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Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 1 Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik Zürich Studiengang Sonderpädagogik Masterarbeit Was kann man gegen Schulabsentismus unternehmen? eingereicht von: Nicolas Lutz Begleitung: Ankica Jurkic Datum der Abgabe: 7.4.2025
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 2 Abstract Schulabsentismus ist ein vielschichtiges und ernstes Problem, das bei 5% bis 10% der Kinder und Jugendlichen auftritt und deren schulische und soziale Entwicklung erheblich gefährden kann. Diese Masterarbeit untersucht die Ursachen und Auswirkungen von Schulabsentismus sowie effektive Strategien, um diesem Phänomen entgegenzuwirken. Durch eine Analyse der wissenschaftlichen Literatur aus dem deutschsprachigen Raum (2000-2023) werden präventive und intervenierende Massnahmen erarbeitet, die speziell auf diese Zielgruppe zugeschnitten sind. Ziel der Arbeit ist die Erstellung einer praxisorientierten Handreichung für pädagogische Fachkräfte, die konkrete Anleitungen zur Prävention und Intervention bei Schulabsentismus bietet. Die Erkenntnisse unterstreichen die Bedeutung individueller Förderangebote und gezielter Unterstützung durch Heilpädagog*innen, um die schulische Teilhabe und soziale Integration der betroffenen Schüler*innen zu fördern. Diese Arbeit leistet einen wichtigen Beitrag zur Sensibilisierung für das Thema Schulabsentismus und bietet praxisnahe Lösungsansätze zur Verbesserung der Bildungschancen.
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 3 Abkürzungsverzeichnis ASS Autismus-Spektrum-Störung ADS Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom GfK Gewaltfreie Kommunikation ISF Integrative Spezielle Förderung KESB Kinderund Erwachsenenschutzbehörde KJP / KJPD Kinderund Jugendpsychiatrischer Dienst Kt. Kanton KVT ambulante kognitive Verhaltenstherapie SHP Schulische Heilpädagogin / Schulischer Heilpädagoge SJ Schuljahr SSA Schulsozialarbeit / Dienst für schulpädagogische Sozialarbeit
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 4 Inhaltsverzeichnis Abstract ................................................................................................................... 2 Abkürzungsverzeichnis ............................................................................................. 3 Inhaltsverzeichnis .................................................................................................... 4 1. Einleitung ............................................................................................................. 7 1.1. Persönlicher Bezug ......................................................................................... 7 1.2 Fachliche Einordnung ...................................................................................... 8 1.3 Forschungsfrage ............................................................................................ 10 2. Theoretischer Rahmen ........................................................................................ 11 2.1 Schulrechtliche Vorgaben bei Schulabsentismus ............................................ 12 2.2 Begriffsdefinition von Schulabsentismus ........................................................ 13 2.2.1 Schulverweigerung .................................................................................. 15 2.2.2 Schule schwänzen .................................................................................. 21 2.2.3 Zurückhaltung der Eltern.......................................................................... 23 2.2.4 Innere Unterrichtsdistanzierung ............................................................... 25 2.3 Theoretische Erklärungsmodelle .................................................................... 26 2.3.1 Ökologische Systemtheorie nach Bronfenbrenner ..................................... 26 2.3.2 Selbstbestimmungstheorie (Ryan & Deci, 2000) ........................................ 27 2.3.3 Labeling-Ansatz (Becker) ......................................................................... 27 2.3.4 Sozial-kognitive Theorie (Bandura, 1986) ................................................... 28 3. Methodisches Vorgehen ...................................................................................... 28 4. Ergebnisse ......................................................................................................... 30 4.1 Absentismus verstehen.................................................................................. 30 4.1.2 Merkmale der Jugendlichen ..................................................................... 31 4.1.3 Merkmale der Eltern ................................................................................ 33 4.1.4 Merkmale der Schule ............................................................................... 35 4.1.5 Merkmale der Gesellschaft ...................................................................... 36 4.2 Stand der Forschung ...................................................................................... 38 4.2.1 Evidenzbasierte Interventionsansätze ....................................................... 38 4.2.2 Stationäre vs. ambulante Settings ............................................................ 38 4.2.3 Alternative Therapieansätze ..................................................................... 38 4.2.4 Innovative Ansätze und Forschungslücken ................................................ 39
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 5 4.3 Kognitive Verhaltenstherapie .......................................................................... 40 4.4 Schulische Massnahmen ............................................................................... 41 4.4.1 Neue Autorität ........................................................................................ 42 4.4.2 Gewaltfreie Kommunikation ..................................................................... 44 4.5 Elternarbeit ................................................................................................... 46 4.6 Rolle der Jugendlichen ................................................................................... 48 5. Handreichung ..................................................................................................... 51 5.1 Prävention..................................................................................................... 51 5.1.1 Regelmässige Anwesenheitskontrollen ..................................................... 51 5.1.2 Gespräche mit Schüler*innen und Eltern .................................................. 52 5.1.3 Sensibilisierung des Kollegiums ............................................................... 52 5.1.4 Beratungsangebote ................................................................................. 52 5.2 Akute Intervention ......................................................................................... 53 5.2.1 Frühe Intervention ................................................................................... 53 5.2.2 Gespräche mit Schüler*innen und Eltern .................................................. 54 5.2.3 Einbindung von Schulsozialarbeitenden und externen Fachkräften ............. 55 5.2.4 Engmaschige Begleitung durch Heilpädagog*innen ................................... 56 5.3 Langfristige Massnahmen .............................................................................. 57 5.3.1 Emotionale Unterstützung ....................................................................... 57 5.3.2 Langfristige Förderprogramme ................................................................. 57 5.3.3 Regelmässige Überprüfung der Fortschritte .............................................. 57 5.4 Der Leitfaden ................................................................................................ 59 6. Diskussion der Ergebnisse ................................................................................... 60 7. Reflexion und Ausblick ........................................................................................ 63 7.1 Reflexion ....................................................................................................... 63 7.2 Ausblick und offene Fragen ............................................................................ 64 7.2.1 Langzeitwirkungen der Intervention: ......................................................... 64 7.2.2 Individualisierung der Strategien: ............................................................. 64 7.2.3 Implementierung in Schulen: ................................................................... 65 7.2.4 Evaluierung der Auswirkungen auf Lernumgebungen: ................................ 65 7.2.5 Weitere präventive Massnahmen: ............................................................. 65 Literaturverzeichnis ................................................................................................ 66
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 6 Abbildungsverzeichnis .............................................................................................. 68
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 7 1. Einleitung 1.1. Persönlicher Bezug Meine beruflichen und privaten Erfahrungen – als Lehrer, Vater und Student – verdeutlichten die Multidimensionalität von Schulabsentismus: Er ist gleichermassen individuelles Verhalten und systemisches Versagen. Dies bestärkte mich darin, nicht nach ‚Schuldigen‘, sondern nach präventiven Lösungsansätzen zu suchen. Dabei ist mir aufgefallen, dass der regelmässige Schulbesuch nicht für jeden selbstverständlich ist. Einige meiner Schüler*innen wurden zuhause unterrichtet oder haben die Pflichtschulzeit nur teilweise oder gar nicht absolviert. Obwohl sie die Schulpflicht nicht erfüllt haben, haben sie ihr Recht auf Bildung auf individuelle Weise wahrgenommen. Dies hat mir verdeutlicht, dass Lernen auch ausserhalb der Schule stattfinden kann. Meine eigene Schulzeit verlief unbeschwert und ich ging meistens gerne zur Schule. Erst als Lehrer an einer Sekundarschule und als Vater wurde mir bewusst, dass dies nicht für alle gilt. Einige Schüler*innen kamen oft zu spät, waren häufig krank oder blieben einfach fern. In dieser Zeit wurde mir klar, dass die Erwartungen und das Verhalten des Schulpersonals einen erheblichen Einfluss auf die Anwesenheit und Lernbereitschaft der Schüler*innen haben. Gleichzeitig stellte ich fest, dass Schulversäumnisse nicht ausschliesslich auf die Schule zurückzuführen waren, sondern familiäre Probleme oder gesundheitliche Einschränkungen ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Dies geht auch aus der aktuellen PISA-Studie hervor („PISA 2022 Results (Volume II)“, 2023). Da geben über 70 Prozent der Schüler*innen krankheitsbedingte Gründe für längeres Fernbleiben vom Unterricht an. Da die Datenlage unsicher ist, bezeichnet die renommierte Schweizer Forscherin Margrit Stamm (Stamm, Margrit, Ruckdäschel, Templer & Niederhauser, 2009) dies als eine Grauzone, da solche Absenzen aufgrund des Arztgeheimnisses normalerweise nicht vom Schulpersonal überprüft werden können. Die von Stamm (2009) beschriebene Grauzone krankheitsbedingter Absenzen unterstreicht die Notwendigkeit, schulinterne Präventionsmechanismen zu stärken – ein Schwerpunkt dieser Arbeit. Mein Interesse gilt jedoch vor allem den schulischen Fehlzeiten, die in der Gesellschaft nicht akzeptiert werden. Dies betrifft verschiedene Formen, die in der Forschung unter dem Begriff Schulabsentismus zusammengefasst werden. Ich orientiere mich dazu an der Definition von
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 8 Ricking und Albers (Ricking & Albers, 2019), die Schulabsentismus als einen Sammelbegriff für diverse Verhaltensmuster illegitimer Schulversäumnisse betrachten. Im Zuge der Themenfindung und Eingrenzung meiner Forschungsfrage habe ich mit verschiedenen Personen über Schulabsentismus gesprochen. Fast alle GesprächspartnerInnen betonten die Aktualität und Relevanz dieses Themas für die Schule. Ich bin überzeugt, dass Schulabsentismus viele Schüler*innen betrifft und dass das Thema vielerorts noch als Tabu gilt, oft verbunden mit negativen Emotionen und Schwierigkeiten, auch ausserhalb der Schule. Da ich selbst kaum schulabsent war, interessieren mich einerseits die Beweggründe für dieses Verhalten, andererseits zeigt Schulabsentismus immer auch Schwachstellen in der Gesellschaft auf. Ein tieferes Verständnis von Schulabsentismus hilft uns, die Gründe zu erkennen, warum Schüler*innen gerne zur Schule gehen und aktiv am Unterricht teilnehmen. Obwohl Lernen ausserhalb der Schule und ohne Zwang möglich ist, ist die Anwesenheit der Schüler*innen im schulischen Kontext eine grundlegende Voraussetzung für schulisches Lernen. 1.2 Fachliche Einordnung Das Fernbleiben von Kindern oder Jugendlichen von der Schule ist ein sehr ernstes Problem unserer Gesellschaft, das bei ca. 5% -10% aller Kinder und Jugendlichen auftritt und die weitere Entwicklung der Betroffenen erheblich gefährdet (Walter & Döpfner, 2021). Es ist ein weit verbreitetes Problem mit grossen Auswirkungen auf die schulische und soziale Entwicklung. In Europa erfüllen jährlich ca. 18 Prozent der Jugendlichen ihre obligatorische Schulpflicht nicht, weil sie ohne qualifizierten Abschluss das Bildungssystem verlassen (‚Dropout’). Angesichts dieser hohen Rate hat die EU im Jahr 2003 beschlossen, deren Senkung auf zehn Prozent als vorrangigen Benchmark für das Jahr 2010 zu erklären (Stamm, 2012). Insbesondere im Bereich der Heilpädagogik ist Schulversäumnis von hoher Relevanz, da Schüler*innen mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf häufiger an Abwesenheit in der Schule leiden. Diese Kinder und Jugendlichen stehen häufig vor zusätzlichen Herausforderungen wie Lernschwierigkeiten, emotionalen oder sozialen Problemen, die es schwierig machen, regelmässig am Unterricht teilzunehmen. Die Reduktion von Schulabsentismus stellt Schulen und heilpädagogische Fachkräfte vor komplexe Herausforderungen, da regelmässiges Fehlen nicht nur die Bildungschancen der Schüler*innen beeinträchtigt, sondern auch ihre soziale Integration gefährdet.
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 9 Angesichts dessen ist es essenziell, passende präventive und intervenierende Massnahmen zu schaffen, die spezifisch auf die Anforderungen von Schüler*innen mit Förderbedarf ausgerichtet sind. Heilpädagogische Fachkräfte sind entscheidend, um Absentismus zu verringern und langfristige schulische Teilhabe zu fördern, indem sie gezielte Unterstützung und individuelle Förderangebote bereitstellen. Schulabsentismus ist kein isoliertes Phänomen, sondern Ergebnis komplexer Wechselwirkungen zwischen individuellen, familiären, schulischen und gesellschaftlichen Faktoren (Bronfenbrenner, 1979). Ziel dieser Arbeit ist es, evidenzbasierte Präventionsund Interventionsstrategien für heilpädagogische Fachkräfte zu identifizieren, die gezielt auf die Bedürfnisse von Schüler*innen mit Förderbedarf abgestimmt sind. Heilpädagogische Relevanz von Schulabsentismus Schulabsentismus ist ein vielschichtiges Phänomen, das nicht nur individuelle, sondern auch systemische Ursachen und Auswirkungen hat. In der heilpädagogischen Praxis ist es von entscheidender Bedeutung, da Schülerinnen mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf besonders häufig von Schulversäumnissen betroffen sind. Diese Schülerinnen stehen oft vor zusätzlichen Herausforderungen wie Lernschwierigkeiten, emotionalen oder sozialen Problemen, die ihre regelmässige Teilnahme am Unterricht erschweren. Die heilpädagogische Relevanz ergibt sich aus der Notwendigkeit, gezielte Unterstützung und individuelle Förderangebote bereitzustellen, um die Bildungschancen und die soziale Integration dieser Schüler*innen zu sichern. Ein tieferes Verständnis von Schulabsentismus hilft uns, die Gründe zu erkennen, warum Schülerinnen gerne zur Schule gehen und aktiv am Unterricht teilnehmen. Obwohl Lernen auch ausserhalb der Schule möglich ist, bleibt die Anwesenheit im schulischen Kontext eine grundlegende Voraussetzung für schulisches Lernen. Die heilpädagogische Perspektive betont, dass alle Schülerinnen, unabhängig von ihren individuellen Herausforderungen, das Recht auf Bildung und Unterstützung haben. Es ist essenziell, präventive und intervenierende Massnahmen zu entwickeln, die speziell auf die Bedürfnisse von Schüler*innen mit Förderbedarf ausgerichtet sind.
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 16 2.2.1.1 Schulphobie Abbildung 6 eigene Darstellung (Rotthaus, 2022) Schulphobie stellt eine spezifische Form der Schulverweigerung dar, die eng mit der Angst vor der Trennung von wichtigen Bezugspersonen, insbesondere der Mutter, verknüpft ist. Diese emotionale Störung wird im ICD-10 unter der Diagnose F93.0 als Trennungsangst klassifiziert und verdeutlicht die psychische Belastung, die betroffene Kinder erleben. Es handelt sich hierbei nicht um eine Phobie gegenüber der Schule selbst, sondern vielmehr um eine Angst, die sich aus der Trennungssituation im familiären Umfeld ergibt. Globirsch und Kunert (Globirsch & Kunert, 2013) beschreiben Schulphobien als „als Schulangst maskierte Ängste“, die darauf hinweisen, dass das Kind sich nicht von der Hauptbezugsperson trennen kann. Diese Verweigerungshaltung gegenüber der Schule kann oft aus einer tiefen emotionalen Verunsicherung resultieren, etwa der Furcht, dass der Mutter während der Abwesenheit etwas Ernstes zustossen könnte. Betroffene Kinder und Jugendliche zeigen häufig körperliche Symptome wie Bauchschmerzen oder Übelkeit, insbesondere morgens vor dem Schulbesuch oder abends. Diese Symptome treten jedoch nicht während der Ferien oder am Wochenende auf, was darauf hindeutet, dass sie stark mit der Schulsituation verbunden sind. In vielen Fällen geschieht die Ablehnung des Schulbesuchs mit dem Wissen und der Unterstützung der Eltern, die selbst oft als ängstliche soziale Modelle fungieren. Das Verhalten des Kindes ist daher stark durch die Interaktionsmuster innerhalb eines überbehütenden Erziehungsstils geprägt. Die Aussenwelt wird als bedrohlich wahrgenommen, was dazu führt, dass die Sicherheit des Heims als der einzige Rückzugsort gesucht wird.
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 17 Ein wesentlicher Aspekt der Schulphobie ist die Reaktion der betroffenen Kinder und Jugendlichen auf den Schulbesuch. Sie zeigen häufig aggressive Ausbrüche, Widerstände oder kehren vorzeitig nach Hause zurück. In solchen Fällen können Krankschreibungen aufgrund psychosomatischer Beschwerden kontraindiziert sein, da sie das Vermeidungsverhalten fördern können (Rotthaus, 2022). Die Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes sind erheblich: Die Einschränkung der sozialen Kompetenzen sowie der Selbstständigkeit kann zu weiteren emotionalen Störungen führen. Insgesamt verdeutlicht die Thematik der Schulphobie die komplexen Zusammenhänge zwischen familiären Dynamiken, emotionalen Belastungen und dem Schulbesuch, was eine differenzierte Betrachtung und Intervention erfordert. 2.2.1.2 Schulangst Abbildung 7 eigene Darstellung (nach Rotthaus, 2022) Schulangst ist ein weit verbreitetes Phänomen, das sowohl Kinder als auch Jugendliche betrifft und erhebliche Auswirkungen auf ihre schulische Leistung sowie ihr allgemeines Wohlbefinden haben kann. In der Fachliteratur wird Schulangst oft als eine spezifische Form der Angst beschrieben, die sich in verschiedenen Symptomen äussern kann, darunter Nervosität, körperliche Beschwerden wie Bauchschmerzen oder Übelkeit sowie Vermeidungsverhalten gegenüber dem Schulbesuch. Generell versuchen Kinder und Jugendliche, Situationen zu meiden, die ihnen unangenehm sind. Bei Absentismus sind dies häufig „Ängste vor Bewertungen oder dem Ausschluss durch andere“ (Globirsch & Kunert, 2013). Dies kann dazu führen, dass sie Leistungssituationen oder
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 18 Pausensituationen meiden, sodass kaum noch Mitarbeit im Unterricht stattfindet und der Kontakt zu Mitschülern*innen nahezu fehlt. Prüfungsängste sind weit verbreitet und äussern sich oft als „Sorgen vor schriftlichen Arbeiten“ (Rotthaus, 2022). Zudem können Ängste auch den Schulweg betreffen, etwa in Bezug auf überfüllte öffentliche Verkehrsmittel oder die Sorge vor Mobbing. Ein zentraler Aspekt der Schulangst ist die Rolle der Eltern und des familiären Umfelds. Schneider (2004) hebt hervor, dass „elterliche Überbehütung und übermässiger Druck zur Leistungssteigerung oft zur Entstehung von Schulangst beitragen können“. Vor allem im Grundschulalter sind Trennungsängste häufig anzutreffen. Kinder machen sich Sorgen, dass ihnen oder wichtigen Bezugspersonen etwas zustossen könnte, was zu einer Trennung führen könnte. Darüber hinaus kann eine generalisierte Angst auftreten, die sich in „übermässigen und unkontrollierbaren Sorgen über mögliche zukünftige Ereignisse“ äussert (Schneider, 2004). Diese Kinder neigen dazu, Trennungen von ihren Eltern zu vermeiden, nicht nur beim Schulbesuch, sondern auch in anderen Lebenssituationen, wodurch sie oft zuhause bleiben. Betroffene Kinder und Jugendliche zeigen häufig auch Symptome von Traurigkeit sowie Antriebsund Lustlosigkeit. Diese Probleme treten in der Jugend häufiger auf als bei jüngeren Kindern. Betroffene fühlen sich oft wertlos, ungeliebt oder glauben, im Leben nichts zu erreichen (Globirsch & Kunert, 2013). Ihre Stimmung ist meistens niedergeschlagen, und sie empfinden selten Freude. Freizeitaktivitäten werden seltener wahrgenommen, und häufig treten auch Schlafstörungen sowie Appetitprobleme auf. Diese Faktoren führen dazu, dass sie keinen Anreiz sehen, zur Schule zu gehen. Aggressives Verhalten sowie Regelverweigerung sind weitere Symptome, die bei betroffenen Kindern auftreten können. Diese Kinder ignorieren häufig Aufforderungen oder Regeln. Wenn versucht wird, diese durchzusetzen, kommt es oft zu Wutausbrüchen und aggressivem Verhalten, sowohl verbal als auch physisch (Rotthaus, 2022). Im Jugendalter zeigt sich dies auch durch mögliche Polizeikontakte aufgrund von Regelverstössen oder Drogenkonsum. Diese Jugendlichen verweilen oft nicht in der Schule, um stattdessen angenehmere Aktivitäten wie das Spielen von Videospielen in Kaufhäusern oder das „Chillen“ zu verfolgen.
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 19 Konzentrationsprobleme, Impulsivität und motorische Unruhe spielen ebenfalls eine Rolle. Manche Kinder vermeiden die Schule, weil sie aufgrund dieser Schwierigkeiten den schulischen Anforderungen nicht gerecht werden können. Sie können dem Unterricht nicht folgen, Aufgaben nicht selbstständig bearbeiten und fallen durch unregelmässiges Verhalten auf. Diese Probleme können sich im Jugendalter zwar verringern, jedoch bleiben oft andere Schwierigkeiten bestehen, was zu unzureichenden Leistungen führt und die Schulbesuche noch herausfordernder macht. Insgesamt zeigt sich, dass Schulangst genauso wie die unter 2.2.1 besprochene Schulphobie ein komplexes Phänomen ist, das vielfältige Ursachen und Auswirkungen hat. Eine differenzierte Betrachtung und ein einfühlsamer Umgang mit betroffenen Kindern sind entscheidend, um ihnen zu helfen, ihre Ängste zu überwinden und ein positives Verhältnis zur Schule zu entwickeln. 2.2.1.2.1 Leistungsangst Abbildung 8 eigene Darstellung (Rotthaus, 2022) Leistungsangst stellt einen häufigen Grund für Schulverweigerung dar, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, die eine sehr kritische Sicht auf ihre Fähigkeiten und ihren Wert haben. Gedanken wie „Ich kann nichts“ oder „Ich bin nichts“ sowie die Furcht, in Fächern wie Mathematik zu scheitern, belasten diese Schüler*innen ständig. Häufig erscheinen sie sorgenvoll, niedergeschlagen und innerlich angespannt. Psychosomatische Beschwerden wie Bauchoder Kopfschmerzen treten häufig auf. Interessanterweise „entfalten“ viele von ihnen in den Ferien regelrecht ihre Fähigkeiten – ein klares Zeichen dafür, dass die Schule als belastend
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 20 wahrgenommen wird. Häufig sind diese Kinder in einer sogenannten „Leistungsfamilie“ anzutreffen, in der strenge Anforderungen bestehen (Rotthaus, 2022). 2.2.1.2.2 Schulabsentismus aufgrund von sozialen Ängsten und Phobien Abbildung 9 eigene Darstellung (nach Rotthaus, 2022) Soziale Ängste und Phobien können ebenfalls eine Schulverweigerung zur Folge haben. Bei diesen Kindern dominiert die Furcht, sich vor ihren Mitschüler*innen zu blamieren oder lächerlich zu erscheinen. Oft haben sie Probleme, neue Kontakte zu knüpfen und fühlen sich schnell minderwertig – sei es durch die Reaktionen von Lehrer*innen oder durch Mobbing im Klassenverband. Zahlreiche betroffene Schüler*innen meiden in der Schule den Blickkontakt und haben mit psychosomatischen Beschwerden zu kämpfen. In ihrer Freizeit allerdings präsentieren sie häufig ein völlig anderes Bild und engagieren sich in ausserschulischen Aktivitäten, was darauf hindeutet, dass die sozialen Ängste eng mit der schulischen Umgebung verknüpft sind (Rotthaus, 2022).
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 21 2.2.2 Schule schwänzen Abbildung 10 eigene Darstellung nach (Stamm, 2008) Schulschwänzen ist ein weit verbreitetes Verhaltensmuster, bei dem Schüler*innen eine ablehnende Haltung gegenüber der Schule, dem Unterricht oder den Lehrer*innen einnehmen und dies regelmässig durch Fernbleiben vom Unterricht oder Zuspätkommen zum Ausdruck bringen. Dunkake (Dunkake, 2007) beschreibt, dass Schüler*innen in der Regel während des Vormittags „einer attraktiveren Beschäftigung ausserhalb des elterlichen Hauses“ nachgehen. Diese Verhaltensweise verdeutlicht die zugrunde liegende (Doppel-)Motivation, die sowohl das Vermeiden von unlustbetonten schulischen Leistungssituationen als auch das Streben nach befriedigenderen Aktivitäten ausserhalb der Schule umfasst. Familiale Risikofaktoren spielen eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Schulschwänzen. Zu diesen Faktoren zählen unter anderem Armut, geringe Bildungsambitionen, eine unzureichend ausgeprägte erzieherische Aufsicht sowie allgemein wenig Unterstützung für schulische Belange durch die Erziehungsberechtigten (Dunkake, 2007). Darüber hinaus zeigt sich, dass Schulschwänzen häufig mit Verhaltensmustern aus dem dissozialen Formenkreis einhergeht, wie etwa jugendlicher Delinquenz, aggressiver Konfliktregelung und Drogenmissbrauch. Frings (2007) hebt hervor, dass diese Zusammenhänge die Problematik weiter verschärfen und auch im Kontext schulaversiver Cliquen zu beobachten sind. Ein besonders prägnanter Zusammenhang besteht zwischen Schulschwänzen und Leistungsversagen, insbesondere bei Schüler*innen mit hohen Fehlquoten. Dunkake (Dunkake, 2007)
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 22 stellt fest, dass regelmässige Misserfolge, die sich in schlechten Leistungsbewertungen oder Klassenwiederholungen äussern, langfristig zu „mangelnder Lernmotivation, belasteten pädagogischen Beziehungen und Meidungsverhalten“ führen. Viele der betroffenen Schüler*innen fühlen sich angesichts der schulischen Anforderungen frustriert und überfordert, was sie dazu bringt, Verhaltensweisen zu entwickeln, um diesen Anforderungen aus dem Weg zu gehen (Oehme, 2007). Die Ergebnisse der Schulabsentismus-Studie von Stamm (2009) verdeutlichen, dass Schulabsentismus im schulischen Kontext oft als Randthema behandelt wird. „Praktisch alle Schulleitungen (27) sind mit dem Phänomen bereits an ihrer Schule in Kontakt gekommen“, jedoch wird häufig nur von Einzelfällen berichtet, in denen Schüler*innen stundenweise oder im Ausnahmefall einen ganzen Tag der Schule fernbleiben. Die Studie zeigt, dass 21 Schulen bereits Erfahrungen mit sogenannten „Härtefällen“ gemacht haben, wobei betont wird, dass es sich in diesen Fällen um Ausnahmen handelt (Stamm, Margrit et al., 2009). Ein zentrales Problem ist, dass ein grosser Teil der Schulschwänz-Episoden von Eltern, Lehrpersonen und Schulleitungen nicht erkannt wird. Wenn diese Episoden jedoch erkannt werden, erfolgt oft keine gezielte Ansprache der Schüler*innen. Stattdessen wird das Verhalten häufig nicht richtig verstanden, und die Reaktion besteht in Sanktionen, die das Problem weiter verschärfen (Stamm, Margrit et al., 2009). Diese mangelnde Sensibilität für die Ursachen von Schulschwänzen kann die schulische Integration der betroffenen Schüler*innen erheblich beeinträchtigen. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Schulschwänzen viele Facetten hat, das sowohl familiäre als auch schulische Faktoren umfasst. Ein besseres Verständnis der Ursachen und eine differenzierte Reaktion auf Schulschwänzen sind entscheidend, um betroffenen Schüler*innen zu helfen und ihre schulische Integration zu fördern.
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 23 2.2.3 Zurückhaltung der Eltern Abbildung 11 eigene Darstellung nach (Stamm, 2008) Die Rolle der Eltern im Kontext der Schulabsenz ist entscheidend und oft vielschichtig. In vielen Fällen wird die schulische Absenz von den Eltern initiiert oder zumindest geduldet, was zu einer Vielzahl von Problemen führen kann. Ricking und Hagen (Ricking & Hagen, 2016) betonen, dass die Entscheidung über den Schulbesuch häufig den Schüler*innen überlassen wird, was bedeutet, dass Eltern entweder aktiv oder passiv in die Schulpflicht ihrer Kinder eingreifen. Diese Zurückhaltung kann sich in einer gleichgültigen, ablehnenden oder sogar feindlichen Haltung der Eltern gegenüber der Schule äussern. Ein wichtiger Aspekt ist, dass die Gründe für elternbedingte Schulversäumnisse äusserst vielfältig sind. Ricking und Albers (Ricking & Albers, 2019) stellen fest, dass es häufig um eine bewusste Schulpflichtverletzung durch die Erziehungsberechtigten geht. Ricking und Hagen (Ricking & Hagen, 2016) beschreiben das Phänomen des „Zurückhaltens“ als eine Situation, in der ein Kind wider seinen Willen oder ohne dazu befragt zu werden durch die Erziehungsberechtigten von der Schule ferngehalten wird. Hierbei ist entscheidend, ob die Eltern aktiv den Schulbesuch verhindern oder lediglich eine tolerierende Haltung einnehmen. Familiale Faktoren sind entscheidend für die Schulanwesenheit. Lenzen et al. (2013) heben hervor, dass elterliche Einflüsse massgeblich die Anwesenheit oder Abwesenheit von Schüler*innen bestimmen. Probleme im Erziehungsstil, wie Überforderung oder Schwierigkeiten in
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 24 der häuslichen Organisation, können dazu führen, dass Eltern nicht in der Lage sind, den Schulbesuch ihrer Kinder sicherzustellen (Goodmann & Scott, 2016). Die Haltung der Eltern gegenüber der Schule spielt ebenfalls eine zentrale Rolle. Eine Gleichgültigkeit oder Ablehnung der schulischen Ausbildung des Kindes kann sich in der familiären Wertschätzung des Schulbesuchs widerspiegeln. Ehmann und Rademacker (2003) argumentieren, dass diese Haltung oft generationsübergreifend ist und somit als handlungsleitend im familiären Wertesystem verankert wird. Eltern, die eine ablehnende Einstellung gegenüber der Schule haben, unterstützen unbewusst das Verhalten ihrer Kinder, was zu einem Teufelskreis der Bildungsferne führt (Grundmann et al., 2004). Ein weiterer Faktor, der zur Schulabsenz beiträgt, ist die ökonomische Situation der Familie. Kearney (2016) merkt an, dass Kinder immer häufiger zur finanziellen Unterstützung der Familie beitragen müssen, was zu einem Konflikt zwischen schulischen Anforderungen und familiären Lebensumständen führt. In einigen Fällen sind Kinder sogar verpflichtet, nach der Schule zu arbeiten, was ihre schulische Leistung beeinträchtigt. Zusätzlich gibt es Kinder und Jugendliche, die innerhalb ihrer Familien pflegerische Tätigkeiten übernehmen, sogenannte „young carers“. Wimmer (2013) beschreibt, dass diese pflegerischen Aufgaben, wie die Betreuung von Geschwistern oder die Unterstützung bei Arztbesuchen, oft zu Schulversäumnissen führen. Schulze und Kaiser (2017) weisen darauf hin, dass die Auswirkungen solcher Verantwortlichkeiten auf das Lernen sehr unterschiedlich sein können, wobei viele dieser Kinder mit zusätzlichen Belastungen konfrontiert sind. Psychische Erkrankungen der Eltern sind ein weiterer bedeutender Einflussfaktor auf die Schulabsenz. Knollmann et al. (2010) zeigen, dass Eltern mit psychischen Erkrankungen oft nicht in der Lage sind, den Schulbesuch ihrer Kinder zu unterstützen, was zu einem Mangel an elterlicher Zuwendung und Aufmerksamkeit führt. Insgesamt wird deutlich, dass die Zurückhaltung durch die Eltern ein vielschichtiges Problem darstellt, das sowohl aktive als auch passive Elemente umfasst. Die Entscheidung, ob ein Kind zur Schule geht, wird oft den Kindern überlassen, während die Eltern stillschweigend die Unwilligkeit zum Schulbesuch tolerieren oder sogar aktiv fördern (Schulze & Wittrock, 2005, 2008; Ricking & Hagen, 2017).
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 25 Es ist daher unerlässlich, elternbedingte Schulversäumnisse frühzeitig zu erkennen und zu adressieren. Albers, Bolz und Wittrock (2018) betonen, dass es an Schulen wichtig ist, Schulversäumnisse gewissenhaft zu kontrollieren und bei Bedarf zu handeln, um den betroffenen Schüler*innen die Bildungschancen zu ermöglichen, die sie benötigen. 2.2.4 Innere Unterrichtsdistanzierung Abbildung 12 eigene Darstellung nach (Stamm, 2008) Innere Unterrichtsdistanzierung ist ein Phänomen, das sich durch eine physische Anwesenheit im Unterricht, jedoch eine gleichgültige und ablehnende Haltung gegenüber den schulischen Inhalten auszeichnet. Schüler*innen, die sich innerlich von der Schule distanzieren, zeigen häufig störendes Verhalten, das als Ausdruck ihrer inneren Kündigung interpretiert werden kann. Ricking und Hagen (2016) beschreiben diese innere Kündigung als einen Zustand, in dem Schüler*innen zwar körperlich anwesend sind, jedoch emotional und intellektuell nicht mehr am Unterrichtsgeschehen teilnehmen. Diese Distanzierung kann sich in einer Vielzahl von Verhaltensweisen äussern, die das Lernumfeld stören und die Aufmerksamkeit sowohl der Lehrkräfte als auch der Mitschüler*innen auf sich ziehen. Ein weiteres Merkmal der inneren Unterrichtsdistanzierung sind selektive Versäumnisse einzelner Unterrichtsphasen. Schüler*innen, die innerlich gekündigt haben, neigen dazu, sich nur auf bestimmte Phasen des Unterrichts zu konzentrieren, während sie andere Phasen ignorieren oder nicht ernst nehmen. Dies führt oft zu einem fragmentierten Lernprozess, bei dem
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 32 „Sorge vor der Bewertung durch andere“, die insbesondere bei Grundschulkindern häufig zu beobachten ist. Hierbei spielen Trennungsängste eine bedeutende Rolle, da betroffene Kinder grosse Schwierigkeiten haben, sich von ihren Hauptbezugspersonen, in der Regel den Eltern, zu trennen. Sie fürchten, dass diesen oder ihnen selbst etwas zustossen könnte (Ricking & Hagen, 2016). Darüber hinaus können Ängste auch in anderen Situationen oder gegenüber bestimmten Objekten auftreten, wie etwa der Angst vor engen Räumen oder vor Hunden. Gemeinsam ist all diesen Ängsten, dass die Betroffenen versuchen, möglichst schnell aus als unangenehm empfundenen Situationen zu flüchten oder diese gänzlich zu vermeiden. Begleitend zu diesen Ängsten treten häufig körperliche Symptome auf, wie Kopfoder Bauchschmerzen, Übelkeit oder Erbrechen. Diese Beschwerden sind oft besonders ausgeprägt am Abend vor Schultagen oder am Morgen selbst, während sie an Wochenenden und in den Ferien in der Regel ausbleiben. Die Vermeidung der Schule führt jedoch dazu, dass die Ängste weiter anwachsen und die Betroffenen sich in einem Teufelskreis der Angst befinden, aus dem sie ohne Unterstützung kaum herauskommen (Ricking & Hagen, 2016). Ein weiterer wichtiger Faktor sind soziale Unsicherheiten und fehlende Kompetenzen im Umgang mit Gleichaltrigen oder Erwachsenen. Schüler*innen, die in sozialen Situationen überfordert sind, wissen oft nicht, wie sie sich verhalten sollen, um Kontakte zu knüpfen oder Konflikte zu lösen. Diese Überforderung macht die Schule zu einem belastenden Ort, den sie vermeiden möchten, um kurzfristig den damit verbundenen Stress zu umgehen. Ironischerweise werden diese Probleme durch die Vermeidung nicht gelöst, sondern oft sogar verstärkt (Ricking & Hagen, 2016). Zusätzlich ist der exzessive Konsum digitaler Medien ein weiterer Aspekt, der zu Absentismus beitragen kann. Während Jungen häufig Computerspiele spielen und Videos schauen, verbringen Mädchen oft viel Zeit mit der Kommunikation über soziale Medien. Schüler*innen, die wenig sozialen Anschluss haben und gleichzeitig eine geringe Medienkontrolle erleben, sind besonders gefährdet, viele Stunden mit digitalen Medien zu verbringen. Dies führt dazu, dass sie morgens nicht ausgeschlafen sind und den Drang verspüren, ihre digitalen Aktivitäten fortzusetzen, was wiederum zu einer Vermeidung des Schulbesuchs führt (Ricking & Hagen, 2016).
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 33 Insbesondere im Jugendalter kann auch eine depressive Symptomatik zu Schulabsentismus führen. Die Betroffenen fühlen sich oft traurig, antriebslos und verzweifelt. Diese Symptome können dazu führen, dass sie soziale Kontakte meiden und Schwierigkeiten haben, regelmässigen Aktivitäten nachzugehen. Dinge, die ihnen früher Freude bereitet haben, verlieren ihren Reiz. Diese depressive Stimmung verstärkt die Neigung zu Absentismus und führt zu einem Teufelskreis, der schwer zu durchbrechen ist (Ricking & Hagen, 2016). Schliesslich können auch Schwierigkeiten im Arbeitsund Lernverhalten Absentismus begünstigen. Schüler*innen, die nicht in der Lage sind, ihre schulischen Aufgaben eigenständig oder mit altersangemessener Unterstützung zu bewältigen, können schnell überfordert sein. Oft gelingt es ihnen nicht, ihre Aufgaben während des Unterrichts oder zu Hause zu erledigen, was zu einem weiteren Anstieg ihrer schulischen Defizite führt (Ricking & Hagen, 2016). Diese Schwierigkeiten können durch Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) oder Teilleistungsstörungen verursacht werden, die die Schüler*innen zusätzlich belasten und Absentismus weiter begünstigen. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Ursachen für Schulabsentismus komplex und vielschichtig sind. Psychische Probleme, soziale Unsicherheiten, exzessiver Medienkonsum, depressive Symptome und Schwierigkeiten im Lernverhalten sind nur einige der Faktoren, die zur Abwesenheit von der Schule führen können. Um den betroffenen Schüler*innen zu helfen, ist es entscheidend, diese Ursachen zu erkennen und gezielte Unterstützungsmassnahmen zu entwickeln. 4.1.3 Merkmale der Eltern Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen den Zusammenhang zwischen Absentismus und der erzieherischen Überforderung der Eltern. Auf der einen Seite kann eine übertriebene elterliche Kontrolle stehen, bei der Eltern ein gut gemeintes, aber übermässig behütendes Verhalten an den Tag legen. Diese Eltern trauen ihren Kindern oft wenig zu; sie bezweifeln beispielsweise, dass ihre Kinder den Schulweg eigenständig bewältigen oder die Schulaufgaben selbstständig erledigen können. In vielen Fällen sind diese Eltern selbst sehr leistungsorientiert und setzen ihre Kinder unter hohen Leistungsdruck, was zu einem belastenden Umfeld führt. Ricking und Hagen (2016) betonen, dass „die betroffenen Kinder und Jugendlichen selten die Erfahrung machen, Alltagssituationen und ihr Leben insgesamt eigenständig und kompetent
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 34 bewältigen zu können“. Diese Überbehütung beeinträchtigt zudem die Entwicklung von Unabhängigkeit und Eigenständigkeit. Auf der anderen Seite kann auch ein vernachlässigendes elterliches Erziehungsverhalten zu Absentismus beitragen. Kinder und Jugendliche wachsen in einem familiären Umfeld auf, das durch einen unzureichenden erzieherischen Rahmen geprägt ist. Häufig fehlen verbindliche Regeln im Alltag, wie etwa bezüglich des Tagesablaufs oder des Medienkonsums, und die Kinder erhalten zu wenig Unterstützung, auch in schulischen Belangen wie beim Packen des Ranzens oder bei den Hausaufgaben. In solchen Familien herrscht oft „zu wenig elterliche Kontrolle und Unterstützung“ und gleichzeitig „zu viel Freiraum für die Kinder und Jugendlichen“ (Ricking & Hagen, 2016). Zudem gibt es Eltern, die den Schulbesuch ihrer Kinder als nicht besonders wichtig erachten, was die Situation weiter verschärfen kann. Zusätzlich zeigen wissenschaftliche Befunde, dass Kinder und Jugendliche mit schulvermeidendem Verhalten häufig aus belasteten Familien stammen. In diesen Familien finden sich nicht selten psychische Störungen oder körperliche Erkrankungen der Eltern, und die betroffenen Schüler*innen kommen häufig aus Familien, in denen die Eltern getrennt leben. Solche Familiensituationen können dazu führen, dass die Kinder nicht in dem Masse unterstützt und gefördert werden, wie es für ihre Entwicklung notwendig wäre. Dies erhöht das Risiko für schulvermeidendes Verhalten erheblich (Ricking & Hagen, 2016). Ein besonders wichtiger Punkt im Zusammenhang mit ungünstigen familiären Bedingungen sind die unmittelbaren Konsequenzen schulvermeidenden Verhaltens innerhalb der Familie. Absentismus führt nicht nur dazu, dass unangenehme und belastende Situationen seltener auftreten. Vielmehr verbringen die betroffenen Schüler*innen ihre Zeit zunehmend mit angenehmen Aktivitäten, wie Schlafen, Videos streamen oder Computerspielen. Oft reagieren die Eltern auf das schulvermeidende Verhalten sogar mit verstärkter Zuwendung, indem sie ihren Kindern beispielsweise besondere Leckereien zubereiten oder mehr Zeit mit ihnen verbringen. Viele der betroffenen Kinder und Jugendlichen setzen zudem ihre üblichen Nachmittagsaktivitäten fort, etwa Fussballtraining oder Treffen mit Gleichaltrigen. Ricking und Hagen (2016) heben hervor, dass „auf schulvermeidendes Verhalten letztlich positive Konsequenzen folgen und unangenehme Konsequenzen ausbleiben“. Diese Belohnung des schulvermeidenden Verhaltens erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Verhalten in Zukunft häufiger auftritt.
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 35 Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die familiären Merkmale und das Erziehungsverhalten der Eltern einen erheblichen Einfluss auf das Schulverhalten der Kinder haben. Sowohl übermässige Kontrolle als auch Vernachlässigung können zu Absentismus führen, und die unmittelbaren positiven Konsequenzen Absentismus verstärken dieses Verhalten zusätzlich. Um dem entgegenzuwirken, ist es wichtig, die familiären Rahmenbedingungen zu verstehen und gezielte Unterstützungsmassnahmen zu entwickeln. 4.1.4 Merkmale der Schule Die schulischen Bedingungen spielen eine entscheidende Rolle bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Absentismus. Zahlreiche wissenschaftliche Studien haben einen klaren Zusammenhang zwischen Absentismus und bestimmten schulischen Faktoren festgestellt. So zeigt sich, dass grosse Schulklassen, Klassen mit vielen sozial auffälligen Mitschülern*innen und ein zerrüttetes Klassenklima die Wahrscheinlichkeit von Absentismus erhöhen können. Ricking und Hagen (2016) betonen, dass „ungünstige Lehrbedingungen, wie häufiger Unterrichtsausfall, ein einseitiger und als langweilig empfundener Lehrstil sowie belastete Beziehungen zwischen Lehrkräften und Schülern“ einen erheblichen Einfluss auf Absentismus haben. Darüber hinaus wurde in den Studien festgestellt, dass schulvermeidendes Verhalten tendenziell häufiger in Klassen mit hohen Leistungsanforderungen vorkommt. Schüler*innen, die sich unter starkem Leistungsdruck fühlen, sind oft eher geneigt, die Schule zu meiden. Interessanterweise können auch gut gemeinte Massnahmen wie längere Phasen von Einzeloder Hausbeschulung die Problematik eher verschärfen, als sie zu lösen. Diese Isolation kann dazu führen, dass Schüler*innen sich noch weiter von der Schule entfernen und soziale Kontakte vernachlässigen (Ricking & Hagen, 2016). Ein weiterer bedeutender Faktor sind die sozialen Beziehungen innerhalb der Schule. Ausgrenzung durch Mitschüler*innen sowie Mobbing sind häufige Ursachen für Schulabwesenheit. Betroffene Schüler*innen erleben oft eine starke emotionale Belastung, die sie dazu bringt, die Schule zu meiden. Ricking und Hagen (2016) weisen darauf hin, dass „Cybermobbing“, also die Anfeindungen von Schüler*innen in sozialen Netzwerken, ebenfalls eine relevante Rolle spielt. Die digitale Dimension von Mobbing kann die Isolation der Betroffenen verstärken und Absentismus weiter begünstigen.
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 36 Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Merkmale der Schule, einschliesslich der Klassenstruktur, der Lehrbedingungen und der sozialen Dynamik, erheblichen Einfluss auf das Verhalten der Schüler*innen haben. Um Absentismus effektiv zu bekämpfen, ist es wichtig, diese schulischen Rahmenbedingungen zu analysieren und gezielte Massnahmen zur Verbesserung des Klassenklimas und der Lehrmethoden zu entwickeln. Nur so kann eine positive Lernumgebung geschaffen werden, die Schüler*innen motiviert und unterstützt, aktiv am Schulgeschehen teilzunehmen. 4.1.5 Merkmale der Gesellschaft Bei der Betrachtung der Ursachen von Absentismus dürfen die allgemeinen gesellschaftlichen Faktoren nicht ausser Acht gelassen werden. Ein zentraler Aspekt ist der in westlichen Kulturen weit verbreitete hohe Leistungsdruck, der als möglicher Faktor für Absentismus identifiziert werden kann. Viele Schüler*innen versuchen, diesem Druck zu entkommen, indem sie die Schule meiden. Ricking und Hagen (2016) betonen, dass „ein nicht unerheblicher Anteil von Schülerinnen und Schülern sich diesem Druck durch Absentismus zu entziehen“ versucht. Dieser Druck kann sich sowohl aus den Erwartungen der Eltern als auch aus den Anforderungen der Schule selbst speisen. Ein weiteres Problem besteht darin, dass Schüler*innen mit Fehlzeiten häufig keine geeignete professionelle Unterstützung erhalten. Häufige Krankschreibungen, die auf unklare körperliche Symptome zurückzuführen sind, können das schulvermeidende Verhalten verstärken. Dies führt dazu, dass die betroffenen Schüler*innen nicht nur den Anschluss an den Unterricht verlieren, sondern auch in einem Teufelskreis der Abwesenheit und des Unwohlseins gefangen bleiben. Das soziale Umfeld, in das die Familie eingebunden ist, spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle. Die dort vorherrschende Meinung über den Stellenwert von Schule hat einen direkten Einfluss auf die elterliche Sichtweise und damit auf das Verhalten der Kinder. Wenn die Schule in der Gesellschaft abgewertet wird, spiegelt sich dies oft in der elterlichen Haltung wider. Ricking und Hagen (2016) heben hervor, dass die „Abwertung vs. Aufwertung der Schule“ im Leben der Kinder von hoher Wichtigkeit ist und somit auch die elterliche Meinung über Schulbildung prägt.
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 37 Ein gesonderter Aspekt, der in diesem Kontext erwähnt werden sollte, ist die häufig unzureichende Abstimmung aller Beteiligten, einschliesslich Eltern, Lehrkräften, betroffener Schüler*innen, Schulleitung und gegebenenfalls weiteren Instanzen wie krankschreibenden Ärzten oder behandelnden Therapeuten. Diese Abstimmung ist oft durch unklare Zuständigkeiten und einen mangelnden Informationsfluss geprägt. Viele Eltern sind sich nicht einmal darüber im Klaren, dass ihre Kinder nicht in der Schule waren, und ein beträchtlicher Anteil der Schüler*innen, die der Schule fernbleiben, erhält von der Schule keinerlei kritische Rückmeldung zu ihrem Verhalten (Ricking & Hagen, 2016). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass gesellschaftliche Merkmale, wie der hohe Leistungsdruck, das soziale Umfeld und die unzureichende Abstimmung zwischen den Beteiligten, einen signifikanten Einfluss auf das Schulverhalten der Schüler*innen haben. Um Absentismus effektiv zu bekämpfen, ist es wichtig, diese gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu erkennen und entsprechende Massnahmen zur Unterstützung von Schüler*innen und Familien zu entwickeln. Nur so kann eine positive Schulumgebung geschaffen werden, die die Schüler*innen motiviert und ihnen hilft, aktiv am Unterricht teilzunehmen.
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 38 4.2 Stand der Forschung 4.2.1 Evidenzbasierte Interventionsansätze Die Forschung zu Schulabsentismus konzentriert sich seit Jahrzehnten auf die Entwicklung und Evaluation von Interventionsstrategien. Systematische Reviews (z. B. Maynard et al., 2018) zeigen, dass ambulante kognitive Verhaltenstherapie (KVT) die am besten untersuchte und wirksamste Methode ist: • Wirksamkeit: Reduktion der Fehlzeiten um durchschnittlich 40–60 % (Ricking & Hagen, 2016). • Langzeiteffekte: Stabilisierung der Ergebnisse über 5 Jahre (ebd.), was auf nachhaltige Veränderung dysfunktionaler Kognitionen (Bandura, 1986) hinweist. • Mechanismen: KVT unterbricht den Teufelskreis aus Vermeidung und Angst („Lernen am Modell“) und stärkt Selbstwirksamkeit. Grenzen der KVT: • Selektive Stichproben: Studien fokussieren überproportional auf Schüler*innen mit ängstlicher Symptomatik (Walter & Döpfner, 2021), während dissoziale Verhaltensmuster (z. B. Schulschwänzen) unterrepräsentiert sind. • Kontextblindheit: KVT adressiert primär individuelle Faktoren (Mikrosystem), vernachlässigt aber systemische Ursachen (z. B. Leistungsdruck im Makrosystem). 4.2.2 Stationäre vs. ambulante Settings • Stationäre KVT: Zeigt hohe Wirksamkeit (Ricking & Hagen, 2016), ist jedoch ressourcenintensiv und stigmatisierend (Labeling-Ansatz). • Hausbeschulung: Kontraindiziert, da Isolation das Mesosystem (Eltern-Schule-Interaktion) weiter schwächt (Bronfenbrenner, 1979). 4.2.3 Alternative Therapieansätze • Spieltherapien/Tiefenpsychologie: Keine Evidenz aufgrund fehlender RCTs (Randomisierte Kontrollstudien). • Medikamentöse Behandlung:
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 39 o Antidepressiva: Wirksamkeitsnachweise nur bei komorbider Depression (Kearney & Silverman, 2020). o Risiken: Ethik-Debatten um Medikalisierung sozialer Probleme (Becker, 1963). 4.2.4 Innovative Ansätze und Forschungslücken 1. Aufsuchende Massnahmen (z. B. Morgensituationen): o Potenzial: Adressieren das Chronosystem (langfristige Verfestigung). o Limitation: Fehlende Langzeitstudien. 2. Ferntherapie (Online-KVT): o Vorteil: Niedrigschwelliger Zugang für medienaffine Jugendliche (sozial-kognitive Theorie). o Herausforderung: Digitale Kluft (ungerechter Zugang). 3. Schulmüden-Projekte: o Systemischer Ansatz: Kombinieren schulische, familiäre und therapeutische Unterstützung (Bronfenbrenners Mesosystem). o Systemische Ansätze wie Schulmüden-Projekte zeigen in Modellversuchen Reduktionen der Dropout-Raten um bis zu 30 % (vgl. Maynard et al., 2018). Kritische Synthese Trotz Fortschritte dominieren drei Forschungslücken: 1. Mangelnde Systemperspektive: 87 % der Studien (Metaanalyse: Heyne et al., 2020) ignorieren gesellschaftliche Rahmenbedingungen (z. B. Leistungsdruck). 2. Einseitige Methodik: Qualitative Studien zu subjektiven Erfahrungen fehlen. 3. Diversitätsdefizit: Wenig Daten zu marginalisierten Gruppen (z. B. Schüler*innen mit Migrationshintergrund). Die aktuelle Forschung reproduziert oft individuelle Defizitzuschreibungen, anstatt strukturelle Ursachen (z. B. Bildungsungleichheit) zu analysieren. Empfehlungen für die Praxis
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 40 1. KVT als Goldstandard: Trotz Limitationen erste Wahl bei angstbedingtem Absentismus. 2. Systemische Ergänzung: Elternarbeit (4.2.3) und Schulklima-Optimierung (5.1.3) kombinieren. 3. Innovation fördern: Pilotprojekte zu digitaler KVT und Schulmüden-Projekten ausweiten. 4.3 Kognitive Verhaltenstherapie Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) basiert auf der Annahme, dass bestimmte Lernerfahrungen zur Entstehung von Schulabsentismus beitragen können. Diese Erfahrungen werden oft als Teufelskreise beschrieben. Ein Beispiel hierfür ist ein Schüler, der gelernt hat, dass das Melden von Bauchschmerzen eine effektive Strategie ist, um dem ungeliebten Schulbesuch zu entkommen. Diese Erfahrung verstärkt sein Verhalten, vor der Schule vermehrt von Bauchschmerzen zu berichten, um stattdessen angenehme Aktivitäten wie das Schauen von Videos oder Computerspielen zu geniessen. Ein zentrales Konzept der KVT ist die Überzeugung, dass menschliches Verhalten stark durch Gedanken, Bewertungen und Grundannahmen beeinflusst wird, die als „Kognitionen“ bezeichnet werden. Diese Kognitionen entwickeln sich im Laufe des Lebens. Zum Beispiel könnte eine Schülerin, die in der Vergangenheit häufig ausgegrenzt wurde, zukünftige soziale Interaktionen negativ bewerten, indem sie denkt: „Die reden über mich und machen sich lustig. Niemand möchte mit mir zu tun haben.“ Solche negativen Bewertungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Stefanie unangenehmen sozialen Situationen aus dem Weg geht, wodurch sie wertvolle Gelegenheiten für positive Erfahrungen verpasst, die ihre Einstellungen möglicherweise korrigieren könnten. Kognitiv-verhaltenstherapeutische Interventionen gehen davon aus, dass Lernerfahrungen bearbeitet und durch neue Erfahrungen verändert werden können. Dies bedeutet, dass sowohl das Verhalten als auch die dazugehörigen Gedanken und Bewertungen veränderbar sind. Diese grundlegenden Prinzipien wurden in zahlreichen Studien überprüft und bestätigt und finden Anwendung bei Schulabsentismus sowie bei anderen psychischen Problemen (Ricking & Hagen, 2016).
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 41 Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die kognitive Verhaltenstherapie eine vielversprechende Methode zur Behandlung von Schulabsentismus darstellt. Sie zielt darauf ab, negative Gedankenmuster zu identifizieren und zu verändern, um so das Verhalten der Betroffenen positiv zu beeinflussen. 4.4 Schulische Massnahmen Ein positives Schulumfeld, das durch ein unterstützendes Klassenklima, gute Beziehungen zwischen Lehrkräften und Schüler*innen sowie die Einbindung in Schulaktivitäten geprägt ist, kann entscheidend dazu beitragen, dass Schüler*innen regelmässig zur Schule gehen. Ricking und Hagen (2016) betonen, dass „ein positives Klassenklima und die Förderung von sozialen Beziehungen innerhalb der Schule“ essenziell sind, um Schulabsentismus vorzubeugen. Ein wichtiger Aspekt der Prävention ist der Umgang mit Disziplinproblemen und Mobbing. Schulen sollten Strategien entwickeln, um ein respektvolles Miteinander zu fördern und sicherzustellen, dass alle Schüler*innen sich in ihrer Umgebung wohlfühlen. Zudem ist es wichtig, Übergänge zwischen verschiedenen Schulstufen – wie dem Wechsel von der Grundschule zur weiterführenden Schule – zu begleiten und zu gestalten, um den Schüler*innen einen reibungslosen Start zu ermöglichen. Ein präventiver Ansatz erfordert auch, dass Lehrkräfte genau hinschauen und Veränderungen im Schulbesuchsverhalten frühzeitig bemerken. Ricking und Hagen (2016) weisen darauf hin, dass „je früher ein verändertes Schulbesuchsverhalten bemerkt wird, desto eher wirken die Massnahmen“. Der Grundsatz „Wehret den Anfängen!“ gilt hier besonders: Wenn Anzeichen von Absentismus frühzeitig erkannt werden, können gezielte Interventionen ergriffen werden, bevor sich das Problem verfestigt. Lehrkräfte und weitere Fachkräfte an Schulen, wie Sozialarbeiter*innen, sollten sich regelmässig mit ihren Kolleg*innen austauschen, um bei Schüler*innen, die häufig dem Unterricht fernbleiben, gemeinsam Strategien zu entwickeln. Es ist sinnvoll, auch spezialisierte Mitarbeiter wie Schulsozialarbeiter oder Schulpsychologen in den Prozess einzubeziehen. An vielen Schulen gibt es standardisierte Vorgehensweisen zur Unterstützung von Schüler*innen mit Absentismus, und regionale Netzwerke haben Leitfäden entwickelt, die die Zusammenarbeit aller beteiligten Institutionen koordinieren.
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 48 Die Eltern sollten bei Bedarf gemeinsam mit ihrem Kind professionelle Unterstützung suchen Wenn es nicht gelingt, die Fehlzeiten zu reduzieren, oder wenn das Kind keine Lösungsvorschläge akzeptiert, sollten sie einen Termin bei einem Kinderund Jugendpsychotherapeuten oder einer Beratungsstelle vereinbaren. Es ist sinnvoll, bereits frühzeitig einen Termin zu suchen, um Wartezeiten zu berücksichtigen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Eltern eine aktive Rolle bei der Prävention von Schulabsentismus spielen können. Durch den Aufbau eines guten Kontakts zu ihrem Kind, die Zusammenarbeit mit der Schule und die Suche nach geeigneten Lösungsmöglichkeiten können sie entscheidend dazu beitragen, dass ihr Kind regelmässig zur Schule geht und seine Bildungschancen optimal nutzt. Indem Eltern frühzeitig handeln und Unterstützung suchen, können sie helfen, das Problem des Absentismus zu bewältigen, bevor es sich verfestigt. 4.6 Rolle der Jugendlichen Die Prävention von Schulabsentismus erfordert nicht nur das Engagement von Eltern und Lehrkräften, sondern auch aktive Schritte von den betroffenen Kindern und Jugendlichen selbst. Im Folgenden werden einige Empfehlungen vorgestellt, die Schüler*innen dabei unterstützen können, ihren Absentismus zu überwinden. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass bei stark ausgeprägtem oder über längere Zeit bestehendem Absentismus diese Hinweise allein möglicherweise nicht ausreichen. In den Kampfmodus schalten Der Schulbesuch sollte als Mittel zum Zweck betrachtet werden. Es ist wichtig, das Problem zu bekämpfen und nicht die Eltern oder Lehrkräfte als Gegner zu sehen. Walter und Döpfner (2021) betonen: „Balle die Faust in der Tasche, lass es nicht zu, dass dein Leben so weiterläuft. Du wirst sehen, es gibt immer eine Lösung.“ Diese Einstellung kann helfen, die Motivation zu stärken, aktiv an der Lösung des Problems zu arbeiten. Sich nicht verstecken Kinder und Jugendliche mit Absentismus neigen oft dazu, sich zurückzuziehen, was die Situation verschärfen kann. Walter und Döpfner (2021) weisen darauf hin, dass „je mehr man sich zurückzieht, desto schwerer fällt es einem, sich überhaupt noch aufzuraffen“. Daher sollten
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 49 Schüler*innen versuchen, ihren Alltag so normal wie möglich zu leben, auch wenn sie nicht regelmässig zur Schule gehen. Es ist wichtig, weiterhin soziale Kontakte zu pflegen und Aktivitäten wie Sport oder Treffen mit Freunden aufrechtzuerhalten. Schwierigkeiten beobachten Schüler*innen sollten sich eine oder zwei Wochen lang beobachten und versuchen, die Gründe für ihr Absentismus einzugrenzen. Liegt das Problem in der Schule, auf dem Schulweg oder zu Hause? Sind es bestimmte Lehrkräfte oder Mitschüler*innen? Walter und Döpfner (2021) empfehlen, diese Beobachtungen aufzuschreiben und mögliche Lösungen zu entwickeln. Verschiedene Dinge ausprobieren Sobald die Schwierigkeiten identifiziert sind, sollten Schüler*innen selbstständig versuchen, das Problem anzugehen. Sie können überlegen, ob es hilfreich wäre, jemanden zur Schule zu begleiten oder sich selbst aktiver am Unterricht zu beteiligen. Es ist wichtig, verschiedene Lösungsansätze auszuprobieren und zu bewerten, was funktioniert und was nicht. Weitere Personen einbeziehen Schüler*innen sollten ihre Probleme nicht allein bewältigen. Es ist hilfreich, mit Eltern, Freunden oder Lehrkräften zu sprechen und um Unterstützung zu bitten. Walter und Döpfner (Walter & Döpfner, 2021) raten dazu, eine Lehrperson auszuwählen, der man vertraut, und einen Termin für ein persönliches Gespräch zu vereinbaren. Auch Beratungslehrer*innen oder Schulpsycholog*innen können wertvolle Unterstützung bieten. Hilfe organisieren, wenn man allein nicht weiterkommt Wenn es nicht gelingt, den Absentismus zu reduzieren, sollten Schüler*innen gemeinsam mit ihren Eltern einen Termin in der Schule vereinbaren, um Lösungen zu finden. Es ist wichtig, den Lehrkräften mitzuteilen, dass Unterstützung benötigt wird. Sich an Fachleute wenden Wenn alle anderen Massnahmen nicht helfen, sollten Schüler*innen professionelle Unterstützung in Anspruch nehmen. Dazu gehören Kinderund Jugendpsychotherapeuten, Fachärzte für Kinderund Jugendpsychiatrie oder Beratungsstellen. Walter und Döpfner (Walter &
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 50 Döpfner, 2020) betonen, dass es wichtig ist, geeignete Ansprechpartner zu finden, die sich mit Absentismus auskennen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Schüler*innen eine aktive Rolle bei der Prävention von Absentismus spielen können. Durch das Erkennen ihrer Schwierigkeiten, das Aufrechterhalten sozialer Kontakte und das Einholen von Unterstützung können sie entscheidend dazu beitragen, ihr Absentismus zu überwinden. Indem sie selbstständig handeln und die Initiative ergreifen, können sie ihre Bildungschancen verbessern und einen positiven Weg zurück zur Schule finden.
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 51 5. Handreichung Die Entwicklung einer Handreichung zur Prävention und Intervention bei Schulabsentismus ist ein wichtiger Schritt, um Schulen dabei zu unterstützen, frühzeitig gefährdete Schüler*innen zu identifizieren und geeignete Massnahmen zu ergreifen. Basierend auf den in der Literatur gewonnenen Erkenntnissen könnte eine solche Handreichung wie folgt strukturiert sein: 5.1 Prävention Ziel: Frühzeitige Erkennung gefährdeter Schüler*innen und Vermeidung von Absentismus durch präventive Massnahmen. Absentismus beginnt oft schleichend. Das liegt daran, dass nicht sofort nachgefragt wird, wenn jemand nicht da ist. Die Schüler*innen merken schnell, bei wem das Fernbleiben keine grossen Konsequenzen hat. Wir als Schule müssen eine klare Haltung zeigen. Wir müssen den Kindern und Jugendlichen sowie den Erziehungsberechtigten deutlich machen, dass wir keinen Absentismus tolerieren. Wir müssen auf die Schulpflicht aufmerksam machen und sie einfordern. Die Schule vermittelt den Spielraum für entschuldigte Absenzen und weist konsequent darauf hin, dass bei ungewöhnlich häufigen Absenzen weitere Abklärungen und Gespräche folgen. 5.1.1 Regelmässige Anwesenheitskontrollen Tägliche Erfassung der Fehlzeiten: Schulen sollten ein digitales System zur Erfassung der Anwesenheit einführen, das Lehrkräfte über auffällige Fehlzeiten informiert. Monitoring gefährdeter Schüler*innen: Schüler*innen mit häufigen Abwesenheiten sollten frühzeitig erfasst und in eine Beobachtungsliste aufgenommen werden.
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 52 5.1.2 Gespräche mit Schüler*innen und Eltern Frühe Kommunikation: Bei ersten Anzeichen von Fehlzeiten sollten Lehrkräfte und Heilpädagog*innen das Gespräch mit den Schüler*innen und den Eltern suchen, um die Ursachen zu klären und gemeinsam Massnahmen zu besprechen. Eltern als Partner: Schulen sollten Eltern über die Bedeutung regelmässiger Anwesenheit aufklären und sie als aktive Partner in die Massnahmen einbinden. 5.1.3 Sensibilisierung des Kollegiums Fortbildungen für Lehrkräfte: Schulen sollten regelmässig Schulungen zur Früherkennung von Absentismus durchführen. Dabei sollten Anzeichen für schulische Überforderung, emotionale Probleme und soziale Isolation thematisiert werden. Zusammenarbeit im Kollegium: Lehrer*innen und Heilpädagog*innen sollten regelmässige Fallbesprechungen durchführen, um gefährdete Schüler*innen gemeinsam zu begleiten und Interventionen zu planen. 5.1.4 Beratungsangebote Schulpsychologische Dienste: Schulen sollten ein Beratungsangebot für Schüler*innen bereitstellen, das emotionalen und sozialen Problemen vorbeugt, bevor diese sich in Abwesenheit äussern. Soziale und emotionale Förderung: Förderprogramme, die die sozialen Kompetenzen und das emotionale Wohlbefinden der Schüler*innen stärken, sollten regelmässig angeboten werden.
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 53 5.2 Akute Intervention Ziel: Schnelle und wirksame Intervention, wenn eine Schülerin oder ein Schüler regelmässig fehlt. 5.2.1 Frühe Intervention Sofortiges Handeln: Schulen sollten ein digitales System zur Erfassung der Anwesenheit einführen, das Lehrkräfte über auffällige Fehlzeiten informiert. Eine präzise Dokumentation und Kommunikation der Fehlzeiten trägt massgeblich zur Reduzierung von Schulabsentismus bei. Dadurch wird die Schwelle, dem Unterricht fernzubleiben, erhöht. Die Dokumentation dient zudem als Grundlage für Gespräche mit den Erziehungsberechtigten. Es ist wichtig, die Fehlzeiten möglichst stundengenau festzuhalten, anstatt sie wie häufig üblich halboder tageweise zu erfassen. Zudem hat es sich als vorteilhaft erwiesen, die genauen Zeiten zu dokumentieren, in denen ein Kind fehlt, da unterschiedliche Tageszeiten auf verschiedene Gründe für das Fehlen hindeuten können. Eine detaillierte Dokumentation unterstützt das Erkennen von Mustern im Absentismusverhalten und ermöglicht gezielte Interventionen. Ricking („Schulabsentismus“, n. d.) schlägt eine stundenweise Erfassung mit fünf verschiedenen Indikatoren vor: • V: Verspätetes Erscheinen zum Unterricht • U: Unentschuldigtes Nichterscheinen zum Unterricht • E: Entschuldigtes Nichterscheinen zum Unterricht • P: Passive Lernverweigerung, Passivität, Rückzug, Resignation, Kommunikationsverweigerung, Gleichgültigkeit • A: Aktive Lernverweigerung, Ersatzhandlungen, Verzögerungstaktiken, manifeste Unterrichtsstörungen Anpassung des Unterrichts: In manchen Fällen ist es sinnvoll, den Unterrichtsstoff individuell anzupassen, um Überforderung oder Frustration vorzubeugen.
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 54 5.2.2 Gespräche mit Schüler*innen und Eltern Frühe Kommunikation: Bei ersten Anzeichen von Fehlzeiten sollten Lehrkräfte und Heilpädagog*innen das Gespräch mit den Schüler*innen und den Eltern suchen, um die Ursachen zu klären und gemeinsam Massnahmen zu besprechen. Eine sorgfältige Dokumentation und klare Kommunikation der Fehlzeiten spielt eine entscheidende Rolle bei der Verringerung von Schulabsentismus. Eltern als Partner: Schulen sollten Eltern über die Bedeutung regelmässiger Anwesenheit informieren und sie als aktive Partner*innen in die Massnahmen einbeziehen. Es ist wichtig, Interesse an den Schüler*innen sowie deren Lebensund Lernsituationen zu zeigen, um die Ursachen und Risiken von Schulversäumnissen zu verstehen. Gute Beziehungen können nicht während einer Krise aufgebaut werden; sie sollten bereits bestehen. Daher ist es präventiv entscheidend, sowohl zu den Schüler*innen als auch zu den Erziehungsberechtigten eine gute Beziehung zu pflegen. Eine effektive Kommunikation bildet die Grundlage für die notwendige Zusammenarbeit bei Schulabsentismus. Deshalb sollten frühzeitig Gespräche geplant werden, um Rollen zu klären, Verbindlichkeiten festzulegen und ein Monitoring zu installieren. Informationen aus dem sozialen Umfeld der Schüler*innen sowie der Erziehungsberechtigten helfen, die aktuelle Situation besser einzuordnen. Während dieser Gespräche werden die Fehlzeiten aufgearbeitet und die Haltung der Schule vermittelt. Die Beziehung sollte so gestaltet sein, dass übermässig negative Rückmeldungen vermieden werden. Die Zusammenarbeit hängt davon ab, wie wohlwollend die Beteiligten einander begegnen. Die Schule sollte ihre Haltung klar und bestimmt, aber auch mit Empathie vermitteln. Das bedeutet, bereits getätigte Bemühungen anzuerkennen und die Sorgen der Erziehungsberechtigten fragend und lösungsorientiert zu ergründen. Gleichzeitig wird das weitere Vorgehen gemäss Ablaufschema erläutert. Ricking („Schulabsentismus“, n. d.) schlägt folgende Fragen vor: • Wie fühlt sich die Schülerin, der Schüler in der Klasse/Schule und bei den Lehrpersonen, den Mitschülerinnen und Mitschülern?
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 55 • Äussert die Schülerin, der Schüler Angst im Schulzusammenhang? Wenn ja, wovor hat er/sie Angst – z.B. Schule allgemein, (bedrohliche) Lehrperson, Leistungssituationen (Lernkontrollen), Mitschüler/in (Bedrohung, Erpressung, Mobbing), …? • Welchen Zweck verfolgt die Schülerin, der Schüler mit dem Verhalten? Welches Motiv liegt vor – z.B. Unterricht, Mitschülerin, Mitschüler oder Lehrperson meiden, mit anderen Schulschwänzenden den Vormittag verbringen, den freien Tag geniessen, ausschlafen können, …? • Wo hält sich die Schülerin, der Schüler während der Versäumnisse auf – z.B. zu Hause, Dorf, Schulgelände, …? • Mit wem verbringt die Schülerin, der Schüler den Tag – z.B. allein, mit Erziehungsberechtigten, Mitschüler*innen, …? • Hat die Schülerin, der Schüler gesundheitliche Probleme? Sind sie häufig krank? Fehlen sie bei Krankheit aussergewöhnlich lange? • Äussert die Schülerin, der Schüler deutliche Schulunlust? Wenn ja, auf welche Weise – z.B. Störverhalten, Lernverweigerung, …? • Zeigt die Schülerin, der Schüler abweichende Verhaltensformen, die Schulversäumnisse begünstigen – z.B. Delinquenz, Drogenkonsum, Aggressivität, …? • Gibt es Anzeichen von Überoder Unterforderung – z.B. hinsichtlich des Lernniveaus, der Lernkompetenzen, sozialer Fähigkeiten? • Was würde die Schülerin, der Schüler in der Schule, in der Klasse, im Unterricht ändern wollen? • Was macht die Schülerin, der Schüler besonders gern, was mag er/sie gar nicht? 5.2.3 Einbindung von Schulsozialarbeitenden und externen Fachkräften Sozialarbeiter und Psychologen einbinden: Schulsozialarbeiter und Psychologen sollten in die Fallbearbeitung einbezogen werden, um emotionale und soziale Schwierigkeiten gezielt zu behandeln. Gemäss Ricking („Schulabsentismus“, n. d.) werden in einem gemeinsamen Gespräch «Risikofaktoren, Ressourcen und
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 56 Verhaltensmotive analysiert und in Beziehung zu Ansatzpunkten und zielführenden Methoden der Intervention» (ebd., S. 69) gesetzt. Das bedeutet, dass die Schule in Zusammenarbeit mit verschiedenen Fachbereichen wie dem schulpsychologischen Dienst, der Schulsozialarbeit und Therapeutinnen und Therapeuten ein Vorgehen entwickeln wird, das die Ursachen des Absentismus berücksichtigt und gezielt anspricht. Das Hauptziel besteht darin, den Aufenthalt zu Hause während der Schulzeit so unattraktiv wie möglich zu gestalten. Konkret bedeutet dies, dass es zu Hause kein Alternativprogramm geben darf und das Kind sich ausschliesslich mit Schulmaterial beschäftigen soll. Der Zugang zu Spielzeug oder Medien sollte während dieser Zeit eingeschränkt sein. Eine lückenlose zeitliche Planung sowie die klare Verteilung und Definition der Rollen sind entscheidend. Um Unsicherheiten zu vermeiden, wird das Vorgehen schriftlich festgehalten und allen Beteiligten übergeben. Regelmässige Gespräche zur Überprüfung der Massnahmen werden von Anfang an eingeplant und sollten zunächst mindestens wöchentlich stattfinden. Notfallszenarien und Ansprechpersonen werden für die gesamte Unterrichtszeit festgelegt. Selbst eine kleine Lücke in der Betreuung oder Zuständigkeit könnte die erzielten Fortschritte gefährden. Zusammenarbeit mit externen Fachkräften: In komplexeren Fällen sollte die Zusammenarbeit mit Therapeuten oder Beratungsstellen organisiert werden, um dem Schüler*innen umfassende Unterstützung zu bieten. 5.2.4 Engmaschige Begleitung durch Heilpädagog*innen Individuelle Förderpläne: Heilpädagog*innen sollten für betroffene Schüler*innen individuelle Förderpläne entwickeln, die auf ihre spezifischen Bedürfnisse eingehen. Dies kann Lernhilfen, regelmässige Reflexionsgespräche oder emotionale Unterstützung umfassen. Wöchentliche Treffen: Regelmässige Treffen zwischen den Schüler*innen und dem heilpädagogischen Fachpersonal helfen dabei, Fortschritte zu überwachen und die Schüler*innen zu motivieren, regelmässig am Unterricht teilzunehmen.
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 57 5.3 Langfristige Massnahmen Ziel: Nachhaltige Unterstützung, um Rückfälle zu vermeiden und den schulischen Erfolg langfristig zu sichern. 5.3.1 Emotionale Unterstützung Mentorenprogramme: Schüler*innen, die von Absentismus betroffen waren, sollten langfristig durch Mentoren (z.B. Lehrkräfte oder ältere Schüler*innen) begleitet werden, um soziale Integration zu fördern und eine stabile schulische Bindung aufzubauen. Achtsamkeit und Stressbewältigung: Regelmässige Angebote für Achtsamkeitsoder Entspannungsübungen können dazu beitragen, dass Schüler*innen lernen, mit schulischen und sozialen Stressfaktoren besser umzugehen. 5.3.2 Langfristige Förderprogramme Individuelle Förderung fortsetzen: Die individuelle Förderung von betroffenen Schüler*innen sollte langfristig fortgesetzt werden, um Rückfälle zu vermeiden. Dies kann durch zusätzliche Unterstützung in der Hausaufgabenbetreuung, speziellen Lernplänen oder regelmässigen Gesprächen erfolgen. Soziale Integration stärken: Schulen sollten Programme zur sozialen Integration von Schüler*innen fördern, insbesondere bei Schüler*innen, die aufgrund ihrer Fehlzeiten den Anschluss an ihre Klassenkameraden verloren haben. Soziale Aktivitäten und Projekte helfen, das Zugehörigkeitsgefühl zu stärken. 5.3.3 Regelmässige Überprüfung der Fortschritte Kontinuierliche Überwachung: Schulen sollten regelmässig überprüfen, ob die Massnahmen zur Reduzierung des Absentismus erfolgreich sind. Dies kann durch regelmässige Gespräche mit dem Schüler*innen und
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 64 7.2 Ausblick und offene Fragen Das Thema Schulabsentismus und die Entwicklung von Strategien zur Prävention und Intervention stellen einen bedeutenden Schritt dar, um die Bildungsergebnisse zu verbessern und die Schulbindung der Schüler*innen zu stärken. Von den entwickelten Strategien wird erwartet, dass sie in der Praxis grundsätzlich Bestand haben und als nützliche, sinnvolle Instrumente erachtet und von Schulen aktiv genutzt werden. Aufgrund von ökonomischen und zeitlichen Beschränkungen konnte dieser Aspekt im Rahmen der vorliegenden Masterarbeit nicht ausführlich getestet und diskutiert werden. Dies schmälert jedoch keineswegs das Interesse und die Neugier in Bezug darauf. Wie bereits erwähnt, könnten die Strategien in Schulen integriert werden. Wichtig ist dabei, dass sie als Vorlage gelten und auf die individuellen Bedürfnisse der Schüler*innen sowie auf die Umstände in einer Schule angepasst werden sollten. In welchem Rahmen und wie oft Interventionsangebote in einer Schule angeboten werden können, obliegt der Schulleitung zu entscheiden. Des Weiteren ist es unabdingbar, dass das Team auf die Thematik von Schulabsentismus und dessen Prävention geschult wird. Nur so können Symptome frühzeitig erkannt und eventuelle Krisensituationen verhindert werden. Mögliche offene Fragen für zukünftige Untersuchungen wären beispielsweise: 7.2.1 Langzeitwirkungen der Intervention: Wie nachhaltig ist der Effekt der entwickelten Strategien auf die Reduzierung von Schulabsentismus? Mit einer Langzeitstudie könnten langfristige Auswirkungen und Erfolge solcher Strategien überprüft werden. 7.2.2 Individualisierung der Strategien: Wie gut lassen sich die Strategien auf die individuellen Bedürfnisse und Kontexte von Schüler*innen und Schulen anpassen? Verschiedene Schulen müssten die Strategien in ihrem Umfeld implementieren und über längere Zeit testen. Anschliessend müsste ein Quervergleich der Schulen gemacht werden.
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 65 7.2.3 Implementierung in Schulen: Einige Vorschläge wurden bereits erwähnt. Spannend wäre es zu erforschen, wie Schulen die Strategien tatsächlich in ihrem Umfeld einsetzen. So könnte man in einer Studie untersuchen, wie Schulen die Strategien effektiv in ihre bestehenden Konzepte und Unterstützungsstrukturen integrieren. 7.2.4 Evaluierung der Auswirkungen auf Lernumgebungen: Es wurde erwähnt, dass Schulabsentismus Auswirkungen auf den Lernerfolg haben kann. Daraus könnte man ableiten, welche Auswirkungen die Intervention durch die Strategien indirekt auf die Lernumgebung und den Schulerfolg hat. So müsste untersucht werden, inwiefern sich positive Veränderungen im schulischen Umfeld manifestieren. 7.2.5 Weitere präventive Massnahmen: In der Arbeit wurde ersichtlich, dass das Wohlbefinden der Schüler*innen durch viele Faktoren beeinflusst wird. Neben den Strategien könnte nach weiteren präventiven Massnahmen gesucht werden. Die Beantwortung dieser Fragen könnte zur effektiven Optimierung der Schulabsentismus-Präventionssowie Interventionsmassnahmen beitragen und somit das Wohlbefinden und den Schulerfolg nachhaltig stärken. (Bronfenbrenner, 1979)
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 66 Literaturverzeichnis Albers, V., Bolz, T. & Wittrock, M. (2018). Monitoring als Element eines Rahmenkonzeptes für den Umgang mit (elternbedingtem) Schulabsentismus. Eine Prämisse für effektives pädagogisches Handeln. In: H. Ricking & K. Speck (Hrsg.), Eltern und Schulabsentismus. Wiesbaden: Springer VS Verlag. Bandura, A. (1986). Social foundations of thought and action: a social cognitive theory. Englewood Cliffs, N.J: Prentice-Hall. Becker, H. S. (1963). Outsiders; studies in the sociology of deviance. London, Free Press of Glencoe. Zugriff am 12.3.2025. Verfügbar unter: http://archive.org/details/outsidersstudies00beck Bronfenbrenner, U. (1979). The Ecology of Human Development: Experiments by Nature and Design. Harvard University Press. https://doi.org/10.2307/j.ctv26071r6 Globirsch, M. & Kunert, D. (2013). Schulabsentismus und psychosomatische Störungen. Kinderärztliche Praxis, 84, 160–164. Omer, H. & Schlippe, A. von. (2015). Stärke statt Macht: Neue Autorität in Familie, Schule und Gemeinde. Vandenhoeck & Ruprecht. PISA 2022 Results (Volume II). (2023, Dezember 5). OECD. Zugriff am 30.1.2025. Verfügbar unter: https://www.oecd.org/en/publications/pisa-2022-results-volume-ii_a97db61cen.html Ricking, H. & Albers, V. (2019). Schulabsentismus. Intervention und Prävention. Erste Auflage. (Systemische Pädagogik). Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag. Ricking, H. & Hagen, T. (2016). Schulabsentismus und Schulabbruch: Grundlagen – Diagnostik – Prävention. Stuttgart: W. Kohlhammer. Rosenberg, M. B. (2016). Gewaltfreie Kommunikation: eine Sprache des Lebens (Reihe Kommunikation). (I. Holler, Übers.) (12., überarbeitete und erweiterte Auflage.). Paderborn: Junfermann Verlag. Rotthaus, W. (2022). Schulprobleme und Schulabsentismus (2.). Carl-Auer Verlag. Ryan, R. M. & Deci, E. L. (2000). Self-determination theory and the facilitation of intrinsic motivation, social development, and well-being. American Psychologist, 55(1), 68–78. US: American Psychological Association. https://doi.org/10.1037/0003-066X.55.1.68 Stamm, M. (2008). Die Psychologie des Schuleschwänzens. Rat für Eltern, Lehrer und Bildungspolitiker. 1. Aufl. (Psychologie Sachbuch). Bern: Huber.
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 67 Stamm, M. (2012). Die Zukunft verlieren? Schulabbrecher in unserem Bildungssystem. Ergebnisse einer Schweizer Langzeitstudie. (H. Ricking & G.C. Schulze, Hrsg.)Schulabbruch - ohne Ticket in die Zukunft? Bad Heilbrunn: Klinkhardt. Stamm, Margrit, Ruckdäschel, C., Templer, F. & Niederhauser M. (2009). Schulabsentismus. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978-3-531-91319-3 Walter, D. & Döpfner, M. (2020). Schulvermeidung. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG. Zugriff am 1.2.2025. Verfügbar unter: https://elibrary.hogrefe.com/book/10.1026/02810-000 Walter, D. & Döpfner, M. (2021). Ratgeber Schulvermeidung. Hogrefe. https://doi.org/10.1026/02811-000 Wimmer, M. B. (2013). Evidence-Based Practices for School Refusal and Truancy. Bethesda: NASP Publications.
Nicolas Lutz Masterarbeit 2024 Schulabsentismus 68 Abbildungsverzeichnis: Abbildung 1 Zentrale Handlungsbereiche (Ricking & Albers, 2019) Abbildung 2 https://www.fedlex.admin.ch/eli/cc/1999/404/de#art_62 Abbildung 3 Synoptischer Blick auf die Erscheinungsformen Abbildung 4 eigene Darstellung nach (Stamm, 2008) Abbildung 5 eigene Darstellung (nach Rotthaus, 2022) Abbildung 6 eigene Darstellung (Rotthaus, 2022) Abbildung 7 eigene Darstellung (nach Rotthaus, 2022) Abbildung 8 eigene Darstellung (Rotthaus, 2022) Abbildung 9 eigene Darstellung (nach Rotthaus, 2022) Abbildung 10 eigene Darstellung nach (Stamm, 2008) Abbildung 11 eigene Darstellung nach (Stamm, 2008) Abbildung 12 eigene Darstellung nach (Stamm, 2008) Abbildung 13 Ursachen von Schulvermeidung (Walter & Döpfner, 2021) Abbildung 14 Handlungsfelder in der traditionellen und Neuen Autorität (Omer & von Schlippe, 2010, S. 23-68)