Technischer Fortschritt und Beschäftigung in kapitaltheoretischer Sicht
Abstract
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Full text
Fehl, Ulrich Article Technischer Fortschritt und Beschäftigung in kapitaltheoretischer Sicht Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Fehl, Ulrich (1975) : Technischer Fortschritt und Beschäftigung in kapitaltheoretischer Sicht, Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik, ISSN 0342-1783, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 95, Iss. 2, pp. 135-170, https://doi.org/10.3790/schm.95.2.135 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291351 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Technischer Fortschritt und Beschäftigung in kapitaltheoretischer Sicht Von Ulrich Fehl Der technische Fortschritt kann danach klassifiziert werden, wie er die durchschnittliche Produktionsperiode verändert. Diese Klassifikation erweist sich bedeutsam für die Analyse des mit dem technischen Wandel verbundenen Beschäftigungsproblems. 1. Das Problem Die Verbesserung im Aufbau des Produktionsapparates, die gemeinhin mit dem Terminus „technischer Fortschritt" umrissen wird, bedeutet — auf die gleiche Produktmenge bezogen — eine Einsparung von Produktionsfaktoren. Da Kapital als vorgetane Arbeit aufgefaßt werden kann, wenn man vom Produktionsfaktor „Natur" absieht, impliziert der technische Fortschritt letztlich eine Einsparung von Arbeitskräften auf den verschiedenen Stufen bzw. Sektoren der Produktion. In komparativ-statischer Betrachtung heißt dies aber, daß zur Erstellung des gleichen Sozialproduktes weniger Arbeitskräfte als bisher benötigt werden. Es werden also Arbeitskräfte „freigesetzt" bzw. die Beschäftigung geht zurück1, wenn es nicht gelingt, die Produktion zu steigern und die vermehrte Gütermenge auf den Märkten abzusetzen. Letzteres wiederum gelingt nur dann, wenn die Bevölkerung bereit und in der Lage ist, den realen Konsum zu erhöhen. Um im Gefolge des technischen Fortschritts auftretende Beschäftigungsprobleme zu vermeiden, scheint es also primär darauf anzukommen, den Konsum zu steigern und das Sparen zu drosseln, denn letzteres scheint sich hier eher störend auszuwirken und den Prozeß der Reabsorption der Arbeitskräfte zu verlängern. Es ist nun das Ziel der folgenden Ausführungen zu zeigen, daß eine solche Sicht der Dinge verfehlt ist, weil sie die komparativ-statischen Aspekte des Problems — Vergleich zweier Gleichgewichtszustände — verabsolutiert und folglich die Art des technischen Fortschritts und den zeitlichen Prozeß seiner Realisation nicht in angemessener Weise berücksichtigt. 1 Von einer Verkürzung des Arbeitstages sei abgesehen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.95.2.135 | Generated on 2023-04-04 11:52:05
136 Ulrich Fehl Die Wirkungen des technischen Fortschritts sind in der Literatur je nach der Aktualität des Beschäftigungsproblems in der praktischen Wirtschaftspolitik mit unterschiedlicher Intensität analysiert worden2. Die hier näher zu behandelnde Fragestellung — der technische Fortschritt als kapitaltheoretisches Problem — geht letztlich auf die Klassiker, insbesondere Ricardo (vgl. Ricardo 1972, S. 286 ff.) zurück. Das Problem ist in meisterhafter Weise von Euchen in seinen „Kapitaltheoretischen Untersuchungen" (vgl. Euchen 1954, S. 161 ff.) in Angriff genommen worden. Nur dem Niedergang der temporalen Kapitaltheorie im deutschsprachigen Gebiet ist es zu verdanken, daß die Art und Weise, wie Euchen das Problem anpackte, in Vergessenheit geraten ist. Mit anderem Instrumentarium, aber in gleicher Absicht hat neuerdings Hichs das Problem wieder aufgegriffen (vgl. Hichs 1973, insbes. S. 89 bis 109)3. Der Hichssche Ansatz soll als Grundlage der folgenden Überlegungen dienen. 2. Eine einfache Version des Hicksschen Modells der zeitlichen Erfassung des Produktionsprozesses „The Hichs approach, based on the Austrian tradition associated with Böhm-Bawerh, K. Wichsell and Hayeh, is a generalization of the idea that a time flow of inputs produces current Output." (Burmeister, 1974, S. 415). Mit diesen Worten charakterisiert Burmeister den Hicksschen Ansatz. Fragt man nach der Art der Verallgemeinerung und damit zugleich danach, warum Hichs sein Modell als „Neo-Austrian" und nicht schlicht als „Austrian" bezeichnet, so scheint die Berücksichtigung der fixen Kapitalgüter eine zentrale Rolle zu spielen. Hichs hält den Ansatz der „Österreicher" für begrenzt, weil der Begriff der durchschnittlichen Produktionsperiode — oder gleichbedeutend damit: der Begriff der mittleren Ausreifungszeit — sich nur im Falle der Abwesenheit dauerhafter Kapitalgüter sinnvoll verwenden lasse4 (vgl. Hichs, 1973, S. 8). Daraus ergibt sich, daß Hichs nicht mit dem Begriff der durchschnittlichen Produktionsperiode arbeitet. Vielmehr packt er das Problem in der Weise an, daß er mit Ausgabenund Einnahmenströmen, die auf Investitionsobjekte bezogen sind, operiert. Ein einzelnes Objekt — etwa verkörpert durch eine „Anlage" — bezeichnet er als einen Prozeß (vgl. Hichs, 1973, S. 3 ff.). Über diese Prozesse macht er recht allgemeine Annahmen, so daß die verschiedensten Einnahmenund Ausgaben2 Die letzte größere Debatte läßt sich mit dem Stichwort „Automation" kennzeichnen. 3 Eine Zusammenfassung der wesentlichen Gedankengänge dieses Buches mit kritischen Kommentaren gibt E. Burmeister (1974). — Vgl. auch JE. Heuss (1975). ^ Daß diese Auffassung nicht stichhaltig ist, wird weiter unten erläutert. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.95.2.135 | Generated on 2023-04-04 11:52:05
Technischer Fortschritt u. Beschäftigung in kapitaltheoretischer Sicht 137 ströme mit ihnen vereinbar sind5. Einschränkend6 nimmt er jedoch an, daß die Lebensdauer der „Prozesse" variabel ist und folglich immer eine solche zeitliche Erstreckung des Investitionsobjektes gewählt werden kann, die den Kapitalwert des Prozesses bei gegebenem Marktzinsfuß maximal werden läßt7. Mit diesem allgemeinen Hicfcsschen Modell ist ein Rahmen gesetzt, innerhalb dessen eine Vielzahl von Konstellationen formuliert werden kann8. Aber gerade deswegen ist es schwer, anhand dieses Modells zu eindeutigen Aussagen zu kommen. Es ist daher für analytische Zwecke angebracht, das „Muster" im zeitlichen Aufbau der Produktion bei zureichender Allgemeinheit in einem einfacheren bzw. spezielleren Schema einzufangen. Dies gelingt Hicks in überzeugender Weise mit der Annahme eines „Simple Profile": „There is a construction period, lasting m weeks, in which labour is applied at a constant rate but in which there is no final Output. It is followed by a utilization period, lasting a further n weeks, in which labour is supplied at a constant rate. — I shall describe this form as a Simple ProfileV Hicks spricht von einem „Standard Case", wenn alle „Techniken" bzw. „Prozesse" — sowohl die alten wie die neuen — diese einfache Struktur haben (vgl. Hicks, 1973, S. 82 f.). Er vervollständigt schließlich die Einengung der Voraussetzungen mit der Annahme, daß alle Techniken die gleiche Zeitstruktur haben10. Es stellt dann praktisch nur noch eine rechentechnische Vereinfachung dar, wenn Hicks unterstellt, daß die Länge der Nutzungsperiode ein ganzzahliges Vielfaches der Konstruktionsperiode beträgt. Damit wird es möglich, in „Jahren" statt in „Wochen" zu rechnen und zwar in der Weise, daß die Konstruktionszeit der Maschinen gerade ein „Jahr" definiert. Mit diesem Modell wird im folgenden gearbeitet, wobei der Einfachheit halber von n = 2 Nutzungs5 Das Böhm-Bawerksche Hingschema stellt in diesem Rahmen lediglich einen Spezialfall dar. « Immerhin sind diese Annahmen noch so allgemein, daß etwa das Reswitching-Phänomen bei verschiedenen „Techniken", d. h. unterschiedlichen Prozessen zur Erstellung des gleichen Produkts, nicht ausgeschlossen werden kann. 7 Die Möglichkeit der zeitlichen Verkürzung des Ausgabenund Einnahmenstromes — sie wird in der angelsächsischen Literatur als „truncation" bezeichnet — ist zentral für die Sicherstellung einer monoton fallenden „factor-price frontier". (Vgl. K. J. Arrow und D. Levhari, 1969, S. 560 ff.). 8 Eine weitere Verallgemeinerung bietet Burmeister an. (Vgl. E. Burmeister, 1974, insbes. S. 441 - 444 und S. 451 - 453.). 9 Hicks, 1973, S. 41. Die Annahme, daß die „Maschine" in der Konstruktionsperiode mit sukzessiver Aufwendung nur von Arbeit erstellt wird, stellt in technischer Hinsicht eine drastische Vereinfachung dar, erweist sich aus ökonomischer Perspektive jedoch als relativ harmlos. Vgl. Hicks, 1973, S. 83. Das läuft auf die Bedingung hinaus, daß m und n bei allen Techniken übereinstimmen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.95.2.135 | Generated on 2023-04-04 11:52:05
138 Ulrich Fehl jähren ausgegangen wird. Jeder „Prozeß" erstreckt sich somit insgesamt über einen Zeitraum von drei Jahren. Die zeitliche Struktur des Produktionsprozesses sei etwas ausführlicher an einem Beispiel demonstriert. Dabei läßt sich die den „Prozessen" korrespondierende „Technik" durch die jährlichen Arbeitseinsätze auf den verschiedenen Stufen des Produktionsprozesses charak5 terisieren. So wird mit aj = — der jährliche Arbeitseinsatz in der Konstruktionsabteilung bezeichnet. Die Maschine, die am Ende des „Jahres" ausschließlich mit Arbeit fertiggestellt worden ist, wandert dann in die Konsumgüterabteilung und wird dort zur Erzeugung der Konsumgüter 7 in jedem der beiden Nutzungsjähre mit a* = — Arbeitseinheiten kombiniert. Die Arbeitseinsatzkoeffizienten a* und a* sind dabei so normiert, daß der betrachtete „Prozeß" gerade auf dem Einheitsniveau abläuft, das heißt es fällt je „Prozeß" und Nutzungsjahr genau eine Konsumguteinheit ab. Das zeitliche „Profil" eines Prozesses sei durch Abb. 1 veranschaulicht. 1 Naschinen-' sinheit 1 Konsumgüteinheit 1 Konsumguteinheit Output Input i 5 a c" o 6 *> 1 1 1 1 1 1 i 1 ' a. 1 ' " J Konstruktionsperiode Nutzungs ¡periode Abb. 1 Benutzt man — wie Hicks — die Konsumgütereinheit als numéraire und unterstellt einen in diesem Maßstab ausgedrückten Lohnsatz von w — 1, so impliziert dies im vorliegenden Falle einen Zinssatz von * 7 r = 0. Denn nach Auszahlung des jährlichen Lohnes von ax = — Kon5 sumguteinheiten in der Konsumgüterabteilung stehen nur noch — Konsumguteinheiten für Amortisation und Verzinsung zur Verfügung. Diese aber reichen gerade zur Deckung des jährlichen Abschreibungsu * 1 * 15 5 betrages von — aj = y — = — aus11. r (1 + r)» ii Allgemein gilt: 1 = ax w + a0 wrn mit rn = + _ 1 . Hicks bezeichnet rn als „Bruttozinssatz" (vgl. Hicks, 1973, S. 85). Es handelt sich jedenfalls um einen Zinsen und Abschreibungen umfassenden Term. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.95.2.135 | Generated on 2023-04-04 11:52:05
Technischer Fortschritt u. Beschäftigung in kapitaltheoretischer Sicht 139 Die Tatsache, daß die gewählte Technik12 weder einen positven noch einen negativen Zins erwirtschaftet, kann als Bedingung eines stationären Zustands im Sinne der Schumpeterschen Zinstheorie aufgefaßt werden. Um den Rahmen des stationären Zustandes zu komplettieren, sei weiter angenommen, daß die zu verschiedenen Zeitpunkten gestarteten Prozesse alle die gleiche „Startrate" — also die gleiche Anzahl von Prozessen auf dem Einheitsniveau — aufweisen. Bezeichnet man — jeweils auf den Beginn des betrachteten Jahres bezogen — mit XQ die „neuen", mit xi die ein Jahr alten und mit X2 die zwei Jahre alten „Prozesse, so hat also xo = xi =X2 zu gelten. Da Niveauprobleme hier nicht interessieren, kann der Einfachheit halber xo = x\ = X2 = 1 gesetzt werden13. Die Konsumgutproduktion und damit das Volkseinkommen stellen sich dann auf Y = x\ + X2 = 2 Einheiten. In jeder Periode sind in 5 5 der Konstruktionsabteilung Ao = xo • ag = 1 • -- = — Arbeitseinheiten und 6 6 7 7 7 in der Konsumgüterabteilung Aig = x\ • af + xo af = 1 • — + 1 • — = — Arbeitseinheiten beschäftigt. Da Vollbeschäftigung unterstellt wird, ergibt sich das Arbeitspotential der Modellwirtschaft mit A = Ao + Ai,2 = 2 Arbeitseinheiten. Wegen w = 1 schöpfen die Arbeitskräfte das gesamte Volkseinkommen aus. Abb. 2 veranschaulicht die Situation des Gleichgewichtszustandes einer Periode. Output der Periode t 7 12 Prozess x^ = 1 i | | ^ 1 Konsumgut- (t-2) (t-1) (t) 3inheit __7 12 Prczess x^ = 1 (t-1 ) Ct 3 (t + 1 ) 1 Konsumguteinheit 3o = 6 (t) Prozess x 1 Maschine (t + 1) (t + 2) Abb. 2 12 Die unterstellte Technik braucht nicht die einzig vorhandene zu sein. Es genügt die Annahme, daß sie bei dem Lohnsatz w = 1 die einzig „rentable", und das heißt hier zugleich die einzig lebensfähige, ist. 13 Es laufen also zunächst alle Prozesse auf dem Einheitsniveau ab. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.95.2.135 | Generated on 2023-04-04 11:52:05
140 Ulrich Fehl Die Wahl eines stationären Zustandes als Ausgangssituation entspricht nicht ganz dem Vorgehen von Hicks, da er eine gleichmäßig wachsende Wirtschaft (steady state) als Referenzpfad benutzt (vgl. Hicks, 1973, S. 90). Die folgenden Überlegungen werden aber durch die Unterstellung des stationären Zustandes als Ausgangspunkt nicht oder nur unwesentlich beeinträchtigt. Im Gegenteil, die Grundlinien des Sachverhalts treten klarer hervor, zumal die formalen Ableitungen einfacher werden. Außerdem kann der stationäre Zustand als Spezialfall eines solchen „steady state" mit der Wachstumsrate g = 0 angesehen werden. 3. Der Übergang von einem alten zu einem neuen stationären Gleichgewichtszustand bei verschiedenen Formen des technischen Fortschritts Die Leistungsfähigkeit des HicTcsschen Ansatzes zeigt sich in erster Linie bei der Analyse des Überganges von einem Gleichgewichtspfad zu einem anderen, wobei der Übergang durch die Einführung einer neuen Technik ausgelöst wird14. Hicks macht hier einen wesentlichen Schritt nach vorn gegenüber der Behandlung des technischen Fortschritts bei den neoklassischen Wachstumstheoretikern, die die temporalen Kategorien sträflicherweise vernachlässigt haben. Selbstverständlich erfordert die Analyse des „Überganges" von einer Technik zur anderen bestimmte Annahmen über die Art und Weise, wie der Prozeß ablaufen soll. Insbesondere betrifft dies Annahmen über die Art der Lohnbildung, die Sparfunktion und das Arbeitspotential15. Um die hier interessierenden Zusammenhänge zwischen technischem Fortschritt, Beschäftigung und Sparen in ihrer „reinen Form" darzustellen, empfiehlt es sich, Vollbeschäftigung bei gegebenem Arbeitspotential zuzulassen, wenn der Lohnsatz nur beweglich genug ist16. Das Beschäftigungsproblem aber wird akut, wenn die Einführung des technischen Fortschritts bei Aufrechterhaltung der Vollbeschäftigung eine vorübergehende Reduktion des Lohnsatzes erfordern würde, die jedoch nicht realisiert werden kann, weil die Löhne nach unten starr oder zumindest nicht genügend flexibel sind. Formal wird bei der Analyse des Überganges in der Weise vorgegangen, daß zunächst Vollbeschäftigung unterstellt und erst danach geprüft wird, ob diese mit dem bisherigen 14 Hicks behandelt diese Übergänge unter der Bezeichnung „Traverse" im zweiten Teil seines Buches. Hicks unterscheidet zwei große Varianten, nämlich den Fall konstanter Löhne („Fixwage Path") und den der Vollbeschäftigung („Full-Employment Path"). 16 Damit werden vor allem konjunkturelle Störfaktoren eliminiert. Das gleiche gilt für zeitliche und sektorale Anpassungsschwierigkeiten. Es wird also gleichsam von idealen Bedingungen ausgegangen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.95.2.135 | Generated on 2023-04-04 11:52:05
Technischer Fortschritt u. Beschäftigung in kapitaltheoretischer Sicht 141 Lohnsatz vereinbar ist. Weiterhin wird angenommen, daß die Kapitaleinkommen insoweit gespart und investiert werden, als dies für die Aufrechterhaltung des in der Ausgangslage gültigen Lohnsatzes oder darüber hinausgehend für Lohnsteigerungen erforderlich ist17. Schließlich soll postuliert werden, daß die alten Prozesse alle auslaufen, also nicht durch Verschrottung vorzeitig beendet werden. Außerdem sollen durch Veränderungen im Lohnsatz-Zinssatz-Verhältnis keine weiteren Techniken ökonomisch relevant werden18, vielmehr bleibe während des gesamten Übergangsprozesses die neue Technik dominant. Hicks unterteilt den Übergangsprozeß in zwei Phasen: „Early Phase" und „Late Phase". In der „Early Phase" tritt die neue Technik auf den Plan. Sie beginnt mit der „Preparatory Phase", in der die Maschine nach den Plänen der neuen Technik angefertigt wird. Das Ende der „Preparatory Phase" fällt mit dem Eintritt der neuen Maschinen in die Konsumgüterabteilung zusammen. Der nun beginnende zweite Teil der „Early Phase" ist durch die Koexistenz von alten und neuen Prozessen charakterisiert; es ist die Zeit des „Überganges" im engeren Sinne. So beginnt die „Late Phase" in dem Augenblick, in dem die Prozesse alter Technik gerade abgeschlossen sind. Daß es notwendig wird, die „Late Phase" noch zum Übergangsstadium zu rechnen, obwohl die Szenerie schon völlig von der neuen Technik beherrscht wird, ergibt sich daraus, daß nach Abschluß der „Early Phase" in der Regel noch nicht wieder ein Gleichgewichtspfad (Steady State bzw. neuer stationärer Zustand) erreicht wird. Da die Ursache in dem Wechsel der Technik liegt, muß konsequenterweise die „Late Phase" noch zum Übergang gezählt werden. Während die Verhältnisse in der „Early Phase" noch relativ überschaubar sind, wird es schwierig, über die „Late Phase" generelle Aussagen zu machen. Sie kann unter Umständen erst nach theoretisch unendlich vielen Perioden in einen neuen Gleichgewichtspfad ausmünden. Es kann aber auch sein, daß ein solcher überhaupt nicht wieder erreicht wird. Es sei im folgenden allerdings unterstellt, daß die „Stabilitätsbedingungen" derart sind, daß sie das Erreichen eines neuen stationären Systems garantieren. 5 7 Ausgehend von der Situation mit der Technik aj = — und tff = — u 6 12 werden nun verschiedene technische Fortschritte betrachtet, die alle Damit ist freilich nicht gesagt, daß diese Sparmittel in jedem Falle ausreichen, um den Lohnsatz bei Vollbeschäftigung auf dem bisherigen Niveau zu halten. 18 Zur „Substitution" verschiedener Techniken vgl. Hicks, 1973, S. 110 ff. Dabei handelt es sich im wesentlichen um den Versuch der Unternehmer, höheren Löhnen durch den Ubergang zu einer anderen Technik auszuweichen. Es ist ein wesentliches Ergebnis der Hidcsschen Überlegungen zur „Substitution", daß gerade durch ein solches Verhalten der Unternehmer in der langen Sicht erst recht höhere Löhne erzeugt werden (vgl. Hicks, 1973, S. 115). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.95.2.135 | Generated on 2023-04-04 11:52:05
142 Ulrich Fehl gemeinsam haben, daß sie bei dem Lohnsatz w = 1 einen Zinssatz (interne Ertragsrate) von r = ^ erwirtschaften. Sie sind also alle in diesem Sinne gleich „rentabel". Da sich bei den hier unterstellten Bedingungen der Übergang von einer „Technik" zur anderen in formaler Hinsicht völlig analog abspielt, gleichgültig, welche Form des technischen Fortschritts vorliegt, genügt es, die Verhältnisse in den Übergangsperioden nur an einem Fall im Detail vorzuführen, während man sich in bezug auf die anderen Fälle des technischen Fortschritts auf ein paar zusätzliche Bemerkungen beschränken kann, zumal in der nachstehenden Tabelle 1 alle Fälle noch einmal systematisch erfaßt werden. (Vgl. S. 147.) a) Der unkomplizierteste Fall tritt ein, wenn die neue Technik etwa 5 7 durch die Koeffizienten ao =-5-, ai bestimmt wird19. Da einerseits o 16 angenommen wird, daß die alten Prozesse auslaufen sollen, andererseits diese sich ausschließlich in der Konsumgüterabteilung befinden, ist die hier zum Zuge kommende Beschäftigung (Ai,2) allein durch die alten Prozesse bestimmt. Wegen der Bedingung des ursprünglichen stationären Zustandes xo = = X2 = 1 ergibt sich Ai,2 = x\ • aj + X2 • a* 7 = —. Die Konsumgüterproduktion beträgt in dieser Periode weiterhin 6 Y = xi + X2 = 2. Da Vollbeschäftigung unterstellt wird, insgesamt aber nur zwei Arbeitseinheiten vorhanden sind, verbleiben für die Konstruktionsabteilung nur Arbeitskräfte in Höhe von Ao = A — Ai,2 = 2 — 7 5 — = — übrig. Da für einen neuen Prozeß nach dem technischen Fortb 6 5 schritt nur noch — Arbeitseinheiten benötigt werden, wenn er sich auf o — A 5 5 4 dem Einheitsniveau bewegt, können nun x0 = — = -:—- = — Prozesse ÜQ DO O gestartet werden; xo bezeichnet dabei die Startrate der Prozesse mit neuer Technik. In der nächsten Periode („Jahr") werden die neuen Maschinen zum ersten Mal in der Konsumgüterabteilung eingesetzt. Hier produzieren 4 nun alte (x-2 = 1) und neue (xi = —) Maschinen20 nebeneinander. Die ü 19 Daß diese Technik bei einem Lohnsatz von w = 1 einen internen Ertragssatz von r = 0,5 liefert, läßt sich leicht nachprüfen, wenn man in den in Anmerkung 11 angegebenen Formeln unter Berücksichtigung von n = 2 die entsprechenden Werte einsetzt. 20 Es ist zu beachten, daß in der nun betrachteten Periode die x-Werte der Vorperiode einen um eins erhöhten Index aufweisen: x2 der Vorperiode scheidet aus dem Produktionsprozeß aus, xx wird zu x2 und x0 zu x^ Selbstredend verändern sich hierbei die numerischen Werte nicht. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.95.2.135 | Generated on 2023-04-04 11:52:05
Technischer Fortschritt u. Beschäftigung in kapitaltheoretischer Sicht 149 machen. Nach Hicks kann der technische Fortschritt neutral, „forward biased" oder „backward biased" sein. „Backward biased" ist der technische Fortschritt dann, wenn die Einsparungen an „lebendiger" Arbeit überwiegend auf den frühen, „forward biased" dann, wenn sie überwiegend auf den „späten" Stufen der Produktion erfolgen. Werden alle „Stufen" gleichmäßig vom Segen des Fortschritts berührt, nennt man ihn „neutral". In dem Modell, das Hicks seinem „Traverse" zugrundelegt, läßt sich die Einteilung des technischen Fortschritts mit Hilfe der Kennziffern h = ag / a0 und H = aj / ax charakterisieren. Ein „neutraler" Fortschritt liegt vor, wenn h = H gilt25. Es liegt auf der Hand, daß das unter 3 a) behandelte Beispiel diesen Fall veranschaulicht. Ist h> H, so handelt es sich um einen „backward bias", er wird durch das Beispiel 3 d) repräsentiert. Schließlich stellen die Beispiele 3 b) und 3 c) wegen h < H den Fall des „forward bias" dar. Den besonders interessanten Typus 3 c) kennzeichnet Hicks wegen h < 1 noch genauer als „strong forward bias"26, weil hier auf der frühen Stufe ein Mehraufwand geleistet werden muß, dem freilich dann eine um so stärkere Reduktion des Arbeitseinsatzes auf den „späten" Stufen folgen muß. 5. Die Analyse des Sparprozesses bei den verschiedenen Formen des technischen Fortschritts Vergleicht man die neuen Gleichgewichtszustände, die sich bei den verschiedenen Formen des technischen Fortschritts ergeben, mit der Ausgangssituation, so stellt sich heraus, daß die neuen Arbeitseinsatzstrukturen höchst unterschiedlich sind. In der Konstruktionsabteilung 5 sind ursprünglich A0 = — Arbeitseinheiten beschäftigt. Nach der „Verarbeitung" des technischen Fortschritts ergeben sich folgende Situationen: Neutraler Fall (3 a): A0 = Forward bias (3 b): ¿0 = Strong forward bias (3 c): Ao = backward bias (3d): A> = 25 Zur Definition der Neutralität im allgemeineren Falle vgl. Hicks, 1973, S. 76. 26 Vgl. Hick, 1973, S. 86 f. Man kann auch den „backward bias" entsprechend aufspalten, doch ist diese Aufspaltung nicht so interessant wie im umgekehrten Falle (vgl. Hicks, 1973, S. 88). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.95.2.135 | Generated on 2023-04-04 11:52:05
150 Ulrich Fehl Hinsichtlich der „Bewegungsrichtung" der Arbeitskräfte müßte man daher eigentlich genau zu der umgekehrten Klassifikation des technischen Fortschritts kommen27. Der Zusammenhang zwischen diesen Verschiebungen in der Arbeitseinsatzstruktur und den Sparvorgängen läßt sich leicht aufweisen. Es ist nur daran zu erinnern, daß Sparen letztlich nichts anderes bedeutet als Verzicht auf Konsumgüterverbrauch. Kann man Hortungsvorgänge ausschließen, so wird den Herstellern von Investitionsund Konsumgütern in Höhe des Sparens zusätzliches „Kapital" — also Verfügungsmacht über Konsumgüter28 — verschafft, was sie in die Lage versetzt, bei gleichem Lohnsatz mehr Arbeitskräfte als bisher einzusetzen oder die bisher Beschäftigten höher zu entlohnen. Die Analyse des Sparprozesses läßt sich nun wesentlich vereinfachen, wenn angenommen wird, daß die Arbeitskräfte postnumerando entlohnt werden. Eine solche Annahme impliziert, daß die Lohnzahlungen am Ende der Periode aus dem während dieser Periode erstellten Produkt bestritten werden. Dies wiederum bedeutet, daß für die in der Konsumgüterindustrie beschäftigten Arbeitskräfte kein „Kapital" aufgewendet werden muß. Damit können die Lohnzahlungen der Konsumgüterindustrie bei der Analyse des Sparprozesses unberücksichtigt bleiben. Während also die Arbeitskräfte in der Konsumgüterindustrie gleichsam ihre eigenen Subsistenzmittel produzieren, liegen die Dinge in bezug auf die Arbeitskräfte in der Kapitalgüterindustrie anders. Hier besteht zwischen der eigenen Arbeitsleistung und dem Anfall der Konsumgüter ein zeitlicher Zwischenraum. Erhöhung von Ao bei gleichbleibendem Lohnsatz bedeutet demnach, daß gespart werden muß, weil nun mehr Arbeitskräfte als bisher alimentiert werden müssen, ohne daß sie selbst zur Produktion von Konsumgütern unmittelbar beitragen. Umgekehrt markiert — wiederum bei konstantem Lohnsatz — eine Verminderung von Ao einen Entsparvorgang29. 27 Es wird sich weiter unten zeigen, daß die Klassifikation anhand der durchschnittlichen Ausreifungszeit nicht nur plastischer ist, sondern in dieser Hinsicht auch weniger zu Verwechslungen Anlaß gibt als die Hickssche Namensgebung. Vgl. hierzu auch Heuss, 1975, S. 293. 28 Vgl. zu diesem Kapitalbegriff und den beiden Aspekten der „Kapitalerscheinung" Euchen, 1954, S. 124 ff. sowie zur Theorie des Sparens ebda., S. 132 f. So definiert Eucken, „Unter diesem zweiten Aspekt verstehen wir unter Kapital die in Geld ausgedrückte Verfügungsmacht über Konsumgüter, die von den Unternehmern in einem Zeitpunkt aufgewandt werden, um zukünftige Produktionsmittel und Konsumgüter herzustellen." (Ebenda, S. 126). — Es ändert sich für das zur Diskussion stehende Problem nichts, wenn das „Kapital" hier nicht als Geld, sondern unmittelbar als Konsumgut in Erscheinung tritt. 29 Bei der Analyse des Übergangs von einer Technik zur anderen sind „ideale" Bedingungen unterstellt worden, die Friktionen ausschließen. Auf der Ebene der Unternehmer impliziert dies völlige Transparenz über die GeOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.95.2.135 | Generated on 2023-04-04 11:52:05
Technischer Fortschritt u. Beschäftigung in kapitaltheoretischer Sicht 151 Damit ist der oben behauptete Zusammenhang zwischen der Veränderung von Ao und dem Sparen (bzw. Entsparen) nachgewiesen. Bevor auf die eigentliche Analyse des Sparprozesses eingegangen werden kann, ist es noch erforderlich zu zeigen, welche Stellung das Sparen im hier aufgeworfenen Beschäftigungsproblem einnimmt. Bei der Betrachtung der Übergänge von einer Technik zur anderen ist aus formalen Gründen die Vollbeschäftigung unterstellt worden. Gleichzeitig ist darauf hingewiesen worden, daß der mögliche Konflikt zwischen Vollbeschäftigung und technischem Fortschritt damit auf die Frage verlegt wird, ob der Lohnsatz bei diesem Übergang sinken muß oder nicht, wenn die Vollbeschäftigung aufrecht erhalten werden soll. Es wird sich nun bei der Analyse des Sparprozesses zeigen, daß eine Lohnsenkung nicht notwendig und folglich auch die Vollbeschäftigung bei konstanten Löhnen nicht gefährdet ist, wenn entweder kein Sparen erforderlich wird oder aber das notwendige Sparen während der betrachteten Periode aufgebracht werden kann. Damit läßt sich die Spannung zwischen Vollbeschäftigung und technischem Fortschritt aus dem jeweiligen Sparprozeß als der eigentlichen Schlüsselvariablen ablesen. a) Nach diesen Vorüberlegungen läßt sich der Fall des neutralen technischen Fortschrittes rasch abhandeln. In der Ausgangssituation reicht 5 5 der jährliche „Amortisationsfonds" in Höhe von 2 • — = — Konsumgü12 o tereinheiten gerade aus, um die in der Konstruktionsabteilung befind5 liehen Arbeitskräfte AQ = — mit Konsumgütern zu versorgen. Da in 6 der „Preparatory Phase" in der Konsumgüterabteilung die gleiche Be7 schäftigung Ai,2 = — verwirklicht wird, besteht zum Sparen kein Ano laß, zumal der gleiche Amortisationsfonds wie vorher zur Verfügung steht. Erst wenn dieser verändert wird, kann von Sparen oder Entsparen gesprochen werden, wobei zunächst auf den gleichen Lohnsatz von w = 1 abgestellt werden muß. In der zweiten Periode des Überganges macht sich der technische Fortschritt in einer Erhöhung der Konsumgüterproduktion bemerkbar. Die Einsparung an Arbeitskräften je Prozeß und die Erhöhung der Anzahl der Prozesse halten sich dabei gerade die Waage, so daß die 7 Beschäftigung Ai,s = auf dem alten Niveau verharrt. Es genügt also 6 5 auch der alte Amortisationsfonds, um die Arbeitskräfte AQ = — zu beschehnisse in den künftigen Perioden. Es versteht sich von selbst, daß diese Transparenz in der Wirklichkeit nicht gegeben ist. Hier sei noch einmal darauf hingewiesen, daß sich die Transparenz auch auf die notwendigen Sparprozesse beziehen muß. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.95.2.135 | Generated on 2023-04-04 11:52:05
152 Ulrich Fehl schäftigen, das heißt, es braucht nicht gespart zu werden. Den Überschuß über Lohnzahlung und Beitrag zum Amortisationsfonds, der beim neuen Prozeß in Höhe von Konsumguteinheit erzielt wird, können die ö Kapitalisten konsumieren. Er kann aber auch — wie nach den weiter oben gemachten Andeutungen wahrscheinlich — in Form höherer Löhne an die Arbeitskräfte weitergegeben werden. Tritt dieser Fall ein, so steigen die „Reproduktionskosten" der neuen Maschinen, das heißt, es muß auch der Amortisationsfonds entsprechend anwachsen. Ein solcher Anstieg impliziert nach der obigen Definition des Kapitalbegriffes zwar ebenfalls einen Sparprozeß, doch ist dieser von gänzlich anderer Art als in dem Falle, bei dem gleichzeitig eine Erhöhung von Ao eintritt. Erhöht sich Ao bei konstantem Lohnsatz, so liegt die Ursache für die Notwendigkeit des Sparens allein in der Umstrukturierung des Arbeitseinsatzes, also in einem real-produktionswirtschaftlichen Zusammenhang begründet. Erhöht sich umgekehrt bei konstantem Ao der Lohnsatz, so ändert sich an den real-produktionswirtschaftlichen Zusammenhängen nichts— es wird ja weiterhin das gleiche Sozialprodukt erzeugt —, es wird das Sparen dann erforderlich, weil das gegebene Einkommen anders auf Arbeiter und Kapitalisten verteilt wird. Diese beiden Varianten des Sparens müssen klar auseinandergehalten werden. Dies gilt auch dann, wenn beide Arten zugleich auftreten, das heißt, wenn sowohl Ao als auch w sich erhöhen. Das rein aus Umverteilungsgründen notwendig werdende Sparen (Lohnerhöhung bei Konstanz von Ao) berührt zwar die Preisstruktur und die Amortisationsfonds, hat aber bei den hier unterstellten Bedingungen keinen Einfluß auf die Höhe des gesamtwirtschaftlichen Realkonsums. Im Falle des neutralen technischen Fortschritts muß also der reale Konsum schon in der zweiten Periode erhöht werden, wenn die Vollbeschäftigung nicht gefährdet werden soll. In der dritten Periode wiederholen sich die Vorgänge der zweiten Periode entsprechend. Es wird also auch hier kein Sparen notwendig. Im Gegenteil muß der reale Konsum weiter steigen, wobei es wiederum gleichgültig ist, wie er sich auf die beiden Einkommenskategorien verteilt. Soll im neuen stationären Gleichgewichtszustand, der mit der dritten Periode bereits beginnt, der Zinssatz wieder auf Null fallen, so muß mit der Lohnsteigerung im Kapitalgutsektor ein entsprechender Sparprozeß Hand in Hand gehen. b) Anders liegen die Dinge im Falle des „forward bias".Da sich gegenüber dem soeben betrachteten Fall in der „Preparatory Phase" nichts ändert, sei gleich die zweite Periode des Überganges analysiert. Wird in 5 dieser Periode nur der alte Amortisationsfonds in Höhe von — KonOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.95.2.135 | Generated on 2023-04-04 11:52:05
Technischer Fortschritt u. Beschäftigung in kapitaltheoretischer Sicht 153 sumgütereinheiten zur Beschäftigung der Arbeitskräfte in der Investitionsgüterindustrie bereitgestellt, so kann die Vollbeschäftigung zum Lohnsatz w = 1 nicht gewährleistet werden. Es ist nämlich zu berücksichtigen, daß in der Konsumgüterindustrie \ Arbeitseinheit infolge des technischen Fortschritts freigesetzt wird. Es reicht also nun der alte Amortisationsfonds nicht mehr aus, das heißt, es muß gespart werden. Erst wenn der gesamte „Nettoüberschuß" aus dem neuen Prozeß x\ in Höhe von \ Konsumguteinheit gespart wird, können die freigesetzten o Arbeitskräfte wieder eingegliedert werden. Hier wird der Sparprozeß also wegen der Erhöhung von An notwendig. Anders kann bei konstanten Löhnen die real-produktionswirtschaftlich relevante Umstrukturierung des Arbeitseinsatzes nicht erreicht werden. c) Dramatischer, aber im Prinzip ähnlich wie im soeben betrachteten Fall, geht es beim „strong forward bias" zu. Nur reicht jetzt der Nettoüberschuß in der zweiten Periode nicht aus, um den „Amortisationsfonds" auf die erforderliche Höhe zu bringen. Dies kann erst in der dritten Periode geschehen. In der Ausgangssituation sind nämlich 7 37 Ai 2 gegenüber Ai.g Arbeitseinheiten in der zweiten Periode 6 48 des Überganges beschäftigt, so daß — Arbeitseinheiten freigesetzt werden. Der Nettoüberschuß des Prozesses x\ beträgt aber — nach Abzug _ 3 der Lohnzahlung in Höhe von x\ ai = — und des „alten" Amortisalb 5 1 tionsbetrages — — nur — Konsumguteinheit. Es fehlen also Konsum19 1 3 güter in Höhe von — —— = — Konsumguteinheiten, um alle Arbeits4o Ü 4o kräfte zu konstanten Löhnen zu beschäftigen. Die Fälle des „strong forward bias" und des einfachen „forward bias" unterscheiden sich unter dem Gesichtspunkt des Sparens praktisch nur dadurch, daß es bei letzterem im Prinzip möglich ist, die erforderliche Sparmasse in der gleichen Periode aufzubringen, in der die neuen Maschinen in der Konsumgüterabteilung wirksam werden, während dies im Falle des „strong forward bias" unmöglich ist. Dies gilt deswegen nur im Prinzip, weil unterstellt werden muß, daß das Kapitaleinkommen („Profit") voll gespart wird. Wird jedoch ein Teil seitens der Unternehmer konsumiert, so ergeben sich ähnliche Konsequenzen für die Beschäftigung bzw. für die Lohnentwicklung wie beim „strong forward bias"; entweder ist die Vollbeschäftigung — bei konstanten Löhnen — nicht aufrechtzuerhalten, oder der Lohnsatz muß reduziert werden, um alle Arbeitskräfte zu beschäftigen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.95.2.135 | Generated on 2023-04-04 11:52:05
154 Ulrich Fehl Kommt es zur Lohnsatzsenkung, so wird der zur Realisation des technischen Fortschritts notwendige Sparstrom zum Teil auf die Arbeitskräfte abgewälzt30. Sie müssen nun selbst den Gürtel enger schnallen, um die erforderliche Erhöhung von Ao zu erreichen31 und der damit einhergehenden Reduktion der laufenden Konsumgutproduktion zu begegnen. Tun sie dies nicht, das heißt, bleibt der Lohnsatz unverändert, so wird ein Teil der Arbeitskräfte freigesetzt mit der Folge, daß die Gesamtproduktion ebenfalls geringer ausfällt. Die Absorption des technischen Fortschritts ist dann nicht in der „idealen" Form geglückt; der Anpassungsprozeß verzögert sich. Bei dieser Konstellation herrscht aber die Überzeugung, es müsse im Zusammenhang mit dem technischen Fortschritt zur Sicherung der Beschäftigung immer auf eine Steigerung des Realkonsums oder — was hier auf dasselbe hinausläuft — eine Steigerung der Reallöhne hingearbeitet werden. Gerade dadurch wird aber eine Arbeitslosigkeit hervorgerufen. Letztere ist nur dann zu vermeiden, wenn der Übergangsprozeß, der mit diesem technischen Fortschritt verbunden ist, beachtet wird und aus ihm und nicht aus der komparativ-statischen Analyse die entsprechenden Konsequenzen für die Lohnbildung gezogen werden, also etwa auf eine größere Lohnflexibilität hingearbeitet wird, die solche Übergänge erleichtert. Während sich in der zweiten Periode bei der Betrachtung des technischen Fortschrittes im Falle des „forward bias" und des „strong forward bias" Unterschiede zeigen, verhalten sich beide Varianten in den weiteren Perioden des Überganges im Prinzip gleich. Soweit noch „Rückversetzungen" von Arbeitskräften in die Konstruktionsabteilung notwendig werden, können die Sparmittel aus der nun steigenden Konsumgutproduktion x\ HX2 bestritten werden. Mit der Annäherung an das neue stationäre Gleichgewicht kann — soweit die Löhne steigen — auch hier ein Sparen aus Umverteilungsgründen erforderlich werden. Wie bereits erwähnt, kann es allerdings die Aufrechterhaltung der Vollbeschäftigung erforderlich machen, daß Schwankungen des Arbeitseinsatzes zwischen den „Sektoren" (Pendelbewegungen von Ao bzw. 30 Da hier unterstellt wird, daß das Kapitaleinkommen voll gespart wird, ist nur der Rest des notwendigen Sparens von den Arbeitskräften aufzubringen. Durch die Annahme, daß das Kapitaleinkommen voll investiert wird, wird im übrigen ein Vergleich zwischen Marktwirtschaften und Zentralverwaltungswirtschaften hinsichtlich des Zusammenhanges zwischen technischem Fortschritt und Beschäftigung erleichtert, weil so „Kapitalisten" — was den Konsum betrifft — praktisch nicht existieren. 31 Es zeigt sich hier wieder deutlich, daß im real-produktionswirtschaftlichen Zusammenhang die Analyse des Sparprozesses primär auf die Variation von A0 abzustellen hat. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.95.2.135 | Generated on 2023-04-04 11:52:05
Technischer Fortschritt u. Beschäftigung in kapitaltheoretischer Sicht 155 AI,2) in Kauf genommen werden müssen. Dies bedeutet, daß sich insoweit Sparund Entsparvorgänge ablösen müssen. Ob es zu wirklichen Entsparvorgängen kommt, hängt davon ab, ob das aus Umverteilungsgründen auf den Plan tretende Sparen zur Kompensation ausreicht oder nicht. Das allgemeine Muster beim „forward bias" und „strong forward bias" ist jedenfalls so, daß per Saldo während der Übergangsperiode die Sparakte überwiegen müssen, da — bezogen auf den Ausgangszustand — Ao im neuen Gleichgewichtszustand einen höheren Wert aufweist. d) Während in den Fällen des „forward biased" und insbesondere des „strong forward biased" technischen Fortschritts zunächst ein Sparprozeß und erst im weiteren Verlauf zur Sicherung der Vollbeschäftigung eine Erhöhung des gesamtwirtschaftlichen Realkonsums erforderlich ist, liegen die Dinge beim „backward biased" technischen Fortschritt umgekehrt. Hier macht sich bereits in der zweiten Periode der technische Fortschritt in einer Steigerung der Konsumgüterproduktion bemerkbar, so daß wie im Falle des neutralen technischen Fortschritts der Realkonsum steigen muß. Während jedoch bei letzterem die Beschäftigung Ao unverändert bleibt, nimmt sie bei dem „backward biased" technischen Fortschritt ab, woraus sich ergibt, daß der notwendige Amortisationsfonds abnimmt. Es wird also ein „Entsparen" notwendig. Gleichgültig aber, ob diesem Entsparen ein Sparen wegen höherer Löhne entgegenwirkt oder nicht, es muß in jedem Falle der reale Konsum steigen, sei es nun durch die Arbeiter oder durch die Unternehmer. Dabei braucht der Effekt nicht in dem drastischen Ausmaß durchzuschlagen, wie das in dem angegebenen Beispiel der Fall ist; er ist der Tendenz nach aber immer vorhanden. Wie im Falle des „forward biased" kann es auch beim „backward biased" technischen Fortschritt zu zyklischen Bewegungen des Arbeitseinsatzes zwischen den „Abteilungen" kommen, wodurch dann entsprechende Entsparungsbzw. Sparprozesse notwendig werden. Trotzdem kann gesagt werden, daß per Saldo das Entsparen — soweit es durch die Veränderung von Ao notwendig wird — in den ersten Anpassungsperioden dominiert und in den späteren Perioden eine Gegenbewegung der Akkumulation notwendig wird. Hicks faßt diesen Unterschied zwischen den verschiedenen Arten des technischen Fortschritts in die Worte: „Quite generally therefore the forward bias does better in the long run than in the short, while the backward bias does better in the short run than in the long. That is the simplest, and most fundamental, difference between them." (Hicks, 1973, S. 108.) OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.95.2.135 | Generated on 2023-04-04 11:52:05
156 Ulrich Fehl i d> i co ri ^ II <U g & N 11 p-j s . <D .2 § •i—I [O r 8-8 IO LO CSI CSI CO co II r-T || II 21» II 21» IO CO IO co o «ts T3 o fi* Ä fi T< o «¡•s co 'S 'S 3 <D £ 'S cd £ co tn CTS £3 A A a: te , v A te te . v CO «W rQ te .. V ^ .ss A te te v v u CO £ •§a co .»-< JD te .. A A te te A A N -M CO co fi O VII VII co VII VII in |05 ^ lesi VII VII Oì |00 VII Vii s fi Ö £ + ^ co • a— £ a" N w -2 co 0> + I i O ra 3 a ff + H © ICS 05 IN CD CO $-1 a; co co I r-l d) 5 & R co •85 co fi •s H « bO fi i cT fi o ! • « CO IO co ¡S IO ¡00 W) co ¡S 1 co 3 <H CO II II co 3 <H CO *o Ö \i o ä fc ä « o fe Ö CO o fc Ö OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.95.2.135 | Generated on 2023-04-04 11:52:05
Technischer Fortschritt u. Beschäftigung in kapitaltheoretischer Sicht 157 6. Technischer Fortschritt, durchschnittliche Produktionsperiode und Kapitalkoeffizient Bei der Analyse der Verschiebungen der Arbeitseinsatzstruktur, die aus den verschiedenen Arten des technischen Fortschritts resultieren, drängt sich dem Kenner der temporalen oder österreichischen Kapitaltheorie alsbald der Gedanke auf, diese Veränderungen durch den Begriff der durchschnittlichen Produktionsperiode bzw. der mittleren Ausreifungszeit auszudrücken. Dem steht jedoch der Einwand der Kritiker dieser Theorie gegenüber, daß sich der Begriff der mittleren Ausreifungszeit nicht definieren lasse, sobald fixe Kapitalgüter auf den Plan treten. Diesen Einwand gilt es zunächst zu entkräften. Das Argument fußt im wesentlichen auf der Behauptung, daß man den Herstellungsaufwand einer Maschine nicht periodengerecht zuordnen könne, wenn die Maschine mehrere Perioden benutzt wird. Die Behauptung geht wohl auf Wicksell zurück und ist seitdem zu einer Art Stereotype geworden: „For the annual uses successively following one another constitute a kind of joint supply (to adopt Marshall's terminology) and fundamentally it is just as absurd to ask how much labour is invested in either one or the other annual use as to try to find out what part of a pasture goes into wool and what part into mutton." (Wicksell, 1961, S. 260.) Man hat diese Analogie schließlich so selbstverständlich akzeptiert, daß man mehrjährige Maschinen implizierende Produktionsprozesse als „joint production" bezeichnet. Dabei werden die bereits benutzten Maschinen als „Produkte" des Produktionsprozesses aufgefaßt und unter die Erzeugnisse der Periode gezählt32. Diese Prozedur mag von formaler Eleganz und in modelltheoretischen Ableitungen von Vorteil sein, sie ändert aber nichts daran, daß die Analogie von Wicksell schief ist. Es sollte zur Vorsicht mahnen, wenn das Verfahren, die alten Maschinen als neue Produkte aufzufassen, zu den gleichen Preisen führt, zu denen man mit der alten Abschreibungsprozedur auch gelangt (vgl. etwa Sraffa, 1973, S. 95 ff.). Auch das Beispiel Burmeisters zeigt, daß sich aus der Interpretation als „Kuppelproduktion" nichts anderes als Abschreibungen ergeben, die auf dem Ertragswertprinzip basieren (vgl. Burmeister, 1974, S. 441 ff.). Solche Preisbestimmungen sind im Falle der echten Kuppelproduktion eben nicht möglich. Betrachtet man das hier zugrundegelegte Modell, so ist in der Tat nicht einzusehen, warum eine Verteilung des ursprünglichen Aufwandes In dem hier betrachteten Modell fallen demnach in der Konsumgüterindustrie nicht nur Konsumgüter an, sondern auch ein Jahr alte Maschinen. Die zweimal benutzten Maschinen werden selbstverständlich nicht als Produkte gezählt, weil sie den Produktionsprozeß verlassen, also wertlos geworden sind. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.95.2.135 | Generated on 2023-04-04 11:52:05
158 Ulrich Fehl für die Maschine (ao) auf die verschiedenen Produkteinheiten nicht möglich sein soll. Da die „Zurechnung" der „direkten" Arbeitseinsätze (ai) nicht umstritten ist, kann sie im folgenden außer acht gelassen werden und somit die Produktmasse der zwei Nutzungsperioden einfach auf den ursprünglichen Aufwand ao bezogen werden. Offenbar entfallen dann üq/2 Arbeitseinheiten auf eine Konsumguteinheit. Damit ist das Aufteilungsproblem aber schon gelöst. Wollte man diese Möglichkeit bestreiten, müßte man gleichzeitig jede Zurechnungsmöglichkeit überhaupt verneinen. Unterstellt man nämlich eine Maschine, die gerade eine Periode lang hält (zirkulierendes Kapital) und in dieser Periode zehn Einheiten eines Gutes herzustellen gestattet, so müßte man mit Wicksell doch fragen, ob denn in alle zehn Konsumgüter der gleiche Anteil des Maschinenaufwandes „gefahren" ist, wenn man davon sprechen will, daß alle zehn Konsumgüter die gleichen Kosten hervorgerufen haben! Ist das „Aufteilungsproblem" gelöst, läßt sich die durchschnittliche Ausreifungszeit leicht ermitteln (vgl. ausführlich hierzu Fehl, 1973, insbes. S. 135 ff.). Der Ausgangszustand sei hier etwas ausführlicher betrachtet. Offenbar bleibt in dem Prozeß x\ der direkte Arbeitsaufwand ai* eine Periode lang gebunden, während der Aufwand aj/2 eine Periode länger gebunden ist. Beim Prozeß X2 bleibt a\ wieder eine Periode lang gebunden, während nun aber aj/2 — da es sich um die zweite Nutzungsperiode handelt — bereits drei Perioden gebunden ist. Es muß also zur Ermittlung der durchschnittlichen Ausreifungszeit des Periodenkonsums angesetzt werden: Wegen des Gleichgewichtszustandes ist dabei x\ = X2 = x gesetzt worden. Die Arbeitsaufwendungen, die in den Konsumgütern der betrach13 teten Perioden ausreifen, bleiben also im Durchschnitt — Perioden im 8 Produktionsprozeß gebunden. Analog ergeben sich im stationären Zustand nach Absorption des technischen Fortschritts folgende Werte: 39 31 ®a = zt (neutraler technischer Fortschritt), Ob = te (forward bias), z4 lb 59 79 Sc = ^ (strong forward bias) und ^ = — (backward bias), ¿y D4 Während der neutrale technische Fortschritt die mittlere Ausreifungszeit unverändert läßt, wird sie im Falle des „forward bias" erhöht. Der „strong forward bias" äußert sich in einer noch stärkeren Erhöhung der 6 13 8 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.95.2.135 | Generated on 2023-04-04 11:52:05
Technischer Fortschritt u. Beschäftigung in kapitaltheoretischer Sicht 165 Nimmt man nun weiter an, daß die neue Technik mit „strong forward bias" sich wieder durch eine WicJcseZi-Produktionsfunktion beschreiben läßt, so ergeben sich folgende Gleichungen für die neue Situation: In der zweiten, also kritischen Periode des Überganges koexistieren also die beiden „Prozesse" xi und x2 mit den Produktionsfunktionen Gibt man die von der „Vergangenheit" determinierten Kapitalgütermengen Ki und K2 sowie den Lohnsatz w = 1 vor, so ergeben sich nach der Grenzproduktivitätstheorie die gleichen Arbeitseinsätze und Produktmengen wie im Falle fixer Koeffizienten. Die Produktionsfunktionen sind also auch in dieser Hinsicht „passend". b) Substituierbarkeit der Faktoren und Länge der Übergangszeit Wegen der Substituierbarkeit der Produktionsfaktoren kann nun — im Gegensatz zum Hicks-Modell — der Arbeitseinsatz bei konstantem Kapitalguteinsatz erhöht und damit ein größerer Konsumgutausstoß er7 2 zielt werden. Steigt beispielsweise der Arbeitseinsatz A2 von — auf — o 8 3 = — Arbeitseinheiten, so erhöht sich A\ von — = 0,1875 auf ca. 0,201, 12 16 wenn man gleiche Grenzproduktivitäten von Ai und A2 unterstellt43. Die Grenzproduktivität der Arbeit sinkt dabei auf 0,946 Konsumguteinheiten ab. Bei Unterstellung der Entlohnung nach dem Grenzproduktivitätsprinzip bedeutet dies, daß das Sozialprodukt in Höhe von x = 2,03 nicht in Form von Lohnzahlungen voll an die Arbeitskräfte verteilt werden kann, sondern ein „Sozialprogramm" oder irgendeine andere Umverteilungsmaßnahme erforderlich wird. — Die angenommene Verteilung der Arbeitskräfte ist überhaupt nur exemplarisch gewählt worden, um zu zeigen, daß die Konsumgüterproduktion bei dieser Art des technischen Fortschritts nicht zurückgehen muß, wenn Substitutionsmöglichkeiten gegeben sind. Welche Verteilung und OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.95.2.135 | Generated on 2023-04-04 11:52:05
166 Ulrich Fehl Bei den erhöhten Arbeitseinsätzen resultieren die Produktmengen x\ = 0,95 und X2 = 1,08. Die Gesamtproduktion beträgt also x = 2,03 ge31 genüber x = — = 1,9375 im HicJcs-Modell. Durch den Übergang zu 16 einer arbeitsintensiveren Produktionsmethode kann der Rückgang der Konsumgüterproduktion also vermieden werden, in der Tat kann letztere sogar noch gesteigert werden. Allerdings muß hierfür ein Preis gezahlt werden. Es stehen nämlich wegen der gestiegenen Beschäftigung im Konsumgutsektor für die Konstruktionsabteilung nur noch Arbeitskräfte in Höhe von Ao = 1,132 zur Verfügung, so daß in der kritischen Periode die Startrate der neuen Prozesse auf Xo = 1,274 gegenüber xo = 1,38 im HicJcs-Modell absinkt. In der dritten Periode ergibt sich damit eine Konsumgutproduktion von x = 2,21 gegenüber x = 2,32 im HicJcs-Modell; dabei ist vorausgesetzt, daß die Einsatzverhältnisse der Faktoren in beiden Modellen übereinstimmen44. Obwohl auch im vorliegenden Falle von der dritten Periode an nur mit der neuen Technik gearbeitet wird, läßt sich doch feststellen, daß die Konsumgutproduktion erst später das Niveau des HicJcs-Modells erreicht. In diesem Sinne kann also gesagt werden, daß sich im Falle der Substitutionalität über eine zeitliche Streckung des Sparens die „Übergangszeit" verlängern und damit — was den Konsum betrifft — „angenehmer" gestalten läßt. Zugleich zeigt sich, daß das Charakteristikum des „strong forward bias", das im HicJcs-Modell in der Unvermeidbarkeit des Produktionsrückganges besteht — hier nicht zum Zuge kommt. Damit verschwindet gleichsam der Unterschied zwischen „strong forward bias" und „forward bias". 9. Ergebnis und Folgerungen a) Die Analyse des Übergangsprozesses von einer Technik zur anderen hat deutlich werden lassen, daß es ganz von der Eigenart des neuen technischen Verfahrens abhängt, ob zunächst ein Sparvorgang oder — im Gegenteil — ein sofortiger Anstieg des Realkonsums erforderlich ist, um die Vollbeschäftigung zu sichern. Kriterium ist dabei, ob die mittlere Ausreifungszeit des originären Faktoreinsatzes, hier der Arbeitsleistungen, infolge des technischen Fortschritts zuoder abnimmt. Steigt die mittlere Ausreifungszeit an, so muß in den kritischen Perioden gespart der Arbeitskräfte tatsächlich realisiert wird, ergibt sich aus den spontanen Aktionen der Marktteilnehmer oder wird von der Planzentrale entschieden. In jedem Falle ist sie als Folge der zeitlichen Präferenz in bezug auf den Konsumstrom zu betrachten. 44 Eine solche oder ähnliche Festsetzung ist notwendig, damit man die Konsumgutmenge im Falle der Substituierbarkeit überhaupt determinieren kann. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.95.2.135 | Generated on 2023-04-04 11:52:05
Technischer Fortschritt u. Beschäftigung in kapitaltheoretischer Sicht 167 werden, damit bei konstantem Lohnsatz die Vollbeschäftigung aufrecht erhalten werden kann. Erst nach Überwindung dieser Perioden kommt es auf die Steigerung des Realkonsums an, wenn Beschäftigungsprobleme vermieden werden sollen. Der technische Fortschritt kann unter Umständen die mittleren Ausreifungszeiten so stark erhöhen, daß während der kritischen Perioden des Übergangsprozesses die Reallöhne reduziert werden müssen, damit die Vollbeschäftigung aufrechterhalten werden kann (Fall des „strong forward bias"). Dieser Zusammenhang zwischen technischem Fortschritt, Lohnhöhe und Beschäftigung liegt im absoluten Rückgang der ProKopf-Konsumgüterproduktion begründet und ist deshalb im Prinzip unabhängig von der Einkommensverteilung zwischen Arbeitern und Kapitalisten. Läßt der technische Fortschritt die mittlere Ausreifungszeit unverändert oder reduziert er sie sogar, dann kommt es schon während des Übergangs zur neuen Technik auf die Erhöhung des Realkonsums an, wenn Beschäftigungsprobleme nicht auftreten sollen. b) In der Realität treten die verschiedenen Arten des technischen Fortschritts nicht in der „reinen" Form auf, in der sie hier analysiert worden sind. Da die hier präsentierte Variante des Hicfcs-Modells nur jeweils ein Kapitalbzw. Konsumgut kennt, lassen sich die dargestellten Fälle des technischen Fortschritts realiter nur als das jeweilige Überwiegen einer „reinen" Form im realen Gesamtprozeß deuten. Im übrigen werden die Wirkungen unterschiedlich sein, wenn statt eines stationären Zustandes ein dynamischer Prozeß als Ausgangssituation gewählt wird, weil sich nun die Folgen unterschiedlicher Formen des technischen Fortschritts zeitlich und sektoral überlagern und damit in ihrer Wirkung kompensieren können. Dies gilt selbst dann, wenn in der zeitlichen Aufeinanderfolge zwei technische Fortschritte mit dem gleichen „bias" realisiert werden. So kann im Falle eines „strong forward bias" der erforderliche Sparprozeß gerade in dem Augenblick abgeschlossen sein, in dem der Übergang zu einer zweiten Technik beginnt, die ebenfalls einen „strong forward bias" aufweist. Der mit dem ersten Übergangsprozeß verbundene Anstieg der Konsumgüterproduktion tritt gerade rechtzeitig ein, um den notwendigen Sparprozeß des zweiten Überganges zu „finanzieren", so daß es nicht zu einem Rückgang des Konsumgüterangebotes kommt, mithin nicht zu einem Rückgang der Beschäftigung bei konstanten Löhnen bzw. zur Lohnreduktion bei konstanter Beschäftigung. Schließlich können die Lohnreduktionen im Falle eines „strong forward bias" vermieden bzw. abgeschwächt werden, wenn entsprechende OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.95.2.135 | Generated on 2023-04-04 11:52:05
168 Ulrich Fehl Lagervorräte im Konsumgüterbereich vorhanden sind, von denen in der vorstehenden Analyse abgesehen worden ist. Diese Aussage gilt allerdings nur dann, wenn der mit dieser Form des technischen Fortschritts verbundene Sparprozeß sich nur auf wenige Perioden beschränkt. c) Der Übergangspfad wurde unter der Voraussetzung der Vollbeschäftigung analysiert. Dabei zeigte sich — abgesehen vom Spezialfall des im Hicksschen Sinne neutralen technischen Fortschritts — die Notwendigkeit intersektoraler Wanderungen der Arbeitskräfte, um eben diese Vollbeschäftigung zu sichern. Da in den modernen Volkswirtschaften ständig technische Fortschritte realisiert werden, ergibt sich daraus die Forderung nach der Beweglichkeit der Arbeitskräfte. Die „Umsetzung" der Arbeitskräfte aber kann sich in vorübergehender Arbeitslosigkeit manifestieren. Es sind daher die Arbeitslosigkeitsziffern nicht zuletzt unter dem Gesichtspunkt des technischen Fortschritts zu interpretieren45. Erst die Überschreitung einer gewissen Marge sollte zu konjunkturpolitischen Eingriffen Anlaß geben. d) In den vorstehenden Überlegungen wurde von dem Problem der Erwartungen abstrahiert. In Wirklichkeit werden die Erwartungen aber nicht so genau sein, daß der Prozeß in der „idealen" Weise ablaufen kann, wie dies hier unterstellt worden ist. Eine andere „Arbeitseinsatzstruktur" aber, die infolge falscher Erwartungen eintreten kann, hat — was insbesondere im Fall des „strong forward bias" bedeutsam ist — gegebenenfalls negative Wirkungen auf Produktion, Beschäftigung und Löhne. Gleiches gilt im Falle sozial bedingter Hemmnisse bei der Wanderung der Arbeitskräfte von einem Sektor zum anderen. Beachtet man, daß einerseits der technische Fortschritt — gerade dann, wenn er permanent auf den Plan tritt, — wegen der ständigen Änderungen im Produktionsgefüge nahezu zwangsläufig falsche Erwartungen hervorrufen muß und daß andererseits die Erwartungen — insbesondere über deren Einfluß auf die Investitionen — wesentlich den Konjunkturverlauf beeinflussen, so wird klar, daß der technische Fortschritt und der Prozeß seiner Realisation mit den Verschiebungen im sektoralen Einsatz der Arbeitskräfte eine wesentliche Ursache der Konjunkturschwankungen darstellen. e) Angesichts der in der Zukunft notwendig werdenden Umstellung auf andere Energieträger (Atomkraftwerke mit langen Konstruktionsperioden) und der ebenfalls erforderlichen zeitraubenden Forschung und Entwicklung auf verschiedenen Gebieten zur Überwindung von Engpässen (Umweltschutz, Rohstoffversorgung) erscheint die Erwartung 45 Vgl. Fußnote 41. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.95.2.135 | Generated on 2023-04-04 11:52:05
Technischer Fortschritt u. Beschäftigung in kapitaltheoretischer Sicht 169 vielleicht nicht unbegründet, daß die Veränderung der technischen Basis der Produktion Verlängerungen der mittleren Ausreifungszeit erzwingen wird. In einem solchen Falle aber ist es nicht ausgeschlossen, daß sich das Beschäftigungsproblem in einer ähnlichen Weise wie beim „strong forward bias" stellt. Zusammenfassung Den technischen Fortschritt kann man nach seiner Wirkung auf die Produktionsperiode klassifizieren. Diese Klassifikation, mit der eine Rehabilitation dieses Grundbegriffes der österreichischen Kapitaltheorie beabsichtigt ist, scheint suggestiver zu sein als eine entsprechende Einteilung von Hicks, die er in seinem Buch „Capital and Time" vornimmt und die mit der hier vorgeschlagenen verglichen wird. Eine Verlängerung oder Verkürzung der Produktionsperiode erfordert zur Aufrechterhaltung der Vollbeschäftigung ein verschiedenes Sparvolumen. Folglich muß das Problem unter kurzund langfristigem Aspekt betrachtet werden: Während der Reallohnsatz langfristig ansteigen kann und — um der Vollbeschäftigung willen — möglicherweise ansteigen muß, kann es notwendig sein, ihn — als eine besondere Art des Sparens — zu Beginn des Prozesses, mittels dessen sich die Wirtschaft der neuen Technik anpaßt, zu senken. Es spricht einiges dafür, daß eine solche Situation zu Beginn von Industrialisierungsprozessen vorherrscht. Summary Technical progress can be classified according to its effect on the average period of production. This classification intending a rehabilitation of this fundamental conception of Austrian capital theory seems to be more suggestive than the corresponding nomenclature of Hicks* "Capital and Time", to which it is confronted. Lengthening or shortening of the period of production implies different volumes of net saving required for the maintenance of full employment. Consequently the problem has to be viewed under short and long run aspects: Whereas the real wage rate can and — for the sake of full employment — possibly must increase in the long run it may — as a special form of saving — be bound to decrease at the beginning of the process by which the economy adapts itself to the new technique. Presumably this constellation prevails at the beginning of industrialisation processes. Literaturverzeichnis Arrow, K. J. and D. Levhari (1969), Uniqueness of the Internal Rate of Return with Variable Life of Investment, The Economic Journal, 74 (1969), S. 560 - 566. Burmeister, E. (1974), Synthesizing the Neo-Austrian and Alternative Approaches to Capital Theory: A Survey, The Journal of Economic Literature 12 (1974), S. 413 - 456. Eucken, W. (1954), Kapitaltheoretische Untersuchungen, 2. Auflage, TübingenZürich 1954. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.95.2.135 | Generated on 2023-04-04 11:52:05
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