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KOT, KULT UND KÜCHE – TAUBEN IN MARRAKESCH

Gesellschaft pro Vindonissa; Reitmaier, Thomas; Sele, Raphael

Abstract

Haustauben begleiten den Menschen als Nutztier seit vielen Jahrtausenden. AlsLieferant von Fleisch und Kot wurden diese Vögel bereits in der Antike in be-trächtlichem Ausmass gezüchtet. Auch ihre Rolle als Bote ist gut bekannt. Zudembesitzen die Vögel vielerorts eine hohe symbolische Bedeutung. Der Beitraganalysiert die vielschichtige Beziehung von Tauben und Menschen am Beispielvon künstlichen Taubennestern in den Gerbereien von Marrakesch in Marokko.

Full text

IANUA PATET COR MAGIS ANA Z. MASPOLI SANDRA AMMANN HANNES FLÜCK SVEN STRAUMANN (HRSG.) XXXIII Veröffentlichungen der Gesellschaft Pro Vindonissa FESTSCHRIFT FÜR PETER-ANDREW SCHWARZ ZUM 65. GEBURTSTAG ianua patet cor magis IANUA PATET COR MAGIS ANA Z. MASPOLI SANDRA AMMANN HANNES FLÜCK SVEN STRAUMANN (HRSG.) XXXIII Veröffentlichungen der Gesellschaft Pro Vindonissa FESTSCHRIFT FÜR PETER-A NDR EW SCHWARZ ZUM 65. GEBURTSTAG GESELLSCHAFT PRO VINDONISSA © 2025 by Gesellschaft Pro Vindonissa, ch-5200 Brugg Promoted by LIBRUM Publishers & Editors LLC, Basel, Frankfurt a. M. isbn 978-3-907662-14-4 ianua patet cor magis by individual Authors is licensed under a Creative Commons AttributionNonCommercial 4.0 International License. www.creativecommons.org Open Access bei: www.librumopen.com doi 10.19218/3907662144 KORREKTORAT. Stefan Worminghaus, Rudolf Känel KOORDINATION. Hannes Flück, Sandra Ammann, Ana Z. Maspoli, Sven Straumann und Jörg Blum GESTALTUNGSKONZEPT, BILDREDAKTION, UMSCHLAG UND SATZ . Jörg Blum, Zürich BILDBEARBEITUNG. Thomas Humm, humm dtp Matzingen, und Jörg Blum, Zürich DRUCK. Druckhaus Müller, Langenargen (D) klima-druck.de ID-Nr. Druckprodukt CO₂ kompensiert Mehr Informationen zur Berechnungsmethodik, zur Kompensation und dem gewählten GoldstandardKlimaschutzprojekt finden Sie unter klima-druck.de/ID. 24181679 Präsidialdepartement des Kantons Basel-Stad t Archäologische Bodenforschung Abteilung Kultur DIE DRUCKLEGUNG WURDE ERMÖGLICHT MIT FINANZIELLEN BEITRÄGEN VON FOLGENDEN INSTITUTIONEN. Swisslos-Fonds Kanton Aargau Dr. Daniel Schuhmann Fonds Stiftung Pro Augusta Raurica Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt Kantonsarchäologie Aargau Kantonsarchäologie Solothurn Kantonsarchäologie Zürich Kantonsarchäologie St.Gallen Kantonsarchäologie Schaffhausen Archäologie, Hauptabteilung Kultur, Glarus Archäologischer Dienst Graubünden Section d’archéologie et paléontologie du Canton de Jura Römerstadt Augst Archäologie Schweiz Arbeitsgemeinschaft für die provinzialrömische Forschung in der Schweiz (ARS) Gesellschaft Pro Vindonissa Basler Zirkel für Urund Frühgeschichte Arbeitsgemeinschaft Prospektion Schweiz Albert-Weitnauer-Stiftung Departement Bildung und Kultur Fachstelle Archäologie        TITELBILD. Eingang mit Inschrift und Wappen der Familie von Salis. Palazzo Salis, Bondo. Foto: Andrea Badrutt ianua patet cor magis ZUM GELEIT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Ana Z. Maspoli TABULA GRATULATORIA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 BIBLIOGRAFIE VON PETER-ANDREW SCHWARZ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 LISTE DER VON PETER-ANDREW SCHWARZ AB 2007 BETREUTEN ABSCHLUSSARBEITEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 DIE VINDONISSA-PROFESSUR AN DER UNIVERSITÄT BASEL – EIN INTERKANTONALES ERFOLGSMODELL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 Thomas Doppler, Elisabeth Bleuer und Georg Matter 15 JAHRE LEGIONÄRSPFAD VINDONISSA: EINE ERFOLGSGESCHICHTE . . . . . . . . . . . 31 Rahel Göldi (K)EINE ZUKUNFT OHNE HERKUNFT? GEDANKEN ZUM STATUS QUO UND HERAUSFORDERUNGEN DER ARCHÄOLOGIE IN DER SCHWEIZ IM 21. JAHRHUNDERT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 Andrea Schaer GÄHNENDE LEERE? VERBREITUNGSKARTEN, IHRE GESCHICHTE UND INTERPRETATION AM BEISPIEL SPÄTREPUBLIKANISCHEN BRONZEGESCHIRRS 49 Holger Baitinger und Gabriele Rasbach ENTRE ARGENTORATE ET VINDONISSA LES CAMPS MILITAIRES JULIO-CLAUDIENS D’OEDENBURG . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 Michel Reddé CIL III 4441 – EINE INSCHRIFT SUCHT IHREN TEMPEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 Franziska Beutler, Christian Gugl, Gabrielle Kremer und Mario Wallner DIE JOCHWEIHUNG DES VETERANEN PRIMANIUS INGENU(U)S MIT NENNUNG DER CULTORES UND COLONI AUS KRATZENBURG . . . . . . . . . . . . . . . . 81 Peter Henrich BUILD THAT WALL! ÜBERLEGUNGEN ZUM ARBEITSAUFWAND BEI DER ERRICHTUNG DER GALLIENISCHEN STADTMAUER VON VERONA . . . . . . . . . . . . . . . . . 91 Ulrich Stockinger RETOUR SUR LE BUSTE EN OR D’AVENCHES . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .101 Michel E. Fuchs INHALT ianua patet cor magis KARNIVORE NEANDERTALER UND RÖMISCHE GERSTENFRESSER: ZUR VERKNÜPFUNG VON TIERISCHEM PROTEIN MIT «URSPRÜNGLICHER MÄNNLICHKEIT» UND MACHT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .111 Brigitte Röder EQUIDEN ALS SPIEGEL VON MENSCH-TIER-BEZIEHUNGEN IN RÖMISCHER ZEIT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .121 Claudia Gerling DONNÉES RÉCENTES SUR L’HABITAT GALLO-ROMAIN DE COURROUX (CANTON DU JURA) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .131 Robert Fellner et Céline Robert-Charrue Linder EINE EISENPFEIFE VON DER SPÄTLATÈNEZEITLICHEN HÖHENBEFESTIGUNG MONTCHAIBEUX (JU) – ENDLICH EIN BEWEIS FÜR KELTISCHE PFEIFENRAUCHER? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .141 Raphael Berger, Andreas Heege und Elena Prado EIN GLÜCKSBRINGER AUS DER VILLA RUSTICA VON FLUMENTHALATTISHOLZWALD IM KANTON SOLOTHURN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .155 Mirjam Wullschleger HANDWERK IM BILD – BERUFSDARSTELLUNGEN AUF RÖMISCHEN GEFÄSSEN ALS AUSDRUCK GEMEINSCHAFTLICHER IDENTITÄT: EIN NEUER BLICK AUF EINEN ALTBEKANNTEN FUND AUS STUDEN BE/PETINESCA . . . . . . . . . . . . . . . . .165 Christa Ebnöther und Andrew Lawrence mit Beiträgen von Markus Scholz und Günther E. Thüry SCHON DREIMAL AUSGEGRABEN UND DENNOCH ETWAS GEFUNDEN – DIE RÖMISCHE VILLA AUF DEM LENDENBERG BEI SCHLEITHEIM . . . . . . . . . . . . . . . .179 Valentin Homberger «THE BITE OF A SNAKE» EINE GUSSFORM FÜR SCHLANGEN ARMREIFEN AUS KEMPRATEN . . . . . . . . . . . . . . . .191 Regula Ackermann, Hannes Flück und Markus Helfert AUF DER SUCHE NACH DER PIONIERBESIEDLUNG. ZUR FRÜHZEIT VON AUGUSTA RAURICA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203 Sven Straumann, Sandra Ammann und Hans Sütterlin AUGUSTUS IN AUGST: EIN BRONZE NACHGUSS DER STATUE VON PRIMAPORTA IM GARTEN DER VILLA CLAVEL UND DIE ITALIENISCHE KUNSTINDUSTRIE . . . . 221 Martin A. Guggisberg VERFLIXT UND ZUGEMAUERT – NEUES ZUR WESTFRONT DES HAUPTFORUMS VON AUGUSTA RAURICA . . . . . . . . . 233 Juha Fankhauser, Simon Friz, Cédric Grezet und Claude Spiess VOM FEILKLOBEN ZUM SCHRAUBSTOCK – 2000 JAHRE KLEMM VORRICHTUNGEN IM HANDWERK . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251 Alex R. Furger ERRARE HUMANUM EST: EIN ANTONINIAN FÜR TETRICUS II. MIT FEHLERHAFTER LEGENDE . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267 Markus Peter ianua patet cor magis SCHÄDEL GEFUNDEN! NEUES ZUM PLATTENGRAB BEIM FELDHOF IN AUGUSTA RAURICA/AUGST . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271 Michael Baumann EINE SELTENE BEIGABE IN EINEM FRÜHMITTELALTERLICHEN FRAUENGRAB AUS KAISERAUGST . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277 Simone Mayer ZU ZWEI NEUENTDECKTEN ZIEGELPLATTEN MIT GRAFFITI AUS DEM CASTRUM RAURACENSE . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 287 Jakob Baerlocher PRIMI VINDONISSENSES – DIE SPÄTLATÈNEZEITLICHEN BRANDGRÄBER DER GRABUNG WINDISCH-SPILLMANNWIESE V.003.1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 295 Örni Akeret, Cornelia Alder, Sabine Deschler-Erb und Lara Kurmann ACHILL AUF EINEM GOLDRING MIT GLASKAMEO AUS VINDONISSA . . . . . . . . . . . . . 311 Regine Fellmann Brogli und Stefanie Martin-Kilcher EIN BISSCHEN GLAS MUSS SEIN! ZU EINER GESICHTSPERLE AUS DEM GRÄBERFELD AM REMIGERSTEIG IN VINDONISSA/BRUGG AG . . . . . . . . . 321 Sylvia Fünfschilling EINE TÖNERNE STÜTZFIGUR AUS VINDONISSA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 327 Rudolf Känel LETZTE RUHE MIT RHEINBLICK. NEUES UND ALTES ZU DEN SPÄTANTIKEN BESTATTUNGEN IN MUMPF . . . . . . . . . . 335 Nathalie Hertig AUF DEM WINDISCHER SPORN – ANMERKUNGEN ZU EINER SPÄTRÖMISCHEN BEFESTIGUNG VON VINDONISSA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 343 Matthias Flück und Jürgen Trumm MAUERN UND MÜNZEN AUF DER EGG ZWISCHEN MANDACH UND VILLIGEN – EINE ALTE GRABUNG IN NEUEM LICHT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 361 Valentin Häseli EIN ZERSTÖRTES GRÄBERFELD DER MITTELKAISERZEIT AN DER AESCHENVORSTADT IN BASEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 375 Markus Asal EXILE? ON MAIN STREET? DIE SPÄTANTIK-FRÜHMITTELALTERLICHEN BESTATTUNGEN ÖSTLICH DES MÜNSTERHÜGELS (BASEL-ANTIKENMUSEUM) UND IHR KONTEXT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 387 Martin Allemann und Anna Flückiger WIE KOMMT EINE TÖRICHTE JUNGFRAU VOM MÜNSTER NACH ST. LEONHARD? TRANSFER EINES BASLER STATUEN FRAGMENTES . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 399 Christoph Philipp Matt SECOND LIFE DER DINGE: BASLER SPOLIEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 409 Hans-Rudolf Meier KOT, KULT UND KÜCHE – TAUBEN IN MARRAKESCH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 419 Thomas Reitmaier und Raphael Sele ABKÜRZUNGEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 429 425 ianua patet cor magis KOT, KULT UND KÜCHE – TAUBEN IN MARRAKESCH Thomas Reitmaier und Raphael Sele Es hat sich in Folge gezeigt, dass sich in der Medina von Marrakesch weitere Formen künstlicher Taubennester finden lassen ▶ 6. In einigen Gerbereien etwa sind an den Hauswänden traditionelle Taubenkörbe befestigt, teilweise bereits in einem «archäologischen Stadium». Vereinzelt liess sich die einstige Taubenhaltung auch in ruinösen Wohngebäuden beobachten. Ein besonderer Glücksfall war, dass im Februar 2025 die Herstellung eines traditionellen Taubenkorbes durch einen Flechter dokumentiert werden konnte ▶ 7. Die Arbeitsplätze des professionellen Flechthandwerks («qassaba») waren in Marrakesch bis in die 1980er-Jahre in der Nähe des Platzes Jamʿ al-Fnāʾ (Djemaa el Fna) bzw. der Koutoubia-Moschee, befinden sich heute aber weit ausserhalb der Stadt an der Ausfallstrasse nach Essaouira34. Diese kenntnisreich aus Schilfrohr geflochtenen und auf die Biologie der Tauben angepassten «corbeilles à pigeons» werden heute kaum mehr genutzt und dementsprechend selten hergestellt. Damit wird auch das handwerkliche Wissen35 verloren gehen. TAUBEN IN MARRAKESCH In Marokko bzw. in Marrakesch spielen Tauben bis heute eine wichtige Rolle im Alltag, nicht zuletzt in der Küche (s. unten) und in der Volksmedizin: «Le pigeon est un animal dont le Prophète disait beaucoup de bien. Plusieurs hadiths s’y rapportent. Aussi les musulmans aiment à les avoir dans leurs de meures et recherchent leur voisinage réputé prophylactique contre les convulsions et diverses autres affections. Le bouillon de pigeon préparé avec du sel et 6 Marrakesch, a: Gerberei mit Taubenkörben, 1970; b: Ruine in der Medina mit 18 künstlichen Taubennestern, 2024; c: «dār dbāgh Ashtar», geflochtener Taubenkorb, 2024 7 Marrakesch, Herstellung eines geflochtenen Taubenkorbes, 2025. 426 ianua patet cor magis KOT, KULT UND KÜCHE – TAUBEN IN MARRAKESCH Thomas Reitmaier und Raphael Sele du poivre est donné comme reconstituant. La chair de pigeon est recommandée aux couples stériles. À Casa blanca, les matrones font avaler deux ou trois œufs de tourterelle durs et privés de leur coquille comme anti-conceptionnel. La fiente de pigeon est utilisée pour préparer les peaux fines36.» In vielen Häusern (bzw. auf vielen Dächern) in der Medina sieht man daher Käfige für die Taubenzucht, und die Vögel nisten vielerorts in den Nischen der Stadtmauern und der historischen Gebäude. Einer, der sogar mit den Tauben reden konnte, war Mohamed Cherkaoui auf dem berühmten Platz Jamʿ al-Fnāʾ (Djemaa el Fna). Als «Majdoub mūl Lah.mām» – «der mit den Tauben spricht» – war er einst in ganz Marokko berühmt ▶ 8. Seine Darbietung bestand darin, ein Dutzend Vögel zu dressieren, sich mit ihnen zu unterhalten und ihnen beizubringen, nicht die Grenzen des zerschlissenen Teppichs zu überschreiten, auf dem sie agierten37. Später präsentierte Cherkaoui ein «Vogelgespräch», bei dem in einem Spiel aus Fragen und Antworten die geografische Herkunft einer jeden Spezies bestimmt wurde. Die Zuschauer folgten staunend diesem mit Gurren gespickten Dialog, bei dem die Provenienz, die sie den einzelnen Vögeln zuschrieben, mit jenen Eigenschaften benannt wurden, die man gemeinhin den Menschen der verschiedenen marokkanischen Städte und Landstriche nachsagt: Grosszügigkeit, Schläue, Geiz etc. Zusammen mit seinen dressierten Tauben lebte Cherkaoui bis zu seinem Tod 2012 am Ende einer Sackgasse im Viertel Mukhef, in direkter Nachbarschaft zum Gerbereiviertel von Marrakesch. Als wertvolles Nutztier, aber ebenso als vielfältiges Symbol für Freundschaft, Liebe, Friede und Rechtschaffenheit und Repräsentantin in Kunst, Religion und Literatur bildet die Taube, deren Zucht und Verehrung ein interessantes kulturhistorisches Erbe. Die vier Töpfe in der Gerbermühle von Marrakesch sind dafür ein subtiles archäologisches Zeugnis. 36 Zuanon 2013, 60, mit weiterführenden Angaben. 37 Diese Angaben nach Goytisolo 2000, «Die Gaukler», v. a. 225–226. Weitere Informationen auch bei: https://www.alhalqavirtual.com/stories/ detail/show/454/?cHash=6a01fcf7721daffbc49c2941ebee8eef (11. 05. 2025). 38 Die beiden Rezepte stammen aus Seguin-Tsouli/ Rauzier, 28 und 114. 8 Mohamed Cherkaoui mit seinen Tauben auf dem Platz Djemaa el Fna. 427 ianua patet cor magis KOT, KULT UND KÜCHE – TAUBEN IN MARRAKESCH Thomas Reitmaier und Raphael Sele TAUBEN MIT DATTELN 38 Für sechs Personen. Vorbereitung: 30 Minuten, Garzeit: 45 Minuten. Zutaten: 75 g Butter 6 junge Tauben, ausgenommen und gewaschen 3 grosse Zwiebeln, gehackt 1 Knoblauchzehe, durchgepresst 1 TL gemahlener Ingwer Salz 1 Prise Safran 700 g Datteln, entsteint 1 TL gemahlener Zimt 4 EL Akazienhonig In einem grossen Schmortopf die Butter zerlassen. Die Tauben einsetzen, die Zwiebeln und den Knoblauch zugeben und mit Salz, Safran und Ingwer würzen. Dann 3/4 Liter kaltes Wasser zugiessen. Den Topf halb verschliessen und die Tauben bei milder Hitze eine gute halbe Stunde garen (die Garzeit kann je nach Hitze und Zartheit der Tauben bis zu 45 Minu ten betragen). Die Datteln, den Zimt und Honig zugeben und weitere 15 Minuten köcheln lassen. Die Tauben kreisförmig auf einer Platte anrichten, die Datteln in die Mitte geben und alles mit der Sauce überziehen. TAUBEN-B’STILA MIT MANDELN Für acht Personen. Vorbereitung: 90 Minuten, Garzeit 90 Minuten. Zutaten: 6 Tauben 500 g Zwiebeln 100 g Butter Öl 1/2 TL gemahlener Ingwer 1 Päckchen (etwa 100mg) Safranfäden 1/2 TL gemahlener Pfeffer 1 grosser Bund glatte Petersilie 1 TL gemahlener Koriander 3 EL gemahlener Zimt 12 Eier 250 g Mandeln 12 Blätter Filoteig 50 g Puderzucker Die Tauben ausnehmen, waschen und in mundgerechte Stücke zerteilen. Die Zwiebeln schälen und hacken. In einem Schmortopf 2/3 der Butter, etwas Öl, die Zwiebeln, den Ingwer, Safran und Pfeffer mit 750 ml Wasser vermengen. Die Taubenstücke einlegen, den Topf mit einem Deckel halb verschliessen und alles etwa 30 Minuten bei milder Hitze sanft garen. Die Petersilie waschen und hacken. Das Fleisch herausheben, den Koriander und 1 Esslöffel Zimt unterrühren. Die Sauce etwas einkochen lassen; nacheinander die Eier hineinschlagen. Die Sauce weitere 5 Minuten garen, dabei beständig mit einem Holzlöffel umrühren, damit nichts ansetzt. Den Ofen auf 170 °C vorheizen. Die Mandeln mit kochendem Wasser überbrühen und anschliessend schälen. In einer Pfanne etwas Öl heiss werden lassen, die Mandeln darin rösten, abtropfen lassen und hacken. Eine Tarteform mit zerlassener Butter einpinseln und mit 5–6 halbierten Teigblättern so auskleiden, dass diese grosszügig über den Rand der Form hinauslappen. Zum Bedecken des Formbodens in der Mitte ein ganzes Teigblatt einlegen. Zunächst die Hälfte der gehackten Mandeln, dann die Zwiebel-Eier-Mischung darauf verteilen. Das ausgelöste Taubenfleisch zufügen und mit den restlichen Mandeln abschliessen. Die Teigränder überschlagen, mit den restlichen Teigblättern bedecken und gross zügig mit der zerlassenen Butter bestreichen. Im Ofen 40–60 Minuten backen. Zum Servieren auf eine Platte umsetzen. Zum Dekorieren in der Mitte beginnend abwechselnd Streifen von Puderzucker und restlichem Zimt aufstreuen, die nach aussen hin breiter werden. 428 ianua patet cor magis KOT, KULT UND KÜCHE – TAUBEN IN MARRAKESCH Thomas Reitmaier und Raphael Sele LITERATURVERZEICHNIS Allain/Deverdun 1957: Ch. Allain/G. Deverdun, Les portes anciennes de Marrakech. Hespéris XLIV, 1957, 1er-2ème trimestres, 85–126. Audoin-Rouzeau/Beyries 2002: F. Audoin-Rouzeau/S. Beyries, Le travail du cuir de la préhistoire à nos jours. XXIIe rencontres internationales d’archéologie et d’histoire d’Antibes: actes des rencontres 18–20 octobre 2001 (Antibes 2002). Braun 1974: C. Braun, Teheran, Marrakesch und Madrid. 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ABBILDUNGSNACHWEIS 1, 7 Abdellah Azizi. 2 AXIGEO, Marrakech, 2019. 3 Thomas Reitmaier. 4 Călin Șuteu, Gigapixel Art. 5 ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Dia_247-11069. 6 Archiv Alberto Rainolter; Abdellah Azizi; Thomas Reitmaier. 8 Archiv Thomas Reitmaier. AUTOREN Thomas Reitmaier: [email protected] Raphael Sele: [email protected] 429 ianua patet cor magis ABKÜRZUNGEN Grundsätzlich gelten die Zitier-Richtlinien und Abkürzungen der Römisch-Germanischen Kommission (vgl. Ber. RGK 71, 1990, 973 – 998; 73, 1992, 477 – 540). Zusätzlich werden folgende Abkürzungen für Zeitschriften verwendet: AKB Archäologisches Korrespondenzblatt AFS Archäologischer Führer der Schweiz AS Archäologie der Schweiz ASA Anzeiger für Schweiz. Altertumskunde ASA N.F. Anzeiger für Schweizerische Altertumskunde, Neue Folge ASSPA Annuaire de la Société Suisse de Préhistoire et d’Archéologie Ber. RGK Berichte der Römisch-Germanischen Kommission BPA Bulletin de l’Association Pro Aventico CAR Cahiers d’Archéologie Romande CIL Corpus Inscriptionum Latinarum HA Helvetica Archaeologica JbAK Jahresbericht aus Augst und Kaiseraugst JbAS Jahrbuch Archäologie Schweiz Jber. GPV Jahresbericht der Gesellschaft Pro Vindonissa Jber. SLMZ Jahresbericht des Schweiz. Landesmuseums Zürich JbHVFL Jahrbuch des Histor. Vereins für das Fürstentum Liechtenstein JbRGZM Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz JbSGU Jahrbuch der Schweiz. Gesellschaft für Urgeschichte JbSGUF Jahrbuch der Schweiz. Gesellschaft für Urund Frühgeschichte MAGZ Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft Zürich RIC The Roman Imperial Coinage SPM Die Schweiz vom Paläolithikum bis zum frühen Mittelalter UFAS Urund frühgeschichtliche Archäologie der Schweiz Veröff. GPV Veröffentlichungen der Gesellschaft Pro Vindonissa ZAK Zeitschrift für Schweiz. Archäologie und Kunstgeschichte Weitere Abkürzungen und Siglen: ADB Archäologischer Dienst Bern AE L’Année Épigraphique AR Augusta Raurica EAD Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege (Grafische Sammlung SNB) EDCS Epigraphik-Datenbank Clauss/Slaby GPV Gesellschaft Pro Vindonissa GS Grafische Sammlung HLS Historisches Lexikon der Schweiz HMB Historisches Museum Basel HRL Hochrhein-Limes IDR Inscriptiones Daciae Romanae ILAlg Inscriptions latines d’Algérie ILJug Inscriptiones Latinae quae in Iugoslavia … repertae et editae sunt KAAG Kantonsarchäologie Aargau KASG Kantonsarchäologie St.Gallen KDM BS Die Kunstdenkmäler des Kantons Basel-Stadt MAGZ Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft Zürich ÖAI Österreichisches Archäologisches Institut ÖAW Österreichische Akademie der Wissenschaften PIR Prosopographia Imperii Romani PIR² Prosopographia Imperii Romani (2. Auflage) PLRE The Prosopography of the Later Roman Empire RIB The Roman Inscriptions of Britain RIU Die römischen Inschriften Ungarns SMRA Site et Musée romains d’Avenches SNB Schweizerische Nationalbibliothek ThLL Thesaurus Linguae Latinae RPC Münz-Typ nach Burnett u.a. 1992 Allgemeine Abkürzungen: Abb. Abbildung Anm. Anmerkung B. Breite Bd. Band Beg. N. Begrawiyeh Nord bes. besonders Bsp. Beispiel bspw. beispielsweise bzw. beziehungsweise ca. circa cf. vergleiche Dat. Datierung d. h. das heisst Dm. Durchmesser dt. deutsch ebda. ebenda ehem. ehemalig engl. englisch et al. und andere f./ff. folgende fig. figura/figure Fl. Fläche freundl. freundlich Fragm. Fragment frz. französisch Gr. Grab H. Höhe ha Hektare Imit. Imitation indet. unbestimmt insbes. insbesondere it. italienisch Jh. Jahrhundert Kat. Katalog l. links L. Länge lat. lateinisch Lit. Literatur M. Massstab max. maximal mind. mindestens N Norden n. Chr. nach Christus n. l. nach links n. r. nach rechts Nr./no. Nummer Nrn. Nummern O Osten o. ohne o. ä. oder ähnliches Pos. Position 430 ianua patet cor magis r. rechts rät. rätisch resp. respektive röm. römisch S Süden s. siehe S. Seite Sign. Signatur sog. sogenannt s. o. siehe oben St. Stärke s. u. siehe unten s. v. unter dem Stichwort (sub voce) Taf. Tafel u. und u. a. unter anderem v. a. vor allem v. Chr. vor Christus Verf. Verfasser verm. vermutlich Vorb. Vorbereitung W Westen z. B. zum Beispiel z. T. zum Teil Open Access doi 10.19218/3907662144