZUM SCHRAUBSTOCK Alex R. Furger 18 Die frühesten Darstellungen von Schraubstöcken. 1 von 1505; 2 von 1528 (Schlosser Ulrich Hoch), 3 von 1585 (Ring-/Schnallenmacher Wolff Sibach), 4 von 1600 (Lötschlosser Niclaus Wagner, mit Bodenschraubstock). 1 3 2 4
264 ianua patet cor magis VOM FEILKLOBEN ZUM SCHRAUBSTOCK Alex R. Furger FRÜHESTE DARSTELLUNGEN Früheste Abbildungen von Schraubstöcken im modernen Sinne sind erst auf Illustrationen des 16. Jahrhunderts zu finden ▶ 18. «Zu Beginn der Neuzeit erscheint der Schraubstock, der vermutlich eine Nürnberger Erfindung ist … In der Löffelholz-Handschrift von 1505 ist der Schraubstock zum erstenmal erwähnt und abgebildet.»25. Dieser ist noch aus Holz konstruiert und weist zwei eiserne Klemmbacken auf ▶ 19,1. Er verfügt sogar über zwei Schraubgewinde. Wenig später treten die bekannten Darstellungen aus der Nürnberger Zwölfbrüderstiftung auf, von denen hier die ältesten abgebildet sind ▶ 18,2–4. Sie finden sich zahlreich auf Dutzenden Bildern aus über einem Jahrhundert. Meist weisen diese frühen Schraubstöcke ein Schraubgewinde mit Mutter auf, die mit einem Schlüssel festgezogen werden musste, bis das Werkstück fest fixiert war. Mehrere Autoren vermuten aufgrund dieser Quellenlage, dass der Schraubstock wie erwähnt in Nürnberg erfunden worden sei26. Mit dem ersten Auftauchen solcher Schraubstöcke endet unser Rundgang durch die Klemmund Haltevorrichtungen im alten Handwerk ▶ 1927. 19 Moderne Schraubstöcke. Mitte aus Holz, links unten: «Parallelschraubstock». Ohne Massstab. 25 Feldhaus 1933, 225; Nedoluha 1956, 140 Abb. 3; Wissner 1968, 57f.; Stahlschmidt 1971, 114f. (Zitat). 26 Wissner 1968, 57f.; Stahlschmidt 1971, 114f. 27 Siehe dazu besonders Nedoluha 1956. ca. 1600 ca. 1600 1767 1827 1927 1927 1855
265 ianua patet cor magis VOM FEILKLOBEN ZUM SCHRAUBSTOCK Alex R. Furger VERDANKUNGEN Bei der Vorbereitung und Ausarbeitung dieses Aufsatzes halfen mir mit Ratschlägen und Literaturangaben die folgenden Kolleginnen und Kollegen, denen ich hier herzlich für die Unterstützung danken möchte: – Béat Arnold, Schiffsarchäologe, CH-2074 Marin-Epagnier/NE – Andres Furger, Archäologe und Kutscher, F-68480 Oltingue – Christoph Jäggy, Goldschmied, CH-4105 Biel-Benken/BL – Felix Müller, Bernisches Historisches Museum, CH-3005 Bern – Mikkel H. Thomsen, Vikingeskibsmuseet, DK-4000 Roskilde. LITERATURVERZEICHNIS Arrhenius 1979: B. Arrhenius, Ein Goldschmiedegrab von Hovgårdsberg Vendel, Uppland, Schweden. Frühmittelalterl. Stud. 13/1, 1979, 393–414. Brandt 1927: P. Brandt, Schaffende Arbeit und bildende Kunst im Altertum und Mittelalter (Leipzig 1927). Constantine 2014: D. Constantine, Working with Bone, Antler and Horn (2014; nur online: https://halldorviking.files.wordpress.com/2013/08/working-with-bone-antler-and-horn-davidconstantine-1-4.pdf). de Caumont 1855: A. de Caumont, Rapport verbal fait à la société Française pour la conservation et la description des monuments historiques dans la séance du 21 novembre 1854 sur divers monuments et sur plusieurs excursions archéologiques. Bull. Mon. 21, 3. S., t. 1, 1855, 51–90. Espérandieu 1910: E. Espérandieu, Recueil général des bas-reliefs, statues et bustes de la Gaule romaine 3, Lyonnaise, première partie (Paris 1910). Espérandieu 1913: E. Espérandieu, Recueil général des bas-reliefs, statues et bustes de la Gaule romaine 5, Belgique, première partie (Paris 1913). Feldhaus 1933: F. M. Feldhaus, Eine Nürnberger Bilderhandschrift. Mitt. Ver. Gesch. Stadt Nürnberg 31, 1933, 222–226. Feldhaus 1954: F.M. Feldhaus, Die Maschine im Leben der Völker. Ein Überblick von der Urzeit bis zur Renaissance (Basel/Stuttgart 1954). Feller/Tourret 1980: P. Feller/F. Tourret, Werkzeug aus alter Zeit (Stuttgart/Zürich 1980). Furger 1998a: A.R. Furger, Zwei Werkzeuge aus der Augster Insula 30 und ihre Rekonstruktion. In: J. Tauber (Hrsg.), «Keine Kopie an niemand». Festschrift für Jürg Ewald zu seinem sechzigsten Geburtstag. Arch. u. Mus. 39 (Liestal 1998) 31–37. Furger 1998b: A.R. Furger, Die Bronzewerkstätten in der Augster Insula 30. JbAK 19, 1998, 121–140. Furger 2025: A.R. Furger, From the filing clamp to the vise. 2000 years of clamping devices in the crafts (40 Seiten mit 25 Abbildungen). Archeologia Technica 36, 2025 (im Druck) resp. https:// unibasel.academia.edu/AlexRFurger Goodman 1964: W.L. Goodman, The history of woodworking tools (London 1964). Jacobi 1934: H. Jacobi, Die Ausgrabungen und Funde der Jahre 1929–1933 auf der Saalburg. Saalburg Jahrb. 8, 1934, 7–31. Jacobi 1974: G. Jacobi, Werkzeug und Gerät aus dem Oppidum von Manching. Die Ausgrabungen in Manching 5 (Wiesbaden 1974). Jankuhn 1943: H. Jankuhn, Die Ausgrabungen in Haithabu (1937–1939). Vorläufiger Grabungsbericht (Berlin 1943). Kreft 2009: Th. Kreft, Eisenverarbeitung im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Konrad von Werden, Leonardo da Vinci, die Nürnberger Hausbücher und zwei Iserlohner Urkunden. Ferrum 81, 2009, 2–22. Landis 1987: S. Landis, The Workbench Book (Newtown 1987). Lorange 1889: A. Lorange, Den Yngre Jernalders Svaerd (Das Schwert der jüngeren Eisenzeit; norwegisch) (Bergen 1889). Morghen 1757: F. Morghen, Le Antichità di Ercolano esposte. Le pitture antiche d’Ercolano (Napoli 1757). Mutz 1968: A. Mutz, Geschichte des Schraubstocks. Ein Beispiel aus römischer Zeit im Museum Lauriacum zu Enns. VDI-Nachr. 22 (Verein Deutscher Ingenieure), 1968, Nr. 41. Nedoluha 1956: A. Nedoluha, Die geschichtliche Entwicklung des Schraubstockes. Bl. Technikgesch. 18 (Wien 1956) 140–145. Ohlhaver 1939: H. Ohlhaver, Der germanische Schmied und sein Werkzeug. Hamburger Schr. Vorgesch. u. Germ. Frühgesch. 2 (Leipzig 1939). Pietsch 1983: M. Pietsch, Die römischen Eisenwerkzeuge von Saalburg, Feldberg und Zugmantel. Saalburg Jahrb. 39, 1983, 5–132. Pinette 1987: M. Pinette, Autun Augustodunum. Capitale des Eduens. Catalogue d’exposition (Autun 1987). Prechtl 1830–55: J. J. Prechtl, Technologische Encyclopädie oder alphabetisches Handbuch der Technologie, der technischen Chemie und des Maschinenwesens. Zum Gebrauche für Kameralisten, Ökonomen, Künstler, Fabrikanten und Gewerbtreibende jeder Art (Stuttgart 1833–1855).
266 ianua patet cor magis VOM FEILKLOBEN ZUM SCHRAUBSTOCK Alex R. Furger Roussel 1936: A. Roussel, Sandnes and the neighbouring farms. Meddeleser om Grønland 88/2 (København 1936). Schubert/Ubl 1997: P. Schubert/H. Ubl, Die Römer an Donau und Rhein entdecken und erforschen (Klosterneuburg/Wien [1997?]). Simonsen 1953: P. Simonsen, Smedegraven fra Ytre Elgsnes (Das Schmiedgrab von Ytre Elgsnes; schwedisch). Viking 17, 1953, 109– 188. Stahlschmidt 1971: R. Stahlschmidt, Die Geschichte des eisenverarbeitenden Gewerbes in Nürnberg von den 1. Nachrichten im 12.–11. Jahrhundert bis 1650. Nürnberger Werkstücke Stadtund Landesgesch. 4 (Nürnberg 1971). Tempel 1969: W.-D. Tempel, Die Dreilagenkämme aus Haithabu. Studien zu den Kämmen der Wikingerzeit im Nordseeküstengebiet und Skandinavien (Diss. Göttingen 1969). Tobias 2021: B. Tobias, Frühmittelalterliche Gräber mit Beigabe von Werkzeugen zur Metallbearbeitung. Monogr. RGZM 153 (Mainz 2021). Volken 2011: M. Volken, Les clous de chaussures du site de Pfyngut: Les bases d’une typo-chronologie. In: O. Paccolat, Pfyn/Finges, évolution d’un terroir de la plaine du Rhône, le site archéologique de «Pfyngut» (Valais, Suisse). CAR 121 (Lausanne 2011) 315– 387. Westphalen 2002: P. Westphalen, Die Eisenfunde von Haithabu. Die Ausgrabungen in Haithabu 2 (Neumünster 2002). Williatte 2004: M. Williatte, Être cordonnier dans l’Antiquité, confection et commercialisations des chaussures en Gaule à l’époque romaine. In: D. Heckenbrenner, Galoches de bois et bottines en cuir. Se chausser de l’Antiquité à l’aube de la Renaissance (Sarrebourg 2004) 10–24. Wissner 1968: A. Wissner, Die technische Bilderhandschrift des Martin Löffelholtz aus Nürnberg 1505. In: W. Schultheiss, Leben und Werk des Technikers Martin Löffelholtz (†1533). Schöpferische Leistung. Ausgabe zur 13. Verleihung der Dieselmedaille am 20. Oktober 1968 … (Nürnberg 1968) 56–58. ABBILDUNGSNACHWEIS 1, 8 Foto Alex R. Furger. 2 Fotos Alex R. Furger, Zeichnung Sylvia Fünfschilling. 3 Rekonstruktion Alex R. Furger, Anfertigung Jürgen Grassler, Zeichnung Sylvia Fünfschilling. 4 1 nach Stadtbibliothek Nürnberg/D, Amb. 317.2° fol. 12v; 2–4 Fotos Alex R. Furger. 5 nach Furger 2025, Nachweise zu fig. 5. 6 Fundorte und Signaturen Alex R. Furger; GISKartierung Ulrich Stockinger. 7 Nachweise in Furger 2025, Fundliste zu fig. 9. Montage Mirjam Jenny. 9 nach Furger 2025, Nachweise zu fig. 8. 10 nach Furger 2025, Nachweise zu fig. 10. 11 nach Furger 2025, Nachweis zu fig. 11. 12 nach Morghen 1757, Taf. 34, unten. 13 nach Furger 2025, Nachweise zu fig. 12. 14 nach Furger 2025, Nachweise zu fig. 14,5.3.2. 15 nach Goodman 1964, Abb. 191 16 nach Feldhaus 1954, Abb. 104; Schwarzweissfoto A. Allemand, Musée Rolin. 17 Zeichnung nach Schubert/Ubl 1997, Abb. S. 17; Foto nach Mutz 1968. 18 nach Furger 2025, Nachweise zu fig. 24. 19 nach Furger 2025, Nachweise zu fig. 25. AUTOR Alex R. Furger:
[email protected]