1811: Entwurf einer Allgemeinen Lebenslehre - "Dissertatio sistens specimen biologiae generalis" (deutsch)
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CHELYOPS Berichte aus der Paläontologischen Sammlung in Tübingen 1811: Entwurf einer Allgemeinen Lebenslehre „Dissertatio sistens specimen biologiae generalis“ (deutsch) Carl Gustav Carus † mit einer Einführung von Ingmar Werneburg1,2,* EINFÜHRUNG Es war seit langem mein Wunsch, den ersten naturphilosophischen Text von Carl Gustav Carus (1789–1869), seine erste Publikation überhaupt, in deutscher Sprache vorliegen zu haben. Ich habe ihn nun hier, frei und mit maschineller Unterstützung, übersetzt. Es war jedoch nicht mein Anliegen, eine philologisch-kritische Ausgabe zu bringen, sondern allein ein Leseexemplar anzubieten, das zu einer tieferen Beschäftigung anregen soll. Die Dissertatio sistens specimen biologiae generalis (Carus 1811a), der Entwurf allgemeiner Lebenslehre (vgl. Carus 1865: Anmerkung auf S. 94) war Carus‘ philosophische Promotionsarbeit, mit deren Verteidigung er am 5. Oktober 1811 seine Lehrbefugnis (Magister legens, Habilitation) im Fach ‚Vergleichende Anatomie‘ (von Engelhardt 2009), „unter der Autorität der hochwürdigen philosophischen Fakultät“ (Abb. 1) in Leipzig verteidigte. Der 22jährige Carus (Abb. 2) hatte im gleichen Jahr auch seine medizinische Dissertation über die rheumatischen Entzündungen der Gebärmutter geschrieben (Carus 1811b; Wagner & Pätzold 2002; Schneck 2009) und noch am 20. Dezember vor der medizinischen Fakultät verteidigt (Carus 1865: S. 103). Als über 70-jähriger beschrieb Carus seinen Entwurf allgemeiner Lebenslehre rückblickend als „eine kleine Abhandlung, der es freilich an vielen Unvollkommenheiten nicht fehlte, welche aber doch, ihrer innersten Gesinnung nach, noch heute vor meinem Wahrheitsgewissen durchaus gerechtfertigt ist.“ (Carus 1865: S. 94). Bei der öffentlichen Verteidigung gab es “[m]anchen gerechBand 3, 2026, Seiten 1-16 Scidinge Hall Verlag Tübingen ISBN: 978-3-947020-31-7 † Carl Gustav Carus (1789–1869). 1. Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment (SHEP) an der Universität Tübingen, Sigwartstraße 10, 72076 Tübingen, Germany; 2. Fachbereich Geowissenschaften an der Universität Tübingen, Hölderlinstraße 12, 72074 Tübingen, Germany; * ingmar.wernebur[email protected]e https://doi.org/10.5281/zenodo.17205597 Herausgeber: Ingmar Werneburg ten Tadel, aber auch allerhand kuriose Einwürfe hatte ich zu bestehen; wie ich mich denn noch erinnere, daß ein alter steifer Professor namens Birkholz, von dem der Wissenschaft nie etwas zugute gekommen war und der auch längst keine Vorlesungen mehr hielt, mich damit aus der Vorstellung allgemeinen Lebens herauszuschlagen versuchte, daß er Abbildung 1. Titelseite der Dissertatio sistens specimen biologiae generalis“ (Carus 1811a).
2 CHELYOPS Berichte aus der Paläontologischen Sammlung in Tübingen 1828) – wird Carus gehört haben (Michael 1989). Ausschlaggebend für die Entwicklung seiner eigenen Theorie der Biologie war jedoch die Lektüre von Friedrich Schellings (1775–1854) Weltseele von 1798 (Carus 1865, S. 81-83). Im ersten Teil (bis § XIV) seines Entwurfes allgemeiner Lebenslehre faßt Carus, v.a. Sprengel (1800ff) zitierend, die Entwicklung der Naturphilosophie und Medizin in Bezug auf die Frage, was das Leben sei, historisch zusammen. Nach den Vorsokratikern nennt er Platon und Aristoteles, die dunkle Zeit des europäischen Mittelalters und die Rettung der griechischen Überlieferungen durch die arabische Welt. Abgesehen von wenigen bedeutenden Entdeckungen seit dem 15. Jh. polemisiert Carus gegen die cartesianischen und mechanistischen Entwicklungen, denen die philosophische Dimension fehlten. Dabei ist ihm wichtig zu erwähnen, daß die Empirie durchaus eine wichtige Rolle spielt und Grundlage aller Philosophie sein sollte. Mit der erwähnten neueren Philosophie entwirft Carus ein durchaus eigenständiges – und früh rezipiertes (Kanz 2006) – System der Allgemeinen Biologie (Abb. 3). Im idealistischen Sinne ist für Carus die Biologie die umfassende Wissenschaft von der „Manifestation des Absoluten im Leben“ (§ XV) (von Engelhardt 2009). Carus schreibt (§ XIX): „so wie das Leben das höchste Produkt der Naturkräfte und weithin durch die Natur verbreitet ist, so ist auch die Biologie das Produkt und die Krone aller Wissenschaften des Menschen.“ Wie Platon (428/427348/347 v. Chr.) im Timaios, den er auch zitiert, entwirft Carus nun also seine eigene Kosmogonie. Die Allgemeine Biologie (§ 20) untergliedert sich in Makround Mikrokosmologie mit den umfassenden Fragen zu Weltall und Erde sowie Tier und Pflanzenreich. Alles ist belebt. Die Spezielle Biologie geht dann auf einzelne Lebensformen in der Welt und im Universum ein (Abb. 3). Es gibt in einem belebten Universum keinen absoluten Tod. Der relative Tod (Zerstörung) jedoch ist nicht dem Leben, sondern der Genesis, dem Aufbau von Neuem, entgegengesetzt. Alles ist im Kreislauf gebunden. Im »Anhang« seiner Schrift hat Carus mehrere Paragraphen zu diesem Thema ergänzt. Der »Anhang« (§§ 47-57) aus Carus‘ Entwurf allgemeiner Lebenslehre wurde von Hlavka ([1987] 1990) erstmals ins Deutsche übertragen (Michael 1989; vgl. Grosche 1993). Erika Michael (1989) veröffentlichte dann, anläßlich des 200. GeburtstaCarus (2026): Entwurf einer allgemeinen Lebenslehre (1811) mir, auf die von der Zeit gebräunten Bänke des Saales zeigend, zurief: »Numne hoc scamnum vivit?« [»Lebt etwa auch diese Bank?«], worauf ich denn freilich leicht erwidern konnte, daß dies jetzt dürre Holz nur die Leiche eines einst lebenden Baumes sei und daß die Substanz desselben nach allmählichem Zerfallen schon die Bedeutung habe, dereinst wieder anderm Leben zu dienen.“ (Carus 1865: S. 95). In dieser Antwort verbirgt sich der Kern von Carus‘ Philosophie, die er bis zu seinem Tod hin ausbaute und verfeinerte (Carus 1861; Grosche 1993; Kuhlmann-Hodick et al. 2009a-b): Die ganze Welt ist durchlebt. Es zeigt sich die starke Beeinflussung der Schriften Schellings und Okens, die er, neben anderen neueren naturphilosophischen Schriften, rezipierte [vgl. § XIV]. In den Jahrzehnten vor Carus‘ Verteidigung herrschte noch ein mechanistisches Weltbild, um die „Einheit in der Mannigfaltigkeit“ zu erklären. Die Aufnahme der seinerzeit modernsten philosophischen Überlegungen stellte ein großes Wagnis des selbstbewußten Studenten dar (Michael 1989; Grosche 1993). Aber Carus kannte sein Thema gut, hatte die einschlägige Literatur, wie Johann Friedrich Blumenbachs (1852–1840) Handbuch der Naturgeschichte von 1779 oder Georges Cuviers (1769–1832) Leçons d'anatomie comparée von 1798ff, intensiv studiert und – darauf ist besonders hinzuweisen – auch eigene Erfahrungen bei Präparationen gemacht (Carus 1865; S. 39, 64, 74). Er stellte sich dabei in die Tradition Aristoteles‘ (384–322 v. Chr.), dessen naturkundlichen Arbeiten und die Metaphysik er zitierte. Sein epochales Lehrbuch der vergleichenden Zootomie war bereits im Entstehen (Carus 1818, 1865). Carus war also nicht nur der Theoretiker. Sein Geist war eins mit der Natur (um in seiner Terminologie zu bleiben). Von den Ideen Lorenz Okens (1779–1854) und der unterschwellig wirkenden MetamorphoseLehre Goethes (1749–1832) erfuhr Carus etwa durch die Werke Kurt Sprengels (1766–1833), Dieterich Tiedemanns (1748–1803), Gottfried Reinhold Treviranus (1776–1837) und Franz Joseph Schelvers (1778–1832), der sich u.a. auf Spinoza berief. Sein ihn fördernder Verwandter Friedrich August Carus (1770–1807) und sein akademischen Lehrer Karl Friedrich Burdach (1776– 1847) mögen Carus – durch einen Hinweis auf eine Vorlesung von Friedrich Siegmund Voigt (1781–1850) im Jahr 1803 – auf Goethes (1790) Metamorphose der Pflanzen aufmerksam gemacht haben; und auch von der Antrittsvorlesung Okens 1807 – Der ganze Mensch ist ein Wirbelbein (vgl. Carus
3 CHELYOPS Berichte aus der Paläontologischen Sammlung in Tübingen Carus (2026): Entwurf einer allgemeinen Lebenslehre (1811) ges von Carus, eine Photokopie der lateinischen Originalpublikation von 1811. Die Autorin betonte, daß Carus bereits in seinem Erstlingswerk eine klar antimechanistische Weltsicht gegen den cartesianischen Determinismus vertrat. Er übernahm, so Michael (1989: V) „berühmt gewordene Postulate der Positivisten vorweg (vgl. Joh[hannes] Müller, Rob[ert] Mayer/v. Helmholtz, Haeckel u.a.)“ (vgl. u.a. Werneburg et al. 2022; Zeller & Werneburg 2024). Michel (1989) wies nach, daß einige Textbausteine der Dissertation (Carus 1811a) in der ‚Einführung‘ des späteren Textes Von den Naturreichen, ihrem Leben und ihrer Verwandtschaft (Carus 1818a) eingegangen waren. Hier beginnt also bereits die Erweiterung und Ausformulierung der 1811 entwickelten Gedanken. Parallel entstand, wie erwähnt, das Lehrbuch der vergleichenden Zootomie (Carus 1818b). „Im Unterschied zu seinen romantischen Zeitgenossen unter den Naturphilosophen gelangte Carus von deren mechanischer Verallgemeinerung ihrer streng kausalen Erkenntnisse über das Unorganische zur Verteidigung der neuen und alternativen Morphologie des Organischen nach Goethes Metamorphosenlehre und genetischer Methode, – die allerdings Carus in Schellingscher Freiheit konsequent deduktiv anwandte“ (Michael 1989, S. 46). ENTWURF EINER ALLGEMEINEN LEBENSLEHRE Carl Gustav Carus 1811 „Vor allem muß man wissen, was jenes ist, das man im allgemeinen Sprachgebrauch »Leben« nennt, worin sein formaler Begriff besteht, womit es sich beschäftigt – sowohl materiell oder subjektiv, als auch kausal oder objektiv –, was schließlich seine Wirkungen und welche seine Wunder sind, durch die es sich selbst offenbart und offenbaren kann. “ G. E. Stahl, Theoria medica vera, S. 253 §. I. [Die Lehre vom Leben] Wenn es eine Sache gibt, die die höchste Aufmerksamkeit und das unermüdliche Studium sowohl der Ärzte als auch der Philosophen verdient, so meine ich, daß es die Lehre vom Leben sei. Denn wenn dieses grundlegende und erste Phänomen der Organismen nicht richtig verstanden und durchschaut wird, können weder irgendeine Funktion unseres Körpers noch die Gesetze und Handlungsweisen des Geistes jemals hinreichend klar dargestellt und erklärt werden. §. II. [Das Unternehmen eingeleitet] Da also die Heiligkeit akademischer Institutionen es verlangte, daß ich, um die besten Lehrrechte zu erlangen, eine Schrift vorlege, und ich bereits über ein Thema nachdachte, das meinen Studien angemessen wäre, schien mir das Kapitel der Physiologie, das allgemein vom Leben handelt, den geeignetsten Stoff zu bieten. Gewiß ist dies ein äußerst schwieriges Thema, und ich kann nicht hoffen, daß eine Sache, die noch in so viel Dunkel gehüllt ist, von mir so behandelt werde, daß keinerlei Zweifel und Unklarheit übrigbleiben. Aber eben aus diesem Grund habe ich mir dieses Thema gewählt; denn ich war überzeugt, daß die Kräfte an einem schwierigen und anspruchsvollen Gegenstand besser geübt werden und daß es nicht unehrenhaft ist, bei einem ehrenhaften und großen Versuch zu scheitern. §. III. [Zur Methode dieser Schrift] Besonders notwendig schien es mir, bei der Überlegung, welcher Methode ich in dieser Abhandlung folgen solle, noch bevor ich meine eigenen Gedanken über das Leben darlege, kurz zu betrachten, auf welche Weise und welchen Weg wir bisher zu dieser Erkenntnis gelangt sind – zumal dem Philosophen, der die Natur des menschlichen Geistes zu verstehen sucht, dies von höchstem Interesse sein muß. Wir werden sehen, daß schon in den ältesten Zeiten das wunderbare Phänomen des Lebens die Aufmerksamkeit gelehrter und weiser Männer erregte, und daß sie – was völlig erstaunlich erschei-
4 CHELYOPS Berichte aus der Paläontologischen Sammlung in Tübingen nen könnte – sich in dessen Erklärung nicht nur mehr von den Neueren unterschieden, als man nach der jeweiligen Zeit erwarten dürfte. Doch so pflegt es mit dem menschlichen Geist zu sein: Anfangs liebt der Mensch, noch nicht von Meinungen und Vorurteilen gefangen, die Natur aufrichtig und folgt ihr als einer gütigen Mutter. Bald aber, übermäßig auf seine eigenen Kräfte vertrauend, verachtet er es, der Natur zu folgen, und bemüht sich, durch bloßes Denken die ursprünglichen Ursachen der Dinge zu finden; indem er aber leeren Hypothesen nachgeht, verliert er die gereifte Erkenntnis, die er sich zuvor erworben hatte. Schließlich, gleichsam aus einem Schlaf erwachend, erkennt er, daß er im Irrtum befangen war, und bemüht sich, zur früheren Einfachheit der Vorstellungen zurückzukehren – was jedoch gewöhnlich schwerer ist und längere Zeit erfordert, als von dem rechten Weg abzuirren. §. IV. [Empirische Medizin] Schon lange übten die Menschen, besonders die Kenner der Naturdinge, eine empirische Medizin aus, ehe sie über die ewigen Gesetze nachdachten, denen der Organismus folgt. So geschah es, daß die in jenen ältesten Zeiten vorgeschlagenen Erklärungen des Lebens stets weniger richtig, ja vielmehr unbrauchbar waren. Beispiele dafür finden wir noch heute bei einigen ungebildeten Völkern, die dennoch keineswegs ungeschickt in der praktischen Heilkunde sind, deren Vorstellungen aber über das Leben und seine Natur höchst irrig zu sein pflegen. Die griechischen Philosophen nun waren, wie Sprengel1 bezeugt, die ersten, die schärfer in diese Sache eindrangen. Ich werde daher versuchen, die Ansichten jener Männer über das Leben in aller Kürze darzulegen. Dabei sei bemerkt, daß wir den Begriff des Lebens2 in weiterem Sinn nehmen, sodaß darunter nicht nur das Leben des tierischen Körpers, sondern die Tätigkeit und Existenz der gesamten Natur verstanden wird – wie recht wir dazu befugt sind, wird sich im Folgenden zeigen. 1 Versuch einer pragmatischen Geschichte der Medizin, Th. I. S. 275 2 Wer mehr darüber lesen möchte, dem empfehle ich Sprengel und Tidemanns Buch Geist der spekulativen Philosophie (1791). §. V. [Die Vorsokratiker] Thales von Milet [ca. 624-546 v. Chr.] meinte, daß alles aus Wasser entstanden sei; jedem Ding schrieb er eine Seele zu, die eine bewegende Kraft sei, und er stellte einen Zusammenhang zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos fest.1 – Pythagoras [ca. 570–510 v. Chr.] nahm als Urprinzipien die Dyade, das heißt die unbestimmte Materie, und die Monade, das heißt Gott, an. Monade und Dyade zusammen erzeugten die Triade, d. h. die Natur.2 – Empedokles [ca. 495–435 v. Chr.] scheint über den ständigen Wandel der Natur im Einzelnen und ihre Beharrung im Ganzen nicht undeutliche Vorstellungen gehabt zu haben.3 – Heraklit [ca. 520–460 v. Chr.] hielt das Feuer für die bewegende und belebende Kraft; auch das Prinzip der Gegensätze in der Naturphilosophie war ihm nicht unbekannt. Er nahm nämlich an, daß nicht durch Sympathie, sondern durch eine gewisse Feindschaft der Naturdinge neue Körper hervorgebracht würden.4 – Auch Hippokrates [ca. 460–370 v. Chr.], der Fürst der Ärzte, folgte in der Metaphysik den alten Philosophen. In physiologischer Hinsicht aber, da ihm die genauere Kenntnis des menschlichen und tierischen Körpers fehlte, konnte er kaum etwas Neues über das Wesen des Lebens beibringen. Carus (2026): Entwurf einer allgemeinen Lebenslehre (1811) Abbildung 2. Carl Gustav Carus, Gemälde von Johann Carl Rößler (1775–1845), um 1810.
5 CHELYOPS Berichte aus der Paläontologischen Sammlung in Tübingen Carus (2026): Entwurf einer allgemeinen Lebenslehre (1811) 1 Plutarch. d. physic. philosoph. decret Lib. II. c. 3. Aristoteles d. anima Lib. I. c. 2. Um der Kürze zu dienen und gleichzeitig dem Zweck des vorgeschlagenen Endes zu genügen, habe ich nur einige grundlegende Vorstellungen vom Leben der Natur oder vom Leben organisierter Individuen hinzugefügt, damit die Methode des Autors zur Behandlung der Biologie unmittelbar anhand eines Beispiels veranschaulicht werden kann. 2 Aristot. metaphys. Lib. I. c. 5. 3 Aristot. 1. c. Lib. I. c. 3. 4 Sprengel 1. c. Th. I. p. 344. §. VI. [Platon, Aristotel., Pythagoras, Stoa, Galen] Platon [430–348 v. Chr.] ließ in seinem Philosophieren zu viel Vorstellungskraft zu. Daher geschah es, daß er, obwohl er oft treffend über die Natur der Dinge dachte, dennoch vieles, was für unsere Sache wichtig ist, so in mystische Worte hüllte, daß man die wahre Ansicht des Autors kaum deutlich herauslösen kann. Über das tierische Leben denkt er ungefähr so: die Lebenskraft sei Feuer und Geist, ihre Quelle aber sei in der Wärme des Blutes zu suchen.)1 – Wir sehen also, daß die Fehler der alten Philosophen vor allem darin lagen, daß sie ohne besondere Kenntnis der Naturdinge dennoch die ersten Kräfte und Ursachen derselben zu erforschen versuchten. Deshalb sind die Leistungen des Aristoteles [384–322 v. Chr.] in der Physiologie um so höher zu schätzen. Er sezierte nämlich viele Tiere, verglich sie miteinander, beschrieb ihren Bau und entdeckte die Funktionen vieler Organe, wodurch er den speziellen Teil der Biologie (die Organund Funktionslehre des Mikrokosmos) sehr verbesserte und erweiterte.2 Die Vorstellung, die er sich von der Natur im Ganzen gebildet hatte, war fast dieselbe wie die des Pythagoras über das Wesen der Dinge, mit Ausnahme dessen, daß er das, was Pythagoras „Monade“ nennt, „Form“ nannte, und das, was jener „Dyade“ nennt, „Materie“ hieß. Die Materie enthält die Fähigkeit (δυναµις) und empfängt von der Form die Wirklichkeit (ἐνεργεια); die wirkliche Tätigkeit aber nennt er ἐντελεχεια.)3 – Die Stoa verband die Grundsätze Platons und Epikurs und hielt die Naturgesetze und Gott zugleich für die Ursachen der Natur.4 – Die alexandrinische und die empirische Schule haben in Bezug auf die Biologie nichts Erwähnenswertes beigetragen. Dasselbe gilt von den übrigen Sekten, die damals blühten. Auch Galen von Pergamon [131–200 n. Chr.] bereicherte die Lehre vom Leben nicht mit neuen Untersuchungen, sondern sammelte vielmehr sorgfältig, was zuvor geschrieben worden war. Doch sei erwähnt, daß Galen als Erster in der Lehre vom tierischen Leben die „Lebenskraft“, die „Tierkraft“ und die „Naturkraft“ unterschied.5 Dies also ist es, was die Aufmerksamkeit und der Fleiß der alten Philosophen und Ärzte über den Begriff des Lebens vorbrachten. Und wir sehen daraus, daß eine rationale Biologie in jenen Zeiten überhaupt nicht existierte, daß aber die Gedanken mancher gelehrter Männer über diese Dinge immerhin nicht zu verachtende Grundlagen dieser Lehre lieferten. 1 Plat. Tim. S. 493. 494. Zu Platons metaphysischen Ideen über die Erschaffung der Welt, des Lebens und der Natur siehe Tidemann. 1. c. T. II. Hauptstück 5. 2 Sprengel 1. c. Th. I. S. 506. 3 Aristot. Metaphys. Lib. XI. c. 11. Lib. VIII. c. 1. Lib. IV. c. 12. 4 Siehe Tidemann. 1. c. T. II. S. 451. 5 Sprengel 1. c. Th. II. S. 150. §. VII. [Mittelalter] Nun begegnet uns, während wir die Geschichte der Biologie weiterverfolgen, jene traurige und barbarische Zeit, in der Aberglaube, Torheit, Unwissenheit und Parteilichkeit das Licht der Wahrheit mit dichter Wolke verhüllten, in der auch in der Medizin das, was durch den Fleiß und die Gelehrsamkeit der Alten gefunden war, nur mühsam bewahrt wurde, neue Entdeckungen und Forschungen jedoch kaum zunahmen. Vor allem die Araber bewahrten mit Eifer die Reste der heiligen Wissenschaft. Aber auch die führenden arabischen Ärzte brachten hinsichtlich der Biologie nichts Neues vor, da sie in allem treu den Griechen folgten. Als Beispiel führe ich nur eine Ansicht an, die Abu Bekr Ebn Thofail [1106– 1185] über das Leben der Natur und der Tiere vertrat, und die sehr stark nach den Prinzipien des Pythagoras und Platon klingt. Er sagte nämlich: „Die Ursache aller Dinge, die wir mit den Sinnen wahrnehmen, ist Gott. Die Natur existiert aufgrund der allen Dingen gemeinsamen Fähigkeiten, und sie ist von Gott hervorgebracht. Das Leben aber ist der Geist im Körper, als dessen Manifestation.“1 – Bei den Christen betrieben damals die Mönche die Medizin, die Physiologie aber vernachlässigten sie völlig. Daher kam es, daß im 13. und 14. Jahrhundert keinerlei Fortschritte in der Biologie gemacht wurden. 1 Sprengel 1. c. T. II. S. 342 ff..
6 CHELYOPS Berichte aus der Paläontologischen Sammlung in Tübingen §. VIII. [Entstehung der Physiologie] Im 15. Jahrhundert schließlich erkannten einige Ärzte, daß die Physiologie die Grundlage der gesamten Medizin sei. Sie bemühten sich, sie durch Beobachtungen und Experimente zu erweitern und zu verbessern und bewirkten so ein Wiederaufleben der rationalen Medizin. Zu diesen Gelehrten dürfen jedoch weder Paracelsus [1493/94– 1541] noch [Gerolamo] Cardano [1501–1576] und ihre Anhänger gezählt werden. Dagegen wird niemand bestreiten, daß [William] Harvey [1578– 1657] den ersten Platz unter diesen Männern verdient. Denn er stellte im Jahr 1628 eine neue Theorie des Blutkreislaufs auf. Bald folgten andere Entdeckungen berühmter Männer über die Lungen, die Lymphgefäße und so weiter. So machten die Physiologen immer größere Fortschritte in der besonderen Kenntnis des tierischen Lebens und bemühten sich auch, den Begriff des Lebens überhaupt auf verschiedene Weise genauer zu erklären. Dies geschah hauptsächlich in dreifacher Weise: denn der Organismus hat, sozusagen, drei Seiten – die dynamische, die mechanische und die chemische. Und wir sehen schon, daß die einzelnen Schulen der Ärzte jeweils besonders auf eine dieser Seiten achteten, sodaß man die drei Schulen der damaligen Physiologen bequem aufzählen kann: die mechanische, die chemische und die dynamische. Doch versteht sich leicht, daß keine dieser Schulen eine vollkommene Erkenntnis der organischen Natur besaß, da sie den Organismus nicht von allen Seiten hinreichend untersuchten. §. IX. [Die Physiologischen Schulen] Der Hauptvertreter der physiologischen Chemiker war Franciscus Sylvius de le Boë [1614–1672], der meinte, das Leben entstehe durch einen chemischen Prozeß. – Die Iatromathematiker, deren System sich vor allem auf die Prinzipien von Descartes stützte (obwohl Descartes selbst keineswegs unter die Iatromathematiker gezählt werden darf), versuchten, alle, ja sogar die feinsten und verborgensten Funktionen des Organismus den mechanischen Gesetzen anzupassen – eine Methode des Erklärens, die gewiß die schlechteste ist. – Was schließlich die dynamische Schule betrifft, so ist in ihr ein Unterschied zu machen zwischen der dynamisch-psychischen Schule Stahls und der dynamisch-materiellen von [Francis] Glisson [1597– 1677], [Gottfried Wilhelm] Leibniz’ [1646–1716] und Fr[iedrich] Hoffmann [1660–1742]. – Ernst Stahl [1669–1734] dachte ungefähr so: Die Materie ist absolut tot; wo sie sich bewegt, ist die bewegende Ursache in einer gewissen geistigen und immateriellen Kraft zu suchen. Das Leben wird also durch die Einwirkung der Seele auf den Körper hervorgebracht, wodurch die Materie und ihre Mischung unversehrt erhalten bleiben.1 1 Siehe Sprengel, I. c. Th. V. S. 18. §. X. [Die Auffassungen Francis Glissons] Es bleibt noch übrig, die Grundsätze der dynamisch-materiellen Schule darzulegen, die, wie mir scheint, der Wahrheit am wenigsten fernstehen. Besonders verdient hier Francis Glisson großes Lob, der in seinem Buch Über die Natur der energetischen Substanz, oder Vom Leben der Natur (London 1672) seine Gedanken über die Biologie zuerst veröffentlichte. Er meinte darüber ungefähr Folgendes: „Drei grundlegende Elemente hat jede Substanz: das fundamentale, wodurch sie existiert; das energetische, wodurch sie wirkt; und das zusätzliche, wodurch sie sich akzidenteller Eigenschaften erfreut.“ – Die Materie also, insofern sie Substanz ist, hat auch eine energetische Natur, das heißt eine spontane bewegende Kraft; und das Leben ist nichts anderes als die innere Tätigkeit der energetischen Natur. Der Tod aber löst die Verbindung der Energie mit den vegetativen und tierischen akzidentellen Eigenschaften. – Das System des klugen Briten ist jedoch Leibniz’ Prinzipien der Naturphilosophie angepaßt und erscheint mir eine völlig leere Hypothese zu sein, die sich durch keinerlei Argumente beweisen läßt. §. XI. [Die Auffassungen Hoffmanns und Hallers] Noch erwähnen will ich Fr[iedrich] Hoffmann, der ein der Lehre Glissons ähnliches System der Natur vorschlug, aber eine Definition des tierischen Lebens gab, die ich keineswegs für wahr halten kann. Er meinte nämlich, das Leben bestehe im Herzund Arterienpuls, durch den das richtige Verhältnis der konstituierenden Teile des Körpers untereinander erhalten werde. Deshalb sprach er den Pflanzen das Leben ab.1 – Auch die Verdienste [Albrecht Viktor von] Hallers [1708–1777], eines genialen Mannes, darf ich nicht verschweigen. Zwar trug er zur Idee des Lebens nichts Wesentliches bei (außer daß er als Erster die „Irritabilität“, eine für das tierische Leben bis dahin unbekannte Kraft, beschrieb). Doch erhellte er die Tierphysiologie durch viele Experimente und gesammelte Beobachtungen in glänzender Weise. 1 Siehe Hofm. opp. Vol. V. S. 30 Carus (2026): Entwurf einer allgemeinen Lebenslehre (1811)
7 CHELYOPS Berichte aus der Paläontologischen Sammlung in Tübingen dungen einer allgemeinen Geschichte des Lebens von L. S. Schubert. Leipzig 1806. - Biologie oder Philosophie der lebenden Natur für Naturforscher und Aerzte von G. R. Treviranus Göttingen 1802. Physiologie des Menschen von Dr. Ph. Fr. Walther Landshut 1807. - Erster Entwurf eines Systems der Naturphilosophie von Fr. W. J. Schelling in d. Jahrbüchern d. Medic.- Schelver Elementar-Lehre der organischen Natur. - Lehrbuch der Naturphilosophie von Dr. Oken Jen. 1809. Begriff und Einteilung der Biologie § XV. [Definition des Begriffs „Biologie“] Die Biologie ist die Wissenschaft vom Leben. Wir aber definieren das Leben so: Leben heißt, innerhalb bestimmter Grenzen, auf ein festgesetztes und sicheres Ziel hin, durch sich selbst zu sein und zu wirken. Die Idee des Lebens nennen wir die Manifestation des Absoluten im Leben.1 1 Daraus geht hervor, daß das, was Ärzte üblicherweise als Physiologie bezeichnen, nichts anderes als eine Disziplin der Biologie ist; vgl. Walthers Definition (Physiolog. S. 1). Physiologie ist die Wissenschaft von der Idee des Lebens und deren Manifestation an den lebenden Organismen. §. XVI. [Existenz und Tätigkeit] Ich sehe jedoch voraus, daß viele mich deswegen tadeln werden, weil ich im Begriff des Lebens die Existenz erwähnt habe, da es vielmehr allein in der Tätigkeit bestehen soll. Doch dies führt zurück auf die Meinung der Alten über die Materie, daß sie absolut tot und aller Kräfte beraubt sei – eine leere Hypothese, die, wie ich urteilen möchte, aus aller Medizin und Philosophie entfernt werden muß. Wo immer wir durch unsere Sinne äußere Dinge wahrnehmen, erkennen wir nicht eine Materie an sich, sondern eine gewisse Tätigkeit, eine bestimmte Form von Kräften. Daher scheint mir der Begriff der Materie besser so erklärt zu werden: Es gibt zwei Formen der Erkenntnis, Raum bzw. Ausdehnung und die Zeit. Den Teil der äußeren Dinge, der besonders unter der Form der Zeit auftritt, nennen wir Kraft; denjenigen, der unter der Form der Ausdehnung erscheint, nennen wir Materie. §. XVII. [Passive (pos.) und aktive (neg.) Formen] Das Leben hat also zwei Momente: das reale Moment, d. h. die passive oder negative Form des Lebens, nämlich die Existenz (denn was nicht ist, lebt nicht), und das ideale Moment, d. h. die aktive oder positive Form des Lebens, nämlich die Tätigkeit (denn auch das, was ohne Tätigkeit ist, lebt Carus (2026): Entwurf einer allgemeinen Lebenslehre (1811) §. XII. [Neuere Ansichten über das Leben] Es bliebe nun übrig, verschiedene neuere Ansichten über das Leben, seinen Begriff und seine Ursache darzustellen. Da ich jedoch voraussehe, daß ein solches Unternehmen sowohl meine Kräfte als auch den Rahmen dieser Abhandlung überschreiten würde, will ich nur in wenigen Worten berichten, wie in unserer Zeit die rationale Biologie ihren Anfang und ihre Entwicklung genommen hat. Danach werde ich zu meinen eigenen Vorstellungen über den Begriff und die Erscheinung des Lebens übergehen, die mir, nachdem ich viele Autoren gesammelt und oft über diesen Gegenstand nachgedacht habe, die besten und wahrsten zu sein scheinen. §. XIII. [Die Ansichten von Kant und Schelling] Im vergangenen Jahrhundert machten sowohl die Physiologie als auch die Naturlehre im Allgemeinen bedeutende Fortschritte; nur in der metaphysischen Betrachtung der Natur blieb noch vieles mangelhaft und unvollkommen. Schließlich trat der berühmte Philosoph aus Königsberg, [Immanuel] Kant [1724–1804], auf, dem die Philosophie im Ganzen ihr höchstes Wachstum verdankt und der sich auch in dieser Sache großen Ruhm erworben hat. Denn indem er mit seiner Autorität die atomistische Betrachtung der Natur völlig beseitigte, stellte er die Lehre von den in der Materie wirkenden Urkräften auf und widerlegte so die von vielen noch vertretene Meinung, daß die Materie absolut tot sei. Den Weg, den Kant damit gebahnt hatte, gingen dann [Friedrich Wilhelm Joseph] Schelling [1775–1854] und andere Gelehrte weiter, die sich mit Recht Naturphilosophen nennen durften. Da sie das Leben nicht als Produkt mechanischer und chemischer Kräfte ansahen, sondern als Einheit betrachteten und vom Absoluten herleiteten, erhoben sie die Biologie, die vorher nur eine empirische Lehre oder ein Teil der Naturgeschichte gewesen war, zu einer philosophischen Wissenschaft und zum Fundament [einer umfassenden] Naturkunde. § XIV. [Neue Werke zur Biologie] Am Ende dieser historischen Einleitung – von der ich sehr wohl weiß, wie unvollständig sie ist und daß es eines besonderen Buches bedurft hätte, um sie vollkommen darzustellen – will ich ein Verzeichnis der besten neueren Werke über die Biologie geben: Ueber das Leben und seine Erscheinung von Dr. K. E. Schelling, Landshut 1806. Ueber das Leben und sein Problem von Dr. Troxler Götting 1807. - Ahn-
8 CHELYOPS Berichte aus der Paläontologischen Sammlung in Tübingen Carus (2026): Entwurf einer allgemeinen Lebenslehre (1811) nicht). Zur negativen Form des Lebens gehören die Organe, zur positiven ihre Tätigkeiten. Es ergibt sich daraus, daß das konkrete Leben dasselbe ist wie der Organismus, der Organismus aber in abstraktem Sinn das Leben bedeutet. §. XVIII. [Definitionen] Hier scheint der geeignete Ort zu sein, einige Wörter zu definieren, die wir später öfter verwenden werden. So werden die Worte „organisch“ und „organisiert“ oft durcheinander gebraucht. Aber es besteht ein großer Unterschied zwischen ihnen; denn „organisch“ gilt von jeder Sache, die zu irgendeinem Organismus gehört, sei es eine Tätigkeit oder eine Materie. Das Wort „organisiert“ aber darf nur von einem Organismus gebraucht werden, sei es ein Teilorgan (Organon) oder das Ganze. So ist z. B. das Blut ganz und gar eine organische Masse, aber keineswegs organisiert zu nennen. Dagegen sind das Tier und seine Organe, z. B. die Leber, völlig organisierte Körper. – In ähnlicher Weise scheint es nicht überflüssig, auch die Begriffe „Makrokosmos“ und „Mikrokosmos“ zu definieren. Wir verstehen unter „Makrokosmos“ eine gewisse organische Sphäre, die eine oder mehrere organische Sphären nicht nur räumlich umfaßt, sondern auch hinsichtlich ihres Lebens stark beeinflußt. Diese untergeordneten Sphären nennt man gewöhnlich „Mikrokosmen“. – Aus dem, was ich soeben sagte, ergibt sich, daß sich die Begriffe von Mikrokosmos und Makrokosmos nur in ihrer gegenseitigen Beziehung unterscheiden. So ist z. B. die Erde im Verhältnis zum Weltsystem ein Mikrokosmos, aber ein Makrokosmos, wenn wir sie mit den auf ihr lebenden Tieren und Pflanzen vergleichen. §. XIX. [Einführung zum Überblick der Biologie] Da es mir nun nur erlaubt ist, innerhalb der engen Grenzen dieser Schrift einen Überblick über die allgemeine Biologie zu geben, will ich mich bemühen, die Ziele und einzelnen Disziplinen der ganzen Biologie durch ein Schema darzustellen – in der Meinung, daß ich so den Umfang dieser Wissenschaft am kürzesten und besten übersichtlich machen könne. Wenn aber vielleicht jemand meinen sollte, ich hätte den Umfang zu weit gezogen, so irrt er gewiß. Denn so wie das Leben das höchste Produkt der Naturkräfte und weithin durch die Natur verbreitet ist, so ist auch die Biologie das Produkt und die Krone aller Wissenschaften des Menschen. §. XX. [Unterteilungen] Zunächst müssen wir zwischen allgemeiner und spezieller Biologie unterscheiden: A. Die allgemeine Biologie stellt die Idee des Lebens dar, d. h. sie handelt vom Leben im Allgemeinen und betrachtet dessen Grundformen: das Leben der Welt und das Leben der organisierten Individuen. Wir haben also zwei Disziplinen der allgemeinen Biologie: a) die Makrokosmologie und zwar α) Allgemeine Uranologie β) Allgemeine Geologie b) die allgemeine Mikrokosmologie, und zwar α) Allgemeine Zoologie β) Allgemeine Phythologie. B. Die spezielle Biologie beschreibt die einzelnen Formen des Lebens in der gesamten Welt genauer. Die Hauptdisziplinen, die sie umfaßt, sind: I. Spezielle Makrokosmologie. a) Spezielle Uranalogie. α) Astronomie. β) Kosmogenie. b) Spezielle Geologie. α) Geognosie. β) Geographie. γ) Atmosphärologie II. Spezielle Mikrokosmologie. a) Organologie zählt die verschiedenen inneren und äußeren Teile der Individuen auf sowie die Mischung ihrer Bestandteile. α) Naturgeschichte. 1) Phytogeographie 2) Zoogeographie β) Anatomie. 1) Phytotomie 2) Zootomie γ) Chemie 1) Phytochemie 2) Zoochemie b) Dynamologie zählt die verschiedenen materiellen und immateriellen Tätigkeiten der organisierten Individuen auf. α) Phytologie s. Planetare Physiologie. β) Zoologie. 1) Physiologie 2) Psychologie
9 CHELYOPS Berichte aus der Paläontologischen Sammlung in Tübingen 1832] anführen, die nicht nur bestätigt, daß der Autor mit mir übereinstimmt, sondern auch in hervorragender Weise meine These erläutert. Er sagt nämlich:1 „Die ganze Natur ist organisch, aber nur ein Theil derselben ist es als Phänomen, d. h. erscheint uns als ein vollendetes organisches Ganzes. Diese Theile der organischen Natur, die uns als vollendete Organisationen erscheinen, nennen wir die lebenden Körper.“ – Wahrhaft geistreiche und zutreffende Worte! 1 Elementarlehre der org. N. Th. 1. S. 32. §. XXIII. [Kant als Autorität] Darüber hinaus scheinen auch andere Gelehrte diese Idee Schelvers gleichsam vorausgeahnt zu haben, als sie Definitionen des Lebens aufstellten, die keineswegs tauglich waren, um das Leben individueller Organismen zu erklären, wohl aber sehr geeignet, das Leben der gesamten Natur zu definieren. So schlägt z. B. Kant folgende Definition des Lebens vor:1 „Leben, heisst das Vermögen einer Substanz sich aus einem innern Princip zum Handeln, einer endlichen Substanz sich zur Veränderung, und einer materiellen Substanz sich zur Bewegung oder Ruhe, als Veränderung ihres Zustandes zu bestimmen.“ Ebenso Schmidt:2 „Leben ist Wirksamkeit nach Gesetzen der Organisation, Organisation ist die Einrichtug eines Körpers, wo jeder Theil Zweck und Mittel aller ist.“ – Doch ich will mich nicht länger damit aufhalten, die Ansichten meiner Gegner zu widerlegen, sondern werde vielmehr meine eigene Meinung genauer darlegen und hoffe so, daß sie als die wahre anerkannt werden wird. 1 Metaphysische Anfangsgründe d. Naturwissenschaften S. 120. 2 Physiologie B. 2. S. 371. §. XXIV. [Das Unendliche] Zum Begriff des Lebens gehört, wie wir oben gesehen haben: erstens Existenz und Tätigkeit – und daß beides in der Natur vorkommt, bedarf keines Beweises. Zweitens: Existenz und Tätigkeit innerhalb bestimmter Grenzen und auf ein festgesetztes Ziel hin. Was die Grenzen der Natur betrifft, so wird vielleicht jemand sagen, die Natur sei völlig grenzenlos. Dies aber bestreite ich: Denn wenn sie tatsächlich grenzenlos wäre, müßte sie unendlich sein. Das Unendliche jedoch berührt unsere Sinne nicht, und das Eigentümliche der Natur ist es, daß sie unsere Sinne berührt. Daher kann das Unendliche nicht auf die Natur, sondern muß auf das Absolute, die ewige Quelle der Natur, bezogen werden. – Auch daß die Natur auf ein festgesetztes Carus (2026): Entwurf einer allgemeinen Lebenslehre (1811) Allgemeine Biologie. I. Makrokosmologie. §. XXI. [Natur als lebendiger Organismus] Die gesamte Natur ist ein lebendiger Organismus, und weit von der Wahrheit entfernt scheinen mir jene, die die Natur für tot halten und den Namen „Leben“ und „Organismus“ nur den organisierten Individuen, also Tieren und Pflanzen, zuschreiben. §. XXII. [Schelver als Autorität] Ich weiß sehr wohl, daß mir in dieser Sache sehr viele Gegner entgegenstehen, und daß die Zahl derjenigen, die meine Ansicht unterstützen, nur gering ist. Doch um zu zeigen, daß meine Meinung nicht gänzlich ohne Autorität ist, will ich nur eine einzige Stelle – als Beispiel für viele, die ich aus den Schriften von [Philipp Franz von] Walther [1782–1849], Schelling, Oken und anderen Gelehrten hätte anführen können – aus dem genannten Buche von [Franz Joseph] Schelver [1778– Abbildung 3. Schema der Allgemeinen und Speziellen Biologie (Carus 1811a: S. 16-17. „II. Macrocosmologia“ muß „II. Microcosmologia“ heißen = Erratum im Original)
16 CHELYOPS Berichte aus der Paläontologischen Sammlung in Tübingen Carus (2026): Entwurf einer allgemeinen Lebenslehre (1811) Grosche, S. (1993). Lebenskunst und Heilkunde bei C.G. carus (1789-1869). Anthropologische Medizin in Goethescher Weltanschauung. Mit 16 unveröffentlichten Briefen von Carus an Goethe. Inaugural-Dissertation, Fachbereich Medizin, Georg-August-Universität zu Göttingen. Hlavka, G. ([1987] 1990). Carl Gustav Carus: ALLGMEINE LEBENSLEHRE Habilitationsschrift Leipzig 1811 ANHANG (Lehre vom Tod). In: Michael, E. (Hrsg.). CarusFibel zur Ganzheitsphilosophie des 21. Jahrhunderts. 3., stark erw. Aufl., erg. u. verb. in Arbeitsserien bis e u. f. Mittenwald: Erika Michael Verlag Geist und Natur, S. 2527. Hoffmann, F. (1740-53). Operum omnium physicomedicorum supplementum in tredecim volumina distributum; in quibus continentur opera varia quae in magna operum collectione desiderantur. 6 Bände. Genf: Tournes. Kant, I. (1786). Metaphysische Anfangsgründe d. Naturwissenschaften. Kant, I. (1798). Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels oder Versuch von der Verfassung und dem mechanischen Ursprunge des ganzen Weltgebäudes nach Newtonischen Grundsätzen abgehandelt. 9. Auflage. Zeiß: Wilhelm Webel. Kanz, K. T. (2006). „… die Biologie als die Krone oder der höchste Strebepunct aller Wissenschaften.“ Zur Rezeption des Biologiebegriffs in der romantischen Naturforschung (Lorenz Oken, Ernst Bartels, Carl Gustav Carus). NTM International Journal of History & Ethics of Natural Sciences, Technology & Medicine 14: 77-92. Kuhlmann-Hodick, P., Spitzer, G., Maaz, B. (2009a, Hrsg.). Carl Gustav Carus - Natur und Idee. Katalog. Berlin: Deutscher Kunstverlag. Kuhlmann-Hodick, P., Spitzer, G., Maaz, B. (2009b, Hrsg.). Carl Gustav Carus – Wahnehmung und Konstruktion. Essays. Berlin: Deutscher Kunstverlag. Lambert, J. H. (1761). Cosmologische Briefe über die Einrichtung des Weltbaues. Augsburg: Eberhard Klett. Michael, E. (1989). Carl Gustav Carus. Allgemeine Lebenslehre lat./Diss./Habil. V. 15.10.1911, mit einem Nachwort der Hrsg. Erika Michael, incl. Zitatauswahl und Carus-Werkverzeichnis. Mittenwald: Erika Michael Verlag Geist und Natur. Oken, L. (1809). Lehrbuch der Naturphilosophie. Jena: Friedrich Frommann. Reil, J. C., Hoffbauer, J. C. (1808). Beyträge zur Beförderung einer Kurmethode auf psychischem Wege. Hall: Curtsche Buchhandlung. Schelling, F. W. J. (1798). Von der Weltseele. Eine Hypothese der höheren Physik zur Erklärung des allgemeinen Organismus. Hamburg: Friedrich Perthes. Schelling, F. W. J. (1799). Erster Entwurf eines Systems der Naturphilosophie. Jena und Leipzig: Christian Ernst Gabler. [Anm.: Carus zitiert vmtl. einen Vorabdruck in den „Jahrbüchern der Medicin“] Schelling, K. E. (1806). Ueber das Leben und seine Erscheinung. Landshut: Philipp Krüll, Universitätsbuchhändler. Schelver, J. F. (1800). Elementarlehre der organischen Natur Theil 1. Organonomie. Göttingen: Johann Christian Dietrich. Schneck, P. (2009). De uteri rheumatismo [Über die rheumatische Entzündung der Gebärmutter] Leipzig (Tachnitz) 1811 (Diss. med.). In: Kuhlmann-Hodick, P., Spitzer, G., Maaz, B. (Hrsg.). Carl Gustav Carus - Natur und Idee. Katalog. Berlin: Deutscher Kunstverlag, S. 242. Schubert, G. H. (1806-21). Ahndungen einer allgemeinen Geschichte des Lebens. 3 Bände. Leipzig: Carl Heinrich Reclam Sprengel, K. (1800-25). Versuch einer pragmatischen Geschichte der Arzneykunde. 2. Auflage Halle: Gebauersche Buchhandlung. Stahl, G. E. (1708). Theoria Medica Vera : Physiologiam & Pathologiam, Tanquam Doctrinae Medicae Partes Vere Contemplativas, e Naturae & Artis Veris Fundamentis, Intaminata ratione, & inconcussa Experientia sistens. Halle: Orphanotropheum. Steffens, G. (1810). Geognostisch-geologische Aufsätze, als Vorbereitung zu einer innern Naturgeschichte der Erde. Hamburg: B. G. Hoffmann. Sylvester, C. (1807). Versuche über die Säureund Alkalibildung durch Galvanismus. Annalen der Physik 25(1): 107-112. [hierin der Verweis auf Pacchiani; siehe § XXXIV] Tiedemann, D. (1791-97). Geist der speculativen Philosophie. 6 Bände. Marburg: Neue Akedemische BuchhandlungTreviranus, G. R. (1802). Biologie, oder Philosophie der lebenden Natur für Naturforscher und Ärzte. Göttingen: Johann Friedrich Röwer. Troxler, I. P. V. (1807). Ueber das Leben und sein Problem. Göttingen: Justus Friedrich Dankwerts. Von Engelhardt, D. (2009). Dissertatio sistens specimen biologigae generalis [Entwurf einer allgemeinen Lebenslehre]. Leipzig (Tauchnitz) 1811 (zusmmen mit Johann Friedrich August Anschütz). Wagner, G., Pätzold, L. (2002). Carl Gustav Carus (1789– 1869). Medizinische Ausbildung 19: 50-56. Walther, P. F. v. (1807-08). Physiologie des Menschen, mit durchgängiger Rücksicht auf die comparative Physiologie der Thiere. Landshut: Philipp Krüll, Universitätsbuchhändler. Weiss, C. S. (1801). Dissertatio de regidi et fluidi notionibus. Leipzig. [Original habe ich nicht auffinden können] Werneburg, I., Hoßfeld, U., Rehm, C., Levit, G. S. (2022). Vorlesungen und Konzeptionen zur Paläontologie bei Ernst Haeckel. In: Werneburg, I., Hoßfeld, U., Rehm, C., Levit, G. S. (Hrsg.). Vorlesung über Paleontologie von Ernst Haeckel - Die Vorlesungsmitschrift von Nikolai Nikolajewitsch Miklucho-Maclay aus dem Sommersemester 1866. Tübingen: Scidinge Hall Verlag. Zeller, U., Werneburg. I. (2024). Ein Leben für Forschung und Ideal: Johannes Müller im Spannungsfeld zwischen empirischer Universalität und idealistischem Vitalismus [Einführung]. In: Zeller, U., Werneburg, I. (Hrsg.). Vorlesung über Vergleichende Anatomie von Johannes Müller - Die Vorlesungsmitschrift von Ernst Zeller aus dem Sommersemester 1851. Tübingen: Scidinge Hall Verlag. Anmerkung: Die von Carus im Text angegebenen Lebensdaten der verschiedenen Personen wurden nach aktuellem Wissensstand aktualisiert. Vornamen wurden, wo nötig, ergänzt. Die einzelnen Abschnitte (§§) habe ich für eine bessere Orientierung mit Überschriften versehen.