POESIE UND PROTEST DER „BLUTIGE JANUAR“ IN DER ZEITGENÖSSISCHEN DICHTUNG KASACHSTANS Nina Frieß ZOiS REPORT No.3 / 2022 · Oktober 2022
ZOiS Report 3 / 2022 Poesie und Protest. Der „Blutige Januar“ in der zeitgenössischen Dichtung Kasachstans 2 Inhalt 02 ___ Summary 04 ___ Einleitung 07 ___ Die Grenzen des Schweigens 12 ___ Nach der Stille 17 ___ Anklage und Wunsch nach Neuanfang 20 ___ Gegen die Umdeutung von oben 22 ___ Schluss 24 ___ Impressum Summary In early 2022, protests broke out across the Republic of Kazakhstan. Initially, peaceful protesters demonstrated against a price increase for liquefied gas, but later they began to demand political reforms as well. After the protests in Almaty were hijacked by marauding gangs and could not be brought under control by the security forces, Kazakhstan’s president Kassym-Jomart Tokayev declared a state of emergency and called on the Russian-dominated military alliance Collective Security Treaty Organisation for help. Within a few days, peace and order had been restored, but not without the massive use of force. When the internet and mobile connections, which had been blocked for days throughout the riots, started working again in Kazakhstan, many Kazakhstani poets took to social media to express their thoughts. In a multitude of poems, they process the events of Bloody January. This ZOiS Report includes a small selection of these poems in German translation and my analysis of this early literary debate on Kazakhstan’s ‘Bloody January’.
ZOiS Report 3 / 2022 Poesie und Protest. Der „Blutige Januar“ in der zeitgenössischen Dichtung Kasachstans 3 My findings suggest that – ‘Bloody January’ was a powerful stimulus for Kazakhstani poets. At no other time since the independence of the Central Asian republic have so many literary texts been written on one subject in such a short time. – Many poems paint a vivid picture of what happened during the first days of the protests. They show the general lack of information and people’s shock and disorientation, but also their hope for a better future. Thus, at a time when the media could, for several reasons (mainly related to the pandemic, but also to political censorship in Kazakhstan), not cover what was going on, and opinion polls had not yet been conducted, poems became one of the first uncensored sources for understanding what the January events meant to Kazakhstani people. – A central theme of the poems is the internet lockdown. Kazakhstani poets show that, at least in the urban milieu of Almaty, the resulting lack of information, and especially the lack of communication, affected people’s sense of identity. Moreover, many of them experienced the lockdown as a drastic reminder of the general restrictions on political agency in their country. – A great desire for political change in Kazakhstan is also palpable in the texts. For this to happen, it seems to many poets that a change of leadership is needed. Ex-president Nazarbayev — not mentioned by name but clearly recognisable to those familiar with Kazakhstan — is harshly criticised in some texts, something that until now was an absolute taboo in Kazakhstan’s otherwise relatively free literary sphere. The criticism that is currently being voiced in literary form suggests that Kazakhstan’s poets believe a sea change is indeed happening. – Despite the recognisable longing for a change in politics, Kazakhstani poets do not formulate political programmes in their poems. Their poems may be political, but this does not make poets politicians. The poems also show the development of a vibrant independent literary scene in Kazakhstan since 1991. This development could easily be supported and strengthened: First by providing direct cultural sponsorship, for example by financing readings, writers’ residencies and translation workshops in Kazakhstan. And second by publishing Kazakhstani writers outside of Kazakhstan. This would not only introduce them to a new, international readership, but also strengthen their voices at home.
ZOiS Report 3 / 2022 Poesie und Protest. Der „Blutige Januar“ in der zeitgenössischen Dichtung Kasachstans 4 Einleitung1 Am 2. Januar 2022 kam es in Schangaösen im Westen Kasachstans zu friedlichen Protesten, die sich innerhalb weniger Tage im ganzen Land ausbreiteten. Anlass der ersten Kundgebungen war die drastische Erhöhung der Flüssiggaspreise, die zu Jahresbeginn in Kraft getreten war, doch schon bald forderten Demonstrant*innen landesweit auch politische Reformen. In der Nacht vom 4. auf den 5. Januar mischten sich in Almaty marodierende Banden, die Geschäfte plünderten und offizielle Gebäude wie die Präsidentenresidenz und das Rathaus in Brand setzten, unter die friedlichen Demonstrant*innen, die das Bild der Kundgebungen in den ersten Tagen geprägt hatten. Ungeachtet der Rücknahme der Preiserhöhung sowie des Rücktritts der kasachstanischen Regierung, beruhigte sich die Lage nicht. Kassym-Dschomart Tokajew, der seit 2019 amtierende, handverlesene Nachfolger von Nursultan Nasarbajew, dem Ersten Präsidenten Kasachstans (1991 – 2019), rief den Ausnahmezustand aus und bat das von Russland dominierte Militärbündnis Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) um Hilfe. Innerhalb weniger Tage gelang es Tokajew, die Situation wieder unter Kontrolle zu bringen, wenn auch unter massivem Gewalteinsatz. Entgegen den Befürchtungen vieler Beobachter*innen, zogen sich die OVKS-Truppen bis zum 19. Januar vollständig aus Kasachstan zurück.2 Nach offiziellen Angaben starben während der Proteste 230 Personen,3 4.500 wurden verletzt, mehr als 10.000 verhaftet.4 Nichtregierungsorganisationen zweifeln diese Zahlen an und gehen von weit mehr Opfern aus.5 Eine unabhängige internationale Untersuchung, wie sie etwa Human Rights Watch forderte, fand bislang nicht statt und ist nach Einschätzungen von Expert*innen kaum zu erwarten.6 Tokajew machte internationale Islamisten für den Gewaltausbruch verantwortlich, eine Lesart, die viele Kasachstan-Expert*innen bezweifeln.7 Wahrscheinlicher erscheint, dass die systematisch herbeigeführte Eskalation der zunächst friedlichen Proteste Ausdruck eines Eliten-internen Machtkampfs war. Allerdings ist bis heute unklar, welche der nach Nasarbajews Rücktritt um Machtpositionen und Pfründe konkurrierenden 1 Alle in diesem ZOiS Report abgedruckten Gedichte wurden mit Einverständnis der Dichter*innen veröffentlicht, wofür ich mich an dieser Stelle herzlich bedanken möchte. Meinen Kolleg*innen am ZOiS danke ich für ihre hilfreichen Kommentare zu früheren Fassungen des Reports. Mein besonderer Dank gilt Beate Eschment, Miriam Finkelstein, Erik Martin und Stefanie Orphal, die die (vor-)letzte Fassung des Texts gelesen und kommentiert haben. Weiterer Dank geht an Martha Jurowski, die mir bei der Übersetzung der Gedichte ins Deutsche und der Fertigstellung des Manuskripts eine unersetzliche Hilfe war. Verbliebene Fehler und Ungenauigkeiten sind allein mir anzulasten. 2 Für einen detaillierten Überblick über die Geschehnisse und deren Einordnung siehe Diana T. Kudaibergenova / Marlene Laruelle, „Making sense of the January 2022 protests in Kazakhstan: failing legitimacy, culture of protests, and elite readjustments“, Post-Soviet Affairs, (2022): DOI: 10.1080/1060586X.2022.2077060. 3 “Генпрокурор: в январских событиях погибли 230 человек, 20 граждан случайно попали под обстрел”, azattyq.org, 14.03.2022, https://rus.azattyq.org/a/31751684.html. 4 Edda Schlager, „Nach den Unruhen in Kasachstan: Wendepunkt oder Weiter so?“, Deutschland Archiv, 22.02.2022, ergänzt am 03.03.2022. 5 Elliot Obadia: Kasachstan, „Die unklare Bilanz der Januar-Unruhen“, novastan.org, 19.02.2022, https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/kasachstan-die-unklare-bilanz-der-januar-unruhen/. 6 “Kazakhstan: Set Independent Inquiry into January Events”, Human Rights Watch (hrw.org), 09.02.2022, Kazakhstan: Set Independent Inquiry into January Events | Human Rights Watch (hrw.org). 7 Thomas Ruttig, „Unruhen in Kasachstan: Mär vom Aufstand der Islamisten“, taz.de, 30.01.2022, https://taz.de/Unruhen-in-Kasachstan/!5829912/.
ZOiS Report 3 / 2022 Poesie und Protest. Der „Blutige Januar“ in der zeitgenössischen Dichtung Kasachstans 5 Gruppierungen dafür verantwortlich zu machen ist.8 Nasarbajew war im März 2019 nach 30 Jahren an der Staatsspitze als Präsident zurückgetreten, hatte jedoch zahlreiche Kompetenzen und Privilegien behalten, darunter den Vorsitz des Nationalen Sicherheitsrats und Freiheit vor Strafverfolgung für sich sowie Familienangehörige. Erst im Zuge der Januar-Unruhen verlor Nasarbajew alle Ämter, die er noch innehatte. Zahlreiche Verwandte und Günstlinge Nasarbajews wurden von ihren Posten entfernt. Die von Tokajew nach den Januar-Ereignissen angestoßene Verfassungsänderung beendete die ursprünglich lebenslang angelegte Sonderstellung Nasarbajews in Kasachstan endgültig. Während der Unruhen, die unter der Bezeichnung „Qandy Qañtar“ („Blutiger Januar“) in die jüngere Geschichte Kasachstans eingingen, blockierten die kasachstanischen Behörden Internetund Mobilfunkverbindungen. Informationen über die Geschehnisse verbreiteten sich so nur langsam. Insbesondere Almaty, Kasachstans Kulturund Wirtschaftsmetropole, war tagelang nahezu komplett von der Außenwelt abgeschnitten. Wer wie ich über soziale Medien mit Menschen in Kasachstan verbunden ist, bemerkte in dieser Zeit eine fast gespenstische Stille in seinem News Feed. Nachdem das Internet am 10. Januar wieder angestellt wurde, explodierten die sozialen Medien förmlich. „Wir sind am Leben“, schrieben Freund*innen und Bekannte, Kolleg*innen, Autor*innen und Künstler*innen, denen ich auf Facebook, Twitter oder Instagram folge. Aber diese Mitteilungen waren nicht die einzigen Nachrichten; unter die Lebenszeichen mischten sich immer mehr Gedichte, die während und unmittelbar nach den Januar-Unruhen entstanden waren. In dem vorliegenden ZOiS Report werden einige dieser Gedichte in deutscher Übersetzung veröffentlicht, analysiert und eingeordnet. Sie sind nicht nur literarische Dokumente der Ereignisse, die zeigen, was die Menschen in dieser Zeit durchlitten und teils immer noch durchleiden. Sie sind auch ein Zeugnis dafür, dass sich in den letzten Jahren in Kasachstan abseits der staatlich unterstützten Mainstream-Kultur eine alternative Literaturszene entwickelt hat, in der es viel Sympathie für einen politischen Wandel und demokratische Reformen gibt. Eine meiner Grundannahmen als Literaturwissenschaftlerin ist, dass sich gesellschaftliche Debatten in literarischen Texten widerspiegeln. In Literatur werden Erfahrungen abgebildet, zu denen wir über andere Quellen keinen Zugang hätten, zumal wenn die Texte, wie die nachfolgend betrachteten Gedichte, während oder in unmittelbarer zeitlicher Nähe zu den in ihnen thematisierten Ereignissen entstanden sind. Alle in dem vorliegenden Report untersuchten Gedichte wurden zuerst in sozialen Medien veröffentlicht, einige erschienen im Februar 2022 auch in der unabhängigen elektronischen Literaturzeitschrift Literratura.9 Ausgewählt habe ich die folgenden Gedichte nach inhaltlichen Kriterien. Ihre Resonanz berücksichtige ich in diesem Report nicht, da deren Messung (etwa durch Likes, Shares oder Kommentare) in Zeiten des eingeschränkten Internetzugangs und der Angst vor Repressionen nur bedingt aussagekräftig ist. Alle Gedichte sind im Original auf Russisch verfasst. In Kasachstan hat das Russische neben der Staatssprache Kasachisch einen verfassungsrechtlichen Sonderstatus. 8 Siehe dazu ausführlich Kudaibergenova/Laruelle (2022). 9 „ҚАҢТАР/ ЯНВАРЬ“, Лиterraтура. Электронный литературный журнал (literratura.org), 01.02.2022, https://literratura.org/poetry/4846-atar-yanvar.html.
ZOiS Report 3 / 2022 Poesie und Protest. Der „Blutige Januar“ in der zeitgenössischen Dichtung Kasachstans 6 Nach § 7 (2) der Verfassung der Republik Kasachstan muss es in allen staatlichen Institutionen gleichberechtigt mit dem Kasachischen verwendet werden. Im Vielvölkerstaat Kasachstan ist es zudem weiterhin die Sprache der zwischenethnischen Kommunikation. Die Wahl der Literatursprache lässt keine Rückschlüsse darauf zu, ob es sich bei den Dichter*innen um Kasach*innen oder Angehörige ethnischer Minderheiten handelt.10 Die Lyriker*innen, deren Gedichte ich im Folgenden untersuche, entstammen unterschiedlichen Generationen und gehen verschiedenen Berufen nach, denn von der Literatur allein können die wenigsten Literaturschaffenden in Kasachstan leben. Alle verbindet, dass sie in Almaty leben, das von den kasachstanischen Januar-Unruhen wie keine andere Stadt erschüttert wurde. 10 Im Folgenden wird zwischen den Begriffen kasachisch und kasachstanisch unterschieden. Während sich kasachisch auf die Ethnizität bezieht, bezeichnet kasachstanisch die von der Ethnizität unabhängige Staatsbürgerschaft. Anders als andere Nachfolgestaaten der Sowjetunion gewährte die unabhängige Republik Kasachstan nach 1991 allen Menschen, die auf ihrem Territorium lebten, die kasachstanische Staatsbürgerschaft. Exkurs: Kasachstans unabhängige Literaturszenea Der Zusammenbruch der Sowjetunion bedeutete auch das Ende der staatlich kontrollierten sowjetischen Literaturlandschaft: Nicht nur die staatliche Zensur, sondern auch Verlage, literarische Zeitschriften, finanzielle Förderungen für regimetreue Autor*innen sowie Ausbildungsstätten für den literarischen Nachwuchs standen plötzlich vor dem Aus. Während es in Russland relativ schnell gelang, einen nach privatwirtschaftlichen Prinzipien organisierten Literaturmarkt zu etablieren, gab es in Kasachstan jenseits der veralteten, für junge Autor*innen nur schwer zugänglichen Strukturen des nach wie vor existierenden regimenahen Schriftstellerverbands kaum Möglichkeiten, Texte zu publizieren. Bis heute wird der kasachstanische Buchmarkt deshalb von russischen Importen dominiert. Es ist dem Einsatz einer einzelnen Person zu verdanken, dass sich in Kasachstan dennoch eine innovative junge Literaturszene entwickeln konnte. Die Autorin und Philologin Olga Markowa hatte 1993 begonnen, Kurse für Nachwuchsautor*innen zu organisieren, eine Zeitschrift herauszugeben und Publikationsmittel einzuwerben. Die von ihr gegründete Stiftung Musaget wurde zur Keimzelle der postsowjetischen Literatur Kasachstans. Nach Markowas Tod im Jahr 2008 setzten ihre Schüler*innen rund um Michail Semskow ihre Mission fort und gründeten 2009 die Offene Literarische Schule Almaty (OLSCHA), in der Interessierte in Wochenendkursen eine umfassende theoretische und vor allem praktische Schreibausbildung erhalten. Durch die Corona-Pandemie, die auch die OLSCHA in den virtuellen Raum zwang, wurden die Seminare der Schule erstmals für Menschen zugänglich, die außerhalb Almatys lebten. Im Umfeld der OLSCHA sind seit ihrer Gründung nicht nur viele literarische Texte entstanden, es wurden auch Lesungen und Festivals veranstaltet, die literarische OnlineZeitschrift Daktil gegründet (2019) und mit Unterstützung des renommierten internationalen Schreibprogramms der Universität Iowa und des US-amerikanischen Konsulats Almaty die Almaty Writing Residency eingerichtet (2021). Diese internationale Vernetzung könnte perspektivisch zu einer größeren internationalen Sichtbarkeit von Kasachstans Schriftsteller*innen beitragen, deren Texte bislang kaum in andere Sprachen übersetzt wurden. Zwar werden nicht alle Absolvent*innen der OLSCHA Autor*innen, viele von ihnen werden aber Leser*innen, die sich für die Entwicklung der sie umgebenden Literaturund Kulturlandschaft interessieren und Texte lesen wollen, die die eigenen Lebenswirklichkeiten abbilden und gesellschaftliche Diskurse aufgreifen. Das Entstehen von etwas, das man als eine neue literarische Zivilgesellschaft bezeichnen könnte, spiegelt sich ganz allmählich auf dem kasachstanischen Buchmarkt wider: Immer mehr kasachstanischen Autor*innen gelingt es, ihre Texte in heimischen Verlagen zu veröffentlichen und auch zu verkaufen. Entscheidender ist aber, dass diese Menschen nicht länger auf staatliche Hilfe warten (die in Kasachstan – wenn überhaupt – bislang primär in prestigeträchtige Großprojekte fließt), sondern selbst bereit sind, sich mit eigenen Ressourcen zu engagieren. a Der folgende Exkurs erschien in leicht veränderter Form erstmals als Teil meines Beitrags „Kunst und Protest in Kasachstan“, ZentralasienAnalysen Nr. 151, 25.02.2022, S. 6 – 8.
ZOiS Report 3 / 2022 Poesie und Protest. Der „Blutige Januar“ in der zeitgenössischen Dichtung Kasachstans 7 Die Grenzen des Schweigens Noch während der Internetblockade hatten außerhalb Kasachstans lebende Dichter*innen unter dem Motto „Wir sind zusammen“ zu einem poetischen Marathon am 8. Januar 2022 aufgerufen. An dem Social-Media-Event beteiligten sich Lyriker*innen aus Kasachstan, Russland, der Ukraine und Belarus, um eigene Gedichte vorzutragen sowie Gedichte ihrer in Kasachstan von der Kommunikation abgeschnittenen Kolleg*innen zu lesen. Bis zu 80 Personen nahmen nach Angaben der Veranstalter*innen an der Lesung teil. Die Organisator*innen sprachen sich „für die Solidarität mit dem Volk Kasachstans in seinem Kampf gegen den Autoritarismus und für die Menschenrechte“ und gegen die „kriegerische Einmischung anderer Länder in die Politik Kasachstans“11 aus, was vor allem auf Russland gemünzt war. Die Einladung zu der Online-Veranstaltung zeigte eine fast schon ikonische Fotografie der kasachstanischen Protestbewegung, die 2019 beim Almaty Marathon entstanden war: Aktivist*innen hatten im Vorfeld der von oben orchestrierten Präsidentschaftswahlen bei der Sportveranstaltung ein Transparent entrollt, auf dem der Slogan „Vor der Wahrheit kannst du nicht weglaufen“ sowie der Hashtag #IchHabeDieWahl auf Kasachisch und Russisch zu lesen waren ( ABBILDUNG 1). Zwei der beteiligten Aktivist*innen waren dafür 2019 zu 15-tägigen Haftstrafen verurteilt worden. Mit der Wahl 11 Поэтический марафон БIЗ БIРГЕМIЗ | Facebook. ABBILDUNG 1 „Vor der Wahrheit kannst du nicht weglaufen #IchHabeDieWahl” Transparent beim Almaty Marathon 2019 Source: Tamina Ospanova
ZOiS Report 3 / 2022 Poesie und Protest. Der „Blutige Januar“ in der zeitgenössischen Dichtung Kasachstans 8 ihres Veranstaltungsfotos zogen die Organisator*innen des poetischen Marathons 2022 eine Verbindung zu früheren friedlichen Protesten gegen das autoritäre Regime Kasachstans. Am 11. Januar 2022 widmete das russische Online-Magazin DOXA den Poet*innen Kasachstans eine Sonderseite.12 Unter dem Titel „Die Grenzen des Schweigens“ veröffentlichte das studentische Magazin 20 Gedichte kasachstanischer Dichter*innen, die sich zum Zeitpunkt der Publikation in Kasachstan befanden und sich infolge der Kommunikationsblockade nicht selbst zu Wort melden konnten. „Wir wissen nicht, was innerhalb dieser Blockade vor sich geht,“ schreibt Rufija Dschenrbekowa in ihrem Vorwort zu der Gedichtsammlung. „Wir wissen nur das eine: neben Nachrichten gibt es dort auch Gedichte.“ Diese Gedichte, so die kasachstanische Künstlerin und Aktivistin, seien „unser Versuch, in Kontakt zu bleiben und trotz der verbrecherischen Versuche der korrupten Obrigkeit, den Protest zu diskreditieren, dennoch seine Bedeutung zu wahren, ihn für uns zu behalten, unsere Städte für uns zu behalten, mit uns selbst verbunden zu bleiben.“13 Dschenrbekowa geht hier zum einen auf die Bedeutung ein, die Poesie zukommen kann: Gedichte entstehen unter den widrigsten Bedingungen und dienen Menschen gerade in Zeiten der Zensur als Kommunikationsmittel. Dazu trägt insbesondere ihre Form bei, denn der Sinn der meist kurzen, symbolisch aufgeladenen Texte erschließt sich häufig erst nach einer Dechiffrierung, die entsprechendes Hintergrundwissen und eine gewisse intellektuelle Anstrengung erfordern. Zum anderen klagt Dschenrbekowa bereits zu diesem Zeitpunkt die Versuche der politischen Eliten Kasachstans an, die zunächst friedlichen Protestaktionen zu diskreditieren und ihnen – etwa durch die Gleichsetzung der Protestierenden mit Terroristen – ihre Legitimität abzusprechen. Diesem Vorwurf begegneten die friedlichen Demonstrant*innen in Almaty am 6. Januar mit einem meterlangen Banner, auf dem auf Kasachisch „Wir sind einfache Leute – keine Terroristen“ geschrieben stand. Die auf DOXA publizierten Texte sind in russischer und kasachischer Sprache verfasst, letztere liegen zusätzlich in russischer Übersetzung vor. Es sind kritische Gedichte, aus denen häufig ein Unwohlsein, ein Nicht-Einverständnis mit den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen spricht. Gleichzeitig sind sie voller Liebe zu Kasachstan. Exemplarisch dafür möchte ich hier das Gedicht „MUTTER HEIMAT“ der Lyrikerin Viktoria Rusakowa herausgreifen, das bereits durch die Titelwahl eine enge Verbindung zum Heimatland aufzeigt. 12 „Пределы молчания / Үнсіздік шеңбері. 20 стихотворений казахстанских поэтов и поэтесс, находящихся сейчас в Казахстане“, 11.01.2022, https://readymag.com/doxa/poetsteppe/. 13 „Пределы молчания / Үнсіздік шеңбері. 20 стихотворений казахстанских поэтов и поэтесс, находящихся сейчас в Казахстане“, 11.01.2022, https://readymag.com/doxa/poetsteppe/. Gedichte als Versuch, die Bedeutung des Protestes zu wahren.
ZOiS Report 3 / 2022 Poesie und Protest. Der „Blutige Januar“ in der zeitgenössischen Dichtung Kasachstans 9 Die dem Gedicht immanente Kritik richtet sich nicht gegen das Heimatland selbst, das die Bedürfnisse seines Kindes nicht erfüllen kann, sondern gegen diejenigen, die das lyrische Du mit Milchersatz bzw. alternativen Milchprodukten abspeisen und statt Mutter Heimat wirklich zu helfen, allein auf die Wiederherstellung ihrer äußeren Schönheit bedacht sind. (Dass bei einer Mastektomie in den meisten Fällen auch die Milchdrüsen entfernt werden, ist für die Deutung des Gedichts zu vernachlässigen.) Was typisch für die Literatur des autoritär regierten Kasachstans ist, lässt sich auch in diesem Gedicht beobachten: Die Kritisierten werden nicht konkret benannt. Einer mit den Realitäten des Landes vertrauten Leserschaft ist indes klar, dass damit die politischen Eliten Kasachstans gemeint sind, die allzu oft eine Scheinpolitik betreiben, anstatt Probleme tatsächlich zu lösen. So wurde immer wieder in prestigeträchtige Großprojekte investiert – der Ausbau der Provinzstadt Aqmola (1961 – 1992 Zelinograd, zuvor Akmolinsk) zur von zahlreichen internationalen Stararchitekten gestalteten Hauptstadt Astana (2019 – 22 Nur-Sultan) ist nur das offensichtlichste Beispiel. Das Versprechen auf wirtschaftliche Entwicklung und Wohlstand für alle Kasachstaner*innen, das insbesondere Nasarbajew formulierte, wurde in der größten Volkswirtschaft Zentralasiens indes bis heute nicht eingelöst.14 Einer der wenigen kasachstanischen Dichter, dem es während der Internetblockade gelang, auf seinem Facebook-Account Gedichte zu veröffentlichen, ist Wadim Dergatschew. Die ersten drei titellosen Texte postete er am 6. Januar. Zu diesem Zeitpunkt befand er sich nicht in Almaty und nutzte ein kurzes Zeitfenster, in dem in anderen Landesteilen das Internet funktionierte. Die Texte sind der Auftakt zu einem Zyklus von Gedichten, die Dergatschew später mit dem Hashtag #GedichtefürdieRevolution versieht. Er habe Anfang Januar das Gefühl gehabt, dass etwas für das Land „Wichtiges“ geschehe, sagte der Dichter und Journalist bei einer Lesung am 31. März 2022.15 Dieses Gefühl spiegelt sich in den Texten wider, die das Thema Revo14 Dazu ausführlich: Kudaibergenova / Laruelle (2022). 15 Online abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=h1Cn54Wzl6M. РОДИНА-МАТЬ когда у родины нет молока тебя кормят смесью из коммунизма-капитализма-национальной идеи три раза в день а ты просто хочешь молока нет, не кумыса или айрана или шубата молока из груди материнской но она больна вместо мастэктомии родине сделали маммопластику соски вновь торчат как 1001 год назад внутри по-прежнему пусто MUTTER HEIMAT wenn die Heimat keine Milch hat füttern sie dich mit einem Gemisch aus Kommunismus-Kapitalismus-nationaler Idee drei Mal am Tag aber du willst einfach Milch nein, keinen Kumys oder Ayran oder Schubat, Milch aus der Mutterbrust aber sie ist krank anstelle einer Mastektomie haben sie der Heimat eine Mammoplastik gemacht die Brustwarzen stehen wieder hervor wie vor 1001 Jahr innen ist sie weiterhin leer
ZOiS Report 3 / 2022 Poesie und Protest. Der „Blutige Januar“ in der zeitgenössischen Dichtung Kasachstans 16 ihrer Sprache gleichsam ihrer Identität, aber auch ihrer Zukunft beraubt: „in diesen zwei Tagen der Unkenntnis vergaßen wir / wer wir sind was uns angeht wo wir leben / welcher Tag morgen ist / wir wissen nicht wo wir hinsehen sollen / die Zukunft ist nicht zu sehen wie der eigenen Hinterkopf“. Bereits zuvor hatte das lyrische Ich die eigene „Nichtigkeit unsere Sinnlosigkeit Bedeutungslosigkeit Austauschbarkeit“ konstatiert. Der Wechsel vom Ich zum Wir spricht hier wie an anderen Stellen dafür, dass es sich um eine Kollektiverfahrung handelt, auch wenn das Wir des Texts nicht näher definiert wird. Das lyrische Ich versucht sich gegen das erzwungene Schweigen zu wehren („ich will nicht schweigen“). Es stellt kritische Fragen („warum müssen wir schweigen“), es schreit, aber nur innerlich, und erhält weder Gehör noch Antwort. Nur Lügen trösten „in der Dunkelheit“, eine Anspielung auf die Falschinformationen und Gerüchte, die in dieser Zeit im Umlauf sind. Die Abwesenheit von Licht – sinnbildlich für Erkenntnis und Wissen und damit letztlich auch für Wahrheit stehend – zieht sich durch das gesamte Gedicht, das durch seine vollständig fehlende Interpunktion stellenweise vieldeutig bleibt. Am Schluss des Gedichts versagt dem lyrischen Subjekt die Stimme. Zusammen mit anderen – dem nicht näher definierten Wir – ist es zu einem „Nichts“, wörtlich einem „leeren Platz“, eine im Russischen umgangssprachliche Bezeichnung für einen völlig unbedeutenden Menschen, und schließlich zur Stille selbst geworden. „WIR SIND STILLE“ thematisiert damit nicht zuletzt die Bedeutungslosigkeit der Wünsche und Bedürfnisse kasachstanischer Bürger*innen. Diese Wünsche und Bedürfnisse, die sie in den ersten Januartagen friedlich, aber keineswegs still auf der Straße artikulierten, bleiben in dem Gedicht wie in der Realität unerhört. Es ist, als existierten sie nicht. Wer es ist, der die Bürger*innen zum Schweigen verurteilt, wird auf Textebene nicht erwähnt, was für die zeitgenössische russophone Poesie Kasachstans ebenso typisch ist wie die freie Versform, in der Asim sein Gedicht verfasst. Gleichzeitig durchbricht der Dichter mit seinem Gedicht die Stille. Indem er schreibt und das Gedicht veröffentlicht, nachdem das Internet, „die Stimme die Augen und Ohren“ wie es in dem Gedicht heißt, wieder funktioniert, schweigt er eben nicht. Der Dichter wird hier in der Tat zum Rebellen, sein Gedicht zu einem Akt der Selbstermächtigung. Darüber hinaus fungieren Gedichte wie „WIR SIND STILLE“ auch als eine Art Therapie für das von der Außenwelt abgeschnittene Individuum. So schreibt Irina Gumyrkina in einem Essay für die kasachstanische Literaturzeitschrift Daktil: „Während des tragischen Januars in Kasachstan, als es weder Internet, noch Fernsehen, noch andere Kontakte gab, wurden Gedichte für viele Poeten zur einzigen Rettung vor der Hoffnungslosigkeit und dem unerträglichen Schweigen.“19 Und so steht das Gedicht Asims stellvertretend für eine Vielzahl ähnlicher Gedichte, auch von Gumyrkina, die die Abgeschnittenheit von der Außenwelt und die daraus resultierende Angst thematisieren. 19 Ирина Гумыркина, „Стихи о войне: манипуляция или терапия?“, Дактиль №34, Juli 2022, https://www.daktil.kz/34/article/irina-gumyrkina/Стихи-о-войне-манипуляция-илитерапия-420. Das Gedicht thematisiert die Bedeutungslosigkeit der Wünsche kasachstanischer Bürger*innen.
ZOiS Report 3 / 2022 Poesie und Protest. Der „Blutige Januar“ in der zeitgenössischen Dichtung Kasachstans 17 Anklage und Wunsch nach Neuanfang Doch nicht alle kasachstanischen Poet*innen sind in ihren Gedichten zurückhaltend mit ihrer Kritik an den Herrschenden. Tatsächlich finden sich Gedichte, die insbesondere Kasachstans Ersten Präsidenten Nasarbajew harsch kritisieren. Natürlich wird Nasarbajew in diesen Texten nicht beim Namen genannt. Dass er gemeint ist, erschließt sich einer mit dem kulturellen Kontext vertrauten Leserschaft jedoch sofort. So veröffentlicht Wadim Dergatschew am 10. Januar das folgende Gedicht auf Facebook: ЯНВАРЬ БИБЛИОТЕКАРЯ Январь, Не осень патриарха, Ни весна заречных улиц, Жёсткий календарь Не позволяет Вспрянуть ото сна. И на обломках нечего писать, Обломки разлетелись далеко Лягушек вскипятили в молоке И поздно уже дуть на молоко. Пока ещё хоть чем-нибудь горим, Пока ещё хоть кто-нибудь нам брат Давай ещё возьмём и посвятим Тебе надежду нашу, дипломат. Не знаю где, но все таки найди Ты мужество, хоть это не легко А ты, библиотекарь, уходи, Как можно дальше, очень далеко. DER JANUAR DES BIBLIOTHEKARS Der Januar, Ist weder der Herbst des Patriarchen Noch der Frühling der Zarechnaya Straßen,* Der strenge Kalender Erlaubt es uns nicht Aus dem Schlaf hochzufahren. Und auf den Trümmern lässt sich nichts schreiben, Die Trümmer sind weit auseinandergeflogen Die Frösche wurden in der Milch aufgekocht Und es ist zu spät, auf die Milch zu pusten. Solange wir noch für irgendetwas brennen, Solange noch irgendwer unser Bruder ist, Auf, nehmen und widmen wir Unsere Hoffnung dir, Diplomat. Ich weiß nicht woher, aber dennoch finde Du Mut, auch wenn das nicht leicht ist Und du, Bibliothekar, verschwinde, so weit fort wie möglich, sehr weit fort. * Der Autor verweist hier zum einen auf Gabriel García Márquez‘ Diktatorenroman Der Herbst des Patriarchen (1975), zum anderen auf das populäre sowjetische Melodram Frühling in der Zarechnaya-Straße (1956). Das kurze Gedicht verbindet in einem unregelmäßigen Kreuzreim panegyrische Elemente und Herrscherkritik. Das lyrische Ich hofft auf den „Diplomaten“, womit hier niemand anderes als der ehemalige Diplomat und gegenwärtige Präsident Kasachstans Tokajew gemeint ist. Welche Handlungen es sich von diesem erhofft, bleibt unausgesprochen; wichtiger erscheint in der von Unübersichtlichkeit und Brenzligkeit gekennzeichneten Situation, dass der „Bibliothekar“ verschwindet. Dahinter ist für Kasachstaner*innen unschwer Nasarbajew zu erkennen, der seine Residenz nach seinem Amtsrücktritt in das Gebäude der Bibliothek des Ersten Präsidenten in Nur-Sultan (heute wieder Astana) verlegte, von wo aus er im Hintergrund weiterhin die Strippen zog. Auch der während der friedlichen Proteste häufig geäußerte Slogan „Alter, verschwinde“, der seinen Ursprung in der feministischen
ZOiS Report 3 / 2022 Poesie und Protest. Der „Blutige Januar“ in der zeitgenössischen Dichtung Kasachstans 18 Aktivistinnen-Szene Kasachstans hat, findet sich in dem Text leicht abgewandelt („Und du, Bibliothekar, verschwinde“), im Kontext der Ereignisse aber deutlich erkennbar wieder. Dergatschews Gedicht zeigt, dass es im Januar neben Angst eben auch Hoffnung auf einen Politikwechsel in Kasachstan gab, als dessen Grundvoraussetzung ein tatsächlicher Führungswechsel gesehen wurde. Zwar bot Literatur in Kasachstan schon vor den Januar-Ereignissen Raum für vorsichtig formulierte Kritik an den herrschenden Verhältnissen, Nasarbajew galt aber als unantastbar.20 Gedichte wie das nachfolgende, von Farchat Tame am 4. Februar auf Facebook veröffentlichte, wären deshalb bislang kaum denkbar gewesen. In für Kasachstans zeitgenössische russophone Dichtung ungewöhnlich akkuraten Kreuzreimen, die in der Übersetzung nicht beibehalten wurden, formuliert Tame einen Abgesang auf den Ersten Präsidenten Kasachstans. Obwohl dieser auch hier namentlich nicht erwähnt wird, kann im gegebenen Kontext niemand anderes gemeint sein. Tame beschreibt die Ereignisse in dem titellosen Gedicht als eine Zeit des Erwachens und der Ermächtigung 20 Diese relative Freiheit ist vor allem auf das mangelnde Interesse der Herrschenden an Literatur zurückzuführen. Andere Medien – insbesondere Presse und Fernsehen – werden in Kasachstan eng überwacht. Reporter ohne Grenzen stufen die Lage als „schwierig“ ein und platzieren Kasachstan 2022 auf Platz 122 (von 180) der Rangliste der Pressefreiheit („RSF Rangliste der Pressefreiheit 2022“, Reporter ohne Grenzen, 3. Mai 2022, https://www.reporter-ohne-grenzen. de/fileadmin/Redaktion/Downloads/Ranglisten/Rangliste_2022/RSF_Rangliste_der_Pressefreiheit_2022.pdf ). Он все долги отдал сполна? Всё то, что был народу должен? Мы все, проснувшись ото сна, Достали сабельки из ножен. Изнежен жадный хитрый царь, Он жаждет вашего прощения Прощай Наш Горе-Государь! Прощенья нет за преступления. Рискую я - ведь он не прах, Хранит его земля чужая. Быть может он узду в руках Всё держит, нами помыкая. Но знаю, мы уже не те, Кто жил в империи обмана. Мы все застыли на черте; Дать новый старт для Казахстана. Hat er alle Schulden voll beglichen? All das, was er dem Volke schuldete? Wir alle, aus dem Schlaf erwacht, Zogen die Säbelchen aus den Scheiden. Verwöhnt ist der gierige, listige Zar, Er lechzt nach eurer Vergebung Leb wohl, Unser Jammer-Herrscher! Es gibt keine Vergebung für Verbrechen. Es ist riskant – denn noch ist er nicht Asche, Ein fremdes Land passt auf ihn auf. Kann sein, dass er das Zaumzeug in seiner Hand Noch immer hält, uns drangsalierend. Aber ich weiß, wir sind nicht mehr die, Die im Imperium des Betrugs lebten. Wir sind alle auf der Strecke eingefroren; Ermöglicht einen Neuanfang für Kasachstan.
ZOiS Report 3 / 2022 Poesie und Protest. Der „Blutige Januar“ in der zeitgenössischen Dichtung Kasachstans 19 des Volkes („Wir alle, aus dem Schlaf erwacht, / Zogen die Säbelchen aus den Scheiden.“). Die Waffen, die dem Volk dabei zur Verfügung stehen, erscheinen durch die Verwendung eines Deminutivs (gezogen werden „Säbelchen“, keine „Säbel“) allerdings nur bedingt geeignet, um in den Kampf zu ziehen. Dennoch rechnet das Gedicht im Folgenden hart mit Nasarbajew ab. Besonders negativ konnotiert ist die Beschreibung des Herrschers als „gierig“. Hier wird auf die enormen Reichtümer verwiesen, die der Erste Präsident selbst und über seine Familie im Laufe seiner dreißigjährigen Herrschaftszeit angehäuft hat.21 Die Thematisierung dieser Reichtümer galt in der Literatur Kasachstans bislang als absolutes Tabu. Dass sie nach den JanuarProtesten Eingang in Kasachstans Lyrik finden, spricht für einen Zeitenwechsel in der zentralasiatischen Republik. Zugleich macht das lyrische Ich in der dritten Strophe explizit, dass diese Art der Herrschaftskritik in der unklaren politischen Gemengelage, in der das Gedicht entstand und veröffentlicht wurde, gefährlich werden könnte, da „er“, also Nasarbajew, „nicht Asche ist“ und möglicherweise im Hintergrund noch immer die Strippen ziehe. In der letzten Strophe zeigt sich das lyrische Subjekt jedoch überzeugt, dass die Januar-Ereignisse etwas verändert haben („Aber ich weiß, wir sind nicht mehr die, / die im Imperium des Betrugs lebten.“) und dadurch ein „Neuanfang für Kasachstan“ ermöglicht werde. Wie konkret ein solcher Neuanfang aussehen kann, wird im Text selbst nicht thematisiert. Bei aller deutlichen Kritik, die das Gedicht enthält, zeigt sich doch auch, dass hier keine konkreten Alternativen für Veränderungen formuliert werden. Der Dichter ist hier zwar Chronist und Ankläger der aktuellen Zustände, entwickelt in seiner Dichtung aber kein politisches Programm. 21 In der Forbes-Liste der zehn reichsten Kasachstaner*innen werden die vier oberen Plätze von Verwandten Nasarbajews sowie seiner Familie nahestehenden Personen eingenommen (vgl. Kudaibergenova / Laruelle (2022), S. 5).
ZOiS Report 3 / 2022 Poesie und Protest. Der „Blutige Januar“ in der zeitgenössischen Dichtung Kasachstans 20 Gegen die Umdeutung von oben Einen Monat nach der gewaltsamen Beendigung der Aufstände, am 9. Februar, veröffentlicht Wadim Dergatschew ein weiteres titelloses Gedicht auf seinem Facebook-Account. Es thematisiert die Umdeutung und Relativierung bis hin zur Leugnung der blutigen Niederschlagung der JanuarUnruhen durch die kasachstanische Führung. In dem Gedicht wendet sich das lyrische Ich an Aëlita, der es davon berichtet, wie die Januar-Ereignisse wenige Wochen nach den Geschehnissen dargestellt werden. Die Zeile „Sie fingen an zu sagen“ bildet die Einleitung für eine Auflistung von Geschehnissen, die „sie“ zwar erwähnen, die aber angeblich nicht stattfanden. Die Aufzählung von vermeintlichen NichtEreignissen wird in der Mitte des Gedichts von mehreren Einschränkungen unterbrochen, die darin gipfeln, dass den Todesopfern der Januar-Ereignisse die Schuld für ihren Tod zugewiesen wird: „Und wenn sie schossen, waren Они стали говорить, Что ничего не было, Аэлита. Что расстрела не было, Никто не лежал на площади До утра. Никто не кричал. Никто не прятался по дворам, Чтобы забрать раненых. Никто не бежал вниз, От ОМОНА, Никого вообще не было. А если были - в них не стреляли, А если стреляли - сами виноваты, Но вообще никто не стрелял. И никто не умирал от потери крови. А над площадью парили души С огнестрельными дырами, Они высоко не поднимались, Из-за тумана. Души были, А расстрела не было. Sie fingen an zu sagen, Dass nichts passiert sei, Aëlita.* Dass es keine Erschießungen gab, Niemand lag auf dem Platz Bis zum Morgen. Niemand schrie. Niemand versteckte sich in den Höfen, Um die Verletzten abzuholen, Niemand lief hinunter,** Vor der OMON, Es war überhaupt niemand da. Und wenn doch, wurde nicht auf sie geschossen, Und wenn sie schossen, waren sie selber schuld, Aber eigentlich hat niemand geschossen. Und niemand starb an Blutverlust. Doch es schwebten Seelen über dem Platz Mit Einschusslöchern, Sie stiegen nicht hoch, Wegen des Nebels. Es gab Seelen, Aber Erschießungen gab es nicht. * Bei Aëlita handelt es sich um eine Freundin des Dichters. Bezüge zu Alexej Tolstojs gleichnamigem Roman (1922) bzw. dessen Verfilmung (1924) drängen sich zwar auf, sind aber wohl nicht intendiert. ** Almaty liegt am Rand eines Gebirges. Die von den Bergen im Süden der Stadt nach Norden verlaufenen Straßen sind deshalb leicht abschüssig. Um vom oberen in den unteren Teil der schachbrettartig angelegten Stadt zu gelangen, läuft man folglich „hinunter“.
ZOiS Report 3 / 2022 Poesie und Protest. Der „Blutige Januar“ in der zeitgenössischen Dichtung Kasachstans 21 sie selber schuld“.22 Wie bereits in der ersten Verszeile, wird das hier sogar doppelte „sie“ nicht definiert. Die Entschlüsselung bleibt den Leser*innen überlassen. Was „sie“ in dem Gedicht aufzählen, erinnert an eine typische PropagandaTechnik nicht nur in postsowjetischen Staaten, bei der Ereignisse in Endlosschleife geleugnet, relativiert und / oder im Sinne der Machthaber umgedeutet werden. Irgendwann ist für die Rezipient*innen solcher Nachrichten kaum noch zu unterscheiden, was Wahrheit und was „Fake“ ist. Vertrauensverlust in die Medien, aber natürlich auch in die Politik sind die Folgen solcher Propaganda. Anders als in den staatlichen Medien Kasachstans bleibt die Litanei der Lüge in Dergatschews Gedicht allerdings nicht unwidersprochen. Das lyrische Subjekt bezeugt im Folgenden, dass „Seelen über dem Platz [schwebten]“ und zwar „mit Einschusslöchern“. Die poetischgehobenen „Seelen“ stehen dabei in krassem Kontrast zu den prosaischen „Einschusslöchern“ und der meteorologischen Begründung, warum die Seelen nicht in den Himmel steigen konnten („Wegen des Nebels“ – tatsächlich zeigen viele Bilder von Anfang Januar dichten Nebel in Almaty.) „Sie fingen an zu sagen“ liest sich wie eine Anklage, wobei wie bei allen in diesem Report analysierten Gedichten nicht explizit benannt wird, wer die Angeklagten sind. Wie zuvor ist es allerdings für eine mit den Verhältnissen Kasachstans vertraute Leserschaft leicht möglich, die herrschenden Eliten und die von diesen gesteuerten Medien als Angeklagte auszumachen. Wie schwer es für das lyrische Subjekt ist, mit seiner Anklage Gehör zu finden, zeigen die abschließenden Zeilen des Gedichts, in dem zwar nun die Existenz von „Seelen“ zugegeben, aber sofort eingeschränkt wird: „Aber Erschießungen gab es nicht.“ 22 Bereits am 13. Januar hatte Dergatschew ein Gedicht veröffentlicht, in dem er die vermeintliche (Mit)Schuld der Opfer der Unruhen an ihrem Schicksal thematisierte. Dort konstatiert das lyrische Ich bitter-ironisch: „Diejenigen, die nichts herausfinden wollten, wurden nicht getötet, / Diejenigen, die nicht vor die Tür gingen, wurden nicht getötet, / Diejenigen, die ihre Nasen nicht in Angelegenheiten steckten, die sie nichts angingen, wurden nicht getötet. / Aber die hier – wurden getötet. / Einfach so wurde keiner getötet, / Diejenigen, die nicht spazieren gingen – / Die wurden nicht getötet. / Reicht euch das nicht?“
ZOiS Report 3 / 2022 Poesie und Protest. Der „Blutige Januar“ in der zeitgenössischen Dichtung Kasachstans 22 Schluss Die zunächst friedlichen Proteste, deren Übernahme durch gewalttätige Gruppen und die brutale Niederschlagung aller Aufstände, ließen Kasachstan Anfang Januar für einen kurzen Augenblick ins Zentrum der internationalen medialen Aufmerksamkeit treten. Bei den zahlreichen Beiträgen, die sich auf einmal in westlichen Medien finden ließen, wurde eins immer wieder deutlich: Das neuntgrößte Land der Welt, die größte Volkswirtschaft Zentralasiens, seine jahrhundertealte Geschichte und Kultur sind für die meisten Menschen aus dem sogenannten Westen weitgehende Terra Incognita. Doch noch bevor sich daran etwas hätte ändern können, verebbte das mediale Interesse an Kasachstan. Spätestens mit dem Beginn des völkerrechtswidrigen russischen Krieges gegen die Ukraine am 24. Februar 2022 ist das Land nahezu vollständig von der medialen Agenda verschwunden. Auch in Kasachstan dominieren im Sommer 2022 andere Themen die Nachrichten. Allenfalls für ihre kritischere Berichterstattung bekannte Medien wie Radio Azattyk, der kasachstanische Ableger von Radio Free Europe / Radio Liberty, und die Internet-Zeitung Vlast berichten weiter über die Januar-Ereignisse. Angesichts der Ungeheuerlichkeit des russischen Angriffs auf sein souveränes Nachbarland ist das – selbst in Kasachstan – nur zu verständlich. Dennoch wird der „Blutige Januar“ dadurch nicht einfach ungeschehen gemacht. Seine individuelle wie kollektive und gegebenenfalls auch juristische Aufarbeitung wird Kasachstan weiter beschäftigen. Wie genau diese aussehen wird, hängt von vielen, vor allem natürlich politischen Entwicklungen ab, die aktuell nur schwer abzuschätzen sind. Momentan sieht es allerdings nicht so aus, als habe eine Auseinandersetzung mit den Geschehnissen Priorität für Kasachstans politische Eliten. Almaty, das während der Unruhen die meisten Opfer zu beklagen hatte, ist auch 25 Jahre nachdem es seinen Hauptstadtstatus verloren hat das kulturelle Zentrum des Landes. Seine Literat*innen werden zweifelsohne ihren Beitrag zu einer literarischen Aufarbeitung der Ereignisse leisten und dafür sorgen, dass sie nicht in Vergessenheit geraten. Die Gedichte, die während und nach den Unruhen entstanden, sind sehr wahrscheinlich nur der Anfang einer längeren, intensiveren literarischen Auseinandersetzung mit ihnen, auch und gerade in anderen Gattungen und Genres. Selbst wenn sich nicht alle Autor*innen literarisch zu den Januar-Ereignissen geäußert haben und auch nicht äußern werden, so ist die Menge der bislang veröffentlichten Texte zu dem Thema beispiellos.23 Bemerkenswert ist in diesem Kontext auch das Fehlen von Texten, die Partei für Nasarbajew ergriffen und dessen Verdienste für Kasachstan gewürdigt hätten.24 Doch wie weit reicht der Einfluss der zahlenmäßig überschaubaren literarischen Szene? Die relative Freiheit der Literatur in Kasachstan war bislang vor allem auf das Desinteresse von Kasachstans Mächtigen an Literatur zurückzuführen. Dieses beruht nicht zuletzt auf der Annahme, dass die Zeiten 23 Für den vorliegenden Report habe ich etwa 50 Gedichte ausgewertet, die entweder in den sozialen Medien und / oder in Online-Zeitschriften veröffentlicht wurden. Gedichte in kasachischer Sprache konnte ich nur berücksichtigen, sofern sie ins Russische übersetzt wurden. Ich gehe davon aus, dass die Gesamtzahl der lyrischen Texte, die sich dem „Blutigen Januar“ auf Russisch oder Kasachisch widmen, um ein Vielfaches höher ist. 24 Nasarbajew hatte sich nach anfänglichem Schweigen am 9. Januar hinter den Kurs Tokajews gestellt. Zuvor hatte es Gerüchte über einen Bruch zwischen dem Ersten Präsidenten und seinem Nachfolger gegeben.
ZOiS Report 3 / 2022 Poesie und Protest. Der „Blutige Januar“ in der zeitgenössischen Dichtung Kasachstans 23 vorbei sind, in denen literarische Texte die Massen bewegten. Das ist definitiv richtig. Dennoch sollte der Einfluss der zeitgenössischen Literatur Kasachstans nicht unterschätzt werden. Autor*innen sind qua Profession häufig genaue Beobachter*innen ihrer Umwelt. In ihre Werke fließen nicht nur persönliche Erfahrungen ein, sondern eben auch gesellschaftliche Debatten. Somit können uns diese Texte helfen zu verstehen, was in Kasachstan passiert, wie bestimmte Ereignisse eingeordnet und welche Schlüsse daraus gezogen werden. Das ist für Außenstehende interessant, aber natürlich auch und vor allem für kasachstanische Leser*innen, die sich in den letzten Jahren immer mehr für eigene Autor*innen zu interessieren begannen. Wenn die Aufbruchstimmung in Kasachstans Literaturlandschaft anhält ( EXKURS), ist es zudem wahrscheinlich, dass diese Leserschaft breiter wird und nicht auf das urbane, intellektuelle Milieu Almatys begrenzt bleibt. Unterstützen ließe sich diese Entwicklung zum einen durch gezielte Kulturförderung, etwa durch Lesungen und Übersetzungsworkshops, die kasachstanische Autor*innen miteinbeziehen und die durch Einrichtungen wie das Goethe-Institut organisiert werden könnten. Zum anderen könnten Verlage in Deutschland anfangen, zeitgenössische Literatur aus Kasachstan herauszugeben und damit auch einer deutschsprachigen Leserschaft zugänglich zu machen. Das würde die literarischen Stimmen der Autor*innen auch zu Hause stärken, denn Veröffentlichungen im westlichen Ausland gelten als ein besonderes Gütesiegel in Kasachstan und gehen häufig mit erhöhter medialer Aufmerksamkeit einher. Der US-amerikanische Verlag Gaudy Boy hat im Juli 2022 eine Anthologie mit Texten zeitgenössischer kasachstanischer Autorinnen herausgegeben. Die zahlreichen positiven Rezensionen, die der Band erhielt, lassen darauf schließen, dass er auf erstaunlich breites Interesse stößt.25 Die im Kontext der Januar-Ereignisse entstandenen Gedichte – von denen hier nur ein Bruchteil abgedruckt und analysiert werden konnte – zeigen, dass sich in Kasachstan seit der Unabhängigkeit eine lebendige Literaturszene entwickelt hat. War diese bislang eher unpolitisch, so haben sich nach den Ereignissen viele Dichter*innen in ihren Texten trotz der unübersichtlichen politischen Lage selten eindeutig für einen Politikwechsel positioniert. Statt zu schweigen und abzuwarten, wie sich die Lage entwickeln und welches Lager im Kampf um Macht die Oberhand gewinnen würde, haben sie sich poetisch mit den Geschehnissen auseinandergesetzt, ihrer Verzweiflung, aber auch ihrer Hoffnung literarisch Ausdruck verliehen. Was genau sich Kasachstans Poet*innen für die Zukunft ihres Landes erhoffen, lässt sich jedoch aus ihrer Lyrik nicht herauslesen. Das mag zum einen der Furcht vor zu konkreten politischen Programmen geschuldet sein, die bei allem Desinteresse der kasachstanischen Führung an Literatur doch Repressionen mit sich bringen könnten. Zum anderen ist es wohl schlicht so, dass die Dichter*innen sich eher als Chronist*innen der Gegenwart denn als Gestalter*innen der Zukunft verstehen. Poesie mag politisch sein, zu Politiker*innen werden Poet*innen dadurch nicht zwangsläufig. 25 Aus Gründen der Transparenz sei angeführt, dass ich eine – aber bei Weitem nicht die einzige – dieser Rezensent*innen bin. (Nina Friess, „AMANAT – female writers as the window to contemporary Kazakhstani literature“, The Alma Review, 19 July 2022, https://thealmareview.wordpress.com/2022/07/19/amanat-female-writers-as-the-window-to-contemporary-kazakhstani-lit erature/?fbclid=IwAR0dzJ1kY5uBLGSeYnrmPSUYMUnvg29sl-YyWzi_tt4OYrxYE-glYt6U9tw). Unterstützen ließe sich die Aufbruchstimmung in der Literaturlandschaft durch gezielte Kulturförderung.
ZOiS Report 3 / 2022 Poesie und Protest. Der „Blutige Januar“ in der zeitgenössischen Dichtung Kasachstans 24 Impressum Autorin Nina Frieß Herausgeber © Zentrum für Osteuropaund internationale Studien (ZOiS) Adresse Zentrum für Osteuropaund internationale Studien (ZOiS) Mohrenstraße 60 10117 Berlin
[email protected] www.zois-berlin.de Zitation Nina Frieß: ‘Poesie und Protest. Der „Blutige Januar“ in der zeitgenössischen Dichtung Kasachstans’, ZOiS Report 3 / 2022, (https://www.zois-berlin.de/fileadmin/media/Dateien/3-Publikationen/ZOiS_Reports/2022/ZOiS_Report_3_2022.pdf) ISSN 2512-7233 Layout Yuko Stier Dieser Report steht unter einer CC BY-NC 4.0-Lizenz.
ZOiS Report 3 / 2022 Poesie und Protest. Der „Blutige Januar“ in der zeitgenössischen Dichtung Kasachstans 25