scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

Politische Klarheit für klimaresilientes Wirtschaften: Unternehmen stärken, Kosten vermeiden

Meschede, Miriam; Sievert, Greta; Tischler, Lena

Full text

Politische Klarheit für klimaresilientes Wirtschaften: Unternehmen stärken, Kosten vermeiden Miriam Meschede, Greta Sievert, Lena Tischler Policy Brief P-03-2025 DOI: 10.5281/zenodo.17362258 Executive Summary Der Klimawandel ist längst kein fernes Risiko mehr, sondern eine reale wirtschaftliche und gesundheitliche Bedrohung. Er verursacht bereits heute erhebliche Schäden und gefährdet langfristig Stabilität, Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand. Klimaschutz ist damit nicht nur eine ökologische, sondern auch eine ökonomische Notwendigkeit. Unternehmen spielen in der sozial-ökologischen Transformation eine Schlüsselrolle: Sie tragen mit Innovationen und Investitionen wesentlich zu Emissionsminderung und Klima-Anpassung bei und sind zugleich selbst stark von Klimarisiken betroffen. Damit sie diese Rolle langfristig ausfüllen können, brauchen sie klare politische Rahmenbedingungen, verlässliche Zielvorgaben und gezielte Finanzierungsanreize, die klimafreundliches Wirtschaften strategisch fördern und absichern. Dieser Policy Brief zeigt auf, wie politische Richtungswechsel sowohl im Bereich der Regulatorik als auch bei den Finanzierungsinstrumenten derzeit unternehmerisches Vertrauen in konsistente Klimapolitik untergraben und Investitionen hemmen – und welche Weichen gestellt werden müssen, um Unternehmen als aktive Treiber der Transformation zu stärken, Innovationskraft zu entfalten und klimaresilientes Wirtschaften zur neuen Normalität zu machen. 2 Politische Klarheit für klimaresilientes Wirtschaften: Unternehmen stärken, Kosten vermeiden 2 I Klimawandel als Wirtschaftsfaktor Der Klimawandel ist längst keine abstrakte Zukunftsgefahr mehr, sondern eine reale Herausforderung, die bereits heute erhebliche gesundheitliche und wirtschaftliche Schäden verursacht. Klimaschutz ist daher nicht nur eine ökologische Notwendigkeit, sondern auch die ökonomische Voraussetzung für langfristige Stabilität, Wettbewerbsfähigkeit und gesellschaftlichen Wohlstand. Zugleich bildet er die Grundlage für den Erhalt von Lebensqualität und Gesundheit, ein Kernelement des Planetary-Health-Ansatzes, der verdeutlicht, dass Wohlergehen und Wohlstand untrennbar an die Stabilität natürlicher Systeme gebunden sind.1 Das Gutachten des Internationalen Gerichtshofs vom 23. Juli 2025 bestätigte jüngst, dass Staaten völkerrechtlich verpflichtet sind, wirksamen Klimaund Umweltschutz zu betreiben, um Schäden für heutige und künftige Generationen zu verhindern und ihre Bürger*innen vor Klimawandelfolgen zu schützen, selbst wenn sie sich nicht unter dem Pariser Klimaabkommen zum Klimaschutz verpflichtet haben.2 Deutschland hat sich das Ziel gesetzt, seine Treibhausgasemissionen bis 2030 um 65 % gegenüber 1990 zu senken und bis 2045 klimaneutral zu sein.3 Damit das gelingt, müssen Klimaschutzpläne in allen Sektoren stringent umgesetzt und ausgebaut werden. Bei der Erreichung der nationalen und internationalen Klimaschutzziele spielen Unternehmen eine zentrale Rolle. Laut der Carbon Majors, einer Datenbank, die die Emissionen der größten Produzent*innen fossiler Brennstoffe und Zement erfasst (etwa 80 % der globalen Emissionen), sind allein 36 Unternehmen (überwiegend staatlich kontrollierte Energiekonzerne) für mehr als die Hälfte der weltweiten fossilen Emissionen verantwortlich.4 Gleichzeitig sind Unternehmen stark von den Folgen des Klimawandels betroffen. Schon heute entstehen ihnen erhöhte Kosten, etwa für Rohstoffe, Energie oder Versicherungen. Zudem kommt es zu wirtschaftlichen Schäden durch Produktionsausfälle und Verzögerungen, unterbrochene Lieferketten sowie zu Belastungen für Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten, mit steigender Tendenz.5 Unternehmen können und müssen ein wesentlicher Teil der Lösung sein: Mit Innovationen, Investitionen in klimafreundliche Technologien und nachhaltigen Geschäftsmodellen leisten sie einen entscheidenden Beitrag zur Emissionsminderung und zur Umsetzung notwendiger Anpassungsmaßnahmen. Vielen Unternehmen ist die Notwendigkeit nachhaltiger Geschäftspraktiken bewusst und sie haben diese bereits in ihrer Unternehmenspraxis verankert. Die Klimaschutzinvestitionen des deutschen Unternehmenssektors sind im Jahr 2023 auf ca. 85 Milliarden Euro angestiegen, wobei Großunternehmen den Großteil dieses Anstiegs tragen. Bei kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), die Klimaschutzinvestitionen getätigt hatten, stieg die durchschnittliche Investitionshöhe 2023, trotz Inflation, auf etwa 146.000 Euro.6 Laut Bitkom verfolgen bereits 25 % der deutschen Unternehmen eine Nachhaltigkeitsstrategie für das Gesamtunternehmen, 29 % für einzelne Unternehmensbereiche, und weitere 34 % planen eine solche Strategie.7 Ob sich dieser Trend fortsetzt, verstetigt und verbreitet, hängt jedoch maßgeblich von den politischen Rahmenbedingungen ab. Unternehmen brauchen praxisnahe Zielvorgaben, verlässliche Strukturen und gezielte Investitionsanreize, um Klimaschutz und Klimaanpassung langfristig und strategisch zu verankern und dabei wirtschaftliche Chancen zu realisieren. 3 Politische Klarheit für klimaresilientes Wirtschaften: Unternehmen stärken, Kosten vermeiden II Aktuelle politische Richtungswechsel schaffen Unsicherheit und gefährden Fortschritt Die aktuellen politischen Richtungswechsel erschweren Planungssicherheit, verzögern Investitionen und untergraben das Vertrauen in eine konsistente Klimapolitik. Besonders deutlich zeigt sich dies im Energiesektor: Die derzeit propagierte „pragmatische“ Energiepolitik wirft die Frage auf, ob Klimaschutz in der Vergangenheit überbetont wurde und signalisiert damit einen klaren Kurswechsel gegenüber dem bisher eingeschlagenen Transformationspfad der Vorgängerregierungen.8 Insgesamt fehlt es an Kontinuität und Verlässlichkeit, sichtbar in wiederholten Anpassungen zentraler Vorgaben wie des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) oder des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), in der Verschiebung von Fristen etwa beim Kohleausstieg oder im Brennstoffemissionshandel. Auch Förderprogramme, etwa die Programme der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) für energieeffizientes Bauen oder Maßnahmen zur Elektromobilität, werden kurzfristig verändert.9 Im Folgenden wird exemplarisch auf die derzeitige Unsicherheit im Bereich der regulatorischen Rahmenbedingungen wie auch der Finanzierungsinstrumente eingegangen. 2.1 Beispiele auf regulatorischer Ebene Wie die folgenden Beispiele verdeutlichen, wurden zentrale Regelwerke auf nationaler wie auch auf Ebene der Europäischen Union (EU) in den vergangenen Monaten und Jahren mehrfach nachjustiert, Fristen verschoben, Pflichten vereinfacht oder Geltungsbereiche eingeschränkt. Lieferkettensorgfaltspflichtgesetz Das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtgesetz (LkSG) gilt seit 2024 für Unternehmen ab 1.000 Beschäftigten und umfasst aktuell nur unmittelbare Zulieferer*innen. Explizite Pflichten zum Klimaund Umweltschutz wie z.B. Emissionsgrenzwerte oder Ressourcenschonungsvorgaben enthält das LkSG bislang nicht. Es bezieht sich im Umweltbereich primär auf den Schutz vor gravierenden menschenrechtsbezogenen Umweltbeeinträchtigungen, die aus bestimmten internationalen Abkommen abgeleitet sind.10 Am 3. September 2025 hat das Bundeskabinett eine Novelle des LkSG beschlossen, die u.a. die Berichtspflicht abschafft und die Bußgeldtatbestände deutlich reduziert.11 Zwar bleiben die übrigen Sorgfaltspflichten, etwa Risikoanalysen, Präventionsund Abhilfemaßnahmen bestehen, doch die geringere Verbindlichkeit und Sanktionierung schwächen die Wirksamkeit des Gesetzes. Dies gilt insbesondere für die ohnehin begrenzten Umweltbezüge, die Gefahr laufen, im Vollzug noch stärker an Gewicht zu verlieren. Unternehmen müssen weiterhin Pflichten erfüllen, können jedoch nicht einschätzen, welche Vorgaben künftig tatsächlich sanktioniert werden.12 Ein zentraler Bezugspunkt ist hierbei die europäische Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD), die am 5. Juli 2024 in Kraft getreten ist (Directive (EU) 2024/1760).13 Sie verpflichtet große Unternehmen zur Wahrung von Menschenrechten, zur Vermeidung von Umweltschäden entlang ihrer Wertschöpfungsketten sowie zur Verabschiedung eines Klimatransitionsplans, der mit dem 1,5-Grad-Ziel kompatibel ist. Ursprünglich war eine breitere Anwendung auf eine größere Anzahl von Unternehmen vorgesehen, letztlich gilt die Richtlinie nun aber nur für Unternehmen ab 1.000 Beschäftigten und 450 Mio. Euro Umsatz. Mit der Umsetzung der CSDDD wird das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz schrittweise ersetzt.14 Die aktuelle Novelle des LkSG schafft damit lediglich ein 4 Politische Klarheit für klimaresilientes Wirtschaften: Unternehmen stärken, Kosten vermeiden Übergangsregime: Einerseits werden Unternehmen kurzfristig entlastet, andererseits ist absehbar, dass mit Inkrafttreten der CSDDD eine erneute Verschärfung und Anpassung erfolgen muss. Corporate Sustainability Reporting Directive Die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) ist eine Richtlinie der EU, die Unternehmen verpflichtet, regelmäßig über ihre Auswirkungen auf Umwelt, Gesellschaft und Unternehmensführung (kurz ESG; Environmental, Social, Governance) zu berichten. Ziel ist es, mehr Transparenz zu schaffen und vergleichbare Informationen für Investor*innen, Verbraucher*innen und die Öffentlichkeit bereitzustellen.15 Auch bei der Umsetzung der CSRD herrscht derzeit viel Unsicherheit. Die Europäische Kommission hat mit dem sogenannten „Omnibus-Simplification-Paket“ Vorschläge gemacht, um vor allem KMU zu entlasten.16 Gleichzeitig wurden die Fristen für die ersten CSRD-Berichte verschoben: Durch die Stop-the-Clock-Richtlinie (EU) 2025/794 bekommen große Unternehmen, die eigentlich zur zweiten Welle gehören, sowie börsennotierte KMU aus der dritten Welle zwei Jahre mehr Zeit.17 Am 3. September 2025 hat das Bundeskabinett den Gesetzentwurf zur nationalen Umsetzung der CSRD beschlossen, der die Anpassungen des Omnibus-Simplification-Pakets berücksichtigt und die Unternehmen vorübergehend entlastet.18 Zusätzlich hat die Kommission im Juli 2025 einen vereinfachten „ESRS (European Sustainability Reporting Standards)-Quick-Fix“ für die bestehenden Nachhaltigkeitsstandards veröffentlicht und einen freiwilligen, vereinfachten Berichtsstandard für kleinere Unternehmen (Voluntary Sustainable Reporting for Micro-Entities, VSME) vorgestellt.19 Diese ständigen Änderungen bei Regeln, Fristen und Inhalten machen es für Unternehmen schwer, verlässlich zu planen. Dadurch zögern einige, in nachhaltige Strukturen und Prozesse zu investieren und verschieben wichtige strategische Schritte. Unternehmen, die progressiv vorangehen, werden ausgebremst und erhalten einen Wettbewerbsnachteil. Notwendig wäre das Gegenteil: ein ambitionierter, verlässlicher Rahmen, der Orientierung gibt, Transparenz schafft und Unternehmen beim Übergang zur Klimaneutralität unterstützt, flankiert durch Förderung, Vereinfachung regulatorischer Regelwerke und Übergangshilfen, insbesondere für KMU. Konsistent gestaltet, wird Regulierung zu einem zentralen Ermöglichungsfaktor für unternehmerische Resilienz und zukunftsfähiges Wirtschaften. 2.2 Finanzierungsinstrumente Politische Finanzierungsinstrumente spielen in der Unterstützung der sozial-ökologischen Transformation eine essentielle Rolle. Derzeitige politische Richtungswechsel oder fehlgeleitete Anreize führen jedoch auch hier dazu, dass ihre Wirksamkeit eingeschränkt, Investitionssignale verzerrt und Unternehmen bei der Planung und Umsetzung nachhaltiger Maßnahmen verunsichert werden. CO₂ -Bepreisung Der europäische Emissionshandel (ETS 1) besteht seit 2005 und erfasst die energieintensive Industrie sowie die Energieerzeugung. Er basiert auf dem sogenannten ‚Cap-and-TradePrinzip‘: Für die zulässigen Emissionen wird eine jährlich sinkende Obergrenze („Cap“) festgelegt, die in Form von Zertifikaten ausgegeben wird. Unternehmen müssen für jede ausgestoßene Tonne CO 2 ein solches Zertifikat nachweisen. Da diese Zertifikate handelbar sind („Trade“), bildet sich der Preis am Markt durch Angebot und Nachfrage. Zuletzt lag er zwischen 80 und 100 €/t CO 2 . 20 Ab 2027 soll dieses System mit dem ETS 2 auf die Sektoren Verkehr und Gebäude ausgeweitet werden. Die Verpflichtung liegt dann nicht bei den Endverbraucher*innen, sondern bei den Brennstofflieferant*innen (z.B. Mineralölunternehmen, Gasversorger*innen), die Zertifikate für die durch ihre Produkte entstehenden Emissionen kaufen müssen. Die Zahl der Zertifikate sinkt jährlich, wodurch fossile Energieträger teurer werden und ein Marktpreis für CO2 entsteht. Prognosen sehen diesen Preis 2027 5 Politische Klarheit für klimaresilientes Wirtschaften: Unternehmen stärken, Kosten vermeiden unter dem ETS 2 bereits bei über 220€/t.21 Unternehmen müssen daher von längerfristig steigenden Heizund Kraftstoffkosten ausgehen – zugleich bleibt jedoch offen, wie schnell und stark diese Preissteigerungen tatsächlich eintreten. Der Zertifikatehandel gilt grundsätzlich als kosteneffizienter Klimaschutzmechanismus. Allerdings bestehen erhebliche Unsicherheiten: Die Preise für CO2-Zertifikate können stark schwanken, was die Investitionsplanung erschwert. Bleibt der Preis zu niedrig, verfehlt er seine Lenkungswirkung; steigt er hingegen zu schnell und zu stark, könnten insbesondere KMU und private Haushalte überfordert werden, vor allem dann, wenn Entlastungsmaßnahmen fehlen oder nur unzureichend greifen. Zusätzlich ist die politische Ausgestaltung des ETS 2 noch offen. Unklar ist, ob das System in seiner strikten Form umgesetzt wird oder ob es abgeschwächt, stufenweise eingeführt oder mit Preisoberund -untergrenzen versehen wird.22 Diese Unsicherheiten verkomplizieren die Erwartungen an künftige CO2-Preise und damit auch die Planungssicherheit für Unternehmen und Verbraucher*innen. Daher empfehlen Wissenschaft und Politik zunehmend, nicht am CO2-Preis selbst einzugreifen, sondern mögliche Belastungen über flankierende Maßnahmen abzufedern: etwa durch ein Klimageld für Haushalte sowie gezielte Unterstützung für KMU und besonders betroffene Branchen. Mit dem Klima-Sozialfonds im ETS 2 stehen dafür Mittel bereit, die Mitgliedstaaten über nationale Klimasozialpläne abrufen können, ergänzt durch Förderprogramme für klimafreundliche Investitionen. Deutschland hat bislang allerdings noch keinen solchen Klimasozialplan eingereicht. Entscheidend wird sein, hier rasch Klarheit zu schaffen, um Belastungsängste abzubauen und Planungssicherheit herzustellen.23 Klimaschädliche Subventionen Noch immer fließen in Deutschland jährlich rund 10 Milliarden Euro in Subventionen, die fossile Energieträger oder emissionsintensive Wirtschaftszweige begünstigen. Dazu zählen Steuervergünstigungen für Dieselkraftstoff, Energiesteuerbefreiungen für Kerosin sowie reduzierte Mehrwertsteuersätze auf tierische Produkte.24,25 Laut des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) machten diese klimaschädlichen Subventionen 2021 in Deutschland rund 1,9 % der gesamten Wirtschaftsleistung aus.26 Im Jahr 2022 wurden für die 746 Millionen Tonnen CO2, die in Deutschland ausgestoßen wurden, im Schnitt fast 100 Euro pro Tonne an staatlicher Unterstützung gezahlt, obwohl Unternehmen für den Ausstoß im EU-Emissionshandel nur etwa 80 Euro pro Tonne bezahlen mussten.27 Das zentrale Problem dieser Subventionen sind die Fehlanreize: Sie verzerren Marktmechanismen zulasten klimafreundlicher Alternativen, schwächen Investitionssignale und führen zu Wettbewerbsnachteilen für Unternehmen, die bereits in nachhaltige Geschäftsmodelle investieren. Unsicherheit entsteht zusätzlich dadurch, dass seit Jahren über ihren Abbau diskutiert wird, ohne dass klare politische Entscheidungen oder Zeitpläne vorliegen. Unternehmen können daher nur schwer einschätzen, ob sie mittelund langfristig mit fortbestehenden Privilegien fossiler Wettbewerber rechnen müssen oder ob sich Investitionen in klimafreundliche Technologien bald stärker auszahlen werden. Hinzu kommt, dass viele dieser Subventionen vor allem besserverdienenden Menschen zugutekommen. Ein typisches Beispiel ist das Dieselprivileg: Diesel wird in Deutschland aktuell deutlich niedriger besteuert als Benzin, mit einer Energiesteuer von circa 47 Cent pro Liter für Diesel gegenüber rund 65 Cent für Benzin, was insbesondere Vielfahrer*innen und Dienstwagenbesitzer*innen zugutekommt – Gruppen, die typischerweise eher in mittleren bis höheren Einkommensschichten zu finden sind.28 Gleichzeitig verursachen diese steuerlichen Vergünstigungen erhebliche Umweltund Gesundheitskosten für Staat und Gesellschaft, wobei insbesondere Menschen mit einem niedrigen sozioökonomischen Status stärkeren gesundheitlichen Belastungen wie bspw. Feinstaub ausgesetzt sind.29 Dieses Un- 6 Politische Klarheit für klimaresilientes Wirtschaften: Unternehmen stärken, Kosten vermeiden gleichgewicht steht im Widerspruch zu den Entlastungsabsichten der Bundesregierung und verdeutlicht die Notwendigkeit einer sozial ausgewogenen Reform der Subventionspolitik und einer ganzheitlich gedachten Verhältnisprävention. III Kosten des Nichthandelns für Unternehmen Der Klimawandel verursacht schon heute erhebliche wirtschaftliche Schäden, welche sich in den kommenden Jahren, analog zur fortschreitenden Erdüberhitzung, intensivieren werden. Zwischen 2000 und 2021 beliefen sich die klimawandelbedingten gesamtwirtschaftlichen Schäden in Deutschland auf mindestens 145 Mrd. Euro.30 Für den Zeitraum 2022–2050 werden, je nach Szenario, 280 bis 910 Mrd. Euro erwartet.31 Laut einer Studie der Boston Consulting Group (2024) könnten physische Klimarisiken wie Extremwetter, Betriebsunterbrechungen oder beschädigte Infrastruktur bis 2050 zwischen fünf und 25 % der Unternehmensgewinne gefährden.32 Neben den makroökonomischen Schäden zeigen sich die negativen Auswirkungen des Klimawandels bereits heute auch unmittelbar im Arbeitsalltag der Unternehmen: Körperliche Belastungen durch zunehmende Hitze, verstärkte Allergielast, neue Infektionsrisiken und mentale Belastungen durch die Bedrohung durch den Klimawandel führen zu Produktivitätseinbußen, Fehlzeiten und steigenden Kosten im Gesundheitssystem. 33,34 Hitze gilt als größtes klimawandelbedingtes Gesundheitsrisiko in Europa. 35 Sie erhöht u.a. das Risiko für Schlaganfälle, Herzinfarkte, Nierenschäden und Hitzschlag, mindert die Konzentration und Leistungsfähigkeit, steigert die Unfallgefahr und kann im schlimmsten Fall zum Tod führen. 36,37 2023 gingen in Deutschland geschätzt 37 Millionen Arbeitsstunden durch Hitze verloren, vor allem im Bauund Agrarsektor. 38 Laut eines Reports der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK) fühlten sich 23 % der Beschäftigten während Hitzewellen stark belastet, über die Hälfte berichtete verringerte Leistungsfähigkeit, 42 % Konzentrationsprobleme. 39 Die tatsächliche Höhe der (volks-)wirtschaftlichen Verluste hängt maßgeblich davon ab, ob und in welchem Umfang Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels wie auch zur Anpassung ergriffen werden. Eine von Flaute et al. (2022) durchgeführte Szenarioanalyse zeigt, dass erhebliche positive Auswirkungen auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) durch eine konsequente Anpassungspolitik erwartbar sind (siehe Abbildung 1).40 Extremwetter und Lieferketten Extremwetterbedingte Schäden umfassen vor allem Starkregen, Überschwemmungen, Dürren und Hitzewellen. Allein die Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 verursachte 40,5 Mrd. Euro Gesamtschaden, darunter über 560 Mio. Euro an Unternehmenssachschäden.41 Neben zerstörter Infrastruktur führen solche Ereignisse zu Produktionsausfällen und steigenden Versicherungsprämien. Modellrechnungen zufolge könnten sich Extremwetterschäden bei ungebremstem Klimawandel bis 2050 fast versechsfachen.42 Zusätzlich gefährden unterbrochene Lieferketten die Versorgung mit Rohstoffen und Vorprodukten, Transportund Beschaffungskosten steigen. Die Landwirtschaft ist hierbei besonders anfällig: Die Sommerdürre 2018 verursachte Ernteausfälle von 770 Mio. Euro und erforderte staatliche Nothilfen für rund 8.000 Betriebe.43 Solche Engpässe schlagen sich zudem unmittelbar in höheren Lebensmittelpreisen nieder, was die Kaufkraft der Verbraucher*innen mindert.44 Versicherungsrisiken Die beschriebenen Extremwetterereignisse verursachen weltweit steigende Schäden, die zunehmend nur noch unzureichend verAbbildung 1: Wirtschaftliche Auswirkungen des Klimawandels auf das Bruttoinlandsprodukt bis 2050 mit und ohne Anpassungsmaßnahmen Eigene Darstellung, angelehnt an: Flaute et al., 2022, S. 79 7 Politische Klarheit für klimaresilientes Wirtschaften: Unternehmen stärken, Kosten vermeiden Die tatsächliche Höhe der (volks-)wirtschaftlichen Verluste hängt maßgeblich davon ab, ob und in welchem Umfang Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels wie auch zur Anpassung ergriffen werden. Eine von Flaute et al. (2022) durchgeführte Szenarioanalyse zeigt, dass erhebliche positive Auswirkungen auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) durch eine konsequente Anpassungspolitik erwartbar sind (siehe Abbildung 1).40 Extremwetter und Lieferketten Extremwetterbedingte Schäden umfassen vor allem Starkregen, Überschwemmungen, Dürren und Hitzewellen. Allein die Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 verursachte 40,5 Mrd. Euro Gesamtschaden, darunter über 560 Mio. Euro an Unternehmenssachschäden.41 Neben zerstörter Infrastruktur führen solche Ereignisse zu Produktionsausfällen und steigenden Versicherungsprämien. Modellrechnungen zufolge könnten sich Extremwetterschäden bei ungebremstem Klimawandel bis 2050 fast versechsfachen.42 Zusätzlich gefährden unterbrochene Lieferketten die Versorgung mit Rohstoffen und Vorprodukten, Transportund Beschaffungskosten steigen. Die Landwirtschaft ist hierbei besonders anfällig: Die Sommerdürre 2018 verursachte Ernteausfälle von 770 Mio. Euro und erforderte staatliche Nothilfen für rund 8.000 Betriebe.43 Solche Engpässe schlagen sich zudem unmittelbar in höheren Lebensmittelpreisen nieder, was die Kaufkraft der Verbraucher*innen mindert.44 Versicherungsrisiken Die beschriebenen Extremwetterereignisse verursachen weltweit steigende Schäden, die zunehmend nur noch unzureichend verAbbildung 1: Wirtschaftliche Auswirkungen des Klimawandels auf das Bruttoinlandsprodukt bis 2050 mit und ohne Anpassungsmaßnahmen Eigene Darstellung, angelehnt an: Flaute et al., 2022, S. 79 sichert sind. 2024 beliefen sich die weltweiten Verluste durch Naturkatastrophen laut der Versicherungsagentur „Munich Re“ auf 320 Mrd. US-Dollar, nicht einmal die Hälfte davon war abgesichert.45 Auch in Deutschland nehmen Starkregen, Überschwemmungen oder Dürren zu. Ernst Rauch, Chefklimaforscher von Munich Re, warnt, dass ohne wirksame Präventionsund Anpassungsmaßnahmen die Schäden weiter zunehmen werden, unabhängig davon, ob sie von den Versicherern oder letztlich von der Gesellschaft getragen werden müssen.46 In Hochrisikogebieten wie Kalifornien ziehen sich Versicherer bereits zurück, was Unternehmen ohne Schutz existenziellen Risiken aussetzt. Ohne Versicherungsschutz geraten Hypotheken, Kredite und langfristige Investitionen ins Wanken.47 Auch in Europa können bei zunehmenden Klimarisiken Versicherungen künftig teurer werden oder Teile des Versicherungsschutzes reduziert werden, nicht zuletzt, weil Aufsichtsbehörden und Versicherer Klimarisikoszenarien stärker in den Blick nehmen und Risikoabschätzungen strenger werden.48 IV Transformation braucht Zusammenarbeit Die Fakten sprechen für sich: Produktionsprozesse und Lieferketten müssen widerstandsfähiger werden, Abhängigkeiten in vulnerablen Bereichen reduziert und Beschäftigte wirksam vor den Folgen des Klimawandels geschützt werden. Gleichzeitig müssen Treibhausgasemissionen schneller als bisher sinken, um das Fortschreiten 8 Politische Klarheit für klimaresilientes Wirtschaften: Unternehmen stärken, Kosten vermeiden der Erderwärmung zu begrenzen. Nur die rechtzeitige und umfassende Umsetzung von Klimaund Umweltschutzmaßnahmen schützt langfristig vor den beschriebenen Anpassungskosten, finanziellen Risiken und Gesundheitsgefährdungen.49 Damit die sozial-ökologische Transformation gelingt, müssen politische und wirtschaftliche Akteur*innen die ihnen zur Verfügung stehenden Hebel konsequent nutzen. Während es Aufgabe der Politik ist, durch Regulatorik und Finanzierung geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen, braucht es auf Seite der Unternehmen gezielte Investitionen in erneuerbare Energien, eine konsequente Umstellung auf nachhaltigere Geschäftspraktiken, Effizienzsteigerung und klimaresiliente Lieferketten ebenso wie die Anpassung von Arbeitsund Gesundheitsschutzmaßnahmen an wachsende Klimarisiken wie Hitze und Extremwetter. Auch systematische Klimarisikoanalysen, die in strategische Entscheidungen einfließen sowie der Aufbau und die kontinuierliche Schulung interner Nachhaltigkeitskompetenzen sind entscheidend. Dabei darf Gesundheit im Nachhaltigkeitsdiskurs kein blinder Fleck bleiben. Arbeitsschutz, betriebliche Gesundheitsförderung und Prävention müssen ein integraler Bestandteil jeder Nachhaltigkeitsstrategie sein. Nur so kann nachhaltiges Wirtschaften auch soziale Stabilität und Resilienz sichern. Handlungsempfehlungen für Gesetzgebende auf Bundesund EU-Ebene • Konsequente Umsetzung und Erweiterung von Nachhaltigkeits-Gesetzen und Richtlinien für Unternehmen (CSDDD, LkSG, CSRD): Verbindliche und kontinuierliche Standards fördern ambitionierte Nachhaltigkeitsbestrebungen sowie Planungssicherheit und verhindern Wettbewerbsverzerrungen. • Ausweitung von Übergangshilfen und gezielten Förderprogrammen für kleine und mittlere Unternehmen: Die Unterstützung erleichtert die Transformation, senkt Transformationsrisiken und stärkt den Wirtschaftsstandort. • Gezielte Verwendung der Einnahmen aus CO 2 -Bepreisung für Klimaschutzund Anpassungsmaßnahmen: Einnahmen dürfen nicht im Haushalt versickern, sondern müssen zweckgebunden zur Entlastung von Unternehmen und Haushalten eingesetzt werden. • Konsequenter Abbau klimaschädlicher Subventionen: Der Abbau schafft faire Wettbewerbsbedingungen für klimafreundliche Alternativen und setzt finanzielle Mittel für Zukunftsinvestitionen frei. Handlungsempfehlungen für Unternehmen: • Durchführung von Klimarisikoanalysen und Integration in strategische Entscheidungen: Systematische Risikoanalysen helfen, Schäden zu vermeiden und Chancen zur Klimaanpassung frühzeitig zu nutzen. • Intensivierung der Investitionen in erneuerbare Energien, nachhaltige Geschäftspraktiken, Effizienzsteigerung und klimaresiliente Lieferketten: Investitionen senken Kosten, stärken Wettbewerbsfähigkeit und mindern Abhängigkeiten. 9 Politische Klarheit für klimaresilientes Wirtschaften: Unternehmen stärken, Kosten vermeiden • Anpassung von Arbeitsund Gesundheitsschutzmaßnahmen an Klimarisiken wie Hitze und andere Extremwetter: Schutz der Beschäftigten sichert Produktivität, reduziert Fehlzeiten und fördert die Mitarbeitendenbindung sowie die langfristige Arbeitsfähigkeit. • Aufbau und Schulung interner Nachhaltigkeitskompetenzen: Wissen und Expertise im Unternehmen sind Voraussetzung für die wirksame Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrategien. Fazit Eine Wirtschaft, die auf Resilienz, Verantwortung und Gerechtigkeit setzt, kann zum Motor einer nachhaltigen Transformation werden und Innovationskraft entfalten. Damit das gelingt, braucht es jetzt den politischen Willen, verlässlich und langfristig klimasensibles unternehmerisches Handeln zu unterstützen und den Mut, klimaresilientes Wirtschaften zur neuen Normalität zu machen. Politische Institutionen sind gefordert, stabile Rahmenbedingungen, klare Standards und langfristige Investitionsanreize zu setzen. Unternehmen müssen diese Vorgaben in strategische Entscheidungen übersetzen, Risiken aktiv managen und ihre Geschäftsmodelle zukunftsfähig gestalten, damit die Transformation gelingen kann.