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Der Dachs schreibt hier bei Kerzenlicht

Huemer, Georg; Mairbäurl, Gunda; Seibert, Ernst

Abstract

Das ursprüngliche Skriptum erweiternd, ist eine Beilage entstanden: Sie enthält weitere Erinnerungen an Erwin Moser, unter anderem von Hans-Joachim Gelberg (1930–2020), der Erwin Moser entdeckt und dessen Werk jahrzehntelang betreut hat. Zentralen Raum jedoch erhalten in der Beilage didaktische Beiträge, die das Werk von Erwin Moser ins Zentrum (schulischer) Vermittlung stellen.

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Studienund Beratungsstelle für Kinderund Jugendliteratur Georg Huemer / Gunda Mairbäurl / Ernst Seibert (Hg.) »Der Dachs schreibt hier bei Kerzenlicht« Zum Erzählkosmos von Erwin Moser (Didaktik-)Beilage fokus Impressum © STUBE 2025 Fernkurs Kinderund Jugendliteratur Hg. von Heidi Lexe und Kathrin Wexberg Grafisches Konzept: heider & klausner Layout: STUBE Vervielfältigung: DRUCKWERKSTATT DOI-Nr. 10.5281/zenodo.17430199 STUBE– Studienund Beratungsstelle für Kinderund Jugendliteratur A-1010 Wien, Stephansplatz 3/II/11 www.stube.at Gefördert aus den Mitteln der Abteilung Literatur und Verlagswesen des Bundesministeriums für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport sowie der Privaten Pädagogischen Hochschule Burgenland Tanja Leberl ist seit 25 Jahren Pädagogin mit Montessori-Ausbildung. Während ihrer Tätigkeit als Leitung des Kindergartens an der Akademie der Bildenden Künste in Wien studierte sie Bildungswissenschaft. Aktuell ist sie Lehrende an der PPHB und für die Leitung des Zentrums für Elementarpädagogik verantwortlich. Sie ist in der Erwachsenenbildung und als psychoanalytischpädagogische Erziehungsberaterin (APP Wien) tätig. Tanja Münichsdorfer ist Kunsthistorikerin sowie Kunstund Literaturvermittlerin. Sie absolvierte den STUBE-Fernkurs für Kinder- & Jugendliteratur und Lehrgang »Ganz Ohr« der Bibliotheksfachstelle der Diözese St. Pölten. Seit 2007 ist sie in der Kunstvermittlung der Kunstmeile Krems tätig. Jutta Preisinger ist Pädagogin mit Schwerpunkt auf naturund tiergestütztem Lernen. Seit 1999 unterrichtet sie an Volksschule in Gols, davor war sie als Lehrerin in Tadten tätig. Nach der Lehramtsprüfung absolvierte sie Zusatzausbildungen in Hundegestützter Pädagogik sowie zur Praxislehrerin. Darüber hinaus ist sie Absolventin des Hochschullehrgangs »Lernraum Natur und Gartenpädagogik«. Hans-Joachim Gelberg war Verleger, Autor und Herausgeber. 1971 gründete er den Verlag Beltz & Gelberg, den er bis 1996 leitete. Neben seiner verlegerischen Tätigkeit veröffentlichte er eigene Gedichte, Geschichten und Anthologien für Kinder. Durch seine Arbeit prägte er die Kinderbuchlandschaft im deutschsprachigen Raum entscheidend und erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Gottfried Gusenbauer ist seit 2012 künstlerischer Direktor des Karikaturmuseum Krems. Er konzipierte das internationale Nextcomic-Festival, das er bis 2012 leitete und heute als Programmbeirat begleitet. Er kuratierte zahlreiche Ausstellungen. Gemeinsam mit dem Land Niederösterreich und Schirmherrin Annemarie Sokol, Witwe und Nachlassverwalterin von Erich Sokol, entwickelte er den SOKOL – Preis für digitale Karikatur, kritische Zeichenkunst und Satire. Georg Huemer Dr. phil., ist Literaturwissenschaftler und Kultursoziologe. Er arbeitet als Vertragshochschullehrperson an der Privaten Pädagogischen Hochschule Burgenland. Gunda Mairbäurl Dr.in phil., ist Literaturwissenschaftlerin mit einem Schwerpunkt auf Kinderund Jugendliteratur. Sie studierte Germanistik und Geschichte an der Universität Wien. Sie unterrichtete an einem Gymnasium in Wien, war dort prov. Leiterin sowie Schulbibliothekarin und ist als Dozentin in der Erwachsenenbildung tätig. Sie ist Mitbegründerin der Internationalen Anders-Eliasson-Gesellschaft Stockholm/Wien. Ernst Seibert PD Dr. phil., ist Literaturwissenschaftler. Er lehrte an den Universitäten Wien und Graz, publizierte umfassend zur Geschichte der KJL und war langjähriger Vorsitzender der von ihm gegründeten Österreichische Gesellschaft für Kinderund Jugendliteratur-Forschung. Inhalt Würdigungen Hans-Joachim Gelberg Die verzauberten Bilder & Geschichten von Erwin Moser. Rede zur Eröffnung des Erwin Moser Museums in Gols vom 22. März 2014 Gottfried Gusenbauer / Tanja Münichsdorfer Erwin Moser: Fantastische Geschichten – Zur Ausstellung im Karikaturmuseum Krems vom 4. März 2023 bis zum 23. Juni 2024 Didaktisches Tanja Leberl Literarisches Lernen in der frühen Kindheit – Sprachbildung, Vorlesen und Philosophieren mit Erwin Moser Jutta Preisinger »Schwebe-, Flatter-, Schwirr-, Sauseund Gaukelmaschinen« – Literarisches und Kreatives Lernen mit Erwin Mosers Flugobjekten. Ein Erfahrungsbericht zur Arbeit mit Erwin Mosers Büchern in der Grundschule Gunda Mairbäurl Erwin Moser: »Der Rabe Alfons« in der Sekundarstufe I 4 9 12 22 30 4 Die verzauberten Bilder & Geschichten von Erwin Moser1 Rede zur Eröffnung des Erwin Moser Museums in Gols vom 22. März 2014 Von Hans-Joachim Gelberg Allen, die dafür gesorgt haben, dass dieses Erwin Moser Museum entstehen konnte, möchte ich die Hand küssen. Einem Künstler den Raum anzubieten, der seinen Werken Heimat sein kann, das ist doch ein wunderbares Ereignis. Dazu möchte ich Ruth und Erwin Moser herzlich beglückwünschen. Anlass genug, um über Moser und sein Werk nachzudenken. Gern erinnere ich mich, wie alles angefangen hat mit seinen Büchern und Bildern im Programm Beltz & Gelberg. Eines Tages, so Ende der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, da besuchte mich in Weinheim ein gewisser Erwin Moser, weil er Kinderbücher illustrieren wollte. Als Beispiele seiner Zeichenkunst brachte er einfarbige Federzeichnungen mit, großformatige Fantasiebilder von schwebenden, fliegenden, erdigen Ereignissen. Mein Rat, verkürzt gesagt, war vielleicht entscheidend. Das sind ja gezeichnete Geschichten, Bilder voller Ereignis. Und ganz ohne Worte. Vielleicht könnte man dennoch jeweils einige Sätze hinzuschreiben, sozusagen als akustische Begleitmusik.2 Wichtig für den jungen Moser war wohl, dass er einen Verleger bzw. Lektor gefunden hatte, der seine Bilder mochte und verstand. Denn er zeichnete ja nicht irgendwas, er zeichnete, was er in und mit seiner Fantasie erlebt hatte. Vierzehn Tage später bekam ich in Weinheim Post aus Gols (oder Wien?) mit eben diesen Zeichnungen. Jedem Bild war ein kurzer Erzähltext beigefügt. Erwin Moser erzählt nicht nur mit Bildern, nun hat er auch Worte gefunden. Damals ahnte ich noch nicht, wer sich somit ankündigte, nämlich ein Autor unzähliger kurzer und langer Geschichten. Ein Dichter. Einer, der Romane schreibt und sie dann auch noch selbst illustriert. Was alles in wenigen Jahren entstand, ist heute noch staunenswert. Wie man weiß, sind die meisten Kinderbücher in der Regel spätestens nach fünf, sechs Jahren vom Markt verschwunden; länger verbleiben sie meist nicht. Nun, ich habe Mosers Romane erneut gelesen – sie sind auch nach dreißig Jahren noch frisch. Mich hat von Anfang an fasziniert, wie Erwin Moser (scheinbar mühelos) den Dingen Luft und Glück beschert, so den Tieren, den Steinen. Wind, Nacht und Himmel spielen mit. Alles kommt zur Sprache. Auch ein angebissener Apfel. Genau das macht den Moser aus. So belauscht er, wie Hummel und Wespe miteinander reden, oder er spricht mit einer Mücke: Iiiiiiiiiiiiiiiii Ich liege im Bett./ Iiiiiiiiiiiiiiiii Eine Mücke summt./ Iiiiiiiiiiiiiiiii Mücke, sei nett!/ Iiiiiiiiiiiiiiiii Mücke, flieg weg!// Du willst mich wohl stechen,/ du durstiges Biest!/ Ich weiß, wie das/ bei euch Mücken so ist!/ Hör mich an, liebe Mücke:/ Lässt du mich 5 in Ruh,/ so schwöre ich,/ daß ich dir auch nichts tu!// Iiiiiiiiiiiiiiiii Ich liege im Bett./ Iiiiiiiiiiiiiiiii Eine Mücke summt./ Iiiiiiiiiiiiiiiii Mücke, sei nett!/ Iiiiiiiiiiiiiiiii Bitte, flieg weg …/ Au!/ Patsch! …/ Iiiiiiiiiiiiiiiii/ Na, warte, du/ hinterlistiges Vieh!3 Um noch in der Chronik zu bleiben. Viele der Bild-Geschichten erschienen zuerst in meinen »Jahrbüchern der Kinderliteratur«, zunächst 1977 »Die Geschichte von Philip Schnauze«, danach 1979 ein erstes Dutzend in meinem Jahrbuch »Das achte Weltwunder«. Und dann gab es kein Halten mehr. Erwin Moser wurde neben Janosch ein Hauptautor des Verlages. In rascher Folge erschienen 1980 die Kindheitserinnerungen »Jenseits der großen Sümpfe«, dann 1981 »Großvaters Geschichten« und »Das Haus auf dem fliegenden Felsen«, darin die großformatigen Bilder des Anfangs. Und schon 1982 folgten »Ein Käfer wie ich« und »Der Mond hinter den Scheunen«. Kurz, innerhalb weniger Jahre wurde aus diesen Anfängen ein Moser-Bücherberg. Woher nimmt ein Autor, ein Künstler seine Bilder und Geschichten? Es ist sein Geheimnis und ist doch erklärbar. Bei Erwin Moser ist es zweifellos die Kindheit. Sie ist ihm eine Welt voller Zuwendung. Er hebt den Stein und findet darunter den Wurm. Kindheit– ein Wort, das Tür und Tor öffnet. Jeder hat sie, die eigene Kindheit. Für Erwin Moser ist sie Mittelpunkt. Was er als Kind erleben und wahrnehmen und phantasieren und behalten durfte, prägt sein künstlerisches Werk. Er ist ein Erzähler und erzählt Geschichten, Träume, Sehnsüchte der Kindheit. Das Dorf, die Menschen, die Tiere, die Vögel, der Mond und ein Gefühl der Harmonie. So entsteht der eigene Blick auf die Welt, in der wir leben. Hans Christian Andersen, der Märchenerzähler, hat es so gesehen: Das Leben ist das schönste Märchen, darin kommen wir selber vor.4 Anders gesagt, wir spielen mit Geschichten und Bildern, weil sie Nahrung für uns selbst sind. Und zwar vom Kindsein an. Als Kind sind wir Künstler und Erfinder. Das macht die Geschichten, die wir Kindern erzählen, so wertvoll. Wissen Sie, was ein Mehlkäfer denkt und fühlt? Erwin Moser weiß es, weil er die Memoiren eines Mehlkäfers im Burgenland aufgeschrieben hat. Ich bin doch wirklich der einsamste, unglücklichste und verlassenste Mehlkäfer der Welt!5 Was für ein Gefühlsausbruch! Doch gleich kommt hinterher: Doch halt! Selbstmitleid war hier fehl am Platz. Ich versuchte, meine Gefühle unter Kontrolle zu bringen und zwang mich zu logischem Denken.6 Das ist ein Zitat aus »Ein Käfer wie ich«. Und beim Zerkauen köstlichen Mehls erfährt man, unkundig wie wir nun mal sind, was Mehlkäfer beim Mehlkauen fühlen und denken: Der vierte Bissen aber ist für die Zukunft. Ist der vierte Bissen gut zerkaut im Magen gelandet, so muß man ganz stark an seine Zukunft denken. An die Pläne, die man vorhat, an die großartigen Dinge, die man im Leben tun möchte, an die gewaltigen und guten Taten, die man vollbringen möchte.7 Da haben wir sie wieder, die Mosersche Sinnwelt. Erwin Mosers Romane, ebenso viele seiner Geschichten, vermitteln Lebensphilosophie. Einer (auch wenn es nur ein Mehlkäfer ist) denkt nach über alles und jedes, was eben unser Leben ausmacht: Freundschaft, Freude, Liebe, Tod und wie etwas möglich wird, was 1 Der Text wurde in seiner ursprünglichen, mit Literaturangaben ergänzten Fassung mit Genehmigung der Erbengemeinschaft Gelbergs veröffentlicht, bei der auch die Rechte liegen. © Erbengemeinschaft Hans-Joachim Gelberg (Barbara Gelberg, Stefan Gelberg) 2 Erwin Moser zit. in Gelberg, Hans-Joachim: Von Mäusen, Katzen und Menschen. Über den Geschichtenerzähler Erwin Moser. In: Erwin Moser: Das große Fabulierbuch. Geschichten & Bilder von überall her. Mit vielen verzauberten Bildern. Weinheim, Basel: Beltz & Gelberg 1995, S. 56 3 Erwin Moser: Die Mücke. In: Erwin Moser: Das große Fabulierbuch. Weinheim, Basel: Beltz & Gelberg 1995, S. 132. 4 Vgl. dazu Hans Christian Andersen/ Sabine Friedrichson: Das Leben ist das schönste Märchen, denn darin kommen wir selbst vor. Weinheim, Basel: Beltz & Gelberg 2005. 5 Ein Käfer wie ich. Die Erlebnisse eines Mehlkäfers. Weinheim, Basel: Beltz & Gelberg 1987, S. 63. 6 Ebda. 7 Ebda, S. 93. 6 eigentlich unmöglich scheint. Zum Beispiel, wenn ein Rabe und ein Zauberer die Lebensrolle tauschen. Der Rabe wird Mensch, leider ohne Menschensprache, der Zauberer wird Rabe, spricht er doch die Rabensprache. Diese Raben-Story war ursprünglich eine kurze Geschichte. Darin hatte ich mich gleich verliebt. Ich fand, es müsste ein Roman werden, einer mit vielen Fortsetzungen. So wurde aus der Geschichte ein wundervoll ereignisreicher Roman, bizarr und mit köstlicher Situationskomik in einem ganz eigenen Erzählton. Hinzu kamen viele farbige Bilder. (Nebenbei, welcher Verlag ließ damals einen Roman farbig bebildern. Das machte man nicht, schon wegen der Druckkosten. Aber, wie gesagt, ich war verliebt in Mosers rabige Welt.) Es wurde dann ein Roman, der den Leser fesselte, den Autor aber an gewisse Grenzen führte. Mein Drängen nach einer Fortsetzung lehnte Erwin Moser entschieden ab. Es war ihm letztendlich das Böse, der Zauber des Bösen, zu grauslich geworden. Hier spürte ich ein ahnendes Angstpotential. Vielleicht mit ein Grund, immer wieder Harmonie und Glück malend und schreibend zu beschwören. Ich glaube, dass Erwin Moser Dunkelheiten intensiv spürte, sie aber in seinen Geschichten und Bildern tunlichst vermied. Was Kindern natürlich gefällt, wenn alles gut ausgeht. Was für eine Perspektive, im Mauseblick die Welt zu sehen: Wir wissen, so die Mäuse in »Der Mond hinter den Scheunen«, wir wissen, dass die Erde unser Zuhause ist, wir fühlen uns wohl auf ihr, aber wir ahnen gleichzeitig, dass es noch andere Welten dort draußen im All gibt. Diese Ahnung weckt unsere Neugierde und setzt unsere Phantasie in Gang …8 Ja, und vor ihrem Mauseloch spielen sie mit der Katze das schöne Spiel: Ich sehe was, das du nicht siehst, und das ist …! Wie gesagt, in Mosers Geschichten sind Tiere auch Philosophen. Liebe, sagt die Eule, Liebe hat viel mit Verstehen zu tun. Deswegen bemühe dich immer, die Welt mit den Augen des anderen zu sehen. Und weiter: Wir sind unsterblich. Was von uns stirbt, wenn es soweit ist, das ist einzig und allein unser Körper. Wir selbst können nicht sterben.9 Im Sinn dieser Philosophie hat Erwin Moser eine Geschichte geschrieben – sie zählt zu meinen Lieblingen –, die fängt so an: In einem Dachstuhlbalken lebten einmal fünf Holzwürmer. Ihr Leben bestand aus nagen, nagen und nochmals nagen. In der Zeit, in der sie nicht nagten, schliefen sie, und das war auch schon alles.10 (Eigentlich müsste man die Geschichte ganz vorlesen.) Wir erfahren, wie ein junger Holzwurm sein ödes Leben verändern will, mehr nicht, und doch erfahren wir allerhand vom Leben in unserer Welt. Auch, wenn es, wie in diesem Fall, nur eine Holzwurm-Welt ist. Nach meinem Moser-Lieblingsbuch befragt, sage ich, das ist wohl »Der Rabe Alfons« (Da ist einmal ein Rabe gewesen…«,11 so fängt es an), doch lieb habe ich auch »Großvaters Geschichten«, wie nämlich der Großvater den kranken Herbert gesund erzählt. Was ja große Kunst ist. Dies alles in dem Dorf im Burgenland zur Zeit der Weinlese. Und wir wissen, welches Dorf gemeint ist. Dazu, Seite für Seite, unglaubliche 300 Federzeichnungen innigster Art. Zudem ein Erfolgsbuch, das nur um eine einzige Jury-Stimme den Deutschen Jugendliteraturpreis verpasst hat. Nun habe ich viel gesagt zum Erzähler Moser. Aber wie sieht es aus mit seinen Bildern? Von Anfang an erzählen auch seine Bilder Geschichten. Hier in diesem Museum werden sie gezeigt. Man kann sie sich also selber nacherzählen. Kin- 7 der machen das mit Vorliebe. Dazu gehören natürlich auch die vielen Bildergeschichten, immer wieder sind es Mäuseabenteuer. Seine Zeichnungen, alle mit Feder und schwarzer Tusche gezeichnet und danach mit Aquarellfarben koloriert, finden direkt zum Beschauer und doch gibt es immer wieder, hier und da, kleine Geheimnisse. Mit inniger Wonne kann man Baumhäuser mit phantastischem Innenleben betrachten – Baumhaus, Vulkanhaus, Pilzhaus, das Haus auf dem fliegenden Felsen … Auch auf unzähligen großformatigen Kalenderblättern findet sich Mosers Traumund Wunschwelt. Alfred Kubin, der große Zeichner dunkler Traumwelten, erklärt in einem Werkbericht: An Erfahrung schwer, leicht an Gepäck und heiteren Gemüts erfreut sich der Zeichner der wunderbaren Einfachheit seiner Kunst, die es ihm erlaubt, mit nichts als Feder, Tusche und Papier auszukommen. Er zaubert sich seine Dinge und erfindet und begründet Unmöglichkeiten.12 Lassen Sie mich zum Schluss noch ein wenig spekulieren. Ich besitze eine lange Liste mit Titeln von Geschichten, die Erwin Moser noch schreiben wollte. Sie lassen einen anderen Moser vermuten. Ja, was wäre, wenn? In unserer Phantasie möchten wir miterzählen. Ach, wenn wir doch – da wir die Titel erfahren – auch ihre Geschichten lesen könnten! Wie wir wissen, ist das nicht mehr möglich. Ich habe die Liste in meiner Anthologie »Wo kommen die Worte her?«13 angeboten. So lese ich mal einige Titel vor: »Die Geschichte von der schönen Frau, die so gerne hässlich sein wollte«, »Die Geschichte von der unheimlichen Wohnung«, »Die Geschichte von dem Mann, der nichts fühlte«, »Die Geschichte von dem Mann mit den drei Erfindungen«, »Die Geschichte von dem Mann, der immer hölzerner wurde«, »Die Geschichte von dem Mann, der aus seinen Träumen nicht mehr herausfand«. Es fällt mir schwer, aufzuhören mit meinen Eindrücken und Erinnerungen. Es ist ja auch ein Stück meiner eigenen Lebenszeit, die ich hier reflektieren durfte. In einer Schlussbetrachtung von Erwin Moser zum großen »Fabulierbuch« mit vielen Bildern und Geschichten, die ich auswählte, lautet der letzte Satz von Erwin Moser: Kinder sind ein wildes, freies, wunderbares Publikum.14 Ich glaube, liebe Damen und Herren und Moser-Verehrer, Sie sind es auch. Sonst wären Sie ja nicht hier. 8 Erwin Moser. Der Mond hinter den Scheunen. Weinheim, Basel: Beltz & Gelberg 1989, S.104. 9 Ebda, S. 171. 10 Erwin Moser: Die fünf Holzwürmer. In: Erwin Moser: Fabulierbuch. Weinheim, Basel: Beltz & Gelberg 1989, S. 20-23. 11 Erwin Moser: Der Rabe Alfons. Eine märchenhafte Geschichte in dreiundzwanzig Kapiteln von einem Raben, der ein Mensch war, und einem Zauberer, der ein Rabe war. Mit achtundsechzig farbigen Bildern von Erwin Moser. Weinheim, Basel: Beltz & Gelberg 1998, S. 9. 12 Alfred Kubin: Der Zeichner (1922). In: Ulrich Riemerschmidt (Hg.): Alfred Kubin – Aus meiner Werkstatt. Gesammelte Prosa mit 71 Abbildungen. München: dtv 1973, S. 59–60. 13 Hans-Joachim Gelberg (Hg.): Wo kommen die Worte her? Neue Gedichte für Kinder und Erwachsene. Weinheim, Basel: Beltz & Gelberg 2011. 14 Hans-Joachim Gelberg: Von Mäusen, Katzen und Menschen. Über den Geschichtenerzähler Erwin Moser. In: Erwin Moser: Das große Fabulierbuch. Geschichten & Bilder von überall her. Mit vielen verzauberten Bildern. Weinheim, Basel: Beltz & Gelberg 1995, S. 6. 8 Literaturverzeichnis Primärliteratur Moser, Erwin: Fabulierbuch. Weinheim, Basel: Beltz & Gelberg 1989. Moser, Erwin: Das große Fabulierbuch. Geschichten & Bilder von überall her. Mit vielen verzauberten Bildern. Weinheim: Beltz & Gelberg 1995. Moser, Erwin: Der Mond hinter den Scheunen. Weinheim, Basel: Beltz & Gelberg 1989. Moser, Erwin: Ein Käfer wie ich. Die Erlebnisse eines Mehlkäfers. Weinheim, Basel: Beltz & Gelberg 1987 (= Gulliver Taschenbuch 29). [EA 1982] Moser, Erwin: Der Rabe Alfons. Eine märchenhafte Geschichte in dreiundzwanzig Kapiteln von einem Raben, der ein Mensch war, und einem Zauberer, der ein Rabe war. Mit achtundsechzig farbigen Bildern von Erwin Moser. Weinheim, Basel: Beltz & Gelberg 1998 (= Gulliver Taschenbuch 303). [EA 1990] Sekundärliteratur Andersen, Hans Christian / Sabine Friedrichson: Das Leben ist das schönste Märchen, denn darin kommen wir selbst vor. Weinheim, Basel: Beltz & Gelberg 2005. Gelberg, Hans-Joachim: Von Mäusen, Katzen und Menschen. Über den Geschichtenerzähler Erwin Moser. In: Erwin Moser: Das große Fabulierbuch. Geschichten & Bilder von überall her. Mit vielen verzauberten Bildern. Weinheim, Basel: Beltz & Gelberg 1995. S. 5–6. Gelberg, Hans-Joachim (Hg.): Wo kommen die Worte her? Neue Gedichte für Kinder und Erwachsene. Weinheim, Basel: Beltz & Gelberg 2011. Kubin, Alfred: Der Zeichner (1922). In: Ulrich Riemerschmidt (Hg.): Alfred Kubin – Aus meiner Werkstatt. Gesammelte Prosa mit 71 Abbildungen. München: dtv 1973. S. 59–60. 9 1 Bis 2009 hieß dieser so. Heute heißt er »Österreichischer Kunstpreis für Kinderund Jugendliteratur«. Mit dieser Auszeichnung wird das künstlerische Gesamtwerk gewürdigt. Erwin Moser: Fantastische Geschichten Zur Ausstellung im Karikaturmuseum Krems vom 4. März 2023 bis zum 23. Juni 2024 Von Gottfried Gusenbauer und Tanja Münichsdorfer Im Ausstellungsprogramm des Karikaturmuseums Krems spielen neben Karikaturen, Cartoons und satirischen Grafiken auch Illustrationen für Kinderbücher eine bedeutende Rolle. Ziel ist es, besonders dem jungen Publikum ein einzigartiges und bereicherndes Museumserlebnis zu bieten. Es ist uns – und vor allem dem Team der Kunstvermittlung – ein zentrales Anliegen, Kinder in ihren Fragen, Fantasien, Sehnsüchten und Ängsten ernst zu nehmen. Unsere Herangehensweise orientiert sich dabei an einem vielfach zitierten Leitsatz aus dem Museumsund Vermittlungsbereich: Kinder sind nicht das Publikum von morgen, sondern bereits das von heute. Deshalb möchten wir das Museum schon für junge Besucher*innen als einen Ort erlebbar machen, an dem ihre Perspektiven wertgeschätzt werden und Gehör finden. Die Ausgangssituation für das Museum war überaus inspirierend: Die fantasievoll erzählten und gezeichneten Kinderbücher von Erwin Moser strahlen große Warmherzigkeit aus und sind ein fester Bestandteil der deutschsprachigen Kinderund Jugendliteratur. Seine Werke wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Zwei seiner Bücher standen 1982 und 1983 auf der Auswahlliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis, und für »Der Rabe Alfons« erhielt er 1992 den Rattenfänger-Literaturpreis der Stadt Hameln. 2006 wurde Erwin Moser zudem mit dem »Österreichischen Würdigungspreis für Kinderund Jugendliteratur«1 geehrt. Mosers Bilder und Geschichten erreichen alle Altersgruppen. Sie unterhalten, machen Mut, nehmen Ängste, geben Hoffnung und vermögen sogar zu trösten. Die inhaltliche und künstlerische Perspektivierung der Ausstellung entstand in einem kleinen, engagierten Team: Gemeinsam mit Ruth Moser, Witwe und Kuratorin, sowie der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Anna Steinmair entwickelten wir Ideen für einen spielerischen Zugang. Unser Ziel war es, jungen Besucher*innen einen ungezwungenen, angenehmen und inspirierenden Aufenthalt im Museum zu ermöglichen. So wurden den gemütliche Vorlese-Ohrensessel, eine Leselounge sowie vielfältige Leseund Spielangebote mitten in der Ausstellung zur Verfügung gestellt. Ein Erwin-Moser-Lesepass zum Mitnehmen lud dazu ein, das Museumserlebnis auch zu Hause weiterzuführen. Diese Angebote eröffneten Kindern – gemeinsam mit ihren Familien und Begleitpersonen – einen Raum für Interaktion, Vorleseaktionen und gemeinsames Entdecken. Vorlesen, als zentraler Aspekt der Leseförderung, spielte in der konzeptionellen Ausrichtung eine wichtige Rolle: Es schafft Nähe und Austausch, erschließt Wissen, fördert die Konzentration – und regt Fantasie sowie Vorstellungsvermögen an. Auch Erwin Moser selbst sah das kreative Schaffen als Entdeckungsreise: Bücherschreiben und Zeichnen ist für mich immer auch eine Forschungsreise, es hat mit der Erforschung der Welt zu tun, so wie ein kleiner 16 be) und die Bewältigung von inneren und äußeren schicksalsträchtigen Situationen. Die Mäuse Tim und Tanja werden aus einer misslichen Lage, einem Schneegestöber, befreit – ausgerechnet von einem sehr sonderbaren, fellbewachsenen, weißen Schneemenschen, der allein haust. Dieser zeigt sich entgegen etwaigen ersten Vermutungen den Mäusekindern gegenüber äußert liebevoll und fürsorglich. Zweifel am Wesen des Schneemenschen kommen nur bei den Leser*innen auf, die Mäuse hingegen behandeln den »komischen Kauz« mit einer kindlichen Unvoreingenommenheit. Das Kennenlernen geht über die erste Rettungsaktion hinaus und endet beim gemeinsamen Spiel zwischen Mäusen und Schneemenschen. Aus der Zufallsbekanntschaft wird mehr, und eine Freundschaft entsteht. Neben den vielfältig gezeichneten Charakteren, ihrem Mut und Einfallsreichtum scheinen auch Möglichkeiten, die durch eine spontane Begegnung entstehen können, auf. In diesem Fall entwickelt sich eine Freundschaft, ein zentrales Thema im Werk Erwin Mosers und der frühen Kindheit. Mosers Figuren zeigen sich ambivalent und weisen Entwicklungspotential auf. Moser erlaubt seinen Figuren, sich von kulturell bedingten Zuschreibungen und gängigen Annahmen über diese zu befreien, z.B. in »Der Wunschhase«, die Figur des »Angsthasen«, der mutig und zugleich ängstlich ist, oder der Fuchs, der gemeinhin als listiges Tier gilt und doch nicht so schlau zu sein scheint. Dabei beinhalten Erwin Mosers Werke oftmals zufällige oder schicksalshafte Momente in Form von glücklichen Wendungen, die drohende Gefahren oder konkrete Anforderungen der Umwelt abwenden konnten, z.B. in »Kleine Katze Nina«, »Konrad der Schneemensch« oder »Der Wunschhase«. 4.1. Methodisch-Didaktische Überlegungen zu ausgewählten Werken Erwin Mosers Das Betrachten der Bilderbücher Erwin Mosers von Kindern ohne konkrete Lesefähigkeiten erzeugt innere Bilder, aktiviert symbolisches Vorwissen und gewährleistet eine Anschlussfähigkeit an die Handlungen der fiktiven Figuren. Erwin Moser holt sein junges Publikum durch seine ansprechenden Illustrationen bildlich und durch seine eindeutige, gut verständliche Sprache affektiv ab. Seine Geschichten knüpfen an der kindlichen Lebenswelt an und lassen Denk-, Fantasieund Spielräume für ihre eigenen Interpretationsweisen zu. Durch Erwin Mosers Wahl des komplementären Verhältnisses zwischen Text und Bild ist sowohl eine realistische Deutung der konkreten Situation als auch das freie Assoziieren von Bedeutungen und Geschehnissen möglich. Die Formulierungsund Illustrationsweise des Autors begünstigt zudem einen Kompetenzerwerb in der Sprachbildung für die Kinder. Die Geschichten und Illustrationen sind für Kinder von ein bis sechs Jahren zu empfehlen. Die bunte und doch zurückhaltende Farbwahl und die bildnerische Technik sind (nicht nur) für Kinder ästhetisch in hohem Maße ansprechend. Die Betrachtung oder das Vorlesen der Bilderbücher lösen einen hohen Aufforderungscharakter an das Kind aus. Sie dienen als Einladung zum Sprechen. Die Bilderbücher des Autors begleiten Kinder beim Übergang in der Phase vom Lustzum Realitätsprinzip und behandeln die menschliche Ambivalenz zwischen Realitätsanpassung und Fantasie. In den Geschichten und Bilddarstellungen des Autors werden sowohl bildhafte als auch inhaltliche Bezüge zu Kunst und Kultur hergestellt und die eigene 17 Identitätsfindung unterstützt. Zentrale Themen der frühen Kindheit stehen dabei im Zentrum seines Werkes: Von der Ichzur Selbstbildung, Nähe und Trennung, Alleinsein-Können und Gemeinschaft. Auch schmerzliche und trotzdem bewältigbare Erfahrungen mit Ich-Sein, Anderssein, Fühlen und Denken werden gezeigt. Erwin Mosers Geschichten ermöglichen dem Kind dabei sowohl die Erfahrung der Identifikation als auch die Distanzierung zu den Protagonist*innen der Erzählung. Zentral sind in Mosers Werken verschiedene Situationen und Geschichten, die von Freundschaft und Beziehung handeln z.B. »Boris, der Kater«; »Kleine Katze Nina«; »Manuel und Didi«; »Mein Baumhaus«; »Der Wunschhase« u. a.; wertebezogene Themen, wie die unterschiedlichen Lebenswelten oder die vielfältige Gestaltung von Freundschaften, greift Moser auf (z.B. »Mein Baumhaus« u.a.). 4.2. Early Literacy: (Dialogisches) Vorlesen, Leseund Schreiberfahrungen mit Erwin Moser Early Literacy, also Erfahrungen mit dem Lesenund Schreibenlernen, beginnen nicht in der Schule. Erste Leseund Vorleseerfahrungen finden in der Familie und in den ersten, pädagogischen Bildungseinrichtungen statt. Bilderbücher von Erwin Moser ermöglichen das Erzählen bei Bildbetrachtungen und das Dialogische Vorlesen durch eine beziehungsorientierte, pädagogische Haltung: Eigene innere Bilder, Lustvolles und Unlustvolles, Wünsche, Vorstellungen und Ängste können und dürfen zur Sprache gebracht werden, genauso wie an konkrete Erfahrungen des Kindes angeschlossen werden kann. Auch praxisorientierte Möglichkeiten des methodisch-didaktischen Einsatzes seines Werks zur Entwicklung der Schriftsprache sind umsetzbar. Exemplarisch werden methodisch-didaktische Überlegungen zu drei ausgewählten Werken von Erwin Moser angestellt, die als Impulse für eine Umsetzung im elementarpädagogischen Setting zum Einsatz kommen können. Diese Überlegungen orientieren sich an den Bildungsbereichen der Grundlagendokumente für die Elementarpädagogik18 und den oben genannten Theorien zur Entwicklungspsychologie sowie den Grundlagen der Montessori-Didaktik.19 Auch die Methoden des Philosophierens mit Kindern werden thematisiert.20 4.3. Übersicht zur Umsetzung von »Das Katzen-ABC«, »Der Wunschhase« und »Kleine Katze Nina« »Das Katzen-ABC« (2025) Inhalt: Kennenlernen des ABCs durch Bildbetrachtung und Vorlesen. Im Vordergrund steht das Kennenlernen der Verbindung von mündlicher Sprache und geschriebenem Symbol. Die Anlaute der Vornamen der Protagonisten werden in gereimten, kurzen Sätzen rund um die Katzenwelt humorvoll präsentiert. Empfehlung: ab dem 1. Lebensjahr Verschiedene Einsatzmöglichkeiten und durchgängige Nutzung für eine große 18 Vgl. etwa Charlotte-Bühler-Institut (CBI) für das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMBWF): Bundesländerübergreifender BildungsRahmenPlan für elementare Bildungseinrichtungen in Österreich. 2009/2020. 19 Vgl. dazu etwa Holtstiege: Modell Montessori. (2004;) Axel Holtz: Montessori-Pädagogik und Sprachförderung. Ulm: Kinders-Verlag 1994; Montessori, Maria: Das kreative Kind. Freiburg im Breisgau: Herder 2007. 20 Vgl. Barbara Brüning: Philosophieren mit Kindern. Eine Einführung in Theorie und Praxis. Berlin: LIT-Verlag 2015, S. 88 ff. 18 Altersspanne möglich. Besonderes Format des Pappbilderbuches. Isolation der Eigenschaft: Reduzierte Darstellung: Ein*e Protagonist*in bzw. eine kurze Handlung auf bildlicher und textlicher Ebene bietet besonders jungen Kindern ein gutes Verständnis des Geschehens. Durchgängige Anwendung in der großen Altersmischung der ersten Bildungseinrichtung bis zur Schule durch Variation in der Anwendung möglich. Überlegungen: Lebenswelt: Anknüpfen an kulturelle, lebensweltliche Erfahrungen mit Tieren, gesprochener Sprache und Schriftsprache Identifikation: Identifikationsmöglichkeit und hoher Aufforderungscharakter durch »tierische Gefährten« Early Literacy & Sprachbildung: durch Bildbetrachtung, Erzählen und dialogischem Vorlesen. Reime und Rhythmus des Buches treffen beim Vorlesen auf kindliche Neugier an Wiederholung und Kennenlernen von Struktur und Tonalität von Sprache und Schrift Lautierungsakzente beim Vorlesen: Verknüpfung von gesprochener Sprache & Symbol in der Schriftsprache Vom Vorlesen zum ersten, freien Lesen Vom Erkennen einzelner Buchstaben als Symbole der Schrift zum ersten, freien Schreiben Methodische Umsetzung: Katzen-Box mit Protagonisten des Bilderbuchs als Spielfiguren für freies, symbolisches Spiel Anlautbox mit konkreten Gegenständen und Bildbzw. Wortkarten mit Katzennamen (erweiterbar zu: Vornamen der Kinder) Bild-/Wortkarten zum ersten Lesen und Schreiben Klassifizierungsmaterial zu Katzen Malhefte als Vorbereitung auf das Schreibenlernen Erstlese-/Erstschreibehefte ABC-Plakaterstellung Reimen und rhythmisch-musikalische Umsetzung »Kleine Katze Nina« (2023) Inhalt: Die Lebenswelt der kleinen Katze Nina. Von Alleinsein-Können und Freundschaft, Spiel & Spaß und der »anderen« Seite Ninas. Empfehlung: ab dem 2. Lebensjahr Kleinformatig, kurze Mehrwortsätze, einfache, nachvollziehbare Handlungsverläufe der aufregenden Lebenswelt der Katze Nina. Überlegungen: Lebenswelt: Anknüpfen an kulturelle, lebensweltliche Erfahrungen mit Tieren, gesprochener Sprache und Schriftsprache Identifikation: Identifikationsmöglichkeit und hoher Aufforderungscharakter durch »tierische Gefährten« 19 Early Literacy & Sprachbildung: durch Bildbetrachtung, Erzählen und dialogischem Vorlesen. Vom Geschichte hören, zum Geschichte weiterentwickeln Vom Vorlesen zum ersten, freien Lesen Vom Erkennen einzelner Buchstaben als Symbole der Schrift zum ersten, freien Schreiben Methodische Umsetzung: Katze-Nina-Box für symbolisches Spiel und freie Assoziation Umsetzung im Rollenspiel bzw. szenischem Spiel Bild-Wortkarten Bildkarten zu Serialität Weiterführung/Abänderung der Geschichte »Die andere Seite Ninas« Erstlese-/Erstschreibehefte Einbettung des Werkes im Kontext Biografiearbeit zum Thema »Ich« Wertevermittlung zum Thema »Freundschaft« »Der Wunschhase« (2024) Inhalt: erste Geschichte aus »Der Wunschhase«: erzählt wird von zwei Angsthasen, vom Ängstlich-Sein und Schlau-Sein, wie sich Dinge überraschend wenden können und wie es dazu kommt, dass die Angsthasen sich nach der Flucht vor dem Fuchs und dem Luchs auch durch Freundschaft in zwei Wunschasen verwandeln. Empfehlung: ab dem 3. Lebensjahr Überlegungen: Lebenswelt: Anknüpfen an kulturelle, lebensweltliche Erfahrungen mit Tieren, gesprochener Sprache und Schriftsprache Identifikation: Identifikationsmöglichkeit und hoher Aufforderungscharakter durch »tierische Gefährten« Soziale Kognition und Mentalisierungsfähigkeit: Einfühlen in das Gegenüber und nachvollziehen komplexer Denk-, Fühlund Handlungsweisen Philosophieren: Wünsche, Ängste, Hoffnungen, Überraschungen, die das Leben mit sich bringt, Freundschaft und Weiterentwicklung als Folgen von Begegnungen Metakognition, Emotion und Wertebildung: Zuschreibungen, Werte etc., die kulturell vorgegeben sind, zur Sprache bringen und kritisch hinterfragen Methodische Umsetzung: Vorlesen bzw. Dialogisches Vorlesen Erste Lese-/Schreibhefte Bildkarten zur Serialität Bild-/Wortkarten zu Gefühlen Szenisches Spiel / Umsetzung als Theaterstück Erzähl-Theater bzw. Kamishibai Bilderbuch-Kino Philosophieren: Phänomenkoffer zu »Freundschaft«21 bzw. Projektarbeit zum Thema: Wünsche, Freundschaft, Angst und Mut 21 Ebd., S. 31. 20 Literaturverzeichnis Primärliteratur Moser, Erwin: Boris, der Kater. Der findigste Kater aller Zeiten. Zürich: NordSüd 2021. Moser, Erwin: Das Katzen-ABC. Zürich: NordSüd 2025. Moser, Erwin: Das Weihnachtsgeschenk. Zürich: NordSüd 2024. Moser, Erwin: Der Wunschhase. Fabelhafte Geschichten und Bilder von Erwin Moser. Weinheim, Basel Beltz& Gelberg 2024. Moser, Erwin: Die Maus im All. Zürich: NordSüd 2024. Moser, Erwin: Joschi Tintenkatz. Zürich: NordSüd 2024. Moser, Erwin: Kleine Katze Nina. Zürich: NordSüd 2023. Moser, Erwin: Konrad, der Schneemensch. Zürich: NordSüd 2024. Moser, Erwin: Manuel & Didi. Mäuseabenteuer im Sommer. Weinheim: Gulliver in der Verlagsgruppe Beltz 2019. Moser, Erwin: Mein Baumhaus. Geschichten von über und unter der Erde. Weinheim: Beltz 2019. Sekundärliteratur Abraham, Ulf: Übergänge. Literatur, Sozialisation und Literarisches Lernen. Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1998. Agarwala, Anant / Martin Spiewak: „Ein Buch lesen? Ganz?!“. In: DIE ZEIT 18/2025. S. 29–30. Bogyi, Gertrude: Magisches Denken und Verarbeitung von traumatischen Ereignissen. In: Karl Steiner / Christina Büttner / Barbara Müller (Hg.): Jahrbuch für psychoanalytische Pädagogik 15. Themenschwerpunkt: Kinder zwischen drei und sechs. Bildungsprozesse und Psychoanalytische Pädagogik im Vorschulalter. Gießen: Psychosozial-Verlag 2006. S. 1–16. Brüning, Barbara: Philosophieren mit Kindern. Eine Einführung in Theorie und Praxis. Berlin: LIT-Verlag 2015. Charlotte-Bühler-Institut (CBI) für das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMBWF): Leitfaden zur sprachlichen Bildung und Förderung am Übergang von elementaren Bildungseinrichtungen in die Volksschule. Wien 2021. (https://www. charlotte-buehler-institut.at/leitfaden-zur-sprachlichen-foerderung-am-uebergang-vom-kindergarten-in-die-grundschule/) [24.6.2025]. Charlotte-Bühler-Institut (CBI) für das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMBWF): Bundesländerübergreifender BildungsRahmenPlan für elementare Bildungseinrichtungen in Österreich. 2009/2020. (https://www.charlotte-buehler-institut.at/berichte-leitfaeden/) [24.6.2025]. Charlotte-Bühler-Institut (CBI) für das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMBWF): Digitale Medienbildung in der Elementarpädagogik. Wien 2020. (https://www.charlotte-buehler-institut.at/digitale-medienbildung-in-elementaren-bildungseinrichtungen-2/) [4.5.2025]. Ehmig, Simone C.: Vorlesemonitor. (https://www.stiftunglesen.de/ueber-uns/forschung/studien/vorlesemonitor) [12.5.2025]. Erikson, Erik H.: Identität und Lebenszyklus. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1973. Holtstiege, Hildegard: Modell Montessori. Grundsätze und aktuelle Geltung der Montessori-Pädagogik. Freiburg im Breisgau: Herder 2004]. S. 128–158. [EA 1977 Holtz, Axel: Montessori-Pädagogik und Sprachförderung. Ulm: Kinders-Verlag 1994. Jugendund Familienministerkonferenz / Kultusministerkonferenz: Gemeinsamer Rahmen der Länder für die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen. 2022. (https://www.kmk. org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2004/2004_06_03-Fruehe-Bildung-Kindertageseinrichtungen.pdf) [23.4.2025]. Kucharz, Diemut / Katja Mackowiak / Christine Beckerle: Alltagsintegrierte Sprachförderung. Ein Konzept zur Weiterqualifizierung in Kindergarten und Grundschule. Weinheim: Beltz 2015. Kurwinkel, Tobias: Bilderbuchanalyse. Narrativik – Ästhetik – Didaktik. Tübingen: Narr Francke Attempto 2024. 21 Maiwald, Klaus: Literarisches Lernen. 2022. (https://www.kinderundjugendmedien.de/fachdidaktik/6370-literarisches-lernen) [4.5.2025]. Montessori, Maria: Das kreative Kind. Freiburg im Breisgau: Herder 2007 [EA 1949]. Neißer, Barbara / Udo Vorholt (Hg.): Kinder philosophieren. Berlin: LIT-Verlag 2012. Polk Lillard, Paula / Lynn Lillard Jessen: Montessori von Anfang an. Ein Praxishandbuch für die ersten drei Jahre des Kindes. Freiburg im Breisgau: Herder 2014. Ritter, Michael: Übergangsphänomene. Neue Bilderbücher im Spannungsfeld analoger und digitaler Medienformate. In: Anja Rußegger / Tobias Waldner (Hg.): Wie im Bilderbuch. Zur Aktualität eines Medienphänomens. Innsbruck: StudienVerlag 2016. o. S. Schäfer, Gerd E.: Was ist frühkindliche Bildung? Kindlicher Anfängergeist in einer Kultur des Lernens. Weinheim: Beltz | Juventa 2014. Schäfer, Gerd E.: Bildung durch Beteiligung. Zur Praxis und Theorie frühkindlicher Bildung. Weinheim: Beltz | Juventa 2019. Schneider, Wolfgang / Ulman Lindenberger: Allgemeine Entwicklungslinien des Vorschulalters. In: Wolfgang Schneider und Ulman Lindenberger (Hg.): Entwicklungspsychologie. Weinheim: Beltz 2018. S. 612–614. Spiewak, Martin: Interview mit Petra Anders und Kerstin Hauke. „Die Leselust wird nicht gefördert“. In: DIE ZEIT 18/2025. S. 31. Staiger, Michael: Ein sechsdimensionales Modell für die Bilderbuchanalyse. 2022. (https:// www.researchgate.net/publication/359442033_Ein_sechsdimensionales_Modell_der_ Bilderbuchanalyse) [4.5.2025]. Zulliger, Hans: Das magische Denken des Kindes. Beiträge zur psychoanalytischen Pädagogik und Kindertherapie. Gießen: Psychosozial-Verlag 2022. Zulliger, Hans: Heilende Kräfte im kindlichen Spiel. Eschborn bei Frankfurt am Main: Verlag Dietmar Klotz 2007 [EA 1952]. 22 »Schwebe-, Flatter-, Schwirr-, Sauseund Gaukelmaschinen« Literarisches und Kreatives Lernen mit Erwin Mosers Flugobjekten Von Jutta Preisinger1 Seit Beginn meiner Unterrichtstätigkeit im Jahr 1985 ist es mir ein Anliegen, meinen Schüler*innen interessante, spannende, fantasievolle und inspirierende Kinderbücher vorzustellen und mit diesen im Unterricht zu arbeiten. Von Erwin Moser sprachen mich die Illustrationen besonders an, die Geschichten faszinierten mich und inspirierten mich zu vielen Unterrichtsideen. In meiner langen Unterrichtstätigkeit habe ich mit den Kindern bereits viele unterschiedliche Projekte zu Erwin Moser verwirklicht. Eine schöne Erinnerung ist der Brief, den eine vierte Klasse an Erwin Moser im Jahr 2004 schrieb, und den er selbst noch beantwortete. Ich möchte kurz aus diesem Brief zitieren, da er schön zeigt, wie sehr er sie durch sein Schreiben zu eigenem Kreativsein ermutigte. Auf die Frage, ob er Vorbilder hätte, antwortete er wie folgt: Beim Zeichnen hatte ich sicher dutzende von Vorbildern, F. K. Wächter, Janosch, Jean Giraud (ein Comiczeichner) um die wichtigsten zu nennen. Aber noch heute schaue ich mir jede gute Grafik genau an und versuche immer etwas dazu zu lernen. […] Beim Schreiben ist es ähnlich. Man kann sich einen Schreibstil als Vorbild nehmen, aber zum eigenen Stil findet man am leichtesten, indem man offen und genau eigene Gedanken und Erlebnisse beschreibt. Sie kommen einem am Anfang vielleicht unscheinbar vor, aber die eigenen Gedanken und Erlebnisse sind die, die noch kein Anderer hatte und daher für alle anderen am interessantesten sind. Wichtig ist, daß man ehrlich ist, dann ist man automatisch originell. Macht einen Versuch in dieser Richtung … 2 Dass meine Begeisterung und Liebe zu den Werken auch die Kinder ‚angesteckt‘ haben, zeigen folgende Äußerungen einer zweiten Klasse aus dem Frühjahr 2023. Die Kinder waren damals circa 7 Jahre alt, sie schrieben: An den Erwin Moser Büchern gefällt/gefallen mir, … • dass sie so fantasievoll und inspirierend für andere Geschichten sind. (Hannah) • die bunten Zeichnungen. (Johanna) • die Gedanken für neue Idee zum Zeichnen. (Annabell) • dass sie immer gut ausgehen. (Laurens) • dass die Tiere in den Büchern viele Freunde finden und auf ihren Reisen immer zusammenhalten. (Martha) • dass sie mir Energie geben, die mich glücklich macht. (Emma) • dass es so viele »erfundene« Fahrzeuge gibt. (Laurenzo) 23 • dass man sehr viel Fantasie »kriegt«. (Jonas) • dass die Länge der Geschichten genau richtig ist – nicht zu lange und nicht zu kurz, einfach genau richtig! (Lena) Und in einer dritten Klasse hieß es: Bücher machen lesesüchtig! Die beiden Figuren Manuel und Didi aus der gleichnamigen Bilderbuchreihe, die sehr beliebt bei den Schüler*innen sind, fungieren heute als Schulmaskottchen. Es ist gar nicht selbstverständlich für eine Institution, eine solch große Bindung an das Werk eines Schriftstellers zu haben. Ich möchte kurz erklären, wie das gekommen ist: Ruth Moser lernte ich 2013 kennen. Ich hatte sie in meine Klasse eingeladen, damit sie mit den Schüler*innen über die Moser-Bücher spricht. Kinder sind ja sehr neugierig und Ruth, die mittlerweile eine Freundin ist, eine begeisternde Literaturvermittlerin. Einige Zeit später entstand nach einem Besuch bei Erwin und Ruth Moser in Wien die Idee, unsere Volksschule in »Erwin Moser Volksschule« umzubenennen. Erwin Moser, der in Gols aufwuchs, hatte als Kind diese Schule selbst besucht. Ich fand, dass ein international geschätzter Kinderbuchautor in seiner Heimatgemeinde nicht nur durch das »Erwin Moser Museum«, sondern auch durch die Umbenennung der Schule gewürdigt werden sollte. Erst ein paar Jähre später, nach mehreren Gesprächen mit Ruth Moser, meinen Kolleg*innen und Vertreter*innen der Gemeinde, wurde die Idee verwirklicht: Seit 1. September 2018 führt unsere Schule nun den Namen »Erwin Moser Volksschule Gols«. Das Leitbild der Schule wurde von Erwin Mosers Werken inspiriert. Die Werte, die uns besonders wichtig sind, sind auch auf der Homepage der Schule angeführt: »Toleranz leben, wertschätzend miteinander umgehen, sich respektvoll begegnen, Freundschaften genießen«, Begeisterung für das Lesen fördern, Kreativität wecken und Fantasie beflügeln sowie »Freude an der Natur« spüren und die Bereitschaft zum Schutz der Natur entwickeln.3 Heute besuchen 160 Schüler*innen unsere Schule, betreut von 18 Lehrkräften, die alle den Erzählkosmos von Erwin Moser schätzen und lebendig halten. Herzstück der Schule ist die kleine Bibliothek im Eingangsbereich: Dort stehen viele Moser-Bücher in Klassenstärke bereit, können ausgeborgt werden und laden zum Kennenlernen und Schmökern ein. Für mich ist Arbeiten mit Kreativität ein wichtiges Unterrichtsprinzip: Im Juli, wo es keinen Unterricht mehr gibt, biete ich an meiner Schule die »FAntasie-LAss-RAus«-Nachmittage an, kurz FALARA, da geht es mir vor allem um den kreativen Umgang mit unterschiedlichen Materialien. Erwin Mosers Bücher haben an diesen Tagen einen großen Stellenwert. In meinem Unterricht verstehe ich Literatur als Impulsgeberin, die kindliche Neugierde weckt und die Gestaltungskraft sowie den Wissensdrang der Kinder fördert. Erwin Moser hat ganz unterschiedliche Kinderbücher verfasst. Vor allem seine Bilderbücher mit ihren fantasiereichen Bildwelten bieten jüngeren Kindern einen leichten Zugang zur Literatur und unterstützen zugleich den spielerischen Umgang mit Sprache und Kreativität. Dies scheint mir gerade heute wichtig, da ich im Laufe der Jahre erfahren habe, wie sehr gut gemachte Bücher das sprachliche und literarische Lernen fördern können. Für mich stellen die Moser-Bücher hier ideale Einstiegslektüren dar, wiewohl ich auch die sechs Romane wie »Katzenkönig Mauzenberger«, »Der Rabe Alfons« oder »Der Mond hinter den Scheunen«, die ja vor allem ab der 1 Der Text entstand im Herausgeberteam in enger Abstimmung mit Jutta Preisinger; die im Beitrag erwähnten Bücher werden am Ende angeführt, wobei auf noch im Handel lieferbare Exemplare wert gelegt wurde. 2 Erwin Moser: Brief an eine Klasse der Volksschule Gols, im Privatbesitz der Verfasserin, maschinengetippt, fünf A4-Seiten, o. D. [2004], S. 4; um die Lesefreundlichkeit zu erhöhen, wurde kleinere Tippfehler im Original korrigiert, die alte Rechtschreibung wurde beibehalten. 3 Genauere Infos zu den Schwerpunkten der Schule, der auch diese Beschreibung entnommen ist, finden sich auf der HP der Schule (Rubrik Start), vgl. dazu https:// erwin-moser-volksschule-gols.at/ [30.08.2025]. 24 dritten Klasse bis in die Sekundarstufe gelesen werden können, sehr schätze. Ich bin auch als Praxislehrerin tätig, stelle also ein Bindeglied von der Hochschule zum Eintritt in das Berufsleben dar, und versuche angehenden Lehrpersonen meine Begeisterung für Kinderliteratur mitzugeben. Erwin Mosers Bücher bieten dabei für den Unterricht eine reiche Fundgrube: Faszinierend und anregend für die kindliche Fantasie sind die vielfältigen Behausungen und Fortbewegungsmittel, die mal an Land, mal unter der Erde, im Wasser oder sogar im All vorkommen. Die fantastischen Flugobjekte, auf die ich im Folgenden eingehe, spielen in den Büchern oft eine zentrale Rolle: Sie treiben die Abenteuerreisen der Protagonist*innen voran und führen sie zu einem guten Ende.4 2. Fliegen als Baustein in Mosers Erzählkosmos: Not macht erfinderisch! Die Sehnsucht nach dem Fliegen ist eine anthropologische Grundkonstante. Das zeigen schon mythische Stoffe wie die griechische Sage von »Daedalus und Ikarus«. Heute eröffnen Drohnen und Raumfahrt neue Perspektiven auf Mobilität, Technik und Wissenschaft. Kinder begegnen Flugobjekten in Bildund Tonmedien, in Sachbilderbüchern, als Spielzeug oder durch reale Beobachtungen am Himmel. Durch die Literatur, und speziell durch Mosers Geschichten, können sie ihre Eindrücke reflektieren, Sinn und Zweck von Fluggeräten hinterfragen und eigene Ideen entwickeln. Mosers Bücher holen die Kinder dort ab, wo sie sind: Sie greifen die kindliche Fantasie direkt auf, fördern sie und laden zum Mitmachen, Weiterdenken, Fabulieren, aber auch zum kreativen Experimentieren ein. Die Verbindung von Lesen, Erzählen und kreativer Arbeit eröffnet somit eine neue Dimension des Lernens: Fantasie und Wissen gehen Hand in Hand, Staunen wird zum Ausgangspunkt für Erkenntnis. Ich sehe die wachen Augen der Kinder, höre ihre spontanen Kommentare, wenn wir die Bücher gemeinsam betrachten und lesen. Ich frage sie dann: Fliegen ist doch etwas Faszinierendes, nicht wahr?! Wer möchte es nicht einmal ausprobieren? Wer möchte nicht fliegen können wie ein Vogel? Ein Gefühl von Freiheit, Leichtigkeit und die Aussicht auf eine weite, offene Welt sind für viele Menschen verlockend. Ohne technische Hilfsmittel ist das aber nicht möglich, und genau hier eröffnet sich die faszinierende Welt der Imagination. Was mich an Mosers Kinderbüchern fasziniert: Es sind meist Alltagsgegenstände, die plötzlich zu Fluggeräten werden – ein Regenschirm, eine fliegende Kiste –, also Dinge, die in der kindlichen Vorstellungswelt präsent sind und mit denen Lehrkräfte wunderbar arbeiten können. Ein Beispiel ist »Koko mit dem Zauberschirm« aus »Das große Buch von Koko und Kiri«, das sich gut für die ersten Lesejahre eignet. Der wundersame Schirm, mit dem der kleine Koala fliegen kann, bringt erst so richtig Schwung in die Geschichte und macht Koko zum Abenteurer. Der Zauberschirm, der in vielen Lebenslagen Hilfe bietet, verbindet fantasievolle Ideen mit stringenten Handlungszusammenhängen. Am Ende jedoch, als der Protagonist sein Glück gefunden hat, verliert der Schirm seine Zauberkraft. Der eigentliche Zauber liegt nun – vielleicht – in Kokos neuem Leben mit seiner Freundin Kiri. Auch die »Moser Minis«, die sich gut für Leseanfänger*innen eignen, bieten hier reichlich Inspiration: Maus Trixi 25 aus »Die Maus im All«, macht sich mit einer selbstgebastelten Rakete auf die Suche nach einer neuen Heimat auf einem anderen Planeten. Sehr schätze ich das Bilderbuch »Die fliegende Kiste«, da hier das Miteinander der Tiere im Mittelpunkt steht. Die Zauberkiste wird nämlich zu einer fliegenden Arche Noah, indem sie Tiere in Not rettet. Auch die Natur ist immer eingebunden, wobei sie ganz neue Eigenschaften bekommt: In der Geschichte vom «Kürbisflugzeug« träumt der Mechaniker Farald davon, ein Flugzeug zu bauen, aber es fehlen ihm Geld und technisches Wissen. Mit einem riesigen Kürbis aus seinem Garten gelingt es ihm aber, seinen Traum zu verwirklichen. Er montiert einen Automotor, Flügel und Räder an den Kürbis, und wie durch Zauberhand hebt das Flugzeug tatsächlich ab. Es funktioniert so gut, dass er sogar Rundflüge mit »Katzenpassagieren«5 machen kann. Das Ende ist besonders schön, wenn gemutmaßt wird, warum diese seltsame Pflanze überhaupt fliegen kann: Irgendwie musste es an dem Kürbis liegen. Es war wahrscheinlich ein Zauberkürbis, und manchmal ahnte Kater Farald dunkel, dass das Kürbisflugzeug nicht einmal unbedingt einen Motor brauchte …6 Das ist wunderbar, weil es fast an ein klassisches Märchen erinnert. Magische Gegenstände wie Zauberkürbisse gibt es ja viele in der Literatur: Bei »Aschenputtel« etwa – in der Fassung Perraults bzw. im Zeichentrickfilm »Cinderella« von Walt Disney, nicht bei den Brüdern Grimm – etwa verwandelt sich ein Kürbis in eine prächtige Kutsche. Gemeinsam »fabulieren« wir dann, das heißt wir machen uns Gedanken und tauschen Ideen aus. Mit einfachen Überlegungen möchte ich Kinder für das Lesen gewinnen, sie an Literatur heranführen und ihre Aufmerksamkeit auf erzählerische Mittel lenken, und gleichzeitig – Schritt für Schritt – Literaturwissen aufbauen. Bei Moser finden wir klassische Themen der Literatur: Es geht um Sehnsucht (»Das Kürbisflugzeug«, »Der Schwebesessel«), um Solidarität und Hilfsbereitschaft (»Das Apfelluftschiff Nr. 3«, »Die Geschichte von der Gehmaschine«, »Eisbär, Erdbär und Mausbär«, »Das große Buch von Koko und Kiri«), um die Verbesserung von Lebensbedingungen (»Die Maus im All«, »Die Geschichte von der Gehmaschine«, »Eisbär, Erdbär und Mausbär«) und um die Erfüllung von Träumen (»Das Kürbisflugzeug«). Mosers Bildgeschichten sind für den Lernraum Schule geeignet, weil sie so vielschichtig sind – Not macht erfinderisch! Maus Trixi erlebt eigentlich eine Fluchtbzw. Migrationsgeschichte: Ihre neuen Nachbar*innen sind Katzen, dazu kommen der Schrottplatz, der Schrotthändler und die Mülldeponie in unmittelbarer Nähe – alles Bedrohungen für das Leben der friedlichen Maus. Trixi baut sich eine Rakete und durchwandert verschiedene Planeten, bis sie am Ende ihr Glück auf dem Mäuseplaneten findet. Dort ist sie keiner Gefahr mehr ausgesetzt und fühlt sich zugleich wohl. Das Besondere daran: Es wird nicht moralisiert, und doch eröffnen sich viele Anknüpfungspunkte zu Themen, die Kinder bewegen – etwa die Fragen: Wo fühle ich mich zuhause? Oder: Was bedeutet Sicherheit (für mich)? Trixi ist aber auch hartnäckig: Sie arbeitet daran, glücklich zu sein, stellt sich Hindernissen – ein Motiv, das uns in Mosers Büchern immer wieder begegnet. Die vorkommenden Fluggeräte werden dabei zu Symbolen für eine optimistische, dem Leben zugewandte Suche der Figuren. So baut Kapitän Jonathan Maus, als er seekrank wird, sein Dampfschiff mithilfe eines Heißluftballons und eines Propellers kurzerhand in eine Flugmaschine um. Wieder findet sich am Ende ein schöner, Mut machender Schluss, in dem mit4 Diese Vielfalt wird auch in der aktuellen Ausstellung im Erwin Moser Museum »Zu ebener Erde und auf dem Dach« sichtbar, die noch bis März 2026 zu sehen ist und die Illustrationen zu den verschiedenen Fluggeräten zeigt. 5 Erwin Moser: Das Kürbisflugzeug. In: Erwin Moser: Fantastische Gute-Nacht-Geschichten. Weinheim, Basel: Beltz & Gelberg 2011, S. 87. 6 Ebda. 32 2. Praktische Umsetzung 2.1. Überblick Die hier skizzierten Überlegungen einer (einen längeren Zeitraum umfassenden) Unterrichtssequenz zu Mosers »Der Rabe Alfons« nähern sich in drei Phasen der ästhetischen Qualität des Textes an, wobei Schwerpunkte auf den Beginn und das Ende gelegt werden. Den ersten Schwerpunkt bildet ein schrittweiser Einstieg in den Text (Phase 1). Einen fiktiven Text zu lesen heißt, eine neue, fremde Welt zu betreten, in der sich die Lesenden erst zurechtfinden müssen. »Gedankenexperimente« (eine Methode des Philosophierens mit Kindern) vor der Gesamtlektüre sollen den eigenen kindlichen Erfahrungsund Fantasieraum abseits der Fiktion öffnen, um das Einfühlen in den Erlebensraum der Protagonisten vorzubereiten und von Beginn der Lektüre an die Aufmerksamkeit zu schärfen, das fiktive Geschehen mit eigenen kreativen Denkprozessen zu begleiten und die fiktiven Welten in der eigenen Lebenswelt zu spiegeln. Der zweite Schwerpunkt wird nach einer zügigen Lektüre der Abenteuerreise (Phase 2) auf das letzte Kapitel gelegt (Phase 3). Hier können Erkenntnisse zur Leistung von Literatur (im Gegensatz zu pragmatischen Texten) gewonnen werden, indem literarische Mittel, Andeutungen und inhaltliche Bezüge als Grundlagen einer Interpretation herausgearbeitet werden. Der Zusatzteil und der Beitrag Ernst Seiberts in diesem Heft geben Anregungen für die vertiefende Beschäftigung mit dem Text, für den Blick in die Werkstatt eines Schriftstellers und Hinweise auf themengleiche Kinderund Jugendliteratur sowie auf den Realitätsbezug des Themas Identität. 10 Vgl. Michael Kämper-van den Boogaart, Michael / Kaspar H. Spinner (Hg.): Leseund Literaturunterricht Teil 2. Kompetenzen und Unterrichtsziele; Methoden und Unterrichtsmaterialien; Gegenwärtiger Stand empirischer Unterrichtsforschung. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren 2014, S. 197. Inhalt Phase 1 (Kap. 1-4): Die Verwandlung - ein (misslungenes) Experiment Phase 2 (Kap. 5-22): Die Quest – eine abenteuerliche Suchwanderung Phase 3 (Kap. 23): Das Böse – ein (scheinbar?) gutes Ende Zusatzmaterial • Imagination, Vor-Denken • Perspektivenübernahme • Reflexion des Verhaltens einer Figur10 • Erkennen literarischer Mittel • Erzählen in schriftlichen und nicht-schriftlichen Medien • Text-Bild-Korrespondenzen • Erkennen der Struktur eines literarischen Textes (Handlungsverlauf, Allusionen) • Erkennen der Mehrdeutigkeit von Texten • Interpretation • Vertiefung des Textverständnisses • Aus der Werkstatt eines Schriftstellers • Themenund motivgleiche Kinderund Jugendliteratur • Realitätsbezüge • Vorlesen • Gedankenexperiment • close reading • Bildbetrachtung und Bildbeschreibung • Verschiedene Formen des Lesens • L/S Gespräch • kreatives Arbeiten • close reading • Arbeitsblatt • L/S Gespräch (Heidelberger Modell des literarischen Gesprächs) Lernziele Methoden 33 2. 2. Durchführung Kapitel 1: Der Ausschluss aus der Gemeinschaft – die Verwandlung Inhalt: Sieben Raben befinden sich auf dem Flug in den Süden ins Winterquartier. Einer von ihnen, Alfons, kann nicht gut fliegen, er fliegt zu langsam, muss immer wieder rasten und könnte damit das Leben aller gefährden. Er wird zurückgelassen, muss hier überwintern, was auch heißen könnte, dass er erfriert. Alfons erkennt seine Verantwortung für die Gruppe und erkennt gleichzeitig, dass er wertlos ist. Angesichts eines Dorfes und seiner Bewohner*innen entsteht der Wunsch nach der Verwandlung in einen Menschen. Mithilfe des Zauberers Moldovan, auf den er bei der Suche nach Futter stößt, kann dieser Wunsch erfüllt werden. Die beiden wollen sich auf ein Spiel / eine Versuchsanordnung / ein Experiment einlassen, das eine Nacht und einen Tag dauern soll. Einstieg in Text und Thema: Das erste Kapitel wird von der Lehrerin / dem Lehrer in vier kurzen Abschnitten vorgelesen und an entscheidenden Stellen unterbrochen (s. u.). Angeleitet durch Fragen können sich Schüler*innen in individuellen Gedankenexperimenten (als L/S-Gespräch, als stummer Dialog, als Partnerarbeit) in die existenzbedrohende Situation Alfons‘ einfühlen und mögliche Reaktionen überlegen. Die Schüler*innen werden durch diese Gedankenexperimente nicht nur an den Text herangeführt, es werden durch ihre Überlegungen bereits Zugänge für die Erschließung des Themas eröffnet (Identitätswechsel; Spiel) 4 Gedankenexperimente: (1) Vorlesen vom Beginn bis Wir können dich nicht brauchen (S. 9) 9Gedankenexperiment (1): Reaktionen und Gefühle von Alfons (2) Vorlesen der Fortsetzung bis „[…] Der Alfons ist auf dem Baum sitzen geblieben und hat ihnen nachgeschaut.“ (S. 10) 9Gedankenexperiment (2): Alfons Vorhaben und Pläne (3) Vorlesen der nächsten fünf Zeilen bis Wie der Alfons das gesehen hat, hat er sich gedacht: … (S. 10) 9Gedankenexperiment (3): Alfons‘ Überlegungen angesichts der neuen Situation (4) Vorlesen der folgenden vier Sätze bis Wenn ich doch nur ein Mensch wäre! (S. 11) 9Gedankenexperiment (4): Erwartungen als Mensch Textlektüre und Festigung des Inhalts: 9Fragen zum Textverständnis: Gründe für den Identitätswechsel 9Textproduktion 1: Alfons erzählt seine Lebensgeschichte. Ausgangspunkt: … und er hat dem Zauberer gleich seine ganze Geschichte erzählt. (S. 11) 9Textproduktion 2 (kreatives Schreiben): Wenn ich ein … wär‘. 9Realitätsbezug: über einen notwendigen oder freiwilligen Wechsel der Identität (s. Zusatzmaterial) 34 Anregungen zum Literarischen Lernen: Zu Textproduktion 1: Wie kann ich (m)eine Geschichte erzählen? 9Erste Annäherung an erzähltheoretische Überlegungen (Außenperspektive, Innenperspektive; Leerstellen oder (freies) Füllen von Leerstellen; Erzählstimme) Zu Textproduktion 2: Paralleltext »Wenn ich ein Vöglein wär ...« (ev. nur erste Strophe); 9Fächerübergreifende Zusammenarbeit mit Musik; Kurzinformation zu Gedicht und Autor Kapitel 2: Erste Erfahrungen Inhalt: Die beiden Protagonisten machen die ersten Erfahrungen in ihrer neuen Existenzweise. Textlektüre, Fragen zum Textverständnis, Arbeit mit dem Text: 9präzises Lesen des 2. Kapitels, um inhaltlichen und sprachlichen Details nachzuspüren (close reading) 9Erfahrungen mit der neuen Identität, das Experiment als Enttäuschung: Textbelege suchen, erste Schritte zum exakten Zitieren (wörtliche Wiedergabe einer Textstelle, Seitenzahl) Literarisches Lernen (Interpretation) und kreative Aufgabe: 9die Symbolhaftigkeit der literarischen Sprache erkennen: Kälte und Wärme 9Suche nach sprachlichen Bildern für Wärme und Kälte im Text 9Suche nach den zugehörigen Illustrationen im Text – Bildbeschreibung und Bildinterpretation 9Schreiben eines inneren Monologs über die enttäuschenden Erfahrungen Lebenswirklichkeit und aktuelle Bezüge: 9die erste Beurteilung eines Menschen nach seinem Äußeren 9Sprachkompetenz als Voraussetzung für Integration und Vermeidung von Vorurteilen 9Bezug zum Thema Migration/Migrant*innen Kapitel 3: Das gescheiterte Experiment Inhalt: Alfons trifft auf einen Landstreicher, der ihm hilft zu überleben. Er stiehlt einen Mantel für ihn. Obwohl nun beide Landstreicher sind, beschließt dieser, seinen eigenen Weg zu gehen. Alfons und Moldovan treffen zufällig aufeinander. Sie müssen erkennen, dass das Experiment der Verwandlung gescheitert ist und treffen die Entscheidung, zum Turm des Zauberers zurückzukehren und sich in ihre ursprünglichen Gestalten zurück zu verwandeln. Die Geschichte könnte hier zu Ende sein. Die beiden haben negative und positive Erfahrungen gemacht, ihre Träume sind an der Realität gescheitert. 35 Fragen zum Textverständnis: Hilfsbereitschaft des Landstreichers; die Außenwirkung einer Person; die Beurteilung einer Person; das Ende des Experiments; der Plan Kreatives Schreiben und szenische Darstellung: verschiedene Formen der Kommunikation über das Scheitern des Experiments ausprobieren Dialog Alfons – Moldovan: schriftlich und szenisch 9eine Mitteilung an Freunde in aktuellen sozialen Medien 9ein Erfahrungsbericht in einem Printmedium (Artikel in der Rabenpresse) Kapitel 4: Die gescheiterte Rückverwandlung Inhalt: Der abgebrannte Turm und die verbrannten Zauberpflaumen führen beide zur erschreckenden Erkenntnis, dass die Verwandlung ein leichtsinniges Spiel war. Die unterschiedlichen Reaktionen von Alfons und Moldovan machen ihre sehr unterschiedlichen Charaktere sichtbar. Arbeitsblatt zur Texterschließung 9Close reading zum Erkennen der unterschiedlichen Reaktionen von Alfons und Moldovan auf die Katastrophe 9Gegenüberstellung der jeweiligen Aussagen und Reaktionen Schlussfolgerung (Interpretation und Begriffsbildung): 9Beschreibung und Charakterisierung von Alfons und Moldovan aufgrund der Textbelege 9Suche nach abstrakten Begriffen für die beiden unterschiedlichen Charaktere Alfons und Moldovan, in denen die Gesamtheit der wesentlichen Merkmale zusammengefasst ist Kapitel 5 – 22: Die Quest – eine abenteuerliche Suchwanderung Inhalt: Aufgrund des Brandes konnten die beiden ihre ursprüngliche Gestalt nicht annehmen, das Experiment der Verwandlung muss unfreiwillig fortgesetzt werden. Alfons und Moldovan steht eine lange, abenteuerliche Reise zum geheimnisvollen Ort der Zauberpflaumen bevor. Sie treffen auf Feinde und Helfer und müssen Schwierigkeiten überwinden, um ihr Ziel zu erreichen. Damit hat »Der Rabe Alfons« die Struktur einer »Suchwanderung«, einer Quest (dt. Suche, Suchmission) Lektüre der 18 Kapitel: 9abschnittsweises Lesen als individuelle Lektüre zuhause oder im Unterricht, vorbereitetes und nicht vorbereitetes Lesen; Vorlesen; Inszenierung einer Lesung in der Schulbücherei (mit Moderation etc.) Arbeitsblatt: Festhalten der wichtigsten Stationen der Reise zum Zauberschloss: kapitelweise oder in den inhaltlich zusammengehörenden drei größeren Abschnitten (Kapitel 5-8: die Reise zur Hexe Wanda Wunderschön; Kapitel 36 9-11: bei der Hexe; Kapitel 11/12-22: die Reise zum Zauberschloss). 9Das Arbeitsblatt kann folgende, für eine Quest typische Kategorien enthalten: Reiseroute, Dauer, Feinde/Schwierigkeiten/Gefahren, Helfer/Freunde, Besonderes. Literarisches Lernen: Das Erzählprinzip der Quest wird häufig in der Gegenwartsliteratur, in Filmen und Computerspielen verwendet. Mit der Thematisierung einer seit Jahrhunderten weitergegebenen Erzählstruktur können aktuelle Unterhaltungsmedien als Teil – und am vorläufigen Ende – einer langen Traditionslinie gezeigt werden. 9Alfons‘ und Moldovans Reise kann Anlass für ein Gespräch über privat gelesene Texte und beliebte Computerspiele geben. Kapitel 22: Moldovans Strategie gegen das Böse Inhalt: Moldovan wird durch die böse Kraft des Zauberers langsam alle Energie genommen. Er, der Grübler und Denker, versucht durch die Macht der Worte auf Gugumatz Einfluss zu bekommen. Texterschließung: Im Rededuell Moldovans mit Gugumatz (S. 172-176) sieht Moldovan die Verbrechen des Zauberers als Ergebnis eines frühen Traumas, er führt sie auf Angst und Hass, auf Verachtung der Menschen und Wunsch ihrer Beherrschung, auf Machtphantasien und Vertrauensverlust zurück. Die zentralen Aussagen dieses Duells berühren emotionale Erfahrungen, die auch Kindern dieser Altersstufe schon bekannt sein können: Moldovans Rettungsversuch Ich muss reden, […]. Reden, reden, reden. (S. 174), Gugumatz‘ Aussage Es kommt auf dieser Welt nur darauf an, wer der Stärkere ist. (S.174) und Moldovans Vorwurf an Gugumatz Du hast nicht einmal die Größe, das Risiko des Vertrauens auf dich zu nehmen. Wenn du vertraust, wird man auch dir vertrauen. (S. 176). 9In unterschiedlichen Gesprächsformen kann der Wahrheitsgehalt dieser Sätze aus der Alltagserfahrung der Schüler*innen überprüft oder relativiert oder falsifiziert werden (positive Erwartungen, Risiko, Enttäuschungen). 9In schriftlichen Aufgabenstellungen können sich Schüler*innen mit ihren individuellen Erfahrungen in einer die Persönlichkeit schützenden, nicht öffentlichen Form auseinandersetzen. Literarisches Lernen: Moldovan sieht Gugumatz in einem selbstgebauten Käfig aus Angst, Hass und Einsamkeit (S. 175). 9Die inhaltliche Auflösung dieses sprachlichen Bildes gibt einen Einblick in die Kraft des metaphorischen Sprechens als literarisches Stilmittel. Kapitel 23: Ein (scheinbar) gutes Ende Inhalt: Das Abenteuer endet für alle Beteiligten wie in einem traditionellen Märchen: Das Gute wird belohnt und das Böse bestraft. Die Redewendung »Ende gut, alles gut« erfüllt sich. 37 Fragen zur Texterschließung: 9Wie endet die Geschichte für die Protagonisten Alfons und Moldovan, für die Tierarmee, für den Zauberer Gugumatz. 9Was passiert mit den gefundenen Schmuckstücken? Close reading: Dem typischen Märchenende folgt noch ein allerletzter, sehr kurzer Absatz. Eine der Schildkröten überlegt, ob abgehackte Bäume wieder austreiben und Früchte tragen können. Moser setzt in der Kapitelüberschrift ein Fragezeichen hinter die Redewendung – »Ende gut, alles gut?« – und stellt damit den positiven Ausgang in Frage. Interpretation: Diese Schildkröte ist – so ist zu vermuten – der verwandelte Zauberer. Das Böse in der Welt lebt weiter, sucht Möglichkeiten, wieder zu wüten. Moldovan hat also mit seinen vorher angestellten Überlegungen, dass sich solche »Typen« durch Nachdenken nicht ändern werden, recht gehabt. Das führt zur Schlussfolgerung: Das Unheil / das Böse kann (wahrscheinlich) nicht ausgerottet werden. Literarisches Lernen: die (Un-)Eindeutigkeit von Literatur 9das geschlossene Ende im Märchen 9das offene Ende von »Der Rabe Alfons« Allgemeine Fragen: 9Gespräch über das Böse in der Welt 9Über den Begriff des Bösen: böse Kinder / schlimme Kinder im Alltag und in der Literatur (»Die bösen Buben in der Schule« von Johann Nepomuk Nestroy; die bösen Buben »Max und Moritz« von Wilhelm Busch); gut und böse: die Gefahr von Schwarz-Weiß-Malerei Zusatzmaterial Textbezogene Überblicksfragen und Aufgaben: 9Tier – Mensch, Mensch – Tiermensch, Tier – Tier (Begegnung und Kommunikation) 9Das Böse / Die Spuren des Bösen in »Der Rabe Alfons« (Menschen, Tiere, Zauberer) 9Moldovan und Alfons – zwei sehr unterschiedliche Charaktere (der Grübler Moldovan, der zaghafte Alfons) 9Das Motiv des Erzählens (Erzählen als handlungskonstituierend, Erzählaufforderungen im Text, Zusammenfassungen von Erlebtem) 9Sprachliche Besonderheiten Erwin Mosers (das Österreichische; Sentenzen über Rache (Kap. 16), über Macht (Kap. 22), über Vertrauen (Kap. 22)); Sprache als Mittel der Kommunikation (Alfons – Menschen; Alfons – Moldovan; Alfons – Bären) Literarisches Lernen: Aus der Werkstatt eines Schriftstellers 9über den Beruf und die Arbeitsweise eines Schriftstellers / einer Schriftstellerin: die Entscheidung für ein Thema, die Form, die Figuren, den Handlungsverlauf …; das (un-)bewusste Einfließen von Lektüreund Lebenserfahrungen; die mehrfache Verwendung von Themen und Motiven (siehe dazu Beitrag Seibert) 9Die Verwendung von Märchenelementen und -motiven in (gegenwärtiger) Kinderund Jugendliteratur: Erwin Moser nennt den „Raben Alfons“ nicht Märchen, sondern „eine märchenhafte Geschichte“. Er verwendet Märchenelemente, wie: Es war einmal / Da ist einmal […] gewesen; Zauberer, Hexen, sprechende Tiere, das Gegensatzpaar gut – böse, … 9Parallelen und Anspielungen auf die bekannten Grimm-Märchen »Die sieben Raben« und »Die Bremer Stadtmusikanten« (Kap. 17) und Otfried Preusslers »Krabat« 9Der Bezug zu Werken der (Welt-)Literatur: »Der Rabe Alfons« weist nicht nur Bezüge zu Märchen auf, sondern zu einem der bedeutendsten deutschsprachigen Vertreter der Literatur des 20. Jahrhunderts: zu Franz Kafka (1883 Prag/Österreich-Ungarn – 1836 Kierling bei Wien/Österreich). Material zu Kafkas »Verwandlung«: 9Vorlesen des Beginns der »Verwandlung« und Erzählen des Inhalts Franz Kafka »Die Verwandlung« (Beginn): Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen. Was ist mit mir geschehen?, dachte er. Es war kein Traum. […]. Zum Inhalt: Gregor empfindet sich zuerst als Mensch und kann sich mit seiner Tiergestalt nicht abfinden. Seine Familie aber, Vater, Mutter und Schwester, behandelt ihn wie ein Tier. Er versteht sie, aber sie verstehen ihn nicht, sie geben ihm Essen, wie einem Tier, das ihm zu Beginn nicht schmeckt, an das er sich aber gewöhnt, sie räumen sein Zimmer aus, treiben ihn zurück, wenn er versucht, sein Zimmer zu verlassen. Gregor akzeptiert diese Tiergestalt immer mehr, erkennt, wie sehr er seine Familie damit belastet (d.h. er denkt immer noch wie ein Mensch) und beschließt endlich, nichts mehr zu fressen, und verhungert. (Wie ausführlich die Geschichte erzählt wird, bleibt der/dem L überlassen) 9Parallelen und Unterschied zwischen Kafkas »Die Verwandlung« und Mosers »Der Rabe Alfons« Parallelen: Alfons erkennt, dass er das Überleben der Gruppe gefährdet, bleibt zurück und hat den Wunsch, sich in einen Menschen zu verwandeln. Gregor Samsa fühlt sich wertlos, als Ungeziefer, als Parasit, der der Familie zur Last fällt, obwohl er der Einzige ist, der arbeitet und damit die Familie erhält; Kafka nimmt diese Ungeziefer-Metapher wörtlich. In seiner neuen Existenzweise als Mensch muss Alfons erkennen, dass er die Sprache nicht versteht und nicht 38 39 sprechen kann. Auch das ungewohnte Essen schmeckt den beiden nicht, aber sie gewöhnen sich langsam daran. Auch Gregor Samsa, als Käfer, kann sich nicht verständlich machen. Die Tiernahrung, die ihm vorgesetzt wird, lehnt er zuerst ab, bevor er sie letztlich akzeptiert Unterschied: Im Märchen und bei Moser kann die Verwandlung zurückgenommen werden, nicht so bei Kafka, bei ihm endet sie mit dem Tod. 9Thema/Motiv der »Verwandlung«, Rollentausch oder Bezüge zu Kafka in der Kinderund Jugendliteratur: • Mattheu Roth: My first Kafka (empfohlen ab 9 J.) • Lawrence David / Delphine Dorande: Hilfe, Gregor ist plötzlich ein Käfer (in der Reihe »Lust auf Lesen« für Erstleser, verlegt im Verlag Erwin Mosers, Beltz und Gelberg) • Zoran Drvenkar: Eddis erste Lügengeschichte, 2000 (Erster Satz: Heute morgen bin ich aufgewacht und war ein Pferd.) • Dirk Walbrecker: Eine rätselhafte Verwandlung 2004 (Jugendbuch) • Peter Hacks: Meta Morfoss (Bilderbuch 1976) • Mira Lobe: Das kleine Ich-bin-Ich • Märchen Das kinderliterarische Motiv der mundus inversusRealitätsbezüge: Verwandlung, Rollentausch, die Annahme neuer Identitäten als kulturgeschichtliche Realität, als existentielle Notwendigkeit oder als Missbrauch für kriminelle Täuschungen. 9Karneval/Fasching (Literaturhinweis: Salah Naoura: Superflashboy – Karneval und Rollentausch, empfohlen ab 10 J.) 9Der Wechsel der Identität als existentielle Notwendigkeit: Namenswechsel in einem Zeugenschutzprogramm (zum rechtlichen Schutz einer Person); Identitätswechsel nach einer Straftat; Änderung der Geschlechtszugehörigkeit 9Die missbräuchliche Verwendung fremder Identitäten: Stehlen von Identitäten im Netz; Vorgabe falscher Identitäten am Telefon (Fake-Anrufe in erpresserischer Absicht) 40 Literaturverzeichnis Primärliteratur Kafka, Franz: Die Verwandlung. Ditzingen: Philipp Reclam jun. Verlag 1995. Moser, Erwin: Der Rabe Alfons. Weinheim: Beltz & Gelberg 1998. Moser, Erwin: Paulis Traumreise. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger 1986. Preußler, Otfried: Krabat. München: dtv 2008. Sekundärliteratur und weiterführende Literatur Abraham, Ulf: Literarisches Lernen in kulturwissenschaftlicher Sicht. In: Leseräume. Zeitschrift für Literatur in Schule und Forschung 2/2015. S. 7-15. http://leseräume.de/wp-content/ uploads/2015/10/lr-2015-1-abraham.pdf [12.05.2025] Büker, Petra: Literarisches Lernen in der Primarund Orientierungsstufe. In: Klaus Michael Bogdal / Hermann Korte (Hg.): Grundzüge der Literaturdidaktik. München: dtv 2002. S. 120-133. Gelberg, Hans-Joachim: Von Mäusen, Katzen und Menschen. Über den Geschichtenerzähler Erwin Moser. In: In allem ist eine Geschichte verborgen. 20 Jahre Erwin Moser bei Beltz & Gelberg. Weinheim, Basel: Beltz & Gelberg 2000. S. 7-8. Gelberg, Hans-Joachim: Traumund Wunschwelten. In: JuLit. Wort – Bild – Schrift 2/2014. S. 80-84. Kämper-van den Boogaart, Michael / Kaspar H. Spinner (Hg.): Leseund Literaturunterricht Teil 2. Kompetenzen und Unterrichtsziele; Methoden und Unterrichtsmaterialien; Gegenwärtiger Stand empirischer Unterrichtsforschung. 2. unveränderte Auflage. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren 2014. Kepser, Matthis / Ulf Abraham: Literaturdidaktik Deutsch. Eine Einführung. 4. Aufl. Berlin: Erich Schmidt 2016 (Grundlagen der Germanistik, 42). Lehrpläne – allgemeinbildende höhere Schulen vom 01.09.2024. https://www.ris.bka.gv.at/ Dokumente/Bundesnormen/NOR40264237/NOR40264237.pdf [15.05.2025] Maiwald, Klaus: Literarisches Lernen. Kinderundjugendmedien.de vom 02.05.2022. https:// www.kinderundjugendmedien.de/images/fachlexikon/fachdidaktik/pdf/literarischeslernen.pdf [27.4.2025]. "Out of time – out of world?” Die wunderliche Textund Bildwelt des Erwin Moser. In: Bulletin Jugend und Literatur. Kritische Monatszeitschrift der Kinderund Jugendkultur 7/1985. S.13-23. Rattenfänger-Literaturpreis für Erwin Moser. In: Hans-Joachim Gelberg (Hg.): Aller Dings. Versuch 25 Jahre einzuwickeln. Werkstattbuch. Weinheim, Basel: Beltz & Gelberg 1996. Schilcher, Anita / Markus Pissarek (Hg): Auf dem Weg zur literarischen Kompetenz. Ein Modell literarischen Lernens auf semiotischer Grundlage. 4. Auflage. Baltmannsweiler: Schneider 2018. Spinner, Kaspar H.: Literarisches Lernen. In: Praxis Deutsch, Jg. 33, H. 200/2006. S. 6-16. Spiewak, Martin: Interview mit Petra Anders und Kerstin Hauke: »Die Leselust wird nicht gefördert«. In: DIE ZEIT 18/2025 vom 30. April 2025, aktualisiert am 05. Mai 2025. https://www.zeit.de/2025/18/lesen-schule-foerderung-kompetenz-vorlesen [12.05.2025]. Wrobel, Dieter: Literarisches Lernen. In: Tilman v. Brand / Jörg Kilian / Anette Sosna / Thomas Riecke-Baulecke (Hg.): Basiswissen Lehrerbildung: Deutsch unterrichten. Hannover: Klett/Kallmeyer 2022. S. 141-155.