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Vergangenheit im Vorgarten: Die Panzersperre als Relikt und Reflexionsraum

Gau, Sønke; Graf, Simon; Hof, Leoni

Abstract

Die Ausstellung «Vergangenheit im Vorgarten» untersucht den Bedeutungswandel der Panzersperre als landschaftliches Relikt. Gezeigt werden historische, ethnografische und künstlerische Arbeiten, die eine vielstimmige Perspektive auf dieses Objekt bieten und über seine militärhistorische Bedeutung hinausweisen. Dadurch eröffnet die Ausstellung einen Dialog über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dieses Relikts. Sie lädt die Besucher und Besucherinnen ein, sich an diesem Diskurs zu beteiligen.

Full text

Forum Vergangenheit im Vorgarten – Die Panzersperre als Relikt und Reflexionsraum Résumé L’exposition « Vergangenheit im Vorgarten » (Le passé dans le jardin) examine le changement de signification de la barrière antichar en tant que vestige paysager. Elle présente des œuvres historiques, ethnographiques et artistiques qui offrent une perspective à plusieurs facettes sur cet objet et vont au-delà de son importance historique militaire. L’exposition ouvre ainsi un dialogue sur le passé, le présent et l’avenir de cette relique. Elle invite les visiteurs à participer à ce discours. SØNKE GAU, SIMON GRAF, LEONI HOF, Zürcher Hochschule der Künste ZHdK Schlüsselbegriffe Panzersperren; Ausstellung; Kunst; Ethnografie; Zeitgeschichte Keywords anti-tank barriers; exhibition; art; ethnography; contemporary history LEONI HOF co-leitet das Team Content und PR an der Zürcher Hochschule der Künste. Sie begleitet die Ausstellung «Vergangenheit im Vorgarten» kommunikativ. Sie studierte Neuere deutsche Literatur und Medien, Europäische Ethnologie und Völkerkunde an der Philipps-Universität Marburg (DE) und verfügt über langjährige Erfahrung als Kulturredaktorin. SIMON GRAF (Ethnologe/Historiker) war wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt «Materialisierte Erinnerungen (in) der Landschaft» und ist zurzeit im Ausstellungsprojekt «Vergangenheit im Vorgarten» an der Zürcher Hochschule der Künste tätig. An der Universität Freiburg (CH) schreibt er seine Dissertation zur Gegenwartsgeschichte der Panzersperre seit den 1990er-Jahren. DR. PHIL. SØNKE GAU ist Senior Researcher und stellvertretender Leiter des Forschungsschwerpunkts Kulturanalyse in den Künsten (Zürcher Hochschule der Künste), Dozent (Major: Transdisziplinarität in den Künsten, Curatorial Studies; Minors: Critical Thinking, Kulturanalyse in den Künsten), Kurator und Kunstkritiker. Er leitete die Projekte «Materialisierte Erinnerungen (in) der Landschaft» (2019–2023) und «Vergangenheit im Vorgarten. Die Panzersperre als Relikt» (2024/2025). (Foto: Guillaume Musset / ZHdK) E-Mail: zhdk.k[email protected] 1 stratos digital #108 Forum – Vergangenheit im Vorgarten – Die Panzersperre als Relikt und Reflexionsraum 14. April 2025 www.vtg.admin.ch/de/stratos Die Ausstellung «Vergangenheit im Vorgarten» untersucht den Bedeutungswandel der Panzersperre als landschaftliches Relikt. Gezeigt werden historische, ethnografische und künstlerische Arbeiten, die eine vielstimmige Perspektive auf dieses Objekt bieten und über seine militärhistorische Bedeutung hinausweisen. Dadurch eröffnet die Ausstellung einen Dialog über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dieses Relikts. Sie lädt die Besucher und Besucherinnen ein, sich an diesem Diskurs zu beteiligen. Betonhöcker ziehen sich durch die Schweizer Landschaft – einst Teil eines militärischen Verteidigungskonzepts, sind die Panzersperren heute Relikte, deren Bedeutung im Wandel begriffen ist. Das Forschungsprojekt «Materialisierte Erinnerungen (in) der Landschaft» an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) untersuchte diesen Bedeutungswandel aus künstlerisch-ethnografischer und zeithistorischer Perspektive.1 Die Ergebnisse dieser Forschung sowie zusätzliche künstlerische Positionen sind nun in der von Sønke Gau, Simon Graf und Barbara Ruf kuratierten Ausstellung «Vergangenheit im Vorgarten. Die Panzersperre als Relikt» zu sehen.2 Die Ausstellung im Forum Schlossplatz in Aarau lädt dazu ein, diesen Spuren der Vergangenheit in unserer Gegenwart zu begegnen und darüber zu reflektieren: Was einst eine klare Funktion Abbildung 1: Raumansicht «Das Objekt». Lithic Alliance «MO_MEN_TUM XX» (2020/2025). (Foto: Peter Koehl) 2 stratos digital #108 Forum – Vergangenheit im Vorgarten – Die Panzersperre als Relikt und Reflexionsraum 14. April 2025 www.vtg.admin.ch/de/stratos hatte – den Vormarsch feindlicher Panzer zu verzögern –, ist heute Teil eines relativ offenen Bedeutungsgefüges – auch wenn sich die geopolitische Lage seit 2022 grundlegend verändert hat. Manche dieser Relikte sind inzwischen unter Denkmalschutz gestellt, andere wurden entfernt oder von der Natur zurückerobert. Wieder andere sind zum Material künstlerischer Auseinandersetzung geworden. In der Ausstellung wird diese Bedeutungsoffenheit zum Anlass genommen, um mit den Besucherinnen und Besuchern in einen Dialog über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dieser Objekte zu treten. Szenografie als Erzählform Bereits auf dem Vorplatz des Forum Schlossplatz werden die Besucherinnen und Besucher von einer Installation der Lithic Alliance empfangen: Eine monumentale Sandformation verweist auf die Materialität und Vergänglichkeit der Sperren. Auch im Inneren nimmt die Ausstellung räumliche Bezüge zur Verteidigungsarchitektur auf. Die Szenografie (Antonio Scarponi) spielt mit Sichtachsen, die an militärische Planungen erinnern – architektonische Linien lenken den Blick durch die Räume, unterbrechen ihn, leiten ihn weiter. Die Ausstellung entfaltet sich entlang eines konzeptionellen Pfades, der sich aus historischen Dokumenten, künstlerischen Arbeiten und ethnografischen Perspektiven zusammensetzt. Die Ausstellung ist in drei Kapitel gegliedert: «Das Objekt» widmet sich der historischen Panzersperre. Ihre Transformation zum ökologischen Relikt und Kulturerbe in den 1990er-Jahren wird in «Die Reliktwerdung» diskutiert, während «Das Relikt» nach aktuellen ästhetischen und alltäglichen Aneignungen der Betonhöcker fragt. Die Besucherinnen und Besucher werden so eingeladen, der Panzersperre als militärisches Landschaftsobjekt über ihre Reliktwerdung bis hin zu ihrer gegenwärtigen Bedeutung zu folgen, gleichzeitig durchbrechen die künstlerischen Arbeiten diese chronologische Anordnung der Szenografie. Die «Objets Trouvés» des Designers Frédéric Dedelley etwa befragen die Grenzen zwischen militärischer Infrastruktur und Landschaft. Die nahezu unbearbeiteten Natursteine schaffen im Aussenwie im Innenraum einen Kontrast zu den künstlich geschaffenen Sperren. Von der Panzersperre zum Relikt Drei Vitrinen, die in ihrem Design den Stahlspinnen nachempfunden sind, verbinden szenografisch die Räume «Das Objekt» und «Die Reliktwerdung», während sie gleichzeitig den Besuchenden den Durchgang versperren. Die dort einzusehenden historischen Quellen geben Einblick in die Geschichte der Panzersperre als militärisches wie landschaftliches Objekt. Zwei weitere Vitrinen stellen die Kritik der Umweltbewegung an der «Was einst eine klare Funktion hatte – den Vormarsch feindlicher Panzer zu verzögern –, ist heute Teil eines relativ offenen Bedeutungsgefüges – auch wenn sich die geopolitische Lage seit 2022 grundlegend verändert hat.» «Auch im Inneren nimmt die Ausstellung räumliche Bezüge zur Verteidigungsarchitektur auf.» Abbildung 2: Raumansicht «Reliktwerdung». (Foto Peter Koehl) 3 stratos digital #108 Forum – Vergangenheit im Vorgarten – Die Panzersperre als Relikt und Reflexionsraum 14. April 2025 www.vtg.admin.ch/de/stratos zubetonierten militärischen Landschaft der ökologischen Bedeutungswerdung der Betonhöcker in den 1990er-Jahren gegenüber. Basierend auf historischen Quellen verwebt Simon Graf im Hörstück «Unkrautherd, Öko-Oase und Lebensraum» verschiedene Stimmen aus der Bevölkerung zu einem akustischen Essay zur vielstimmigen und wechselvollen Geschichte der Panzersperre im 20.Jahrhundert. Die künstlerisch-fotografische Arbeit «Vrenis Gärtli» von Gabi Vogt zeigt, dass es auch im Kalten Krieg zu zivilen Umnutzungen der Panzersperren kam, die dessen Ende bis in die Gegenwart überdauern. In einem der Ausstellungsräume steht das Panzersperren-Modell «Betonblock für beidseitige Sperrung» des Büro für Befestigungsbauten von 1944 aus Verschalungsholz in Originalgrösse, Teil einer Installation von Anna Froelicher, die mit ihrer Arbeit das Verhältnis von Massstab und Wahrnehmung der Materialität der Panzersperren thematisiert. An anderer Stelle stösst man auf eine Videoinstallation von Florian Wegelin, die aus Gesprächen mit Anwohnerinnen und Anwohnern, Naturschützerinnen und Naturschützern, ehemaligen Armeeangehörigen und Künstlerinnen und Künstlern entstanden ist. Seine Arbeit «Sperrige Relikte» zeigt, wie diese Objekte heute wahrgenommen werden: als Erinnerungsorte, als Hindernisse oder als zufällig erhaltene Monumente der Vergangenheit. In einer weiteren gezeigten Arbeit führt Barbara Kiener eine politische Intervention durch – im Jahr 2021 färbte sie Panzersperren rosa ein, um die Verstrickung der Schweiz in globale Kriegsgeschäfte zu hinterfragen. Ihre dokumentarische Spur bleibt in der Ausstellung als grossformatige Wandarbeit erhalten. Die Multiperspektivität der Ausstellung zeigt sich auch in drei Audiostationen. Simon Graf bringt hier unterschiedliche Stimmen aus der Bevölkerung miteinander ins Gespräch. Festungsvereinsmitglieder, Künstlerinnen und Künstler, anwohnende Schrebergartenbesitzende und Naturschützende äussern sich beispielsweise zur Frage, ob dieses Relikt erhaltenswert ist. Vom Sperrwerk zur Aushandlungsfläche Wie ein roter Faden zieht sich diese Mehrstimmigkeit durch die Ausstellung und legt dadurch offen, dass die Panzersperren mehr sind als blosse militärische Hinterlassenschaften. Sie sind Orte der Erinnerung, des Naturschutzes, Projektionsflächen für gesellschaftliche Debatten und künstlerische Auseinandersetzungen. Die Frage, was mit diesen Relikten geschehen soll, bleibt dabei offen: Sollen sie als Denkmale erhalten, als nutzlose Artefakte abgetragen oder weiterhin umgenutzt werden? Um diesen Dialog zu vertiefen, sind die Besucherinnen und Besucher eingeladen, ihre Gedanken auf Postkarten festzuhalten und in der Ausstellung zu hinterlassen. So wird die Reflexion über die Relikte selbst zu einem lebendigen Prozess, der über den Ausstellungsraum hinausweist. Und die Ausstellung eine Einladung zur Auseinandersetzung – mit den Panzersperren als Spuren einer Vergangenheit, die immer wieder neue Bedeutungen erhält. Informationen zur Ausstellung Vergangenheit im Vorgarten. Die Panzersperre als Relikt Noch bis am 18. Mai 2025 Forum Schlossplatz Aarau Mittwoch – Samstag: 12–17 Uhr Sonntag: 11–17 Uhr Mehr Informationen auch zum Rahmen programm: https://www.forumschlossplatz.ch/ausstel lungen/vergangenheitimvorgarten Endnoten 1 Das Forschungsprojekt wurde vom Schweizerischen Nationalfonds finanziert und unter der Leitung von Sønke Gau von 2019 bis 2023 am For schungsschwerpunkt Kulturanalyse in den Künsten an der ZHdK durchge führt. Projektmitarbeitende waren Anna Froelicher, Simon Graf und Florian Wegelin. 2 Die Ausstellung ist eine Kooperation der Zürcher Hochschule der Künste mit dem Forum Schlossplatz und wurde als AGORAProjekt eben falls vom Schweizerischen Nationalfonds gefördert. «Wie ein roter Faden zieht sich diese Mehrstimmigkeit durch die Ausstellung und legt dadurch offen, dass die Panzersperren mehr sind als blosse militärische Hinterlassenschaften.» 4 stratos digital #108 Forum – Vergangenheit im Vorgarten – Die Panzersperre als Relikt und Reflexionsraum 14. April 2025 www.vtg.admin.ch/de/stratos