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Die Unverzichtbaren: Menschen in Basisarbeit

Siebert, Johanna; Buchstab, Mara; Ranft, Florian

Abstract

Wer reinigt über Nacht die Büros? Wer bestückt tagtäglich die Supermarktregale mit frischer Ware? Wer sind die Menschen, die Pakete zustellen, Einkäufe abkassieren, alte und kranke Menschen pflegen und die Fließbänder in den Fabriken bedienen? Bis zu einem Fünftel aller Beschäftigten in Deutschland sind Basisarbeiter:innen: Menschen, die mit ihren Tätigkeiten das Fundament legen für den gesellschaftlichen Alltag und unsere Wirtschaft. Ihnen und ihren Anliegen widmet sich dieses Projekt.

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Die Unverzichtbaren: Menschen in Basisarbeit Erkenntnisse für eine politische Auseinandersetzung mit ihren Perspektiven und Forderungen in der Transformationsgesellschaft Johanna Siebert und Mara Buchstab | Juni 2025 Unter der Studienleitung von Dr. Florian Ranft STUDIE I. I. Inhaltsverzeichnis 4 5 8 8 9 12 13 13 14 14 16 16 27 37 44 48 50 54 56 Executive Summary 1. Die Arbeitswelt als Ort des Wandels 2. (Basis-)Arbeit in der Transformationsgesellschaft – Was wir wissen 2.1 Basisarbeit – Leitkonzept mit Herausforderungen 2.2 Der Forschungsstand zum Beschäftigungssegment Basisarbeit 2.3 (Basis-)Arbeit und politische Einstellungen in der Transformationsgesellschaft 3. Methodisches Vorgehen 3.1 Fokusgruppen 3.2 Einzelinterviews 3.3 Quantitative Meinungsumfrage 4. Vermessung von Basisarbeit in Deutschland 4.1 Was zeichnet Basisarbeit aus? 4.2 Basisarbeit als Abbild eines ungleichen Arbeitsmarkts 5. Gute (Basis-)Arbeit in der Transformation 6. Politische Ableitungen Endnoten Quellenverzeichnis Die Autorinnen Impressum & Dank 4 Sie reinigen Büros, liefern Essen aus, verbauen Autoteile oder räumen Supermarktregale ein. Menschen, deren berufliche Tätigkeiten keine formale Qualifikation erfordern, bilden mit ihrer Arbeit die Basis unserer Gesellschaft. Gleichzeitig werden diese Beschäftigte in unund angelernten Berufen (Basisarbeiter:innen) in zentralen Reformdebatten weitestgehend übersehen. Unsere Studie möchte das ändern. Sie unternimmt den Versuch einer Vermessung von Basisarbeit im Vergleich zu qualifizierten Tätigkeiten und geht dabei der Frage nach: Was sind die Arbeitsund Lebensrealitäten von Basisarbeiter:innen und wie blicken sie auf ihre eigene Tätigkeit und die Gesellschaft? Angesichts einer sich wandelnden Arbeitswelt, angetrieben von der ökologischen und digitalen Transformation, nimmt die Studie darüber hinaus die demokratiepolitische Relevanz von Arbeit unter die Lupe. Sie fragt: Wie wirken sich unsichere Arbeitsbedingungen in der Basisarbeit, aber auch auf dem gesamten Arbeitsmarkt, auf das Vertrauen in die Demokratie und die Offenheit gegenüber Transformationsprozessen aus? Zur Beantwortung dieser Fragen haben wir ein mehrdimensionales Forschungsdesign, bestehend aus Einzelinterviews, Fokusgruppen und einer quantitativen Meinungsumfrage, gewählt. Die Ergebnisse zeigen: Basisarbeiter:innen sind in ihrer Position auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt. Im Vergleich zu Menschen in qualifizierten Berufen verfügen sie über weniger formelle Anpassungsund Gestaltungsressourcen, um sich innerhalb einer sich wandelnden Arbeitswelt zurechtzufinden. Gleichzeitig finden ihre Anliegen in Politik und Gesellschaft seltener Gehör. Entsprechend gering ist das Vertrauen in politische Akteure und demokratische Institutionen. Für unsere Demokratie sind Basisarbeiter:innen jedoch in dreierlei Hinsicht unverzichtbar: gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch. Gesellschaftlich unverzichtbar Als Gesellschaft sind wir auf Basisarbeit angewiesen. Supermarktregale müssen bestückt, alte und kranke Menschen gepflegt, öffentliche Räume gereinigt werden. Eine materielle und immaterielle Aufwertung der Arbeitsverhältnisse im Bereich der Basisarbeit ist daher von gesamtgesellschaftlichem Interesse. Wirtschaftlich unverzichtbar Basisarbeit durchzieht unser Wirtschaftssystem. Ein Fünftel der Beschäftigten in Deutschland arbeitet in unund angelernten Tätigkeiten – sowohl in der Produktion als auch im Dienstleistungsbereich. Je nach Branche unterscheiden sich die Beschäftigungsverhältnisse und Arbeitsbedingungen stark. In Zeiten wirtschaftlicher Umbrüche ist eine branchenübergreifende Angleichung der Beschäftigungsverhältnisse und Arbeitsbedingungen zentral, um Sicherheit zu schaffen und der Angst vor Statusverlust unter Beschäftigten sowie der Spaltung von Lohnabhängigen entgegenzuwirken. Politisch unverzichtbar Angesichts der wachsenden Zustimmung für rechtspopulistische Parteien in der Arbeiterschaft ist es demokratiepolitisch bedenklich, die Anliegen von (Basis-)Arbeiter:innen unbearbeitet zu lassen. Denn je selbstbestimmter und sicherer sich Beschäftigte in ihrer Arbeit fühlen, desto offener sind sie gegenüber Transformationsprozessen und desto stärker ist ihr Vertrauen in die Demokratie. Demokratiesicherung bedeutet also Entprekarisierung – im Sinne der Stärkung von finanzieller, physischer und psychischer Sicherheit sowie des Ausbaus von Selbstbestimmung und Solidarität. Executive Summary Unsere Gesellschaft steht vor massiven Herausforderungen des Wandels. Der Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft hin zu Klimaneutralität, die zunehmende Digitalisierung und Automatisierung und die Überalterung unserer Gesellschaft erzeugen einen enormen Anpassungsdruck – nicht zuletzt am Arbeitsmarkt und unter Beschäftigten. Tätigkeiten verändern sich, Beschäftigungsfelder fallen weg, neue Wirtschaftszweige und Arbeitsplätze entstehen. Die politischen Debatten zur digitalen und ökologischen Transformation von Wirtschaft und Industrie finden fernab des Arbeitsalltags und der Lebensrealität von Menschen in unund angelernten Tätigkeiten statt. Während im Bundestag über Industriestrompreis, Exportzölle und Flottengrenzwerte verhandelt wird, reinigen sie über Nacht die Büros, teilen in der Kantine das Essen aus und stellen Pakete und Briefe zu. Rund 20 % der Erwerbsbevölkerung in Deutschland arbeiten in Berufen, die keine formale Qualifikation erfordern, gleichzeitig aber die Basis unserer Wirtschaft und Gesellschaft bilden. In der Gebäudereinigung, der Gastronomie, der Produktion, der Logistik oder in der Pflege – Basisarbeiter:innen sind im Alltag überall präsent, ihre Arbeit ist für die Gesellschaft unverzichtbar. Dass ein Fünftel der Beschäftigten in Deutschland in zentralen Reformdebatten weitestgehend übersehen wird, ist insbesondere vor dem Hintergrund der oftmals unsicheren, körperlich stark belastenden, schlecht entlohnten und wenig mitbestimmten Anstellungen ein Problem. Die Versorgung einer alternden Bevölkerung kann nicht gewährleistet werden, wenn Pflegehilfskräfte ihre Arbeitszeit aus Erschöpfung reduzieren. Die Umsetzung der Energiewende kann nicht gelingen, wenn es an Personal zur Installation und Wartung von Solarund Windkraftanlagen fehlt. Voraussetzung zur Bewältigung der Transformation ist ein nachhaltiger und gerechter Arbeitsmarkt. Denn sichere Arbeitsplätze und Beschäftigungsverhältnisse sind zentraler Bestandteil des Alltags der Menschen und erfüllen eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Hier können Begegnung und Solidarität stattfinden, es kann demokratische Mitbestimmung erlebt und Probleme können gemeinschaftlich bearbeitet werden. Angesichts von Unsicherheit in Zeiten des Wandels birgt die Arbeitswelt das Potenzial, die Beschäftigten mitzunehmen, ihnen Sicherheit und Perspektiven zu geben und sie über Instrumente der betrieblichen Mitbestimmung an Veränderungsprozessen zu beteiligen. Statt einer Nutzung des transformationspolitischen Potenzials der Arbeitswelt, lässt sich derzeit das Gegenteil beobachten. Wir leben in einer Zeit, die von großen wirtschaftlichen Unsicherheiten und politischen Schocks geprägt ist. Für Beschäftigte sind vor allem die negativen Auswirkungen eines rapiden Wandels in ihrem unmittelbaren Arbeitsund Lebensalltag spürbar: Arbeitszeitverdichtung, veränderte Anforderungsprofile, Abbau von Arbeitsplätzen. Man sorgt sich um steigende Lebenshaltungskosten, subjektiv wahrgenommene ökonomische Unsicherheiten und die Zukunft der eigenen Arbeit. Gerade vor dem Hintergrund einer anhaltend schlechten wirtschaftlichen Lage fehlen der Politik Mut und Legitimität, ambitionierte Transformationsprojekte anzustoßen und umzusetzen. Gleichzeitig gelingt es rechtspopulistischen und rechtsextremen Akteuren mit beträchtlichem Erfolg, die sozialen Missstände und Unsicherheiten politisch zu mobilisieren. Bei der Bundestagswahl 2025 erreichte die vom Verfassungsschutz mittlerweile als gesichert rechtsextremistisch eingestufte Alternative für Deutschland (AfD) mit einem Anteil von 38 % der Arbeiterschaft mehr 5 1. Die Arbeitswelt als Ort des Wandels 6 Stimmen unter Arbeiter:innen als Union und SPD zusammen (Tagesschau, 2025). Dass die Auswirkungen von Wandel und Transformation auf die Arbeitsrealität der Beschäftigten kaum thematisiert werden, stellt nicht nur ein arbeitsmarktpolitisches Problem, sondern auch eine demokratiepolitische Herausforderung dar. Denn zentrale Voraussetzung für die erfolgreiche politische Gestaltung der Transformationsaufgaben ist gesellschaftliche Akzeptanz. Fehlt das Vertrauen in politische Akteure und demokratische Institutionen oder mangelt es an einer grundsätzlichen Offenheit gegenüber gesellschaftlichen Veränderungsprozessen, so ist es nahezu unmöglich, politische Mehrheiten für eine ambitionierte Transformationspolitik zu gewinnen. Der Arbeitswelt kommt in dieser Aufgabe eine entscheidende Rolle zu: Hier entscheidet sich, ob die Transformationsaufgaben erfolgreich bearbeitet und bewältigt werden. Wenn die Transformation gelingen soll, müssen Arbeitsplatz und Beschäftigungsverhältnisse ins Zentrum der politischen Debatte rücken. Vor dem Hintergrund dieser politischen Ausgangslage verfolgt die Studie zwei übergeordnete Ziele. Zum einen unternimmt sie den Versuch einer Vermessung von Basisarbeit in Deutschland. Das betrifft rund 8 Millionen unund angelernte Beschäftigte, die zu den besonders Vulnerablen am deutschen Arbeitsmarkt gehören. Wir gehen dabei den folgenden Fragen nach: Was zeichnet das Beschäftigungssegment Basisarbeit aus und inwiefern unterscheidet es sich von qualifizierten Tätigkeiten? Was sind die Arbeitsund Lebensrealitäten von Basisarbeiter:innen in unterschiedlichen Branchen und wie blicken sie auf ihre eigene Arbeit und die Gesellschaft? Konkret untersuchen wir empirisch, was Basisarbeit in Deutschland auszeichnet und in welchem Maße es branchenübergreifende Gemeinsamkeiten, Unterschiede in den Arbeitsbedingungen und geteilte politische Einstellungen unter Basisarbeiter:innen gibt. Die Studie leistet damit einen Beitrag zu einem Diskurs zu Arbeitsmarktund Sozialpolitik in Wissenschaft und Politik, der seit der COVID-19-Pandemie und der Debatte über systemrelevante Tätigkeiten stetig zugenommen hat (s. u. a. Große-Jäger et al., 2021; Rump & Eilers, 2024). Über den Beitrag zur wissenschaftlichen Debatte hinaus, sollen die Ergebnisse Aufschluss darüber geben, inwiefern sich das Konzept Basisarbeit auch zur politischen Ansprache unund angelernter Beschäftigter eignet und wie eine mögliche Alternative aussehen könnte. Zum anderen – über den ausschließlichen Fokus auf Basisarbeit hinaus – ist das zweite Ziel der Studie, die demokratiepolitische Relevanz der Arbeitswelt in Zeiten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandels unter die Lupe zu nehmen. Wir wollten wissen: Wie wirken sich unsichere Arbeitsbedingungen in der Basisarbeit, aber auch auf dem gesamten Arbeitsmarkt auf das Vertrauen in die Demokratie und die Offenheit gegenüber Transformationsprozessen aus? Zur Beantwortung der Fragen wurde ein mehrdimensionales Forschungsdesign gewählt, das Einzelinterviews, Fokusgruppen und eine quantitative Meinungsumfrage unter rund 2000 Erwerbstätigen kombiniert. Unsere Forschungsergebnisse und politischen Ableitungen zeigen: Der Blick auf Basisarbeit muss zum einen die branchenübergreifenden Gemeinsamkeiten innerhalb des Beschäftigungssegments, anhand derer sich Basisarbeit von qualifizierten Berufen unterscheiden lässt, in den Fokus nehmen. Auf dieser Grundlage können politische Ansätze zur materiellen und immateriellen Aufwertung unund angelernter Tätigkeiten entwickelt werden. Zum anderen bedarf es einer differenzierten Analyse von Basisarbeit, welche die branchenspezifischen Unterschiede in Arbeitsbedingungen, Entlohnung, Mitbestimmung und Arbeitsschutz/- sicherheit in den Vordergrund rückt und diese politisch zur angleichenden Aufwertung der Arbeitsverhältnisse mobilisiert. In der Betrachtung des Zusammenhangs von Arbeitsbedingungen und politischen Einstellungen zeigt sich, dass die Trennlinie nicht zwischen Basisarbeit und qualifizierten Tätigkeiten, sondern vielmehr zwischen guter und sicherer Beschäftigung auf der einen 7 und unsicheren Arbeitsbedingungen auf der anderen Seite verläuft. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass (Basis-)Arbeiter:innen gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch unverzichtbar sind und eine politische Bearbeitung ihrer Perspektiven und Forderungen unerlässlich ist. Damit richten sich die Ergebnisse über eine rein wissenschaftliche Leser:innenschaft hinaus explizit auch an arbeitsmarktpolitische Akteure. Die Publikation ist Teil des Projekts „Basisarbeit in der Transformationsgesellschaft“, welches Das Progressive Zentrum mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) durchführt. Das Vorhaben ist ein methodisch breit angelegter Verständnisund Dialogprozess, mit dem das Ziel verfolgt wird, die Stimmen derjenigen in den arbeitsmarktpolitischen Diskurs zu tragen, die sonst häufig ungehört bleiben. Basisarbeiter:innen sollen selbst zu Wort kommen, ihre Perspektiven zentraler Bestandteil der Untersuchung sein. In dem begleitenden Dokumentarfilm „Die Unverzichtbaren“ wird dieses Versprechen zudem auch audiovisuell eingelöst. Die Ergebnisse der Studie bilden die Grundlage für einen breit angelegten Praxisprozess zur Erarbeitung politischer Handlungsansätze. Dieser wird unter Beteiligung von Vertreter:innen aus Wissenschaft, Politik, Arbeitgeberwie Arbeitnehmerverbänden und Unternehmen sowie in Zusammenarbeit mit Beschäftigten selbst durchgeführt und bildet den Abschluss des Projekts. Im Anschluss an die Einleitung (1) folgt ein kurzer Überblick über den Forschungsstand zu Basisarbeit und zu dem Zusammenhang zwischen Arbeitsbedingungen und politischen Einstellungen (2). Der sich daran anschließende Teil (3) führt in das methodische Vorgehen der Studie ein, bevor die Ergebnisse aus den Fokusgruppen, den Einzelinterviews und der quantitativen Meinungsumfrage dargelegt werden. Hier werden zunächst die Basisarbeit charakterisierenden Gemeinsamkeiten gegenüber qualifizierten Berufen herausgearbeitet und die Heterogenität des Beschäftigungssegments analysiert (4). Anschließend folgt eine Analyse zur Rolle von guter (Basis-)Arbeit in der Transformation und zu den Auswirkungen unsicherer Arbeitsbedingungen auf politische Einstellungen (5). Die Studie endet mit zentralen politischen Ableitungen, die für den weiteren Prozess zur Erarbeitung politischer Handlungsansätze mit dem Ziel der materiellen und immateriellen Aufwertung von Basisarbeit richtungsweisend sein sollen (6). 8 2.1 Basisarbeit – Leitkonzept mit Herausforderungen Für Berufe, deren Ausübung keiner formellen Ausbildung bedarf und die ohne oder bereits nach kurzer Einarbeitungszeit ausgeübt werden können, gibt es eine Vielzahl von Bezeichnungen. In der beruflichen Praxis der Sozialpartner ist meist von unund angelernten Berufen bzw. Beschäftigten die Rede. Die wissenschaftliche Forschung wiederum nutzt die Begriffe Einfacharbeit (z. B. Hall & Sevindik, 2020), Hilfstätigkeiten oder Helfer:innen-/Anlernberufe (Bundesagentur für Arbeit, 2021). Was diese Begriffe gemeinsam haben, ist eine sprachliche Abwertung der Beschäftigten und ihrer Arbeit. Sie suggerieren, dass die Beschäftigten keine Qualifikation besäßen und dass es sich bei den Tätigkeiten um leichte oder einfache Arbeit handele. Vor diesem Hintergrund wurde auf Initiative des BMAS der Begriff Basisarbeit eingeführt, um unund angelernte Tätigkeiten zu beschreiben (s. u. a. Große-Jäger et al., 2021). Er stellt den Versuch dar, eine positive und anerkennende Bezeichnung für diese Gruppe von Beschäftigten zu finden, die sich zugleich auch als identitätsstiftende politische Ansprache eignet. Sprachlich soll er die grundlegende Funktion der Tätigkeiten als Basis des Wirtschaftssystems und für das Aufrechterhalten zentraler gesellschaftlicher Strukturen verdeutlichen. Mit dem Begriff wird damit auch auf die öffentliche Debatte rund um die Systemrelevanz bestimmter Berufe eingegangen, die im Kontext der COVID-19-Pandemie politisch und gesamtgesellschaftlich breit diskutiert wurde. In der Praxis ist der Begriff jedoch nicht unumstritten. Das liegt u. a. an der begrifflichen Unschärfe. Denn nicht alle Tätigkeiten, die unter die Definition der Basisarbeit fallen, sind systemrelevant – und nicht alle systemrelevanten Berufe sind Basisarbeit. Man denke an den hoch qualifizierten, systemrelevanten und gesellschaftlich anerkannten Arztberuf. So schafft die tätigkeitsbezogene1 Definition von Basisarbeit eine Trennung zwischen verschiedenen Berufen in einer Branche und an einem Arbeitsplatz. In einigen Kontexten wird Basisarbeit deshalb enger gefasst, beispielsweise in einer Studie der Universität Tübingen als systemrelevante Tätigkeiten ohne Qualifikationsanforderungen (Babst et al., 2021). Weitere Kritik betrifft zudem den Versuch der symbolischen Anerkennung durch eine neue Bezeichnung. Denn die gesellschaftlich – zumindest kurzzeitig – attestierte Systemrelevanz im Kontext der Pandemie trug kaum zur materiellen und immateriellen Aufwertung der Beschäftigungsverhältnisse bei. Beschäftigte selbst und Gewerkschaften äußerten im Nachgang deutliche Kritik an einem Versuch der Aufwertung, der gleichzeitig keine Forderungen nach materieller Verbesserung mit sich brachte. Es wird deutlich: Das Konzept Basisarbeit ist verbunden mit Herausforderungen der Operationalisierung und definitorischen Genauigkeit ebenso wie der politisch-sprachlichen Wirksamkeit. Das zeigen auch die Erkenntnisse aus den Fokusgruppen und Interviews, in denen der Begriff Basisarbeit mit den Teilnehmenden diskutiert wurde. Für die Befragten ist die Bezeichnung nicht selbsterklärend, in einer ersten Reaktion weckt sie häufig andere Assoziationen, beispielsweise die politische Arbeit an der Parteibasis. Nach kurzer Diskussion wurde der Begriff im beruflichen 2. (Basis-)Arbeit in der Transformationsgesellschaft – Was wir wissen 9 Kontext mit Tätigkeiten, die keine oder nur eine geringe Qualifikation erfordern, oder Tätigkeiten, die auf Minijobbasis ausgeführt werden, assoziiert. Die Akzeptanz der Bezeichnung der eigenen Tätigkeit als Basisarbeit variiert zudem nach der jeweiligen Branche. Der Begriff spiegelt die Vielfalt der Herausforderungen und Tätigkeiten in ungelernter Arbeit nur bedingt wider. Am ehesten wurde der Begriff von Reinigungskräften, Lagerarbeitern2 und Arbeitern in der Zulieferindustrie akzeptiert. Die geringste Identifikation rief er unter Paketzustellern hervor, die sich nicht an der Basis, sondern am Ende der Lieferkette verorten, und unter Pflegehelferinnen, die den zwischenmenschlichen Aspekt ihrer Tätigkeit betonen. Eine Pflegehelferin kritisiert die nüchterne und kalte Wirkung des Begriffs: „[...] das ist mir zu herzlos. Da steckt viel mehr dahinter.“ (Pflegehelferin, weiblich, 38 Jahre) Auch in der Fokusgruppe mit Beschäftigten im Gastgewerbe wird der Begriff für die eigene Arbeit als wenig passend empfunden: „Also ich würde das eher mit Geringfügigkeitsjobs in Verbindung bringen. Geringfügige Basis. [...] ich mache keine Basisarbeit, ich mache eine vielfältige Arbeit, eine bunte Arbeit.“ (Servicekraft/ Küchenhilfe, weiblich, 47 Jahre) Grundsätzlich wird immer wieder deutlich, dass der Begriff „Basisarbeit“ nicht unbedingt zu einer Aufwertung von Tätigkeiten beiträgt, die ohnehin unter mangelnder Wahrnehmung und Wertschätzung leiden. „Basis“ suggeriert nach Auffassung der Befragten nicht nur, dass man einfache, ungelernte Tätigkeiten verrichtet, sondern auch, dass man in der betrieblichen und sozialen Hierarchie unten angesiedelt ist: „Eine Basisarbeit klingt niederschwellig, als das Minimum, was getan werden muss. [...] Da fühle ich mich nicht genug wertgeschätzt für das, was ich mache.“ (Reinigungskraft, weiblich, 19 Jahre) „Ich fand es negativ. [...] Das ist wie mangelhaft und ausreichend. [...] Da kann man sich nicht mit zufriedengeben. Basis ist low Budget.“ (Fließbandarbeiter, männlich, 39 Jahre) Inwiefern der Begriff Basisarbeit dennoch Potenzial zur Identifikation und politischen Ansprache unund angelernter Beschäftigter bietet, bleibt offen. Pflegehilfsund Pflegefachkräfte haben mit Blick auf ihre Arbeitsbedingungen vermutlich mehr gemeinsam als eine Pflegehilfskraft und eine Reinigungskraft, die definitionsgemäß zwar beide zur Gruppe der Basisarbeiter:innen gehören, in ihrem Arbeitsalltag jedoch mit ganz unterschiedlichen Herausforderungen konfrontiert sind. Trotz der wissenschaftlichen und politischen Uneinigkeit hinsichtlich des Begriffs wird im Folgenden die Bezeichnung „Basisarbeit“ verwendet, um unund angelernte Tätigkeiten zu beschreiben. Die vorliegende Untersuchung knüpft damit an ein wachsendes wissenschaftliches Forschungsfeld (s. Kapitel 2.2.) zum Thema an und möchte einen Beitrag zur Beantwortung der Frage leisten, inwiefern „Basisarbeit“ eine wirkungsvolle analytische und politische Kategorie zur Bearbeitung eines sich wandelnden Arbeitsmarkts in der Transformationsgesellschaft ist. 2.2 Der Forschungsstand zum Beschäftigungssegment Basisarbeit Die empirische Datenlage zum Beschäftigungssegment ist – u. a. aufgrund verschiedener Definitionen und Operationalisierungen von Basisarbeit – unklar, was die Größe, die quantitative Entwicklung, die soziodemografische Zusammensetzung und die Beschäftigungsverhältnisse anbelangt (Kaboth et al., 2022). Das in den letzten Jahren zunehmend etablierte wissenschaftliche Forschungsfeld zu Einfacharbeit bzw. Helfer:innenund Anlerntätigkeiten bietet dennoch eine Orientierungsgrundlage, um sich der Beschäftigungsgruppe anzunähern. Je nach Operationalisierung und Datengrundlage machen die unund 16 4. Vermessung von Basisarbeit in Deutschland Der Blick auf den Forschungsstand zeigt: Basisarbeit ist heterogen. Unund angelernte Tätigkeiten werden in einer Vielzahl an Branchen und Beschäftigungsverhältnissen ausgeübt. Dennoch gibt es übergreifende Gemeinsamkeiten, die das Beschäftigungssegment im Vergleich zu qualifizierten Tätigkeiten auszeichnen. Diese Gleichzeitigkeit von Gemeinsamkeiten und Unterschieden zeigt sich auch in unseren Forschungsergebnissen. In den folgenden Abschnitten werden die Fokusgruppendiskussionen, die Einzelinterviews und die quantitative Erhebung daher zunächst hinsichtlich der branchenübergreifenden Gemeinsamkeiten innerhalb von Basisarbeit im Vergleich zu qualifizierten Berufen analysiert (s. Kapitel 4.1.), bevor die Unterschiede im Bereich der Basisarbeit nach Bildungsniveau, Einkommen, Arbeitszeit, Geschlecht, subjektiver Systemrelevanz und dem Vorhandensein betrieblicher Mitbestimmung herausgearbeitet werden (s. Kapitel 4.2.). 4.1 Was zeichnet Basisarbeit aus? Sozioökonomisch betrachtet befindet sich die Gruppe der Basisarbeiter:innen im Vergleich zu Beschäftigten in qualifizierten Berufen in einer benachteiligten Position am Arbeitsmarkt. Unsere Daten legen nahe, dass Basisarbeiter:innen im Durchschnitt über ein geringeres kulturelles und ökonomisches Kapital verfügen als die übrige Erwerbsbevölkerung. So ist der Anteil von Basisarbeiter:innen mit niedrigem (24,4 %) und mittlerem (41,7 %) Bildungsniveau im Vergleich zu qualifizierten Beschäftigten deutlich höher (s. Abb. 1). Basisarbeiter:innen weisen außerdem ein niedrigeres Haushaltseinkommen12 auf. Bei 67,6 % von ihnen liegt das monatliche Haushaltsnettoeinkommen unterhalb von 2500 €, im Vergleich zu 48,4 % der übrigen Erwerbstätigen. Während 43,9 % der Menschen in qualifizierten Berufen ein Haushaltsnettoeinkommen von bis zu 4499 € erreichen, trifft dies lediglich auf 28,5 % der Basisarbeiter:innen zu. Abb. 1: Verteilung von Bildungsniveau, Altersgruppen und Haushaltseinkommen in der Gegenüberstellung von Basisarbeit und qualifizierten Tätigkeiten 217 Monika 62 Jahre Landshut Beruf und Funktion: Monika ist Vorarbeiterin in der Reinigung bei einem großen Gebäudedienstleistungsunternehmen. Zu ihren Aufgaben zählen das Erstellen von Dienstplänen, die Koordination ihres Teams und die Reinigung der Objekte. Monika steht kurz vor der Rente und weiß bereits jetzt, dass sie auch im Ruhestand weiter in ihrem Job bleiben muss, um ihre Rente aufzustocken. Arbeitsalltag: An einem typischen Arbeitstag steht Monika sehr früh auf. Von 5 Uhr bis 12 Uhr reinigt sie die Räume einer Sparkasse und eines Altersheims. Ab dem Mittag hat sie eine längere Pause, bevor sie abends zur Arbeit zurückkehrt. Persönliches: Monika ist verheiratet und hat eine große Familie. Als ihr Mann noch Lkw-Fahrer war, wollte sie sich mit der Reinigung lediglich etwas Taschengeld dazuverdienen. Seit er im Ruhestand ist, hat sie ihre Stunden erhöht. Monika hat keine Ausbildung und arbeitet seit 27 Jahren bei derselben Reinigungsfirma. Blick auf die Arbeit: An ihrem Job schätzt Monika den gesellschaftlichen Wert ihrer Arbeit. Außerdem ist sie froh, dass sie nette Kolleg:innen hat und der Arbeitgeber zuverlässig ist. Auch das Personal in den Einrichtungen ist meist freundlich zu ihr. Perspektive auf Politik und Gesellschaft: Trotzdem wünscht sich Monika mehr gesellschaftliche Wertschätzung gegenüber der Reinigungsbranche. Wenn niemand vor Ort ist, hat sie das Gefühl, ihre Arbeit sei unsichtbar. Deshalb fordert Monika mehr Aufmerksamkeit von der Politik. Aufgrund der körperlichen Belastung, vor allem im Alter, ist sie gegen eine Erhöhung des Renteneintrittsalters. Ich muss das machen, bis ich umflieg.“ „ 18 Die tatsächlichen materiellen Unterschiede spiegeln sich auch in der subjektiven Bewertung der eigenen finanziellen Situation wider. Fast die Hälfte der Basisarbeiter:innen (47,9 %) stimmen der Aussage voll und ganz oder eher zu, dass das Geld am Ende des Monats knapp ist, während es unter qualifizierten Beschäftigten 36,5 % sind. Mit Blick auf die Rente befürchten 52,9 % der Basisarbeiter:innen gegenüber 43,3 % der übrigen Erwerbstätigen, dass das Geld nicht ausreichen wird, um im Alter davon zu leben (s. Anhang C.3). Dass ein hoher Anteil der Basisarbeiter:innen (17,4 %) angibt, die Erwerbstätigkeit als Zuverdienst zur Rente auszuüben, weist darauf hin, dass Basisarbeit für ältere Erwerbsgruppen eine wichtige Rolle spielt. Gut ein Fünftel (22,4 %) der Basisarbeiter:innen sind 60 Jahre und älter, während der Anteil von Beschäftigten im Alter von 60 und mehr Jahren in qualifizierten Berufen lediglich bei 9 % liegt. Mehr als der Lebensunterhalt – die Funktion von Basisarbeit für Beschäftigte Basisarbeit erfüllt für Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen verschiedene Funktionen. Gegenüber qualifizierten Tätigkeiten fällt auf, dass Basisarbeit deutlich häufiger zu anderen Zwecken als lediglich zur Finanzierung des Lebensunterhalts ausgeübt wird (s. Abb. 2). Rund zwei Drittel der Basisarbeiter:innen – im Vergleich zu 87,6 % der Befragten in qualifizierten Berufen – geben in der Umfrage an, ihren Beruf zur Finanzierung des Lebensunterhalts auszuüben. Ein Teilnehmer der Fokusgruppe Logistik beschreibt seine Motivation wie folgt: „Man muss irgendwie die Familie ernähren. Von dem, was man an Bürgergeld kriegen würde, davon kann ich keine Familie ernähren. Das reicht hinten und vorne nicht. Ich muss arbeiten gehen und ich will ja auch ein bisschen Abwechslung haben.“ (Lagerarbeiter, männlich, 61 Jahre) Oftmals dient Basisarbeit auch dem Zuverdienst zu anderen Einkommensquellen. Insbesondere, aber nicht ausschließlich weibliche Basisarbeiter:innen berichten, dass sie ihren Beruf ausüben, um zum Einkommen ihres Partners, das den Großteil des Haushaltseinkommens ausmacht, etwas beizusteuern: „Ich habe das Glück, dass mein Mann ganz gut verdient und dass ich da nicht arbeite, weil ich das Geld zwingend brauche, sondern damit ich rauskomme. Das geht immer noch. Aber es ist jetzt kein Traumjob.“ (Reinigungskraft, 38 Jahre, weiblich) Basisarbeit ermöglicht es so einerseits, neben den Fürsorgeverantwortlichkeiten mit einem Nebenverdienst zum Haushaltseinkommen beizutragen. Das Zuverdienstmodell, das in den allermeisten Fällen Frauen betrifft, festigt andererseits traditionelle geschlechterspezifische Rollenverteilungen und sorgt für schlechtere Vorsorgemöglichkeiten und ein damit verbundenes Armutsrisiko im Rentenalter (Kümmerling & Schmieja, 2021). Zudem gelingt es den Frauen oftmals nicht, aus der Teilzeit wieder zurück in Vollzeitbeschäftigung zu wechseln. Abb. 2: Grund der Erwerbstätigkeit in der Gegenüberstellung von Basisarbeit und qualifizierten Tätigkeiten 19 Für 10,6 % der befragten Basisarbeiter:innen dient der Beruf dem Zuverdienst zu Studium oder Ausbildung. Die Zugangshürden sind gering, der Mangel an Arbeitskräften macht es oft einfach, eine Anstellung in einem ungelernten Beruf zu finden. Oft jobben Studierende nebenbei in der Gastronomie, aber auch in Branchen wie der Logistik oder in der Produktion. Die Arbeitszeiten, die häufig außerhalb der Kernarbeitszeiten frühmorgens, abends oder am Wochenende liegen, erlauben die Vereinbarkeit mit den zeitlichen Verpflichtungen der Ausbildung. So beschreibt ein Angestellter in einem Hotel seine Situation wie folgt: „Bin Single, studiere Maschinenbau und arbeite nebenbei in einem Hotel im Frühstücksservice. Passt eigentlich supergut zu meinem Studium, weil das immer von morgens bis mittags ist, und den Rest des Tages bin ich in der Bibliothek und mache meine Masterarbeit.“ (Servicekraft, männlich, 30 Jahre). Schließlich dient Basisarbeit auch dem Zuverdienst zur Rente. Laut der Meinungsumfrage üben 17,4 % der Basisarbeiter:innen ihre Tätigkeit zur Aufbesserung der Altersversorgung aus. Bereits während ihres Arbeitslebens befürchten Basisarbeiter:innen, dass sie auch nach dem Eintritt in die Rente noch werden arbeiten müssen: „Ja, ich werde wahrscheinlich noch in der Rente arbeiten müssen, weil ich nicht so viel Einkommen habe, um was zu sparen.“ (Pflegehelferin, weiblich, o. A.) Entsprechend dem aus der Forschungsliteratur bekannten hohen Anteil von Menschen mit ausländischer Staatsbürgerschaft, erfüllt Basisarbeit eine wichtige Funktion als sogenannte Ankommensarbeit. Für Menschen, die nach Deutschland eingewandert sind und keine abgeschlossene Ausbildung besitzen oder deren Ausbildung in Deutschland nicht anerkannt wird, bieten unund angelernte Tätigkeiten einen Einstieg in den Arbeitsmarkt. Sie helfen dabei, in der neuen Heimat anzukommen, die Sprache zu lernen, ökonomische Unabhängigkeit zu erreichen und sich in die Gesellschaft zu integrieren (Salikutluk & Jacobsen, 2021). Unund angelernte Tätigkeiten bieten dabei neben den geringen Qualifikationsanforderungen besondere Ankommensmöglichkeiten, weil in diesen „transkulturell geprägte[n] Arbeitsbereiche[n]“ bereits ein Netzwerk des Herkunftsmilieus vor Ort besteht (Yalçın et al., 2021, S. 234 f.). Oftmals entpuppt sich die ungelernte Tätigkeit jedoch nicht als Sprungbrett für eine Ausbildung oder in einen anderen Beruf. Gründe dafür liegen in fehlenden finanziellen Ressourcen, einem zu hohen Alter oder dem rechtlichen Status, der es erschwert, einen Ausbildungsplatz zu finden. Gerade Migrant:innen, deren vorhandener beruflicher Abschluss nicht anerkannt wird, werden so dequalifiziert. Ein Interviewteilnehmer, der als gelernter Schreiner aus Kamerun eingewandert ist, beschreibt seinen Einstieg in den Arbeitsmarkt in Deutschland wie folgt: „Ich habe eine Schreinerei gesucht, aber alle haben gesagt, den können wir nicht nehmen ohne Aufenthalt[sgenehmigung]. Und mein Deutsch war auch nicht gut.“ (Reinigungskraft, männlich, 52 Jahre) Für Menschen, die Kinder großgezogen oder Angehörige gepflegt haben und währenddessen auf Zeit aus dem Arbeitsmarkt ausgeschieden sind, stellt Basisarbeit die Möglichkeit des (Wieder-) Einstiegs in das Berufsleben dar. Dies gilt insbesondere für diejenigen, denen es nicht gelingt, im erlernten Beruf wieder Fuß zu fassen oder die nur mit wenigen Stunden wieder in den Arbeitsmarkt einsteigen wollen. In diesem Kontext dient Basisarbeit auch dem Übergang in einen anderen Beruf. Dann erfüllt die unbzw. angelernte Tätigkeit gezielt den Zweck, für einen gewissen Zeitraum für ein stetiges Einkommen zu sorgen und die Zeit zu überbrücken, in der man sich nach einer Ausbildung oder einer anderen Stelle umsieht. Entscheidend ist, dass die Zugangshürden von Basisarbeit gering sind, weil keine formale Qualifikation benötigt wird. Auch hier gelingt der Übergang in einen 320 Kofi 29 Jahre Bonn Beruf und Funktion: Kofi arbeitet als Zusteller in Teilzeit bei einem großen Logistikunternehmen. Die Arbeit hat ihm das Ankommen in Deutschland erleichtert und finanziert nun den Lebensunterhalt seiner Familie. Arbeitsalltag: Zu Beginn hat Kofi in Vollzeit gearbeitet. Der Arbeitgeber hat zwar die Gebühr für einen Sprachkurs übernommen, dieser war jedoch nicht mit seinen Arbeitszeiten vereinbar. Deshalb musste Kofi seine Stunden reduzieren, um gleichzeitig Deutsch lernen zu können. Persönliches: Kofi kommt aus Ghana, hat in Ungarn ein Biologiestudium begonnen und lebt seit drei Jahren in Deutschland. Vor der Arbeit als Zusteller hat er in der Gastronomie gearbeitet. Dort hat die Bezahlung jedoch nicht ausgereicht, um für sein Kind zu sorgen. Blick auf die Arbeit: Kofi schätzt den Austausch mit seinen Kolleg:innen und die Autonomie bei der Zustellung. Die Interaktion mit den Kund:innen bei der Arbeit hilft ihm, Deutsch zu lernen. Gleichzeitig belasten ihn der zeitliche Druck und die Rassismuserfahrungen, die er am Arbeitsplatz macht. Perspektive auf Politik und Gesellschaft: Die Arbeit sieht Kofi als Unterstützung bei der Integration. Seiner Erfahrung nach braucht es jedoch mehr Angebote von der Arbeitgeberseite und aus der Politik, damit Menschen ohne Deutschkenntnisse bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Zudem wünscht Kofi sich mehr Respekt vonseiten seiner Vorgesetzten und eine bessere Kommunikation mit ihnen. Er ist der Meinung: Jeder Job ist gleich wertvoll und alle Beschäftigten sollten entsprechend behandelt werden. Ich sehe nicht, wie das Unternehmen mir dabei hilft, Deutsch zu lernen, um diese Firma und den Job zu meinem Leben machen zu können.“ „ 21 anderen Beruf, zum Beispiel über eine Ausbildung, aber nicht unbedingt. Hindernisse stellen zum Beispiel die finanziellen Einbußen dar, die eine Ausbildung bedeuten kann. Eine Pflegehelferin berichtet: „Ja, mich ausbilden zu lassen, aber in der Ausbildung ist das Gehalt so niedrig. Das kann ich mir nicht leisten.“ (Pflegehelferin, weiblich, o. A.) Nicht nur aus Alternativlosigkeit – die geschätzten Seiten der Basisarbeit Insgesamt sind Basisarbeiter:innen und Beschäftigte in qualifizierten Berufen ähnlich zufrieden mit ihrer Arbeit. 81,8 % der befragten Basisarbeiter:innen und 85,3 % der übrigen Erwerbstätigen geben an, mit ihrer Arbeit sehr oder eher zufrieden zu sein. Mehr als die allgemeine Zufriedenheit variieren die Eigenschaften, die die Menschen an ihrer Arbeit schätzen. Danach gefragt, geben Basisarbeiter:innen vor allem den Kontakt mit Menschen, die Zusammenarbeit mit Kolleg:innen sowie die Möglichkeit der freien Zeiteinteilung und des autonomen Arbeitens an (s. Abb. 3). Während Beschäftigte außerhalb der Basisarbeit auch die mit der Tätigkeit verbundenen Herausforderungen (53,8 % / 28,5 %), die betrieblichen Weiterbildungsmöglichkeiten (30,7 % / 13,1 %) oder den geleisteten gesellschaftlichen Beitrag (36 % / 25,5 %) hervorheben, schätzen Basisarbeiter:innen an ihrer Arbeit im Vergleich deutlich mehr die Möglichkeit der körperlichen Betätigung (26,8 % / 12,1 %). In Ergänzung zu den Ergebnissen der Meinungsumfrage macht die qualitative Erhebung weiterhin deutlich: Basisarbeit wird nicht nur aus Alternativlosigkeit ausgeübt. Vielmehr entscheiden sich Basisarbeiter:innen aufgrund der positiven Aspekte der Tätigkeiten oftmals ganz bewusst für ihren Beruf. Betont wird u. a. das Gefühl, am Ende des Tages etwas geschafft zu haben und das Ergebnis der eigenen Arbeit zu sehen: „Man arbeitet ein Objekt ab und ist dann froh, wenn man es geschafft hat und sieht, was man geschafft hat.“ (Reinigungskraft, weiblich, 52 Jahre) Die körperliche Arbeit helfe auch, den Kopf freizubekommen. Bürojobs werden mit Verweis auf die fehlenden sozialen Interaktionen und den Mangel an körperlicher Betätigung explizit abgelehnt: Abb. 3: „Was finden Sie an Ihrem Beruf gut?“, Gegenüberstellung von Basisarbeit und qualifizierten Tätigkeiten 22 „Für mich ist wichtig, dass ich in Kontakt komme mit anderen Menschen. Also ich könnte beispielsweise niemals allein in einem Büro arbeiten, wo ich nur für mich bin.“ (Servicekraft/Küchenhilfe, weiblich, 47 Jahre) Ähnliches trifft auch auf Basisarbeiter:innen zu, die aus ihrem Ausbildungsberuf heraus in die Basisarbeit wechseln. Als Motivation für diese Entscheidung werden auch die schlechten Arbeitsbedingungen, u. a. in sozialen Ausbildungsberufen, genannt. Deutlich wird auch ein ausgeprägter Stolz auf die ausgeübte Tätigkeit und das Gefühl, mit der Arbeit etwas Nützliches zur Gesellschaft beizutragen: „Da ist das Gefühl, wirklich gebraucht zu werden [...].“ (Pflegehelferin, weiblich, 38 Jahre) Die positiven Seiten der Basisarbeit, welche die Beschäftigten an ihrem Beruf schätzen, stehen nicht im Widerspruch zu den strukturellen Belastungen und Herausforderungen, mit denen sie konfrontiert sind. Vielmehr beruht der Stolz auf die eigene Arbeit gerade darauf, sich den Widrigkeiten zum Trotz im Arbeitsalltag zu behaupten. Materielle und immaterielle Defizite in der Basisarbeit Die Diskussionen in den Fokusgruppen zeigen, dass die Arbeitszufriedenheit bei der überwiegenden Mehrheit der Teilnehmenden deutlich geringer ausfällt als die Lebenszufriedenheit. Besonders häufig genannte Defizite sind die Kombination körperlicher und psychischer Belastungen, Verstöße gegen geltendes Arbeitsrecht sowie ungünstige Arbeitszeiten, mangelnde Weiterbildungsangebote und eine geringe Anerkennung für die geleistete Arbeit. Im Vergleich zur übrigen Erwerbsbevölkerung sind Basisarbeiter:innen im Durchschnitt einer stärkeren körperlichen Belastung ausgesetzt. Rund ein Drittel der Befragten im Bereich der Basisarbeit (gegenüber gut einem Fünftel der Menschen in qualifizierten Berufen) ist sich unsicher, ob sie die Arbeit bis zum Renteneintritt ausüben können (s. Abb. 4). Eine Pflegehilfskraft Abb. 4: Arbeitsbedingungen I, Gegenüberstellung von Basisarbeit und qualifizierten Tätigkeiten 23 Nesrin 47 Jahre Bremen Ich mache es so lange, wie es geht. Ich bin hartnäckig und zäh. Beruf und Funktion: Nesrin arbeitet als Pflegehilfskraft in einem Krankenhaus. Der Job dient als Zuverdienst zum Einkommen ihres Mannes und hat ihr den Wiedereinstieg in die Berufstätigkeit ermöglicht, nachdem sie Kinder bekommen hat. Arbeitsalltag: Sie arbeitet 15 Stunden in der Woche im Krankenhaus und pflegt die Patient:innen. Ihre Arbeitszeiten variieren je nach Schichtplan. Persönliches: Nesrin ist verheiratet und hat fünf Kinder. Ihr langjähriger Traum war es, Krankenschwester zu werden. Weil sie erst ihre Eltern gepflegt und dann ihre Kinder großgezogen hat, konnte sie keine Ausbildung absolvieren. Deshalb kam sie als Quereinsteigerin in die Pflege, wo sie mittlerweile seit sechs Jahren arbeitet. Blick auf die Arbeit: Der enge Kontakt zu anderen Menschen gefällt Nesrin gut. Durch den Zeitdruck und den Mangel an Arbeitskräften fühlt sie sich jedoch oft überfordert. Nesrin hat Sorge, dass sie die körperliche und psychische Belastung irgendwann nicht länger aushält. Sie wünscht sich trotzdem weiterhin, irgendwann Krankenschwester zu werden – auch weil sie dann ein höheres Gehalt bekommen würde. Perspektive auf Politik und Gesellschaft: Nesrin wünscht sich mehr gesellschaftliche Anerkennung für Pflegeberufe. Von ihrem Arbeitgeber fordert sie ein höheres Gehalt und mehr Urlaubstage. Sie ist der Meinung, dass es wegen der starken körperlichen Belastung mehr Männer in der Pflege bräuchte. “ „ 24 beschreibt die körperlichen Folgen ihres Berufs folgendermaßen: „Ich frage mich, wie lange ich das noch machen kann, bevor ich zusammenbreche. An manchen Tagen ist das extrem anstrengend. Ich habe Kopfund Rückenschmerzen.“ (Pflegehilfskraft, weiblich, 41 Jahre) Die Belastung führt dazu, dass viele der Beschäftigten in Teilzeit arbeiten und die Fluktuation13 in der Belegschaft hoch ist. „Es gibt dann auch Zuschläge oder Prämien, wenn einer länger als drei Monate bleibt. Das entscheidet sich nach einem Monat meist. Du kriegst 200 Euro, wenn du jemandem empfiehlst, der bleibt, weil die meisten hauen wieder ab, weil die sagen, das macht mich kaputt.“ (Lagerarbeiter, männlich, 59 Jahre) 38,6 % der Basisarbeiter:innen geben an, sich bei der Arbeit oft gehetzt zu fühlen.14 Der Zeitdruck und die damit einhergehende mentale Belastung wird vor allem in Dienstleistungsbranchen wie in der Reinigung, der Pflege, der Logistik oder dem Gastgewerbe als sehr hoch beschrieben: „Der Zeitdruck, [...] das ist nicht zu schaffen in der Zeit, die man da hat. [...] Ich werde für die Zeit bezahlt und wenn das nicht fertig wird, dann bleibe ich länger.“ (Reinigungskraft, weiblich, 38 Jahre) Die Basisarbeiter:innen berichten in diesem Kontext auch von zunehmender Arbeitsverdichtung. Steigende Kosten und damit einhergehender finanzieller Druck auf die Geschäftsleitung wirkten sich durch Einsparungen im Personal bei gleichbleibendem Arbeitsaufkommen auf die Qualität der Arbeit und die mentale Gesundheit der Beschäftigten aus. Darüber hinaus können Basisarbeiter:innen gegenüber qualifizierten Beschäftigten weniger selbstbestimmt entscheiden, wann sie Pause machen (70,7 % / 76,3 %). Teilweise berichten Beschäftigte, dass die Pausenzeiten nicht eingehalten werden. Es bleibe keine Zeit während der Schicht etwas zu essen oder auf die Toilette zu gehen. Die Arbeitszeiten, die bei Basisarbeiter:innen etwas häufiger als in der Vergleichsgruppe außerhalb der regulären Kernarbeitszeiten liegen (38,4 % / 31,4 %), werden von den Teilnehmenden der Fokusgruppen unterschiedlich bewertet. Für einige ermöglicht die Arbeit zu Randund Nachtzeiten oder am Wochenende eine gewisse Flexibilität in der Vereinbarkeit mit der familiären Sorgearbeit: „Die Schichtdienste sehe ich als Vorteil. Wenn das Kind krank ist, kann ich mir das mit meiner Frau aufteilen.“ (Fließbandarbeiter, männlich, 40 Jahre) Für andere wiederum ist die Arbeit im Schichtsystem körperlich belastend und führt zu Einschränkungen im Privatleben, was beispielsweise die Pflege von Freundschaften, aber auch familiäre Verpflichtungen anbelangt: „Die Gastronomie ist schwer. Wir arbeiten immer abends. [...] Freunde zu haben ist in der Gastronomie meistens über Gastromitarbeiter, dass man sich irgendwann nachts um 1 oder 2 trifft, wenn der Laden zu macht.“ (Servicekraft, männlich, 44 Jahre) Im Vergleich zu Befragten in qualifizierten Berufen fällt weiterhin auf, dass Basisarbeiter:innen deutlich häufiger ein Ausbleiben der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall (16,2 % / 4,2 %) fürchten. In Deutschland haben alle Arbeitnehmer:innen den gesetzlichen Anspruch auf Entgeltfortzahlung bei Arbeitsunfähigkeit infolge von Krankheit (Maschke, 2012). Dass dennoch nahezu ein Sechstel der Basisarbeiter:innen einen Verstoß gegen geltendes Arbeitsrecht befürchtet, ist einerseits Ausdruck fehlenden Wissens aufseiten der Beschäftigten, andererseits aber vor allem auch Folge einer ausbleibenden Durchsetzung des Arbeitsrechts durch den Staat. Gerade in für die Basisarbeit typischen Branchen, in denen ein Großteil der Arbeitnehmer:innen über Subunternehmen angestellt ist, fehlt es oftmals an effektiven Arbeitsschutzkontrollen (Walser & Kärcher, 2023). 25 Der mangelnde Zugang zu betrieblichen Weiterbildungsangeboten ist eines der zentralen Merkmale von Basisarbeit. Lediglich 41,9 % der Basisarbeiter:innen gegenüber 69,2 % der Befragten in qualifizierten Tätigkeiten geben an, dass ihnen betriebliche Weiterbildungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Mit einem Unterschied von gut 27 Prozentpunkten ist das Item zur Weiterbildung in der quantitativen Befragung einer der stärksten Differenzmarker zwischen Basisarbeit und qualifizierten Tätigkeiten. Auch in den Fokusgruppen berichten die Teilnehmenden von fehlenden Möglichkeiten, sich innerhalb ihrer Anstellung weiterzuqualifizieren und aufzusteigen: „Obwohl ich das Grundwissen habe [...], konnte ich mich nicht hocharbeiten, weil mir die Ausbildung fehlt, aber Weiterbildungsmaßnahmen nicht angeboten werden.“ (Reinigungskraft, weiblich, 44 Jahre) Neben den beschriebenen materiellen Herausforderungen verfügen Basisarbeiter:innen im Durchschnitt auch über weniger immaterielle Ressourcen. So erleben Basisarbeiter:innen im Vergleich zu Menschen in gelernten Berufen weniger Solidarität und Selbstwirksamkeit in ihrer Arbeit. Sie geben etwas seltener an, Unterstützung durch Kolleg:innen (83,3 % / 91,4 %) und Vorgesetzte (76 % / 80,9 %) zu erhalten, haben weniger das Gefühl, im Unternehmen etwas zum Positiven verändern zu können (57,8 % / 67,6 %), und wissen weniger häufig, an wen sie sich bei Problemen mit dem Arbeitgeber wenden können, um Hilfe zu erhalten (70,2 % / 76,1 %).15 Sowohl unter Basisarbeiter:innen als auch unter Befragten in qualifizierten Berufen ist das Gefühl, dass die eigene Arbeit von der Gesellschaft nicht gesehen wird, weitverbreitet (s. Abb. 5). Über die Hälfte (57,9 %) der Basisarbeiter:innen (und sogar 63,8 % der Menschen in gelernten Berufen) stimmen der Aussage voll oder eher zu. Weiterhin ist knapp die Hälfte aller Befragten der Meinung, sie hätten für die eigene Arbeitsleistung mehr Anerkennung verdient. Hier gilt es, in erster Linie anzuerkennen, dass die Werte in beiden Gruppen sehr hoch sind. Wenn rund die Hälfte der Erwerbsbevölkerung das Gefühl hat, die eigene Arbeit werde nicht ausreichend gesehen und anerkannt, muss das politisch Grund zur Sorge bereiten. Dass der Unterschied zwischen BasisAbb. 5: Arbeitsbedingungen II, Gegenüberstellung von Basisarbeit und qualifizierten Tätigkeiten 332 Lennart 41 Jahre Frankfurt (Oder) Beruf und Funktion: Lennart ist Fließbandarbeiter bei einem Automobilzulieferer mit 2500 Angestellten. Er arbeitet für seinen Lebensunterhalt und um seine Familie zu ernähren. Arbeitsalltag: Zu Lennarts Aufgaben gehört es, Automobilteile zu messen und versandfertig zu machen. Die Arbeit am Fließband ist monoton, deshalb kann er nebenher Musik hören und seinen Gedanken nachgehen. Er arbeitet im Schichtbetrieb, das heißt abwechselnd in Früh-, Spätoder Nachtschichten. Persönliches: Lennart hat ein Kind und ist verheiratet, seine Frau arbeitet auch im Schichtbetrieb. Er war erst in der Telekommunikation tätig und ist dann als Quereinsteiger in den Betrieb gekommen. Hier arbeitet er nun seit vielen Jahren, und er möchte gerne langfristig im Unternehmen bleiben. Blick auf die Arbeit: Die gute Zusammenarbeit im Team schätzt Lennart. Der Betriebsrat sorgt dafür, dass seine Interessen gegenüber der Geschäftsleitung vertreten werden. Dadurch fühlt er sich weniger ersetzbar. Außerdem ist Lennart für das Angebot an Präventionsund Gesundheitsmaßnahmen im Betrieb dankbar. Perspektive auf Politik und Gesellschaft: Lennart steht dem Wandel vom Verbrennungsmotor zur Elektromobilität positiv gegenüber, auch wenn sich seine Arbeit dadurch verändern könnte. Um seinen Arbeitsplatz macht er sich keine Sorgen, weil durch den demografischen Wandel mehr Menschen in Rente gehen und deshalb ständig Arbeitskräfte gesucht werden. Ungelernte Jobs sind halt ersetzbar durch fast jeden.“ „ 33 lichkeiten zur Weiterbildung als in Vollzeit Angestellte (47,7 %), sorgen sich häufiger um eine ausbleibende Lohnfortzahlung im Krankheitsfall (niedrige Teilzeit: 29,2 % / Vollzeit: 6,1 %), arbeiten seltener in Unternehmen mit Betriebs-/Personalrat (niedrige Teilzeit: 30,6 % / Vollzeit: 56,9 %) und fühlen sich eher ersetzbar (niedwrige Teilzeit: 43,1 % / Vollzeit: 13 %). Unsere Daten stützen bestehende Forschungsergebnisse zur Beschäftigung in nicht sozialversicherungspflichtigen Minijobs: Diese leistet insbesondere in Krisenzeiten keine ausreichende Absicherung gegen Jobverlust und schützt nicht ausreichend vor Armut trotz Erwerbstätigkeit (Linckh & Tiefensee, 2021). 5. Mehr betriebliche Mitbestimmung schafft bessere Basisarbeit. Die Ergebnisse der Untersuchung legen nahe, dass betriebliche Mitbestimmung die Arbeitssituation von Basisarbeiter:innen entscheidend beeinflusst. Wie in Kapitel 4.1. beschrieben, arbeiten Basisarbeiter:innen insgesamt seltener in Unternehmen mit Betriebsoder Personalrat. Einige Branchen bilden hier jedoch eine Ausnahme.19 Ein Großteil der Teilnehmenden der Fokusgruppe aus der Zulieferindustrie berichten, dass in ihren Unternehmen betriebliche Mitbestimmung vorhanden sei und für sie eine wichtige Rolle spiele: „Ich sehe es als den Fallschirm [...] den man als Unterstützung hat. Der sich für das Individuum und für die Masse einsetzt.“ (Fließbandarbeiter, männlich, 39 Jahre) In den Fokusgruppen mit Basisarbeiter:innen aus der Pflege, dem Gastgewerbe und der Reinigung berichten hingegen nur wenige Teilnehmende vom Vorhandensein eines Betriebsrats. In der Diskussion zeigt sich auch ein relativ geringes Wissen über die Institution Betriebsbzw. Personalrat. Als Hindernis wird darüber hinaus ein geringer Zusammenhalt im Team beschrieben: „Es müssten sich mehr zusammentun. Es ist aber keine richtige Teamarbeit, deshalb befürchte ich, dass das bei den anderen Teams auch so ist und man sagt, das haut nicht so richtig hin.“ (Reinigungskraft, weiblich, 38 Jahre) Ein negatives Arbeitsklima unter Kolleg:innen und ein schlechteres Verhältnis zu den Vorgesetzten, wie es vor allem von den Teilnehmenden der Fokusgruppen aus der Reinigung und Pflege beschrieben wird, scheint die Gründung eines Betriebsbzw. Personalrats zu erschweren. Die Basisarbeiter in der Produktion hingegen beschreiben größtenteils gute Beziehungen und ein kollegiales Miteinander in der Belegschaft. Die Ergebnisse der Meinungsumfrage zeigen, dass das Vorhandensein eines Betriebsoder Personalrats im Unternehmen sowohl mit der objektiven als auch mit der subjektiven finanziellen Situation korreliert. Unabhängig von der Qualifikationsanforderung haben Beschäftigte in Unternehmen mit Betriebs-/Personalrat im Durchschnitt ein etwas höheres Einkommen, geben seltener an, dass das Geld am Ende des Monats knapp wird und machen sich etwas weniger Sorgen, ob die Rente ausreicht. Zudem lässt sich ein positiver Zusammenhang zur Einhaltung von Arbeitsrecht und Arbeitssicherheitsmaßnahmen feststellen. Darüber hinaus ist das Gefühl der Ersetzbarkeit vor allem bei Beschäftigten in Unternehmen ohne Betriebs-/Personalrat vorhanden. Diese Erkenntnisse gelten für die gesamte Stichprobe, unabhängig von der Differenzierung nach Basisarbeit und qualifizierten Tätigkeiten (s. Anhang C.3). Auffällig ist jedoch, dass gut ein Fünftel (21,2 %) der Basisarbeiter:innen in einem Unternehmen ohne Betriebsoder Personalrat befürchten, im Krankheitsfall keine Lohnfortzahlung zu erhalten (gegenüber 7 % der Vergleichsgruppe ohne Betriebsund Personalrat). Die Einhaltung von geltendem Arbeitsrecht scheint also speziell für Basisarbeiter:innen ohne betriebliche Interessenvertretung nicht unbedingt gegeben. Darüber hinaus hat diese Gruppe den geringsten Zugang zu betrieblicher Weiterbildung. Nur 31,9 % der Basisarbeiter:innen ohne Betriebsoder Personalrat werden im Unternehmen Möglichkeiten zur Weiterbildung angeboten; bei den Basisarbeiter:innen in einem Unternehmen mit Betriebs-/ 34 Personalrat sind es 54,8 %. Das Vorhandensein betrieblicher Mitbestimmung ist demnach ein zentrales strukturierendes Element der Basisarbeit und des Arbeitsmarktes insgesamt. 6. Weibliche Basisarbeit in Dienstleistungsberufen bietet keine ausreichende finanzielle Absicherung. Die Unterschiede in der Entlohnung, den Arbeitszeiten und betrieblicher Mitbestimmung laufen auch entlang von Geschlechterlinien. Insbesondere die Dienstleistungsbranchen mit einem hohen Anteil an Basisarbeit (Reinigung, Pflege, Einzelhandel) sind weiblich dominiert. Produktionsberufe, in denen die Entlohnung im Durchschnitt höher und betriebliche Mitbestimmung weiter verbreitet ist, sind hingegen männlich dominiert. Das spiegeln die Ergebnisse der quantitativen Meinungsumfrage wider. Diese zeigen, dass Basisarbeit von Frauen und Männern unterschiedlich entlohnt und unter unterschiedlichen Arbeitsbedingungen ausgeübt wird. So geben Basisarbeiterinnen deutlich häufiger als Basisarbeiter an, dass das Geld am Ende des Monats knapp sei (52,6 % / 43,3 %). Auffällig ist hier, dass sich Basisarbeiterinnen (60,3 %) auch im Vergleich zu Frauen in qualifizierten Berufen (46,1 %) größere Sorgen um die Auskömmlichkeit der Rente im Alter machen. Unter den männlichen Basisarbeitern liegt der Wert bei 45,7 %. Diese Sorge – und die damit einhergehende finanzielle Abhängigkeit vom (Ehe-)Partner – wird von den qualitativen Forschungsergebnissen bestätigt. Eine Reinigungskraft sagt mit Blick auf ihre Zukunft: „Ich versuche, nicht daran zu denken. Ich habe spät mit meiner Rente angefangen. [...] Jetzt ist es auch nicht das große Geld, das bei mir reinkommt. Ich hoffe, dass das mit meinem Mann lange hält.“ (Reinigungskraft, weiblich, 38 Jahre) Die Geschlechterdifferenz in der Entlohnung ist auch in den unterschiedlichen Arbeitszeitmodellen begründet: Basisarbeit in niedriger und höherer Teilzeit wird deutlich häufiger von Frauen ausgeübt,20 während lediglich 31,2 % der Basisarbeit in Vollzeit (≥ 35 Wochenstunden) von Frauen und 68,8 % von Männern geleistet wird. Über die finanzielle Dimension hinaus können Frauen in Basisarbeit gegenüber männlichen Basisarbeitern weniger selbstbestimmt über die Gestaltung ihrer Pausenzeiten entscheiden (66,7 % / 74,5 %). Geschlechterspezifische Unterschiede zeigen sich nicht nur in Basisarbeit, sondern auch in qualifizierten Berufen. Frauen in Basisarbeit (40,9 %) und in der Vergleichsgruppe (51,9 %) fühlen sich bei der Arbeit häufiger gehetzt als männliche Beschäftigte in ungelernten (36,3 %) und qualifizierten (47,6 %) Berufen. Zudem geben Frauen in Basisarbeit (55,5 %) und in qualifizierten Berufen (50,8 %) häufiger an, dass ihre Arbeit mehr gesellschaftliche Anerkennung verdient habe, als ihre männlichen Kollegen in Basisarbeit (44,2 %) und in der Vergleichsgruppe (42,5 %). 7. Je nach Branche drückt sich Wertschätzung anders aus – materiell oder immateriell. Wie in Kapitel 4.1. beschrieben, fühlen sich Basisarbeiter:innen den Daten der Meinungsumfrage nach nicht weniger wertgeschätzt als Beschäftigte in qualifizierten Berufen. Das überrascht, denkt man an weitverbreitete Basisarbeitsberufe wie die Reinigung oder Paketzustellung. Erklären lässt sich das Ergebnis jedoch durch einen Blick auf die unterschiedlichen Verständnisse von Wertschätzung. In der Fokusgruppe der Zulieferindustrie drückt sich für die Basisarbeiter die Wertschätzung für ihre Arbeit durch die gute, tarifgebundene Entlohnung aus. Immaterielle Anerkennung wird dadurch nicht unbedingt erwartet: „Wenn du die Lohnabrechnung siehst, ist das Anerkennung.“ (Betriebshelfer, männlich, 41 Jahre) In der Pflege wird die Arbeit der Basisarbeiterinnen hauptsächlich von den Klient:innen und ihren Angehörigen direkt wertgeschätzt, dafür mangelt es an Anerkennung in Form einer angemessenen Entlohnung: „Von den Bewohnern bekomme ich echt genug [...]. Die Anerkennung reicht mir vollkommen. Ich 235 Simone 56 Jahre Berlin Und am besten müsste man den ganzen Tag nur noch rennen, rennen, rennen, um alles zu schaffen. Beruf und Funktion: Simone arbeitet als Kassiererin im Einzelhandel. Der Beruf ist ihre Haupteinnahmequelle. Arbeitsalltag: In der Woche arbeitet sie fünf Tage von 9:30 Uhr bis 19:00 Uhr. Im Arbeitsalltag steht sie an der Kasse, räumt Regale ein oder organisiert das Lager. Persönliches: Simone hat in Ostberlin das Abitur gemacht und Sozialistische Betriebswirtschaft studiert. Nach der Wende hat sie den Einstieg ins Berufsleben durch die Familiengründung und die Entwertung ihres Studiums verpasst. Zunächst hat Simone als Briefträgerin gearbeitet und dann verschiedene Jobs im Einzelhandel und Vertrieb ausgeübt. Seit 2000 ist sie in ihrem derzeitigen Arbeitsverhältnis. Blick auf die Arbeit: An ihrer Arbeit gefällt Simone, dass es flache Hierarchien, ein gutes Teamgefühl und familiäre Verhältnisse im Betrieb gibt. Der Umsatzdruck auf die Filialleitung überträgt sich jedoch auf die Mitarbeiter:innen. Hinzu kommt eine hohe körperliche Belastung aufgrund von durchgehendem Stehen, weshalb Simone bereits eine Knieoperation hinter sich hat. Perspektive auf Politik und Gesellschaft: Simone fühlt sich von der Politik nicht genug gesehen, vor allem im Vergleich mit eher männerdominierten Branchen. Außerdem wünscht sie sich mehr Wertschätzung von ihren Vorgesetzten und Kund:innen. Im Allgemeinen spricht sich Simone für eine Kürzung der Öffnungszeiten und eine Viertagewoche bei vollem Lohnausgleich sowie gegen die Erhöhung des Renteneintrittsalters aus. “ „ 36 brauche keine Anerkennung von außen, die nicht wissen, was ich tue. Aber Geld, ich weiß, dass da mehr geht.“ (Pflegehelferin, weiblich, 38 Jahre) In der Reinigung wiederum wird eine mangelnde gesamtgesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung der eigenen Tätigkeit beklagt: „Nicht nur [die], für die wir arbeiten, unsere Vorgesetzten. Es hängen dahinter auch Kunden. Also wie gesagt Büros, Schulen. Dass da auch etwas wie eine Wertschätzung ist. Der Postbote kriegt, wenn Feiertage sind, auch mal von irgendwem eine Süßigkeit oder ein Präsent. Was kriegen wir?“ (Reinigungskraft, weiblich, 44 Jahre) Unsere Forschung zeigt, dass die Frage der Wertschätzung branchenspezifisch betrachtet werden muss. Grundsätzlich gilt jedoch: Anerkennung kann sich abhängig von der Tätigkeit auf verschiedene Arten äußern. Materielle und immaterielle Wertschätzung hängen aber in jedem Fall unmittelbar zusammen und müssen in der Entwicklung von Ansätzen zur Stärkung von Wertschätzung Hand in Hand gehen. 8. Basisarbeiter:innen, die ihre Arbeit als systemrelevant21 einordnen, wünschen sich mehr Anerkennung. Die Ergebnisse der Meinungsumfrage zeigen, dass der Wunsch nach mehr gesellschaftlicher Anerkennung deutlich stärker ausgeprägt ist bei Basisarbeiter:innen, die ihre eigene Arbeit als systemrelevant einschätzen. Knapp zwei Drittel (62,4 %) der Basisarbeiter:innen, die der Meinung sind, die Gesellschaft würde ohne ihre Arbeit nicht gut funktionieren, sind auch der Ansicht, dass sie für ihre Arbeit mehr gesellschaftliche Anerkennung verdient hätten (gegenüber 30,6 % der Basisarbeiter:innen, die angeben, die Gesellschaft würde auch ohne ihre Arbeit gut funktionieren). Eine ähnliche Tendenz lässt sich auch in der Vergleichsgruppe beobachten. Der Befund deutet darauf hin, dass wichtige gesellschaftliche (Basis-)Arbeit nicht die entsprechende Anerkennung erfährt. Es gilt zu beachten, dass dabei offen bleibt, wie Anerkennung verstanden wird (s. These 7). Die stärkere Wahrnehmung einer fehlenden Anerkennung geht jedoch nicht mit einer stärker wahrgenommenen gesellschaftlichen Unsichtbarkeit einher. Sowohl unter Basisarbeiter:innen als auch unter Beschäftigten in qualifizierten Berufen haben diejenigen das Gefühl, ihre Arbeit werde von der Gesellschaft nicht gesehen, die ihre eigene Tätigkeit als nicht systemrelevant einordnen (s. Anhang C.3). Eine mögliche Erklärung dafür bietet die gestiegene gesellschaftliche Aufmerksamkeit für als systemrelevant bezeichnete Berufe im Zuge der COVID-19-Pandemie, die jedoch nicht gleichzeitig zu einer stärkeren materiellen Anerkennung geführt hat. Die Ergebnisse der Meinungsumfrage liefern zudem Hinweise auf die Arbeitsbedingungen von Basisarbeiter:innen, die ihre Arbeit als systemrelevant einordnen. 40,3 % von ihnen geben an, dass sie aufgrund der körperlichen Belastung nicht wissen, ob sie ihren Job bis zur Rente ausüben können (gegenüber 27,3 % der Basisarbeiter:innen, die sich nicht als systemrelevant verstehen). Mit Blick auf die finanzielle Sicherheit zeigt sich: 51,5 % der Basisarbeiter:innen, die ihre Arbeit als systemrelevant einschätzen, geben an, dass das Geld am Ende des Monats knapp wird (gegenüber 43,2 % der Basisarbeiter:innen, die ihre Arbeit nicht als systemrelevant einschätzen). Weitere Merkmale, die diese Beschäftigungsgruppe gegenüber jenen Basisarbeiter:innen auszeichnen, die ihre Tätigkeit nicht als systemrelevant einordnen, sind eine geringere Autonomie in ihrer Arbeit und ein hoher Zeitdruck. Die qualitative und quantitative Vermessung von Basisarbeit in Deutschland macht deutlich, dass das Beschäftigungssegment differenziert betrachtet werden muss. Ungleichheitsdimensionen, die den Arbeitsmarkt in Deutschland strukturieren, wirken auf ähnliche Weise auch im Bereich der Basisarbeit. Dennoch wird sichtbar, dass Basisarbeiter:innen im Vergleich zu Beschäftigten in qualifizierten Berufen insgesamt in ihrer Position am Arbeitsmarkt sozioökonomisch schlechtergestellt sind. Vor dem Hintergrund eines sich wandelnden Arbeitsmarktes angesichts von Digitalisierung und Dekarbonisierung stellt dies eine besondere Herausforderung dar. 37 5. Gute (Basis-)Arbeit in der Transformation In der gegenwärtigen Transformationsgesellschaft, die fortwährend durch tiefgreifende wirtschaftliche und soziale Veränderungen gekennzeichnet ist, muss eine Betrachtung des Arbeitsmarktes den Prozessen des Wandels Rechnung tragen. Wie Beschäftigte auf ihre Arbeit blicken und sich selbst auf dem Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft verorten, steht in direktem Zusammenhang mit den Veränderungsprozessen, die die Arbeitswelt strukturieren. Insbesondere die großen Transformationstrends der Digitalisierung und der Dekarbonisierung erzeugen nicht nur für Unternehmen, sondern auch für Beschäftigte einen erheblichen Anpassungsdruck. Durch den zunehmenden Einsatz digitaler Technologien wandeln sich Tätigkeiten, entstehen neue Beschäftigungsfelder und Kompetenzbedarfe, werden bislang von Menschen ausgeübte Aufgaben durch Maschinen ersetzt, oder Arbeitnehmer:innen werden in der Ausführung ihrer Arbeit stärker überwacht (Arntz et al., 2018; Schmucker & Sinopoli, 2022). Auch die Dekarbonisierung der Wirtschaft führt zu einem umfassenden Strukturwandel auf dem deutschen Arbeitsmarkt, der die Umgestaltung bestehender Berufsfelder, den Abbau von Arbeitsplätzen und ihren Aufbau an anderer Stelle zur Folge hat (Holzmann, 2022). Wie dieser Strukturwandel von den Beschäftigten im Bereich Basisarbeit und darüber hinaus wahrgenommen wird, wird im Folgenden untersucht und in Zusammenhang mit den Arbeitsbedingungen analysiert. Transformation als erlebter Anpassungsdruck Die befragten Basisarbeiter:innen sind sich des Anpassungsdrucks und ihrer eigenen Ausgangslage bewusst. Transformationsprozesse werden als unaufhaltsame, über sie hereinbrechende Veränderungen wahrgenommen, denen sie ausgesetzt sind: „Man kann nicht versuchen, die Veränderung aufzuhalten, weil die lässt sich nicht aufhalten. Wie schon gesagt wurde, wer sich nicht anpasst, der bleibt auf der Strecke. Das ist mit gewissen Angstgefühlen verbunden oder mit einem Gefühl von Bedrohung.“ (Kellner, männlich, 33 Jahre) In den Fokusgruppendiskussionen gehen die Befragten davon aus, dass es Gewinner:innen und Verlierer:innen der Transformation gibt, und verorten sich selbst weiter unten in der Anpassungshierarchie: „Die Gewinner sind die großen Firmen und die Verlierer sind die kleinen Arbeitnehmer, die am Ende der Fahnenstange sind.“ (Lagerarbeiter, männlich, 61 Jahre) Insgesamt haben viele Befragte das Gefühl, wenig bis gar nicht von der digitalen und ökologischen Transformationspolitik der Unternehmen und der Regierung zu profitieren und eher den negativen Folgen ausgesetzt zu sein. Konkret wird dies im Fall der Digitalisierung dadurch deutlich, dass Basisarbeiter:innen gegenüber qualifizierten Beschäftigten ihrer jeweiligen Einschätzung nach weniger von den Entwicklungen profitieren: 61,2 % der Basisarbeiter:innen geben an, dass digitale Technik ihre Arbeit leichter mache, bei den Beschäftigten in qualifizierten Tätigkeiten sind es 83,1 %. Zwar erleichtert die Digitalisierung durch die Einführung neuer digitaler Technologien oder Maschinen in der Logistik oder der Industrie einzelne Arbeitsschritte. Für die Beschäftigten stehen jedoch die negativen Folgen der Digitalisierung im Vordergrund. Es wird die Sorge geäußert, dass insbesondere Hilfskrafttätigkeiten durch die Digitalisierung überflüssig werden und Arbeitsplätze wegfallen könnten:22 38 „Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert. [...] Viele Aufgaben bleiben, aber das meiste wird schon wegfallen, vor allem so Hilfstätigkeiten.“ (Rezeptionist, männlich, o. A.) „Stichwort Basisarbeit. Das kann auch der Roboter!“ (Betriebshelfer, männlich, 41 Jahre) In von zwischenmenschlichen Interaktionen geprägten, meist weiblich dominierten Branchen wie der Pflege hingegen werden die Auswirkungen der Digitalisierung nicht als besonders ausgeprägt eingeschätzt. Die Ergebnisse der Meinungsumfrage bestätigen: Weibliche unund angelernte Beschäftigte profitieren bei der Arbeit weniger von der Einführung neuer digitaler Technologien: 57,4 % der Basisarbeiterinnen – im Vergleich zu 64,9 % der Basisarbeiter – geben an, dass digitale Technik ihre Arbeit leichter mache. Darüber hinaus wird u. a. in der Paketzustellung, der Reinigung oder der ambulanten Pflege berichtet, dass digitale Anwendungen wie GPSTracker vom Arbeitgeber bereits zur Kontrolle der eigenen Arbeit eingesetzt werden, und die Sorge geäußert, dass dies künftig weiter zunehmen könnte: „Wir haben sowas wie ein GPS-Ding. Das ist freiwillig. Es wird gemessen, da sieht er dann wie viele Kilometer wo hin. [...] Dann steht da meistens, wenn wir das abspeichern, eine Straße, sonst stehen da Koordinaten. [...] wir haben die App auf unserem Privathandy drauf.“ (Reinigungskraft, weiblich, 44 Jahre) Mit Blick auf die Zukunft der eigenen Tätigkeit wird davon ausgegangen, dass für die Einführung neuer Technologien eine Qualifizierung notwendig sei, um die eigene Beschäftigung zu sichern. Vor dem Hintergrund der geringen Weiterbildungsmöglichkeiten im Bereich der Basisarbeit verdeutlicht dies das Missverhältnis zwischen Anpassungsdruck und den für die Bewältigung der Anpassung zur Verfügung stehenden formalen Ressourcen. Auch die Folgen des Klimawandels wirken sich auf die ohnehin bereits überdurchschnittlich stark körperlich belastende Basisarbeit aus. Dies gilt insbesondere für diejenigen Berufe, die mobil sind und im Freien verrichtet werden. Auch allgemein gehen die Beschäftigten davon aus, dass zunehmende Hitzeperioden zu zusätzlichen Belastungen führen werden: „Das ist schon anstrengend [ohne Klimaanlage]. [Aber] auch ohne Klimawandel ist es anstrengend.“ (Pflegehelferin, weiblich, 47 Jahre) Gleichzeitig wird deutlich: Klimawandelfolgen werden in ihren Auswirkungen auf die eigene Arbeit zwar gesehen. Man fühlt sich jedoch weniger von den Folgen betroffen als von den politischen Maßnahmen zur Bewältigung des Klimawandels, wie auch Mau et al. (2023) feststellen. So wird die aktuelle Klimapolitik in der Arbeiterschaft vor allem als Bedrohung eines ohnehin prekären Lebensstandards wahrgenommen, es dominieren die alltäglichen Sorgen im Hier und Jetzt. Die Transformation wird in erster Linie mit weiteren Zumutungen und Belastungen durch Teuerungen und Inflation in Verbindung gebracht: „Ich weiß, was eine Gurke heute kostet. Da denke ich mir auch, das war mal anders. Das ist ein Teil der Transformation.“ (Servicekraft, männlich, 44 Jahre) Auch der Abbau von Arbeitsplätzen wird mit klimapolitischen Maßnahmen assoziiert und ist eine Folge, die sich in der von Basisarbeit geprägten Zulieferindustrie besonders bemerkbar macht. Hier führt die Dekarbonisierung der Wirtschaft zur Umstellung von Produktionslinien und zum Abbau von Arbeitsplätzen: „Wir hatten ein Werk von 2000 Mitarbeitern, das ist auf 700 runter, wegen dem Elektro.“ (Fließbandarbeiter, männlich, 40 Jahre) 39 Fehlende Anpassungsund Gestaltungsressourcen Inwiefern es Beschäftigten gelingt, den Wandel der Arbeitswelt erfolgreich zu bewältigen, ist nicht zuletzt eine Frage der vorhandenen Ressourcen, auf die sie im Umgang mit dem Anpassungsdruck zurückgreifen können. Dazu zählen beispielsweise ein unbefristeter Arbeitsvertrag, Angebote zur Weiterbildung, um sich bei wandelnden Anforderungen am Arbeitsplatz behaupten zu können, oder ein ausreichend hohes Einkommen, das es erlaubt, Geld zurückzulegen. Aber auch betriebliche Mitbestimmung kann als Ressource verstanden werden, die es Beschäftigten ermöglicht, dem Wandel in der Arbeitswelt nicht nur passiv ausgesetzt zu sein, sondern ihn mitzugestalten. Die quantitative und qualitative Vermessung des Beschäftigungssegments Basisarbeit (s. Kapitel 4) verdeutlicht, dass Basisarbeiter:innen insgesamt über weniger formelle Ressourcen verfügen, um sich auf einem sich wandelnden Arbeitsmarkt zurechtzufinden. Sie sind nicht nur einem höheren Maß an Unsicherheit in ihrer Arbeit ausgesetzt, sondern haben im Durchschnitt auch weniger Zugang zu Weiterbildungsangeboten und Möglichkeiten der betrieblichen Mitbestimmung. Zudem herrscht unter Basisarbeiter:innen ein Gefühl der Ersetzbarkeit vor, das insbesondere in transformationsbedingten Krisensituationen das Sicherheitsgefühl schmälert. Gut ein Fünftel (22,5 %) der in der Meinungsumfrage befragten Basisarbeiter:innen – gegenüber 12,6 % der Befragten in qualifizierten Tätigkeiten – geben an, dass sie eine der ersten Personen seien, die im Krisenfall von einer betriebsbedingten Kündigung betroffen wären. Dabei sind die fehlenden Qualifikationsanforderungen der ausgeführten Tätigkeiten entscheidend. Denn die eigene Arbeit kann zumindest formell von jeder anderen Person ausgeführt werden. Man konkurriert nicht nur mit Menschen des eigenen Bildungsniveaus, sondern faktisch mit allen Gruppen von Erwerbstätigen (mit Quereinsteiger:innen, Neuankömmlingen, Hochgebildeten etc.): „Ersetzbar definitiv! Ich bin da kein Alleinstellungsmerkmal. Das, was ich mache, können andere auch.“ (Maschinenführer, männlich, 48) Die fehlenden formellen Anpassungsund Gestaltungsressourcen, um die mit Transformationsprozessen verbundenen Veränderungen und Unsicherheiten zu meistern, kompensieren Basisarbeiter:innen über eine Reihe von informellen Ressourcen. Zentral sind der Stolz auf die eigene Arbeit und die hohe Belastbarkeit und Aufopferungsbereitschaft, die diese erfordert. Trotz der fehlenden formalen Qualifikationsanforderungen ist nicht jede:r bereit, die körperlichen Strapazen auf sich zu nehmen, die mit der Tätigkeit einhergehen. Im Gegensatz zu vielen anderen ist man sich nicht zu fein für die Arbeit: „Aus dem Bekanntenkreis höre ich auch immer: Ich könnte das nicht, den anderen den Dreck wegmachen.“ (Reinigungskraft, weiblich, 52 Jahre) Auch das Gefühl der Ersetzbarkeit wird über eine Betonung der eigenen Anpassungsfähigkeit kompensiert. Viele Basisarbeiter:innen waren in der Vergangenheit in unterschiedlichen Branchen tätig, sie rechnen sich selbst eine gewisse branchenübergreifende Flexibilität zu. Unter Beweis gestellt wurde diese Fähigkeit im Krisenfall der COVID-19-Pandemie. Im Gastgewerbe, in dem es einen besonders hohen Anteil an Basisarbeit gibt, sah sich jede:r vierte sozialversicherungspflichtige Beschäftigte gezwungen, einen Berufswechsel vorzunehmen (Jansen & Risius, 2022). Auch wenn der Arbeitskräftemangel nicht zwingend zu einer besseren Verhandlungsposition gegenüber dem Arbeitgeber führt, machen sich viele Basisarbeiter:innen aufgrund des spürbaren Personalmangels keine erheblichen Sorgen um ihre berufliche Perspektive. Das Wissen, im Falle von Problemen mit dem Arbeitgeber oder einer Kündigung in einem anderen Unternehmen oder einer anderen Branche eine Anstellung zu finden, gibt Sicherheit: „Für mich persönlich [ist es] kein Problem, den Betrieb zu wechseln. Von daher fühle ich trotzdem die Sicherheit, dass ich die Möglichkeit habe, 40 wenn was nicht passt oder die Unzufriedenheit groß ist, dann gibt es auch andere Angebote.“ (Kellner, männlich, 33 Jahre) Neben der Betonung der eigenen Belastbarkeit, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit lässt sich ein weiterer Mechanismus zur Kompensation fehlender formeller Anpassungsressourcen erkennen. Die eigene Bereitschaft zu harter Arbeit wird über die moralische Abgrenzung gegenüber vermeintlich „faulen“ Bevölkerungsgruppen aufgewertet – ein Phänomen, das die kanadisch-US-amerikanische Soziologin Michèle Lamont bereits im Jahr 2000 unter US-amerikanischen Arbeiter:innen beobachtete. Die Bereitschaft zu harter, körperlich anstrengender Arbeit und die Fähigkeit, sich trotz ökonomischer Widrigkeiten durchzuschlagen, werden zum identitätsstiftenden Merkmal. Die eigene Arbeit und die moralische Stärke, die deren Ausführung erfordert, ist Quelle von Stolz, Respekt und Anerkennung (Lamont, 2000, S. 17 ff). Vermeintlich faule und parasitäre Bevölkerungsgruppen wie Migrant:innen oder Transfergeldempfänger:innen werden hingegen abgewertet: „Ich habe ein Problem mit Bürgergeld. Es kann nicht sein, dass einer, der nicht arbeiten geht, dasselbe hat am Ende des Tages wie einer, der zu Hause sitzt.“ (Paketzusteller, männlich, 38 Jahre) „Für mich wäre es wichtig, dass die Politik signalisiert, dass sich das Arbeiten lohnt und dass sich das Nichtarbeiten nicht lohnt. Dann hätten wir viel mehr Leute auf der Arbeit und weniger auf der Couch. Das ist halt so, das Gefüge stimmt nicht mehr. Vielleicht auch Zuwanderung begrenzen, einfach das Geld innerhalb Deutschlands lassen und explizit den Mittelstand stärken.“ (Servicekraft/Küchenhilfe, weiblich, 47 Jahre) Die Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen von Lohnabhängigen kann auch als Symptom einer „demobilisierten Klassengesellschaft“ nach Dörre (2019, S. 22) verstanden werden. Trotz eines verstärkten Ungleichheitsempfindens lässt sich eine Entpolitisierung der Klassenfrage beobachten. Vereinzelt werden zwar Elemente eines Klassenbewusstseins sichtbar, man weiß um die widersprüchlichen Interessen und Machtpositionen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern: „Wir arbeiten dafür, dass unser Boss immer reicher wird.“ (Reinigungskraft, weiblich, 62 Jahre) Es besteht jedoch kaum Hoffnung, dass sich an der erlebten Ungleichheit durch eigenes politisches Handeln etwas ändert. Es herrscht der Eindruck vor, die Politik kümmere sich nicht um die eigenen Probleme. Die Teilnehmenden ordnen sich dabei einer unteren sozialen Schicht zu, deren Anliegen in der Politik nicht repräsentiert und bearbeitet werden: „Also, wie gesagt, für die kleineren Leute wird von der aktuellen Politik nichts gemacht. [...] Es werden Diäten erhöht, Geld in anderen Ländern verprasst, anstatt zu sehen, dass in unserem Land geholfen wird, dass die Industrie nicht so geschwächt wird.“ (Servicekraft, weiblich, 38 Jahre) Das subjektive Gefühl der Benachteiligung wird durch die empirische Forschung der Politökonomin Lea Elsässer faktisch unterlegt. Sie kommt zu dem Schluss, dass die Anliegen der unteren sozialen Klassen faktisch kaum Eingang in die sozialund arbeitsmarktpolitischen Reformen seit 1980 gefunden haben (Elsässer, 2018). Entsprechend gering ist das Vertrauen, dass sich die eigene Situation durch kollektive Akteure auf absehbare Zeit verbessern wird. Damit gehen Gefühle von Wut, Apathie und Ohnmacht einher. Sichere und mitbestimmte Arbeit für Demokratie und Transformation Angesichts der Transformation tendieren Basisarbeiter:innen dazu, sich selbst als passives Objekt des Wandels wahrzunehmen. Transformationspolitische Entscheidungen werden fernab ihres Lebensund Arbeitsalltags getroffen, die Beschäftigten sehen sich in erster Linie mit den negativen Folgen der Veränderungsprozesse kon- 41 frontiert. Diese subjektive Wahrnehmung entspricht dabei zu großen Teilen einer materiellen Realität. In Kapitel 4 haben wir auf der Grundlage unserer Daten gezeigt, dass sich die Gruppe der Basisarbeiter:innen im Vergleich zu Menschen in qualifizierten Berufen auf dem Arbeitsmarkt insgesamt in einer schlechteren sozioökonomischen Ausgangslage befindet. Sie haben im Durchschnitt ein etwas niedrigeres Bildungsniveau, verfügen über ein geringeres Einkommen und haben im Vergleich zu Beschäftigten in qualifizierten Berufen weniger Zugang zu Weiterbildungsangeboten und betrieblicher Mitbestimmung. Insgesamt haben Basisarbeiter:innen also weniger formale Anpassungsund Gestaltungsressourcen, um sich auf einem sich wandelnden Arbeitsmarkt zu behaupten. Wir wollten daher wissen, ob und inwiefern sich eine Beschäftigung im Bereich der Basisarbeit auf politische Einstellungen auswirkt. Sind Basisarbeiter:innen im Vergleich zu Menschen in qualifizierten Berufen weniger offen gegenüber der Digitalisierung und der Dekarbonisierung? Ist ihr Vertrauen in politische Akteure und Institutionen sowie das demokratische System geringer? Mit Blick auf die Daten wird deutlich, dass sich kaum signifikante Unterschiede in den politischen Einstellungen zu Digitalisierung, Klimapolitik und Demokratie feststellen lassen. Rund ein Viertel aller Befragten sorgt sich, angesichts gesellschaftlicher Veränderungen den Anschluss zu verlieren: 28,4 % der Basisarbeiter:innen und 24,3 % der Beschäftigten in qualifizierten Tätigkeiten stimmen der Aussage „In unserer Gesellschaft ändert sich momentan so vieles, da habe ich Angst, abgehängt zu werden.“ voll und ganz oder eher zu. Gleichzeitig ist eine deutliche Mehrheit aller Befragten der Meinung, dass Digitalisierung und Klimaschutz auf lange Sicht mehr Vorals Nachteile für die Gesellschaft haben (s. Anhang C.3). Gerade mit Blick auf Klimapolitik dominiert die Sorge vor den finanziellen Folgen politischer Maßnahmen – sowohl unter Basisarbeiter:innen als auch unter Beschäftigten in qualifizierten Berufen. Knapp drei Viertel der Basisarbeiter:innen (72,1 %) und zwei Drittel der Vergleichsgruppe (66,7 %) machen sich Sorgen, dass für sie durch den Klimaschutz alles teurer wird. Ähnlich hoch ist die Zustimmung beider Gruppen zu der Aussage „Leute mit kleinem Geldbeutel werden beim Klimaschutz übergangen.“ Auch bei den demokratiepolitischen Fragen ähneln sich die Antwortmuster der befragten Gruppen. Fast die Hälfte aller Basisarbeiter:innen (47,4 %) und ein nur leicht niedrigerer Anteil der Beschäftigten in qualifizierten Berufen (39,7 %) stimmen voll und ganz bzw. eher der folgenden Aussage zu: „Leute wie ich haben sowieso keinen Einfluss darauf, was die Regierung tut.“ Und nur 9,3 % der Basisarbeiter:innen und 8,6 % der Beschäftigten in qualifizierten Berufen sind der Meinung, dass sich Politiker:innen um ihre Probleme kümmern und ihre Sorgen ernst nehmen. Dies deckt sich mit dem Ungleichheitsbarometer der Universität Konstanz (Busemeyer et al., 2025), wonach ein erheblicher Teil der Bevölkerung die politische Responsivität gegenüber ihren Bedürfnissen als gering einschätzt. Die Ergebnisse der Meinungsumfrage zeigen: Ökonomische Sorgen und Skepsis angesichts gesellschaftlicher Transformationsprozesse sowie ein fehlendes Vertrauen in politische Akteure und das demokratische System sind unter Basisarbeiter:innen nur in geringfügigem Maße stärker vorhanden. Das legt die Vermutung nahe, dass jene Faktoren, die Basisarbeit am signifikantesten von qualifizierten Berufen abgrenzen – deutlich weniger Zugang zu Weiterbildungsangeboten und eine geringere Wahrscheinlichkeit, in einem Unternehmen mit Betriebsoder Personalrat beschäftigt zu sein (s. Kapitel 4.1.) –, politische Einstellungen zu Demokratie und Transformation nicht entscheidend beeinflussen. Viel mehr als die Unterscheidung in Basisarbeit und qualifizierte Tätigkeiten scheint die erlebte Arbeitsrealität die demokratiewie transformationspolitischen Einstellungen in der gesamten kommunikation (IfZ) in Person von Dr. Thomas Wind beauftragt. Ausgewählt wurden Branchen mit einem besonders hohen Anteil von Basisarbeit, basierend auf der statistischen Berechnung des Anteils von unund angelernten Tätigkeiten an einer Branche auf Grundlage der Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit aus dem Jahr 2022 (Bundesagentur für Arbeit, 2022). Die Grundgesamtheit der Meinungsumfrage umfasste deutschsprachige Erwerbstätige über 18 Jahren. Ausgeschlossen wurden Selbständige. Verwendet wurden u. a. Items aus dem DGBIndex Gute Arbeit, der BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung, dem Copenhagen Psychosocial Questionnaire (COPSOQ), der Studie Arbeitswelt und Demokratie in Ostdeutschland der Otto-Brenner-Stiftung (Kiess et al., 2023) und der Mitte-Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung (Zick et al., 2023). Der Pretest wurde vom 27. September bis zum 2. Oktober 2024 unter realen Feldbedingungen durchgeführt. Im Rahmen des Pretests wurden 81 Interviews durchgeführt. Im Anschluss wurde der Screening-Prozess geringfügig angepasst, der Fragebogen ansonsten jedoch unverändert übernommen. Die finalen ScreeningFragen können dem Fragebogen im Anhang (C.1) entnommen werden. Sichtbar wird dies in der vorliegenden Stichprobe anhand des vergleichsweise niedrigen Anteils von Befragten mit Migrationshintergrund, der mit 11,9 % deutlich unter den Werten anderer Studien liegt (Rump und Eilers (2024) verzeichnen beispielsweise einen Anteil von rund 30 %). Das Haushaltseinkommen wurde als Nettoäquivalenzeinkommen entsprechend der OECD-Skala berechnet. Ein weiterer erklärender Faktor für die Fluktuation könnte eine vergleichsweise höhere Befristungsrate unter Basisarbeiter:innen sein. 13,1 % 48 Tätigkeitsbezogen meint, dass sich die Definition von Basisarbeit an den Qualifikationsanforderungen der ausgeübten Tätigkeit und nicht am vorhandenen Bildungsabschluss der Beschäftigten orientiert. In der Beschreibung der Fokusgruppenergebnisse wird aufgrund der gleichgeschlechtlichen Zusammensetzung der Gruppen die ausschließlich männliche bzw. weibliche Form genutzt (s. Kapitel 4.1.). Auswertungen der Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit ergeben Werte von 5,62 bis 7,8 Millionen Beschäftigten in Basisarbeit, je nachdem, ob nur sozialversicherungspflichtig Beschäftigte oder auch ausschließlich geringfügig Beschäftigte einbezogen werden (Ittermann & Maylandt, 2024; Rump & Eilers, 2024). Der Anteil von Basisarbeit lag 2015 nach einer Auswertung des sozioökonomischen Panels bei rund 23 % (Brenke & Kritikos, 2017); Die Ergebnisse der BIBB/BAuA-Erwerb-stätigenbefragung 2018 setzen mit 15,7 % die untere Grenze der Spanne fest (Hall & Sevindik, 2020). Zandonella et al. (2020) definieren den Berufsstatus anhand des Internationalen Sozioökonomischen Indexes des beruflichen Status (ISEI). Dieser „bildet den sozioökonomischen Status einer beruflichen Tätigkeit anhand von formaler Bildung und Einkommen ab“ (S. 59). Es zeigen sich neben dem Demokratievertrauen auch negative Zusammenhänge mit antidemokratischen Einstellungen, wie gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, und Rechtspopulismus (s. auch Hövermann et al., 2022). Die Studie fokussiert in erster Linie auf Vertrauen in politische Akteure und Institutionen sowie das demokratische System. Mit der Durchführung der Fokusgruppendiskussionen wurde das Institut für Zielgruppen7 8 9 10 11 12 13 2 1 3 4 5 6 Endnoten 49 der in der Meinungsumfrage befragten Basisarbeiter:innen gegenüber 7,3 % der übrigen Erwerbsbeschäftigten sind in einem befristeten Arbeitsverhältnis angestellt. Zeitdruck ist nicht ausschließlich in Basisarbeit ein Problem. 49,6 % der Beschäftigten in qualifizierten Tätigkeiten geben an, sich während der Arbeit oft gehetzt zu fühlen. Das lässt sich dadurch erklären, dass insbesondere auch in höheren Angestelltenjobs und unter Beschäftigten, die komplexe Tätigkeiten ausführen, zeitlicher Stress weit verbreitet ist (Schmucker & Sinopoli, 2024, S. 62). Auch in der Vergleichsgruppe sind die Werte für sich betrachtet hoch. Wenn nur ein Drittel der Beschäftigten in qualifizierten Berufen angibt zu wissen, an wen sie sich bei Problemen mit dem Arbeitgeber wenden können, bietet das insgesamt Grund zur Besorgnis und weist auf einen Handlungsbedarf hin. Die Frage nach den gewünschten Veränderungen wurde als Multiple-Choice-Frage gestellt. Die Befragten konnten aus insgesamt acht Antwortoptionen maximal fünf auswählen. Insgesamt ist der Anteil der Beschäftigten, die in einem Unternehmen mit Betriebsoder Personalrat arbeiten, unter den Befragten der Meinungsumfrage überdurchschnittlich hoch. Der durchschnittliche Wert lag in Deutschland 2023 bei 43 % der Beschäftigten (Statistisches Bundesamt, 2025). Erklären lässt sich die Differenz durch die in Kapitel 3.3. beschriebene Verzerrung der Daten der Meinungsumfrage. Das bedeutet nicht, dass ausländische Beschäftigte Missstände nicht sehen und bemängeln. In einer Situation, in der der Aufenthaltsstatus vom Job abhängt, kann jedoch eine stärkere Abhängigkeit von der Anstellung bestehen, woraus Sorgen vor negativen Konsequenzen in Auseinandersetzungen mit dem Arbeitgeber resultieren können. In den Fokusgruppen wird deutlich, dass neben der Branche maßgeblich die Größe des Betriebes das Vorhandensein eines Betriebsrats beeinflusst: Je größer ein Betrieb ist, desto wahrscheinlicher existiert ein Betriebs-/Personalrat. Dies entspricht dem Forschungsstand zu betrieblicher Mitbestimmung (Schlömer-Laufen & Kay, 2011). Beschäftigungsverhältnisse in niedriger Teilzeit (< 15 Wochenstunden) in der Basisarbeit werden zu 60,4 % von Frauen und zu 39,6 % von Männern ausgeübt. Basisarbeit in höherer Teilzeit (15 bis 34 Wochenstunden) wird zu 76,5 % von Frauen übernommen und zu 23,5 % von Männern (s. Anhang C.3). Es ist darauf hinzuweisen, dass es anhand des vorliegenden Datensatzes nicht möglich ist, objektive Systemrelevanz der ausgeübten beruflichen Tätigkeiten zu erfassen. Daher behelfen wir uns mit dem Item: „Ohne meine Arbeit würde die Gesellschaft nicht gut funktionieren“, das die subjektive gesellschaftliche Relevanz der eigenen Tätigkeit misst. Es wird jedoch von den Teilnehmenden der Fokusgruppen auch darauf hingewiesen, dass die technischen Neuerungen kostspielig seien und gewartet werden müssten. Dies werfe die Frage auf, ob sich eine Einführung finanziell lohne, wenn die menschliche Arbeitskraft kostengünstiger sei (s. hierzu auch Matthes & Burkert, 2021). Die sechs dargestellten Streudiagramme (Abb. 9 und 10) zeigen jeweils den Zusammenhang zwischen dem Index der „Industrial Citizenship“ (gemessen als Principal Component Analysis (PCA) aus Items zur wahrgenommenen Beteiligung und Mitbestimmung) sowie dem Index „Sichere Arbeit“ (gemessen als PCA aus Items zur wahrgenommenen mehrdimensionalen Sicherheit im Arbeitsleben) und drei Einstellungsvariablen: (A) Offenheit gegenüber Digitalisierung, (B) Offenheit gegenüber Klimaschutzmaßnahmen sowie (C) Vertrauen in die Demokratie. 20 21 22 23 14 15 16 17 18 19 50 Arntz, D. M., Gregory, D. T., & Zierahn, D. U. (2018). Digitalisierung und die Zukunft der Arbeit: Makroökonomische Auswirkungen auf Beschäftigung, Arbeitslosigkeit und Löhne von morgen. Zentrum für Europäische Wirtschaftsordnung. https://ftp.zew.de/pub/zew-docs/gutachten/DigitalisierungundZukunftderArbeit2018. pdf Babst, A., Groß, M., Lang, V., Burgmer, L., Gehrig, F., Hofmann, E., Jütersonke, S., & Schuler, G. (2021). 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Dietz Nachf. https://www. fes.de/referat-demokratie-gesellschaft-und-innovation/gegen-rechtsextremismus/mitte-studie-2023 54 Johanna Siebert ist Politökonomin und Senior Projektmanagerin im Schwerpunkt „Green New Deal“ des Berliner Think Tanks Das Progressive Zentrum. Hier arbeitet sie unter anderem zu Akzeptanz und sozialer Gerechtigkeit in der Transformation sowie zu rechtspopulistischen und antidemokratischen Interventionen in der Klimaund Umweltpolitik. Derzeit hat sie die operative Leitung des Projekts „Die Unverzichtbaren – Basisarbeit in der Transformationsgesellschaft“ inne. Mara Buchstab ist Junior Projektmanagerin im Schwerpunkt „Green New Deal“ des Berliner Think Tanks Das Progressive Zentrum, wo sie das Projektmanagement des Projekts „Die Unverzichtbaren – Basisarbeit in der Transformationsgesellschaft“ verantwortet. Ihr wissenschaftlicher Hintergrund liegt in der politikwissenschaftlichen und soziologischen Analyse sozialer Ungleichheiten sowie der Arbeitsmarktund Sozialpolitik an der Schnittstelle zu Klimaschutz und sozial-ökologischer Transformation. Die Autorinnen @johannasiebert.bsky.social @Johanna Siebert @Mara Buchstab 55 Das Progressive Zentrum ist ein unabhängiger, als gemeinnützig anerkannter Berliner Think Tank. Wir entwickeln und debattieren Ideen für den gesell - schaftlichen Fortschritt – und bringen diejenigen zusammen, die sie in die Tat umsetzen. Unser Ziel als Think Tank: das Gelingen einer gerechten Transformation. Hierzu arbeiten wir unter anderem in den Schwerpunkten „Resiliente Demokratie“ und „Green New Deal“. Wir sind überzeugt: Zur Zukunftsfähigkeit der liberalen Demokratie gehört es, angesichts neuer Herausforderungen dazuzulernen, Grundfesten zu verteidigen und sie kontinuierlich zu (re-)demokratisieren. Seit dem Jahr 2007 setzen wir mit unseren Studien, Publikationen und Veranstaltungen Impulse für den gesellschaftlichen Fortschritt. Die vorliegende Publikation ist Teil des Projekts „Die Unverzichtbaren – Basisarbeit in der Transformationsgesellschaft“, das vom BMAS im Rahmen des Programms „ARBEIT: SICHER + GESUND“ gefördert wird. Bei dem Vorhaben handelt es sich um ein Studienund Dialogprojekt, welches das Ziel verfolgt, den Perspektiven und Forderungen von Menschen im Bereich der Basisarbeit Gehör zu verschaffen und ihre Anliegen in die Politik zu tragen. Die wissenschaftliche Erhebung bildet dabei die Grundlage für einen anschließenden Praxisprozess zur Erarbeitung von politischen Handlungsansätzen. Eine Besonderheit des Projekts liegt darin, dass fünf Projektpat:innen aus der Basisarbeit das Vorhaben laufend beraten und so mitgestalten. Teil des Projekts ist u. a. auch eine 35-minütige Reportage, in der drei Basisarbeiter:innen in der Gebäudereinigung, der Pflege und der Paketzustellung in ihrem Arbeitsalltag begleitet werden. Studie und Anhang zum Download https://www.progressives-zentrum.org/publication/ die-unverzichtbaren-menschen-in-basisarbeit/ Über Das Progressive Zentrum Über das Projekt I. Siebert, Johanna/Buchstab, Mara (2025): Die Unverzichtbaren: Menschen in Basisarbeit. Erkenntnisse für eine politische Auseinandersetzung mit ihren Perspektiven und Forderungen in der Transformationsgesellschaft. Berlin: Das Progressive Zentrum. Als Leiter des Schwerpunkts „Green New Deal“ übernahm Dr. Florian Ranft die Studienleitung für die vorliegende Publikation. Wir danken den Mitgliedern des wissenschaftlichen Begleitgremiums und den Projektpat:innen für ihr hilfreiches Feedback. Darüber hinaus gilt unser Dank all jenen, die im Rahmen der Studie mit uns gesprochen haben. Alle Rechte vorbehalten. Abdruck oder vergleichbare Verwendung von Arbeiten des Progressiven Zentrums auch in Auszügen ist nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung gestattet. © Das Progressive Zentrum e. V., 2025 Veröffentlicht im Mai 2025 V.i.S.d.P.: Dominic Schwickert c / o Das Progressive Zentrum e. V. Werftstraße 3, 10577 Berlin Vorstand: Prof. Dr. Wolfgang Schroeder, Judith Siller, Joachim Knodt Geschäftsführung: Dominic Schwickert, Paulina Fröhlich Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats: Prof. Dr. Anke Hassel Durchführung und Auswertung der Fokusgruppen: Dr. Thomas Wind Statistische Auswertung der quantitativen Meinungsumfrage: Kilian Weil Lektorat: Fabian Klein Layout und Satz: Greta Fleck Illustration: Daniel Menzel www.progressives-zentrum.org [email protected] DOI: 10.5281/zenodo.15590119 Impressum Zitationsvorschlag Studienleitung & Dank 56 I. Zitationsvorschlag Studienleitung & Dank