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Vom Kleingewerbe zur Großindustrie. Quantitativ-regionale und politisch-rechtliche Aspekte zur Erforschung der Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur im 19. Jahrhundert

Winkel, Harald

Abstract

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Full text

Winkel, Harald (Ed.) Book Vom Kleingewerbe zur Großindustrie. Quantitativ-regionale und politisch-rechtliche Aspekte zur Erforschung der Wirtschaftsund Gesellschaftsstruktur im 19. Jahrhundert Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. 83 Provided in Cooperation with: Verein für Socialpolitik / German Economic Association Suggested Citation: Winkel, Harald (Ed.) (1975) : Vom Kleingewerbe zur Großindustrie. Quantitativ-regionale und politisch-rechtliche Aspekte zur Erforschung der Wirtschaftsund Gesellschaftsstruktur im 19. Jahrhundert, Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. 83, ISBN 978-3-428-43427-5, Duncker & Humblot, Berlin, https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/285487 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. 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Jahrhundert Von Fritz Blaich, Kar! Heinrich Kaufhold, Jürgen Kocka, Gustav Otruba, Diedrich Saalfeld, Hans-Jürgen Teuteberg Herausgegeben von Harald Winkel DUNCKER & HUMBLOT IBERLIN OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Alle Rechte vorbehalten © 1975 Duncker & Humblot, Berlin 41 Gedruckt 1975 bei Berliner Buchdruckerei Union GmbH., Berlin 61 Printed in Germany ISBN 3 428 03427 9 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Vorwort Der vorliegende Band enthält eine Auswahl der Referate, die auf den Arbeitstagungen des Wirtschaftshistorischen Ausschusses der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften - Verein für Socialpolitik - in den Jahren 1973 und 1974 gehalten wurden. Bei den Arbeiten des Ausschusses standen Fragen der Industrialisierung im 19. Jahrhundert und damit verbundene Probleme sowie Aspekte der historischen Statistik im Vordergrund. Allerdings schließt dies nicht aus, daß auch andere wissenschaftliche Arbeiten der beteiligten Kollegen vorgestellt und diskutiert werden können. Sachlich oder zeitlich festgelegte Rahmenthemen sollen nicht zu einer Fessel werden, die die Forschungsarbeit in bestimmte Bahnen lenkt. So gibt denn diese zusammenfassende Publikation eher einen Überblick über recht vielseitige Forschungsansätze, die von quantitativen Analysen des Gewerbes über rechtshistorische Betrachtungen bis zu Untersuchungen der Sozialstruktur reichen. In Ergänzung der ursprünglichen Referate wurde von den Autoren umfangreiches Quellenmaterial eingearbeitet, so daß die Beiträge in dieser Form Möglichkeiten für den Ansatz ergänzender oder weiterführender Arbeiten bieten, wie dies z. B. von Otruba und Kocka ausdrücklich angesprochen wird. Allen Autoren gebührt Dank für ihre Mitarbeit, da sie es auf diese Weise ermöglicht haben, einem breiten Kreis Interessierter Einblick in die Arbeit zu gewähren, die der Wirtschaftshistorische Ausschuß seit 1968 nunmehr leistet. Harald Winkel OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Inhaltsverzeichnis Das deutsche und britische Wollgewerbe um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Ein Beitrag zur quantitativ-komparativen Wirtschaftsgeschichte Von Prof. Dr. Hans-Jürgen Teuteberg, Münster ........................ 9 Quantitative, strukturelle und regionale Dynamik des Industrialisierungsprozesses in Österreich-Ungarn vom Ausgang des 18. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges Von Prof. Dr. Gustav Otruba, Linz .................................... 105 Die Auswirkungen der Einschränkung der Gewerbefreiheit in Preußen durch die Verordnung vom 9. Februar 1849 auf das Handwerk Von Prof. Dr. Karl Heinrich Kaujhold, Göttingen ...................... 165 Ökonomische und politische Hintergründe des "Gesetzes über den Absatz von Kalisalzen" vom 25. 5. 1910 Von Prof. Dr. Fritz Blaich, Regensburg ................................ 189 Expansion - Integration - Diversifikation. Wachstumsstrategien industrieller Großunternehmen in Deutschland vor 1914 Von Prof. Dr. Jürgen Kocka, Bielefeld .................................. 203 Methodische Darlegungen zur Einkommensentwicklung und Sozialstruktur 1760 -1860 am Beispiel einiger deutscher Städte Von Dr. Diedrich Saaljeld, Göttingen .................................. 227 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 14 Hans-Jürgen Teuteberg Höhepunkt erreichte 9• Da die Weidewirtschaft im Gegensatz zum Ackerbau sehr viel rentabler war, wandten sich damals immer mehr Grundherren der Schafzucht zu. Abhängige Bauern und Tagelöhner verloren nicht nur ihre überlieferten Nutzungsrechte an den "Gemeinheiten", sondern vielfach auch das gepachtete Ackerland, da dies für die Schafweide gebraucht wurde. Manche Grundherren gingen soweit, ganze Pachthöfe und selbst Ortschaften dem Erdboden gleichzumachen, um Raum für die neuen Herden zu schaffen. In den Grafschaften Suffolk, Essex, Kent, Hertford, Worcester und Northhampton soll damals fast aller landwirtschaftlicher Boden zeitweise zu diesem Zweck eingehegt worden sein. Die Einhegungen erhielten einen zusätzlichen Impuls, als Heinrich VIII. den Klosterbesitz säkularisierte und seiner höfischen Aristokratie überließ, die diesen Besitzzuwachs hauptsächlich als Schafweide verwertete. Auch städtische Kaufleute ergriffen die Gelegenheit, um mit Hilfe ihres größeren Kapitals die Kleinpächter zu verdrängen und die Wollproduktion im großen Stil aufzunehmen. Dieser Aufschwung der englischen Wollproduktion revolutionierte die mittelalterliche englische Agrarverfassung: Da die großen "graziers", wie die Schafzüchter genannt wurden, die Mehrzahl der früher abhängigen Landbewohner nicht mehr brauchte, die zünftigen Städte mit Hilfe des Parlaments und der Krone einen Zudrang vom Lande aber zu verhindern trachteten, boten sich die hausindustrielle ländliche Tuchmacherei, Strumpfwirkerei und Mützenmacherei als einzige Erwerbsmöglichkeiten größeren Stils an. Wer bei der Einhegung sein Haus und etwas Land für die eigene Nahrungsproduktion gerettet hatte, suchte durch solchen Nebenerwerb seine Lage zu verbessern. Wenngleich die schon 1437 beginnende und von den Tudors energisch fortgesetzte Gesetzgebung den "Zunftmißbrauch" zu bekämpfen suchte, nahm die Abschließung der Handwerke aber zu, so daß nun auch zunehmend mehr Handwerker, die in der Stadt keine Aufstiegschancen sahen, sich auf dem Lande als Tuchverleger niederließen. Ein großer Teil der neuen ländlichen Tuchmacher hatte kein zünftiges Handwerk mehr erlernt. Krone und Parlament haben diese Entwicklung weitgehend hingenommen und die Entstehung dieser unzünftigen ländlichen Tuchmacherei nicht ernstlich behindertl°. Jedenfalls wurde 9 William James Ashley, Introduction to English Economic History and Theory, vol. 2, London 1893, p. 265 ff. -Ders., The Early History of the English Woollen Industry, New York 1887. - WilUam Cunningham, The Growth of English Industry and Commerce during the Early and Middle Ages, 5th er. (Reprint) vol. I, London 1968, p. 396 ff. und p. 434 ff. -Ochenkowski, Englands wirtschaftliche Entwicklung im Ausgang des Mittelalters, Jena 1879. - E. C. K. Gonner, Common Land and Enclosure, London 1912. 10 Friedrich Lohmann, Die staatliche Regelung der englischen Wollindustrie vom XV. bis zum XVII Jahrhundert, Leipzig 1900, S.29. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Das deutsche und britische Wollgewerbe 15 das neue ländliche Gewerbe überall dort stillschweigend geduldet, wo es wirklich zur Bedeutung gelangte. Das aufstrebende Wollgewerbe mußte durch Gesetze reguliert werden. Schon 1197 hatte Richard H. ein besonderes Gesetz erlassen, das die Länge und Breite eines zu webenden Wolltuches festlegte. Alles andere wurde aber noch den Tuchmacherzünften überlassen, die hauptsächlich ihren Sitz in London, Oxford, Lincoln, Winchester, York, Bury St. Edmunds, Northhampton, Leicester, Stamford, St. Albans, Bristol, Tewkesbury, Worcester, Manchester und Beverley hatten. Etwa hundert Jahre nach dieser "Assize of Measure" wurde zur besseren überwachung der Anordnung das Amt des königlichen Tuchmessers (Aulnager, wörtlich Ellenwart) in jeder Grafschaft eingeführt ll . Die Wollweberei war damit das erste Gewerbe, das in England einer einheitlichen obrigkeitlichen Regelung unterworfen wurde. In der Praxis wurden dieses Gesetz und nachfolgende ähnliche Anordnungen freilich zunächst wenig beachtet, zumal sich die in England ansässigen 11 Die 1298 erstmals erwähnten "Aulnager" hatten die hergestellten Tuche mit der vorher geeichten Elle zu messen, mit dem königlichen Wappen zu stempeln und dafür eine Gebühr zu erheben. Stoffe, die nicht das vorgeschriebene Maß hatten, verfielen dem König. Seit 1553 wurde damit eine Steuer verbunden, was zur Verpachtung des Tuchmesseramtes führte. Dadurch verlor es seine Bedeutung für die Kontrolle des Wollgewerbes. Die Tuche mit ungesetzlicher Länge und Breite wurden später auch nicht mehr konfisziert, sondern mit einer Geldstrafe belegt. An dieser Praxis hielt man bis zum Beginn der Industrialisierung fest. Auch durfte kein ungestempeltes Stück feilgeboten werden. Ab 1465 wurde durch Gesetz den "Aulnagers" befohlen, über alle Stücke und ihre Eigentümer ein Register zu führen. Ab 1483 durften die Kontrolleure nur noch gelernte Tuchmacher sein, wobei ihre Amtsbezirke genau abgetrennt wurden. Mit der sich ausbildenden Selbstverwaltung wurde das Stadtoder Grafschaftsiegel für den Stempel eingeführt. Da aber die Tuchmacher bei der Produktion weitgehend unbeaufsichtigt blieben und die Aufsichtspersonen nur das fertige Produkt zu sehen bekamen, wurden 1549 die Magistrate und Friedensrichter verpflichtet, außerdem unparteiische "Overseers" zur Inspektion der Werkstätten zu ernennen. Diese mußten bei 10 Pfd. St. Strafe vierteljährlich jede Werkstatt besuchen, woran sie niemand hindern konnte. Besonders hatten sie gegen das unerlaubte Strecken der Tuche einzuschreiten. Diese bekamen statt des Siegels ein "F" (Faulty). Da das Amt des "Aulnagers" als Finanzinstitution seit der Mitte des 16. Jhs. nur an große Lords verpachtet wurde, ging die eigentliche Tuchkontrolle ganz an die "Overseers" über. Nur in einigen privilegierten Tuchmacherstädten durften die Zünfte dies Amt des Messens, Wiegens und Stempelns noch selbst wahrnehmen. Ebenso wurde über jedes Stück, das die Walkerei passierte, Buch geführt. Da die Friedensrichter, denen die Overseers verantwortlich waren, sich häufig aus dem ländlichen Verlegertum rekrutierten, gab es immer auch viele Mißstände bei dieser Kontrolle wie die Flugschriftensammlung "Tracts of Wool" im Britischen Museum zeigt. Vgl. Ashley, Early History of the English Woollen History, New York 1887. -Ders., Englische Wirtschaftsgeschichte, Bd.2, Leipzig 1896, S.201-73. - T. H. Lloyd, The Movement of Wool Prices of Medieval England (Economic History Review Supplement vol. 6), Oxford 1973. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 16 Hans-Jürgen Teuteberg hansischen und italienischen Kaufleute diesen Regelungen nicht fügen wollten. Ihre Stellung gegenüber der englischen Krone war bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts so stark, daß eine Konfiskation ihrer Tücher nicht erzwungen werden konnte. So wurde das Gesetz mehrfach aufgehoben, abgewandelt und dann wieder erneuert. Zur Stärkung der Londoner Tuchhändler errichtete man 1396 eine besondere Tuchhalle mit der Maßgabe, daß alle von auswärts kommenden Tuche dort zuerst gestapelt und nur an bestimmten Wochentagen verkauft werden durften. Damit sollte in erster Linie verhindert werden, daß die fremden Kaufleute über die Köpfe der Einheimischen hinweg Detailhandel betrieben. Solche monopolartigen "Cloth Halls" gab es später auch in Norwich, Bristol, York und anderen kleineren Tuchmacherstädten. Bis zum 13. Jahrhundert muß das englische Wollgewerbe gegenüber dem Kontinent als rückständig angesehen werden. Denn die meiste erzeugte Rohwolle wurde nach Flandern und die benachbarten Länder ausgeführt und der gesamte Bedarf an feineren Tuchen eingeführt. Zwar erließen die englischen Könige zwischen dem 13. und dem 14 . • J ahrhundert schon zahlreiche Verbote zur Rohwollausfuhr, doch waren damit in erster Linie militärische oder finanzpolitische Erwägungen verbunden, die mit der Förderung des Wollgewerbes wenig zu tun hatten. Sie sollten der Krone als dem größten Wollexporteur oder aber einigen wenigen Stapelkaufleuten ein Ausfuhrmonopol sichern, die dafür dann hohe Zölle bezahlten. Zuweilen dienten die Ausfuhrverbote auch nur dem Zweck, sich durch Vergabe entsprechender Ausnahmelizenzen eine zusätzliche Einnahme zu verschaffen oder aber um auf auswärtige Bezieher einen politischen Druck auszuüben. Dahinter stand jedenfalls noch keine merkantilistische überlegung, den Rohstoff prinzipiell dem eigenen einheimischen Gewerbe zu sichern. Die Rücksicht auf die mächtige Partei der Schafzüchter und Stapelkaufleute und die hieraus fließenden Wollzölle waren sicherlich die wichtigsten Gründe, keine dauernden Wollausfuhrverbote zu erlassen. Auch als Eduard III. 1376 zeitweise die Ausfuhr ungewalkter Tuche verbot, hatte er mehr fiskalische und politisch-militärische als gewerbefördernde Motive vor Augen. Die Sperrung und Zulassung des Außenhandels galt als ein legales Mittel der Politik. Sehr viel entschiedener tritt der wirtschaftspolitische Standpunkt hundert Jahre später zutage, als Eduard VI. 1467 die Ausfuhr von Wollgarn und gewalktem Wollenzeug verbot, weil die königlichen Zolleinkünfte geschmälert und die "armen Weber und Tuchscherer" um ihren Verdienst gebracht würden. Treibende Kräfte hinter diesem Verbot waren die Appretierer (Clothworker's Company) und Färber (Company of Dyers) in London, die an diesem größten Stapelplatz die Ausfuhr halbfertiger Tuche möglichst verhindern OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Das deutsche und britische Wollgewerbe 17 wollten l2 • Zur Bekämpfung dieser Akte verbündeten sich die sonst feindlich gegenüberstehenden Hansekaufleute und die "Company of the Merchant Adventurers" , in deren Händen die Woll-, Garnund ungewalkte Tuchausfuhr lag. Sie erklärten, auf den fremden Märkten würde englisches Tuch nur im rohen und weißen Zustande gekauft, gefärbtes und appretiertes Tuch werde man nicht los, weil die englische Färberei und Appretur noch nicht gut genug seien. Heinrich VII. wie Heinrich VIII. erneuerten aber die Ausfuhrverbote für ungewalkte, ungerauhte und ungeschorene Tücher bis auf wenige billige Sorten. Elisabeth I. versuchte, die Kaufleute mit den Färbern und Appreteuren durch Kompromisse zu versöhnen, verbot aber daneben die Ausfuhr lebender Schafe, um die Verpflanzung der englischen Wollzucht auf den Kontinent zu verhindern. Schon vorher war den unteren und mittleren Volksklassen durch ein Gesetz Heinrich VIII. 1511 verboten worden, ausländische Hüte und Mützen zu tragen. Elisabeth trat noch energischer für die heimischen Wollmützenmacher ein. Nach ihrem "Mützengesetz" von 1571 mußten alle Personen vom sechsten Lebensjahr an mindestens jeden Sonntag eine in England gestrickte wollene Mütze tragen. Jakob I. hatte sogar die Absicht, eine Proklamation "for wearing English cloth" zu erlassen, was aber wegen des Widerstandes aus Handelskreisen nicht zustande kam. Am berühmtesten unter allen Gesetzen zur Förderung der Wollgewerbe wurde aber das "Leichentuchgesetz" von 1666, das bei 5 Pfd. St. Strafe verbot, für Leichentücher andere Stoffe als Wolle zu nehmen, womit in erster Linie die Einfuhr französischen Leinens verhindert werden sollte l3 • Den größten Einfluß auf den Aufschwung des englischen Wollgewerbes hatte aber die Einwanderung flämischer Tuchweber. Sie fand abgesehen von einer bedeutungslosen Ansiedlung niederländischer Weber unter Wilhelm I. erstmals unter Eduard III. statt, als das englische Wollgewerbe im "Zenit seiner mittelalterlichen Blüte" rN. Cunningham) stand. Diesel' englische Monarch hatte durch seine Gemahlin, eine Tochter des Grafen von Hennegau, enge Beziehungen zu den südlichen Niederlanden. In der flandrischen Tuchmacherei gab es damals große Unruhen, als die Städte Brügge, Gent, Antwerpen und Ypern die entstehende ländliche Tuchmacherei mit dem mittelalterlichen Zunftzwang zu beschränken suchten und aus den Städten selbst viele Tuchmacher vor den Verfolgungen des Grafen von Flandern 12 Eileen Power, The Wool Trade in the Fifteenth Century. In: E. Power and M. M. Postan (ed.), Studies in English Trade in the Fifteenth Century, London 1933. -Georg Schanz, Englische Handelspolitik gegen Ende des Mittelalters, Leipzig 1881, S. 183 ff., 206 ff. und S. 551 ff. 13 Die Akte wurde elf Jahre danach mit schärfsten Ausführungsbestimmungen erneuert als Zeichen dafür, wie ernst diese Maßnahme gemeint war. Vgl. Lohrnann, Wollindustrie, S.84. 2 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 83 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 18 Hans-Jürgen Teuteberg flüchteten. Die alten Handelsbeziehungen legten es nahe, auch auf der Insel eine Zuflucht zu suchen. Als Eduard II!. dem ersten Einwanderer John Kempe mit seinen Walkern und Webern 1331 einen Schutzbrief gewährte, ging es ihm freilich mehr um Geld und Politik als um die Hebung der eigenen Wirtschaft. Hatte dieser Schutzbrief und der von 1337 nur einzelnen Einwanderern gegolten, so wurden die nun folgenden auf alle einwandernden flämischen Weber ausgedehnt. Ihnen wurde keine Beschränkung des Ellenmaßes auferlegt und der königliche Schutz bei der Betreibung des Gewerbes zugesichert 14• Unter der Herrschaft Eduard II!. ließen sich nun viele flämische Tuchmacher in den Grafschaften Norfolk, Sussex und Essex, dann aber auch in Ostengland nieder, wo sie eigene Kolonien von Webern, Walkern und Färbern begründeten 15• Hatte das englische Tuchgewerbe bis dahin in der Hauptsache nur Halbfabrikate hergestellt, weil die Kunst des Walkens, Färbens und Appretierens auf dem Kontinent als Zunftgeheimnisse behandelt wurde, so konnte man trotz aller eifersüchtigen Auseinandersetzungen mit den Einwanderern nun in diese neuen Techniken eindringen 16• Waren unter Eduard II!. jährlich noch etwa 30000 Sack Rohwolle ausgeführt worden, so war diese Ausfuhr anderthalb Jahrhunderte später auf ein Sechstel gesunken, was vor allem eine Schädigung für das flämische Tuchgewerbe bedeutete, da dieses stark auf die 14 Cunningham, Growth of English Industry and Commerce, vol. 1, p. 283. - Ashley, Introduction vol. 2, p. 195. 15 John James, History of the Worsted Manufacture in England, from the Earliest Times, London 1857, p.50. 16 Im Mittelpunkt dieser neuen Technik stand das Färben. Auf der Insel fehlte es weitgehend an Waid und Krapp, die für das dauerhafte Färben der Tuche auf Schwarz, Dunkelgrün, Dunkelbraun und Stahlblau notwendig waren. Wie überlieferte Färbelöhne zeigen, war das Färben von grauen oder gelben Tüchern wesentlich einfacher und brachte weniger Gewinn. Die im 16. Jahrhundert tonangebende spanische Mode schrieb die Farbe Schwarz vor. Das "Brabanter Schwarz" war dabei von unerreichter Qualität. Das Färben wie auch das Zurichten wurde damals noch von selbständigen Handwerksmeistern besorgt. Auch in England wurden die Färber und "Wandbereiter" (cloth worker) deutlich von den weniger angesehenen Garnspinnern und Tuchwebern (cloth makel') unterschieden. Das Zurichten und Färben der englischen Halbfabrikate verlagerte sich später von Antwerpen nach Hamburg, als der englische Tuchstapel dorthin verlegt wurde. Noch 1593 waren aber die in England gefärbten und zubereiteten Wolltuche auf dem Festland 10 -12 sh weniger wert als die unbereiteten. Durch die flämischen Einwanderer wurde die Grafschaft Norfolk zur Heimat der englischen Kammgarnindustrie. Nach dem Ort Worsted in Norfolk, wo diese Wollzucht zuerst auftauchte, wurde das Kammgarn "worsted yarn" und die davon gefertigten Stoffe "worsted stuffs" oder "worsted goods" genannt. Zwar hatte es schon vorher Kammgarngewebe auf der Insel gegeben, aber diese wurden durch die Einwanderung und die neue Technik wesentlich ausgebildet. Norwich blieb bis zum 18. Jahrhundert das Zentrum dieses Gewerbes. Die Ausfuhr der Kammgarnstoffe begann erst nach der flämischen Einwanderung. Vgl. James, History of the Worsted Manufacture, chapter IH. Ehrenberg, Hamburg und England, S. 280. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Das deutsche und britische Wollgewerbe 19 englische Wolle angewiesen war. An die Stelle der Wollausfuhr trat in England nun immer mehr der Tuchexport. überall wuchsen. in der Folge über den lokalen Markt hinaus produzierende Verlage empor, die mit ihren feinen englischen Kammgarnstoffen den flämischen, hansischen und oberitalienischen Städten Konkurrenz machten. Der Aufschwung geht aus den Ausfuhrlisten und Zöllen der Tudorzeit hervor: 1354 belief sich die englische Tuchausfuhr noch nicht auf ganz 5000 Stück im Jahr. Am Ende des Jahrhunderts führten die "Merchant Adventurers" allein schon über 60000 Stück aus. 1509 stieg die Ausfuhr auf 84789 Stück, 1547 auf 122345 Stück. Da der Woll ausfuhrzoll eine der Haupteinnahmen der Krone war, wurde 1347 ein Zoll auf die Tuchausfuhr gelegt. Dabei wurde die Weberei begünstigt: Während bei Wolle ein Wertzoll von 33 v.H. erhoben wurde, brauchten Tuchhändler nur 2 v.H. zu zahlen. Immerhin lieferte der Wollzoll 1421 noch rund 74 v.H. aller Steuereinkünfte. Er sank auf 33 v.H. unter Heinrich VIII. ab, während die Tuchzölle auf 24 v.H. der königlichen Einkünfte stiegen. Nach einer zeitgenössischen Schätzung bestand die englische Ausfuhr 1564/65 bereits zu 81,6 v.R. aus Wolltuchen und anderen Wollwaren und nur noch zu 8,5 v.H. aus Rohwolle und Schaffellen, während der verbleibende Rest auf Zinn, Blei und andere Rohstoffe entfiel. Insgesamt wurde der englische Tuchexport zwischen 1500 und 1550 nach englischen Schätzungen möglicherweise sogar verdreifacht 17• Wie Brügge und Antwerpen suchten später auch Hamburg, Emden, Stade, Danzig, Elbing, Memel, Kulm und andere Städte durch übernahme eines englischen Wollstapels und Privilegierung englischer Kaufmannsgemeinden (Englische Courts) den Verfall des eigenen Tuchgewerbes aufzuhalten und am Handel der "Wagenden Kaufleute" zu partizipieren. Der Kampf der Tudors gegen das hansische Städtebündnis ist bekanntlich untrennbar mit der Ausbreitung des englischen Tuchhandels verbunden gewesen 18• 17 Britisches Museum Add. Mss. 10 fol. 21/222. -P. J. Bowden, The Wool Trade. In: Tudor and Stuart England, 2nd edition, London 1971. 18 Eileen Power - M. Postan, Studies in English Trade in the Fifteenth Century, London 1951. - Georg Schanz, Englische Handelspolitik gegen Ende des Mittelalters, Leipzig 1881. - Karl Pa gel, Die Hanse, 3. Aufl., Braunschweig 1963. - Walter Stein, Die Hanse und England, Leipzig 1905. - Jacob Marcus Rader, Die handelspolitischen Beziehungen zwischen England und Deutschland 1576 - 1585. Diss. Berlin 1925. - Ludwig Beutin, Hanse und Reich im handelspolitischen Endkampf gegen England, 1929. - Friedrich Schulz, Die Hanse und England von Eduard 111. bis auf Heinrich VIII. Zeit. Berlin 1911. - Rudolf Häpke, Die Handelspolitik der Tudors. In: Hansische Geschichtsblätter, Jg. 1914. - Lingelbach, The Merchant Adventurers of England, London 1902. - Heinrich Hitzigrath, Die Kompanie der Merchant Adventurers und die englische Kirchengemeinde in Hamburg 1611 - 1835, Hamburg 1904. - Georg Grosch, Geldgeschäfte hansischer Kaufleute mit englischen Königen im 13. und 14. Jahrhundert. In: Archiv für KulturgeOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 20 Hans-Jürgen Teuteberg Als das feine flämische Tuchgewerbe infolge der stärker werdenden englischen Konkurrenz Einbußen erlitt, suchten sich vor allem die Kleinmeister zunächst mit der Herstellung einfacherer und billigerer Stoffe zu retten, wobei durch die Abwanderung verarmter städtischer Handwerker neue Wollgewebezentren in Hondschoote, Bergues, Armentieres und Verviers entstanden. Aber auch dieses weitgehend verlagsmäßig geprägte ländliche Gewerbe konnte sich nach anfänglichem Aufschwung seit Ende des 16. Jahrhunderts nicht mehr durchsetzen. Der Einfall des Herzogs von Alba in die Niederlande verstärkte diesen Niedergang so rapide, daß sich erneut flandrische und wallonische Tuchmacher nach England wandten. Hatten unter der kurzen Herrschaft Maria der Katholischen die Fremden das Land wieder verlassen müssen, so wirkte die Thronbesteigung Elisabeths anziehend für alle die, die der spanisch-päpstlichen Herrschaft entgehen wollten. Mit dem Beginn der Regierung Philipp 11. war der Gedanke naheliegend, dem Beispiel der Väter folgend nach England auzuwandern. 1561 landeten die zweite Welle niederländischer Tuchmacher im Hafen von Sandwich, wo 25 Meistern mit ihren Familien die Gewerbeerlaubnis gegeben wurde. Natürlich blieb Norwich das Zentrum der nun folgenden Einwanderung. 1583 zählte man dort bereits 4679 Personen. Nach Elisabeths Schutzbrief durften sie fabrizieren "bays, says, tapestry, mockadoes, stamens, kerseys and such other outlandish commodities as not been made within our realm"19. Andere niederländische Tuchmacherkolonien entstanden in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Colchester, Southampton, London, Yarmouth, Stamford, Lynn, York, Dover und Canterbury. Wenngleich der Hauptstrom der Einwanderer um 1570 versiegte, dauerte er doch im kleineren Umfang noch die nächsten hundert Jahre an. Seit dieser zweiten flämischen Einwanderung zur Zeit Elisabeths begann man auf der Insel zwischen der "Old Drapery" und der "New Drapery" zu unterscheiden 20• Unter der "Old Drapery" verstand man die schichte, Bd. 2 (1904), S. 121 ff. und S. 265 ff. - Reinhold PauLi, Hansische und baltische Beziehungen zu Schottland im 16. und 17. Jahrhundert. In: Hansische Geschichtsblätter, Jg. 1879, S. 85 ff. - Ench Marcks, Königin Elisabeth und ihre Zeit, 2. Aufl., Bielefeld 1926. - Ehrenberg, Hamburg und England im Zeitalter der Königin Elisabeth, S. 5 ff. - Bernhard Hagedorn, Ostfrieslands Handel und Schiffahrt im 16. Jahrhundert, 1910. - Bowden, The Wool Trade in Tudor and Stuart England, a.a.O. 19 James, History of the Worsted Manufacture, p. 107. 20 Henn Pirenne, Une crise industrielle au XVIe siec1e. La draperie urbaine et la nouvelle draperie en Flandre. In: Bulletin de l'Academie royale de Belgique, torne 1905. - G. Espinas, La draperie dans la Flandre franc;;aise, 2 tornes Paris 1923. -H. Laurent, Un grand cornrnerce d'exportaUon au rnoyen äge. La draperie des Pays-Bas en France et dans les pays rnediterraneens, Paris 1935. - Joan Thirs~. Industries in the Countryside. In: F. J. Fisher (ed.), Essays in the Econornic and Social History of Tudor OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Das deutsche und britische Wollgewerbe 21 glatten Streichgarnstoffe und eigentlichen traditionellen Tuche, wo das Schwergewicht der Fabrikation beim Walken und Appretieren lag. Bei der in Ostengland durch die Niederländer sich einbürgernden Kammgarnindustrie lag jedoch der Schwerpunkt in der Struktur des Gewebes, das offen sichtbar blieb und nicht wie beim Tuch durch Walken und Appretieren verfilzt wurde. Kam es in der "Old Drapery" auf die Erfindung neuer Färbeund Appreturmethoden an, so suchte man in der "New Drapery" neue Kombinationen bei Kette und Einschlag zu finden, um neue Gewebemuster herauszubringen. Natürlich brachten die Kolonisten neue Muster zum Weben und neue Färbemethoden mit. Vor allem zeigten sie den englischen Webern, wie das Wollgarn mit Seide oder Leinen vermischt werden konnte, wodurch sich ganz neue Mischgewebe ergaben. Die "New Draperies" waren unter Verwendung von Kammgarn hergestellte Gewebe, die wenig oder gar nicht gewalkt zu werden brauchten und besonders dünn und leicht waren. Sie konnten daher bedeutend billiger hergestellt werden als die alten Tuche und sahen besser und feiner aus. Die Stoffe der "New Draperies" waren nicht so haltbar, hatten aber lebhaftere Farben und schneller wechselnde Muster. Da die Textilherstellung vom modischen Wechsel beherrscht wird, fanden diese Stoffe schnell Eingang. Vor allem eigneten sich die neuen leichten Stoffe auch für den Export in die Kolonien, wo die alten Tuche wegen des heißen Klimas bisher nicht gefragt worden waren. Die Ostindische und die Levante-Kompanie übernahmen als erste die Ausfuhr dorthin. So verdankte das englische Wollgewerbe der Einwanderung der kunstfertigen und gewerblich erfahrenen Flamen sehr viel. Vor allem wurde es nun endgültig von seinem Zwang befreit, Rohwolle und Halbfabrikate ausführen zu müssen. Bis zum 18. Jahrhundert kehrte sich das frühere Verhältnis so völlig um, daß unfertige Tücher in großen Mengen von den Niederlanden nach England gebracht wurden, wo sie nach neuen Verfahren gefärbt und appretiert wurden. Nach Stagnation. Preisverfall und vorübergehendem Rückgang, von denen aber die "Worsted Industry" weniger betroffen wurde, gelangten im 17. Jahrhundert die englischen Wollgewerbe zu einer hohen Blüte, wobei sich die Ausfuhr nach zeitgenössischen Schätzungen etwa verdreiand stuart England, Cambridge 1961. - B. Slicher van Bath, The Agrarian History of Western Europe, 1500 -1850, 1963. - E. L. Jones, Agricultural Origins of Industry. In: Past and Present, vol. 40 (1968). - J. A. van Hautte, Stand und Land in der Geschichte des flandrischen Gewerbes im Spätmittelalter und in der Neuzeit. In: Friedrich Lütge (Hrsg.), Wirtschaftliche und soziale Probleme der gewerblichen Entwicklung im 15.116. und 19. Jahrhundert, Stuttgart 1968, S. 90 - 201. - N. J. Williams, Two Documents concerning the "New Draperies". In: Economic History Review, 2nd sero vol. 4 (1952), p. 353 - 58. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 22 Hans-Jürgen Teuteberg fachte. Zu Beginn des Jahrhunderts soll der Wert der ausgeführten Wollwaren (vermutlich wurde zwei Fünftel der Gesamtproduktion exportiert) etwa 3 Mill. Pfd. St. betragen haben. Gregory Kings Statistik schätzt den Wert der hergestellten britischen Wollwaren zur Zeit der "Glorreichen Revolution" um 1688 bereits auf etwa 8 Mill. Pfd. St. im Jahr, wovon 2 Mill. Pfd. St. ins Ausland gingen 21 • Zur Stärkung des englischen Tuchgewerbes trugen diesmal auch französische Hugenotten bei, die nach der Aufhebung des Ediktes von Nantes nach England kamen. Unter diesen protestantischen Glaubensflüchtlingen waren besonders viele nordfranzösische Tuchweber. Ihnen war es mitzuverdanken, wenn sich die englischen Tuchexporte im 18. Jahrhundert dann noch einmal verdoppelten. Besonders groß war die Nachfrage nach englischen Tuchen in Portugal und Spanien, aber auch in Italien, den Niederlanden und in den nord amerikanischen Kolonien 21a • Der Rohwollbedarf Englands konnte bis auf die Einfuhr feiner spanischer Wolle aber noch zunächst von der stark expandierenden Schafzucht im 18. Jahrhundert infolge der großen Einhegungswellen und der Ausdehnung der Weideflächen gedeckt werden. Das Wollgewerbe breitete sich nun über die ganze Insel aus, doch blieben die beiden traditionellen Schwerpunkte bestehen, die bei der flämischen Einwanderung entstanden waren 22• Ein Zentrum hatte sich in 21 Zitiert nach Lipson, Short History of Wool, p.11. Vgl. Chartes WHson, Cloth Production and International Competition in the Seventeenth Century. In: Economic History Review, 2nd. ser. vol. 1960. 21a Die wachsende Bedeutung der englischen Wollwarenausfuhr in die mediterranen Länder seit der Mitte des 17. Jahrhunderts zeigen die Zahlen bei M. Priestley, Anglo-French Trade and the unfavourable Balance Controversy 1660 - 1685. In: Economic History Review 2nd ser. vol. 4 (1951), p.47. 22 Lipson, Short History of Wool, p.45. -Vgl. ferner WiHiam James Ashley, The Early History of the English Woollen Industry, New York 1887. - Edward Baines, Account of the Woollen Manufacture of England (1835), 2nd edition Newton Abbot 1970. - J. H. Clapham, Woollen and Worsted Industries, London 1901. -WiHiam Cunningham, Growth of English Industry and Commerce in Modern Times, 3rd edition, Cambridge 1903. - John James, History of the Worsted Manufacture in England, from the Earliest Times with Introductory Notices of the Manufacture among the Ancient Nations and during the Middle Ages, London 1857. Über das westenglische Wollgewerbezentrum berichten speziell: D. M. Hunter, The West of England Wool Industry, London 1910. - Julia de Lacy Mann, Documents illustrative of the Wiltshire Textile Trades in the Eighteenth Century. In: Wiltshire Archaecological and Natural History Society, Records Branch, vol.19 (1964). -Dies., The Cloth Industry in the West of England from 1640 to 1880, Oxford 1971. K. G. Ponting, A History of the West of England Cloth Industry, London 1957. - N. J. Williams (ed.), Tradesmen in Early Wiltshire, Devies 1960. - J. G. Jenkins, The Welsh Woollen Industry, Cardiff 1969. Das ostenglische Wollgewerbezentrum behandeln: R. G. Witson, Gentleman-Merchants: The Merchant Community in Leeds 1700 -1830, Manchester 1971. - F. Atkinson (ed.), Some Aspects of the Eighteenth Century Woollen and Worsted Trades in Halifax, Halifax 1956. - Edward Baines, The Wo oIen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Das deutsche und britische Wollgewerbe 23 Leicestershire, Gloucestershire und Wiltshire gebildet, wo der Severn die kleinen verstreuten Gewerbeorte mit dem Tuchhauptausfuhrhafen Bristol verband. Neben dieser für damalige Verhältnisse hervorragenden Transportmöglichkeit gab es in den westlichen Teilen Englands viel Weideland, was die Haltung von Schafen mit einer guten Wollqualität begünstigte. Leicestershire war nicht zufällig wegen seiner Viehzüchterei bekannt. Das andere Zentrum der Wollproduktion und -verarbeitung lag in der ostenglischen Grafschaft York (West Riding) mit den Mittelpunkten Leeds und Halifax sowie in Norfolkshire mit dem Tuchmarkt Norwich. Während die westenglischen Tuchmacher ihre feineren Erzeugnisse nach Frankreich, den Niederlanden und Westdeutschland lieferten, versandten die ostenglischen Wollweber ihre Produkte ebenfalls auf dem Seewege nach Skandinavien und nach Osteuropa, da man dort die gröberen Wollsachen verlangte. An dieser regionalen Standortverteilung hatte sich noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts wenig verändert. Die Wollverarbeitung in Schottland und Irland blieb dagegen stets unbedeutend. In Irland wurde sie künstlich niedergehalten. Im späten 17. Jahrhundert erzeugte die "Grüne Insel" zunächst aufgrund ihrer blühenden Schafzucht eine vorzügliche Kammwolle und besaß eine sich ausdehnende Spinnerei. Da die Arbeitslöhne sehr viel niedriger als in England lagen, waren alle Chancen für die Gründung einer eigenen Wollverarbeitung gegeben. Schon nach dpr Restauration 1660 begannen englische "Clothiers" in Irland mit der Produktion der "New Drapery" und konnten mit den billigen Stoffen erfolgreich auf den englischen Märkten konkurrieren 23• Die Tuchmacher in den westenglischen Grafschaften sahen mit Mißvergnügen, wie sich das Geschäft mehr und mehr nach Dublin verlagerte und die begehrte irische Wolle ausblieb. Auf ihr Drängen erließ das Parlament 1699 einen hohen Ausfuhrzoll für irische Wollfertigwaren, wodurch das irische Wollgewerbe so gut wie Manufacture of England with Special Reference to the Leeds Clothing District: Paper read to the British Association in 1858. In: Thomas Baines, Yorkshire Past and Present, A History and Description of the three Ridings of the Great County of York ... , vol. 1, London 1870 (Auszug in: J. T. Ward, The Factory System, vol.1, Newton Abbot 1970, pp. 30 - 31). - James Bischoff, A Comprehensive History of the Woollen and Worsted Manufacture and the Natural and Commercial History of Sheep. from the earliest Records to the present Period, 2 vols., London 1842 (Neuauflage London 1968). - J. H. Clapham, The Transference of the Worsted Industry from Norfolk to the West Riding. In: Economic Journal, vol. 1910. - W. B. Crump, The Leeds Woollen Industry 1780 -1820, Leeds 1931. - W. B. Crump - G. Ghorbal, History of the Huddersfield Woollen Industry, Huddersfield 1935. - Herbert Heaton, The Yorkshire Woollen and Worsted Industries, Oxford 1920. - Ders., Yorkshire Cloth Trader in the United States 1770 -1840, Leeds 1941. 23 Cunningham, Growth of English Industry and Commerce, 5th edition, vol. 2, London 1968, p. 376 f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 30 Hans-Jürgen Teuteberg kaum reale Bedeutung, da der Beschluß nicht vom Kaiser unterstützt wurde. Als 1578 Hamburg zur Hansetreue zurückkehrte und den Engländern den Tuchhandel entzog, waren sofort Emden und Stade bereit, den englischen Wollstapel zu übernehmen. Von 1580 bis 1587 und von 1599 bis 1602 wurde er dann von Emden, von 1587 bis 1599 sowie von 1602 bis 1611 von Stade aus betrieben. Elbing hatte schon seit 1560 der ebenfalls mit Wolltuchen handelnden "Eastland Company" eine Niederlassung eingeräumt 33 • Der Kampf gegen die englischen Wollwaren war zugleich eine erste Konfrontation mit der ziel bewußten Merkantilpolitik Elisabeths. In33 Englische Wollhändler sind wahrscheinlich im Troß hansischer Kaufleute schon in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts nach Altpreußen und ins Baltikum gekommen. Darauf deutet jedenfalls ein holländischer Antrag an die Hansestadt Lübeck, den Briten die Ostseefahrt zu untersagen. 1437 wurde britischerseits geltend gemacht, daß man schon 150 (!) Jahre lang in Danzig, Memel und Kulm ein "Pfahlgeld" entrichte, d. h. dort ansässige Briten hatten dort Bürgerrecht erworben. Danzig scheint seit 1337 regelmäßig von englischen "Lakenhändlern" besucht worden zu sein, die als Rückfracht Holz und Getreide mitnahmen. Alle Verbote reichten offenbar nicht aus, diesen Handel umzulenken. Nach dem Ende der hansischen Privilegien nahm die Ostseefahrt der Briten einen Aufschwung, wobei sich die Schotten besonders hervortaten. Sie übernahmen ab 1385 den gesamten Seehandel Altpreußens. Ihre Einfuhr bestand vornehmlich wie in anderen deutschen Häfen in groben Wolltuchen, von denen in manchen Jahren bis zu 60000 Stück zu 42 - 44 Ellen Länge eingeführt wurden, nur etwa 25 v.H. davon gehörten zu den feineren Sorten. Ordensritter hüllten sich gern in einen Mantel von englischem Tuch, und wohlhabende Bürger trugen ein Wams aus einem Stoff, den man in den "Englischen Kellern" von Thorn oder Danzig erwerben konnte. Auch der wohlhabende Kulmer Bauer, dem das einfache graue Marienburger oder Konitzer Tuch nicht mehr behagte, zog einen Rock aus "Lundischen Laken" (Londoner Tuch) vor, während Brabanter Stoffe nur bei ganz großem Luxus getragen wurden. Nach der Niederlage des Deutschen Ordens 1410 bei Tannenberg konnten die "Merchant Adventurers" das später so genannte "Englische Haus" am Langenmarkt in Danzig erwerben und wie die Hanse im Londoner Stalhot dort ein eigenes korporatives Leben führen. Zur förmlichen Organisation der englischen Handelsinteressen in den ostdeutschen Küstenstädten kam es aber erst durch die Errichtung der "Eastland Company" unter Elisabeth I., für die 1560 in Elbing eine Zulassung erwirkt werden konnte. Diese englische Gesellschaft verschaffte Danzigs großer westpreußischer Rivalin einen neuen Handelsflor und wirkte dort bis 1628. Nach einer zeitgenössischen Chronik wurden vom 1. April bis 1. Dezember 1594 allein in Elbing englische Wollstoffe im Wert von rd. 500000 pr. Talern eingeführt. Danzig erwirkte dann die Aufhebung der Elbinger englischen Gemeinde durch einen Reichstagsbeschluß. Vgl. A. Horn, Alt-England und Alt-Preußen. In: Altpreußische Monatsschrift, Bd. 1 (1864), S. 63 - 71. - Theodor Hirsch, Danzigs Handelund Gewerbegeschichte unter der Herrschaft des Deutschen Ordens, Danzig 1858. - Th. A. Fisher, The Scots in Eastern and Western Prussia, Edinburgh 1903. -Ders., The Scots in Germany, Edinburg 1901. -T. C. Smouth, Scottisch Commercial Factors in the Baltic. In: Scottish Historical Review, vol. 39 (1960), pp. 122 - 28. - J. Sembritzki, Geschichte der kgl. preußischen Seeund Handelsstadt Memel, 2. Aufl., Königsberg 1926. -Fuchs, Geschichte der Stadt Elbing, Theil 1, Königsberg 1818, S. 136 ff. - Neue Preußische Provinzblätter, Jg.2 (1857), S. 41 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Das deutsche und britische Woll gewerbe 31 teressanterweise stützte sich die Anklage der Hanse vor dem Reichstag auf die Tatsache, des "deutschen Landes Barschaft" werde so in fremde Länder gebracht, der Engländer richte sich überall dort ein, wo Deutsche früher Handel getrieben hätten usw. Man behauptete ferner, man könne die englischen Tuche gut entbehren, da man selbst solche Fabrikate ausführe. Den Briten wurde außerdem vorgeworfen, sie würden zum Tuchmachen Kinder im Alter von 4 - 5 (!) Jahren verwenden, die Preise drücken und so mit der Einführung englischer Tücher den deutschen Handwerkern das Brot wegnehmen und die Zahl der Müßiggänger vermehren 34 • Durch diese Einrichtung englischer Wollstapel wurde die deutsche Wollweberei seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert stark geschädigt, zumal die englische Ausfuhr von Rohwolle und ungefärbten Tüchern mehr und mehr versiegte. Der Niedergang der Hanse und das Erstarken der englischen Wirtschaft hatte noch viele andere Gründe, aber der erbitterte Kampf um den Tuchhandel beweist, welche primäre Rolle gerade das Wollgewerbe in der nicht agrarischen Produktion des Frühmerkantilismus spielte. Auch in Deutschland hat der auftauchende merkantilistische Staat eine seiner Hauptaufgaben im Bereich der Gewerbeförderung darin gesehen, die Schafzucht wie die Wollverarbeitung zu ermuntern oder in eigener Regie auszubauen. Als einer der ersten Staaten ging hier Brandenburg-Preußen voran. Durch das englische Wollausfuhrverbot von 1579 war die Fabrikation der besseren Tücher in der Mark ganz zum Erliegen gekommen. Die bessere Wolle wurde von den adligen Rittergutsbesitzern ausgeführt und nur die im Lande verbleibende schlechtere verarbeitet, wodurch die Tuchmacher in die Abhängigkeit der exportierenden Tuchhändler gerieten. Vergeblich hatten die brandenburgischen Kurfürsten wie auch die allgemeinen Reichstagsabschiede von 1555, 1559 und 1566 die immer stärker werdenden "Mißbräuche" bei den Tuchmacherzünften abzustellen versucht. Schon 1572 wurde durch eine besondere Verordnung die kurfürstliche wie private Schäferei zu heben versucht, was den Verfall des Wollgewerbes aber nicht aufhalten konnte. England und Holland rissen den einst so einträglichen Tuchhandel nach Skandinavien völlig an sich und drangen schließlich sogar in den russischen Markt mit ihren Tuchen ein, als der neue Seeweg durch das Weißmeer endeckt war. Der 30jährige Krieg beschleunigte diesen Niedergang. Durch das Niederbrennen der Schäfe84 Angesichts der Streitigkeiten zwischen der Hanse und England wurde eine reichseinheitliche Förderung der Wollgewerbe durch Privilegierung der feinen Zeugproduktion und Besteuerung der englischen Importe erwogen, doch kam wegen der Eifersüchte der Städte und der Zünfte untereinander niemals eine einheitliche Maßnahme zustande. Vgl. Gülich, Geschichtliche Darstellung des Handels, der Gewerbe und des Ackerbaues, Bd.2, Jena 1800, S.184. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 32 Hans-Jürgen Teuteberg reien und Abschlachten der Tiere wurde der Rohstoffmangel weiter verschärft, während die englischen Wollausfuhrverbote noch 1660 wiederum erneuert wurden. Der Bezug der aufkommenden feinen spanischen Merinowolle war zu teuer und umständlich. Kurfürst Friedrich Wilhelm I. sorgte durch seine Edikte von 1667, 1669 und 1683, mit denen der Aufbau wüster Dörfer und die Ansiedlung von Kolonisten gefördert wurden, auch für die Niederlassung von Tuchmachern aus dem Gebiet von Jülich und Holland, wodurch die Fabrikation feinerer Tücher in der Mark eingeleitet wurdeJ5. Das schon früher erlassene Verbot der Wollausfuhr wurde erneuert und unter seinen Nachfolgern Friedrich III. (1.) und Friedrich Wilhelm I. so verschärft, daß dieses Gebot auch auf die Güter des Adels und der Geistlichkeit ausgedehnt wurde, wo man sich bisher niemals an diese Ausfuhrbeschränkung gekehrt hatte. Diese strikten Handelsverbote waren eine Ausführung früher erlassener Reichstagsbescheide. Schon 1687 wurde jeder Wollhandel an Orten strikt untersagt, wo keine Zunft vorhanden war. Die Einfuhr von "ordinairem Tuch" kam ebenfalls unter Verbot. Der Wollhandel wurde unter obrigkeitliche Kontrolle genommen, das Verhältnis der Tuchmacher zu den Verlegern sowie das Abhalten der Jahrmärkte geordnet. Gleichzeitig wurde durch Privilegierung der Freimeister das mittelalterliche Zunftsystem erstmals systematisch durchbrochen. Friedrich Wilhelm I. widmete seine ganze Tatkraft gerade dem Ausbau dieses Gewerbes. Nachdem der preußische Resident in London 1711 in einem Memorandum ausführlich auch über die englische Tuchmacherei berichtet und diese als den "Hauptpunkt des englischen Gewerbefleißes" bezeichnet hatte, erließ der König ganz ähnlich den englischen Parlamentsakten ein verschärftes Rohwollausfuhrverbot und gründete danach das "Königliche Lagerhaus" in Berlin 36• Auch 35 earl Hinrichs, Die Wollindustrie in Preußen unter Friedrich Wilhelm I. Darstellung mit Aktenbeilagen. In: Acta Borussia, Abt. 2, Reihe 5, Berlin 1933. - Hugo Rachel, Der Merkantilismus in Brandenburg-Preußen. In: Forschungen zur brandenburgischen und preußischen Geschichte, Bd.40 (1927). - Kurt Hintze, Die Arbeiterfrage zu Beginn des Kapitalismus in Brandenburg-Preußen, Berlin 1927, S. 231 ff. 36 Um einen Eindruck von der stärke der englischen Wolltuchproduktion zu vermitteln, gibt der preußische Resident Bonet an, im Jahr der "Glorreichen Revolution" 1688 seien in England Tuche im Wert von 4850458 Pfd. St. produziert worden (Gregory King schätzte den Wert zur gleichen Zeit auf 8 Mio. Pfd. St.). Er lobte die billige Einfuhr von Rohstoffen für die Tuchgewerbe, unter anderem der Farbdrogen, die zum Färben und Bedrucken der Tücher gebraucht werden, sowie der feinen spanischen Merinowolle. Bonet mißt dieser spanischen Wolle eine ganz entscheidende Bedeutung zu, weil bestimmte Sorten des englischen Tuches ohne die Beimischung der feinen Wolle zu grob gewesen wären, um im Ausland verkauft zu werden. Da England im Falle der Vereinigung Frankreichs und Spaniens diese wichtige Importquelle verlieren würde, unterstützte es OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Das deutsche und britische Wollgewerbe 33 wurde der Gebrauch fremder Wollwaren in Preußen verboten. Ein gänzliches Verbot wagte man nicht auszusprechen, um den gewinnbringenden Zwischenhandel nicht zu gefährden. Bald stellte sich jedoch ein Preisverfall ein, der erst zwischen 1730 und 1735 wieder behoben werden konnte. Wichtiger war noch der Erlaß einer Tuchund Zeugmacher-Schauordnung am 30. 1. 1723, die die frühere Regelung von 1687 wesentlich verbesserte. Zwar wurden die Innungen nicht angetastet, doch wurde der Lohn des Webers nun jährlich von einem Fabrikinspektor festgesetzt. Einen Handel nach auswärts durfte nur noch der treiben, der ein Verleger war oder mehr als zwei Stühle besaß. Alle Hausiererei wurde zur Vermeidung einer Schleuderkonkurrenz verboten. Durch diese Maßnahmen kurbelte Preußen zwar seine Wollwarenindustrie an, doch kam ein nennenswerter Außenhandel noch nicht zustande. Den skandinavischen Markt beherrschten weiterhin allein die Engländer und die Holländer, so daß die preußischen Wolltuche um 25 v.H. höher lagen als die Waren der beiden Konkurrenten. In Schweden mußten preußische Wollkaufleute sogar den doppelten Zollsatz entrichten. So verblieben nur Polen und Rußland als traditionelle Absatzgebiete. Die Ausdehnung der Exporte dorthin kam vor allem den neumärkischen Wollgewerben zugute, während die Kurmark den Bedarf des Inlandes und des neu eingerichteten stehenden Heeres befriedigte. Der verhältnismäßig große und dauernde Bedarf an einheitlichen Uniformen hatte bekanntlich wesentlich zur staatlichen Förderung der Wollgewerbe in Preußen beigetragen. Wie in England ergab sich auf die Dauer eine dualistische Produktionsstruktur: Während in der Kurmark Brandenburg die Herstellung und der Verkauf weiterhin in den Händen selbständiger Handwerksmeister verblieb, die den lokalen Markt versorgten, entwickelte sich in der östlichen Neumark ein erstes Verlegertum, das einen Absatz über größere Entfernungen betrieb. Dieser erste Aufschwung der preußischen Wollgewerbe traf vor allem das benachbarte Kursachsen, das sich in mehrfacher Hinsicht bedrängt sah. Von der staatlichen Förderung mit allen Mitteln den Spanischen Erbfolgekrieg. Bonet sah in der spanischen Wolleinfuhr sogar einen Hauptgrund für die Beteiligung Englands an diesem Krieg. Seinem Bericht zufolge wurden jährlich über 500 Schiffsladungen seiner spanischer Wolle nach England eingeführt. Im Jahre 1711 hatten sich aber die Franzosen fast ganz der spanischen Wolle bemächtigt. Interessanterweise nannte Bonet die englischen Stoffe in der Qualität den niederländisch-flämischen immer noch unterlegen. Allerdings beruhte die Ausfuhr englischer Wollerzeugnisse, die 1684 und nach dem Methuenvertrag 1703 z. B. in großen Mengen nach Portugal ausgeführt wurden, gerade auf deren Billigkeit gegenüber anderen Ländern. Vgl. Acta betr. die Schilderung des Königreichs Groß-Britannien vom Resident (Andre-Louis Frederic) Bonet, 1711. -Deutches Zentralarchiv Merseburg, Gen. Dir. Generaldepartment Tit. LIV, Nr. 2. - Brentano, Wirtschaftliche Entwicklung Englands, Bd.2, S.259. - earl Hinrichs, Das Königliche Lagerhaus. In: Forschungen zur brandenburgisch-preußischen Geschichte, Bd.44 (1935). 3 Schriften d. Vereins f. Soclalpolltlk 83 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 34 Hans-Jürgen Teuteberg Friedrich Wilhelms I. angelockt, begannen sächsische Wollhandwerker in großer Zahl nach Preußen auszuwandern, was der Quantität wie der Qualität der preußischen Wollgewerbe zugute kam. In das Jahr 1723 fällt schließlich die Reichszunftreform. Alle eigene Justiz der Zünfte wurde darin verboten, Disziplinargewalt gegen Lehrlinge und Gesellen beschränkt, die Korrespondenz und eigene Finanzgebarung wesentlich beschnitten und die Konkurrenz zwischen den Zünften zu beleben versucht. Meistersöhne sollten nicht länger einseitig bevorzugt werden, die Anforderungen für die Meisterstücke wurden herabgesetzt, das Wandern auf 3 Jahre begrenzt und ins Ausland ganz verboten. Auch das Auftreiben, Schelten und die Gesellenkoalitionen waren nun untersagt. Die ganze Reichszunftreform fand insgesamt im Reich wenig Befolgung. Immerhin blieb in Preußen das 1732 aufgrund der Reichszunftreform erlassene "General-Privilegium und Güldebrief des Tuchmacher-Gewerbes in der Churund Mark Brandenburg" bis zur liberalen Gewerbeordnung von 1845 in Kraft. sieht man von einigen Änderungen 1807 bis 1811 ab. Ein zweites Zentrum der Wollgewerbe in Preußen war die Rheinprovinz und hier vor allem der Aachener Raum 36a • Die bis in die karolingische Zeit zurück reichende Tuchmacherei hatte für die Herstellung hier günstige Voraussetzungen. Die großen Schafherden in der Eifel und in den Vogesen brachten die erwünschten Rohstoffe, die vielen Bäche bzw. das Holz der Wälder lieferten die notwendige Energie, und die heißen Quellen waren für die Wollund Tuchbearbeitung sehr nützlich. Absatzmöglichkeiten waren in den relativ dicht besiedelten Gebieten zwischen Rhein und Maas reichlicher als sonst vorhanden, zumal Aachen als Krönungsstadt Verkehr und Gewerbe belebte. Verhältnismäßig früh entwickelte sich daher ein ausgedehnter Handel mit dem "Aachener Tuch", der allerdings vielfach mit dem Rohwollhandel verknüpft blieb, besonders mit den angrenzenden flämisch-niederländischen und französischen Gebieten. Da dort bekanntlich eine be36a Clemens Bruckner, Aachen und seine Tuchindustrie, Trautheim/über Darmstadt 1949. - Jose! Dahmen, Das Aachener Tuchgewerbe bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, 2. Aufl., Berlin-Leipzig-Wien 1930. - Herbert Kisch, Das Erbe des Mittelalters, ein Hemmnis der Entwicklung: Aachens Tuchgewerbe vor 1790. In: Rheinische Vierteljahresblätter, Jg. 30 (1965), S. 253 -308. - Hermann Lehmann, Die Textilindustrie. In: Die Rheinprovinz von 1815 -1914, Bonn 1917, S. 388 -424. -Gottlieb Schmidt, Der Doppelstuhl in der Aachener Wollweberei, Diss. Köln 1921. - Anton Seidel, Die Aachener Wollindustrie im Rahmen der rheinischen Wirtschaft bis zur Gewerbefreiheit 1798, Diss. Köln 1923. - Jose! Strauch, Die Aachener Tuchindustrie während der französischen Herrschaft (1798 -1814), Diss. Münster 1922. - Richard Wichterich, Die Entwicklung der Aachener Tuchindustrie 1815 -1914, Diss. Masch. Schr. Köln 1922. -Clemens Bruckner, Zur Wirtschaftsgeschichte des Regierungsbezirks Aachen. In: Schriften zur Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsgeschichte, Bd. 16, Köln 1967, S. 195 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Das deutsche und britische Woll gewerbe 35 sonders hoch ausgebildete Tuchproduktion bestand, mußte auch in Aachen auf eine hochwertige Fertigung geachtet werden. Die "Wollenambacht", die zünftlerische Vereinigung aller selbständigen Wollhandwerker, achtete seit der Mitte des 12. Jahrhunderts auf die Güte der abgelieferten Stücke. Nur die Tuchscherer gehörten der Schneiderinnung, die Gewandschneider, die auch Detailverkauf betrieben, der Krämerzunft an, während die Färber eine eigene Korporation bildeten. Zur Unterstützung des Wollgewerbes hatte die Stadt eine gemeinsame "Wollküche" für die Reinigung der Wolle in den heißen Dämpfen, eine gemeinsame Walke und seit 1166 eine Tuchhalle für den gemeinsamen Verkauf eingerichtet. Ein Privileg Kaiser Barbarossas brachte den Aachener Kaufleuten eine Zollbefreiung und erlaubte jährlich zwei Märkte von 14 Tagen Dauer, die dann zu besonderen Tuchmärkten ausgestaltet wurden, wobei die flandrischen Händler gewisse Vorrechte eingeräumt erhielten. Das Aachener Tuchgewerbe brauchte offenbar den Wettbewerb mit dem flämischen Tuch nicht zu scheuen. Tuchkaufleute erhielten in dem zur freien Reichsstadt erhobenen Aachen im 13. Jahrhundert einen maßgeblichen Einfluß im Rat und in der gesamten "Wollenambacht". Aachener Tuche, die mit dem Stadtsiegel versehen waren, wurden im 14. Jahrhundert regelmäßig in Riga, Nowgerod und auf den Tuchmessen der Champagne gehandelt. Aachener Tuchkaufleute hatten überdies einen eigenen Stapel in Antwerpen und in Venedig. Mit den Glaubenskämpfen im Reformationszeitalter begann dann der Niedergang der städtischen Tuchmacherzünfte. Nach der Exekution der Reichsacht 1614 verließen die Anhänger des neuen Glaubens die Stadt und siedelten sich in den Bezirken um Düren, Monschau, Eupen und Burtscheid neu an 37 • Das städtische Wollhandwerk kümmerte nach einem ersten Aufschwung unter überlebten Zunftordnungen des Mittelalters dahin, wobei die Abhängigkeit von Verlegern immer größer wurde. Erst die Einführung der Gewerbefreiheit nach der französischen Besetzung 1798 beendete diese Stagnationszeit und erweiterte das Produktionswie Absatzgebiet wieder. 37 Ernst Barkhausen, Die Tuchindustrie in Montjoie, ihr Aufstieg und ihr Niedergang, Köln 1925. - Martin Fehr, Geschichte der Dürener Tuchmacher, Düren 1927. - Maria Hammer, Geographische Betrachtungen des Wollgewerbes am Rande des Hohen Venns, Diss. Aachen 1937. -H. Renelt, Die historische Entwicklung der Euskirchner Tuchindustrie bis 1914. Euskirchen 1921. - W. Scheibler, Scheibler. Geschichte und Schicksalsweg der Firma in 6 Generationen 1724 -1937, Aachen 1937. - Heribert Kley, Das Dürener Wirtschaftsgebiet unter besonderer Berücksichtigung der Papierund Textilindustrie, Berlin 1921. - Hans Friedrich Weingarten, Die Tuchindustrie in Montjoie, Diss. Köln 1922. - Atphons Thun, Die Industrie am Niederrhein und ihre Arbeiter. Teil 1: Die linksrheinische Textilindustrie, Leipzig 1879. - Renate Jacques (Hrsg.), Textilkunst am Niederrhein, Bd.l, Kevelaer 1950. - Witly Freitag, Die Entwicklung der Kaiserslauterer Textilindustrie seit dem 18. Jahrhundert, Stolberg 1963. 3* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 36 Hans-Jürgen Teuteberg Unter Friedrich d. Gr. wurde das Wollgewerbe in Preußen erneut gefördert. So wurde das alte Wollausfuhrverbot 1774 nochmals verschärft und die Schafzucht durch Ankauf spanischer Herden zu verbessern versucht. Unwissenheit der Landwirte und die schlechte Ackerund Wiesenkultur vor dem Beginn der rationellen Landwirtschaft standen aber dem raschen Fortschritt entgegen. Für die Erzeugung des feinen Tuches mußte man noch lange die Wolle aus Spanien holen. Erfolgreicher war die Regulierung der Zünfte, wo der Loskauf vom Meisterstück durch Geld oder Geschenke mit schärfsten Strafen verboten und die vielen Unehrlichkeiten bei der Herstellung durch genaue Gütefestlegungen bei den Tuchsorten abgestellt wurden. Durch ein Edikt von 1772 wurde genau bestimmt, wie viel Wolle man für ein Tuch verwenden, wie lang, wie breit und wie schwer es sein mußte. Ebensolche detaillierten Vorschriften wurden für Walken, Färben und Appretur erlassen. 1783 erlaubte ein weiteres Edikt das Halten mehrerer Lehrlinge und die Beschäftigung von weiblichen Personen in der Weberei, was bis dahin nicht möglich gewesen war. Niemand durfte wegen "Unehrlichkeit" von dem Gewerbe fortan ausgeschlossen werden. Um dem Mangel an Spinnern abzuhelfen, holte man zwischen 1746 und 1756 vor allem böhmische Spinner ins Land, die geschlossen angesiedelt wurden, um die von Verlegern und Fabrikanten vorsortierte Wolle zu verspinnen. Auch invalide Soldaten, Dienstboten, Hökerweiber wurden in "Spinnhäuser" gesteckt. Sie waren alle Zulieferer für die neuen privaten und staatlichen Wollmanufakturen, die im staatlichen "Lagerhaus" ihr Vorbild besaßen. Die Betriebsform blieb freilich überwiegend handwerksmäßig. Preußische Tuche, aus märkischer, sächsischer und polnischer Wolle gearbeitet, gingen nach Polen, Rußland, die Wallachei, aber auch nach Holland, Westindien und in die USA. Das Wollgewerbe war beim Tod Friedrich d. Gr. zum zweitgrößten Gewerbezweig der Monarchie nach der Leineweberei herangewachsen, wie die nebenstehende Tabelle "Fabriken und Manufakturbestand des ganzen preußischen Staates im Jahre 1785" des Ministers Hertzberg zeigt 38• Es erzielte einen jährlichen überschuß von 1 Mio. pr. Talern und wurde hierin nur von dem Leinengewerbe noch übertroffen. Auch innerhalb Deutschlands muß das Wollgewerbe Preußens zumindest quantitativ um 1800 am weitesten entwickelt gewesen sein. Im Jahre 1819 zählte man nach einer Mitteilung des sachverständigen preußischen Staatsrats Kunth 16014 Webstühle, was allerdings einen leichten Rückgang gegenüber 1785 darstellt 39• Wichtigste Zentren der 38 Ewald Friedrich Graf von Hertzbery, Huit Dissertations, p.254. -Vgl. WiHiam O. Henderson, Die Struktur der preußischen Wirtschaft um 1786. In: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, Bd. 117 (1961). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Das deutsche und britische Woll gewerbe 37 Tabelle 1 Die preußisme "Manufakturindustrie" nach Produktionswert, Besmäftigten und Webstühlen 1785 ProdukProzentualer Gewerbezweiga) Webstühle Beschäftigte tionswert Anteil Mio. pr. Tlr. Leinen 51000 80000 9,0 30,8 Wolle 18000 58000 8,0 27,4 Seide 4200 6000 3,0 10,2 Baumwolle 2600 7000 1,2 4,2 Leder 4000 2,0 6,85 Eisen, Stahl, Kupfer (Verarbeitung) 3000 2,0 6,85 Tabak 2000 1,0 Zucker 1000 2,0 6,85 Porzellan und Steingut (Fayence) 700 0,2 Papier 800 0,2 Talg und Seife 300 0,4 Glas und Spiegel 0,2 Gold, Silber, Spitzen, Stickereien etc. 1000 0,4 Schlesisch Krapp 0,3 Öl 600 0,3 Bernstein 600 0,1 Zusammen 75800 165000 30,3 a) Ohne Bergbau, HUttenund SalInenwesen sowie das lokal orientierte Handwerk Wollverarbeitung waren noch immer die Lausitz in der Mark Brandenburg und das linksrheinische Gebiet um Aachen; hier wurde wie auch in der Provinz Schlesien vor allem Streichgarnweberei betrieben, während die feine Zeugmacherei (Kammgarnweberei) sich auf einige Städte in der Provinz Sachsen (Reg. Bez. Erfurt und Merseburg) sowie des preußischen Rheinlandes (Reg. Bez. Düsseldorf) beschränkte 4(). Nach Horst Blumenbergs Berechnungen besaß die Rheinprovinz 1834 28 v.H., die Provinz Brandenburg 27 v.H., Schlesien 16 v.H. und die Provinz 39 Gottlieb Johann Christian Kunth, über Schafzucht und Wollgewerbe unseres Landes. In: Verhandlungen des Vereins zur Beförderung des Gewerbefleißes in Preußen, Bd. I, Berlin 1821, S.54. -Vgl. Blumberg, Deutsche Textilindustrie, S.70 und S. 384 (Tabelle 4: Wollweberei Preußens). - Gustav Schmoll er, Zur Geschichte des deutschen Kleingewerbes im 19. Jahrhundert, Halle 1870, S.524. - Wolfgang Zorn, Eine Wirtschaftskarte Deutschlands um 1820. In: Friedrich Lütge (Hrsg.), Wirtschaftliche und soziale Probleme der gewerblichen Entwicklung im 15. - 16. und 19. Jh., Stuttgart 1968, S. 148 (Die hauptgewerblichen Webstühle im Jahre 1822). 40 Georg Quandt, Die Niederlausitzer Schafwollindustrie in ihrer Entwicklung zum Großbetrieb und zur modernen Technik, Leipzig 1895. - F. Schmidt, Die Entwicklung der Cottbuser Tuchindustrie, Cottbus 1928. - Curt Frahne, Die Textilindustrie im Wirtschaftsleben Schlesiens und ihre Entwicklung, Diss. Tübingen 1905. - Otto Sperrlich, Die Entwicklung der schlesischen Textilindustrie bis zur Einführung der Maschinen, Diss. Breslau OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 38 Hans-Jürgen Teuteberg Sachsen 14 v.H. der in Preußen hauptgewerblich betriebenen Webstühle im Wollgewerbe 41 • Ebenso hatte Preußen 71 v.H. aller Feinspindeln für Streichgarne im Zollverein: Auf die Rheinprovinz entfielen 24 v.H., auf Brandenburg 23 v.H., auf Schlesien 8 v.H. und auf Sachsen 9 v.H. aller Feinspindeln des Zollvereins. In der Kammgarnspinnerei besaß Preußen 1846 dagegen nur 24 v.H. aller Feinspindeln des Deutschen Zollvereins 42• Das größte Wollgewerbezentrum außerhalb Preußens lag zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Königreich Sachsen. Schon im 12. und 13. Jahrhundert hatten sich hier die ersten Wollhandwerker aus Fronhöfen und Klöstern kommend, wo die Technik des Spinnens und Webens erstmals verfeinert worden war, in den aufblühenden sächsischen Städten niedergelassen 43• Wie in Aachen begründeten sie im 1924. -L. Jacdbi, Das Wollgewerbe in Grünberg. In: Schlesische Provinzialberichte, Jg.6 (1867). -R. Isenburg, Untersuchungen über die Entwicklung der bergischen Wollindustrie, Diss. Heidelberg 1906. - Fuhrmann & Co., 200 Jahre Wollhandel 1735 - 1935, Düsseldorf 1935. Walter Dietz, Die Wuppertaler Garnnahrung, Neustadt/Aisch 1957. - Eduard Kirchner, Die Barmer Textilindustrie, Diss. Münster 1921. 41 Blumberg, Deutsche Textilindustrie, S. 71 und S. 384 (Tabelle. 5: Entwicklung der Wollweberei in den für die Wollweberei wichtigen preußischen Provinzen). 42 Ebd., S. 71 und S. 88 (Tabelle 11: Die deutsche Streichgarnspinnerei 1846/47 und Tabelle 12: Die deutsche Kammgarnspinnerei 1846/47). 43 Vgl. allgemein zum sächsischen Wollgewerbe K. Finkenwirth, Urkundliche Geschichte der Gera-Greizer Wollwarenindustrie von 1572 bis zur Neuzeit, Diss. Leipzig 1909. -Johannes Falke, Die Geschichte des Kurfürsten von Sachsen in volkswirtschaftlicher Beziehung, Leipzig 1866. - Heinrich Gebauer, Die Volkswirtschaft im Königreich Sachsen, Dresden 1898. - Theodor Ebering, Die Landes-Oeconomie-Manufactur-Commerzien-Deputation in Sachsen, Diss. Masch. Schr. o. J. (1925). - Curt Böckelmann, Das Aufkommen der Großindustrie im sächsischen Wollgewerbe, Heidelberg 1906. - Louis Bein, Die Industrie des sächsischen Vogtlandes, Leipzig 1884. - Rudolf Forberger, Die Manufakturen Sachsens am Ende des 16. bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts, Berlin-Ost 1958. - Kurt Kunze, Die Wollindustrie. In: Schriften des Vereins für Socialpolitik, Bd.55, Leipzig 1903. - A. Beutler, Die Entwicklung der sozialen und wirtschaftlichen Lage der Weber im sächsischen Vogtland, Diss. Greifswald 1921. -F. Dietel, Die Entwicklung der Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei im sächsischen Voigtland von 1862 bis 1900 nach den Jahresberichten der Handelsund Gewerbekammer Plauen im Voigtland, Plauen 1905. - Werner Genzmer, Hundert Jahre Kammgarnspinnerei Schedewitz 1835 - 1935, Zwickau 1935. -H. Merkel, Eine Wirtschaftsgeographie des vogtländischen Wollgewerbes, Diss. Leipzig 1933. - Heinz Pönicke, Die G€schichte der Tuchmacherei und verwandter Gebiete in Reichenbach i. S. vom 17. bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts, Diss. Leipzig 1926. - Herbert Schurig, Die Entwicklung der Oberlausitzer Textilindustrie, RadebergISachsen 1935. - G. Wendisch, Die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse in der sächsischen Textilindustrie bis 1800, o. O. 1956. -H. R. Wolf, Hundert Jahre Kammgarnspinnerei zu Leipzig als Aktiengesellschaft 1836 - 1936, Leipzig 1936. -Ders., Fünfzig Jahre Spinnerei Cossmannsdorf, Dresden 1930. - Blumberg, Deutsche Textilindustrie, S. 14 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Das deutsche und britische Woll gewerbe 39 14. und 15. Jahrhundert feste Tuchmacherzünfte, die, sich gegen das ältere Patriziat durchsetzend, auch rechtlich-öffentliche Befugnisse übernahmen. Seit dem Spätmittelalter lieferten Plauen, Greiz und Gera Wolltuche in weit entfernte Länder, da die Stempel einen guten Ruf genossen. Als Herzog Alba durch die spanische Inquisition um 1567 etwa 22 000 niederländische Familien vertrieb, wandte sich ein Teil, besonders aus der Antwerpener Tuchhändlerschaft, nach Leipzig, wodurch auch niederländische Tuchmacher nach Sachsen kamen. Schon vorher hatte Kammerdirektor Franz von Arnim nach den Plänen seines Vaters, der in brandenburgischen Diensten gestanden hatte, im Jahre 1555 niederländische Wollweber nach Kursachsen gerufen. 1568 soll es infolge dieser holländischen Kolonisationswelle in kursächsischen Städten schon 18000 Tuchmacher, 11 000 Zeugmaeher mehr als vorher gegeben haben. Kurfürst August von Sachsen nahm sich dann zusammen mit seiner Gemahlin, die der Volksmund "Mutter Anna" nannte, besonders der Kammgarnherstellung an, zu der dann die Glauchauer und Meeraner Weber übergingen 44• Wachsender Wohlstand führte dazu, auch Seide mit dem Kammgarn zu verspinnen und die Färbemethoden zu verbessern. Im 16. Jahrhundert gab es in Sachsen ausgesprochene "Zeugmacherstädte", die ihre hochwertigen Produkte vereinzelt bis nach Ostindien und astasien versandten. Die Masse der Ausfuhren ging freilich in das benachbarte und später auch noch dynastisch verbundene Polen sowie nach Rußland. Nach dem 30jährigen Krieg mußte sich Sachsen neue Absatzgebiete im Süden und Westen suchen, da im Osten teilweise neue Gewerbe herangewachsen waren. Tuchhändler aus dem Vogtland entsandten einen eigenen Residenten nach Hamburg, um dort der eindringenden englischen Konkurrenz zu begegnen. Die Konjunktur der sächsischen Wollgewerbe hing vor allem von der Tüchtigkeit der Kaufleute und Verleger ab, neue Absatzmärkte zu erschließen und sich dem neuesten Stand der Technik anzupassen. Nur die Exportfähigkeit der hergestellten Gewebe sicherte den Fortbestand der Wollgewebe. Wie schon geschildert nahm seit dem frühen 18. Jahrhundert die Zahl der selbständigen sächsischen Tuchmachermeister infolge der restriktiven Handelspolitik Preußens ab. Vor allem konnten keine groben Wollwaren mehr in Preußen abgesetzt werden. Dafür drängten nach dem Abschluß des Handelsvertrages preußische Tuche mit billigeren Preisen auf die sächsischen Märkte. 1718 beschwerte sich der Kurfürst August von Sachsen bei Friedrich Wilhelm 1., preußische Kommissare würden unter dem Vorwand, sächsisches Tuch kaufen zu wollen, die geschicktesten Handwerker abwerben. In der Folge entwickelte sich ein regelrechter Handelskrieg wegen der Wollerzeugnisse zwischen beiden Staaten, der erst 1728 durch einen Handelsvertrag beendet wer44 G. Demmertng, Die Glauchau-Meeraner Textilindustrie, Leipzig 1928. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 46 Hans-Jürgen Teuteberg Tabelle 4 Schafzucht in Großbritannien 1800 -1868 in Mio. Stück Gebiet 1800 1841 1868 ------------ England 26,1 24,0 Wales 0,6 Schottland 2,9 3,4 Irland 2,0 2,1 Zusammen 31,6 29,5 35,6 Quellen: Sir John Luccock, The Nature and Properties of Wool, London 1805. - Hubbard, Mlnutes of Evidence taken before the Committee of the Lords on the State 01 the Britlsh Wool Trade. In: Session al Papers vol. VIII (1828), pp. 232 - 22. - Sir John Sinc!air, Appendix to the General Report of the Agricultural State and Political Circumstances of Scotland, vol. II, Edinburgh 1814, p. 135. - James McCuUoch, Statistical Account of the Brltlsh Empire, 2. Aufi. London 1839, p. 496. - Archiba!d Hamitton, On Wool Supply. In: Journal of the Royal Statlstical Society vol. 33 (1870). Zitiert nach Phyllis Deane, Britlsh Economic Growth, 1688 -1959, Cambridge 1967, p. 195 und Henry Behnsen - Werner Genzmer, Weltwirtschaft der Wolle. In: R. O. Herzog (Hrsg.), Technik der Textilfaser, Bd. VIII, Tell 4, Berlin 1932, S. 3. Danach scheint der Schafbestand Großbritanniens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bei etwa 30 Mio. Stück stagniert zu haben, um sich dann erst nach der Jahrhundertmitte zu heben. Trotz dieser Zahlen über den Schafbestand ist es nicht möglich, die Rohwollproduktion beider Länder exakt zu vergleichen. Zwar liegen auf beiden Seiten eine Reihe zeitgenössischer Schätzungen vor, doch gehen die Autoren von unterschiedlichen durchschnittlichen Schurerträgen und Aufbereitungsgraden (ungewaschen, rückengewaschen etc.) aus. Infolge der Reinigung von Schmutz und Schweiß kann die Rohwolle bis zu 40 v.H. ihres Gewichtes verlieren 52• Auch beim Kämmen der Wolle tritt ein Verlust ein, doch können solche Rückstände bei der Streichgarnverarbeitung wieder verarbeitet werden. Dementsprechend gehen die Zahlen weit auseinander. In Preußen wird ein jährlicher Woll ertrag eines unveredelten Schafes auf 2 Pfd., eines halbveredelten auf 2,5 Pfd. und eines ganz veredelten auf 3 Pfd. geschätzt 53• In England wird dagegen nach McCulloch der Ertrag eines guten Schafes aus Norfolk mit 3 bis 3,5 Pfd. angegeben. Wenngleich in der Mitte des 19. Jahrhunderts einem englischen Gewichtspfund (11b) nur 0,969 preußische Gewichtspfund entsprechen und nach dieser Differenz M Vgl. Friedrich Wilhelm Reden, Deutschland und das übrige Europa. Handbuch der Boden-, Bevölkerungs-, Erwerbsund Verkehrsstatistik, des Staatshaushalts und der Streitmacht, Wiesbaden 1864. - R. Sonndorfer, Die Technik des Welthandels, Bd.2, 4. Aufl., Wien-Leipzig 1912, S. 265 ff. 53 earl Friedrich Wilhelm Dieterici, Statistische übersicht der wichtigsten Gegenstände des Verkehrs und Verbrauchs im deutschen Zollverbande, 5. Fortsetzung 1849 - 1853, Berlin 1857, S.320. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Das deutsche und britische Wollgewerbe 47 von 0,03 Prozent der englische Wollertrag pro Schaf nach preußischem Maß nur 2,9 Pfd. bzw. 3,4 Pfd. beträgt, so ist doch der Unterschied auf den ersten Blick verblüffend. Insgesamt scheinen die deutschen Schafe durchschnittlich sehr viel weniger Wolle als die englischen geliefert zu haben, was auch der zeitgenössischen Statistik schon aufgefallen ist 54 • Bei Landwirten wurde damals die Meinung vertreten, daß bei einem höheren Veredlungsgrad die Feinheit der Wolle zunehme, die Ertragsmenge aber abnehme. Da die englischen Autoren generell zu einem höheren durchschnittlichen Schurertrag kommen, kann der Schluß daraus gezogen werden, daß die Veredlung in Deutschland weiter fortgeschritten war als auf der Insel. Da aber der Anteil der veredelten und halbveredelten Schafe am Gesamtbestand in Großbritannien nicht ausgewiesen ist, läßt sich dies nicht gen au beweisen. Die Zeitgenossen behaupteten, die beste englische Wolle lieferten in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Grafschaften Leicester, Lincoln und Kent. Schafe aus dem alten Wollgewerbezentrum Leicester brachten es auf Spitzenleistungen von 6 Pfd. lange Wolle pro Jahr, Schafe aus den South Downs in Kent auf 3,5 bis 4 Pfd. kurze Wolle. Aus der langen Wolle wurden die berühmten englischen Bettund Wolldecken (Blankets) angefertigt, während die kurze Wolle (wozu auch die schottische und irische gehörte) zu gewöhnlichen Tüchern und Teppichen (Carpets) bzw. zur Mischung mit fremden Wollsorten verwandt wurde. Im Gegensatz zu Deutschland wurde auf der Insel meistens Langwolle erzeugt, daß Vließ durchschnittlich zu 4 - 5 Pfund schwer. Auch dies hilft, den Unterschied zu erklären. Mit Sicherheit muß schließlich noch angenommen werden, daß die Schätzungen über die Verlustquote bei der Pelzwäsche differiert haben. Für Deutschland sind die jährlichen rückengewaschenen Wollerträge eines durchschnittlichen Schafes um 1800 auf 1,7 Pfd., um 1860 auf 2,1 Pfd. und um 1890 auf 2,4 Pfd. geschätzt worden 55• Die feinste Wolle lieferten Sachsen, Schlesien und die Mark Brandenburg, wobei besonders die schlesische und sächsische "Electoralwolle" in England sehr gefragt war. Zwar hatte man auch in England die einheimischen Schafrassen mit spanischen Merinos veredelt, doch übte das feuchte Klima einen schlechten Einfluß auf die Wollqualität, aus, zumal die Schafe das ganze Jahr im Gegensatz zu Deutschland im Freien gehalten wurden 56• 54 Heinrich Meidinger, Das Britische Reich in Europa. Statistische Darstellung seiner Entwicklung besonders unter dem jetzigen Verwaltungssystem, Leipzig 1851, S. 361. -Cesar Moreau, über Wollhandel und Wollmanufaktur Großbritanniens. A. d. Franz., Berlin 1829. 55 Vgl. P. Wagner, Die Steigerung der Roherträge der Landwirtschaft im Laufe des 19. Jahrhunderts, Diss. Jena 1896, S. 68. - Carl Friedrich Wilhelm Dieterici, Handbuch der Statistik des Preußischen Staates, Berlin 1861, S.236. - Walther G. Hoffmann, Das Wachstum der deutschen Wirtschaft seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, Berlin 1965, S. 305. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 48 Hans-Jürgen Teuteberg Geht man von der Annahme des preußischen Statistikers Ferber aus, daß zehn Schafe einen "schweren Stein" Wolle (rd. 22 Pfd.) erbringen, so kommt man auf eine deutsche Wollproduktion von 65,9 Mill. Pfd. für das Jahr 1864 57 • Senkel beziffert bei Annahme eines etwa gleichen Schafbestandes die deutsche Wollproduktion auf 70 Mio. Pfd. rückengewaschene Wolle 58• Deane bemißt dagegen die britische Wollproduktion im Jahr 1800 auf 114,1 Mio. Pfd., 1828 auf 131,2 Mio. Pfd. und 1841 auf 127,5 Mio. Pfd. pro anno 59 • Das bedeutet einen jährlichen Schurertrag von 4,3 Pfd. pro Schaf. Handelt es sich bei diesen Schätzungen um ungewaschene Schweißwolle, so würde sich aufgrund der geschätzten Abfallquote von 40 v.R. eine britische Jahreswollproduktion von 75,5 Mio. Pfd. ergeben. Die nachfolgende Tabelle über die britische und zollvereinsländische Wollproduktion kann ganz abgesehen von den etwas abweichenden Gewichtsmaßen nur mit großem Vorbehalt betrachtet werden, da wie gesagt nähere Angaben über den Zustand der englischen Rohwolle fehlen. Tabelle 5 Britische und zollvereinsländische Wollproduktion 1834 -1864 in Mio. Pfd. Großbritannien in engl. Pfd. (vermutlich ungewaschene Schweißwolle) 1830 - 34 120 1840 - 44 125 1845 - 49 130 1850 - 54 135 1855 - 59 140 1860 - 64 145 Zollverein in pr. Pfd. (Wolle rückengewaschen) 1834 42,9 1840 55,5 1846 56,1 1852 58,1 1858 55,8 1864 69,2 Quellen: Mitchet!-Deane, Histor!cal statlstlcs. p. 190. - Georg Quandt, Die Niederlausitzer Schafwollindustrie, Leipzig 1895, S. 134 - 35. - Robert Freiherr von Patow, Die WollproduktIon des deutschen Zollvereins, Berlln 1851. 56 Im Jahr 1848 setzte man zur Verbesserung der Wollproduktion in Schottland tibetanische Ziegen aus und brachte kleine Herden von peruanischen Lamas (Kamelziegen) auf die Insel, da die daraus gewonnene Mohairbzw. Alpacawolle sehr gefragt war. Aber die meisten Tiere starben auf der Seereise und in dem ungewohnten Klima. Vgl. Meidinger, Das Britische Reich, S. 362. 57 Dieterici, Statistische übersicht, S. 320. 58 Senkel, Wollproduktion, S. 15. 59 Deane, British Economic Growth, p. 195 (Schätzungen nach zeitgenössischen Quellen wie in Tabelle 4 angegeben). Porter schätzt die jährliche Wollproduktion in England und Wales 1845 auf 145,7 Mio. Pfd., für Schottland und Irland auf je 11 Mio. Pfd. Meidinger stellt hier eine jährliche deutsche Wollproduktion von 180 Mio. Pfd. gegenüber. Da hier aber Österreich einbegriffen ist und genaue Quellenhinweise deutscherseits fehlen, können diese Angaben nicht zum Vergleich dienen. Vgl. G. R. Porter, Progress of the Nations, London 1847. - Meidinger, Das Britische Reich, S.361. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Das deutsche und britische Wollgewerbe 49 Insgesamt war die durchschnittliche britische Wollproduktion höher, wahrscheinlich lag die Qualität aber unter der deutschen. Während die Schätzungen über die Rohwollproduktion in beiden Ländern auf einer Reihe unsicherer Hypothesen beruhen, liegen über den Umfang des Wollhandels sehr detaillierte und umfangreiche Angaben vor. Die Angaben wurden zur besseren Vergleichbarkeit in Gewichtspfunde umgerechnet: Tabelle 6 Wollhandel im Zollverein 1835 -1865 in Mio. Pfd. Jahr Einfuhr Ausfuhr Saldo 1835 12,3 16,5 + 4,2 1840 16,3 14,9 -1,4 1845 16,5 14,9 -1,6 1850 22,0 8,5 -13,5 1853 22,4 7,0 -15,4 1857 37,2 8,0 -29,2 1860 37,6 9,4 -28,2 1863 44,0 14,9 -29,1 1865 91,0 29,6 -61,4 Quelle: Senket, Wollproduktion und Wollhandel. S. 38. Die Tabelle weist aus, daß die Differenz zwischen Importen und Exporten immer größer wird, obwohl 1844 und 1848 noch einmal kleine Exportüberschüsse erzielt werden können. Deutschland wurde zwischen 1835 und 1840 aus einem Rohwollausfuhrland zu einem Rohwolleinfuhrland. Die Zahlen, die auf Rückrechnungen des Statistischen Reichsamtes am Ende des 19. Jahrhunderts beruhen, geben leider keinen Aufschluß darüber, inwieweit die Ausfuhr aus deutscher oder ausländischer Wolle bestand, wie es beispielsweise in den Statistiken des britischen "Board of Trade" geschah. Ein Teil der steigenden Ausfuhren dürfte aber wie in Großbritannien aus Re-Exporten bestanden haben. Die englischen Handelsstatistiken reichen bekanntlich weit zurück. Elizabeth B. Schumpeter hat die Rohwollimporte in England und Wales zwischen 1700 und 1808 zusammengestellt 60 • Aber die Angaben über die irische und spanische Wolle, die in "Great Stones" (schweren Steinen) oder "Bags" (Packen) auf Schiffen eingeführt wurde, eignen sich nicht als Vergleichsziffern. Zudem sind gerade diese Gewichtsmaße sehr unsicher und schwankend 61 • Interessant werden aber die Zahlen ab 60 Elizabeth B. Schumpeter, English Overseas Trade Statistics, 1697 -1808, Oxford 1960, Table XVI. 61 1 stone = 14 engl. Gewichtspfund = 6,35 kg. 1 great stone = 1 quarter = 2 stones = 12,70 kg. Ein Packen oder Ballen soll etwa 250 preußische Pfd. gehabt haben. 4 Schriften d. Vereins f. Soclalpollt1k 83 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 50 Hans-Jürgen Teuteberg 1816, als man sie für das gesamte Königreich einheitlich erfaßte und zwischen Exporten inländischer Wolle und Re-Exporten unterschied. Allerdings ist in den Exporten, die aus Inlandswolle bestehen, auch die fremde Wolle einbezogen, die in irgendeiner Form aufbereitet wurde. Die mit dem Zollverein vergleichbare Statistik sieht dann folgendermaßen aus: Tabelle 7 Wollhandel in Großbritannien 1835 -1865 in Mio. engl. Gewicb.tspfund Jahr Einfuhr Einfuhr Re-Exporte Export Export Saldo total Australien total total u. Asien 1835 42,2 4,2 4,1 4,6 8,7 33,5 1840 49,4 9,7 1,0 4,8 5,8 43,6 1845 76,8 24,2 2,7 9,1 11,8 65,0 1850 74,3 39,0 14,4 12,0 26,4 47,9 1853 119,4 47,1 11,7 6,7 18,4 -101,0 1857 129,8 49,2 36,5 15,1 51,6 -78,2 1860 148,4 59,2 30,8 11,3 42,1 -106,3 1863 177,4 77,2 63,9 8,2 72,1 -105,2 1865 212,2 109,7 82,4 9,1 91,5 -120,7 Quelle: Brian R. Mitchell - Phyttis Deane, Abstract of British Historical Statistics, Cambrldge 1962. pp. 192 -93. Die englische Zollpolitik hatte in früheren Jahrhunderten im wesentlichen aus wiederholt erlassenen Wollausfuhrverboten bestanden, die aber zunächst wenig beachtet und zwischenzeitlich auch wieder aufgehoben wurden. Erst ein 1622 erlassenes Ausfuhrverbot war von längerer Wirksamkeit und Dauer. Es wurde offiziell erst 1824 außer Kraft gesetzt 62• Seit dem Frieden von Amiens 1803 mußte ausländische Rohwolle bei der Einfuhr wieder verzollt werden, wobei durch die Navigationsakte der Import aus den eigenen Kolonien günstiger gestellt wurde. Erst 1844 erhielt die britische Wollindustrie gemäß der allgemeinen Liberalisierung des Außenhandels eine völlige Zollfreiheit. Trotz des größeren Schafbestandes als im Zollverein und des höheren Wollertrags pro Tier war Großbritannien nach den vorliegenden Zahlen seit 1826 (in Wahrheit aber schon viel früher!) nicht mehr in der Lage, den Rohwollbedarf aus der eigenen Wollproduktion zu bestreiten und mußte einen beträchtlichen Teil einführen. Da Deutschland seit dem späten 18. Jahrhundert einen immer stärkeren Anstieg seiner Wollproduktion erlebte, mußte vor allem Großbritannien mit seinem 62 Senkel. Wollproduktion und Wollhandel, S. 28 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Das deutsche und britische Wollgewerbe 51 wachsenden "Wollhunger" der ideale Abnehmer sein, als sich die alten Einund Ausfuhrsperren des Merkantilismus lockerten 63• Natürlich taucht hier die Frage auf, warum England in der Produktion der kurzen Streichwolle durch Deutschland jahrzehntelang qualitativ überflügelt werden konnte. Das hing zunächst damit zusammen, daß die englischen Musterlandwirte im späten 18. Jahrhundert mehr an der Fleischals an der Wollerzeugung interessiert waren 63a • Nach Arthur Youngs Berichten hatte sich die englische Wollerzeugung innerhalb von 70 Jahren vervierfacht, da die Märkte im Mittelmeerraum wie in der Neuen Welt eine steigende Nachfrage nach "Worsted Stuffs" zeigten. Nach dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg mit dem Verlust alter Märkte trat eine Handelsstockung ein, die durch die durch die aufkommende Baumwollfabrikation ungemein verstärkt wurde. Arkwrights Erfindung wurde im Wollgewerbe anfangs so gut wie gar nicht aufgenommen, sondern wie früher im kleingewerblichen Stil weiter produziert. Kein Wunder, wenn sich die Wollpreise in England zwischen 1777 und 1782 um die Hälfte verminderten. Sie stiegen dann zwar nach dem Ausbruch des englisch-französischen Krieges wieder etwa auf den Stand vor dem Abfall der nord amerikanischen Kolonien an, um dann nochmals bis 1795 zu fallen. Erst dann erklommen sie unter dem Einfluß der Kontinentalsperre bis 1815 einen Rekordstand. Die rationelle englische Landwirtschaft versuchte angesichts dieser Krisen natürlich möglichst schnell fett werdende Schafe zu züchten. Der berühmte Züchter Bakewell hätte am liebsten ein "Schaf ganz ohne Wolle" gehabt. So wurde die von ihm gezüchtete neue Leicesteroder Dishley-Rasse mit langer Wolle vorherrschend. Erst später kamen unter dem Eindruck der wieder steigenden Wollpreise Musterlandwirte wie Cooke, Sinclair und Curwen darauf, auch die Wollerzeugung züchtungsmäßig zu verbessern. Man versteht nun besser, warum sich die deutsche Woll ausfuhr nach Großbritannien wie folgt entwickeln konnte: 63 Frahne, Textilindustrie im Wirtschaftsleben Schlesiens, S. 190. 63a Vgl. [Christian Peter Wilhelm] Beuth, über die Kammgarnproduktion in England und die Einund Ausfuhr von Wolle und Wollenfabrikaten daselbst. Nachtrag zu: [Johann Georg] May: über Kammgarn-Maschinenspinnerei und Vergleichung einiger Proben von Maschinen-Kammgarn mit dergleichen inländischen Maschinenund Handgespinsten. In: Verhandlungen des Vereins zur Beförderung des Gewerbefteißes in Preußen, Jg.5 (1826), S.18184 . •• OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 52 Hans-Jürgen Teuteberg Tabelle 8 Rohwollimport Großbritanniens 1801 -1850 in 1000 engI. Gewichtspfunden Jahr Gesamtimport Davon aus Prozentanteil am Deutschland jeweiligen Gesamtimport 1801 7361 196 2,65 1805 8057 62 0,77 1810 10873 834 7,65 1815 13634 3243 23,90 1820 9776 5221 53,50 1825 43817 28931 66,00 1830 32313 26787 83,00 1835 42175 25054 59,50 1840 49448 21837 44,00 1845 75552 18681 24,80 1850 74327 9191 1,24 Quetten: Senkel: WollproduktIon und Wollhandel, S. 32. - Vgl. Me!dinger, Das Britische Reich, S. 367. Die Zahlenreihe demonstriert die wachsende Bedeutung des deutschen Rohwollexports nach Großbritannien. Hatte die spanische Wolle 1801 noch einen Anteil von 88 v.H. am britischen Gesamtrohwollimport so wuchs der deutsche Anteil bis 1820 schon auf über 50 v.H. an. Diese Stellung konnte die deutsche Wolle auf dem englischen Markt ziemlich unangefochten bis etwa 1840 halten. Wie Tabelle 9 zeigt, wuchs dann aber der Export billiger australischer und neuseeländischer Wolle infolge der Einführung der Dampfschiffahrt steil an, um die deutsche seit der Jahrhundertmitte aus der führenden Position zu verdrängen. Tabelle 9 Schafzucht und WoIIproduktion in Australien 1788 -1865 Jahr Schafe Ballen exportiert 1788 29 1800 6124 1810 33818 161 1820 290158 331 1830 ? 6557 1835 ? 19762 1840 6312004 41025 1845 17326021 77 479 1850 ? 138679 1855 ? 163192 1860 20338812 186467 1865 34269736 333760 Quellen: Senkel, Wollproduktion und Wollhandel, S. 18. - J. Mues, Die Organisation des Wollhandels und der Wollmärkte, Diss. Unna 1930, S. 155. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Das deutsche und britische Wollgewerbe 53 In keinem Land der Welt nahm die Schafzucht einen so glänzenden Aufschwung wie in Australien, was an den riesigen ungenutzten Weiden und dem milden Klima lag. Als die ersten Einwanderer 1788 in Port Jackson landeten, hatten sie 29 Schafe zur Fleischversorgung bei sich. 1793 legte sich ein Captain MacArthur eine erste Herde zu, die 1804 mit Merinos gekreuzt wurde. Nun erst erkannte Großbritannien die große Möglichkeit, sich von der spanischen und deutschen Wolle unabhängig zu machen. 1849 konnten nach einer Statistik des "Office of the Inspector General of Imports and Exports" im Londoner Custom House Westund Südaustralien, Nordund Südwales, Van Diemensland und Neuseeland zusammen schon 30 Mio. Pfd. Rohwolle nach Großbritannien importieren, während Deutschland mit 14,5 Mio. Pfd. schon auf einen bescheidenen Platz zurückgefallen war. Südafrika hatte sich mit 5,9 Mio. Pfd., Uruguay mit 3,3 Mio. Pfd. und Peru mit 2,3 Mio. Pfd. die nachfolgenden Plätze gesichert. Die sich schnell verbessernden Verkehrsverbindungen wirkten sich hier aus. Deutsche Wollhändler beteiligten sich fortan nicht nur an den führenden Londoner KolonialWollauktionen, sondern begründeten selbst eigene Kommissionen in übersee wie die führenden Bremer Unternehmen Fuhrmann, Johann Lange Sohns Ww. & Co., Finke & Weinlig, Kulenkampf & Konitzky, W. A. Fritze & Co. und Engelhardt & Co. Diese Firmen sahen bald ihre Hauptaufgabe nicht mehr im Export, sondern im Import, woraus sich dann selbständige Kammzuggeschäfte, wie z. B. die Bremer Wollkämmerei in Blumenthai und Hannover und die Leipziger Wollkämmerei entwickelten 63lJ• Wollimporteure und Kammzuggeschäfte gingen eine bis heute wirksame enge Verbindung ein. Durch die billigen überseeimporte und andere Faktoren gingen die Wollpreise in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ständig zurück, was sich dann entsprechend auf die deutsche Schafhaltung auswirkte 64• Die britischen Wollimporte waren im Durchschnitt etwa dreimal so hoch wie die des Zollvereins. Das gilt auch für die Mehreinfuhren, wenn man von der außergewöhnlichen Steigerung der deutschen Wollimporte im Jahre 1865 absieht. G3b Vgl. Werner Genzmer, Fuhrmann & Co., 200 Jahre Wollhandel, Amsterdam-Berlin 1935. -Die Bremer Wollkämmerei, BlumenthaI/Hannover 1884 bis 1909, Berlin 1909. -Robert Bargmann, Bremens Wollhandel, Bremen 1941. - Karl Janovsky, Die Technik des Wollhandels, Wien 1919. - Joachim Mues, Die Organisation des Wollhandels und die Wollmärkte, Diss. Unna 1930. 64 Schmid, Die ausländische Konkurrenz auf dem Wollmarkt und ihr Einfluß auf die Ausgestaltung der deutschen Schafzucht. In: Zeitschrift für Schafzucht, Jg.1923, H. 12 - 13. - W. Hirst, History of the Woollen Trade during the last Sixty Years, Leeds 1844. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 54 Hans-Jürgen Teuteberg 3. Das Eindringen neuer Produktionsmethoden und die Phasen der Mechanisierung Die bisher genannten Zahlen geben nicht nur Aufschluß über die gegenseitigen Abhängigkeiten bei der Wollproduktion, sondern lassen aufgrund der beträchtlichen Einfuhrunterschiede bereits auf eine höhere britische Wollwarenproduktion schließen. Ehe diese Zahlen vorgeführt werden, scheint es aber notwendig, auf den Wandel der Produktionstechnik und besonders die Phasen der Mechanisierung einzugehen. Das Wollgewerbe bietet - weit besser als die von Adam Smith zitierte Stecknadelindustrie - das klassische Beispiel für eine frühzeitige Arbeitsteilung. Ursprünglich gehörte die gesamte Textilherstellung wie die Erzeugung und Verarbeitung von Nahrungsmitteln bekanntlich zur Wirtschaft des "ganzen Hauses" (0. Brunner). Während aber Bierbrauen, Brotbacken und ähnliche Tätigkeiten als ganzes bis ins 19. Jahrhundert in der hauswirtschaftlichen Eigenproduktion verblieben, wurde die Textilherstellung frühzeitig in einzelne Arbeitsvollzüge aufgespalten und einige davon wie das Walken, Zurichten, Färben, Appretieren und Bedrucken aus der alten Hauswirtschaft ausgegliedert. Aber das Spinnen und Weben blieben nach wie vor eine heimgewerbliche Tätigkeit, wenngleich sie sich teilweise zur lohnabhängigen Arbeit wandelte. Während die Mutter und ihre Töchter spannen, und die Knaben die Wolle kämmten, saß der Vater gewöhnlich am Webrahmen. Ursprünglich waren die Spinnenden und Webenden selbständig gewesen, indem sie ihre Rohwolle selbst einkauften und verarbeiteten. Mit den über den lokalen Markt hinaus produzierenden Verlagen wurden sie von einem städtischen Unternehmer (Tuchhändler, Manufakturist, Clothier, Manufacturer) abhängig, der ihnen die Wolle oder das Garn lieferte sowie die Halboder Fertigprodukte, oft über einen Zwischenmeister, wieder abnahm. Der einfache Spinner und Weber war wegen des fehlenden Kapitals und der zu geringen Marktkenntnisse kaum in der Lage, einen größeren Fernhandel mit Rohstoffen und Produkten zu führen. Durch Kreditgewährung konnte sich die Abhängigkeit schnell verstärken. Oft gehörten dem Verleger nicht nur die Rohwolle und das Garn, sondern auch der Webstuhl oder die Walkmühle. Mancher Weber war auch nicht nur von einem, sondern gleich von mehreren Verlegern abhängig. Entsprechende berufliche und gesellschaftliche Abstufungen bildeten sich heraus: In England gab es beispielsweise neben dem "Master Weaver", der noch einen eigenen Webstuhl besaß und den ursprünglichen Handwerkertypus verkörperte, den unständigen "JourneymanWeaver" , der sich gegen Entgelt oder Kost und Logis beim "MasterWeaver" auf Zdt verdingte, da er weder eigene Produktionsmittel noch OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Das deutsche und britische Wollgewerbe 55 Rohstoffe besaß. Wenngleich die Wollweberproduktion somit meistens weiter in der dezentralisierten Form verblieb, so war die Abhängigkeit von einem Verleger vor allem in England schon am Ende des 17. Jahrhunderts die Regel. Die alte Zunftform war längst durchbrochen. Freilich bot die Landwirtschaft, die nebenoder hauptberuflich betrieben wurde, bei ländlichen Wollhandwerkern stets eine weitere Erwerbsquelle. Die Hauptaufgabe des englischen "Clothier" ("Clothmaker") bestand im Ankauf der Rohwolle, sofern er nicht eine eigene Schafherde besaß, und im Verkauf der gewebten Zeuge, die ihm die "Kleinmeister lieferten. Manche dieser Verleger beschäftigten hunderte solcher Weber. Die Rohwolle bezog man einmal von den "Staplers", die zwischen den Gegenden mit viel Schafzucht und den Wollverarbeitungszentren eine Art Vermittlerfunktion ausübten. Der "Stapler" besorgte zum Beispiel für die "Clothiers" in Yorkshire die besonders kurzhaarige Wolle aus Norfolkshire, wo diese hauptsächlich produziert wurde. Eine zweite Gruppe von Wollhändlern waren die "Factors" (Agenten oder Kommissionäre), die sich in den höher entwickelten Zentren des Wollgewerbes als weiteres Glied in die Kette zwischen dem Produzenten und dem Kunden zu schieben wußten. Sie waren oft besonders kapitalkräftig und gaben mitunter kleineren "Clothiers" die Rohwolle auf Kredit, wodurch sie sich ein Verkaufsmonopol sicherten 65• Die "Faktoren". die auf ihre eigene Rechnung kauften und daher nicht als gewöhnliche Kommissionäre angesehen werden dürfen, wurden oftmals in kurzer Zeit zu vermögenden Leuten und von anderen Clothiers verständlicherweise als Parasiten in ihrem Geschäftszweig angesehen. Manufakturen gehörten dagegen im englischen Wollgewerbe noch im 18. Jahrhundert zu den Ausnahmen, wie eine Parlamentsuntersuchung 1806 feststellte 66• In Ostengland, vor allem im Bezirk West-Riding der Grafschaft Yorkshire, blieb die Arbeitsteilung dagegen lange gering. Es fehlte hier die Differenzierung von Verlegern und Webern. Der Webstuhl und auch das Rohmaterial waren Eigentum der Produzierenden. In diesem Wollgewerbezentrum lebte man im Gegensatz zu den westlichen 65 Lipson, Short History of Wool, p.28. 66 über die Anfänge einer zentralisierten Wollmanufaktur in Bristol wird schon aus dem Jahre 1340 berichtet. Sicher ist auch, daß große Wollhändler am Ende des 14. Jahrhunderts begannen, die Wolle im Inland in größeren Werkstätten verarbeiten zu lassen. Einer von ihnen namens John Winchcombe soll so reich gewesen sein, daß er nach einer Legende Heinrich VIII. bewirten konnte. Ein Gedicht von 1597 beschreibt seine Manufaktur, die von seinen Nachkommen weiter betrieben wurde. Darin werden 200 Weber in einem Saal, 200 spulende Knaben, 100 krempelnde Weiber, 200 spinnende Mädchen, 150 wollezupfende Kinder, 50 Tuchscherer, 80 Rauher, 20 Walker und 40 Färber aufgezählt. Vgl. Ashtey. Hisory of English Woollen Industry, p.270. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 62 Hans-Jürgen Teuteberg kann sogar die Verbannung (Transportation) nach Amerika ausgesprochen werden. Auf der anderen Seite erhält die beste Garnspinnerin in jedem Dorf jährlich eine Belohnung und wird als "Garnkönigin" mit einem Umzug zur Kirche geehrt. Man freut sich deutscherseits, daß man den kleinsten Umständen bei der Wollverarbeitung Beachtung schenkt, so daß die hergestellten Erzeugnisse von hoher Güte sind: "Weberstühle sind in Europa ebenso unentbehrlich und notwendig wie Backöfen", stellt Taube fest. Auch die Färberei und Druckerei ist dank solcher überwachungen und Prämien zu einer hohen Blüte in England gelangt. Eine einzige Färberei in Wakefield verbraucht jährlich 40 - 50 Zentner Cocchenille und das zehnfache an Indigo. Die "Schönfärber" besitzen allerhand Geheimnisse, die außerhalb der Insel nicht bekannt sind. So ist es bereits gelungen, für die auf der Insel wenig vorhandene Krappwurzel einen Farbersatzstoff zu finden, der nicht weniger dauerhaft färbt. Nur will die Schwarzfärberei immer noch nicht recht gelingen, so daß man ungefärbte Tücher zum Schwarzfärben nach Holland und holländische zum Scharlachfärben nach England schickt. Nach den Schätzungen der beiden zeitgenössischen Beobachter beträgt der Wert der englischen Wollwarenproduktion um die Mitte des 18. Jahrhunderts jährlich 6 - 7 Mio. Pfd. St. (54 Mio. fl..), wobei etwa gleichviel einheimische und ausländische Wolle verarbeitet sei. Im Mittelpunkt der nachfolgenden deutschen Berichterstattung über die Fortschritte der englischen Wollgewerbe stand zunächst immer wieder Leeds mit seinem berühmten Wollund Tuchmarkt sowie seinen Manufakturen und Fabriken. Unter anderem haben hohe preußische Beamte wie Theodor von Schön, Graf von Dohna und Carl Friedrich Schinkel, der Schweizer Industriepionier J ohann Georg Bodmer und der sächsische Leibarzt und Mitbegründer der Psychologie Carl Gustav Carus dem größten dortigen Wollzeugfabrikanten Benjamin Gott einen Besuch abgestattet 79• Faßt man ihre Beschreibungen zusammen, dann ergeben sich folgende Einsichten: 79 Auf die z. T. sehr anschaulichen und auch technischen Einzelbeschreigungen kann hier natürlich nicht eingegangen werden. Vgl. TheodoT von Schön, Studienreisen eines jungen Staatsmannes in England am Schlusse des vorigen Jahrhunderts, Berlin 1891, S. 225 - 6. -DeTs., Journal of the Journey through England from the 2nd of April to the 10th of April 1799. StA Göttingen, Schön-Nachlaß (Depositum v. Brünneck) Nr.57 (Tagebuchnotiz v. 11. März). - Philipp AndTeas Nemnich, Beschreibung einer im Sommer 1799 von Hamburg nach und durch England geschehenen Reise, Tübingen 1800, S. 177 - 183. -Aeta wegen aus Engeland einzuziehender HandelsNachrichten, auch von neuen Erfindungen im Fabrickenund ManufaeturFache, 1801 - 1809. -DZA Merseburg; Gen. Dir. Fabriken-Departement, Tit. LXXX Nr. 55 (Technische Beschreibung der Gottschen Wollmanufaktur durch Graf von Dohna.) -[FTiedTich LebeTecht CTusius}, Reise eines jungen Deutschen in Frankreich und England im Jahre 1815, Leipzig 1909, S. 129 - 31. - Johann GeoTg BodmeT, Tagebuch über meine Reise im Ineren [sie!] von England angefangen am 5 8 bre 1816. Hrsg. von Helen und Paul SchochOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Das deutsche und britische Wollgewerbe 63 Der Bezirk West-Riding in Yorkshire ist auch im frühen 19. Jahrhundert noch immer wie früher das Zentrum für die Herstellung von "ordinärem Tuch". Die 6 - 8 000 ländlichen Tuchmacher, die etwa im Umkreis von 10 Meilen um Leeds wohnen, verfügen nur über wenig Kapital und müssen nebenbei noch von der Landwirtschaft leben. Die meisten besitzen aber nur ein bis zwei Morgen (acres) Land, um eine Kuh oder anderes Vieh darauf zu halten. Sie kaufen ihre Wolle von den umherziehenden "Wool Staplers" oder direkt auf dem Woll markt in Leeds, wobei man zwischen kurzer und langer Wolle unterscheidet. Die erste wird gekratzt und zu Streichgarn bzw. einfachen Wolltüchern, die andere gekämmt und zu Kammgarn bzw. glatten Zeugen (Worsted) verarbeitet. Die Wollhändler sind vereidigt und haben die Rohwolle nach der Güte vorsortiert. Die Wolle wird zuerst grob gereinigt, dann in Urinlauge und Wasser nacheinander gründlich gewaschen (scoured), in den Wolf (devil) geworfen und vom Staub gereinigt (picked), geölt, geschrobbelt (scribbled) und auf einer Maschine gestrichen (carded), auf einer Maschine (slubbing machine oder "Billy") locker vorgesponnen und schließlich auf der Jenny fein nachgesponnen. Offensichtlich sind die kleinen Spinnmaschinen, die Jennys, in den ersten drei Jahrzehnten hier überall die Regel. Manche Tuchmacher beziehen allerdings ihr Gespinst auch direkt von der Fabrik, die ebenfalls in der Umgebung von Leeds steht und mit Wasseroder Dampfkraft betrieben wird. Anschließend wird das Kettengarn geleimt (sized with glue) und schließlich als letztes gewebt. Das Tuch wird dann vom Öl in einer Taubenmistbrühe gereinigt, die Knoten, Splitter, Härchen usw. ausgezupft (burled and spiled) und dann in die Walkerei gebracht. Erst nun ist es soweit, um in Leeds jeden Dienstag oder Samstag in einer der Tuchhallen zum Verkauf ausgestellt zu werden. Hier erscheinen die ansässigen Tuchhändler, suchen die Partien nach Güte und Farbe aus und lassen, wenn man sich über den Preis einig geworden ist, diese in ihre Wohnungen bringen. Dort werden die Tücher genauer gemustert, gemessen und bezahlt. Anschließend werden die Stücke mit gewöhnlichen Disteln oder auf Kratzenmaschinen gerauht, dreimal von Tuchscherern geschoren, im Stück gefärbt (dyed in the piece), von Splittern und Fasern erneut befreit, Löcher zugestopft und heiß und kalt geBodmer (St. Gallen). In: Vierteljahresschrift der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich, Bd.81, Zürich 1936, Beibl. No. 25, S. 21. - H. S. Spiker, Reise durch England, Wales und Schottland im Jahr 1816, Bd. 1, Leipzig 1818, S. 146 - 52. - E. [duard1 F. [torens] Rivinus, Historisch-Statistische Darstellung des nördlichen Englands nebst vergleichenden Bemerkungen auf einer Reise durch die südwestlichen Grafschaften, in Briefen, Leipzig 1824, S. 26 bis 56. - Carl Friedrich Schinkel, Tagebuch der Reise nach Frankreich und England im Jahre 1826. In: Aus Schinkel's Nachlaß. Hrsg. von Alfred Freiher von Wolzogen, Bd.3, Berlin 1863, S. 87 - 89. - G. [ustav1 Carus, England und Schottland im Jahre 1844, Bd.2, Berlin 1845, S. 156 - 58. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 64 Hans-Jürgen Teuteberg preßt. Alle diese zuletzt genannten Appretierund Färbearbeiten werden in besonderen Manufakturen durchgeführt, die den Tuchhändlern gehören. Je nachdem es aus einem breiten oder schmalen Webstuhl kommt, wird das Tuch Broad oder Narrow (Plain) Cloth genannt. Das Breite Tuch wird wiederum in Liverey Cloth, Second oder Refined Cloth, Second Superfine Cloth bzw. Best oder Superfine Cloth mit entsprechenden Preisklassen unterteilt. Neben diesen beiden Hauptsorten kamen folgende Wolltuchsorten auf den Markt: Hunter (nicht gepreßtes, einseitig geschorenes Tuch für Jäger), Casimir (aus Kaschmir verballhornt), Coating (Biber). Rateen Cloth (frisiertes Tuch), Calmuck, Duffil, Shag (Plüschstoffe), Swankin, Toilinet, Moleskin und andere Modestoffe. Velvet Cloth war ein wollner Samt nach Art des Manchestercord. Turkey cloth war dagegen ein besonders dünner Wollstoff (Shallees, Drap de Serails usw.). über die Produktion von breiten und schmalen Wolltüchern in dem Hauptzentrum West-Riding gibt es folgende deutsche Aufstellung: Tabelle 10 Wolltucltproduktion in West-Riding (Yorkshire) 1732 - 1821 in Stück Zeitraum Stückzahl Zeitraum Stückzahl 1732 - 1741 580645 1772 -1781 2009972 1742-1751 1236304 1782 -1791 2768200 1752-1761 1255339 1792 -1801 3940227 1762 - 1771 1546822 1802 -1811 4344 011 1812 -1821 4521742 Que!!e: Rivtnus, Historisch-Statistische Darstellung des nördlichen Englands, S. 256. Die Zahl der hausgewerblichen Tuchmacher geht seit 1820 offenbar zurück, doch schätzt man deutscherseits 1823, daß immer noch 30 bis 40 000 Erwerbstätige mit ihren Familien direkt oder indirekt in dieser Form vom Wollgewerbe leben. Natürlich haben sich die deutschen Englandbesucher auch mit dem Mechanisierungsprozeß befaßt. So wird die Flying Shuttle schon 1766 von zwei jungen preußischen Beamten eingehend beschrieben, die der schlesische Provinzialminister Ernst Wilhelm von Schlabrendorff mit Billigung Friedrichs d. Gr. zu Erkundungszwecken auf die Insel geschickt hatte 80 • Die eingehendste Be80 Auch andere kleine Maschinen zum Rauhen, Pressen und Walken werden hier genau beschrieben. Die beiden schlesischen Beamten haben sich längere Zeit in Leeds, Halifax und Lancashire aufgehalten. Vgl. Berichte und Diaria der behufs der Erlernung der Landwirtschaft nach England abgeschickt gewesenen apprentifs. -DZA Merseburg Gen. Dir. General-Departement Tit. LXIII, Nr. 4. -Zwey Berichte des Oberamtmann Reisel und des Oberamtmann Müller ihrer in Engeland angestellten wirtschaftlichen Beobachtungen 1765 und 1766. (Aus einer Handschrift.) In: Sammlung kurzer Reisebeschreibungen und anderer zu Erweiterung der Länderund Menschenkenntniß dienenden Nachrichten ,Bd.13, BerUn 1784, S. 325 - 62. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Das deutsche und britische Wollgewerbe 65 schreibung der beginnenden Mechanisierung im englischen Wollgewerbe stammt von dem preußischen Fabrikenkommissionsrat Johann Georg May, der im Auftrage Beuths 1825 die Insel bereiste 81 • Nach Besichtigung der größten Wollgewerbezentren stellte er in einem Bericht für den "Verein zur Beförderung des Gewerbfleißes in Preußen" fest, daß die meisten englischen Tuchmacher noch kleine Spinnmaschinen mit 30 - 40 Spulen benutzten. Das Vorgespinst wurde an vielen Orten noch auf den handbetriebenen Spinnrädern und nur in größeren Werkstätten durch eine besondere Spinnmaschine angefertigt. In einer Fabrik in Leeds sah er zwanzig alte Spinnmaschinen, wie sie um 1800 gebraucht wurden. Auf sein Befragen erklärte der Fabrikunternehmer, es gebe zwar neuere und vorteilhaftere Maschinen, doch hätten sich seine Arbeiter an diese hier gewöhnt. So werde er erst neue anschaffen, wenn diese verbraucht seien. Allerdings hatte man viele neue Klopf-, Brech-, Kratz-, Streichund Vorspinnmaschinen. Das alte Spinnrad wurde nur noch von alten Frauen benutzt. Das Weben geschah nun überall mit dem Schnellschützen. ("Man hat keine Idee mehr davon, wie man ohne Schnellschützen fertig werden könnte.") Die Schützen und Rollen waren allerdings noch roh aus Holz gearbeitet und nur mit Eisen beschlagen. Bei den Walkmühlen fand er keine großen Unterschiede gegenüber den deutschen Ausführungen, nur bei den Rauhund Schermaschinen. Diese befanden sich aber nur in zwei oder drei größeren Fabriken und wurden aus Furcht vor Nachahmung und Maschinenstürmerei nur selten gezeigt. Im westenglischen Wollzentrum Wiltshire, Somerset und Gloucestershire sah man sie dagegen nach Mays Angaben schon als gewöhnlich an. Am weitesten fortgeschritten war die Mechanisierung in der Kammgarnspinnerei und -weberei. Wenngleich die lange Wolle an manchen Orten noch nach der alten Art mit der Hand gekämmt wurde, so war man nach Mays Beobachtungen doch überall dabei, sich auch hier maschinell umzustellen. Die kontinuierlichen Kammgarnspinnmaschinen, die durch Pferde und Wasser oder auch schon durch Dampfkraft angetrieben wurden, hielt man aber noch überall sehr geheim, so daß er sich nur mit Hilfe von Bestechungen Zutritt verschaffen konnte. Ihm fiel auf, daß im Gegensatz zu Deutschland die meisten Maschinenteile nun überall aus Eisen waren. Wo die Wollweber zerstreut auf dem Lande wohnten und die Produktion noch nicht in einer Hand lag, dort war auch die Mechanisierung nicht weit fortgeschritten. Die Kammgarnindustrie stellte neben dem "worsted yarn" die "worsted stuffs" (feine Wollzeuge) und "wor81 {Johann Georg] May, über Kammgarnspinnerei und Vergleichung einiger englischer Proben von Maschinen-Kammgarn mit dergleichen inländischen Maschinen und Handgespinst. Geschrieben im Januar 1825. In: Verhandlungen des Vereins zur Beförderung des Gewerbefteißes in Preußen, Jg.5 (1826), S. 98 -103. 5 Schriften d. Vereins f. Soclalpol1tlk 83 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 66 Hans-Jürgen Teuteberg sted stockings" her. Bei den "worsted stuffs", die hauptsächlich in Norwich produziert wurden, gab es folgende Hauptwaren: Feine Kamelotte, Wolldamast, Wollatlas und viele Unterabteilungen. Alle diese Sorten wurden ins Ausland exportiert und richteten sich nach dem besonderen Geschmack des jeweiligen Landes. Die englischen Wollfabrikanten sandten ihre Söhne oder besondere Reisende (Riders) dorthin, um die Wünsche der Kundschaft kennenzulernen und Bestellungen entgegenzunehmen. Die große Konkurrenz bildeten die billigen Baumwollstoffe, die den Absatz auf den traditionellen Märkten gefährdeten. So hatten sich manche Betriebe darauf verlegt, die billigen KattunShawls in Wolle nachzuahmen, was besonders die "armen Haufen" des Webervolks um Norwich eine Weile über Wasser hielt. Insgesamt stellte sich diese Produktion aber als ein Mißerfolg heraus. Die immer schneller wechselnde Mode war gerade für die Kleinmeister schlecht zu bewältigen. Bestimmte Sorten kamen plötzlich ganz außer Gebrauch, wie Möbelatlas oder Bombasins. Die bunten, leicht bedruckbaren und viel gefälliger wirkenden Baumwollstoffe, aus denen sich gestreiftes Matrosenzeug, gewürfeltes Bettzeug und Schürzen, Tischtücher und Hemden herstellen ließen, machten in der Nachfrage das Rennen, so daß Wollweber auf diesen Gewerbezweig überwechselten. Bestimmte Spezialwebereien, die z. B. Strumpfbänder, Livreeborten, Schnürsenkel usw. produzierten, konnten sich im Raum Manchester verhältnismäßig gut halten. Wie die erste Weltindustrieausstellung 1851 in London zeigte, war das Wollgewerbe insgesamt in seiner Bedeutung weit hinter die Baumwollindustrie zurückgefallen. Ebenso wie in Großbritannien herrschte in Deutschland jahrhundertelang eine arbeitsintensive familiengebundene Arbeitsweise vor, bei der sich die Vorgänge des KrempeIns. Spinnens, Walkens, Scherens und Färbens vom zentralen Webvorgang allmählich ablösten und verselbständigten. Die für die einzelnen Arbeitsvollzüge notwendigen Geräte und Hilfsmittel wurden im Laufe der Zeit immer kostspieliger und komplizierter, so daß sie die Kapitalkraft und die Fertigkeit des einzelnen Handwerkers zu einem gewissen Zeitpunkt überstiegen. Walkmühlen, Bleichen und Färbereien mußten schon frühzeitig oft von der Zunft gemeinsam unterhalten werden. Die Umstellung vom dezentralisierten handwerklichen Gewerbe zum zentralisierten maschinellen Großbetrieb vollzog sich, nimmt man die relativ wenigen Wollmanufakturen des 18. Jahrhunderts aus, im ganzen erst im 19. Jahrhundert. Im Gegensatz zum Leinen-, Baumwollund Seidengewerbe konnte sich die zunftmäßige Organisation beim Wollgewerbe verhältnismäßig lange halten. Die Rezeption der englischen Maschinenspinnerei und -weberei vollzog sich daher noch zögernder als auf der Insel. Merkwürdigerweise gibt es bis heute keine einzige Darstellung, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Das deutsche und britische Wollgewerbe 67 die die Aufnahme und Durchsetzung der britischen Textilmaschinen in Deutschland zusammenhängend beschreibt. Die Nachrichten über das Auftauchen dieser technischen Innovationen sind in vielen regionalen Studien verstreut und höchst widerspruchsvoll. überblickt man die zerstreuten Nachrichten, dann scheint es, als habe die Mechanisierung der Textilgewerbe zuerst im sächsischen Vogtland und Erzgebirge, in Berlin, im Zürcher Oberland und Kanton St. Gallen sowie im Oberelsaß Fuß gefaßt 82• Der Wandel der Produktionsverhältnisse und der Mechanisierungsprozeß lassen sich am besten in Sachsen verfolgen. Bei dem übergang zum Verlag und dem Fernhandel war wie in England der kapitalschwache Kleinmeister frühzeitig in die Abhängigkeit städtischer Wollund Tuchhändler geraten, die ihn zum Lohnwerker herabdrückten. Der übergang zur Verlags form führte zu heftigen wirtschaftlichen und sozialen Konflikten, die sich noch verschärften, als nach der Blütezeit des zünftigen Wollgewerbes im 14. Jahrhundert unter dem Einfluß ausländischer Konkurrenz Absatzkrisen auftraten. Die Privilegierung der Händler in der Zurichtung und Färberei und die Heranziehung billiger ländlicher Spinner und Weber zur Durchbrechung des Zunftmonopols durch die Großverleger ließ dem städtischen Wollweber auf die Dauer keinen Ausweg: Er mußte sein Rohgewebe dem Verleger, später dem Manufakturoder Fabrikherren anbieten. Es trat eine Verschiebung vom alten selbständigen Tuchhandwerker zum unselbständigen Tuchund Zeugmacher ein. Die Abhängigkeit des sächsischen Wollhandwerks von großen Wollund Tuchhändlern in Leipzig, Crimmitschau, Gera und Greiz bestand schon lange, als sich die erste Mechanisierung einstellte. Soweit man erkennen kann, sind die ersten Jenny-Spinnmaschinen 1785/86 durch die Verleger Gebr. Gräser in Langensalza und den Tuchhändler Bugenhagen in Chemnitz aufgestellt worden 83• Sie vermehrten sich bis zum Ende des Jahrhunderts wie folgt: 82 Josej Kuliseher, Allgemeine Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters und der Neuzeit, 2. Aufl., Bd.2, München 1958, S. 475 - 76. 83 Albin König, Die sächsische Baumwollindustrie am Ende des vorigen Jahrhunderts und während der Kontinentalsperre, Leipzig 1909, S.96. - Vgl. Georg Meerwein, Die Entwicklung der Chemnitzer bzw. sächsischen Baumwollspinnerei von 1789 - 1879. Diss. Berlin 1914, S. 18. - William O. Henderson, Britain and Industrial Europe 1750 - 1870, 2nd ed. Manchester 1965, p.268. 5* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 68 Hans-Jürgen Teuteberg Tabelle 11 Zunahme der Jenny-Maschinen in Kursachsen 1785 -1800 Jahr Jennys Jahr Jennys 1785 3 1793 107 1786 9 1794 rd. 213 1789 23 - 25 1795 253 1790 57 1796 453 1791 87 1797 903 1792 97 1800 2004 QueUe: König, Baumwollindustrie, S. 95. - Die Zahlen beziehen sich auf den November (Michaelis) eines jeden Jahres und enthalten auch die in Sachsen nachgebauten Spinnmaschinen. Wieviele dieser ersten Spinnmaschinen im Baumwollgewerbe und wieviele im Wollgewerbe Aufstellung gefunden haben, läßt sich dieser Aufstellung nicht entnehmen. Dem Plauener Verleger Johann Christian Baumgärtel glückte nach einer Englandreise 1792 der Nachbau des Schnellschützen und einer Tuchschermaschine und dem Chemnitzer "Baumwollen-Manufakturgroßhändler" Konrad Wöhler zusammen mit dem angeworbenen englischen Mechaniker William Withefield aus Halifax der Nachbau einer ersten Arkwrightschen Spinnmaschine 84• Whitefield baute auch nochmals den Schnellschützen nach und unterbreitete der sächsischen "Landes-Oekonomie-Manufaktur-CommercienDeputation" den Plan, für alle kleineren sächsischen Spinnereibesitzer ein ganzes Sortiment von Krempelund Vorspinnmaschinen zu bauen, damit sie das von Wöhler gelieferte Garn unmittelbar weiterverarbeiten konnten. Der Vorschlag wurde genehmigt und Whitefield in festen Dienst genommen. Die Ausführung scheiterte dann aber daran, daß das neue Wöhlersche Garn für die Jennymaschinen nicht geeignet war. Dafür errichtete Whitefield 1799 für den späteren sächsischen Kabinettsminister Graf Detlev von Einsiedei (1773 -1861) in der Nähe dessen Schlosses Wolkenstein an der Zschopau in der Amtshauptmannschaft Marienberg eine mechanische Wollspinnerei, die auch einen englischen 84 Herbert Pönicke, Der Anteil Mitteldeutscher an den technischen Errungenschaften des 19. Jahrhunderts. In: Hamburger Mittel-Ostdeutsche Forschungen, Bd.3 (1961), S. 27 - 94. -Ders., Sächsische Wirtschaftsköpfe. In: Jahrbuch der Akademie gemeinnütziger Wissenschaften, Erfurt, Jg.1955, S. 77 -105. -Bein, Industrie des sächsischen Vogtlandes, Teil 2, S. 119 ff. - König, Baumwollindustrie, S. 3 ff. -Fierre Benaerts, Les origines de la grande industrie allemande, Paris 1939, S.360. -Horst Krüger, Zur Geschichte der Manufakturen und Manufakturarbeiter in Preußen, Berlin-Ost 1958, S. 106. - Baumgärtel-Akten, StA Dresden, Loc. 11 466 und Protokolle und Relation von der Leipziger Michaelis-Messe anno 1795, BI. 65. Zitiert nach Werner Kroker, Wege zur Verbreitung technologischer Kenntnisse zwischen England und Deutschland in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, Berlin 1971, S. 168. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Das deutsche und britische Wollgewerbe 69 Maschinenmeister bekam 85• 1798 erhielt der sächsische Kaufmann und Verleger Karl Friedrich Bernhard, der zuvor in Manchester gewesen war, von der sächsischen Regierung ein "Privilegium exclusivum" für zehn Jahre und eröffnete in Harthau bei Chemnitz eine erste Baumwoll-Mule-Spinnerei, wobei ihm wiederum englische Maschinenbauer und staatliche Zuwendungen bei der Produktionsaufnahme halfen 86• Die Zahl der Maschinenspindeln stieg dann wie folgt an: Tabelle 12 Zahl der säcbsisclten Masdlinenspinnereien 1812 -1831 Jahr 1812 1831 Anzahl der MaschinenSpindeln spinnereien 108 84 255904 361202 Aber die Zahlen und spektakulären Gründungen dürfen nicht überschätzt werden. Obwohl die sächsischen Textilunternehmer nichts für die Patente zu bezahlen brauchten und der Staat ihnen die Bezahlung der Facharbeitskräfte und die Sorge um den Absatz mit Hilfe eines Monopols weitgehend abnahm sowie staatliche Darlehen zu geringen Zinsen das nötige Kapital sicherten, konnten ohne englische Hilfskräfte die ersten Maschinen nicht erfolgreich betrieben werden. Trotz all dieser Vorteile, die die englische Konkurrenz nicht besaß, war der ökonomische Erfolg anfangs bescheiden. 1804 meldete der preußische Fabrikenkommissar Johann Georg May nach Berlin, die nach englischem Muster eingerichtete "Water-Garn-Spinnerei" Wöhler & Lange sei in einem ganz schlechten Zustand und erzeuge eine schlechte Garnqualität. Dagegen habe die Mule-Garn-Spinnerei der Gebr. Bernhard 1801 einen guten Fortgang genommen 87• Wie die zeitgenössische deutsche Literatur belegt, war man sich etwa seit den neunziger Jahren der Bedeutung der Arkwrightschen Erfindung für die Maschinenspinnerei voll bewußt. Sie wurde praktisch gleich nach ihrer ersten erfolgreichen Durchsetzung staatlicherseits 85 Friedrich Georg Wieck, Industrielle Zustände Sachsens, Chemnitz 1840, S.292. - Vgl. Köhler, Historische Nachricht über die Bergstadt Wolkenstein, Leipzig 1781. 86 König, Baumwollindustrie, S.101. -Schön, Studienreisen, S.127. 87 Acta, wegen des Nachbaues der in England erfundenen und in Sachsen bereits errichteten Water-Mule-Maschinen für Baumwolle: item Nachricht über den Zustand der Chemnitzer Baumwollen-Spinnereien. -DZA Merseburg, Gen. Dir. Manufacturund CommerzCollegii, Tit. XXXX, XL Nr. 46. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 70 Hans-Jürgen Teuteberg rezipiert. Aber offenbar bestand vielerorts noch keine dringende ökonomische Notwendigkeit zur Einführung, weil z. B. im Gegensatz zu England der Schnellschütze noch vergleichsweise wenig in der Weberei Eingang gefunden hatte. Der große "Garnhunger" war noch nicht ausgebrochen, wie auch der steigende Rohwollexport beweist. Die teuren mechanischen Spinnmaschinen fanden im Gegensatz zu den billigen Jennys ausnahmslos in dem mehr zentralisierten Baumwollgewerbe zuerst Aufstellung. Die Einführung im Wollgewerbe, insbesondere zur Herstellung von Streichgarnen, blieb auch nach 1800 zunächst eine Ausnahme 88• Das Spinnen als Nebenbeschäftigung für Frauen, Kinder und Gesinde war offenbar noch so kostengünstig, daß die Aufstellung neuer Maschinen dadurch behindert wurde. Demgegenüber waren, wie der sachverständige Engländer Andrew Ure später schätzte, 1788 in England und Schottland bereits 143 mechanische Baumwollspinnereien mit etwa 2 Mio. Spindeln, 600 Mule-Maschinen und rd. 20000 Jennys im Betrieb 69 • Um 1800 konnten sowohl von der Schafwie von der Baumwolle Garne aller möglichen Feinheitsgrade (Nummern) mit Hilfe der neuen Maschinen hergestellt werden. In der Regel lieferten die mit der Hand bedienten "Jennys" und die moderneren "Mules" als Zugmaschinen den locker gesponnenen Faden für den Einschlag, die "Waterframes" als Rahmenmaschinen mit Wasserund Dampfantrieb den festeren "Watertwist" für die Kette. Dazu gehörten Maschinen zum Auflockern der Wolle und zum Reinigen von Staub und Fremdkörpern, die "Wolf" genannt wurden, sowie Streichund Vorspinnmaschinen 89a • Erst dann kam das Garn zur Zugoder Rahmenmaschine, wo es endgültig versponnen wurde. Die mechanische Kammgarnspinnerei scheint dagegen, obwohl einzelne Beschreibungen aus dem "Repertory of Arts" nicht unbekannt geblieben waren, um diese Zeit in Deutschland noch nicht betrieben worden zu sein 90• Aber diese brauchte auch in England lange zu einer ersten Vollkommenheit. 88 Blumberg, Kammgarnund Streichgarnindustrie, S. 14. 89 Andrew Ure, The Philosophy of Manufacture, London 1835. -Deutsch: Das Fabrikwesen in wissenschaftlicher, moralischer und kommerzieller Hinsicht. A. d. Engl. von A. Dietzmann, Leipzig 1835 (3. Aufl. 1861). -Die gleichen Zahlen finden sich auch in dem anonymen Artikel: über die Maschinen-Spinnerey, hauptsächlich im Preußischen staate. In: Jahrbücher der Preußischen Monarchie unter der Regierung Friedrich Wilhelms II!. Hrsg. von Friedrich Rambach, Jg.101, Bd. I, S.11. 89a Das mit der Hand erfolgende Wolfen und Krempeln, das seit 1800 durch verschiedene Maschinen ersetzt wurde, ist beschrieben bei: Duhamel de Monceau, Die Tuchmacherkunst, vornehmlich auf feinen Tüchern. A. d. Franz. von Gottfried Daniel Schreber, Leipzig-Königsberg-Mietau 1766. - J. G. Scheibler, Gründliche und praktische Anweisung feinwollne Tücher zu fabrizieren, Breslau-Leipzig 1806. 90 über die Maschinenspinnerei. S. 12. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Das deutsche und britische Wollgewerbe 71 Eine ähnliche Entwicklung läßt sich im benachbarten Preußen zu dieser Zeit beobachten. Seit den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts gab es ein starkes Interesse an den englischen Textilmaschinen. Der ständige Mangel an Gespinsten, der zu einem Preis anstieg geführt hatte, lenkte den Blick des "Königlichen Lagerhauses" in Berlin auf die Arkwrightsche Spinnmaschine 91 • Noch unter Friedrich d. Gr. wurde 1784 eine Summe bewilligt, um aus England die notwendigen neuen Spinnund Kratzmaschinen für den Aufbau einer "ManchesterFabrique" kommen zu lassen. Die neuen Maschinen sollten helfen, die Ausrüstungskosten für die Armee zu senken und vom Ausland unabhängiger zu werden 92 • Offenbar dachte der König aber noch nicht an eine allgemeine Einführung der Maschinen, da man sonst eine Massenarbeitslosigkeit der Spinner befürchten mußte 93• Noch 1799 fand der junge Theodor von Schön auf seiner Studienreise durch Schlesien, daß die dortigen Behörden sich immer noch aus dem gleichen Motiv heraus gegen die neuen englischen Spinnmaschinen wehrten 94• Nach ersten mißglückten Versuchen und Konkursen um 1788, bei denen die Baumwollspinner Holtz, Thomas Hotho und Johann Georg Sieburg sowie die in England und Frankreich gewesenen Mechaniker Kratzenstein, Karl Axel Nordberg, Wilhelm Tappert, Thomas Woodward und Charles Dutton eine führende Rolle spielten, wurden seit den neunziger Jahren wie in Sachsen die ersten mechanischen Spinnereien in Preußen in Gang gesetzt 95• Das "Kunstgenie" Tappert und sein Kompagnon gingen seit 1791 auch schon dazu über, mit staatlicher Unterstützung selbst Spinnmaschinen herzustellen. 1801 errichtete der erwähnte sächsische Unternehmer Bernhard zusammen mit dem Berliner Bankhaus Cohen eine mechanische Musterspinnanstalt in Berlin, 91 Hugo Rachel, Das Berliner Wirtschaftsleben im Zeitalter des Frükapitalismus, Berlin 1931, S.150. 92 Ders., Die Handels-, Zollund Akzisepolitik Preußens 1740 - 1786, Bd. 3, Berlin 1928, S. 558 ff. 93 DZA Merseburg, Gen. Dir. Fabriken-Department CCXXXIV, Nr.59. - Vgl. Carl Ergang, Friedrich d. G. in seiner Stellung zum Maschinenproblem. In: Beiträge zur Geschichte der Technik und Industrie, Bd.2, (1910), S. 81 ff. - Krüger, Geschichte der Manufakturen und Manufakturarbeiter in Preußen, S.46. - Conrad Matschoß, Friedrich d. Gr. als Beförderer des Gewerbefleißes, Berlin 1912, S.67. 94 Schön, Theodor von, Studienreise eines jungen Staatswirths am Schlusse des vorigen Jahrhunderts, Leipzig 1897, S.328. 95 über die Nothwendigkeit, die englischen Spinnmaschinen in den preußischen Staaten einzuführen. In: Journal für Fabrik, Manufaktur, Handlung und Mode, Jg.1794, S. 193 - 215. - über die Maschinen-Spinnerey, S.115 bis 118. -Rachel, Berliner Wirtschaftsleben, S.47. - Krüger, Geschichte der Manufakturen, S.150. - Kroker, Wege zur Verbreitung technologischer Kenntnisse, S.142. -Das Anerbieten des Engländers Woodward, im Land Kammgarn-Maschinen zu bauen. -DZA Merseburg, Gen. Dir. Technische Deputation, Tit. X, 17. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 78 Jahr 1840 1843 1846 1855 1861 Hans-Jürgen Teuteberg Tabelle 15 Zahl der Kammgarnspinnereien und Feinspindeln in Preußen und Sachsen 1840 - 1861 Spinnereien Preußen Sachsen 759 649 253 119 48 20 33 39 42 39 Feinspindeln Preußen Sachsen 56258 47061 32470 42235 47153 33873 40000 53177 104622 Durchschnittl. Spindelzahl pro Spinnerei Preußen Sachsen 74 73 128 355 981 1684 1212 1364 2657 Das besondere Charakteristikum der Kammgarnspinnerei war das Kämmen der langen weichen und kaum gekräuselten Wolle, die in England allerdings im allgemeinen rauher und etwas grober ausfiel. Die unproduktive Handkämmerei, deren durchschnittliche Leistung pro Tag und Arbeitskraft selten mehr als 2 Pfd. Wolle betrug, erwies sich als das größte Hemmnis für eine Mechanisierung und Industrialisierung. Handelte es sich um ganz reine Wolle, so war das Ergebnis unter Umständen noch geringer. Die ersten Kämm-Maschinen, 1790 von Edmund Cartwright konstruiert, verrichteten gleich die Tagesleistung von 25 Handkämmern 106 • Der Widerstand der Handkämmerei, die hohen Anschaffungskosten und die komplizierte Bedienung verhinderten aber zunächst eine Ausbreitung. 1827 gelang es etwa zur gleichen Zeit Friedrich Georg Wieck und Mitarbeitern, wesentlich verbesserte Kämm-Maschinen herzustellen. In den nächsten Jahrzehnten wurden noch leistungsfähigere Kammstühle von dem Engländer Lister (1843), dem Elsässer Heilmann (1845) und dem Briten James Noble (1853) erfunden. Nun erst war der Weg zur völligen Mechanisierung der Kammgarnspinnerei frei. Der Ausbreitung der Kammstühle hatte die relativ geringe Ausdehnung des Gewerbes und vor allem der Umstand entgegengestanden, daß die Kämmerei von Frauen, Kindern, Saisonarbeitern im Winter oder Insassen von Armenhäusern und Zuchthäusern billigst besorgt wurde. Der immer wieder zur Technisierung antreibende Arbeitskräftemangel bestand gerade hier nicht. Eine selbständige Handkämmerei als Gewerbe gab es so gut wie gar nicht. So konnte sich die alte Handkämmerei inmitten einer immer schneller mechanisierenden Textilindustrie bis in die sechziger Jahre hinein halten. Die hohen Wollverluste, die ungleichmäßige Bearbeitung, langsam eintretender Arbeitskräftemangel und der Rationalisierungswunsch nach 106 Behnsen, Weltwirtschaft der Wolle, S.119. - Schmoller, Kleingewerbe, S. 483 ff. -Vgl. Blumberg, Textilindustrie, S. 82 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Das deutsche und britische Wollgewerbe 79 Zentralisierung aller Produktions vorgänge haben ihr schließlich aber doch das Ende bereitet. Die Kammgarnspinnerei hatte wegen des Kämmprozesses viel Ähnlichkeit mit der Baumwollspinnerei und konnte daher die dort gemachten Innovationen leichter als die Streichgarnspinnerei übernehmen. Bezeichnenderweise wurde der Übergang zur Mechanisierung auch gleich ohne Zwischenstufe im geschlossenen Fabrikbetrieb mit Spinnmaschinen der zweiten Generation vollzogen. Benutzt wurden meistens die Mule-Jennys, während man in England wegen der steiferen Kammwolle auf den Water-Frame überging 107• Mit der technischen Ausstattung war gleichzeitig auch die nötige Zahl der Arbeitskräfte determiniert. Brauchte man bei 1000 Feinspindeln und "Selfactors" 13 - 14 Arbeiter zum Herstellungsprozeß, so stieg die Zahl bei den älteren "Hand-Mules" auf 20 -25 Personen. Bis zur endgültigen Ablösung der Handkämmerei in den sechziger Jahren betrug aber z. B. in Sachsen der Anteil der Mule-Spindeln noch über 80 v.H., der WaterSpindeln rd. 15 v.H. und der Selfactors erst 1,8 v.R. aller Kammgarnfeinspindeln 108• Im Zollverein konzentrierte sich die Kammgarnspinnerei auf die Gebiete, wo das Wollgewerbe den größten Kammgarnverbrauch hatte. Dies waren neben den preußischen Provinzen Schlesien, Sachsen und Rheinland vor allem Bayern, Württemberg, das Königreich Sachsen und Thüringen. Die größten Kammgarnspinnereien in der Mitte des 19. Jahrhunderts befanden sich in Augsburg, Nürnberg, Ansbach und Kaiserslautern sowie in der preußischen Provinz Sachsen (sechs Großspinnereien) sowie in der Rheinprovinz, wo die Kammgarnspinnerei Bockmühl in Düsseldorf wahrscheinlich das größte Etablissement seiner Art im Zollverein bildete 108• Die Kammgarnspinnerei bietet um die Mitte des 19. Jahrhunderts dann folgendes Bild (s. Tab. 16, S. 80). Die durchschnittliche Kammgarnspinnerei des Zollvereins war mit 65 Arbeitern und 1 725 Feinspindeln etwa dreimal größer als eine durchschnittliche Streichgarnspinnerei. Ganz verschieden stellte sich auch der Einsatz des Produktionsfaktors Arbeit dar: In der Kammgarnspinnerei bediente ein Arbeiter 26 Spindeln und damit 15 weniger als in der Streichgarnindustrie. In Großbritannien war die Kammgarnspinnerei aufgrund der erwähnten engen Verwandtschaft mit der Baumwollindustrie und anderer traditioneller Faktoren weitaus stärker verbreitet als in Deutschland. Das Wollgewerbe insgesamt hatte damit hier wesentlich mehr 107 Viebahn, Statistik des zoll vereinten und nördlichen Deutschlands, Bd.3, S.885. 108 Ebd., Bd. 3, S. 886. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 80 Hans-Jürgen Teuteberg Tabelle 16 Kammgarnspinnerei im Zollverein 1861 Vereinsland Zahl der Feinspindeln Arbeiter Spinnereien Preußen 66 50853 2693 Königreich Sachsen 39 104622 3007 Thüringen 20 31208 1326 Württemberg 7 17190 1033 Großherzogtum Hessen 7 16834 544 Bayern 5 30980 896 Oldenburg 2 180 11 Baden Luxemburg Gesamter Zollverein 146 251867 9510 QueUe: Viebann, statistik des zollvereinten und nördlichen Deutschlands, Bd. 3, S. 887. an den neuen Produktionsmethoden der Baumwollindustrie profitiert. So waren 1839 in der britischen Streichgarnindustrie erst 36 v.R. der Betriebe zur Dampfkraft übergegangen, aber schon 71 v.H. der Baumwollund Kammgarnindustrie l09• Auch die Zahl der Spindeln läßt den Vorsprung Englands gegenüber dem Zollverein erkennen: Jahr 1850 1861 Tabelle 17 Kammgarnspinnerei in Großbritannien 1850 - 1861 Kammgarn-Spindeln in Mio. 0,876 1289 Gesamt-Spindeln (Streichu. Kammgarn) in Mio. 2471 3472 Quelle: Deane-Co/e, British Economic Growth, p. 200. Vergleicht man diese Ziffern mit denen der Streichgarnspinnerei in beiden Ländern, so sieht man, daß der englische Vorsprung gegenüber Deutschland relativ noch größer war: Die Briten besaßen etwa fünfmal soviel Spindeln! Während die deutsche Kammgarnspinnerei nur einen Anteil von 18,5 v.H. (gemessen an der Spindelzahl) an der gesamten Wollspinnerei besaß, betrug dieser Anteil in Großbritannien 37 v.H. Stellt man abschließend die deutschen und die englischen Zahlen noch einmal zusammengefaßt gegenüber, so ergibt sich die Diskrepanz noch deutlicher: 109 Porter, Progress of the Nation, p. 173. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Das deutsche und britische Wollgewerbe Tabelle 18 Die Feinspindeln der deutschen und der britischen Wollspinnerei 1861 Zollverein Großbritannien Streichgarnspinnerei 1117870 2183000 Kammgarnspinnerei 251897 1289000 Wollspinnerei zusammen 1369767 3472000 81 Diese absoluten Zahlen über die Spindeln sind jedoch nur bedingt aussagekräftig, da sie noch wenig über den Mechanisierungsgrad, die Zahl der Betriebe und Beschäftigten sowie die durchschnittliche Spindelanzahl pro Unternehmen oder Arbeiter aussagen. Infolge des weiter fortgeschrittenen Einsatzes der Wasserund Dampfkraft war der Unterschied in der Wollspinnerei in Wirklichkeit noch viel größer als diese Zahlen zeigen. Trotz vieler Angaben über Spindeln, Spinnereien und der in der Wollspinnerei Tätigen liegen keine zeitgenössischen Zahlen über die Wollgarnproduktion um die Mitte des 19. Jahrhunderts deutscherseits vor. Sie läßt sich aus dem verfügbaren Material aber extrapolieren. Die Garnproduktion kann nicht mit Hilfe der Spindelzahl berechnet werden, da man so nicht die tatsächliche Produktionsmenge, sondern nur die mögliche Kapazitätsmenge erhält. Aufgrund ökonomischer Erfahrungen muß unterstellt werden, daß die vorhandenen Produktionskapazitäten nicht immer voll ausgenutzt wurden. Zur Schätzung der Produktion bleibt nur der Verbrauch an Rohwolle als Hilfsgröße übrig. Der tatsächliche Verbrauch setzt sich stets aus der Inlandsproduktion und dem Außenhandelssaldo zusammen. Die Summe der im Land verbleibenden RohwolImenge wird dann um die durchschnittliche Abfallquote gekürzt. Trotz aller Einschräkungen, die von Dean über die britische Rohwollproduktion gemacht werden, soll die Wollgarnproduktion nach dieser Methode berechnet werden. Eine Schätzung über die Spindelzahlen würde auch hier ungenau ausfallen, da keine exakten Angaben über die Leistungsfähigkeit einer Wollspindel im Jahr vorliegen und die Annahme einer Durchschnittsspindelleistung aufgrund der sehr verschiedenen Arten der Wollspinnerei ziemlich unrealistisch wäre. Nimmt man für beide Länder einen durchschnittlichen Schurertrag pro Schaf von 2,5 Pfd. pro Jahr und einen englischen Schafbestand von 32 Mio. Stück im Jahr 1864 (genaue Zahlen liegen nur 1841 und 1868 vor!) und nach Hoffmann eine durchschnittliche Abfallquote von 20 v.H. beim Verspinnen an, so ergibt sich folgender Vergleich zwischen der Wollgarnproduktion Großbritanniens und des Zollvereins 186411 °; 110 Eine durchschnittliche Verlustquote von 17 v.H. wird angenommen bei Otto Hübner, Jahrbuch für Volkswirtschaft und Statistik, Bd.8, Leipzig 1863, 8.17. 6 Schriften d. Vereins f. Soclalpolitlk 83 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 82 Hans-Jürgen Teuteberg Tabelle 19 Wollgarnproduktion Großbritanniens und des Zollvereins 1864 Zollverein Großbritannien ------ ---------- ---------------- Schafbestand 27,8 Mio. stück 32,0 Mio. Stück Rohwollproduktion (2,5 Pfd. pro Schaf) 69,5 Mio. Pfd. 80,0 Mio. Pfd. + Einfuhrüberschuß (1865) + 61,4 Mio. Pfd. + 120,7 Mio. Pfd. Zusammen 130,9 Mio. Pfd. 200,7 Mio. Pfd. Abzüglich Abfallquote beim Verspinnen (20 v.H. der Rohwolle) -26,18 Mio. Pfd. -40,14 Mio. Pfd. ------------ Wollgarnproduktion 104,72 Mio. Pfd. 160,56 Mio. Pfd. Nach diesen Berechnungen war die britische Wollgarnproduktion um etwa 50 v.H. höher als die des Deutschen Zollvereins 111• Ein vollständiger Vergleich des britischen und deutschen Wollgarnhandels ist wegen der fehlenden Angaben über die britischen Wollgarnimporte nicht möglich. Dies bedeutet, daß nur für den Zollverein eine entsprechende Statistik aufgestellt werden kann. Eine Schätzung der britischen Einfuhren wäre hier mangels geeigneter Anhaltspunkte so willkürlich, daß beim nachfolgenden Vergleich der Wollwarenproduktion leicht eine große Fehlinterpretation möglich wäre. Es ergibt sich daher nur folgendes Bild: Jahr 1850 1864 Tabelle 20 Wollgarnimport und -export des Zollvereins 1850 -1864 in Pfd. Einfuhr 6283640 24996730 Ausfuhr 444510 4224000 Saldo (Mehreinfuhr) - 5839130 -20772730 Die Mehreinfuhren des Zollvereins an Wollgarnen nahmen also zwischen 1850 und 1864 um das Dreieinhalbfache zu. Im gleichen Zeitraum stiegen die Einfuhren um das Vierfache, die Exportquote konnte aber um das Zehnfache gesteigert werden. Die zusätzlichen Importe des Zollvereins machten 1864 etwa 20 v.H. der zollvereinsländischen Woll111 Würde man die Zahlen von Phyllis Deane und Gustav Jacobs vergleichen, so würde der Abstand zwischen der deutschen und der britischen Wollgarnproduktion noch größer ausfallen. Da aber die Grundlagen für die Berechnungen bei den britischen Zahlen nicht genau bekannt sind, wurde auf diese Gegenüberstellung verzichtet. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Das deutsche und britische Wollgewerbe 83 garnproduktion aus. Dies zeigt, wie sehr das deutsche Wollgewerbe noch auf das Ausland bei der Garnproduktion angewiesen war. Dies erhärtet eine übersicht über die britischen Wollgarnexporte, von denen hier nur einige Zahlen herausgegriffen werden sollen: Tabelle 21 Wollgarnexporte Großbritanniens 1820 -1864 in 1000 engI. Pfd. Jahr Export an Garn Jahr Export an Garn 1820 11 1845 9406 1825 77 1850 13794 1830 1108 1855 20408 1835 2357 1860 27534 1840 3797 1864 31824 -------- ------ Que!le: Mitche!l - Deane, Abstract of British Hlstorical Statistics, pp. 195 - 96. Die britischen Wollgarnexporte wiesen von 1820 bis zur Jahrhundertmitte eine konstante Steigerungsrate auf, die allerdings zuletzt etwas nachließ, um dann in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts zu stagnieren und später sogar zurückzugehen. Daß die deutschen Woll garnexporte ab 1850 aber stärker stiegen, zeigt die veränderte Relation 1864: Während im erstgenannten Jahr die deutsche Ausfuhr etwa nur ein Dreißigstel der britischen betrug, führte es im zuletzt genannten Jahr schon ein Achtel der Menge aus, die Großbritannien exportierte. Dies läßt darauf schließen, daß die deutsche Wollindustrie dabei war, den englischen Vorsprung einzuholen. 5. Wollweberei Die Mechanisierung der Wollweberei konnte sich insgesamt nur schwer durchsetzen. Wie schon erwähnt, waren 25 Jahre nach der Erfindung Cartwrights im .Tahr 1803 erst 2400 kontinuierlich arbeitende Webmaschinen im britischen Baumwollgewerbe in Tätigkeit. Sie hatten sich bis 1829 auf 55500 vermehrt und stiegen 1833 auf 100000 Stück an, so daß nun erst die Handarbeit ernsthaft verdrängt wurde. Der Maschinenwebstuhl war in den ersten drei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts mit anderen Worten mehr ein psychologisches als ein ökonomisches Problem und darf in seiner tatsächlichen Auswirkung nicht überschätzt werden. Im englischen Wollgewerbe ging die Hinwendung zu den "Power Looms" noch langsamer vonstatten, wie die folgende Tabelle zeigt: 6' OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 84 Hans-Jürgen Teuteberg Tabelle 22 Mechanische Webstühle im britischen Wollgewerbe 1835 -1870 I II III Jahr Webstühle mit Webstühle mit Mechanische Wasserantrieb Dampfantrieb Webstühle total 1835 ? ? 5127 1838 10000 17000 ? 1850 10000 23000 42056 1856 9000 31000 53409 1861 11 000 53000 64518 1867 12000 85000 118805 1870 12000 103000 115484 Die zum Teil auf den letzten Stellen abgerundeten Zahlen umfassen die Streichund Kammgarnindustrie. Es ist nicht klar, ob die Fabrikinspektoren bei ihren Zählungen alle in einem Betrieb vorhandenen Maschinen oder nur die tatsächlich in Tätigkeit befindlichen gezählt haben. Spalte IU entstammt einer anderen Quelle und ist keine Addition der Spalten I und U. QueUe: Returns made by the Factory Inspectors. In: Sessional Papers vol. 1836 ff. Zitiert nach: MitcheU-Deane, Abstract of British Historical Statistlcs p.198. -W. Page, Commerce and Industry. Tables of Statistics for the British Empire from 1815, London 1919, p. 230. Nach diesen Zahlen ist es kein Wunder, wenn man feststellt, daß auch in der deutschen Wollweberei die Mechanisierung außerordentlich langsam fortschritt. In den ersten Jahrzehnten webte man überall ausschließlich noch mit der Hand. Selbst die wichtigsten Neuerungen wurden mit merklich zeitlicher Phasenverschiebung aufgenommen: Kays Schnellschütze, der wie erwähnt gleich nach seiner Erfindung in Deutschland bekannt geworden und kurz nach 1790 mehrfach in Preußen und Sachsen erfolgreich mit englischer Hilfe nachgebaut worden war, begann sich, soweit man erkennen kann, erst ab 1820 im deutschen Wollgewerbe im größeren Maßstab durchzusetzen. In der Lausitzer Wollweberei wurde er erst ab 1833 eingeführt und in der Eichsfelder Kammgarnverarbeitung noch in der Mitte der vierziger Jahre nur bei der Herstellung breiter Tücher benutzt 112• Wie Blumberg festgestellt hat, fanden 1835 bei einem Tuchfabrikanten earl in Luckenwalde die ersten Versuche mit einem amerikanischen Maschinenstuhl statt. 1837 wurden Maschinenwebstühle in Gera und Aachen aufgestellt sowie schließlich 1842 von der "Königlichen Seehandlung" in Wüste-Giersdorff (Niederschlesien) eine erste mechanische Kammwollweberei eröffnet 113• Weitere Maschinenwebstühle wurden dann aus der Lausitz, Württemberg, Bayern, Kurhessen, Thüringen und Berlin gemeldet, doch konnte insgesamt die mechanische Weberei auch in den fünfziger Jahren noch kaum eine größere Ausdehnung erfahren. 112 G. Demmering, Glauchau-Meeraner Textilindustrie, S.71. - Rudolf Delbrück, Reisebericht über die Provinz Sachsen aus dem Jahre 1846. Zitiert nach Blumberg, Textilindustrie, S.88. 113 Blumberg, Textilindustrie, S.89. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Das deutsche und britische Wollgewerbe 85 Erst in den sechziger Jahren wurde die Handarbeit ernsthaft durch die neue mechanische Weberei bedrängt 114• Das Sterben der alten handwerklichen Wollweberei war damit ein jahrzehntelanger Prozeß, der sich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sowohl in England wie in Deutschland vollendete: Tabelle 23 Mechanische Webstühle im deutschen Wollgewerbe 1846 -1875 Jahr 1846 1861 1875 Handstühle 47290 67485 56214 ------------ Maschinenwebstühle Webstühle total 1372 48662 6247 73732 29341 85555 QueUe: Btumberg, TextiJindustrie, S.90, und Viebahn, Statistik, Bd.3, S.917. Im Jahre 1846 kam also erst ein Maschinenwebstuhl auf 34 Handwebstühle, die bis 1861 absolut sogar noch zunahmen. Erst nach der Begründung des Bismarckreiches war etwas mehr als die Hälfte aller Webstühle mechanisiert. Gerade diese Zahlen zeigen, daß der Einfluß des Maschinenwesens mit allen seinen daran hängenden Folgen nicht überschätzt werden darf, wie es leider in der Literatur immer wieder geschieht. Die Hindernisse für eine schnelle Mechanisierung der Wollweberei waren mannigfaltig: Zunächst einmal stand die häusliche Weberei in Deutschland niemals in direkter Konkurrenz zu der gewerbsmäßig in geschlossenen Fabrikanstalten betriebenen Weberei. Im Gegensatz etwa zum Leinengewerbe war die Wollweberei kein agrarisches Nebengewerbe, sondern vor allem seit altersher in den Städten ansässig. Um 1850 hatte sich die ländliche heimgewerbliche Wollweberei in ganz wenigen preußischen Provinzen verbreitet. Nur in Ostund Westpreußen, Posen und Pommern webte die ländliche Bevölkerung ihr grobes wollenes Zeug ("Wand") selbst, im übrigen überließ man diese Beschäftigung dem städtischen Handwerk. Nachfolgende Tabelle 24 zeigt die Verteilung der hauptund nebengewerblich betriebenen Wollwebstühle Preußens: 114 Vgl. Bruno Hildebrand, Zur Geschichte der deutschen Wollindustrie. In: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, Bd.6 (1866), S, 186 - 254, und Bd. 7 (1866), S. 81 - 153. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 86 Jahr 1831 1834 1837 1840 1843 1846 1849 1852 1855 1858 1861 Hans-Jürgen Teuteberg Tabelle 24 Verhältnis der hauptund nebengewerblichen Wollweberei Preußens 1831-1861 Webstühle 15361 15075 16937 17846 17911 22967 26724 28643 28372 30019 37273 Nebengewerbliche Webstühle ---------------- 2693 3549 4085 6072 5912 4519 3403 3768 4460 4335 4447 Quelte: SChmalteT, Kleingewerbe, S. 504 f. - Viebahn, Statistik. Bd. 3, S. 923. Wie die Statistik beweist, war nur ein geringer Teil der Tuchproduktion ländliches Nebengewerbe. Zwar nahm im Zeichen des vormärzlichen Pauperismus, der im Kern eine agrarische Massenarbeitslosigkeit war, die nebengewerbliche Wollweberei bis 1840 stark zu, sank dann aber wieder und stagnierte mit einem Anteil von etwa 12 v.H. an der Gesamtzahl aller preußischen Wollgewerbstühle. Außer in Preußen wurde nur noch im Königreich Hannover der Bedarf an groben Wollzeugen von der Landbevölkerung selbst produziert. Natürlich konnte die Qualität der aus dieser Nebenbeschäftigung hervorgehenden Wollwaren niemals mit den hauptgewerblich produzierten Produkten konkurrieren. Die hergestellten Waren dienten im Unterschied zur Wollspinnerei und dem Leinwandgewerbe ausschließlich der Eigenkonsumtion. Im Jahre 1861 betrug die Gesamtzahl aller im Zollverein nebengewerblich betriebenen Wollwebstühle 6284 und damit 8,5 v.H. an der Gesamtzahl. In Großbritannien war die nebengewerbliche Wollweberei, wenn man den früher angegebenen zeitgenössischen Schilderungen folgt, offenbar größer als in Deutschland, doch liegen keine Zahlen über ihr Verhältnis zur hauptgewerblichen Wollweberei vor. Ein weiterer wichtiger Grund für die langsame Ausbreitung des Maschinenwesens in der Wollweberei lag darin, daß die Preisund Qualitätsunterschiede anfangs zwischen der Handund Maschinenweberei nicht sehr groß waren. Nach einem sachverständigen zeitgenössischen Beobachter befanden sich um 1840 die kleinen hand·- werklichen Tuchmacher zwar nicht in den blühendsten Verhältnissen, konnten aber durchaus mit den "Tuchfabriken" konkurrieren, wo sie sich die zeitgemäßen Produktionsmethoden zu eigen gemacht hatten. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Das deutsche und britische Wollgewerbe 87 Einige waren so tüchtig, daß sie sich allmählich zu Fabrikanten aufschwangen 115• Vor allem konnte sich die handwerkliche Wollweberei um Aachen, im sächsischen Vogtland, in der märkischen und sächsischen Lausitz sowie in Württemberg und Bayern gut halten und den ver~ mehrten Bedarf der schnell wachsenden Bevölkerung mit Hilfe der steigenden Garneinfuhr decken. Als die australische billige Wolle auf dem europäischen Markt erschien und einen Preissturz erzeugte, bedeutete dies einen starken Anreiz für die Wollverarbeitung. Die sinkenden Rohstoffpreise und die infolge Bevölkerungsvermehrung überproportional ansteigende Nachfrage sind wahrscheinlich die wichtigsten Gründe, weshalb sich die alte Wollweberei so lange über Wasser halten konnte. Weder herrschte ein Mangel an fachlich geeigneten Webern. noch waren die Produkte des Handwebstuhls wesentlich unterlegen. Der Kraftwebstuhl brachte gegenüber dem Handwebstuhl zunächst das Anderthalbfache oder höchstens das Doppelte in der Produktion 116 • Vor allem hatte der maschinell betriebene Stuhl auch noch den großen Nachteil, das gegenüber Leinen und Baumwollgarn sowie schon lockere Wollgarn mehr zu beanspruchen als der alte Handstuhl, so daß die Gefahr des Fadenreißens gegeben war. Das bedeutete häufiges Aussetzen des Maschinenstuhls bzw. wesentlich höhere Anforderungen an die Garnqualitäten. Besonders leicht neigte das Streichgarn zum Reißen. Da in Deutschland im Gegensatz zu England die Streichgarnspinnerei dominierte, war hier noch ein zusätzlicher Hinderungsgrund und eine Erklärung für den Umstand gegeben, weshalb die Mechanisierung in der Kammgarnindustrie mit ihren festeren Garnen im ganzen schneller voranschritt als in der Streichgarnindustrie. Wie Blumberg zu Recht betont, bestand der Vorteil des Maschinenwebstuhls gegenüber dem Handwebstuhl zunächst nicht in der höheren Produktivität, sondern lediglich in der gleichmäßigeren Arbeit, der genaueren Wiedergabe der Muster sowie natürlich in der größeren zeitlichen Ausnutzung 117• Schließlich darf nicht übersehen werden, daß wie beim Spinnen so auch beim Weben eine Reihe von Vorarbeiten wie das Spulen, Schweifen, Scheren, Leimen, Aufbäumen und Anknüpfen nötig waren, die noch billig von Frauen und Kindern als häusliche Nebenarbeit erledigt werden konnten. Erst seit 1850 verdrängten auch hier Maschinen die Menschen. Die hohen finanziellen Aufwendungen für die Maschinenwebstühle, die mehr und mehr vom Wasserzum Dampfantrieb übergingen, wirkten ebenfalls abschreckend, diesen 115 Acta betr. die technologischen Reisen des Regierungsassessors v. Schütz und dessen Berichte darüber, 1840 -43. -DZA Merseburg Rep. 120, DI, 1, Nr. 35, BI. 322. 116 Hermann Grothe, Bilder und Studien zur Geschichte von Spinnen, Weben und Nähen, 2. AufI., Berlin 1875, S. 236 ff. 117 Blumberg, Textilindustrie, S. 91. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 94 Hans-Jürgen Teuteberg des Zollvereins wurden 1861 nach Viebahns Berechnungen für alle Spinnereien und Textilgewerbe zusammen 29 128 PS eingesetzt, die von 1 394 Maschinen mit einer durchschnittlichen Leistung von 22 PS aufgebracht wurden 128• Ohne zwischen Wasserund Dampfkraft und deren Anwendung in der Spinnerei und Weberei zu differenzieren und bei Beachtung, daß diese Viebahnschen Zahlen für das gesamte zollvereinsländische Textilgewerbe gelten, kann doch wenig Zweifel darüber bestehen, daß der Mechanisierungsgrad in Pferdestärken (PS) ausgedrückt in der britischen Wollweberei in der Mitte des 19. Jahrhunderts um ein Vielfaches höher lag als in Deutschland. 6. Wollwarenausfuhr Wie Blumberg in ausführlichen Belegen zeigt, war der innere Markt für den Wollhandel im frühen 19. Jahrhundert noch wenig ausgebildet. Das reinwollene Tuch. das die Masse der Bevölkerung als wichtigstes Konsumtionsgut von dem Wollgewerbe bezog, sollte von großer Haltbarkeit und Lebensdauer sein, da man Kleidungsstücke den größten Teil des Lebens trug und oft auch noch den Nachkommen vermachtem. Der Verbrauch an Wollwaren war daher gemessen an heutigen Maßstäben gering. Ein Teil der Wollkleidung wurde, wie in einem früheren Abschnitt gezeigt, noch selbst erzeugt. Allerdings war im Gegensatz zum Leinengewerbe diese Eigenproduktion beim Wollgewerbe sehr schwach in Deutschland ausgebildet, so daß man relativ mehr Wollals Leinenwaren kaufte. Der Jahresprokopfverbrauch von 1 Elle Wollstoff lag allerdings erheblich unter dem durchschnittlichen Konsum von Leinwand und Baumwolle, von denen im Jahr 1316 bzw. 7 Ellen pro Kopf und Jahr verbraucht wurden. Die Gründung des Zollvereins mit dem Wegfall der Binnenzölle, Verbesserung des Transportwesens und der gesteigerten Nachfrage infolge des Aufschwungs der gesamten Wirtschaft wirkten sich ungemein belebend auf den inneren Absatz aus. Noch mehr konnte aber der Export gesteigert werden. Nach diesen Zahlenreihen, die wegen der konjunkturellen Schwankungen sehr ausführlich zitiert wurden, kann es keinen Zweifel geben, daß das deutsche Wollgewerbe insgesamt nach der Schaffung des Zollvereins außerordentlich schnell expandierte und sich offensichtlich mit seinen Produkten auf den Auslandsmärkten, von gelegentlichen kleinen Rückschlägen abgesehen, zunehmend mehr durchsetzen konnte. Von 1833 bis 1864 gab es in jedem Jahr einen Exportüberschuß. Im Jahre 1864 als Maximum in diesem Zeitraum wurden fast 30 v.H. aller im 128 Viebahn, Statistik, Bd. 3, S. 113 ff. 129 Blumberg, Textilindustrie, S. 146. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Das deutsche und britische Woll gewerbe 95 Tabelle 29 Außenhandel des Zollvereins mit Wollwaren 1833 -1864 in Mio. Pfd. Jahr Einfuhr Ausfuhr Saldo (+ = Mehrausfuhr) 1833 1,34 5,10 + 3,76 1834 1,30 5,63 + 4,33 1835 1,51 6,63 + 5,12 1836 1,60 7,75 + 6,15 1837 1,94 7,56 + 5,62 1838 2,28 6,95 + 4,67 1839 2,75 6,99 + 4,24 1840 2,66 6,27 + 3,61 1841 3,13 6,68 + 3,55 1842 3,84 6,44 + 2,60 1843 3,36 6,91 + 3,55 1844 3,31 7,59 + 4,28 1845 3,76 7,61 + 3,85 1846 2,46 8,14 + 5,68 1847 1,72 8,86 + 7,14 1848 1,35 8,40 + 7,05 1849 1,55 10,30 + 8,75 1850 1,95 11,40 + 9,45 1851 2,23 11,70 + 9,47 1852 2,40 12,22 + 9,82 1853 1,85 14,19 + 12,34 1854 1,89 17,62 + 15,73 1855 2,18 19,07 + 16,89 1856 2,23 18,88 + 16,65 1857 2,68 21,97 + 19,29 1858 2,72 18,55 + 15,83 1859 2,60 21,66 + 19,06 1860 2,95 22,95 + 20,00 1861 3,44 17,40 + 13,96 1862 3,52 19,30 + 15,78 1863 3,42 24,00 + 20,58 1864 2,98 28,60 + 25,62 ---------_._-- QueUe: Ca1·t Frtedrich Withetm Dieterici, Statistische übersicht der wichtigsten Gegenstände des Verkehrs und Verbrauchs im preußischen Staate und im Zollverbande in dem Zeitraum von 1831 bis 1936, 1. -4. Forts. Berlin 1838 -53. - Viebahn, Statistik Bd. 3, S.917 und 921. - August Bienengräber, Statistik des Verkehrs und Verbrauchs im Zollverein für die Jahre 1842 bis 1964, Berlin 1868, S. 288 ff. - vgl. Btumberg, Textilindustrie, S. 391 - 92 (Tabelle 17 weist dort im Saldo Rechenfehler auf). Zollverein hergestellten Waren im Ausland abgesetzt. Dieser hohe Exportanteil beweist, daß das deutsche Wollgewerbe nicht nur die wegen der Bevölkerungsexplosion und des wachsenden Lebensstandards rasch wachsende Inlandsnachfrage vollauf befriedigen konnte, sondern im Rahmen des deutschen Textilgewerbes wie der Gesamtwirtschaft einen maßgeblichen Exportfaktor spielen konnte. Die durchschnittliche Ausfuhr steigerte sich vom Jahr vor der Zollvereinsgründung 1833 bis 1838 allein um 35 v.H., die Mehrausfuhr sogar um 38 v.H. Dies Resultat ist um so verwunderlicher, wenn man an die OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 96 Hans-Jürgen Teuteberg späte und zögernd verlaufende Mechanisierung und Industrialisierung des Wollgewerbes denkt. Dabei muß nach gewalkten Tuchund Filzwaren sowie nach ungewalkten Zeugwaren differenziert werden. Wie die Viebahnsche Statistik beweist, bestand die Masse der Ausfuhr aus den gewöhnlichen gröberen Streichgarntuchen, die nach Italien, dem Orient, Skandinavien und vor allem in die USA gebracht wurden, wobei allerdings im Laufe der Zeit der Anteil der gemischten Streichgarnzeuge zunahm. Konnte die deutsche Kammgarnindustrie Mitte der vierzig er Jahre erst ein Fünftel am Wollwarenexport bestreiten, so wurden im Stichjahr 1864 nur noch doppelt soviel Tuche wie feinere Wollenzeugwaren ausgeführt. Das früher skizzierte rasche Wachstum des Wollgewerbes muß durch die langfristige günstige Absatzkonjunktur stimuliert worden sein. Der deutsche Wollenwarenexport übertraf den britischen in der Steigerung der Mehrausfuhr in der betrachteten Periode ganz beträchtlich, wie die nachfolgende Aufstellung beweist: Tabelle 30 Ausfuhr Großbritanniens an Wollwaren 1833 -1864 in Mio. Pfd. Jahr Ausfuhr Jahr Ausfuhr 1833 6,54 1849 8,43 1834 5,98 1850 10,05 1835 7,15 1851 9,86 1836 8,00 1852 10,16 1837 4,99 1853 11,63 1838 6,18 1854 10,68 1839 6,70 1855 9,74 1840 5,79 1856 12,39 1841 6,30 1857 13,65 1842 5,82 1858 12,74 1843 7,53 1859 15,14 1844 9,16 1860 16,00 1845 8,76 1861 14,67 1846 7,24 1862 17,00 1847 7,90 1863 20,58 1848 6,51 1864 23,95 QueUe: w. Page, Commerce and Industry. Tables of Statistlcs for the British Empire from 1815, London 1919, p. 133. Vgl. Blumberg, Text1lindustrie, S. 405 (Tabelle 32). Während sich die britische Ausfuhr im Jahre 1840 gegenüber 1833 um 0,9 v.H. verminderte, hatte sich der deutsche Export um 1,5 v.H. gesteigert. 1864 wies der deutsche Wollwarenexport gegenüber dem Jahr vor der Zollvereinsgründung eine Steigerung um das 5,6fache, der englische aber nur um das 3,7fache auf. Anscheinend haben die deutschen Tuche die englischen vor allem auf dem schnell wachsenden amerikanischen Markt verdrängtl 30• OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Das deutsche und britische Wollgewerbe 97 Zwischen 1833 und 1840 verminderte sich die englische Tuchausfuhr in die USA um mehr als zwei Drittel. Wie empfindlich dies die englischen Wollgewerbe getroffen haben muß, geht daraus hervor, daß die USA Englands größter Auslandsmarkt für Wollwaren waren. Im Jahre 1846 gingen z. B. in die USA 261209 Stück Tuch und 8,3 Mio. Yard Stoff, nach Deutschland (einschließlich der Transitwaren) 406837 Tuche und 4,6 Mio. Yard Stoff. Andere Exportländer wie Holland (225586 Stück Tuche und 0,97 Mio. Yard Stoff), die britischen Kolonien in Nordamerika (191239 Stück Tuch, 2,7 Mio. Yard Stoff) oder Frankreich (521126 Stück Tuch, 2 Mio. Yard Stoff) spielten demgegenüber eine geringe Rolle 131 • Mit den feinen Aachener Tuchen und den wollenen sächsischen Strumpfwaren (Hosiery) konnte Deutschland die Engländer in den USA aus dem Felde schlagen. Die großen inländischen Wollfabrikanten gingen in dieser Zeit dazu über, sich von den Hamburger Kommissionshäusern zu befreien und eigene Geschäftsbeziehungen mit dem Ausland anzuknüpfen. Als Hauptgrund wurde angegeben, daß Deutschland wegen der geringeren Löhne preislich besser liefern könne. Sächsische Strumpfwaren konnten deshalb trotz des hohen englischen Einfuhrzolls von 10 v.H. sogar in England selbst konkurrieren. Mit den ganz billigen Waren war in den USA kein Geschäft zu machen, da diese dort nun schon selbst produziert wurden. Der Exporterfolg der deutschen Wollgewerbe beruhte sowohl auf der Qualität wie auf den niedrigen Herstellungskosten. Dennoch bleibt er erstaunlich, wenn man an die noch geringe Mechanisierung und Industrialisierung denkt. Die Masse der Exportwaren wurde wie gesagt noch kleingewerblich erzeugt. Leider läßt sich die deutsche und die britische Außenhandelsstatistik trotz aller Umrechnungen nicht weiter vergleichen. So sind in den britischen Zahlen die Wollgarnmengen eingerechnet, in den deutschen vermutlich nicht. Vor allem fehlt auf der britischen Seite eine vergleichbare Importstatistik, so daß sich kein Saldo an Mehreinfuhren oder Mehrausfuhren ziehen läßt. Dazu kommen noch die Abweichungen der deutschen und englischen Gewichtspfunde, die man allerdings leicht berechnen könnte. Andere Handelsstatistiken für das britische Wollgewerbe stützen sich auf Stücke (für einfache Wolltuche) und Yards (für Wollzeuge), wofür deutscherseits wiederum die vergleichbaren Langzeitreihen fehlen. Es muß daher beim Vergleich der Zuwachsraten des Exports bleiben. 130 Wollhandel und die Tuchfabriken in England. In: Das Zollvereinsblatt, Jg. 1 (1843), Nr. 34, S. 668 - 70. Vgl. Blumberg, Textilindustrie, S. 156 und S.397 (Tabelle 22: Entwicklung der Wollwarenimporte der USA 1850 bis 1868 mit den dort angegebenen Quellen, die allerdings von amerikanischer Seite her kontrolliert werden müßten). 131 Meidinger, Britisches Reich, S.369. 7 Schriften d. Vereins f. Socialpolltlk 83 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 98 Hans-Jürgen Teuteberg Am allerschwierigsten erweist sich eine vergleichende Schätzung der mengenmäßigen Wollwarenproduktion. An sich ist die Methode recht einfach: Als Grundlage dient wiederum der Schafbestand und der durchschnittliche Schurertrag von 2,5 Pfd. pro Jahr und Schaf, woraus abzüglich einer Abfallquote von 20 v.H. die Wollgarnproduktion berechnet wird. Diese Wollgarnproduktion zuzüglich des Wollgarneinfuhrüberschusses bzw. abzüglich des Wollgarnausfuhrüberschusses ergibt dann die vermutliche Wollwarenproduktion, wenn man vorher noch eine Quote von 5 v.H. für Web abfälle abzieht. Die deutsche Wollwarenproduktion würde sich dann für das Jahr 1864 wie folgt berp.chnen lassen: Wollgarnproduktion + Einfuhrüberschuß Wollgarnproduktion -Webabfallquote Wollwarenproduktion 104,72 Mio. Pfd. 20,77 Mio. Pfd. 125,49 Mio. Pfd. 6,27 Mio. Pfd. 119,22 Mio. Pfd. Eine Reihe von Autoren hat nach dieser Methode die deutsche Wollwarenproduktion nach der Gründung des Zollvereins zu berechnen versucht. Da aber von unterschiedlichem durchschnittlichen Schurertrag und Rohwollverbrauch ausgegangen wird, kommt man zu abweichenden Ergebnissen. Auf ihre Darstellung und Kritik sowie die Aufstellung einer eigenen Langzeitreihe soll an dieser Stelle aber verzichtet werden, da wegen der fehlenden Importziffern auf englischer Seite kein weitergehender Vergleich stattfinden kann. Es muß daher bei dem schon beschriebenen Vergleich der Wollgarnproduktion bleiben 132• Zusammenfassung überblickt man abschließend die hier aufgezeichneten Entwicklungslinien, so bleiben viele berechtigte Wünsche offen: Weder konnten die Standortverteilung und die Wollerzeugung, noch die Phasen der Mechanisierung und die Steigerung der Garnund Gewebeproduktion unter allen Aspekten ausgeleuchtet werden. Es mußte aus Quellengründen bei der Skizzierung einiger charakteristischer Quervergleiche bleiben, die letztlich nur tendenzielle Aussagen erlauben. Das meiste darf nur als Grobanalyse betrachtet und in seinem Aussagewert 132 Bis 1864 spielt auch ein hoher, kaum zu messender Anteil von Eigenproduktion eine ausschlaggebende Rolle, so daß alle Produktionsrechnungen mit einem hohen Unsicherheitsfaktor belastet sind. Alle Rohwolle ist auch nicht in die Verarbeitung und sicher nicht in die Wollverarbeitung geflossen. Die Zahl der Mischgewebe nahm zu, dafür die Abfallquote ab. Später konnte auch schlechtere Wolle noch zu guten Tuchen verarbeitet werden. Auch dies würde eine Produktionsberechnung sehr unsicher machen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Das deutsche und britische Wollgewerbe 99 nicht überschätzt werden. Das Zahlenmaterial vor dem Beginn der reichseinheitlichen Statistik ist bekanntlich lückenhaft und geht von unterschiedlichen Berechnungsverfahren aus. Viele mit der Woll-, Wollgarnund Wollgewebeproduktion zusammenhängenden Problemkomplexe, die sonst in eine Geschichte der Wollgewerbe hineingehören würden, konnten hier gar nicht oder nur im Vorübergehen angerührt werden, z. B. Fragen der Kapitalstockbildung und Investitionen, der wertmäßigen Gesamtproduktion sowie Vergleiche zwischen Betriebsgrößen und Beschäftigtenzahlen. Auch mußte der weite Komplex der eng damit verbundenen sozialgeschichtlichen Probleme hier gänzlich ausgeklammert werden l33 • Trotz aller dieser methodologischen Vorbehalte, quellenmäßigen Beschränkungen und großen Erkenntnislücken schälen sich aber doch einige generelle Thesen heraus, die sich wie folgt zusammenfassen lassen: In Deutschland wie in England bildeten sich seit dem Spätmittelalter bestimmte Wollgewerbezentren mit deutlich differenzierten Produktionsweisen heraus. Diese Hauptverarbeitungsgebiete blieben auch im Zeitalter der Industrialisierung bestehen, als ganz andere Standortfaktoren bestimmend wurden, wobei allerdings starke Bedeutungsverschiebungen stattfanden. Die moderne Wollindustrie konnte daher 133 Vgl. aus der großen Fülle der einschlägigen Literatur u. a. Beuth, über Kammgarnfabrikation, S.186. - Samuel Bamford, Early Days (Reprint), London 1849. - A. von MinutoZi, Die Lage der Weber im schlesischen Gebirge und die Maßregeln der Preußischen Staatsregierung zur Verbesserung ihrer Lage, Berlin 1851. - Alphons Thun, Die Industrie am Niederrhein und ihre Arbeiter, Teil 1, Leipzig 1879. -SchmolZer, Kleingewerbe, a.a.O. - Karl Kaerger, Die Lage der Hausweber im Weilertal, Straßburg 1886. - Rudolf Martin, Die Verkürzung der Arbeitszeit in der mechanischen Textilindustrie. In: Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik, Bd.8 (1895). - Albert Beutler, Die Entwicklung der sozialen und wirtschaftlichen Lage der Weber im sächsischen Vogtland, Diss. Greifswald 1921. - Karl Hofmann, Die Hausweberei in Oberfranken. In: Heimarbeit und Verlag in der Neuzeit, H.2, Jena 1927. - A. Breyer, Deutsche Tuchmachereinwanderung in den ostmitteleuropäischen Raum 1550 - 1850, Leipzig 1941. - Krüger, Manufakturen und Manufakturarbeiter in Preußen, a.a.O. -JuZia de Lacy Mann, Clothiers and Weavers in Wiltshire during the 18th Century. In: L. S. PresnelZ (ed.), Studies in the Industrial Revolution presented to T. S. Ashton, London 1960. - Ralf Paas, Die Beeinflussung der sozialen und wirtschaftlichen Lage der Weber durch die Mechanisierung der deutschen Textilindustrie, Köln 1961. - Peltzer, Die Arbeiterbewegung in der Aachener Textilindustrie von der Mitte des 19. Jhs. bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges unter besonderer Berücksichtigung des Zweistuhlsystems, Diss. Masch. Schr. Marburg 1924. - SchmolZer, Straßburger Tucherund Weberzunft, a.a.O. - Edward P. Thompson, The Making of the English Working Class, 2nd rev. edition, Harmondworth 1968. - Blumberg, Textilindustrie, S. 300 - 76. -S. D. Chapman, The Early Factory Masters, Newton Abbot 1967. -D. Bythell, The Hand100m Weavers, Cambridge 1969. - Hans J. Teuteberg, Zeitgenössische deutsche Reflexionen über die Rolle des Faktors Arbeit in den frühen Phasen der britischen Industrialisierung. In: Hermann KelZenbenz (Hrsg.), Wirtschaftspolitik und Arbeitsmarkt, Wien 1974, S. 238 - 70. 7* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 100 Hans-Jürgen Teuteberg überall auf jahrhundertealte Gewerbetraditionen zurückgreifen und fand günstige Voraussetzungen vor. In beiden Ländern gaben die Einwanderungen von niederländischen Tuchmachern mit einem unvergleichlich hohen Fachwissen insbesonders in der Zubereitungstechnik und Färberei frühzeitig entscheidende Innovationsimpulse. Ihre planmäßige Ansiedlung und Privilegierung gehörte zu den zahlreichen Maßnahmen des frühmerkantilistischen Staates, der im Wollgewerbe eine seiner wichtigsten ökonomischen Stützen sah. Die Festsetzung einheitlicher Längen-, Breitenund Gewichtsmaße, die Einführung von Schauordnungen und Stempeln, die Einschränkung der Hausiererei, des Detailund Fernhandels für den einfachen Weber sowie die zahlreichen Wollausfuhrverbote beschnitten die handwerkliche Autonomie und verstärkten den Zug zum Verlagssystem und zur dezentralisierten Manufaktur. Diese der gesamtwirtschaftlichen Vereinheitlichung dienenden Maßnahmen können als erste Ansätze eines staatlichen Gewerberechts überhaupt angesehen werden. Die staatliche Förderung und Regulierung des Wollgewerbes erfolgten auf der Insel offenbar aber sehr viel früher und nachhaltiger. Die rigorosen Eingriffe der Tudors und Stuarts, wie etwa das berühmte "Leichentuchgesetz", wären in Deutschland zu dieser Zeit kaum möglich gewesen, wo sich Adel und Geistlichkeit z. B. lange noch über Verbote der Rohwollausfuhr oder feinen Tuchimporte hinwegsetzten. Erst seit dem frühen 18. Jahrhundert sind in Brandenburg-Preußen, Österreich und Kursachsen langsam zu einem wirksamen Ausbau der Wollgewerbe vorangeschritten. Die Rohwollausfuhrund Wolltucheinfuhrverbote waren dabei oftmals mit politisch-militärischen oder allgemeinfiskalischen Beweggründen verknüpft. Die planmäßige Aufmunterung der Wollgewerbe wurde erst nach und nach die Hauptabsicht. Deutschland und England waren an sich beide klassische Rohwollproduzenten. Als nach dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg 1776 die englischen Wollpreise lange Zeit einen jähen Sturz erlebten, wurde bei der britischen Schafzucht mehr auf das Fleisch als auf die Wolle geachtet. Die während der Kontinentalsperre einsetzende Kriegskonjunktur war dann so stark, daß die britische Wollproduktion erstmals mit der Nachfrage nicht mehr Schritt halten konnte. Die Insel wurde aus einem Woll ausfuhrzu einem Wolleinfuhrland. Deutschland, das in seinen großen Territorialstaaten seit dem späten 18. Jahrhundert eine einzigartige Veredlung seiner Schafzucht erlebte und die beste spanische Wolle quantitativ wie qualitativ überflügelte, wurde nun zum unentbehrlichen ersten Wollieferanten Englands. Ein Teil der notwendigen britischen Einfuhren im Zeitalter der beginnenden Frühindustrialisierung, vor allem Maschinen, konnten sicherlich mit den Rohwollexportüberschüssen bezahlt werden. Deutschland und England OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Das deutsche und britische Wollgewerbe 101 waren jahrzehntelang keine Konkurrenten, sondern konnten sich hervorragend ergänzen. Ab 1840 wurde die deutsche Wolle freilich von der australischen, später auch der südafrikanischen Wolle vom englischen Markt gänzlich verdrängt. Dies wirkte sich aber nicht so massiv aus, weil Deutschland nun immer mehr Rohwolle benötigte und selbst ein RohwolleinfuhrIand wurde. Deutschlands Wollfirmen kauften nun Kolonialwolle auf dem zentralen Londoner Wollmarkt ein und entsandten Einkäufer nach übersee. In diesem Zusammenhang entstand die selbständige mechanisierte Wollkämmerei. Insgesamt bietet das Wollgewerbe das klassische Beispiel für ein durch Arbeitsteilung initiiertes Wirtschaftswachstum. In beiden Ländern wurde die städtische Zunftform frühzeitig durchbrochen und die kapitalintensiveren Arbeitsvollzüge ausgegliedert und zentralisiert, während das arbeitsintensive Spinnen und Weben weiterhin heimgewerblich blieben. Der Aufbau völlig zentralisierter Manufakturen blieb im Gegensatz zu anderen Textilzweigen in beiden Ländern aber eine Ausnahme. Die Mechanisierung als zweite Ausbaustufe, die überall in der Streichgarnspinnerei begann, ging gegenüber dem Baumwollgewerbe merklich verzögert vor sich. Da technisch ähnliche Probleme zu lösen waren, kann diese auffällige Verzögerung nur ökonomische Ursachen gehabt haben. Die Mechanisierung der Wollweberei erfolgte später als die der Wollspinnerei, die der Kammgarnspinnerei wiederum später als die der Streichgarnspinnerei. Deutschland folgte darüber hinaus überall diesen Mechanisierungsstufen mit einer gewissen zeitlichen Phasenverschiebung. Bemerkenswerterweise wurden alle wichtigen Erfindungen und Verbesserungen offenbar sehr schnell in Deutschland bekannt, wobei staatliche Finanzhilfe wie auch private englische Technikhilfe bei der Verbreitung der technischen Neuerungen ausschlaggebend waren. Von wirklichen Lücken im technischen Wissen deutscherseits kann eigentlich kaum gesprochen werden, wenn man bedenkt, wie schwer sich auch in England die Mechanisierung des Wollgewerbes durchsetzen konnte. Vom ersten Imitieren und Ausprobieren einer technischen Innovation bis zur endgültigen Rezeption in der Volkswirtschaft im großen war in beiden Ländern jeweils ein weiter Weg zurückzulegen. Die Mechanisierung erfolgte insgesamt eigentlich erstaunlich langsam und wenig revolutionär, was den Begriff der "Industriellen Revolution" einmal mehr in Frage stellt. Interessanter als die wachsenden Spindelund Webstuhlzahlen, deren Bedeutung gesamtwirtschaftlich im statistischen Langzeitvergleich zunächst gering blieb, ist die Erforschung der zahlreichen Hindernisse, die sich der Mechanisierung entgegenstellten. Die Handspinnerei wie die Handweberei konnten sich aus vielen gut erklärbaren Gründen lange gegenüber den Maschinen behaupten: Die hohen Anschaffungsund BeOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 102 Hans-Jürgen Teuteberg triebskosten, der Mangel an geeigneter Antriebsenergie, die schnelle und fortwährende Umstellung der Stühle wegen der wechselnden Mode, das zu leichte Reißen der Wollfäden und damit die spezielle Eigenart des Rohstoffes, die kleinen Stückzahlen, das reichliche Angebot von Arbeitskräften u. a. haben diesen übergang von der Handzur Maschinenarbeit so ungemein ausgedehnt. Die Handweberei konnte sich in beiden Ländern lange Jahrzehnte erfolgreich gegen das Maschinenwesen behaupten und unterlag zuletzt nicht so sehr der Technik als der immer weitergehenden Arbeitsteilung. Das jahrhundertealte hauswirtschaftliche ländliche Verlagssystem erwies sich damit gegenüber Krisen und strukturellen Umstellungen ungemein elastisch und anpassungsfähig. Von hier aus bedürfen insbesonders alle Aussagen über die Pauperisierung und Proletarisierung der Wollspinner und Wollweber infolge des Maschinenwesens einer überprüfung. Auf keinen Fall kann nach diesen Zahlen die Rede davon sein, daß die kleinen Gewerbetreibenden gleichsam über Nacht aus einem friedlich auskömmlichen Dasein in die Verelendung gestürzt seien. Die definitive Ablösung von der Handarbeit vollzog sich im Grunde erst nach 1860, fast einhundert Jahre nach dem Auftauchen der ersten Textilmaschinen. Wo und wann die britischen Innovationen in das deutsche Wollgewerbe eindrangen und wie sie sich bis zur massenhaften Anwendung durchsetzten, ist bisher wissenschaftlich noch wenig geklärt und bedarf dringend der zusammenfassenden Erforschung. Generelle Aussagen über Wachstumsraten, Beschäftigtenzahlen und Außenhandelsziffern besagen wenig, wenn sie nicht zugleich auch einzelne Wirtschaftszweige und Wirtschaftsräume in der Frühindustrialisierung beschreiben. Das britische Wollgewerbe eilte, obwohl historisch eigentlich wesentlich jünger, in der Degression der Produktionskosten und damit in der jährlichen Wertschöpfung im Rahmen der Volkswirtschaft spätestens seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert, wahrscheinlich aber schon eher, Deutschland voraus. Beim Eintritt in die eigentliche Phase der ersten britischen Industrialisierung bestand zwischen beiden Ländern offenbar schon eine erhebliche quantitative wie qualitative Disparität im Wollgewerbe, was sich allerdings nur aufgrund einzelner zeitgenössischer Stimmen belegen läßt. Die höhere Produktivität Englands war das Resultat eines früheren einheitlichen Binnenmarktes mit relativ besseren Transportverhältnissen und einer dem Wollgewerbe günstigeren Handelspolitik, die ausreichende Rohstoffzufuhren sicherten. Höhere gewerbliche Verdichtung und der frühere Eintritt in die Mechanisierung sicherten zunächst diesen Vorsprung. Daß die britische Kammgarnweberei um 1800 qualitativ sehr viel besser als die deutsche war, bezeugt niemand anders als Christi an Peter Wilhelm Beuth als Leiter der OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Das deutsche und britische Wollgewerbe 103 preußischen Gewerbeförderung 134• Nach einer Besichtigungsreise 1826 durch Großbritannien kritisierte er die kleinen deutschen Tuchmacher, die gewöhnliche Tuche produzierten. Da sie verunreinigte Wolle verwenden würden, hafte ihren Tüchern ein "schlechter Geruch" an. Das sei zwar kein Hindernis beim Verkauf in östlichen Ländern, aber damit könne man nicht mehr auf dem Weltmarkt gegen britische Erzeugnisse konkurrieren. Als höchst unzureichend wurden auch die deutsche Walkerei, Appretur und Färberei kritisiert, wo die notwendigen Maschinen fehlen würden. Prophetisch verkündete Beuth vor dem Berliner "Verein zur Beförderung des Gewerbfieißes" , nur durch immer größere Mechanisierung der einzelnen Arbeitsvollzüge werde man auf die Dauer England einholen. Deutschland hinkte so zwar hinter der englischen Entwicklung deutlich hinterher, konnte dann aber innerhalb einer Generation den Abstand zur ersten Industrienation verringern. Die Langzeitreihen belegen die Unterschiede im Produktionsausstoß, aber zugleich auch das viel größere Ausmaß der deutschen Steigerungsraten. Die früher oft vertretene Ansicht, Deutschland habe erst nach 1870 auf dem Weltmarkt mit den britischen Fertigwaren erfolgreich konkurrieren können, trifft beim Wollgewerbe jedenfalls nicht zu. Durch Qualität wie Preis konnte England schon vorher auf dem wichtigen US-Markt geschlagen werden. Das Wollgewerbe bildete somit im allgemeinen Wirtschaftswachstum des 19. Jahrhunderts einen höchst bedeutsamen Faktor, wenngleich seine Mechanisierung und Modernisierung nur zögernd erfolgten. 134 Beuth, Kammgarnfabrikation, a.a.O. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 110 Gustav Otruba 15 bis 22 beziehen sich auf die österreichische Reichshälfte, jene von 23 bis 24 auf die ungarischen Länder. In den Tabellen 25 bis 28 wird der Wert der industriellen Erzeugung der österreichischen Länder bzw. des Produktionsvolumens der Industrie Ungarns, großteils geschätzt nach den Steueraufkommen (vergleiche Tab. 26), nach Erzeugungssparten aufgegliedert. Von der weiteren Möglichkeit, die Entwicklung der Energieversorgung der einzelnen Industriesparten mit Dampfkraft und Elektrizität jeweils in PS-Stärken auszudrücken!!O, wurde im vorliegenden Fall kein Gebrauch gemacht. Die Zielsetzung bei der Dokumentation war eine möglichst frühzeitige Erfassung der "in Industrie und Gewerbe tätigen Personen" sowohl unter Berücksichtigung der Erzeugungssparten als auch der länderweisen Verteilung. Bei den Betrieben sollten die in den "Fabriken" Tätigen herausgegriffen werden. Der Begriff "Fabrik" unterlag allerdings im Wandel der Zeit sehr wechselnden Definitionen: Gleiches gilt für die Angabe des Wertes der Erzeugnisse beziehungsweise jene des Produktionsvolumens. Zum Abschluß soll auf die regionale Verteilung und deren Darstellungsmöglichkeiten in Form von Industriekarten beziehungsweise der Anlage von Industrietopographien - soweit dies länderweise bereits geschehen ist - eingegangen werden. Aus finanziellen und militärischen Interessen gab es bereits in vormerkantilistischer Zeit Versuche periodischer übersichten, wie Manufakturinventare, Mautregister und Angaben über Steuererträgnisse einzelner Landesteile, die bis in die Zeit Maximilian 1., Karl V. und Ferdinand 11. zurückreichen. Die Kameralisten Becher, Hörnigk und Schröder verlangten eine amtliche Statistik als "Staatsbrille", die einerseits einen überblick über die wirtschaftlichen Möglichkeiten, andererseits auch die Grundlage für die Einführung neuer Steuern bieten sollte. In diesem Sinne ordnete Kaiser Leopold I. im Jahre 1695 eine Beschreibung des "Numerus animarum" an, die über die steuerstatistischen Angaben hinaus Ansätze einer Verwaltungsstatistik zeigt, indem sie die gesamte Bevölkerung nach Geschlecht, Alter und sozialer Stellung gliederte. Kaiser Kar! VI. ließ zur Vorbereitung seiner großen Zunftreform von 1731/32 mit Erlaß vom 29. November 1724 ermitteln, "Wieviel Professionisten, Meisterschaften und Handwerksgenossene" sich in Österreich unter und ob der Enns, sowohl in Städten als auf dem Land, jedoch mit Ausnahme Wiens und seiner Vorstädte befinden!!!. Alle diese Erhebungen trugen jedoch nur rein lokalen Charakter und wurden nie für das fragliche Ländergebiet gleichzeitig und nach gleichen Gesichtspunkten durchgeführt. Erst das Gesetz vom 13.0kto30 Wie dies zum Beispiel Katus, vgl. Fußnote 18, versuchte. 31 Codex Austriacus suppl. II, Wien 1752, S. 249. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Dynamik des Industrialisierungsprozesses in Österreich-Ungarn 111 ber 1753 bestimmte für sämtliche deutsch-slawische Provinzen Österreichs eine allgemeine, zur seI ben Zeit und nach gleichen Gesichtspunkten vorzunehmende Bevölkerungsaufnahme. Die anbefohlene "Häuserbeschreibung" verlangte eine wirtschaftliche Charakteristik der Hauswirte als Ganzoder Halbbauer, als Gärtner, Schmiede, Taglöhner und Professionisten, somit ziemliche Genauigkeit der beruflichen und sozialen Gliederung. Ein nächster entscheidender Schritt war die Neuorganisation des Seelen-Consignationswesens durch die k. k. Resolution vom 15. Apri11762, welche eine Trennung der Seelenbeschreibung nach dem Unterschied des Standes u. zw.: Geistlichkeit (weltliche Priester, Religionsund Klosterfrauen), adelige Personen, landesfürstliche Beamte, landschaftliche Beamte, städtische oder herrschaftliche Beamte, Partikulardienstboten, Bürger, unterschieden von Bürgern, die keine Professionisten, behauste und unbehauste Untertanen. Arme in Spitäler und Waisenhäuser, Summa nebst einer Seelenbeschreibung nach Unterschied des Alters verlangte. An dem Prinzip der Doppelzählung durch die Geistlichkeit und die weltlichen Behörden hielt man fest, an statt der bisher vorgeschriebenen dreijährigen Zählungsperiode wurde aber eine alljährliche Wiederholung eingeführt. Weiters legte man für die geistliche und weltliche Zählung verschiedene Formulare auf. Die vorläufigen Ergebnisse der Zählung von 1763 konnten bereits am 30. Juli 1763 für die fünf Länder Böhmen, Mähren, Schlesien, Kärnten und Krain der böhmisch-österreichischen Hofkanzlei vorgelegt werden. Die Ergebnisse der übrigen Länder langten nur langsam ein, so aus Niederösterreich mit dem Hofkanzleivortrag von 3. Sept. 1763, aus Görz und Gradisca mit dem Vortrag von 1. Okt.1763, endlich aus Oberösterreich und Steiermark mit dem Vortrag von 12. Nov. 1763, dem zugleich die "Summarische Haupt-Tabell" für 1762 beigelegt wurde. (Vergleiche Tabelle 1.) Rauchberg bemerkte zu den Ergebnissen: "Was an diesen Aufnahmen in erster Linie bemerkenswert erscheint, ist, daß in ihnen das volkswirtschaftliche und politische Interesse an der Gestaltung der Volkszahlen durch Reihen zutage tritt, und nicht wie bei den späteren Zählungen, von den Maßnahmen für die Geschäfte der Heeresergänzung überwuchert wird." Bereits mit dem Patent vom 10. März 1770 trat der militärische Charakter der Volkszählungen in den Vordergrund. Eine eigene Rubrik "von dem Militärstande" enthielt u. a. neben Geistlichen und Adeligen, Fremden, Honoratioren usw. auch die Commercianten mit ihren Söhnen, Gesellen und Jungen sowie die Hausväter, die eingesessenen einzigen Söhne und Töchter-Männer von untertänigem Stand. Die dritte und letzte Epoche der Neuordnung der Maria-Theresianischen Volkszählung wird durch das Konskriptionspatent vom 7. Jänner 1777 eingeleitet, das im großen und ganzen bis 1790 in Gültigkeit blieb. Die Herrschaften hatten nun mittels indiviOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 112 Gustav Otruba dueller Hausund Familienbogen bei der männlichen Bevölkerung folgende Daten zu erheben: "Die Zahl der Geistlichen, Adeligen, Beamten und Honoratioren, Bürger in den Städten, auch Professionisten auf dem Lande, Bauern, voranstehender Bürger und Bauern, Gewerbsnachfolger oder nächste Erben, Keuschier, Bergholden, Weinzöttl etc. sowie sonst beim Nährstandund Provinzialbeschäftigungen sowie die zu anderen Staatsnotdürften Anwender waren, nebst dem Nachwuchs derselben, von ein bis 12 Jahren und 13 bis 17 Jahren" gegliedert. Die Klassifikationsrubrik "Bürger in Städten, auch Professionisten auf dem Lande" sollte nicht allein in Städten, sondern auch auf dem Lande, nämlich in Dörfern alle jene zuschreiben: ,,1. welche in ersteren bürgerliche Häuser in Eigentum haben oder 2. daselbst oder auf dem Lande auch ohne Besitzung eines bürgerlichen Hauses Gewerbschaften, es sei durch Manufakturen, Fabriken, Salzund Erzwerke und Hämmer, durch Künste oder Handwerke treiben, woher sie sich und ihre Familie vorzüglich ernähren, wenn sie gleich daneben auch einige Grundstücke hätten, die jedoch den Hauptzweig ihrer Nahrung nicht ausmachen. Das Wort Handwerk erstreckt sich aber nicht auf jeden, der sich etwa, es sei in Dörfern oder in Städten, zwar damit abgibt, jedoch entweder nur schlechte oder sogenannte Pfuscharbeit verfertiget oder nur ein Notoder Hausarbeiter ist, wie es vielfältig mit der Weberei geschieht oder dessen Handwerksbetrieb gar nicht beträchtlich ist. Derlei Leute sind nicht unter die Rubrik der Bürger, sondern die sonst bei Nährstand oder Provinzialbeschäftigungen einzubringen." In die Rubrik "vorstehender Bürger und Bauern-Gewerbsnachfolger oder nächste Erben" durfte einem jeden, in die voranstehenden zwei Rubriken gebrachten Hausvater, nach der hergebrachten Gewohnheit des Landes, der Älteste oder jüngste, mit einem Wort einer seiner ehleiblichen Söhne oder Töchter-Männer zum Nachfolger in seinem Gewerbe in dieser Rubrik auszuwerfen sein. Gleiches galt, wenn eine Witwe Haupt eines bürgerlichen Gewerbes war, obgleich sie selbst nicht in der vorstehenden Rubrik, sondern ihres Geschlechts wegen nur in der nachfolgenden der des weiblichen Geschlechts angemerkt werden durfte. Unter den "Sonsten beim Nährstand und Provincial-Beschäftigung" gehörten neben Häusler, GärtleI', Winzer, Taglöhner usw. auch alle beim Bergbau, bei Salzwerken oder anderen Provincial-Beschäftigungen als Schiffahrt, Straßenbau, Holzschlag, Holzflößen, Wegmachen und dergleichen für beständig Angestellte, wenn sie auch unverheiratet wären. Weiters alle über 40 Jahre alten, ferner jene, deren Wachstum auf wenigstens 5 Schuh ein Zoll nicht reichte und in der Qualifikationsrubrik als gar zu klein eingeschrieben werden mußten, weiters alle mit einem Leibesgebrechen behaftete Menschen. Besonders letztere Bestimmungen zeigen den ausschließlich militärischen Charakter der OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Dynamik des Industrialisierungsprozesses in österreich-Ungarn 113 Erhebung. Die in der Dokumentation ausgewiesene KonskriptionsHaupttabelle des Jahres 1784 wurde nach obgenannten Kriterien erstellt. (Vergleiche Tabelle 2.) Eine Gubernialverordnung für Böhmen '·om 30. Sept. 1788 sollte die Einführung der "Bevölkerungs-Landwirtschaftund Emsigkeitstabellen" bringen. In den Emsigkeitstabellen hätten alle Fabrikantenund Commercial-Professionisten von sämtlichen Municipal-Städten und -Märkten angeführt und mit ihrem Materialbetrag und Produktenverschleiß gehörig ausgewiesen werden sollen. Die Tabelle über den Nahrungsstand umfaßte im Sinne unserer Terminologie eine Betriebszählung der industriellen Produktion unter Ausschluß der gewerblichen im engeren Sinne, vielleicht besser gesagt der kleingewerblichen. Gürtler hält diese Tabelle für ein statistisches Kleinod und stellt die volkswirtschaftlichen Erkenntnisse ihres Verfassers hoch über die manches modernen Nationalökonomen. Ein Einfluß dieser Aktion auf die Weiterentwicklung der Konskriptionsgesetzgebung ist jedoch nicht nachweisbar, da infolge des Todes Josef 11. diese Bestrebungen eingestellt wurden. In den ältesten "Tafeln zur Statistik des Kaisertum Österreichs" von 1827 bis 1840 begegnen wir wieder der ursprünglichen ständischen Gliederung, wobei die Rubrik "Bürger, Gewerbsleute, Künstler" zum Teil noch weiter ge faßt ist, als dies ursprünglich die Seelenbeschreibung von 1762 tat. Die ständische Gliederung wurde auch noch bei der Volkszählung von 1857 beibehalten, allerdings gibt es nunmehr eine eigene Rubrik "Fabrikanten und Gewerbsleute" sowie "Hilfsarbeiter bei Gewerben". Aus den Tabellen 1 bis 6 läßt sich aus mehreren Gründen keine konkrete Aussage über den Umfang der in "Industrie und Gewerbe" zu jener Zeit tätigen Personen gewinnen: Allein schon deshalb, weil die totalen Bevölkerungszahlen der beiden ältesten Zählungen stark divergieren und das "Totale der männlichen Bevölkerung" entweder nur die einheimische Bevölkerung oder die orts anwesende Bevölkerung ohne Militär und JUden in unterschiedlicher Weise erfaßte. In der Zahl der Professionisten fehlt die Zahl der in den Manufakturen und Commercialgewerben Beschäftigten, während andererseits sich jene Bürger, die keine Professionisten waren, nicht immer ausgliedern lassen. Bei den Professionisten auf dem Lande fehlen sicher alle jene, die von Manufakturen verlegt wurden. Hinzuzurechnen sind weiters die Handwerksgesellen und Lehrlinge sowie die in staatlichen Betrieben tätigen Personen, insbesondere auch Bergleute. Ähnliches gilt für die Bevölkerung Ungarns und hier hat Merepz für diesen Personenkreis im Jahre 1846 eine Schätzung angestellt. (Vergleiche Tabelle 11.) Der später unter "Gewerbe und Industrie" fallende Personenkreis dürfte sowohl 1762 als auch 1784 wesentlich höher als der dort genannte Anteil von 5 bzw. 32 Vgl. Fußnote 22. 8 Schriften d. Vereins f. Socialpolltik 83 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 114 Gustav Otruba 3,9 Prozent im Schnitt liegen. Für 1857 ist zumindest ein durchschnittlicher Anteil von 14,7 Prozent bezeugt. (Vergleiche Tabelle 5.) Vergleicht man allerdings Tabelle 1 mit Tabelle 4, wobei man in beiden Fällen die zünftigen Professionisten allein herausgreifen kann, so zeigt sich von 1762 bis 1840 im Durchschnittswert ein Rückgang von 3,5 auf 1,4 Prozent vom Totale der Bevölkerung, dem allerdings der Wert von 1857 mit 4,7 Prozent widerspricht. Leider läßt sich ein Wachstum der in den Manufakturen und Commercialgewerben beschäftigten, das zweifellos in dieser Epoche vorliegt, nur für bestimmte Länder und sporadisch zahlenmäßig nachweisen 33 . Regional ist festzustellen, daß von Anfang an bestimmte Länder mit dem Anteil ihrer Professionisten weit über dem Durchschnitt lagen, z. B. Niederund Oberösterreich, Kärnten Schlesien und Böhmen. Für 1840 verschiebt sich nur unmerklich das Bild: Das Küstenland Triest trat an die Spitze, gefolgt von Niederund Oberösterreich und Böhmen, während Mähren und Schlesien nur mehr knapp den Durchschnitt erreichen. Nach der gleichen Statistik lag Ungarn schätzungsweise knapp über dem Durchschnitt. Nach dem Ausweis der Volksmenge von 1786 betrug der Anteil der Bürger und Professionisten auf dem Lande in Ungarn aber erst 0,1 Prozent und lag somit weit unter allen vergleichbaren Daten der österreichischen Reichshälfte von 1784. (Vergleiche Tabelle 2 und 10.) Jörn Peter Hasso Möller hat in seiner Dissertation "Wandel der Berufsstruktur in Österreich zwischen 1869 und 1961"34 den Versuch einer Darstellung wirtschaftssektoraler Entwicklungstendenzen anhand von berufsstatistischen Aufzeichnungen unternommen. Danach läßt sich der Anteil der in "Industrie und Gewerbe" Berufstätigen seit der Volkszählung von 1869 bis zur Volkszählung 1910 kontinuierlich verfolgen. (Vergleiche Tabelle 7.) Der Prozentanteil dieses Personenkreises an den gesamten Berufstätigen zeigt für 1869 einen Durchschnitt von 19,6 Prozent. Weit über diesem Durchschnitt lag Niederösterreich mit 34,6, gefolgt von Schlesien, Böhmen, Mähren und Oberösterreich. Die Alpenländer rangieren alle unter diesem Durchschnitt und am Ende dieser Tabelle findet man Dalmatien, Galizien und Bukowina. Bis zum Jahre 1910 erhöhte sich der Durchschnitt der in Industrie und Gewerbe Berufstätigen auf 22,7 Prozent. Den größten Anteil an Berufstätigen in der Sparte "Industrie und Gewerbe" erzielte nunmehr Voralberg mit 33 Vgl. H. Hassinger, Der Stand der Manufakturen in den deutschen Erbländern der Habsburgermonarchie am Ende des 18. Jahrhunderts (in: Die wirtschaftliche Situation in Deutschland und Österreich um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, herausgegeben von Friedrich Lütge), Stuttgart 1964' 34 J. P. H. Möller, Wandel der Berufsstruktur in Österreich zwischen 1869 und 1961. Versuch einer Darstellung wirtschaftssektoraler Entwicklungstendenzen anhand berufsstatistischer Aufzeichnungen (Dissertationen der Johannes-Kepler-Hochschule Linz, Band 2), Wien 1974. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Dynamik des Industrialisierungsprozesses in Österreich-Ungarn 115 42,3 Prozent, gefolgt von Schlesien, Niederösterreich, Böhmen, Triest und Mähren. Während die Alpenländer ihre Position weit unter dem Durchschnitt im Rahmen der allgemeinen Steigerung halten konnten, blieben Dalmatien, Galizien und die Bukowina am Ende der Tabelle. Tabelle 8 ermöglicht es uns, im Vergleich zur Entwicklung der allgemeinen Berufstätigkeit länderweise die Wachstumsraten der in Industrie und Gewerbe Beschäftigten zu überblicken. Für den Gesamtzeitraum 1869 bis 1910 war die Steigerung der Berufstätigkeit 43,4 Prozent, in der Sparte "Industrie und Gewerbe" sogar 65 Prozent. Die höchste Steigerungsrate wies Istrien mit 194,1 Prozent, Galizien mit 101,6, Bukowina mit 98,4, Triest und Gebiet mit 89 und Niederösterreich mit 85 Prozent auf. Dabei muß allerdings berücksichtigt werden, daß die Zunahme der Berufstätigen unter Berücksichtigung der Wanderungsbewegung in manchen Ländern (in Niederösterreich mit 70,6 Prozent) fast an die Steigerung der in "Industrie und Gewerbe" Beschäftigten heranreichte. Die klassischen alten Industrieländer Böhmen und Mähren mit Ausnahme von Schlesien zeigten im Gesamtzeitraum eine unterdurchschnittliche Entwicklung. Am schlechtesten schnitt Oberösterreich mit 7,3 Prozent ab sowie Dalmatien mit 55,3 Prozent, weil in beiden Fällen das allgemeine Wachstum der Berufstätigkeit größer als jenes der in Industrie und Gewerbe Beschäftigten war. Dieses Wachstum erfolgte keineswegs kontinuierlich, so betrug die Zuwachsrate von 1869 bis 1880 als Folge der schweren Krise von 1873 nur 3,7 Prozent, von 1880 bis 1890 dann wieder 19,1, von 1890 bis 1900 erfolgte ein neuerlicher Rückgang auf 8,4 Prozent und von 1900 bis 1910 konnte dann die höchste Wachstumsrate mit 23,2 Prozent im Durchschnitt gemessen werden. In der großen Krise bis 1880 zeigte sich in Oberösterreich, Tirol, Vorarlberg und Mähren ein deutlicher Rückgang. Von 1880 bis 1890 traten neuerdings Rückgänge in Kärnten, Triest sowie Dalmatien auf und von 1890 bis zur Jahrhundertwende wurden Oberösterreich, aber auch Galizien von solchen betroffen. Seit der Jahrhundertwende wies die Beschäftigungsrate der in Industrie und Gewerbe Tätigen in allen Ländern nur Zugänge auf, wobei die bisher rückständigsten Länder, wie Galizien und Bukowina, relativ günstig abschnitten. Aus den Volkszählungsergebnissen läßt sich leider kaum ein Bild der Verteilung der Berufstätigen auf Betriebsgrößen oder Erzeugungssparten gewinnen. Die Möglichkeit einer Trennung der in der Industrie Beschäftigten von den übrigen im Gewerbe Tätigen ist erstmals aufgrund der Zählungen der Handelskammern in den Jahren 1880 und 1885 möglich (vergleiche Tabelle 6), jedoch erfolgte die Zuteilung zum Fabriksbetrieb bei diesen Zählungen aufgrund der Steuerleistung, die innerhalb der einzelnen Industriezweige stark variierte und im Gesamtzeitraum OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 116 Gustav Otruba Schwankungen unterlag. Eine erste und auch letzte exakte Verteilung der Erwerbstätigen auf die industriellen Fabriksbetriebe bietet die im Jahre 1902 durchgeführte amtliche Betriebszählung 35 , wobei die Länderergebnisse auch noch eine Untergliederung nach Erzeugungssparten ermöglichen. (Vergleiche Tabelle 9.) Als "Fabriksbetrieb" berücksichtigten wir in der Dokumentation um die Jahrhundertwende eine Beschäftigtenzahl von mehr als 20, was der damals üblichen Terminologie entspricht. Im übrigen stellt die von uns aufgestellte Tabelle vergleichbare Werte zu den vorangegangenen und folgenden Statistiken wie auch zu jenen der ungarischen Reichshälfte dar und ist in dieser Form bisher noch nicht veröffentlicht worden. Im Jahre 1880 zeigte sich ein übergewicht der in der Textilindustrie sowie bei der Lebensmittelerzeugung Beschäftigten, bis 1902 veränderte sich die Situation insofern, als diese beiden Industrien stark an Bedeutung einbüßten, während vor allem die Eisen-, Metallund Maschinenindustrie sowie Baumaterialien und Papier an Bedeutung gewannen. Insgesamt erfolgte in dem Zeitraum von 1880 bis 1902 eine Steigerung der in der Industrie Beschäftigten um 82,8 Prozent wobei der Großteil dieser Steigerung in den ersten fünf Jahren erfolgte. Die höchsten Steigerungsraten mit 288 und 287,7 Prozent wiesen Lederund Maschinenerzeugung auf, Eisen und Metall erreichten Zugänge von rund 163 Prozent, weit unter dem Durchschnitt blieben Textil und Bekleidung, während die Lebensmittelindustrie, zumindest statistisch, Verluste aufzuweisen hat, die wohl auf geänderte Erhebungsgrundsätze zurückgeführt werden müssen. (Vergleiche Tabelle 6.) Tabelle 9 ermöglicht es uns, nach der Betriebszählung von 1902 die industrielle Struktur der einzelnen Länder genau zu durchleuchten. Danach befanden sich in der Steiermark und Kärnten die industriellen Schwerpunkte der Eisenund Metallindustrie, in Triest, Istrien und Niederösterreich jene der Maschinenindustrie, in Salz burg und Oberösterreich solche bei Baumaterialien, in der Bukowina bei Holz, in Vorarlberg, Görz, Gradisca, Böhmen, Schlesien, Mähren und Tirol in der Textilerzeugung, in Dalmatien und Galizien in der Nahrungsmittelindustrie. Für Ungarn läßt sich ab 1844 die Zahl der Industriebeschäftigten, seit 1884 zusätzlich nach Erzeugungssparten aufgegliedert, (vergleiche Tabelle 12) verfolgen. Von 1890 an geschah im Rahmen der Volkszählungen auch eine Aufgliederung für Kroatien und Slawonien (vergleiche Tabelle 13) sowie nach Erzeugungssparten. (Vergleiche Tabelle 14.) 1884 zeigte sich ein bedeutendes übergewicht der in der Lebensmittelindustrie Beschäftigten, jedoch waren auch die Eisenund Metallindustrie sowie der Maschinenbau und die Holzindustrie relativ be35 W. Schiff. Die Ergebnisse der gewerblichen Betriebszählung vom 3. Juni 1902 (in: Statistische Monatsschrift, 34. Jg.), Brunn 1907. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Dynamik des Industrialisierungsprozesses in Österreich-Ungarn 117 deutend. In der Beschäftigtenstruktur des Jahres 1913 hat die Lebens...; mittelindustrie, die noch immer an erster Stelle steht, bereits weit...; gehend an Gewicht eingebüßt. Infolge des starken Aufholens der Textilund Bekleidungsgewerbe, aber auch der Papierindustrie, der Baumaterialien und der Ledererzeugung sank die Bedeutung der EisenMetallund Maschinenindustrie. Insgesamt wies die Zahl der in der Industrie Beschäftigten für den Gesamtzeitraum von 1884 bis 1913 eine Steigerung von 329,7 Prozent auf, wobei in den Jahren 1884 bis 1898 eine weitaus höhere Steigerungsrate als später feststellbar ist. Infolge der geringen Ausgangswerte einzelner Industriezweige erscheinen deren Steigerungsraten dubios. Die höchsten Zuwachsraten finden sich in der Bekleidungsindustrie, bei Baumaterialien, Textil-, Elektround graphischem Gewerbe. Weit unter dem Durchschnitt entwickelten sich jetzt Lebensmittel, Eisen und Metall sowie Maschinenbau. Die Zahl der in der Industrie Ungarns Beschäftigten stieg von 1890 bis 1910 von 13,16 auf 17,4 Prozent, in Kroatien und Slawonien aber nur von 7,6 auf 9,5 Prozent. Insgesamt betrug die Steigerungsrate von 1890 bis 1910 in Ungarn 79,7, in Kroatien aber nur 39 Prozent. Während Ungarn von 1890 bis 1900 eine Steigerungsrate von 38,5 und von 1900 bis 1910 von nur 29,7 aufwies, erreichte Kroatien und Slawonien in der ersten Periode 8,8 Prozent und in der zweiten 27,8 Prozent. (Vergleiche Tabelle 13.) Ein Vergleich der Beschäftigtenzahlen nach den Volkszählungsergebnissen von 1900 und 1910 zeigt für Ungarn das bereits bekannte Bild einer Steigerung der bei Textil, Bekleidung, Chemie, Baumaterialien und Holz und eines gleichzeitigeri starken Rückganges der in der Nahrungsmittelindustrie Beschäftigten sowie geringfügige Einbußen bei Eisen und Metall. Für Kroatien-Slawonien war um die Jahrhundertwende die Holzindustrie bzw. Nahrungsmittelerzeugung am wichtigsten. Bis 1910 büßte das Holz stark an Bedeutung ein, während die Baumaterialien und auch die Nahrungsund Genußmittel ihren Anteil an den Industriebeschäftigten stark vergrößern konnten. (Vergleiche Tabelle 14.) Wer die Anzahl der Betriebe, getrennt nach Klein-, Mittelund Großbetrieben, historisch erfassen will, stellt sich eine sehr schwierige Aufgabe. Die älteste Erhebung dieser Art erfolgte im Jahre 1773 durch Hörnigk, den Schwager Bechers in Zusammenhang mit der geplanten Einführung einer Handwerkssteuer 36 • Von Ende August bis Mitte Oktober besuchte dieser 92 Städte und 16 Märkte in Schlesien, Teilen von Böhmen und Nordmähren. Im Oktober bereiste er Innerösterreich und Österreich ob und unter der Enns südlich der Donau. Als er aber dann über Wien, wo er im Dezember Bericht über Innerösterreich erstattete, in die restlichen Teile Mährens und Böhmens aufbrach, 36 Vgl. Fußnote 8, S. 177 - 196. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 118 Gustav Otruba wurde er am 30. Dezember bei Mährisch-Trübau als Spion angehalten und konnte ohne Paß der böhmischen Hofkanzlei nicht mehr weiterreisen. Für 95 Städte und Märkte liegen statistische Daten dieser Reisen vor: Länder Meister Gesellen I Insgesamt Österreich ob und unter der Enns einschließlich Wien ............... . 3765 6184 Innerösterreich ................... . 2593 2138 Schlesien ......................... . 10804 6623 Böhmen, Mähren, Glatz ........... . 3595 2073 Summe ........................... . 20757 17018 37775 Hassinger vermutet, daß bei diesen Zahlen höchstens eine Fehlergrenze von 10 bis 15 Prozent anzunehmen ist. Für weitere Länder, insbesondere Schlesien und Böhmen stellte Hörnigk Schätzungen an, die jedoch teilweise als willkürlich zu bezeichnen sind. Erst aus der Zeit Maria Theresias und Joseph Ir. sind wieder genauere Daten bekannt, wobei insbesondere die Kommerzialgewerbe, die auf Grund einer Verordnung der Kaiserin vom 4. Jänner 1754 von den Polizeigewerben abgetrennt wurden, einer statistischen Erhebung unterlagen. Als Charakteristikum für die Kommerzialgewerbe - vornehmlich Textil-. Seiden-, Lederund Metallindustrie - galt, daß sie für den großen Markt arbeiteten und deshalb von den Fesseln der Zunftverfassung befreit wurden. Statistische Nachweisungen über die bestehenden Commerzialgewerbe verlangte das Direktorium durch Cirkulare 1l1 seit 1762 von dem Commerzkonzessen der Landesstellen jährlich ab. Die Formulare umfaßten fünf Rubriken: Name der Ware, Ort der Erzeugung, Stückzahl der produzierten Waren, abgestuft nach fein, mittel, grob, Warenpreise, Namen der Fabrikanten, Verleger und Korrespondenten. Die Hofentschließung vom 18. 7. 1770 ordnete generell an, am Ende jeden Jahres die Vermehrung der Commerzialgewerbe bekanntzugeben. Schließlich bestimmte das Hofdekret vom 12. 3. 1770, daß die Commerztabellen alle Quartale an den Commerzkonzeß (Landes stelle) abgeführt werden mußten. Die handschriftlich abgefaßten Manufakturtabellen für Niederösterreich und Böhmen habe ich bereits großteils veröffentlicht 38 , die anderer Länder sind v. a. von Herbert Hassinger 31 Cirkulare von 26. Ir. 1762, 19. IIr. 1763, 23. VII. 1767 und Hofreskript vom 17. X.1764. 38 Vgl. fußnote 21. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Dynamik des Industrialisierungsprozesses in Österreich-Ungarn 119 zur Grundlage genommen worden 39 • Kaiser Joseph II., der die gewerbliche Produktion vor allem durch Beseitigung der Lockerung der überkommenen Zunftschranken und Entfesselung der freien Konkurrenz zu steigern trachtete, legte großes Gewicht auf die Einsendung der Manufakturtabellen. Diese waren von der k. k. Fabriks-Inspektion aus den teils von ihr selbst erhobenen, teils von den Kreisämtern eingesendeten Daten zusammenzustellen. Dieses System der statistischen Berichterstattung war bis in die Zeit der napoleonischen Kriege in Kraft. Terminologisch entsteht daraus eine Schwierigkeit, daß der Kreis der Commerzial-Gewerbe gegenüber den Polizeigewerben in dem Umfang, wie die Industrialisierung fortschritt, auf Kosten der Polizeigewerbe erweitert wurde. Das Reskript vom 8. Februar 1755 enthielt bereits eine Spezifikation von 48 "Professionisten, deren Arte facta in das hierländige Manufacturwesen und davon abhängende Commerzium einschlagen". Eine Hofentschließung vom 1. August 1767 sowie ein Dekret vom 3. September 1768 brachten ein Verzeichnis der "zu dem Commerzio gehörigen Professionen und Gewerbschaften". Dieses enthielt: 1. alle Meisterschaften, welche in die Leinwand-, Tuch-, Kottonoder Baumwollmanufaktur einschlagen, deren beispielsweise 17 genannt wurden; 2. die Seidenarbeiter (acht Gewerbearten); 3. die Metallfabrikanten, von denen 27 exemplikativ aufgezählt wurden; 4. die Glasund Spiegelmacher, Diamantenund Kristallschneider, Rotund Weißgerber, Fellfärber, Handschuhmacher, Kürschner und Buchdrucker und 5. alle Kaufund Handelsleute in Städten und Märkten. Alle Gewerbe, die nicht unter die obgenannten Punkte fielen, wurden als Polizei gewerbe angesehen. Durch die Hofdekrete vom 23. März 1792 und 9. April 1799 traten neuerdings prinzipielle Verschiebungen in der Abgrenzung ein. Bis dahin galten die Polizeigewerbe als die Regel, die Commerzialgewerbe als die Ausnahme. Im Jahre 1809 wurden in einem Hofdekret vom 2. Mai nicht mehr die Commerzialgewerbe, sondern nur mehr die Polizeigewerbe taxativ aufgezählt. Demnach galten 97 Beschäftigungen als polizeilich. In den folgenden Jahrzehnten sind ebenfalls noch einzelne Polizeigewerbe zu Commerzialgewerben umgewandelt worden. Eine Reduktion der unter die Polizeigewerbe zu rechnenden Gewerbearten ist vermutlich auch dadurch erfolgt, daß die Spezialisation der Gewerbe in mancher Beziehung abgenommen zu haben scheint. 39 Vgl. Fußnote 33. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 126 Gustav Otruba nische Steuergrenze beseitigt. Die Detailnachweisungen sollten sich innerhalb der bestimmten Gewerbearten auf alle Betriebe beziehen, die im Sinne der Gewerbeordnung als fabriksmäßig anzusehen sind. Eine Entscheidung über das Vorhandensein dieses Merkmales blieb dem Ermessen der einzelnen Kammern überlassen. Alle diese Einschränkungen sind bei Betrachtung der von Nachum Gross verwerteten Zählungen von 1880 und 1885 (vergleiche Tabelle 6) in Betracht zu ziehen. Aus diesem Grund wurden auch die Betriebszählungen dieser Jahre für die vorliegende Dokumentation als kaum verwertbar außer Betracht gelassen. Ein völlig verändertes Bild brachte die Gewerbezählung des Jahres 1897, die lediglich die Zahl der Betriebe ohne Detaillierung betriebsstatistischer Daten für Großbetriebe enthielt. Diese Zählung erfolgte auch auf ganz anderer Grundlage als die bisherigen und nach einer geänderten Einteilung der Gewerbe. Der grundlegende Unterschied bestand darin, daß sich die Erkenntnis von der Mangelhaftigkeit der bisherigen gewerbe statistischen Erhebungen dahingehend auswirkte, daß man eine Beschränkung nur auf "Fabriken" als Willkür der Erhebungsorgane zu vermeiden trachtete. Eine solche Einschränkung erschien auch deshalb ungerechtfertigt, weil die Kleinbetriebe infolge ihrer überwiegenden Zahl eine ebenso große Bedeutung für die Produktion wie diese besaßen. An Stelle des bisherigen Erwerbssteuerkatasters trat seit 1896 ein "Gewerbekataster". Dieser und die darauf basierende Gewerbezählung von 1896 kamen wenigstens hinsichtlich der ordnungsmäßig angemeldeten, respektive besteuerten Betriebe der Wirklichkeit wohl viel näher als die alten Erwerbssteuerregister, wenn auch nur ein Teil der Gesamtheit aller Betriebe erfaßt wurde. Die Heimarbeit fehlte großteils und die gewerberechtlich unbefugten Betriebe gänzlich. Der neue Gewerbekataster läßt keine Vergleichsmöglichkeit zu den früheren Zählungen zu und blieb deshalb auch von uns unberücksichtigt. Anläßlich der Vorbereitung zur Volkszählung von 1890 faßte die Statistische Zentralkommission erstmals den Plan einer allgemeinen direkten Zählung aller gewerblichen und landwirtschaftlichen Betriebe durch unmittelbare Befragung sämtlicher Betriebsinhaber 41• Als Ausgangspunkt sollte der bisherige Gewerbekataster keine Verwendung finden, da er jede Auskunft über betriebsstatistisch wichtige Daten versagte. Seitens der Handelsund Gewerbekammern erwog man im Jahre 1895 ebenfalls das Projekt einer selbständigen Betriebszählung, ließ dieses jedoch dann fallen. Neuerdings bei den Vorbereitungen zur 41 C. Th. v. Inama-Sternegg, Die nächste Volkszählung (in: Statistische Monatsschrift, 16. Jg.), Wien 1890. Vgl. auch Fußnote 29. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Dynamik des Industrialisierungsprozesses in Österreich-Ungarn 127 Volkszählung von 1900 forderte die Statistische Zentralkommission die längst fällige Betriebszählung und am 31. Dezember 1902 konnte diese aufgrund des Paragraphen 14 des Volkszählungsgesetzes erfolgen. Neben der Landwirtschaft wurden auch die gewerblichen Kleinbetriebe und die Heimarbeit miteinbezogen. Alle für die Produktion maßgebenden Faktoren wie Personen, Tiere, Motoren, Arbeitsmaschinen sollten möglichst vollständig erfaßt werden, nicht aber die Höhe der Arbeitslöhne, die Arbeitszeit oder persönliche Verhältnisse der Arbeiter. Die Daten wurden durch Befragung der Arbeitgeber unter weitgehender Mitwirkung der Handelsund Gewerbekammern erhoben. Die Kammern kontrollierten durch Vergleich des gewerblichen Betriebszählungsmaterials mit dem Gewerbekataster und besorgten die Auszeichnung nach dem Klassifikationsschema der Gewerbearten desselben. Tabelle 20 bringt eine Eigenbearbeitung des Materials der Betriebszählung von 1902 in der österreichischen Reichshälfte, wobei die Aufteilung nach Branchen und Ländern sich auf Betriebe mit mehr als 20 Beschäftigten bezieht 42• Diese Betriebsgröße entspricht der damaligen Definition einer Fabrik. In der Struktur der Branchengliederung zeigt sich wieder deutlich ein überwiegen der Textilindustrie, der sich ein beachtlich starkes Bekleidungsgroßgewerbe angegliedert hatte. Die Bedeutung der metallverarbeitenden Industrie scheint zumindest gegenüber 1841 zurückgegangen zu sein, jedoch trat eine starke Maschinenfabrikation hinzu. Unerwartet vermehrte sich der Anteil der Unternehmen aus Steinen und Erden, besonders der Herstellung von Baumaterialien, der Holzverarbeitung und der Papiererzeugung, während Leder, Nahrungsmittel, Chemie und graphische Betriebe an Bedeutung einbüßten. Die Elektroindustrie stand erst an ihrem Beginn. Die industriereichsten Länder waren Böhmen, Mähren und Niederösterreich. Von den Alpenländern hatten nur die Steiermark und Vorarlberg größere Bedeutung. Konzentration df'r Textilindustrie bestand in Böhmen, Mähren und Niederösterreich, in der Konfektionsindustrie besonders in Wien und Böhmen. Die Metallindustrie dominierte strukturell in Steiermark und Kärnten, die meisten Betriebe zählten Niederösterreich und Böhmen. In der Maschinenindustrie führte Niederösterreich vor Böhmen. Bei Erzeugnissen aus Steinen und Erden bestand strukturell eine relativ große Konzentration in Görz und Gradisca sowie in Oberösterreich, während sich die meisten Betriebe in Böhmen, Niederösterreich und Mähren befanden. In der Holzbranche fanden sich die meisten Betriebe in Böhmen und Niederösterreich. Lederfabriken gab es vor allem in Böhmen und Niederösterreich. Die Papierindustrie besaß strukturell 42 Vgl. Fußnote 35. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 128 Gustav Otruba eine relative Konzentration in Kärnten und Steiermark, die meisten Betriebe lagen in Niederösterreich und Böhmen. Nahrungsmittelbetriebe dominierten in Böhmen und Niederösterreich. Die Chemie besaß die meisten Betriebe in Böhmen und Niederösterreich. Gleiches gilt für die graphischen Gewerbe sowie die Elektrizität. Aus Tabelle 21 kann der Umfang der Konzentration der Mittelund Großbetriebe im Bereich der einzelnen Erzeugungssparten abgelesen werden. Die Mittelbetriebe mit 21 bis 50 Beschäftigten erreichten im Durchschnitt 0,8 Prozent aller Betriebe, wobei weit über diesem Durchschnitt die Hüttenbetriebe, die Elektroanlagen, das graphische Gewerbe, die Papierindustrie, Kautschukherstellung und Baumaterialien lagen. Unter diesem Durchschnitt blieben Bekleidung, Textilgewerbe, Holzund Flechtindustrie sowie Nahrungsmittel. Bei den Großbetrieben mit über 50 Beschäftigten erreichte der Durchschnitt 0,6 Prozent, wobei sich die stärksten Konzentrationen in den Hüttenbetrieben, bei Kautschuk Urproduktion und Elektroanlagen zeigten. Weit unter dem Durchschnitt kamen Bekleidung, Holzund Flechtindustrie sowie Nahrungsmittel zu liegen. In den Berichten der k. k. Gewerbeinspektoren 43, die seit 1884 jährlich erschienen, findet sich etwa seit der Jahrhundertwende nicht nur die Zahl der besuchten und kontrollierten fabrikmäßigen Betriebe, sondern auch deren Gesamtzahl erwähnt. Es läßt sich jedoch nicht feststellen, nach welchen Kriterien die fabrikmäßigen Betriebe ausgewählt wurden. Bei einem Vergleich dieser Angabe mit der Zahl jener Betriebe, die in der Betriebszählung von 1902 (vergleiche Tabelle 20 mit Tabelle 22) als fabriksmäßig aufscheinen, läßt sich nur aussagen, daß sich in einzelnen Zweigen, wie z. B. der Nahrungsund Genußmittelindustrie, den Bekleidungsgewerben, bei Chemie, graphischen Gewerbe und Elektroindustrie sehr große Unterschiede zeigen. Es ist zu vermuten daß die Gewerbeinspektorate alle jene Betriebe, die mit besonderen technischen Einrichtungen ausgestattet waren und deshalb ihrer überprüfung unterlagen (z. B. Dampfkessel etc.) ohne Rücksicht auf die Beschäftigtenzahl zu den Fabriken zählten. Obgleich Matis« diese Zahlen seiner lokalen Strukturanalyse zugrunde legte, müssen sie m. E. doch nur mit großer Vorsicht interpretiert werden. Das Wachstum einzelner Erzeugungssparten jedoch kann als halbwegs verläßlich angenommen werden, weil ja die Kriterien der Auswahl vermutlich 1902 und 1913 kaum geändert wurden. Bei einer durchschnittlichen Steige43 Bericht der k. k. Gewerbeinspektoren über ihre Amtstätigkeit im Jahre 1884, Wien 1885 ff. 44 H. Matis und K. Bachinger, Österreichs industrielle Entwicklung (in: Die Habsburgennonarchie 1848 -1918, Bd. 1: Die wirtschaftliche Entwicklung, Wien 1973), S. 220 -229. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Dynamik des Industrialisierungsprozesses in Österreich-Ungarn 129 rung von 42,5 Prozent lagen die höchsten Wachstumsraten im Bereich von Elektroindustrie und Bekleidung, relativ hohe bei Maschinenindustrie, Erzeugnissen aus Steinen und Erde sowie graphischen Gewerben, durchschnittliche in der Holzindustrie sowie unterdurchschnittliche bei Chemie, Papier, Leder, Kautschuk und Textil. In den Tabellen 23 und 24 wird versucht, die Betriebszählungen für Ungarn und die Länder der ungarischen Krone in ähnlicher Weise wie für Cisleithanien darzustellen. Leider geben die von Merei 45, Sandor46 und Berend-Ranki 47 gesammelten Daten nur ein recht globales Bild, das auf Details der Entwicklung in den einzelnen Erzeugungssparten kaum eingeht. Manufakturen und Fabriken wurden auch in Ungarn seit 1785 erfaßt, jedoch hatten sie keinesfalls die Bedeutung wie in der österreichischen Reichshälfte. Der berühmte ungarische Statistiker der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Elek Fenyes 48 entwarf ein äußerst düsteres Bild vom ländlichen Gewerbe und vom Industrieartikelbedarf der Dorfbewohner Ungarns: "Die kroatischen, rumänischen, serbischen Frauen kleiden ihre Männer mit eigenhändig hergestellter Leinwand, Tuch und mit Filzmänteln, der ungarische Bauer ist ein geborener Zimmermann und Wagner, ihre Frauen backen Brot, verfertigen Leinwand, Seife, und so haben sie derartige Handwerker nicht nötig. Nur in den deutschen Dörfern sehen wir in den Aufnahmerubriken überall Bäcker, Weber, Wagner und andere Handwerker primärer Bedürfnisse." Vergleicht man - betont Fenyes besonders - die Zahl der ungarischen kapitalistischen Unternehmen mit der Zahl der lombardischen und österreichischen Betriebe, so beweise nicht bloß die geringere absolute Zahl der ungarischen Unternehmer den Rückstand; und er setzt fort: "Und hier wiederum, welch ein Unterschied zwischen einer ungarischen Papiermühle oder Steingutfabrik, die höchstens 30 bis 40 Arbeiter beschäftigt und Waren im Wert von 20 bis 24000 Gulden herstellt, und z. B. der Wollstoffabrik von Linz, die auch zur Zeit ihres Verfalls 6000 Arbeitern und 110 Beamten Brot gab." Unter solchen Umständen erscheint m. E. ein Versuch, das Wachstum der Fabriksindustrie in Prozenten zu berechnen, wie dies Merei in Tafel 23 unternahm, mehr als dubios. Die kapitalistisch-industrielle Entwicklung begann auch in Ungarn in der Textilindustrie. Die erste Baumwollwebereimanufaktur gründete der Gatte Maria Theresias 1756 in Sasvar (Sassin). Graf Ferenc Esterhazy folgte dem Beispiel und errichtete auf seinem Gut in Csekles einen ähnlichen Betrieb. Seit 1785 gehörte Sass in dem Wiener Johann Christian Puthon, der die Fabrik in den napoleonischen Krie45 Vgl. Fußnote 22. 46 Vgl. Fußnote 16. 47 Vgl. Fußnote 15. 48 E Fenyes, Magyarorszag statisztikaja, Pest 1842. 9 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 83 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 130 Gustav Otruba gen groß ausbaute. Ein dritter Großbetrieb der Textilbranche gehörte in Mosonmagyarovar (Ungarisch-Altenburg) der Erzherzogin Maria Christine. 1815 werden vier Textilmanufakturen erwähnt. Die Krise nach dem Wiener Kongreß brachte der ungarischen Textilindustrie schwere Einbußen, jedoch wurden nach 1816 immer noch 6 Seiden-, 8 Schafwoll-, Baumwollund Halbseidenstoffabriken gezählt. Der Aufschwung der ungarischen Eisenproduktion hing ebenfalls von den Bedürfnissen der Kriegsindustrie des Aerars entscheidend ab. Die Unternehmen konzentrierten sich fast ausschließlich auf den Raum der heutigen Slowakei 49 und Rumänien. Im Sajotal entstand 1730 ein Eisenwerk in Radova, etwas später ein weiteres in Reschitza. Für 1846 führen die "Tafeln" 159 Eisenwerke an. Nach Joseph Hairi 50 existierten seit 1853 in Ungarn 109 Eisenschmelzhämmer, Puddlingund Walzwerke. Hinter diesen beiden führenden Industriezweigen blieben die Glas-, Papier-, Leder-, Likörund Branntwein-, die Steingutund Tonwarenindustrie stark zurück. Die Werkzeugund Geräteherstellung zählte um 1815 drei bis vier kleine Werkstätten, die Ölerzeugung drei. die Papiererzeugung etwa 25 Mühlen, von denen nur eine einzige später zur Papierfabrik sich entfaltete, die Chemie besaß ein einziges größeres Unternehmen, ebenso die Putzwarenindustrie. Die in der zweiten Jahrhunderthälfte so wichtige Dampfmühlenindustrie 51 , die sich auf und um Pest konzentrierte, zählte um 1850 erst sieben Betriebe, die sich bis 1865 auf 24 vermehrten. In Fiume existierte seit dem 18. Jahrhundert eine große Zuckerraffinerie, daneben gab es 1815 noch zwei weitere kleine Zuckersiedereien, die sich bis 1866 auf 19 Zuckerfabriken vermehrte:ri52• 1818 wurden 5 Seidenwebereien, 1 Zuckersiederei und 27 Papiermühlen genannt, im Jahre 1840 31 Glasproduzenten und 5 Steingutfabriken sowie 1846 94 Spiritusbrennereien. Die Rückständigkeit Ungarns gegenüber den österreichischen Ländern wird unter anderem daraus deutlich, daß im Jahre 1841 nur sechs Dampfmaschinen mit 74 PS in Ungarn gegenüber 337 Dampfmaschinen mit 7 733 PS in den Ländern der österreichischen Reichshälfte in Betrieb standen. Tabelle 24 ermöglicht, die Anzahl der Fabriksbetriebe mit mehr als 20 Beschäftigten einerseits in Ungarn, andererseits in Kroatien-Slawonien im Zeitraum von 1900 bis 1910 zu vergleichen. Ungarn besaß um die Jahrhundertwende Schwergewichte im Holz-, Nahrungsmittel49 A. Pauliny, Zeleziarstvo na pohroni v 18. a v prevj polovici 19. storocia (1966). 50 J. Hain, Handbuch der Statistik des Österreichischen Kaiserstaates, Wien 1853. 51 V. Sandor, A budapesti malomipar kialakulasa 1839 -1880 (Geschichte der Budapester Mühlenindustrie 1839 -1880), Budapest 1954. 52 M. Wiener, A magyar cukoripar törtenete (Geschichte der ungarischen Zuckerindustrie), Budapest 1902. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Dynamik des Industrialisierungsprozesses in Österreich-Ungarn 131 und Baumaterialiengewerbe. Eisenund Metallindustrie blieben - verglichen mit den österreichischen Ländern - von relativ geringer Bedeutung. Textil, Bekleidung, Leder und Chemie sowie die graphischen Gewerbe waren stark unterdurchschnittlich entwickelt. Die Zahl der Betriebe vermehrte sich bis 1910 im Durchschnitt um 78,5 Prozent. Weit über diesem Durchschnitt entwickelten sich Bekleidungs-, Textil-, Maschinenund Papierindustrie, d. h. alle bisher stark zurückgebliebenen Erzeugungssparten. Dadurch veränderte sich die Industriestruktur stark. Während Nahrungsmittel, Holz sowie Baumaterialien an Bedeutung verloren, gewannen Maschinen, Textil und Bekleidung beträchtlich. In KroatienSlawonien zählten um die Jahrhundertwende zu den wichtigsten Industriezweigen Holz und Nahrungsmittel, gefolgt von "Steine und Erde" etc., während alle anderen Zweige, mit Ausnahme der Druckereien, strukturell unter der 5 Prozent-Grenze lagen. Bis 1910 erhöhte sich in Kroatien-Slawonien die Zahl der Betriebe nur sehr bescheiden (ca. um 20 Prozent). Die höchsten Zugänge wiesen Textilund Papier sowie Bekleidung und Maschinenbau auf. Der Struktur nach büßte in Kroatien-Slawonien die Holzindustrie beträchtlich an Bedeutung ein, während die Nahrungsmittel-, Maschinen-, Textilund Bekleidungsgewerbe, aber auch Papier und Druckereien ihre Positionen verbessern konnten. Das Gesamtbild der Länder der ungarischen Krone wurde bei Mitberücksichtigung Kroatien-Slawoniens durch deren Rückständigkeit ungünstig beeinflußt. Die Tabellen 25 bis 28 versuchen aufgrund der Erwerbssteuertabellen bzw. von Schätzungen den Wert bzw. das Produktionsvolumen der industriellen Erzeugung in beiden Reichshälften von 1841 bis 1911 übersichtlich darzustellen. Dabei wurden die Forschungen von Nachum Gross 53, Berend-Ränki 5 4, Katmi 55 sowie die Schätzungen von Friedrich Fellner 56 als Quellen herangezogen. über die Problematik der Verwertung von Steuerquellen wurde anläßlich der Geschichte der Betriebszählungen der notwendige Vorbehalt gemacht. Der Charakter von Schätzungen, der Wandel der Erhebungsgrundsätze, das Moment der Steuerhinterziehung und anderes mehr lassen eine zuverlässige Auswertung dieser Daten nicht zu. Für die österreichischen Länder kann für 1841 allerdings festgestellt werden, daß die Textilindustrie wertmäßig weitaus vor Lebensmittel und Eisen sowie Metallverarbeitung dominierte. Dieses Bild änderte sich bis 1865 kaum, abgesehen davon, daß die Eisenund Metallindustrie von der Maschinenindustrie im 53 Vgl. Fußnote 13. M Vgl. Fußnote 15. 55 Vgl. Fußnote 18. 56 F. Fellner, Ausztria es Magyarorszag nemzeti jövedelme (Das Volkseinkommen Österreichs und Ungarns), Budapest 1916. 9* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 132 Gustav Otruba größeren Umfang verdrängt wurde und die Holzund Papierindustrie an Bedeutung aufholte, was auf Kosten der Chemie und Baumaterialien geschah. Die Industriestruktur Cisleithaniens wurde allerdings durch die Schätzungen des Jahres 1880 und 1885 insoferne stark verändert, als plötzlich die Lebensmittelindustrie an erster Stelle auftauchte. Erst 1911 trat diese, noch immer an der Spitze, wieder in einem mit 1865 vergleichbaren Ausmaß in Erscheinung. Bemerkenswert ist ferner, daß einzelne Industriezweige, vor allem Textil und Leder, im Gesamtzeitraum wertmäßig einem kontinuierlichen Rückgang unterlagen. Bei Eisen und Metall trat erst in der letzten Phase von 1885 bis 1911 wieder ein Aufschwung ein, wobei allerdings auch das überdurchschnittliche Wachstum der Maschinenindustrie in der Gesamtperiode zu berücksichtigen bleibt. Aus Tabelle 26 wird die Struktur der steuerpflichtigen Gewerbe des österreichischen Kaiserstaates nach Erzeugungssparten und Ländern für das .Tahr 1862 ersichtlich57, die eine wertvolle Ergänzung zum Verständnis der Tabelle 25 (Stichjahr 1865) bietet. Der Anzahl der Steuerpflichtigen nach dominierte auch hier die Textilindustrie, allerdings nicht in dem für 1865 angezeigten Ausmaß. überraschend groß wird auch die Bedeutung der Sektoren Leder, Pelze und Kautschuk, dicht gefolgt von der Nahrungsmittelindustrie. Letztere liegt 1862 mit 1865 in vergleichbarer Größenordnung, während Eisen und Metall im Jahre 1862 eine bedeutend bessere Position einnahmen. Umgekehrt verhält es sich bei der Maschinenindustrie. Die Problematik der Abgrenzung zwischen fabriksmäßigen und gewerblichen Betrieben läßt beide Statistiken schwer in ein richtiges Verhältnis setzen. Vergleicht man 1862 die Anzahl der Steuerpflichtigen mit dem Anteil der Erwerbssteuer, so zeigt sich, daß die Nahrungsmittelindustrie überdurchschnittlich hoch als Steuerträger hervortrat, während die Textilindustrie ungefähr im Rahmen ihrer Steuerpflichtigen blieb. Leder, Pelze und Kautschuk lagen stark darunter. Bei Eisen, Metall und Maschinen zeigte sich ebenfalls ein ausgeglichenes Verhältnis, während in der Chemie und Papierindustrie relativ hohe Steuererträge erzielt wurden. Auf Länderebene ergibt sich bei der Anzahl der Steuerpflichtigen eine dominierende Stellung Böhmens mit etwa einem Drittel, gefolgt von Niederösterreich und Mähren. Bei den Erträgen der Erwerbssteuer zeigte sich aber eine führende Rolle Niederösterreichs, gefolgt von Böhmen und Mähren. Ungarn, dessen Anteil an Steuerpflichtigen nur etwas mehr als ein Fünftel der Gesamtmonarchie ausmachte, schnitt mit den Erträgen seiner Erwerbssteuer noch wesentlich ungünstiger ab. 57 Mitteilungen aus dem Gebiete der Statistik, 18. Jg., 1. Heft, Wien 1865. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Dynamik des Industrialisierungsprozesses in Österreich-Ungarn 133 Aus Tabelle 27 geht der Wert der industriellen Erzeugung Ungarns für 1841 und 1865 und aus Tabelle 28 das Produktionsvolumen der Industrie Ungarns von 1898 bis 1913 nach Erzeugungssparten hervor. Die wenig glaubwürdige Tabelle von 1841 weist der Struktur nach eine führende Rolle der Textilund Lederindustrie zu, gefolgt von Chemie und Eisenund Metallgewerben. Jedoch bereits 1865 veränderte sich die Lage eindeutig zugunsten der Lebensmittelverarbeitung, die mehr als ein Drittel des industriellen Wertes erbrachte. Die übrigen, bereits genannten Erzeugungssparten behaupteten in stark abgeschwächter Form ihre Ausgangsposition. Ein Vergleich des Produktionsvolumens von 1898 und 1913, der auf Angaben von Berend-Ränki beruht, bestätigt die ursprünglich allein führende Rolle der Lebensmittelindustrie, die nahezu die Hälfte des Gesamtwertes umfaßte. Eisen und Metall sowie Maschinenindustrie lagen knapp über und knapp unter dem 10Prozentwert, Textil, Leder und Bekleidung spielten eine völlig untergeordnete Rolle. Die Struktur des Jahres 1913 brachte dann eine deutliche Abschwächung der führenden Rolle der Lebensmittelindustrie bei einem Anwachsen von Eisen und Metall, vor allem aber auch von Textil, Papier und Chemie. Aufgrund der Schätzungen von Fellner lassen sich Zwischenwerte für 1906 annehmen. Danach dürfte das Wachstum in der ersten Periode wesentlich stärker als in der zweiten verlaufen sein. Im Gesamtzeitraum von 1898 bis 1913 erzielten die höchsten Steigerungsraten die Textilund Papierindustrie, weit unter dem Durchschnitt lagen Maschinen, Bekleidung und Lebensmittel. Maschinen und Bekleidung mußten von 1906 bis 1913 strukturell sogar Rückgänge hinnehmen. Während im Zeitraum von 1898 bis 1906 die höchsten Zugänge bei Leder, Papier und Bekleidung auftraten, bestand von 1906 bis 1913 ein überdurchschnittliches Wachstum nur mehr bei Eisen und Metall, Baumaterialien, Textil, Chemie und dem Druckereigewerbe. Abschließend will ich noch kurz auf die Probleme einer Darstellung der industriellen Entwicklung der Donaumonarchie anhand kartographischer Darstellungen eingehen 58• Es ist durchaus kein Zufall, daß mit den ersten statistischen Versuchen der Manufakturtabellen 1795 auch ein Kartenwerk entstanden ist: der "Naturund Kunstprodukten Atlas der österreichisch-teutschen Staaten" von H. W. Blum, Freiherr von Kempen 59 • Das Werk ist in mehrere Blätter aufgeteilt, wobei jede Karte ein Kronland umfaßt. Der Atlas zeigt neben der Verbreitung 58 R. Kropf, Probleme einer industriellen Entwicklung der Donaumonarchie an Hand kartographischer Darstellungen (in: Veröffentlichungen des Verbandes Österreichischer Geschichtsvereine, Heft 19), Wien 1972. 59 H. W. Blum, Frhr. von Kempen, Naturund Kunstprodukten Atlas der österreichisch-teutschen staaten, Wien 1796. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 134 Gustav Otruba der Manufakturen auch die größeren Gewerbe und den Bergbau. Er unterscheidet zwischen Natur- (Bergbau) und Kunstprodukten (Gewerbe, Industrie). Durch die Darstellung der Signaturen in Farben sind die einzelnen Manufakturen deutlich erkennbar. Eine Zusammenfassung nach Zweigen bzw. Gruppen derselben erfolgte jedoch nicht. In den folgenden Jahren wurden nur für einzelne Länder und Bezirke Industriekarten angelegt, unter anderen 1842 die "Statistisch-topographische Industriekarte des Königreiches Böhmen" von Ernst von Schwarzer 60 • Nach 1848 bemühten sich die neugegriindeten Handelskammern um die Herausgabe solcher Karten 60a • Anläßlich der 2. Weltausstellung in Paris 1855 äußerte die französische Regierung den Wunsch, zu den ausgestellten Industrieobjekten Standortkarten der regionalen Verteilung der Industrie zu zeigen. Der Vizedirektor der administrativen Statistik, Friedrich Schmitt, arbeitete seit 1853 an der Verwirklichung dieses Planes, so daß bei der Pariser Weltausstellung bereits einige seiner Tafeln handgezeichnet vorlagen. Der von ihm fertiggestellte handgezeichnete Industrieatlas der Monarchie 61 umfaßte zuletzt 78 Blätter, von denen jedoch nur wenige veröffentlicht wurden 62• In den folgenden Jahren entstanden weitere Industriekarten für die Bukowina 18616:r, eine Karte der Rübenzuckerfabriken Österreichs 186564, eine solche derselben in Böhmen, Mähren und Schlesien für 187065• A. L. Hickmann gab von 1862 bis 1864 einen "Industrieatlas des Königreiches Böhmen"66 heraus, der einen überblick über die gesamten national-ökonomischen Verhältnisse und ihre Grundlagen zu geben versuchte, wobei er auch die einzelnen Industrien berücksichtigte. Bei der Weltausstellung von 1873 in Wien wurde ebenfalls eine Industriekarte der gesamten Monarchie gezeigt. die aber seither verschollen ist. In den folgenden Jahren entstanden mehrere Regionalkarten, wobei 60 E. v. Schwarzer, Statistisch-topographische Industriekarte des Königreiches Böhmen, Prag 1842. VgI. E. Arnberger, Handbuch der thematischen Kartographie, Wien 1966, S.142 bezeichnet diese Karte als "die methodisch konsequenteste" . 60a Z. B.: Industriekarte des Pilsner Kreises beziehungsweise Kammerbezirkes nach der Gerichtseinteilung von 1854. Uebersichts-Karte der Montanund Industrialgewerbe des Bezirkes der Prager Handelsund Gewerbekammer 1855. 61 Der österreichische Kaiserstaat. Industrieatlas, Wien 1855 ff.; vgI. E. Arnberger, S. 141 f. 62 Mitteilungen aus dem Gebiete der Statistik, Jg.5, Heft 1, 1856, Jg.6, Heft 2, 1857, Jg.8, 1860, Jg.9, Heft 3, 1861. 63 Industrie und Communicationskarte des Herzogthumes Bukowina, Czernowitz 1861. 64 Karte der Rübenzuckerfabriken Österreichs, Prag 1865. 65 C. Cech, Karte der Rübenzuckerfabriken in Böhmen, Mähren und Schlesien, Prag 1870. 66 A. L. Hickmann, Industrieatlas des Königreiches Böhmen, Prag 1862/64. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Dynamik des Industrialisierungsprozesses in Österreich-Ungarn 135 die der Handelskammerbezirke Eger 1887 61 und Reichenberg 188868 sowie der Bukowina 1873 69 und von Galizien und Bukowina 1882 10 erwähnenswert sind. Während des ersten Weltkrieges erschienen neuerdings Wirtschaftskarten der gesamten Monarchie u. zw. in zwei voneinander grundverschiedenen Kartenwerken. Ernst PfohFl verwendete in seinem wirtschaftsgeographischen Wandatlas sogar dreidimensionale Symbole. Die Karte erschien nach dem Krieg im Wirtschaftsatlas des tschechoslowakischen Staates. Franz Heiderich 72 gab wirtschaftsgeographische Karten von Österreich-Ungarn heraus, die sich durch eine gutdurchdachte Darstellung mittels geometrischer Signaturen auszeichnen. Die wichtigsten Zweige. z. B. die Weberei und Spinnerei, wurden durch Farbe gekennzeichnet. Der Versuch, die einzelnen Betriebsgrößenklassen mit fast gleich großen Symbolen zu versehen, zeigt jedoch keine befriedigende Lösung. Etwa seit der Mitte unseres Jahrhunderts wurden Versuche zu einer historischen Industriekartographie unter anderen von Prof. Hugo Hassinger in Wien angeregt. Eine erste Frucht davon stellen die im "Atlas von Niederösterreich"78 erschienenen historischen Industriekarten von Gustav Otruba dar. Diese erfaßten die Industrien Niederösterreichs für die Zeit Joseph 11. und für das Jahr 1855 (sowie 1928). Eine Industriegründungskarte reichte bis zum Jahre 1841. Für die vorindustriellen Verhältnisse der Steiermark hat Ferdinand Tremel im betreffenden Regionalatlas 74 ebenfalls eine Wirtschaftskarte beigesteuert. Eine Standortkarte der Manufakturen der österreichischen Länder erschien 1967 im Jahrbuch für Landeskunde für Niederösterreich 75 und wurde dann auch als beispielhaft in das "Handbuch der Wirtschaftsgeschichte"76 übernommen. Mit Unterstützung des Collegium Carolinums in München konnten in den BohemiaJahrbüchern laufend Fortsetzungsartikel zur Geschichte der Industrie Böhmens veröffentlicht werden, die, nach Industriesparten getrennt, historische Entwicklungen zunächst bis 1820 und später bis 1841 67 Specialkarte für Verkehr, landwirtschaftliche, Montanund gewerbliche Industrie des Bezirkes der Handelsund Gewerbekammer Eger, Wien 1887. 68 W. Danie, Specialkarte für Verkehr, landwirtschaftliche, Montanund gewerbliche Industrie der Handelsund Gewerbekammer Reichenberg, Wien 1888. 69 A. Mikulicz, Volkswirtschaftliche übersichts-Karte des Herzogthumes Bukowina, Czernowitz 1873. 70 M. Bodynski, J. Michalowski, Statistische Karte Galiziens und der Bukowina, Wien o. J. 71 E. Pfohl, Wirtschaftsgeographischer Wandatlas (33 Wandtafeln) o. 0., o. J. 72 F. Heiderich, Wirtschaftsgeographische Karten und Abhandlungen zur Wirtschaftskunde der Länder der ehemaligen Monarchie, Wien 1916 -1921. 73 Atlas von Niederösterreich (und Wien), Wien 1951 -1958 (Karte 96 -98). Vgl. auch Fußnote 21. 74 Steirischer Heimatatlas. Hrsg. vom naturwissenschaftlichen Verein für Steiermark, Graz 1953 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Tab. 6 Anteil der Industriebeschäftigten (nach Erzeugungssparten) in der Österreichischen Reichshälfte *) 1 8 8 0 *) 188 5 1 902 in Tausend % in Tausend " in Tausend Eisen u.Metall 48.9 9.1 58.1 7.3 128.8 Maschinen J 28.5 5.3 39,1 4.9 110.5 Baumaterialien 51.7 9.7 (Stein. Glas. 67.8 8.6 139.1 Porz.) Holz 25.6 4.8 41.8 5.3 51.3 Leder 5.0 0.9 8.1 1.0 19.4 Textil 204.4 38.1 249,5 31,6 288.8 Bekleidung 21.2 4.0 41,0 5,2 41.2 Papier 15.4 2.9 22,0 2.8 40.5 Lebensmittel 107,3 20.0 214.1 27.1 95.9 Chemie 16.4 3.1 34.0 4.3 37.8 Druckerei 11.5 2.1 14,8 1.9 23.2 Elektrizi tät 3.1 S u m m e 535,9 100.0 790.3 100,0 979.6 '----- *) nach Gross S. 174 Steigerung in % ~ 188oL85 1885/1902 13.1 + 18.8 + 121.7 11,3 + 37.2 + 182,6 14.2 + 31.1 + 105,2 5.2 + 63.3 + 22.7 2.0 + 62.0 + 139.5 29.5 + 22.1 .. 15.8 4.2 + 93.4 .. 0.5 4.1 + 42.9 .. 84.1 9.8 + 99.5 - 55.2 3.9 .. 107.3 + 11.2 2.4 .. 28.7 .. 56,8 0.3 -- 100,0 + 47,S + 24,0 1880/1902 + 163.4 .. 287,7 + 169.1 + 100.4 .. 288.0 + 41.3 + 94.3 + 163.0 - 10.6 + 130.5 + 101,7 - + 82.8 ..... >l>- N ~ rIl .... 11' < o ..... ~ 11' OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Länder Niederösterreich Oberösterreich Salzburg Steiermark Kärnten l"rain Triest u. Gebiet Görz u. Gradisca Istrien Tirol Vcrarlberg Böhmen Mähren Schlesien Galizien Bulcollina Dalmatien Tab. 7 Anzahl der in "Industrie und Gewerbe" Berufstätigen und deren Prooz.entanteil an den gesamten Berufstätigen in den Ländern der österreichischen Reichshälfte nach den Volkszählungen 1869. 1880. 1890. 1900. 1910 *) 1 869 1 880 1 8 , 0 1 900 1 9 1 0 IIndustrie lin ",.Gewerbe % Industrie Insgesamt lu. Gewerbe in % Industri~ inT IIndustrie I in Insgesa~tlu.Gewerb~ % IInSgesamt u.Gewerbe % Industriel in Insgesamtlu.Gewerbe % !nsgesan'tt 396 874/34.611.146 394 97 87 472 754 14 88 168 95 742 476 31 211 677 29 277 706 20 19 ) 11 15.1 276 10 21 69 79 } 8.1 503 21 1.62.708 858 995 464 281 23f5'f'091 498 85 37 2. 266 829 151 167 5. .899 831 16 11 5.5 ~95 618 965 5.1 190814 431918136.111.197790 91 731 1 21 'j432 983 17 224 18. 93 652 lOS 724 15.1 700704 34063 16.1 211 238 29 573 12.1 245 346 26960139.4/ 68446 15 2761' 3.91 "0 1 22 1395010.1 137 959 531 251~36.811.444 747 98 912 20'-1486 876 le 045 16. 112980 123 292 14.7 835 718 32 769 14. 235 017 34 555 11. 308 137 26 238134.1'1 75 866 179861'3.71 131 131 15 980 8.1 196 897 600 23~36.9/1 .627 111 95 06j'9'l 484 963 2061 17. 116885 136 68 15.9 860 330 35 57 15.7 227 174 37 421111.91 314 251 29 223134.31 85 313 19 2251'4.~ 135889 18 046 9.51 190 148 61 224!'4'1 423 797 66754 12'l520 688! 72 2314'1 510 211 19 197 29.9 64 225 26872 37. 72640 31 01 0.5 76472 872776 34.6 .524263 '.03407533. 3.081 131 '.'1905 4.7 .225923 265 341 27'3f 973 152 90 414 33.3 271 381 172 877 6.3 .748 567 21 503 7.6 283 546 11 310 4.5 249 516 333 096 26 'l" 255 860 114 920 35.1 327 251 209 375 5. 3.809 307 22 669 6. 350 906 9923 3.' 324 135 357 888r7. 1 .321 745 132 179 8.0 347 720 203 111 5.2 .886 250 24 441 7.0 349 163 12 266 3.5 349 048 .) nach Möller a. a. O. S. 79 EE. 734 310137.5/'.956 175 105004120.3/ 522194 25 348119.21 131 841 160 796!'7'1919 112 43 947 17.8 246 606 46 146 14.7 314 093 38 166134.51 110 447 26 61 5 18. 146 380 30044 13. 217 122 93 49 566 349 35 42 83 680 '.347 85 918 43604830.1 .447 435 151 827139. 384 959 304 82 1 6'J'503 901 31 98 7. 425 553 14 99 4. 374 640 tj '< i:' ~. ;0; g. '" .... i:' Po C '" .... ... jii' :::: '" (;' ... § Oll ~ ... o ~ '" '" tI) '" S' o ~ ... ... $. g. ~ Oll g ..... 0I>- e..:> OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Tab. 8 STEIGERUNGSRATEN der in "Industrie und Gewerbe"BeruIstätigen in den Ländern der österreichischen Reichshälfte 1869 - 1880 1880 - 1890 .1890 - 1900 1900 - 1910 L ä n der Industri:1 InsgeIndustrie Insgendustrie InsgeIndustrie Insgeu.Gewerbe samt u.Gewerbe samt Iu·Geverbe samt u.Geverbe samt Niederösterreich + 8.8 " + 4.5 % + 23.0 " + 20.6 % + 13.0 % + 12.6 " + 22.3 % + 20.2 % Oberösterreich - 6.3 - 8.4 + 7.8 + 12,4 - 3.9 - 0.4 + 10.5 + 7.7 Salzburg + 19.4 + 6.2 + 4.8 + 20.6 + 14.2 + 3.5 + 23.0 + ;2.8 Steiermark + 10.6 - 5.6 + 16.6 + 19.3 + 10.9 + 2.9 + 17.6 + 6.8 Urnten + 8.8 - 0.2 - 3.8 + 11.3 + 8.6 - 3.3 + 23.5 + 8.6 Irain + 1.0 - 11.7 + 16.8 + 25.6 + 8.3 + 2.0 + 23.3 - 0·,' Triest und Gebiet + 33.5 - 2.7 + 10.8 + 11.4 + 12.5 + 30.6 + 29.5 Gilrz und Gradisca + 33.9 + 14.3 + 17.7 + 19.1 + 6.9 + 3.6 + 38.4 + 7.7 Istrien + 36.6 + 14.6 + 42.7 + 12.9 - 3.4 +.66.5 + 14.2 Tirol - 12.3 + 9.0 + 22.9 + 8.2 - 2.0 + 29.4 + '1,0 - 3.2 Vorarlberg - 11.8 + 40.0 + 13,' + 15.4 + 5.3 + 14.2 + 9.4 Böhmen + 1.9 - 6.8 + 18.5 + 22,1 + 8.2 + 4.7 + 20.4 + 13.8 Mähren - 5.7 - 10.8 + 25.5 + 29.1 + 7.4 + 5.2 + 21.8 + 9.5 Schlesien + 5.9 + 1.7 + 27.1 + 20.6 + 15.0 + 6.3 + 14.9 + 10.7 Galizien + 14.4 - 5.2 + 21.1 + 38.6 - 3.0 + 2.0 + 50.0 + 15.9 Bulcovina + 33.4 - 4.1 + 5.4 + 23.8 + 7.8 - 0.5 + 30.9 + 21.9 Dalmatien + 17.1 + 30.8 - 12.3 + 29.9 + 23.6 + 7.7 + 22.2 + 7.3 S \J M ME + 3.7 - 3.9 + 19.1 + 26.4 + 8.4 + 4.0 + 23.2 + 13.6 1869 - 1910 Industrie Insgeu.Geverbe samt + 85.0 % + 70.6 % + 7.3 + 10.5 + 75.8 + 49.5 + 68.2 + 23.8 + 40.4 + 16.5 + 57.7 + , 3, 1 + 89.0 + 23.3 + 71.2 + 194.1 + 34.0 ~+ 29.0 + 62.8 + 57.4 + 35.5 + 55.0 + 32.6 + 77.8 + 44.3 + 101.6 + 55.3 + 98.4 + 44.0 + 55.3 + 96.3 + 65.0 + 43.4 ~ ~ ~ ~ '" .... ~ o ~ ~ OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 .... '" rn g. ::t ~ (1) :os po ~ ... a ~ !'" rn g ~ 8W co .. Tab. 9 Verteilung der Erwerbstätigen auf industrielle fabriksbetriebe (mi t mehr als 20 Beschäft.igten) nach Ländern und Erzeugungssparten aufgrund der amtlichen Betriebszählung der österreichischen Reichshälite im Jahre 1902 Länder Metall Maschinen 5 tein. Erde Holz Leder Textil Bekleidung Papier Anzahl in ~ Anz. ~ Anz.. % An't. • Anz. % Anz. % Anz. % Anz. % Niederöst. 33 719 6.0 37 949 8.0 20 500 9.7 10 121 4.8 7 768 3.7 32 507 15.4 17 506 8.3 " 506 5.5 Oberöster 2 499 9.2 4 076 5.1 6 824 25.3 1 487 5.5 676 2.5 4 21 5.6 201 0.7 2 525 9.4 Salz burg 500 9.5 484 9.2 1 551 29,5 21 4.1 -- '9 3.7 43 0.8 603 11,5 Steiermar 18 344 7.0 5 219 0.5 7 179 , 4. 5 2 33 4.7 1 259 2.5 1 691 3.4 1 177 2.4 4 305 8.7 Kärnten 2 275 7.5 578 7.0 900 10,9 508 6.2 211 2.6 287 3.5 21 0,3 1 436 17,4 Krain 2 943 2.6 365 "2.8 1 494 11.5 98 7.6 291 2.2 1 416 0.9 548 4.2 1 324 10,2 Triest 569 4.8 7 418 2.5 177 1.5 578 4.9 --308 2.6 166 1.4 596 5.0 Görz und 36 0,5 117 1 .5 1 509 19,6 166 2.2 363 4.7 4 28 55,8 --601 7.8 Gradi sca I strien 557 9.0 2 033 2.7 379 6.1 193 3.1 -- 21 3.5 183 2.9 -- Dalmatien 38 3.9 4 4.5 105 10,8 - - - - - - 86 8.9 - - Tirol 1 098 7.' 64 4.1 2 682 17,3 607 3.9 --4 97 32,0 99 0.6 631 4.0 Vorarl bg. 25 2.4 567 5.3 326 3.0 14 i ,4 30 0.3 8 978 3.8 105 1.0 27 0.2 Böhmen 35 431 9.4 28 909 7.6 63 134 16.7 10 969 2.9 6 325 1.7 160 68 2.4 13 287 3.5 11 158 2.9 Mähren 17 50C 2.8 ,3 856 0.1 17 846 13,1 8 117 6.0 2 099 '.5 47 36 34,8 6 012 4.4 1 999 1.5 Schlesien 10 287 1. J 1 63 3.4 S 754 11.9 4 379 9.1 176 0.4 ,8 07 37.5 996 2.1 1 698 3.5 Gal iden 2 710 6.0 6 325 3.9 8 268 18. , 8 221 18,0 218 0.5 3 591 7.9 169 1.7 2 068 4.5 Bukowina 53 1.4 236 6.4 421 11.5 2 258 1.6 -------- S u m m e 128 813 3.1 110 45C 1.3 139 050 14,2 51 283 5.2 19 416 2.0 288 78 29.5 41 199 4.2 40 477 4.1 - - -~- Nahrungsmittel Chemie Graph. Anz. % Anz. % Anz. ~ 16 725 7.9 10 354 4.9 10 956 5.2 2 910 10.8 927 3.4 491 1.8 1 032 19.6 457 8.7 139 2.6 4 897 9.9 2 130 4.3 994 2.0 1 554 18.8 346 4.2 136 1.6 2 830 21,8 578 4.4 183 1.4 1 049 8.8 383 3.2 280 2.4 371 4.8 237 3.1 -- 1 984 31.9 27~ 4.4 23 0.4 676 69,5 -- 23 2,4 3 983 25.6 293 1.9 417 2.7 192 1.8 37 0.3 53 0.5 30 485 8.0 11 620 3.1 6 531 1.7 16 663 , 2, 2 3 360 2.5 1 226 0.9 1 090 2.2 3 649 7.6 495 1.0 9 041 19,8 3 108 6.8 1 154 2.5 464 12,6 63 1,7 142 3.9 95 946 9.8 37 816 3.9 3 243 2.4 Elektrizi tät Anz. % 1 233 0.6 187 0.7 tl2 0,8 35 0.' - - 51 0.4 345 2.9 -- 372 6.0 - - 118 0.8 -- 363 0.1 214 0.2 -- 122 0.3 32 0,9 3 114 0.3 S u m me Anz. % 210 844 100,0 27 019 100,0 5 258 100,0 49 564 100,0 8 252 100,0 13 005 100,0 " 869 100,0 7 683 100,0 6 217 100,0 972 100,0 '5 543 100,0 10 719 100,0 378 896 100,0 136 255 100,0 48 231 100,0 45 595 100.0 3 669 100,0 979 591 100,0 tI 8 ~ !3 ~ Q. ('D tIl 5' §' tIl ff. ~ tIl :;" '"i s:: ::l Ot\ ~ Cl N ('D tIl tIl ('D tIl S" o tIl ..... ~ '"i ('D g: I ~ Ot\ ~ a I-' ~ <:J1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 146 Gustav Otruba Tab. 10 Ausweis der Volksmenge in U n gar n 1 7 8 6 lt. ungarisch-siebenbürgischer Hofkanzlei am 22. April 1786 Anteil in " Vom Totale Geistliche 13 728 Adelige 162 495 Beamte und 4 396 Honoratiores Bürger u. Professionisten auE 8 656 0.1 dem Lande Bauern 584 226 Bürger, Einwohner Gewerbe. Nachfolger 511 561 7.3 und Erben HäusJ.er. Gärtner 788 014 und Tagwerlc.er S u m m e 3.511 659 weibl. Geschl 3.414 366 Summe d. Christen 6.926 025 Totale{Jude" incl. ) 7.001 153 Tot ale 7.044 462 insgesamt Siebenbürgen Totale 1.428 588 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 - o * Tab. 11 UNGARNS BEVÖLKERUNG NACH lHRER BESCHÄFTIGUNG 1 8 2 8 1 840 1 846 1 8 5 7 1 870 Gewerbe-. Summe der GeW'erb~ treibende einheim. Beleute u. völkerung Künstler Ungarn ingge~. 94 553 12,752892 15 702 Ungarn 10,892 491 91 300 Siebenbürgen 72390'*)1,860401 15 800 Fiume samt Geb.iet Kroatien-Slav. Mil i tärgrenze 8 602 nach M!!rei *) **) inclusive Bürger und rUnstier Summe GewerSumme der Zunft geSumme der GewerbeSumme der (männl.GebetreiBevölker .. sellen, Bevölker. treibenBevöllc.er\lng schlechts) bendeot:) kleinde % ind.Arb. 7,436 040 233 324 12,039 399 220 000 13,768 513 646 964 4,19 15,417 327 5,860 400 9,665 834 534 533 4,81 11,117623 561 740 2,172 748 63 736 3,03 2,101 727 3 228 8,6 17 844 865 099 29 961 3,65 979 722 1,013900 1,064992 , 5 506 1,29 1,200 000 *:> nach Merei sowie Arbeiter in kapitalist. Unternehmg.: 23 400 Handverksge •• , Lehrlinge: 78 000 Bergleute: 47 - 52 000 ::) nach latus: Ackerbau: 80 % Transport, Handel, rredit: 2,9 % andere Dienste: 7,4 % Armee: ',1 % ~~~i; ::) 8,6 , ö ~ $>l S ~ c. Cl) '" ...... ::l C. s:: '" ..... ::l. ~ '" ;. 2 ::l (Jq .gj .., o ~ '" '" Cl) '" S' o '" it .., ~ g: I §l (Jq $>l a ..... ~ -.] OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Tab. 12 Die Zahl der Industriebeschäftigten Ungarns nach Erzeugungssparten 1884-1913 I 1 8 8 4 *) 1898**) 1913**) 1884/1898 1898/1913 Izahl d.Beschäftiaten zahl d. Beschäft. Zahl d. Beschäft. Steigerung in Steigerung in Iln Tausend in % in Tausend in % in Tausend in % % % Ei senu. Hetall19.7 18.9 44.5 19.2 industrie 62.1 13.8 + 125.9 + 39.4 Maschinenbau 12.6 12.1 33.0 14.2 47.6 10.6 + 161.9 + 44.3 Elelctroindustrie 1.9 1.8 3.0 1.3 12.8 2.8 + 57.9 + 325.2 Bauma terialien6.4 industrie 6,1 31,6 13,6 65.9 14.7 + 393.8 + 108.5 Holzin"dustrie 13,1 12,6 28.2 12.2 69,7 15.6 + 115,3 + 146.8 Lederindustrie (mi t Kaut schulc0.6 0.6 4.7 2.0 9.4 2.1 + 683.3 + 99.3 industrie) Textilindustrie 4.8 4.6 13.7 5.9 46.4 10.4 + 185.4 + 237.5 Belcleidung.- 0.1 0.1 3.5 1.5 11.0 2.5 +3 400.0 + 209.7 industrie Papierindustrie 1.6 1.5 5.5· 2.4 9.4 2.1 + 243.8 + 71.8 Lebensmittel36.1 34.7 46.1 19.9 77.2 17.2 + 27.7 + 67.3 industrie Chemische 5,2 5,0 12.1 5.2 25.6 5.7 + 132.7 + 110,4 Industrie Druckereien 2,2 2,1 6,1 2.6 11 ,1 2,5 + 177.3 + 83,0 insgesamt 104,3 100,0 232,0 100.0 448,2 100,0 + 122,4 + 93,2 *) nach Katus S. 103 **) nach Berend-Ranlci, Magyaroz~g gy~ripava S. 296 1884/1913 Steigerung in % + 215.2 + 277.8 + 573.7 + 929.7 + 432.1 +1 466.7 + 866.7 + 10 900.0 + 487.5 + 113.9 + 392,3 + 404,5 + 329,7 ..... ~ CXl ~ '" ~ o ~ P> OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Tab, 13 Struktur der Erwerbstätigen Ungarns nach den Berufshauptklassen (in %) 1 8 9 0 1 9 0 0 1 9 1 0 Ungarn Kroatien. Ungarn Ungarn Kroatien. Ungarn Ungarn Kroatien, Slawonien ( insgesamt) Slawonien (insgesamt; Slavonien Urproduktion 56.22 85.98 60.55 65.9 84.3 6~.5 60.1 78.4 Bergbau 0.75 0.09 0.66 0.7 0.1 0.6 0.9 0.1 Industrie 13.'6 7.60 12.35 13.8 6.9 12.8 17.4 9.5 Handel 2.51 1.16 2.37 } } } } } 0.10 2.8 1.2 2.6 3.6 1.9 Kredit 0.11 0.03 Verkehr 0.95 0.67 0.90 1.7 0.8 1.6 2.4 1 •. 2 Verhältnis der Industriebeschäftigten zu den Erwerbstätigen (insgesamt) Industriebeschäf749 334 81 838 831 172 1.038 078 89 052 1.127 130 1.346728 113 765 tigte Erwerbs tä tige 5.237 330 1.076 292 6.313 622 7.531 751 1.299 244 8.830 995 7.750973 1.205 949 s t e i ger u n 9 s rat e n (in %) 1 8 90/ 1 900 1 9 0 0/1 910 1 8 90/ 1 910 Indus triebeschäf- + 38.5 + 8,8 + 35.6 + 29.7 + 27.8 + 29.6 + 79.7 + 39.0 tigte Erwerbstätige + 43.8 + 20.7 + 39.9 + 2.9 - 7.2 + 1.4 + 48.0 + 12.0 Ungarn (insgesamt; 62.5 0.8 16.3 } 3.3 2.3 1.460493 8.956 922 + 75.7 I + 41.9 I tI ~ S ~ p. Cl) '" .... ::s p. !il ..+ ::l, e:. üj' m' g ~ '0 "1 o N 1Jl '" Cl) '" S' o '" ct ~. g. ~ Oq III g ...... "'" CO OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Tab. 14 BesChäftigte in den einzelnen Industriesparten Ungarns und troatiens-Slavoniens aufgrund der Volkszählungen 1 9 0 0 und 1 9 1 0 Unqarn Kroatien-Slavonien ins q e sam t Ver ä n der u n 1 900 191 0 1 900 191 0 1 9 u u 1 9 1 u I..roatl.enabsolut % ~bsOlut % absolut % absolut % absolut % absolut % Ungarn Slallonien Eisen, 34 172 17.4 52 329 14.8 145 0,9 162 0.7 34 317 16.0 52 491 14.0 + 53.1 + 11.7 Metall Maschinen 38 973 19.8 68 949 19.4 571 3.3 1 111 5.1 39 544 18.5 70 060 18.6 + 76.9 + 94.6 Stein, 18 908 9.6 39 863 11.2 1 610 9.3 3 399 15.7 20 518 9.6 43 262 ".5 + 110.8 + 111.1 Erde Holz 21 195 10,8 43 021 12,1 9 761 56.6 8 611 39.7 30 956 14.5 51 632 13.7 + 103.0 - 11.8 Leder 3 766 1.9 7 393 2,1 101 0.6 119 0.6 3 867 1.8 7 512 2.0 + 96.3 + 17.8 Textil 11 602 5.9 29 957 8.5 515 3.0 1 284 5.9 12 117 5.7 31 241 8.3 + 158.2 + 149.3 Bekleidung 3 451 1.7 15 599 4.4 786 4.6 789 3.6 4 237 2.0 '6 388 4.4 + 352.0 + 0.4 Papier 4 732 2.4 8 443 2.4 176 1,0 534 2,5 4 908 2.3 8 977 2.4 + 78,4 + 203.4 Nahrungs43 440 22.1 59 569 16.8 1 796 10.4 3 070 14,2 45 236 21.1 62 639 16.6 + 37.1 + 70.9 mi ttel Chemie 9 220 4.7 17 617 5.0 1 313 7.6 1 828 8.4 10 533 4.9 19 445 5.2 + 91.1 + 39.2 Druckerei 7 291 3.7 11 596 3.3 472 2.7 783 3.6 7 763 3.6 ,2 379 _ 3.3 + 59.0 + 65.9 S um rn e 196 750 100.0 354 336 00.0 17 246 100.0 21 690 100,0 213 996 100,0 376 026 100.0 + 80,1 + 25,8 insgesamt + 53.0 + 77.2 + 110.8 + 66.8 + 94.3 + 157.8 + 286.8 + 82.9 + 38.5 + 84.6 + 59.5 + 75,1 ..... CJ1 o ~ ~ o ...... ~ Pl OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Tab. 15 Betriebe "Manuf'akturen und Fabriken"' der österreichischen Länder Länder Österr. unter der Enns Österr. ob der Enns Steiermark Kärnten train (salzburg) Tirol Vorarlberg Görz Triest (IUstenland) Fiume Böhmen Mähren Schlesien S u m m e Struktur in % nach Ländern und Erzeugungssparten am Ausgang der josephinischen Ära (um 1790) *) Eisen u. Metall Maschinen 24 1 1 2 3 4 2 I 9 1 44 4 13.9 1.3 *) Baumat,. LebensS,tein,Glas HOlz Leder Textil Papier mittel Chernie Druckerei Summe 5 2 11 57 4 2 5 15 126 6 7 3 I 1 1 11 1 7 3 15 1 4 . 5 1 1 4 5 1 7 5 5 6 6 3 3 2 1 9 1 1 3 2 7 11 54 3 3 10 1 91 6 13 1 21 3 3 23 2 22 163 8 13 21 17 317 7.3 0.6 6.9 51.4 2.5 4.' 6.6 5.4 100.0 ---- ~ nach Hassinger. Stand der ManufakturenS S. 110 ff und Otruba. Manufakturenbestand NÖ und Manufakturund Gewerbestatistik Böhmens sowie Otruba-Kropf. Bergbau und Industrie Oberösterreichs . I , I i i I I I t:1 ~ ~ 3 ~ Co (D '" .... ::s g- '" .+ :::!. ~ '" (0' ;:! ::s ~ 'ö "1 o N (D '" '" (D '" 5' o '" lt "1 "1 (D g: I c:: ::s Oll ~ g ..... 01 ..... OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 254 Diedrich Saalfeld Wenn man von Berlin absieht, so ergibt sich aus Tabelle 8 und weiteren Untersuchungen 59 , daß sich die Einkommensdifferenzierung noch in verhältnismäßig engen Grenzen bewegte. Eine soziale Gliederung nach dem Einkommen wäre daher nur in groben Umrissen möglich. Daneben müßten vor allem die besonderen örtlichen und zeitlichen Verhältnisse berücksichtigt werden. Dies scheint besonders wichtig im Hinblick auf die Niveauunterschiede zwischen der Kleinund Großstadt. So läßt sich das durchschnittliche Einkommen in Weimar im Jahre 1820 mit 182 Talern je Zensit oder nach Ausscheiden des in den Haushalten der Arbeitgeber lebenden Dienstpersonals mit 284 Talern je Haushalt berechnen. Das mittlere Einkommen der Haushalte wurde in Göttingen 1810 auf 762 Frank oder 177 Taler Hannoversche Kassenmünze geschätzt. 1822/23 waren es 225 und 1856 427 Taler je steuerpflichtiger Familie oder - mit Einschluß der Nonvalenten - 380 Taler je Haushalt. Das Durchschnittseinkommen der Trierer Steuerpflichtigen betrug 1850 243 Taler, während es 1861 in Langenberg und Neviges (ebenfalls mit Einschluß der Einzelpersonen) 147 Taler waren 58 • Wesentlich höher als in diesen Städten lag 1847 das mittlere Einkommen in Berlin mit 606 Talern je Wohnungsinhaber (gleich Haushalt). Wie schon anhand der Lohntabellen aufgezeigt werden konnte, so geht auch aus den Steuerlisten hervor, daß in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts etwa zwei Fünftel der städtischen Familien in Deutschland ein kümmerliches Dasein fristeten. Aus Hamburg 60 liegt die Schätzung vor, daß "weit mehr als die Hälfte der Hamburger Einwohnerschaft ... außerhalb der Bürgerschaft ihre rechtliche und soziale Existenz gefunden hatte ... ". Mit einem Einkommen von weniger als 150 (und in den Großstädten von weniger als 200) Talern konnten diese Familien Mitte des 19. Jahrhunderts von dem Arbeitseinkommen des Familienvaters den lebensnotwendigen Unterhalt für eine mittlere Familie nicht mehr bestreiten. Sie waren durchweg auf die regelmäßige Mitarbeit der Frau oder gar der Kinder und vielfach auch auf Allmosen (Geld, Holz, Kleider, Lebensmittel u. a. m.) oder gar Bettelei angewiesen. 1847 bezeichnete der Eilenburger Arzt Bernhardi 61 aufgrund seiner Beobachtungen der "bestehenden Lohnverhältnisse" und der "Höhe der Viktualienpreise" das Betteln direkt als eine "not59 G. Schmoller, Die Einkommensverteilung in alter und in neuer Zeit (BuH. de l'Inst. intern. de Stat., IX. 2, S. 1 ff.); W. Sombart, Der moderne Kapitalismus, II.2, München u. Leipzig 1928, S.1087; vgl. Anm.2 und 52. 60 H. Mauers'berg, Wirtschaftsund Sozialgeschichte zentraleuropäischer Städte in neuerer Zeit, Göttingen 1960, S. 145. 61 Bernhardi, Ein Vorschlag zu einer Statistik des Bettelns (Z. d. Ver. f. dt. Stat., I. 1847, S. 650). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Darlegungen zur Einkommensentwicklung und Sozialstruktur 1760 - 1860 255 wendige Bedingung der socialen Verhältnisse der Gegenwart". Im Hinblick auf das Handwerk rechnete um 1790 Weiß62 "unter 21 Menschen ... mit zehn im eigentlichen Verstande Arme, welche keinen Bissen Brot auf den anderen Tag haben ... ", also 47 v.H. aller Beschäftigten in diese Gruppe, und um 1845 wird für ganz Württemberg diese Schicht auf ein Drittel der Gesamtbevölkerung geschätzt 63 . Äußerst schlecht gestellt waren unter ihnen wiederum die "Stadtarmen", die als "Nonvalente" nicht mehr zu den städtischen Abgaben und staatlichen Steuern herangezogen werden konnten. Ihr Anteil an der Stadtbevölkerung dürfte im Mittel 10 -15 v.H. ausgemacht haben: So waren es 1822/23 in Göttingen 13,2 und 1856 11,0 v.H. der Haushalte 51 und in Husum 64 sowohl 1769 als auch 1803 jeweils 14 v.H. Die Personen, die in Hamburg zwischen 1821 und 1852 von einem Lohn unterhalb des Existenzminimums der Armenanstalt leben mußten, machten nach Kraus 65 10 -12 v.H. der Stadtbevölkerung aus. Von den Einwohnern sowohl Berlins als auch Triers rechnete man 1830/31 ein Viertel zu den "Hausarmen"66. Die Existenzbedingungen dieser Menschen sind kaum zu ergründen; die Sterblichkeit - besonders der Kinder 61 - war in diesen Familien besonders groß, und viele Kinder wurden meist schon frühzeitig in andere Familien gegeben, damit sie ihren Lebensunterhalt selbst verdienten. Die Haushalte dieser Unterschicht umfaßten daher durchweg nur wenige Personen (vgl. Abb.4). Arbeiterhaushalte mit einer zahlreichen Kinderschar waren in dem hier behandelten Zeitraum noch eine Seltenheit; dies ist erst eine Massenerscheinung in der Reifephase der industriellen Revolution. Der städtische Mittelstand 68 ist für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts etwa in die Einkommensgruppen zwischen (150-) 200 und 400 Talern einzuordnen. Der Anteil dieser kleinbis mittelbürgerlichen Schicht betrug etwa ein Drittel der deutschen Stadtbevölkerung. Kenn62 J. A. Weiß, zit. n. J. Kuczynski, a.a.O. (s. Anm.10), I, S.19. 63 Blicke auf die materiellen Zustände ... (s. Anm. 41.5), S. 1077. 64 I. E. Momsen, Die Bevölkerung Husums von 1769 bis 1860 (Schr. d. Georg. Inst. d. Univ. Kiel, 31), Kiel 1969, S. 156 u. 182. In Gera sollen es dagegen 1846/47 nur 4 v.H. gewesen sein (Reichard, Das Fürstentum Gera, in: Z. d. Ver. f. dt. Stat., I. 1947, S.236). 65 A. Kraus, Die Unterschichten Hamburgs in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Sozialwiss. Studien, 9), Stuttgart 1965, S. 45 ff. 66 H. Monz, Karl Marx. Grundlagen der Entwicklung von Leben und Werk, 2. AufI., Trier 1973, S. 74. 67 J. Kuczynski, a.a.O. (s. Anm.10), I, S. 315; E. A. Wrighley, Bevölkerungsstruktur im Wandel. Methoden und Ergebnisse der Demographie (Kindlers Univ. Bibl.), München (1969), S. 101 f. u. 169 f. 68 E. Maschke und J. Sydow (Hrsg.), Städtische Mittelschichten (Veröfl'. d. Komm. f. gesch. Landeskde. in Baden-Württemb., R. B. 69), Stuttgart 1972. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 256 Diedrich Saalfeld zeichnend für sie war die bereits 1805 von Krug 69 konstatierte "frugale Lebenshaltung" und - soweit sie von handwerklicher Tätigkeit lebte - die Einheit von Familie und Beruf sowie der "Einmannbetrieb" . Das Familienleben und Erwerbsgeschehen vollzog sich noch im Hause des Handwerksmeisters. Nur selten - und das vorwiegend im oberen Einkommensbereich - beschäftigte der Meister einen Mitarbeiter (Gesellen u. a.), und wurde die Hausfrau durch eine Magd entlastet. über 400 Taler, die nach den Preis-Kosten-Verhältnissen der Jahrhundertmitte (1840/60) einen gewissen Wohlstand erlaubten, erzielte nur ein kleiner Teil der städtischen Haushalte und wenige ländliche Familien. Dieser besser situierten großbürgerlichen Schicht ist ein Fünftel bis ein Viertel der Stadtbewohner zuzurechnen, die etwa zwei Drittel bis drei Viertel der privaten Einkommen aller Städter bezogen. Sie beschäftigten durchweg Dienstpersonal und brauchten sich auch in Teurungsjahren nur wenig einzuschränken. In diese Gruppe gehörten vor allem das Patriziat, die größeren Kaufleute und Gastwirte, durchweg die Akademiker sowie die Bediensteten in den Spitzenpositionen der kommunalen, staatlichen und kirchlichen Institutionen, die Inhaber bestimmter Dienstleistungsund Gewerbebetriebe für den gehobenen Bedarf, schließlich auch die meisten Unternehmer und deren Führungskräfte. Insgesamt wird mit dieser Untersuchung das Urteil von Schmoller 70 bestätigt, daß die Unterschiede in der Einkommensverteilung "im 19. Jahrhundert längst nicht so groß waren, als man anzunehmen geneigt ist". Die zunehmende Einkommensdifferenzierung durch überproportionalen Anstieg der Spitzeneinkommen vollzog sich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts; in der hier behandelten übergangsperiode bildete die massenhafte Zunahme der unteren Klassen mit unzureichendem Arbeitseinkommen das herausragende Ereignis und wurde unter dem zutreffenden Begriff "Pauperismus" zur sozialen Frage des 19. Jahrhunderts. Anlage 1 Anmerkungen und Quellen zu Abbildung 1 (S. 230). Die Gruppenindices wurden wie folgt gebildet: Für jede herangezogene Warenpreisreihe eines Marktortes wurde eine Indexreihe gebildet, indem der Mittelwert der Basisperiode (175160) gleich 100 gesetzt wurde und hierauf die nachfolgenden Preise bezogen wurden. Das einfache arithmetische Mittel der Indexreihen einer bestimmten Ware aus mehreren deutschen 69 L. Krug, a.a.O. (s. Anm.49), S. 104. 70 G. Schmoller, zit. nach W. Sombart, a.a.O. (s. Anm. 59), H.2, 1928, S.1087. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 DaTlegung'en zur Einkommensentwicklung UJIld Sozialstruktur 1760 -1860 257 Städten 2alt als Preisreihe dieser Ware für Deutschland. Diese Mittelwerte wurden schließlich mit einer bestimmten für die ganze Zeit gleichbleibenden Gewichtung zu einem Gruppenindex zusammengefaßt. Im folgenden sind die Wägezahlen in Klammern hinter den betreffenden Waren vermerkt worden. Insgesamt konnten lediglich Preise für 7 Agrarerzeugnisse und für 7 verschiedene Gewerbeprodukte zu jeweils einer Indexreihe zusammengefaßt werden. Der Lohnindex gibt das arithmetische Mittel von 6 Lohnreihen bestimmter Zeitlohnempfänger aus 5 - 7 deutschen Städten wieder. Herkunft und Gewichtung der beiden Preisreihen (Jeweils in Klammern wurde hinter der Ware deren v.H.-Anteil am gewogenen Preisindex der Gruppe und hinter dem Herkunftsort der Quellenhinweis - Aufschlüsselung s. unter B - vermerkt.) I. Agrarerzeugnisse (100). a) Roggen (40): 1. München (P), 2. Frankfurt/M. (P), 3. Hamburg (PA), 4. Leipzig (P/K) , 5. Emden (A), 6. Göttingen (PA), 7. Berlin (P; J/R), 8. Warmbrunn (H). b) Hafer (10): 1., 2., 3., 4., 5., 6., 7., 8. c) Erbsen (10): 3., 4. (bis 1819), 7. (ab 1792), 8. Sa. a - c Pflanzliche Produkte (60). d) Rindfleisch (15): 1., 2., 3., 4., 5., 8. e) Schweinefleisch (10): 1., 3., 8. f) Butter (10): 3., 4., 5., 8. g) Käse (5): 3., 5. Sa. d - g Tierische Erzeugnisse (40) Ir. Gewerbeprodukte (100). h) Ziegelsteine (20): 3., 4., 5., 7., 8., 9. (P: Indexreihe für Deutschland aus mehreren Städten). i) Kalk (10): 3., 4. (- 1820), 5., 9., 10. (J/R: Indexreihe für Deutschland aus 3 Städten ab 1792). k) Steinkohle (10): 3. 1) Eisen (20): 3., 8. (Nägel). m) Flachs (15): 3., 4. (-1819), 8., 9. (-1817), 10 (ab 1792). n) Wolle (10): 1. (- 1820), 3., 4. (- 1819), 7. (ab 1820), 8. 0) Baumwollgarn (15): 4. (- 1818), 10. Krefeld (ab 1792). Ir!. Herkunft und Zusammensetzung der Lohnreihe 1. Baugewerbe p) Gesellenlöhne (zu einer Indexreihe zusammengefaßt = Ecklöhne der Zeit). Maurer: 3., 5., 8., 6. (PA). Zimmerleute: 4., 8., 6. q) Handlanger (Tagelöhner): 5., 8., 6. 17 Schriften d. Vereins f. Socialpolltlk 83 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 258 Diedrich Saalfeld 2. Männliche Tagelöhner r) Landwirtschaftliche: 5., 8., 11. Preußen (N). s) Städtische: 11. 3. Facharbeiter t) Textilgewerbe: 9. (P: Indexreihen aus mehreren Städten). u) Druckereigewerbe (Setzer): 12. Jena/Halle (ST). B. Quellennachweis A O. Aden, a.a.O. (s. Anlage 2, ad. 2.), S. 189 ff. H J. Heisig, a.a.O. (s. Anlage 2, ad.10.), S. 134 ff. JIR A. Jacobs u. H. Richter, a.a.O. (s. Anm.7), S. 50 ff. K E. E. Köhler, a.a.O. (s. Anm. 6), S. 393 ff. N A. Neuman:n, a.a.O. (s. Anm.21). P G. Philippi, Die Entwicklung der Produktivität in Deutschland von 1500 bis 1958, Erlangen 1961 (vervielf. MS). PA Preisund Lohnarchiv des Inst. f. Wirtschaftsu. Sozialgeschichte der Univ. Göttingen (Hamburger Preiscourant). ST K. Strassburger, a.a.O. (s. Anlage 3, ad. 4.), S. 138 ff. Anlage 2 Anmerkungen und Quellen zu Tabelle 1 (S. 232). 1. Die Gesellenlöhne wurden nach den überlieferten Tagelöhnen der Maurer und Zimmerer errechnet, indem 190 Arbeitstage im Sommer und 70 im Winter unterstellt wurden. 2. O. Aden, Entwicklung und Wechsellagen ausgewählter Gewerbe in Ostfriesland von der Mitte des 18. bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts Abh. und Verträge z. Gesch, Ostfrieslands, 40), Aurich 1964, S.189 ff. 3. W. Melhop, Alt-Hamburgische Bauweise, Hamburg 1908, S. 13 ff. Preisund Lohnarchiv des Instituts. 4. E. Hirschberg, Die soziale Lage der arbeitenden Klassen in Berlin, Berlin 1897, S. 3 ff. u. 240 f.; vgl. P. Weiglin, Berliner Biedermeier, Leben, Kunst und Kultur in Alt-Berlin zwischen 1815 und 1848, Leipzig 1942, S. 212 ff. 5. Archiv der Stadt Göttingen: Kämmereiregister 1790 -1860 und Belege zu den Kämmereiregistern. 6. A. C. Hanauer, ttudes economique sur l'Alsace ancienne et moderne, I u. H, Paris 1876 u. 1878. 7. M. J. Elsas, Umriß einer Geschichte der Preise und Löhne in Deutschland, HA, Leiden 1940, S. 590 ff.; E. E. Köhler, Haushaltsrechnungen des Georgenhauses zu Leipzig (Jb. f. Wirtschaftsgesch. 1967, IV, S. 397 ff.). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23 Darlegungen zur Einkommensentwicklung und Sozialstruktur 1700 -1860 259 8. W. Schulze, Löhne und Preise 1750 bis 1800 nach den Akten und Rechnungsbelegen des Stadtarchivs Quedlinburg (Jb. f. Wirtschaftsgesch. 1965, S. 137 ff.); ders., Löhne und Preise 1800 -1850 ... (ebd., 1967, I, S. 301 ff.). 9. R. Strauß, Löhne sowie Brotund Kartoffelpreise in Chemnitz 1770 bis 1850 (ebd., 1962, IV, S. 144 ff.). 10. J. Heisig, Die historische Entwicklung der landwirtschaftlichen Verhältnisse auf den reichsgräfl.-freistandesherrlich-Schaffgotschischen Güterkomplexen (Sammlung nationalök. u. stat. Abhandl. d. staatswiss. Sem. zu Halle a. d. S., 3. Bd., 3. H., 1884, S. 140 und 188). Anlage 3 Quellen zu Tabelle 2 (S. 238) und 4 (S. 240). 1. Mittelwerte aus den 10 Städten der Tabelle 1 (Quellen s. Anlage 2). 2. Mittelwerte aus den Städten: Emden, Leipzig, Göttingen, Quedlinburg, Chemnitz und Warmbrunn; Quellen s. Anlage 2. Bei der Berechnung der Jahreslöhne aus den Tagelöhnen wurden bei das ganze Jahr gleichbleibenden Lohnsätzen 300 Arbeitstage unterstellt (oder 190 und 110 Tage zu Sommerund Wintersätzen). 3. A. Neumann, a.a.O. (s. Anm. 21), S. 393 ff. 4. K. Strassburger, Statistischer Beitrag zur Lehre vom Arbeitslohn (Jahrbuch f. Nat. und Stat., 18. 1872, S. 138 ff.). 5. Arlt, Ein Jahrhundert Preuß. Bergverwaltung in den Rheinlanden (Z. f. d. Berg-, Hüttenu. Salinenwesen, 69. 1921). 6. Archiv der Stadt Göttingen, Kämmereiregister 1790 -1860 mit Belegen. 7. O. Aden, a.a.O. (s. Anlage 2, ad.2.). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-43427-5 | Generated on 2023-01-16 12:57:23