Augsburger und Nürnberger Kupferhandel 1500-1619
Abstract
EconStor is a publication server for scholarly economic literature, provided as a non-commercial public service by the ZBW.
Full text
Hildebrandt, Reinhard Article Augsburger und Nürnberger Kupferhandel 1500-1619 Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Hildebrandt, Reinhard (1972) : Augsburger und Nürnberger Kupferhandel 1500-1619, Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik, ISSN 0342-1783, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 92, Iss. 1, pp. 1-31, https://doi.org/10.3790/schm.92.1.1 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291263 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Augsburger und Nürnberger Kupferhandel 1500 —1619* Produktion, Marktanteile und Finanzierung im Vergleich zweier Städte und ihrer wirtschaftlichen Führungsschicht* Von Reinhard Hildebrandt, Berlin I. Eine vergleichende Wirtschaftsund Sozialgeschichte der beiden süddeutschen Wirtschaftszentren Augsburg und Nürnberg fehlt bisher noch1. Audi nach einer modernen zusammenfassenden Monographie zur Wirtschaftsund Sozialgeschichte einer der beiden Städte für die Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg sucht man vergeblich. Wolfgang Zorns vorzügliche Arbeit2 beginnt zeitlich erst 1648. Für Nürnberg ist man immer noch auf Johann Ferdinand Roth angewiesen, dessen Sammelfleiß aber modernen Ansprüchen nicht mehr genügen kann3. Zwar ist vor wenigen Jahren ein zweibändiges Werk zur Wirtschaftsgeschichte Nürnbergs erschienen4, das eine Reihe ausgezeichneter Beiträge enthält, aber insgesamt konnten das eben nur „Beiträge" zu einer noch zu schreibenden modernen Gesamtdarstellung sein. Dabei ist der Gedanke einer vergleichenden Betrachtung der Wirtschaftsund Sozialgeschichte beider Städte nicht neu. Richard Ehrenberg hat ihn bereits gehabt, aber nicht näher verfolgt, weil er sich ganz auf das internationale Bankund Finanzsystem des 16. Jahrhunderts konzentrieren wollte5. Auch bei Jakob Strieder ist der vergleichende * Erweiterte Fassung eines Vortrags, der im Rahmen des 3. Kölner Kolloquiums zur Internationalen Wirtschaftsund Sozialgeschichte gehalten wurde. 1 Hans Mauersberg (Wirtschaftsund Sozialgeschichte zentraleuropäischer Städte in neuerer Zeit. Göttingen, Zürich 1960) behandelt beide Städte nur kurz und unter Aspekten, die im Zusammenhang mit diesem Thema kaum in Betracht kommen. 2 Wolfgang Zorn: Handelsund Industriegeschichte Bayerisch-Schwabens 1648 bis 1870. Augsburg 1961. 3 Johannes Ferdinand Roth: Geschichte des Nürnbergischen Handels — ein Versuch. Leipzig 1800/1801. 4 Stadtbibliothek Nürnberg (Hrsg.): Beiträge zur Wirtschaftsgeschichte Nürnbergs. 2 Bde. Nürnberg 1967. 5 Richard Ehrenberg: Das Zeitalter der Fugger. 2 Bde. Jena 1896. Bes. Bd. 1, S. 378 und S. 387. 1 Zeitschrift für Wirtschaftsund SozialwisBenschaften 92,1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:48:17
2 Reinhard Hildebrandt Aspekt in Andeutungen nachweisbar6, wenn er auch nie in einer eigenständigen Untersuchung realisiert wurde. Die Neigung, sich entweder mit der einen oder mit der anderen Stadt zu beschäftigen, mag zum guten Teil in der verschiedenartigen Quellenbasis begründet sein7. Daraus ergibt sich als methodische Konsequenz für den vorliegenden Beitrag: Wenn die Ausgangsbasis so verschieden ist, kann man nicht für beide Städte den gleichen Weg einschlagen. Am Beginn soll daher die allgemeine Entwicklung auf einem begrenzten wirtschaftlichen Teilsektor (Kupferproduktion) stehen. Die beiden Ausgangsfragen lauten daher: Wie groß war etwa die Erzeugung der drei wichtigsten europäischen Kupferproduktionszentren 1500 -1619? Welcher Produktionsanteil gelangte in die Hände der Augsburger und der Nürnberger Großkaufleute? Die Antworten sollen dann nach zwei Richtungen hin interpretiert werden: einmal im Hinblick auf die einzelnen Firmen, zum anderen unter dem Aspekt der jeweiligen städtischen Wirtschaftsund Sozialstruktur sowie allgemeiner konjunktureller Entwicklungen und Veränderungen im behandelten Zeitraum. II. Die Kupferproduktion 1500 -1619 Eine Produktionsstatistik für den europäischen Kupferbergbau etwa analog zu Soetbeers Arbeit über die Edelmetallerzeugung8 gibt es bisher nicht. Es dürfte daher sinnvoll sein, wenigstens für die drei wichtigsten Kupferproduktionszentren Vergleichszahlen zu bieten, die es ermöglichen, die relative Bedeutung der einzelnen Erzeugungsgebiete für den internationalen Kupfermarkt quantitativ zu erfassen und daraus den möglichen Einfluß der Augsburger und Nürnberger Großhändler auf die Produktion, Marktform und Preisbildung abzuleiten. 6 Jakob Strieder: Das reiche Augsburg — ausgewählte Aufsätze. Hrsg. v. H. F. Deininger. München 1938. S. 3. 7 Für Augsburg bilden z. B. die Steuerbücher eine besonders wichtige wirtschaftsgeschichtliche Quellengruppe. Die Nürnberger Steuerbücher haben demgegenüber nur geringe Aussagekraft. Dagegen besitzt Nürnberg in den Testamentsbüchern eine für die Gewerbegeschichte sehr wertvolle Quellengruppe, deren systematisch-statistische Auswertung wünschenswert wäre. Vgl. neuerdings den interessanten Versuch von Rudolf Endres (Zur Einwohnerzahl und Bevölkerungsstruktur Nürnbergs im 15./16. Jahrhundert. Mitteilungen d. Ver. f. Geschichte d. Stadt Nürnberg [MVGN], Bd. 57 [1970], S. 242-271), aus dem Vergleich mit Augsburg neue Erkenntnisse für Nürnberg zu gewinnen. 8 Adolph Soetbeer: Edelmetallproduktion und Wertverhältnisse zwischen Gold und Silber seit der Entdeckung Amerikas. Gotha 1879. — Die Angaben bei J. H. L. Vogt (Die Statistik des Kupfers. Zeitschrift f. praktische Geologie, 1896, S. 89 - 93) beginnen erst mit dem Jahre 1625. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:48:17
Augsburger und Nürnberger Kupferhandel 1500 -1619 3 Methodisch ist darauf hinzuweisen, daß die in Tab. 1 genannten Produktionsziffern auf über 2 000 Einzeldaten basieren. Sie wurden verschiedenen Quellengruppen und der teilweise recht umfangreichen lokalgeschichtlichen Literatur entnommen und mit anderen, das Produktionsergebnis möglicherweise beeinflussenden Faktoren (Kriege, Seuchen, Beschäftigtenzahlen, Veränderungen im Erzgehalt etc.) gegebenenfalls korreliert. Bei der Auswertung der Quellen ergab sich vor allem eine Schwierigkeit: Die Produktionsziffern, die im Erzeugungsgebiet selbst entstanden oder die Grundlage für entsprechende Zusammenstellungen durch die regalherrliche Verwaltung bildeten, weichen manchmal erheblich von denjenigen Daten ab, die sich in den Geschäftspapieren der damals führenden Kupferhandelsfirmen erhalten haben. Die Erklärung für diese Diskrepanz dürfte darin zu sehen sein, daß in den FirmenTabelle 1 Regionale Kupferproduklion 1500 - 1619a) (in 1 000 metr. Ztr.) Zeit Oberun, p. a. garn °/o Alpenlä £r p. a. nder o/o Mansf J2r p. a. eld o/o Gesamtproduktion J2r p. a. 1 2a 2b 3a 3b 4a 4b 5 1500 1509 28 37 33 43 (15) (20) (76) 1510 1519 37 40 35 38 (20) (22) (92) 1520 1529 29 30 39 41 28 29 96 1530 1539 23 27 32 38 30 35 85 1540 1549 24 28 35 42 25 30 84 1550 1559 26 32 36 45 18 23 80 1560 1569 24 32 33 45 17 23 74 1570 1579 15 28 25 46 14 26 54 1580 1589 14 28 22 44 14 28 50 1590 1599 15 31 23 47 (11) (22) (49) 1600 1609 11 28 19 47 10 25 40 1610 1619 12 33 16 45 8 22 36 a) Die Produktionsdaten geben die Jahreserzeugung im zehnjährigen Durchschnitt an. Der Anteil an der jeweils erfaßten Gesamtproduktion ist in Prozentsätzen ausgedrückt. Die Grundlage für die hier zusammengefaßten Daten bilden die in den Anmerkungen zu Kapitel II genannten Quellengruppen und Veröffentlichungen, die systematisch ausgewertet wurden. Die eingeklammerten Daten für den Mansfelder Bereich sind Schätzungen, da für diese drei Perioden nur einzelne Angaben ermittelt werden konnten. 1* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:48:17
4 Reinhard Hildebrandt unterlagen nicht selten die oft beträchtlichen Lagerbestände der Gesellschaften enthalten sind. Die letzteren Daten wurden daher nur aushilfsweise und zu Korrelationszwecken benutzt. Die bergbaugeschichtliche Literatur enthält eine Fülle einzelner Produktionsdaten, die aber nur selten systematisch zusammengefaßt sind. Außerdem ist das bisherige Schrifttum überwiegend lokalgeschichtlich begrenzt, so daß die quantitativen Relationen zwischen den einzelnen Produktionsgebieten unklar blieben. Nur so ist es beispielsweise erklärbar, daß ein so guter Kenner wie Walter Möllenberg von einer „Eroberung des Weltmarktes durch das mansfeldische Kupfer" sprechen konnte9 oder die regionalgeschichtliche Literatur Tirols eindeutig den Schwerpunkt auf die dortige Silberproduktion legt, als ob das Kupfer dort mehr oder weniger die Rolle eines Nebenprodukts gespielt habe10. Diese Überbewertung lokaler Aspekte führte dann leicht dazu, den in den einzelnen Regionen zeitweise dominierenden Kupferhändlern vorschnell eine Monopolstellung auf dem Weltmarkt zuzuschreiben, wozu die zeitgenössischen Quellen mit ihrem unpräzisen und oft agitatorisch benutzten Monopolbegriff noch beitrugen11. Die Berechnung zehnjähriger Durchschnitte erfolgte sowohl aus praktischen Erwägungen als auch mit Rücksicht auf die Zielsetzung dieses Beitrags. Eine detaillierte jährliche Produktionsstatistik hätte den Umfang einer Monographie erfordert. Zwar wären auf diese Weise die oft beträchtlichen jährlichen Schwankungen in der regionalen Erzeugung deutlich geworden, gleichzeitig wäre aber der langfristige interregionale Vergleich weniger klar zum Ausdruck gekommen. Um einen solchen Vergleich zu ermöglichen, war es schließlich auch notwendig, alle Produktionsdaten auf metrische Zentner (=50 Kilogramm) umzurechnen. Was ergibt sich nun aus dem vorliegenden Zahlenmaterial? Zunächst einmal tritt in Tab. 1 die führende Rolle der alpenländischen Kupferproduktion deutlich hervor. Ihr Anteil an der erfaßten Gesamterzeugung lag mit Ausnahme von zwei Perioden stets über 40%, im langfristigen Mittel bei etwa 43 % und wies trotz der seit der zweiten 9 Walter Möllenberg: Die Eroberung des Weltmarktes durch das mansfeldische Kupfer. Gotha 1911. — Ders.: Urkundenbuch zur Geschichte des mansfeldischen Saigerhandeis im 16. Jahrhundert. Halle 1915. 10 Selbst die sonst wohl beste neuere Darstellung von Erich Egg (Das Wirtschaftswunder im silbernen Schwaz. Wien 1958), die sich gleichermaßen durch Faktenreichtum und klare Gliederung auszeichnet, legt eindeutig das Schwergewicht auf die Silberproduktion. 11 Dazu neuerdings Fritz Blaich: Die Reichsmonopolgesetzgebung im Zeitalter Karls V. Stuttgart 1967. Bes. S. 21-24 und S. 107-117. — Vgl. auch Reinhard Hildebrandt: Wirtschaftsentwicklung und Konzentration im 16. Jahrhundert. Scripta Mercaturae, 1970, H. 1, S. 25 - 50. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:48:17
Augsburger und Nürnberger Kupferhandel 1500 - 1619 5 Hälfte des 16. Jahrhunderts rückläufigen Ausbeute eher eine steigende als fallende Tendenz auf. Die Erklärung für dieses zunächst überraschende Phänomen ist vor allem darin zu sehen, daß neue bedeutende Kupferfunde den allgemeinen Produktionsrückgang stark verlangsamten. Während im Schwazer Revier bereits in den 30er Jahren die Produktion erstmals spürbar abnahm12, schufen Anfang der 40er Jahre große Neuschürfe bei Kitzbühel mit dem berühmten Röhrerbühel als Mittelpunkt dafür einen gewissen Ausgleich13. Später wiederholte sich dieser Vorgang in abgeschwächter Form durch den zeitweisen Aufschwung des Bergbaus in der Steiermark14. Diese Entwicklungen führten dazu, daß die habsburgischen Alpenländer fast während der ganzen Zeit den größten Anteil an der erfaßten Gesamtproduktion aufbrachten. Eine weitere Folge war, daß der Anteil der Alpenländer die relativ geringsten Schwankungen aufwies. Die Erschließung neuer Lagerstätten verlangsamte den Rückgang der Kupfererzeugung, der im gesamten Zeitraum dort „nur" etwa 59% betrug (Oberungarn — 68%; Mansfeld sogar — 73%). Ganz anders verlief die Entwicklung im Mansfelder Bereich. Der dortige Kupferbergbau erlebte in den 20er und zu Beginn der 30er Jahre des 16. Jahrhunderts seinen Höhepunkt. Nur in diesem Zeitraum übertraf die dortige Produktion diejenige Oberungarns, ohne aber jemals die Höhe der alpenländischen Erzeugung zu erreichen. In der Folgezeit war der Mansfelder Bergbau gekennzeichnet durch einen konstanten Produktionsrückgang15. Nur dem Umstand, daß sich die Erzeu12 Max v. Isser: Schwazer Bergwerksgeschichte. Bergu. Hüttenmännisches Jahrbuch der K. K. montanist. Hochschulen zu Leoben u. Pribram, Bd. 52 (1904), S. 407 bis 478, und Bd. 53 (1905), S. 39-83. — Max v. Wolfstrigl-Wolfskron: Tiroler Erzbergbaue 1301 - 1665. Innsbruck 1903. S. 35. — Vor allem Egg: a.a.O., S. 24. 13 Eine umfassende Geschichte des dortigen Bergbaus fehlt noch. Vgl. vorläufig Wolfstrigl-Wolfskron: a.a.O., S. 172 - 236. — Ferner Max v. Isser: Beitrag zur Geschichte des Röhrerbüheler Bergbaus, österr. Zeitschrift f. Bergu. Hüttenwesen, Bd. 31 (1883), S. 75 - 79, S. 90 - 94, S. 106 - 108, S. 148 - 150, S. 163 - 166, S. 176 - 180. — Joseph v. Senger: Das verlassene Bergwerk am Röhrer Bühel. Beiträge z. Geschichte, Statistik, Naturkunde u. Kunst v. Tirol u. Vorarlberg, Bd. 1 (1825), S. 247 bis 280. — Neuerdings aufschlußreich Heinrich Kunnert: Nürnberger Montanunternehmer in der Steiermark. MVGN, Bd. 53 (1965), S. 229-254 mit ausführlichen Literaturangaben. 14 Karl A. Redlich: Der Kupferbergbau Radmer an der Hasel. Bergu. Hüttenmänn. Jahrbuch der K. K. montanist. Hochschulen zu Loeben u. Pribram, Bd. 53 (1905), S. 1-38. — Heinrich Kunnert: Beiträge zur Geschichte des Bergbaus im Berggerichtsbezirk Schladming in den Jahren 1304-1616. Wiener Diss. 1927. — Ders.: Der Nürnberger Ratsherr Paul (II.) Behaim als steirischer Gewerke. Der Anschnitt, Bd. 14 (1962), S. 20-27. — Marian Wenger: Ein Beitrag zur Statistik und Geschichte des Bergbaubetriebes in den österreichischen Alpenländern im XVI. Jahrhundert. Montanist. Rundschau, Bd. 23 (1931), S. 225 - 232 und S. 239-250. 15 Vgl. die bereits in Anm. 9 genannten Veröffentlichungen von Möllenberg sowie Walter Mück: Der Mansfelder Kupferschieferbergbau in seiner rechtsgeschichtlichen Bedeutung. 2 Bde. Eisleben 1910, wobei besonders Bd. 2 wertvolle Quellen auch für die Krisenzeit des dortigen Bergbaus enthält. — Ferner dazu auch Walter OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:48:17
6 Reinhard Hildebrandt gung auch in den anderen beiden Regionen verringerte, ist es zuzuschreiben, daß sich der Anteil des Mansfelder Kupfers trotz der relativ am stärksten rückläufigen Ausbeute im langfristigen Durchschnitt auf etwa 25% der erfaßten Gesamtproduktion stabilisierte. Damit aber nahm der Mansfelder Bereich nur den dritten und letzten Platz unter den behandelten Regionen ein, von einer „Eroberung des Weltmarktes" kann also wohl kaum die Rede sein. Interessant ist die Entwicklung in Oberungarn. Hier lassen sich die stärksten Schwankungen beobachten, für die sowohl wirtschaftsexogene Ereignisse als auch wirtschaftspolitische Entscheidungen maßgeblich waren16. Zu den erstgenannten Gründen sind vor allem die latente Türkengefahr und die national-ständepolitisch motivierten innerungarischen Unruhen im behandelten Zeitraum zu zählen. Sie beeinflußten zwar die wirtschaftspolitischen Entscheidungen der dort dominierenden Augsburger Kaufleute, bildeten aber keineswegs deren einzige Grundlage. Mindestens ebenso sehr mußten die Handelsgesellschaften die jeweilige Preisund Absatzsituation auf dem internationalen Kupfermarkt, die Entwicklung auf dem Geldund Kapitalmarkt und nicht zuletzt die eigene Kapitalbasis ständig berücksichtigen und danach ihre Geschäftspolitik ausrichten. So tendierte beispielsweise Anton Fugger im Gegensatz zu seinem Onkel bis 1546 zu einer Produktionsdrosselung in Oberungarn. Seit dem Tode Jakob Fuggers wurde die Augsburger Firma in immer stärkerem Maße selbst Gewerke in Tirol. Sie mußte also eine wachsende Eigenproduktion auf dem Markt unterbringen. Das gestaltete sich nun Möllenberg: Krisis des Mansfelder Kupferhandels im 16. Jahrhundert. Thüring.- sächs. Zeitschrift f. Geschichte, Bd. 6 (1916), S. 1-32. — Zum Einfluß der oft aus Nürnberg stammenden, aber zeitweise in Leipzig seßhaften Kupferhändler auf den Mansfelder Bergbau finden sich umfangreiche Angaben bei Gerhard Fischer: Aus zwei Jahrhunderten Leipziger Handelsgeschichte 1470 - 1650. Leipzig 1929. Bes. S. 33 - 42, S. 135 - 159, S. 192 - 211 und S. 377 - 483. — Wesentliche neue Ergebnisse, die sidi mit der hier vorgelegten Untersuchung weitgehend decken, bringt Ekkehard Westermann: Das Eislebener Garkupfer und seine Bedeutung für den europäischen Kupfermarkt von 1460 bis 1560. Köln, Wien 1971. 16 Grundlegend für die Entwicklung des Kupferbergbaus in Oberungarn Joseph Vlachovic (Slovenskä med v 16. a 17. storoci. Bratislava 1964) mit wertvollem statistischem Material, wenn auch die Geschäftspolitik der Augsburger Firmen nur am Rande berücksichtigt werden konnte. — Von der älteren Literatur sind noch zu erwähnen Friedrich Dobel: Der Fugger Bergbau und Handel in Ungarn. Zeitschr. d. Hist. Ver. f. Schwaben u. Neuburg, Bd. 6 (1879), S. 33-50. — Max Jansen: Jakob Fugger der Reiche. Leipzig 1910. Bes. S. 156 - 158. — Ernst Koch: Das Hüttenund Hammerwerk der Fugger zu Hohenkirchen bei Georgenthal in Thüringen. Zeitschr. d. Thüring. Ver. f. Geschichte, Bd. 26 (1926), S. 285 -327 und Bd. 27 (1927), S. 1 bis 131. — Götz v. Pölnitz: Jakob Fugger. 2 Bde. Tübingen 1949/1951. — Günther Probszt: Der Neusohler „Kupferkauf". Vierteljahrschr. f. Sozialu. Wirtschaftsgesch. (VSWG), Bd. 40 (1953), S. 289-326. Zu den Monographien über einzelne Augsburger Firmen vgl. die folgenden Anmerkungen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:48:17
Augsburger und Nürnberger Kupferhandel 1500 - 1619 7 gerade in den Jahren nach 1530 zunehmend schwieriger, weil der Boom in Mansfeld auf die Weltmarktpreise drückte. Die Folge waren außerordentlich hohe Lagerbestände der Fugger, oft über Jahre hinaus. Allein die Antwerpener Fuggerfaktorei wies in ihrer Abrechnung per 31. 8.1540 ca. 32 000 Zentner Kupfer als Lagerbestand aus17. Daß es sich dabei keineswegs um eine momentane Absatzstockung handelte, beweisen die zähen Verhandlungen zwischen Anton Fugger und seinem schärfsten Konkurrenten und Nachfolger in Oberungarn, Matthäus I. Manlich, die 1548 zu einem Preisund Gebietskartell führten18. Wie sehr sich die Interessen dieser beiden Verhandlungspartner (auch in anderen Bereichen) widersprachen, zeigt die weitere Entwicklung der oberungarischen Produktion deutlich. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger bemühte sich der weniger kapitalstarke Manlich um eine Erhöhung der Produktion und damit um eine schnelle Vergrößerung seines Marktanteils. Man darf ihm sogar mit ziemlicher Sicherheit Monopolisierungspläne für den Kupfermarkt unterstellen, wenn man sein gleichzeitiges erfolgreiches Engagement im Tiroler Bergbau19 und sein allerdings im Endeffekt am Widerstand Nürnberger Interessenten gescheitertes Eindringen in den Mansfelder Bereich im zeitlichen Zusammenhang sieht20. Auch die Nachfolger von Matthäus Manlich in Oberungarn, die Augsburger Gesellschaften Haug-Langnauer-Link (1560 -1563) und ab 1563 Melchior I. Manlich & Abraham Katzbeck, setzten diese Geschäftspolitik fort21. 17 Stadtarchiv (StA.) Augsburg: Handelsbücher und Handelsakten No. 28, fol. 23 - 24. 18 Jakob Strieder: Studien zur Geschichte kapitalistischer Organisationsformen. 2. Aufl. München, Leipzig 1925. S. 489 - 502. — Götz v. Pölnitz: Anton Fugger. Bd. 2/II. Tübingen 1967. S. 565 - 569. 19 1552/54 übernahm Matthäus I. Manlich fast die gesamten Bergwerksanteile der bekannten Tiroler Gewerkenfamilie Täntzl. Sein Vetter Christoph Manlich erwarb gleichzeitig zusammen mit Hans Dreiling die beträchtlichen Bergbaubeteiligungen der Familie Stöckl (Egg: a.a.O., S. 24-25). — Etwas ungenau auch Senger: a.a.O., S. 256 - 257. 20 Allein für das Mansfelder Projekt hatte er an seine dortigen Vorgänger 300 000 Gulden (fl.) als Ablösungssumme zu zahlen. Ferner mußte er Betriebsmittel für die vorderortischen 3/5 in Höhe von 10 - 12 000 fl. p. a. vorstrecken. Dafür sollte er knapp 50°/o der gesamten Mansfelder Produktion 30 Jahre lang zu festen Preisen geliefert bekommen. Daß dieses spekulative Vorhaben nur knapp drei Jahre lang verwirklicht wurde, ist primär dem geheimen Zusammenspiel der gräflichen Räte Martin Obenrot und Wolf Rot mit den Nürnberger Kaufleuten Franz Straub und Martin Pfinzing zuzuschreiben (vgl. StA. Augsburg: Handelsbücher und Handelsakten No. 17-19 und No. 28, fol. 23-28. — Möllenberg: Urkundenbuch: a.a.O., S. 422 -434, S. 457-459, S. 515 f., S. 534-536. — Christel Warnemünde: Augsburger Handel in den letzten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts und dem beginnenden 17. Jahrhundert. Freiburger Diss. 1956. S. 118 - 126, S. 130 - 133). 21 Joseph Härtung (Aus dem Geheimbuche eines deutschen Handelshauses im 16. Jahrhundert. Zeitschr. f. Socialu. Wirtschaftsgesch., Bd. 6 (1898), S. 39 u. S. 63) zeigt das Eindringen der Haug & Co. 1553 - 1555 in Tirol und 1560 -1562 in OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:48:17
8 Reinhard Hildebrandt Eine grundsätzliche Änderung in dieser Hinsicht erfolgte erst in den 70er Jahren im Zusammenhang mit der allgemeinen Krise auf dem Geldund Kapitalmarkt. Während viele Augsburger Gesellschaften in diesen Jahren ihre Zahlungen einstellen mußten22, die spanische Krone zum zweiten Male Bankrott machte und dennoch für den Krieg in den Niederlanden den Geldmarkt gleichzeitig stark beanspruchte23, versuchte die Augsburger Gesellschaft Wolf I. Paler & Leonhard Weiß sei. Erben, die oberungarische Kupferproduktion mehr schlecht als recht in Gang zu halten. Da die landesherrliche Verwaltung die notwendigen Betriebsmittel nicht aufzubringen vermochte, verpflichtete sich diese Firma zu monatlichen Verlagszahlungen, deren jährliche Höhe etwa doppelt so hoch war wie das Gesamtvermögen Wolf Palers24. Gleichzeitig war er aber auch Hauptabnehmer des landesherrlichen Kupfers in Tirol25, wobei die diesbezüglichen Lieferungen sehr wahrscheinlich nur gegen erhebliche Vorschußzahlungen erfolgten. Wenn dazu noch umfangreiche Darlehen an Maximilian II. kamen26, mußte die sowieso für derartig weitreichende Unternehmungen viel zu knappe Kapitalbasis der Paler & Weiß versagen, zumal der offenbar vorher reichlich beschrittene Weg der Fremdfinanzierung angesichts der Krise auf dem Geldund Kapitalmarkt verschlossen war. Oberungarn deutlich. Melchior I. Manlich, bis 1563 selbst Teilhaber dieser Firma, übernahm dann bis 1569 zusammen mit seinem Neffen Abraham Katzbeck den ungarischen „Kupferkauf", wandte sich dann aber verstärkt dem Levantehandel zu, bis er 1574 fallierte (Joseph Hagl: Die Entwicklung des Augsbureer Großkapitals von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis zum Beginn des Dreißigjährigen Krieges 1540 - 1618. Münchener Diss. 1924. S. 83 - 92 u. S. 146 - 152. — Friedrich Haßler: Der Ausgang der Augsburger Handelsgesellschaft David Haug, Hans Langnauer und Mitverwandte 1574 - 1606. Augsburg 1928. — Warnemünde: a.a.O., S. 71 - 88 und S. 118-133). 22 Jakob Strieder (Der Zusammenbruch des süddeutschen und mitteleuropäischen Frühkapitalismus. In: Strieder: Das reiche Augsburg, a.a.O., S. 46) zählt in Augsburg für die Zeit von 1556 bis 1584 insgesamt 70 Fallimente. 23 Vgl. die arge Bedrängnis der Fugger in dieser Zeit, die einerseits um ihre spanischen Forderungen bangten, andererseits mit hohen Wechselkrediten der spanischen Krone helfen mußten (Konrad Häbler: Geschichte der Fuggerschen Handlung in Spanien. Weimar 1897. S. 163 ff. — Ders.: Die Finanzdekrete Philipps II. und die Fugger. Deutsche Zeitschr. f. Geschichtswiss., Bd. 11 (1894), S. 276-300. — Ehrenberg: a.a.O., Bd. 2, S. 197-221). 2* Frhr. v. Rehlingen-Archiv München No. 241 (Nachlaß Wolf Palers). — Hagl: a.a.O., S. 111. 25 Joseph M. Metzler: Zur Geschichte der Kupferhütte Brixlegg. In: 500 Jahre Brixlegg 1463 - 1963. Innsbruck, Brixlegg 1963. S. 31. — Ludwig Scheuermann: Die Fugger als Montanindustrielle in Tirol und Kärnten. München, Leipzig 1929. S. 181 u. S. 203. 26 So war z. B. Wolf Paler 1566 zusammen mit den Augsburger Meuting an einem Darlehen in Höhe von 60 000 fl. beteiligt, das 1574 nodi nicht getilgt war (Otto Thorsch: Materialien zu einer Geschichte der österreichischen Staatsschulden vor dem 18. Jahrhundert. Greifswald 1891. S. 49). Wolf Paler hatte persönlich aus verschiedenen Darlehensgeschäften 1569 von Maximilian II. fast 280 000 fl. zu fordern (Probszt: a.a.O., S. 310-311). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:48:17
Augsburger und Nürnberger Kupferhandel 1500 - 1619 15 ten, sondern sich von der Wirtschaftsstruktur ihrer Stadt her vor allem auf den Baumwollimport zu konzentrieren hatten39. Gerade diese unterschiedliche Wirtschaftsstruktur brachte aber für Augsburg eine spürbare Orientierung nach Süden mit sich40. Diese Tendenz traf nun im 15. Jahrhundert mit dem wachsenden Geldbedarf der Habsburger Herrscher zusammen, deren wertvollste Geldquelle der gerade damals aufblühende Bergbau wurde. Die Nürnberger konzentrierten sich in der Anfangsphase darauf, die Erzeugung der einzelnen Produzenten, der Hüttenmeister in der Grafschaft Mansfeld, zu erwerben, zum Teil unter Kreditierung der notwendigen Betriebsmittel, um dann auf eigenen Saigerhütten die Endstufe des Produktionsprozesses vorzunehmen. Grundlage für das Eindringen der Nürnberger Kaufleute in den Kupferbergbau bildete also jeweils ein privatrechtlicher Lieferungskontrakt41. Die Augsburger gingen offenbar von Anfang an einen anderen Weg. Es ist sicher nicht zufällig, daß die ersten Nachrichten vom Eindringen Augsburger Kaufleute in den Tiroler Bergbau im Zusammenhang mit Anleihen an den Landesherrn stehen. 1456 gab die Gesellschaft Ludwig Meuting & Co. eine Anleihe in Höhe von 35 000 fl. an Herzog Sigismund von Tirol. Zur Tilgung wurden die Kaufleute auf die Tiroler Silberausbeute verwiesen. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Frage, auf welche Weise die Gesellschaft dieses Geschäft finanzierte. Das Privatvermögen aller Teilhaber dürfte damals etwa 57 000 fl. betragen haben. Veranschlagt man nun, daß davon 15% — was sicherlich eher zu niedrig als zu hoch geschätzt ist — aus Immobilienbesitz bestand, und berücksichtigt man weiter, daß die Meuting & Co. gleichzeitig noch umfangreiche andere Geschäfte betrieben und die genannte Anleihe in mehrjährigen Raten getilgt werden sollte, so darf angenommen werden, daß dieses Handelshaus schon damals mit Fremd39 StA. Augsburg, Stadtbeschreibung 1619: 56% der gewerblich Tätigen (ohne Dienstleistungsberufe) waren damals im Sektor Textilherstellung und -Verarbeitung einschließlich der abhängigen Hilfsberufe beschäftigt. Nur 5 °/o waren in der Metallverarbeitung tätig. — Für Nürnberg vgl. die materialreiche Studie von Ingomar Bog: Wachstumsprobleme der oberdeutschen Wirtschaft 1540-1618. In: Lütge (Hrsg.): Wirtschaftliche u. soziale Probleme, a.a.O., bes. S. 66-89. — Ekkehard Wiest: Die Entwicklung des Nürnberger Gewerbes zwischen 1648 und 1806. Stuttgart 1968. S. 16. 40 Zur Bedeutung des Baumwollimports vgl. Benedict Greiff (Hrsg.): Das Tagebuch des Lukas Rem. Augsburg 1861. S. 1-3. — Otto Reuther: Die Entwicklung der Augsburger Textilindustrie. Diessen, München 1915. S. 17. — Im Hanseraum spielten dagegen die Augsburger keine Rolle (vgl. Claus Nordmann: Oberdeutschland und die deutsche Hanse. Weimar 1939). 41 Derartige Lieferverträge beispielsweise bei Möllenberg: Urkundenbuch, a.a.O., S. 13 - 16 und S. 65 - 66. — Vgl. neuerdings auch Joachim Ahlborn: Die Familie Landauer. Vom Maler zum Montanherrn. Nürnberg 1969. Bes. S. 77 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:48:17
16 Reinhard Hildebrandt mittein (fesverzinslichen Depositen, kurzfristigen Wechselkrediten etc.) arbeitete42. Es kann nicht Aufgabe dieses Beitrags sein, Kurzbiographien der einzelnen Firmen aneinanderzureihen. Stattdessen sollen einige strukturelle Unterschiede zwischen den Handelsgesellschaften beider Städte näher untersucht werden. Dabei ist vor allem die finanzielle Überlegenheit der Augsburger Kaufleute augenfällig. Wie indes diese Firmen die oft erstaunlich hohen Summen aufbrachten, die sie dann für Darlehensgeschäfte und Bergbauinvestitionen nutzten, ist bisher kaum analysiert worden. Jakob Strieder43 und mehrere seiner Schüler haben zwar die oft rapide Vermögensentwicklung der führenden Augsburger Kaufleute dargestellt und sie aus der Reinvestition und Akkumulation von Gewinnen zu erklären versucht, aber diese These kann nicht völlig überzeugen. Zum einen haben auch die Augsburger Fernhändler mindestens einen Teil ihrer Gewinne nicht reinvestiert, sondern in Immobilienbesitz angelegt; zum anderen gibt es keine Anzeichen dafür, daß die Nürnberger Kaufleute weniger geschäftserfahren gewesen wären oder sich grundsätzlich mit bescheideneren Gewinnspannen begnügt hätten. Vor allem aber erklären Strieders Ergebnisse nicht die auffällige Diskrepanz zwischen dem Vermögen der Augsburger Kaufleute und dem Umfang ihrer Geschäfte. Die Vermutung liegt daher nahe, daß die Augsburger Gesellschaften ihre großen Geschäftsvorhaben in erheblichem Umfang durch Fremdmittel finanzierten, wobei der summenmäßige Gewinn trotz der Sollzinsen größer war als derjenige, den die Nürnberger Konkurrenten mit der bei ihnen vorherrschenden Eigenfinanzierung bei einem wesentlich kleineren Geschäftsumfang erzielten. Auf diese Weise könnte dann auch die von Härtung44 und Strieder dargestellte Vermögensakkumulation in Augsburg erklärt werden, doch gilt es zunächst, diese Hypothese am Beispiel einiger führender Augsburger und Nürnberger Kupferhandelsfirmen zu untersuchen. 42 Ehrenberg: a.a.O., Bd. 1, S. 187 f. — Jakob Strieder: Zur Genesis des modernen Kapitalismus. 2. Aufl. München, Leipzig 1935. S. 11 - 16, S. 94 -100, S. 181 ff., S. 220 ff. — Bei Wolfstrigl-Wolfskron (a.a.O., S. 32) dürfte ein Druckfehler vorliegen, wenn er diese Anleihe mit dem Jahr 1465 datiert. Die sachlichen Zusammenhänge dieser „Erzkäufe" sind ihm offenbar recht unklar geblieben. 43 Vor allem in seinem Werk Jakob Strieder: Zur Genesis des modernen Kapitalismus. Forschungen zur Entstehung der großen bürgerlichen Kapitalvermögen am Ausgang des Mittelalters und zu Beginn der Neuzeit, zunächst in Augsburg. 2. Aufl. München, Leipzig 1935. 44 Joseph Härtung: Die Augsburger Vermögenssteuer und die Entwicklung der Besitzverhältnisse im 16. Jahrhundert. Schm. Jb. 19. Jg. (1895), S. 867 -883. — Ders.: Die direkten Steuern und die Vermögensentwicklung in Augsburg von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis zum 18. Jahrhundert. Schm. Jb., 22. Jg. (1898), S. 1255 -1297. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:48:17
Augsburger und Nürnberger Kupferhandel 1500 -1619 17 Für die Fugger liegt ein umfangreiches Schrifttum vor45. Allerdings fehlt den meisten Veröffentlichungen eine nüchterne wirtschaftliche Analyse, die sich nicht durch noch so imposante Buchgewinne blenden läßt. Wenn 1510 die Rückzahlung der Depositen des Kardinals Melchior v. Brixen dem Jakob Fugger so erhebliche Schwierigkeiten bereitete, so wirft dieser Umstand ein bezeichnendes Schlaglicht sowohl auf die Bedeutung solcher Fremdmittel für die Gesellschaft als auch auf deren Kapitalstruktur46. Die oft genug zitierten erstaunlichen Gewinne der ersten Jahrzehnte dürften mindestens teilweise daraus zu erklären sein, daß in dieser Periode praktisch keine Abschreibungen in nennenswertem Umfang erfolgten47. Das geschah eigentlich erst seit 1546 und dann in wachsendem Maße. Da aber durch den von Anfang an gegebenen engen Kontakt zwischen dem Hause Habsburg und den Augsburger Firmen ein großer Teil der Aktiva dieser Gesellschaften eben aus Forderungen an Kaiser und Könige bestand, wären frühzeitigere Wertberichtigungen bzw. Abschreibungen realistischer gewesen48. Wenn man mit Abschreibungen wartete, bis die Hauptschuldner der Firmen in Mißkredit gerieten, konnte leicht jene Kette von Zahlungseinstellungen seit 1557 die Folge sein, die bezeichnenderweise in Nürnberg keine Parallele findet. Ein teilweise noch wesentlich höherer Anteil der Fremdfinanzierung läßt sich auch bei anderen Augsburger Firmen beobachten. Bei der Haug-Langnauer-Link-Gesellschaft, die gerade im Kupfergeschäft jahrzehntelang eine führende Rolle spielte und in den Jahren 1560 -1562 sogar über 30 Vo der hier erfaßten Gesamtproduktion in den Händen hatte, nahm das „fremde Kapital ... von der Begründung des Hauses an in erheblichem Umfang an seinen Unternehmungen teil". Die Firmenleitung verringerte sogar bei günstiger Lage auf dem Geldund Kapitalmarkt das gewinnberechtigte Stammkapital, um auf diese Weise auf das Restkapital besonders hohe Gewinne ausschütten zu können49. « Vor allem Götz v. Pölnitz (Jakob Fugger. 2 Bde. Tübingen 1949/1951. — Anton Fugger. Bd. 1, Bd. 2/1 u. II. Tübingen 1958/1963/1967) hat in jahrzehntelanger Arbeit nicht nur ein umfassendes Quellenmaterial erschlossen, sondern auch fast die gesamte Fugger-Literatur in den Anmerkungen ausgewertet, so daß in dieser Hinsicht auf diese beiden Werke verwiesen werden kann. 46 Wichtig in diesem Zusammenhang ist vor allem der Hinweis, daß diese Darlehen wesentlich das Eindringen der Fugger in den oberungarischen Bergbau erst ermöglichten (Götz v. Pölnitz: Jakob Fugger und der Streit um den Nachlaß des Kardinals Melchior v. Brixen. Quellen u. Forschungen aus italienischen Archiven, Bd. 30 (1940), S. 223-294). 47 Vgl. Jakob Strieder: Die Inventur der Firma Fugger aus dem Jahre 1527. Tübingen 1905. — Götz v. Pölnitz: Die Fuggersche Generalrechnung von 1563. Kyklos, Bd. 20 (1967), S. 355-370. 48 Zu dieser Problematik Reinhard Hildebrandt: Die „Georg Fuggerischen Erben" — Kaufmännische Tätigkeit und sozialer Status 1555 - 1600. Berlin 1966. S. 51 - 57. 49 Härtung: a.a.O., S. 70 - 77. 2 Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften 92,1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:48:17
18 Reinhard Hildebrandt Neben der jeweiligen Situation auf dem Geldund Kapitalmarkt beeinflußte selbstverständlich auch der Umfang der anstehenden Geschäftsvorhaben das Verhältnis zwischen Eigenund Fremdmitteln. „Der Bedarf an fremdem Kapital stieg und sank im allgemeinen, je nachdem die Gesellschaft Finanzund Bergwerksunternehmungen in weiterem oder engerem Umfange betrieb50." Gerade in den 50er Jahren, in denen sich die Firma besonders stark am Kupfergeschäft beteiligte, machte das gewinnberechtigte Stammkapital durchschnittlich knapp 22% der gesamten Betriebsmittel aus. Gleichzeitig wurde ein Nettogewinn von durchschnittlich 18% p.a. erzielt51. Die Heranziehung so bedeutender Fremdmittel bot also durchaus die Möglichkeit einer schnellen Vermögensakkumulation, da mindestens bei dieser Firma die Reinvestition der Gewinne nicht die Regel, sondern eher die Ausnahme gewesen zu sein scheint52. Gleichzeitig brachte eine Fremdfinanzierung in einem derartigen Ausmaß aber auch erhebliche Risiken mit sich, so vor allem eine starke Abhängigkeit von der wechselhaften Lage auf dem Geldund Kapitalmarkt, die von der einzelnen Firma nur in geringem Umfang beeinflußt werden konnte. Auch die Brüder Hans Paul Herwart und Hans Heinrich Herwart, die ebenfalls für längere Zeit am Kupferhandel teilnahmen, dürften in erheblichem Umfang mit Fremdmitteln gearbeitet haben. Sie versteuerten 1548 zusammen ein Vermögen, das zwischen 96 000 und 48 000 fl. lag. Dennoch konnten sie Ferdinand I. 1547 ein Darlehen von 100 000 fl. zu 8% gewähren, gleichzeitig die Übernahme der Quecksilberproduktion von Idria für die Jahre 1548 -1555 im Gesamtwert von 140 000 fl. zusichern, Hans Paul Herwart für sich allein noch mit einer Unterbeteiligung bei Matthäus I. Manlich 1548 am oberungarischen „Kupferkauf" partizipieren und 1547 die etwa 10% der Produktion am Tiroler Falkenstein umfassenden Bergwerksanteile seines Vetters Christoph Herwart und dessen Partner Hans Pimmel übernehmen. Bezeichnenderweise mußte er diese Anteile in der Kreditkrise von 1557 verkaufen. Sie bildeten den Grundstein für den landesherrlichen Bergund Schmelzwerkshandel („Faktorhandel") in Tirol53. 50 Härtung: a.a.O., S. 79. 51 Härtung: a.a.O., S. 67 (Tab. V) und S. 76 (Tab. VI): Langfristig erzielte die Gesellschaft in den Jahren 1531 - 1533/1541 - 1561 einen Nettogewinn von knapp 18% p.a. auf das jeweils voll gewinnberechtigte Stammkapital. 52 Härtung: a.a.O., S. 55 f.: Teilweise nahmen die Teilhaber sogar Antizipationen auf die zu erwartenden Gewinne vor, da eine „Generalrechnung" meistens nur alle zwei Jahre erfolgte. 53 Hagl: a.a.O., S. 59 - 62 und S. 149. — Thorsch: a.a.O., S. 28 und S. 59. — Egg: a.a.O., S. 24 - 25. — Ernst Geis: Die Entwicklung der kapitalistischen Organisationsformen im deutschen Erzbergbau im Ausgang des Mittelalters und zu Beginn der Neuzeit. München 1925. S. 30. — Scheuermann: a.a.O., S. 133. — Strieder: Kapitalistische Organisationsformen, a.a.O., S. 317 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:48:17
Augsburger und Nürnberger Kupferhandel 1500 -1619 19 Und ein letztes Beispiel mag — weil es für den Kupferhandel wichtig ist — noch folgen: Wolf I. Paler und sein gleichnamiger Sohn. Über die Geschäftstätigkeit dieser beiden Kaufleute sind bisher nur Bruchstücke bekannt geworden54. Und doch gehörten sie in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und zu Beginn des 17. Jahrhunderts zu den bedeutendsten Kupferhändlern der damaligen Zeit. 1569 übernahm Wolf I. Paler zusammen mit den Erben des Augsburger Kaufmanns Leonhard Weiß (f 1547) den Neusohler „Kupferkauf", wobei 120 000 fl. p.a. als Betriebsmittel vorzuschießen waren. Gleichzeitig hatte er persönlich vom Kaiser aus früheren Darlehensgeschäften fast 280 000 fl. zu fordern. Gemeinsam mit den Erben von Leonhard Weiß standen weitere 167 543 fl. bei Maximilian II. offen55. Berücksichtigt man ferner, daß etwa 18 Monate vergingen, ehe der erste Zentner Kupfer zu Geld gemacht werden konnte, so erhöht sich der Betriebsmittelvorschuß um weitere 60 000 fl. Insgesamt hatten die Geschäftspartner also finanziell Leistungen in Höhe von 627 543 fl. erbracht, ehe sie auf die ersten Erlöse aus dem Kupferverkauf hoffen konnten56. Dieser Summe stand ein rechnerisches Maximalvermögen aller Teilhaber von rund 390 000 fl. gegenüber, das in Wirklichkeit aber kaum halb so groß gewesen sein dürfte57. Unter diesen Umständen ist es nicht verwunderlich, daß die Gesellschaft Paler & Weiß in den krisenreichen 70er Jahren des 16. Jahrhunderts die notwendigen Betriebsmittelvorschüsse nur sehr unregelmäßig leisten konnte und dadurch der oberungarische Bergbau zeitweilig fast zum Erliegen kam58. 54 1549 gewährte er zusammen mit Konrad Herbst an Ferdinand I. ein Darlehen von 48 000 fl. (Geis: a.a.O., S. 30. — Hagl: a.a.O., S. 112). Ob die aus den folgenden Jahren überlieferten Forderungen als Zwischenabrechnungen über dieses Darlehen anzusehen sind, muß offen bleiben (vgl. Thorsch: a.a.O., S. 41 f., S. 44 und S. 49, auf den sich Hagl: a.a.O., S. 112, stützt). — 1561 nahm Wolf Paler bei den Erben von Georg Hörmann 2 200 fl. zu 7 %> auf (StA. Augsburg: Hörmann-Arch. XVI/3 fol. 20). 55 Probszt: a.a.O., S. 308 - 309. — Vlachovic: a.a.O., S. 117. 56 Nicht selten erfolgten Kupferverkäufe auf dem Weltmarkt mit sechsmonatigen Zahlungsfristen. Hinzu kamen noch die Witterungseinflüsse, die einen Versand der Produktion nur zu bestimmten Jahreszeiten erlaubten (vgl. Pölnitz: Anton Fugger, Bd. 2/II, a.a.O., S. 239, S. 300 und S. 313). 57 Wolf I. Paler steuerte 1568: 510 fl.; David Weiß 1570: 100 fl. und sein Bruder Leonhard Weiß d. J: 140 fl. Selbst wenn man annimmt, daß das Vermögen der Mutter der Gebr. Weiß, die 1568 noch selbständig steuerte (224 fl.) und 1569 starb, noch nicht verteilt war, sondern in der Firma, die ja eine Erbengemeinschaft war, angelegt war, so ergibt sich eine Gesamtsteuersumme von 974 fl. Nimmt man nun an, daß nur 10°/o vom Gesamtvermögen aller Teilhaber aus „liegender Habe" bestand (die mit 0,25% versteuert wurde gegenüber 0,5 °/o für Barvermögen), so ergibt sich für alle Teilhaber ein Immobilienbesitz von etwa 18 500 fl. und ein Barvermögen von rund 185 000 fl., sicherlich eine eher zu hohe als zu niedrige Schätzung (vgl. Hagl: a.a.O., S. 111 und 142). 58 Zur Krise auf dem damaligen Geldund Kapitalmarkt vgl. die in Anm. 20 genannte Literatur. Die Auswirkungen auf den oberungarischen Bergbau schildert ein2* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:48:17
20 Reinhard Hildebrandt Daß Wolf Paler in jener Zeit erhebliche Verluste hinnehmen mußte, ergibt sich aus der Entwicklung seiner Vermögenssteuer, die von 1568 bis 1575 um 41 % sank und dann bis zu seinem Tode (1582) konstant blieb59. Um unter den gegebenen Umständen derartige Verluste überhaupt überstehen zu können, war eine grundsätzliche Änderung der bisherigen Geschäftspolitik notwendig: Durch Unterbeteiligungen versuchte Wolf I. Paler, seine Kapitalschwäche auszugleichen, mußte dafür aber auch einen entsprechend geringeren Gewinnanteil in Kauf nehmen, wodurch es ihm wiederum nicht möglich war, die entstandenen Vermögensverluste auszugleichen60. Die gleichen Gründe führten dann später 1587 zur Beteiligung von Bartholomäus Castell am Neusohler „Kupferkauf"61. Gleichzeitig bemühte sich Wolf Paler um eine Risikoverteilung. Nachdem er für seine Beteiligung am ungarischen Kupferbergbau durch die erwähnten Unterbeteiligungen neue Kapitalquellen erschlossen hatte, gelang es ihm, mit einem Teil seines restlichen Privatvermögens spätestens seit 1581 „eine Art Monopol auf den Bezug des landesherrlichen Kupfers" in Tirol bis ins 17. Jahrhundert hinein zu erringen62. Diese aus einer Notlage geborene Geschäftspolitik behielt Wolf Palers gleichnamiger Sohn auch bei, als sich die Lage auf dem Geldund Kapitalmarkt wieder normalisiert hatte und die steigende Nachfrage nach Kupfer anregend auf die Produktion in Oberungarn wirkte. Erhebliche Preissteigerungen auf dem internationalen Kupfermarkt ermöglichten Wolf II. Paler und seinen Geschäftspartnern überdurchschnittlich hohe Gewinne, weil die in der Depression vereinbarten Verrechnungspreise ab Produktionsgebiet bis 1603 unverändert bliedringlich Vlachovic: a.a.O., S. 116 ff. — Vgl. auch Josef Kallbrunner: Hans Steinberger. VSWG., Bd. 27 (1934), bes. S. 17 ff. 59 Bei gleichbleibendem Hebesatz zahlte er 1568: 510 fl. Vermögenssteuer, 1575 aber nur noch 300 fl. (Hagl: a.a.O., S. III). Die letztere Summe entspricht auch seinem Nachlaß, der 1582 aus 18 000 fl. liegender und knapp 51 000 fl. fahrender Habe bestand (Rehlingen-Archiv No. 241). Verluste dürfte die Firma Paler & Weiß 1574 auch durch den Bankrott von Melchior Manlich erlitten haben, von dem die Firma in Lyon 27 892 fl. „umb kupffer" zu fordern hatte (StA Augsburg: Fallitenakten; StA. Konstanz Fase. 50/11/24). 60 Rehlingen-Archiv No. 241: Spätestens seit 1578 hatte er seinen Vetter Franz Wagner mit 33V3°/o und ab 1581 sogar mit 50 "Vo als Unterbeteiligten aufgenommen. Über die Wagner, die in Augsburg zunächst der Kaufleutestube angehörten, ist bisher kaum etwas bekannt (IHK Augsburg No. 53 fol. 44). 01 Vlachovic: a.a.O., S. 147. — Probszt: a.a.O., S. 318. 62 Scheuermann: a.a.O., S. 255 -259 und S. 310 f.; vorher waren die Gebr. Melchior und Matthäus Hainhofer (Augsburg) in diesem Bereich führend gewesen. Dieses Geschäft dürfte besonders lohnend gewesen sein, weil es sich um reine Lieferverträge handelte und die betreffenden Kaufleute daher mit der risikoreichen und investitionsintensiven Produktion unmittelbar nichts zu tun hatten (Scheuermann: a.a.O., S. 181 und S. 201 -203. — Metzler: a.a.O., S. 31). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:48:17
Augsburger und Nürnberger Kupferhandel 1500 -1619 21 ben63. Trotz dieser günstigen Entwicklung blieb Wolf II. Paler dabei, seine Unternehmungen zum großen Teil durch kurzund mittelfristige Kredite zu finanzieren. Die dabei erzielten Gewinne entzog er größtenteils der Gesellschaft und legte das Geld vor allem in Grundbesitz an. Tabelle 3 Darlehensaufnahmen von Wolf II. Paler 1600 -1608*) (in fl.) Jahr Ges. Summe 4 % 5 °/o Zinssatz 6 °/o 7 %> 8 °/o 1600 21 400 17 100 300 4 000 1601 37 832 13 732 3 000 8 000 13 500 1602 19 600 5100 1000 2 500 11000 1603 36 930 28 330 4 000 4 600 1604 29 449 14 000 11849 3 600 1605 54 469 46 469 8 000 1606 5 000 5 000 1607 14 000 14 000 1608 31 900 10 000 8 300 3 600 10 000 Sa. 250 580 10 000 152 031 31 749 28100 28 700 a) Zusammengestellt aus Rehlingen-Archiv No. 323 und No. 352. Ob die Überlieferung vollständig ist, muß offen bleiben. Alle Darlehen wurden in Augsburg bzw. bei Augsburger Kaufleuten aufgenommen. Wie Tab. 3 zeigt, nahm Wolf II. Paler in acht Jahren rund 250 000 fl. als Darlehen auf, deren Kündigungsfrist formal überwiegend sechs Monate betrug, die aber zu über 80% als mittelfristige Kredite anzusehen sind, da sie immer wieder prolongiert wurden und ihre Rückzahlung tatsächlich erst nach fünf bis zehn Jahren erfolgte, wie die Tilgungsvermerke auf der Rückseite der Schuldtitel zeigen. Aber auch kurzfristige Wechselkredite nahm der junge Wolf Paler in ausgedehntem Maße in Anspruch, wenn es die Situation auf dem Geldund Kapitalmarkt erforderte, wie beispielsweise in den Jahren 1609 -161164. «3 Vlachovic: a.a.O., S. 159 f. — Probszt: a.a.O., S. 322 f. — Kallbrunner: a.a.O., S. 20 - 22. 64 Schon im Sommer 1607 klagte Wolf Paler wiederholt, daß mittelfristige Kredite knapp und überdurchschnittlich teuer seien (Rehlingen-Archiv No. 342: Briefe an Marx Konrad v.Rehlingen 15. 6./23. 6./11. 7./20. 7.1607). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:48:17
22 Reinhard Hildebrandt Tabelle 4 Wechsclkredite von Wolf II. Paler 1609 - 1611a) Jahr Summe (fl.) Remittent Zahl der Wechsel 1609 10 000 Elias Bair d. Ä. 1 1610 3 000 Martin Barneth d. Ä. 1 17 500 H. Österreicher sei. Erben 7 7 000 Elias Bair d. Ä. 1 1611 27 500 H. Österreicher sei. Erben 11 10 083 Elias Bair d. Ä. 3 1000 Hieronymus Harter 1 76 083 25 a) Rehlingen-Archiv No. 342: Fraglich ist auch hier die Vollständigkeit der Überlieferung. In allen Fällen war Lazarus Henckel der Wechselaussteller und Wolf Paler der Bezogene. Die Wechsel waren meistens zwei bis sechs Monate nach Sicht fällig und wurden nicht prolongiert. Indossierungsvermerke fehlen. Die sachliche Grundlage dieser Wechselgeschäfte bestand darin, daß Wolf Paler in dieser Zeit Schwierigkeiten hatte, die benötigten Gelder als mittelfristige Kredite zu günstigem Zinsfuß aufzubringen. Da er aber den Vertrieb der oberungarischen Produktion besorgte, gingen bei ihm auch die dabei erzielten Erlöse ein, allerdings in unregelmäßigen Abständen. Die für die Bergwerke bestimmten Betriebsmittelvorschüsse waren aber in festen monatlichen Raten zu entrichten. Um die auf diese Weise auftretende zeitlich begrenzte Finanzierungslücke zu überbrücken, nahm Lazarus Henckel v. Donnersmarck65, seit 1603 anstelle der Familie Weiß Partner von Wolf Paler im Neusohler „Kupferkauf", in Wien Wechselkredite auf, um für Wolf Paler im Rahmen des Kupferhandels die vereinbarten Zahlungen pünktlich leisten zu können. Durch die Einlösung der Wechsel erstattete Wolf Paler dann die für ihn verauslagten Beträge. Hinsichtlich der Wechselremittenten ist die rege Beteiligung der Augsburger Firma „Hans Oesterreicher sei. Erben" bemerkenswert, weil diese Gesellschaft in erheblichem Umfang den Viehimport aus Osteuropa nach Augsburg finanzierte und auch Wolf Paler sich da65 Zu diesem bedeutenden Kaufmann und Bankier vgl. Josef Kallbrunner: Lazarus Henckel v. Donnersmarck. VSWG, Bd. 24 (1931), S. 142 -156. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:48:17
Augsburger und Nürnberger Kupferhandel 1500 -1619 23 mals am Viehhandel offenbar beteiligte66. Der andere wichtige Wechselpartner, Elias Bair d. Ä., lebte als kaiserlicher und königlicher „Diener" und Ratsherr zu Wien, erwarb 1614 das Augsburger Bürgerrecht, nachdem er dort schon seit einem Jahrzehnt die „gedingte Steuer" entrichtet und sein gleichnamiger Sohn eine Augsburgerin geheiratet hatte67. Zusammenfassend läßt sich sagen, daß Wolf II. Paler die Geschäftspolitik aus den letzten Lebensjahren seines Vaters konsequent fortsetzte. Ihre Merkmale waren Risikoverteilung und eine hohe und kontinuierliche Fremdfinanzierung68. Während aber der Vater diese Geschäftspolitik in einer Krisensituation einschlug, um geschäftlich zu überleben, benutzte sein Sohn die Fremdfinanzierung zu einer Änderung seiner Vermögenszusammensetzung und zur Vermögenssicherung. Die erwähnten überdurchschnittlich hohen Gewinne aus dem Kupferhandel, besonders im letzten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts, ließen trotz der durch die Fremdmittel verursachten Zinsbelastungen noch eine beträchtliche Vermögensakkumulation zu, wobei Wolf II. Paler seine Gewinne nicht reinvestierte, sondern überwiegend in Immobilienbesitz anlegte. Die Erbschaft seines Vaters bestand zu 26% aus „liegender" und zu 74% aus „fahrender Habe"69. 1597 lautete die Vermögenszusammensetzung seines Sohnes bereits 45,3 % Immobilien und 54,7% mobiler Besitz70. 1604 hatte sich dieses Verhältnis bereits umgekehrt, und die „liegende Habe" belief sich mit 90 000 fl. auf 56% des Vermögens, während der Anteil des mobilen Besitzes mit 71000 fl. auf 44% zurückgegangen war71. 66 Robert Poppe: Die Augsburger Handelsgesellschaft Oesterreicher (1590-1618). Augsburg 1928. S. 59 - 61. — Die mindestens vorübergehende Teilnahme Wolf Palers am Viehhandel ergibt sich aus seiner Weisung v. 9. 9. 1609 (Rehlingen-Archiv No. 342) an seinen Schwiegersohn Marx Konrad v. Rehlingen, den „Ochseneinkauf" fortzusetzen. 67 Elias Bair d. Ä., eventuell aus Oberdeutschland gebürtig, war mit Lazarus Henckel v. Donnersmarck verwandt und erwarb am 2.12. 1614 das Augsburger Bürgerrecht. (Rehlingen-Archiv No. 402/24.12.1608). 1604-1611 zahlte er jeweils 20 fl. „gedingte Steuer", 1618 als Bürger aber 60 fl. Vermögenssteuer, was einem Vermögen zwischen 12 000 - 24 000 fl. entsprach (StA. Augsburg: Bürgerbuch Bd. 2, fol. 27; Steuerbücher 1604 fol. 99 d; 1611 fol. 102 a; 1618 fol. 100 a). Sein Sohn heiratete 1602 Rosina Kreuzer (Albert Haemmerle: Die Hochzeitsbücher der Augsburger Bürgerstube und Kaufleutestube bis zum Ende der Reichsfreiheit. München 1936. S. 135). 68 Wolf II. Paler behielt sowohl die Tiroler Kupferkäufe als auch seine Beteiligung am sächsischen Zinnbergbau bis ins 17. Jahrhundert bei (vgl. Anm. 28 und 62). Rehlingen-Archiv No. 241. 70 Während Wolf Paler d. Ä. 1582 nur 300 fl. steuerte, bezahlte sein Sohn 1590 bereits 398 fl.; 1597 unter steuerfreiem Abzug von 22 800 fl. fraglicher Forderungen sogar 452 fl. und 1604 einschließlich einer Erbschaft 580 fl. (StA. Augsburg, Steuerbuch 1597 fol. 90 c. — Hagl: a.a.O., S. 111 und S. 114.) 71 StA. Augsburg, Steuerbuch 1604 fol. 89 a. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:48:17
24 Reinhard Hildebrandt Aus den genannten Beispielen läßt sich daher der Schluß ziehen, daß die Augsburger Kaufleute während des ganzen Zeitraumes die Möglichkeiten des damals entstehenden Geldund Kapitalmarktes extensiv nutzten, und zwar aus unterschiedlichen Motiven. Gerade deshalb kann der hohe Anteil der Fremdfinanzierung wohl als ein Strukturmerkmal der führenden Augsburger Gesellschaften bezeichnet werden. Zugleich ergibt sich daraus auch eine Erklärung für die schon von Zeitgenossen bewundernd und neidvoll festgestellte, aber kaum sachlich zutreffend interpretierte Finanzkraft dieser Firmen. Was läßt sich nun in diesem Zusammenhang über die führenden Nürnberger Kupferhändler sagen? Hier tritt das ein, was eingangs bereits hinsichtlich der unterschiedlichen Quellenlage angedeutet wurde: Es ist kaum möglich, die Vermögen oder das Kapital der Nürnberger Kaufleute in dieser Zeit summenmäßig einigermaßen exakt zu erfassen. Außerdem wird jede Betrachtung der Nürnberger Situation noch dadurch erschwert, daß es dort im Gegensatz zu Augsburg ein bedeutendes Platzgeschäft gab, wodurch sich der Kreis der Nürnberger Kupferhändler wesentlich erweiterte, ohne daß eine adäquate Quellenbasis zur Verfügung stände und eine klare Abgrenzung gegenüber den am Platzgeschäft zahlreich beteiligten Zwischenhändlern immer möglich wäre72. Die Beschränkung auf einige besonders bedeutende Nürnberger Kupferhändler erscheint daher notwendig. Den geographischen Schwerpunkt ihrer Tätigkeit bildete zweifelsohne die Grafschaft Mansfeld. In den ersten drei Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts dominierten die Nürnberger Kaufleute dort eindeutig. Fünf der sechs Saigerhüttenund Handelsgesellschaften standen unter ihrer Vorherrschaft. Nur die Luderstädter Gesellschaft scheint damals durch Leipziger Kapital finanziert worden zu sein. Betrachtet man die dabei von Nürnberger Seite aufgebrachten und investierten Beträge, so darf für diese erste Periode generell gesagt werden: Die Summen waren nicht so hoch, daß sie das Vermögen der Beteiligten überschritten hätten. Matthäus Landauer hinterließ 1515 mindestens eine Nettoerbschaft von 31 514 fl.; davon hatte er nur etwas mehr als die Hälfte im Bergbau angelegt, den Rest aber zum großen Teil in Hausund Grundbesitz oder zinsbringenden „Ewiggeldern"73. Ähnliches dürfte auch für die Brüder Sigmund und Christoph Fürer gelten, die 1502 mit zusammen 7 000 fl. die größten Teilhaber der Arnstädter Gesellschaft waren, ohne daß diese Summe jedoch das Maximum ihres Vermögens dargestellt haben dürfte, selbst wenn man berücksichtigt, daß Sigmund Fürer für sich allein noch an 72 Eine Liste von Kunden der großen Nürnberger Kupferhändler bei Möllenberg: Urkundenbuch, a.a.O., S. 445 - 446. 73 Ahlhorn: a.a.O., S. 93 f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:48:17
Augsburger und Nürnberger Kupferhandel 1500 -1610 31 vieler Kaufleute, die dann als Augsburger Bürger aufstiegen und untergingen, die große Anziehungskraft der Stadt in jener Zeit. Das Schicksal vieler dieser Zuwanderer beweist, daß es gerade die Tatkräftigsten und Wagemutigsten waren, die besonders aus Gebieten, deren Wirtschaft stagnierte, nach Augsburg kamen und sich in der neuen Umgebung emporarbeiten mußten. Berücksichtigt man ferner noch, daß diese Personengruppe die Wirtschaftsund Sozialstruktur der Stadt wesentlich mitprägte, so wird die insgesamt hohe Risikobereitschaft der Augsburger Kaufmannschaft verständlich. Die konkrete Bedeutung dieses Zustroms an „human capital" für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt läßt sich vorerst kaum einigermaßen exakt beurteilen, kann aber wohl kaum hoch genug bewertet werden. Summary Copper Trade in Augsburg and Nürnberg 1500 -1619 The paper deals with the European copper market in the 16th and 17th century. The author starts with a presentation of production data on a 10 years average for the three main mining centers Austria, Hungary, and Thuringia. The superiority of the merchants in Augsburg was mainly based on advanced financing methods including the extensive use of short-term outside capital for long-term investments. This hazardous business policy called for large turnover rates and offered a good chance for a quick formation of private wealth, but often led to bankruptcy. The result was a permanent and comparatively high rate of social mobility in the city of Augsburg. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:48:17