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Oskar Lewis' Hypothese von der "culture of poverty": Zum Stand der Diskussion

Goetze, Dieter

Abstract

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Full text

Goetze, Dieter Article Oskar Lewis' Hypothese von der "culture of poverty": Zum Stand der Diskussion Schmollers Jahrbuch für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Goetze, Dieter (1970) : Oskar Lewis' Hypothese von der "culture of poverty": Zum Stand der Diskussion, Schmollers Jahrbuch für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, ISSN 0036-6234, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 90, Iss. 3, pp. 337-350, https://doi.org/10.3790/schm.90.3.337 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291220 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Der Begriff „culture of poverty" hat in der amerikanischen Soziologie und Ethnologie zunehmend an Bedeutung gewonnen und nimmt gegenwärtig in der Diskussion neuerer Entwicklungen einen breiten Raum ein. Nicht zuletzt hat zu dieser Entwicklung beigetragen, daß der Terminus „culture of poverty" sich ausgezeichnet zum schlagwortartigen Gebrauch eignet, den man benutzen kann, ohne sich über seine Implikationen weiterer Reflektion hinzugeben. Diese Hypothese stößt in zwei verschiedenen Dimensionen vor: eine wissenschaftliche und eine politische. Im Mittelpunkt dieser Erörterung soll vor allem die wissenschaftliche Dimension stehen, da nur sie einer empirischen Überprüfung unterworfen werden kann. Die politische Dimension muß gestreift werden, da sie in letzter Zeit zunehmend mit der wissenschaftlichen Dimension verknüpft wird, aber sie soll hier lediglich dazu dienen, die Schwierigkeiten aufzuzeigen, denen sich die Hypothese einer „culture of poverty" gegenübersieht. Erstmalig hat der amerikanische Anthropologe Oscar Lewis von einer „culture of poverty" gesprochen, zuerst 19591 und dann kontinuierlich in einer Reihe von Werken, die teilweise hohe Verkaufsziffern erlangten und damit zur Popularisierung des Begriffes und zum gedankenlosen Schlagwortgebrauch desselben beigetragen haben2. 1 Oscar Lewis: Five Families: Mexican Case Studies in the Culture of Poverty. New York 1959. 2 Oscar Lewis: The Culture of Poverty in Mexico City: Two Case Studies. The Economic Weekly, 12 (23/25, special no.), Bombay 1960, S. 965—972. — Lewis: Pedro Martinez: A Mexican Peasant and his Family. New York 1964. — Lewis: La Vida: A Puerto Rican Family in the Culture of Poverty. New York 1966. — Lewis: Die Kinder von Sanchez. Frankfurt/Main 1967 (amerikan. Originalausgabe: The Children of Sanchez: Autobiography of a Mexican Family. New York 1961). — Lewis: A Study of Slum Culture. Backgrounds for La Vida. New York 1968. — Es haben sich nodi andere, verwandte Formulierungen dieser anfänglichen von Lewis zugesellt, so u. a. „lower class culture" (Walter B. Miller: Lower Class Culture as a Generating Milieu of Gang Delinquency. Journal of Social Issues, 14 (1958), S. 5 bis 19. — Herbert Gans: The Urban Villagers. New York 1962) und „lower class Negro culture" (Charles Keil: Urban Blues. Chicago 1966). Der Ausdruck „slum 22 Schmollers JahrbudU 90,3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.3.337 | Generated on 2023-04-04 11:44:57 338 Literatur Drei Merkmale heben gemeinsam diese Arbeiten aus dem üblichen Rahmen heraus. Zunächst der Untersuchungsgegenstand: Es handelt sich jedesmal um familiensoziologische Untersuchungen, die Objekte Lewis9 sind Kernoder erweiterte Familien. Sodann der methodologische Aspekt: Lewis benutzt die in der Ethnologie bereits seit langem bekannte Form der Selbstzeugnisse oder Autobiographien, die er und seine Mitarbeiter mit verschiedenen Techniken aufgenommen haben, in einer quasi-mikroskopischen, außerordentlich minutiösen Art. Die Autobiographien sind von einer großen Ausführlichkeit und Intensität und beleuchten bestimmte Ereignisse und/oder Tage im Laufe der Existenz der jeweiligen Familien von den verschiedenen Gesichtspunkten der jeweils beteiligten Personen. Der dritte bemerkenswerte Aspekt ist die Tatsache, daß Lewis dieses z. T. sehr umfangreiche Material dem Leser ohne jede Analyse oder Interpretation in die Hand gibt. Er nimmt keine Aufarbeitung vor und gibt kaum eingehendere Hilfen für das Verständnis des Stoffes. Lediglich die Einleitungen zu seinen Büchern vermitteln einen Überblick über den weiteren Rahmen, in dem Lewis sein Material sieht, und in diesen Einleitungen — von wechselnder Länge und Ausführlichkeit — wird dem Leser die theoretische Erkenntnis vermittelt, die Lewis seinen Forschungen entnehmen zu können glaubt: die Hypothese der „culture of poverty". Es erscheint angebracht, kurz diese Hypothese aufzuzeigen, so, wie sie von Lewis konzipiert worden ist. Die ausführlichste Darstellung seiner Auffassung gibt Lewis in der Einleitung zu seiner Datensammlung über puertoricanische Slumbewohner in Puerto Rico und New York3, die daher audi hier zugrunde gelegt werden soll. „Culture of poverty" definiert Lewis als „a subculture with its own structure and rationale, as a way of life that is passed down from generation to generation along family lines"4, und die an bestimmte soziale Schichten mit besonders schwachem Zugang und Verfügungsgewalt über ökonomische Mittel gebunden ist. Die „culture of poverty" ist nicht an nationale, regionale oder Stadt-Land-Merkmale gebunden, sondern weist transkulturell gemeinsame Merkmale auf. Die Hypothese geht davon aus, daß „the poor share distinctive patterns of values, beliefs and actions, and exhibit a style of life which departs significantly from that of the core culture"5. culture" stammt von Allison Davis (Social Class Influences upon Learning. Cambridge 1952). 3 Lewis: A Study of Slum Culture, a.a.O., S. 3—30. 4 Lewis: A Study of Slum Culture, a.a.O., S. 4. 6 Jack L. Roach and Orville R. Gursslin: An Evaluation of the Concept "culture of poverty". Social Forces, 45 (1967), S. 384. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.3.337 | Generated on 2023-04-04 11:44:57 Literatur 339 Besonders begünstigt wird das Auftreten der „culture of poverty" durch das Zusammentreffen von folgenden Merkmalen in einer gegebenen Kultur: 1. Geldwirtschaft, Lohnarbeit, profitorientierte Produktion; 2. ständige hohe Rate von Unterbeschäftigung und/oder Arbeitslosigkeit für ungelernte Arbeiter; 3. niedrige Löhne; 4. das Fehlen oder Versagen von Versuchen, den wirtschaftlich schwachen Schichten eine soziale, politische oder ökonomische Organisation zu geben, entweder auf der Basis der Freiwilligkeit oder durch Regierungsinitiative; 5. Existenz von bilateralen Verwandtschaftssystemen (eher als bei dem Vorliegen von unilateralen Verwandtschaftssystemen); 6. das Vorliegen eines Wertsystems bei den herrschenden Schichten, das die Reichtumsakkumulation und das Individualeigentum betont, die Wünschbarkeit von Aufwärtsmobilität und Aufwärtsstreben unterstreicht und niedrigen sozioökonomischen Status als das Ergebnis persönlicher Mängel oder Unterlegenheit erklärt. Die „culture of poverty" weist eine Vielzahl von „traits" auf, die — jeweils transkulturell in unterschiedlichem Grad und in verschiedenen Kombinationen — miteinander in Relation stehen. Auf vier verschiedenen Ebenen — der der „slum Community", der Beziehungen zwischen „slum Community" und gesamtgesellschaftlicher Suprastruktur, der Familie und des Individuums — sind diese „traits" dadurch gekennzeichnet, daß es in irgendeiner Form in der Regel „Mangelerscheinungen" sind, sei es nun Mangel an ausreichenden Mitteln zur Lebensfristung, an Wohnraum; Mangel an Partizipation in den Institutionen, mangelnde Erfüllung von — weitgehend anerkannten — Mittelschicht-Normen; Fehlen oder häufiges Fehlen einer androzentrischen (Mittelschichts-) Familie und Ersatz dieser durch eine gynaikozentrische Familie; oder Fatalismus, niedriges Aspirationsniveaü und mangelnde Zukunftsorientierung6. Dem Betrachter werden durch diese Deskription gängige Desintegrationsmodelle aufgedrängt. Diesem Eindruck versucht Lewis dadurch entgegenzuwirken, daß er (wie bereits zitiert) feststellt, die „culture of poverty" sei „... also something positive and provides some rewards without which the poor could hardly carry on"7. Diesen „negativen" Merkmalen gegenüber fallen die „positiven" kaum ins Gewicht: Fähigkeit zur Spontaneität und zum Abenteuerlichen, Genuß des Sinnlichen, hohe Triebtoleranz und die Tatsache, daß das häufige Anwenden von Gewalt ein gutes Aggressionsventil sein kann8. 6 Vgl. zu der Vielzahl der Merkmale: Lewis: A Study of Slum Culture, a.a.O., S. 7—11. 7 Lewis: A Study of Slum Culture, a.a.O., S. 4. 8 Lewis: A Study of Slum Culture, a.a.O., S. 18. 22* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.3.337 | Generated on 2023-04-04 11:44:57 340 Literatur Wichtigstes und grundlegendes Merkmal der „culture of poverty" ist nach Lewis9 Ansicht das Fehlen einer Organisation oberhalb des Niveaus der „extended family". Bereits die Bildung von jugendlichen Banden, die Mitglieder aus verschiedenen Slum-Siedlungen vereinigen, „represents a considerable advance beyond the zero point of the continuum that I have in mind"9. Audi dieses Merkmal, dem Lewis selbst so großes Gewicht beimißt, ist geeignet, Vorstellungen von sozialpathologischen Zuständen zu erwecken, und scheint dementsprechend sozialtherapeutische Maßnahmen zu deren Beseitigung zu fordern. Die Bedeutung, die von Lewis dem Moment der Organisation beigemessen wird, erhellt allein aus der Tatsache, daß er der Ansicht ist, jede soziale Bewegung — sei sie nun revolutionär, religiös oder pazifistisch — beseitigt die „culture of poverty" dadurch, daß sie die armen Bevölkerungsschichten organisiert, ihnen Hoffnung gibt und Solidaritätsgefühle und Identifikationen mit größeren Gruppierungen bewirkt. Von Bedeutung ist auch die Unterscheidung von „einfacher" (materieller) Armut und einer „culture of poverty": Die Folge der ersten ist nicht immer die zweite. So entwickeln z. B. primitive Gesellschaften, auch wenn sie in materieller Hinsicht eine stark benachteiligte Position einnehmen, keine „culture of poverty", weil sie über einen hohen Grad an stabiler sozialer Organisation verfügen. Eine „culture of poverty" kann sich nicht in Kastengesellschaften (wie in Indien) entwickeln, und sie tendiert zum Verschwinden in sozialistischen, faschistischen und hochentwickelten kapitalistischen Gesellschaften mit wohlfahrtsstaatlicher Konzeption und Organisation. Die „culture of poverty" entsteht im frühen, wirtschaftsliberalistischen Stadium des Kapitalismus und unter den Bedingungen des Kolonialismus10. Von einer simplen Anpassung an objektive Bedingungen der Gesamtgesellschaft unterscheidet sich aber die „culture of poverty" dadurch, daß sie eine perpetuierende Tendenz entwickelt in Bezug auf intergenerationelle Verfestigung und Tradierung von der „culture of poverty" inhärenten Merkmalen. Vermittels des Sozialisierungsprozesses internalisieren die Kinder die subkulturellen Werte und Attitüden so stark, daß sie zu einer späteren Lösung davon nicht imstande sind11. II. Es erstaunt nicht, wenn dieses Bild zwar einerseits wohl Zustimmung, aber andererseits auch heftige Kritik hervorgerufen hat. Diese 9 Lewis: A Study of Slum Culture, a.a.O., S. 9. 10 Lewis: A Study of Slum Culture, a.a.O., S. 16. 11 Lewis: A Study of Slum Culture, a.a.O., S. 6. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.3.337 | Generated on 2023-04-04 11:44:57 Literatur 341 Kritik hat im Laufe der Zeit an Schärfe und polemischem Charakter zugenommen12, was sowohl zu einer Antikritik, als auch zu einer neuerlichen Revision des Begriffes der „culture of poverty" Anlaß gibt. Von den zwei Hauptgegenständen der Kritik, der von Lewis9 angewandten Methode und der Hypothese der „culture of poverty", ist hier nur die letzte relevant. Bemängelt wird in erster Linie die unzureichende Klarheit, eine eindeutige Unterscheidung zwischen schichtgebundenen Unterschieden innerhalb einer Kultur und echten kulturellen Unterschieden13. Es wird festgestellt, daß der Begriff einer „culture of poverty" kulturelle Eigenarten und Differenzierungen durch Mittelschichtund ethnozentrische Stereotypen verwischt14. Stavenhagen moniert die Anwendung des Begriffes „culture of poverty" — der nur auf die Slumbewohner von Mexiko City und San Juan de Puerto Rico angewendet werden könne — auf die Familie Martínez15, deren bäuerlicher Hintergrund eine solche „culture of poverty" ausschließe. Darüber hinaus sieht Stavenhagen in der Verwendung des Begriffes „Kultur" in diesem Zusammenhang eine nicht statthafte Überdehnung des üblichen ethnologischen Terminus. Vielmehr schiene es so, als ob die spezifischen Äußerungsformen der „culture of poverty" und ihre Persistenz eine Folge von Strukturmerkmalen der umfassenden Klassengesellschaft seien16. Schließlich wird auch festgestellt, daß das bisher über Armut und damit zusammenhängende kulturelle Kulturmerkmale gesammelte Material nicht ausreicht, um eine solche Hypothese der „culture of poverty" genügend abzusichern17. Die bisher massivste Kritik an jeder Hypothese einer „culture of poverty" hat Valentine geübt18. Sein Buch ist nach eigener Aussage ein „ambitious essay", und gerade dieses Bestreben, nicht nur die bisherigen Begriffe und Hypothesen kritisch zu überprüfen, sondern ihnen um jeden Preis ein Gegenmodell gegenüberzustellen, macht es schwierig, Valentine Gerechtigkeit angedeihen zu lassen. In höchst unglückseliger Weise werden wissenschaftliche, empirisch überprüfbare Aussagen mit politischer Polemik und Rezepten zur Lösung des Problems „Armut" verknüpft. 12 Vgl. hierzu: Oscar Lewis et al,: A CA Book Review of The Children of Sánchez, Pedro Martínez and La Vida by Oscar Lewis. Current Anthropology, 8 (1967), S. 480—500. — Charles A. Valentine: Culture and Poverty: Critique and CounterProposals. Chicago/London 1968. — Charles A. Valentine et al.: A CA Book Review of Culture and Poverty: Critique and Counter-Proposals by Charles A. Valentine. Current Anthropology, 10 (1969), S. 181—201. 13 K. Aoyagi: Reviews. In: Lewis et al.: a.a.O., S. 483. 14 Marvin K. O pier: Reviews. In: Lewis et al.: a.a.O., S. 488. 15 Lewis: Pedro Martinez, a.a.O. 16 Rodolfo Stavenhagen: Reviews. In: Lewis et al.: a.a.O., S. 489. 17 Lorraine Barié: Reviews. In: Lewis et al.: a.a.O., S. 494. 18 Valentine: Culture and Poverty, a.a.O. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.3.337 | Generated on 2023-04-04 11:44:57 342 Literatur Valentine setzt mit seiner Kritik bereits bei Franklin Frazier ein, aber der Hauptgegenstand seiner Kritik sind Oscar Lewis und dessen Hypothese einer „culture of poverty". Gerade an diesem Thema offenbart sich die starke Versuchung, Polemik mit wissenschaftlichem Eifer zu verwechseln, der Valentine erlegen ist. Von Lewis wird folgende Passage zitiert: „In the United States, the major solution proposed by planners and social workers in dealing with multiproblem families and the socalled hard core of poverty has been to attempt slowly to raise their level of living and to incorporate them into the middle class. Wherever possible, there has been some reliance upon psychiatric treatment. In the underdeveloped countries, however ... a social-work solution does not seem feasible. Because of the magnitude of the problem, psychiatrists can hardly begin to cope with it ... revolutions frequently succeed in abolishing some of the basic characteristics of the culture of poverty even when they do not succeed in abolishing poverty itself19." In diese wenigen Zeilen von Lewis liest Valentine hinein: „... it is the ,culture4 that must go first before the poor can be given what everybody possesses and many of us take for granted. In short, the poor must become ,middle-class4, perhaps through ,psychiatric treatment4, and then we shall see what can be done about their poverty. This is indeed the ,social-work solution4, as Lewis calls it. The only alternative to it is revolution, and that is allowable only far from home in backward countries where there are not enough psychiatrists and social workers to go around. Even there, the chief interest in revolution is that it may change the culture, whether or not it relieves material want20.44 Die „Interpretationen" werden sogar Valentine bald selbst unheimlich: „Now care must be taken not to read too much into a few brief passages21." Von einer umfangreichen Gruppe besprochener Autoren22 wird lediglich Herbert Gans halbwegs akzeptiert und dessen Terminologie und Gedankengänge teilweise übernommen für eine Klärung der Zusammenhänge zwischen Kultur und Armut. Hier liegt ein offensichtlicher Fehlgriff vor, da Gans zu seinem Buch ausdrücklich festgestellt hat, daß es sich mit der Subkultur der Arbeitnehmerschichten und nur marginal mit der „lower class" beschäftigt23, deren Subkultur (die klassifikatorisch hier wohl mit der angenommenen „culture of poverty" gleichgesetzt werden kann) er als eine desintegrierende Subkultur be19 Lewis: La Vida, a.a.O., S. LH, zit. bei: Valentine: a.a.O., S. 74. 20 Valentine: a.a.O., S. 75. 21 Valentine: a.a.O., S. 76. 22 Edward Franklin Frazier, Patrick D. Moynihan, Walter B. Miller, David Matza, Oscar Lewis, Kenneth Clark, Charles Keil, Thomas Gladwin, Eliot Liebow, Herbert Gans. 2» Gans: a.a.O., S. 349. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.3.337 | Generated on 2023-04-04 11:44:57 Literatur 343 schreibt24. Insofern paßt also auch Gans, wiewohl Valentine das nicht eingestehen will, in die von letzterem angeprangerte „peiorative tradition". Aus der besprochenen Literatur konstruiert Valentine drei verschiedene Begriffe einer „culture of poverty": eine nach den Vorstellungen von 0. Lewis, eine nach den Vorstellungen von W. Miller und eine nach den — äußerst knappen Angaben von Herbert Gans. Aus diesen drei „cultures of poverty" wird jeweils ein Modell extrahiert und diese wiederum gegeneinander aufgewogen und auf ihre Brauchbarkeit geprüft. Das erste Modell, das alle von Valentine negativ gewerteten Arbeiten umfaßt bzw. aus diesen herauskonstruiert wird, ist nach seiner Aussage: „ ... the chief conceptual underpinning for dominant public policy initiatives, preeminently the ,war on poverty6. In this respect the influence of this conception is profoundly pernicious ... The basic message of this approach to the poor is that only after they have become conventionally respectable can they hope for a chance to leave poverty behind them25." Das zweite Modell, das die „culture of poverty" lediglich als Folge der Pressionen der Gesamtgesellschaft und darin vor allem der herrschenden Klassen sieht, ist „animated by philosophical positions of the radical left" und „ ... is consistent with a considerably larger part of the evidence than the first model considered"26. Nur die vorgeschlagene Lösung zum Problem der Armut erscheint Valentine „not practicable": Machtergreifung der Armen in der gesamten Gesellschaft durch revolutionäre Aktion. Das dritte Modell — von Valentine entworfen — wird als das eindeutig beste qualifiziert. Es interpretiert die „culture of poverty" als eine „heterogeneous subsociety with variable, adaptive subcultures"27. Als vorgeschlagene Lösung steht hier eine soziale Revitalisierungsbewegung, im Stile der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, aber mit radikaleren Mitteln. Eine Begründung für die Gültigkeit des Modells wird nicht gegeben: „Most of it is self-explanatory" bzw. „supporting arguments for it will be found widely scattered through this entire essay28." Von erfrischender Naivität ist Valentine dann, wenn es sich darum handelt, die Problematik von Feldforschung zu beschreiben — in diesem konkreten Fall: Feldforschung in Slumgebieten —: „While the 24 Gans: a.a.O., S. 250, S. 267 f. 25 Valentine: a.a.O., S. 144 f. 2® Valentine: a.a.O., S. 146. 27 Valentine: a.a.O., S. 142. 28 Valentine: a.a.O., S. 146 f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.3.337 | Generated on 2023-04-04 11:44:57 344 Literatur anthropologist practices a comparative and generalizing science, he is also a specialist in the particular cultures he knows most intimately. Similarly, the universal idea of culture is matched by the quite particularistic conception of each specific way of life. There is neither contradiction nor paradox in this twofold approach. Indeed, it is by his very immersion in the specific distinctiveness of another way of life that the anthropologist frees himself from the preconceptions inherent in his own culture ... In a sense, the ethnographer transcends his own ethnocentrism, which is an inevitable result of his nature as a cultural being, by temporarily entering into other culturally provincial worlds. By this approach he can discover the inner coherence of an alien exotic culture with relative independence from the biases of his own cultural provenience29." Es ist eine Illusion zu glauben, durch einfache „immersion" könnte sich der Feldforscher von eigenkulturellen Mustern und Werthaltungen lösen und sich dem Verständnis fremdkultureller Erscheinungen vollkommen öffnen. Ohne vorhergehende Analyse und thematische Aufklärung der eigenkulturellen Stereotype und Wertungen kann die gutwilligste „immersion" nicht erfolgreich sein30. Die dem Buch von Valentine inhärente Schwäche ist offensichtlich: Zu groß ist das Gewicht der politisch-polemischen Argumentation, zu schnell wird von wissenschaftlicher Analyse zu faktischen Lösungsversuchen für das Problem Armut übergegangen und zu verwischt sind die Grenzen zwischen beidem, bzw. sie fehlen weithin völlig. III. Damit ist die Diskussion über die „culture of poverty" vorläufig in eine Sackgasse gelangt. Ein Weg daraus scheint nur möglich nach der Klärung einiger elementarer Sachverhalte. Es ist notwendig, daß sich die Diskussion aus der regionalen Gebundenheit befreit, in der sie sich zur Zeit befindet. Da diese Diskussion bisher nahezu eine Domäne der amerikanischen Ethnologie ist, wird sie immer wieder dadurch erschwert, daß die Grenzen verwischt werden zwischen: politisch-nationaler Problematik (die Armut in den USA und ihre Beseitigung), ethnischer Problematik (die amerikanische Negerbevölkerung als negativ privilegierte Klasse mit einer eigenen Subkultur) und theoretischer Modellbildung („culture of poverty"-Hypo2» Valentine: a.a.O., S. 10. 30 Vgl. hierzu: Wilhelm E. Mühlmann: „Wertfreiheit14 und phänomenologische Reduktion im Hinblick auf die Soziologie. In: Dieter Stolte und Richard Wisser (Hrsg.): Integritas. Tübingen 1966. S. 463 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.3.337 | Generated on 2023-04-04 11:44:57