Industriegesellschaft und Mutterschaft
Abstract
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Full text
Görner-Schönbauer, Gina Article Industriegesellschaft und Mutterschaft Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Görner-Schönbauer, Gina (1958) : Industriegesellschaft und Mutterschaft, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 78, Iss. 6, pp. 85-92, https://doi.org/10.3790/schm.78.6.85 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/290914 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
725] 85 Industriegesellschaft und Mutterschaft Von Gina Görner-Schönbauer - Kehl a. Rh. Kürzlich hat an dieser Stelle Ferdinand Oeter mit der Veröffentlichung seiner Untersuchungen zum Thema „Familie und Industriegesellschaft" begonnen1. In seinen einweisenden Betrachtungen meinte er mit Recht, daß in Anbetracht der gegebenen Umstände die (deutsche) Familienpolitik eine zielstrebige Konzentration nötig hat. Anders ausgedrückt: wir müssen aus den objektiven Tatbeständen der Industriegesellschaft die Konsequenz ziehen und erkennen, daß die Familie alten Stils nicht mehr erlebt wird2. In der Industriegesellschaft spitzt sich das Gegenseitigkeitsverhältnis zwischen Familie und Gesellschaft immer eindeutiger auf ökonomische Tatbestände zu. „Die Wirtschaft als Teil der sozialen Ordnung erzeugt Konsumgüter und benötigt Arbeitskraft. Die Familie erzeugt menschliche Arbeitskraft und benötigt Konsumgüter3." Kindersegen war für unsere Vorfahren die selbstverständliche Sinnerfüllung ihres Daseins und des Lebens der Familie. Das galt für unser Volk noch bis zur Jahrhundertwende. Es galt damals aber schon nicht mehr für die Franzosen, die bald nach 1830 zum Einoder Zwei-Kindersystem übergegangen waren. Mit den Fortschritten der Maschinentechnik änderte sich synchron die Wirtschaftsverfassung ebenso wie die Betriebsorganisation. Viele Arbeitsgänge (Spinnen, Weben usw.) waren aus Familienwerkstätten in Fabriken verlegt worden. Dieser Trend zur technischen Konzentration war begleitet von einer wirtschaftlichen und gab Anlaß zu fortschreitender Arbeitszerlegung und Spezialisierung. Ein wachsender Teil der Verbrauchsgüter wird nicht mehr im Familienhaushalt, sondern in „Produktionsbetrieben" konsumreif gemacht. Damit hat die allgemeine Entwicklung fortschreitend den Familienhaushalt und die häuslichen Arbeiten auf weniger und weniger Verrichtungen eingeschränkt. 1 Vgl. Schmollers Jahrbudi, Heft 5/Jg. 1957. 2 Ebenda, Seite 32. 3 Vgl. Martin Donath, Familie und Sozialreform — Schriften für sozialen Fortschritt Band 4, Berlin 1955, Seite 20. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.6.85 | Generated on 2023-04-04 11:25:35
86 Gina Görner-Schönbauer [726 Im Zug der Maschinisierung wurde und wird daher nicht nur die Landarbeiterschaft, sondern auch die „Hausarbeiterschaft" durch rationalisierte Fabrikarbeit ersetzt. Damit tritt aber begreiflicherweise nicht nur eine Änderung des sozialen Gefüges, sondern auch des sozialen Lebensgefühls ein. Die Kinder sind dann nicht mehr Lebensinhalt, sondern Beiwerk oder sogar „Luxus"4. Nur in der Landwirtschaft — und auch dort nur teilweise — sind sie noch als produktives Element des Familienbetriebes wirksam und erwünscht. Professor Freudenberg (Freie Universität Berlin) stellte für die etwa 1900 geborenen Frauen fest, daß von ihnen 28 vH kinderlos waren, daß 20 vH ein Kind, 21 vH zwei Kinder, 13 vH drei Kinder und 18 vH vier und mehr Kinder lebend geboren hatten. Auf die beiden letzten Gruppen (zusammen 31 vH) entfielen nach einem Bericht 68 vH aller lebend geborenen Kinder5. Unromantisch betrachtet ergibt sich daraus, daß dementsprechend rund ein Drittel der nachwachsenden Generation der (stark egozentrisch orientierten) Kleinfamilie entstammte. Das galt für die heute 20oder 30-jährigen. In der jetzt nachwachsenden Generation wird möglicherweise ein noch größerer Teil der Kinder in der Atmosphäre der Kleinfamilie aufwachsen. Die Volksmassenseele bleibt davon gewiß nicht unbeeinflußt, wenn ein egozentrisch gewachsener Menschentypus in so großer Zahl im Gemeinschaftsleben auftaucht. Und so sinken die Geburtenziffern aus ökonomischen, sozialhygienischen und massenpsychischen Gründen! Das ist eine Tatsache, die den Sozialhygieniker ebenso wie den Staatsmann mit Besorgnis erfüllen muß. Die Familie (alten Stils) ist für jeden sichtbar in einer Systemkrise oder, besser gesagt, in einem Umformungsprozeß begriffen. Ein erschreckendes Indizienmaterial liefert dazu vor allem auch die Gerichtssaalecke der Tageszeitungen. Da liest man von Vätern, die ihre Kinder zu Tode quälen; von Müttern, die bedenkenlos eigenes Fleisch töten, und von Eltern, die sich gemeinsam ihrer Kinder entledigen. Anderseits berichtet die Jugendpflege von der wachsenden Kindermasse, die ohne Elternhaus aufwächst, weil die Väter gefallen sind oder die Erzeuger auseinanderliefen oder weil Mann und Frau lieber ans Verdienen als an das „Nest" denken. Immer seltener werden auch die (selbst noch jungen) Großeltern, die Lust und Freude haben, das Haus zu hüten und die Enkel groß zu ziehen. Das sind Tatsachen, für die sich jeder von uns das Beweismaterial im Alltag besorgen kann. Wieviel Kinderelend, wieviel Halbstarke, 4 Sehr instruktiv ist dazu das Hörspiel „Wovon wir leben und woran wir sterben" (Sender Stuttgart, 10. November 1957). 5 Vgl. Oeter, Sdimollers Jahrbuch, Heft 5/1957, Seite 19. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.6.85 | Generated on 2023-04-04 11:25:35
727] Industriegesellscliaft und Mutterschaft 87 wieviele Unfälle und wieviele Abtreibungen gehen auf diese Konten im großen Buch des Lebens unserer Zeit? Daneben gibt es aber noch immer eine gar nicht so schmale Schicht von Zeugungsfreudigen. Auch in Mitteleuropa! Es sind Menschen, die noch echte Freude am Familienbetrieb haben; es sind die Kinderreichen, die ihre Urfreude am Nest erhalten haben. Die Gesellschaft würdigt sie kaum, sie bewegen sich meist — in den Augen ihrer Umgebung — am Rand der Asozialität, denn sie haben selten den Ehrgeiz des Industriemenschen und „zeugen mehr Kinder, als sie sich eigentlich leisten dürften". Die Industriegesellschaft hat noch nicht begriffen, daß es sich hier um eine soziale Funktion, d. h. einen Beruf handelt, der sich (unbewußt) anmeldet. Der Alltag und auch wieder vor allem der Gerichtssaal bringt immer wieder neues Anschauungsmaterial ans Licht, welches zeigt, wie sehr das Milieu der Kleinfamilie (mit und ohne geordneter Kinderstube) als Treibhaus der Halbstarken und der Jugendkriminalität in Erscheinung tritt. Das gilt für das „gehobene Milieu" genau so wie für „gutes Erbgut". Das sind Erfahrungen, die sich von Moskau bis London und von Hamburg bis Los Angeles belegen lassen. Von hier aus muß man das Problem zu durchdenken beginnen! Die Rohstoffverarbeitung und die Güterherstellung für den täglichen Konsum lösten sich schon zu Großmütterchens Zeiten immer mehr von der Hauswirtschaft ab. Der technische Fortschritt führte zunächst den Mann aus der Familie heraus. Mit den neuen Maschinen entstanden unzählige neue Berufe, das außerfamiliäre Leben bekam zunächst für den Mann die ausschlaggebende Bedeutung. Mit Nacheilung wirkte sich aber der Sog des technischen Fortschritts auch auf die (werktätige) Frau aus. Der Kapitalismus hatte die Tür zum Großbetrieb aufgerissen; neue Gewerbe entstanden, neue und alte Gewerbe lockten die Frau als „Hilfsarbeiterin" in die Textilfabriken, auf den Bau und in die Büros. Gleichzeitig verloren anderseits die Frauen schrittweise ihre innerfamiliären Arbeitsaufgaben. Das Arbeitsfeld der „mithelfenden Familienangehörigen" wurde kleiner und kleiner. Nur in der Landwirtschaft war die Hausfrau als „Mitarbeiterin" im Betrieb noch nicht überflüssig geworden. Im Gegenteil, hier wurde, spätestens seit 1917, die Frau (infolge der Männerverluste durch Krieg und Industriesog) vielfach zum Träger der Produktion. Nicht nur im Osten, auch in Mitteleuropa! Die Gütererzeugung der modernen Volkswirtschaften wurde — auch als Folge des enormen Kriegsbedarfs — gewaltig gesteigert, und es entstand bald eine „neue" Situation. Es zeigte sich nämlich, daß die Frau im modernen Produktionsprozeß als „Mitarbeiterin" unentbehrlich ist, so unentbehrlich wie sie es als Arbeitskraft in der familiären Hauswirtschaft unserer Urgroßväter war. Damit war nun auch OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.6.85 | Generated on 2023-04-04 11:25:35
88 Gina Görner-Schönbauer [728 der Frau der gleiche Weg gewiesen, den der Mann im 19. Jahrhundert bereits gegangen war. Die Frau wurde gebraucht als Munitionsarbeiterin, als Straßenbahnschaffnerin und als Bürokraft im ersten Weltkrieg. Sie wurde im zweiten Weltkrieg in allen Ländern unentbehrlich in Industrie und Armee, bei Bahn und Post, in Forschungslaboratorien und Behörden. In der Landwirtschaft und im Nahrungsmittelgewerbe, im Gesundheitsdienst und in der Jugenderziehung hatte sich die Frau als Trägerin der Berufsarbeit ja schon früher bewährt. Heute nach zwei Weltkriegen wissen wir: der Handwerksbetrieb und der Bauernhof können zur Not auch ohne Mann geführt werden. Ohne die Frau aber kann kein Bauernhof in Ordnung gehalten werden und kein Handwerkerladen, kein Gasthaus bestehen! Es soll nur niemand glauben, daß die Masse unserer Frauen gerne» „in das Berufsleben" eintrat. Der Zwang der Lage, der fehlende „Familienerhalter" und natürlich auch die lockende Aussicht auf besseres Lebensniveau holten die Frau in die außerfamiliäre Berufsarbeit. Es soll auch niemand behaupten, daß die Männer gerne Frauen als Berufskameraden in ihren Kreis aufnahmen. Selbst heute noch bildet sich ein großer Teil der „Herren der Schöpfung" ein, daß sie „natürlich" viel größere Fähigkeiten haben. Trotzdem: die Frau als Arbeiterin ist eine Tatsache und eine Notwendigkeit. Die Frau als Produzentin vervielfacht, durch ihre Zahl und ihren Schwung, die Produktivität und die Schwungkraft eines Volkes. Kein Wirtschaftsführer und kein Staatsmann, kein General und kein Professor kann auf diese „Arbeiterin" in Zukunft ohne Schaden für das Ganze verzichten. Unter 100 sozialversicherungspflichtigen Arbeitskräften (ohne Landwirtschaft!) sind 45 Frauen in der UdSSR 39 Frauen in Österreich, 36 Frauen in USA und 34 Frauen in Westdeutschland! Die sowjetischen Zahlen sind demnach nur unwesentlich höher als die aufgeführten Ziffern des Westens; und das nur, weil dieser die „mithelfenden Familienangehörigen" (in Handel, Verkehr und Gewerbe) statistisch nicht berücksichtigt. Diese sind aber in Österreich, Westdeutschland usw. doch recht zahlreich, während es diese Arbeiterkategorie in der SSSR infolge Verstaatlichung (und Vergenossenschaftung) der Handelsund Gewerbebetriebe nicht gibt! Hier sehen wir also eine Entwicklung vor uns, die sich ohne Rücksicht auf ideologische Atrappen vollzog. Das Ergebnis: der größte Teil der Frauen hat Interessen, die außerhalb der Familie liegen. Man kann dies beklagen, aber man kann die Entwicklung nicht zurückdrehen. Mit Tatsachen muß man rechnen! Damit entsteht die Frage nach der biologischen ReprodukOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.6.85 | Generated on 2023-04-04 11:25:35
729] Industriegesellschaft und Mutterschaft 89 tion. Es ist dies eine Frage, die gelöst werden muß, wenn sich das Volk als Ganzes erhalten und erneuern soll. Die Masse der Frauen hat inzwischen längst Freude an der Verantwortung und Freude am verdienten Lohn gefunden. Die Masse der Frauen ist berufstätig und will werktätig sein — nicht im Haushalt! „So bleibt unseren nunmehr um ihrer selbst willen und nicht mehr nur zur Unterhaltung des Gatten gebildeten Frauen nichts anderes übrig, als alle die Arbeiten selbst zu verrichten, die vor 50 Jahren ihre nicht akademisch gebildeten Mütter zu verrichten entschieden abgelehnt hätten" — schreibt klagend ein „zeitgemäßer" Volkswirt6. Und sie will ein eigenes Einkommen haben. Nur gelegentlich begegnen wir hier häufiger, dort seltener dem Hang, mit dem Ehering ein bequemes Leben mit süßem Nichtstun zu erwerben. Aber auf die Dauer genügt dies doch nicht, und die Frau sucht dann Abwechslung wie der Mann schließlich auch. Dann stößt sich die Wirklichkeit an der Scheinmoral, die noch von gestern mitgetragen wird. Das Ergebnis: die hoch und höher liegende Kurve der EhescheidungsStatistik. Kommt also zum Schaden fürs Ganze gegenwärtig in der Frau der Beruf der Mutter oder die Berufung zur Mutterschaft zu kurz? Diese Frage stellen, heißt zu ihr Stellung nehmen. Um die richtige Antwort zu finden, dürfen wir aber nicht die Argumente aus Ur-Großmutters Mottenkiste herauskramen. Selbstverständlich ist die Mutterschaft ein Beruf und eine Berufung! Sie ist sogar ein Beruf, der eine entsprechende Berufung voraussetzt und für den noch lange nicht jede Frau tauglich ist. Das wird jeder Hygieniker bezeugen. Was sagt das Wort Mutter und was bedeutet es für uns? Die Mutter ist die Trägerin des neuen Werdens! Ihre Kraft ist die Kraft des Volkes. Von ihrer körperlichen Kraft hängt zum guten Teil (direkt und indirekt) die Gesundheit der nachgeborenen Generation ab. Von ihrer seelischen Beschaffenheit hängt das Gemeinschaftswollen und der Gemeinschaftssinn des erneuerten Volkes ab. An den Kindern kann man erkennen, was die Mutter für die Gemeinschaft wert war und wie sie zur Gemeinschaft stand. Von ihrer geistigen Verfassung hängt der Bestand des Volkes und die Stagnation oder die Fortentwicklung der Gemeinschaftsordnung, der Volksverfassung ab! Mutter sein ist eigentlich der Beruf des Weibes. Genau so wie der ursprüngliche Beruf des Mannes nur der ist oder war — Vater zu sein. Aber Vatersein wird schon längst nur mehr als Nebenerscheinung, als Nebenbeschäftigung sozusagen, bewertet. Und mit 6 Vgl. Noll von der Nahmer, Vom Werden des neuen Zeitalters — Heidelberg 1958; Kapitel: Die veränderte Stellung der Frau in Staat, Wirtschaft und Familie. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.6.85 | Generated on 2023-04-04 11:25:35
90 Gina Görner-Schönbauer [730 dem Muttersein ist es inzwischen ähnlich geworden. Als Beruf unter Berufen unterliegt die Mutterschaft begreiflicherweise der Konkurrenz anderer Berufe, die sich besser bezahlt machen. Daß man leibliche Lust auch ohne Gebären gewinnen kann, hat sich inzwischen in alle Winkel herumgesprochen. Das muß man nüchtern sehen, da sind Phrasen schlecht am Platz. Solang und soweit die Kinder ein unentbehrliches Produktionsmittel des Familienbetriebs (in der Landwirtschaft oder im Handwerk) waren, wurde reichlicher Kindersegen als selbstverständlich betrachtet. Das ist aber ökonomisch und seelisch anders geworden. Man muß den Mut haben und den Dingen in die Augen sehen. Warum laufen die Landmädel in die Stadt und warum haben die Stadtmädel keine Kinder? In der Stadt ist das Leben leichter und schöner, nicht zuletzt weil man dort unschwer die nötigen „Hilfen" findet, um der Mutterschaft zu entgehen. Und warum die Abtreibungen in der Stadt und seit 30 Jahren mit unzulänglichen Mitteln, aber in wachsender Zahl auch auf dem flachen Land? Weil wir allesamt noch immer glauben oder glauben möchten, daß „Kinder haben" ein Privatvergnügen ist, für das wir mit Müh und Not in Tarifverträgen und Sozialgesetzen „Kinderbeihilfen" erkämpfen müssen. Letzten Endes muß aber jede Arbeit nach der Leistung, nach der Produktivität im Betrieb entlohnt werden. Nur so kann die Wirtschaft kalkulieren. Darum suchen Gewerkschaften, Betriebe und Wissenschaft nach der Bestgestaltung des Arbeitsplatzes und der Lohnnormen. Das ist richtig und entspricht dem Zweck. Die biologische Reproduktion der Arbeitskraft interessiert die Gemeinschaft; nur sehr bedingt auch den Betrieb. Also müssen darum alle Tendenzen zum „Familienlohn" in Halbheiten stecken bleiben. Neben den Lohnzulagen der Betriebe gewährt der Staat doch nie wirklich ausreichende Kinderzulagen und Steuerabschläge und eine Reihe anderer Vergünstigungen für den „Familienerhalter". So als ob es primär auf diesen ankäme, um die „Familie" zu sichern. Der mitverdienenden Hausfrau und Mutter werden bisher nur in wenigen Ländern Steuerbegünstigungen, Mutterprämien und Sozialeinrichtungen (Gemeinschaftsheime usw.) gewährt. Alle bisherigen Maßnahmen entspringen noch immer einer Schau, die sich vom Blickpunkt des „männlichen" Sozialbewußtseins ergibt. Und dieses gilt zum guten Teil auch in der UdSSR und in den Satellitenländern. Das aber ist ein Standpunkt, der spätestens im zweiten Weltkrieg seinen Boden verloren hat. An der materiellen Sicherung der Lebensgemeinschaft ist die Frau wiederum so entscheidend beteiligt, wie dies vor der Ablösung des Familienbetriebs durch das Fabriksystem der Fall war. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.6.85 | Generated on 2023-04-04 11:25:35
731] Industriegesellschaft und Mutterschaft 91 Die Einstellung der Frauen ändert sich, sie bewegt sich vom Nest fort. Die Tendenz ist die gleiche wie beim Mann, dem man im großen Durchschnitt schon seit zwei oder drei Generationen kaum mehr Nestinteressen abfordern darf. Dazu kommt die berufliche Beanspruchung der weiblichen Jugend, auf welche die Großwirtschaft nicht verzichten kann. Sinnlos wäre es, sich etwa einzubilden, man könnte die Frau ins Haus verbannen. Dann aber muß die Mutterschaft als das anerkannt werden, was sie eigentlich immer war — als Beruf. Ein Beruf unter Berufen aber muß sich bezahlt machen; das gilt ganz besonders in einer Zeit, die das ökonomische Prinzip nicht nur instinktiv, sondern auch schon rational erfaßt. Eine richtige Mutter, die diesen ureigensten Beruf des Weibes ganz ausfüllt, muß und soll daher auch auf diesen ihren Beruf eine gesicherte Existenz aufbauen können. Nicht dank einer „hohen" Ethik eines mehr oder weniger kinderliebenden „Familienvaters", sondern dank der Anerkennung ihrer Leistung durch die Gemeinschaft, d. h. durch den Staat. Also (mag man einwenden) wird der Staat über den Kopf der Eltern hinweg mit den Kindern disponieren; also werden „unsere sittlichen Grundlagen bedroht"; also wird die Bürokratie auch eine Familienverwaltung aufziehen. So muß es nicht sein, denn es geht ja nur darum, daß es wieder genügend Eltern gibt. Und es geht darum, daß jetzt zu viele Kinder ohne den Einfluß des Nestmilieus aufwachsen müssen. Vereinfacht formuliert: die unzulänglichen Kinderbeihilfen müssen zu Nestprämien fortentwickelt werden. Dann kann auch das Steuersystem vereinfacht werden. Das französische System (der Kinderbeihilfen) ist auf dem Wege dorthin; nach dem steigenden Geburtenüberschuß zu urteilen, mit Erfolg! Man darf in diesem Zusammenhang aber auch darauf verweisen, daß die Versorgungsämter in Westdeutschland auch schon solche Verwaltungsaufgaben in engerem Rahmen allerdings nur (für Kriegswitwen und -waisen) wahrnehmen7. Eine durchaus unbürokratische Form der Großfamilie erprobt seit einigen Jahren die österreichische Bundeshauptstadt Wien. Elternlose Kinder werden in kinderreichen Familien mit erbgesundem Milieu untergebracht. Auch dies ist ein Ansatz, der unser Interesse ebenso verdient wie die schwedischen Bestrebungen. Auch in der Sowjetunion wurde zweifellos manches — auf freiwillige Initiative hin — begonnen. So berichteten uns schon 1930 Rußlandreisende von „Kinderställen" auf jüdischen Kolchosen in der 7 Vgl. dazu die Gedanken, die zum Thema „Steuerreform und Familienlastenausgleich" in den „Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Bevölkerungswissenschaft" (Februarfolge 1958) vorgebracht wurden. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.6.85 | Generated on 2023-04-04 11:25:35
92 Gina Görner-Schönbauer [732 Gegend von Charkow. Die Kleinen wurden dort in mustergültiger Weise (vor allem in den ersten Lebensjahren) von einem „Mütterdienst" gepflegt. Die Kinderwartung lag in den Händen der „hauptamtlichen" Mütter; die Nebenarbeiten wurden von den Säuglingsmüttern wahrgenommen, die am Ende der Stillzeit wieder in die Landwirtschaft zurückgingen. Ähnliche Einrichtungen sollen übrigens auch die Kibbuzim in Israel geschaffen haben. Letztenendes zielte auch der „Lebensborn", den zu Zeiten SSKreise angeregt und aufgebaut hatten, grundsätzlich in der durch die Zeitumstände gewiesenen Richtung. Um so bedeutsamer, d. h. der Zeit angepaßt, scheinen uns daher auch die Bemühungen Gmeiners! Die von ihm ins Leben gerufenen SOS-Kinderdörfer sind eine Pioniertat katholischer Kreise, die mit etwa gleichen Absichten an einen Lösungsversuch des von uns aufgezeigten Problems herangehen. Vielleicht sogar ohne die Tragweite dieser „neuen" Lebensform ganz zu erkennen. Der weitergehende Sinn aller dieser Versuche ist es, die natürlichen Zeugerinstinkte der breiten Masse zu nutzen und zu pflegen. Auf diese kommt es ja auch an, denn sie liefert schließlich die große Zahl und in der Regel in der dritten Generation auch den großen Ersatz der Intelligenzberufe, die stets ein biologisches Defizit aufweisen. Doch auch dies liegt in der Natur ihrer Funktionen. In solchen Formen verliert die Forderung nach Gemeinschaftserziehung, der jeder vernünftige Mensch den Vorrang gibt, ihre politische Schärfe. Und zum anderen bringt ja nur das Einoder Zweikindersystem in der Kleinfamilie die Gefahr der Entgemeinschaftung in ganzer Größe mit. Nur hier werden die Ich-Instinkte der Kleinen gewollt und ungewollt gezüchtet. In der Vielkinderfamilie ergibt sich von selbst für den kleinen Staatsbürger die Notwendigkeit, sich einordnen zu lernen. Von selbst entsteht die (erwünschte) Gemeinschafts-Atmosphäre, von selbst verteilt sich der soziale Geltungsdrang auf die größere Zahl und reduziert sich durch die größere Zahl. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.6.85 | Generated on 2023-04-04 11:25:35