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Verlag Dr. Kovaþ Günter G. H. Gutsche Persönlichkeitsforschung in der Soziologie Prinzipien und Wege
Schriftenreihe Soziologische Themen in der Diskussion Band 13 ISSN 2197-2818 (Print) Verlag Dr. Kovaþ
Günter G. H. Gutsche Persönlichkeitsforschung in der Soziologie Prinzipien und Wege Verlag Dr. Kovaþ Hamburg 2025
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E. Durkheim 1902 an der Sorbonne „Da ich Soziologe bin, werde ich als Soziologe von der Erziehung sprechen. Ich bin … davon überzeugt, dass es keine geeignetere Methode gibt, ihre wahre Natur zum Vorschein zu bringen. Ich stelle nämlich als Postulat einer jeden pädagogischen Theorie auf, dass die Erziehung eine eminent soziale Angelegenheit ist, und zwar durch ihren Ursprung wie durch ihre Funktionen, und dass folglich die Pädagogik stärker von der Soziologie abhängt als jede andere Wissenschaft.“
Inhalt Vorwort .......................................................................................................... 7 Korrelationen zwischen Persönlichkeitsmerkmalen ................................... 11 Determination und Vermittlung ................................................................... 14 Quellen ........................................................................................................ 18
7 Vorwort Mit der vorliegenden Arbeit ist nicht beabsichtigt, eine umfassende Abhandlung methodologischer Fragen der Persönlichkeitssoziologie zu liefern. Wir wollen hiermit lediglich einen relativen Schlusspunkt unter unserer bisherigen Diskussion von Fragen der Persönlichkeitstheorie und speziell zum Persönlichkeitsbegriff (Gutsche 2019, 2020, 2023) setzen zu anderen Sozialwissenschaften und ganz besonders zu psychologischen Disziplinen betreffen. Vor allem fragen wir uns: Warum gibt es bis heute keinen allgemein akzeptierten Persönlichkeitsbegriff? Warum gibt es nicht in Ansätzen eine soziologische Theorie der Persönlichkeit? Unsere erste Antwort lautet: Es gibt in den Wissenschaften schon deshalb keinen allgemein akzeptierten Persönlichkeitsbegriff, weil jeder empirisch arbeitende Persönlichkeitsforscher seinen eigenen Begriff von „Persönlichkeit“ hat. Der eine argumentiert rein theoretisch, ein anderer unter zur Hilfenahme statistischer Analysen. Jeder dieser Persönlichkeitsbegriffe ist wieder mit vielen anderen Begriffen vernetzt. So kann man bei Allport lesen: „Persönlichkeit“ ist die dynamische Ordnung derjenigen psychophysischen Systeme im Individuum, die seine einzigartige Anpassung an seine Umwelt bestimmen“ (Allport 1970:28). Und nach Eysenck ist die Persönlichkeit zum Teil sogar das Resultat biologischer bzw. physiologischer Anlagen und Prozesse und im Resultat „die mehr oder weniger stabile und dauerhafte Organisation des Charakters, Temperaments, der Intelligenz und des Körperbaus eines Menschen, die seine einzigartige Anpassung an die Umwelt bestimmt“ (Eysenck 1970:2). Andere Autoren heben als Kriterium ein stabiles „Verhaltenskorrelat“ (Herrmann 1990:25) oder eine „Struktur von Wesenszügen“ (Guilford 1964:6) hervor.
8 Es gibt jedoch auch einen anderen Begriff der „Persönlichkeit“, der weitgehend in der Gesellschaft akzeptiert wird. Er bildete sich historisch über Jahrhunderte seit der Renaissance, der Aufklärung und dem Aufblühen der Städte immer deutlicher heraus. Es ist der alltäglich gebrauchte Begriff der Persönlichkeit, der historischen Veränderungen unterlag und unterliegt, weshalb er kulturhistorischer Begriff 1 der Persönlichkeit genannt werden kann. Dann in den Werken von Kant, Descartes und vor dem Hintergrund der französischen Revolution verbreiteten sich die Ideen zu einer libertären Gesellschaft. Und nicht zuletzt wandelten die Entwicklung der Produktionsmittel sowie der ökonomischen Verhältnisse auch das ideale Men1 Nicht zu verwechseln mit der sozio-kulturellen Persönlichkeit bei Dreitzell, der darunter eine Stufe der Herausbildung der Bedürfnisse eines Individuums im Sozialisationsprozess verstand. Erst nach und nach erlangten eine kategoriale Bedeutung in der deutschen Sprache, Kultur und Wissenschaft. In seiner historischen Entwicklung kann man im Wesentlichen drei Momente herausheben, die zur Bildung dieses Persönlichkeitsbegriffs beitrugen. Zuerst sind die humanistischen Eigenschaften zu nennen, die u. a. in der Literatur von Herder bis Goethe eine bedeutende Rolle spielten und das menschliche Individuum betreffen. Mit diesen Dichtern und Geistesgrößen begann eine Zeit säkularer Wertschätzung der menschlichen Individualität. „Das Individuum als individuelles Subjekt, das eigene Meinungen äußert, Verantwortung trägt, Dissens anmeldet und autonom handelt, hat es nicht immer gegeben. In archaischen Gesellschaften ging und geht der Einzelne im kollektiv praktizierten Mythos, in der von Durkheim beschriebenen mechanischen Solidarität auf, die von der Ähnlichkeit ihrer Stammesmitglieder lebt. Auch im Feudalismus denkt, spricht und handelt er im kollektiven Kontext der religiösen Gemeinschaft, der Gilde, der Sippe. Erst die moderne Marktgesellschaft setzt ihn frei …“ (Zima 2017:4f).
9 schenbild hin zum sogenannten „Mann der Tat“.2 Nicht nur die besondere Erscheinung3 einzelner Menschen, sondern vielmehr die besondere „Tat“ eines sogenannten „Tatmenschen“ zählten bei Goethe. „Nicht Talente, nicht das Geschick zu Diesem oder Jenem machen eigentlich den Mann der Tat, die Persönlichkeit istʼs, von der in solchen Fällen alles abhängt.“ So ergibt sich für die Forschung das Problem einer doppelten Verwendung des Terms oder des Worts „Persönlichkeit“, was im Allgemeinen nicht ungewöhnlich ist, und die langjährige Gebräuchlichkeit des „Man“ im Leben. Die wesentlichen Unterschiede beider Konzepte zeigt die folgende Übersicht: Ursprung des Konzepts: Philosophie, Soziologische Theorie Ursprung der Konzepte: Experimentelle Einzelwissenschaften Ein kulturhistorisches Persönlichkeitsmodell Veränderung der Gesellschaft Mehrere einzelwissenschaftliche Persönlichkeitsmodelle Anpassung an die Umwelt 2 Im Zitat aus einer zeitgenössischen Publikation über die reichsten Firmengründer heißt es noch 1922: „Sicherlich bedeutet für die meisten von ihnen reich sein ungemein wenig. Aber: “Ebenso sicher ist es, dass das reich werden diese ausgesprochenen Tatmenschen mit einer hohen Befriedigung erfüllt“ (Wie sie groß und reich wurden“, 1922:80). 3 Sennett konstatierte: die Blüte der Städte hatte die „Persönlichkeit“ zu einem Portrait der Großstadtmenschen, und damit zur „gesellschaftlichen Kategorie“ aufsteigen lassen; (Sennett, Verfall und Ende des öffentlichen Lebens, 1983: 178/79).
16 rungswissenschaftliche oder Umwelt-) Faktoren und deren Wirken nicht untersucht werden sollen. Letzten Endes ist jedoch zu prüfen. ob die „bestimmende Ursache“ (nach Durkheim) zu erkennen ist. Das sollte nicht übersehen werden. Der im Modell „Determination und Vermittlung“ angesprochene Bereich wird gewöhnlich der Mikrosoziologie zugerechnet. Bei dem in der vorliegenden Studie konzipierten handlungstheoretischen Bereich der Persönlichkeitssoziologie handelt es sich jedoch um makrosoziologische Analysen, denn es geht um Individuen als Angehörige oder Repräsentanten von sozialen Gruppierungen, die sich aus der soziologischen Analyse von sozialen Typen der Persönlichkeit ergeben und die Träger gesellschaftlicher Verhältnisse sind. Es handelt sich also nicht um Kleingruppenforschung und Interaktionsprozesse auf dieser Ebene. Das widerspiegelt auch der Inhalt der theoretischen Fragestellungen und der entsprechenden empirischen Indikatoren der in dieser Studie besprochenen Forschungsprojekte. Diese von uns auch als handlungstheoretische Komponente bezeichnete Soziologie der Persönlichkeit untersucht auf makrosoziologischer Ebene, in welchem Maße die Individuen als Angehörige sozialer Gruppierungen bzw. als Repräsentanten eines sozialen Persönlichkeitstyps soziale Kompetenzen erworben haben und welche sozialen Aktivitäten sie auf dieser Grundlage entfalten. Die Darstellung sozialer Persönlichkeitstypen hat dabei einen besonderen Stellenwert, weil sie ermöglicht, auf soziologischer Ebene die Persönlichkeit als realitätsnahe ganzheitliche Erscheinung zu erfassen. Da die Ermittlung einer soziologischen Persönlichkeitstypologie gleichzeitig ein Beitrag zur Sozialstrukturforschung sein kann, eröffnet diese Herangehensweise einen besonderen Zugang zur Erforschung von Prozessen des sozialen Wandels und der Rolle sozialer Akteure dabei.
17 Vor diesem Hintergrund kann man davon sprechen, dass es sich in unserem Fall um eine subjektorientierte soziologische Theorie im Rahmen der makrosoziologischen Forschung handelt. Zusammenfassend kann man feststellen, dass der Begriff der Persönlichkeit vielfarbig verwendet wird. Anstatt diese Vielfarbigkeit zur Kenntnis zu nehmen und daraus vielleicht neue Erkenntnisse im Hinblick auf eine Interdisziplinarität abzuleiten, herrscht Desinteresse vor. Ab und an ist auch schon mal ein Führungsanspruch der pädagogischen Fächer formuliert worden. Wäre es von Nutzen, wenn der Psychologe sich fragte, welche Folgen es hätte, interessierten sich Psychologen für die soziale Relevantes ihrer psychologischen Forschung und umgekehrt, welches Interesse könnten psychologische Forschungsergebnisse bei Soziologen wecken.
18 Quellen Autorenkollektiv (Ltg. Helmut Rabe, Dieter Dohnke, Toni Hahn) (1979): Wie steht es um Leistungsstreben, Initiative, Schöpfertum? Berlin: Dietz Verlag Adorno, Th. W., Frenkel-Brunswik, E., Levinson, D. J. & Nevitt Sanford, R. (1950/1995): Studien zum autoritären Charakter. Frankfurt am Main: Luchterhand Adorno, Th. W. (1967 und 1968): Sociology and Psychology. In: New Left Review, Part 1. NLR 1/46, Nov Dez 67; Part 2 NLR 1/47, Jan Febr 68 Allport, G. & Odbert, H. (1936): Trait-names: A psycho-lexical study. Psychological Monographs, Whole No. 211, 47(1) I–171. Allport, G. W. (1935): Attitudes. In: Handbook of Social Psychology. (Hg.) Worcester Mass, Ed. by C. Murchison Allport, G. (1961): Pattern and Growth in Personality, Harcourt college Publishing, New York: Holt, Rinehart & Winston Allport, G. (1970): Gestalt und Wachstum der Persönlichkeit. Meisenheim a. Glan: Anton Hain. Arzheimer, K. (2005): Politikverdrossenheit, eine Frage der Persönlichkeit? Der Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsfaktoren und Verdrossenheitseinstellungen. In: Schumann, S. (Hrsg.) (2005): Persönlichkeit: eine vergessene Größe der empirischen Sozialforschung, Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, S. 193–207 Asendorpf, J. (1991): Die differentielle Sichtweise in der Psychologie, Göttingen, Toronto, Zürich: Verlag für Psychologie Hogrefe Boers, K., Gutsche, G. & Sessar, K. (Hrsg.) (1997): Sozialer Umbruch und Kriminalität in Deutschland. Opladen: Westdeutscher Verlag
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A us unserem Verlagsprogramm : Rüdiger Goldschmidt Macht und Verständi g un g in Austausch und Entscheidun g K onzeptuelle Ausarbeitung der integrativen Forschungsperspektive auf die Netzwerke sozialer Kreise aus den Ansätzen von S imme l – Bourdieu – Habermas sowie der Netzwerkforschung Hamburg 202 5 / 676 Seiten / ISBN 978-3-339-14670-0 Günter G. H. Gutsch e Beiträ g e zur Soziolo g ie der Persönlichkeit D ritte, gründlich überarbeitete Auflag e Hamburg 202 3 / 130 Seiten / ISBN 978-3-339-13298-7 Mathias Günthe r (Wie) Funktioniert unsere Gesellschaft, Herr Luhmann? E in fiktives, aber reales Interview mit dem Soziologen Niklas Luhmann Hambur g 2022 / 780 Seiten in 2 Bänden / ISBN 978-3-339-13072-3 Jennifer Christine Riss e Der M y thos der Kommunikationslosi g keit von Menschen mit Autismus und seine Fol g e n Hamburg 2018 / 166 Seiten / ISBN 978-3-339-10166-2 Daniel Gens Chronozentrismus: Ein Instrument der He g emonialkonstruktion der Gesellschaftswissenschafte n Hamburg 2018 / 138 Seiten / ISBN 978-3-339-10132-7 A li Demi r Entzauberun g durch Diskurs – Eine rechtssoziolo g ische Anal y se zu s y stemischen Risiken und handlun g stheoretischen Verantwortlichkeite n Z ur Option einer zeitgleichen Syste m - und Sozialintegration Hamburg 201 7 / 244 Seiten / ISBN 978-3-8300-9400-5 Merle Hattenhaue r Interpretativer Theoriever g leic h E ntwicklung und Anwendung eines Vergleichsmodells am Beispie l von Institutionalismus und Rechtfertigungssoziologi e Hamburg 201 5 / 280 Seiten / ISBN 978-3-8300-8494-5 Stephan Moebius Praxis der Soziolo g ie g eschicht e M ethodologien, Konzeptionalisierun g und Beispiele soziologiegeschichtlicher Forschun g Hamburg 200 4 / 126 Seiten / ISBN 978-3-8300-1323-5