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phpublico Fachzeitschrift für Bildung und Erziehung Dezember 2025 Schule entwickeln beraten führen 1 5
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Schulentwicklung Isolde Kreis, Sabine Apfler & Elisabeth Stipsits Schulentwicklung Viktoria Berzsenyi-Schweitzer & Karina Toth 1 Von der Bedeutung der Bewegung zur Bewegten Schule Kinder und Jugendliche verbringen regelmäßig viel Zeit in pädagogischen Einrichtungen, somit übernehmen diese immer mehr Verantwortung für den Tagesablauf von Kindern und Jugendlichen und deren Bewegungszeit (Neuber & Kehne, 2024): Regelmäßige körperliche Aktivität im schulischen Kontext hat nachweislich präventive Wirkungen auf die Gesundheit. Empirische Studien zeigen, dass sie das Risiko für Zivilisationskrankheiten und Unfälle senkt sowie die allgemeine Gesundheitsentwicklung fördert (Nandy et al., 2024). Besonders bei Kindern und Jugendlichen ist das natürliche Bewegungspotenzial hoch. Dieses Potenzial sollte gezielt genutzt werden, um ihre Leistungsbereitschaft und ihr Wohlbefinden zu stärken (Kauczor-Rieck, 2024; Dreiskämper, 2024). Schulen tragen daher eine wichtige Verantwortung, Bewegungsangebote systematisch zu integrieren und so einen Beitrag zur nachhaltigen Gesundheitsförderung zu leisten (Dreiskämper, 2024). Trotz zahlreicher Forschungsergebnisse, die auf die positiven Effekte sportlicher Aktivität verweisen, bestehen in der praktischen Umsetzung weiterhin Defizite. Die Einbindung sportwissenschaftlicher Erkenntnisse in Bildungskonzepte und Gesundheitspolitik ist daher zwingend notwendig (Donnelly et al., 2016; WHO, 2010). Schon in der Primarstufe Viktoria Berzsenyi-Schweitzer Karina Toth Vom Projekt gesund.bewusst.bewegt zur Bewegten Schule Bewegung und Sport werden zunehmend als bedeutende wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Faktoren wahrgenommen, weil sie nicht nur zur Schaffung von Arbeitsplätzen und zur Sicherung der Leistungsfähigkeit beitragen, sondern auch erhebliche gesamtwirtschaftliche Effekte hervorrufen. Die wachsende Bedeutung zeigt sich dabei sowohl in der Förderung des Leistungssports als auch in der systematischen Integration sportwissenschaftlicher Erkenntnisse in gesundheitspräventive Maßnahmen. Um die verstärkte Umsetzung dieses Wissens in burgenländischen Volksschulen zu erreichen, wurde das Projekt gesund.bewusst.bewegt ins Leben gerufen. Mit Unterstützung der Schulentwicklung kann der Fokus darauf gerichtet werden, Bewegtes Lernen in Volksschulen verstärkt zu implementieren. Welche Voraussetzungen es in der Organisations-, Personalund Unterrichtsentwicklung braucht bzw. wie das Projekt hierbei förderlich ist, soll dieser Artikel genauer beleuchten. Ziel ist es, eine Bewegte Schule im Burgenland zu schaffen. sind mangelnde motorische Grundfähigkeiten und unzureichende soziale Kompetenzen festzustellen, die sich negativ auf die schulische Leistung auswirken können (Anrich, 2003). Sowohl vom Gesundheitsportal Österreich (2025) als auch von der WHO (2010) wird empfohlen, dass sich die Kinder mindestens 60 Minuten am Tag bewegen. Während dieser aktiven Bewegungszeit sollten innerhalb dieser Stunde zumindest drei Mal wöchentlich ausdauernde Schwerpunkte gesetzt werden und an drei weiteren Tagen kräftigende Übungen für Knochen und Muskeln im Fokus stehen (Gesundheitsportal, 2025; WHO, 2010). Laut des Fonds Gesundes Österreich wissen 80% der österreichischen Bevölkerung, dass regelmäßige Bewegung wichtig und gesund ist. Dem Wissen zum Trotz bewegen sich die Österreicher:innen noch weniger als der EU-Durchschnitt. Änderungen könnten nur durch Maßnahmen auf mehreren Ebenen, wie etwa vor allem der Politik, geschaffen werden, die die Umsetzung der gesundheitsspezifischen Vorgaben innerhalb des Alltags auch am Arbeitsplatz oder in der Schule erleichtern (Bachl et al., 2012). Anrich (2010) sieht Bewegung als ein grundlegendes Element für die Kooperation von Leistung, Konzentration und Motivation und unterstützt maßgeblich die Persönlichkeitsentfaltung. Noch weiter geht Berzsenyi-Schweitzer, V. & Toth, K. (2025). Vom Projekt gesund.bewusst.bewegt zur Bewegten Schule. phpublico, 15, S. 35-42. https://doi.org/10.5281/zenodo.17574522
36 37 Hannaford (2008), die die Bewegung als das Leben ansieht, weil auch die Organe ständig in Bewegung sind. Laut Hildebrandt-Stramann et al. (2017) unterstützt das Eingehen auf soziale, psychische und physische Bedürfnisse die Lernbereitschaft der Schüler:innen. Hierfür muss allerdings der Bewegung genügend Raum geboten werden: In Form von Lernen MIT Bewegung, was durch Bewegungspausen oder Konzentrationsübungen vonstatten gehen kann oder DURCH Bewegung, wobei hier das Wahrnehmen und Entdecken in den Mittelpunkt gerückt werden sollte. Aus diesen Gründen sind nicht nur Eltern und Erziehungsberechtigte gefragt, die Bewegung ihrer Kinder zu fördern, sondern auch die Lehrpersonen sollen laut Frischenschlager & Gosch (2011) die Bewegung verstärkt in den Schulalltag integrieren, weil das Verhältnis von Bewegung zum Sitzen ungefähr 20:80 ist. Beim Vergleich von 14 Studien (Kramer & Wegner, 2020), die sich mit fächerübergreifendem Unterricht der Bereiche Naturwissenschaften und Bewegung und Sport beschäftigten, konnte festgestellt werden, dass sich sowohl die Schüler:innen als auch die Lehrer:innen durch die Verbindung von Bewegung und Sport und Wissensvermittlung wohler fühlten, sowie die Schüler:innen im Wissenserwerb größtenteils signifikant bessere Ergebnisse bei Überprüfungen im Vergleich mit den Kontrollgruppen erreichten. Aufgrund des aktuellen Tagesablaufs von Kindern und Jugendlichen und der immer stärkeren Inanspruchnahme von Ganztagsschulen, wird auch von der digitalen Lernplattform IQES (2025) das Konzept der Bewegten Schule propagiert und folgende Gründe für die Umsetzung einer Bewegten Schule genannt: Es wird die kindliche Bewegung und somit die Gesundheit der Kinder und der Lehrer:innen verstärkt in den Fokus gerückt, bzw. nimmt die Schule den ihr obliegenden ganzheitlichen Erziehungsund Bildungsauftrag mit der gebührenden Seriosität wahr. Körperliche Bedürfnisse und Potenziale der Kinder und Jugendlichen werden durch die Bewegte Schule berücksichtigt. Des Weiteren werden das Wohlbefinden, die Lernbereitschaft und die Leistungsfähigkeit gefördert, die Bewegte Schule als fundamentales Element eines kompetenzund handlungsorientierten Unterrichts wahrgenommen und somit die Etablierung einer gesunden Schulkultur unterstützt (IQES, 2025). Aus dieser sportwissenschaftlichen Zusammenfassung und einem Kurzüberblick über die Bewegte Schule zielt dieser Beitrag darauf ab, einerseits Gelingensbedingungen aus dem Bereich der Schulentwicklung zur erfolgreichen Implementierung der Bewegten Schule aufzuzeigen und andererseits die Überführung vom Projekt gesund.bewusst.bewegt zur systematischen Einführung der Bewegten Schule im Burgenland darzustellen. 2 Gelingensbedingungen zur Implementierung der Bewegten Schule Die Einführung der Bewegten Schule ist kein isoliertes Unterrichtskonzept, sondern diese bedarf einer systematischen Schulentwicklung, die die Schule als Ganzes erfasst. Schulentwicklung bedeutet die gezielte, systematische Weiterentwicklung von Unterricht, Personal und Organisation mit dem Ziel: Lernen, Gesundheit und Wohlbefinden dauerhaft zu verbessern (Dedering, 2013.) Um Bewegtes Lernen in der Tiefenstruktur von Schule zu verankern und den Schulund Unterrichtsalltag sukzessive bewegter zu gestalten, muss der Fokus auf den drei zentralen Ebenen der Schulentwicklung liegen: Unterrichtsentwicklung, Organisationsentwicklung und Personalentwicklung (Rolff, 2025). Die Partizipation aller Beteiligten (Schulleitung, Lehrer:innen und Eltern) mit einem gelungenen Zeitmanagement sind die Eckpfeiler, um die Gelingensbedingungen für eine Bewegte Schule unter Einbezug der Schulentwicklungsberatung angemessen umsetzen zu können. 2.1 Schulentwicklungsmaßnahmen zur Implementierung der Bewegten Schule Die Stärke des systemischen Ansatzes verdeutlicht dabei die Wechselwirkung aller Beteiligten im System. Die drei Schulentwicklungsebenen verstehen sich als gleichwertig, keine Ebene darf bevorzugt oder priorisiert werden (Rolff, 2025). Denn auf Systemebene betrachtet, führt jeder Weg der Schulentwicklung notwendigerweise zu den jeweils anderen Handlungsebenen. Jede Schule für sich hat es selbst in der Hand, wo sie den Hebel zuerst ansetzt. Dabei sind weder die Reihenfolge der drei Prozesse noch der Startpunkt vorgegeben. Rolff (2025) betont, dass es vor allem um ein verknüpfendes Miteinander der zentralen Prozesse geht und nicht um ein Abarbeiten der zentralen Handlungsebenen. In Bezug auf die Bewegte Schule gilt es hierbei die Lehrpersonen mit Hilfe von Fortbildungsmaßnahmen auf die Bedeutung der Bewegung für den Unterricht aufmerksam zu machen und auch praktische Beispiele zu zeigen, die in den eigenen Unterricht flexibel und schnell integriert werden können. Dies hat unmittelbare Auswirkungen auf den Unterricht und auch auf die Organisation Schule. Die Entwicklung der personalen Ressourcen beinhaltet nach Rolff (2025) die Personalfortbildung, Personalführung und Personalförderung. Sie verfolgt die Absicht, die Kompetenzen bei Lehrkräften, Schulleitung und dem erweiterten pädagogischen Personal zu stärken. Personalentwicklung schließt aufgrund des starken personenkonzentrierten Kontextes in Schule auch die Persönlichkeitsentwicklung der Lehrer:innen und Schulleitungen im Sinne von Professionalisierung mit ein (Rolff, 2025). Durch Maßnahmen wie fortlaufende Weiterbildung, motivierende Coachingsund Unterstützungsstrukturen, Hospitationen sowie Peer-Learning wird das Wissen um die Bedeutung der Bewegten Schule für das Schüler:innenlernen vertieft und fördert langfristig die Motivation, Bewegung fest in den Schulalltag zu integrieren (Brägger, 2017). Unter Unterrichtsentwicklung versteht Meyer (2020, S.25): „…den Prozess und die Ergebnisse individueller und gemeinsamer Anstrengungen von Lehrkräften und Lernenden zur Verbesserung der Lernund Arbeitsbedingungen im Unterricht“. Eine erfolgreiche Unterrichtsentwicklung richtet ihren Fokus darauf, den Lernerfolg der Schüler:innen zu erhöhen und die Arbeitsbedingungen im Lehrerkollegium zu verbessern (Meyer, 2020). Im Sinne der Bewegten Schule entwickeln Unterrichtteams ihre methodisch-didaktischen Kompetenzen und vertiefen ihr Fachwissen mit dem Ziel, den Unterricht derart zu gestalten, dass Bewegtes Lernen ein fixer Bestandteil des Unterrichtsgeschehens ist und dadurch bedingt die Schüler:innen aktiver am Unterrichtsgeschehen teilnehmen. Die Unterrichtsentwicklung sucht Antwort auf die Frage, wie Bewegung sinnvoll in den Lernprozess der Schüler:innen integriert werden kann, um sowohl Lernqualität und Konzentration als auch die Motivation aller Beteiligten zu steigern (Brägger, 2017). Auf Organisationsebene benötigt Schule für ihre konsequente Weiterentwicklung vor allem die Zusammenarbeit in Gruppen oder Teams. Diese gestalten und tragen den Prozess der Veränderung auch über eine länger andauernde Zeit hinweg und sind ein unverzichtbares Element der Schulentwicklung. Organisationsentwicklung versteht sich dabei als eine Einheit von Inhalt und Verfahren und ist als pädagogischer Ansatz zu sehen. Organisationsentwicklung setzt bei den Problemen des Alltags an, welche sich vor dem Hintergrund der Situationsanalyse und der Zielklärung im Entwicklungsprozess auftun (Rolff, 2025). Im Rahmen der Einführung der Bewegten Schule umfasst die Organisationsentwicklung die Ausarbeitung eines schulischen Gesamtkonzepts, die gezielte Weiterentwicklung der Schulkultur und des Schulmanagements sowie die systematische Evaluation der Schulqualität (Brägger, 2017). 2.2 Partizipation als Erfolgsfaktor Bewegung muss im Kopf der Verantwortlichen beginnen und sich auf das ganze soziale System Schule mit all seinen Beteiligten beziehen (Scholz, 2014). Lehrer:innen, Schüler:innen, Eltern und Erziehungsberechtigte sowie das gesamte pädagogische Personal sollten in den Prozess der Weiterentwicklung hin zu einer Bewegten Schule miteinbezogen werden. Nicht selten kommt es vor, dass Maßnahmen und Ziele für die Gruppe formuliert aber nicht mit ihr geplant werden (Ungerer-Röhrich, 2014). Je breiter die Mitpartizipation, desto größer stehen die Chancen für eine erfolgreiche Umsetzung. Vor allem in der Phase der Initiierung und Planung Schulentwicklung Viktoria Berzsenyi-Schweitzer & Karina Toth Schulentwicklung Viktoria Berzsenyi-Schweitzer & Karina Toth
38 39 sollten alle Beteiligten die Möglichkeit haben, ihre Sorgen und Ängste sowie die Lösung von Problemen in vielfältigen Foren und Plattformen einzubringen (Brägger, 2017). Fehlinformationen und ein Mangel an Wissen sind häufig schuld daran, dass gute Innovationen oder Reformvorhaben scheitern. Durch die gemeinsame Planung kann sich das Kollegium selbst mobilisieren und motivieren. Nach Rolff (2013) stellt eine gemeinsame Prozessplanung die Basis einer sich selbst entwickelnden Schule dar. 2.3 Zeitfaktor Neben der Partizipation ist Zeit ein entscheidender Faktor. Jede Entwicklung, die in die Tiefe geht, braucht notwendigerweise Zeit. Schulentwicklung ist ein Prozess über eine längere Zeitspanne, weil die einzelnen Schritte nicht zu groß sein dürfen und das System im Auge behalten werden muss (Bastian und Seydel, 2010). Rolff (2013) attestiert der Schulentwicklung einen chronischen Zeitmangel, welcher unter anderem daher rührt, dass im Schulalltag keine Pausen für Gespräche, Lektüre oder Reflexion eingeplant sind. So gesehen ist Schulentwicklung immer unter Zeitdruck, denn Schulen können sich nicht entwickeln, wenn keine Zeitressourcen dafür vorhanden sind (Rolff, 2013). Nach Bastian und Seydel (2010) braucht es fünf bis zehn Jahre, bis Veränderungen in Schule sichtbar und spürbar sind. Daraus resultierend empfehlen sie eine Strukturierung des Umbauprozesses in drei Zeithorizonten: (1) Was soll am Ende des laufenden Schuljahres erreicht werden? (2) Was am Ende des kommenden Jahres? (3) Was nach fünf Jahren? Auch wenn Zeit knapp ist und Schulen unter Druck stehen, ihre Schulentwicklung rasch voranzutreiben, ist ein enges Zeitfenster kein Garant für zügiges Vorankommen. Peter Senge (1996) bringt es auf den Punkt: „Schneller ist langsamer“ (S. 85). 2.4 Rolle der Schulleitung Eine wesentliche Rolle zur erfolgreichen Umsetzung kommt der Schulleitung zu. „Der Schulleiter steht dem Kollegium vor, bildet die Schnittstelle zur Schulaufsicht und hat eine zentrale Funktion im Modell der bürokratischen Steuerung“ (Bonsen, 2010, S. 277). Die Schulleitung hat einen entscheidenden Einfluss darauf, ob schulische Innovationen eingeführt und wie dauerhaft diese verankert werden. Das tradierte Rollenund Aufgabenverständnis der Schulleitung als „gute Befehlsempfängerin und -weitergeberin“ hat sich gewandelt (Schratz, 1998, S. 93). Dieses Verständnis hat einem professionellen Leitbild Platz gemacht. Im Qualitätsrahmen für Schulen werden in der Qualitätsdimension „Führen und Leiten“ die Aufgaben einer Schulleitung angeführt. Darin heißt es, dass Schulleiter:innen Führung wahrnehmen, Schule und Unterricht organisieren und entwickeln sowie Personal auswählen (BMBWF, 2021, S. 8ff.). Schulleiter:innen brauchen heutzutage insbesondere Leadershipund Managerqualitäten, um Schulen erfolgreich zu lenken. Zur Verankerung von Reformvorhaben, wie die Bewegte Schule, muss die Schulleitung den Veränderungsprozess aktiv unterstützen. Vor allem bei der Entwicklung von Kooperationsund Kommunikationsstrukturen und einer damit einhergehenden entsprechenden Schulkultur kommt der Schulleitung eine führende Rolle zu (Rolff, 2013). Dedering (2024) unterstreicht die Bedeutung der Schulleitung u.a. für die Entwicklung von Schulprogrammen wie das der Bewegten Schule, um die Ressourcen zielgerichtet einzusetzen bzw. um die Implementierung neuer innovativer Lehrund Lernmethoden und Technologien im Unterricht voranzutreiben. Brägger (2017) hält fest, dass zur erfolgreichen Einführung der Bewegten Schule am besten die Schulleitung selbst die Koordination des Prozesses übernimmt oder bei der Koordination dabei ist. 2.5 Schulentwicklungsberatung Zur Unterstützung der Schule für komplexe Aufgaben, wie der Einführung der Bewegten Schule, gibt es die Möglichkeit der externen Beratung, in Österreich unter dem Begriff „Schulentwicklungsberatung“ bekannt. Schulentwicklungsberatung (SEB) ist „… die Beratung und Unterstützung einer Schule in Organisationsentwicklung, Personalentwicklung und Unterrichtsentwicklung durch eine externe, qualifizierte Person, die zeitlich begrenzt und geplant, mithilfe verschiedener Unterstützungsformen, der Einzelschule zur Seite steht“ (BMBWF, 2024, S. 11). Zu Beginn wird nach der ersten Kontaktaufnahme in einem auftragsklärenden Gespräch eine eindeutige Abgrenzung und Klärung der Rollen und Aufgaben der jeweiligen Akteur:innen im Beratungsprozess gemacht. Im Anschluss daran erfolgen eine Bestandsaufnahme und Planung, in der die Ziele und Inhalte im Mittelpunkt stehen. Für die Bewegte Schule empfiehlt sich als Einordnungshilfe das Zahnradmodell der Bewegten Schule (Brägger, 2017). 2.6 Beispiele Bewegter Schulen Beispiele einer gelungenen systemischen Einführung der Bewegten Schule sind rar. Eine Vorzeigeschule ist die Fridtjof-Nansen-Grundschule (FNS) in Hannover, die sich als Bewegte Schule im modernen Verständnis von Gesundheitsförderung und Bewegung versteht. Die Gestaltung von Lernprozessen, Unterrichtsinhalten, der Schulorganisation sowie des Lernund Lebensraums der Schule erfolgt vor diesem Hintergrund (Scholz, 2014). Schule in Bewegung bedeutet für die FNS den Unterricht in einem lerngerechten Rhythmus zu gestalten, heißt Bewegtes Lernen und eine bewegte Pausengestaltung. Aus diesen Maßnahmen entstehen gesundheitsförderliche Organisationsstrukturen für alle Beteiligten (Städtler, 2017). Abstrakte Belehrungen über einen gesunden Lebensstil greifen zu kurz – darin sind sich die Lehrkräfte einig. Wirksam zeigt sich hingegen die ganzheitliche gesundheitsbezogene Ausrichtung der FNS, die Schüler:innen motiviert, ihre Lebensführung gesundheitsförderlich zu gestalten (Städtler, 2017). Auch in Österreich gibt es Erfolgsprojekte zum Thema Bewegte Schule, beispielsweise wird in den Schulen Abfalter (Salzburg) und Pram (Oberösterreich) Bewegung in den Schulalltag integriert (Klein, o. J.; Bewegte Schule, 2024). Das Projekt gesund.bewusst.bewegt verfolgt das Ziel, die Implementierung des Konzepts der Bewegten Schule auch verstärkt im Burgenland zu fördern. Hierzu ist es erforderlich, dass die Entwicklung hin zur Bewegten Schule von sämtlichen beteiligten Akteur:innen (Schulleitung, Lehrkräfte, Eltern und Erziehungsberechtigte) befürwortet und aktiv unterstützt wird. Darüber hinaus sollte dieses Entwicklungsvorhaben im Schulprofil gemäß den Vorgaben der gesetzlichen Grundlagen laut § 5 BD-EG der Bildungsreformgesetzgebung 2017 sichtbar verankert sein, in den aktuellen Schulentwicklungsplan integriert sowie mit den pädagogischen Leitvorstellungen der jeweiligen Bildungseinrichtung in Einklang gebracht werden. 3 Die systematische Einführung der Bewegten Schule: Vom Projekt gesund.bewusst.bewegt zur Bewegten Schule Um Bewegung und Sport in burgenländischen Volksschulen zu einem fixen Bestandteil des täglichen Schulalltags zu etablieren, wurde 2024/25 das Projekt gesund.bewusst.bewegt von der Privaten Pädagogischen Hochschule Burgenland (PPHB) ins Leben gerufen, um sowohl den Lehrkräften, den Eltern und Erziehungsberechtigten als auch den Schüler:innen die Bedeutung von Bewegung und Sport in Zusammenhang mit dem persönlichen Wohlbefinden und einem gesunden Leben näher zu bringen. Weiterführend sollen mit Hilfe der Schulentwicklungsberatung aus diesem Projekt heraus Schulen für die Einführung einer Bewegten Schule gewonnen werden. Mit Hilfe des Deutschen Motorik-Tests (Bös, 2016) bzw. der MOBAK-Testung (Herrmann, 2018) wird im Rahmen der durchzuführenden Testserie in einem ersten Schritt der Ist-Zustand der burgenländischen Kinder erhoben, um auf breiter Basis Vergleichswerte zu generieren und den Lehrkräften eine Ausgangssituation der Leistungsfähigkeit der Schüler:innen für ihren Unterrichtsalltag geben zu können. Parallel dazu wird mit Hilfe von leitfadengeführten Interviews mit Lehrpersonen evaluiert werden, was von den Akteur:innen dieser Bildungsstufen gebraucht wird, um die motorische Förderung bestSchulentwicklung Viktoria Berzsenyi-Schweitzer & Karina Toth Schulentwicklung Viktoria Berzsenyi-Schweitzer & Karina Toth
40 41 möglich umsetzen zu können, ihr Wissen über die Bewegte Schule und ihren Zugang in Erfahrung zu bringen. Als zweiter Schritt sind im Anschluss konkrete Fortbildungsmaßnahmen für Lehrkräfte und Schulen geplant. Praxisorientiert soll gezeigt werden, wie Lehrer:innen mit ihren Klassen weiterarbeiten können, um noch gezielter auf die Bedürfnisse der Kinder einzugehen. Ziel ist es, die Kinder im sportmotorischen Bereich zu fördern bzw. Bewegung sowie die Bewegte Schule mit all ihren Facetten als fixen Bestandteil des Unterrichts zu nutzen und somit zu etablieren. Eine verstärkte Verknüpfung von Theorie und Praxis soll dadurch erreicht und umgesetzt werden. Begleitend mit der Erarbeitung von Personalentwicklungsmaßnahmen unterstützt die Schulentwicklungsberatung bei der Bildung und Einführung von Unterrichtsteams und begleitet die Schule in der Unterrichtsentwicklung, um die Bewegte Schule als fixen Bestandteil des Unterrichtsund Schulalltags zu leben (Brägger, 2017). Die Unterstützungsmaßnahmen werden dabei evidenzbasiert und in Kooperation mit den zuständigen Instituten und Partner:innen zu den Zielgruppen gebracht. Mit dem Ziel, der Vielfalt des Burgenlandes in allen Diversitätsbereichen gerecht zu werden, steht dieses Projekt mit der Schulaufsicht sowie mit Akteur:innen der Primarstufe im Einklang, um diese bedarfsorientiert und evidenzbasiert in ihrem Bildungsauftrag zu unterstützen. 4 Ausblick Ziel ist es, Bewegte Schulen im Burgenland zu schaffen, in dem alle Ebenen, die laut Schulentwicklungsberatung vonnöten sind, Schritt für Schritt ins Boot geholt werden, um eine bewegungsfreundliche Lernumgebung für die Schüler:innen des Burgenlandes zu schaffen. Daher werden nach Ende der Ist-Standerhebung des Projekts gesund.bewusst.bewegt ab dem Sommersemester 2025/26 Fortbildungen im Bereich Bewegung & Sport für Lehrkräfte der Primarstufe an der PPH Burgenland angeboten, bei denen sowohl sportwissenschaftliche Grundlagen in einem Theorieblock als auch praktische Umsetzungsmöglichkeiten der Bewegten Schule in der Klasse und im Turnsaal gezeigt werden, die zum Mitmachen und Weitergeben animieren sollen. Ziel ist es, den Lehrkräften des Burgenlands Materialien und Ideen mitzugeben, die sowohl bei den Kindern als auch den Lehrkräften selbst in allen Bereichen des Unterrichts Spaß an der Bewegung vermitteln und einen aktiven Lebensstil fördern und unterstützen. Literaturverzeichnis Anrich, C. (2003). Bewegte Schule – bewegtes Lernen. Bewegung – Ein Prinzip lebendigen Fachunterrichts. Leipzig: Klett. Anrich, C. (2010). 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42 43 Scholz, Uwe, (2014). Bewegte Schulentwicklung - Eine systemische Perspektive. In: Sportunterricht, Heft 5. Schorndorf, 63, 132-135. Schratz, M. (1998). Neue Rollen und Aufgaben für Schulleitung und Schulaufsicht. In A. Dobart , A. (Hrsg.), Schulleitung und Schulaufsicht: neue Rollen und Aufgaben im Schulwesen einer dynamischen und offenen Gesellschaft. StudienVerlag, 93-116. Senge, Peter M., (1996). Die fünfte Disziplin: Kunst und Praxis der lernenden Organisation. Stuttgart: Klett-Cotta. Städtler, H. (2017). Portraits Bewegter Schulen. FridtjofNansen-Grundschule, Deutschland: Lernen mit Kopf, Herz, Hand und Fuß. In: Brägger, G., Hundeloh, H., Posse, N. & Städtler, H. (2017). Bewegung und Lernen. Konzept und Praxis Bewegter Schulen. Weinheim und Basel: BeltzVerlag, 247-252. Ungerer-Röhrich, U. (2014) Qualitäten einer guten Schulentwicklung. In: Sportunterricht, Heft 5. Schorndorf, 63, 136-141. World Health Organization, W. (2010). Global recommendations on physical activity for health. Retrieved from Geneva, Switzerland. Verena Gratzer, Michael Wukowitsch Julia Blumberger Schule gesund entwickeln: Partizipative Impulse für einen Perspektivenwechsel Ein stetiger Wandel der schulischen Rahmenbedingungen sowie die steigende Komplexität und Diversität von Unterricht fordern kontinuierliche Schulund Unterrichtsentwicklungsprozesse ein. Der Perspektivenwechsel hin zu mehr Partizipation und Empowerment von Schüler:innen im Sinne der Grundpfeiler schulischer Gesundheitsförderung (World Health Organization, 1986) eröffnet die Möglichkeit, Gesundheit in Entwicklungsprozesse zu integrieren, um reflexive und transformative Abläufe auf individueller wie institutioneller Ebene anzustoßen. Mittels der qualitativen Methode des Fotointerviews wird untersucht, wie Gesundheit standortbezogen integriert und salutogener Unterricht gestaltet werden kann. Schulentwicklung Viktoria Berzsenyi-Schweitzer & Karina Toth Schulentwicklung Verena Gratzer, Michael Wukowitsch & Julia Blumberger 1 Einleitung Gesundheit als komplexe und herausfordernde Angelegenheit determiniert, bedarf im schulischen Kontext der Partizipation von unterschiedlichen Akteur:innen mit zielgerichteter Durchsetzungskraft (Dür, 2008). Das auch in Österreich verankerte Konzept der Gesunden Schule der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erlangt dabei besondere Relevanz, denn die Ergebnisse der aktuellen Health Behaviour in School-aged Children HBSC-Studie zeigen deutliche Belastungen im psychischen und gesundheitlichen Bereich, betonen die Bedeutung des Engagements von Schulen und plädieren für eine verstärkte Einbeziehung von externen Fachleuten (Felder-Puig et al., 2023). Verdeutlicht wird, dass Schulen als zentraler Lebensraum von Kindern und Jugendlichen nicht nur Bildungsprozesse initiieren, sondern zugleich maßgeblichen Einfluss auf deren physische, psychische und soziale Gesundheit ausüben – sowohl im förderlichen als auch im potenziell belastenden Sinne. Gesundheitsförderung in der Schule wirkt demnach präventiv, chancengleichheitsfördernd und nachhaltig, wenn sie systematisch, partizipativ und ganzheitlich umgesetzt wird (Dür, 2008; 2011). 2 Gesundheitsfördernde Schulentwicklung Wurde in der früheren Ausgangsform die konzeptionelle Gesundheitspolitik als Kontrapunkt beziehungsweise günstige Variante gegen epidemiologische Entwicklungen positioniert, haben sich weltweit in unterschiedlichen Bildungssystemen Handlungsfelder, Prinzipien und Strategien entwickelt, die eng mit dem Bildungsund Erziehungsauftrag der Schulen einhergingen; die Förderung der persönlichen Gesundheitskompetenz mit dezidierter Wissensvermittlung und der Förderung von gesundheitsförderlichen Einstellungen und Verhaltensweisen wurde dabei verstärkt in der letzten Dekade an die Schulen herangetragen (Felder-Puig & Winkler, 2021). Im Sinne einer gesundheitsfördernden Schulentwicklung gilt es demnach, sämtliche Ebenen der Gesundheitsförderung wie Politik, Gemeinwesen, relevante Institutionen und Gruppen am Schulstandort, im Schulumfeld und letztendlich das Individuum bei der Entwicklung persönlicher Kompetenzen zu berücksichtigen und zu unterstützen (Ottawa Charta, 1986; Angele et al., 2021). Standortbezogene Schulentwicklung vollzieht sich dabei gemäß Rolff (2013) als triaxiale Entwicklung in den Bereichen Personal, Unterricht und Organisation. Sie ist dabei insbesondere gekennzeichnet durch ein hohes Engagement der Lehrkräfte sowie eine innovationsbereite und entwicklungsorientierte Schulleitung (Rolff, 2013). Festgehalten werden kann demnach, dass Konzepte mit hohem Selbstbestimmungscharakter, die Partizipation aller am Standort Beteiligten berücksichtigen, als besonders Gratzer, V., Wukowitsch, M. & Blumberger, J. (2025). Schule gesund entwickeln: Partizipative Impulse für einen Perspektivenwechsel. phpublico, 15, S. 43-48. https://doi.org/10.5281/zenodo.17574558