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Russland²: Russlandbilder in Ost- und Westdeutschland

Sasse, Gwendolyn

Abstract

Im politischen Diskurs und in punktuellen Meinungsumfragen klingt regelmäßig an, dass die Bevölkerung in Ost- und Westdeutschland nicht nur in Bezug auf Deutschlands Innenpolitik der letzten 30 Jahre, sondern auch in außenpolitischen Fragen unterschiedliche Wahrnehmungen und Präferenzen hat. Dieser ZOiS Report geht diesen Unterschieden am Beispiel der Russlandansichten in Ost- und Westdeutschland nach. Grundlage sind eine neue Umfrage und Fokusgruppendiskussionen. Die ZOiS-Umfrage bestätigt die Existenz von Unterschieden in der Wahrnehmung der Innen- und Außenpolitik Russlands in Ost- und Westdeutschland. Der jetzige Wohnort ist hierbei mitunter wichtiger als der Geburtsort. Darüber hinaus gibt es einen klaren Hauptstadteffekt: Berliner*innen haben nicht nur mehr persönliche Kontakte nach Russland, sie sind sich auch der Repressionen in Russland stärker bewusst. Andere soziodemographische Faktoren, insbesondere Alter, Geschlecht und Bildungsgrad, sind ebenfalls von Bedeutung. Die Fokusgruppendiskussionen helfen dabei, die Logik hinter russlandaffinen Positionen sichtbar zu machen. Neben einer deutsch-deutschen Dankbarkeit für die durch „Moskau“ ermöglichte Wiedervereinigung, stehen vor allem Argumente im Vordergrund, die Reaktionen auf die deutsche Innen- und Außenpolitik filtern. Zu den im Hinblick auf die deutsche Politik formulierten Erwartungen gehören: der Wunsch nach „Stärke“ bei der Durchsetzung politischer Entscheidungen, „Volksnähe“ der führenden Politiker*innen und „Nationalstolz“.

Full text

ZOiS REPORT Nr. 5 / 2020 · Oktober 2020 RUSSLAND2: RUSSLANDBILDER IN OSTUND WESTDEUTSCHLAND Gwendolyn Sasse ZOiS Report 5 / 2020 Russland2: Russlandbilder in Ostund Westdeutschland 2 Inhalt 02 ___ Zusammenfassung 04 ___ Einleitung 06 ___ Russlandansichten in Zahlen 08 ______ Persönliche Kontakte nach Russland 09 ______ Assoziationen mit Russland 14 ______ Deutsch-russische Beziehungen 16 ___ Genauer hingehört: Argumentationsmuster hinter den Zahlen 17 ______ Deutsch-deutsche Perspektive 18 ______ Stärke, Ordnung, Anerkennung 21 ______ Volksnähe, Werte, Identität 23 ______ Unsicherheit und Medienkritik 24 ______ Ablehnung von Sanktionen 25 ______ Diversität der Erfahrungen mit der Sowjetunion in der DDR 28 ___ Fazit 29 ___ Impressum Zusammenfassung Im politischen Diskurs und in punktuellen Meinungsumfragen klingt regelmäßig an, dass die Bevölkerung in Ostund Westdeutschland nicht nur in Bezug auf Deutschlands Innenpolitik der letzten 30 Jahre, sondern auch in außenpolitischen Fragen unterschiedliche Wahrnehmungen und Präferenzen hat. Dieser ZOiS Report geht diesen Unterschieden am Beispiel der Russlandansichten in Ostund Westdeutschland nach. Grundlage sind eine neue Umfrage und Fokusgruppendiskussionen. Die Umfrage testete verschiedene Assoziationen mit dem Namen Wladimir Putin: „Bedrohung“, „effektiver Präsident“ und „Repressionen in Russland“. – Männer verbinden den Namen Putins seltener als Frauen mit einer außenpolitischen Bedrohung. Zugleich nehmen sie Putin eher als effektiven Präsidenten wahr, sind sich aber auch der Repressionen in Russland stärker bewusst. Frauen sind sich in ihrer Einschätzung im Vergleich unsicherer. – Mit steigendem Alter sowie mit höherem Bildungsgrad und Einkommen wächst die Wahrscheinlichkeit der Deutschen, den Namen Putins mit Repressionen in Russland zu verbinden. – Menschen mit Geburtsund insbesondere einem Wohnort in Ostdeutschland verbinden den Namen Wladimir Putin seltener mit einer „Bedrohung“. ZOiS Report 5 / 2020 Russland2: Russlandbilder in Ostund Westdeutschland 3 Geburtsund Wohnort in Ostdeutschland machen die Assoziation „effektiver Präsident“ ebenfalls wahrscheinlicher. In Bezug auf die Wahrnehmung von Repressionen in Russland gibt es einen klaren Hauptstadteffekt: Weit überdurchschnittliche 40 Prozent der Berliner*innen assoziieren den Namen Putin mit Repressionen. – Mit einer Orientierung zum rechten Rand des deutschen Parteienspektrums steigt die Wahrscheinlichkeit, in Putin einen effektiven Präsidenten zu sehen. – Persönliche Kontakte nach Russland lassen Putin weniger als Bedrohung und stärker als effektiver Präsident erscheinen. Sie spielen jedoch keine signifikante Rolle bei der Wahrnehmung von Repressionen. Laut ZOiS-Umfrage wünscht sich ein Drittel der Deutschen engere deutschrussische Beziehungen. 23 Prozent fanden die deutsch-russischen Beziehungen genau richtig, und 9 Prozent gaben an, dass die Beziehungen „zu eng“ seien. Mit knapp 40 Prozent ist der Anteil derer, die auf diese Frage keine Antwort geben können oder wollen, sehr hoch. – Ein höheres Alter, ein Wohnort in den neuen Bundesländern (ohne Berlin), eine Affinität zur FDP oder AfD und ein niedrigerer Bildungsstand korrelieren mit dem Wunsch nach engeren deutsch-russischen Beziehungen. – Die Einschätzung der deutsch-russischen Beziehungen als „genau richtig“ ist eher ein westdeutsches und ein Hauptstadt-Phänomen. Die jüngere Generation und AfD-Anhänger*innen stehen dieser Behauptung besonders skeptisch gegenüber. – In Ostdeutschland ist die Annahme, die Beziehungen seien „zu eng“ weniger verbreitet. Ebenso macht eine FDP-Affinität die Zustimmung zur These, die Beziehungen seien „zu eng“, besonders unwahrscheinlich. – Die persönlichen Kontakte nach Russland sind bei keiner der konkreten Beurteilungen der deutsch-russischen Beziehungen von statistischer Bedeutung. Allerdings verringern sie die Wahrscheinlichkeit, dass sich jemand bei dieser Frage einer Antwort entzieht. Auch wenn ein Wohnort in Ostdeutschland stärker mit der Wahrnehmung von Putin als „effektivem Präsidenten“ und weniger mit der Wahrnehmung einer „Bedrohung“ verbunden ist, so ziehen sich sehr ähnliche Argumentationslinien durch positive Russlandbilder in Ostund Westdeutschland: – Anerkennung für die besondere Rolle der Sowjetunion – häufig mit Russland gleichgesetzt – bei der friedlichen Wiedervereinigung Deutschlands; – Bewunderung für Putins innenund außenpolitische Durchsetzungskraft, die in der deutschen Politik vermisst wird; ZOiS Report 5 / 2020 Russland2: Russlandbilder in Ostund Westdeutschland 4 – positive Resonanz auf die „Volksnähe“ Putins, die „traditionellen Werte“, für die er und sein Land angeblich stehen, und den „Nationalstolz“, für den es in Deutschland zu wenig Raum gebe; – Eingeständnis von Unwissen in Bezug auf die Beurteilung von Russland, verbunden mit starker Kritik an der als zu einseitig negativ empfundenen Medienberichterstattung in Deutschland; – Ablehnung von Sanktionen als Prinzip ohne genauere Kenntnis des derzeitigen Sanktionsregimes; – Zurückhaltung bei Verallgemeinerungen über die persönlichen Erfahrungen der DDR-Bürger*innen mit der Sowjetunion und dadurch geprägte Ansichten. Insgesamt bietet die Diskussion über Russland und Putin in erster Linie eine Projektionsfläche und einen Filter für Kritik und Forderungen in Bezug auf die deutsche Politik. Einleitung1 Wie einig ist sich die Bevölkerung in Ostund Westdeutschland in ihren politischen Ansichten dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands? Diese Debatte rückt Erfahrungen, die erstaunlich lange in der Öffentlichkeit wenig diskutiert wurden, ins Zentrum der Aufmerksamkeit, doch birgt sie auch das Risiko, Ostund Westdeutschland als separate Einheiten bzw. Ostund Westdeutsche als klar voneinander abzugrenzende Personengruppen zu definieren. Die Unterscheidung zwischen „Ost“ und „West“ vermischt sich heute mit Generationenfragen und Mobilität. Mit den Begrifflichkeiten von „Ost“ und „West“ verbindet sich ein Konglomerat aus diversen persönlichen Erfahrungen aus der Zeit vor und nach 1989, kollektiven Erinnerungen sowie Positionierungen in Bezug auf politische Entwicklungen in Deutschland und der Welt. In diesem ZOiS Report geht es nicht in erster Linie um die Wahrnehmung der konkreten Ereignisse vor dreißig Jahren und ihrer Konsequenzen. Vielmehr weitet er die Frage nach „Einigkeit“ auf einen Themenkomplex aus, 1 Wir danken Alice Lackner, wissenschaftliche Hilfskraft am ZOiS, für ihre Unterstützung bei der Aufbereitung und Analyse der hier verwendeten Daten. ZOiS Report 5 / 2020 Russland2: Russlandbilder in Ostund Westdeutschland 5 der Außenund Innenpolitik miteinander verbindet, im öffentlichen Diskurs regelmäßig anklingt, aber bisher nicht systematisch analysiert wurde: die Russlandansichten in Deutschland. Deutschlandweite Umfragen legen seit Längerem nahe, dass sich die Einstellungen gegenüber Russland in Ostund Westdeutschland unterscheiden. Parteiübergreifend haben sich die ostdeutschen Ministerpräsident*innen kürzlich dagegen ausgesprochen, den Bau der Pipeline Nord Stream 2 als mögliche Reaktion auf den Vergiftungsanschlag auf den russischen Oppositionellen Alexej Nawalny zu stoppen. Ostdeutsche Politiker*innen haben medienwirksam eine Lockerung der Sanktionen gefordert, die im Zusammenhang mit der Krim-Annexion und dem Krieg in der Ostukraine gegen Russland verhängt wurden. Aber auch westdeutsche Vertreter*innen aus Politik und Wirtschaft – z. B. aus Bayern – betonen regelmäßig die Bedeutung guter wirtschaftlicher Beziehungen zu Russland. Der von Politiker*innen in Ostdeutschland vermittelte Eindruck einer besonderen wirtschaftlichen Nähe zu Russland trifft nur begrenzt zu. Dennoch scheinen dieses Argument und die Aussagen ostdeutscher Politiker*innen im öffentlichen Bewusstsein stärker nachzuwirken. Hinzu kommt die in den Medien präsente Annahme, dass sich eine russlandfreundlichere Position in Ostdeutschland aus der sozialistischen Vergangenheit ableiten ließe. Diese These differenziert weder zwischen der ehemaligen Sowjetunion und dem heutigen Russland noch zwischen der ehemaligen DDR und den heutigen ostdeutschen Bundesländern. Darüber hinaus suggeriert die Annahme ein positiv konnotiertes Verhältnis zwischen der Bevölkerung der ehemaligen DDR und der Sowjetunion. Die gegenteilige Hypothese ist mindestens genauso plausibel: Die Erfahrung mit sowjetischen Kontrollmechanismen könnte größere Skepsis gegenüber Moskau und repressiven Systemen allgemein bedingen. Eine im Rückblick als Kontinuität dargestellte russlandfreundliche Haltung der Bevölkerung impliziert eine gewisse politische Naivität oder Nostalgie und reiht sich somit nahtlos in westdeutsch geprägte Stereotypen ein. Wie groß sind die Unterschiede zwischen Ostund Westdeutschland wirklich, wenn es um die Beurteilung Russlands oder der deutsch-russischen Beziehungen geht? Was zeichnet russlandaffine Argumentationsmuster in Ostund Westdeutschland aus? Inwieweit geht es um eine bewusste Auseinandersetzung mit Russland und wo haben wir es mit einer indirekten Aussage über die Bundesrepublik oder „den Westen“ zu tun? Für die deutsche Außenpolitik ergibt sich aus einer etwaigen Diskrepanz außenpolitischer Präferenzen die Herausforderung, eine kohärente, im ganzen Land akzeptable Politik zu formulieren. Deutschlands Schlüsselrolle in der EU-Politik gegenüber Russland macht dieses Thema zu einer Frage von europaweiter Bedeutung. Im November 2019 testeten eine Reihe von ZOiS-Fragen in der regelmäßig bundesweit durchgeführten IPSOS-Omnibus-Umfrage verschiedene Assoziationen zu Russland und Einschätzungen der deutsch-russischen Beziehungen. An diese Bestandsaufnahme schlossen sich zwölf Fokusgruppendiskussionen in Ostund Westdeutschland an. Ihr Ziel war es, die Logik hinter den positiven Bildern von Russland nachzuzeichnen. Für den vorliegenden ZOiS Report wurden beispielhaft Zitate aus diesen Diskussionen ausgewählt, die typisch für die gefundenen Argumentationsmuster sind. ZOiS Report 5 / 2020 Russland2: Russlandbilder in Ostund Westdeutschland 6 Russlandansichten in Zahlen Unterschiede in den Russlandansichten in Ostund Westdeutschland ziehen sich seit Jahren wie ein roter Faden durch die Meinungsumfragen. So sagten bei einer Umfrage des Pew Research Center2 2015 61 Prozent der westdeutschen und 44 Prozent der ostdeutschen Bevölkerung, dass enge Beziehungen zu den USA für Deutschland wichtiger seien als enge Beziehungen zu Russland. Dafür, dass enge Beziehungen mit Russland wichtiger seien, sprachen sich in Westdeutschland 12 Prozent und in Ostdeutschland 23 Prozent der Bevölkerung aus. Die Frage danach, ob die EU-Politik derzeit zu hart gegenüber Russland sei, wurde in Westdeutschland von 16 Prozent und in Ostdeutschland von 27 Prozent bestätigt. Die Körber Stiftung hat mit KANTAR PUBLIC bereits mehrmals Umfragedaten zu den außenund sicherheitspolitischen Einstellungen der Deutschen erhoben. Stellvertretend sei hier ihre Umfrage von 2017 genannt, der zufolge in Westdeutschland 43 Prozent und in Ostdeutschland 32 Prozent der Aussage zustimmten, dass Russland ein bedrohliches Land sei.3 Die Frage danach, ob die im Zusammenhang mit der aktuellen Situation in der Ukraine verhängten Sanktionen gegenüber Russland aufgehoben bzw. gelockert werden sollten, beantworteten in derselben Umfrage 41 Prozent der Bevölkerung Westdeutschlands und 59 Prozent der Bevölkerung Ostdeutschlands positiv. Insgesamt konnten oder wollten nur 9 Prozent keine Angabe machen. Ähnliche Ost-West-Unterschiede ziehen sich durch das Politbarometer vom März 20184: In Ostdeutschland sprachen sich 66 Prozent für eine engere politische Kooperation mit Russland aus; in Westdeutschland waren es 54 Prozent. Nur 12 Prozent (Ostdeutschland) bzw. 15 Prozent (Westdeutschland) befürworteten weniger Kooperation mit Russland, und 15 Prozent (Ostdeutschland) bzw. 25 Prozent (Westdeutschland) waren mit dem Status quo zufrieden. Nur 7 bzw. 6 Prozent gaben keine Antwort auf diese Frage. In einer repräsentativen, online durchgeführten YouGov-Umfrage im September 2019 sprachen sich in Ostdeutschland 42 Prozent und in Westdeutschland 28 Prozent für engere Beziehungen mit Russland aus.5 Als „richtig“ empfanden 17 Prozent (Ostdeutschland) und 24 Prozent (Westdeutschland) die derzeitigen Beziehungen, und nur jeweils 7 Prozent schätzten die Beziehungen als „zu eng“ ein. Interessanterweise war hier der Anteil derer, die keine Antwort geben wollten oder konnten viel höher: 34 Prozent in Ostdeutschland und 41 Prozent in Westdeutschland. Die Umfragen verschiedener Institutionen lassen sich über die Jahre hinweg nicht direkt miteinander vergleichen. Dennoch bleibt die Diskrepanz 2 Für eine Zusammenfassung der Ergebnisse der Umfrage von 2015 siehe: https://www. pewresearch.org/global/2015/05/07/germany-and-the-united-states-reliable-allies/ 3 „Russland in Europa: Kalter Krieg in den Köpfen?“, Hamburg: Körber Stiftung, 2017; https:// www.koerber-stiftung.de/fileadmin/user_upload/koerber-stiftung/redaktion/fokusthema_ russland-in-europa/pdf/2017/umfrage-russland-in-europa/Statistiken_Kantar-Public_Koerber-Stiftung_Russland-in-Europa_2017.pdf 4 Politbarometer2018KW11;https://dbk.gesis.org/dbksearch/sdesc2.asp?no=7492&db=d&d oi=10.4232/1.13269 5 YouGov DE, 26.09.2019; https://yougov.de/opi/surveys/results/#/survey/2ed2347b-e03f11e9-888c-81f3b30e0fda/question/4b90e846-e03f-11e9-8271-d1a15dee4e19/region Die Diskrepanz zwischen Ostund Westdeutschland ist eine Konstante in Meinungsumfragen. ZOiS Report 5 / 2020 Russland2: Russlandbilder in Ostund Westdeutschland 7 zwischen Ostund Westdeutschland eine Konstante, während die Unsicherheit beim Beantworten der Frage nach dem richtigen Grad der Beziehungen zu Russland gewachsen zu sein scheint. Die ZOiS-Umfrage im November 2019 ging diesen Trends nach. Methode der ZOiS-Umfrage Am 14. und 15. November 2019 stellte das ZOiS im Rahmen des IPSOS-Online-Omnibus-Panels eine Reihe von Fragen zu Russland. Diese regelmäßige deutschlandweite Meinungsumfrage erreicht in Privathaushalten lebende Internetnutzer zwischen 16 und 75 Jahren. Eine repräsentative Stichprobe von 1.078 Personen wurde nach Alter, Geschlecht, Region und Berufstätigkeit (ja / nein) gezogen. Eine ZOiS-Frage zielte auf die Assoziationen mit dem Namen Wladimir Putin ab. INFOBOX1 Es wurden zugespitzte Assoziationen mit der Außenund Innenpolitik Russlands sowie dem Führungsstil des Präsidenten vorgeschlagen; die Befragten konnten jeweils zustimmen bzw. die Assoziation als nicht zutreffend ablehnen; Mehrfachnennungen waren also möglich. Infobox 1 „Woran denken Sie, wenn Sie den Namen Wladimir Putin hören?“: (a) an eine Bedrohung für Europa (b) an einen effektiven Präsidenten (c) an Repressionen in Russland (d) an etwas anderes Die Befragten konnten auf jede Antwortkategorie mit ja, nein, oder weiß nicht / keine Angabe antworten. Eine weitere ZOiS-Frage konzentrierte sich auf die Bewertung der derzeitigen deutsch-russischen Beziehungen. INFOBOX2 Infobox 2 „Wie beurteilen Sie die derzeitigen deutsch-russischen Beziehungen?“: (a) die Beziehungen sind zu eng (b) die Beziehungen sind genau richtig (c) die Beziehungen sollten enger sein Die Befragten wählten je eine Antwort aus. Die statistische Analyse testete die Bedeutung soziodemographischer Faktoren für die diversen Antwortkategorien.6 Diese Faktoren umfassen Alter (16 – 75 Jahre), Geschlecht (männlich / weiblich), Bildungsgrad (bis einschließlich Abitur / höherer Bildungsgrad), Einkommenskategorien (0 – 5000 6 Die Antwortkategorien wurden als Dummy-Variablen kodiert, deren statistische SignifikanzinlogistischenRegressionengetestetwurde.DieErgebnissederRegressionen werden als Wahrscheinlichkeiten (odds ratios) erfasst. ZOiS Report 5 / 2020 Russland2: Russlandbilder in Ostund Westdeutschland 8 Euro, 5000 – 10.000 Euro, 10.000 Euro und höher), Bundesland7, Wohnort in den neuen bzw. alten Bundesländern (Berlin wird gesondert aufgeführt), Geburtsort in Ostbzw. Westdeutschland und Parteienaffinität8. Zusätzlich wurden die in der Umfrage erfassten privaten und beruflichen Kontakte nach Russland (ja / nein) als weitere Variable eingefügt. Persönliche Kontakte nach Russland Laut Umfrage haben etwa 14 Prozent der Bevölkerung persönliche oder berufliche Kontakte nach Russland. Diese Kontakte konzentrieren sich auf den jüngeren Teil der Bevölkerung: Knapp 30 Prozent der 25 – 34-Jährigen benennen Kontakte nach Russland, gefolgt von 22 Prozent der 16 – 24-Jährigen und 20 Prozent der 35 – 44-Jährigen. Bei den älteren Bevölkerungsgruppen liegt der Anteil nur bei 5 – 8 Prozent – ein Anzeichen dafür, dass viele der bestehenden Kontakte nach Russland erst nach dem Ende der DDR geknüpft wurden. GRAFIK1 Die statistische Analyse bestätigt das Profil derer mit persönlichen Kontakten nach Russland: Sie sind vor allem jung, männlich, gebildet und wohlhabend. Geburtsortund Wohnort machen dagegen keinen statistisch signifikanten Unterschied aus. Die Umfrage verzeichnet einen klaren Hauptstadteffekt: Fast ein Drittel der Berliner*innen hat persönliche Kontakte 7 Eingeführt in die statistische Analyse als Faktorvariable mit der Basis-Kategorie NordrheinWestfalen. 8 EingeführtindiestatistischeAnalysealsFaktorvariablemitderBasis-KategorieCDU. Source: ZOiS GRAFIK 1 Haben Sie private oder berufliche Kontakte nach Russland? (nach Alter der Befragten) n = 1.078 age=1 Q1.HabenSieprivateoderberuflicheKontaktenachRussland? 16–24 25–34 35–44 Ja 21,79% 29,13% 20,03% Nein 75,60% 68,67% 78,89% Weißnicht/KeineAngabe 2,60% 2,20% 1,08% Nein Ja Weißnicht/ Keine Angabe 21,8% 29,1% 20,0% 7,5% 5,7% 75,6% 68,7% 78,9% 91,3% 94,3% 2,6% 2,2% 1,1% 1,2% 16-24 25-34 35-44 45-54 55+ Haben Sie private oder berufliche Kontakte nach Russland? Ja Nein Weiß nicht / Keine Angabe Quelle: ZOiS 75,6% 21,8% 2,6% 68,7% 29,1% 2,2% 78,9% 20,0% 1,1% 91,3% 7,5% 1,2% 94,3% 5,7% Nein Ja Weiß nicht / Keine Angabe 16–24 25–34 35–44 45–54 55+ 16 – 24 25 – 34 35 – 44 45 – 54 55 + Etwa 14 Prozent der Bevölkerung haben Kontakte nach Russland. ZOiS Report 5 / 2020 Russland2: Russlandbilder in Ostund Westdeutschland 9 nach Russland. Im Hinblick auf die Parteienaffinität ergibt sich nur bei zwei Parteien ein signifikanter Effekt: Somit ist es weniger wahrscheinlich, dass Anhänger*innen von den Grünen / Bündnis 90 private oder berufliche Kontakte nach Russland haben, während es wahrscheinlicher ist, dass NPD-Sympathisant*innen über Kontakte verfügen. Assoziationen mit Russland In der öffentlichen und politischen Debatte sind außenund innenpolitische Einschätzungen zu Russland eng miteinander verknüpft. Eine Umfrage bietet die Gelegenheit, diese Aspekte einzeln abzufragen, um die dahinterliegenden Dynamiken besser zu verstehen, ohne jedoch Mehrfachnennungen auszuschließen. Die Wahrnehmung einer „Bedrohung für Europa“ greift die außenund sicherheitspolitische Dimension auf. Die Assoziation „effektiver Präsident“ bezieht sich auf den Führungsstil des Präsidenten und das politische System und kann sowohl auf die russische Innenals auch auf die Außenpolitik bezogen werden. Die Assoziation „Repressionen in Russland“ legt den Fokus klar auf Rechtsstaatlichkeit und die Verletzung von Menschenrechten im Land selbst. Bedrohung für Europa Knapp über ein Drittel der Deutschen (geringfügig weniger in der jüngsten Altersgruppe der 16 – 24-Jährigen) gaben an, dass sie mit dem Namen Wladimir Putin vor allem eine Bedrohung für Europa assoziieren. Knapp unter 16 Prozent konnten oder wollten die Frage nicht beantworten. GRAFIK2 Die statistische Wahrscheinlichkeit von Männern, Putin als eine Bedrohung zu sehen, ist geringer als die von Frauen. GRAFIK3 Die in der DDR bzw. Ostdeutschland Geborenen und die heute in Ostdeutschland Ansässigen assoziierten im Vergleich mit den in Westdeutschland Geborenen und Woran denkenSie, wennSieden Namen Wladimir Putinhören? –Aneine Bedrohung fürEuropa– Weiblich Männlich Nein 45,79% 59,99% Ja 32,96% 29,76% Weißnicht/ KeineAngabe 21,20% 10,20% 45,8% 33,0% 21,2% 60,0% 29,8% 10,2% Nein Ja Weiß nicht / Keine Angabe Woran denken Sie, wenn Sie den Namen Wladimir Putin hören? – An eine Bedrohung für Europa – nach Geschlecht Quelle: ZOiS n = 1.078 GRAFIK 2 Woran denken Sie, wenn Sie den Namen Wladimir Putin hören? – An eine Bedrohung für Europa GRAFIK 3 Woran denken Sie, wenn Sie den Namen Wladimir Putin hören? – An eine Bedrohung für Europa (nach Geschlecht der Befragten) Source: ZOiS Source: ZOiS WorandenkenSie,wennSiedenNamenWladimirPutinhören?-AneineBedrohungfürEuropa- Nein 570,906998 52,96% Ja 337,916303 31,30% Weißnicht/ KeineAngabe 169,176699 15,69% 53,0% 31,3% 15,7% Nein Ja Weiß nicht / Keine Angabe Woran denken Sie, wenn Sie den Namen Wladimir Putin hören? – An eine Bedrohung für Europa – Quelle: ZOiS n = 1.078 n = 1.078 n = 1.078 weiblich männlich ZOiS Report 5 / 2020 Russland2: Russlandbilder in Ostund Westdeutschland 16 Deutsch-russische Beziehungen sind genau richtig Die Einschätzung der deutsch-russischen Beziehungen als „genau richtig“ ist eher ein westdeutsches und ein Hauptstadt-Phänomen: Im Vergleich zur Basiskategorie Nordrhein-Westfalen war der Zuspruch für den Status quo in Baden-Württemberg und in Niedersachsen doppelt und in Berlin fast dreimal so hoch. Weniger einverstanden mit dem derzeitigen Stand der Beziehungen zwischen beiden Ländern zeigten sich die älteren Bevölkerungsgruppen (ca. 2 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit pro Lebensjahr), Männer sowie AfDSympathisant*innen. Deutsch-russische Beziehungen sind zu eng Die deutsch-russischen Beziehungen wurden in Ostdeutschland mit einer niedrigeren Wahrscheinlichkeit als in Westdeutschland als „zu eng“ eingestuft. Der einzige andere statistisch signifikante Faktor war die Parteienaffinität: FDP-Wähler*innen standen dieser Aussage besonders skeptisch gegenüber. Die privaten und beruflichen Kontakte nach Russland sind bei keiner der konkreten Positionen in Bezug auf die deutsch-russischen Beziehungen statistisch von Bedeutung. Allerdings sind sie ein statistisch hoch signifikanter Faktor für die Befragten, die sich einer Antwort entziehen. Persönliche Kontakte machen es demnach unwahrscheinlich, keine Meinung zu haben oder kundzutun – auch wenn sich diese Kontakte nicht zu einer klaren politischen Ansicht oder Präferenz verdichten. Genauer hingehört: Argumentationsmuster hinter den Zahlen Über die allgemeinen Trends hinaus, halfen zwölf in der Zeit vom 18. bis 27. November 2019 durchgeführte Fokusgruppendiskussionen in Ostund Westdeutschland beim Erfassen der Argumentationslinien hinter russlandaffinen Ansichten. In zehn dieser Fokusgruppen (jeweils zwei Fokusgruppen in Erfurt, Leipzig, Rostock, Essen, München) diskutierten sechs bis acht Personen auf der Grundlage von Filterfragen (angelehnt an die Assoziationen zu Wladimir Putin und die Frage nach den deutsch-russischen Beziehungen) als „positiv“ gegenüber Russland eingestellte Personen miteinander; in zwei weiteren, sogenannten Krisisgruppen in Leipzig mit jeweils neun Teilnehmenden trafen „russlandaffine“ und „russlandkritische“ Personen aufeinander. Bei den Teilnehmenden mit positivem Russlandbild variierten die in den Fokusgruppen vertretenen Altersgruppen (18 – 25 Jahre, 46 – 65 Jahre, 18 – 65 Jahre), die Geschlechterverteilung (gemischt bzw. nur Männer), der Wohnort (Stadt bzw. ländliches Umfeld) sowie Bildung und Parteienaffinität. Die „Krisisgruppen“ setzten sich aus der Altersgruppe 18 – 65 Jahre zusammen, umfassten Männer und Frauen, Stadt / Land und verschiedene Bildungsprofile und Parteienaffinitäten. Anders als in der Umfrage wurden für die ostdeutschen Fokusgruppen nur Teilnehmende mit Geburtsort und Sozialisation in der DDR bzw. in Ostdeutschland ausgewählt und für die westdeutschen Fokusgruppen nur Teilnehmende mit Geburtsort und Sozialisation in Westdeutschland. Persönliche Kontakte sind für keine der Positionen in Bezug auf die deutsch-russischen Beziehungen statistisch von Bedeutung. ZOiS Report 5 / 2020 Russland2: Russlandbilder in Ostund Westdeutschland 17 Fokusgruppen zielen bewusst nicht auf einen repräsentativen Querschnitt oder auf Vollständigkeit ab, sondern erlauben die Herausarbeitung bestimmter Merkmale sowie eine Bandbreite möglicher Argumentationen. Die Diskussionen in den Fokusgruppen dauerten zwischen zwei und zweieinhalb Stunden. Sie orientierten sich an einem Leitfaden, der gezielte und offene Fragen mit interaktiver Exploration (z. B. durch das Erstellen einer Collage) verband. Die Herangehensweise war bewusst ergebnisoffen. Auf der Grundlage der transkribierten Audiomitschnitte wurden anschließend typische Argumentationsmuster erarbeitet. Eine Unterscheidung zwischen der Kultur und Politik Russlands sowie Motive wie die russische Landschaft oder das noch immer fest verankerte Stereotyp der „russischen Seele“ klangen in allen Gruppen an. Sie lassen sich als Rahmung der im Folgenden aufgezeigten Argumentationsmuster verstehen und werden hier nicht wiedergegeben. Das Material aus den Fokusgruppen lässt sechs verschiedene Argumentationslinien erkennen: 1. Deutsch-deutsche Perspektive 2. Stärke, Ordnung, Anerkennung 3. Volksnähe, Werte, Identität 4. Unsicherheit und Medienkritik 5. Ablehnung von Sanktionen 6. Diversität der Erfahrungen mit der Sowjetunion Deutsch-deutsche Perspektive In allen Fokusgruppen wird Russland einleitend oder im Laufe des Gesprächs vor dem Hintergrund der Politik Gorbatschows und der deutschen Wiedervereinigung wahrgenommen und beurteilt. Aus westdeutscher Perspektive prägen Begriffe wie „Öffnung“ und „Umbruch“ diese Diskussion: „„(…) nach Italien, Österreich, Frankreich sind wir so gefahren. Und nach Russland doch eher weniger. Sieht man doch auch in dieser Runde. Von daher war es schon sehr fremd. Ich finde, durch Gorbatschow ist es alles ein bisschen näher gerückt. Und offener geworden.“ (F, FG 1, Essen, 18.11.2019, 46 – 65 Jahre, Männer / Frauen)12 „„Insgesamt war es auch für mich eine Öffnung, und wenn man sich mal die sozialistische oder kommunistische Vergangenheit der Sowjetunion anguckt, das ist ja nicht immer nur positiv gewesen. Und ohne Gorbatschows Reformen, die natürlich auch zum Teil heute mit dem entsprechenden Abstand kritisch zu sehen sind in einigen Bereichen, ohne diese Reformen hätte es diese Öffnung ja nie gegeben. Und diesen Wandel. Der dann natürlich letztendlich auch zur Wiedervereinigung geführt hat.“ (M, FG 1, Essen, 18.11.2019, 46 – 65 Jahre, Männer / Frauen) In den Fokusgruppen in Ostdeutschland klingen ähnliche Argumente an, die die Brücke zur eigenen Erfahrung schlagen: Anerkennung und Dankbarkeit 12 Am Anfang jeder Fokusgruppenbezeichnung steht „M“ für „Mann“ und „F“ für „Frau“; Fokusgruppe wird in der jeweiligen Nummerierung als FG abgekürzt. Einzelzitate sind von direkten Reaktionen der Teilnehmenden aufeinander abgesetzt. ZOiS Report 5 / 2020 Russland2: Russlandbilder in Ostund Westdeutschland 18 dafür, dass die Sowjetunion unter Gorbatschow in Bezug auf die DDR und Osteuropa einen friedlichen Weg einschlug und die DDR gehen ließ: „„(Gorbatschow) hat (…) gewisse Ideologien geöffnet. Aber im Grund genommen hat einfach das ganze hier den friedlichen Verlauf genommen, weil Russland sich rausgehalten hat. Nicht mehr und nicht weniger. “ (M, Fokusgruppe Nr. 6, Leipzig, 25.11.2019, 46 – 65 Jahre, Frauen / Männer). „„Russland war Vermittler. “ (F) „ Die haben sich rausgehalten. “ (M) „Hätten die sich nicht rausgehalten, wären die Panzer gerollt. “ (M) „Ja, das wäre bestimmt so gewesen. “ (F) (Fokusgruppe Nr. 6, Leipzig, 25.11. 2019, 46 – 65 Jahre, Männer / Frauen). Stärke, Ordnung, Anerkennung Die Schlüsselbegriffe „Stärke“, „Macht“, „Unabhängigkeit“ und „Ordnung“ markieren in den Fokusgruppen das positive Russlandbild. Sie werden mit Gefühlen von Sicherheit, Stabilität, Vertrauen und Stolz in Verbindung gebracht. Diese Diskussion ist stark geprägt von den eigenen Wahrnehmungen der Politik in Deutschland, in der EU und in den USA. Das Bild von Russland bzw. Wladimir Putin wird dabei zur Projektionsfläche für Kritik und Erwartungen in Bezug auf die deutsche Politik. Die USA und insbesondere Donald Trump werden ausschließlich negativ beurteilt – trotz der Tatsache, dass die proklamierte „America first!“-Politik ebenfalls einen Versuch darstellt, auf einen diffusen Wunsch nach Identität und Stabilität im eigenen Land zu reagieren. Eine generell US-kritische Grundhaltung scheint demnach im positiven Russlandbild verankert zu sein – unabhängig von der jeweiligen politischen Konstellation in den USA. Die Tatsache, dass Putin nicht nach den Regeln der Demokratie oder des internationalen Völkerrechts handelt, wird in den Fokusgruppen benannt, aber durch die Betonung der übergreifenden Ziele dieser Politik relativiert: „„Also, man muss sehen, wie kam Putin an die Macht? Er hat von dem Suffkopf Jelzin ein desolates Russland übernommen. War nur noch ein Schrotthaufen von einem Schrotthaufen. Und dieses Riesenreich drohte zu zerfallen. Und bei aller Kritik an Putin muss man ihm zugutehalten, er hat es zusammengehalten. Er hat es stabilisiert. Es ist nicht ideal demokratisch gelaufen, wie wir es uns alle vorstellen. Aber er hat dem Land wieder eine gewisse Stabilität gegeben. “ (M, FG 1, Essen, 18.11.2019, 4665 Jahre, Frauen / Männer) Ein in den ostund westdeutschen Fokusgruppen immer wieder positiv hervorgehobener Aspekt ist die Art und Weise, wie Putin Entscheidungen fällt und durchsetzt. Diese wird in Opposition zur langwierigen Entscheidungsfindung in Deutschland und in der EU gesetzt: „„Er trifft klare Entscheidungen. Ziemlich schnell. “ (F) „ Gut durchdachte Entscheidungen auch. “ (M) „Definitiv. “ (F) „Das irritiert die anderen auch immer. (…) hier in Europa, die müssen sich erst mal alle 27 zusammensetzen und ich bin dafür und ich bin Die Diskussion ist stark geprägt von den eigenen Wahrnehmungen der Politik in Deutschland, der EU und den USA. ZOiS Report 5 / 2020 Russland2: Russlandbilder in Ostund Westdeutschland 19 dagegen und dann ‚Was, du bist dagegen? Dann können wir gar nichts beschließen‘. “ (M) „ Davor habe ich sowieso Respekt. Dass der diese Entscheidungen so schnell trifft, dass die immer ziemlich passend sind. “ (F) (FG 3, München, 19.11.2019, 18 – 65 Jahre, Frauen / Männer) In diesem Zusammenhang wird der russische Präsident als „authentisch“, „klar“ und „sympathisch“ bezeichnet. Die Wortwahl spiegelt hier sehr deutlich die Gefühlsebene wider, die Teil der allgemeinen Erwartungshaltung gegenüber der deutschen Politik ist: „„Ich finde den sehr authentisch in seiner ganzen Darstellungsweise. Und auch in gewissem Sinne berechenbar. Man weiß, woran man bei ihm ist. Und das gibt wiederum Sicherheit. Er ist politisch klar. Aber manchmal ist er auch überraschend. Wie im Syrien-Krieg, wo der Assad kurz vorm Verlieren war und plötzlich griff Russland mit dem Militär ein. Das war die Überraschung. Hat mir aber gefallen. Ich finde den sympathisch. “ (M) „ (…) ich finde den auch authentisch und echt. In dem, was er sagt und tut. Es ist eine gewisse klare Linie dahinter. Und ich muss nicht fürchten, dass er im nächsten Moment ins Gegenteil umspringt – à la Merkel: ‚Wir schaffen die Atomkraft ab.‘ ‚Nein, wir schaffen die Atomkraft doch nicht ab.‘ ‚Oh, Fukushima, nee, wir schaffen die doch ab.‘ Also, die ist dreimal hin und her und von einem Extrem ins andere gesprungen. Das könnte ich mir beim Putin so nicht vorstellen. “ (M) (FG 6, Leipzig, 25.11.2019, 46 – 65 Jahre, Frauen / Männer) Bei den konkreten Bezügen auf die deutsche Politik werden die Diskussionen besonders animiert und bieten einen Einblick in die Wahrnehmungen und Gefühle, die das Bild von Putin und Russland prägen. Die Teilnehmenden reagieren spontan aufeinander, stimmen einander zu und bauen die Argumentationsketten gemeinsam weiter auf: „„(Putin) bedient ja Sehnsüchte. (….) zum Beispiel in Deutschland, da herrscht ja Chaospolitik (…). Jeden Tag eine neue Schlagzeile und nichts passiert. (…) Und da ist (das) so einfach – Stärke, Beständigkeit, Konstanz – die wir hier in Deutschland überhaupt nicht haben. “ (F) „Genau – der sagt einfach seine Meinung… “ (F) „ Der geht einfach seinen Weg. Und das wollen die Menschen auch – glaube ich. Dass die jemanden haben, auf den sie sich verlassen können. “ (F) (...) „ Ich weiß gar nicht, ob es uns so gut tut (...) dass wir so viele verschiedene Meinungen haben. Das macht es ja so schwierig bei uns. “ (F) (FG 1, Essen, 18.11.2019, 46 – 65 Jahre, Frauen / Männer) „„Das Volk hat irgendwo vor ihm Respekt. Wenn die auch in allem nicht einverstanden sind, aber er hat trotzdem einiges getan für das Land. Und für die Bevölkerung. Für das Volk. “ (F) (Krisisgruppe 2, Leipzig, 21.11.2019, 18 – 65 Jahre, Frauen / Männer) Die ablehnende Haltung gegenüber als „zu lang“ und nicht zielführend empfundenen Diskussionen wird anhand verschiedener Entscheidungen und Institutionen veranschaulicht, auch im Bereich der Außenund Sicherheitspolitik. ZOiS Report 5 / 2020 Russland2: Russlandbilder in Ostund Westdeutschland 20 Hinter dem Lob an Putins Entscheidungsfreudigkeit und seiner angeblichen Gradlinigkeit steht die Sorge über einen Verlust von Ordnung im internationalen Kontext: „„Im Endeffekt hatten wir – bis in die 70er Jahre hinein – eigentlich einen Ost-West-Konflikt. Da gab es zwei große Gegenspieler – die Amis und die Russen – Punkt. Da wurde Weltpolitik sozusagen bestimmt. Diese Globalisierung, ich sage das mal bewusst so (...), egal ob wirtschaftspolitisch oder bevölkerungspolitisch, die hat auch politisch stattgefunden. (…) Wir haben heute, auch was die Krisenherde angeht, eine Globalisierung: und man kann nicht so einfach mit Zack-Zack zwei Gegenspieler bestimmen. “ (M, FG 1, Essen, 18.11.2019, 46 – 65 Jahre, Frauen / Männer) „„(Putin) ist sehr geschickt darin, finde ich, in Lücken zu stoßen, politisch gesehen (...) wo ein luftleerer Raum entstanden ist. Mit der zerstrittenen EU kannst du unten im Syrien-Konflikt oder in diesen ganzen Raum dort – wo es ja immer brodelt– (...) keinen Blumentopf gewinnen. (...) Er ist da rein, hat seine Meinung, fährt seine Linie durch. Und hat dadurch natürlich auch seine Macht – sage ich mal – wieder gestärkt, als Russland – als Weltmacht. “ (M, FG 9, Rostock, 27.11.2019, 46 – 54 Jahre, nur Männer) Die Frage, ob Russland unter Putin eine Bedrohung darstellt, wird in den Fokusgruppen mehrheitlich verneint. Viele betonen, dass Putin eine stabilisierende Rolle spielt: „„Meiner Meinung nach hält der sich überall größtmöglich raus. Es sei denn, man greift ihn an. “ (M, FG 7, Erfurt, 26.11.2019, 18 – 25 Jahre, nur Männer) „„Für mich ist Russland da in der aktuellen weltpolitischen Situation eher ein stabilisierender Faktor. Ich finde den Putin herrlich verlässlich. Da ist nicht alles grün was der macht, und es ist auch nicht alles korrekt, und (ich) würde nie so weit gehen wie der ansonsten von mir sehr geschätzte Gerhard Schröder und sagen ‚Putin ist ein lupenreiner Demokrat‘. Das würde ich nicht sagen. Aber er ist für mich verlässlich. “ (M, FG 1, Essen, 18.11.2019, 46 – 65 Jahre, Frauen / Männer) Dennoch besteht ein Bewusstsein dafür, dass Putin sich seinen politischen Spielraum selbst schafft: „„(…) das schließt nicht aus, dass er vielleicht hier und da irgendwelche Regeln sich anders auslegt. Aber auch immer nur mit dem Ziel, für das Volk die richtigen Entscheidungen zu treffen. “ (F, FG 2, Essen, 18.11.2019, 18 – 25 Jahre, Frauen / Männer) „„Ob der Einfall Russlands in der Ukraine – was er da in der Ost-Ukraine macht und die Annexion der Krim – ob das jetzt so mit dem Völkerrecht zu vereinbaren ist... da würde ich vielleicht ein Fragezeichen machen. “ (M, FG 1, Essen, 18.11.2019, 46 – 65 Jahre, Frauen / Männer) ZOiS Report 5 / 2020 Russland2: Russlandbilder in Ostund Westdeutschland 21 Volksnähe, Werte, Identität Putins Versuche, sich volksnah zu geben, sind ein fester Bestandteil des positiven Russlandbildes: „„Man muss schon sehen, dass in Russland ca. 70 – 80 % der Leute hinter Putin stehen. Egal was unsere Presse so behauptet. Und wenn man hier vielleicht Merkel direkt wählen würde, dann wären vielleicht 20 % noch für Merkel. Aber die hält sich auch an der Macht und meint, für ganz Deutschland reden zu können und zu dürfen. Bei Putin steht halt wirklich was dahinter. Das Volk steht dahinter. “ „„(Es ist so,) dass er sich noch um die einfachen Sachen kümmert und nicht nur: ‚Ich fahre nur zu großen Kongressen und zur EU und in die USA.‘ (...) Vor 2 – 3 Jahren haben ja mal die ganzen Torfböden gebrannt im Sommer. Das war eine richtige Katastrophe und die Feuerwehren sind nicht mehr nachgekommen. Da hat er sich auch persönlich drum gekümmert. Weiß nicht, ob er selber hingefahren ist, aber er hat es zur Chefsache gemacht. Er macht vieles zur Chefsache. “ (M, FG 5, Leipzig, 25.11.2019, 26 – 45 Jahre, nur Männer) Putins Nähe zum Volk wird von den Entscheidungsmechanismen im politischen System abstrahiert, so dass die Grenzen zwischen Ansprache an das Volk und Mitentscheiden „von unten“ verschwimmen: „„(…) bei uns sprechen ja die Politiker nur über das Volk, wie es weiter geht. Aber die Bevölkerung darf darüber ja nicht entscheiden. Und in Russland denke ich mir, ist es halt anders, dass (Putin) halt kommuniziert mit seinem Volk. “ (M, FG 7, Erfurt, 26.11.2019, 18 – 25 Jahre, nur Männer) Populistische Argumente gegen Partikularinteressen und für einen Präsidenten wie Putin, der das Volk vor korrupten Eliten schützen kann, ziehen sich durch die Diskussionen: „„Wir haben ja die Diktatur der Minderheiten hier mittlerweile in diesem Land. Und Russland wird im Ganzen regiert. Das, was die Mehrheit will, wird durchgesetzt. Und nicht wir diskutieren hier und da kommt ein kleines Grüppchen und hier noch ein kleines Grüppchen... und Toleranz für alle – das funktioniert nicht in so einem Land. Und das ist eben – die Größe dieses Landes. Nicht umsonst ist Putin beliebt. Weil er die Mehrheits interessen durchsetzt. Und (bei) Korruption – dann haut der dazwischen. (…) Er denkt groß – (...) bei uns heißen die dann Lobbyisten. “ (M, FG 9, Rostock, 27.11.2019, 46 – 65 Jahre, nur Männer) Die Bildsprache, in der Putin mit dem Volk kommuniziert, wird als bewusste Inszenierung verstanden und als solche akzeptiert bzw. befürwortet: „„(Ich) glaube, es ist auch eine gute Taktik, wenn du (...) Nähe zum Volk aufbaust. Wenn ich das so höre mit diesem Fragen beantworten einmal im Jahr – sich die Zeit für das Volk zu nehmen und präsent zu sein. (...) Man hat dann natürlich eher eine Bindung zu demjenigen, wenn man den auch selber sieht und kann dem Fragen stellen. Ich denke, Die Bildsprache Putins wird als bewusste Inszenierung verstanden und akzeptiert. ZOiS Report 5 / 2020 Russland2: Russlandbilder in Ostund Westdeutschland 22 das ist was Gutes und dass dann natürlich auch wieder das Vertrauen gestärkt wird. Man hat hier in Deutschland ja gar kein persönliches Verhältnis. “ (F, FG 2, Essen, 18.11.2019, 18-25 Jahre, Frauen / Männer) Die positive Resonanz auf die vom russischen Präsidenten inszenierte Volksnähe verknüpft sich mit einer Diskussion über Werte: „„(Russland) vermittelt Werte, nach denen wir streben. “ (M) – Was sind das für Werte?– „Familie. Zusammenhalt. Natur. Ausgeglichenheit. “ (M) „Stolz. “ (M) „Der fehlt (hier) nämlich. “ (F) „Sage du mal als Deutscher, du bist stolz ein Deutscher zu sein… “ (M) „Biste gleich ein Nazi. “ (F) „Stimmt. “ (M) „Richtig. “ (F) „ Auch einfach die politische Stärke. Die gibt einem auch die Sicherheit (…). “ (F) „Sagt man nicht auch immer ‚der russische Stolz‘? “ (F) (FG 3, München, 19.11.2019, 18 – 65 Jahre, Frauen / Männer) „„Viele Leute legen ja mittlerweile Wert auf Eigenständigkeit. Und ich finde es schon ganz angenehm, dass es in Russland weniger so ist; dass da halt schon der Wert sehr stark bei der Familie liegt. “ (M, FG 2, Essen, 18.11.2019, 18 – 25 Jahre, Frauen / Männer) „„Aber ich muss mal anmerken, dass unsere subjektiv dargestellten Meinungen ja alle nicht auf direktem Wissen fußen. Unsere Information ziehen wir ja aus unserer deutschen Presse. (...) Das sagt sich immer so leicht, ‚beim Russen spielt Familie eine große Rolle‘ – wissen wir das denn wirklich? “ (F, Krisisgruppe 1, Leipzig, 21.11.2019, 18 – 65 Jahre, Frauen / Männer) Das Grundverständnis der positiv hervorgehobenen Werte ist in den westund ostdeutschen Gruppen sehr ähnlich. In den Diskussionen in den ostdeutschen Städten wird das Ende der DDR zusätzlich als Wertezäsur dargestellt: „„(Es) klingt vielleicht blöde, ich würde sogar sagen, vielleicht ist es auch ein bisschen Wehleid bei mir selber. (…) Ich will nicht sagen, dass ich die DDR wiederhaben will, (…) dieses gesamte politische Konzept war auch nicht so dolle. Aber zu viele Grundwerte, die wir so auch als Menschen hatten, waren deutlich mehr wert als das Wischi-Waschi (…) von heute. “ (M) „(Zum Beispiel) Zusammengehörigkeit. “ (F) (FG 6, Leipzig, 25.11.2019, 46 – 65 Jahre, Frauen / Männer) Das Thema „Toleranz“ bleibt ambivalent: „„Tradition ist gut und schön, heißt aber nicht, dass man jemand diskriminieren muss. Weil, da kann man schon durchaus fortschrittlicher sein. Akzeptanz und Toleranz finde ich – das könnte in Russland definitiv mehr sein. “ (F, FG 2, Essen, 18.11.2019, 18 – 25 Jahre, Frauen / Männer) Das Grundverständnis der positiv hervorgehobenen Werte ist in den west-und ostdeutschen Gruppen sehr ähnlich. ZOiS Report 5 / 2020 Russland2: Russlandbilder in Ostund Westdeutschland 23 Im Vordergrund steht für die Teilnehmenden jedoch eine positiv konnotierte nationale Identität, der in Deutschland gefühlt zu wenig Raum gegeben wird: „„Ich weiß gar nicht, ob es so positiv ist, dass alles eine Suppe ist und dass wir alle in einen Topf (geworfen werden) und ohne Grenzen (leben) und alles muss gleich sein und funktionieren. (...) Ich möchte die Identität schon gerne behalten. “ (F) „Ich glaube, das ist den Russen auch sehr wichtig. “ (F) „ Ich glaube, der Russe hat gar kein Interesse daran, sich in dem Sinne anzupassen, im Sinne von ‚angleichen‘. Wir haben da – meiner Meinung nach – ein viel größeres Denkproblem (...). “ (M, FG 1, Essen, 18.11.2019, 46 – 65 Jahre, Frauen / Männer) „„Man hat den gewissen Heimatstolz. Also, man präsentiert den. Man zeigt dadurch eine gewisse Stärke. (...) Also, man bestärkt sein Land auch damit. “(F, FG 3, München, 18 – 65 Jahre, Frauen / Männer) Unsicherheit und Medienkritik Die Teilnehmenden in den Fokusgruppen sind immer wieder bemüht, Russland als „normales“ Land zu begreifen: „„(…) Russland (ist) immer noch eine Weltmacht (…) Ansonsten aber auch ein Land, das genauso wie vermutlich alle anderen Länder auf diesem Planeten innenpolitische und außenpolitische, umweltpolitische usw. Probleme hat. “ (M, FG 1, Essen, 18.11.2019, 46 – 65 Jahre, Frauen / Männer) „„Warum zweifelt man an (einem) Wahlergebnis, weil es Wahlbetrug gab. Es ist ja nicht nur in Russland so. Sondern gibt es ja auch in anderen Ländern. “ (M, Krisisgruppe 2, Leipzig, 21.11.2019, 18 – 65 Jahre, Frauen / Männer) Diese Art der Relativierung geht einher mit dem bewussten Versuch, „gängige Klischees“, darunter auch die Gegenüberstellung der USA und Russlands, sowie die deutsche Medienberichterstattung zu hinterfragen: „„Es gibt gewisse Ost-Klischees. Russland-Klischees. Der böse Russe marschiert hier irgendwann ein und richtet ganz schlimme Dinge an. Der Putin ist nur verbandelt mit irgendwelchen mafiösen Strukturen. Und Schläger oder Motorradgangs und ich weiß nicht was alles... “ (M, FG 1, Essen, 18.11.2019, 46 – 65 Jahre, Frauen / Männer) „„Putin ist derjenige, der die Demokratie zerstört und der Amerikaner fördert sie und alles ist toll und danke Amerika! Da möchte ich gerne von weg. “(F, F 1, Essen, 18.11.2019, 46 – 65 Jahre, Frauen / Männer). Es gibt jedoch auch vorsichtige Stimmen, die sich zu ihrer eigenen Unsicherheit in der Bewertung Russlands bekennen und sich somit einem Urteil entziehen: ZOiS Report 5 / 2020 Russland2: Russlandbilder in Ostund Westdeutschland 24 „„Ich informiere mich nicht direkt. Es sei denn, es kommt eine Dokumentation über Natur, die schaue ich mir auch gerne an. (...) Ich schalte auch nicht weg, wenn irgendwas über Russland kommt. Ich höre mir das an und trotzdem sage ich mir immer noch ‚Weißt (du) denn, ob es überhaupt stimmt?‘ Ich übernehme das nicht, weil ich einfach auch wirklich Angst habe, dass das Bild so einseitig dargestellt ist. Und dann fällt mir immer wieder auf, dass ich gar nichts weiß über dieses große, wundervolle Land, wo ich mal hin möchte – auch nach St. Petersburg. Ich fühle mich nicht informiert. “ (F, Krisisgruppe 2, Leipzig, 21.11.2019, 18 – 65 Jahre, Frauen / Männer). „„Die meisten von uns kennen Russland nicht richtig. Wir waren noch nie in Russland. Wir haben einfach nicht die Erfahrung.“ (M, FG 2, Essen, 18.11.2019, 18 – 25 Jahre, Frauen / Männer) Die Berichterstattung vor allem in den deutschen Medien wird als zu einseitig wahrgenommen: „„ Ich möchte mir kein Urteil erlauben. Weil es in Deutschland immer sehr klar dargestellt wird – nämlich Russland, der Aggressor... Wenn man die österreichische Medien-Presse-Landschaft liest, ist es differenzierter. Ich traue mir da kein Urteil zu. “ (F, FG 1, Essen, 18.11.2019, 46 – 65 Jahre, Frauen / Männer). Immer wieder klingt in den Fokusgruppen in Ostdeutschland an, dass man aus der eigenen Erfahrung gelernt habe, Propaganda zu entlarven und deshalb der negativen Berichterstattung nicht glaube: „„Vor ‘89 waren ja hier sowjetische Soldaten stationiert – ‚Moskau-treu‘ gemacht. Und jetzt sind amerikanische Soldaten hier stationiert. Jetzt müssen wir halt ‚Washington-treu‘ denken. (…) jetzt ist es halt anders herum. Und gerade die Ostdeutschen sind auch da sehr hellhörig und können zwischen den Zeilen lesen, (so) dass sie die – zugegeben jetzt viel subtilere Propaganda – viel schneller und viel einfacher durchschauen können als unsere westdeutschen Mitbürger. “ (M, FG 5, Leipzig, 25.11.2019, 26 – 45 Jahre, nur Männer) Ablehnung von Sanktionen Umfragen haben wiederholt gezeigt, dass die deutsche Bevölkerung insgesamt und insbesondere in Ostdeutschland gegen Russland gerichtete Sanktionen kritisch sieht. Die Fokusgruppen zeigen jedoch, dass der Kontext und die Details der Sanktionen meist nicht bekannt sind und die Ablehnung eher dem Prinzip gilt als einem spezifischen Sanktionsregime. Die Teilnehmenden in den Fokusgruppen gehen davon aus, dass Sanktionen in der Regel „die Falschen“ treffen und somit die Bevölkerung den Preis dafür zahle, dass Politiker*innen keine konstruktivere Lösung finden: „„Die bestrafen sich gegenseitig nur. Sanktionen ist ja eine Bestrafung. Die wollen damit erreichen, dass denen das weh tut. Aber Putin tut es nicht weh. Am Ende tut es dem Volk weh. “ (M, FG 7, Erfurt, 26.11.2019, 18 – 25 Jahre, nur Männer) Die Berichterstattung vor allem in den deutschen Medien wird als zu einseitig wahrgenommen. ZOiS Report 5 / 2020 Russland2: Russlandbilder in Ostund Westdeutschland 25 „„Ist wie Hase und Igel spielen. “ (M) „ Ich sehe es auch (…) kritisch, eigentlich sollten sowohl (die) USA als auch die EU Wirtschaftswachstum fördern. Und damit wird kein Wirtschaftswachstum gefördert und das geht wieder zulasten der Bevölkerung. Das kann nicht im Interesse der EU sein. “ (F) (FG 1, Essen 18.11.2019, 46 – 65 Jahre, Frauen / Männer) „„Was auch erschreckend ist, dass es auch hier medial totgeschwiegen wird, dass hier – gerade im Osten – etliche Firmen wirtschaftlich den Bach runtergegangen sind. Oder echt zu kämpfen haben, überhaupt zu überleben, weil denen eben der Absatzmarkt Russland weggebrochen ist – durch die Sanktionen. Selbst das wird totgeschwiegen. Passt halt nicht in die große westliche Welt.“ (M, FG 6, Leipzig, 25.11.2019, 46 – 65 Jahre, Frauen / Männer) Deutschland und der EU werden in der Frage der Sanktionen eine eigenständige Rolle weithin abgesprochen. Verbunden mit der Annahme, dass EU-Staaten einer US-Entscheidung so gut wie blind folgen, wird die Erwartung an die deutsche Politik formuliert, eine eigene starke Politik – ohne Sanktionen – gegenüber Moskau zu vertreten: „„Letztendlich, was die USA sagen, das muss Europa machen. Wie früher: Was Moskau oder was Russland sagt, musste die DDR machen oder die Satellitenstaaten. Und genauso sind wir jetzt ja auch Satellitenstaaten der USA. Wenn die sagen: ‚Ihr solltet jetzt Sanktionen verhängen, obwohl die euch sehr schaden‘, dann machen wir das. Weil wir eben dranhängen. “ (M, FG 5, Leipzig, 25.11.2019, 26 – 45 Jahre, nur Männer) Diversität der Erfahrungen mit der Sowjetunion in der DDR In Bezug auf die Erinnerungen an bzw. die Vorstellungen von den Beziehungen der DDR-Bürger*innen zur Sowjetunion wird sowohl in den Diskussionen in Ostals auch in Westdeutschland eine ganze Bandbreite an Beziehungen und Einschätzungen kommuniziert. Diese Vielfalt ist ein wichtiges Korrektiv zu den oftmals vereinfachten Darstellungen historischer Kontinuitäten bei der Interpretation von punktuellen Umfragedaten oder Aussagen ostdeutscher Politiker*innen: „„Zu DDR-Zeiten (war) die Sowjetunion ja unser großer Bruder. Naja.“ (F) „ Geschwister kann man sich nicht aussuchen. Waren keine Freunde auf die Art und Weise. “ (M) „ …hieß aber ‘Deutsch-Sowjetische Freundschaft‘. Wir mussten auch einen Beitrag bezahlen, sind gezwungen worden (in diese Organisation) einzutreten. “ (F) „ Wir mussten eintreten und mussten für unsere Freundschaft bezahlen. (…) in der Brigade musste man in dieser ‚Deutsch-Sowjetischen Freundschaft‘ – DSF – sein, also musste ich mir meine Freunde erkaufen.“ (M) (...) „ Ich habe schon ab der dritten Klasse Russisch gelernt, das waren dann so Sonderklassen. (Wir) haben Kontakte mit russischen Schülern gepflegt. Wir hatten ja in der DDR viele Armeestützpunkte von den Russen, die natürlich mit Familien hier waren. Das war eigentlich ein