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Implementierung von digitalen Assistenzsystemen in ambulante Pflegekontexte – Ein Review

Kuhlmann, Andrea; Schlifski, Manueal; Schöttler, Roland; Schäfer, Svenja; Laser, Johannes

Abstract

Das Projekt AIDA (Akteurszentrierte Integration Digitaler Assistenzsysteme) untersucht, warum digitale Assistenztechnologien trotz positiver Einstellungen und bestehender Möglichkeiten bislang kaum in der ambulanten Pflege etabliert sind. In einem systematischen Review wurden 26 Studien analysiert, um fördernde und hemmende Faktoren für die Implementierung zu identifizieren. Dabei wurden fünf zentrale Kategorien betrachtet: Ressourcen, Kompetenzen, Readiness, Partizipation sowie Ziele und Erwartungen. Das Kategoriensystem ermöglicht eine strukturierte Analyse von Implementierungsprozessen und liefert wichtige Hinweise für den erfolgreichen Einsatz digitaler Assistenzsysteme in der ambulanten Pflege. The AIDA project (Actor-Centered Integration of Digital Assistive Systems) explores why digital assistance technologies, despite existing potential and positive attitudes, have not yet been widely implemented in outpatient care. A systematic review of 26 studies was conducted to identify enabling and inhibiting factors affecting implementation. Five key categories guided the analysis: resources, skills and competencies, readiness, participation, and goals and expectations. This framework provides a structured approach to understanding implementation processes and offers insights into factors that support or hinder the use of digital assistive technologies in outpatient care.

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Forschungspublikation BMFTR Projekt AIDA (FKZ: 13FH509KX9) – Akteurszentrierte Integration Digitaler Assistenzsysteme Creative Commons CC BY: This article is distributed under the terms of the Creative Commons Attribution 4.0 License (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/) which permits any use, reproduction and distribution of © Die Autoren 2025 DOI: 10.5281/zenodo.17492436 Implementierung von digitalen Assistenzsystemen in ambulante Pflegekontexte – Ein Review Andrea Kuhlmann1* , Manuel Schlifski1* , Roland Schöttler1* , Svenja Schäfer1* , Johannes Laser2 Abstract Hintergrund: Ambulante Pflegedienste befinden sich in einem Spannungsfeld von zunehmenden Pflegebedarfen und eines sich sukzessiv verschärfenden Fachkräftemangels. Eine mögliche Lösung stellt die Anwendung von digitaler Assistenztechnologie dar, welche bisweilen wenig Anwendung in der breiten Versorgungspraxis findet. Im Projekt AIDA (Akteurszentrierte Integration Digitaler Assistenzsysteme) wird erforscht, weshalb vorhandene Möglichkeiten und eine grundsätzlich positive Haltung bislang nicht zu einer flächendeckenden Umsetzung geführt haben. Untersucht werden dabei fördernde und hemmende Faktoren aus der Perspektive von Pflegebedürftigen, professionellen Pflegekräften sowie Pflegeeinrichtungen. Methode: Im Rahmen eines Systematic Review wurden Studien ausgewertet, die sich mit der Implementierung von digitalen Assistenzsystemen in der ambulanten Pflege beschäftigen. Für die Auswertung wurden insgesamt fünf Kategorien deduktiv an das Textmaterial angelegt, die in vorangegangener Forschung des Projektes AIDA festgelegt wurden. Ergebnisse: Insgesamt wurden 972 Treffer generiert, von denen 26 Treffer in die finale Auswertung einbezogen wurden. Die fünf übergreifenden Kategorien sind: Ressourcen, Fähigkeiten und Kompetenzen, Readiness, Partizipation sowie Ziele und Erwartungen. Es zeigte sich, dass für die einzelnen Akteursgruppen Befähiger und Barrieren im Kontext aller Kategorien identifiziert werden können. Schlussfolgerung: Die Anlage des vorliegenden Kategoriensystems ist dazu geeignet, Implementierungsprozesse von digitaler Assistenztechnologie in ambulante Pflegekontexte systematisch zu analysieren und Anhaltspunkte für befähigende und hinderliche Faktoren zu identifizieren. Background: Outpatient care facilities are caught between rising demand for care and an increasingly acute shortage of skilled workers. One possible solution lies in the use of digital assistance technologies, but these have so far only been used to a limited extent in everyday care practice. The AIDA project (Actor-Centered Integration of Digital Assistive Systems) is investigating why the existing potential and generally positive attitude have not yet led to widespread implementation. The study focuses on identifying promoting and inhibiting factors from the perspectives of care recipients, professional caregivers, and care organisations. Method: As part of a systematic review, studies dealing with the implementation of digital assistance systems in outpatient care were analysed. Five overarching categories were applied deductively to the material for the analysis. These categories are based on previous research conducted as part of the AIDA project. Results: A total of 972 hits were identified, 26 of which were included in the final analysis. The five main categories are: resources, skills and competencies, readiness, participation, and goals and expectations. It was found that both enabling factors and barriers could be identified in all categories for each group of stakeholders. Conclusion: These results suggest that the present category system is suitable for systematically analysing implementation processes of digital assistive technologies in outpatient care facilities and identifying promoting and inhibiting factors. Keywords: digital transformation · home care · assistive technology · implementation barriers · organizational change · care innovation · participatory approaches · healthcare technology adoption 1 Protestant University of Applied Sciences Bochum. *Joint first authorship/equal contribution: Diese Autor:innen haben gleichermaßen zur Arbeit beigetragen. 2 Dieser Autor hat maßgeblich an Recherche, Screening und Auswahl der Literatur mitgewirkt. 2 Inhaltsverzeichnis 1 Hintergrund ............................................... 2 2 Methodik .................................................... 3 3 Ergebnisse .................................................. 4 4 Diskussion .................................................. 6 5 Ausblick und Limitationen ....................... 8 Literaturverzeichnis..................................... 9 1 Hintergrund Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen nimmt kontinuierlich zu, gleichzeitig sind infolge des Fachkräftemangels in der Pflege immer weniger Mitarbeitende verfügbar (Destatis 2024; Hüther und Kochskämper 2018). Vor dem Hintergrund des Wunsches vieler Menschen, auch bei Pflegebedürftigkeit in der eigenen Wohnung zu bleiben, rückt die ambulante Pflege verstärkt in den Fokus (Mestheneos 2011; Pfabigan 2021). Technische Unterstützung – insbesondere durch digitale Assistenzsysteme – wird als potenzielle Lösung zur Entlastung von Pflegekräften gesehen (Scorna u. a. 2022). Allerdings erfolgt die Implementierung solcher Systeme bislang nur schleppend (ebd.) bzw. stellt sich die Pflege bisweilen nicht als digitaler Vorreiter im Vergleich zu anderen Branchen dar (Schwinger, Klauber & Tsiasioti 2020). Digitale Assistenzsysteme, die z. B. durch Sensoren gesundheitsund umgebungsbezogene Daten erfassen, können die Selbstständigkeit und Sicherheit pflegebedürftiger Menschen fördern und Pflegekräfte unterstützen (Lutze u. a. 2019). Barrieren wie mangelnde Nutzerfreundlichkeit, geringe digitale Kompetenzen und fehlende Partizipation relevanter Akteure behindern die Verbreitung (Glomsås u. a. 2020; Hülsken-Giesler u. a. 2019). Für eine erfolgreiche Implementierung ist eine strategische Vorgehensweise erforderlich. Die Forschung fokussiert sich bisher stark auf technische Aspekte in Pflegeorganisationen. Das vorliegende Review beleuchtet nun die Erfahrungen verschiedener Akteursgruppen bei der Implementierung digitaler Assistenzsysteme (dAs) in der Pflege. Faktoren, die die Implementierung von dAs stärken sowie Aspekte, die Nutzungsund Diffusionsbarrieren aus Sicht zentraler Akteursgruppen darstellen, werden analysiert. Als Grundlage für die Analyse von Implementierungsprozessen, welche in der Fachliteratur beschrieben und diskutiert werden, dient das Kategorienmodell von Schöttler, Kuhlmann und Schlifski (Schöttler, Kuhlmann & Schlifski 2025). Diese Kategorien umfassen eine Reihe von Domänen im Zusammenhang mit der Implementierung von digitalen Assistenzsystemen. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass bei Digitalisierungsprozessen fünf zentrale Themenbereiche bei allen drei beteiligten Gruppen – Pflegebedürftigen, Pflegekräften und Organisationen im Pflegebereich – eine wichtige Rolle spielen. Diese Bereiche sind die zur Verfügung stehenden (1) Ressourcen, die (2) Fähigkeiten und Kompetenzen, die die Akteure mitbringen oder benötigen, die (3) „Readiness“, also die Bereitschaft und Einstellungen zur Anpassung von Prozessen und Adaption von Innovation, die (4) Partizipation der beteiligten Akteursgruppen sowie (5) Ziele und Erwartungen, die die Akteure gegenüber dem Einsatz von dAs haben. Obwohl die konkreten Ausprägungen in den 3 einzelnen Fällen unterschiedlich sind, zeigen sich in diesen Kategorien ähnliche Herausforderungen und Chancen (ebd.). 2 Methodik Die vorliegende Literaturrecherche wurde entsprechend den zehn Schritten des ‚RefHunters‘ gemäß Hirt & Nordhausen (2019) durchgeführt, wobei ein sensitiver Ansatz mit den drei Suchkomponenten "Implementierung", "digitale Assistenzsysteme" und "ambulante Pflege" zugrunde lag. Für die Recherche wurden fünf Datenbanken genutzt. Diese sind CINAHL, PubMed, Scopus, Web of Science und CareLit. Der Suchlauf wurde durch MeSH-Terms und Subject Headings ergänzt. Die Suchbegriffe wurden mittels OR und AND verknüpft, unter Einsatz von Phrasensuche und Filtern für Sprache und Zeitraum. Zusätzlich erfolgte eine manuelle Suche Abb. 1: Einund Ausschlusskriterien (Handsuche) in einer projektinternen Literaturdatenbank. Sowohl das Titelund Abstract-Screening als auch das VolltextScreening wurden in Mehrpersonen-Teams unabhängig voneinander durchgeführt und bei Unstimmigkeiten im Konsens entschieden. Die Datenbankrecherche wurde im Juli 2023 durchgeführt. In die Untersuchung wurden Publikationen einbezogen, die den folgenden Einund Ausschlusskriterien entsprachen (Abb. 1). Für die Auswertung wurden die Forschungsergebnisse sowie teilweise die Diskussionen der eingeschlossenen Literatur genutzt. Ziel war es, die Inhalte nach vorher festgelegten Kategorien im Sinne einer typenbildenden qualitativen Inhaltsanalyse auszuwerten (Kuckartz & Rädiker 2022). Als Grundlage diente das genannte Kategorienmodell nach Schöttler et al. (2025), welches fünf deduktiv Einschlusskriterien Ausschlusskriterien Thematische Relevanz Person of Interest: • Akteure der ambulanten Pflege: Pflegekräfte, Pflegebedürftige (inkl. Angehörige), Pflegeorganisation Intervention: • konzeptioneller und praktischer Prozess der Implementierung/Einführung von dAs oder damit einhergehende Veränderungsprozesse in ambulanter Pflege; • Effekte einer Implementierung eines dAs in ambulanter Pflege Technische Relevanz • Digitale Technologie im Sinne eines dAs, d.h. sensorbasierte Technologie zur Erfassung von Aktivitäten des täglichen Lebens und pflegerelevanten Daten. Formale Kriterien • Publikationsart: Wissenschaftliche Hintergrundartikel, Studien, Reviews • Zeitraum: 2003-2023 • Sprache: Deutsch und Englisch Thematische Relevanz • kein Bezug zur Implementierung dAs in der professionellen Pflege. • ausschließlich ärztliche Telemedizin (z. B. Videosprechstunden, telekonsiliarische Angebote für Ärzt:innen). • kein Pflegebezug oder nur Bezug auf Selbstmanagement/ Lebenswelt Pflegebedürftiger, ohne Einbezug professioneller Pflege. • nur sozioökonomische, sozialpolitische, quartiersbezogene, kommunale Themen, ohne Bezug zu Pflege oder Implementierung dAs Technische Relevanz • kein Bezug zu dAs / keine sensorbasierte Technologie (z. B. reine Telefoninterventionen, analoge Kommunikationsformen). • reine Technikentwicklung/ Prototyping, ohne Bezug zur Implementierung in Pflegekontexten. • reine technischstrukturelle Implementierungsprozesse (z. B. IT-Infrastruktur, Softwarearchitektur), ohne pflegerische/ anwendungsbezogene Perspektive. Formale Kriterien • keine/ unzureichende Literaturangaben • Publikationsart: Sammelwerke, Abstractbände, nicht wissenschaftliche Dokumenttypen • Zeitraum: vor 2003 erschienen • Sprache: nicht deutsche oder englische Sprache 4 angelegte Kategoriebereiche umfasst. Die für die strukturierende Inhaltsanalyse herangezogenen Bausteine umfassen die Kategorien: (1) Ressourcen, (2) Fähigkeiten und Kompetenzen, (3) Readiness, (4) Partizipation und (5) Ziele und Erwartungen. Die vorliegende Auswertungsstrategie orientiert sich an der Akteurszentrierung des Projektes AIDA (Schlifski u. a. 2022). Innerhalb dieser Kategorien werden Befähiger und Barrieren identifiziert, um aufzuzeigen, inwiefern die Implementierung und Nutzung z. B. durch Partizipation gefördert oder durch Hürden wie fehlende Kompetenzen erschwert wird. Ergänzend zum deduktiven Ansatz, und den definierten Kategorien, die für das Codierschema genutzt wurden, sind induktiv weitere Unterkategorien erarbeitet worden, um prägnante Muster und Auffälligkeiten herauszuarbeiten. So wurde etwa das Konzept „Ressourcen“ deduktiv angesetzt, aber induktiv „Zeitmangel“ als konkrete Barriere bei Pflegekräften erkannt (Schöttler, Kuhlmann & Schlifski 2025). So wurde also ein kombiniertes Vorgehen aus Deduktion und Induktion umgesetzt. 3 Ergebnisse Insgesamt wurden 972 Treffer identifiziert. Nach Entfernung von Dubletten und Durchführung des Screenings gingen 26 Studien in die Analyse ein. Diese beleuchten die Implementierung und Nutzung von dAs aus Sicht von Pflegekräften, Pflegebedürftigen und Pflegeorganisationen. Der Auswahlprozess ist in Abb. 2 in Form eines Flussdiagramms dargestellt. Die Übersichtstabelle zu den eingeschlossenen Artikeln weist die jeweilige Methodik der Arbeiten aus (siehe Anhang). Abb. 2: Flussdiagramm zur Literaturrecherche Über alle drei Akteursgruppen hinweg lassen sich Befähiger und Barrieren konsistent entlang der fünf Kategorien Ressourcen, Kompetenzen, Readiness, Partizipation sowie Ziele/Erwartungen identifizieren. Pflegekräfte betonen insbesondere Kompetenzentwicklung, Partizipation und Usability; pflegebedürftige Menschen heben Akzeptanz, soziale Unterstützung und finanzielle Machbarkeit hervor; Pflegeorganisationen prägen die Implementierung maßgeblich durch Führungsstrukturen, Prozess-/Infrastrukturbereitschaft und Budgetierung. Insgesamt zeigen die Befunde, dass erfolgreiche Implementierungen technischer, personeller und organisationaler Faktoren bedürfen, die aufeinander abgestimmt sind. 5 3.1. Pflegekräfte im Spannungsfeld von Befähigern und Barrieren von Implementierungsprozessen von dAs Die Implementierung von dAs wird in der Perspektive der Pflegekräfte durch ein Zusammenspiel förderlicher und hemmender Faktoren geprägt. Zentrale Bedeutung kommt den Fähigkeiten und Kompetenzen zu: Lernund Aneignungsprozesse, insbesondere in der praktischen Erprobung, reduzieren wahrgenommene Komplexität und erhöhen den subjektiven Nutzen, was die Integration in Arbeitsabläufe erleichtert (Klemets, Määttälä & Hakala 2019). Fehlen entsprechende Kompetenzen, treten Anwendungsprobleme bis hin zur Ablehnung auf (Glomsås u. a. 2020). Partizipation wirkt hierbei als wichtiger Befähiger: die Einbindung in Technologieauswahl und CoDesign steigert Akzeptanz und Nutzenwahrnehmung, während unzureichende Kommunikationswege und begrenzte Mitgestaltungsmöglichkeiten Implementierungsschritte behindern (ebd.; Klemets, Määttälä & Hakala 2019; Seibert u. a. 2020). Auch Readiness – verstanden als Offenheit gegenüber Innovationen und Technologien – zeigt einen klaren Zusammenhang mit der Implementierung: positive Erwartungen, Vertrauen in das System und eine ausgeprägte Nutzenwahrnehmung fördern den Einsatz (Kleiven, Ljunggren & Solbjør 2020; Lussier u. a. 2020); umgekehrt wirken Misstrauen und negative Vorerfahrungen hemmend (Klemets, Määttälä & Hakala 2019; Kleiven, Ljunggren & Solbjør 2020). Darüber hinaus sind Ressourcen konstitutiv: personelle Unterstützung durch SuperUsers kann Implementierungen voranbringen (Kleiven u. a. 2020), wohingegen Zeitmangel oder mangelhafte Usability den Integrationsprozess erschweren (Seibert u. a. 2020). Schließlich beeinflussen Zielsetzungen und Erwartungen, ob Systeme in der Praxis tatsächlich genutzt werden: Technologie ohne erkennbaren Arbeitsnutzen wird kaum dauerhaft übernommen (ebd.). 3.2. Chancen und Herausforderungen im Kontext von dAs für pflegebedürftige ältere Menschen in professionellen ambulanten Versorgungsprozessen Aus Nutzer:innensicht zeigen sich ähnliche Spannungsfelder zwischen Befähigern und Barrieren. Der Aufbau digitaler Kompetenzen – etwa über Schulungsangebote oder individuellen technischen Support – begünstigt Nutzung und Integration (Oelschlägel u. a. 2021; Peek u. a. 2016). Partizipatives Vorgehen, z. B. bedarfsorientierte Assessments oder Co-Creation, erhöhen die Passung, stärken Autonomie und Mitbestimmung und verbessern damit die Akzeptanz (Glomsås u. a. 2021; Greenhalgh u. a. 2015). Readiness im Sinne von Akzeptanz bildet häufig die Grundlage der Nutzenwahrnehmung (Lussier u. a. 2020; Peek u. a. 2016). Zugleich bestehen Vorbehalte, etwa die Sorge, Pflegekräfte durch Techniknutzung zusätzlich zu belasten (Stokke 2017). Als soziale Ressource wirken Multiplikator:innen (z. B. Angehörige), die die Einführung anstoßen und Motivation über die Zeit aufrechterhalten (Peek u. a. 2016; Stokke 2017). Demgegenüber stehen Hindernisse wie fehlende digitale Kompetenzen (Mathijssen u. a. 2023) und finanzielle Belastungen (Peek u. a. 2016). So können neben den Anschaffungskosten auch laufende Betriebskosten die Nutzung einschränken (ebd.; Thordardottir u. a. 2019). 6 3.3. Herausforderungen und Potenziale für Pflegeorganisationen im Prozess der Implementierung von digitalen Innovationen Organisationen setzen die strukturellen und kulturellen Rahmenbedingungen für Implementierung und nachhaltige Nutzung. Auf Leitungsebene hemmen mangelnde Innovationsfähigkeit und digitale Kompetenz die Einführung (Greenhalgh u. a. 2015), Führungsstärke und gute Kommunikationsfähigkeit wirken dagegen förderlich (Peek u. a. 2016; Seibert u. a. 2020). Einrichtungen mit hoher Organisationsentwicklungsfähigkeit schaffen insgesamt günstigere Voraussetzungen, insbesondere wenn Räume für Partizipation von Mitarbeitenden und Klient:innen vorgesehen sind (Glomsås u. a. 2020). Auch hier ist Readiness entscheidend: Unpassende Strukturen und Prozesse erschweren den Regelbetrieb digitaler Lösungen (Peek u. a. 2016), während eine leistungsfähige IT-Infrastruktur als Ausdruck organisationaler Bereitschaft gilt (Seibert u. a. 2020). Finanzierungsfragen treten als wiederkehrende Barriere hervor. In der Literatur ist von ‚problematischen Anschaffungssituationen‘ die Rede, weshalb eine frühzeitige Klärung der Finanzierung gefordert wird (Greenhalgh u. a. 2015; Güsken u. a. 2021). Klar formulierte Organisationsziele – etwa die Entlastung von Pflegekräften oder die Unterstützung von Entscheidungen – können Investitionen legitimieren und Ressourcen mobilisieren (Seibert u. a. 2020). 4 Diskussion Die vorliegenden Befunde zeigen, dass die Implementierung und Nutzung von dAs in der ambulanten Pflege durch das Zusammenspiel fünf zentraler Dimensionen geprägt ist: Ressourcen, Fähigkeiten/Kompetenzen, Readiness, Partizipation sowie Ziele und Erwartungen. Über alle Akteursgruppen hinweg lassen sich ähnliche Muster erkennen; die Schwerpunkte unterscheiden sich jedoch zwischen Pflegekräften, pflegebedürftigen Personen und Pflegeorganisationen. Diese Muster verdeutlichen, dass technische, personelle und organisationale Faktoren nur in ihrer wechselseitigen Abstimmung zu einer erfolgreichen Implementierung und stabilen Nutzung führen. Besonders deutlich wird der Zusammenhang zwischen Partizipation, Readiness und wahrgenommenem Nutzen. Wo Entwicklung, Auswahl und Einführung partizipativ gestaltet sind, steigt die Bedarfsgerechtigkeit, Autonomie und Akzeptanz; diese Prozesse stärken wiederum die Readiness und damit die Wahrscheinlichkeit einer dauerhaften Integration in den Versorgungsalltag. Umgekehrt führen fehlende Kommunikationsund Mitgestaltungsmöglichkeiten häufig zu Unsicherheit, Misstrauen und Ablehnung. Damit fungiert Partizipation als vorgelagerter Hebel, der individuelle und organisationale Bereitschaft ebenso beeinflusst wie die spätere Nutzungsintensität. Kompetenzentwicklung wirkt als zweiter zentraler Mechanismus. Praxisnahe Lerngelegenheiten und kontinuierlicher Support reduzieren wahrgenommene Komplexität, fördern Selbstwirksamkeit 7 und erhöhen den subjektiven Nutzen. Fehlen solche Kompetenzen, treten Anwendungsprobleme bis zur Nichtnutzung auf; in der Folge werden Systeme – selbst bei objektivem Potenzial – nicht routiniert genutzt. Als wirksam haben sich Rollenprofile wie Super-Users erwiesen, die technische und organisatorische Brückenfunktion übernehmen. Diese Befunde verweisen darauf, dass Implementierungen nicht primär als Technologie-, sondern als Lernund Veränderungsprozesse zu verstehen sind. Ressourcenfragen markieren eine wiederkehrende Grenze der Umsetzung. Zeitdruck, Personalknappheit und Usability-Defizite behindern die Integration auf der Mikroebene; auf organisationaler Ebene erweisen sich unzureichende IT-Infrastruktur und ungeklärte Finanzierungswege als strukturelle Barrieren. Mehrere Arbeiten berichten von problematischen Anschaffungssituationen und betonen die Notwendigkeit einer frühzeitigen, tragfähigen Finanzierungsklärung. Wo dagegen klare Organisationsziele formuliert und entsprechende Mittel bereitgestellt werden, lassen sich dAS als Bestandteil regulärer Prozesse etablieren. Die Akteursperspektiven differenzieren diese Mechanismen: Pflegekräfte betonen die Bedeutung von Kompetenzen, Partizipation und Usability für die Passung zu Arbeitszielen; fehlt die wahrgenommene Nützlichkeit, bleiben Systeme ungenutzt. Pflegebedürftige heben die Rolle sozialer Unterstützung und individueller Mitbestimmung hervor; Multiplikator:innen und begleitende Beratung können Akzeptanz und Nutzung stabilisieren, während finanzielle Belastungen und Technikängste die Einführung bremsen. Pflegeorganisationen schließlich prägen die Rahmenbedingungen über Führungsund Kommunikationskompetenzen, Entwicklungsfähigkeit, Strukturen und Ressourcen. Diese Befunde sprechen für integrierte Implementierungsstrategien, die individuelle Lernangebote, partizipative Verfahrensschritte und organisatorische Readiness systematisch verzahnen. Aus den Synthesepunkten lassen sich konkrete Implikationen ableiten. Erstens sollten partizipative Verfahren – von der Bedarfsanalyse über Co-Design bis zur Evaluation – verbindlich in die Implementierung eingebettet werden, da sie Readiness stärken und die wahrgenommene Nützlichkeit erhöhen. Zweitens sind strukturierte Kompetenzprogramme mit klaren Rollen (z. B. Super-Users) und praxisnahen Lerngelegenheiten vorzusehen, um Komplexitätswahrnehmung zu reduzieren und Anwendungssicherheit aufzubauen. Drittens bedarf es vorgelagerter Entscheidungen zur Finanzierungsund ITReadiness (Infrastruktur, Workflows), damit Implementierungen nicht an Anschaffungshürden oder Prozessinkompatibilitäten scheitern. Viertens sollten Organisationsziele (z. B. Entlastung von Pflegekräften, Entscheidungsunterstützung) früh und messbar definiert werden, um Ressourcenbündelung und Nachhaltigkeit zu sichern. Als Querschnittsbefund der eingeschlossenen Literatur fällt zudem auf, dass die Leitungsund Organisationsperspektive in vielen Studien nur mittelbar sichtbar wird. Künftige Forschung sollte daher managementbezogene und organisationale Einflussfaktoren – etwa Führungshandeln bei 8 Technologieeinführungen, Kosten-NutzenAbwägungen auf Organisationsebene sowie Übergänge vom pilotierten in den regelhaften Betrieb in den Blick nehmen und entlang der fünf Dimensionen systematisch untersuchen. 5 Ausblick und Limitationen Dieses Review liefert eine akteurszentrierte Synthese zu Implementierungsund Nutzungsbedingungen von dAs in der ambulanten Pflege und bündelt die Befunde entlang der fünf zentralen Dimensionen Ressourcen, Fähigkeiten/ Kompetenzen, Readiness, Partizipation sowie Ziele/Erwartungen. Die Breite der Recherche und der Fokus auf drei Akteursgruppen ermöglichen differenzierte Einblicke in förderliche und hemmende Bedingungen der Einführung von dAS; insgesamt wurden rund 1.000 Treffer gescreent, woraus 26 Studien in die Analyse eingingen. Damit leistet der Beitrag einen substanziellen Überblick über ein Feld, das bislang stark technisch fokussiert diskutiert wird und in dem organisationale und akteursspezifische Perspektiven systematisch zusammengeführt werden. Die Aussagekraft der Ergebnisse ist durch mehrere Faktoren begrenzt, die transparent zu benennen sind. Erstens unterlag die Evidenz einem festen Suchzeitpunkt (Datenbankrecherche Juli 2023), wodurch nachfolgende Entwicklungen unberücksichtigt bleiben. Zweitens wurden Publikationen auf Deutsch und Englisch beschränkt; ein möglicher Language Bias ist damit nicht auszuschließen. Drittens begrenzen Auswahl und Umfang der Datenbanken sowie die projektspezifische Handsuche die Vollständigkeit der Treffer und bergen potenziell einen Selection Bias. Viertens wurden Technologien ohne Sensorbezug (etwa Apps, Robotik, Telenursing) gemäß den festgelegten Kriterien nicht berücksichtigt, was die Übertragbarkeit der Befunde auf breitere E-HealthImplementierungen einschränkt. Schließlich flossen in die Synthese neben Ergebnissen teilweise auch Diskussionspassagen der Primärstudien ein; dies kann die interpretative Gewichtung einzelner Befunde beeinflussen. Aus den vorliegenden Befunden ergeben sich prioritäre Entwicklungslinien für Forschung und Praxis. Auf organisationaler Ebene ist zu klären, welche Führungsund Kommunikationspraktiken Readiness und Nutzungstreue messbar erhöhen und wie sie in Routineprozesse überführt werden können; das AIDA-Rahmenmodell bietet hierfür einen geeigneten Ausgangspunkt. Ergänzend sind Umsetzbarkeit und Wirksamkeit kompetenzbasierter Implementierungsansätze – einschließlich klarer Rollenprofile (z. B. Super-Users) und arbeitsplatznaher Lernsettings – zu prüfen. Für den Brückenschlag vom Pilotzum Regelbetrieb bedarf es belastbarer Finanzierungsund Beschaffungswege sowie klarer IT-Readiness-Kriterien (Infrastruktur, Workflows, Interoperabilität). Partizipative Verfahren – von der Bedarfsanalyse über Co-Design bis zur Evaluation – sollten hinsichtlich ihres Mehrwerts und ihrer Kosten evaluiert werden. Nicht zuletzt ist zu bestimmen, welche minimalen Usabilityund Interoperabilitätsanforderungen in ambulanten Workflows erfüllt sein müssen, damit dAS verlässlich und nachhaltig genutzt werden. Diese Forschungslinien adressieren die im Review sichtbar gewordene Lücke der managementbezogenen und organisationalen Perspektive und 9 knüpfen direkt an die in diesem Beitrag genutzte Kategorienlogik an. In der Summe unterstreichen die Ergebnisse: Implementierungserfolg entsteht dort, wo partizipative Gestaltung, gezielter Kompetenzaufbau und organisationale Readiness strategisch miteinander verknüpft und durch frühzeitige Finanzierungsund Prozessentscheidungen abgesichert werden. Erklärung zur Nutzung KI-gestützter Technologien im Schreibprozess: Während der Erarbeitung dieses Textes haben die Autor:innen das KI-Tool ChatGPT 4o verwendet, um das Ergebnisund Diskussionskapitel sowie das Kapitel ‚Ausblick und Limitationen‘ sprachlich, inhaltlich und stilistisch zu überarbeiten (KI-Lektorat). Literaturverzeichnis Glomsås, H. S. / Knutsen, I. R. / Fossum, M. / Halvorsen, K. (2020): User involvement in the implementation of welfare technology in home care services: The experience of health professionals-A qualitative study. In: JOURNAL OF CLINICAL NURSING, 29. Jg., S. 4007– 4019. DOI: 10.1111/jocn.15424. Glomsås, H. S. / Knutsen, I. R. / Fossum, M. / Halvorsen, K. (2021): ‘They just came with the medication dispenser’- a qualitative study of elderly service users’ involvement and welfare technology in public home care services. In: BMC HEALTH SERVICES RESEARCH, 21. Jg., Heft 1. DOI: 10.1186/s12913-021-06243-4. 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