Die 32. Jahresversammlung der Deutschen Statistischen Gesellschaft vom 18. bis 20. Oktober 1961 in Saarbrücken
Abstract
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Full text
Hüfner, Willi Article Die 32. Jahresversammlung der Deutschen Statistischen Gesellschaft vom 18. bis 20. Oktober 1961 in Saarbrücken Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Hüfner, Willi (1962) : Die 32. Jahresversammlung der Deutschen Statistischen Gesellschaft vom 18. bis 20. Oktober 1961 in Saarbrücken, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 82, Iss. 1, pp. 71-80, https://doi.org/10.3790/schm.82.1.71 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/290986 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Berichte Die 32. Jahresversammlung der Deutschen Statistischen Gesellschaft* vom 18. bis 20. Oktober 1961 in Saarbrücken Im Jahre 1961 konnte die Deutsche Statistische Gesellschaft, die 1911 als Sektion der Deutschen Gesellschaft für Soziologie gegründet wurde, auf ihr fünfzigjähriges Bestehen zurückblicken. Wenn das auch im Vergleich zu einigen Gesellschaften des Auslandes kein bemerkenswert hohes Alter für eine wissenschaftliche Gesellschaft ist, so haben sich in diesen fünf Jahrzehnten ihres Bestehens doch auf allen Gebieten Wandlungen vollzogen, die sich auf die Statistik und damit auch auf die Arbeit der Deutschen Statistischen Gesellschaft nachhaltig ausgewirkt haben. Das Jubiläumsjahr war daher ein willkommener Anlaß, Rückblick und Ausblick zu halten. Auf die 32. Jahresversammlung der Deutschen Statistischen Gesellschaft blieb das Jubiläum — wie beabsichtigt — ohne sichtbaren Einfluß. Sie war eine Arbeitstagung wie die 31 vorhergegangenen auch. Audi in der Wahl der Themen wurde nicht besonders auf das Jubiläum Bezug genommen, wenn die Themen durch die anderen Verhältnisse heute auch andere als früher sind. Auf der ersten Jahrestagung 1911 in Dresden diskutierte man die Themen „Heiratshäufigkeit44 und „Der statistische Unterricht auf den Hochschulen", auf der 32. Tagung in Saarbrücken in der Hauptversammlung über „Das Zusammenführen volkswirtschaftlicher und betriebswirtschaftlicher Aspekte in der Wirtschaftsstatistik44 und „Die Ausbildung und Weiterbildung von Statistikern44. Daneben ist es Regel geworden, daß auf den Jahrestagungen auch die Ausschüsse der Gesellschaft Arbeitstagungen abhalten, auf denen diesmal in Saarbrücken weitere zehn Themen diskutiert wurden. Im Unterausschuß I „Marktforschung und Marktanalyse44, der von Dr. W. G. Behrens geleitet wird, sprachen Dr. J. Schwenzner, Hamburg, über „Fragen der Marktforschung der Produktionsgüterindustrie44, Dr. W. Klauder, Ludwigshafen, über „Probleme der statistischen Einheit im Hinblick auf die Marktforschung44 und Dipl.-Phys. G. Luda, München, über ein „Programm zur * Ein ausführlicher Tagungsbericht mit dem Wortlaut der Referate und den Berichten sowie über die Ausschußsitzungen und Diskussionen ist im „Allgemeinen Statistischen Archiv", Band 45, Heft 4/1961, abgedruckt. 1 Willi Hüfner, Fünfzig Jahre Deutsche Statistische Gesellschaft und Gerhard Fürst, Über die Wirkungsmöglichkeiten statistischer Gesellschaften, Allgemeines Statistisches Archiv, Band 45, 1961, Heft 2, S. 105 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.1.71 | Generated on 2023-04-04 11:32:42
72 Berichte 72 Durchführung von Regressionsanalysen auf elektronischen Datenverarbeitungsanlagen". Über das Thema „Zur europäischen Regionalstatistik" referierte Prof. Dr. G. Menges, Saarbrücken, im Arbeitskreis „Regionalstatistik", der von Oberregierungsrat F. Hoffmann geleitet wird. Die beiden Ausschüsse für „Anwendung statistischer Methoden in der Industrie" und für „Neue statistische Methoden", die unter dem Vorsitz von Bundesminister Prof. Dr. S. Balke und von Prof. Dr. H. Kellerer stehen, hielten wieder eine gemeinsame Sitzung ab. Dr. G. Schmidtchen, Allensbach, sprach hier über „Beiträge zu einer Theorie der repräsentativen Quotenauswahl", Dipl.- Volksw. E. M. Hess, Frankfurt am Main, über „Leseranalysen großer Publikumszeitschriften", Dr. P. Korndörfer, Berlin, über „Abnahmeprüfung mit Stichproben" und Dr. K.-A. Schäffer, Wiesbaden, über „Die Planung geschichteter Stichproben bei Vorgabe einer Fehlerabstufung". Auch der von Dr. H. Wittmeyer geleitete Unterausschuß II „Innerbetriebliche Statistik" hielt mit dem „Ausschuß statistischer Methoden in der Industrie" eine gemeinsame Sitzung ab. Hier stand ein Referat von Prof. G. M. Le Noan, Paris, über „Innerbetriebliche Statistik in einem französischen Großunternehmen" und von Prof. Dr. H. Möller, München, über „Probleme der Prognose wirtschaftlicher Wachstumsvorgänge" im Mittelpunkt. Diese reine Aufzählung der Themen, die auf der Jahrestagung im Gründungsjahr und im Jubiläumsjahr der Gesellschaft behandelt wurden, zeigt schon, wie sehr sich der Wirkungskreis und die Anliegen der Gesellschaft verändert und erweitert haben. Die Hauptversammlung, die vom Vorsitzenden der Deutschen Statistischen Gesellschaft, Dr. Dr. G. Fürst, geleitet wurde, teilte sich in eine Vormittagsund eine Nachmittagsveranstaltung. In der Vormittagssitzung, zu deren Eröffnung der saarländische Minister des Innern Schnur und der Bürgermeister der Stadt Saarbrücken Schneider Grußworte sprachen, referierten Prof. Dr. B. Gleitze, Köln, und Dr. K.-H. Raabe, Bonn, über „Das Zusammenführen volkswirtschaftlicher und betriebswirtschaftlicher Aspekte in der Wirtschaftsstatistik". Damit wurde ein altes und auf früheren Tagungen der Deutschen Statistischen Gesellschaft bereits angesprochenes Thema der volkswirtschaftlichen und betriebswirtschaftlichen Statistik2 wieder aufgegriffen und in seiner Gegenwartsproblematik diskutiert. In seinem sehr umfassend angelegten Referat befaßte sich Prof. B. Gleitze einleitend mit der Relativität statistischer Aussagen. Er versteht darunter Änderungen in den statistischen Aussagen durch Abweichungen von den ursprünglichen Begriffsinhalten, ohne daß sich die statistischen Objekte selbst in ihrer Festlegung und Abgrenzung geändert haben. Solche indirekten Änderungen seien daher aus den Zahlenübersichten und für den Außenstehenden oft nicht oder nur 2 Vgl. u. a. W. Morgenroth, Zusammenarbeit der volkswirtschaftlichen und betriebswirtschaftlichen Statistik, Allgemeines Statistisches Archiv, Band 20, 1930, S. 350 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.1.71 | Generated on 2023-04-04 11:32:42
73 Berichte 73 schwer erkennbar. Um so wichtiger sei es, daß sich der Statistiker dieser Fragen annehme und sie nach Möglichkeit aufdecke und kenntlich mache, damit sie bei der Verwendung und Ausdeutung der Zahlen entsprechend berücksichtigt werden könnten. Diese Relativität statistischer Aussagen wurde vom Referenten an drei Abhängigkeiten nachgewiesen: Der Abhängigkeit vom jeweiligen Wirtschaftsund Soizialsystem, der Konjunkturabhängigkeit und der Abhängigkeit von der betrieblichen Funktion. Die erste Form der Abhängigkeit wurde an dem Begriff „Landwirtschaft" erläutert. Der wirtschaftliche Begriff „Landwirtschaft" in der Abgrenzung im Sinne von „Industrie", „Handel" usw. dürfe den Landbau aus Gründen der Erholung und Freizeitgestaltung nicht einschließen. Die letztgenannte Art des Landbaues sei aber erst möglich, wenn ein gewisser Versorgungsgrad erreicht sei. Sie sei daher in Ländern mit unterschiedlichem Entwicklungsbzw. Versorgungsgrad und auch in der zeitlichen Entwicklung betrachtet unterschiedlich groß. Entsprechend sei daher auch das, was der Begriff „Landwirtschaft" wirtschaftlich beinhalte, ganz verschieden, wenn letzterer unverändert nach der Fläche des bearbeiteten Bodens abgegrenzt werde. Viel schwieriger als bei solchen „abgewandelten Systemen", werde der statistische Vergleich erst bei „gegenpoligen", wie a. B. bei marktwirtschaftlich und planwirtschaftlich .organisierten. Wenn z. B. das, was statistisch als vertretbare Produktion erfaßt wird, über den Markt ausgewählt werde, seien die Maßstäbe viel schärfer als dort, wo der Zwang zur Soll-Erfüllung besteht. Das habe dann seine Konsequenzen für das gesamte betriebliche Zahlenwerk und damit auch für die daraus abgeleiteten volkswirtschaftlichen Größenordnungen. Zu ähnlichen Schwierigkeiten des Vergleichs führe die Konjunkturabhängigkeit statistischer Daten wie ihre Abhängigkeit von einer bestimmten betrieblichen Funktion. Bessere sich die Konjunkturlage, wirkten z. B. die Preiseinflüsse nach oben, verschlechtere sie sich, wirkten sie nach unten. Entsprechende Änderungen seien dann auch im Aussagewert des betrieblichen Zahlenwerks und der statistischen Daten zu erwarten. Ähnliche Verschiebungen könnten auch durch Funktionsänderungen ausgelöst werden, z. B. wenn ein Betrieb vom Prinzip der Gewinnerzielung auf das der Kostendeckung umgestellt werde oder umgekehrt. Solche und ähnliche Abhängigkeiten seien jedoch nicht überall und nicht immer gleich stark gegeben und erkennbar. Sie seien z. B. auch im volkswirtschaftlichen Bereich größer als im betriebswirtschaftlichen, vor allem, wenn die Betriebsstatistik keine überbetrieblichen oder langfristigen Vergleiche anstrebe. Wo immer aber die angedeuteten Abhängigkeiten bestünden, werde durch eine Veränderung oder durch einen Wandel in der einen oder anderen Beziehung der Aussagewert der betreffenden statistischen Größenordnung beeinträchtigt. Diese Relativität wirtschaftsstatistischer Aussagen habe Konsequenzen für das Zusammenführen volkswirtschaftlicher und betriebswirtschaftlicher Aspekte und damit auch für die betriebsund die OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.1.71 | Generated on 2023-04-04 11:32:42
74 Berichte 74 volkswirtschaftliche statistische Arbeit selbst. Um sie richtig abschätzen und gegebenenfalls korrigieren zu können, sei eine Vereinheitlichung und Verfeinerung der statistischen Unterlagen erforderlich. Das gelte für den volkswirtschaftlichen Bereich, gelte aber auch für den betriebswirtschaftlichen, vor allem für lange betriebliche Reihen. Soweit die statistischen Daten aus dem betrieblichen Rechnungswesen kämen, seien sie durch die vorgegebenen Definitionen der Buchhaltung festgelegt und in diesem Rahmen nur schwer auf ihre Aussage hin zu „manipulieren". .Das könne lediglich von Statistikern in einer sogenannten statistischen Nebenrechnung geschehen, in der von den starren Begriffen und Formen der Buchhaltung abgewichen und diese den überbetrieblichen und volkswirtschaftlichen Erfordernissen angeglichen werden könne. Das setze jedoch voraus, daß man den Betrieben genaue Definitionen und Abgrenzungen gebe, nach denen sie ihr Zahlenwerk für überbetriebliche und volkswirtschaftliche Zwecke ausrichteten und damit additionsfähig machten. Dadurch entstünden allerdings den Betrieben zusätzliche Arbeiten und Kosten. Der Referent ist jedoch der Meinung, daß solche Sonderarbeiten, die sich durch gewisse Ausgleichsrechnungen sowie das Zusammenführen volkswirtschaftlicher und betriebswirtschaftlicher Aspekte ergeben, den Betrieben zugemutet werden können und dürfen, wenn sie gesamtwirtschaftlich notwendig sind. Denn auch den Betrieben drohten durch unzureichende oder falsche volkswirtschaftliche Vorstellungen Gefahren. Darüber hinaus könnten solche zusätzlichen Auflagen das Interesse an überbetrieblichen Vergleichen in den Betrieben wecken und fördern. Jedenfalls hält der Referent das Zusammenführen von volkswirtschaftlichen und betriebswirtschaftlichen Aspekten für lösbar, wenn es auch schwierig sei. Dieses Zusammenführen stelle jedoch besondere Anforderungen an die statistische Apparatur. Der Statistiker müsse über umfassende Kenntnisse als Volkswirt, Betriebswirt oder Sozialwirt verfügen, damit er die direkten und indirekten Einflüsse auf den Aussagewert statistischer Daten erkenne. Er solle in seiner Arbeit auch nicht durch Gesetze oder Konventionen gehemmt werden, wie es leider im Nachkriegsdeutschland vielfach der Fall sei. Diese umfassenden Darlegungen von Prof. B. Gleitze wurden durch ein Kurzreferat von Dr. K.-H. Raabe dahingehend ergänzt, daß er die Möglichkeiten und Grenzen der Zusammenführung volksund betriebswirtschaftlicher Aspekte mehr vom Institutionellen an konkreten Fragestellungen prüfte. Soweit die Konsequenzen auf eine Vereinheitlichung des betrieblichen Rechnungswesens hinausliefen, seien die Grenzen für die Berücksichtigung überbetrieblicher Belange sehr eng gezogen. Das gelte vor allem dort, wo echte einzelwirtschaftliche Belange ihr entgegenstünden, wie z. B. bei der Gliederung und Abgrenzung der Kostenstellen, bei Bewertungsfragen u. a. Neben diesen echten Gegensätzen zwischen betriebswirtschaftlichen und volkswirtschaftlichen Belangen gäbe es auch noch sogenannte Scheingegensätze, die zwar effektiv bestünden, die aber nach Meinung OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.1.71 | Generated on 2023-04-04 11:32:42
75 Berichte 75 des Referenten beseitigt, zumindest eingeschränkt werden können, wie z. B. bei sachlichen und zeitlichen Abgrenzungen bestimmter Positionen, wie Umsätze, Bestände, Aufwendungen u. a. Das setze jedoch voraus, daß die Betriebe daran interessiert würden und ihnen auch — wie es Prof. Gleitze schon hervorgehoben habe — entsprechende Richtlinien gegeben werden. Solche Möglichkeiten aufzuspüren und entsprechende Richtlinien unter Mitwirkung von Volkswirten, Betriebswirten und Statistikern für die Betriebe auszuarbeiten, könnte nach den Darlegungen des Referenten ein echtes Anliegen der Deutschen Statistischen Gesellschaft sein. In der sich anschließenden Diskussion, an der sich Prof. Dr. W. G. Herrmann, Köln, Prof. Dr. Ingeborg Esenwein-Rothe, Wilhelmshaven, Prof. Dr. P. Riebet, Mannheim, Prof. Dr. H. Münzner, Berlin, Dr. Dr. G. Fürst, Wiesbaden, und die beiden Referenten beteiligten, war man sich über die Notwendigkeit des Zusammenführens volkswirtschaftlicher und betriebswirtschaftlicher Aspekte weitgehend einig. Lediglich die Ausgangslage in den Betrieben und die Möglichkeiten für eine Vereinheitlichung der betrieblichen Unterlagen wurde sehr unterschiedlich beurteilt. Zumindest solle man aber die bestehenden Möglichkeiten — und seien sie noich so gering — für laufende und in absehbarer Zeit durchzuführende Statistiken prüfen und nutzen, weil nur über eine gewisse Vereinheitlichung der Rechnungsunterlagen auch den Betrieben die Ausfüllung der Fragebogen erleichtert werden könne. Der Vorsitzende der Deutschen Statistischen Gesellschaft stellte daher in Aussicht, daß sich der Vorstand der Gesellschaft mit der Frage befassen und prüfen werde, auf welche Weise diese Aufgaben in Angriff genommen und weiter verfolgt werden sollten. Gegebenenfalls werde man dabei auf Arbeiten zurückgreifen können, die im Rahmen der Gesellschaft bereits in den zwanziger Jahren zu dieser Frage erarbeitet worden sind3. Die Nachmittagssitzung der Hauptversammlung in Saarbrücken war der „Ausbildung und Weiterbildung von Statistikern" gewidmet. In 6 Kurzreferaten wurden diese Fragen behandelt. In den drei ersten Referaten wurde über die Aufgaben des Statistikers gesprochen. Frau Dr. H. Bartels sprach über die „Aufgaben bei der Vorbereitung und Auswertung von statistischen Erhebungen", Dr. W. Hüfner über „Die Aufgaben bei der Erhebung und Aufbereitung von Statistiken" und Prof. Dr. P. Riebel über „Die Aufgaben des Betriebsstatistikers". Die anschließenden drei Kurzreferate hatten die Ausbildung und Weiterbildung der Statistiker zum Gegenstand. Prof. Dr. H. Kellerer sprach über „Die statistische Grundausbildung an den Universitäten", Prof. Dr. A. Blind über „Die Grundausbildung in der sozialwissenschaftlichen Statistik" und Dr. Dr. G. Fürst über die „Weiterbildung und Anstellungsverhältnisse der Statistiker im öffentlichen Dienst". Damit wurden mehrere Aspekte der gleichen Problemgruppe angesprochen, 3 Vgl. Morgenroth und Isaac, Vorschläge zur weiteren Förderung des Zusammenwirkens der allgemeinen und der betriebswirtschaftlichen Statistik, Allgemeines Statistisches Archiv, Band 20, 1930, S. 352 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.1.71 | Generated on 2023-04-04 11:32:42
76 Berichte 76 wodurch sich Notwendigkeiten und Möglichkeiten offen gegenüberstanden. Frau Dr. Hildegard Bartels ging von dem Begriff des Wirtschaftsund So»zialstatistikers aus und grenzte ihn auf den zahlengewinnenden Statistiker ein. Zur Zahlengewinnung gehören danach außer Totalund Teilerhebungen auch die Fortschreibung und Schätzung von Zahlen auf Grund von Teilunterlagen. Ebenso gehöre die Erstellung von volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen zur Zahlengewinnung im Sinne der obigen Abgrenzung. Die Vorbereitung der so abgegrenzten Statistiken setze umfangreiche Kenntnisse des jeweiligen Sachgebietes voraus, dem das Erhebungsobjekt entnommen sei. Diese seien erforderlich, um einerseits bei der Festlegung der Untersuchungsziele möglichst vielen Anforderungen gerecht werden zu können und andererseits, um zu klaren Definitionen und begrifflichen Abgrenzungen des Erhebungsobjekts und ihrer Merkmale zu kommen. Dabei sei nicht nur auf die Untersuchungsziele, sondern auch auf die realen Möglichkeiten bei den Auskunftspersonen und Institutionen Bedacht zu nehmen. Sie müssen schließlich auch ihren Niederschlag im Fragenund Tabellenprogramm mit allen Gruppierungen und Klassifizierungen finden können. Die rechnerische Weiterverarbeitung und Auswertung der gewonnenen Zahlen solle noch zum Aufgabenbereich des zahlengewinnenden Statistikers gehören. Ihre weitergehende Verwendung in der Wirtschaftsforschung usw. solle dagegen wegen der vielfach anderen Aspekte davon geschieden werden, wenn auch eine möglichst enge Zusammenarbeit -zwischen beiden Arten von Statistikern im Interesse ihrer Arbeit stets anzustreben sei. Die Aufgaben des Statistikers bei der Erhebung und Aufbereitung von Statistiken wurden von Dr. W. Hufner nach methodisch-wissenschaftlichen, technisch-organisatorischen, psychologischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten geschildert. Dem Referenten ging es dabei darum, nachzuweisen, daß das, was unter Technik der Statistik in den Lehrbüchern zu finden ist, den heutigen Anforderungen nicht mehr genügt. Neben den bisherigen Aufgaben, die mit der Entwicklung und Einführung neuer Methoden und Techniken — z. B. des Interviewer-Verfahrens, der Elektronik — erheblich komplizierter geworden seien, träten neue Aufgaben, wie die psychologischen und wirtschaftlichen, stärker hervor. Ihnen könne der Statistiker aber nur gerecht werden, wenn er gute Kenntnisse davon besitze. Das bedeute jedoch, daß hier ausbildungsmäßig an den Hochschulen mehr getan werden müsse als bisher. Denn mit Kenntnissen der Allgemeinen Methodenlehre allein sei der Übergang in die statistische Praxis vielfach zu schwierig und zu langwierig. Die spezielle Methodenlehre könne hier einiges helfen, müsse aber in dem hier angedeuteten Sinn ausgebaut und mehr als bisher an den Universitäten gepflegt werden. Denkbar und zu erwägen sei aber auch, daß man — besonders in Deutschland mit den großen statistischen Ämtern — das, was bisher unter „Organisation und Technik" der Statistik in den Lehrbüchern OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.1.71 | Generated on 2023-04-04 11:32:42
77 Berichte 77 der Allgemeinen Methodenlehre gesagt werde, zu einer selbständigen „Allgemeinen Betriebslehre der Statistik46 ausbaue und an den Hochschulen lehre. Prof. Dr. P. Riebel sah „die Hauptaufgabe des Betriebsstatistikers im Aufspüren der Einsatzmöglichkeiten einer für die Unternehmensführung nutzbringenden Anwendung der Statistik im Betrieb". Ein Statistiker müsse daher über gute betriebswirtschaftliche und volkswirtschaftliche sowie technische Kenntnisse verfügen. Wenn der Statistiker selbst auch keine Entscheidungen zu treffen habe, so habe er, zumindest durch die Auswahl seiner Daten, durch die Darstellungsweisen und die Interpretation, solche konkreten Entscheidungen mit vorzubereiten. Zu den allgemeinen methodisch-statistischen Kenntnissen müßten auch gründliche wirtschaftswissenschaftliche Kenntnisse treten. Sie werden vom Referenten geradezu als Fundament für die statistische Ausbildung angesehen. Denn in der Regel komme der Betriebsstatistiker ähnlich wie der Sozialund Wirtschaftsstatistiker mit relativ einfachen statistischen Verfahren aus, falls er nicht auch die technische Statistik zu betreuen habe. Er müsse aber auch einiges von der Technik, Organisation und Psychologie der statistischen Erhebungen sotwie der Technik der tabellarischen und graphischen Darstellungen verstehen, wenn er seinen Aufgaben als Statistiker im Betrieb voll gerecht werden wolle. Nach der Darlegung der Aufgaben und damit auch der Anforderungen an die Ausbildung des Statistikers ging Prof. Dr. H. Kellerer von dem derzeitigen Stand der Ausbildung an den deutschen Hochschulen aus, in dem es im Gegensatz zu anderen Ländern keine „eigene Abteilung für Statistik und keine Möglichkeit, den Grad eines Diplomstatistikers zu erwerben64 gäbe. Audi seien die vorhandenen statistischen Lehrstühle nicht ausreichend. Wenn im Hinblick auf die Versorgung mit Lehrstühlen durch die Initiative des Wissenschaftsrates auch bald eine Besserung erwartet werden könne, so müßten doch alle darüber hinaus noch bestehenden Möglichkeiten ebenfalls ausgeschöpft werden. Als „hochschulinterne Maßnahmen und Möglichkeiten66 bezeichnete der Referent u. a. die Einhaltung eines gewissen Ausbildungsmindestprogramms an jeder Hochschule, den Austausch von Klausuraufgaben, stärkere Berücksichtigung der Speziellen Methodenlehre der Statistik und der Quellenkunde. Audi solle eine Vorlesung über „Mathematik für Volkswirte und Betriebswirte66 vorgesehen werden. Dagegen sollen die mit der elektronischen Datenverarbeitung auftretenden Fragen von den Ordinarien für Statistik nicht speziell behandelt werden. Hinsichtlich der „Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und anderen Stellen66 wies der Referent auf die Möglichkeiten der Überlassung von Quellenmaterial, Übernahme von Lehraufträgen durdi Statistiker der Praxis usw. hin. Unter „Somdermaßnahmen der Deutschen Statistischen Gesellschaft66 gab der Referent zu prüfen, ob nicht der Ausschuß für Ausbildungsfragen, der früher schon im Rahmen der Deutschen Statistischen Gesellschaft bestand, wieder tätig werden OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.1.71 | Generated on 2023-04-04 11:32:42
78 Berichte 78 könne. Weiterhin gab er u.a. zu erwägen, ob nicht vor oder nach der nächsten Jahreshauptversammlung ein einwöchentlicher Ausbildungskursus über die Grundfragen der theoretischen Statistik und ihrer wichtigsten Anwendungsgebiete im Wirtschaftsund Sozialleben durchgeführt werden solle. Prof. Dr. A. Blind konzentrierte sich in seinen Ausführungen auf die Frage, wie künftig sozialwissenschaftliche Statistiker an den Hochschulen auf ihre Aufgaben vorbereitet werden können. Er ging davon aus, daß die Grundausbildung der sozialwissenschaftlichen Statistiker das Studium der Wirtschaftsund Sozialwissenschaften sein müsse. Der Statistiker unterscheide sich von dem Wirtschaftsund Sozialwissenschaftler nur dadurch, daß er ^Statistik" zu seinen Wahlfächern mache und sich auch intensiver als andere mit diesem Gebiet beschäftige. Anknüpfend an das Mindestprogramm für den statistischen Unterricht, das im Rahmen einer Tagung der Deutschen Statistischen Gesellschaft 1953 in Heidelberg festgelegt wurde4, erläuterte der Referent einige Schwerpunkte der Ausbildung. Im Rahmen der Allgemeinen Methodenlehre verwies er auf die statistische Begriffsbildung, die statistischen Fehler, die Beurteilung statistischer Meßzahlen u. a. Die Voranstellung igerade dieser Fragen bedeute keinesfalls eine Vernachlässigung der mathematischen Verfahren, vor allem nicht der ihnen zugrunde liegenden Prinzipien. Diese Grundprinzipien seien mehr noch als die eigentlichen mathematischen Verfahren, die im wirtschaftsund sozialstatistischen Bereich nur in beschränktem Maße anwendbar seien, wichtiger Bestandteil der statistischen Grundsausbildung. Neben der Allgemeinen Methodenlehre solle die Bevölkerungsund Wirtschaftsstatistik mehr als bisher an den Universitäten gelehrt werden. Denn erst dadurch werde die Ausbildung wirklichkeitsnah und konkret. Beide Vorlesungen müßten durch Übungen ergänzt werden, damit der Studierende das Gehörte auch auf praktische Fälle anwenden lerne. Die statistische Grundausbildung sei mit einer Pflichtklausur aus dem gesamten behandelten Stoffgebiet beendet. Für das weitergehende Studium seien dann Spezialvorlesungen über verschiedene Einzelgebiete, wie z. B. aus der Indextheorie, der Marktund Meinungsforschung sowie entsprechende Seminare, zu denen auch Praktiker herangezogen werden könnten, vorzusehen. Wo „Statistik" zu den Prüfungsfächern gehöre, ende die statistische Ausbildung an der Hochschule mit der Prüfung zum Diplom-Volkswirt, Diplom-Betriebswirt usw. Zum Abschluß machte Dr. G. Fürst noch einige Bemerkungen über die Weiterbildung und Anstellungsverhältnisse der Statistiker im öffentlichen Dienst. Er bemängelte sehr, daß man bisher hier nicht weitergekommen sei, weil das ausgeprägte Laufbahndenken im höhe4 Allgemeines Statistisches Archiv, Band 37, 1953, S. 369 f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.1.71 | Generated on 2023-04-04 11:32:42
