Die Prestige-Funktion des Privateigentums
Abstract
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Full text
Küng, Emil Article Die Prestige-Funktion des Privateigentums Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Küng, Emil (1963) : Die Prestige-Funktion des Privateigentums, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 83, Iss. 5, pp. 513-525, https://doi.org/10.3790/schm.83.5.513 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291030 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Die Prestige-Funktion des Privateigentums Von Emil Kiing, St. Gallen Es mag auf den ersten Blick eigenartig erscheinen, dem Privateigentum eine Prestigefunktion zuzuschreiben. Nichtsdestoweniger ist es vielleicht gerade dieser Aspekt, der in der neuesten Zeit und namentlich für das Problem einer gleichmäßigeren Eigentumsstreuung die größte Bedeutung beanspruchen darf. Zunächst ist darauf hinzuweisen, daß die Verfügungsmacht beispielsweise über ein Haus mit Garten dem Eigentümer eine Art von „Ich-Erweiterung", von Selbstbestätigung und Selbstachtung einträgt, die dem Mieter fremd ist, der keine Gelegenheit hat, Nutzoder Zierpflanzen zu züchten, Rasen oder Gemüsebeete anzulegen, einen Anbau zu errichten oder die Wände zu tapezieren, die Fensterläden grün oder blau zu bemalen. Abgesehen von dieser Dispositionsfunktion gewährt das Eigentum aber auch Fremdachtung, handle es sich nun um das neueste Modell des eigenen Wagens oder um den Kühlschrank, um den Pelzmantel oder das Motorboot, um das Ferieirhäuschen oder die Grilleinrichtung, um echte Bilder oder eine Schallplattensammlung, um die Bibliothek oder das Schwimmbad im Garten. Alle diese Dinge sind in der Regel dazu bestimmt, nicht bloß den eigenen Genuß zu erhöhen, sondern auch das Ansehen in den Augen der Gesellschaft (bzw. der übrigen Gruppenmitglieder) zu heben. Bekanntlich sind es in einer demokratisierten Gesellschaft nicht mehr Orden und Rangabzeichen, Uniformen und sonstige Äußerlichkeiten, sondern in hohem Maße derartige Statussymbole, die bei der Einstufung eine Rolle spielen. Ebenso ist es in einer sehr stark vom wirtschaftlichen Denken geprägten Ordnung zu einem erheblichen Teil die Aufwandskonkurrenz, die über das Soizialprestige entscheidet, dessen der einzelne teilhaftig wird. Der Aufwandswettbewerb aber bedient sich in erster Linie der Gegenstände des Gebrauchsvermögens, „to keep up with the Joneses". Daraus geht hervor, daß eine Politik, die bestrebt ist, die Angehörigen der unteren Einkommensschichten zur Eigentumsbildung anzuregen, wahrscheinlich hier über den aussichtsreichsten Ansatzpunkt verfügt. Sie kann nämlich an die menschliche Neigung appellieren, sich einerseits anzugleichen und andererseits abzuheben. Wie das 33 Schmollers Jahrbuch 83, 5 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.83.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:33:25
514 Emil Küng Phänomen der Mode zeigt, handelt es sich hierbei um Bedürfnisse, die überaus weit verbreitet und eingefleischt sind. Gewiß besteht nicht in jeder Gesellschaftsordnung die Möglichkeit, sie zu befriedigen. Zum Unterschied von der Kastengesellschaft verschafft jedoch die neuzeitliche, grundsätzlich nach oben offene Gesellschaft den Mitgliedern der unteren Schichten Gelegenheit, sich in bezug auf ihr äußeres Auftreten demjenigen der oberen Klassen anzugleichen. Das ist besonders bedeutungsvoll in einer Zeit, da die Arbeiter in Europa mehr und mehr daran sind, ihr proletarisches Klassenbewußtsein abzustreifen und bürgerliche Wertmaßstäbe zu übernehmen — in den Vereinigten Staaten gab es dein Klassenkampf ja schon früher kaum. Die Aussichten dafür sind auch deshalb ausgesprochen günstig, weil das Wachstum der Realeinkommen die fortschreitende Angleichung gestattet. Darüber hinaus ist zu beachten, daß der Wunsch nach Abhebung von den andern, der sich insbesondere in den oberen Schichten geltend macht, ebenfalls fast notgedrungen auf die dauerhaften Konsumgüter verfällt. Die nivellierte Mittelstandsgesellschaft und der Drang nach sozialem Ansehen Es gibt eine ganze Reihe von soziologischen Tendenzen, die darauf hindeuten, daß der Prestigefunktion des Privateigentums (insbesondere beim Konsumverimöigen) in Gegenwart und Zukunft eine beträchtliche und zunehmende Bedeutung zukommt. Man kann etwa davon ausgehen, daß die soziale Frage im klassischen Sinne in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften mehr und mehr gegenstandslos wird. So ist die Besitzlosigkeit der arbeitenden Klassen, die so oft als das Grundübel angesehen wurde, nicht mehr durch die objektiven Verhältnisse erzwungen; die verfügbaren Realeinkommen sind ja seit der Zeit des Kommunistischen Manifests auf ein Vielfaches gestiegen. Die Magenfrage darf heute als gelöst bezeichnet werden. Die Armut ist nicht mehr zur Hauptsache eine Klassenerscheinung, sondern eine Notlage, von der einzelne aus den verschiedensten individuellen Ursachen betroffen werden. Das heißt natürlich noch längst nicht, daß auch eiu Zustand der restlosen Zufriedenheit angebrochen sei. Die menschliche Natur scheint sich vielmehr dadurch zu charakterisieren, daß sie neue Wünsche hervorbringt, sobald die alten einigermaßen gesättigt sind. Am Beispiel der Arbeiter exemplifiziert, möchten sie nun schöner leben — wie die andern. Nachdem die Existenzerhaltung kein Problem mehr ist, verlagern sich die Begehren auf höhere Sphären. Es treten psychische Bedürfnisse in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, nachdem OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.83.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:33:25
Die Prestige-Funktion des Privateigentums 515 die physischen mehr oder minder befriedigt sind. Dazu zählt etwa der Trieb nach Anerkennung und sozialem Ansehen. Es ist hinlänglich bekannt, wie die Vorgesetzten in den Unternehmungen heutzutage darüber aufgeklärt werden müssen, wie wichtig die Beachtung dieses Strebens für eine harmonische Arbeitsund Betriebsatmosphäre ist. In der Tat hat jedermann — selbst der Säufer im Wirtshaus — den Drang, im Kreise seiner Gruppe als jemand zu gelten, beachtet zu werden, ein Gefühl der Würde zu haben. Und nachdem nun die Vorbilder, denen man nacheifern möchte, um Anerkennung und Ansehen zu ernten, jeweils eine Schicht höher stehen, ergibt sich für die Arbeiterschaft ganz von selbst, daß sie die Verhaltensweisen des Mittelstandes übernimmt. Da ferner die Statussymbole des Mittelstandes in einer säkularisierten Welt vornehmlich in dauerhaften Konsumgütern erblickt werden, richtet sich das Interesse der niedrigeren Einkommensschichten in zunehmendem Maße gerade darauf. Der Fernsehapparat als Mittel, um Sozialprestige zu gewinnen — das liegt im Zug der Zeit. Das Auto nicht nur zur Fortbewegung, sondern auch als Vehikel zum Erlangen von Fremdachtung — und natürlich auch von Machtbewußtsein —, das scheint erstrebenswert. Nun gibt es gewiß Zeitkritiker, die die nivellierte Mittelstandsgesellschaft in Grund und Boden verdammen. Wenn alle Leute gleich gekleidet sind, weiß man nicht mehr, was hinter jedem steckt. Ist es nicht ein Zeichen der Vermassung, wenn alle denselben Geschmack an den Tag legen, sich der gleichen Markenartikel bedienen, übereinstimmende Ferienorte aufsuchen und sich der Tyrannei von Modeströmungen unterwerfen, die für alle verbindlich sind? Wir wollen hier nicht Stellung nehmen zu diesen Vorwürfen, sondern lediglich unterstreichen, daß die Nivellierung in dem hier verstandenen äußerlichen Sinn immerhin auch ihre guten Seiten hat. Sie ist nämlich in hohem Maße geeignet, jene Gefühle der Minderwertigkeit überwinden zu helfen, unter denen die Angehörigen des vierten Standes im 19. Jahrhundert litten. Wenn der Arbeiterschaft damals ein Klassenbewußtsein beigebracht werden sollte, so läßt sich dies dahin interpretieren, daß die Führer bestrebt waren, ihr den Eindruck zu nehmen, sie sei machtlos und ohne Prestige — eben minderwertig. Gelingt es nunmehr, sowohl diesen Komplex zum Verschwinden zu bringen als auch die darauffolgende Überkompensation in Form des anerzogenen Klassenbewußtseins und des Stolzes darauf, Proletarier zu sein, so führt dies offenkundig zu einer Milderung der sozialen Spannungen. Mag die vor sich gehende Nivellierung zunächst auch nur äußerlicher Natur sein, so trägt sie doch dazu bei, die vor sich gehende Entproletarisierung zu fördern. Der moderne Arbeiter — nicht bloß in den USA, sondern mehr und mehr auch in Europa — fühlt sich 33 • OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.83.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:33:25
516 Emil Küng nicht mehr ausgestoßen aus „der Gesellschaft", sondern rechnet sich selber zum Mittelstand. Wenn dieses Zugehörigkeitsgefühl dadurch unterstützt wird, daß er alle jene Statussymbole erwirbt, die ihm für den Mittelstand charakteristisch zu sein scheinen — um so besser. Man ist dann nicht mehr bloß Lohnarbeiter, sondern Eigentümer, vielleicht sogar Kapitalist. Wie jede Zugehörigkeit, ist auch diese berufen, ein« Erziehungswirkung auszuüben und psychische Sicherheit zu vermitteln. Wir stoßen damit auf eine spezifische Funktion des Konsumvermögens, nämlich die Fähigkeit, psychische Sicherheit zu verschaffen. Wenn es zutrifft, daß die soziale Frage nicht mehr ein Problem der Güterversorgung, sondern der seelischen und gesellschaftlichen Einordnung und Zufriedenheit, des Abbaues von Spannungen und Umsturzgelüsten ist, dann ist jeder Fortschritt zu begrüßen, der dazu angetan ist, früher vorherrschende Gefühle der Zurücksetzung zum Verschwinden zu bringen — selbst wenn damit eine materielle Nivellierung verknüpft sein sollte. Wenn fast alle sich selber als Angehörige des Mittelstandes vorkommen, haben Neid und Mißgunst weniger Gelegenheit, ihr zerstörerisches Werk auszuüben. Der Grad der sozialen Harmonie ist größer geworden. Der Drang nach Angleichung hat sein Ziel einigermaßen erreicht. Es ist gelungen, den Arbeitern das Leben lebenswert zu machen, obwohl sie gewiß nach wie vor als Unselbständige erwerbstätig sind. Sie haben sich in der bestehenden Gesellschaftsordnung zurechtgefunden; sie sind insofern „seßhaft4* geworden und haben nun ihrerseits etwas zu erhalten und zu verteidigen. Das Abzahlungsgeschäft Freilich wäre es übereilt, anzunehmen, der Übergang zur nivellierten Mittelstandsgesellschaft gehe in jedem Falle leicht und ohne Zwischenstadium vor sich. Wir haben vielmehr damit zu rechnen, daß manche ihren Wunsch nach Statussymbolen erfüllen, bevor sie über hinreichende Mittel aus eigener Quelle verfügen. Sie erwerben dann die begehrten dauerhaften Konsumgüter auf Kredit. T7ie haben wir uns dazu einzustellen? Offensichtlich fällt die Beurteilung verschieden aus je nach dem Standpunkt, den wir einnehmen. Wenn uns daran liegt, im Hinblick auf die Wirkungen, die das Privateigentum auf die Mentalität der einzelnen ausübt, den Besitz von Gegenständen des Gebrauchsvermögens tunlichst zu fördern, werden wir auch bereit sein, jenen Erwerb zu unterstützen, zu dessen Finanzierung das laufende Einkommen nicht genügt und der deshalb mit Hilfe von Darlehen erfolgt. Mit derselben Begründung werden wir der Reklame eine positive Seite abgewinnen. Gewiß ist sie norOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.83.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:33:25
Die Prestige-Funktion des Privateigentums 517 malerweise bestrebt, die Leute zum Ausgeben ihres Geldes zu verlocken, und steht insofern im Widerspruch zum Ziel des Sparens, das uns im Rahmen der Eigentumspolitik besonders nahe liegt. Allein, gleichzeitig verführt die Propaganda auch zur Anschaffung dauerhafter Konsumgüter — indem sie vielleicht an den Wunsch nach Soizialprestige appelliert. Soweit sie das tut, steht ihr Erfolg im Einklang mit andern Zielsetzungen. Ist nun aber der Effekt derselbe, wenn die erworbenen Güter nur in den Besitz des Käufers übergehen, während das Eigentum auf Grund des Eigentumsvorbehalts nach wie vor beim Verkäufer bleibt? In bezug auf die Dispositionsmöglichkeit ist der Unterschied vermutlich nicht sehr bedeutungsvoll: Mit dem Wagen kann man fahren, auch wenn die Raten noch nicht abbezahlt sind. Eigentumswohnung und Eigenheim gehen sogar in die volle Verfügungsberechtigung des Inhabers über, obwohl vielleicht darauf noch Hypotheken lasten. Anders liegen die Dinge hingegen in bezug auf die Sicherungsfunktion, die dem Eigentum zugeschrieben wird. Sie beruht ja darauf, daß sich der Vermögensgegenstand im Notfalle wieder veräußern läßt, damit aus dem Erlös irgendwelche dringenden Zahlungen finanziert werden können. Das ist im Falle des Abzahlungsgeschäftes erschwert, wenn nicht unmöglich. Auf jeden Fall ist nicht der volle Gegenwert des Verkaufserlöses in Rechnung zu stellen, sondern lediglich der Überschuß des Tageswertes über die noch ausstehenden Schulden. Hinsichtlich der Prestigefunktion ist hervorzuheben, daß sie kaum beeinträchtigt wird: Man sieht es ja dem Fernsehapparat nicht an, zu wieviel Prozent er bereits bezahlt ist. Möglicherweise tun sich sogar gerade jene besonders viel auf ihren Besitz zugute, die dabei eigentlich „über ihre Verhältnisse" gelebt haben. Zusammenfassend stellen wir somit fest, daß das Eigentumserlebnis nicht entscheidend beeinträchtigt wird, wenn die Vermögensobjekte auf Kredit erworben werden. Vom eigentumspolitischen Standpunkt aus ist deshalb vorerst wenig dagegen einzuwenden, daß Angehörige der unteren Einkommensschichten ihre dauerhaften Konsumgüter vielfach in dieser Form anschaffen. Allerdings handelt es sich beim Aufbringen der Ratenzahlungen nicht unbedingt um Akte der Freiwilligkeit. In dieser Hinsicht liegen die Dinge indessen beim Privatversicherungsvertrag nicht anders: „Beim ersten Schritt sind wir frei, beim zweiten sind wir Knechte/4 Der Abschluß der Vereinbarung liegt gewiß im autonomen Ermessen des einzelnen, die späteren Prämien dagegen müssen geleistet werden, auch wenn dies sehr ungelegen kommt. Für schwache Naturen ist es jedoch nicht selten gerade dieser Sparzwang, dem sie sich bewußt aussetzen, weil sie vielleicht beirja System des „Vorsparens" gar nicht OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.83.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:33:25
518 Emil Küng dazu kämen, größere Anschaffungen zu machen oder Vorsorge für die Zukunft zu treffen. Die Passivseite der Bilanz So sehr nun in unserer bisherigen Betrachtung die erfreulichen Aspekte des Abzahlungsgeschäftes zu ihrem Recht kamen, so wenig darf doch die Kehrseite der Medaille übersehen werden. Sie besteht unter anderem darin, daß der Appell an das Sozialprestige allzu erfolgreich und der Wunsch nach Angleichung und Abhebung zu stark sein können. Dies führt dann dazu, daß manche Leute Abzahlungsverpflichtungen in einem Maße eingehen, das sich mit der Höhe ihres Einkommens schlecht verträgt. Der Anteil der Zwangeausgaben steigt in diesem Falle auf annähernd 100 Prozent ihres Einkommens. Entwickeln sich die Dinge so weit, so stehen wir vor einer Situation, die derjenigen des früheren Proletariers ähnlich ist und die sich durch ein Übermaß an Unfreiheit und Unsicherheit kennzeidi.net. Die Unsicherheit ist deswegen gewachsen, weil nun schon der geringste Schicksalsschla'g in Form von Mindereinnahmen oder erforderlich werdenden Mehrausgaben genügt, um finanzielle Schwierigkeiten heraufzubeschwören. Diese Sachlage läßt sich auch vergleichen mit jener, wo ein ausgebauter Yersorgungsstaat umfangreiche Einkommensteile für sich beansprucht, so daß für den Empfänger nach der laufenden Bedarfsdeckung wenig mehr übrig bleibt. Hier wie dort wäre es wünschenswert, Selbstbestimmung und Mündigkeit aufrechtzuerhalten und sich nicht in Abhängigkeit zu begeben. Während das im Falle des Versorgungsstaates nur geschehen kann, indem die Institutionen geändert werden, muß beim Abzahlungsgeschäft der Ansatzpunkt vor allem bei der Sozialpädagogik gesucht werden. Es gilt, auf die Verstrickungsgefahren aufmerksam zu machen, die durch eine unzuträgliche Konsumentenverschuldung hervorgerufen werden können. Es sollte eine genüg enide Markt trän spa r e nz hergestellt werden, welche einen Überblick darüber verschafft, wie hoch die Kosten des Abzahlungskredites sind und um wieviel teurer die Güter zu stehen kommen als bei Barzahlung. Die Kritik am Abzahlungsgeschäft und seinen Folgen wendet sich mitunter auch dagegen, daß Angehörige der unteren Einkommensschichten sich Güter leisten, die ihnen eigentlich nicht zuständen, oder daß durch die eingegangenen Verpflichtungen das „Ausg'abengleichgewicht" gestört werde. Was den ersten Punkt anbetrifft, ist in einer Marktwirtschaft jedermann im Prinzip selbst zuständig, darüber zu entscheiden, was ihm frommt und was nicht. Eine Störung des Ausgabengleichgewichts andererseits wird etwa darin erblickt, daß eine OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.83.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:33:25
Die Prestige-Funktion des Privateigentums 519 Familie weitgehend darauf verzichtet, Fleisch zu essen, oder sich bloß mit Wurstwaren begnügt, um dafür einen Wagen halten ziu können oder um in einer teuren Wohnung zu leben. Dieser Einwand übersieht ebenfalls, daß die Gestaltung der Präferenzenskala eine Angelegenheit der unmittelbar Beteiligten ist und daß wir nicht mehr in der Zeit der „Kleiderund Sittenmandate" leben. Ist die subjektive Wertschätzung eines eigenen Wagens (unter Berücksichtigung der gewonnenen Fremdachtung) so groß, daß man bereit ist, dafür den Konsum in anderen Richtungen einzuschränken — nun gut, dann soll man das tun. Jeder soll nach seiner Fasson selig werden: Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Anlaß zu berechtigten Bedenken ergibt sich erst, wenn das Familienglück durch solche Entscheide gefährdet wird ader gar in Trümmer geht, wenn die Ehefrau deswegen erwerbstätig sein muß und als Folge davon die Kinder in jenem Alter Mutterliebe und Nestwärme entbehren, in dem dies für ihre weitere Entwicklung am nötigsten wäre. Allein auch da wird man nicht durch Vorschriften, sondern bloß durch Erziehung erfolgreich einwirken können. Abwertung des Reichtums Wenn von der Prestigefunktion des Privateigentums die Rede ist, muß auch auf eine Entwicklung hingewiesen werden, die sich in den letzten Jahrzehnten in den fortgeschrittensten westlichen Volkswirtschaften vollzogen hat und die man als Nivellieriung von oben herab bezeichnen könnte. Daß große Vermögen heutzutage nicht mehr jenes Aufsehen erregen wie früher und daß die Lebenslage der Leute in den verschiedenen Einkommensklassen sich angenähert hat, ist unverkennbar. Es ist z. B. auf die Tatsache zurückzuführen, daß das Bedienungspersonal mehr und mehr im Aussterben begriffen ist, je höher die Reallöhne in den untersten Einkommensschichten werden und je weniger die Beschäftigten „dienen" möchten. Wer verfügt heute noch über eine Kammerzofe, von der in den Romanen der Courths-Mahler so oft die Rede war? Wer hat noch einen Butler oder überhaupt einen Diener? Selbst ausgesprochen reiche Amerikaner müssen ohne Dienstpersonal auskommen und ihren Haushalt mit Hilfe ihrer mechanischen Sklaven selbst besorgen. Einzig in den Entwicklungsländern kann man sich noch den Luxus leisten, von einer Menge von dienstbaren Geistern umhegt zu werden. Anderswo dagegen hat man schon größte Mühe, für die Krankenhäuser und Altersasyle das nötige Personal aufzutreiben. Das alles hat zur Folge, daß der Besitzer eines großen Vermögens heute vielfach die gleichen Arbeiten verrichten muß wie ein anderer, der weniger begütert ist. Das „Do it yourself" ist daher für manche OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.83.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:33:25
520 Emil Küng nicht eine amüsante Abwechslung, sondern eine elende Plackerei, die man nur auf sich nimmt, weil die entsprechenden Fachleute entweder überhaupt nicht zu beschaffen sind oder allzu teuer zu stehen kommen. Die „Demokratisierung des Alltags44 und die Nivellierung von oben herab ist nicht zu leugnen. Man hat daher auch keinen Anlaß mehr, jene zu beneiden, die ein großes Haus oder einen ausgedehnten Garten ihr eigen nennen. Die Hausfrau hat damit nur mehr Arbeit, und ihr Mann ist dazu verurteilt, den ganzen Sommer über in seiner Freizeit den Rasen zu mähen. Wenn im 19. Jahrhundert die Vanderbilts und Carnegies völlig ungetrübten Gewissens mit ihrem Reichtum protzten, so erscheint uns das heute weitgehend unverständlich. Denn in der Gegenwart sind es fast bloß noch die Filmstars und Ölscheiche, denen man ein solches Verhalten einigermaßen verzeiht -— weil sie offenbar nichts besseres mit ihrem Geld anzufangen wissen und weil immerhin noch jemand da sein sollte, der dem Lieschen Müller ein Dasein im Luxus vorlebt, damit es sich daran beim Lesen der Illustrierten ergötzen kann. Wir haben uns jedoch vor Augen zu halten, daß die Verhältnisse vor dem ersten Weltkrieg noch gänzlich anders waren: Damals trieben die amerikanischen Milliardäre tatsächlich ihre „conspicuous consumption" noch mit größtem Stolz und im vollen Bewußtsein, daß ihnen dies Ansehen und Bewunderung seitens der Mitwelt eintrug. In bezug auf diese Prestigefuinktion des Reichtums stellen wir einen totalen Umschwung fest. Da gab es zunächst den ersten Weltkrieg mit seinen anschließenden Revolutionen, sozialen Spannungen, Inflationen und Streiks. Dann kamen die dreißiger Jahre mit ihrer großen Depression und Massenarbeitslosigkeit. Angesichts derartiger Umwälzungen und Bedrohungen schien es manchem Reichen angezeigt, Mimikry zu treiben, d. h. sich möglichst unauffällig zu benehmen und sich der Umgebung anzupassen, um nicht den Volkszorn auf sich zu lenken und Ausschreitungen heraufzubeschwören. Später gehörte es weniger denn je zum guten Ton, mit seinem materiellen Besitz zu prunken. Die erstrebte Fremdachtung ließ sich in den oberen Rängen nicht mehr ohne weiteres auf diese Weise erzielen. Die Zeiten haben sich geändert. Tatsächlich ist heute ein großes Vermögen als solches nur noch ausnahmsweise ein hinreichender Grund für gesellschaftliches Ansehen. Mag einer .auch über noch so viele Millionen verfügen — solange er nichts anderes als das vorzuweisen hat, ist sein Sozialprestige nicht sehr hoch. Gewiß kann er sich in einem Klüngel von Playboys ein gewisses Renommee verschaffen. Aber was zählt das schon? Die besonnenere Öffentlichkeit wird sich höchstens angewidert abwenden, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.83.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:33:25
