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Die kapitaltheoretische Kontroverse; Test zum Reswitching-Problem

Krelle, Wilhelm

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Krelle, Wilhelm Article Die kapitaltheoretische Kontroverse; Test zum Reswitching-Problem Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Krelle, Wilhelm (1978) : Die kapitaltheoretische Kontroverse; Test zum Reswitching-Problem, Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik, ISSN 0342-1783, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 98, Iss. 1, pp. 1-31, https://doi.org/10.3790/schm.98.1.1 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291396 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. 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If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Die kapitaltheoretische Kontroverse; Test zum Reswitching-Problem Von Wilhelm Krelle* I. Einführung und Problemstellung Die Makrotheorie in den Wirtschaftswissenschaften bedient sich (vergleichbar der Makrophysik) Begriffen wie Kapital, Arbeit, Preisniveau, Produktionsniveau usw., die Durchschnittsgrößen darstellen, wobei die Einzelgrößen, über die ein Durchschnitt gebildet wird, sehr heterogen sein können. Eine der grundlegenden Vorstellungen dabei ist die Existenz einer makroökonomischen Produktionsfunktion, die das Produktionsniveau aus Arbeit, Kapital und dem Stand der Technologie erklärt. Gegen diesen Ansatz, insbesondere gegen den hier benutzten Kapitalbegriff, ist in jüngerer Zeit Sturm gelaufen worden. Diese sogenannte kapitaltheoretische Kontroverse begann mit dem berühmten Artikel von Joan Robinson (1953/54). Einen Überblick über die Kontroverse gibt Harcourt (1969). Obwohl die Kontroverse sich in verschiedene Richtungen hin ausfächerte, können die Hauptangriffspunkte gegen die neoklassische Produktionstheorie wohl in folgenden Punkten ausgedrückt werden: 1. Die neoklassische Produktionstheorie führt zu Folgerungen, die einfachen und plausiblen Vorstellungen von produktiven Gesetzmäßigkeiten bei Einzelfirmen widersprechen können. Dies ist die sogenannte Reswitching-Kontroverse. Während die neoklassische Produktionstheorie impliziert, daß mit höherem Lohn-Zins-Verhältnis immer kapitalintensivere Verfahren genutzt werden, sagt die Reswitching-These, daß bei steigendem Lohn-Zins-Verhältnis schließlich auch wieder dieselbe Technologie optimal werden kann, die bei einem sehr niedrigen LohnZins-Verhältnis angewandt wurde. Wenn man das als repräsentativ für die Makrotheorie ansieht, muß allerdings die neoklassische Produktionstheorie fallen gelassen werden. 2. Der in der Produktionsfunktion erscheinende Index für das Realkapital, d. h. das Maß für den durchschnittlichen Beitrag von Gebäuden, * Prof. Dr. W. Krelle, Universität Bonn, Institut für Gesellschaftsund Wirtschaftswissenschaften, Adenauerallee 24 - 42, D-5300 Bonn. 1 Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften 1970/1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.98.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:55:02 2 Wilhelm Krelle Maschinen, Geräten zur Produktion eines Endprodukts, darf nicht auch zugleich als Index für den Kapitalwert, d. h. als Maß für die in diesen Gebäuden, Maschinen, Geräten usw. festgelegten und als Nominalkapital zu verzinsenden Investitionsbeträge benutzt werden. Diese beiden Kapitalbegriffe fallen auseinander. 3. Hieraus (ebenso aber auch aus dem Fehlen vollständiger Konkurrenz auf den Arbeitsund Kapitalmärkten) folgt, daß die Grenzproduktivitätssätze für Arbeit und Kapital nicht gelten können. Somit hängt auch die Verteilung nicht ausschließlich von der Produktionsfunktion, also von technischen Gegebenheiten ab. Wir wollen uns nur mit dem grundlegenden ersten Einwand befassen. Unser Problem ist also: Erklärt der neoklassische Ansatz auf der Basis einer Produktionsfunktion die Beobachtungen hinreichend genau? Muß er fallen gelassen werden, wenn man auf mikroökonomischer Ebene Widersprüche hierzu entdeckt? II. Vorbemerkungen: Makrotheorie und Mikrotheorie Wie gesagt, befaßt sich die Makrotheorie mit Durchschnittsgrößen oder Erwartungswerten, nicht mit dem Verhalten der die statistischen Massen konstituierenden Einheiten. Die folgende Argumentation ist am einfachsten zu verstehen, wenn man sich das Beispiel einer bestimmten Produktion vor Augen hält, hier: die Produktion von Transportleistungen. Sei Y die Menge an Fracht (gerechnet in Tonnen), die pro Zeiteinheit über eine Verkehrslinie (z. B. eine Autobahn) transportiert wird. Sie ist eine Funktion der Zahl K der in die Autobahn einfahrenden beladenen Lastwagen, der Breite A der Autobahn und dem „Stand der Technologie" r von Autobahnen und Lastwagen. Man hat also: (1) Y = f (K, A, r) Die Durchschnittsladung eines Lastwagens (in Tonnen) sei a, die Durchschnittsgeschwindigkeit eines Lastwagens sei v, die Zahl der Lastwagen, die pro Zeiteinheit an einer ausgewählten Zählstelle vorbeifahren, sei n, der durchschnittliche Abstand eines Lastwagens vom nächsten sei z. Dann gilt nach Definition: Y = oc-n, v = n - z/t mit t = 1, und bei geeigneter Normierung der „Autobahnbreite" gelte z = 1/K. Wir erhalten im folgenden die „Autobahnbreite" A und den technischen Zustand r von Autobahn und Lastwagen konstant. Die maximale Geschwindigkeit eines Lastwagens sei v. Zwischen der durchschnittlichen Geschwindigkeit v und dem durchschnittlichen Abstand z sei die Beziehung v = g (z) gemessen worden, gemäß Figur 1. Dann lautet die Produktionsfunktion: (2) Y — a - g (.z)lz OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.98.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:55:02 Die kapitaltheoretische Kontroverse; Test zum Reswitching-Problem 3 Figur 1 Man prüft leicht nach, daß zwischen zi und z2 in Fig. 1 (wobei z2 auch unendlich sein kann) positive Grenzprodukte von K und abnehmende Grenzerträge von K vorliegen, also die Produktionsfunktion / in (1) bzgl. K neoklassische Eigenschaften hat. Wir vernachlässigen bei diesem Beispiel, wie gesagt, der Einfachheit halber die Argumente A und r. Sie können aber eingeführt werden, ohne die Argumentation zu beeinträchtigen. Offensichtlich ist es jetzt möglich, die „Produktion" Y abzuschätzen, wenn man die Zahl K der pro Zeiteinheit auf die Autobahn geschickten Lastwagen kennt. Selbstverständlich gelten diese Beziehungen aber nur als Erwartungsgröße, also im Durchschnitt. Das schließt nicht aus, daß einzelne Lastwagenfahrer von dem Durchschnittsverhalten, wie es in der Funktion v = g (z) in Figur 1 zum Ausdruck kommt, erheblich abweichen. Vielleicht findet man einen Lastwagenfahrer, der im relevanten Bereich die Geschwindigkeit genau proportional zum Abstand hält: (2a) v = Qi(z) = a-z , a> 0 . v <v (Vgl. Figur l).Nichts ist an dieser Annahme speziell irrational. Wenn sich aber alle so verhalten, so lautet die Produktionsfunktion jetzt anstelle von (2): i1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.98.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:55:02 4 Wilhelm Krelle (2a') Y = a • a d. h. die Produktion ist überhaupt unabhängig von der Größe K. Schickt man viele Lastwagen auf die Straße, so sinkt eben deren Durchschnittsgeschwindigkeit derart, daß die Transportleistung doch nicht höher ist, als wenn man weniger Lastwagen dorthin geschickt hätte. Vielleicht findet man auch einen Lastwagenfahrer, der im relevanten Bereich zwischen z\ und eine konstante Geschwindigkeit einhält: (2b) v = g2 (z) = v < v (Vgl. Figur 1). Wenn sich alle Lastwagenfahrer so verhalten würden, würde die Produktionsfunktion lauten: (2b') Y = ol - v - K , das heißt die Produktionsleistung wäre genau proportional der Größe K. Nun hat man aber im Durchschnitt eben die Relation v = g (z) gemessen, was natürlich nicht ausschließt, daß einzelne Lastwagenfahrer sich gemäß g\ (z) oder <72 (z) verhalten. Offensichtlich ist es sinnlos, die Beziehung v = g (z) deswegen abzulehnen, weil nichts speziell Irrationales darin zu finden ist, daß sich einzelne Lastwagenfahrer auch anders verhalten. Deswegen kann man die Theorie, die zur Produktionsfunktion (2) führt, nicht ablehnen. Gerade so wird aber von den Vertretern der „Neuen Kapitaltheorie" argumentiert. Sie zeigen, daß es ein individuell durchaus mögliches produktives Verhalten gibt, daß, wenn sich alle so verhalten würden, zu Erscheinungen führen würde, die nicht mit der neoklassischen Theorie vereinbar sind. Das ist aber kein akzeptables Gegenargument. Es müßte vielmehr gezeigt werden, daß man Durchschnittsbeobachtungen hat, die den Aussagen der neoklassischen Theorie widersprechen, d. h. man muß feststellen, ob die Beobachtungen im makroökonomischen Bereich den direkten Aussagen oder den Implikationen der neoklassischen Theorie widersprechen oder nicht. Dies ist das Thema der nächsten Abschnitte. III. Makroökonomische Beobachtungen, die durch eine Kapitaltheorie erklärt werden müssen Wie im ersten Abschnitt ausgeführt, wollen wir uns hier nicht mit dem Indexzahlenproblem befassen. Wir setzen also voraus, daß es sinnvolle Maßzahlen für Sozialprodukt, Realkapital, Wert des Kapitals, Arbeit, Preisniveau u. ä. gibt. Natürlich sind solche Meßvorschriften nicht eindeutig. Man kann Kapital, Preisniveau und anderes durchaus verschieden definieren. Eine makroökonomische Theorie muß aber so „robust" sein, daß sie unabhängig von der jeweils speziellen Art der Definition dieser Größen gilt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.98.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:55:02 Die kapitaltheoretische Kontroverse; Test zum Reswitching-Problem 5 3oo Bundesrepublik Teutschland 71 2 8o K/L 2o 25 3o 5o ' 55 6 o Quellen: Kr eile (1973), S. 123 ff., sowie: Statistisches Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland, verschiedene Jahrgänge. Figur 2 Bei der empirischen Untersuchung der Wirtschaft vieler Länder haben sich auf dem Makro-Niveau übereinstimmend gewisse charakteristische Züge ergeben, die von jeder Kapitaltheorie auf dem makroökonomischen Niveau erklärt werden müssen1. Diese grundlegenden Tatsachen sind: XD a) Hohe Lohn-Profitraten — sind in der Regel mit hohen KapitalK. r Arbeitsrelationen — verbunden. Diese TATSACHE 1 bezieht sich soLt wohl auf Zeitreihenanalysen (d. h. für ein bestimmtes Land im Prozeß des Wirtschaftswachstums, vgl. Figur 2) als auch auf eine Querschnittsanalyse, d. h. auf den Vergleich verschiedener Länder für die gleiche Periode (vgl. Figur 3). Hierbei sind die üblichen Bezeichnungen benutzt: Y = Nettosozialprodukt zu Faktorkosten zu konstanten Preisen, L = Erwerbspersonen (Beschäftigte und Selbständige), K = Bruttoanlagekapital von Unternehmen zu konstanten Preisen. Die wenigen Querschnittsanalysen, die auf individuellen Firmendaten beruhen und für diesen Zweck ausgenutzt werden können, kommen zu i Vgl. zum folgenden auch Krelle (1977). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.98.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:55:02 w/r Uoo • 35 o 3oo . 25o . 2oo • 15o loo " Jahr 1971 Frankreichlinearer Frei hand-Trend Bundesrepublik Deutschland Großbritannien "Japan i 1 1 1 i 1 1 1 1 1— lo 2o 3o 4o 5o 60 7o 80 9o loo K/L Figur 3 w/r o,ll o,l c,o0 0,08 o,o7 0,06 c,o6 o,o4 o,o3 o,o2 o,ol }>.] Hwtorur.g: jp.jpp punKt gìbt den geo- !r*2 trischen Lurchc»chr.itt der Gre'fieri \i/r iind K/L i'iir reprajer itati, ve Aucvahlen vor. Firmen einer Eranch.e in den . Groiìenklas5en I, II bzw. Ili \j leder. TA.e Eranche ist mit arabi sche Zifferri bezeiclmet: vgl. Arir.erkung zu Fig. MikroQuersci 111 i 11sddten fur 1969, Griechenland fcK/L 8 lo 12 14 16 18 2o 22 24 26 Quelle: Nikolaou (1976), S. 64 - 66 (iu2/r2 bzw. Kg/L2, hier als wir bzw. K/L bezeichnet). Es handelt sich um eine Auswertung einer vom griechischen Center of Planning and Economic Research (KE. P. E.) im Jahre 1970 durchgeführten Spezialerhebung bei über 6 000 Industriebetrieben verschiedener Größenklassen, Branchen und Standorte. Es werden hier die Größenklassen I (3 - 9 Beschäftigte), II (10 - 49 Beschäftigte) und III (50 - 499 Beschäftigte) unterschieden Die Größen w (= Reallohnsatz), r (= Kapitalrendite), K (= Kapitalleistung), L (= Arbeitsleistung in Stunden), VA (= value added) wurden für jede Firma aus den originär erhobenen Daten berechnet und das geometrische Mittel der Größen w, r, K/L und VA/L für jede Größenklasse jeder Branche gebildet. Einige charakteristische Ergebnisse sind in Fig. 4 wiedergegeben. Die Branchen sind wie folgt bezeichnet: 1. Molkereiprodukte — 2. Konservenindustrie — 3. öle und Fette — 4. Getreidemühlen — 5. Bäckereien — 6. Andere Nahrungsmittelindustrien — 7. Getränke — 8. Textilien — 9. Bekleidung — 10. Leder und Schuhe — 11. Holz und Kork —12. Möbel —13. Papierprodukte —14. Druckerei —15. Andere chemische Produkte — 16. Gummiund Kunststoffe — 17. Nicht-Eisen-Bergbauprodukte — 18. Gießereien, Metallproduktion — 19. Maschinenbau — 20. Transportund Verkehrsausrüstung — 21. Andere Industrien. Figur 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.98.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:55:02 Die kapitaltheoretische Kontroverse; Test zum Reswitching-Problem 7 ähnlichen Ergebnissen. Figur 4 gibt das Ergebnis derartiger Untersuchungen für Griechenland wieder. Dabei zeigt sich, daß diese positive Korrelation zwischen Lohn-Zins-Verhältnis und Kapital-Arbeitsverhältnis um so eher gilt, je stärker aggregiert wird. Bei einzelnen Branchen finden sich auch gegenläufige Beziehungen (vgl. Figur 5)2. b) TATSACHE 2 ist, daß in aller Regel ein hohes Sozialprodukt pro Kopf Y/L oder ein hoher Konsum pro Kopf CIL mit einem hohen Realkapital pro Kopf K/L verbunden ist und umgekehrt. Dies gilt wiederum sowohl für die Zeitreihenanalyse (d. h. für ein Land im Wirtschaftswachstum, vgl. Figur 6 für die Bundesrepublik) als auch für die Querschnittsanalyse (d. h. für verschiedene Länder für dieselbe Periode, Figur 7). Auch dies Ergebnis gilt bei Verwendung individueller Firmendaten (vgl. Figur 8), jedenfalls für die Volkswirtschaft als Ganzes und für die Mehrzahl aller Branchen. Dagegen finden sich auch hier Ausnahmen (vgl. Figur 9). c) Im Zeitverlauf bleibt die funktionelle Einkommensverteilung, wenn man sie mit Bezug auf die Änderungen der Zahl der Selbständigen korrigiert, konstant, jedenfalls in der mittleren Frist (vgl. Figur 10). Dies ist die TATSACHE 3. d) Für die Volkswirtschaft als Ganzes sind die Skalenerträge etwa konstant, d. h. die Skalenelastizität weicht nicht wesentlich von 1 ab. Entsprechende Ergebnisse erhält man auf verschiedene Weise, auch bei Verwendung von Querschnittsdaten (z. B. erhalten Griliches und Ringstad (1971, S. 63) für Norwegen etwa 1,06. Mairesse (1974, S. 212) erhält für Frankreich 0,98. Nikolaou (1976, S. 136) erhält für Griechenland etwa 1,08). Diese Feststellungen gelten natürlich nur für eine einigermaßen gleichbleibende soziale und politische Umgebung. Niemand, der etwas von Wirtschaftstheorie und -geschichte versteht, wird abstreiten wollen, daß etwa die Monopolisierung von Märkten, Änderungen in der Wirtschaftsordnung, aber auch wesentliche technische Änderungen den Zustand der Wirtschaft beeinflussen. Es ist nun ein vernünftiger Ansatz, die Trendentwicklungen, wie sie in den Figuren 2-4 und 6-8 und Figur 10 wiedergegeben sind, als Gleichgewichtszustände zu beschreiben. Natürlich gibt es dann, wie aus den obigen Figuren zu ersehen ist, auch erhebliche Abweichungen 2 Querschnittsanalysen mit Firmendaten sind selten. Die bekanntesten Arbeiten auf diesem Gebiet sind die von Griliches and Ringstad (1971) sowie Mairesse (1974). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.98.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:55:02 8 Wilhelm Krelle 0,11 o,l c,9 o,l - K/L 4—• « « 1 1 •—i . 1 . . 4 6 8 lo 12 14 16 18 2o 22 24 25 28 3o 32 34 36 38 Figur 5 3o 35 4o 45 5o " 55 Go Figur 6 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.98.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:55:02 Die kapitaltheoretische Kontroverse; Test zum Reswitching-Problem 15 det man bei Burmeister und Dobell (1970), S. 229 ff. Die folgenden praktischen Berechnungen der Lohn-Zins Kurve für die Bundesrepublik beruhen auf einem Ansatz für n Sektoren, allerdings auf einem anderen Ansatz als dem von Burmeister und Dobell. Für die grundsätzlichen Überlegungen in diesem Kapitel genügt es, den Zwei-Sektoren-Fall zu behandeln. Wir benutzen hierbei die Standardbezeichnungen in der Reswitching-Debatte, vgl. etwa Harris (1973) und Thomas (1975). Die zwei Sektoren sind die Konsumgüterund Kapitalgüterindustrie. Der Index C soll erstere, der Index K letztere bezeichnen, a, ß bzw. a, b sind die konstanten Inputkoeffizienten in der Konsumgüterbzw. in der Kapitalgüterindustrie, d die Abschreibungsrate. Der Vektor tq = {a,ß,a,b,d), ro > 0 wird als Technik bezeichnet. Das Zwei-Sektoren-Modell kann dann wie folgt geschrieben werden: (10) xc = p ol xc (d + r) + ß v>xc (11) pxK = paxK (d + r) + bwxK Hieraus kann man das Preisniveau p, die Reallohnrate w, die Realzinsrate r wie folgt berechnen: 1 + ßw (m - 1) d2) p = = £ (13) w — a (R — r) / (r) , wobei 1 <xb (14) f (r) = m - a (m - 1) (R - r) , R = - - d , m = — aap Weiterhin gilt: (15a) xK = K (d + fif) , g = Wachstumsrate der Produktion (identisch in beiden Industrien) (15b) K = (xxc + axK (15c) L = ß xc + bxK . Daraus wiederum läßt sich errechnen: (15d) K/L = ot/ß* (g) , und für den Konsum pro Kopf: (15e) yc' = xc!L = a (R — g) / ߣ (g) . Für eine klassische Sparhypothese (s = Sparrate, kein Sparen aus dem Lohneinkommen) gilt (15f) g = sr . OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.98.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:55:02 16 Wilhelm Krelle Außerdem hat man noch natürliche Beschränkungen für die auftretenden Größen: (16) m > 0 , R-r> 0 , f (r) > 0 , £ (g) > 0 , wß<l , a (R - r) < 1 Aus (13) und (14) läßt sich ableiten: (17a) dw/dr < 0 Die Lohn-Profit Kurve sinkt also stets, ebenso wie bei der neoklassischen Theorie. (17b) i > 0 für m > 1 (die Lohn-Zins-Kurve ist konvex) dw/dr% ^ (17c) I < 0 für m < 1 (die Lohn-Zins-Kurve ist konkav) Eine konkave Lohn-Zins Kurve nach (17c) widerspricht der Neoklassik, vgl. (8b). Es existiert keine neoklassische Produktionsfunktion. Der Fall m<l, der zu konkaven Lohn-Zins-Kurven führt, führt aber auch zu Folgerungen, die den oben dargestellten Tatsachen 1-3 widersprechen. Man hat nämlich , ( > 0 , falls m > 1 (= Tatsache 2) ( <0, falls m< 1 (= im Widerspruch zu Tatsache 2) , ( > 0 , falls m > 1 (= Tatsache 1) (19) dyc/d (.K/L) < ' „ „ ^ 1 . T17., ° ( < 0 , falls m < 1 (= im Widerspruch zu Tatsache 1) 1 wh (R-r)£ (g) (20) v: -- - — 1 = -- = = const. für r = const. V rpK rm (20) garantiert nur die Konstanz der Einkommensverteilung für eine Technik, nicht im technischen Fortschritt, entgegen den Beobachtungen, vgl. Fig. 10. Das sogenannte Reswitching-Phänomen kann auftreten, wenn es mehrere Techniken gibt, selbst im Falle m > 1 (konvexe Lohn-ZinsKurve), vgl. Fig. 12. „Reswitching" bedeutet, daß in einer Volkswirtschaft dieselbe Technologie bei sehr niedrigem Reallohn und hohem Realzins und bei sehr hohem Reallohn und niedrigem Realzins benutzt wird, während dazwischen eine andere Technologie optimal ist. Hierbei wird vorausgesetzt, daß die Unternehmer bei einem gegebenen Reallohn diejenige Technik realisieren, die ihren Realzins maximiert. Wenn das Reswitching Phänomen auftritt, so kann es „Sprünge" in der Kapital-Arbeits-Relation an den Umschaltpunkten geben. Fig. 13 ist ein Beispiel dafür: Durch „Umschalten" von der Technik 2 auf TechOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.98.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:55:02 Die kapitaltheoretische Kontroverse; Test zum Res witching-Problem 17 nik 1 am Punkt P2 in Fig. 13 ist jetzt eine höhere Lohn-Zins-Relation mit einer niedrigen Kapital-Arbeits-Relation verbunden, entgegen der neoklassisschen Theorie und entgegen den Beobachtungen4. Die „Neue Kapitaltheorie" läßt also Phänomene zu, die von der neoklassischen Theorie aus „verboten" sind und die auch bisher in der Makrotheorie, d. h. bei genügender Aggregierung, nicht beobachtet wurden. Insofern ist sie allgemeiner. Von ihr aus gesehen erscheint die Neoklassik als ein eher unwahrscheinlicher Spezialfall. VI. Kann eine konkave Lohn-Zins-Kurve angenommen werden? Ist „Reswitching" eine sinnvolle Hypothese? Eine konkave Lohn-Zins-Kurve (m < 1) kann an sich, wenn man die Definition von m in Gleichung (14) ansieht, nicht ausgeschlossen werden, jedenfalls wenn man eine beliebige individuelle Firma betrachtet. Für die repräsentative Firma, die die „DurchschnittsVerhältnisse" in einer Volkswirtschaft wiederspiegelt, muß sie aber ausgeschlossen werden, und zwar aus zwei Gründen: Einmal aus Stabilitätsgründen, zum zweiten deswegen, weil die Annahme einer konkaven Lohn-Zins-Kurve zu Folgerungen führt, die bisher makroökonomisch nicht beobachtet 4 Fig. 13 ist gezeichnet für den Fall, bei dem das Kapitalgut bei den beiden Techniken identisch ist. Andernfalls muß man 2 Abszissen zeichnen, und die Vergleichbarkeit ist verloren. Man kann sie aber wieder herstellen, wenn man die Arbeitsmenge, die in den verschiedenen Kapitalgütern „geronnen" ist, als gemeinsamen Maßstab benutzt. Hierauf kann in diesem Zusammenhang nicht eingegangen werden. Figur 12 Figur 13 2 Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften 1978/1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.98.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:55:02 18 Wilhelm Krelle werden konnten (vgl. Gleichungen (18) - (20)). Letzteres ist offensichtlich,wenn man z. B. Fig. 7 und 8 betrachtet. Wir beschäftigen uns hier mit dem Stabilitätsproblem und werden zeigen, daß die Konvexität der Lohn-Zins-Kurve (m > 1) Teil einer hinreichenden Stabilitätsbedingung für ein makroökonomisches Modell der Art, wie es die neue Kapitaltheorie zugrundelegt, darstellt. Unstabile Modelle führen einmal nach dem „Korrespondenzprinzip" von Samuelson zu Ergebnissen, die den üblichen Ergebnissen der statischen Theorie widersprechen (vgl. Samuelson 1948 S. 258, 284, 350 und passim). Die statische Theorie ist aber gerade so aufgebaut, daß sie die Durchschnittsphänomene richtig beschreibt. Somit widersprechen unstabile Modelle auch den Beobachtungen im Durchschnitt. Für Stabilitätsüberlegungen muß das ursprünglich statische Modell (10) und (11) dynamisiert werden: (21) XCf t = Pt<* XC, t (d + TC, t)+ßwt XC, t bwf (22) xKi t = axK> t (d + rK} t) + - xKt t . Pt Daraus erhält man die Zinssätze: Nun ist das Preisniveau pt aber nicht konstant. Das neue Preisniveau Pt + i weicht vom vorhergehenden pt ab entsprechend der Abweichung der Löhne der Vorperiode von der vorhergehenden Periode (wt — wt~i) und entsprechend der Abweichung der Zinsraten (rc, t ~ yr, t). Im einfachsten Fall hat man also die Preisbestimmungsgleichung: (25) Pt +1 = Pt - n (wt - wt -1) + y-1 <Tc, t - rKf t) , Man sieht sofort aus (25), daß pt nach dem Gleichgewichtsniveau p gemäß (12) konvergiert, falls es konvergiert. Konvergenz tritt aber nur ein, falls (23) (24) n ^ 0 . 72 > 0 • (26a) Aus (25), (23 und 24) erhält man dafür: OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.98.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:55:02 Die kapitaltheoretische Kontroverse; Test zum Res witching-Problem 19 (27a) dPt-1 dpt = 1 -2— [1 +ßw(m1)] «Pti wobei w die neue, in Periode t + 1 geltende Lohnrate ist. Da ya/a p2 ul > 0, sind die folgenden beiden Bedingungen zusammen notwendig und hinreichend für die Konvergenz: (27c) l+ßw(m-l)>0 , und (27d) [1 + w (m - 1)] < 1 , d. h. yo muß genügend klein sein. Eine hinreichende Bedingung dafür, daß (27c) gilt, ist: (27e) m > 1 , d. h. die Lohn-Zins-Kurve muß konvex sein, m > 1 heißt außerdem, daß die Konsumgüterindustrie kapitalintensiver ist als die Kapitalgüterindustrie. Die Stabilitätsbedingung (27e) für dies Zwei-Sektoren-Walras-Leontief-Wachstumsmodell ist also identisch mit der Stabilitätsund Eindeutigkeitsbedingung für gewisse neoklassische Zwei-Sektoren Wachstumsmodelle (vgl. Uzawa 1961/62, 1963 und Inada 1963). Eine konkave Lohn-Zins-Kurve ist also aus Stabilitätsgründen mit Mißtrauen zu betrachten. Sie ist darüber hinaus wegen der Konsequenzen, die nicht mit den Beobachtungen übereinstimmen, jedenfalls für gesamtwirtschaftliche Verhältnisse schon aus theoretischen Gründen abzulehnen. Der eigentliche Test ist natürlich die Konfrontation mit der Wirklichkeit. Dies geschieht im folgenden Abschnitt. Aber selbst bei konvexen Lohn-Zins-Kurven ist ja das Reswitching Phänomen nicht ausgeschlossen, jedenfalls wenn man die Neue Kapitaltheorie zugrundelegt. Vom Standpunkt der neoklassischen Theorie aus ist Reswitching hier unmöglich. Sollte eine Theorie, die zur Wiedergabe von makroökonomischen Verhältnissen konstruiert ist, das Reswitching Phänomen zulassen? Wenn ja, muß die neoklassische Theorie der Neuen Kapitaltheorie weichen. Nun hat sich auf dem gesamtwirtschaftlichen Niveau bisher noch niemals ein Phänomen aufzeigen lassen, das dem Reswitching entsprechen würde. Es erwartet auch niemand im Ernst, so etwas jemals zu erleben. Sollten die Vereinigten Staaten als wirtschaftlich fortschrittlichstes Land bei weiterer Steigerung des Reallohnes nun plötzlich auf die Technologien von Afghanistan wieder übergehen? Das ist doch völlig 2' OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.98.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:55:02 20 Wilhelm Krelle unmöglich. Natürlich wird niemand erstaunt sein, wenn er einen Sattler in den Vereinigten Staaten dieselbe Technik anwenden sieht wie ein Sattler in Afghanistan. Dies ist aber nicht das Problem auf Makroniveau. Ebenso wie in dem zu Anfang genannten Beispiel des Gütertransports auf Lastwagen ein spezieller Lastwagenfahrer eine Geschwindigkeit wählen kann, die in irgendwelcher Relation zu dem Abstand zu seinem Vorderfahrer steht, während für durchschnittliche Beobachtungen sehr wohl eine Abhängigkeit von Abstand und Geschwindigkeit zu beobachten ist, so kann man auch in diesem allgemeineren Fall nicht aus der Möglichkeit, daß sich bei einer speziellen Firma andere Verhältnisse als im Durchschnitt aller Firmen zeigen, schließen, daß die Theorie, die das Durchschnittsverhalten richtig wiedergibt, deswegen weggeworfen werden muß. Man kann nicht einfach Technologien künstlich erfinden und auf Grund solcher Erfindungen die Realität und Theorien, die diese Realität (nichts anderes) erklären wollen, ablehnen. Die Ergebnisse der neoklassischen Theorie sind also nicht ein so unwahrscheinlicher Spezialfall wie z. B. Harris (1973, S. 100) und Jäger (1974, S. 364) meinen. Dies sind natürlich mehr heuristische Argumente. Auch hier müssen Behauptungen an der Realität überprüft werden. Wir werden daher im folgenden Abschnitt die Lohn-Zins-Kurven für die Bundesrepublik Deutschland auf der Grundlage der vorhandenen Input-Outputund Investitionstabellen für verschiedene Jahre tatsächlich errechnen und sehen, ob diese Lohn-Zins-Kurven konvex sind und ob sie sich doppelt schneiden. Einmal dürfen sie sich ruhig schneiden, dies ist kein Widerspruch zur Neoklassik, wenn man verschiedene Technologien annimmt (und bei dieser Untersuchung wird ja angenommen, daß die InputOutputund Investitionskoeffizienten eines Jahrganges jeweils die Technologie dieses Jahrganges wiederspiegeln, so daß die Koeffizienten verschiedener Jahrgänge verschiedene Technologien repräsentieren). In diesem Fall kann man jedenfalls, was die realisierten Technologien angeht, einen Entscheid treffen. Mit Hilfe von geschätzten Funktionen dieser Input-Koeffizienten (wobei Preissubstitution zugelassen wird) kann man dann auch bei Vorgabe anderer Preise sozusagen nichtrealisierte Technologien erzeugen und dann ebenfalls nachprüfen, ob für diese das Reswitching Theorem auftritt. Über Experimente dieser Art wird auch im folgenden Abschnitt berichtet. VII. Die Lohn-Zins-Kurven der Wirtschaft der Bundesrepublik Nachdem durch mikroökonomische Betrachtungen nicht ausgeschlossen werden kann, daß die Lohn-Zins-Kurven konkav sind oder daß sie, selbst wenn sie konvex sind, sich zweimal schneiden (so daß Reswitching OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.98.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:55:02 Die kapitaltheoretische Kontroverse; Test zum Resvvitching-Problem 21 möglich ist), muß man die makroökonomischen Beobachtungen heranziehen, um hier einen Entscheid zu treffen. Zum Glück gibt es jetzt für die Bundesrepublik Deutschland, dank der Arbeiten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und anderer Institute eine Reihe von konsistent errechneten Input-Output-Tabellen für die Jahre 1954 - 1967 mit der zugehörigen Matrix der Investitionskoeffizienten und der zugehörigen Importmatrix. Damit ist es möglich, eine ganze Reihe von Lohn-Profit-Kurven für die Bundesrepublik wirklich zu errechnen und damit festzustellen, ob sie konkav oder konvex verlaufen und ob sie sich gar nicht oder einmal oder zweimal schneiden. Wie früher gesagt, ist ein einmaliges Schneiden mit dem neoklassischen Ansatz verträglich, dagegen nicht ein zweimaliges Schneiden. Nun ist das theoretische Konzept der Lohn-Zins-Kurve, wie es im vorhergehenden Abschnitt entwickelt wurde, viel zu primitiv, als daß es unmittelbar auf eine reale Volkswirtschaft übertragen werden könnte. Das Steuersystem ist nicht enthalten, der Tatsache ist nicht Rechnung getragen, daß es aus den verschiedensten Gründen unterschiedliche Lohnund Zinsraten in den verschiedenen Branchen gibt, langlebige Güter sind nicht berücksichtigt (d. h. die Maschinen gehen mit ihren Maschinenleistungen in die Berechnung ein, nicht mit ihren Beständen) usw. Wenn man also die Theorie überprüfen will, muß man verschiedene Ansätze zugrundelegen, weil es ja möglich sein könnte, daß man bei verschiedener Lösung der oben genannten praktischen Probleme zu unterschiedlichen Ergebnissen kommt. Im folgenden wird nur ein Ansatz vorgetragen, der zu eindeutigen Ergebnissen führt. In der Zwischenzeit sind zahlreiche ähnliche Berechnungen unter Variation der unten im einzelnen dargelegten Annahmen gemacht worden, die alle zu analogen Ergebnissen führen. Das Ergebnis hängt also nicht von der speziellen Art ab, wie man im einzelnen praktisch vorgeht, um den viel zu vereinfachten theoretischen Konzepten des vorhergehenden Abschnitts einigermaßen gerecht zu werden. In dem hier untersuchten Spezialfall ist das Ergebnis eindeutig wie folgt zu beschreiben: 1. Die verschiedenen Lohn-Zins-Kurven schneiden sich entweder überhaupt nicht oder nur einmal. 2. Die Lohn-Zins-Kurven sind konvex. 3. Im technischen Fortschritt wird die Neigung der Lohn-Zins-Kurven absolut genommen immer größer. Dies bestätigt vollauf die „neoklassische Parabel". Nach diesen Ergebnissen kann man mit gutem Gewissen den neoklassischen Ansatz weiter verwenden: Man kann die produktiven Gesetzmäßigkeiten der OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.98.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:55:02 22 Wilhelm Krelle Volkswirtschaft der Bundesrepublik Deutschland bei geeigneter Berechnung von Indizes für Arbeit und Kapital und bei Einführung eines Terms für den technischen Fortschritt durch eine neoklassische Produktionsfunktion beschreiben. Dabei ist der technische Fortschritt, jedenfalls wenn man nicht zu weit von den realisierten Werten für die Kapitalverzinsung abgeht, als annähernd Harrod-neutral zu betrachten. Die errechneten Lohn-Zins-Kurven sind in Fig. 14 teilweise wiedergegeben. Die Lohn-Zins-Kurven wurden unter folgenden Annahmen errechnet: 1. Das Sozialprodukt wird zu Faktorkosten bewertet, d.h. die Wirkung der indirekten Steuern ist aus den Preisen herausgenommen. Dies ist geschehen, um möglichst nah an dem ursprünglichen Ansatz der „Neuen Kapitaltheorie" zu bleiben und Steuereinwirkungen auszuschalten. 2. Als Reallohn wurde der Geldlohn gewogen mit dem Preisindex für landwirtschaftliche Produkte (Sektor 1) genommen. Dies ist sicher eine Vereinfachung, sie erleichtert aber das Rechenverfahren und kann daher als erste Annäherung gelten. 3. Die Inputund Investitionskoeffizienten wurden konstant gehalten, d. h. es wurde angenommen, daß bei Änderung des Reallohnes und des Realzinses, also bei Verschiebung auf der Lohn-Zins-Kurve, die Inputkoeffizienten und Investitionskoeffizienten unverändert bleiben. Mit anderen Worten: Die tatsächlich realisierten und beobachteten Technologien wurden als die einzig möglichen angesehen. 4. Es wurde angenommen, daß die Vorleistung (also der laufende Faktoreinsatz an reproduzierbaren Produktionsmitteln) unabhängig ist von der Art der Zusammensetzung der Bestände an Anlagekapital, so daß der Vorleistungsinput auch bei Änderung der Zusammensetzung des Realkapitals unverändert bleiben wird. Dies ist sicher eine Annahme, die die Wirklichkeit nur sehr grob wiedergibt: In Wirklichkeit wird der laufende Faktoreinsatz auch von den Beständen an Realkapital abhängen Da aber keine Unterteilung des Vorleistungsinputs statistisch verfügbar ist, die diesen Input danach unterteilt, mit welchen Anlagen er dann weiterverarbeitet bzw. sonstwie verbunden ist, ist diese Annahme unumgänglich, wenn man überhaupt den Ansatz der „Neuen Kapitaltheorie" mit dem jetzt vorhandenen statistischen Material überprüfen will. 5. Als Technologie eines bestimmten Jahres ist jeweils die neueste Technologie, wie sie in den Investitionskoeffizienten dieses Jahres zum Ausdruck kommt, verstanden, wobei der laufende Faktoreinsatz aber gleich dem tatsächlichen Faktoreinsatz genommen wurde. Mit anderen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.98.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:55:02 Figur 14 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.98.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:55:02 24 Wilhelm Krelle Worten: Das „Kapital" setzt sich zusammen aus den Kapitalleistungen, die nach den Investitionen des betreffenden Jahrganges berechnet wurden, und aus dem laufenden Faktoreneinsatz für Vorleistungen und Arbeit, der den Input-Output-Tabellen entnommen wurde. In der Literatur finden sich Ansätze, die nur den laufenden Faktoreinsatz betrachten, die Investitionsmatrix aber vernachlässigen (z. B. Burmeister und Dobell 1970, S. 229 ff und Abraham-Frois und Berrebi 1976). Ein solcher Ansatz vernachlässigt aber alle Kapitalleistungen von fixen Anlagen, jedenfalls bei der jetzt üblichen Definition von Input-Output-Matrizen. Diese Vernachlässigung kann auch nicht durch die Einführung globaler Abschreibungen beseitigt werden: In einem disaggregierten Modell müssen die Leistungen von Maschinen verschiedener Art unterschieden werden. Diese können nicht (wie in voll aggregierten Modellen) mit einer „Globalsumme Abschreibungen" berücksichtigt werden. Frerichs und Kübler (1976) haben in ähnlichen Rechnungen in der Zwischenzeit die indirekten Steuern berücksichtigt (also mit Marktpreisen gerechnet), mit dem Konsumenten-Preisindex defiationiert statt mii; dem Preisindex für landwirtschaftliche Produkte, und vor allem mit preisabhängigen Inputund Investitionskoeffizienten gerechnet. Im Rahmen von Arbeiten an einem disaggregierten Prognosemodell für die Bundesrepublik wurden Funktionen für die Inputund die Kapitalkoeffizienten errechnet, die diese von Preisrelationen, der KapitalArbeitsrelation, der Kapazitätsausnutzung und anderem abhängig machten. Damit wird es möglich, die Einflüsse einer veränderten LohnZins-Relation auf die Preise und die Rückwirkungen der Preisänderungen auf die Inputund Investitionskoeffizienten selbst in Betracht zu ziehen. Dann werden nicht beobachtete Technologien, die aber nach den ökonometrischen Schätzungen z. B. bei anderen Preisrelationen in Erscheinung treten würden, mit berücksichtigt und nicht nur, wie in Fig. 14, nur die tatsächlich realisierten Technologien (wenn man als „tatsächlich realisiert" die Übertragung der neuesten Technologien auf die ganze Volkswirtschaft versteht). Das Ergebnis ist praktisch das gleiche: Die Lohn-Zins-Kurven sind stets konvex, sie schneiden sich höchstens einmal, und sie werden immer steiler, wenn der technische Fortschritt zunimmt, jedenfalls in einer Umgebung der tatsächlich realisierten Zinssätze. Natürlich verlaufen die Kurven im einzelnen etwas anders, aber im Gesamtbild eben nicht sehr verschieden. Die Lohn-Zins-Kurven der Fig. 14 wurden wie folgt errechnet. Bekanntlich folgt aus dem Leontiefschen Ansatz für die Preisbestimmung aller Güter bei vorgegebenen Produktionskoeffizienten: OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.98.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:55:02 Die kapitaltheoretische Kontroverse; Test zum Reswitching-Problem 31 von Weizäcker, C. Ch. (1971), Steady State Capital Theory, Heidelberg. — and P. A. Samuelson (1971), A New Labor Theory of Value for Rational Plannung through Use of Bourgeois Profit Rate, Proceedings of the National Academy of Sciences; Deutsche Ubersetzung in: Nutzinger, H. G. und E. Wolfstetter (Hrsg.), Die Marxsche Theorie und ihre Kritik, II, Frankfurt 1974. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.98.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:55:02