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Wider die Würmer im Zahn. Ein Beitrag zur magisch-religiösen Heilung von Zahnschmerzen. Mit historischen Rezepten aus alten Zauberbüchern.

Lussi, Kurt

Abstract

Dieser Beitrag ist die wesentlich erweiterte und mit neuen Quellen und Bildern versehene Fassung eines Artikels, der erstmals publiziert wurde in: Historischer Verein Viana Styria (Hg.), «Zeitfenster», Stainz, 2/2025, S. 18-25. In unserem Beitrag untersuchen wir den historischen Kontext von Zahnschmerzen und magisch-religiösen Heilpraktiken, die beide als Reaktion auf dieses insbesondere in ärmeren Bevölkerungsschichten weit verbreitete Leiden entstanden. Im Vordergrund steht dabei die Anrufung der heiligen Apollonia, zu der die Zahnleidenden in den vielen ihr geweihten Kapellen Zuflucht nahmen, welche bis heute die Luzerner Landschaft als unsichtbares Netz magisch-religiöser Bezugspunkte überziehen. In ausweglosen Situationen scheute man sich jedoch nicht, entgegen der Warnungen der Kirche auch auf magische Rezepte und Zauberhandlungen zurückzugreifen. Eine aus verschiedenen Zauberbüchern und volksmedizinischen Schriften getroffene Auswahl magischer Rezepte wird im zweiten Teil dieses Beitrags vorgestellt. Die publizierten Anleitungen belegen deutlich, wie sich in der volksmedizinischen Praxis Religion, Magie und Pflanzenheilkunde zu einem neuen Ganzen vermischten.

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Wider die Würmer im Zahn Ein Beitrag zur magisch-religiösen Heilung von Zahnschmerzen. Mit historischen Rezepten aus alten Zauberbüchern. KURT LUSSI Zahnschmerzen gehörten bis ins frühe 20. Jahrhundert zu den verbreitetsten Übeln, unter denen ein Grossteil der vorab ärmeren Bevölkerung zu leiden hatte. Ausgebildete Zahnärzte gab es kaum und wenn, dann konnten sich nur die Begüterten eine Behandlung leisten. Umso aktiver waren die Zahnbrecher, die einem für ein paar Kreuzer einen schmerzenden Zahn mitsamt der Wurzel herausbrachen oder es zumindest versuchten. Wie sehr Zahnschmerzen in früheren Zeiten die Menschen quälten und wie machtlos sie dagegen waren, belegt eine Sage aus St. Gallen: «Ein armer Mann, welcher am Geissbachtobel am Buchser Berg dürres Holz suchte, fiel über einen Felsen hinunter und brach ein Bein. Den ganzen Nachmittag und die folgende Nacht musste er liegen bleiben und rief von Zeit zu Zeit um Hilfe: Endlich erschien ein wildes Männchen, welches, nachdem es erfahren, was dem Bauern fehlte, sagte: ‹So ist es nur das? Ich habe geglaubt, du habest Zahnschmerzen!› und damit entfernte es sich wieder.» 1 Dass Zahnschmerzen ein verbreitetes Übel waren, bezeugt nicht nur diese Sage, sondern auch die grosse Zahl magischer Rezepte und Heilsprüche in alten Zauberbüchern. Gestützt wird diese Tatsache zudem durch die vielen Wegkapellen und Bildstöcke, die man bei Zahnschmerzen und anderen Übeln aufsuchte. Durchmischung heidnischer und christlicher Praktiken Magie und Religion. Im Volksglauben und in der Volksmedizin sind beide eng miteinander verwoben. Besonders in ländlichen Gebieten hat das Christentum die bestehenden heidnischen Riten und Kulte nie ganz verdrängen können, sondern es hat das Bestehende entweder integriert 1 KUONI, Sagen, S. 59. L’arracheur de dents à Brasparts, (Zahnbrecher in Brasparts, Département Finistère, Frankreich). Nach dem Bein ist nun auch der letzte Zahn weg. (Bild Public Domain, zur Verfügung gestellt von Ille-et-Vilaine Departmental Archives). - 2 - oder dann christlich umgedeutet. Daraus entstanden ist der Volksglaube. Er umfasst die gesamte spirituelle Erfahrung des Menschen und richtet sich daher nur beschränkt nach den Dogmen und Riten der Kirche. Umso mehr ist er offen gegenüber ausserund vorchristlichen Glaubensformen und naturmagischen Überlieferungen. Was für den Volksglauben gilt, trifft auch auf die Volksmedizin zu. In vielen magisch-religiösen Heilrezepten vermischen sich Anrufungen von Jesus Christus, der Gottesmutter Maria und der Heiligen der Kirche mit Elementen aus der jüdischen Kabbala und heidnischen Vorstellungen von der Existenz bösartiger Krankheitsdämonen. Letzteres hat sich besonders in der Umgangssprache erhalten. Der Mensch wird nicht einfach krank, sondern die Krankheit fällt ihn an oder wird ihm angezaubert. Er kämpft mit ihr wie mit einem feindlich gesinnten Menschen. Er besiegt sie oder wird von ihr ins Bett oder im schlimmsten Fall aufs Todeslager geworfen. Viele dieser Vorstellungen haben sich in der Umgangssprache erhalten. Das Zwicken im Unterleib schreibt man einer dämonischen Kröte zu, die man durch Gebete besänftigen muss. Bei Kopfschmerzen ist ein Hirnkäfer am Werk, im Finger sitzt ein Fingerwurm und der stechende Schmerz im Kreuzbereich wird auf den Schuss einer Hexe zurückgeführt, um nur einige Beispiele zu nennen. 2 Allen diesen Krankheitsbildern liegen die Vorstellungen vom Wirken teuflischer Dämonen zugrunde, die in der Gestalt von Tieren oder Geistwesen die Lebenden bedrängen. Daraus ergibt sich von selbst, dass der Mensch zur Befreiung der von diesen Wesen verursachten Leiden sowohl zu göttlichen Mächten als auch zu den verschiedenen Formen des magischen Gegenzaubers Zuflucht nahm und mancherorts noch immer nimmt, wie dies nachfolgend verdeutlicht wird. Die heilige Apollonia Besonders viele Riten, heilige wie unheilige, beziehen sich auf Zahnleiden. Hohle und faulende Zähne und die damit verbundenen Schmerzen waren ein Grundübel, von dem bis zum Aufkommen der modernen Zahnmedizin viele Menschen betroffen waren und dies oft schon in jungen Jahren. Damit verbunden waren jahrelange chronische Zahnschmerzen, fiebrige Entzündungen und schlechter Atem. Dass es so war, belegen nicht nur die vielen Rezepte von probaten Hausmitteln und magisch wirkenden Ritualen, wie wir dies oben bereits angedeutet haben, sondern auch die zahlreichen der Zahnweh-Heiligen Apollonia geweihten Kapellen. Sie entstanden meist nach der Aufsplitterung des einst zusammenhängenden religiösen Grossraums als Folge der Reformation. Im Laufe der Zeit entwickelten sich viele dieser Heiligtümer zu regionalen Wallfahrtsorten. Man suchte sie auf, um vor der hl. Apollonia seine Nöte auszubreiten, verbunden mit der Hoffnung, 2 Mehr zur Vorstellung von Krankheitsdämonen in: LUSSI, Dämonen, S. 28-34. Kieferpartie eines menschlichen Schädels (Replik). Archäologische Funde belegen, dass schadhafte Zähne ein weit verbreitetes Übel waren und diese oft schon in der Jugend herausgebrochen werden mussten. (Bild und Sammlung Kurt Lussi) Die hl. Apollonia. Die heilige Märtyrerin wird bei Zahnschmerzen angerufen. Ihr Attribut ist eine Zange mit herausgebrochenem Zahn. Öl auf Holz, 2. Hälfte 19. Jahrhundert. Sammlung Zihlmann im Historischen Museum Luzern. (Bild Kurt Lussi) - 3 - durch die Fürsprache der heiligen Märtyrerin Heilung zu erlangen. Im Innern der kleinen Heiligtümer finden wir nebst Dankesbezeugungen in Form von kleinen Votivtafeln oft auch Tafeln mit der Bitte um Heilung. Auf einem dieser Bilder, es befindet sich in der Wallfahrtskirche Maria Mühlberg in Waging am See, Kreis Traunstein, Oberbayern, lesen wir: «Heilige Jungfrau und Blut=Zeugin Jesu Christi Apollonia: erlange uns arme Sündern von Gott die Genad daß wir von dem Zahn Schmerz gnädiglich befreyet werden.» 3 Vom Willisauer Volkskundler Josef ZIHLMANN wissen wir, dass die Leute bei Zahnschmerzen nicht nur zu Kapellen gingen, in denen die hl. Apollonia verehrt wurde. «Es genügte ihnen», schreibt er, «wenn man von einem Zändwehchäppeli sprach». 4 Nicht die hl. Apollonia war folglich Ziel einer Wallfahrt zu diesen Stätten, sondern der Ruf einer Kapelle als Ort, wo man sich von den dort wirkenden Mächten Befreiung von Zahnschmerzen und Hilfe bei anderen Anliegen versprach. Ein bekanntes Beispiel dafür ist das Galgechäppeli in Willisau im Kanton Luzern. In dessen Nähe stand einst ein Galgen, wo die zum Tode Verurteilten gehängt wurden. Bei dieser kleinen Kapelle, so will es die Überlieferung, hätten die Delinquenten den letzten priesterlichen Beistand erhalten. 5 Es ist ein spukhafter Ort, an dem sich besonders an Samstagabenden die Seelen der Toten bemerkbar machen, weshalb das Galgechäppeli auch Armeseelenchäppeli genannt wird. 6 Mit der hl. Apollonia hat dieses Heiligtum folglich nichts zu tun. Man ging einfach hin, schreibt ZIHLMANN, weil der Ort «gut» für die Heilung von Zahnschmerzen war. Er bezieht sich dabei auf eine Frau aus Hergiswil bei Willisau, die immer ins Galgechäppeli ging, wenn sie Zahnweh hatte. Und er ergänzte, dass ihm die 1973 gemachte Aussage mehrmals von anderen Personen bestätigt worden war, die bei Zahnproblemen ebenfalls dorthin wallfahrteten. 7 Ob die Kapelle noch immer Ziel von Menschen ist, die von Zahnschmerzen geplagt werden, entzieht sich jedoch unserer Kenntnis. Die Rolle der Heiligen als Patronin der Zahnleidenden geht zurück auf ihr Martyrium, das sie 249 der Legende nach durch die Heiden erlitt. Nach einem zeitgenössischen Bericht des Bischofs Dionysius von Alexandrien wurden ihr sämtliche Zähne ausgeschlagen und die Kinnlade zertrümmert. Spätere Legenden berichten, man habe ihr die Zähne nicht ausgeschlagen, sondern sie mit einer Zange herausgebrochen und die Märtyrerin anschliessend bei lebendigem Leib in einem grossen Feuer in Alexandrien verbrennen wollen. Als ihre Peiniger sie einen Augenblick lang nicht festhielten, stürzte sie sich laut betend selbst in die Flammen. Ihrem Martyrium entsprechend wird sie daher meist mit Zange und Zahn dargestellt. 3 Zitiert nach einer Fotografie der Votivtafel von Waltraud Maisch, aufgeschaltet auf www.sagen.at. 4 ZIHLMANN, Volkserzählungen, S. 451. 5 ZIHLMANN, Heilige Bäume, S. 68. 6 ZIHLMANN, Heilige Bäume, S. 68. Vgl. auch den Beitrag zum Armeseelenchäppeli bei Buholz, in: Anzeiger vom Rottal, Unheimliches aus Buholz, Ausgabe vom 14. August 2025, Nr. 33, S. 10. Der Beitrag kann auf www.academia.edu abgerufen werden (https://www.academia.edu/143564740/Umheimliches_aus_Buholz_Serie_Zeitzeugen_). 7 ZIHLMANN, Volkserzählungen, S. 451. Das Galgeoder Armeseelechäppeli bei Willisau. Es gilt als spukhafter Ort, an dem sich zu bestimmten Zeiten die Seelen der Verstorbenen zeigen, die ihre Ruhe noch nicht gefunden haben. Zum Galgechäppeli ging man, um von den dort wirkenden Mächten die Befreiung von Zahnschmerzen zu erbitten. (Bild Kurt Lussi) - 4 - Der Posthalter Tosi Die Beliebtheit der hl. Apollonia, an die man sich bei plötzlich auftretenden Zahnschmerzen wohl zuallererst wandte, ist verständlich, wenn man bedenkt, dass vor noch nicht allzu langer Zeit das Ziehen von Zähnen keine Doktorarbeit war. Stattdessen ging man zu einem Bader, Scherer oder Wagner, der die schadhaften Zähne nicht zog, sondern mit einer Zange oder sonst einem Werkzeug herausbrach, was mit kaum ertragbaren Schmerzen verbunden war. Dazu die folgende Anekdote, die auch Aufschluss über den Ablauf und die Kosten eines derartigen Eingriffs gibt: «Ein Landmann, der furchtbar an Zahnschmerzen litt, entschloss sich, den schadhaften Zahn ausreissen zu lassen. Er trat in eine Barbierstube ein. Der Zahnkünstler setzte den Patienten auf einen kleinen Stuhl. Der Lehrling musste dessen Kopf halten, während der Meister das Brecheisen anlegte und nach einer halbstündigen Operation, während welcher dem Bauer Hören und Sehen verging, den Zahn herausbrachte. Ohne ein Wort zu sprechen, legte derselbe nach erfolgter Kur seine zwölf Kreuzer auf den Tisch und wollte sich entfernen. ‘Herr Landsmann’, rief der dicke Operateur nach, ‘Ihr habt ja Euern Hut liegen lassen.’ Brauch’ kein’ Hut mehr, antwortete abwehrend das Bäuerlein, ich spür ja auch kein’ Kopf mehr.» 8 Ältere Leute konnten bis vor einigen Jahren noch die Namen jener Barbiere und Wagner nennen, die sich mit dem Ziehen von Zähnen ein Zubrot verdienten. So bemerkte ZIHLMANN in seiner Publikation «Volkserzählungen und Bräuche», dass ihm sein Vater erzählte, man sei jeweils zum Tannewagner gegangen, wenn man sich einen bösen Zahn ziehen lassen musste. 9 An anderen Orten war bis in die neueste Zeit Ähnliches üblich. Noch in den 1980er Jahren erinnerten sich im Tessiner Bergdorf Aranno im Malcantone (Schweiz) vom Verfasser befragte ältere Personen gut an den Posthalter Tosi. Dieser nahm nicht nur die Post der Dörfler entgegen, sondern er händigte auch die monatlichen Renten aus. Zudem amtete er als Briefbote. Daneben war er als eine Art Zahnarzt tätig. Wer nach der Erledigung der Postgeschäfte den von chronischen Schmerzen verursachten Drang verspürte, endlich einen Eiterzahn loszuwerden, war bei ihm richtig. «Questo dente», bekannte dann der Schmerzgeplagte nach einem Moment des Zögerns und deutete mit dem Finger auf jenen Zahn, der ihm seit Wochen, vielleicht sogar seit Monaten das Leben vergällte. Auf diese Aufforderung hin ging Tosi nach hinten und kam alsbald mit einer Flasche Grappa zurück. Aus dieser gab es zuerst ein bis zum Rand gefülltes Glas Schnaps. Das aus einheimischen Trauben gebrannte Hochprozentige war bei Tosi das, was heute beim Zahnarzt die Mundspülung ist, mit dem Unterschied, dass man den Grappa nach dem Gurgeln nicht ausspie, sondern hinunterschluckte. Dann griff der Posthalter zu einer der herumliegenden Zangen und machte sie vor den Augen des «Kunden» zuerst ein paarmal auf und zu. Schliesslich musste das Werkzeug auf seine Funktionalität hin überprüft werden. Dann setzte er die Zange an, lockerte den schmerzenden Zahn durch leichtes Hinund Herwiegeln und brach ihn dann heraus. Zur Desinfektion gab es nochmals ein bis zum Rand gefülltes 8 Aus: Nidwaldner Kalender. Hg. Von Caspar von Matt in Stans, Jahrgang 1878, Seite 24. Zum Vergleich: 1 Mass (etwas mehr als ein Liter) Bier kostete zu dieser Zeit rund 4 Kreuzer. 9 ZIHLMANN, Volkserzählungen, S. 450. Ein Zahnbrecher bei der Arbeit. (Le baume d'acier. Lithographie von Louis-Léopold Boilly, 1761-1845). Paris. 1825. (Public Domain) - 5 - Glas Schnaps. Für die ganze Behandlung, den Grappa eingeschlossen, nahm er fünf Franken. Das war in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts. 10 Wegen der Abwanderung und aus Spargründen ist die Poststelle vor Jahrzehnten geschlossen worden und auch der «dentista» Tosi hat mittlerweile das Zeitliche gesegnet. Zugemacht hat auch der Dorfladen, der früher die Dorfbewohner mit dem Nötigsten versorgte. Tempi passati. Die Gefahr von Komplikationen Meistens nahm die Behandlung des Posthalters ein gutes Ende und bald klangen auch die Schmerzen ab. Aber es konnte geschehen, dass der innen bereits hohle und angefaulte Zahn abbrach und die entzündete Wurzel, auf die man es eigentlich abgesehen hatte, im Kieferknochen steckenblieb. Zurück blieben dann nicht nur Wurzel und Eiter, sondern auch die Schmerzen, die sie verursachten. Und oft waren sie ärger als zuvor. Auch in Fällen wie diesen wandte man sich an die hl. Apollonia, denn der Legende nach sollen alle, die ihre Leiden vertrauensvoll vor ihr ausbreiten, von der Pein befreit werden. Half alles nichts, hoffte man zumindest auf himmlischen Beistand, die Schmerzen mit Geduld und Gottesergebenheit ertragen zu können, wie dies aus dem nachfolgenden Bittgebet hervorgeht. «Heilige Jungfrau und Martyrin Appolonia, die du aus Liebe zu deinem göttlichen Bräutigam dir durch grausame Schläge alle Zähne hast zerschlagen und ausreissen lassen und aus Antrieb des hl. Geistes dich lieber selbst zum Brandopfer dem wahren Gott hast darbringen, als den falschen Göttern Ehre erzeigen und von Christus abweichen wollen, ich bitte dich, du wollest durch deine Verdienste und Fürbitte auch mir eine so innige Vereinigung mit Jesus erlangen und mir in meinen Leiden Linderung und Heilung bringen, oder doch ein solches Feuer der göttlichen Liebe in mir erwecken, dass ich alle Schmerzen mit Geduld ertragen könne. Amen.» 11 Angesichts der wenig zimperlichen Behandlungsmethoden der damaligen Zeit wird es verständlich, dass sich früher in verzweifelten Situationen, nebst der Anrufung der Heiligen der Kirche, auch die Zuflucht zu magischen Riten und Zaubersprüchen geradezu aufdrängte. In der Ausweglosigkeit verfehlten oft auch die Ermahnungen der Dorfgeistlichen ihre Wirkung, die vor dem Gebrauch von Zauberbüchern warnten. Diese wiederum trugen illustre und vielversprechende Namen wie «Sechstes und siebentes Buch Mosis oder der magisch-sympath[et]ische Hausschatz», «Romanusbüchlein» oder «Albertus Magnus bewährte und approbierte sympathetische und natürliche egyptische Geheimnisse für Menschen und Vieh». 12 Dass die verheissungsvollen Titel in krassem Gegensatz zur Wirkung der darin angegebenen Rezepte standen, schien die Käufer der Zauberbücher offenbar nicht zu kümmern. Sonst wären sie wohl kaum in so grossen Auflagen gedruckt und auch verkauft worden. Das Löffelopfer In engem Zusammenhang mit der Verehrung der hl. Apollonia ist die heute nicht mehr gebräuchliche Opferung von Löffeln zu sehen. Die damit verbundenen Rituale haben magischen Charakter. Sie gehen zurück auf die vorchristlichen Vorstellungen vom Übertragen und Abstreifen von Krankheiten. Besonders bei Zahnschmerzen ergab sich der Gebrauch eines Löffels von selbst, denn durch den täglichen Kontakt mit dem Mund wurde dieser, zumindest nach der Überzeugung des Volkes, mit dem Zahnschmerz beziehungsweise dem Dämon, der ihn verursachte, «besetzt». Indem man ihn in einem der hl. Apollonia geweihten Heiligtum deponierte und dazu Gebete 10 Die damals vom Verfasser befragten Personen sind verstorben. Es handelte sich um ältere Frauen, die im Dorf aufgewachsen waren. 11 Zitiert nach: Deutsches Ärzteblatt, Ausgabe 18/2006, https://www.aerzteblatt.de/archiv/medizingeschichten-religioese-heilkundegebet-zur-heiligen-apollonia-1f4ea436-e830-41c1-b04f-dd8f5f865d66 (Aufruf vom 8.7.2025). 12 Um die Authentizität der genannten Zauberbücher zu wahren, wurden sowohl in den Titeln als auch in den zitierten Rezepten die Schreibund Druckfehler beibehalten. - 6 - sprach, opferte man nicht nur sein Essgerät. Man glaubte auch, dass man dadurch das am Löffel haftende Übel und folglich auch die mit diesem verbundenen Schmerzen weggeben würde. Dem oben mehrfach erwähnten Luzerner Volkskundler Josef ZIHLMANN ist es zu verdanken, dass die Opferung von Löffeln im Kanton Luzern gut dokumentiert ist. «Im Eiholzerchäppeli zwischen Menznau und Ostergau opferte man Löffel, um von Zahnschmerzen befreit zu werden», schreibt ZIHLMANN, und nennt jene Personen, die ihm noch 1971 vom mittlerweile längst verschwundenen Heilritual berichtet hatten. 13 Das Eiholzer Chäppel an der Strasse, die Menznau mit dem Ostergau verbindet. Nach Josef ZIHLMANN wurden dort noch um die Mitte des 20. Jahrhunderts Löffel wider die Zahnschmerzen geopfert. (Bild Kurt Lussi) 13 ZIHLMANN, Volkserzählungen, S. 300. - 7 - Das Löffelopfer ist nicht nur für den Kanton Luzern belegt. In Grafenhausen im Südschwarzwald befand sich dort, wo die 1978 renovierte St. Ottilienkapelle steht, ursprünglich eine sogenannte Löffeltanne, die man nicht nur bei Zahnleiden aufsuchte, sondern auch bei Augenund Ohrenbeschwerden. 14 In dieser Gegend opferte man zudem der hl. Apollonia «eiserne Löffel von Titisee», und dies nicht nur bei Zahnschmerzen, sondern auch bei Mundleiden aller Art. 15 In diesem Zusammenhang ist nebst dem oben geschilderten Abstreifen der Zahnschmerzen auch die kultische Bedeutung des Löffels zu berücksichtigen. Er ist bis heute das wichtigste Essgerät, das den Menschen von der Kindheit bis zu seinem Tod begleitet. An manchen Orten hatte er bis in die neueste Zeit sogar eine Art Rechtsstatus. So vererbte sich in vielen Bauernfamilien das Besteck des Hausvaters auf seinen ältesten Sohn, wie das in der Familie des Verfassers noch lange der Fall gewesen war. So erhielt der Onkel, der nach dem Tod seines Vaters den Kandishof im luzernischen Dierikon übernommen hatte, beim Auftischen immer jenen Löffel, den schon sein Vater und sein Grossvater benutzt hatten. Es war ein ganz abgewetztes Stück, das kaum noch Suppe zu fassen vermochte. Dieser Brauch, an den ich mich gut erinnere, hatte mit der Rangordnung auf dem Kandishof zu tun: Wer seine Suppe mit dem geerbten Löffel ass, hatte auf dem Hof das Sagen. 16 Josef ZIHLMANN erinnerte sich zudem, dass er in einzelnen Bauernstuben noch gesehen hatte, dass die Löffel in einer an der Wand angebrachten Halterung aus Leder steckten. Nach dem Essen wurden sie auch nicht zusammen mit dem übrigen Geschirr abgewaschen, sondern als persönliches und unantastbares Utensil fein säuberlich abgeschleckt, am Hosenbein oder an der Schürze abgerieben und schliesslich zurück in die Halterung getan. 17 Dies war eine Vorsichtsmassnahme. Sie sollte verhindern, dass der persönliche Löffel mit Absicht oder durch einen Zufall mit einem Schadenzauber belegt wurde, den der Besitzer dann zusammen mit seiner nächsten Mahlzeit «eingenommen» hätte. 18 In Bräuchen wie den oben geschilderten geht die Rolle des Löffels weit über dessen Funktion als Mittel der Nahrungsaufnahme hinaus. Durch seine enge Verbundenheit mit dem Besitzer ist er gewissermassen mit dessen «Geist» oder spirituellen Energie erfüllt. 19 Was dem Menschen 14 https://freiburg-schwarzwald.de/kapellen1.htm (Aufruf vom 7.7.2025). Ähnliches ist auch für die St. Ottilienkapelle in Buttisholz, Kanton Luzern, belegt. Dorthin ging man nicht nur bei Augensondern auch bei Zahnleiden (siehe ZIHLMANN, Volkserzählungen, S. 451.). 15 HdA. Bd. 5, Sp. 1321. 16 LUSSI, Leben und Sterben, S. 82. 17 ZIHLMANN, Volkserzählungen, S. 300. 18 Identisches beim ostafrikanischen Volk der Luo. Vgl. LUSSI, Dämonen, S. 168 und S. 171 sowie LUSSI, Mythisches, S. 78 und Bild, S. 179 betreffend die «Neutralisierung» eines Schadenzaubers durch ein mafira genanntes Gegenmittel. 19 Die englische Bezeichnung dafür ist «residual energy» (dt. Restenergie). Näheres dazu siehe: DESMOND, Ghost Investigator, S. 45-46. Eiserner Löffel aus Titisee (um 1860), Hochzeitslöffel (datiert 29. Oktober 1879), Tauflöffel, versilbert (1961) und Tauflöffel für Franziska (1988). Historisches Museum Luzern. (Bild Kurt Lussi) 1 - 8 - geschieht oder geschehen wird, wird daher vom Löffel angezeigt. Wer stirbt, heisst es etwa, «gibt den Löffel ab», was als Ende der Nahrungsaufnahme und folglich als Sinnbild für den Tod beziehungsweise als Weitergabe des Löffels an einen Nachfolger zu verstehen ist. In diesem Sinne zu deuten ist auch das im Tirol und in Bayern bekannte Todesvorzeichen, wonach diejenige Person bald sterben muss, die ihren Löffel fallen lässt. 20 Eine besondere Bedeutung im Volksglauben haben auch die Hochzeitsund Tauflöffel. Mit dem bis in die neueste Zeit üblichen Schenken von Patenlöffeln zur Geburt eines Kindes verband sich nicht nur der Gedanke, das Neugeborene möge früh essen lernen, wie WUTTKE schreibt, sondern auch der Wunsch, es möge in seinem Leben immer einen Löffel haben, das heisst, niemals Hunger leiden. 21 Ähnliche Vorstellungen knüpfen sich auch an die Hochzeitslöffel. Mit dem Löffelopfer und dem damit verbundenen Abstreifen beziehungsweise Übertragen des Zahnschmerzes auf einen Gegenstand verwandt ist das Ausspülen oder Ausspucken. 22 Im Zauberbuch «Egyptische Geheimnisse» finden wir den folgenden Heilsegen: «Sanct Petrus stand unter einem Eichenbusch, da sprach unser lieber Herr Jesus Christus zu Peter, warum bist du so traurig, Petrus sprach: warum sollte ich nicht traurig seyn, die Zähne wollen mir im Mund verfaulen. Da sprach unser lieber Herr Jesus Christus zu Petro, Petrus gehe hin in den Grund, nimm Wasser in den Mund, und speie es wieder in den Grund. †††. 3mal nach einander gemacht, und jedesmal die 3 höchsten Namen dazu gesprochen und es 3 Tage nach einander wiederholt.» 23 Dazu ist anzumerken, dass die Zahl Drei das Vollkommene und Weltganze versinnbildlicht. 24 Daraus ergibt sich, dass die Drei ein Symbol der göttlichen Dreieinigkeit ist. Im Buch Jesaja wird dreimal der Heilige Geist Gottes angerufen, wenn es dort heisst: «Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!» (Jes. 6, 3). Dies und die Darstellungen in der christlichen Kunst weisen auf die seit der Antike umfassende Bedeutung der Drei hin. Als eine mit magisch-religiöser Kraft erfüllte Zahl erscheint die Drei folgerichtig auch in vielen Zaubersegen, wie dies das oben angeführte Beispiel belegt. Die Übertragung von Zahnschmerzen Die Übertragung von Schmerzen auf einen Gegenstand war weit verbreitet und wurde bis in die neueste Zeit praktiziert. In fast allen Volksarzneibüchern finden wir denn auch eine Reihe von magischen Rezepten und Anleitungen, wie dies zu geschehen habe. Meist wird verlangt, dass man einen Holzspan oder einen Nagel nehmen und mit diesem so lange im kranken Zahn herumstochern solle, bis der Span oder der Nagel blutig würden. 25 Der daran haftende Schadenzauber wird gebannt, indem man den Nagel an einem bestimmten Ort einschlägt, oder, wenn es sich um einen anderen Gegenstand handelt, diesen in einen Baum oder in eine Wand «verpflöckt». 26 Diese magischen Rituale des Abstreifens oder Übertragens, die oft von Gebeten und Anrufungen begleitet sind und auf die im erweiterten Sinne auch die oben beschriebene Opferung von Löffeln 20 WUTTKE, Volksaberglaube, S. 221, Rz 314. 21 WUTTKE, Volksaberglaube, S. 395, Rz 605. Das Schenken von Patenlöffeln, oft mit dem eingravierten Namen des Patenkindes, ist in vielen katholischen Familien der Zentralschweiz bis heute üblich. 22 Zur Heilhandlung des Abstreifens gehören lecken, ausspucken, saugen, blasen, abstreichen, durchkriechen und sich in etwas wälzen. HdA. Bd. 1, Sp. 121 und dort genannte Quellen. 23 Aus: Albertus Magnus bewährte und approbirte sympathetische und natürliche egyptische Geheimnisse für Menschen und Vieh (…) für Städter und Landleute. Braband ohne Jahr (um 1835), erster Teil, S. 53 (nachfolgend Egyptische Geheimnisse genannt). Der als Verfasser erwähnte Albertus Magnus ist fiktiv. Er ist nicht identisch mit dem am 15. November 1280 in Köln verstorbenen gleichnamigen deutschen Gelehrten und Bischof. 24 Siehe HEINZ-MOHR, Lexikon der Symbole, S. 308-309. 25 Als besonders wirksam gelten Späne aus Eschenholz. Der Esche (Fraxinus excelsior) werden apotropäische Eigenschaften zugeschrieben. Siehe dazu das Rezept im Zauberbuch Das siebenmal versiegelte Buch der grössten Geheimnisse oder magisch-sympathetischer Hausschatz in bewährten Mitteln, ohne Jahr, Ort und Verlag (wohl Bartels, Weissensee bei Berlin), Nachdruck um 1920, Rezept S. 22. 26 Man versteht darunter das «Einsperren» des mit dem Krankheitsdämon behafteten Gegenstandes in ein Bohrloch, das anschliessend mit einem Holzzapfen magisch verschlossen (verpflöckt) wird. Mehr dazu in: LUSSI, Das Geisterreich, S. 47-92, insbesondere S. 56-58, mit Abb. S. 57. - 9 - zurückgeht, gehören zu den archaischen Formen des Heilens. Es handelt sich dabei um Praktiken, die bereits in der Antike bekannt waren. Beispiele dafür finden wir unter anderem in der «Historia Naturalis» des römischen Gelehrten PLINIUS. Für uns interessant ist das nachfolgende «Rezept»: «Wann man die Knochen einer Henne in einer Wand aufhebt, und der Fussknochen ganz ist, und man stochert damit in den Zahn, oder reibt das Zahnfleisch wund, und wirft den Knochen weg, so soll auch aller Schmerz weggehen.» 27 In den Zauberbüchern des 18. und 19. Jahrhunderts nimmt man stattdessen oft einen eisernen Nagel. Dieser erhöht die Wirkung, denn Eisen gilt seit jeher als apotropäisches Zaubermittel. In der dem Gelehrten Albertus Magnus zugeschriebenen, aber nicht von ihm verfassten Rezeptsammlung «Egyptische Geheimnisse» heisst es: «Für heftige Zahnschmerzen. Man nehme einen neuen Nagel, stühre [stochere] damit in den Zähnen, bis er blutig wird, hernach nimm den Nagel, schlage ihn an einen Ort, wo weder Sonn noch Mond hinscheint, in einen Liegerling [Lagerbalken für Weinfässer und Hurten] im Keller gegen der Sonnen Aufgang, beim ersten Streich dessen Namen nennen, dem man helfen will, und sprich: Zahnschmerz fliehe; beim 2ten Streich: Zahnschmerz weiche; beim 3ten Streich: Zahnschmerz gehe weg †††» 28 In vielen magischen Rezepten werden die Zahnschmerzen in einen Baum verpflöckt. Dazu wiederum ein Beispiel aus dem Zauberbuch «Egyptische Geheimnisse»: «Wenn wider einen bösen Zahn nichts mehr hilft und man ihn nicht ausziehen lassen will, so vertreibt man das Zahnweh durch Ueberpflanzung [d. h. Übertragung] gewiss. Man schneidet mit einem Messer in einem jungen Holunderbaum, der kaum einen halben Arm dick ist, von oben nach unten zu ein und löset so ein Stück von der Rinde ab, welches aber daran [am Stamm] hängen bleiben muss. Hiebei muss das Gesicht gegen Morgen [Osten], die Seite des Baumes, wo man einschneidet, aber gegen Abend [Westen] gewendet sein. Man schneidet nur ein Spänchen aus dem Stamme heraus, lässt damit den bösen Zahn stochern, dass er blute, und legt darauf das Spänchen sogleich mit dem frisch daran klebenden Blute wieder an seinen Ort. Hierauf drückt man die abgelöste Rinde wieder darüber und verbindet sie oben und unten mit einem – etlichemale zusammengedrehten Faden von rothem Garne, dass sie wieder verwachsen könne. Der Zahn wird hierauf nie wieder schmerzen.» 29 Ein interessantes Ritual ist für die 1678 vom Bauern Niklaus Anderes erbaute Kapelle Flüss nachgewiesen, einem kleinen Heiligtum auf der Anhöhe zwischen den Gemeinden Ruswil und Nottwil im Kanton Luzern (Schweiz). In der Hoffnung, dass die Zahnschmerzen gelindert würden, heisst es, bissen früher die Pilger in die Bänke oder schnitten gar Holzsplitter ab, um auf diese zu beissen. Die Bänke waren durch das ständige Abschneiden von Spänen offenbar so stark beschädigt, dass sie 1918 durch neue ersetzt werden mussten. 30 Gleiches ist auch für die der hl. Ottilia geweihte Kapelle in der benachbarten Gemeinde Buttisholz überliefert. Um nochmals den Volkskundler Josef ZIHLMANN zu zitieren: «Ein Bauer aus Luthern sagte mir [ZIHLMANN] einmal, es habe in der Ottilienkapelle agchäärbleti Bänk gehabt (chäärble = nagen); die Leute hätten vor Zahnschmerzen die Kapellenbänke angenagt». 31 Im Zändwehchäppeli auf dem Bodenberg, 27 PLINIUS, Hist. Nat., XXX. Buch, III. Kapitel, zitiert nach der Übersetzung von Johann Daniel DENSO, Plinius Naturgeschichte, Bd. 2, S. 566. Ob PLINIUS nur den Laufknochen (Tarsometatarsus) des Huhns meint oder den Lauf als Ganzes, geht aus der Anleitung nicht hervor. 28 Egyptische Geheimnisse, erster Teil, S. 23. Die drei Kreuze stehen für die Anrufung von Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. Noch wirkungsvoller sind Sargnägel, Totenknochen oder gesunde Zähne von in Krieg gefallenen Soldaten (WUTTKE, Volksaberglaube, S. 352, RZ 527). 29 Egyptische Geheimnisse, vierter Teil, S. 53-54. Rot hat in fast allen Kulturen apotropäische Eigenschaften, siehe dazu LUSSI, Mythisches, S. 92-94. Gleiches gilt auch für den Schwarzen Holunder (Sambucus nigra). Vor dem Haus oder bei der Scheuneneinfahrt gepflanzt, wehrt er Dämonen und Hexen ab. 30 https://www.nottwil.ch/de/portrait/sehenswuerdigkeiten/eintraege/Kapelle-Fluess.php (Aufruf vom 7.7.2025). 31 ZIHLMANN, Heilige Bäume, S. 54.