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ZWITSCHER-MASCHINE.ORG NO. 18 / 2025 86 PROVENIENZFORSCHUNG IM ZENTRUM PAUL KLEE. EIN WERKSTATTBERICHT CÉDRIC BURRI Die Sammlung des Zentrum Paul Klee umfasst, neben Werken von Paul Klee, auch Arbeiten weiterer Kunstschaffender aus seinem Umfeld. Während die Klee-Werke aus dem Familienbesitz oder über die Paul-KleeStiftung in die Sammlung gekommen sind, erfolgte der Zugang der Werke von befreundeten Künstlern nicht immer auf einfachen Wegen: Beigetragen haben Stifter, Schenkungen und Ankäufe durch Vorgängerinstitutionen. Im Falle der Werke von befreundeten Künstler:innen aus der Schenkung von Livia Klee wurden die Provenienzen bereits aufgearbeitet, und sie sind gemäss dem Berner Bewertungsstandard von Provenienzen, der sogenannten Berner Ampel1, als grün eingestuft worden – das heisst, dass sich die Provenienz dieser Werke für den Zeitraum von 1933 bis 1945 lückenlos rekonstruieren lässt und sie deshalb erwiesenermassen oder mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht NS-Raubkunst sind. Die Bewertung für Werke von mit Paul Klee befreundeten Künstler:innen, die auf anderem Wege in die Sammlung gekommen sind, ist noch in vollem Gange. Ziel der Arbeit ist, die Provenienzen der Werke zu erforschen und zu einer Einschätzung über ihre Kategorisierung zu gelangen. Die Aufklärung dieser Provenienzen wurde 2025 initiiert: In einem ersten Schritt wurden die Daten der Sammlung ausgewertet und die Gruppe der zu untersuchenden Werke zusammengestellt, das heisst: Werke, die nicht von Paul Klee stammen und die nicht Teil der Livia-Klee-Schenkung sind. Es wurden 134 Werke in der Sammlung identifiziert, die diese Bedingungen erfüllen. Da sie in einer Zeit in die Sammlung der Paul-Klee-Stiftung oder in die des Zentrum Paul Klee aufgenommen wurden, als eine detailliert aufgearbeitete Provenienz eine weniger hohe Priorität besass als heute, besitzen viele dieser Werke keine einem heutigen Standard entsprechende Dokumentation von Provenienzen. Die systematische Durchsicht der Werke zeigt schnell, dass ein Grossteil der Werke von befreundeten Künstler:innen bereits aufgrund der Herkunft und des Entstehungszeitpunktes der Berner Ampel entsprechend als grün einzustufen ist. Neben einzelnen Karl Blossfeldt-Fotoabzügen, die erst 1999 hergestellt wurden, stammen mehr als 100 Werke aus jüngeren Schenkungen – von Nachkommen von Schülern Paul Klees. Nach dem Tod der Künstler:innen verblieben sie nach derzeitigem Informationsstand vermutlich im Familienbesitz: zum einen die 52 Werke aus der Schenkung der Erben von Georg Jakob Best2, zum anderen die 56 Werke aus der Schenkung der Erben von Petra Petitpierre.3 Im verbleibenden Bestand befinden sich neben einzelnen Kuriositäten4 auch Werke, die entweder zwischen 1933 und 1945 im Besitz der Künstler waren – wie Skizzenbücher und Karikaturen5 –, oder bei denen es sich um vereinzelte unproblematische Druckgrafiken handelt – wie ein Exlibris von Franz Marc oder ein gedrucktes Neujahrsflugblatt von Cuno Amiet. Die genannten Fälle haben daher mit grosser Wahrscheinlichkeit keine belastete Vergangenheit. In eine ähnliche Kategorie fallen auch zwei Gemälde des unbekannten Künstlers Wilhelm Riedtmann aus dem 19. Jahrhundert. Recherchen ergaben in diesen Fall, dass es sich vermutlich um einen Verwandten von Paul Klee handelt6 und die Werke nach derzeitigem Informationsstand im Familienbesitz geblieben sind. Dieses systematische Vorgehen führte schliesslich zur Identifikation von fünf Werken, die einer vertieften Recherche bedürfen. Die Provenienzen von Werken können zwar selten lückenlos geschlossen werden, jedoch ergaben sich in drei von fünf Fällen bisher keine Hinweise auf NS-Raubkunst oder auffällige Begleitumstände. Bei zwei Werken sind weitere Abklärungen nötig, die voraussichtlich Ende 2026 abgeschlossen sein werden. Die Ergebnisse werden anschliessend in geeigneter Form veröffentlicht. Die Provenienzen und der momentane Stand der Recherchen zu den fünf Werken werden im Folgenden detailliert dargestellt. CÉDRIC BURRI / PROVENIENZFORSCHUNG IM ZENTRUM PAUL KLEE
ZWITSCHER-MASCHINE.ORG NO. 18 / 2025 87 GEORGE GROSZ: DIE GRANATE UND STRASSENKAMPF (1915) Provenienzstatus: grün. Die Provenienz liess sich für den Zeitraum von 1933 bis 1945 rekonstruieren. Es handelt sich nicht um NS-Raubkunst. • 1915–1959: George Grosz (*1893, †1959), Berlin/New York/Berlin • 1959–19857: George Grosz Estate, New York • 19858: Galerie Ilse Schweinsteiger, München • 1985–2004: Paul-Klee-Stiftung, Kunstmuseum Bern9 Ausstellungen • München, Galerie Ilse Schweinsteiger, George Grosz. 100 kleine Zeichnungen, Januar bis Februar 1985, Nr. 59 & Nr. 60. CÉDRIC BURRI / PROVENIENZFORSCHUNG IM ZENTRUM PAUL KLEE Abb. 1 George Grosz, Die Granate, 1915, Tinte auf Papier, 24.5 x 19.8 cm, Zentrum Paul Klee, Bern © Estate of George Grosz, Princeton, N. J. / 2025, ProLitteris, Zurich Abb. 2 George Grosz, Strassenkampf, 1915, Tinte auf Papier, 26 x 19.5 cm, Zentrum Paul Klee, Bern © Estate of George Grosz, Princeton, N. J. / 2025, ProLitteris, Zurich
ZWITSCHER-MASCHINE.ORG NO. 18 / 2025 88 LOUIS MOILLIET: ST. GERMAIN BEI TUNIS (1914) Provenienzstatus: grün. Die Provenienz liess sich für den Zeitraum von 1933 bis 1945 rekonstruieren. Es handelt sich nicht um NS-Raubkunst. • 1914–196210: Louis Moilliet (*1880, †1962), Gunten/Lausanne/Diemerswil/Luzern/Montagnola/Bern/Basel/ Corsier-sur-Vevey/La-Tour-de-Peilz • 196211–o. D.: Kay Oederlin (o. D.), LaTour-de-Peilz • O. D.–o. D.: Privatbesitz, La-Tour-dePeilz12 • 2003: Galerie Kornfeld, Bern • 200313–2005: Eberhard W. Kornfeld (*1923, †2023), Ostermundigen Auktionen • Bern, Galerie Kornfeld Auktionen, Auktion 230. Kunstwerke des 19. und 20. Jahrhunderts II. Teil, 19.06.2003, Lot. 726. CÉDRIC BURRI / PROVENIENZFORSCHUNG IM ZENTRUM PAUL KLEE Abb. 3 Louis Moilliet, St. Germain bei Tunis, 1914, Aquarell auf Papier, 20.7 x 26.6 cm, Zentrum Paul Klee, Bern © 2025, ProLitteris, Zurich
ZWITSCHER-MASCHINE.ORG NO. 18 / 2025 89 ALFRED KUBIN: DAS GRÜNE UNGEHEUER (ZWISCHEN 1908 UND 1910) Provenienzstatus: Provenienz in Abklärung • Um 1908–o. D.: Alfred Kubin (*1877, †1959), Wernstein am Inn • O. D.–2000: Privatbesitz, Österreich14 • 2000: Sotheby’s London15 • 2000–2001: Maurice E. Müller (*1918, †2009), Bern • 2001–2014: Maurice E. und Martha Müller Foundation16 Auktionen • London, Sotheby’s, German & Austrian Art, 18.10.2000, Lot. 232. CÉDRIC BURRI / PROVENIENZFORSCHUNG IM ZENTRUM PAUL KLEE Abb. 4 Alfred Kubin, Das grüne Ungeheuer, zwischen 1908 und 1910, Wasserfarbe, Tinte und Bleistift auf Papier, 24.8 x 36 cm, Zentrum Paul Klee, Bern, Schenkung Maurice E. und Martha Müller Foundation © Eberhard Spangenberg, München / 2025, ProLitteris, Zurich
ZWITSCHER-MASCHINE.ORG NO. 18 / 2025 90 HEINRICH CAMPENDONK: INTERIEUR MIT AKT UND FIGUREN, 1921 Provenienzstatus: gelb-grün. Die Provenienz zwischen 1933 und 1945 ist nicht abschliessend geklärt, sie weist Lücken auf. Aus den vorgelegten Recherchen ergeben sich keine Belege für NS-Raubkunst. Es liegen zudem keine Hinweise auf NS-Raubkunst und/oder auffällige Begleitumstände vor. • 1921–o. D.: Heinrich Campendonk (*1889, †1957), Seeshaupt/Krefeld • O. D.–spätestens 1928: Paul van Ostaijen17 (*1896, †1928), Brüssel • O. D.: Galerie Breckpot18, Brüssel/ Antwerpen • Spätestens 196319–frühestens 199020: J. Dessers (o. D.), Hasselt • 2000: Sotheby’s, London21 • 2000–2001: Maurice E. Müller (*1918, †2009), Bern • 200122–2014: Maurice E. und Martha Müller Foundation, Bern CÉDRIC BURRI / PROVENIENZFORSCHUNG IM ZENTRUM PAUL KLEE Abb. 5 Heinrich Campendonk, Interieur mit Akt und Figuren, 1921, Ölfarbe auf Leinwand, 80 x 60 cm, Zentrum Paul Klee, Bern, Schenkung Maurice E. und Martha Müller Foundation © 2025, ProLitteris, Zurich
ZWITSCHER-MASCHINE.ORG NO. 18 / 2025 91 Ausstellungen • Rétrospective »le centaure« – Hommage à Walter Schwarzenberg23, Musée des Beaux-Arts d’Ixelles, 22.2.–31.3.1963. • Heinrich Campendonk. Ein Maler des Blauen Reiter, Städtische Galerie Lenbachhaus, 13.12.1989–18.2.1990, und Kunsthalle Emden, 15.2.– 29.4.1990. Auktionen • London, Sotheby’s, German and Austrian Art, 18.10.2000, Lot. 22. CÉDRIC BURRI / PROVENIENZFORSCHUNG IM ZENTRUM PAUL KLEE Abb. 6 Rückseite von Interieur mit Akt und Figuren, 1921, Zentrum Paul Klee, Bern, Schenkung Maurice E. und Martha Müller Foundation © Zentrum Paul Klee, Bern, Bildarchiv Zu den nicht zuweisbaren Provenienzmerkmalen auf der Rückseite gehören: ein nicht zuweisbares Etikett mit farbiger Nummerierung auf dem Keilrahmen (obere Keilrahmenleiste, rechts ein Etikett, beschriftet mit Tinte: »Campendonck Interieur avec figures No. 283«) sowie ein Transportstempel und eine Nummerierung auf der Leinwand (Mitte, evt. mehrere Transportstempel: »F«, »GOS« oder »605«, »USE NO HOOKS«; Nummerierung in schwarzer Farbe: »84«). Abb. 7 Nicht identifizierte Etikette auf der Rückseite von Interieur mit Akt und Figuren, 1921, Zentrum Paul Klee, Bern, Schenkung Maurice E. und Martha Müller Foundation © Zentrum Paul Klee, Bern, Bildarchiv
ZWITSCHER-MASCHINE.ORG NO. 18 / 2025 92CÉDRIC BURRI / PROVENIENZFORSCHUNG IM ZENTRUM PAUL KLEE 1 Mehr Informationen zur Berner Ampel: https:// www.kunstmuseumbern.ch/de/ provenienzkategorien (zuletzt aufgerufen 29.09.2025). 2 Die meisten der Arbeiten von Georg Jakob Best sind erst nach 1945 entstanden, sie fallen also ohnehin nicht in den kritischen Zeitraum. Da ein Grossteil des Frühwerkes von Best während des Krieges zerstört wurde, sind nur einzelne frühe Werke in der Schenkung vorhanden (Inventare zur Schenkung von Viola Schweinfurter an das Zentrum Paul Klee, 13.03.2008 / 10.04.2014 / 26.04.2016). Diese blieben wahrscheinlich kontinuierlich im Besitz des Künstlers bis zu seinem Tod im Jahre 2003. Der Handel oder Ausstellungen mit den geschenkten Werken von Best während des Krieges sind aufgrund seiner Erwerbslosigkeit (vgl. Dagit 2015) bis zum Kriegseinzug und während der Kriegsgefangenschaft unwahrscheinlich. Zusätzlich wurden zur Zeit des Nationalsozialismus Werke von Georg Jakob Best zwar aus Museumssammlungen beschlagnahmt oder wurden Teil von Ausstellungen zur entarteten Kunst (Vgl. Listl 2015); diese Werke sind aber nicht Teil der Schenkung. 3 Die Schenkung besteht aus persönlichen Skizzenbüchern und Skizzenbüchern aus der Zeit von Petra Petitpierres Kunstausbildung, welche aufgrund dieser Kontexte als unproblematisch eingestuft wurden. Die wenigen Gemälde in der Schenkung sind teilweise erst nach 1945 entstanden, für die vor 1945 entstandenen Werke konnte bisher kein Hinweis auf Handwechsel gefunden werden. (Inventar zur Schenkung von Simone Müller-Petitpierre an das Zentrum Paul Klee, 13.11.2007). 4 Beispielsweise der Druckstock, der zur Reproduktion einer Klee-Skizze im Gästebuch der Blüemlisalphütte diente, welcher 2023 dem ZPK geschenkt wurde (Schenkungsvertrag zwischen der SAC-Sektion Blüemlisalp und dem Zentrum Paul Klee, 17.03.2023). Für mehr Informationen zur Klee-Skizze siehe Wiederkehr Sladeczek 2018. 5 Zum einen besitzt das Zentrum Paul Klee Skizzenbücher von Marguerite Frey-Surbek und Eugen Niederer und ein kleines Konvolut von Karikaturen und Druckgrafiken, welche Mitglieder der Familie Klee darstellen und vermutlich spontan oder als persönliche Geschenke entstanden sind. 6 Vgl. Klee 1979b, S.1243: Nach einer Anfrage an das Zivilstandesamt Thann in der Rhön notiert Paul Klee 1934 einen rudimentären Stammbaum, in den er seine Grossmutter mütterlicherseits als «Anna-Rosina Riedtmann» einträgt. In Grote 1959, S. 13, erinnert sich Mathilde Klee an ihre Grossmutter und erwähnt dabei Wilhelm Riedtmann: «Die Großmama, deren Bruder ein talentierter Kunstmaler war, hat Paul viel vorgezeichnet.» 7 Der Nachlass von George Grosz wurde von 1973 bis 1994 vom Kunsthändler Serge Sabarsky im Auftrag der Nachkommen von Grosz verwaltet. Die Blätter wurden von Serge Sabarsky bei der Galerie Schweinsteiger 1985 in Kommission gegeben. Dies konnte durch den Kontakt mit dem Managing Director des George Grosz Estate und Autor des Catalogue Raisonné von Grosz, Ralph Jentsch, per E-Mail am 18.09.2025 bestätigt werden. Für diese Informationen bedanke ich mich herzlichst. 8 Die Galerie Schweinsteiger bot im Januar 1985 ein Konvolut von Federzeichnungen von George Grosz zum Verkauf an. Laut dem Katalog besitzen alle 100 angebotenen Werke einen Stempel des Nachlasses mit Inventarnummer auf der Rückseite. 9 Der Kauf der beiden Werke durch die Paul-KleeStiftung bzw. durch das Kunstmuseum Bern konnte mithilfe von Recherchen in der archivierten Buchhaltung und anhand einer Rechnung vom 13.03.1985 der Galerie Schweinsteiger von zweimal 9’800 DM an das Kunstmuseum Bern belegt werden. 10 In der bisherigen Recherche konnten kein Leihverkehr oder Kauf des Aquarells festgestellt werden, das durchgehende Besitzverhältnis ist dementsprechend nicht gesichert, aber wahrscheinlich. 11 Die Familienverhältnisse von Louis Moilliet gestalten sich aufgrund von mehreren Ehepartnerinnen und einer nicht geheirateten letzten Partnerin, Kay Oederlin, komplex. Letztere erbte einen grossen Teil des
ZWITSCHER-MASCHINE.ORG NO. 18 / 2025 93 Nachlasses, und die Familie Moilliet besitzt laut dem E-Mail-Austausch mit der Fondation Moilliet im April 2025 wenig Informationen über den Verbleib des Nachlasses. 12 Diese Angabe zum Besitzverhältnis des Werkes nach dem Tode Moilliets stammt aus dem Werkverzeichnis von Jean-Christophe Ammann von 1972. Dieses listet einen grossen Teil des Werkes als «Privatbesitz La-Tour-de-Peilz». Wenn Oederlin zu diesem Zeitpunkt noch am Leben war, liegt die Vermutung nahe, dass es sich zu diesem Zeitpunkt noch in ihrem Besitz am langjährigen Wohnort La-Tour-de-Peilz befand und es sich auch um Kay Oederlin handelt. Die genauen Lebensdaten von Oederlin sind nicht bekannt. 13 Das Aquarell wurde bei der Auktion Kunstwerke des 19. und 20. Jahrhunderts vom 19.06.2003 angeboten und von Eberhard W. Kornfeld selbst »vorfinanziert, zum Ankauf durch das ZPK vorgesehen« (Stiftung Zentrum Paul Klee, 2003). Im Jahr 2005 wurde es zur Eröffnung des ZPK definitiv angekauft (vgl. Stiftung Zentrum Paul Klee, 2005). 14 Ursprünglich war in der Dokumentation des ZPK Felix Klee als ehemaliger Besitzer vermerkt, was sich jedoch nach Rücksprache mit der KleeNachlassverwaltung als unzutreffend erwies. Auch durch den E-Mail-Austausch im Mai 2025 mit dem Kubin-Archiv im Lenbachhaus, welches für die Auktion bei Sotheby’s eine Echtheitsexpertise durchgeführt hatte, konnten keine weiteren Informationen über die Herkunft des Werkes ausfindig gemacht werden. 15 Verkaufspreis 6’600 £, 18.10.2000, German & Austrian Art. 16 Das Werk wurde nach dem Kauf aus dem Privatbesitz Müllers an dessen Stiftung übertragen. Ebenso wurde das Werk mit dem Vermerk erworben, dass es in die Sammlung des ZPK aufgenommen werden solle, sobald dieses erbaut worden sei (Schenkungsvertrag zwischen Maurice E. Müller und der Maurice E. und Martha Müller Foundation, 30.10.2001). Das Werk war in der Folge bis 2005 im Kunstmuseum Bern als Dauerleihgabe deponiert (Dauerleihvertrag zwischen dem Kunstmuseum Bern und der Maurice und Martha Müller Foundation, 15.01.2002). 17 Vgl. Firmenich 1989. Die Angabe wurde von Gisela Geiger, ehemalige Leiterin des Museum Penzberg, im Mai 2025 telefonisch bestätigt, und ich bedanke mich für den Austausch mit ihr. Dass das Werk im Besitz des flämischen Dichters Paul van Ostaijen war, konnte weiter jedoch nur durch historische Kontextualisierung und ohne direkte Quellen vermutet werden. Es ist aufgrund des intensiven Kontakts brieflicher und persönlicher Art zwischen Campendonk und van Ostaijen in den frühen 1920er Jahren möglich, dass van Ostaijen das Gemälde bereits kurz nach seiner Vollendung im Jahr 1921 kaufte. Nachdem Paul van Ostaijen zuerst vergebens in Deutschland versucht hatte, bei Kunsthändlern zu arbeiten, begann er nach seiner Rückkehr nach Belgien 1923 selbstständig bei sich zu Hause Kunst zu sammeln und auszustellen (vgl. Borgers 1971, S. 497) und leitete ab 1925 zusammen mit Geert Van Bruane die Galerie La Vierge Poupine in Brüssel (vgl. ebd., S. 641). Van Ostaijen publizierte in den folgenden Jahren auch mehrere Beiträge zum Œuvre Campendonks. In einem solchen Beitrag schreibt er 1923 bei der Beschreibung der Hauptwerke von Campendonk: »En 1921: […] un bel Intérieur, dont certains corps trop modelés paraissent cependant quelque peu étrangers à l’ensemble.« (van Ostaijen 1979, S. 191) Es ist möglich, dass van Ostaijen ein Gemälde in seinem Besitz, vielleicht aus geschäftlichen Gründen, als Hauptwerk bezeichnet. Zusätzlich finden sich im Œuvre Campendonks drei weitere Intérieurs von 1921 (vgl. Firmenich 1989). Der Nachlass inklusive der Kunstsammlung Paul van Ostaijens wurde unter zwei Erben in der Familie aufgeteilt und teilweise bereits vor der Erbaufteilung von seinem Vater Hendrik Pieter van Ostaijen verkauft (vgl. Borgers 1971, S. 654). Es existieren heute nur fragmentarische Nachlassinventare, und eine weitere Verfolgung seiner Tätigkeit als Kunstsammler und -händler vor seinem Tod führt mit grosser Wahrscheinlichkeit zu keinen weiteren Resultaten. Vorhandene Korrespondenz privater und geschäftlicher Art aus van Ostaijens Leben CÉDRIC BURRI / PROVENIENZFORSCHUNG IM ZENTRUM PAUL KLEE
ZWITSCHER-MASCHINE.ORG NO. 18 / 2025 94 sind im Literaturmuseum Den Haag und im Letternhuis in Antwerpen gut erschlossen, und die Entdeckung von neuen Quellen scheint unwahrscheinlich. Es ist daher möglich, dass das Werk bereits vor 1928 wieder seinen Besitzer gewechselt hat. Die Informationen zur Aktivität als Kunsthändler und zum Nachlass von Paul van Ostaijen wurden vom van Ostaijen-Biographen Matthijs de Ridder im E-Mail-Austausch im Juli 2025 zur Verfügung gestellt. Ich bedanke mich herzlichst für den Zugang zu seinem Fachwissen zum Thema van Ostaijen. 18 In Firmenich 1989 wird diese als Galerie Brelepot aufgeführt. Dank dem Kontakt zu einer ehemaligen Mitarbeiterin des belgischen Auktionshauses BA Auctions in Brüssel (E-Mail vom 05.06.2025) konnte dies als Schreibfehler bestätigt werden, da eine Galerie Breckpot in vielen Provenienzen von in Belgien gehandelten Werken auftaucht und scheinbar von den 1920er Jahren bis in die Nachkriegszeit aktiv war. Obwohl Paul van Ostaijen die Galerie Breckpot gekannt zu haben scheint und in einem Brief an Campendonk erwähnt (vgl. Brief von Paul van Ostaijen an Heinrich Campendonk, 06.11.1922, Letterenhuis, Antwerpen, Inv. Nr. O 3945 / B.), konnten keine Quellen zu Handelsgeschäften zwischen van Ostaijen und Breckpot gefunden werden. 19 Der früheste Beleg dafür, dass das Werk im Besitz von J. Dessers war, ist das Etikett zur Ausstellung Rétrospective «le centaure» im Musée d’Ixelles von 1963 auf der Werkrückseite. 20 Nebst den Etiketten zu den aufgeführten Ausstellungen stehen momentan keine Quellen zum Erwerb und Verkauf des Werkes durch J. Dessers zur Verfügung. Aufgrund des langen Besitzverhältnisses und schliesslich des Verkaufs im Jahre 2000, ein Jahrzehnt nach der letzten Erwähnung von Dessers, liegt die Vermutung nahe, dass J. Dessers in den 1990er Jahren verstarb und seine Erben das Gemälde im Jahre 2000 in den Verkauf brachten. 21 Verkaufspreis 108’000 £, 18.10.2000, German & Austrian Art. 22 Das Werk wurde – wie zuvor das Werk von Kubin – direkt nach dem Kauf aus dem Privatbesitz Müllers an dessen Stiftung übertragen und im Kunstmuseum Bern als Dauerleihgabe deponiert, mit dem Vermerk, es in die Sammlung des ZPK zu übergeben, sobald dieses erbaut worden sei (Schenkungsvertrag zwischen Maurice E. Müller und der Maurice E. und Martha Müller Foundation, 30.10.2001; Dauerleihvertrag zwischen dem Kunstmuseum Bern und der Maurice und Martha Müller Foundation, 15.01.2002). 23 Aufgrund des Titels der Ausstellung und der Präsentation des Werkes in dieser wurde ebenso untersucht, ob das Werk im Besitz des titelgebenden Kunsthändlers Walter Schwarzenberg war. Schwarzenbergs Sammlung wurde 1932 komplett versteigert, jedoch ist Intérieur mit Akt und Figuren nicht im entsprechenden Auktionskatalog zu finden (vgl. Galerie Georges Giroux 1932). Ein Besitzverhältnis kann nicht ausgeschlossen werden sowie die Präsentation des Werkes in einer Ausstellung in Schwarzenbergs Galerie le centaure. CÉDRIC BURRI / PROVENIENZFORSCHUNG IM ZENTRUM PAUL KLEE BIBLIOGRAFIE Ammann 1972 Jean Christophe Ammann, Louis Moilliet. Das Gesamtwerk, Köln: DuMont, 1972. Borgers 1971 Gerrit Borgers, Paul van Ostaijen. Een documentatie, Amsterdam/Den Haag: Bert Bakker, 1971, https:// www.dbnl.org/tekst/borg006paul01_01/index.php (zuletzt aufgerufen 29.09.2025). Dagit 2015 Gerald Dagit, »Georg Jakob Best und die Reichskammer der bildenden Künste, Auswertung und Interpretation des Archivmaterials«, in: Georg Jakob Best, hg. von Christoph Wagner, Regensburg: Schnell & Steiner, 2015, S. 82–89.