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Waldzustandsbericht 2024 für Sachsen-Anhalt

Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt; Ministerium für Wirtschaft, Tourismus, Landwirtschaft und Forsten des Landes Sachsen-Anhalt

Abstract

Das Schadniveau in den Wäldern Sachsen-Anhalts bleibt auch 2024 deutlich erhöht. Sowohl Kronenverlichtung als auch der Anteil starker Schäden und die Absterberate erhöhen sich zwar nicht weiter, sinken aber auch nicht erwähnenswert ab. Einen deutlichen Rückgang gibt es bei der Ausfallrate.Die vorausgegangene, starke Schwächung durch Trockenheit und Hitze sowie die immer noch hohe Populationsdichte einiger Schaderreger führte noch nicht zu einer durchgreifenden Entspannung der Waldschutzsituation. Durch die feucht-warme Witterung 2024 kommt eine Belastung durch pilzliche Schaderreger hinzu.

Full text

1 Waldzustandsbericht 2024 Ministerium für Wirtschaft, Tourismus, Landwirtschaft und Forsten NW-FVA Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt 2 Vorwort Sehr geehrte Leserinnen und Leser, Wälder sind weit mehr als nur eine Quelle für Holz und Rohstoffe. Sie erfüllen eine zentrale Rolle für den Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen und bieten zahlreiche wichtige Funktionen: Sie schützen Böden und Grundwasser, sind Lebensraum für eine Vielzahl von Tieren und Pflanzen und tragen wesentlich zur Erholung in unserer Gesellschaft bei. In einer zunehmend von Klimawandel und Umweltveränderungen geprägten Welt gewinnen diese Funktionen noch mehr an Bedeutung. Die Ergebnisse der diesjährigen Waldzustandserhebung zeigen eine leicht positive Entwicklung. Die mittlere Kronenverlichtung ist über alle Baumarten hinweg gesunken. Ebenso sind die Schadholzmenge und die Absterberate im Vergleich zu den Vorjahren zurückgegangen. Diese positiven Tendenzen stimmen uns zuversichtlich, sind jedoch nicht Anlass zur Entwarnung. Angesichts der bestehenden Herausforderungen bleiben der Aufbau artenreicher und klimastabiler Wälder sowie die zielgerichtete Wiederbewaldung die vordringlichsten Aufgaben der kommenden Jahre. Die Landesregierung wird auch weiterhin alle Waldbesitzenden in Sachsen-Anhalt bei dieser wichtigen Aufgabe unterstützen, um die Resilienz unserer Wälder zu stärken und ihre Zukunft zu sichern. Dieser Waldzustandsbericht gibt Ihnen einen fundierten Überblick über den aktuellen Zustand unserer Wälder in Sachsen-Anhalt und erläutert die Ursachen und Auswirkungen der Schäden, die wir gegenwärtig erleben. Ein besonderer Dank gilt der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt für ihre umfassende Datenerhebung und die sorgfältige Auswertung der Ergebnisse. Ich lade Sie ein, sich mit den Ergebnissen dieser Erhebung zu befassen, um ein besseres Verständnis für die bestehenden Herausforderungen und die dringende Notwendigkeit des Waldumbaus zu entwickeln. Mit freundlichen Grüßen Sven Schulze Minister für Wirtschaft, Tourismus, Landwirtschaft und Forsten des Landes Sachsen-Anhalt 3 Inhaltsverzeichnis Seite Vorwort 2 Hauptergebnisse 4 Forstliches Umweltmonitoring 6 Ulrike Talkner, Caroline Klinck und Uwe Paar WZE-Ergebnisse für alle Baumarten 8 Caroline Klinck und Uwe Paar Kiefer 10 Fichte 12 Buche 14 Eiche 16 Andere Laubund Nadelbäume 18 Witterung und Klima 20 Johannes Sutmöller Insekten und Pilze 25 Martin Rohde, Rainer Hurling, Gitta Langer, Johanna Bußkamp und Pavel Plašil Stoffeinträge 31 Birte Scheler Auswirkung von extremer Witterung auf die Vitalität und Produktivität der Hauptbaumarten in Nordwestdeutschland 34 Anja Gröning, Caroline Klinck und Uwe Paar Wildobstarten: Erhaltung und nachhaltige Nutzung wertvoller genetischer Ressourcen 38 Katharina Birgit Budde, Nicole Opfermann, Katharina Volmer und Aki Michael Höltken Trockenjahre und Buchenmortalität: Geschlossenes Kronendach mindert Schäden 42 Peter Meyer, Andreas Mölder und Ralf-Volker Nagel Boden des Jahres: Waldboden 45 Jan Evers, Oliver van Straaten und Felix Grün Impressum 48 Foto: M. Spielmann 4 Hauptergebnisse Waldzustandserhebung (WZE) Die Witterung seit Anfang 2023 löste eine lange und extreme Trockenheit ab. Trotz leichter Erholungstendenzen sind die Schäden der vergangenen Jahre noch deutlich in den Wäldern Sachsen-Anhalts zu sehen. Die Waldzustandserhebung 2024 weist eine mittlere Kronenverlichtung von 24 % für alle Baumartenund Altersgruppen aus und liegt damit weiterhin auf erhöhtem Niveau. Allerdings sank der Wert das zweite Jahr in Folge. Ebenso verringerte sich der Anteil stark geschädigter Bäume leicht. Die Absterberate ging ebenfalls leicht und die Ausfallrate stark zurück. Die Fichte ist die am deutlichsten geschädigte Baumart. Ihr Vorkommen reduzierte sich durch Kalamitäten und Sturm soweit, dass im aktuellen Bericht keine statistisch gesicherte Aussage mehr erfolgen kann, weder für die Gruppe aller Alter noch für die einzelnen Altersklassen. Die Eiche zeigte 2024 als einzige Baumart keine Erholungstendenz. Sie ist in Sachsen-Anhalt die am zweitstärksten geschädigte Baumart. Mit einem Anteil von knapp 60 % im Hauptraster 8 km x 8 km dominiert in Sachsen-Anhalt flächenmäßig die Kiefer. Da sie zudem insgesamt vergleichsweise niedrige Kronenverlichtungswerte aufweist, senkt sie den Gesamtwert für alle Baumarten. In Sachsen-Anhalt erfolgt die Waldzustandserhebung für alle Baumarten bis auf die Kiefer auf einem verdichteten Raster von 4 km x 4 km. Nach der Kiefer ist auf diesem Raster die Gruppe der sonstigen Laubhölzer, zu denen z. B. Erlen-, Birkenoder Ahornarten zählen, mit 26 % die zweithäufigste Baumartengruppe. Es folgt mit 20 % die Gruppe der heimischen Eichen, danach mit 14 % die Rotbuche. Die Gruppe der anderen Nadelhölzer mit Douglasie und Lärchenarten machen 5 % und die Fichte knapp 3 % des WZE-Kollektivs aus. Witterung und Klima Das Vegetationsjahr 2023/2024 war rekordwarm und sehr nass. Mit einer Mitteltemperatur von 11,6 °C wurde das langjährige Mittel um 3,0 K übertroffen und war damit das mit Abstand wärmste Jahr seit Auswertungsbeginn. In allen Monaten betrug die Abweichung mehr als 1 K. Die Niederschlagssumme von 785 mm im Flächenmittel des Landes übertraf das langjährige Mittel um rund 40 %. Damit war das vergangene Vegetationsjahr eines der niederschlagsreichsten Jahre seit Beginn der Auswertungen. Infolge der unbeständigen Witterung kam es zu keiner ausgeprägten Trockenperiode, sodass das pflanzenverfügbare Wasser in den Waldböden während der Vegetationszeit ausreichte, um die Wasserversorgung der Waldbestände zu gewährleisten. Insekten und Pilze Die insgesamt reichlichen Niederschläge seit dem Sommer des letzten Jahres haben die Abwehrbereitschaft der Waldbäume gegenüber biotischen Schaderregern zwar grundsätzlich erhöht, aber aufgrund deren vorausgegangenen starken Schwächung und immer noch hohen Populationsdichten einiger Schaderreger noch nicht zu einer durchgreifenden Entspannung der Waldschutzsituation geführt. Die feuchtwarmen Bedingungen im ersten Halbjahr 2024 begünstigten die Entwicklungsmöglichkeiten von potenziell pathogenen Pilzen, die bei komplexen Erkrankungen eine Schadwirkung entfalten und wahrscheinlich auch als Auslöser für in diesem Jahr häufiger festgestellte Blattund Nadelfleckenerkrankungen an verschiedenen Baumarten verantwortlich sind. Trotz eines insgesamt deutlichen Rückgangs des Buchdruckerbefalls kam es sowohl in einigen Regionen erneut als auch lokal erstmals zu stärkerem Befall durch diese Borkenkäferart an Fichte. In der Kiefer nahm der Befall durch Kiefernborken käfer gegenüber dem Vorjahr wieder ab. Allerdings leiden viele Kiefernbestände nach wie vor unter dem Diplodia-Triebsterben. Lokal kam es zu Fraß durch die Eichen-Fraßgemeinschaft einschließlich des Eichenprozessionsspinners. Nadeln fressende Schmetterlingsraupen oder Blattwespen spielten in diesem Jahr keine Rolle. Weiterhin Sorge bereitet die Zunahme der Schädigung von Eichen durch den Eichenprachtkäfer, zum Teil in Verbindung mit weiteren pilzlichen und eventuell auch bakteriellen Schaderregern. Die Buche ist weiterhin von der Buchen-Vitalitätsschwäche betroffen. Stoffeinträge 2023 war ein überdurchschnittlich niederschlagsreiches Jahr. Unter dem Kronendach wurden zwischen 127 % und 160 % des jeweiligen 10-jährigen Flächenmittels (2013–2022) registriert. Der Sulfatschwefeleintrag in die Wälder hat im Zeitraum 2014–2023 trotz des bereits erreichten niedrigen Niveaus noch weiter signifikant abgenommen. 2023 betrug er unter Kiefer zwischen 1,5 kg und 2,1 kg je Hektar. Unter Douglasie war er 0,5 kg höher als im nahe gelegenen Kiefernbestand. Die Gesamtdeposition von anorganischem Stickstoff (AmmoFoto: M. Spielmann 5 Hauptergebnisse nium und Nitrat) betrug 2023 unter Kiefer zwischen 6,1 kg und 9,6 kg je Hektar und unter Douglasie 11,8 kg. Verglichen mit ähnlich niederschlagsreichen Jahren wie 2017 (Klötze) bzw. 2013 (Nedlitz) hat der anorganische Stickstoffeintrag in die Bestände in Klötze um rund 30 % und in Nedlitz um rund 40 % abgenommen. Auswirkung von extremer Witterung auf die Vitalität und Produktivität der Hauptbaumarten in Nordwestdeutschland Um baumartenspezifische Trockenheitsgrenzen als Referenz für die Waldbewirtschaftung festzulegen, wird in den Anbauempfehlungen unter anderem die Standortswasserbilanz (SWB) genutzt. Auf dieser Grundlage werden baumartenspezifische Schwellenwerte für das Trockenstressrisiko definiert. Um die definierten Schwellenwerte im Gelände zu evaluieren, untersucht das Teilprojekt L11 des „Klimaplans Hessen“ entlang artspezifischer Standortswasserbilanzgradienten die Vitalität und das Wachstum der vier Hauptbaumarten Buche, Eiche, Fichte und Kiefer mittels Jahrringanalyse. Es wurden ausschließlich Flächen ausgewählt, die sich innerhalb des Probenetzes der WZE (Waldzustandserhebung) und der BZE (Bodenzustandserhebung) befinden. So können zusätzlich zu den Jahrringmessungen sowohl plotspezifische Informationen über den Standort als auch baumindividuelle Informationen über den Kronenzustand in die Betrachtung einbezogen werden. Wildobstarten: Maßnahmen zur Erhaltung wertvoller forstgenetischer Ressourcen Aufgrund prognostizierter Klimaveränderungen sind vermehrt auch Baumarten aus der Familie der Rosengewächse (Wildobstarten wie Wildbirne, Wildapfel, Vogelkirsche, Elsbeere, Speierling) in den Fokus des Interesses gerückt. Diese weisen eine vergleichsweise hohe Trockenheitsund Hitzetoleranz auf und tragen gleichzeitig zu einer Erhöhung der Biodiversität unserer Wälder bei. Der steigenden Nachfrage nach hochwertigem Vermehrungsgut stehen allerdings teilweise große Herausforderungen bei der Saatgutbeschaffung gegenüber. Anthropo gene Einflüsse haben die Populationsstrukturen der von Natur aus seltenen bis zerstreuten Vorkommen zum Teil sehr stark verändert. Habitatverluste führten zum Verlust der reproduktiven Vernetzung und, in der Folge, auch zu Verlusten an genetischer Vielfalt und damit Anpassungsfähigkeit an sich ändernde Umweltbedingungen. Zusätzlich hybridisieren verschiedene Arten mit häufig verbreiteten Kultursorten. Dies kann zur Verdrängung bzw. zum Verlust arttypischer und anpassungsrelevanter Eigenschaften führen und die ökologische Integrität der jeweiligen Art gefährden. In diesem Beitrag werden wissenschaftliche Grundlagen und daraus abgeleitete praxisrelevante Maßnahmen aufgezeigt, die sowohl der Erhaltung wertvoller genetischer Ressourcen als auch der nachhaltigen Produktion von genetisch vielfältigem Vermehrungsgut dienlich sind. Trockenjahre und Buchenmortalität: Geschlossenes Kronendach mindert Schäden Eine umfangreiche Studie in elf hessischen unbewirtschafteten Naturwaldreservaten und ihren weiterhin bewirtschafteten Vergleichsflächen gibt Auskunft über den Einfluss von Dürre und Bewirtschaftung auf die Buchenmortalität. Die Untersuchung zeigt, dass in den jüngsten Trockenjahren zwar ein Anstieg der Mortalität von Buchen zu beobachten ist, dieser aber auf den untersuchten Standorten überraschend moderat ausfiel. Zwischen bewirtschafteten und unbewirtschafteten Beständen ergaben sich signifikante Unterschiede. Zum einen ist in den bewirtschafteten Waldbeständen die Mortalität höher, zum anderen fallen hier dominantere Bäume mit höherer Wahrscheinlichkeit aus als in den vergleichsweise dicht geschlossenen Naturwaldreservaten. Die Untersuchungen weisen darauf hin, dass Auflichtungen des Kronendaches älterer Buchenbestände in Dürrejahren das Ausfallrisiko oberständiger Bäume erhöhen. Boden des Jahres: Waldboden Der Waldboden als Boden des Jahres 2024 soll mit verschiedenen Beispielen in seiner Vielfalt, seinen Funktionen und seiner Bedeutung für eine klimaangepasste Baumartenwahl dargestellt werden. Dabei wird auch auf seine Funktion als Kohlenstoffspeicher, die Folgen seiner Belastung und die Aktualität der forstlichen Standortskartierung eingegangen. Foto: M. Spielmann 6 Forstliches Umweltmonitoring Ulrike Talkner, Caroline Klinck und Uwe Paar https://doi.org/10.5281/zenodo.14162274 Das Forstliche Umweltmonitoring hat eine langjährige Geschichte und eröffnet damit einen guten Einblick in die Veränderung der Waldökosysteme. Die Umweltbedingungen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich verändert, aber das Ausmaß und die Geschwindigkeit der aktuellen Klimaveränderungen sind in der Geschichte des Forstlichen Umweltmonitorings einmalig. Die Waldschäden zu Zeiten des sauren Regens waren deutlich zu sehen, doch übertreffen die aktuellen Schäden in bestimmten Regionen und für einige Baumarten das damalige Ausmaß. In den 1990er Jahren wurden erfolgreich politische Maßnahmen ergriffen, um die versauernden Einträge in die Wälder zu minimieren. Nun stellt sich die Frage, ob wir auch erfolgreich in der Eindämmung des Klimawandels sein werden. Fest steht, dass die Reduzierung der CO2-Emissionen notwendig ist, um den menschengemachten Klimawandel abzumildern und damit den Zustand des Waldes zu stabilisieren. Das Forstliche Umweltmonitoring ist aus der Waldökosystemforschung entstanden. Die Ergebnisse der Untersuchungen dienen der Erarbeitung von Entscheidungshilfen für die forstliche Praxis und der Beratung der Politik auf fachlicher Grundlage. Grundsätzlich werden im Forstlichen Umweltmonitoring folgende Kategorien unterschieden: • Level I: waldflächenrepräsentative Übersichtserhebungen auf einem systematischen Stichprobenraster (Waldzustandsund Bodenzustandserhebung) • Level II: Untersuchung von ausgewählten Waldökosystemen mit erhöhter Messintensität (Intensives Forstliches Umweltmonitoring) • Level III: Erforschung der Auswirkungen von Waldbewirtschaftungsmaßnahmen auf den Nährstoffund Wasserhaushalt von Wäldern (Experimentalflächen) Die Verknüpfung und Kombination von Level I, II und III eröffnet die Möglichkeit der Übertragung von Ergebnissen aus dem Forstlichen Umweltmonitoring auf Waldflächen ohne Beobachtungen (Regionalisierung). Für die Beantwortung von komplexen forstund umweltpolitischen Fragen ist die Vernetzung aller drei Kategorien des Forstlichen Umweltmonitorings zweckmäßig. Die methodischen Instrumente des Forstlichen Umweltmonitorings sind europaweit nach den Grundsätzen des ICP Forests (2016) harmonisiert. Die Waldzustandserhebung (WZE) liefert seit mittlerweile 41 Jahren als Übersichtserhebung Informationen zur Vitalität der Waldbäume unter dem Einfluss sich ändernder Umweltbedingungen. Das Stichprobenraster der Waldzustandserhebung ist darauf ausgelegt, die gegenwärtige Situation des Waldes landesweit repräsentativ abzubilden. Das Ergebnis ist das Gesamtbild des Waldzustandes für das Bundesland. Die Stichprobe der Waldzustandserhebung vermittelt ein zahlenmäßiges Bild zu dem Einfluss von Stürmen, Witterungsextremen sowie Insektenund Pilzbefall. Lokale Befunde, wie sturmgefallene Bäume oder ein extremer Befall der Kiefer durch Pilze, können allerdings von dem landesweiten Ergebnis abweichen. Verschiedene Auswertungen belegen eine hohe Repräsentativität des Rasternetzes für verschiedene Fragestellungen. Waldzustandserhebung – Methodik und Durchführung Die Waldzustandserhebung ist Teil des Forstlichen Umweltmonitorings in Sachsen-Anhalt. Sie liefert als Übersichtserhebung Informationen zur Vitalität der Waldbäume unter dem Einfluss sich ändernder Umweltbedingungen. Die Aufnahmen zur Waldzustandserhebung erfolgten im Juli und August 2024. Sie sind mit qualitätssichernden Maßnahmen sorgfältig überprüft. Aufnahmeumfang Die Waldzustandserhebung erfolgt auf mathematisch-statistischer Grundlage. Auf einem systematisch über Sachsen-Anhalt verteilten Rasternetz werden seit 1991 an jedem Erhebungspunkt Stichprobenbäume begutachtet. Die Waldzustandserhebung wurde im Zeitraum 1991–2014 im 4 km x 4 km-Raster durchgeführt. Seit 2015 beträgt die Rasterweite des landesweiten Stichprobennetzes 8 km x 8 km. Für Buche, Eiche, Fichte sowie die anderen Laubund Nadelbäume (also alle Baumarten außer Kiefer) wurde das 4 km x 4 km-Raster beibehalten. Nach einer Rasterüberprüfung im Frühjahr 2020 wurden 14 weitere WZE-Punkte in das 8 km x 8 km-Raster integriert, sodass jetzt 189 Erhebungspunkte zum Stichprobenkollektiv gehören. Infolge von temporären, kalamitätsbedingten Flächenstilllegungen liegt die Zahl für die landesweite Auswertung 2024 bei 164 Erhebungspunkten, wobei 82 zum Hauptnetz gehören. Dieser Aufnahmeumfang ermöglicht repräsentative Aussagen zum Waldzustand auf Landesebene. Für den Parameter mittlere Kronenverlichtung zeigt die Tabelle auf Seite 7 den Standardfehler und die 95 %-Konfidenzintervalle (Vertrauensbereiche) für die Baumarten und Altersgruppen der WZE-Stichprobe 2024. Je weiter der Vertrauensbereich, desto unschärfer sind die Aussagen. Ab einem Standardfehler von > 5 werden die Werte in den Grafiken nicht mehr dargestellt. Die Weite des Vertrauensbereiches wird im Wesentlichen beeinflusst durch die Anzahl der Stichprobenpunkte in der jeweiligen AuswerteWZE-Aufnahmeteams bei der Schulung im Juli 2024 Foto: C. Klinck 7 Forstliches Umweltmonitoring einheit und die Streuung der Kronenverlichtungswerte. Für relativ homogene Auswerteeinheiten (z. B. Kiefern über 60 Jahre) mit relativ gering streuenden Kronenverlichtungen sind enge Konfidenzintervalle auch bei einer geringen Stichproben anzahl sehr viel leichter zu erzielen als für heterogene Auswerteeinheiten (z. B. jüngere Buche bis 60 Jahre), die in den Kronenverlichtungswerten ein breites Spektrum umfassen. Trotz des geringen Anteils der Gruppe der anderen Nadel hölzer am Gesamtwald werden Ergebnisse für diese Baumarten im vorliegenden Bericht vorgestellt. Hintergrund ist neben dem relativ engen Vertrauensbereich der Ergebnisse die zunehmende Bedeutung von Baumarten, die zukünftig eine Alternative zur Fichte darstellen könnten. Aufnahmeparameter Bei der Waldzustandserhebung erfolgt eine visuelle Beurteilung des Kronenzustandes der Waldbäume, denn Bäume reagieren auf Umwelteinflüsse u. a. mit Änderungen in der Belaubungsdichte und der Verzweigungsstruktur. Wichtigstes Merkmal ist die Kronenverlichtung der Waldbäume, deren Grad in 5 %-Stufen für jeden Stichprobenbaum erfasst wird. Die Kronenverlichtung wird unabhängig von den Ursachen bewertet, lediglich mechanische Schäden (z. B. Windbruch) gehen nicht in die Berechnung der Ergebnisse der Waldzustandserhebung ein. Die Kronenverlichtung ist ein unspezifisches Merkmal, aus dem nicht unmittelbar auf die Wirkung von einzelnen Stressfaktoren geschlossen werden kann. Sie ist daher geeignet, allgemeine Belastungsfaktoren der Wälder aufzuzeigen. Bei der Bewertung der Ergebnisse stehen nicht die absoluten Verlichtungswerte im Vordergrund, sondern die mittelund langfristigen Trends der Kronenentwicklung. Zusätzlich zur Kronenverlichtung werden weitere sichtbare Merkmale an den Probebäumen wie der Vergilbungsgrad der Nadeln und Blätter, die aktuelle Fruchtbildung sowie Insektenund Pilzbefall erfasst. Mittlere Kronenverlichtung Die mittlere Kronenverlichtung ist der arithmetische Mittelwert der in 5 %-Stufen erhobenen Kronenverlichtungswerte der Einzelbäume. Starke Schäden Unter den starken Schäden werden Bäume mit Kronenverlichtungen über 60 % (inkl. abgestorbener Bäume) sowie Bäume mittlerer Verlichtung (30–60 %), die zusätzlich Vergilbungen über 25 % aufweisen, zusammengefasst. Absterberate Die Absterberate ergibt sich aus den Bäumen, die zwischen der Erhebung im Vorjahr und der aktuellen Erhebung abgestorben sind und noch am Stichprobenpunkt stehen, bezogen auf die im Vorjahr noch lebenden Bäume. Durch Windwurf und Durchforstung ausgefallene Bäume gehen nicht in die Absterberate, sondern in die Ausfallrate ein. Ausfallrate Das Inventurverfahren der WZE ist darauf ausgelegt, die aktuelle Situation der Waldbestände unter realen (Bewirtschaftungs-) Bedingungen abzubilden. Daher scheidet in jedem Jahr ein Teil der Stichprobenbäume aus dem Aufnahmekollektiv aus. Der Ausfallgrund wird für jeden Stichprobenbaum dokumentiert. Gründe für den Ausfall sind u. a. Durchforstungsmaßnahmen, methodische Gründe (z. B., wenn der Stichprobenbaum nicht mehr zu den Baumklassen 1–3 gehört), Sturmschäden oder außerplanmäßige Nutzung aufgrund von Insektenschäden. Dort, wo an den WZE-Punkten Stichprobenbäume ausfallen, werden nach objektiven Vorgaben Ersatzbäume ausgewählt. Sind aufgrund großflächigen Ausfalls der Stichprobenbäume keine geeigneten Ersatzbäume vorhanden, ruht der WZEPunkt, bis eine Wiederbewaldung erfolgt ist. Die im Bericht aufgeführte Ausfallrate ergibt sich aus den infolge von Sturmschäden, Trockenheit und Insektenoder Pilzbefall am Stichprobenpunkt entnommenen Bäumen. Die Ausfallrate wird seit dem Aufnahmejahr 1996/97 ermittelt. Literatur ICP Forests (2016): Manual on methods and criteria for harmonized sampling, assessment, monitoring and analysis of the effects of air pollution on forests. UNECE, ICP Forests, Hamburg Baumartengruppe Altersgruppe Anzahl Bäume Anzahl Plots Raster Standardfehler 95%- Konfidenzintervall Buche alle Alter bis 60 Jahre über 60 Jahre 551 167 384 44 12 36 4x4 km 4x4 km 4x4 km 4,0 2,3 3,3 28–44 5–16 41–54 Eiche alle Alter bis 60 Jahre über 60 Jahre 777 194 583 80 22 65 4x4 km 4x4 km 4x4 km 2,9 3,7 2,4 35–46 10–26 43–53 Fichte alle Alter bis 60 Jahre über 60 Jahre 109 72 37 12 7 6 4x4 km 4x4 km 4x4 km 15,4 13,5 10,2 16–84 -4–62 64–116 Kiefer alle Alter bis 60 Jahre über 60 Jahre 1128 250 878 55 17 44 8x8 km 8x8 km 8x8 km 1,3 2,1 1,3 14–19 4–13 16–22 andere Laubbäume alle Alter bis 60 Jahre über 60 Jahre 1008 307 701 99 48 70 4x4 km 4x4 km 4x4 km 2,5 5,0 2,8 23–33 12–32 25–36 andere Nadelbäume alle Alter bis 60 Jahre über 60 Jahre 194 131 63 21 14 9 4x4 km 4x4 km 4x4 km 2,5 2,1 5,8 8–18 5–14 7–34 alle Baumarten alle Alter bis 60 Jahre über 60 Jahre 1968 568 1400 82 31 63 8x8 km 8x8 km 8x8 km 2,1 3,3 2,4 20–28 7–21 23–33 Baumanzahl, Plotanzahl, Raster sowie Standardfehler und 95 %-Konfidenzintervall der Kronenverlichtung für alle Baumartenund Altersgruppen der Waldzustandserhebung 2024 in Sachsen-Anhalt. Das 95 %-Konfidenzintervall (=Vertrauensbereich) gibt den Bereich an, in dem der wahre Mittelwert mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 % liegt. Das berechnete Konfidenzintervall kann jenseits der logischen Parametergrenzwerte (0 bzw. 100) liegen. 8 WZE-Ergebnisse für alle Baumarten Mittlere Kronenverlichtung in % Anteil starker Schäden (inkl. abgestorbener Bäume), alle Alter in % möglich. War die Aussage im letzten Jahr für die älteren Fichten noch möglich, hat sich deren Situation soweit verändert, dass das Konfidenzintervall auch hier zu weit für eine gesicherte Aussage ist. Bei allen Baumarten bis auf die Eiche war ein leichter Rückgang der Verlichtung festzustellen. Damit stellt die Eiche nach der Fichte die am zweitstärksten geschädigte Baumart dar. Anteil starker Schäden Im aktuellen Aufnahmejahr 2024 wurden 9,9 % aller bonitierten Bäume als stark geschädigt eingestuft. Wie auch bei der Kronenverlichtung sank der Wert damit das zweite Jahr in Folge und liegt nun 2 Prozentpunkte unter dem Höchstwert von 12 % aus dem Jahr 2022. Dieser leichte Trend zur Verbesserung darf nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass das Schadniveau nach wie vor stark erhöht ist und das Zweieinhalbfache des langjährigen Mittels darstellt. Nach den einzelnen Baumarten und Baumartengruppen differenziert sind nach wie vor bei Fichte mit 48 % die meisten Bäume als stark geschädigt eingestuft, wobei die Angabe nicht gesichert ist. Buchen sind zu 20 %, Eichen zu 18 % und die Gruppe der anderen Laubhölzer zu 12 % stark geschädigt. Die geringsten Anteile stark geschädigter Bäume haben die Gruppe der anderen Nadelhölzer mit 3,1 % und Kiefern mit 2,7 %. Caroline Klinck und Uwe Paar https://doi.org/10.5281/zenodo.14162347 Auch 2024 hielt die vor allem feuchte, aber weiterhin warme Witterung an, die bereits 2023 die lange Dürrephase seit 2018 ablöste. Dadurch konnten in vielen Regionen die Bodenwasserspeicher aufgefüllt werden. Dennoch trafen regional weiterhin Insektenbefall – und zwar vor allem durch Borkenkäfer – und auch Pilzbefall die Bestände. Die Kronenverlichtung und der Anteil stark geschädigter Bäume nahmen in der Gesamtbetrachtung aller Baumarten und Alter aber trotzdem etwas ab. Die Absterberate ging leicht und die Ausfallrate stark zurück. Mittlere Kronenverlichtung Die im Sommer 2024 durchgeführte Waldzustandserhebung weist als Gesamtergebnis für die Wälder Sachsen-Anhalts (alle Baumarten, alle Alter) eine mittlere Kronenverlichtung von 24 % aus. Sie liegt damit zwar weiterhin auf hohem Niveau, aber das zweite Jahr in Folge unter dem Vorjahreswert. Wie bereits im Vorjahr ist für die Fichte aufgrund aktuell geringer Baumzahlen bzw. weiter Konfidenzintervalle (vgl. Seite 7) keine statistisch gesicherte Aussage zum Kronenzustand Alle Baumarten mittlere Kronenverlichtung in % 50 40 30 20 10 0 19951991 2000 2005 2010 2015 2020 27 28 24 14 23 21 alle Altersstufen bis 60 Jahre über 60 Jahre 14 12 10 8 6 4 2 0 19951991 2000 2005 2010 2015 2020 Anteil starker Schäden (inkl. abgestorbener Bäume), alle Baumarten, alle Alter in % 9,9 Foto: P. Gawehn Foto: U. Klinck 9 WZE-Ergebnisse für alle Baumarten Jährliche Absterberate (stehende Bäume), alle Alter in % Jährliche Ausfallrate (als Schadholz entnommene Bäume), alle Alter in % Anteil an den Vergilbungsstufen, alle Baumarten, alle Alter in % Absterberate In die Absterberate werden Bäume einbezogen, die erstmalig eine Kronenverlichtung von 100 % aufweisen. Dieser Wert sank im Vergleich zum Vorjahr leicht auf 1,2 %, liegt damit aber immer noch etwa doppelt so hoch wie das langjährige Mittel (0,7 %). Am häufigsten sind, wie in den Vorjahren, Fichten abgestorben, obwohl sich der Wert hier von 36 % auf 4,8 % drastisch verringert hat. Am zweithäufigsten starben Bäume der Gruppe der anderen Nadelhölzer ab, gefolgt von Kiefer, anderen Laubhölzern sowie Eichen und Buchen. Ausfallrate Als Ausfallrate wird der Anteil an Bäumen des WZE-Kollektives bezeichnet, der durch Sturmwurf, Trockenheit oder Insektenbzw. Pilzbefall entnommen wird oder sich noch liegend vor Ort befindet. Die Zeitreihe bildet die Folgen extremer Witterungsbedingungen wie Stürme oder Dürreperioden ab. Im Jahr 2024 liegt die Ausfallrate, bezogen auf alle Baumarten und Alter, bei 1,4 %. Damit wird nur ein Drittel des Vorjahreswertes erreicht. Verglichen mit dem langjährigen Mittelwert, der bei 1,2 % liegt, kann der aktuelle Wert höchstens als leicht erhöht bezeichnet werden. Die meisten der ausgefallenen Bäume waren, wie in den Vorjahren, Fichten, gefolgt von anderen Laubhölzern, Kiefern, Buchen und Eichen. Aus der Gruppe der anderen Nadelhölzer fiel, wie im Vorjahr, kein Baum aus. Vergilbungen Das Phänomen der Vergilbung spielt aktuell durch die erfolgreiche Eindämmung des Säureeintrages über den Niederschlag kaum noch eine Rolle. In den 1980er und 1990er Jahren traten Vergilbungen häufig infolge sauren Regens auf, durch den i. d. R. ein Magnesiummangel bei den Waldbäumen verursacht wird. Seit den frühen 2000er Jahren ist der Anteil betroffener Bäume kontinuierlich gesunken und liegt seitdem unter 1 %. Für 2024 wurde ein Wert von 0 % ermittelt. Fazit Der Waldzustand in Sachsen-Anhalt ist nach wie vor alarmierend. Allerdings hat die vergleichsweise feuchte Witterung seit Anfang 2023 eine Linderung der Trockenstresssituation gebracht, sodass sich der Zustand etwas stabilisieren konnte. Dennoch sind die Bestände durch hohe Kronenverlichtungen und teilweise bestehende Auflösungserscheinungen destabilisiert und leicht anfällig gegenüber neuen Stresssituationen wie Stürme oder Schädlingsbefall. Die Fichte ist nach wie vor von allen Baumarten am meisten geschädigt und verliert hinsichtlich ihres Flächenanteils massiv an Bedeutung. Die Zahl der vorübergehend stillgelegten WZE-Punkte konnte im Vergleich zu den Vorjahren durch aufkommenden Jungwuchs von 37 auf 25 verringert werden. 5 4 3 2 1 0 Jährliche Absterberate (stehende Bäume), alle Baumarten, alle Alter in % 1,2 91-92 92-93 93-94 94-95 95-96 96-97 97-98 98-99 99-00 00-01 01-02 02-03 03-04 04-05 05-06 06-07 07-08 08-09 09-10 10-11 11-12 12-13 13-14 14-15 15-16 16-17 17-18 18-19 19-20 20-21 21-22 22-23 23-24 Jährliche Ausfallrate (als Schadholz entnommene Bäume), alle Baumarten, alle Alter in % 5 4 3 2 1 0 1,4 91-92 92-93 93-94 94-95 95-96 96-97 97-98 98-99 99-00 00-01 01-02 02-03 03-04 04-05 05-06 06-07 07-08 08-09 09-10 10-11 11-12 12-13 13-14 14-15 15-16 16-17 17-18 18-19 19-20 20-21 21-22 22-23 23-24 Foto: P. Gawehn Anteil an den Vergilbungsstufen, alle Baumarten, alle Alter in % 12 10 8 6 4 2 0 19951991 2000 2005 2010 2015 2020 0 Stufe 1 (11 - 25 % der Nadel-/Blattmasse) Stufe 2 (26 - 60 % der Nadel-/Blattmasse) Stufe 3 (über 60 % der Nadel-/Blattmasse) 16 Anteil starker Schäden (inkl. abgestorbener Bäume), alle Alter in % fall spielte dagegen eine größere Rolle: Von 583 der älteren Eichen waren 156 von Mehltau befallen. Bei 64 Eichen war der Befall mit maximal 10 % gering, bei 54 Eichen wurde er auf zwischen 20 % und maximal 40 % beziffert und bei 38 Eichen auf 50 % und mehr. Jüngere Eiche Der Anstieg der Kronenverlichtung seit 2017 ließ sich auch bei den jüngeren Eichen erkennen. Er vollzog sich jedoch auf deutlich niedrigerem Niveau und schwächte sich in den letzten Jahren ab. 2024 wurde mit 18 % der gleiche Wert wie im Vorjahr 2023 ermittelt. Auch bei den jüngeren Eichen wurde Mehltau festgestellt. Von 194 Bäumen waren 44 betroffen. Geringer Befall von 5–10 % lag bei 21 Eichen vor, mittlerer zwischen 20 % und maximal 40 % bei 18 Eichen und stark befallen mit Ausmaßen von über 50 % und mehr waren 5 Eichen. Starke Schäden In den Jahren vor der Dürre ab 2018 traten Phasen erhöhter Anteile stark geschädigter Eichen vor allem im Anschluss an mittleren bis starken Insektenfraß auf. Seit 2018 gab es zwar keine gravierenden Fraßschäden (vgl. Abb. Seite 17 unten), aber dennoch einen steten Anstieg stark geschädigter Bäume. Der Anteil liegt 2024 wie im Vorjahr bei dem Maximalwert der Zeitreihe von 18 % und damit deutlich über dem langjährigen Mittel der Eichen von 7,4 %. Eiche Mittlere Kronenverlichtung in % Im Gegensatz zu Fichte und Buche ist bei Eiche kein sprunghafter Anstieg der Verlichtungswerte nach 2017 festzustellen, sondern vielmehr eine stetige Zunahme von Kronenverlichtung, starken Schäden und Absterberate. So liegt der Kronenverlichtungswert für Eichen aller Alter auch 2024 wieder über dem Vorjahreswert, er stieg von 38 % auf 40 % an. Auffällig ist der relativ hohe Anteil von Eichen, an denen Schleimfluss festgestellt wurde. Dieses Stresssymptom wird auf komplexe Wechselwirkungen zwischen Trockenheit, Hitze oder Frost sowie Pilzen und Insekten zurückgeführt. Von 777 Eichen haben 48 diesen Befund. Bei 30 dieser Eichen ist das Ausmaß mit maximal 10 % eher gering, weitere 15 Eichen haben Werte bis 40 % und 3 eine Ausprägung von 50 % bis 80 %. Betroffen waren bis auf eine einzelne Eiche ältere Bäume. Ansonsten gab es verbreitet Mehltaubefall: von 777 Eichen wurden insgesamt 200 als befallen gemeldet. Ältere Eiche Wie auch im Vorjahr erhöhte sich 2024 die mittlere Kronenverlichtung der älteren Eichen und liegt nun bei einem neuen Maximalwert von 48 %. Damit setzt sich der Trend der zunehmenden Verlichtung seit 2017 fort. Die Entwicklung des Kronenzustandes der Eichen wird durch Insektenund Pilzbefall beeinflusst. Für die Zunahme der Verlichtung in den letzten Jahren war allerdings kein massiver Insekten befall verantwortlich. Auch 2024 wurden an nur 3 % der Eichen mittlere bis starke Fraßschäden gefunden (Abb. Seite17). PilzbeFoto: J. Evers Eiche mittlere Kronenverlichtung in % 60 50 40 30 20 10 0 19951991 2000 2005 2010 2015 2020 bis 60 Jahre über 60 Jahre 48 18 31 20 40 35 30 25 20 15 10 5 0 19951991 2000 2005 2010 2015 2020 18 Eiche alle Baumarten Anteil starker Schäden (inkl. abgestorbener Bäume), alle Alter in % Foto: P. Gawehn 17 Foto: C. Klinck Eiche Jährliche Absterberate (stehende Bäume), alle Alter in % Jährliche Ausfallrate (als Schadholz entnommene Bäume), alle Alter in % Absterberate Die durchschnittliche Absterberate der Eiche liegt in SachsenAnhalt im langjährigen Mittel bei 0,7 %. Überdurchschnittliche Absterberaten traten jeweils im Anschluss an Perioden mit starkem Insektenfraß auf. Mit 2,8 % starben die meisten Eichen 1997 ab. Seit 2020 erhöhte sich die Rate auf 2,2 % und anschließend 2,6 % im Jahr 2021. Seitdem sinkt sie wieder und liegt 2024 bei 0,81 %. Anteil mittlerer und starker Fraßschäden an älteren Eichen in % Ausfallrate Wie bei der Buche sind auch bei Eiche die Ausfallraten vergleichsweise niedrig. Sie sind vor allem nach intensivem Insektenfraß erhöht. Im langjährigen Mittel wurden 0,62 % der Eichen außerplanmäßig genutzt, maximal fielen 1998 3,5 % der Eichen des WZE-Kollektives aus. Der aktuelle Wert für 2024 liegt mit 0,64 % auf dem Niveau des Mittelwertes. Foto: J. Evers 91-92 92-93 93-94 94-95 95-96 96-97 97-98 98-99 99-00 00-01 01-02 02-03 03-04 04-05 05-06 06-07 07-08 08-09 09-10 10-11 11-12 12-13 13-14 14-15 15-16 16-17 17-18 18-19 19-20 20-21 21-22 22-23 23-24 Eiche alle Baumarten 0,81 Jährliche Absterberate (stehende Bäume), alle Alter in % 16 14 12 10 8 6 4 2 0 50 40 30 20 10 0 19951991 2000 2005 2010 2015 2020 3 Anteil mittlerer und starker Fraßschäden an älteren Eichen in % 91-92 92-93 93-94 94-95 95-96 96-97 97-98 98-99 99-00 00-01 01-02 02-03 03-04 04-05 05-06 06-07 07-08 08-09 09-10 10-11 11-12 12-13 13-14 14-15 15-16 16-17 17-18 18-19 19-20 20-21 21-22 22-23 23-24 Eiche alle Baumarten 0,64 Jährliche Ausfallrate (als Schadholz entnommene Bäume), alle Alter in % 30 25 20 15 10 5 0 18 Andere Laubund Nadelbäume Bei der Waldzustandserhebung als landesweite, flächendeckende Stichprobeninventur wurden 2024 in Sachsen-Anhalt 33 Baumarten erfasst. Neben den Hauptbaumarten Kiefer, Fichte, Buche und Eiche kommt in den Wäldern eine Vielzahl von anderen Baumarten vor, die im Verdichtungsnetz insgesamt knapp 31 % der Stichprobenbäume der Waldzustandserhebung in Sachsen-Anhalt ausmachen. Jede Baumart für sich genommen ist allerdings zahlenmäßig so gering vertreten, dass allenfalls Trendaussagen zur Kronenentwicklung möglich sind. Bei den Ergebnissen der Waldzustandserhebung werden sie daher in den Gruppen andere Laubbäume und andere Nadelbäume zusammengefasst. Das Vorkommen der anderen Nadelbäume beschränkt sich auf Europäische Lärche, Douglasie, Küstentanne und Hemlocktanne. Ihr Anteil ist von 2,8 % 2023 auf 4,9 % 2024 angestiegen. Zu den anderen Laubbäumen gehören mit abnehmender Häufigkeit Birkenarten, Ahorne, Erlen, Hainbuche, Roteiche, Esche, Linden, Robinie, Weiden und Eberesche. Sehr selten mit Anzahlen unter 10 Bäumen finden sich in der WZE-Stichprobe Ulmenarten und Rosskastanie sowie Wildobstgehölze wie Wildkirsche, Elsbeere und Wildbirne. Die anderen Laubbäume machen in der verdichteten Stichprobe Anteile von knapp 26 % aus. Mittlere Kronenverlichtung Die Gruppe der anderen Laubbäume (alle Alter) reagierte schnell auf die Trockenheit seit 2018. Die mittlere Kronenverlichtung stieg sprunghaft an und erreichte 2019 mit 37 % ihr Maximum. Seitdem sanken die Werte mit Unterbrechung der Jahre 2022 und 2023. 2024 beträgt der Wert 28 %. Häufiger auf tretende Baumarten mit hoher Kronenverlichtung sind vor allem Pappeln, Robinien und Eschen mit Werten über 30 %. Die Gruppe der anderen Nadelbäume hatte nur im Anfangsjahr der Erhebungen die gleichen Kronenverlichtungswerte wie die der anderen Laubbäume. Seitdem sind die Werte teilweise deutlich geringer. Nach einer Erhöhung der Kronenverlichtung im Jahr 2019 sanken die Werte wieder und liegen 2024 bei 13 %. Küstenund Hemlocktannen haben dabei die höchste Verlichtung, kommen allerdings nur sehr selten vor. Starke Schäden Der Anteil stark geschädigter Bäume ist in der Gruppe der anderen Laubbäume vergleichsweise hoch. Vor allem seit 2018 stieg er stark an von Werten unter 5 % auf Werte über 10 % und maximal 21 % in den Jahren 2019 und 2022. 2024 sank der Wert das zweite Jahr in Folge und liegt nun bei 12 %. Bei der Gruppe der anderen Nadelbäume ist mit 3,1 % nur ein deutlich kleinerer Teil stark geschädigt. Dies spiegelt die relativ guten Vitalitätszustände von Douglasie und Lärche wider. Mittlere Kronenverlichtung in % Anteil starker Schäden (inkl. abgestorbener Bäume), alle Alter in % Lärche Foto: P. Gawehn Andere Laubund Nadelbäume, alle Alter mittlere Kronenverlichtung in % 60 50 40 30 20 10 0 19951991 2000 2005 2010 2015 2020 28 13 21 andere Laubbäume, alle Altersstufen andere Nadelbäume, alle Altersstufen Anteil starker Schäden (inkl. abgestorbener Bäume), alle Alter in % 12 25 20 15 10 5 0 andere Laubbäume alle Baumarten 25 20 15 10 5 0 19951991 2000 2005 2010 2015 2020 andere Nadelbäume alle Baumarten 3,1 Feldahorn Foto: M. Spielmann 19 Jährliche Absterberate (stehende Bäume), alle Alter in % Jährliche Ausfallrate (als Schadholz entnommene Bäume), alle Alter in % Andere Laubund Nadelbäume Absterberate Die Absterberate der anderen Laubbäume lag bisher in vielen Jahren über der für alle Baumarten. Der Maximalwert wurde mit 6,1 % im Jahr 2019 erreicht; danach sank die Rate wieder. 2024 liegt der Wert mit 1 % wieder etwas höher als im Vorjahr, als er 0,8 % betrug. Bei der Gruppe der anderen Nadelbäume starb in vielen Jahren kein Baum aus dem WZE-Kollektiv ab. Absterbeereignisse traten in einzelnen Jahren (2000, 2006, 2009) auf. Die höchste Rate wurde 2020 ermittelt, als 7,2 % der anderen Nadel bäume abstarben. 2024 lag der Wert bei 1,6 %, nachdem 2022 und 2023 kein Baum abstarb. Ausfallrate Bei der Gruppe der anderen Laubbäume wurden im langjährigen Mittel 1,2 % außerplanmäßig genutzt. Die Werte erhöhten sich vor allem nach Trockenheit oder Stürmen wie 2003, 2007 oder auch in den Jahren seit 2018. Maximal fielen 2018 5,1 % der Bäume aus der Gruppe der anderen Laubhölzer aus. 2024 liegt der Wert bei 2,3 % und sinkt damit das zweite Jahr in Folge leicht. Für die Gruppe der anderen Nadelbäume lässt sich die Ausfallrate für die Jahre vor 2018 nicht zuverlässig berechnen. Das Diagramm zeigt daher nur Werte ab 2018. Bei den Daten fällt der hohe Wert von 18 % im Jahr 2022 auf. Seitdem wurde kein Baum aus der Gruppe der anderen Nadelhölzer mehr außerplanmäßig genutzt. Jährliche Absterberate (stehende Bäume), alle Alter in % andere Laubbäume alle Baumarten 1,0 8 6 4 2 0 91-92 92-93 93-94 94-95 95-96 96-97 97-98 98-99 99-00 00-01 01-02 02-03 03-04 04-05 05-06 06-07 07-08 08-09 09-10 10-11 11-12 12-13 13-14 14-15 15-16 16-17 17-18 18-19 19-20 20-21 21-22 22-23 23-24 andere Nadelbäume alle Baumarten 1,6 8 6 4 2 0 Jährliche Ausfallrate (als Schadholz entnommene Bäume), alle Alter in % andere Laubbäume alle Baumarten 2,3 15 10 5 0 91-92 92-93 93-94 94-95 95-96 96-97 97-98 98-99 99-00 00-01 01-02 02-03 03-04 04-05 05-06 06-07 07-08 08-09 09-10 10-11 11-12 12-13 13-14 14-15 15-16 16-17 17-18 18-19 19-20 20-21 21-22 22-23 23-24 andere Nadelbäume alle Baumarten 0 20 15 10 5 0 Birke Foto: C. Klinck Douglasie Foto: M. Spielmann 20 Witterung und Klima Johannes Sutmöller https://doi.org/10.5281/zenodo.14162409 Für eine flächenhafte Aussage für das Land Sachsen-Anhalt werden die klimatologischen Größen Niederschlag und Temperatur anhand der Messstationen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) ausgewertet. Die Messwerte werden mit einem kombinierten Regionalisierungsverfahren (Inverse Distance Weighting, Höhenregression) auf ein einheitliches 50-Meter-Raster interpoliert. Die Mitteltemperaturen werden in Grad Celsius (°C) und die Abweichung in Kelvin (K, entspricht °C) angegeben. Im Waldzustandsbericht wird die Witterung des Vegetationsjahres 2023/24 beschrieben. Das Vegetationsjahr umfasst die Monate Oktober des Vorjahres bis einschließlich September des aktuellen Jahres. Um den anthropogen verursachten Erwärmungstrend zu verdeutlichen, werden die Monatsmittelwerte des Vegetationsjahres mit den langjährigen Werten der international gültigen Klimareferenzperiode 1961–1990 verglichen. Neben eigenen Auswertungen werden die Ergebnisse aus den Klimastatusberichten des DWD berücksichtigt. Das Vegetationsjahr 2023/24 war mit 11,6 °C im Landesmittel von Sachsen-Anhalt das mit Abstand wärmste seit Auswertungsbeginn. Es war damit 3,0 K wärmer als das langjährige Mittel der Klimanormalperiode 1961–1990 bzw. 2,0 K im Vergleich zur aktuellen Referenzperiode 1991–2020. Mit 785 mm Jahresniederschlag wurde gleichzeitig eine der höchsten Niederschlagsmengen seit Auswertungsbeginn gemessen und das langjährige Mittel von 558 mm um mehr als 40 % übertroffen. Dabei waren alle Monate teilweise deutlich wärmer als im langjährigen Mittel und fast alle Monate feuchter als normal. Von Oktober 2023 bis September 2024 kam es zu keiner ausgeprägten Trockenperiode, sodass das pflanzenverfügbare Wasser in den Waldböden während der Vegetationszeit ausreichte, um die Wasserversorgung der Waldbestände zu gewährleisten. Das Kalenderjahr 2023 war in Sachsen-Anhalt das wärmste Jahr seit Beginn regelmäßiger Messungen im Jahr 1881. Die Jahresmitteltemperatur betrug knapp 11,0 °C (2020: 10,9 °C). Die Top 5 der wärmsten Jahre traten alle seit dem Jahr 2018 auf, die zehn wärmsten Jahre seit dem Jahr 2000. Dies verdeutlicht, dass die globale Erwärmung sich ungebremst fortsetzt und weiter beschleunigt. Witterungsverlauf von Oktober 2023 bis September 2024 Zu Beginn des Vegetationsjahres führten im Oktober 2023 Westwindwetterlagen zu häufigen und flächendeckenden Niederschlägen. Mit 91 mm im Flächenmittel von Sachsen-Anhalt war der Monat sehr nass (fast 2,5-fach über der mittleren Niederschlagsmenge). Besonders niederschlagsreich war es im Westen des Landes. Trotz der hohen Niederschläge lagen die Werte für die Bodenfeuchte im Gebietsmittel unter den Werten des langjährigen Mittels. Mit einer Monatsmitteltemperatur von 12,1 °C war der Oktober 2,8 K wärmer als im Durchschnitt der Klimanormalperiode 1961–1990 (Abb. und Tabelle Seite 21). Im November setzte sich die milde und sehr niederschlagsreiche Witterung fort. Dabei war es häufig trüb und zeitweise stürmisch. Es fielen 81 mm Niederschlag und damit 85 % mehr als im langjährigen Mittel. Infolgedessen übertraf der Wassergehalt im Oberboden (bis 60 cm Tiefe) häufig die langjährigen Mittelwerte der Bodenfeuchte. Zum Monatsende führte ein erster Kaltlufteinbruch zu Schneefällen und regional mäßigen Nachtfrösten. Die Monatsmitteltemperatur betrug 5,9 °C (+1,5 K). Trotz eines kühlen Starts in den Dezember war der Monat sehr mild und mit 4,3 °C um 3,3 K wärmer als üblich. Gleichzeitig fiel mit 106 mm deutlich mehr Niederschlag als normal (+120 %). Angesichts anhaltender Regenfälle und dadurch bedingt gesättigter Böden kam es ab Weihnachten zu einer Hochwasserlage, die besonders den Norden Deutschlands betraf. In Sachsen-Anhalt waren besonders die Elbe mit ihren Nebenflüssen und die Helma im Südharz betroffen. Die niederschlagsreiche Witterung setzte sich zu Beginn des Jahres 2024 fort. So war auch der Januar überdurchschnittlich nass. Das langjährige Niederschlagssoll wurde mit 48 mm im Flächenmittel um 20 % übertroffen. Gleichzeitig war der Monat sehr sonnig und mild. Die Monatsmitteltemperatur von 1,6 °C lag um 2,0 K über dem Mittel der Klimanormalperiode. Es folgte der wärmste Februar seit Aufzeichnungsbeginn. Die Monatsmitteltemperatur betrug 6,7 °C und lag um 6,4 K über dem langjährigen Mittel. Während des gesamten Monats dominierten Westwindwetterlagen, die feuchte und milde Atlantikluft nach Sachsen-Anhalt führten. Im Landesmittel fiel mit 69 mm mehr als das Doppelte der üblichen Niederschlags menge. Es Foto: M. Spielmann 21 Abweichungen von Niederschlag und Temperatur vom Mittel der Klimareferenzperiode 1961–1990 (durchgezogene schwarze Linie) in SachsenAnhalt, Monatswerte für das Vegetationsjahr 2023/2024 (Oktober 2023– September 2024). Abweichungen von Niederschlag und Temperatur 2023/24 Daten des Deutschen Wetterdienstes, Offenbach Temperaturmittelwerte und Niederschlagssummen für das Vegetationsjahr 2023/2024 (Oktober 2023–September 2024) sowie die langjährigen Mittelwerte der Referenzperioden 1961–1990 und 1991–2020 zu kalt* -5 K -3 K -1 K +1 K +3 K +5 K zu warm* zu nass* 175 % 150 % 125 % 75 % 50 % 25 % zu trocken* * Abweichung zur Periode 1961-1990 Witterung und Klima war der fünfte Monat in Folge, der deutlich zu nass war. Nach dem rekordwarmen Februar wurde im März 2024 mit 7,7 °C ebenfalls ein neuer Höchstwert bei der Monatsmitteltemperatur für diesen Monat erzielt (Abweichung +4,1 K). Die für die Jahreszeit hohen Temperaturen ließen den Vegetationsbeginn um 2 bis 3 Wochen früher starten als normal. Während die erste Monatshälfte unter Hochdruckeinfluss trocken war, folgte in der zweiten Monatshälfte ein unbeständiger Witterungsabschnitt. Mit 30 mm wurde das langjährige Niederschlagssoll um rund 25 % unterschritten. Trotz der unterdurchschnittlichen Niederschlagsmenge trockneten die Oberböden nur langsam ab. Die wechselhafte Witterung setzte sich im April fort. Zu Beginn des Monats erreichte mit einer kräftigen Südströmung Warmluft, die in den höheren Luftschichten enorme Mengen an Saharastaub mitführte, Sachsen-Anhalt. Es wurden erste Sommertage mit einer Tageshöchsttemperatur von mehr als 25 °C gemessen. Infolge der warmen Vormonate war die Vegetationsentwicklung bereits weit fortgeschritten, sodass in der letzten Monatsdekade leichte, regional sogar mäßige Luftfröste mit einer Minimumtemperatur von unter -5 °C zu verbreiteten Frostschäden führten. Die Monatsmitteltemperatur von 10,9 °C lag um 3,2 K über dem Mittelwert der Klimanormalperiode. Die Niederschlagshöhe betrug im Flächenmittel des Landes 38 mm und lag damit etwas unter dem Niederschlagssoll. Die Böden waren landesweit gut durchfeuchtet und die Wassergehalte im Oberboden entsprachen dem Mittel des Vergleichszeitraumes von 1961–1990. Der Mai war in Sachsen-Anhalt überdurchschnittlich sonnenscheinreich und warm, aber gleichzeitig auch nass. Während in der ersten Monatshälfte stabile Hochdruckwetterlagen dominierten, setzten sich in der zweiten Monatshälfte feucht-warme und instabile Luftmassen durch. Es fielen 72 mm Regen, dies entspricht einem Überschuss von rund 35 %. Die hohe Niederschlagssumme wurde vielfach durch Starkregenereignisse verursacht. Mit einer Mitteltemperatur von 16,2 °C war der Mai einer der wärmsten seit Aufzeichnungsbeginn in Sachsen-Anhalt. Die positive Abweichung betrug +3,5 K. Infolge der hohen Verdunstungsleistung der Vegetation trockneten die Wasserspeicher im Oberboden landesweit deutlich ab. Der Juni war ebenfalls wärmer als das klimatologische Mittel der Periode 1961–1990. Die Monatsmitteltemperatur betrug 17,3 °C und lag damit 1,3 K über dem langjährigen Monatsmittelwert. Zum Ende des Monats wurden die ersten Hitzetage (Tagesmaximumtemperatur >30 °C) des Jahres an vielen Messstationen in Sachsen-Anhalt registriert. Ein wechselhafter Witterungs charakter dominierte den ersten Sommermonat des Jahres 2024. Die Niederschlagshöhe betrug 60 mm und entsprach damit annähernd dem langjährigen Mittel. Die Böden wiesen im Westen des Landes überdurchschnittlich hohe Wasser gehalte auf, während die Bodenfeuchte in den östlichen Landes teilen eher unterdurchschnittlich war. Der Juli war in Sachsen-Anhalt sehr abwechslungsreich. Obwohl mit 83 mm knapp 60 % mehr Niederschlag fiel als im langjährigen Mittel, war der Monat sonnenscheinreich, da die Niederschläge häufig in Form von Starkregen auftraten. So fielen am Foto: P. Klinck Temperatur (°C) Niederschlag (mm) 2023/24 1961– 1990 1991– 2020 2023/24 1961– 1990 1991– 2020 Oktober 12,1 9,3 9,6 91 36 44 November 5,9 4,4 5,0 81 44 45 Dezember 4,3 1,0 2,0 106 48 47 Januar 1,6 -0,4 1,0 48 40 46 Februar 6,7 0,3 1,7 69 34 34 März 7,7 3,6 4,7 30 40 42 April 10,9 7,7 9,4 38 44 32 Nichtvegetationszeit 7,0 3,7 4,8 463 286 291 Mai 16,2 12,7 13,6 72 53 56 Juni 17,3 16,0 16,8 60 64 57 Juli 19,3 17,4 19,0 83 54 72 August 20,5 17,0 18,5 37 59 59 September 16,4 13,6 14,3 70 42 50 Vegetationszeit 17,9 15,4 16,4 322 272 294 Vegetationsjahr 11,6 8,6 9,6 785 558 585 7 5 3 1 -1 -3 300 250 200 150 100 50 0 Okt. Temperatur (K) Niederschlag (%) Nov. Dez. Jan. Feb. Mrz. Apr. Mai Jun. Jul. Aug. Sep. Daten des Deutschen Wetterdienstes, Offenbach 22 Bandbreite (1881-2023), Erläuterung siehe Text rechts über dem Mittel unter dem Mittel Mittel 1961-1990 2024 800 600 400 200 0 mm Okt. Okt.Nov. Dez. Jan. Feb. Mrz. Apr. Mai Jun. Jul. Aug. Sep. Witterung und Klima 27. Juli in einem breiten Streifen in der Landesmitte 30 bis über 50 mm Niederschlag (bspw. an der Station Loburg 52 mm Niederschlag). Entsprechend gab es regional große Unterschiede bei den Niederschlagsmengen. Trotz eines kühlen Starts in den Monat lag die Monatsmitteltemperatur bei 19,3 °C und damit um 1,9 K über dem Mittelwert der Klimanormalperiode. Im August dominierten warme Luftmassen die Witterung in Sachsen-Anhalt. Im Landesmittel fielen 37 mm Niederschlag und damit rund 35 % weniger als im langjährigen Durchschnitt. Allerdings gab es regional sehr große Unterschiede in den Niederschlagsmengen. Insbesondere in den südwestlichen Landesteilen von Sachsen-Anhalt und gebietsweise im Osten war es infolge von Starkregen und Unwettern teilweise sehr nass. So fielen am 14. August in Kemberg-Radis 84 mm Niederschlag innerhalb weniger Stunden. Am 1. August kam es im Südharz an der Grenze zu Thüringen zu Starkniederschlägen, die kleinräumig Überflutungen auslösten. In den nördlichen und östlichen Landesteilen fiel dagegen häufig nur die Hälfte der durchschnittlichen Niederschlagsmenge. Das Temperaturmittel lag mit 20,5 °C um 3,5 K über dem Wert der international gültigen Referenz periode 1961–1990. Damit war der August 2024 einer der wärmsten der letzten Jahrzehnte. Am 29. August wurde an den Stationen Demker und Möckern-Drewitz mit 35,2 °C die höchste Temperatur des Sommers in Sachsen-Anhalt gemessen. Im September setzte sich die hochsommerliche Witterung fort, bevor ab der zweiten Monatsdekade ein erster Herbstgruß zu einer markanten Abkühlung führte. Anfang des Monats wurden nochmal einige heiße Tage mit einer Höchsttemperatur von über 30 °C gemessen. Die Monatsmitteltemperatur betrug 16,4 °C und übertraf damit das langjährige Mittel um 2,8 K. Auch der letzte Monat des Vegetationsjahres war sehr nass. Das langjährige Niederschlagssoll wurde mit 70 mm im Flächenmittel deutlich übertroffen (+65 %). In der Abbildung links ist der aufsummierte Niederschlag an der DWD-Klimastation Magdeburg für das vergangene Vegetationsjahr im Vergleich zu den Jahren 1881 (Messbeginn) bis 2023 dargestellt. In der Zeitreihe wurden teilweise Lücken gefüllt, sodass im gesamten Messzeitraum nur wenige Jahre aufgrund von Datenausfall unberücksichtigt blieben. Die Bandbreite wird durch das im Beobachtungszeitraum trockenste Jahr (1911) und das bisher niederschlagsreichste Jahr (1955) aufgespannt. Das Vegetationsjahr 2023/24 war an der Klimastation Magdeburg sehr niederschlagsreich. Bereits im Oktober 2023 wurde das Maximum aus dem Jahr 1955 deutlich übertroffen. Im weiteren Verlauf führten wiederholte Niederschläge dazu, dass während des gesamten Vegetationsjahres die aufsummierten Niederschläge deutlich über dem Mittel der Klimanormal periode 1961–1990 lagen. Die Trockenheit der letzten Jahre wurde damit durch eine sehr feuchte zwölfmonatige Phase abgelöst, die dazu führte, dass die Bodenund Grundwasserspeicher nachhaltig aufgefüllt wurden. Temperatur und Niederschlag im langjährigen Verlauf Das Vegetationsjahr 2023/24 war das wärmste Jahr seit Mess beginn. Die Mitteltemperatur betrug 11,6 °C und lag damit 3,0 K über dem Mittelwert der international gültigen Klima normalperiode 1961–1990 bzw. 2,0 K über der aktuellen Klimareferenzperiode 1991–2020 (Tabelle Seite 21). Der langfristige Erwärmungstrend setzt sich ungehindert fort, wie das gleitende Mittel der letzten 30 Jahre verdeutlicht (gepunktete Linie in der Abb. links). Alle Monate waren im Abweichungen von Niederschlag (oben) und Temperatur (unten) vom Mittel der Klimaperiode 1961–1990 (durchgezogene schwarze Linie) und gleitendes Mittel der letzten 30 Jahre ( gepunktete graue Linie) in Sachsen-Anhalt, Jahreswerte für das Vegetationsjahr (Oktober bis September) Abweichungen von Niederschlag und Temperatur 1961–2024 Daten des Deutschen Wetterdienstes, Offenbach Daten des Deutschen Wetterdienstes, Offenbach Akkumulierter Niederschlag im Vegetationsjahr an der Klimastation Magdeburg 900 800 700 600 500 400 11 10 9 8 7 6 Abweichungen von Niederschlag und Temperatur vom Mittel der Klimaperiode 1961-1990 und gleitendes 30-jähriges Mittel in Sachsen-Anhalt, Jahreswerte für das Vegetationsjahr (Oktober-September) 1995199019851965 1970 1975 1980 2000 2005 2010 2015 2020 Daten des Deutschen Wetterdienstes, Offenbach Mittel der Klimaperiode 1961-1990 gleitendes 30-jähriges Mittel Temperatur (°C) Niederschlag (mm) 23 Witterung und Klima Vergleich zur Klimanormalperiode teilweise deutlich wärmer und kein Monat kühler als im Mittel der Periode 1991–2020. Das vergangene Vegetationsjahr war sehr niederschlagsreich. Im Flächenmittel von Sachsen-Anhalt fielen 785 mm Niederschlag (+40 %). Dabei fiel in fast allen Monaten deutlich mehr Niederschlag als im langjährigen Mittel. Im Vergleich zu den letzten Jahren kam es aufgrund der unbeständigen Witterung zu keiner ausgeprägten Bodentrockenheit. Die Nichtvegetationszeit von Oktober 2023 bis April 2024 war außergewöhnlich mild und nass. Die Mitteltemperatur betrug 7,0 °C und lag 3,3 K über dem Wert der Klimareferenzperiode von 1961–1990 (Abb. unten, Tabelle Seite 21). Landesweit waren die positiven Abweichungen sehr ähnlich (Abbildung Seite 24 links oben). Die Niederschlagssumme erreichte im Flächenmittel 463 mm und damit rund 60 % mehr als im langjährigen Mittel. Besonders nass war es im gesamten Norden und Osten sowie der Mitte des Landes, während im Harz und Hügelland der Niederschlagsüberschuss deutlich geringer ausfiel (Abb. Seite 24 links unten). Die Vegetationszeit von Mai bis September 2024 zeichnete sich durch ein West-Ost-Gefälle bei der Temperaturabweichung aus. Im äußersten Westen betrug die positive Abweichung weniger als 2,3 K, während im östlichen Fläming mehr als 2,7 K Temperaturanomalie gemessen wurde (Abb. Seite 24 rechts oben). Im Landesmittel war es um 2,5 K wärmer als im langjährigen Durchschnitt. Die Mitteltemperatur betrug 17,9 °C (Abb. unten, Tabelle Seite 21). In der Vegetationszeit fielen 322 mm Niederschlag und damit knapp 20 % mehr als im langjährigen Durchschnitt (Abb. unten, Tabelle Seite 21). Gebiete, in denen es besonders nass war, wechselten kleinräumig mit Bereichen, die nur einen geringen Niederschlagsüberschuss verzeich neten. In den Regionen, die von Starkregenereignissen betroffen waren (gebietsweise im Südwesten), wurde teilweise mehr als 50 % der Niederschlagsmenge im Vergleich zum langjährigen Durchschnitt gemessen (Abb. Seite 24 rechts unten). Fazit • Das Vegetationsjahr 2023/24 war rekordwarm und sehr nass. Mit einer Mitteltemperatur von 11,6 °C wurde das langjährige Mittel um 3,0 K übertroffen und war damit mit Abstand das wärmste Jahr seit Auswertungsbeginn. Der langjährige Erwärmungstrend setzte sich unvermindert fort. • Alle Monate waren im Vergleich zur international gültigen Klimareferenzperiode 1961–1990 wärmer. In allen Monaten betrug die Abweichung mehr als 1 K. • Die Niederschlagssumme von 785 mm im Flächenmittel des Landes übertraf das langjährige Mittel um rund 40 %. Damit wurde erstmalig seit 2010 die mittlere Niederschlagsmenge in Sachsen-Anhalt wieder deutlich übertroffen. • Infolge der unbeständigen Witterung kam es zu keiner ausgeprägten Trockenperiode, sodass das pflanzenverfügbare Wasser in den Waldböden während der Vegetationszeit ausreichte, um die Wasserversorgung der Waldbestände zu gewährleisten. Literatur Deutscher Wetterdienst (2023): Monatlicher Klimastatus Deutschland. DWD, Geschäftsbereich Klima und Umwelt, Offenbach, www.dwd.de/klimastatus Deutscher Wetterdienst (2024): Monatlicher Klimastatus Deutschland. DWD, Geschäftsbereich Klima und Umwelt, Offenbach, www.dwd.de/klimastatus Daten des Deutschen Wetterdienstes, Offenbach Langjährige Klimawerte (1995–2024) Nichtvegetationsperiode Oktober bis April, Sachsen-Anhalt Langjährige Klimawerte (1995–2024) Vegetationsperiode Mai bis September, Sachsen-Anhalt Foto: C. Klinck 8 6 4 2 0 600 500 400 300 200 100 Langjährige Klimawerte (1995-2024) Nichtvegetationsperiode Oktober bis April, Sachsen-Anhalt 1995 2000 2005 2010 2015 2020 Langjähriges Mittel 1961-1990 = 286 mm Langjähriges Mittel 1961-1990 = 3,7 °C Temperatur (°C) Niederschlag (mm) Daten des Deutschen Wetterdienstes, Offenbach 18 17 16 15 14 600 500 400 300 200 100 Langjährige Klimawerte (1995-2024) Vegetationsperiode Mai bis September, Sachsen-Anhalt 1995 2000 2005 2010 2015 2020 Langjähriges Mittel 1961-1990 = 272 mm Langjähriges Mittel 1961-1990 = 15,4 °C Temperatur (°C) Niederschlag (mm) Daten des Deutschen Wetterdienstes, Offenbach 24 NVZ Abweichung Temperatur in K <3,0 3,1 3,2 3,3 3,4 >3,5 VZ Abweichung Temperatur in K <2,3 2,4 2,5 2,6 2,7 >2,8 NVZ Abweichung Niederschlag in % > 75 40 20 0 -10 -20 <-30 VZ Abweichung Niederschlag in % > 30 20 10 0 -10 -20 <-30 Witterung und Klima Abweichung der Temperatur vom langjährigen Mittel (1961–1990) in der Nichtvegetationszeit (NVZ) 2023/2024 und in der Vegetationszeit (VZ) 2024 Abweichung der Niederschlagssumme vom langjährigen Mittel (1961–1990) in der Nichtvegetationszeit (NVZ) 2023/2024 und in der Vegetationszeit (VZ) 2024 Daten des Deutschen Wetterdienstes, Offenbach 25 Insekten und Pilze Martin Rohde, Rainer Hurling, Gitta Langer, Johanna Bußkamp und Pavel Plašil https://doi.org/10.5281/zenodo.14162452 Borkenkäfer Im Jahr 2023 kam es teilweise weiterhin zu stärkerem Befall durch Borkenkäfer. In nicht vollständig aufgearbeiteten Bereichen konnten teils größere Mengen an Borkenkäfern in die Überwinterung entkommen. Der Winter 2023/2024 verlief bezogen auf Temperaturen und Niederschläge unauffällig. Es konnte davon ausgegangen werden, dass überwinternde Käferbruten weder nennenswert gefördert noch beeinträchtigt wurden. Daher bestand für Bereiche mit größeren Mengen überwinternder Borkenkäfer weiterhin ein hohes Befallsrisiko im Frühjahr 2024. Die Käfersaison 2024 startete früh Anfang April, verlief dann ab Mitte April bei eher kühlem, oft auch feuchtem Wetter aber verhalten. Ab Ende April bis in den Sommer hinein wurden immer wieder teils sehr starke Niederschläge verzeichnet, die Temperaturen waren meist überdurchschnittlich hoch. Anfang April kam es bereits zu erstem verhaltenem Stehendbefall, ab Ende April bis weit in den Mai hinein wurde umfangreicherer frischer Befall im Liegenden und im Stehenden festgestellt. Geschwisterbruten traten weniger in Erscheinung als in den Vorjahren. Vielerorts flogen ab etwa Ende Juni große Mengen an Jungkäfern aus, auf der Suche nach neuen Wirtsbäumen. Der Ausflug der Jungkäfer verlief, wahrscheinlich witterungsbedingt, verzettelt und zog sich bis weit in den Juli. Insgesamt sind die im Zuständigkeitsgebiet der NW-FVA bisher gemeldeten Schäden durch Borkenkäfer deutlich verhaltener als in den Vorjahren seit 2018. Die in der Tabelle unten für die erste Hälfte der Käfersaison 2024 (01.04. bis 08.07.) aufgeführten Meldeanzahlen und zugehörigen Schadvolumina fassen Borkenkäferschäden über alle Baumarten, liegend und stehend, zusammen. Getrennt wird nach Bundesländern sowie nach Befall durch rindenbrütende bzw. holzbrütende Borkenkäfer arten. Außerdem führt die Tabelle unten länderweise die ab Anfang Januar gemeldeten Schadvolumina an Windwurf bzw. Windbruch auf. Bis zum Stichtag hatte Hessen etwa doppelt so hohe Sturmschäden zu verzeichnen wie Sachsen-Anhalt und Niedersachsen. Die sturmbedingten Schadvolumina sind insgesamt nur noch wenig geeignet, um die Fortsetzung des Käferbefalls und das Entstehen neuer Befallsbereiche zu erklären. Durch den mehrjährigen Trockenstress bedingte Schäden dürften inzwischen an Bedeutung verlieren, da die Fichten und Kiefern sich aufgrund zunehmender Niederschläge wieder erholen. Neben immer noch deutlichem Neubefall von Fichten durch Lage und Verteilung der Borkenkäferschäden in den Trägerländern für die erste Hälfte der Borkenkäfersaison 2024 (Meldungen im Waldschutzmeldeportal bis 08.07.2024) Gemeldetes Schadvolumen durch rindenund holzbrütende Borkenkäfer vom 01.04.2024–08.07.2024 sowie Windwurf und Windbruch vom 01.01.2024– 08.07.2024 Rindenbrütende Borkenkäfer Holzbrütende Borkenkäfer Windwurf/-bruch Land Anzahl Meldungen Schadvolumen (m3) Anzahl Meldungen Schadvolumen (m3) Anzahl Meldungen Schadvolumen (m3) Hessen 6.576 62.341 6 307 6.633 38.165 Niedersachsen 6.243 27.119 60 226 7.707 20.361 Sachsen-Anhalt 1.496 25.902 6 110 228 16.425 Schleswig-Holstein 800 2.784 0 0 1.809 3.434 Nationalpark Harz 0 0 0 0 0 0 Bundesforsten 9 84 0 0 0 0 Summe 15.124 118.230 72 643 16.377 78.385 32 Stoffeinträge Level II-Kiefernfläche Nedlitz Foto: B. Scheler Stickstoffeintrag Stickstoff wird als Nitrat (oxidierte Form, Quellen: Kfz-Verkehr, Verbrennungsprozesse) und als Ammonium (reduzierte Form, landwirtschaftliche Quellen) in das Ökosystem eingetragen. Im Freiland und mit der Gesamtdeposition lag der Ammoniumanteil am anorganischen Stickstoffeintrag im Mittel der Jahre 2014–2023 zwischen 55 % und 60 %. Seit Untersuchungsbeginn ist der Ammoniumanteil am Stickstoffeintrag in Nedlitz (Freiland und Kiefer) deutlich zurückgegangen, während er auf den anderen untersuchten Flächen gleich hoch geblieben ist bzw. unter Kiefer in Klötze etwas zugenommen hat. Betrachtet man den Zeitraum seit Untersuchungsbeginn, hat der Nitratstickstoffeintrag im Freiland und mit der Gesamtdeposition auf allen untersuchten Flächen signifikant abgenommen. Die deutliche Abnahme hat sich in den vergangenen zehn Jahren auf allen Flächen fortgesetzt. 2023 betrug er im Freiland zwischen 1,9 kg (Nedlitz, Colbitz) und 2,1 kg (Klötze) und unter Kiefer (Gesamtdeposition) zwischen 2,9 kg (Colbitz) und 4,1 kg (Klötze) je Hektar. Unter Douglasie belief sich 2023 die Gesamtdeposition von Nitratstickstoff pro Hektar auf 5,1 kg (Klötze). Der Ammoniumstickstoffeintrag hat auf den Intensiv-Monitoringflächen in Sachsen-Anhalt seit Untersuchungsbeginn ebenfalls signifikant abgenommen. In den Jahren 2014–2023 wurde im Freiland und auf allen Bestandesflächen eine weitere signifikante Abnahme beobachtet. Im Freiland lag er 2023 zwischen 2,1 kg (Colbitz) und 2,6 kg (Nedlitz) je Hektar und unter Kiefer zwischen 3,2 kg (Colbitz) und 5,5 kg (Klötze). Unter Douglasie (Klötze) betrug er pro Hektar 6,7 kg. Besonders eindrücklich zeigt sich die Abnahme der Stickstoffeinträge im Vergleich mit den Jahren 2017 (Klötze) bzw. 2013 (Nedlitz), die ähnlich niederschlagsreich waren wie 2023. Betrug der anorganische Stickstoffeintrag je Hektar in Klötze unter Kiefer 2017 noch 14,4 kg, waren es 2023 bei gleicher Niederschlagshöhe nur noch 9,6 kg. Unter Douglasie hat der Eintrag von 17,5 kg (2017) auf 11,8 kg abgenommen. In Nedlitz ist der Eintrag unter Kiefer von 14,4 kg im Jahr 2013 auf 7,1 kg je Hektar zurückgegangen. Trotz der erfreulichen Abnahme des anthropogen bedingten atmosphärischen anorganischen Stickstoffeintrags überschritt er im Mittel der letzten fünf Jahre (2019–2023) mit 12,2 kg je Hektar unter Douglasie (Klötze) und rund 10 kg unter Kiefer (Klötze, Nedlitz) nach wie vor den Bedarf der Wälder für das Baumwachstum. Stickstoffeinträge, die über dem Bedarf des Ökosystems für das Wachstum liegen, reichern sich im Ökosystem an und ziehen – ggf. zeitverzögert – gravierende negative Konsequenzen nach sich. Durch Kalamitäten wie Windwurf oder Borkenkäferbefall, in deren Folge in den vergangenen Jahren u. a. im Harz riesige Freiflächen entstanden sind, kommt es zu einer Entkoppelung der Stoffkreisläufe. Der im Boden gebundene Stickstoff wird rascher mineralisiert, mangels Bäumen wird jedoch nur ein sehr kleiner Teil von der zwischenzeitlich aufgekommenen Schlagflora aufgenommen, erhöhte Nitratausträge mit dem Sickerwasser sind die Folge. Da Nitrat im Bodenwasser von Nährstoffkationen wie Calcium, Magnesium oder Kalium sowie sauren Kationen wie Aluminium begleitet wird, verlieren die Ökosysteme wichtige Nährstoffe aus den ohnehin meist nährstoffarmen Waldböden. Außerdem erhöht sich die Konzentration von sauren Kationen wie z. B. Aluminium in der Bodenlösung, die für die Vegetation Stickstoffeintrag (NH4-N + NO3-N) im Freiland und im Bestand in kg je Hektar und Jahr durchgezogene Linie: signifikante Abnahme, gepunktete Linie: kein signifikanter Trend Stickstoffeintrag (NH4-N + NO3-N) im Freiland und im Bestand in kg je Hektar und Jahr 2000 2005 2010 2015 2020 Klötze, Kiefer 30 20 10 0 2000 2005 2010 2015 2020 Nedlitz, Kiefer 30 20 10 0 Colbitz, Kiefer 30 20 10 0 Klötze, Douglasie 30 20 10 0 Freiland Gesamtdeposition im Bestand 33 schädlich sind. Angrenzende Ökosysteme wie Oberflächenund Grundgewässer werden ggf. durch hohe Nitrataus träge oder hohe Aluminiumkonzentrationen gefährdet. Zum Schutz der Ökosysteme ist eine weitere Reduktion der Stickstoffemissionen wichtig. Gesamtsäureeintrag Der Gesamtsäureeintrag berechnet sich als Summe der Gesamtdeposition von Nitrat, Ammonium, Sulfat und Chlorid (jeweils nicht seesalzbürtige Anteile, Gauger et al. 2002). 2023 betrug der Gesamtsäureeintrag je Hektar im Freiland rund 0,4 kmolc, unter Kiefer zwischen 0,5 kmolc, (Colbitz) und 0,8 kmolc (Klötze) sowie unter Douglasie 1,0 kmolc (Klötze). Ein Teil des Säureeintrags wird durch die ebenfalls mit dem Niederschlag eingetragenen Basen gepuffert. Berücksichtigt man diese Pufferleistung und zieht die nicht seesalzbürtigen Anteile der Basen Calcium, Magnesium und Kalium vom Gesamtsäureeintrag ab, erhält man den ökosystemar bedeutsamen Netto-Gesamtsäureeintrag (Gauger et al. 2002). Auf den Intensiv-Monitoringflächen Sachsen-Anhalts wurden im Mittel der Jahre 2019–2023 zwischen 20 % (Klötze Kiefer) und 46 % (Colbitz Kiefer) der Gesamtsäureeinträge durch nicht seesalzbürtige Basen abgepuffert. Ein weiterer Teil des Säureeintrags wird im Erdreich durch Basen gepuffert, die durch Verwitterung freigesetzt werden. Die nachhaltige Säurepufferkapazität aus Verwitterung reicht auf den oft nährstoffarmen Waldstandorten jedoch auch unter Berücksichtigung der Baseneinträge nicht aus, um die Säureeinträge vollständig zu kompensieren. Eine standortsangepasste Kalkung zum Schutz der Wald böden und der Erhaltung ihrer Filterfunktion für das Grundwasser kann deshalb auf diesen Standorten empfohlen werden. Stoffeinträge anthropogen = durch menschliche Aktivitäten verursacht Deposition = Ablagerung von Stoffen Eutrophierung = Nährstoffanreicherung kmolc (Kilomol charge) = Menge an Ladungsäquivalenten. Sie berechnet sich wie folgt: Elementkonzentration multipliziert mit der Wertigkeit des Moleküls (= Ladungsäquivalente pro Molekül), dividiert durch das Molekulargewicht. Multipliziert mit der Niederschlagsmenge ergibt sich die Fracht an Ladungsäquivalenten in kmolc je Hektar. Literatur Gauger, T., F. Anshelm, H. Schuster, G. P. J. Draaijers, A. Bleeker, J. W. Erisman, A. T. Vermeulen & H.-D. Nagel (2002): Kartierung ökosystembezogener Langzeittrends atmosphärischer Stoffeinträge und Luftschadstoffkonzentrationen in Deutschland und deren Vergleich mit Critical Loads und Critical Levels. Forschungsvorhaben im Auftrag des BMU/UBA, FE-Nr. 299 42 210., Institut für Navigation, Univ. Stuttgart. 207 S. Simon, K.-H., Westendorff, K. (1991): Stoffeinträge mit dem Niederschlag in Kiefernbeständen des nordostdeutschen Tieflandes in den Jahren 1985–1989. Beiträge Forstwirtschaft 25(4),177–180. Ulrich, B. (1991): Beiträge zur Methodik der Waldökosystemforschung. Berichte des Forschungszentrums für Waldökosysteme/Waldsterben. Reihe B, Bd. 24, 204-210. Gesamtsäureeintrag im Freiland und im Bestand in kmolc je Hektar und Jahr durchgezogene Linie: signifikante Abnahme, gepunktete Linie: kein signifikanter Trend Gesamtsäureeintrag in kmolc im Freiland und im Bestand in kg je Hektar und Jahr 2000 2005 2010 2015 2020 Klötze, Kiefer 2 1 0 2000 2005 2010 2015 2020 Nedlitz, Kiefer 2 1 0 Colbitz, Kiefer 2 1 0 Klötze, Douglasie 2 1 0 Freiland Gesamtdeposition im Bestand Wartungsarbeiten auf der Intensiv-Monitoringfläche Großlysimeter Colbitz Foto: P. Gawehn 34 Auswirkung von extremer Witterung auf die Vitalität und Produktivität der Hauptbaumarten in Nordwestdeutschland Anja Gröning, Caroline Klinck und Uwe Paar https://doi.org/10.5281/zenodo.14162537 Hintergrund des Projekts Die sich ändernden klimatischen Bedingungen führen zu einer Zunahme extremer Wetterereignisse. Besonders höhere Sommertemperaturen und reduzierte Niederschläge während der Vegetationsperiode, die zu intensiveren und länger andauernden Dürreperioden führen, hinterlassen in den Wäldern Nordwestdeutschlands deutliche Schäden (Rukh et al. 2023). In der Waldzustandserhebung kann eine abnehmende Vitalität der Hauptbaumarten dokumentiert werden. Es wird allgemein angenommen, dass häufigerer Trockenstress die Vitalität der Bäume auf bestimmten Standorten reduziert, was wiederum eine geringere Produktivität und ein insgesamt höheres Risiko für weitere abiotische und biotische Stressfaktoren zur Folge hat. Für eine langfristige forstliche Planung müssen diese Bedingungen berücksichtigt werden. Ein Ansatz dabei ist, baumartenspezifische Trockenheitsgrenzen als Referenz für die Waldbewirtschaftung festzulegen. Die Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt bezieht sich in ihren Anbauempfehlungen daher unter anderem auf die Standortswasserbilanz (SWB) nach Grier und Running (1977). Diese verrechnet den Mittelwert der klimatischen Wasserbilanz in der Vegetationszeit (Verhältnis zwischen Verdunstungsanspruch und zur Verfügung stehenden Niederschlägen) mit der nutzbaren Feldkapazität des Bodens (pflanzenverfügbares Wasser) für eine Bezugstiefe von 1 m. Auf dieser Grundlage wurden baumartenspezifische Schwellenwerte für das Trockenstressrisiko als Entscheidungshilfe für die klimaangepasste Baumartenwahl festgelegt (Albert et al. 2017; Spellmann et al. 2011, vgl. Tabelle Seite 35). Diese Schwellenwerte dienen zur Bewertung der Vitalität, Widerstandsfähigkeit und Leistungsgrenzen der Baumarten. Um die definierten Schwellenwerte im Gelände zu überprüfen, untersucht das Projekt die Vitalität und das Wachstum der vier Hauptbaumarten Eiche (Quercus petraea + Q. robur), Kiefer (Pinus sylvestris), Fichte (Picea abies) und Buche (Fagus sylvatica) entlang artspezifischer Standortswasserbilanz-Gradienten mithilfe von Jahrring analysen. Es wurden ausschließlich Flächen ausgewählt, die innerhalb des Probenetzes der Waldzustandserhebung (WZE) und der Bodenzustandserhebung (BZE) liegen. Dadurch können neben den Jahrringmessungen auch plotspezifische Informationen über den Standort aus der BZE sowie baumindividuelle Informationen über den Kronenzustand aus der WZE in die Analysen mit einbezogen werden. In Bäumen lesen – Jahrringanalyse als Werkzeug Das Baumwachstum der gemäßigten Zone zeigt sich in jährlichen Ringen, die durch den Wechsel von Vegetationsund Nicht-Vegetationsperiode geprägt sind. Die einzelnen Jahrringe können durch Unterschiede in der Zellgröße und -dichte zwischen Frühholz (in der Regel großporiger und heller) und Spätholz (in der Regel kleinporiger und dunkler) differenziert werden (Fritts 2001). Die Breite und Dichte der Jahrringe variiert in Abhängigkeit von diversen Umweltfaktoren, wodurch die Wuchsbedingungen eines Baumes widergespiegelt werden. In der Regel lässt sich festhalten: Je besser die Bedingungen, desto größer die Jahrringe – und umgekehrt. Zur Bestimmung der Jahrringe wurden den Bäumen sogenannte Bohrkerne (von 5 mm Durchmesser) mit einem Zuwachsbohrer entnommen. Die Bohrkerne werden so aufÜbersicht der Bohrkernentnahme und Aufbereitung. An Plots der WZE/BZE werden 10–15 Bäume beprobt. Die einzelnen Bohrkerne werden aufbereitet, sodass die Jahrringe eingemessen werden können. Die daraus gewonnenen Wachstumskurven sind Grundlage für die weiteren Analysen. 35 Probennahme eines Bohrkerns mit Hilfe eines Zuwachsbohrers Fotos: A. Gröning Baumartenspezifischer Gradient der Standortswasserbilanz entlang der Schwellenwerte des Trockenstressrisikos. Eine Übersicht der WZE-Punkte zeigt, welche Plots der Baumarten Buche, Eiche, Fichte und Kiefer für die Trockenjahre 2003, 2018 und 2020 ein geringes, mittleres und hohes Risiko nach den Schwellenwerten aufwiesen. bereitet, dass die einzelnen Jahrringe sichtbar werden. Die einzelnen Jahrringe können per Software für jeden Bohrkern und jedes Baumindividuum millimetergenau eingemessen werden. Für jeden Baum erhält man so eine individuelle Wachstumskurve. Einzelne Wachstumskurven können zu Standortchronologien zusammengefasst werden und sind ein guter Indikator für das allgemeine Wachtumsverhalten auf bestimmten Standorten bzw. für eine Baumart. In Extremjahren zeigen die Kurven überregionale Reaktionen, die als Zeigerjahre identifiziert werden können. Beispiele für solche Zeigerjahre sind die sehr trockenen Jahre 2003 und 2018, was sich in einem verringerten Wachstum der Hauptbaumarten widerspiegelt. Wie stark und auf welche Art und Weise Bäume auf Extremereignisse reagieren, hängt dabei zum einem vom Standort, zum anderen von der Baumart selbst ab. So zeigen beispielsweise Buchen oft eine zeitversetzte Reaktion auf Trockenstress, was sich sowohl im Wachstum als auch in der Kronenverlichtung äußert (Meyer et al. 2020). Eichen und Kiefern gelten bisher als relativ trockenresistent, weshalb sie erst ab einem deutlich negativeren StandortswasserbilanzDefizit in eine hohe Risikoklasse eingeordnet werden (Spellmann et al. 2011, vgl. Tabelle links). Im Jahr 2018 wurden jedoch auch für die Eiche und die Kiefer Plots identifiziert, die ein hohes Risiko aufwiesen. Gradienten-Design Um zu identifizieren, wie sich die verschiedenen Baumarten entlang eines Gradienten der Standortswasserbilanz unterscheiden, wurden für das Projekt im Winter 2022/2023 insgesamt 1340 Bohrkerne von 670 Bäumen auf jeweils 13 Plots pro Baumart gewonnen. Der Gradient für jede Baumart ist dabei so gewählt, dass die baumartenindividuellen Trockenstressgrenzen (durchschnittliche Standortswasserbilanz in der Vegetationsperiode im Zeitraum 1990–2020) abgebildet werden. So erstrecken sich die einzelnen Gradienten von trockenen Plots (mit höherem Risiko) zu feuchten Plots (mit geringerem Risiko). Wachstumsverläufe Da die Jahrringbreite von Bäumen sowohl durch klimatische als auch durch nicht-klimatische Faktoren beeinflusst wird, wird der Jahrringbreitenindex (RWI) verwendet, um das Wachstum von Bäumen vergleichbar zu machen (Fritts 2001). Der Jahrringbreitenindex wird durch die Standardisierung der Rohdaten (die gemessenen Jahrringbreiten in mm) Auswirkung von extremer Witterung auf die Vitalität und Produktivität der Hauptbaumarten in Nordwestdeutschland Trockenstressrisiko (SWB) Fichte Buche Eiche Kiefer hoch < -80 mm < -100 mm < -350 mm < -450 mm mittel 0 bis -80 mm -50 bis -100 mm -150 bis -350 mm -200 bis -450 mm gering > 0 mm > -50 mm > -150 mm > -200 mm hoch trockener plotspezifischer SWB Gradient nasser mittel Trockenstressrisiko (SWB [mm]) gering 36 berechnet. Ein Indexwert > 1 bedeutet, dass das Wachstum in diesem Jahr über dem erwarteten Wert lag (z. B. günstige Bedingungen) und umgekehrt. Im Zeitraum der WZE von 1984–2022 zeigten sich unterschiedliche Wachstumsver läufe der Baumarten. Die Buche zeigt die größten Wachstumsschwankungen, während Eiche, Kiefer und Fichte weniger ausgeprägte Schwankungen aufweisen. Insbesondere in oder nach den Trockenjahren 2003 und 2018 sind kleinere Werte des RWI für alle Baumarten zu verzeichnen, was ein reduziertes Wachstum beschreibt. In der Betrachtung der Plots entlang des Gradienten zeigten besonders die trockeneren Plots ein gesteigertes Wachstum im Feuchtejahr 2007, wohingegen feuchtere Plots in Trockenjahren (2003 und 2019) ein deutlich reduzierteres Wachstum zeigten. Zusammenhänge zwischen Vitalität und Wachstum Die Kronenverlichtung, die Fruktifikation und das Wachstum beschreiben als Vitalitätsindikatoren den Gesundheitszustand von Bäumen und stehen in direkter Beziehung zueinander. Der Zusammenhang von Kronenverlichtung bzw. Fruktifikation und jährlicher SWB in der Vegetationszeit sowie dem Ringbreitenindex kann durch ein nicht-lineares ordinales Modell beschrieben werden. Während Buche, Fichte und auch Eiche eine tendenziell höhere Kronenverlichtung bei negativeren SWB-Werten aufwiesen, wurde für Kiefer der gegenteilige Trend beobachtet. Für Buche, Fichte und Eiche ließ sich daraus schließen, dass Bäume auf trockeneren Standorten eine höhere Kronenverlichtung aufwiesen. Bei Bäumen mit höherer Kronenverlichtung wiederum wurde ein Auswirkung von extremer Witterung auf die Vitalität und Produktivität der Hauptbaumarten in Nordwestdeutschland Zusammenhang zwischen Fruktifikation nach Stärkestufen und dem Ringbreitenindex, für Buche und Fichte. Durchschnittlicher Jahrringbreitenindex (RWI) für die einzelnen Baumarten im Zeitraum der WZE entlang des Gradienten. 1 = trockenster Plot, 13 = feuchtester Plot einer Baumart. 01230123 kein mittel (1) gering mittel (2) mittel (3) stark Ringbreitenindex Fruktifikation Buche Fichte 1984 1985 1986 1987 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 1984 1985 1986 1987 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 0.5 1.0 1.5 2.0 0.5 1.0 1.5 2.0 Durchschnittlicher Jahrringbreitenindex (RWI) Gradient 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 Buche Eiche Kiefer Fichte 37 Zusammenhang zwischen Kronenverlichtung (in %) und Ringbreitenindex (RWI) Kronenverlichtung in % in Abhängigkeit von der jährlichen Standortswasserbilanz (SWB) in der Vegetationszeit im Zeitraum der WZE Auswirkung von extremer Witterung auf die Vitalität und Produktivität der Hauptbaumarten in Nordwestdeutschland geringerer Ringbreitenindex gemessen und somit geringeres Wachstum nachgewiesen. Dieser Trend war besonders deutlich für Buche und Fichte zu beobachten. Auch der Zusammenhang zwischen der Fruktifikation und dem Wachstum zeigte sich am deutlichsten in der Buche und der Fichte. Die Fruktifikation wird durch unterschiedliche Stärkestufen innerhalb der WZE im Sommer (Juli/August) erfasst. Je mehr die Bäume fruktifizieren, desto höher die Stufe. Umso höher die Stufe, desto geringer war auch das Wachstum. Für die Kiefer und die Eiche konnte kein so deutlicher Zusammenhang festgestellt werden. Für Eiche finden die Aufnahmen innerhalb der WZE zu früh statt, um die Ausprägung der Fruktifikation gut erfassen zu können. Ausblick Das Projekt bietet die Möglichkeit, wertvolle Zusammenhänge zwischen dem Wachstum und der Vitalität zu analysieren. Die Beprobung entlang eines Gradienten der SWB für die einzelnen Baumarten gibt Aufschluss über die Wirkungsweise von Trockenstress auf unterschiedlichen Standorten. Es zeigte sich, dass die Bäume entlang des Gradienten unterschiedlich auf Trockenstress reagieren. Diese Beobachtungen lassen sich besonders durch die Vitalitätsindikatoren der Kronenverlichtung und des Wachstums beschreiben. Im weiteren Verlauf des Projekts werden die verschiedenen ökologischen Zusammenhänge in einem multikriteriellen Ansatz betrachtet. Literatur Albert, Matthias; Nagel, Ralf-Volker; Nuske, Robert; Sutmöller, Johannes; Spellmann, Hermann (2017): Tree Species Selection in the Face of Drought Risk—Uncertainty in Forest Planning. In: Forests 8 (10), S. 363. DOI: 10.3390/ f8100363. Fritts, Harold C. (2001): Tree rings and climate. Reprint of second printing 1976. London: The Blackburn Press. Grier, Charles G.; Running, Steven W. (1977): Leaf Area of Mature Northwestern Coniferous Forests: Relation to Site Water Balance. In: Ecology 58 (4), S. 893–899. DOI: 10.2307/1936225. Meyer, Benjamin F.; Buras, Allan; Rammig, Anja; Zang, Christian S. (2020): Higher susceptibility of beech to drought in comparison to oak. In: Dendrochronologia 64, S. 125780. DOI: 10.1016/j.dendro.2020.125780. Rukh, Shah; Sanders, Tanja G. M.; Krüger, Inken; Schad, Tobias; Bolte, Andreas (2023): Distinct Responses of European Beech (Fagus sylvatica L.) to Drought Intensity and Length—A Review of the Impacts of the 2003 and 2018–2019 Drought Events in Central Europe. In: Forests 14 (2), S. 248. DOI: 10.3390/f14020248. Spellmann, Hermann; Albert, Matthias; Schmidt, Matthias; Sutmöller, Johannes; Overbeck, Marc (2011): Waldbauliche Anpassungsstrategien für veränderte Klimaverhältnisse. In: AFZ/Der Wald 66 (11). 1.0 1.5 2.00.5 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 0 0 1 2 1 2 3 0 1 2 3 4 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Ringbreitenindex Nadel-Blatt-Verlust [%] Buche Kiefer Eiche Fichte 0 500 -250 0 250 -250 0 250 500 -400 -200 0 200 400 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Standortswasserbilanz in der Vegetationszeit Buche Kiefer Eiche Fichte Nadel-Blatt-Verlust [%] Foto: A. Gröning 38 Wildobstarten: Erhaltung und nachhaltige Nutzung wertvoller genetischer Ressourcen Katharina Birgit Budde, Nicole Opfermann, Katharina Volmer und Aki Michael Höltken https://doi.org/10.5281/zenodo.14162582 Damit Waldökosysteme auch unter den prognostizierten Klimaveränderungen ihre vielfältigen Funktionen erfüllen können, werden auf vielen Standorten Veränderungen der Artenzusammensetzung und der Waldstrukturen unumgänglich sein. In dem Zuge werden vermutlich viele der heute noch seltenen Nebenbaumarten deutlich an Bedeutung gewinnen. Denn diese besitzen bereits häufig anpassungsrelevante Eigenschaften, die unter künftigen Umweltbedingungen von Vorteil sein können. Im Fokus des Interesses stehen vermehrt auch Baumarten aus der Familie der Rosengewächse. Diese sind ausnahmslos wärmeliebende Lichtbaumarten und weisen eine vergleichsweise hohe Trockenheitsund Hitzetoleranz auf, sodass sie sich auch auf exponierten (Risiko-) Standorten gut behaupten können. Sie tragen zum Erhalt der Biodiversität unserer Wälder bei, da sie von einer Vielzahl von Insekten, insbesondere Bienen, Hautflüglern und Fliegen bestäubt werden und ihre Früchte einer Vielzahl von Tierarten als Nahrung dienen. Unsere Wildobstarten verbindet eine Eigenschaft: Aufgrund ihres hohen Lichtund Wärmebedürfnisses ist ihr Vorkommen meist auf Sonderstandorte wie sonnige Hänge, Lichtungen, Waldränder oder lichte Auwälder begrenzt. Allerdings haben menschliche Eingriffe diese natürlichen Lebensräume in den letzten Jahrhunderten erheblich dezimiert, sodass ihr Flächenanteil im Wald heute deutlich unter 1 % der Gesamtbestockung ausmacht. Dies hat nicht nur die Bestandsgrößen, sondern auch populationsbiologische Prozesse zum Teil sehr stark beeinflusst: Räumliche Isolation der ohnehin von Natur aus seltenen bis zerstreuten Vorkommen führten zum Verlust der reproduktiven Vernetzung (Genfluss) und, in der Folge, auch zu Verlusten an genetischer Vielfalt und damit Anpassungsfähigkeit an sich ändernde Umweltbedingungen. Für eine Reihe von Baumarten stellt die ausbleibende Naturverjüngung und die damit verbundene Überalterung der Bestände eine ernste Bedrohung dar. Für Wildbirne, Wildapfel und Elsbeere wird für nur 2 % bis 7 % der Vorkommen eine gute In-situ-Erhaltungsfähigkeit beschrieben, beim Speierling trifft dies auf kein einziges Vorkommen mehr zu (Schröder et al. 2013). Bei vielen Arten tritt noch ein weiteres Problem auf: Hy bri disierung mit häufig verbreiteten Kultursorten aus dem Obstbau. Dies kann zur Verdrängung bzw. zum Verlust arttypischer Eigenschaften führen und die ökologische Integrität der jeweiligen Art gefährden. Der gestiegenen Nachfrage nach Pflanzmaterial stehen demnach größere Herausforderungen bei der Beschaffung hochwertigen Vermehrungsguts gegenüber. Deshalb werden an der NW-FVA wissenschaftliche Grundlagen erarbeitet und daraus praxisrelevante Maßnahmen abgeleitet, die sowohl der Erhaltung wertvoller genetischer Ressourcen als auch der nachhaltigen Produktion von genetisch vielfältigem Vermehrungsgut dienlich sind. Beispiel Vogelkirsche Vorkommen: In mitteleuropäischen Waldgesellschaften ist die Vogelkirsche meist nur einzelstammweise oder zerstreut in kleinen Gruppen anzutreffen. Eine dauerhafte Existenz ist nur an Standorten gegeben, an denen die Konkurrenzkraft von dominierenden Baumarten, wie der Buche, deutlich nachlässt (Ausweichstrategie). Als lichtund wärmeliebende Art kommt sie deshalb in lichten, submediterran bis subkontinental geprägten Wäldern vor (thermophile Mischwälder, Linden-Mischwälder, Kiefern-Stieleichenund Eichen-Hainbuchenwälder etc.). Ferner spielen historische Betriebsformen wie die Niederund Mittelwaldwirtschaft auch für ihre heutige Verbreitung noch eine entscheidende Rolle. Denn ihre Fähigkeit, nach einem Nutzungshieb erneut auszutreiben (Stockausschlag), brachte ihr einen enormen Vorteil gegenüber der Buche. Die Vogelkirsche konnte sich durch ihre Fähigkeit zur Ausbildung von Wurzelbrut auch vegetativ auf der Fläche ausbreiten, sodass noch heute größere, genetisch identische Baumgruppen (Klongruppen) in ehemaligen Mittelwäldern vorzufinden sind. Als Pionierbaumart vermag die Vogelkirsche größere Lücken und Freiflächen im Waldbestand schnell zu besiedeln. Ihr rasches Jugendwachstum bei vergleichsweise hoher Trockenheitsund Spätfrosttoleranz ermöglicht ihr in den ersten Lebensjahren einen deutlichen Wuchsvorsprung gegenüber vielen Wirtschaftsbaumarten. Vitale Jungpflanzen können in den ersten Lebensjahren wipfelschäftige, aufrechte Triebe von mehr als einem Meter Länge erreichen, was sie auch stark gegenüber Konkurrenzvegetation macht. So kann die Vogelkirsche frühe sukzessionale Waldstadien besetzen, bis sie wieder durch Klimaxgesellschaften ersetzt wird (Lückenstrategie). Foto: NWFVA-Archiv Früchte der Wildbirne auf einer Wildbirnen-Samenplantage 39 Fotos: Unterschiedliche Wuchsformen eines kulturkirschenbeeinflussten Vogelkirschenbestands (Weilburg) und eines Bestands bestehend aus annähernd reinen Wildkirschen (Hildesheim); Balkendiagramm: Anteil der Zugehörigkeit einzelner Bäume zur Wildund Kulturform der Vogelkirsche in den Beständen Weilburg und Hildesheim im Vergleich zu Referenzmaterial von Kultursorten nach DNA-Analyse Wildobstarten: Erhaltung und nachhaltige Nutzung wertvoller genetischer Ressourcen Damit besitzt die Vogelkirsche Eigenschaften, welche aufgrund des veränderten Störungsregimes im Rahmen des Klimawandels künftig von immer größerer Bedeutung sein werden. Vermehrungsgut: Die Vogelkirsche ist nicht nur ökologisch wertvoll, sie ist für die Produktion von Wertholz auch von forstwirtschaftlichem Interesse. Deshalb unterliegt sie seit dem Jahr 2003 auch dem Forstvermehrungsgutgesetz (FoVG). Bis zu diesem Zeitpunkt war Kirschensaatgut ohne Herkunftsnachweis handelbar. Entsprechend hoch war damit vermutlich auch der Anteil an Kirschen aus dem Obstbau, wo die Kerne oft als Abfallprodukt anfallen. Ferner besteht aufgrund des großflächigen Anbaus der Kulturkirsche in der freien Landschaft auch heute noch die Gefahr der Einkreuzung über Polleneinträge. Damit sind sowohl ökologische als auch ökonomische Auswirkungen verbunden, denn das Ziel der Züchtung von Süßkirschensorten ist die Produktion von starkastigen Bäumen mit hohen Frucht erträgen. Diese Form der menschlichen Selektion geht aufgrund einer veränderten Ressourcenverteilung von Höhenwuchs in Fruchtbildung oft auch mit einer Reduktion des Höhenwuchses einher. Deshalb zeichnen sich Vogelkirschenbestände nicht selten durch hohe Anteile krummer Stämme bzw. Bäumen mit vielen Steilästen oder sich schon früh auflösenden Kronen aus. Es besteht die Gefahr, dass die veränderten Wuchseigenschaften der Vogelkirsche zu einem weiteren Verlust ihrer Konkurrenzkraft führen. Deshalb wird empfohlen, bei der Förderung der Naturverjüngung auf einen ausreichenden Abstand zu Kulturkirschenpflanzungen zu achten und gegebenenfalls auf Vermehrungsgut der Wildform aus den Kategorien „qualifiziert“ (Samenplantagen) oder „ausgewählt“ (Saatguterntebestände) zurückzugreifen. Vogelkirschen-Samenplantagen der NW-FVA stocken auf 5 Flächen mit insgesamt 7,1 ha in den Bundesländern Hessen und Niedersachsen. Im Zuge des genetischen Qualitätsmanagements werden diese Plantagen auf KulturkirschenAnteile kontrolliert und Individuen mit Kultureinfluss nachträglich entfernt. Zusätzlich erfolgt in einigen Fällen auch eine Kontrolle des Saatgutes. Dies ermöglicht eine frühzeitige Erkennung potenzieller Fremdpolleneinträge und damit eine dauerhafte Sicherung der genetischen Qualität des Vermehrungsgutes (Erhaltung der Wildform und deren genetischer Vielfalt). Diese Form der Qualitätssicherung ist auch für zugelassene Saatguterntebestände in Bearbeitung. Hier sollte zusätzlich auf natürliche Verklonung durch Wurzelbrut geachtet werden. Nimmt diese Form der Ausbreitung größere Ausmaße an, kann es nicht nur zu einer Verringerung der genetischen Vielfalt des Bestandes, sondern auch zu einer erhöhten Anfälligkeit gegenüber Pollenübertragung aus Kulturkirschenvorkommen führen. Denn genetisch identische Bäume können sich nicht auf generativem Wege vermehren (Selbststerilität) und sind auf externe Pollenspender angewiesen. Neben generativ erzeugtem Vermehrungsgut ist auch vegetativ vermehrtes Pflanzgut der Kategorie „geprüft“ verfügbar. Diese Klon-Mischung (silvaSELECT) hat sich in Feldprüfungen hinsichtlich Wuchsund Qualitätsmerkmalen als überlegen gegenüber Sämlingen aus herkömmlichen Saatgutquellen erwiesen (Janßen et al. 2010). Beispiele Wildbirne und Wildapfel Vorkommen: Wildbirne (Pyrus pyraster) und Wildapfel (Malus sylvestris) sind von Natur aus seltene Baumarten und gehören zweifellos zu den forstbotanischen Raritäten. Da sie gegenüber dominanten (Wirtschafts-) Baumarten sowohl deutlich lichtbedürftiger als auch geringwüchsiger sind, sind ihre HauptvorKultur Weilburg Hildesheim Genetische Gruppen der Vogelkirsche: Kulturkirschen Wildkirschen 100 50 0 Zugehörigkeit (%) Fotos: NW-FVA-Archiv Weilburg Hildesheim 40 Wildobstarten: Erhaltung und nachhaltige Nutzung wertvoller genetischer Ressourcen kommen natürlicherweise nur an die äußersten Grenzen ihrer weiten Standortsamplitude begrenzt (Ausweichstrategie). Dazu zählen u. a. wärmeliebende Gebüschund Eichenwaldgesellschaften, aber auch Standorte mit starken Schwankungen zwischen periodischen Überflutungen und extremen Trockenphasen (Hartholzauen). Gefährdung: Beide Arten stehen in einigen Bundesländern auf der Roten Liste und sind als gefährdet eingestuft. Denn die für ihre Vorkommen typischen extrazonalen Sonderstandorte stellen meist Relikte wärmezeitlicher Eichenwälder dar und sind in Mitteleuropa heute sehr selten. Auch die Wälder der Hartholzauen sind aufgrund von Flussbegradigungen und Trockenlegungen bis auf sehr vereinzelte Restvorkommen nahezu vollständig verschwunden. Ferner haben Veränderungen der forstwirtschaftlichen Betriebsformen, insbesondere die Umstellung von lichten Niederund Mittelwäldern auf den Hochwaldbetrieb mit meist geschlossenen Kronendächern, dazu beigetragen, dass diese beiden Arten heute nur sehr vereinzelt oder in kleinen, stark fragmentierten Populationen vorzufinden sind. Aus genetischer Sicht verringert die damit einhergehende Isolierung der Vorkommen die effektiven Populationsgrößen und fördert Driftund Inzuchteffekte, die zu einer Reduktion der genetischen Vielfalt und herabgesetzter Fitness führen können. Zur Gefährdung durch Habitatverluste kommt aber noch eine weitere Bedrohung hinzu: Aufgrund der starken räumlichen Isolation vereinzelter Vorkommen, kombiniert mit Eigenschaften wie Selbststerilität und vegetativer Vermehrung über Wurzelbrut, sind viele der heutigen Reliktvorkommen auf externe Pollenspender angewiesen. Deshalb tendieren Wildapfel und Wildbirne noch stärker zur Hybridisierung mit weit verbreiteten Zuchtsorten als die häufigere Vogelkirsche. Dabei handelt es sich vielfach auch um andere Arten, aus denen unsere Zuchtsorten hervorgegangen sind. Bei der Kulturbirne werden bis zu acht asiatische Arten genannt, beim Wildapfel sind es im Wesentlichen zwei, ebenfalls aus dem asiatischen Raum stammende Arten. Daraus resultieren weitere Probleme, denn die Vermischung des heimischen Genpools mit dem der Kultursorten birgt die Gefahr der Beeinträchtigung der genetischen und ökologischen Artintegrität. Studien am Wildapfel haben u. a. ergeben, dass die Einkreuzung von Kultursorten zu einer Abnahme der Überflutungsund Beschattungstoleranz und damit zum Verlust der typischen Eigenschaften einer Auwaldbaumart führt (Ahl et al. 2021). Vermehrungsgut: Um die heimische genetische Vielfalt (Anpassungspotenzial) und damit bestehende Populationen auch langfristig in ihrer Existenz zu sichern, sind aus forstgenetischer Sicht Maßnahmen zur Erhaltung der Artreinheit der Wildbirne und des Wildapfels dringend geboten. Da die morphologische Unterscheidung in sehr vielen Fällen kaum möglich ist, werden im genetischen Labor der NW-FVA DNA-basierte Verfahren eingesetzt. Diese ermöglichen nicht nur eine Unterscheidung von Wildund Kulturformen, sondern auch eine recht genaue Einschätzung des Hybridstatus. Für die Rekonstruktion natürlicher Vegetationsgesellschaften im Zuge von Renaturierungsmaßnahmen (z. B. Hart holzauen) oder für die Erhaltung von Waldstrukturen auf Extremstandorten muss auch die Bereitstellung hochwertigen Pflanzguts gewährleistet werden. In dem Zusammenhang sollte aber nicht ausschließlich der Erhalt der Wildform dieser Baumarten im Vordergrund stehen. Auch die Erhaltung der genetischen Vielfalt ist von großer Bedeutung. Hier birgt die Verwendung von Vermehrungsgut aus In-situ-Beständen die Gefahr, Vegetative, buschartige Ausbreitung der Wildbirne auf einem sehr trockenen Felsstandort mit extremen sommerlichen Oberflächentemperaturen Genetische Vielfalt von In-situ-Vorkommen (nur Bestände ab 10 Individuen) und Samenplantagen reiner Wildbirnen nach DNA-basierter taxonomischer Bestimmung Foto: A. M. Höltken NI ST MV BB TH SN NW HE RP BW BY SPL Populationen in Bundesländern Niedersachsen (NI) Sachsen-Anhalt (ST) Mecklenb.-Vorpommern (MV) Brandenburg (BB) Thüringen (TH) Sachsen (SN) Nordrhein-Westfalen (NW) Hessen (HE) Rheinland-Pfalz (RP) Baden-Württemberg (BW) Bayern (BY) Samenplantagen (SPL) Durchschnitt Populationen Durchschnitt Samenplantagen 7 6 5 4 3 Allelreichtum 41 dass die genetische Vielfalt des Saatgutes aufgrund der oft sehr geringen Populationsgrößen für die Etablierung überlebensfähiger Populationen in vielen Fällen nicht ausreicht (Höltken et al. 2024). Wildbirne und Wildapfel unterliegen nicht dem Forstvermehrungsgutgesetz. Daher besteht zusätzlich das Problem, dass durch Einbringung ungeeigneten Pflanzguts aufgrund fehlender rechtlicher Bestimmungen auch noch lokale genetische Strukturen und Anpassungsmuster verloren gehen. Samenplantagen stellen hier ein wichtiges Instrument dar, um für diese (wie auch andere seltene) Baumarten die Produktion von artreinem und herkunftsgesichertem Vermehrungsgut höchster Qualität zu gewährleisten. Auch die genetische Vielfalt kann auf einem regionaltypisch hohen Niveau gehalten werden (siehe Abb. Seite 40). Die NW-FVA ist führend in der Samenplantagen-Forschung und verfügt über ein deutschlandweit einzigartiges Flächenportfolio des Wildapfels und der Wildbirne. Insgesamt stehen 18 Flächen auf 24,1 ha als Gen archiv oder für die Be erntung zur Verfügung. Zur Vermeidung von Kulturpollen eintrag können einige dieser Flächen vollständig mit Insektennetzen abgedeckt werden. Die Bestäubung der Blüten innerhalb dieser Netze übernehmen dann kommerziell erhältliche Hummelvölker (Höltken et al. 2017, 2024). Vorteile von Samenplantagen Naturverjüngung und die damit verbundenen natürlichen Anpassungsprozesse sollten, wo immer möglich, gefördert werden. Jedoch ist die In-situ-Erhaltung vieler Wildobstbestände aufgrund fehlender Naturverjüngung und damit Überalterung der Bestände, Hybridisierung mit Kultursorten oder auch fehlender genetischer Vielfalt in vielen Fällen kaum realisierbar. Allgemein ist ein steigender Bedarf an hochwertigem Vermehrungsgut dieser Baumartengruppe zu verzeichnen, da die Sicherung einer dauerhaften Existenz vieler Vorkommen nur durch künstliche Einbringung gesichert werden kann. Deshalb werden spezielle Samenplantagen mit hohen Qualitätsstandards eingerichtet. Insgesamt werden 30 Samenplantagen für die Baumarten Vogelkirsche, Wildbirne, Wildapfel, Elsbeere und Speierling von der NW-FVA bewirtschaftet. Gegenüber Freilandabsaaten können Samenplantagen für die Produktion von Vermehrungsgut sowohl ökologisch-genetisch als auch ökonomisch von großem Vorteil sein (Höltken et al. 2017): • Garantie der Artreinheit bzw. der Erhaltung der Wildform bei Arten, die durch Einkreuzung nicht heimischer Arten bzw. Kultursorten gefährdet sind • Schaffung von vergleichsweise großen Reproduktionseinheiten (Populationen) und damit Aufrechterhaltung einer hohen genetischen Vielfalt im Vermehrungsgut, insbesondere bei Arten, die von Natur aus selten sind und/oder teilweise ausgeprägte klonale Strukturen über vegetative Ausbreitung entwickeln • Möglichkeit der optimalen Rekonstruktion der genetischen Ausstattung einer Region bzw. eines Vorkommensgebietes (genetische Vielfalt, Differenzierung) • deutlich gesteigerte Erntemengen bei zeitlich-technisch einfacheren Beerntungsmöglichkeiten im Gegensatz zu In-situBeständen (Kostenoptimierung) • Möglichkeit einer DNA-basierten Herkunftsund Identitätskontrolle (Zertifizierung) von gehandeltem Vermehrungsgut. Samenplantagen verschiedener Wildobstarten im Zuständigkeitsbereich der NW-FVA Wildobstarten: Erhaltung und nachhaltige Nutzung wertvoller genetischer Ressourcen Samenplantage der Vogelkirsche zur Erzeugung hochwertigen forstlichen Vermehrungsgutes Vogelkirsche Wildbirne Wildapfel Elsbeere Speierling Hessen 1 3 4 1 1 Niedersachsen 4432– SachsenAnhalt –1121 SchleswigHolstein – 1 1 – – Literatur Ahl L., Aas G., Walentowski H., Höltken A. M., Feulner M. (2021): Niche differentiation between Malus sylvestris and its hybrid with Malus domestica indicated by plant community, soil and light. Journal of Vegetation Science, 32:e13078, https://doi.org/10.1111/ jvs.13078. Höltken A. M., Hennig A., Kleinschmit J. R. G, Arndt H. J., Steiner W. (2017): Erhaltung und Produktion gebietseigener genetischer Vielfalt in Ex-situ-Populationen. Naturschutz und Landschaftsplanung 49, 126-134. Höltken A. M., Budde K. B., Šeho M., Steiner W. (2024): Die Wildbirne [Pyrus pyraster (L.) Burgsd.]: Eine forstbotanische Rarität unter der genetischen Lupe. Forstliche Forschungsberichte München, in Druck. Janßen A., Meier-Dinkel A., Steiner W., Degen B. (2010): Forstgenetische Ressourcen der Vogelkirsche. Forst und Holz 65, 19-24. Schröder J., Kätzel R., Schulze T., Kamp T., Huber G., Höltken A. M., Steiner W., Konnert M. (2013): Seltene Baumarten in Deutschland: Zustand und Gefährdung. AFZ-DerWald 12, 4-6. Foto: NWFVA-Archiv Birte Scheler Stoffeinträge Johannes Sutmöller Witterung und Klima Redaktion: Klinck C, Paar U, Gawehn P, Spielmann M und Talkner U Titelfoto: Spielmann M Layout: Starick E Herstellung: Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt Druck: Printec Offset Kassel Zitiervorschlag Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt, Ministerium für Wirtschaft, Tourismus, Landwirtschaft und Forsten des Landes Sachsen-Anhalt (Hrsg.) (2024): Waldzustandsbericht 2024 für Sachsen-Anhalt, 48 S https://doi.org/10.5281/zenodo.14162265 Zitate der Einzelbeiträge bitte nach folgendem Schema: Klinck C, Paar U (2024): WZE-Ergebnisse für alle Baumarten. In: Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt, Ministerium für Wirtschaft, Tourismus, Landwirtschaft und Forsten des Landes Sachsen-Anhalt (Hrsg.): Waldzustands bericht 2024 für Sachsen-An halt. S 8-19. https://doi.org/10.5281/zenodo.14162347 Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz . (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0) Der Waldzustandsbericht 2024 ist abrufbar unter https://www.nw-fva.de und https://mwl.sachsen-anhalt.de Impressum: Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt Abteilung Umweltkontrolle Sachgebiet Waldund Bodenzustand Grätzelstraße 2, 37079 Göttingen Tel.: 0551/69401-0 Zen[email protected] www.nw-fva.de Hauptverantwortliche für die Waldzustandserhebung in Hessen, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein: Dr. Ulrike Talkner Abteilungsleiterin Umweltkontrolle Dr. Uwe Paar Sachgebietsleiter Waldund Bodenzustand, Redaktion Dr. Jan Evers Bodenzustandserhebung Dr. Caroline Klinck Leiterin der Außenaufnahmen, Auswertung, Redaktion Andreas Hafner Datenmanagement Dr. Uwe Klinck Datenmanagement Peter Gawehn Außenaufnahmen, Kontrollen Michael Spielmann Außenaufnahmen, Kontrollen Dr. Bernd Westphal Außenaufnahmen, Kontrollen Diese Druckschrift wird im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit der Landesregierung Sachsen-Anhalt herausgegeben. Sie darf weder von Parteien noch von Wahlwerberinnen und Wahlwerbern, Wahlhelferinnen und Wahlhelfern während eines Wahlkampfes zum Zwecke der Wahlwerbung verwendet werden. Dies gilt für Europa-, Bundestags-, Landtagsund Kommunalwahlen. Missbräuchlich ist insbesondere die Verteilung auf Wahlveranstaltungen, an Informationsständen der Parteien sowie das Einlegen, Aufdrucken oder Aufkleben parteipolitischer Informationen oder Werbemittel. Untersagt ist gleichfalls die Weitergabe an Dritte zum Zwecke der Wahlwerbung. Auch ohne zeitlichen Bezug zu einer bevorstehenden Wahl darf die Druckschrift nicht in einer Weise verwendet werden, die als Parteinahme der Landesregierung zugunsten einzelner politischer Gruppen verstanden werden könnte. Die Beschränkungen gelten unabhängig davon, wann, auf welchem Weg und in welcher Anzahl diese Druckschrift dem Empfänger zugegangen ist. Den Parteien ist jedoch gestattet, die Druckschrift zur Unterrichtung ihrer eigenen Mitglieder zu verwenden.