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Zur Risikobereitschaft privater Geldanleger

Müller, Horst

Abstract

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Müller, Horst Article Zur Risikobereitschaft privater Geldanleger Kredit und Kapital Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Müller, Horst (1995) : Zur Risikobereitschaft privater Geldanleger, Kredit und Kapital, ISSN 0023-4591, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 28, Iss. 1, pp. 134-160, https://doi.org/10.3790/ccm.28.1.134 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/293295 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. 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Dieser hohe Erwartungswert der Rendite risikobehafteter Papiere spricht aus normativer Sicht durchaus dafür, einen Teil des Portfolios jeweils aus solchen Titeln zu bilden, zumal unter Berücksichtigung von Interkorrelationen zwischen den Risiken3 eine deutliche Reduktion des Risikos im Gesamtportfolio möglich ist4. Neben solchen aus individueller Sicht normativen Argumenten sprechen auch eine Reihe gesamtgesellschaftlicher Argumente für risikobehaftete Anlagen - insbesondere für die Aktienanlage5: Aus wirtschaftspolitischer Perspektive führt zunehmender Aktienbesitz zu einer erhöhten Bereitstellung von Einkommensbestandteilen als Produktivkapital, und damit insbesondere auch zu einer höheren Eigenkapitalquote der Unternehmen, mit positiven Implikationen auf Stabilität und Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft. Insbesondere führt die Bereitstellung von Eigenkapital zu einer Erleichterung von Investitionen 1 Institut für Wirtschaftsund Sozialpsychologie, Universität zu Köln/psychonomics Gesellschaft für wirtschaftsund sozialpsychologische Forschung mbH, Köln. 2 Vgl. Adelt u.a. 1994. 3 Im Sinne der Portfolio-Theorie (Markowitz 1952). 4 Zur unterschiedlichen Rendite risikohaltiger und risikofreier Wertpapiere sowie zu normativen Aspekten existiert eine breite finanzwirtschaftliche Literatur. Darauf soll hier aber nicht weiter eingegangen werden, da in diesem Beitrag eine deskriptiv-erklärende und nicht eine normativ-empfehlende Zielsetzung verfolgt wird. 5 Siehe z.B. Büschgen 1986, Fritsch 1991. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.28.1.134 | Generated on 2023-01-16 13:05:47 Zur Risikobereitschaft privater Geldanleger 135 in innovativen und zukunftsträchtigen, aber damit oft riskanten Branchen (gerade das Beispiel der neuen Bundesländer und Osteuropas zeigt den dringenden Bedarf gerade an solchem Risiko-Kapital). Schließlich führt ein hoher Anteil von Kleinaktionären tendenziell zu einer Stabilisierung der Aktienmärkte6. Aus gesellschaftspolitischer Sicht ist vor allem eine breitere Verteilung des Besitzes an Produktivkapital zu nennen, und damit, unter der Prämisse langfristig höherer Erträge von Aktien im Vergleich zu anderen Wertpapieren, auch eine höhere Verteilungsgerechtigkeit. Dies steht ggf. in Verbindung zu einem - durch die persönliche Einbindung - höheren Verantwortungsgefühl und Commitment der Anleger bezüglich des Wirtschaftssystems. Das aus obigen Überlegungen resultierende gesellschaftliche Ziel der Streuung von Aktien über alle sozialen Schichten wurde bereits in den fünfziger Jahren verfolgt, der Erfolg blieb aber damals gering. So schrieb Schmölders7: „Die ,unteren' Arbeiter haben dieses Stadium [gemeint ist eine latente Bereitschaft, nicht das notwendige Kapital] noch nicht erreicht", und weiter „Der vielfach erhoffte Effekt der Verbürgerlichung' ist ... weitgehend ausgeblieben: Die Volksaktienkäufer unter den Arbeitnehmern waren bereits verbürgerlicht." Aber auch heute, in einem wesentlich gewandelten ökonomischen Umfeld, ist die Situation kaum anders. Nach wie vor überrascht die enorm geringe Verbreitung der entsprechenden Anlageformen in Deutschland. So liegt der Anteil der privaten Haushalte am Aktienbesitz in Deutschland weit hinter vergleichbaren Ländern8, und der Anteil der Aktie an den Neuanlagen der westdeutschen privaten Haushalte betrug noch 1991 nur 0,42 Prozent9. Auch innerhalb der Gruppe der Vermögensbesitzer rangieren die mit unsicheren Kursen und Erträgen verbundenen Titel auf den hintersten Rängen10. Wenn man die einerseits relativ hohe Rentabilität und andererseits die deutlich zugenommene Aufgeklärtheit und Renditeorientierung der 6 Vgl. Oehler, Mesel 1990. 7 Schmölders 1962, S. 178f. 8 Vgl. Fritsch 1991, S. 13. Hinzu kommt, daß fast ein Drittel der privaten Aktionäre Belegschaftsaktionäre sind (Fritsch 1991), die durch außergewöhnlich günstige Konditionen „geködert" werden. 9 Siehe Handelsblatt vom 13.8.1992. Riskantere Papiere wie Optionsscheine fallen mengenmäßig schon kaum mehr ins Gewicht. Gegenstand der Betrachtung soll auch die Geldanlage, nicht die eigentliche „Spekulation" sein. Dort sind noch ganz andere Motivationsstrukturen zu erwarten. Zur Stichprobe siehe Kap. II. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.28.1.134 | Generated on 2023-01-16 13:05:47 136 Horst Müller Sparer11 betrachtet, erstaunt, wie stark die Sicherheitsorientierung das Renditestreben, aber anscheinend auch die „Rationalität" beherrscht. Und das in einem Verhaltensbereich, in dem „rationales" Verhalten wohl noch am ehesten zu erwarten wäre, nämlich im Umgang mit Geld. Sparkonto Kapital-Lebensversicherung Bausparen Prämiensparen Festgeld festverzinsl. Wertpapiere Sparbrief Immobilien Investment-/Immobilienfonds Aktien 0 50 100 % Abb. 1: Nutzung von Anlageformen (alte Bundesländer, Personen mit Geldvermögen über 20 000 DM, n = 254)a a alte Bundesländer, zur Erhebungsform und Stichprobenziehung siehe Kap. II. Aufgrund der hier geringen Stichprobe von 254 Anlegern mit einem Mindestvermögen von über 20.000 DM sind die angegebenen Prozentwerte nicht als präzise zu betrachten. Dennoch dürften die Werte die Relationen zwischen verschiedenen Anlageformen recht zuverlässig spiegeln. Aus der psychologischen und der entscheidungstheoretischen Forschung liegen schon lange eine Reihe von Befunden vor, die zeigen, daß die meisten Personen in den meisten Situationen eher risikoavers reagieren12. Andererseits findet aber auch vielfach eine bewußte Risikosuche statt - im Sinne der Erreichung eines angenehmen Erregungszustandes und unab11 Vgl. Epple 1991. 12 Siehe z.B. Kahnemann, Tversky 1979. Daneben geht die Annahme der Risikoaversion vielfach als Postulat in die Entscheidungstheorie ein, allerdings empirisch nicht oder oft unzureichend gestützt, indem beispielsweise keine hinreichende Trennung zwischen Risikound Höhenpräferenz vorgenommen wird (vgl. z.B. Sieben, Schildbach 1980, S. 61, Schildbach 1989). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.28.1.134 | Generated on 2023-01-16 13:05:47 Zur Risikobereitschaft privater Geldanleger 137 hängig von der Verfolgung nachgelagerter Ziele wie der Rendite13. Diese letztgenannte, risikosuchende Tendenz scheint sich aber im Anlageverhalten weniger durchzusetzen, betrachtet man die oben aufgeführten Verhaltensdaten. Vor diesem Hintergrund soll im folgenden die Risikobereitschaft der deutschen Geldanleger beschrieben werden und Unterschiede zwischen der Minderheit der risikobereiten und der Mehrheit der risikoscheuen Anleger aufgezeigt werden. Dabei sollen nicht nur Merkmale herangezogen werden, die risikobereite Anleger beschreiben, sondern vor allem solche, die eine Erklärung interindividueller Differenzen in der Risikobereitschaft leisten. II. Stichprobe und Erhebung Die vorliegenden Analysen stützen sich auf eine im Frühjahr 1992 durchgeführte Erhebung zur Sparmentalität in den alten Bundesländern14. Es handelt sich um eine annähernd repräsentative Quotenstichprobe mit 1.039 mündlich Interviewten. Die vorgegebenen Quoten (Alter, Schicht, Wohnort) sind proportional zur Bevölkerung, mit Ausnahme der Geschlechtsquotierung mit einem Anteil von 70% männlichen Befragten. Dies trägt der immer noch ungleichen Beteiligung der Geschlechter an Geldanlageentscheidungen Rechnung15. Befragt wurden jeweils nur Personen, die im Haushalt in Geldangelegenheiten entscheiden oder zumindest mitentscheiden. III. Sicherheitsorientierung versus Risikobereitschaft: Einstellungen und Verhalten Was sich schon in den Daten zur Verbreitung risikohaltiger Anlageformen andeutet, wird auch in den Einstellungen deutlich. Ein Vergleich der absoluten Wichtigkeit der vier zentralen Anlagekriterien zeigt zunächst eine Dominanz sowohl von Sicherheitsals auch von Renditestreben16: 13 Siehe z.B. Zuckerman 1979, Brengelmann, Quast 1987. 14 Die Untersuchung wurde gefördert durch die Wissenschaftsförderung der Sparkassenorganisation e.V., Bonn. Die Studie wurde konzipiert und durchgeführt durch die Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialpsychologische Forschung e.V. in Köln, die Feldarbeit erfolgte durch die GfK Marktforschung, Nürnberg. Zur Untersuchung siehe ausführlicher Adelt u.a. 1993 sowie verkürzt zu den Ergebnissen Adelt u.a. 1994. 15 Vgl. Kirchler 1989. 16 Zu den wesentlichen Entscheidungskriterien bei Portfolioentscheidungen siehe Adelt u.a. 1994. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.28.1.134 | Generated on 2023-01-16 13:05:47 138 Horst Müller hohe Verzinsung geringes Risiko Unkompliziertheit Verfügbarkeit völlig unwichtig eher unwichtig nicht so wichtig HH ziemlich wichtig .¡|| besonders wichtig 0 50 100 % Abb. 2: Wichtigkeit originärer Anlagekriterien (Was ist Ihnen bei der Geldanlage wichtig? ...) Zum direkten Vergleich der Bedeutung von Sicherheit und Rendite ist obige Fragestellung allerdings nicht geeignet, da dort beide Kriterien vom überwiegenden Teil der Befragten sehr hoch eingestuft werden und somit nur wenig variieren. Bei der direkten Gegenüberstellung entscheiden sich 63% für Sicherheit und nur 37% für einen hohen Ertrag17. Diese Dominanz der SicherheitsOrientierung manifestiert sich entsprechend auch in Einstellungen gegenüber konkreten, „spekulativeren" Anlageformen, wie ausländischen Wertpapieren und eben der Aktie (Abb. 3 und 4). Dementsprechend führen Anleger bei direkter Befragung auch vor allem das Risiko als Grund gegen die Aktiennutzung an (Abb. 5). Es scheint, daß Sicherheit von den meisten Anlegern als Ausschlußkriterium betrachtet wird. Anlageformen, die ein Kursoder Währungsrisiko beinhalten, werden auf früher Stufe aus dem Entscheidungsprozeß ausgeschlossen. Dafür spricht auch das Ergebnis einer Entscheidungssituation, die in der Befragung simuliert wurde. Andere Kriterien, insbesondere die Gewinnaussichten, bleiben auf dieser Stufe vollkommen unberücksichtigt, eine Abwägung von Rendite und Risiko unterbleibt bei einem großen Teil der Befragten. 17 Die Frage lautete: „Worauf kommt es Ihnen bei der Geldanlage mehr an: Auf geringes Risiko oder auf hohen Ertrag?" OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.28.1.134 | Generated on 2023-01-16 13:05:47 Zur Risikobereitschaft privater Geldanleger 139 x&> Q. o CO D •£ N -gl 5= 0) D .c N -'c Älil d) 1 a> Älllil -ia3 3 -5a * £ 8 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.28.1.134 | Generated on 2023-01-16 13:05:47 140 Horst Müller kenne ich nicht = 4,9 zu risikoreich = 60,4 spare zu wenig = 1,1 nicht genug Geld = 18,1 sonstige Gründe = 2,8 altersmäßig uninteressant = 3,3 zu stark gebunden = 3,8 zu wenig Ertrag = 2,2 zu umständlich = 3,3 (erste Nennung in Prozent) Abb. 5: Gründe gegen die Geldanlage in Aktien (Personen mit Geldvermögen über 20 000 DM, n = 180) Abb. 6: „Stellen Sie sich vor, Ihnen stände ein Geldbetrag in Höhe von 10 Monatsgehältern zur Verfügung. Würden Sie einen Teil des Geldes auch spekulativ anlegen, also ein gewisses Risiko eingehen, um einen höheren Gewinn zu erzielen?" IV. Determinanten der Risikobereitschaft in der Geldanlage Im folgenden wollen wir versuchen, Bestimmungsgründe der Risikobereitschaft in der Geldanlage zu identifizieren. Dabei treffen wir hier keine explizite Unterscheidung zwischen Risikobereitschaft als Einstellung und dem Risikoverhalten, sondern benutzen den Terminus „Risikobereitschaft" als Oberbegriff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.28.1.134 | Generated on 2023-01-16 13:05:47 Zur Risikobereitschaft privater Geldanleger 141 Als Determinanten des Anlageverhaltens werden in der Literatur eher ökonomische Variablen (wie Einkommen oder Vermögen) oder weitere situative Faktoren (wie Lebenszyklus) genannt18. Uns interessierte insbesondere, inwiefern psychologische Konstrukte die Erklärung durch solche Faktoren verbessern. Daß dies der Fall ist, kann nicht unbedingt vorausgesetzt werden. So konnten Lunt/Livingstone19 die Vorhersage des Geldvermögens mittels ökonomischer Merkmale durch den Einbezug psychologischer Variablen nur unwesentlich verbessern (dies galt allerdings nicht für momentanes Sparen und für Verschuldung). Auch Fischer20 stellte in einer Sekundäranalyse fest, „daß die soziodemographischen Variablen Aktienbesitzer erheblich besser kennzeichnen als Persönlichkeitszüge oder gesellschaftliche Einstellungen." Verhalten zu erklären heißt jedoch, daß nicht einfach Korrelate erfaßt werden, sondern daß die Gründe des Verhaltens gesucht werden müssen. So gesehen sind demographische Variablen wie Alter oder Geschlecht oft nur vordergründige Faktoren, hinter denen spezifische Sozialisationsund Motivationseinflüsse als eigentliche Verhaltensursache stehen. Daher haben wir versucht, mit fünf aus verhaltenswissenschaftlicher Sicht wesentlichen Gruppen von Konstrukten die Risikobereitschaft zu erklären: Determinanten der Risikobereitschaft in der Geldanlage spez. Anlage allg. Sparmotivation wirtsch. Erwartungen finanzielle Situation subjektive Kontrolle motivation Risikobereitschaft in der Geldanlage Abb. 7: Determinanten der Risikobereitschaß in der Geldanlage 18 Einen entsprechenden Überblick über die englischsprachige Literatur bieten Bromiley und Curley 1992, S. 111. 19 Lunt, Livingstone 1991. 20 Fischer 1991, S. 32, siehe aber auch Fischer u.a. 1993/1994. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.28.1.134 | Generated on 2023-01-16 13:05:47 148 Horst Müller Tabelle 3 Korrelationen zwischen wirtschaftlichen Erwartungen (Polung: hohe /positive Erw. = positiv) und der Risikobereitschaft in der Geldanlage PRADIKTOREN (Wirtschaftliche Erwartungen) HYPOTHESE (Hi) KRITERIUM Einstellung Verhalten zur individuellen Situation: Sparfahigkeit in 12 Monaten p>0 .16" .09* Finanzielle Lage in 3-5 Jahren p>0 .20** .13** zur alle. Entwicklung: Zinsen in 12 Monaten p = 0 -.02 -.11* Preise in 12 Monaten p = 0 .04 -.04 Deutsche Wirtschaft in 12 Monaten p>0 .05 -.04 Deutsche Wirtschaft in 3-5 Jahren p > 0 .06 .06 (l-p)>.95 = * (1 - p) > .99 = ** mult R2Verh.= .042** 5. Faktoren der Finanzmentalität Unter Finanzmentalität verstehen wir die Gesamtheit der Einstellungen und Motivationen, die mit dem Finanzverhalten in Verbindung stehen. Wir unterscheiden hier nach a) Faktoren, die insbesondere die Entscheidung zwischen Konsum und Sparen betreffen, also Einstellungen und Motive im Rahmen einer generellen Sparmentalität, b) Faktoren, die die eigentliche Anlagementalität darstellen. a) Allgemeine Sparmotivation Die generelle Einstellung zum Sparen impliziert Normen und Werthaltungen zu Sparsamkeit und Konsumverzicht. Anzunehmen ist, daß das „aufs Spiel setzen" von Erspartem in Konflikt steht zu einer solchen allgemeinen Sparmentalität. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.28.1.134 | Generated on 2023-01-16 13:05:47 Zur Risikobereitschaft privater Geldanleger 149 Operationalisiert wurde die generelle Einstellung einerseits unter Betonung der affektiven Komponente (z.B. „Wenn ich einen bestimmten Teil meines Einkommens spare, fühle ich mich bedeutend wohler"), andererseits der kognitiven Komponente (z.B. „Sparen sollte man heutzutage nur noch, wenn man sich dann später zusätzliche Dinge anschaffen kann"). Die Hypothesen lauten also: - Je positiver die allgemeine Einstellung - affektiv und kognitiv - zum Sparen ist, desto geringer ist die Risikobereitschaft in der Geldanlage. In Verbindung mit den unspezifischeren Einstellungen scheint uns eine Vertiefung der grundlegenden Motive, aus denen gespart wird, relevant, wobei wir hier zwischen einer extrinsischen und einer intrinsischen Motivation unterscheiden: Als extrinsische Motivation des Sparens berücksichtigten wir einerseits das Streben nach Kontrolle der eigenen Situation („Sparen gibt mir das Gefühl, meine Zukunft zu beherrschen"). Andererseits wurde die persönliche Absicherung (Vorsorge für Notfälle) aufgenommen (z.B.: „Ich spare, um mir einen sorgenfreien Lebensabend zu ermöglichen"). Gerade letzteres Motiv scheint einer Risikobereitschaft in der Geldanlage entgegenzustehen. - Je stärker das Vorsorgemotiv ausgeprägt ist, desto geringer ist die Risikobereitschaft in der Geldanlage. - Je stärker das Kontrollmotiv ausgeprägt ist, desto geringer ist die Risikobereitschaft in der Geldanlage. Unabhängig von äußeren Anreizen kann Sparen auch - anfangs von externen Normen oder von extrinsischen Motiven getragen - selbstverstärkend und damit zum Selbstzweck werden39. Unsere Annahme zur intrinsischen Motivation des Sparens lautet daher: - Je stärker Sparen intrinsisch motiviert ist, desto geringer ist die Risikobereitschaft in der Geldanlage. Schließlich dürfte die Risikobereitschaft mit zunehmender Nähe und Konkretheit der Sparziele nachlassen, da das Ziel mit abnehmendem zeitlichen oder kognitiven Abstand an Verstärkungswert gewinnt, die subjektiven Kosten durch mögliche Verluste sich also subjektiv erhöhen40. 39 Siehe Wiswede 1991, S. 180. 40 Zur zeitlichen Abdiskontierung von Gewinnen und Verlusten siehe die psychologische Literatur zum „delay of gratification", z.B. bei Miller 1944 und Lea et al. 1987, p. 123ff., zur Integration in Nutzenfunktionen siehe MöwenIMöwen 1991. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.28.1.134 | Generated on 2023-01-16 13:05:47 150 Horst Müller - Je stärker Sparen von konkreten Konsumoder Investitionszielen motiviert ist, desto geringer ist die Risikobereitschaft in der Geldanlage. Tabelle 4 Korrelationen zwischen Konstrukten der allgemeinen Sparmotivation und der Risikobereitschaft in der Geldanlage PRÄDIKTOREN (Allgemeine Sparmotivation) HYPOTHESE (H,) KRITERIUM Einstellung Verhalten Einstellung zum Sparen (affektiv) p < 0 - .26** -.07 Einstellung zum Sparen (kognitiv) p < 0 -.15** .06 Sparmotiv: Vorsorge p < 0 -.18** .03 Sparmotiv: Kontrolle p < 0 -.08 .05 Selbstzweck p < 0 -.12* -.08 Konkretheit der Sparziele p < 0 .09 .05 (l-p)>.95 = * (1 - p) > .99 = ** mult. R2Ver|L= .041** In den Ergebnissen zu diesem Bereich zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Korrelationen der Konstrukte mit der Einstellungsskala einerseits und den Korrelationen der Konstrukte mit dem Verhaltensindex andererseits: Auf Einstellungsebene finden die Hypothesen, mit Ausnahme von Kontrollmotivation und Konkretheit der Sparziele, Unterstützung. Als stärkster Prädiktor zeigt sich dabei die emotionale Einschätzung des Sparens. Auf Verhaltensebene scheint dies aber kaum durchzuschlagen, es findet sich keine signifikante Korrelation mehr. Dies überrascht besonders hinsichtlich des Absicherungsmotives, da hier der Gegensatz zur „unsicheren" Geldanlage evident ist. Der nur mäßige Bezug zur Verhaltensebene schlägt sich auch in einer nur geringen multiplen Verhaltensaufklärung von 4,1% nieder. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.28.1.134 | Generated on 2023-01-16 13:05:47 Zur Risikobereitschaft privater Geldanleger 151 b) Spezifische Anlagemotivation Erst jetzt wenden wir uns dem engeren Bereich der Geldanlage zu, also der Entscheidung zwischen verschiedenen Anlageformen. Auch hier soll wieder zwischen extrinsischer und intrinsischer Motivation differenziert werden. Die extrinsische Motivation ist wohl vor allem im Renditestreben zu sehen. In der intrinsischen Motivation werden dagegen mehrere Faktoren unterschieden: Einerseits kann die Geldanlage der Suche nach Anregung dienen, um ein als positiv erlebtes Aktivierungsniveau zu erreichen. Damit würde Anlagerisiko zum Selbstzweck, im Sinne eines „sensation seekings" in der Geldanlage41. Andererseits sind die Anlageerträge - anders als beim Glücksspiel - zumindest teilweise von der Leistung des Anlegers abhängig. Damit läßt sich nach Wiswede42 auch ein Leistungsmotiv in der Geldanlage vermuten. Demnach neigen erfolgsmotivierte Personen eher zu riskanter Geldanlage, da sie aus den Ergebnissen (mäßig) riskanter Anlageformen am ehesten positive Rückmeldungen auf ihren Selbstwert erwarten können43. Weiterhin wurde die Bewertung der Informationsund Anlagetätigkeit an sich einbezogen sowie als gegenläufige Motivation die Convenience (oder Bequemlichkeit), die sich auf Minimierung sowohl des zeitlichen als auch des kognitiven Aufwandes bezieht. Es ergeben sich die Hypothesen: - Je stärker die Leistungsmotivation in der Geldanlage ist, desto höher ist dort die Risikobereitschaft.44 41 Zur Risikosuche siehe Zuckerman 1979 und Brengelmann 1989. Zur Erregungssuche im Alltag wirtschaftlichen Verhaltens siehe Scitovsky 1977. 42 Wiswede 1991. 43 Nach Atkinsons Risikowahlmodell (Atkinson 1957) wählen erfolgsmotivierte Personen bevorzugt Aufgaben mittleren Schwierigkeitsgrades, mißerfolgsmeidende Personen dagegen leichte oder extrem schwierige Herausforderungen. Wiswede (1991, S. 182) argumentiert, daß mangels Entscheidungsdruck die Wahl extremer Aufgaben für die Geldanlage kaum relevant sein wird. Da zudem extrem riskante Wertpapiere quantitativ fast unbedeutend sind, läßt sich ein monotoner positiver Zusammenhang zwischen Erfolgsmotivation und Risikobereitschaft unterstellen. 44 Einschränkend ist anzumerken, daß das Konstrukt „Leistungsmotivation in der Geldanlage" nicht durch eine Skala, sondern nur durch ein einzelnes Item gemessen wurde, das zudem durch seine Formulierung auch Renditeorientierung impliziert. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.28.1.134 | Generated on 2023-01-16 13:05:47 152 Horst Müller - Je stärker die Risikolust in der Geldanlage ist, desto höher ist dort die Risikobereitschaft. - Je höher die Valenz des Geldanlageverhaltens ist, desto höher ist dort die Risikobereitschaft. - Je höher der Convenience-Aspekt in der Geldanlage eingestuft wird, desto geringer ist dort die Risikobereitschaft. Tabelle 5 Korrelationen zwischen Konstrukten der spezifischen Anlagemotivation und der Risikobereitschaft in der Geldanlage PRÄDIKTOREN (Spezifische Anlagemotivation) HYPOTHESE (H,) KRITERIUM Einstellung Verhalten Renditestreben p > 0 .30" .30" Leistungsmotivation p > 0 .34" .29" Spiel-/Risikolust p > 0 .60" .33" Interesse p > 0 .34" .32" Convenience p<0 -.35" - .34" (l-p)>.95 = * (l-p)>.99 = " mult. RJv«*.= .248** Alle Hypothesen finden eine deutliche Unterstützung, sowohl auf Einstellungsals auch auf Verhaltensebene. Mit 24,8 Prozent trägt diese Klasse denn auch am stärksten zur Verhaltens er klärung bei. c) Subjektive Kontrolle Als letzte Gruppe sollen Faktoren integriert werden, die einerseits tatsächliche Kompetenz, andererseits aber auch subjektive Attributionen und Kontrollüberzeugungen widerspiegeln. Diese Faktoren stehen zwischen einem möglichen „Wollen" und einem „Können". So ist es plausibel anzunehmen, daß mancher Anleger zwar „im Prinzip" Aktien befürwortet, sich eine erfolgreiche Anlage in solchen Papieren aber persönlich nicht zutraut. Es läßt sich hier - im Sinne von erweiterten Wert-Erwartungstheorien - von Effizienz-Erwartung (nach Bandura) oder von subjektiver Verhaltenskontrolle (nach Ajzen) sprechen45. 45 Siehe Bandura 1977, Ajzen 1985. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.28.1.134 | Generated on 2023-01-16 13:05:47 Zur Risikobereitschaft privater Geldanleger 153 Konkrete Hinweise auf die hohe Relevanz von Kontrollüberzeugungen für Risikoverhalten finden sich - bezogen auf Spielsituationen - z.B. bei Brengelmann und Quast46, bezogen auf die Geldanlage bei Fischer und bei Wiswede47. Wir haben den Komplex differenziert nach a) dem - subjektiven - Informationsstand, b) einer allgemeinen Kontrollüberzeugung im Finanzbereich und schließlich c) der Zuschreibung von Gewinnen und Verlusten in der Aktienanlage auf Glück, also einer external-instabilen Attribution des Anlageerfolges („Ob man mit Aktien Gewinne oder Verluste macht, ist vor allem Glückssache."). Als Hypothesen resultieren: - Je höher der Informationsstand im Finanzbereich ist, desto höher ist die Risikobereitschaft in der Geldanlage. - Je höher die allgemeine Kontrollüberzeugung im Finanzbereich ist, desto höher ist die Risikobereitschaft in der Geldanlage. - Je stärker Aktiengewinne und -Verluste external-instabil attribuiert werden, desto geringer ist die Risikobereitschaft in der Geldanlage. Auch diese Hypothesen finden bezüglich beider abhängiger Variablen durchgängig Bestätigung, wobei im direkten Vergleich die Attribution Tabelle 6 Korrelationen zwischen subjektiver Kontrollüberzeugung und der Risikobereitschaft in der Geldanlage PRADIKTOREN (Subjektive Kontrolle) HYPOTHESE (H,) KRITERIUM Einstellung Verhalten subjekt .35** Informationsstand p > 0 .35** .39** Kontrolluberzeugung p > 0 .33** .34** Attribution Aktien auf Gluck p < 0 -.21** -.15** (1 - p) > .95 = * (1 - p) > .99 = ** mult. R2VtrtL = .186** 46 Siehe Brengelmann und Quast 1987. 47 Siehe Fischer 1991, S. 27, Wiswede 1991, S. 182. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.28.1.134 | Generated on 2023-01-16 13:05:47 154 Horst Müller von Aktienverläufen von etwas geringerer Relevanz zu sein scheint als eine allgemeine subjektive Kompetenz. Die Bedeutung der Faktoren spiegelt sich im erklärten Varianzanteil von 18,6% wider. 6. Gesamtbetrachtung: Absolute Erklärungskraft sowie relative Erklärungskraft der Variablengruppen Wie gut erklärt nun das Modell insgesamt die Risikobereitschaft? Die multiple Korrelation zwischen den Faktoren und dem Verhalten beträgt R = .57 und ist hochsignifikant (1 - p > .99). Das heißt, es wird insgesamt 32.2%, also etwa ein Drittel der Verhaltensvarianz, aufgeklärt. Berücksichtigt man, daß a) die abhängige Variable - die tatsächliche Geldanlage - aus Gründen der Akzeptanz im Interview nur in sehr groben Kategorien gemessen wurde und b) jeweils nur die rein lineare Komponente eines jeden Zusammenhanges in die Regressionsrechnung eingeht, scheint uns das Modell eine gute Erklärung zu leisten. (Die Varianz der Einstellungsskala läßt sich zu 50% durch die Prädiktoren erklären (mult. Ä|inst).) Kommen wir zurück zur Hierarchie der Konstruktgruppen, und damit zu der Frage, welche Verbesserung der Vorhersage die Hinzunahme jeder einzelnen Variablengruppe erbringt. Dies stellt im Überblick die folgende Abbildung dar: Insgesamt zeigt sich: - Ökonomische Variablen leisten alleine nur eine schwache Erklärung. - Die Hinzunahme psychologischer Variablen verbessert das Verständnis und die Vorhersage des Risikoverhaltens ganz erheblich. - Erwartungen und allgemeine Sparmotive sind zwar nicht irrelevant, entscheidend ist jedoch die spezifische Anlagemotivation. Diese läßt sich nicht durch die vorhergehenden, allgemeineren Konstrukte ersetzen. - Kompetenz und Kontrollüberzeugungen zeigen ebenfalls eine starke Beziehung zur Risikobereitschaft in der Geldanlage. Diese Überzeugungen scheinen sich aber bereits - wahrscheinlich durch Lerneffekte - in der spezifischen Anlagemotivation niederzuschlagen, da die entsprechende Varianzaufklärung bereits weitgehend durch die vorangestellten Variablengruppen geleistet wird. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.28.1.134 | Generated on 2023-01-16 13:05:47 Zur Risikobereitschaft privater Geldanleger 155 Determinanten der Risikobereitschaft in der Geldanlage lllli 16,7% |] 2,0% n 3»7% 7,2%| subjektive Kontrolle spezifische Anlagemotivation allgemeine Sparmotivation wirtschaftliche Erwartungen finanzielle Situation 32,2% Risikobereitschaft in der Geldanlage 67,8% insges. erklärte Varianz (R^ nicht erklärte Varianz (1 - R^ Durch Variablengruppe EO erklärte Varianz (mult.-R^ • zusätzlich erklärte Varianz (in hierarchischer Regression) Abb. 8: Determinanten der Risikobereitschaft in der Geldanlage: Erklärungsbeitrag nach Variablengruppen in hierarchischer Ordnung Die Breite des jeweiligen Gesamtbalkens zeigt die multiple Korrelation der Variablengruppe mit dem Verhaltensindex an. Die Variablen wurden gruppenweise in die hierarchische Regression aufgenommen. Der Einfluß aller vorhergehenden Stufen ist damit bereits herauspartialisiert. Die zusätzliche Erklärung bei Hinzunahme einer Gruppe zeigt der jeweils weiße Abschnitt des Balkens. Der graue Abschnitt war bereits in vorhergehenden Variablen enthalten. Die Summe der weißen Balken entspricht folgerichtig der Gesamtvorhersage. - Innerhalb der spezifischen Anlagemotivation stechen (bei einer weitergehenden Analyse der Partialkorrelationen innerhalb dieser Gruppe) einerseits die Aufwandsminimierung, andererseits die Spieloder Risikosuche als zentrale Determinanten des Risikoverhaltens heraus. IV. Ausblick Die Analysen zeigen deutlich, daß Risiko in der Geldanlage eher eine Frage der Mentalität denn der demographischen oder ökonomischen Situation ist - zumindest wenn man die eigentlich relevante Gruppe der Geldanleger betrachtet und Nicht-Sparer aus der Analyse ausschließt. Die Ergebnisse könnten denjenigen nutzen, die ein Interesse an der Heranführung von Anlegern an entsprechende Anlageformen haben, also der Kreditwirtschaft (z.B. Fondsund Aktienmarketing), Unternehmen (zur Eigenkapitalbeschaffung) sowie Institutionen der Wirtschaftsund Finanzpolitik. Möglicherweise läßt sich durch ein besseres Verständnis der Risikobereitschaft von Geldanlegern und einer entsprechenden OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.28.1.134 | Generated on 2023-01-16 13:05:47 156 Horst Müller Umsetzung der Erkenntnisse in die Praxis langfristig der Weg zu einer verstärkten Beteiligung der Privaten am Aktienbesitz öffnen. Abschließend sollen im Ausblick noch zwei Fragen angeschnitten werden, und zwar die nach weiteren, offenen Forschungsfragen zum Thema und die nach der zukünftigen Entwicklung der Risikobereitschaft deutscher Anleger. 1. Forschungsbedarf Welche weiteren Variablen, die im Rahmen dieser Erhebung nicht berücksichtigt werden konnten, sind hilfreich zur Erklärung des Anlageverhaltens? Hier scheinen uns drei weitere Ansätze besonders interessant: - Situationsübergreifende Persönlichkeitsdispositionen (wie eine allgemeine Risikobereitschaft, Attributionsstile oder Stile der Informationsverarbeitung) versprechen weitere Erklärungen interindividueller Differenzen im Anlage verhalten48. Entsprechende Hinweise gaben bereits erste Vorstudien, die wir an Studentenpopulationen durchgeführt haben und in denen sich einige deutliche Zusammenhänge zwischen allgemeinen Persönlichkeitsskalen und der Risikobereitschaft in Portfolioentscheidungen zeigten49. - Ebenso ist die individuelle Lerngeschichte in vergleichbaren Situationen prägend für die Risikobereitschaft. Zurückliegende Erfahrungen mit Gewinnen und Verlusten dürften sich sowohl in der Anlagemotivation, in der Kontrollüberzeugung, in der Einstellung zum Risiko als auch schließlich im Verhalten niederschlagen50. Zu diesem Thema bieten sich vor allem experimentelle Untersuchungsdesigns mit simulierten Anlageentscheidungen an, in denen der Anlageerfolg systematisch variiert wird und die Risikobereitschaft als abhängige Variable beobachtet wird.51 48 Auf die Bedeutung von Persönlichkeitsdispositionen zur Erklärung wirtschaftlichen Verhaltens weist z.B. Brandstätter (1992) hin. 49 Vgl. Müller 1992. so Damit lassen sich nicht nur interindividuelle Unterschiede erklären, sondern ebenso intraindividuelle Entwicklungen im Zeitablauf. Letztere können auch der Prognose aggregierter Marktdaten (wie der Börsenentwicklung) dienen, wenn ähnliche Erfahrungen zur gleichen Zeit von einer Mehrheit der Marktteilnehmer erlebt werden (z.B. in einer allgemeinen Hausse oder Baisse). Siehe dazu die - allerdings nicht empirischen - Beiträge von Bungard/Schultz-Gambard, Frey/ Stahlberg und Maas /Weibler im Reader von Maas /Weibler 1990. 51 Siehe hierzu Bittner und Müller (in Vorbereitung). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.28.1.134 | Generated on 2023-01-16 13:05:47 Zur Risikobereitschaft privater Geldanleger 157 - Erhebliche interkulturelle Unterschiede im Anlageverhalten dürften nicht nur auf ökonomische oder gesetzliche Rahmenbedingungen zurückzuführen sein, sondern ebenso auf entsprechende Mentalitätsunterschiede. So ist die Risikobereitschaft in Deutschland nicht nur im Bereich der Geldanlage, sondern ganz allgemein als Wertvorstellung im europäischen Vergleich besonders gering ausgeprägt52. Hier wäre ein interkultureller Vergleich der Anlagemotivation wünschenswert. 2. Zukünftige Entwicklung der Risikobereitschaft Der zur Zeit auffälligste Trend ist der zum höheren Anpruch an die Geldanlage53: Die Anleger sind dabei vor allem renditebewußter geworden, eine Entwicklung, die sich deutlich an der rückläufigen Entwicklung des klassischen Sparbuch-Sparens nachvollziehen ließ. Dies ist wohl vor allem auf gestiegene Bildung und Kompetenz zurückzuführen, aber auch auf gewachsene Vermögenswerte. Dieser Trend dürfte sich - ungeachtet der jüngsten Rezession - noch weiter fortsetzen (als Stichwort sei hier auf die kommende „Generation der Erben"54 verwiesen). Ob auch ein Umdenken in der Risikobereitschaft zu erwarten ist und damit Aktien als Geldanlageform „mehrheitsfähig" werden, bleibt vorerst anzuzweifeln55. Momentan zeichnet sich ein solcher Trend allenfalls in Subgruppen ab, etwa bei jungen „Spekulanten" oder auch bei Senioren, die eine aktive Geldanlage besonders aus Interesse und Leistungsmotiven heraus betreiben56. Mehr Aufschluß dazu kann aber ein geplanter Längsschnittvergleich der Sparund Anlagementalität geben, dessen Durchführung mit dem hier verwendeten Meßinstrument vom Deutschen Sparkassenund Giroverband vorgesehen ist57. 52 Zu diesem zwischen verschiedenen Studien recht stabilen Befund siehe z.B. Hofstede 1980, Gnram/Forschungsgruppe RISC/GFM-GETAS 1994. 53 Siehe Adelt u.a. 1994. 54 Siehe Adelt u.a. 1993. 55 Auch die in letzter Zeit deutliche Zunahme von Anlagen in Investmentfonds (als moderate Form risikohaltiger Wertpapiere) ist wohl eher auf gesunkene Renditen festverzinslicher Titel als auf eine generell gestiegene Risikobereitschaft zurückzuführen. Trotzdem könnte sich über diesen Weg durch Senkung der Zugangsschwelle sowie Lernprozesse und Gewohnheitsbildung ein Wandel zumindest bei einigen Anlegergruppen anbahnen. 56 Siehe Fischer u. a. 1993/1994. 57 Siehe zum Meßinstrument und zur geplanten Längsschnittuntersuchung Adelt u.a. 1993. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.28.1.134 | Generated on 2023-01-16 13:05:47