Über die Begriffe "Führer" und "Elite"
Abstract
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Full text
von Ungern, Roderich Article Über die Begriffe "Führer" und "Elite" Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: von Ungern, Roderich (1959) : Über die Begriffe "Führer" und "Elite", Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 79, Iss. 1, pp. 27-36, https://doi.org/10.3790/schm.79.1.27 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/290916 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
27] 27 Uber die Begriffe „Führer" und „Elite" Von Roderich von Ungern-Sternberg - Kirchzarten Allen sozialen Erscheinungen liegt bekanntlich die gesellige Natur des Menschen zugrunde. Das gleiche gilt in bezug auf die gesellig lebenden Tiere oder solche, die sich zu Leistungsgemeinschaften zusammenschließen, was in bezug auf viele höher organisierte und nicht domestizierte Tiere zutrifft. Der gesellige Charakter des Menschen und der erwähnten Tierarten, ihre „Rudelhaftigkeit" (Sombart), ihr natürliches Anlehnungsbedürfnis entspringen primär der Tatsache, daß das Neugeborene als völlig hilfloses Wesen zur Welt kommt und ohne die Betreuung durch die Mutter und den Schutz des Vaters elend zugrundegehen müßte. Der Pflegetrieb, die Mutterliebe und die daraus resultierende Autorität der Eltern gegenüber den Kindern dienen der Er-> haltung der Arten und bilden die Grundlage aller Gemeinschaftsbildungen: der Familie, der Sippe, des Stammes und des Volkes. Allen diesen, von einem besonderen Wirbewußtsein erfüllten Gruppen (Sozietäten) entsprechen in der Tierwelt aus dem gleichen Trieb hervorgehende Gebilde. Wir sprechen daher von Bienenvölkern, Dauerehen von Vögeln, Jagdgesellschaften von Wölfen, Siedelungen von Bibern usw., ohne dabei den wesenhaften Unterschied zwischen Mensch und Tier zu leugnen, das Tier zu vermenschlichen, aber auch ohne zu übersehen, daß im Bereich des Trieblebens Mensch und Tier viel Gemeinsames haben. Die Tiersoziologie (Verhaltensforschung) vermittelt uns die Tatsache, daß die Tiersozietäten keine homogenen Haufen von Einzelindividuen sind; vielmehr besteht, auf Grund einer natürlichen Veranlagung, innerhalb eines Rudels, eines Schwarmes, einer Herde und auch innerhalb der menschlichen Sozietäten jeder Art nach dem Alter, der physischen Stärke und der Bewährung ein Rangunterschied, der um so deutlicher in Erscheinung tritt, je größer die Gefährdung der Gruppe durch äußere Bedrohung oder je gefährlicher und schwieriger das Unternehmen ist, welches die Gruppe durchführen will, wie da sind: gemeinsame Fernflüge, Jagden, Wanderungen, Abwehr von Feinden. In allen diesen Fällen folgt die große Mehrheit der Gruppe dem Beispiel und den Weisungen des oder der Leittiere. In der Tat OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.79.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:28:16
28 Roderich von Ungern-Sternberg [28 gibt es keinen Verband, weder im Tierreich noch innerhalb menschlicher Gemeinschaften, dem nicht eine auf naturgegebene Fähigkeiten beruhende Gliederung, eine Rangordnung zugrunde liegen würde, in der nicht die Zugehörigen sich der Führung eines oder einiger autoritativer Individuen besonders in allen gefährlichen Lebenslagen anvertrauen würden. Dies geschieht, auch innerhalb der menschlichen Gruppen, viel weniger aus vernünftiger Überlegung, als spontan, instinktmäßig, aus der unbewußten Neigung zur Gefolgschaft, aus einem natürlichen Unterordnungstrieb, häufig aus dem angsterfüllten Drang, aus einer gefährlichen Situation einen Ausweg, eine Rettung gewiesen zu erhalten. Je primitiver die Entwicklungsstufe der Sozietät, um so enger schließen sich die Einzelnen den Leittieren, den Häuptlingen, den „Herzögen" an, um so intensiver fühlt sich der Einzelne auf ihren Befehl, Rat und Beistand angewiesen. Wer jemals die Übungsflüge zur Vorbereitung von Fernflügen der Vögel, der Stare beispielsweise, die sich im Herbst zu Tausenden versammeln, beobachtet hat, wird wissen, daß diese Übungsflüge nur unter einem Kommando durchführbar sind, denn die plötzlichen Schwenkungen und Änderungen der Flugrichtung des ganzen riesigen Schwarmes sind selbstverständlich nur möglich, wenn richtungweisende Führung da ist, wenn Signale gegeben werden, denen das ganze Geschwader sofort Folge leistet. Weitere Beispiele für dieses Führungsund Gefolgschaftsverhältnis entnehmen wir der Schrift von Friedrich Alverdes „Tiersoziologie". Da heißt es u. a. „An der Spitze des Weibchenrudels von Edelhirschen steht stets ein Weibchen, nach dem sich alle übrigen Weibchen richten" (S. 25). — „Beim asiatischen Urwildpferd setzt sich jede Herde aus dem Leithengst und seinem aus 5 bis 15 Stuten bestehenden Harem zusammen. Dieselbe Organisation zeigen die Rudel der Zebras" (S. 29). „Jede Herde der Känguruhs wird geführt von einem alten Männchen, diesem folgt sie beim Weidegang und bei der Flucht blindlings nach" (S. 30). — „Wird der Leitaffe bei den Makaken getötet, so bemächtigt sich der Bande vollkommene Ratlosigkeit" (S. 30). — „Vielfach hat der Verband von halbwilden Hunden und Pinguinen ein Leittier. — Wir sahen, daß bei Säugetieren als solches je nach der Spezies ein Männchen oder Weibchen in Betracht kommen kann. Vielfach hat das stärkste und erfahrenste Individuum diesen Rang inne. Daß es aber mit Stärke und Erfahrung allein noch nicht getan ist, sondern daß auch noch ganz spezifische Führerqualitäten hinzukommen müssen, dürfen wir — aus den Beobachtungen an Hühnern — schließen. Bei diesen entscheidet nicht die Stärke allein über die Stellung des Individuums innerhalb der „Hackordnung", sondern vor allem „auch die psychischen Eigenschaften sichern die Überlegenheit" (S. 75). — „Beim Mantelpavian befinden sich wähOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.79.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:28:16
291 Über die Begriffe „Führer" und „Elite" 29 rend des Marsches einige alte Männchen an der Spitze, andere am Ende des Zuges, während wieder andere als Wachen an erhöhten Punkten postiert sind" (S. 75). — „Die Leitkuh zeigt ein gewisses Ranggefühl und gestattet nicht, daß ein anderes Tier ihr vorangeht" (S. 83). Diese Beispiele lassen sich beliebig vermehren. Daß innerhalb der menschlichen Gruppen primitiver Art eine ausgesprochene Rangordnung besteht und die Häuptlinge, die Medizinmänner, eine schlechthin autoritäre Stellung einnehmen, ist bekannt, braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden. Erfahren nun diese, aus elementarem Trieb innerhalb der tierischen und menschlichen Sozietäten hervortretende Führungswille und Gefolgschaftswilligkeit auf höheren Kulturstufen eine wesentliche Änderung? Zunächst ist man geneigt anzunehmen, daß der Mensch als geistiges Wesen im Zuge seines Aufstiegs zu höheren Stufen der geistigen Entwicklung, seine urwüchsigen, triebhaften Verhaltungsweisen überwindet, und schließlich ganz aufgibt. Gewiß fühlt sich der Mensch hoch erhaben der Tierwelt gegenüber. Es besteht auch kein Zweifel, daß den Menschen Fähigkeiten und Kräfte eignen, die kein Tier besitzt oder erwerben kann1. Indessen sei wieder daran erinnert, daß im Bereich des Triebund Gefühlslebens Mensch und Tier viel Gemeinsames haben. Der allen Wesen eigene Selbsterhaltungsund Sexualtrieb und die daraus sich ergebenden Verhaltungsweisen sind Menschen und Tieren gleicherweise eigen. Tatsächlich ist innerhalb der menschlichen Gruppen, dem Wesen nach sowohl Gefolgschaftsbereitschaft wie Anlehnungsbedürfnis sowie der Wille, Autorität und Macht auszuüben, deutlich erkennbar. In einer Schulklasse beispielsweise, deren Zugehörige jahrelang eine Gemeinschaft bilden, üben einige oder sogar ein Einzelner auf das ganze Verhalten der Kameraden maßgebenden Einfluß aus, während die Mehrheit sich mehr oder weniger passiv, gefolgschaftsmäßig verhält. Dies geschieht nicht, oder doch viel weniger, auf Grund vernünftiger Überlegung, vielmehr aus dem Drang der Einigen-Wenigen zur Führung, aus dem Willen und dem inneren Beruf zur Machtausübung und, bei der Mehrheit, aus der ihr eigenen „Rudelhaftigkeit". Besonders augenfällig tritt das im Leben von Internatsangehörigen zutage. Das gleiche läßt sich aber auch in einer Räuberbande, einer Studentenverbindung, unter Soldaten einer Kaserne oder einer Adelsgenossenschaft und in sonstigen dauerhaften Vereinigungen beobachten. Häufig werden die Führungswillen Zeigenden zu Repräsentanten der Gruppen für die Erledigung von gemeinsamen Angelegenheiten gewählt, zur Führung berufen. 1 Hierüber u. a. bei W. Sombart, „Vom Menschen", 1. Abschn., 1. Kap., und bei F. AI Verdes, daselbst S. 132. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.79.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:28:16
30 Roderich von Ungern-Sternberg [80 Aus dem bisher Gesagten ist ein für das gesellschaftliche Leben belangreicher Schluß zu ziehen: Jede Ordnung innerhalb einer Sozietät besitzt einen mehr oder weniger deutlich hervortretenden hierarchischen Aufbau, hat ihre natürliche Grundlage in dem Drang der Mehrheit, einer autoritativen Leitung die Führung der Gemeinschaft anzuvertrauen. Eine Minderheit regiert, die weitaus große Mehrheit wird regiert2, wobei allerdings alle regierenden Funktionäre nur im Bereich ihrer Zuständigkeit, ihrer Berufung regieren, in sämtlichen anderen Lebensbereichen dagegen selbst Regierte sind. An dieser Stelle erscheint zunächst eine terminologische Bemerkung am Platz: Wie verhält sich nun der Begriff „Führer64 zu dem der „Elite"? Hat letzterer überhaupt eine wissenschaftliche Daseinsberechtigung, ist er nicht gleichbedeutend mit Aristokratie oder Obligarchie? Fahren wir aber zunächst fort, die Wirkungen des Phänomens der „Führer" und der „Führung" näher zu betrachten. Wir müssen uns vergegenwärtigen, daß die gegenwärtig im europäischen Kulturkreis weitgehend verwirklichte Freiheit der Persönlichkeit, die ihr Leben nach individueller Einsicht gestalten soll, daß diese Individualisierung eine „moderne", neuzeitliche Erscheinung darstellt. Dieser Wunsch, ein ichbetontes Leben zu führen, ist das Ergebnis des Werdegangs der westeuropäischen Gesellschaft während der letzten 500 Jahre, die auf die Renaissance, die Protestantisierung und auf das Zeitalter der Aufklärung gefolgt sind. Aber die Urtriebe des Menschen haben sich nicht geändert, sie sind, wenn auch in einer rationalisierten und ins Bewußtsein gerückten Form, nach wie vor lebendig. Man mag noch so laut die viel strapazierten Worte „Freiheit" und „Gleichheit" proklamieren — und eine Emanzipation von herkömmlichen Autoritäten ist zweifellos in Erscheinung getreten —, aber das Streben, sich einer Führung anzuvertrauen, sich unterzuordnen, eine begnadete, charismatische und durch ihre Leistungen imponierende Persönlichkeit zu bewundern, sich für sie zu begeistern — dieser Trieb ist so tief im Wesen der meisten Menschen verwurzelt, daß er immer wieder, bisweilen in grotesker, fürchterlicher Gestalt und Ausdrucksweise in Erscheinung tritt; mit Recht spricht K. Mannheim von „Führersüchtigkeit". Es liegt zweifellos ein wahrer Kern in den Worten des großen Tiefenpsychologen Dostojewski, die er den Großinquisitor zu Jesus sagen läßt: „Der Mensch, wenn er frei geworden ist, hat keine dauerndere und qualvollere Sorge, als so schnell wie möglich den zu finden, vor dem er sich beugen kann. Der Mensch will aber nur das anbeten, was zweifellos ist, so zweifellos, daß alle Menschen zugleich übereinkommen es anzubeten. Denn die Sorge dieser jämmerlichen Geschöpfe ist 2 Hierzu G. M o 8 k a : „Die herrschende Klasse", 4. Aufl. 1947, bes. S. 45 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.79.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:28:16
31] Über die Begriffe „Führer" und „Elite" 31 nicht darauf gerichtet, etwas zu finden, was ich oder ein anderer anbeten kann, sondern etwas, woran alle glauben und was alle, unbedingt alle zugleich anbeten. — Ich sage Dir, daß der Mensch keine quälendere Sorge kennt, als den zu finden, dem er so schnell wie möglich jenes Geschenk der Freiheit übergeben kann, mit dem dieses unglückliche Geschöpf auf die Welt kommt"3. Diese „Sorge" veranlaßt häufig viele Menschen zu psychopathischen Handlungen tiefster Erniedrigung, zur Preisgabe ihrer ganzen Menschenwürde. Die Geschichte des Reformationszeitalters ist bekanntlich reich an diesbezüglichen Beispielen. Aber auch unsere Generation hatte Gelegenheit zu erleben, wie die Freiheit und politische Gleichheit vernichtet wurde von „Führern" und ihrem Klüngel. Wir waren Zeugen eines bis zum Wahnsinn gesteigerten Dranges, sich demjenigen unterzuordnen, dem man „möglichst schnell das unselige Geschenk der Freiheit übergeben" könnte, um von der Qual persönlicher Entscheidungen erlöst zu werden: „der Führer hat immer recht", „Führer befiehl, wir folgen" usw. Es sei auch daran erinnert, daß im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts anscheinend stabilisierte, freiheitliche Verfassungen umgestürzt oder verfälscht worden sind: in Frankreich von Napoleon I. und Napoleon III., in Spanien von Franco, in Italien von Mussolini, in Polen von Pilsudski und in Deutschland von Hitler. Und es besteht keinerlei Gewähr dafür, daß sich in unserem Kulturkreis, in der demokratisch-parlamentarischen Sphäre, nicht ähnliche Rückbildungen zu einer offensichtlichen oder getarnten Diktatur, einer „magnifique convulsión nationale" (M. Barres), wiederholen, stand doch Frankreich im Herbst 1891 wieder dicht vor der Ausrufung einer Militärdiktatur des Generals Boulanger, den eine „Patriotenliga" ,^zum Retter Frankreichs ausersehen hatte"4. Aber auch in Zeiten, die nicht von einer geistigen Epidemie, einer Massenpsychose beherrscht werden, tritt deutlich zutage, daß das politische Leben und die jeweilige geistige Situation von landläufigen Urteilen über „gut" und „böse", „richtig" oder „verwerflich" beherrscht werden, die von Einigen-Wenigen geformt und der großen Mehrheit suggeriert werden, die sie passiv aufnimmt. L e B o n hat schon recht, wenn er feststellt: „Urteile, die die Massen aufnehmen, sind nur aufgedrängte, niemals geprüfte Urteile." So beherrschten zeitweilig folgende Meinungen, die angeblich als unbestreitbare Erkenntnisse galten, große Teile der Massen: „Der Mensch ist das Produkt seiner Umgebung", „Rasse ist Schicksal", „Alle Geschichte ist die Geschichte von Klassenkämpfen" usw. Es ändert nichts an der 3 Die Brüder Karamasow. Zweites Buch, Abschn. V. 4 Hierüber R. v. Ungern-Sternberg, Nationalismus und Völkerfriede, 1948, Abschn. Frankreich. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.79.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:28:16
32 Roderich von Ungern-Sternberg [32 Tatsache, daß alle diese Losungen von Einigen-Wenigen in die öffentliche Meinung hineinprojiziert wurden, wenn man feststellt, daß gleichzeitig anderslautende Ansichten von anderen Teilen der Gesellschaft als allgemein gültige Erkenntnisse vertreten wurden. Tatsächlich ist im westeuropäischen Kulturkreis ein bestimmtes politisches oder ethisches Glaubensbekenntnis niemals alleinherrschend, sondern stets nur vorherrschend gewesen. Wer sind nun die Hervorbringer, Träger und Propagandisten dieser wegweisenden Erkenntnisse und Meinungen? Das sind die Elit e n. Es gibt in jeder entwickelten Gemeinschaft eine kulturschöpferische und kulturtragende Oberschicht, die einen vorbildlichen Einfluß auf das „Volk", die sozial nachgeordneten Schichten ausübt, im Bereich der verschiedenen Lebenskreise, der Kunst, der Kultur, der Politik usw., eine Elite. Bezeichnend ist, daß der Terminus „Führer" fast nur im Singular verwendet wird, während unter „Elite" eine Mehrheit von Personen zu verstehen ist. Dies deutet auf eine bezeichnende Divergenz zwischen den Begriffen „Führer" und „Elite" hin. Der Führer (dux) ist vor allem durch seine „ducale" Fähigkeit ausgezeichnet, durch eine persönliche, hochgradige Aktivität. Die Elite dagegen wirkt vorbildlich im Wege der Belehrung, der Leistung und des von ihr vorgelebten Lebensstils. Die einzelnen zeitgeschichtlichen Epochen lassen deutlich das Aufkommen einer neuen Elite erkennen. So ist z. B. der Umbruch vom Spätmittelalter zur Renaissance bewirkt und vollendet worden von den Dichtern, Denkern, den großen Malern und Bildhauern des Quattrocento und Quinquecento, von Boccacio bis Rabelais. Den gleichen Nachweis der geistigen Urheberschaft durch eine lange Reihe von Ideologen kann man für alle geistigen Strömungen führen: für den Protestantismus, den Sozialismus und auch für da9 „Gedankengut" des Nationalsozialismus: Gewisse Strömungen in der deutschen Romantik, der Essay von A. Cobineau, H. S. Chamberlain u. a. Der Hinweis auf Hitler gibt uns Anlaß, festzustellen, daß ein sittliches Werturteil im Begriff der Elite nicht unbedingt beschlossen ist. Ein solches müßte ganz verschieden ausfallen, je nach dem moralischen Standpunkt. Elite ist derjenige Teil einer Sozietät, welcher kraft überragender Begabung und Leistung einen autoritativen Einfluß auf die ganze Sozietät oder auf große Teile der* selben ausübt, im Bereich der verschiedenen Daseinssphären. Gegenüber der Definition der Elite von Otto S t a m m e r : „Elite ist eine auserlesene Minderheit von besonderer sozialer, geistiger und sittlicher Qualität, eine traditionelle, in sich geschlossene, privilegierte Führungsschicht einer hierarchisch gegliederOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.79.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:28:16
33] Über die Begriffe „Führer" und „Elite44 33 ten Gesellschaft"5, einer Definition, die das Element „privilegiert" und „geschlossen" hervorhebt, lege idi Gewicht darauf, daß die Elite einer beständigen Änderung und Ergänzung ihres Bestandes unterliegt („Zirkulation der Eliten", V. Pareto), keinerlei rechtliche Privilegien genießt und auch keine erkennbare hierarchische Gliederung aufweist. Wir sprechen doch sinnvoll von einer Elite der Arbeiterschaft, einer internationalen Elite der Schachspieler, der Turnerschaft und können mit Redit die Abgeordneten eines Parlaments als die politische Elite eines Landes bezeichnen. Die Elite hat auch keinerlei korporativen Charakter, sie bildet keine irgendwie organisierte Vereinigung. Sie ist sdiließlich nicht identisch mit den Begriffen von Aristokratie und Oligarchie, denn diese Bezeichnungen haben einen geschichtlich verhärteten, staatsrechtlichen Sinn erlangt. Allenfalls kann man in übertragenem Sinn die Elite als den Adel des Geistes und Charakters auffassen. Aber „Ader6 ist heutzutage ein genealogischer Begriff, der nicht besagt, daß seine Zugehörigen einen autoritativen Einfluß auszuüben imstande sind. Mithin hat der Terminus „Elite" in der Soziologie seine eigene sinnvolle Daseinsberechtigung. Der „Führer", als ein vornehmlich aktivistisches Element, kann wohl Mithervorbringer einer Ideologie sein. Diese Eigenschaft gehört aber nicht notwendig zu dem Begriff „Führer". Ein solcher wird in der Regel sein geistiges Rüstzeug von anderen übernommen haben und in Fällen des praktischen Handelns sich einer Ideologie gar nicht bewußt sein. Ein Beispiel: Im Juli 1926 waren bei dem Versuch, den französischen Franken vom Absinken ins Grundlose zu retten, im Laufe von zehn Monaten acht Finanzminister „verbraucht" worden. Als J. C a i 11 a u x , Mitte Juli 1926, außerordentliche Vollmachten forderte, wurde er „wegen Verletzung demokratischer Grundsätze" von seinem Parteifreund H e r r i o t gestürzt. Das neuernannte Kabinett Herriot erwies sich jedodi als unfähig, die Schwierigkeiten zu meistern und wurde schon am Tage seiner Vorstellung von der Kammer zu Fall gebracht. Vor der Kammer staute sich die Volksmenge, grölte und verwünschte Herriot: „A l'eau Herriot!" Nur mit großer Mühe gelang es der Polizei, die Masse daran zu hindern, den Ministerpräsidenten umzubringen. Die Staatskassen wurden belagert, die Bank von Frankreich drohte dem Staat mit Einstellung der Kreditgewährung, das Kapital flüchtete ins Ausland. Da, in letzter Stunde, erschien der starke, der führende Mann: R. Poincaré wurde mit der Regierungsbildung beauftragt und leitete sein Sanierungswerk mit einem Aufruf ein, in welchem zu lesen war: „Assez de politique! Elle vous a déjà ruinée, elle vous prépare pire encore!" Das Sanierungswerk gelang. Auf Grund des Gesetzes vom 25. 6. 1928 wurde der um vier 5 Wörterbuch der Soziologie S. 109. Sdimollere Jahrbuch 79, 1 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.79.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:28:16
34 Roderich von Ungern-Sternberg [34 Fünftel seines Vorkriegsstandes abgewertete Franken stabilisiert. Sehr bald darauf trat das Ministerium Poincaré zurück. Anders lagen die Verhältnisse bei der Machtergreifung durch die Kommunistische Partei in Rußland (Januar 1918). In dieser Partei fiel Lenin eine diktatorische Führerstellung zu; sie mußte ihm zufallen, denn er war es, der sich seit Jahren als das machtwilligste, überragende und instinktsichere „Leittier" des bolschewistischen Flügels der sozialdemokratischen Partei erwiesen hatte. Er war sowohl führend im ideologischen Streit wie das aktivistischste Element in der praktischen Politik der kommunistischen Partei. Wir wollen jetzt am Beispiel der russischen Revolution von 1917/18 uns die Entstehung einer politischen Elite veranschaulichen. Es ist für den Soziologen ungemein reizvoll, zu beobachten, wie im Zuge der Revolution und der nachfolgenden Jahre an die Stelle der Herrschaft des Großgrundbesitzes (Adels), der Bourgeoisie und der Intelligenz, d. h. der geistigen Elite des ancien regime, auf den Schultern und aus den Reihen des bäuerlichen und industriellen Proletariats und aus den Kadern der revolutionären Intelligenz sich eine neue Elite in der Sowjetunion herauskristallisiert hat. Nach dem Siege der Kommunisten im Spätherbst 1917 sollte für immer die politische Gleichheit, nach Ablauf einer Diktaturperiode des Proletariats, etabiliert werden. Alle sollten „Towarischtschi" sein und Anspruch auf die gleichen Rationen an Lebensmitteln, gleichen Anteil am Grund und Boden besitzen. Indessen trat schon während des Kampfes der Bolschewiki gegen die Bourgeoisie und gegen die Partei der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre klar zutage, daß ein neuer Elitekern innerhalb der Kommunisten in Bildung begriffen ist. Und um diesen Kern, um die Elite der kommunistischen Partei, bildete sich, nach der Machtergreifung, ein Kreis von Anhängern, Mitstrebenden, Mitläufern, technischen Spezialisten usw. Diese neue politische Elite hat sich gegen alle inneren und äußeren Feinde durchgesetzt und übt gegenwärtig, nach rund 40 Jahren, auf das gesamte politische und kulturelle Leben der Sowjetunion maßgebenden Einfluß aus. Heute (1958) besteht diese Elite aus den sogenannten „vornehmen Leuten" (snâtnije liüdi), eine Bezeichnung, die zeitweilig in der kommunistischen Presse auftauchte, neuerdings allerdings verschwunden ist, offenbar, weil dieser Terminus zu sehr gegen die angebliche Gleichheit aller Genossen und Sowjetbürger verstößt, was jedoch nichts an der Tatsache ändert, daß alle Männer und Frauen, die in einem Lebensbereich autoritativen Einfluß besit« zen, zu dieser neuen Elite gehören. Dazu zählen: ein großer Teil der Parteizugehörigen, der ganze Kommandobestand der Regierung, ein Bestand, der von einer recht großen personalen Stabilität ist. Ferner der Kommandobestand des Heeres und alle Träger hoher Orden und OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.79.1.27 | Generated on 2023-04-04 11:28:16
