Ein unruhiges Naturell kehrt heim
Full text
14 Kultur&Leben Freitag, 21.November 2025 Der fröhlich-gestreifteFoulard verrät denKünstler,die Miene dagegen istirgendwie... «Was, grimmig!», nimmteinem Karls Glatts Selbstporträtdas Wort ausdem Mund.Das Lebenhalte –sinngemäss –ebennicht nur Höhepunktebereit,sondern auch Talsohlen. Aber da man schon einmal hiersei,könne man auch gleicheintreten und sich vertraut machen. Hier,das ist dasBirsfelder Museum,und kennenzulernen gibt es deninMagdengeborenen und in Birsfeldenaufgewachsenen Karl Glatt(19122003), dessenpostum eingesprochenesZitatsichvorseinem Selbstporträtper Knopfdruck auslösenlässt.InZusammenarbeitmit Studierenden der Hochschule für Gestaltung und Kunstund derHochschulefür Musikwidmetdas Museum dem prominenten Malerund einstigenBirsfelderEinwohner einequicklebendigeHommage in vier Themenräumen. «Seinebekannten Landschaftsbilderaus demJurahabenwir ausgelassen», erklärt ChristophMoorvon derBirsfelderMuseumskommission. Stattdessensind etliche SelbstundFamilienporträtszusehen, Bilder vonBadenden,typografische Experimente undspäte abstrakte Gemälde –für den gegenständlicharbeitenden Malerein überraschendes Spätwerk.«SeineKünstlerkollegen habenihn dafür belächelt»,sagt Moor.«Aber daskümmerte ihn nicht.» Für stilistische Abwechslung ist gesorgt Einen eigenen Kopf hatteGlatt zeitlebens. Nach derBaslerGewerbeschulegingder Schreinersohnmit 18 Jahren aufdie «Walz» und reistenachWien. Dort schlug er sich mitKunstverkäufendurch,bevor er von derWienerKunstakademieaufgenommen wurde. Eine Lungentuberkulosezwangihn in die Schweizzurück, doch setzte er sich nacheinemJahrinder Höhenklinik mitSkiernnachVorarlbergab. 1937 stellte er erstmals in Birsfeldenaus und befreundetesichmit demBasler MalerCoghuf. Zu dieser Zeit lernteerauchseinespätereFrau Lucie Notz kennen. «Sie sorgte dafür,dassdas Geld hereinkam»,sagtRegula Meschberger, Präsidentinder Museumskommission. Notz betriebals Modistin eineigenes Hutatelier in Baselund warbis inshoheAltertätig:Glattporträtiertsiealsstarke Frauinebenso starkenFarben. Im gleichen Raum hängen auch diePorträts derbeidengemeinsamen Kinder: IhreErinnerungen an den KünstlervatersindabBandzu hören. «Erwar sehr lebendig unddeshalbkein ruhiges Naturell», erinnert sich etwa seine Tochter. «Wir wussten,dass Glatts Werkemit ihremzeitlichenAbstand eine Übersetzungbrauchen», erklärtMoorden Einsatz multimedialer Mittel.Deshalb seiendie Interaktivität undSzenografiesehrwichtig.Soscheint beispielsweiseder zweite Ausstellungsraumunter Wasser zu stehen:Lichtreflexekräuseln sich wie Wellen an derDecke, Luftblasenblubbern,BojenhängenvonderDecke.AndenWändentauchendeMännerund Frauen,kopfüber, schwerelos. «Das Motivist für seineZeit ziemlicheinzigartig»,sagtMoor undmeint damitdie Fünfzigerjahre, in denen dieBilderentstanden: Glattverzichtetekonsequentauf dieDatierungseiner Werke,manchmalsogar auf eine Signatur.«Der Maler, der eine Zeit lang zurBaslerKünstlergruppe Kreis 48 gehörte, wechselteseinenStil alle paar Jahre»,soMoor. Dasmag dem künstlerischen Wiedererkennungswert nichtzuträglich gewesensein, doch fürAbwechslung wargesorgt. Glatts Verbindung vonStillleben–Musikinstrumente, Garagenutensilien –mit SchriftzügenwirdimObergeschoss des Museumsvon Gassenhauern derSechziger-und Siebzigerjahre begleitet:EineJukebox spielt aufWunschLieder wie«BlueberryHill» oder «TakeFive».In dieser Zeit kaufteGlatt auch ein Ferienhaus im Kanton Jura,in demein Teil seines umfangreichenNachlasseslagerte.Mehrere dergezeigtenWerke sind mit einem rotenPunkt versehen, «KarlGlatt» istaucheineVerkaufsausstellung. Trauerkranz füreineletzte kreative Blüte «GlattsKinderhaben je 250Gemäldeübernommen», sagt Moor.Währendein Teil der Werke in Stiftungenuntergebracht würde, kämen andere in denVerkauf.«Es istseinen Nachkommen wichtig,dieFreude an derKunst weiterzugeben»,soMoor. DervierteRaumist Glatts «Vegetativen Formen undFarben»gewidmet,einerReihevon Schlaufengebilden, diesich schrittweisezuabstraktenOrnamenten wandeln. Auslöserfür dieGemälde warder Todseiner Frau,der Glattineinetiefe Schaffenskrise stürzte.Trost fand er in einem dekorativen Trauerkranzgebinde, dasihm alsAusgangspunkt für eine letzte künstlerischeEntdeckungsreisediente. «Ich wollte diesen ‹Trauerraum›unbedingt sonifizieren», sagt derpromovierte Musikwissenschaftler ChristophMoor:So lässt sich eine grosse, eigens angefertigte Klangskulptur aus Metallbändern mitbereitliegendenGeigenbögenund Hämmern bearbeiten.Dem «nicht gerade ruhigenTemperament» (KarlGlattübersich selbst)hätte dieser«Blätzbums» sicher entsprochen. ............................................... «KarlGlatt» BirsfelderMuseum, bis 7. Dezember. Öffnungszeiten:Mi, Sa,So. www.birsfeldermuseum.ch Hannes Nüsseler «KarlGlatt wechselte seinen Stil alle paar Jahre.» Christoph Moor Museumskommission Vergleicht man die Musikdes neuenund siebtenAlbums von Anna Rossinelli mitihrer ersten Single «InLoveFor aWhile» von2011, fälltvor allemeines auf: DieStimmederBaslerinhat deutlichanKraft,Tiefeund Facettenreichtumgewonnen. WährendsichihreletztePlatte «Mother» (2023)mit demÄlterund Mutterwerden auseinandersetzte, verstehen sich dieelf neuen Songsals Momentaufnahmen ihrerGefühlswelt zwischenLust,Wut, Sehnsuchtund Selbstzweifeln. Eine Bandals Familienbetrieb «Heat» soll auch alsZeugnisfür dieFreundschaft derdreiBandmitgliederdienen:Seit17Jahren frönen Rossinelli,Bassist Georg Dillier und Schlagzeuger Manuel Meisel gemeinsamder Musik. DasTriohielt selbst dann zusammen,als dieprivate BeziehungzwischenRossinelli und Dillier 2015indie Brüche ging. Dennoch oder gerade deshalb verstehendie drei ihrProjekt nichtnur alsAnker,sondern auch als«Familienbetrieb». Begonnenhat ihre gemeinsame Geschichte 2008.Damals fanden Rossinelli,Dillier und Meisel zu einem Pop-Soul-Trio namensAnne ClairezusamMichael Gasser men.ZweiJahrespäterundnach einer Strassenmusik-Tourbeschlossen diedrei, fortan unter demNamen Anna Rossinelli aufzutreten. 2011qualifizierte sich die Formationfür denEurovision Song Contest. Wiewohlsie bei diesem denletzten Platzbelegte,istes derBand um diegelernte Fachfrau Betreuunggelungen, zu einem Fixpunkt in der Schweizer Musikszene zu werden: AlleAlben erreichten die Top10der Schweizer Charts. Pop-Vielfalt mitGusto Währendsich«Mother», die letzteVeröffentlichungvon Anna Rossinelli,durch klassisches Songwriting,ruhigeLiedstrukturen undakustischeArrangements hervortat,bietendie elf neuenTrackswieder vermehrt Popmit Gusto. Dereröffnende Titeltrack«Heat»präsentiert sichforschundfadengeradeund erinnert nichtwenig an den muskulösen Folk-Pop derschottischen Singer-Songwriterin AmyMacDonald. «Too Late» gibt sich nachdenklich,leidet aber unterplumpen Rhythmen. Esfolgt«IfYouDon’t Know» –das Highlight derPlatte. Das Stückbietetpuren Elektro-Pop, dervon derNeuen Deutschen Welleinspiriertscheint und nichtnurlustvollklingt,sondern auch mit wunderbar einstudiertenGesangspassagenaufwartet. Spätestens mit demvierten Track, derPianoballade«When Time is Right», wirddeutlich, dass dasTriovor allem eins anstrebt: möglichstunterschiedlicheTempi undstilistischeVielfalt.Das ist eindrücklich, geht aber zulasten desmusikalischen Flows. Undwirkt wie einAuto, dasständigdieRichtung ändert. Wasvielleichtauchdamit zusammenhängt, dass sich gleich mehrereProduzentendesMaterialsangenommen haben. Das hatzur Folge, dass Nummern wiedas soulige«Liar»oderder Schmachtfetzen «Where Didit AllGo» fürsichgenommen zwar durchaus funktionieren, im Gesamtbild jedoch nurbedingt überzeugen. DieSongs sind zwar klug komponiert, aber auch stark poliert.Nichts wirktdem Zufall überlassen,alles klingtgeschmackvollund sitzt nach Lehrbuch.Soist ein Album entstanden,das in Einzelteilen punktet,beim HörenjedochunweigerlichChris vonRohrs Wunsch nachein wenig «meh Dräck» weckt. ............................................... Anna Rossinelli «Heat» (SonyMusic) istseitdem 21.11.imHandelerhältlich. Regula Meschbergerund ChristophMoorvon der Museumskommission Birsfelden. Bild:Kenneth Nars Auf«Heat»überlässtAnnaRossinellinichtsdemZufall. Bild:FabioMartin Ein unruhigesNaturell kehrtheim Eine kleine,abereinfallsreicheRetrospektive beleuchtet denvielfältigen BirsfelderMaler Karl Glatt, der2003 verstarb. Klugkomponiertund starkpoliert Auf ihrem Album«Heat»widmetsichdas Trio um Anna Rossinelli derGefühlsweltund verpackt diese in allzu perfekte Pop-Kreationen.