Wesen und Ursprung der Wirtschafts- und Sozialphilosophie
Abstract
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Full text
Schack, Herbert Article Wesen und Ursprung der Wirtschaftsund Sozialphilosophie Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Schack, Herbert (1962) : Wesen und Ursprung der Wirtschaftsund Sozialphilosophie, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 82, Iss. 5, pp. 513-536, https://doi.org/10.3790/schm.82.5.513 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291002 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Wesen und Ursprung der Wirtschaftsund Sozialphilosophie* Von Herbert Schack - Berlin Inhaltsverzeichnis: I. Der Sinn und Zweck der Wirtschaftsund Sozialphilosophie: 1. Was heißt „Philosophieren"? S. 1. — 2. Warum Wirtschaftsund Sozialphilosophie? S. 3. — II. Die Wege zur Wirtsdiaftsund Sozialphilosophie: 1. Die „Geburt des Gewissens" S. 6 — 2. Der Weg der Vernunft S. 9. — 3. Der Weg des Verstandes S. 16. I. Der Sinn und Zweck der Wirtschaftsund Sozialphilosophie 1. Was heißt „Philosophieren"? Philosophieren heißt mit sich selbst und Mitdenkenden über etwas im Ganzen und Wesentlichen klar werden wollen. „Ein Philosophus ruhet nicht, er habe denn das Zentrum eines Dinges" (Jakob Böhme). Der Trieb zu fragen, zu forschen, den Dingen auf den Grund zu gehen, ist jedem denkenden Menschen eigen. Schon der erwachende kindliche Geist bezeugt sich durch die Unruhe der Wißbegierde. Piaton sprach von dem Eros, der tiefen Leidenschaft, die den suchenden Geist von Stufe zu Stufe der Erkenntnis treibe, von der „Liebe zur Weisheit" („philosophia"). Diese ist mehr als ein Wissen, wie es in bezug auf dieses und jenes von diesem oder jenem Gesichtspunkt aus erworben wird. Philosophisches Denken zielt auf ein Wesenswissen, auf ein Wissen um wesentliches Sein, wesentlichen Wert und wesentliche Geltung. Suchen wir etwas im Ganzen und Wesentlichen zu begreifen, so gebrauchen wir das Wort „überhaupt"; allerdings nicht im Sinne der Steigerung und der Verallgemeinerung, wie bei „überhaupt großartig" bzw. „die Leute überhaupt". Ein Beispiel diene der Veran- * Dieser Aufsatz ist der etwas veränderte Vorabdrude der Einleitung und des ersten Kapitels meines demnächst im Verlage Duncker & Humblot erscheinenden Buches „Wirtschaftsleben und Wirtschaftsgestaltung. Die Grundlagen der Wirtschaftsund Sozialphilosophie". 1 Schmollen Jahrbuch 82, 5 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:31:47
2 Herbert Sdiack 514 schaulichung des Gemeinten: Es gibt viele lebende und tote Sprachen. Die Sprachwissenschaft interessiert sich für ihre Geschichte, ihre Verbreitung, ihr Lautgefüge, ihren grammatikalischen Aufbau usw. Der Philosoph aber fragt: Was ist die Sprache eigentlich? Was ist sie wesentlich? Was ist Sprache überhaupt? Das Wort „überhaupt" hat hier den Sinn des Umgreifenden, das Haupt Übergreifenden und so das Ganze zugleich Durchgreifenden. Das geistige Auge geht gleichsam durch die einzelnen individuellen Lautgebilde bzw. Ausdrucksformen hindurch, ihr Gestaltungsprinzip suchend, jenes wesenhafte Etwas, wodurch eine Sprache erst zur Sprache wird und als solche nur begriffen werden kann. Wir könnten hier in übertragenem Sinne von Herz und Seele der Erscheinungen oder, nach dem Vorgange Piatons, von ihrem Eidos, ihrer Idee, sprechen. Da es sich bei solchem Wesensverständnis um ein transzendere, ein Überschreiten des Gegebenen, des Äußeren und Äußerlichen, des empirisch, erfahrungsgemäß Aufweisbaren handelt, können wir das wesentlich Bedingende mit Kant auch „transzendental" nennen. Dias philosophische Interesse kann sich auf letzte Fragen richten, wie solche nach dem Wesen des Daseins, der Wirklichkeit, des Lebens und der Lebensgestaltung, des Denkens und Erkennens, des zweckmäßigen und sinnvollen Handelns. Die solchem Fragen und Forschen entspringenden, methodisch und systematisch erarbeiteten allgemeinsten Erkenntnisse und Einsichten bilden den Komplex der „reinen Philosophie", der Logik und Erkenntnistheorie, der Ontologie bzw. Metaphysik, der Ethik und Ästhetik. Andererseits aber kann sich das philosophische Interesse auch auf ganz konkrete Gegebenheiten, Dinge, Vorgänge, Verhältnisse beziehen. Ein Vorgang, der sich alle Tage wiederholt und sich somit gleichsam von selbst versteht, kann plötzlich als fragwürdig, als einer Frage würdig erscheinen, etwa dann, wenn wir infolge eines bestimmten Ereignisses sehen, was alles dadurch bedingt gewesen ist oder seinen Sinn erhalten hat. Das Recht des Staatsbürgers in einem freiheitlichen Gemeinwesen, sich nach allen möglichen Richtungen äußern und betätigen zu können, mag diesem mit der Zeit als ein selbstverständliches, ja nicht sonderlich beachtenswertes Gut erscheinen. Wenn aber Ereignisse eintreten, die der persönlichen Freiheit ein Ende machen, wird das ehemals für so selbstverständlich gehaltene Recht erst als ein Wert, ja als ein menschlicher Grundwert erkannt, ohne dessen Realisierung eine vernünftige Lebensgestaltung unmöglich ist. Man sta/unt, wie rätselhaft, wie fragwürdig das Selbstverständlichste von der Welt wird, sowie nach seinem Wesen gefragt wird. In dem platonischen Dialog „Theätet" sagt Sokrates, alles Philosophieren OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:31:47
515 Wesen und Ursprung der Wirtschaftsund Sozialphilosophie 3 hebe mit der Verwunderung an, daß etwas wesentlich anders sei, als es obenhin erscheine. Alle Erscheinungen haben Perspektive, Hintergrund, müssen tiefsichtig betrachtet werden, wenn man sie in ihrem wesentlichen Sein und ihrer wesentlichen Bestimmung erfassen will. Muß man sich im Sinne von Sokrates-Platon nicht wirklich wundern, daß z. B. ein so einfaches Ding wie ein Ziegelstein mehr ist, als sich dem Auge zeigt? An sich nur ein Stück geformter und gebrannter Erde, hat er eine nur geistig zu fassende Bedeutung. Gedanklich bezeichnen wir ihn als Mittel für einen technischen Zweck und betrachten ihn so als Baumaterial. Wir sehen ihn aber auch als ein Kostengut an, dessen Verwertung sich lohnen soll. Abgesehen von dieser technisch-ökonomischen Bedeutung, die sinnlich nicht wahrnehmbar ist, kann dieser einfache Gegenstand jedoch noch umfassender, noch eindringlicher erforscht werden. Als ein Erzeugnis zielund zweckbestimmter Arbeit ist er Zeuge eines technisch-ökonomischen Leistungsvermögens oder gar einer wirtschaftsgeschichtlichen Epoche. 2. Warum Wirtschaftsund Sozialphilosophie? Die Wirtschaft ist der menschliche Lebensund Wirkungsbereich, in dem es scheinbar um so eindeutig materielle Interessen und so handgreifliche Dinge wie Kapital und Unterhaltsmittel geht, daß hier wohl am wenigsten Anlaß zu Verwunderung, Staunen und philosophischem Fragen gegeben sein dürfte. Man wird gewiß auch nicht ohne Anlaß grundsätzlich fragen. Tatsächlich gibt es aber auch im Wirtschaftsleben Anlaß genug hierzu. Unternehmer fordern Gelegenheiten und Möglichkeiten zur Entfaltung freier Initiative und Selbstverantwortung. Sollten sie sich nicht darüber klar werden wollen, was persönliche Freiheit bedeutet und was sie in sich schließt? Arbeitnehmer fordern „gerechte66 Löhne. Welche Löhne aber sind gerecht? Was bedeutet Gerechtigkeit überhaupt? Wie kann Lohngerechtigkeit verwirklicht werden? Der stärkste und nachhaltigste Antrieb in der Wirtschaftspraxis, sich um mehr als um Tagesfragen zu bekümmern und sich um Klärung in grundsätzlichen Dingen zu bemühen, geht heute von der weltpolitischen Situation aus. Die kommunistische Ideologie gipfelt in einer revolutionären Theorie der geschichtlichen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen Entwicklung, die einer „individualistischen" und „kapitalistischen" Gesellschaftsordnung keine Chance gibt. Massive propagandistische Angriffe richten sich gegen ein „parasitäres System", dessen Realität die westliche Welt freilich leugnet. Wenn aber die westliche Gesellschaftsund Wirtschaftsordnung von dem kommunistischen Gedankenbilde wesentlich abweicht, so zwingt die KonfliktOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:31:47
4 Herbert Schack 516 Situation als solche doch jeden nachdenklichen Staatsbürger, sich über den Sinn seiner Lebensordnung Rechenschaft abzulegen. Die weltpolitische Auseinandersetzung scheint, obenhin betrachtet, zwar nur eine Machtfrage zu sein, die über das beiderseitige militärische Kräfteverhältnis zu gewaltsamer Entscheidung drängen könnte. Der Gegensatz greift jedoch tiefer. Selbst wenn beiderseits auf Waffengewalt verzichtet wird, bleibt der beunruhigende und erregende Konflikt. Natürlich geht es dabei um mehr als um die Frage des Privateigentums an Produktionsmitteln oder der Ordnung und Verwaltung der Wirtschaft und des Sozialproduktes. Einrichtungen und Ordnungen sind Ausdrucksformen eines zielund zweckbewußten wirtschaftsgestaltenden Willens. Die kommunistische Bewegung folgt einer strategischen Konzeption, die sie einem totalen Wissen um Wesen und Ziel der geschichtlichen Entwicklung entnehmen zu können glaubt. Ein neues Menschenbild wird sichtbar, lockend und drohend. Wie denkt man demgegenüber in der westlichen Welt? Wie über die eigene Position? Selbstbehauptung verpflichtet zu Selbstbesinnung. Diese aber hat kritisches Denken und nüchterne Überprüfung der wirtschaftlichen und politischen Lebenswirklichkeit zur Voraussetzung. Sich seiner Möglichkeiten bewußt werden heißt seine Freiheit kennenlernen. Zu alledem ist freilich Denken notwendig. Nun, die weltpolitische Situation zwingt zum Denken und Nachdenken, auch zum Vorausdenken. Die in engem Kontakt mit dem Wirtschaftsleben stehende Wirtschaftswissenschaft scheint am ehesten berufen zu sein, solch wesentlichem Denken den Weg zu bereiten. Allein die Wissenschaften müssen sich fortschreitend differenzieren und spezialisieren. Nur durch Konzentration auf jeweils ein bestimmtes Erkenntnisobjekt können sie zu sachlich und fachlich begründeten, objektiv richtigen Erkenntnissen gelangen. Unter dem sachlich gebotenen Zwang zu immer engerer Spezialisierung hat sich die Wissenschaft von der Wirtschaft in vielfältige Disziplinen verzweigt, in die Wirtschaftstheorie, die Allgemeine und Spezielle Volksund Betriebswirtschaftslehre, die Allgemeine und Spezielle Wirtschaftspolitik, die Finanzwirtschaftslehre, die Finanzpolitik, die Wirtschaftskunde, die Wirtschaftsgeographie, die Wirtschaftssoziologie, die Wirtschaftspsychologie usw. Wohl richtet sich der Blick des Wissenschaftlers in verschiedenen Disziplinen auch auf die Ordnungen, innerhalb derer sich Wirtschaft bildet und gestaltet. Die Wissenschaft zeigt, welche Voraussetzungen zur Begründung der einen und der anderen Wirtschaftsordnung gegeben sein müssen und welche praktisch-politischen Konsequenzen bei der Verwirklichung der Zielvorstellungen zu erwarten sind. Sie vermag aber nicht OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:31:47
517 Wesen und Ursprung der Wirtschaftsund Sozialphilosophie 5 zu zeigen, welche Ordnungen überhaupt möglich sind und welche mit den menschlichen Lebensforderungen im Einklang bzw. im Widerstreit stehen. Die Kompetenz der Einzelwissenschaften, d. h. ihre Geltung, ihr Recht, ihre Zuständigkeit, ist auf den Bereich objektiv richtiger Aussagen beschränkt. Infolgedessen darf auch die wissenschaftlich betriebene Wirtschaftspolitik nur von gegebenen Zielen und Zwecken ausgehen und sich keine Entscheidung über sie anmaßen. Nichtsdestoweniger fordert die Wirtschaftspraxis eine Klärung und Beurteilung der gesellschaftswirtschaftlichen Grundkonzeption. Hier geht es dann um die Wertund Wahrheitsfrage, also um ein wirtschaftsund sozialphilosophisches Problem. In allen wissenschaftlichen Disziplinen, von den Naturwissenschaften bis zu den Gesellschaftsund Kulturwissenschaften macht sich heute mehr und mehr das Bestreben geltend, die fachwissenschaftlichen Erkenntnisse philosophisch zu vertiefen. Man sieht die Gefahr der an sich notwendigen Spezialisierung. Wird doch ein Gegenstand, gleich welcher Art, immer nur von „einem" Gesichtspunkt und so auch nur von „einer" Seite aus in Betracht gezogen und erforscht. So bleibt grundsätzlich die Frage offen: Was ist dieser Gegenstand im Ganzen und Wesentlichen? Erst in einer philosophischen Besinnung, die recht eigentlich eine Synopsis, eine Zusammenschau bzw. Gesamtschau ist, vereinigen sich die durch Erfahrung und Wissenschaft gefundenen Gegenstandsmerkmale zu einem Gesamtbild bzw. einem das Gegenstandsganze erschließenden Begriff. Solche ganzheitliche Interpretation kann allerdings — das sei vorweg bemerkt — nicht den Anspruch auf Objektivität bzw. objektive Richtigkeit erheben. Philosophische Einsichten können zunächst nur intersubjektive bzw. subjektiv-allgemeine Geltung beanspruchen. Die philosophische Vertiefung einzelwissenschaftlicher Forschungen und Forschungsergebnisse hat noch einen besonderen Vorteil sowohl für Forscher und Lehrende wie für Studierende. In dem Maße und Grade, in dem einzelwissenschaftliche Untersuchungen und Darstellungen zu philosophischer Fragestellung und Forschung weitergeführt werden, berühren sie sich mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen. So findet sich der Mediziner, der sich nicht nur an dem Erscheinungsbild einer Krankheit orientiert, sondern sein Auge auf den ganzen Menschen und seine Umgebung lenkt, unversehens in der Nachbarschaft der Biologie, der Anthropologie, der Psychologie, der Soziologie, schließlich gar der Meteorologie. Ähnlich verhält es sich mit dem philosophischen Durchdenken anderer einzelwissenschaftlicher Fragen. Durch philosophische Vertiefung des Fachwissens lernen vor OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:31:47
6 Herbert Schack 518 allem die Studierenden den im Grunde doch bestehenden Zusammenhang aller Wissenszweige kennen. Der Blick des philosophisch denkenden Menschen geht von der verwirrenden Verzweigung und Verästelung des Einzelwissens zu dem Stamm der Erkenntnis und seinen Wurzeln im fruchtbaren Erdreich der Erfahrung. II. Die Wege zur Wirtschaftsund Sozialphilosophie 1. Die „Geburt des Gewissens'6 Die Geschichte des sozialphilosophischen Denkens hebt mit der Suche nach dem Sinn des persönlich und gemeinschaftlich Erfahrenen bzw. Widerfahrenen an. Was sich Priestern und Propheten, Dichtern, Staatsmännern und Gelehrten im eigenen Leben als wahr und gut und recht bezeugt hat, wird den Mitmenschen als Sinnbild und Leitbild vor Augen gestellt oder in Form von Sinnsprüchen ihrem Gedächtnis eingeprägt. Die frühesten schriftlichen Aufzeichnungen über den Sinn und Wert des Lebens, über Ordnung und Recht der Lebensgemeinschaft, über die Verpflichtungen der Kinder gegenüber den Eltern, des Bürgers gegenüber Gesellschaft und Staat finden sich in den Pyramidentexten Altägyptens: „Wir sehen, wie ein Gefühl moralischer Verantwortung erwacht, allmählich wachsenden Einfluß auf das menschliche Verhalten gewinnt und schließlich zum Anspruch des Gewissens führt, als eine wirksame soziale Macht anerkannt zu werden." James Henry Breasted, dessen Buch „Die Geburt des Gewissens" wir diese Worte entnehmen, hat das in den Pyramidentexten vorhandene Material zusammengestellt, erläutert und so ein sehr eindrucksvolles Bild jener Frühepoche menschlicher Gesittung entworfen1. Ein Feudalherr aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. hinterließ folgenden Bericht über sein Leben, das er in Rechtschaffenheit und Wahrhaftigkeit geführt habe: „Ich gab Brot an alle Hungrigen des CerastesBerges. Ich kleidete den, der nackt war. Ich füllte die Ufer mit großem Vieh und das flache Land mit kleinem Vieh. Ich gab den Wölfen der Berge und den Vögeln des Himmels vom kleinen Vieh. Ich bedrängte niemanden jemals im Besitz seines Eigentums, so daß er darob beim Gott meiner Stadt gegen mich Klage zu führen hatte; sondern ich redete und sprach das, was recht war. Nie gab es einen in Furcht vor einem stärkeren, so daß er beim Gott meiner Stadt Klage erhob .. . Ich war ein Wohltäter meinem Besitztum in den Hürden des 1 J. H. Breasted, Die Geburt des Gewissens (Amerikanischer Titel: „The Dawn of Conscience". New York-London 1934), Zürich 1950, S. 130. In diesem Zusammenhang ist das Buch von W. Meckaner erwähnenswert: Der ewige Kalender. Altdeutsche Lebensweisheit, 1953. Ebenso: H. Köhler, Erst besinn's, dann beginn's! Alte Bauernregeln. 3. Aufl. München-Düsseldorf 1953. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:31:47
519 Wesen und Ursprung der Wirtschaftsund Sozialphilosophie 7 Viehs, in den Behausungen der Jäger. Ich redete keine Unwahrheiten; denn ich ward geliebt von meinem Vater, gelobt von meiner Mutter, ich war gutwillig zu meinem Bruder und freundlich zu meiner Schwester." Welch Reife des sittlichen Urteils spricht aus den Maximen des Ptanhotep von Memphis aus dem 27. Jahrhundert v. Chr.! Am Ende seines Staatsdienstes und eines langen, an Erfahrung reichen Lebens bittet der Großwesir den Pharao um Erlaubnis, seinen Sohn in den öffentlichen Pflichten zu unterweisen. Den Sohn ermahnt er: „Wenn du groß geworden bist, nachdem du gering warst und Besitztümer gesammelt hast, nachdem du darbtest. . ., so vergiß nicht, wie es früher mit dir stand! Prahle nicht mit deinem Reichtum, den du empfingst als ein Geschenk Gottes! Du bist nicht größer als ein anderer wie du, dem gleiches geschehen ist.66 Beruflicher Erfolg, Macht und Reichtum dürfen die Bande der Gemeinschaft, der Nachbarschaft und der Familien nicht zerstören: „Sei nicht habsüchtig bei einer Erbteilung, noich geizig mit deinem eigenen Besitz! Sei nicht geizig gegen deine Angehörigen! Größer ist die Kraft des Gütigen denn des Starken.6' „Folge deinem Herzen, solange du lebst!66 „Wenn du ein Verwalter bist und Anordnungen für die Menge erlassest, so suche dir alle guten Beispiele, auf daß deine Befehle Dauer haben ohne zu irren! Ein Großes ist die Rechtschaffenheit.66 „Es ist wohlbestellt um den Mann, dessen Maß Rechtschaffenheit ist, und der auf dem rechten Wege wandelt2.66 Mit dem Bewußtsein sittlicher Verpflichtung verband sich mehr und mehr eine religiöse Lebensauffassung: „Die gebieterische innere Stimme, die anfangs durch soziale Strömungen geweckt worden war und sich dann unter dem Einfluß vieler Jahrhunderte philosophischen Denkens weiterentwickelte, wurde jetzt von den Gläubigen vorbehaltlos als das Werkzeug Gottes selbst anerkannt3.66 Diese vertiefte sittlich-religiöse Haltung kommt besonders klar in der Lehrschrift eines ägyptischen Denkers aus dem 10. Jahrhundert v. Chr., der (in einem Papyrus des Britischen Museums erhaltenen) „Weisheit des Amenemope66, zum Ausdruck: „Pflüge die Felder, daß du deinen Bedarf findest! Empfange dein Brot von deiner eigenen Tenne! Besser ist ein Maß, das Gott dir gibt, als fünftausend, gewonnen durch übergriff. Besser ist Armut in der Band Gottes, als Reichtum in den Lagerhäusern; und besser sind Brote, wenn das Herz froh ist, als Schätze mit Kummer.66 „Der wahrhaft weise Mann, der sich selbst verleugnet, ist wie ein Baum, der im Garten wächst. 2 a.a.O., S. 131. 3 a.a.O., (S. 136—138). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:31:47
8 Herbert Sdiack 520 Er gedeiht und mehrt seine Frucht. Er dauert in der Gegenwart seines Herrn, seine Frucht ist süß, sein Schatten ist lieblich. Er findet sein Ende im Garten4.'6 Besinnliche Menschen verstehen sich über Jahrtausende hinweg in der Anerkennung allgemein verpflichtender Werte. Sehr verschiedenartige Kulturkreise, vielleicht durch viele Jahrhunderte voneinander entfernt, werden gleichsam von einem Gewölbe immer und überall gültiger Werte überspannt. Daher klingen uns ebenso verständlich, wie aus dem alten Ägypten, Worte der Weisheit aus Altbabylonien, Altpersien, Indien, China, Altisrael und Griechenland entgegen. Eine im ganzen nicht abschätzbare Wirkung auf das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben der Völker der abendländischen Kultur und von hier ausstrahlend auf fast alle Völker der Erde ist von den „Zehn Geboten" ausgegangen, insonderheit von diesem Gebot: „Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun! Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, noch dein Sohn, noch deine Tochter, noch dein Knecht, noch deine Magd, noch dein Ochse, noch dein Esel, noch all dein Vieh, noch dein Fremdling, der in deinen Toren ist, auf daß dein Knecht und deine Magd ruhe gleich wie du!46 (5. Mose 5, 13—14). 2. Der Weg der Vernunft Äußere und innere Erfahrungen haben die Menschen gelehrt, zwischen zweckmäßig und unzweckmäßig, nützlich und schädlich, aber auch zwischen gut und böse, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden. Die Fähigkeit, sich im Ganzen vernünftig, d. h. nach Maßgabe von Vernunftwerten, wie Wahrheit und Gerechtigkeit, entscheiden zu können, schließt aber noch nicht das Wissen um die Vernunft selbst in sich. Solange dieses Vernunftbewußtsein nicht herangereift ist, bleibt es eine Frage gelegentlicher Erfahrung und einmaliger Intuition, wann sich der innere Kosmos der Werte erhellt. Erst in der griechischen Philosophie wird es für die Voraussetzung vernünftigen Denkens und Handelns gehalten, daß sich der Mensch über sich selbst und die Forderungen seiner Vernunft klar wird. Die bekannte Inschrift auf dem Apollo-Tempel in Delphi: „gnothi sauton!" = „Erkenne dich selbst!" mahnte, bei allem hochfliegenden, göttergleichen Streben die Grenzen des Menschlichen zu wahren. Am Anfang dieses bewußten Sich-selbst-Fragens und -Befragens steht Sokrates . Er ermuntert die Jünglinge Athens, mit denen er allerorts in philosophischem Gespräch, im „BtaXeytv" (dialegein), im 4 a.a.O., S. 310—315. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:31:47
527 Wesen und Ursprung der Wirtschaftsund Sozialphilosophie 15 durch seine Gnade den vorbestimmten Entwicklungsgang geschichtlichen und persönlichen Lebens durchbrechen. Der fromme Mensch erfahre diese Gnadenwirkung im sichtlichen Erfolg seiner täglichen Arbeit. Solche Erfolge könne freilich nur der ordentliche, sparsame, tüchtige, unternehmende Wirtschafter für sich buchen. Da die Anhänger Calvins, Reformierte, Puritaner ¡und Methodisten, auf alle überflüssigen, für ihr arbeitsames Leben unnötigen Güter verzichteten, konnten sich durch solche „innerweltliche Askese" (Max Weber)18 in ihren Händen mehr Erwerbsmittel, mehr Kapitalien als sonstwo bilden. Der Sinn und Wert des Lebens wurde schließlich in einer rastlosen, alle technischen und kommerziellen Möglichkeiten nutzenden wirtschaftlichen Tätigkeit gesehen. 3. Der Weg des Verstandes Die philosophische Ideenentwicklung wird durch das Denken der Vernunft, durch den auf wesentliches Sein und wesentlichen Wert gerichteten Geist getragen. Der Fortschritt ist durch die größere Klarheit und Tiefe der Einsichten gekennzeichnet, wobei jedoch Klärung und Erhellung des Vernunftbewußtseins keinesfalls mit dem äußeren Zeitgeschehen zusammenzugehen braucht. Politischer und ökonomischer Niedergang ist oft mit einer Blüte der philosophischen und künstlerischen Kultur verbunden gewesen. Freilich dürfen wir nicht übersehen, daß das philosophische Denken mit der zunehmenden Entfernung von der gesellschaftlichen Lebenswirklichkeit abstrakter, blutleerer, lebensfremder wird und an Möglichkeiten praktischer Einflußnahme einbüßt. Es kann schließlich, wie die Erfahrung zeigt, ein mehr oder weniger geistreiches Spiel mit Gedanken werden und sich in phantastische Spekulationen verlieren. Philosophie wird ebensowenig wie Wissenschlaft um ihrer selbst willen betrieben. Sie will dem denkenden Menschen weitere und tiefere Einsicht vermitteln, dank deren er sich in seinem inneren und äußeren Leben zurechtfinden und sich als Mensch im Ganzen und Wesentlichen behaupten kann. Diese Aufgabe kann sie aber nur durch immerwährende Orientierung an den Forderungen der ratio, d. h. des Verstandes erfüllen. Der Verstand ist die geistige Fähigkeit des Menschen, einen Gegenstand oder Vorgang als solchen (d. h. in der Vorstellung) durch Zerlegung in seine Elemente und Faktoren bzw. durch Auflösung in elementare Beziehungen begreiflich und so im Geiste herstellbar zu machen. Wir sprechen von einem zweckrationalen Denken, wenn wir 18 Vgl. Max Weber, Aus den Schriften zur Religionssoziologie. Auswahl, Einleitung und Bemerkungen von M. E. Graf zu Solms, Frankfurt a. M, 1948, S. 302 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:31:47
16 Herbert Schack 528 unser Augenmerk auf mögliche Zwecke als gegenständliche Ziele unseres Willens richten und sie, in wechselseitigem Vergleichen, nach Wert und Dringlichkeit prüfen und die Mittel zu ihrer Verwirklichung, wiederum durch Vergleich, Prüfung, Schätzung, Berechnung, ausfindig machen. Wir sprechen von rationellem Handeln, wenn nach solchem analysierenden und kritischen Überdenken der vergleichsweise größte Erfolg mit den vergleichsweise geringsten Aufwendungen erstrebt und erreicht wird (ökonomisches Prinzip). Will und soll vernünftiges Denken und Handeln praktisch werden, so ist dies nur auf dem Wege über rationales Denken und zweckrationales Handeln möglich. Die Vernunft kann m. a. W. nur auf dem Wege über den Verstand praktisch tätig werden; praktisch im Sinne planmäßigen, zweckmäßigen und erfolgreichen Handelns. Die Vernunft erhält durch solche praktische Orientierung starke Impulse, den wesentlichen Dingen im Leben und in der Welt nachzuforschen. Die Auswahl philosophischer Probleme erfolgt dann gewiß mehr unter dem Einfluß oder gar Druck der Zeitverhältnisse, der Zeitströmung, des Zeitbewußtseins, der Zeitstimmung und der Zeitfragen, als es bei einem ganz persönlichen, sich von der Zeit distanzierenden, sozusagen klösterlichen Denken möglich wäre. So kommt es, daß in dem Maße und Grade, wie die Wissenschaften fortschreiten und insbesondere die Naturwissenschaften die Welt verändern, die Philosophie sich genötigt sieht, mit den Wissenschaften Kontakt zu gewinnen, und bestrebt ist, über diese auf die natürliche und gesellschaftliche Lebenswirklichkeit Einfluß zu nehmen. Wo sich philosophische und wissenschaftliche Gedanken über Gesellschaft, Staat und Wirtschaft begegnen, entstehen Sozialphilosophie, Staatsphilosophie, Rechtsphilosophie, Wirtschaftsphilosophie, jeweils im Sinne einer die Fachwissenschaften durchdringenden und umgreifenden Philosophie. Die Geschichte der Philosophie ist reich an Übergängen von philosophischem zu wissenschaftlichem und wiederum von wissenschaftlichem zu philosophischem Denken. Gerade diese Übergänge interessieren uns. Wir beschränken uns jedoch auf die Darstellung zweier Kreuzungspunkte, die der Gesellschaftsund Sozialwissenschaft unmittelbar vorgelagert sind. Wir müßten sonst in die Jahrtausende zurückgehen, wo wir im altägyptischen, indischen, chinesischen, vor allem aber im griechischen Denken auch sachlich-theoretische Überlegungen und praktisch-politische Erörterungen finden. Von solchen gelegentlichen Aussagen, wie wir sie übrigens zum Teil schon vermerkt haben, sehen wir ab. Erst in der Renaissance des abendländischen Denkens oder, genauer gesagt, in den Jahrhunderten, in denen das spannunggeladene gesellschaftliche, staatliche und wirtOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:31:47
529 Wesen und Ursprung der Wirtschaftsund Sozialpkilosophie 17 schaftliche Leben den geistlichen bzw. geistigen Stand zu aktiver Teilnahme an der Bewältigung der praktisch-politischen Probleme aufruft und Theorie und Praxis zusammenstreben, betreten wir den Weg des Verstandes. Der Übergang vom mittelalterlichen philosophisch-theologischen zum einzelwissenschaftlichen Denken wird in der Naturwissenschaft bzw. in der Astronomie und Physik durch Nikolaus Kopernikus, Tychobrahe, Giordano Bruno, Galilei und Kepler gekennzeichnet19. Beobachtungen und methodisches, auf Erfahrungsbeweise dringendes Denken führen zu einem neuen, wissenschaftlich fundierten Weltbegriff. Es sei vorschnell, erklärte Kopernikus in seinem epochemachenden Werk „De Revolutionibus Orbium Coelestium", bei der beobachteten Veränderung einer Position auf die Veränderung des Objektes zu schließen. Die Veränderung könne auch der Bewegung des Beobachters oder der Bewegung beider zuzuschreiben sein. Scheinbar bewege sich die Sonne um die Erde, in Wirklichkeit aber drehe sich die Erde und bewege sich mit den anderen Planeten um die Sonne. Kopernikus hatte sich auch ein ausgedehntes Wissen in medizinischen, juristischen, politischen und ökonomischen Dingen angeeignet. Volkswirtschaftlich interessant ist sein Gutachten für die polnische Regierung über Geldund Währungsfragen20. Das 16. und 17. Jahrhundert ist das Zeitalter der großen Entdeckungen auf allen Gebieten. Zu den Entdeckern der Planetenbewegung gesellen sich die Entdecker des Erdraumes, Columbus, Vasco da Gama usw.; zu diesen die Entdecker der allgemeinen Gesetze der Mechanik, besonders Newton, der Entdecker des Gesetzes der universellen Gravitation. Die mechanische Beschreibung und Erklärung der Natur, wie sie Newton in seiner „Philosophiae Naturalis Principia Mathematica" durchführt, hat einen ungeheuren Einfluß auf das übrige wissenschaftliche, vor allem auf das sozialwissenschaftliche Denken der Zeit ausgeübt19. Wenn sich die Naturerscheinungen aus mechanischen Bewegungen erklären lassen, warum dann nicht auch in abgewandeltem Sinne die Sozialerscheinungen? Oberhalb dieser Ideengeschichte vollzieht sich das nicht minder einflußreiche philosophische, das rationale Wissen selbst zum Gegen19 Vgl. James Jeans, Der Werdegang der exakten Wissenschaft. (Englische Originalausgabe: „The Growth of Physical Science", Cambridge o. J.), Bern 1948, S. 202. 20 Vgl. über „Die kopernikanische Wende" Karl Muhs, Geschichte des abendländischen Geistes. Grundzüge einer Kultursynthese. Berlin-München, Bd. I, S. 145 ff. 2 Schmollers Jahrbuch 82, 5 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:31:47
18 Herbert Schack 530 stand nehmende Denken. Wie ist „klare und deutliche Erkenntnis" möglich? Der Verstand will seine Gegenstände in ihrem Sachzusammenhang begreifen. Subjekt und Objekt treten nun (im rationalen Bewußtsein) scharf auseinander. Diese erlebte Polarität wird fortan das aus mannigfacher Sicht in Angriff genommene Grundproblem. René Descartes , B. Spinoza, G. W. Leibniz , David Hume und Immanuel Kant werden die bewegenden und erregenden Wortführer dieses neuen philosophischen Denkens, dem es um die Grundlegung und Begrenzung der rationalen Erkenntnis bzw. der exakten Wissenschaft geht. Auf allen Gebieten des geistigen Lebens brechen sich, durch äußere und innere Umstände begünstigt, kulturelle Schaffenskräfte Bahn. Mit der Entstehung der Fürstenstaaten in Italien, der Territorialstaaten in England, Frankreich, Holland und Deutschland, überhaupt der ganzen staatlichen Entwicklung in Europa, kommt das konstruktive, auf Erfahrung beruhende, politische und ökonomische Denken in Bewegung. Wie wird der Staat am zweckmäßigsten regiert? Wie können staatliche Ziele am sichersten und erfolgreichsten verwirklicht werden? So fragt Niccolo Macchiavelli in seinem berühmten staatspolitischen Werk „II Principe", so Hugo Grotius (Hugo de Groot) in seinem völkerrechtlichen Werk „De iure belli et p-acis". In Anwendung der naturwissenschaftlichen Methode, wie sie in der Bewegungslehre (Mechanik) praktiziert wird, fragt Thomas Hobbes nach den natürlichen Bedingungen der gesellschaftsrechtlichen und politischen Ordnung. Der menschliche Selbsterhaltungstrieb, sowie die im gesellschaftlichen Verkehr erworbene Verständigkeit seien die Grundlage geordneter menschlicher Lebensverhältnisse. Der Verstand reife „nicht durch bloße Erfahrung", wie die Klugheit, sondern durch anhaltenden Fleiß (industry). „Zuvörderst gebraucht man nämlich passende Benennungen, dann schreitet man auf eine richtige Art von den einzelnen Begriffen zu Sätzen und von diesen zu Schlüssen, bis man endlich alles, was zur Wissenschaft gehört, durch Folgerungen herausgebracht hat. Empfindung und Gedächtnis haben es mit einzelnen Tatsachen zu tun, Wissenschaft hingegen mit der Verbindung derselben untereinander21". Die natürlichen Gesetze, die das gesellschaftliche Leben und Wirken ermöglichen, seien freilich nicht Gesetze im eigentlichen Sinne des Wortes; „denn es sind nur allgemeine Wahrheiten von dem, was zur 21 Thomas Hobbes , Leviathan (oder von Materie, Form und Gewalt des kirchlichen und bürgerlichen Staates). Hrsg. und eingeleitet von J. P. Mayer, Zürich und Leipzig 1936, S. 89. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:31:47
531 Wesen und Ursprung der Wirtschaftsund Sozialphilosophie 19 Erhaltung des Menschengeschlechts erforderlich ist"22. Im Grunde kämen sie alle auf das biblische Wort hinaus: „Was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch23." Der konstruktive Geist staatsrechtlichen und staatspolitischen Denkens findet in den folgenden Sätzen wohl den prägnantesten Ausdruck: „Um eine allgemeine Macht zu gründen, unter deren Schutz gegen auswärtige und innere Feinde die Menschen bei dem ruhigen Genüsse der Früchte ihres Fleißes und der Erde ihren Unterhalt finden können, ist der einzig mögliche Weg hierzu der: daß jedweder alle seine Macht oder Kraft einem oder mehreren Menschen übertrage, wodurch der Willen aller gleichsam in einen Punkt vereinigt wird; so daß dieser eine Mensch oder diese eine Gesellschaft eines jeden Einzelnen Stellvertreter werden, und ein jeder die Handlungen jener so betrachte, als habe er sie selbst getan, weil sie sich dem Willen und Urteile jener freiwillig unterworfen haben. Dies faßt aber noch etwas mehr in sich als Übereinstimmung und Eintracht; denn es ist eine wahre Vereinigung in eine Person und beruht auf dem Vertrage eines jeden mit einem jeden, wie wenn ein jeder zu einem jeden sagte: Ich übergebe mein Recht, mich selbst zu beherrschen, diesem Menschen oder dieser Gesellschaft unter der Bedingung, daß du ebenfalls dein Recht über dich ihm oder ihr abtretest. Auf diese Weise werden alle Einzelnen eine Person und heißen Staat oder Gemeinwesen. So entsteht der große Leviathan oder, wenn man lieber will, der sterbliche Gott, dem wir unter dem ewigen Gotte allein Frieden und Schutz zu verdanken haben24." Es versteht sich, daß Macchiavelli, Grotius, Hobbes und, in gewissem Sinne ihm folgend, auch John Locke im Zusammenhang mit philosophischen und politischen Fragen auch ökonomische Probleme erörtert haben. Vor allem interessieren die mit der Ausdehnung des Wirtschaftsraumes und der Entwicklung der neuen Verkehrsverbindungen und Handelswege erfolgenden Marktund Preisveränderungen. Die Erschließung neuer Bezugsquellen und Absatzwege, der wachsende Bedarf des Staates an finanziellen Mitteln für Heer und Verwaltung, also Steuerwesen und Steuerpraxis, ferner Privateigentum und Kapitalverwertung werden zum Gegenstand sachlicher und ökonomischer Überlegungen. Wie kann der Staat seine Wirtschaftsquellen so erschließen, daß er reich an Geld und Gütern und unabhängig von äußeren Einflüssen wird? Dies ist die wirtschaftspolitische Frage der Merkantilisten und 22 a.a.O., S. 192. 23 a.a.O., S. 190. 24 a.a.O., S. 205/206. 2* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:31:47
20 Herbert Schack 532 Kameralisten, d. h. der Wirtschaftspolitiker zur Zeit der absoluten Fürstenstaaten. Die vielen produktiven Gedanken, noch unsystematisch diesem und jenem ökonomischen Problem gewidmet, drängen förmlich zu systematischer Zusammenfassung in einer Wissenschaft von der Staatsund Privatwirtschaft. Neben solchen theoretischen, praktisch-politischen Erörterungen finden wir in diesen Jahrhunderten auch sozial-ökonomische spekulative, die ErfahrungsWirklichkeit überfliegende, die Zukunft vorwegnehmende utopische Ideen und Darstellungen. Der rationale Mensch ist in seinem sachlichen, analysierenden und konstruierenden Denken auf das Mögliche und Zuermöglichende ausgerichtet. Er sticht die möglichen Bedingungen, die Ursachen und Grundbeziehungen e;™es Gegenstandes oder Vorganges und diesen wiederum aus seinen Elementen aufzubauen, ihn nach Maßgabe der gewonnenen Sachund Fachkenntnisse zu konstruieren. Nun kann aber Mögliches jeweils nur durch Wirkliches ermöglicht bzw. verwirklicht werden. Diese Zukunft kann nur über die Gegenwart erreicht, herangeholt werden, über gegebene und verfügbare Kenntnisse und materielle Mittel. Auch diese haben freilich, bevor sie verfügbar geworden sind, dem Denken vorausgelegen und vorerst nur in Ahnung und Vorstellung bestanden. Doch nun sind sie da, gegenwärtig, vorhanden, verfügbar. Man kann sie freilich in der Vorstellung behalten und das zu Ermöglichende dann auch nur mit möglichen Kenntnissen und Mitteln sich verwirklichend denken. An sich verfährt jeder Vorausdenker, Entdecker und Erfinder so, wenn er im Geiste den ganzen Bereich des Möglichen, der möglichen Zwecke, der möglichen Mittel, der möglichen Bestimmungen, der möglichen Bedingungen abschreitet. Denkt er aber die Dinge, die er ermöglichen bzw. verwirklichen will, mit Mitteln und Methoden verwirklicht, die vielleicht nie verfügbar sein werden, so ist solches Denken utopisch. Thomas Morus veröffentlicht im Jahre 1516 seinen „nirgendwo" (ou topos: kein Ort) spielenden Roman „De optimo statu rei publicae deque nova insula Utopia". Es folgen „Der Sonnenstaat" („Citta del Sole") von Thomas Campanella und „Nova Atlantis" von Francis Bacon, der — entsprechend seiner Hochschätzung der Naturwissenschaften („Wissen ist Macht") — das Zukunftsbild einer Gesellschaft entwirft, welche sich des ausgebreitetsten Wissens und der größten technischen Errungenschaften erfreut. In diesen utopischen Darstellungen, in denen der wahre Staat, eine gerechte Gesellschaftsund Wirtschaftsordnung, die universelle kirchliche Herrschaft, eine grandiose Technik geschildert werden, finden sich Verstandesund Vernunftprinzipien auf eigenartige Weise verbunden. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:31:47
533 Wesen und Ursprung der Wirtschaftsund Sozialphilosophie 21 Während die Vernunft praktisch auf ein Optimum, auf Vollendung und Vollkommenheit, gerichtet ist, zielt der Verstand auf ein Maximum. Dieses kann sich auf Dinge, Einrichtungen, Leistungen und Erzeugnisse beziehen. Rationale Utopien stellen uns das Bild des mächtigsten, größten, gewaltigsten Reiches, der intelligenten besten Gesellschaft, der planmäßigsten staatlichen Regelung, der zweckmäßigsten Organisation, der weitgreifendsten Naturbeherrschung und des größten Reichtums vor Augen. Die poetische Darstellung des Maximalen in Gesellschaft, Staat, Technik, Wirtschaft wird am Ende wohl durch den Wunsch und Willen bestimmt, das Optimum menschlicher Ordnung zu zeigen. Man glaubt jedoch, das Optimale nur in maximalen Dimensionen verwirklichen zu können. Wenn wir von Kreuzungspunkten der philosophischen und einzelwissenschaftlichen Entwicklung sprachen, so hatten wir nächst der geistigen Bewegung des 16. und 17. Jahrhunderts die „Aufklärung66 und einen ihrer Hauptvertreter, J. J. Rousseau, vor Augen. Dieser Denker verdient deswegen ein besonderes sozialphilosophisches Interesse, weil in ihm der konstruktive rationale Geist, eigenartig von einer irrationalen, emotionalen, gefühlsmäßigen Grundhaltung getragen, hervorragend zum Ausdruck kommt, und weil seine konstruktiven Ideen, gestützt durch das Irrationale, eine mächtige praktisch-politische Auswirkung gehabt haben. Von Natur seien die Menschen gleicherweise in ihren Anlagen und Fähigkeiten für eine freie Lebensgestaltung ausgestattet: „L'homme est né libre." Die Ursache aller sozialen Übel, aller Unfreiheit und Ungerechtigkeit liege in verkehrten gesellschaftlichen Verhältnissen. Die politische und soziale Grundforderung laute daher: Ändert die gesellschaftliche Ordnung, und ihr stellt die Freiheit wieder her! Die menschliche Gesellschaft könne nur durch den verständigen Zusammenschluß, durch Einigung über ihre Mittel und Ziele zu freier Selbstbehauptung kommen. Das praktisch-politische Problem sei also: „Wie findet man die Ordnung, in der die Gemeinschaft mit ihrer gesamten Kraft ihre Angehörigen und Zugehörigen schützt und diese wiederum sich freiwillig dem Ganzen unterordnen24?" Rousseau sieht die staatspolitische Lösung dieses Problems in der Demokratie. So ist es gewiß in seinem Sinne gewesen, wenn es in der amerikanischen Verfassung von 1776 heißt: Die Regierung bedarf der Zustimmung der Regierten. Andererseits führen die Ideen Rousseaus geradewegs in einen politischen und ökonomischen Totalitarismus. Der Einzelne begibt sich seiner Redite zugunsten des Gemeinwillens, der „volonté générale". „Der Mensch verliert durch den Gesellschaftsvertrag seine natürliche Freiheit und ein unbeschränktes Recht auf OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:31:47
22 Herbert Sdiack 534 alles, was er erreichen kann. Er gewinnt dagegen die bürgerliche Freiheit und das Eigentum an allem, was er besitzt." „Frei sein heißt, dem Gesetze gehorchen, welches man sich selbst vorschreibt25." Rousseau setzt die Übereinstimmung des persönlichen und des allgemeinen Willens voraus. Auf die Dauer sei solche Übereinstimmung allerdings nur durch eine den allgemeinen Willen (volonte générale) verkörpernde souveräne Regierung möglich. „Der Bürger ist alle Dienste, welche er dem Staat leisten kann, sofern als der Souverän dieselben verlangt, zu leisten schuldig; aber der Souverän kann seinerseits die Untertanen mit nichts belasten, was der Gemeinheit unnütz ist; er kann dieses nicht einmal wollen, denn es macht sich unter dem Vernunftgesetze ebensowenig etwas ohne Ursache als unter dem Naturgesetze26." In seinen politischen und wirtschaftspolitischen Ideen eilt Rousseau seiner Zeit weit voraus; so mit dieser Forderung: „Bevölkert euer Land gleichförmig, laßt einerlei Recht überall gelten, bringt überall Leben und Überfluß hin, so wird euer Staat der stärkste und zugleich der bestmöglich regierte werden. Denkt daran, daß die Mauern der Städte nur aus den Trümmern der Landwohnungen gebaut werden. So oft ich einen Palast in der Hauptstadt erbauen sehe, glaube ich, daß man die Steine dazu aus allen Dorfhäusern herausgenommen habe." Noch in einem anderen Gedanken nimmt Rousseau spätere soziologische, sozialphilosophische, ja existenzphilosophische Ideen vorweg: Einmal in dem Gedanken der menschlichen Selbstentfremdung. Der natürliche Mensch habe sein Leben in sich selbst; dagegen: „Der gesellschaftliche Mensch ist niemals bei sich selbst anzutreffen und lebt nur in der Meinung anderer; nur deren Urteil gibt ihm, möchte man sagen, das Gefühl seiner eigenen Existenz." Es liege jedoch nicht in der Absicht des Verfassers, zu zeigen, „wie aus einer solchen Geistesbeschaffenheit und bei so schönen Anweisungen zur Moralität so viel Gleichgültigkeit gegen das Gute und das Böse entspringt". „Ich begnüge mich damit, daß ich bewiesen habe, der Mensch befindet sich hier nicht in seinem ursprünglichen Zustande; es beherrsche ihn nur der Geist der Gesellschaft und der Ungleichheit und verändere in ihm alle natürlichen Neigungen27." Die große und zunehmende Bedeutung empirischen, sachlich-rationalen Denkens zeigt sich in der fortschreitenden Differenzierung und 25 J. J. Rousseau, Ausgewählte Werke in sechs Bänden, Stuttgart o. J., Bd. 6 („Über den Gesellschaftsvertrag"), S. 23. 26 a.a.O., S. 31/32. 27 Ebda., „Abhandlung über den Ursprung und über den Grund der Ungleichheit unter den Menschen", S. 205. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:31:47
535 Wesen und Ursprung der Wirtschaftsund Sozialphilosophie 23 Spezialisierung der Wissensgebiete und Wissenszweige. Nachdem die Natur, die Gesellschaft und der Staat mannigfaltiger Analyse unterworfen worden sind, wird Ende des 18. Jahrhunderts auch die Wirtschaft als ein Erkenntnisobjekt aus der gesellschaftlichen Erfahrungswirklichkeit herausgehoben und aus den ihr eigenen Bedingungen zu begreifen gesucht. François Quesnay, neben Adam Smith der Begründer der Wirtschaftswissenschaft, geht in seinem methodischen und systematischen Denken einerseits von der naturrechtlichen Idee einer „deutlich und klar erkennbaren", überall und immer gültigen Lebensordnung aus, andererseits von naturwissenschaftlichen, physiologischen und medizinischen Erkenntnissen („Blutkreislauf"). Für seine dem Abstrakten abgeneigte Denkweise ist es charakteristisch, daß er das Naturrecht nicht im Sinne eines „Redites aller auf alles" verstanden wissen will: Das natürliche Redit eines jeden Menschen beschränkt sich „auf den Anteil, den er sich durch seine Arbeit verschaffen kann". (Der Faktor Arbeit wird dann von Adam Smith zum Ausgangspunkt seiner Untersuchungen genommen.) Die natürliche, positive Gesellschaftsordnung stimmt nach Quesnay mit der physischen Ordnung überein. Sie ist „für das Menschgeschlecht offenbar am vorteilhaftesten". „Alle Menschen und alle menschlichen Gewalten müßten diesen von dem höchsten Wesen aufgestellten obersten Gesetzen unterworfen werden: sie sind unveränderlich und unverbrüchlich und die bestmöglichen Gesetze; infolgedessen das Fundament der vollkommensten Regierung und die Grundregel für alle positiven Gesetze28." Quesnay, wie übrigens auch Adam Smith, ist überzeugt, daß sich ein im Sinne naturrechtlicher Prinzipien entwickelndes gesellschaftliches und wirtschaftliches Zusammenwirken zur besten und zweckmäßigsten Ordnung gestalten muß. Bewußt oder unbewußt folgen so die Begründer der Wirtschaftsund Sozialwissenschaften der von Leibniz ausgesprochenen Idee einer „prästabilierten Harmonie". Die Grundlage der vom Schöpfer aller Dinge ins Werk gesetzten Ordnung sei die menschliche Freiheit, freilich eine recht verstandene Freiheit. Die Vorteile der natürlichen und höchsten Gesetze seien an die „beste Wahl der Freiheit" gebunden. „Der Mensch kann sich vernünftigerweise dem Gehorsam, den er diesen Gesetzen schuldet, nicht entziehen; sonst wäre seine Freiheit nur eine ihm selbst und den anderen schädliche; es wäre nur die Freiheit eines Sinnlosen, die bei 28 Fr. Quesnay, Allgemeine Grundsätze der wirtschaftlichen Regierung eines ackerbautreibenden Reiches. Sammlung sozialwissenschaftlicher Meister. Hrsg. von H. Waentig, Jena 1921, S. 19. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:31:47
24 Herbert Schack 536 einer guten Regierung durch die Autorität der positiven Gesetze der Gesellschaft im Zaum gehalten und zurechtgewiesen werden muß29/6 Das wirtschaftswissenschaftliche Problem, das sich Quesnay stellt, ist die Analyse der natürlichen ökonomischen Ordnung einer (jener Zeit entsprechenden) Klassengesellschaft. Angenommen, ein Volk in einem großen Wirtschaftsgebiet gliedere sich in eine produktive Klasse, d. h. die Klasse der landwirtschaftlich tätigen Menschen, ferner in die Klasse der Grundeigentümer, d. h. der Herrscher und Zehntherren, und in die Klasse der Gewerbetreibenden. Wie verteilt sich dann das jährlich erzeugte Brutto-Produkt? Wie ist der Güterkreislauf? Wie wird das Sozialprodukt („produit net") erarbeitet und verwendet? Wie erfolgt seine Reproduktion? Wir dürfen diese Fragen unbeantwortet lassen. Denn uns interessiert hier nur die Fragestellung als solche. Wir wollten die Gedankenlinien aufzeigen, durch deren wechselseitige Verbindung eine methodisch betriebene Wirtschaftsund Sozialphilosophie möglich geworden ist. Sinnvolle Deutung der Lebenserfahrung, Besinnung auf die Vernunftprinzipien und wissenschaftliche Erkenntnisse bilden die Grundelemente dieser auf die Lebenspraxis gerichteten Philosophie. 29 a.a.O., S. 22. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:31:47
