Konjunktur und Streik während des Übergangs zum Organisierten Kapitalismus in Deutschland
Abstract
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Full text
Kaelble, Hartmut; Volkmann, Heinrich Article Konjunktur und Streik während des Übergangs zum Organisierten Kapitalismus in Deutschland Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Kaelble, Hartmut; Volkmann, Heinrich (1972) : Konjunktur und Streik während des Übergangs zum Organisierten Kapitalismus in Deutschland, Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik, ISSN 0342-1783, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 92, Iss. 5, pp. 513-544, https://doi.org/10.3790/schm.92.5.513 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291286 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Konjunktur und Streik während des Ubergangs zum Organisierten Kapitalismus in Deutschland Von Hartmut Kaelble und Heinrich Volkmann, Berlin I. Daß Deutschland — wie häufig behauptet — das klassische Land der Gewerkschaftsbewegung gewesen sei, ist oft bezweifelt worden, und zumindest für den Arbeitskampf scheint dieser Zweifel angebracht. Das klassische Land der Streikforschung war Deutschland nie. Seit das Kaiserliche Statistische Amt und die Generalkommission der Freien Gewerkschaften in unterschiedlicher Absicht, aber im selben Glauben an die Möglichkeiten der Statistik darin wetteiferten, dem Phänomen des Streiks beizukommen und dabei immerhin reiches Datenmaterial ansammelten, hat es hierzulande keine nennenswerte empirische Streikforschung mehr gegeben1. Das ist um so erstaunlicher, als der Streik wie jede Manifestation sozialer Konflikte strukturelle 1 Für die bisherige quantitative Forschung zur deutschen Streikgeschichte ist es bezeichnend, daß sie fast ausschließlich — im Rahmen vergleichender Arbeiten — von nichtdeutschen Wissenschaftlern geleistet worden ist: Charles Rist: Le mouvement des grèves en France. In: Ders.: Essais sur quelques problèmes économiques et monétaires. Paris 1933; Clark Kerr u. Abraham Siegel: The Interindustry Propensity to Strike — An International Comparison. In: Arthur W. Kornhauser u.a. (Hrsg.): Industrial Conflict. New York 1954. S. 189-212; K. ForcJiheimer: Some International Aspects of the Strike Movement. Bulletin of the Oxford University Institute of Statistics Bd. 10 (1968), S. 9-31. Abgesehen von den älteren Darstellungen Karl Oldenbergs (Art. Arbeitseinstellungen. In: Handw. d. Staatsw. 3. Aufl. Jena 1909. S. 927 -964) und Maximilian Meyers (Statistik der Streiks und Aussperrungen im Inund Auslande. Leipzig 1907) haben nur DDR-Historiker quantitative historische Streikuntersuchungen veröffentlicht: Elisabeth Todt u. Hans Radandt: Zur Frühgeschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung 1800 - 1849. Berlin 1950; Elisabeth Todt: Die gewerkschaftliche Betätigung in Deutschland von 1850 bis 1859. Berlin 1950; Walter Steglich: Eine Streiktabelle für Deutschland 1864 -1880. Jahrb. f. Wirtschaftsg. 1960. Teil II. S. 235 - 283. Andere neuere Arbeiten zur deutschen Streikgeschichte stammen von: Max Jürgen Koch: Die Bergarbeiterbewegung im Ruhrgebiet zur Zeit Wilhelms II. (1889-1914). Düsseldorf 1954; Helmut Seidl: Streikkämpfe der mittelund ostdeutschen Braunkohlenbergarbeiter von 1890 bis 1914. Leipzig 1964; Helmut Kral: Streiks auf den Helgen. Die gewerkschaftlichen Kämpfe der deutschen Werftarbeiter vor dem Ersten Weltkrieg. Berlin 1964. Wolfgang Köllmann (Hrsg.) : Der Bergarbeiterstreik von 1889 und die Gründung des „Alten Verbandes" in ausgewählten Dokumenten der Zeit. Bochum 1968; Dieter Schneider: Der Streik. Begriff und Geschichte. In: Ders. (Hrsg.): Zur Theorie und Praxis des Streiks. Frankfurt 1971. 33 Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften 92,5 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:47:19
514 Hartmut Kaelble und Heinrich Volkmann Ursachen hat und daher als Indikator sozialen Wandels großen sozialhistorischen Wert besitzt. Die internationale Streikforschung ist im wesentlichen Streikursachenforschung. Nach der jeweils vermuteten Hauptursache lassen sich drei Schwerpunkte unterscheiden2: 1. Ein Teil der Forscher — vor allem in den USA — hat die Arbeitsbedingungen als Streikanlaß angesehen und — zumeist in Fallstudien — den Streik als Arbeitskonflikt im Betrieb oder in der Branche untersucht. 2. Die konjunkturelle Situation als konditionaler Streikfaktor — bisher häufigstes Thema der historischen Streikforschung — ist hauptsächlich von der französischen, aber auch der angelsächsischen Forschung betont worden. Sie hat in der Tradition von Charles Rist den Zusammenhang von Konjunkturverlauf und Streikfrequenz analysiert und die Schwankungen der Streikneigung als abhängig von den wiederum konjunkturbedingten Erfolgsaussichten interpretiert. 3. Die eigentliche Ursachenforschung — wieder in Frankreich, England und den USA — sieht den Streik als Ausdruck tiefreichender sozialer Unruhe und Unzufriedenheit und erklärt ihn aus langfristigen sozialökonomischen Basisveränderungen. Da der Zusammenhang von Arbeitsbedingungen und Streik nur schwer quantifizierbar ist und am besten in Fallstudien untersucht wird, arbeitet die folgende Untersuchung mit dem zweiten Ansatz, aber auch Teilaspekte des dritten werden berücksichtigt. Es wird primär um den Zusammenhang von Streikbewegungen und wirtschaftlichen Konjunkturen und um sozialökonomische Strukturveränderungen in der zweiten Hälfte des Kaiserreichs gehen. Dabei ist erstens zu prüfen, ob in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg tatsächlich — wie Rist vermutet hat3 — die Streikbewegungen in geradezu idealer Weise den wirtschaftlichen Aufund Abschwüngen folgen und welche Erklärungsmodelle diesen Zusammenhang am besten beschreiben. Es wird zweitens untersucht, ob sich das Streikverhalten ändert und ob diese Änderungen Rückschlüsse auf einen zugrunde liegenden Strukturwandel erlauben, der als Übergang vom Konkurrenzkapitalismus zum Organisierten Kapitalismus bezeichnet worden ist, ohne daß Zeitraum, Form 2 Zur Kategorisierung der Streikursachen vgl. K. G. J. C. Knowles: Art. Strikes. In: International Encyclopedia of the Social Sciences. New York 1968. Bd. 8. S. 500 ff. und Edward Shorter u. Charles Tilly: The Shape of Strikes in France 1830-1960. Comparative Studies in Society and History, Bd. 13 (1971), S. 61 ff., die auch die Hauptvertreter der drei Richtungen nennen. 3 Rist: a.a.O., S. 392. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:47:19
Konjunktur und Streik in Deutschland 515 und Auswirkung dieses Wandels in der Forschung schon feste Konturen gewonnen hätten. Für die quantifizierende Streikforschung ergeben sich in Deutschland besondere Schwierigkeiten aus der nach verheißungsvollem Auftakt torsohaften Streikstatistik. Kontinuierliche Datenreihen liegen für die Zeit von 1891 -1918 und das Jahrzehnt von 1923 -1933 vor. Die längste Zeitreihe umfaßt also nur 28 Jahre, darunter fünf Kriegsjahre, die für die Beantwortung der meisten Fragen aus methodischen Gründen ausscheiden. Die politische Geschichte Deutschlands — Bismarcks Sozialistengesetze, die Auswirkungen der Weltkriege, der Nationalsozialismus — spiegelt sich auch hier negativ wider4. Da eine langfristige Trendanalyse unter diesen Umständen für Deutschland nicht möglich ist, erscheint es auch von der verfügbaren Information her sinnvoll, diese erste Untersuchung auf die durch Reichsund Gewerkschaftsstatistik5 gut dokumentierte Übergangsphase zum Organisierten Kapitalismus zu beschränken, wobei der Untersuchungszeitraum nicht inhaltlich, sondern durch die Eckwerte der Streikzeitreihe auf die Jahre 1891 -1913 bestimmt wird. 4 Zur frühen deutschen Streikstatistik vgl. Karl Oldenberg: Art. Arbeitseinstellungen. In: Handw. d. Staatsw. 3. Aufl. Jena 1909. Bd. 1. S. 948 ff. — Es gälte nicht nur die Lücken in der Streikstatistik von 1919 - 1923 und nach 1933 zu füllen, wichtig wäre darüber hinaus, die Entwicklung der Streiks von der Frühindustrialisierung bis zum Beginn der Streikstatistik im Jahre 1891 zu verfolgen. Welche Schwierigkeiten diesem Vorhaben entgegenstehen, zeigt die Stagnation der Streikforschung in der DDR, wo die in Fußn. 1 genannten verdienstvollen, aber noch unzureichenden Arbeiten von Todt, Radandt und Steglich bisher ohne Nachfolge geblieben sind. 5 Angaben zur Streiktätigkeit finden sich in: Correspondenzblatt der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands, Jg. 1 (1891) ff.; Stat. Jahrb. f. d. Deutsche Reich, Jg. 22 (1901) ff. und, ausführlicher, Statistik des Deutschen Reichs, Bde. 134, 141, 148, 157, 164, 171, 178, 188, 195, 230, 239, 249, 259, 269, 278. Reichsund Gewerkschaftsstatistik stimmen nicht überein. Die Reichsstatistik stützte sich vor allem auf Unternehmerangaben und Polizeiberichte. Die freien Gewerkschaften zählten nur Streiks, an denen ihre Mitglieder beteiligt waren, hatten darüber aber die besseren und vollständigeren Informationen. Bis 1905 liegen die Zahlen der Gewerkschaftsstatistik unter denen der Reichsstatistik, nach 1905 darüber. In dieser Entwicklung spiegelt sich u. a. die bessere Information der Gewerkschaften wider, die sich um so stärker in der Statistik auswirkt, je größer der Einfluß der Freien Gewerkschaften auf die Streikbewegungen wird. Im allgemeinen gehen die Differenzen auf unterschiedliche Erhebungsmethoden zurück, in manchen Rubriken — etwa bei der Beurteilung des Erfolgs — haben sie indessen nicht nur methodische Gründe. Zum kritischen Vergleich beider Statistiken siehe Correspondenzblatt, Jg. 10, Nr. 35 v. 3. 9. 1900, S. 6 ff.; Jg. 11 (1901), S. 461; Jg. 12 (1902), S. 865 - 872; Jg. 13 (1903), S. 837-843; Statistik des Deutschen Reichs, Bd. 178, S. 1 ff. Vgl. auch Maximilian Meyer: a.a.O., S. 3-26 und Karl Zwing: Die Geschichte der deutschen Freien Gewerkschaft. Jena 1922. Kapitel „Statistik". — Da es in diesem Aufsatz nicht um absolute Zahlen, sondern um Trendveränderungen geht, können beide Statistiken herangezogen werden. Ihr Korrelationsgrad ist hoch: r = 0,94. Wenn im allgemeinen das Gewerkschaftsmaterial benutzt wird, so vor allem deshalb, weil es acht Jahre früher einsetzt als die Reichsstatistik. 33* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:47:19
516 Hartmut Kaelble und Heinrich Volkmann II. Das Problem der Abhängigkeit sozialer und politischer Entwicklungen vom wirtschaftlichen Konjunkturverlauf ist für Deutschland in den letzten Jahren vor allem in den Arbeiten von Hans Rosenberg und Hans-Ulrich Wehler diskutiert worden6. Kennzeichnend war dabei, daß es sich um einen von der Geschichtswissenschaft bis dahin kaum reflektierten Zusammenhang handelte. Wie bereits bemerkt, gilt das für die Abhängigkeit der Streikbewegungen vom Konjunkturverlauf international gesehen nicht. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Problem hat in Frankreich vor mehr als einem halben Jahrhundert begonnen und ist zwischen den beiden Weltkriegen von amerikanischen und britischen Sozialwissenschaftlern aufgegriffen worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie am intensivsten wiederum in Frankreich geführt. Diese Debatte hat Ergebnisse gebracht, die sich als relativ gesicherte Arbeitshypothesen verwenden und den Zusammenhang von Konjunkturbewegung und Streiks mit einer gewissen Skepsis betrachten lassen. Zwar hat sich in den Untersuchungen für Frankreich, Großbritannien und die USA herausgestellt, daß Streikkonjunktur und Wirtschaftskonjunktur grundsätzlich recht stark ineinanderschwingen, daß also in Phasen steigender Konjunktur auch die Zahl der Streiks wuchs, in Phasen wirtschaftlicher Stockung Streiks seltener wurden7; aber die Vorbehalte und Einschränkungen dürfen dabei nicht übersehen werden: 1. Ein enger Zusammenhang mit der Streikentwicklung ließ sich nur bei wenigen Konjunkturindikatoren nachweisen, in der Regel bei den Großhandelspreisen und der Beschäftigungsrate. Von der Lohnund Produktionsentwicklung war die Streikfluktuation meist sehr viel unabhängiger. 2. Eine Korrelation zum Konjunkturverlauf zeigt nur die 6 Hans Rosenberg: Große Depression und Bismarckzeit. Berlin 1967. — Hans-Ulrich Wehler: Bismarck und der Imperialismus. Köln u. Berlin 1969. Das statistische Material läßt den Ansatz Rosenbergs im vorliegenden Fall nicht zu. Sein Ausgangspunkt, die langen "Wechsellagen, erfordern Streikzeitreihen von 40 - 50 Jahren. Daß dieser Ansatz bei günstigerer Materiallage auch für die Streikforschung übernommen werden kann, läßt vermuten: Alvyn H. Hansen: Cycles of Strikes. American Economic Review, Vol. XI (1921), S. 616-621. 7 Zu Frankreich vgl. für die Zeit 18901914: Rist: a.a.O., S. 388 ff.; Michèlle Perrot: Grèves, grévistes et conjoncture. Vieux problèmes, travaux neufs. Le mouvement social, Nr. 63 (1968), S. 109 ff.; Edgard Andréani: Grèves et fluctuations. La France de 1890 à 1914. Paris 1968. S. 113 ff.; André Marchai: L'action ouvrière et la transformation du régime capitaliste. Paris 1943. S. 33 ff.; Jean Bouvier: Mouvement ouvrier et conjonctures économiques. In: Ders.: Histoire économique et histoire sociale. Genf 1968. S. 46 f. (mit Angabe weiterer Untersuchungen). Für die USA im gleichen Zeitraum vgl. John J. Griffin: Strikes. A Study in Quantitative Economics. New York 1939. S. 45 ff.; Hansen: a.a.O., S. 616 ff.; Dale Yoder: Economic Changes and Industrial Unrest in the United States. Journal of Political Economy, Vol. XLVIII (1940). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:47:19
Konjunktur und Streik in Deutschland 517 Zahl der Streikfälle, nicht hingegen die Zahl der Streikbeteiligten oder die Streikdauer. 3. Die Streikzahlen wachsen und schrumpfen zwar grundsätzlich im Rhythmus der wirtschaftlichen Aufschwünge und Stockungen; das Ausmaß der Zuoder Abnahme hängt dagegen offensichtlich nicht von der konjunkturellen Situation ab8. Schon diese Ergebnisse zeigen, daß die Konjunkturentwicklung nur eine Streikbedingung war und daß ein monokausales, den Einfluß anderer Faktoren ausschließendes Modell für die Analyse der Streikfluktuation ungeeignet wäre. Auch die vorliegende Untersuchung erhebt deshalb nicht den Anspruch, eine umfassende Erklärung für die Streikfluktuation vor 1914 zu bieten. Die Auffassungen über die Vermittlungsmechanismen zwischen Konjunkturbewegung und Streikfluktuation gehen weit auseinander, lassen sich aber auf zwei Grundmodelle, das Protestmodell und das Anpassungsmodell, zurück führen. Das Protestmodell: Dieses sieht die Streikdisposition des Arbeiters vor allem in Abhängigkeit von der Entwicklung seiner materiellen Existenzbedingungen. Da konjunkturelle Aufschwünge seit der Frühindustrialisierung zugleich Phasen der Preissteigerung waren, erhöhten sich auch die Preise für Lebensmittel und andere Konsumgüter. Der Lebensstandard der Industriearbeiter blieb dabei nur dann erhalten, wenn sich die Lohnentwicklung der Preisentwicklung anpaßte. Wenn dies nicht automatisch über den Marktmechanismus geschah, der bei zunehmender Nachfrage nach Arbeit zu höheren Löhnen führte, so mußte diesem Mechanismus nachgeholfen werden: Der sinkende Reallohn während des wirtschaftlichen Aufschwungs treibt den Arbeiter in den Streik; das ist — auf eine knappe Formel gebracht — der älteste ökonomische Erklärungsversuch der Streikzyklen. Er orientiert sich an den Indikatoren des Lebensstandards — an Konsumgüterpreisen, Lebenshaltungskosten und Löhnen — und ist daher an ihnen zu überprüfen. Für die USA und Frankreich ist das für die Zeit vor 1914 bereits geschehen. Weitgehende Übereinstimmung besteht nur über den Zusammenhang von Streiks und Großhandelspreisen in den USA. Griffin, 8 Die unterschiedliche Abhängigkeit von einzelnen Konjunkturindikatoren ergibt sich aus: Andréani: a.a.O., S. 118 ff. (Großhandelspreise, Industrieproduktion, Rohstoffimport, Einzelhandelspreise, Nominalund Reallohn), Griffin: a.a.O., S. 63 ff. (Großhandelspreise, Nominallohn), Rist: a.a.O., S. 385 ff., 403 ff. (Export, Beschäftigung), Robert Goetz-Girey: Le mouvement des grèves en France 1919 à 1962. Paris 1965. S. 132 ff. (Großhandelspreise, Beschäftigung, Sozialprodukt, Industrieproduktion), Y oder: a.a.O., S. 224 ff. (Reallohn, Preise). Zu 3. vgl. Eric Hobsbawm: Economic Fluctuations and Some Social Movements Since 1800. In: Ders.: Labouring Men. Studies in the History of Labour. London 1964. S. 147 f.. — Bouvier: a.a.O., S. 56 f. und Rist: a.a.O., S. 414. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:47:19
518 Hartmut Kaelble und Heinrich Volkmann Yoder und Hansen haben mit unterschiedlichen Untersuchungsmethoden festgestellt, daß die Streikfluktuation seit der Mitte der neunziger Jahre, also etwa seit dem Ende der „Großen Depression", den Schwankungen der Großhandelspreise gefolgt ist. Die Löhne lassen in den USA keinen engen Zusammenhang mit der Streikbewegung erkennen. Yoder hat die Reallöhne mit der Zahl der Streiks verglichen und nur für einzelne Jahre Entsprechungen gefunden. Griffin, der Nominallöhne verwandt hat, ist ebenfalls zu keinen eindeutigen Ergebnissen gekommen9. Detailliertere Untersuchungen liegen für Frankreich vor. Hier hat zuletzt Andreani für die Zeit von 1890 -1913 Großhandelspreise, Lebenshaltungskosten, Nominallöhne und Reallöhne mit Streikreihen verglichen. Nach seinen Ergebnissen folgen die Streiks — im Gegensatz zu den USA — am engsten den Nominallöhnen. Bei den Großhandelspreisen haben sich ebenso wie bei den Reallöhnen und Lebenshaltungskosten keine deutlichen Korrelationen feststellen lassen10. Während sich aus den bisherigen amerikanischen Forschungsergebnissen das Protestmodell weder bestätigen noch verwerfen läßt, zeigt die Untersuchung der französischen Streiks eindeutig keine der vom Protestmodell her zu erwartenden Zusammenhänge: Weder entwickelten sich die Nominallöhne gegenläufig zu den Streiks, noch schwangen Streiks und Preise oder Lebenshaltungskosten ineinander. Die entsprechenden Zeitreihen zur Überprüfung des Protestmodells für Deutschland sind in Abb. 1 grafisch dargestellt11. Das Schaubild ® Griffin: a.a.O., S. 63 ff., 69 ff.; Yoder: a.a.O., S. 236 f.; Hansen: a.a.O., S. 616 ff. Dieses Ergebnis muß eingeschränkt werden: Yoder hat neben anderen Verfahren auch den linearen Korrelationskoeffizienten berechnet und erhielt dabei keine deutliche Korrelation. Rees gesteht den Untersuchungen von Griffin, Yoder und Hansen nur eine begrenzte Aussagekraft zu, weil jährliche und nicht monatliche Zeitreihen verwandt wurden. Offensichtlich stehen jedoch für die USA ebenso wie für Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg keine monatlichen Daten zur Verfügung. Rees selbst untersucht den Zusammenhang zwischen Streiks und Konjunktur erst ab 1915. Vgl. Albert Rees: Industrial Conflict and Business Fluctuations. Journal of Political Economy, Vol. LX (1952), S. 371 f. 10 Andreani: a.a.O., S. 118. 11 Die der Graphik zugrunde liegenden Daten sind Tab. I im Anhang entnommen. Die Berechnung des Abhängigkeitsindex (i) ist eine mathematische Form des visuellen Kurvenvergleichs, i setzt die Differenz der Jahre gleicher (C) und gegenläufiger (D) Wachstumsrichtung in Beziehung zur Gesamtzahl der Jahre (n), für die G — D Daten zur Verfügung stehen. Aus der Formel i = ergibt sich, daß i ein sehr n empfindlicher Indikator ist, der sich zwischen + 1 (gleiche Wachstumsrichtung in allen Jahren) und — 1 (ungleiche Wachstumsrichtung in allen Jahren) bewegt, wobei die Abhängigkeit gegen 0 abnimmt. Auf den in den meisten neueren Untersuchungen angewandten Korrelationskoeffizienten (r) ist hier verzichtet worden. Während beim „visuellen" Kurvenvergleich der Gesamtablauf erkennbar bleibt, hat die mathematische Korrelation vor allem den Nachteil, daß der Vergleich zweier Zeitreihen auf eine einzige Zahl zusammenschrumpft. Strukturveränderungen im Abhängigkeitsverhältnis der Zeitreihen lassen sich daher aus dem Koeffizienten ebensowenig erkennen, wie die Zahl der Jahre, die vom üblichen EntwicklungsOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:47:19
Konjunktur und Streik in Deutschland 519 4000 100% . 90 A . 80 3000. / \ /V / \ . 70 / /—^ \ n ^ . 60 aooo. V / Yi ^ / \ / / . 50 v V / . 4o / • 50 1000. y^vsX ./ v v . 20 Streiks -und fj ... * 10 Aussperrungen ^— Streikerfolg: 18?1 2 5 6 T 0 ? 00 1 2 J ^ 5 6 ? 8 ? 10 1 2 W5 in ?o 100 yv ^J?* . 90 \ / V Y/S \ y/ .... 80 •Sv-.. . 70 . 6o - 50 . 40 . 50 Index der: . 20 _Großhandels preise . 10 Lebenshai tungsNominal löhne 18?1 2 3 ^ 5 6 T 8 9 001 2 J 4 5 6 7 8 ?10 1 2 191? Abb. 1: Streik und Konjunktur muster abweichen — beides Fragen, auf die sozialhistorische Analysen kaum verzichten können. Zwar bietet auch der Abhängigkeitsindex nur eine einzige Zahl, aber die Ausnahmen sind bei der Berechnung faßbar, lassen sich leicht zusammenstellen und in die Interpretation aufnehmen. Zudem eignet sich i besser zum Vergleich kurzfristiger Schwankungen als r, das den Trend stärker berücksichtigt. Obwohl es im Zusammenhang von Konjunktur und Streik ausschließlich um den Vergleich kurzfristiger Schwankungen geht, wäre es gerade für historische Fragen bedenklich, den Trend bei der Berechnung des Abhängigkeitsindex ganz auszuschalten. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:47:19
520 Hartmut Kaelble und Heinrich Volkmann zeigt auf den ersten Blick, daß wir es mit zwei unterschiedlichen Kuryentypen zu tun haben. Gegenüber der dynamischen Streikkurve mit ihren weiten Ausschlägen erscheinen die Konjunkturindikatoren relativ unbewegt. Am ehesten weist noch die Entwicklung der Großhandelspreise eine gewisse Ähnlichkeit mit der Streikfluktuation auf. Sie hat ebenfalls drei deutlich markierte Gipfel, die den Höhepunkten der Streikkurve mit Verzögerung folgen. Das könnte auf einen Zusammenhang zwischen Streiks, Lohnerhöhung und Preisauftrieb hinweisen, aber die mangelnde Konstanz der Verzögerung läßt eine solche Deutung nicht zu. Bei 10 Jahren gleicher Wachstumsrichtung von insgesamt 22 Jahren ergibt sich ein Abhängigkeitsindex von i = — 0,09. Noch weniger augenscheinlich ist nach Ausweis des Kurvenbildes der Zusammenhang von Streikhäufigkeit und Lebenshaltungskosten. Nur ein Wendepunkt ist beiden Kurven gemeinsam, und nur die Hälfte der Jahre zeigt dieselbe Wachstumsrichtung, daher i = 0. Auch der Nominallohn entwickelte sich nicht, wie es nach dem Protestmodell zu erwarten wäre, nämlich gegenläufig zur Streikhäufigkeit. Bei einem gemeinsamen Wendepunkt und bei 8 Jahren gegenläufiger Wachstumsrichtung war i, das hier gegen — 1 tendieren müßte, + 0,18. Da die geringstmögliche Abhängigkeit bei i = 0 liegt, ist das Ergebnis dieses Kurvenvergleichs in allen drei Fällen negativ. Nun ließe sich einwenden, daß nicht die absolute Entwicklung von Preisen, Löhnen und Lebenshaltungskosten, sondern deren Wachstumsschwankungen, ihre langsamere oder schnellere Zunahme den Eindruck von der Entwicklung des Lebensstandards formen, der wiederum die Streikneigung bestimmt. Deshalb sind in Tab. 1 unter den bereits genannten Abhängigkeitswerten für die absolute Entwicklung auch die entsprechenden Werte für den Zusammenhang von Streikhäufigkeit und Wachstumsraten der drei Konjunkturindikatoren aufgeführt: Bei den Wachstumsraten ist der Zusammenhang zweifellos größer, aber er bleibt noch immer schwach. Überdies kann das bessere Ergebnis z. T. auf die Dynamisierung der im Vergleich zur Streikhäufigkeit bewegungsarmen Indexreihen zurückgehen. Wie ist dieser Befund zu interpretieren? Sinkender Lebensstandard findet als unmittelbares Streikmotiv keine überzeugende Bestätigung. Das heißt freilich nicht, daß er als Streikursache ausscheidet. Ebenso Denn die Trendbereinigung korrigiert die einzelnen Daten der Zeitreihe um einen Durchschnittswert, in den alle Daten der Zeitreihe eingegangen sind. Der streikende Arbeiter konnte aber nur auf die jeweils reale und für ihn überschaubare Preisoder Lohnentwicklung reagieren, nicht auf synthetische, um Vergangenes und Zukünftiges bereinigte Werte. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:47:19
Konjunktur und Streik in Deutschland 527 Ein weiteres Argument dafür, daß Streikplanung den Zusammenhang von Konjunkturbewegung und Streikfluktuation mitbestimmte, sind Äußerungen der Gewerkschaftsorganisationen. Auch wenn die Rolle der Gewerkschaften bei Streiks noch nicht genügend geklärt ist, besteht kein Zweifel, daß die Konjunkturbeobachtung für die Streikempfehlung der Freien Gewerkschaften von zentraler Bedeutung war21. Für sie galt die Regel, daß im wirtschaftlichen Abschwung und während der Depression Streiks besonders wenig erfolgreich waren22, daß andererseits „die kurze Spanne Zeit der günstigen Wirtschaftskonjunktur ... von der Arbeiterschaft ausgenützt werden [sollte]"23. In der erfolgsorientierten Zeitwahl der Streiks zeigt sich die Tendenz der Gewerkschaftsführung, das Streikverhalten zu rationalisieren. III. Die Streikund Konjunkturanalyse hat zwar mit Material gearbeitet, das z. T. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zurückreicht, aber auf historische Fragestellungen weitgehend verzichtet. Ökonomen und Konflikttheoretiker suchten eine wissenschaftliche Entscheidungshilfe für die praktischen Bedürfnisse von Gewerkschaften, Unternehmerverbänden und Staat; an der Einordnung der Ergebnisse in den langfristigen Zusammenhang der wirtschaftlichen Entwicklung und der Arbeiterbewegung waren sie nicht interessiert. Zwei Ausnahmen sind zu erwähnen: 1. Hansen ist in seiner bereits zitierten Untersuchung, die Streikzahlen der USA über eine längere Zeit hinweg verfolgt, als es für Deutschland möglich wäre, zu dem Ergebnis gekommen, daß sich Streikfluktuation und Konjunkturverlauf in den verschiedenen Phasen der langen Wellen, den rund 50 Jahre dauernden Konjunkturzyklen, unterschiedlich verhalten haben. In Perioden langfristig steigender Preise schwangen sie ineinander, in Perioden langfristig fallen21 Vgl. zu Streikfluktuationen: Correspondenzblatt Jg. 6 (1896), S. 169, Jg. 9 (1899) S. 278, Jg. 18 (1908), Anhang I S. 197, Jg. 19 (1909), Anhang I S. 202, Jg. 20 (1910), Anhang I S. 193, Jg. 21 (1911), Anhang I S. 198, Jg. 23 (1913), Anhang I S. 201; zur Dauer: Jg. 9 (1899), S. 274; zu Angriffund Abwehrstreiks: Jg. 5 (1895) S. 164, Jg. 9 (1899) S. 274, Jg. 11 (1901) S. 453, Jg. 19 (1909), Anhang I S. 202; zum Streikerfolg: Jg. 3 (1893) S. 112, Jg. 13 (1903) S. 616, Jg. 15 (1905) S. 653, Jg. 18 (1908), Anhang I S. 197, Jg. 19 (1909), Anhang I S. 201 f., Jg. 21 (1911), Anhang I S. 200; bisher ist offen, welche Konjunkturindikatoren außer der Arbeitslosenquote (im Correspondenzblatt regelmäßig veröffentlicht) von den Gewerkschaften beobachtet wurde. 22 Ebd., Jg. 3 (1893) S. 114, ebenso Jg. 12 (1902) S. 414, Jg. 13 (1903) S. 624, Jg. 21 (1911), Anhang I S. 201. 23 Ebd. Jg. 21 (1911), Anhang I S. 205. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:47:19
528 Hartmut Kaelble und Heinrich Volkmann der Preise — wie etwa in der „Großen Depression" von den siebziger bis zu den neunziger Jahren — entwickelten sie sich gegenläufig. Diese Ergebnisse könnten darauf hindeuten, daß die Geltung der in Teil II diskutierten Modelle im Zusammenhang mit den langen ökonomischen Wechsellagen gesehen werden muß. Ob das Protest-Modell für die Abschwungphase einen ebenso hohen Erklärungswert hat wie das Anpassungsmodell für die Aufschwungphase, kann nur eine spezielle Untersuchung erweisen und ist hier nicht zu entscheiden. 2. Hobsbawm hat seiner Studie24 über Formwandel und Ursachen sozialer Bewegungen seit 1800 die drei Entwicklungsphasen der kapitalistischen Wirtschaft als Periodisierungsschema zugrunde gelegt: erstens die Vorbereitung der Industrialisierung, zweitens die Periode des klassischen Wettbewerbs und drittens den organisierten Kapitalismus — bei Hobsbawm „State and Corporation capitalism". Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt in der ersten und zweiten Phase, wobei der „ökonomischen Wasserscheide" zwischen beiden — für Westeuropa auf etwa 1850 datiert — auch eine Änderung des Protestverhaltens entspricht. In der vorund frühindustriellen Wirtschaft häuften sich die Proteste, darunter auch Streiks, nicht während des Aufschwungs, sondern in der Krise. Die Depression begann im Agrarsektor, meist als Folge von Mißernten, und beeinflußte den gewerblichen Sektor durch Knappheit und Teuerung von Rohstoffen und Nahrungsmitteln sowie durch sinkende Kaufkraft der Agrarbevölkerung. Mangelnde Nachfrage dieses Hauptabnehmers gewerblicher Produkte bedeutete Arbeitslosigkeit und sinkende Löhne. So gerieten die gewerblichen Unterschichten von der Lohnund Kostenseite unter Druck. Eine besondere Schärfe der vorund frühindustriellen Krise lag darin, daß Tiefpunkt der Depression und Höhepunkt der Lebenshaltungskosten tendenziell zusammenfielen. Dieser fatale Mechanismus konnte sich zudem ungehindert auswirken, da die schwach entwickelte Infrastruktur einen raschen überregionalen Ausgleich des Nachfrageüberhangs nur selten zuließ und sozialund wirtschaftspoli24 Eric Uobsbaivm: Economic Fluctuations and some Social Movements since 1800. Economic History Review, N.S. Vol. V (1952) S. 1 -25; wieder abgedruckt in: Ders.: Labouring Men. London 1964. S. 126 -157. — Die Ergebnisse dieses Aufsatzes, der für die historische Konfliktforschung eine Pionierleistung gewesen ist, können hier nur in schematischer Vereinfachung wiedergegeben werden. Das gilt insbesondere für die sehr differenzierte Untersuchung der Streikursachen und -formen der Industriewirtschaft, deren reale Entwicklung die der Periodisierung zugrunde liegenden Bedingungskonstellationen selten in idealtypischer Reinheit, sondern durchweg in unterschiedlicher Mischform und Gemengelage zeigt. — Das von Hobsbawm benutzte Modell der vorindustriellen Krise ist von Ernest Labrousse (Esquisse du mouvement des prix et des revenues en France au XVIIIe siècle. Paris 1933) entwickelt worden. Vgl. dazu Wilhelm Abel: Hungersnöte und Absatzkrisen im Spätmittelalter. In: Otto Brunner u.a. (Hrsg.): Festschrift für Hermann Aubin zum 80. Geburtstag. Bd. 1. Wiesbaden 1965. S. 3 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:47:19
Konjunktur und Streik in Deutschland 529 tische Instrumente zur Krisendämpfung nahezu völlig fehlten. Ohne Organisation und Perspektive blieb den Betroffenen nur der spontane Protest: Wie die Krise vom „angien type" (Labrousse) die ökonomischen Fluktuationen noch weit über den Beginn der Industrialisierung hinaus geprägt hat, so der Typus der Brotrevolte die Form und den Rhythmus des sozialen Protests. Mit dem Übergang zur Phase des klassischen Wettbewerbs und der Durchsetzung der zyklischen Wirtschaftskrisen begann sich auch das Protestverhalten zu ändern. Die Entstehung der Arbeiterschaft und ihre vielzitierte Disziplinierung wäre als ausschließlich passive Anpassung an die Bedingungen der industriellen Wirtschaft mißverstanden. Sie war zugleich ein aktiver Lernprozeß der zunächst materiellen, dann auch politischen Selbstbehauptung unter diesen Bedingungen. Dieser Lernprozeß spiegelt sich quantitativ in den wachsenden Streikzahlen und qualitativ in der Streikmassierung in Zeiten konjunkturellen Aufschwungs: Die kollektive Arbeitsverweigerung wurde nicht nur als das dem ökonomischen Entwicklungsstand angemessene Mittel der Interessenwahrung erkannt, sondern auch zunehmend rationaler angewandt. Das ist, soweit es die im Aufsatz gebotene Kürze und der quantifizierende Ansatz gestatten, in Teil II gezeigt worden. Es werden nun die quantitativen Veränderungen untersucht, denen die Streikbewegung in Deutschland während des Übergangs zur dritten Phase unterworfen war, die hier als „Organisierter Kapitalismus" bezeichnet werden soll. Dieser Begriff ist neuerdings von Wehler und Kocka in die deutsche Wirtschaftsund Sozialgeschichte eingeführt worden25 und soll zwei sozialökonomische Grundveränderungen im Deutschland des späten 19. und/oder frühen 20. Jahrhunderts erfassen: erstens den Abbau der klassischen Konkurrenzwirtschaft und die verstärkte Konzentration innerhalb der Wirtschaft, sei es durch Entwicklung von Kartellen wie besonders intensiv in der Schwerindustrie, sei es durch die Entstehung von Konzernen wie im Bankensektor, in der Elektround chemischen Industrie, zweitens die wachsende Verflechtung von Staatsverwaltung und Wirtschaft. Zeitlich parallel zur wirtschaftlichen Konzentration setzte dieser Prozeß in seinen ersten Anfängen im Anschluß an die Gründerkrise mit verstärktem staatlichem Interventionismus ein. Das Problem einer genaueren Datierung des Übergangs zum Organisierten Kapitalismus ist allerdings bisher 25 Vgl. Hans-Ulrich Wehler: Theorieprobleme der modernen deutschen Wirtschaftsgeschichte (1800-1945). In: Gerhard A. Ritter (Hrsg.): Entstehung und Wandel der modernen Gesellschaft. Festschrift für Hans Rosenberg zum 65. Geburtstag. Berlin 1970. S. 82 ff. — Jürgen Kocka: Unternehmensverwaltung und Angestelltenschaft am Beispiel Siemens 1847 -1914. Stuttgart 1969. S. 315 ff. 34 Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwisscnsdiaften 92,5 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:47:19
530 Hartmut Kaelble und Heinrich Volkmann noch nicht aufgegriffen worden und daher zu umfangreich, um hier behandelt werden zu können. Mit diesen beiden Komponenten des Organisierten Kapitalismus hängt nun eine dritte zusammen, die für die Analyse der Streikbewegung wichtig ist: die forcierte Entwicklung der Verbände und der zunehmend höhere Organisationsgrad in den Konflikten und Beziehungen zwischen Unternehmern und Arbeitern. Die Verflechtung von Staatsverwaltung und Wirtschaft und die Entstehung eines Systems von Interessenverbänden sind eng zusammengehörende Prozesse. Der von Interessenverbänden mitgetragene, verstärkte staatliche Interventionismus und imperialistische Expansionismus zog eine Ausweitung verbandlicher Tätigkeitsfelder im Bereich der Interessenpolitik (als Gutachter, Informationsträger, Veranstalter von Enqueten usw.) nach sich. Die Attraktivität der Verbände gegenüber ihren Mitgliedern nahm damit zu, umgekehrt stieg dadurch ihr Gewicht gegenüber der Staatsverwaltung. Ebenso hat die wirtschaftliche Konzentration die Entstehung von Verbänden gefördert, sei es, daß die Kartelle und Syndikate Organisierungsneigungen unter Unternehmern einübten und verstärkten, sei es, daß sie den Verbänden Potential vor allem finanzieller und personeller Art zur Verfügung stellten. Diese forcierte Entwicklung der Unternehmerverbände hat die Bedingungen für Streiks geändert, da sie das Fundament für die arbeitsteilig operierenden Arbeitgeberverbände bildeten, die anfangs vor allem als Instrumente der Unternehmer in Streikkonflikten dienten und schon vor 1914 bis hin zu zentralen Organisationen ausgebaut worden sind. Auf der anderen Seite stieg im Übergang zum Organisierten Kapitalismus der Organisationsgrad der Arbeiter. Die geschilderte Verflechtung von Staatsverwaltung und Wirtschaft und die als Folge der Organisation gegebene Koordination der Unternehmer im Arbeitskampf verschärfen den Konflikt mit der Arbeiterschaft, erleichterten deren Organisierbarkeit und erhöhten ihre organisierte Disziplin. Auch auf der Arbeitnehmerseite verband sich organisatorisches Wachstum mit Zentralisierungstendenzen, wie die steigenden Mitgliederzahlen der Berufsverbände und die zunehmende Beteiligung der Generalkommission der freien Gewerkschaften an Arbeitskonflikten erkennen lassen. Die erfolgreiche Entwicklung der Gewerkschaften regte wiederum die Organisationsbereitschaft der Unternehmer an. So vollzog sich in wechselseitiger Verstärkung ein dialektischer Prozeß der Organisierung von Unternehmern und Arbeitern. In den eineinhalb Jahrzehnten von 1890 bis 1905 vervielfachte sich die Mitgliederzahl der Gewerkschaften in Deutschland. Kurz vor der Jahrhundertwende setzte eine Welle von Verbandsgründungen der Arbeitgeber ein, die schließlich OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:47:19
Konjunktur und Streik in Deutschland 531 mit der Bildung zweier Spitzenverbände (1904) einen Höhepunkt erreichte. Damit bestanden die organisatorischen Voraussetzungen für die Rationalisierung des Arbeitskampfes. Sie zeigt sich nicht nur in der geschilderten Tendenz zur konjunkturgerechten Zeitwahl, sondern auch in einem Wandel der Streikformen. In seiner frühen Entwicklungsphase war der Streik gekennzeichnet durch starke spontane Elemente und wenig Organisation. Er begann aus akutem Anlaß, erreichte in sprunghaftem Anschwellen schnell seinen Höhepunkt. Blieb er ohne Erfolg, so lief er meist in einem Prozeß langsamen Abbröckeins aus, häufig ohne ein förmliches Ende zu finden. Der langen Streikdauer entsprach eine niedrige durchschnittliche Teilnehmerzahl, der geringen Streikdisziplin der häufige Konflikt mit den staatlichen Ordnungskräften. In diesem denkbar unökonomischen Einsatz des Streiks spiegelt sich nicht nur die Schwäche der jungen Arbeiterbewegung, sondern auch der niedrige Entwicklungsstand der deutschen Wirtschaft allgemein. Kleine Betriebseinheiten und beschränkte Kommunikationsmöglichkeiten ließen größere koordinierte Streikaktionen kaum zu. Erst im Verlauf der weiteren industriewirtschaftlichen Entwicklung, ihrer institutionellen Verfestigung, der Ausbildung und Organisation der unterschiedlichen ökonomischen, sozialen und politischen Interessen kam es dann zur Formalisierung der daraus resultierenden Konflikte und des Konfliktaustrags. Funktion und Physiognomie des Streiks änderten sich. Mit zunehmendem Einfluß der Gewerkschaften verdrängte die Organisation die Spontaneität. Aus der defensiven Arbeitsverweigerung als Protest gegen schlechte Arbeitsbedingungen wurde die kalkulierte Demonstration der Stärke im Kampf um bessere Arbeitsbedingungen. Sie sollte bei möglichst geringen Kosten möglichst effektiv sein. Entsprechend tendierte die durchschnittliche Streikbeteiligung nach oben, seine Dauer und unkontrollierte Militanz nach unten. Der moderne ökonomische Streik ist häufig kurz und beteiligungsstark. Er ist zentral geplant, organisiert und gesteuert26. Die neuen Methoden des Konfliktaustrags haben sich nur allmählich, in einem kontinuierlichen Lernprozeß und gegen erhebliche Widerstände durchgesetzt. Die gewerkschaftlichen Rationalisierungsbemühungen sahen sich einer gegenläufigen Tendenz konfrontiert, die sich aus der analogen Strategie der Unternehmer ergab: Der Einsatz des organisierten Potentials beider Seiten konnte zu Arbeitskämpfen von bisher unbekanntem Ausmaß an Dauer und Beteiligung führen — es sei nur an die großen Ausstände der Bergarbeiter erinnert27. 26 Zur „Physiognomie" des Streiks vgl. Shorter und Tilly: a.a.O, S. 66 ff. 27 Wie und mit welchem Erfolg sich in diesem Kräftefeld die Ausformung des neuen Streikverhaltens im einzelnen vollzog, kann daher nur eine spezielle Unter34* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:47:19
532 Hartmut Kaelble und Heinrich Volkmann Im Gegensatz zu allen anderen Streikkriterien weicht die Streikhäufigkeit zunächst von der erwarteten Entwicklung ab. Anstatt einer weiteren Steigerung trat ab 1906 eine Yerlangsamung der Streikzuwachsraten ein. Bis 1908 könnte das — wie für die Wirtschaftskrise von 1901/02 — aus der konjunkturellen Situation erklärt werden. Spätestens mit dem Aufschwung ab 1910 hätten aber auch die Streikzahlen wieder schneller wachsen müssen. Doch die Wachstumsstörung setzte sich fort. Zwischen 1893 und 1900 betrug die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate der Streiks 24%. Sie sank zwischen 1900 und 1905 auf etwas über 21% und stürzte dann nach 1905 auf 2%. Die Schärfe dieses Bruchs verdeutlicht folgende Überlegung: Hätte man 1900 aufgrund der damaligen Erfahrungen eine Streikprognose für das Jahr 1905 versucht, so wäre die Realität von der Projektion nur um 26% verfehlt worden. Dasselbe im Jahre 1905 für 1913 unternommen, hätte eine Differenz zur Wirklichkeit von 80% ergeben28. Der Zeitpunkt der Wachstumswende läßt sich nicht präzise festlegen, doch fällt er ohne Zweifel in die Endphase jener Entwicklung, die hier als Übergang zum Organisierten Kapitalismus bezeichnet worden ist und die tendenziell zu einer weiteren Zunahme der Arbeitskämpfe hätte führen müssen. Es soll deshalb untersucht werden, welche Faktoren den erwarteten Trend gestört haben. Da die Wachstumsabschwächung der Industrie und der gewerkschaftlichen Organisation die Stagnation des Streikwachstums allenfalls partiell erklären kann29, dürften die ausschlaggebenden Ursachen im Wansuchung klären. Wir beschränken uns hier weiterhin auf den einen Aspekt der Streikhäufigkeit. 28 Die Wachstumsraten beziehen sich nicht direkt auf die Streikzahlen. Um Verzerrungen durch Extremwerte einzelner Jahre zu vermeiden, sind zunächst gleitende Fünfjahres-Durchschnitte der Streikzahlen und aus diesen „geglätteten" Werten dann die Wachstumsraten errechnet worden. Die Darstellung stützt sich auf die Zahlen der Generalkommission. Die Reichsstatistik ergibt kein wesentlich anderes Bild. Von 1901 bis 1905 wuchs nach ihren Angaben die Zahl der Streiks durchschnittlich noch um 15 ®/o pro Jahr, von 1905 bis 1911 sank sie dagegen um knapp 1%). Audi diese Berechnung basiert auf gleitenden Fünfjahres-Durchschnitten. 29 Nach der Jahrhundertwende verlangsamte sich das Wachstumstempo der Industrie und entsprechend auch das der Industriearbeiterschaft: Betrug die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate der industriell Beschäftigten und damit des Hauptteils des Streikenden-Potentials zwischen 1893 und 1900 noch 3,4 %, so sank sie für die Zeit von 1900 bis 1905 auf 2,7%, zwischen 1905 und 1911 auf 2,5%. Die Mitgliedszahlen der Freien Gewerkschaften stiegen zwischen 1893 und 1900 um 22 %, zwischen 1900 und 1905 noch um 17'%, von 1906 bis 1911 dagegen nur noch um knapp 9% jährlich (Berechnung wie in Fußn. 28 angegeben). In beiden Fällen zeigen sich also Veränderungen, die nach den Jahren stürmischer Entwicklung eine gewisse Sättigung und den Beginn einer Phase langsameren Wachstums andeuten. Das könnte parallele Erscheinungen im Streikverhalten erklären, nicht aber einen Rückgang der Streikzuwachsrate von 24<Vo (1893-1900) auf 10% (19001911), d. h. einen Wachstumsbruch. Die Stagnation des Streikwachstums zeigt 6ich auch OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:47:19
Konjunktur und Streik in Deutschland 533 del der Konfliktformen zu suchen sein, die wiederum im engen Zusammenhang mit der Ausbildung des Organisierten Kapitalismus stehen und den Wachstumsbruch der Streikhäufigkeit als ein Kennzeichen der Übergangsphase erscheinen lassen. 1. Die gewerkschaftlich geförderte Tendenz zum beteiligungsstarken Streik mußte die Streikzuwachsraten drücken: Weniger, aber dafür größere Streiks könnten an die Stelle einer Vielzahl kleinerer Ausstände getreten sein. In gewissem Umfange ist das sicher geschehen. Doch einen so kräftigen und „termingerechten" Anstieg der durchschnittlichen Streikbeteiligung, daß damit der Wachstumsbruch erklärt werden könnte, hat es nicht gegeben. Nach den Zahlen der Generalkommission berechnet, betrug die durchschnittliche Teilnehmerzahl pro Streik (inkl. Aussperrungen) 1890 -1894 87 1895 -1899 122 1900-1904 89 1905 -1909 107 1910-1913 124 Zudem zeigte sich der Wachstumsbruch nicht nur in der Zahl der Streiks, sondern auch in der Zahl der Streikenden. Hier lag die durchschnittliche Wachstumsrate 1893 -1900 und 1900 -1905 bei 32 % bzw. 29%, 1905-1911 dagegen bei wenig mehr als 2 °/o30. dann, wenn man den Einfluß der genannten Faktoren ausschließt, indem man die Streikfrequenz auf die Zahl der industriell Beschäftigten bzw. gewerkschaftlich Organisierten bezogen mißt: Durchschnitt der Jahre Streiks und Aussperrungen fmnnnn auf 10 000 auf 100 000 n i i r* T, ! . ^ irewerkschaitsBeschaftigte , ° mitgheder 1891 -1894 1,8 4,4 1895 -1899 9,1 15,6 1900 - 1904 13,2 13,3 1905 -1909 27,0 14,8 1910 -1913 27,5 12,2 Quellen: Beschäftigte: Franz Grumbach und Heinz König: Beschäftigung und Löhne in der deutschen Industriewirtschaft 1888 - 1954. Weltw. Archiv, Bd. 79 (1957), S. 128 f. Gewerkschaftsmitglieder: Zwing: a.a.O., S. 112. Streikzahlen: Vgl. Anhang Tab. I. 30 Berechnet auf der Grundlage von Fünfjahres-Durchschnitten nach den Angaben der Gewerkschaftsstatistik. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:47:19
534 Hartmut Kaelble und Heinrich Yolkmann 2. Weitaus wichtiger als der noch zögernde Formwandel des Streiks ist in diesem Zusammenhang sein Funktionswandel. Andere, streiklose Methoden des Arbeitskampfes gewannen so schnell und so stark an Bedeutung, daß die Gewerkschaftsstatistik sie seit 1905 in ihrer Berichterstattung gesondert aufführte. Nach dieser Statistik stieg die Zahl der „Bewegungen ohne Arbeitseinstellung" um durchschnittlich 12% im Jahr (Abb. 3)31. Hier gab es keinen Wachstumsbruch: Die streiklose Bewegungen in gleitenden Fünfjahres-Durchschnitten Streiks, ohne Aussper- . run gen in gleitenden Fünf- . jahres-Durchschnitten 8000 7000 6000 5000 ¿fOOO 2000 2000 L000 1900 12 67 89 10 12 19135 Abb. 3: Streik und streiklose Bewegungen31a 31 Die Berechnung erfolgte nach den Angaben im Correspondenzblatt, Jg. 24 (1914), Anhang I, S. 282 (Tab. 30). — Vgl. auch Rist: a.a.O., S. 417. — Als „Bewegung ohne Arbeitseinstellung" bezeichneten die Gewerkschaften alle kollektiven OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:47:19
Konjunktur und Streik in Deutschland 535 Arbeitskonflikte nahmen auch im Jahrzehnt vor dem Weltkrieg weiterhin schnell zu. Was sich änderte, war die Art ihrer Austragung. Die neuen Formen des organisierten Konflikts erlaubten eine Strategie abgestufter Konfliktverschärfung. Der Streik war nicht mehr die einzige Waffe der Arbeiter, sondern stand — zumindest nach der Theorie der Gewerkschaft — als wirksamstes Druckmittel am Ende einer ganzen Reihe von Arbeitskampfformen und wurde erst eingesetzt, wenn diese versagt hatten32. Im organisierten Konflikt konnte die Drohung mit dem Streik eine Bedeutung gewinnen, wie zuvor nur der Streik selbst. Dieser partielle Funktionswandel erklärt seinen sinkenden Anteil an den Arbeitskonflikten insgesamt und den Wachstumsbruch der Streikhäufigkeit. Machten die Streiks 1905 noch 39% aller „Bewegungen" aus, so 1913 nur noch 22 %33. Die ständige Möglichkeit des Streiks, seine „latente Kraft", wie Bernstein formulierte, verlieh den vorgeschalteten Formen der Auseinandersetzung überdies eine ähnliche Effizienz. Die Entwicklung der Konfliktresultate von 1905 -1913 (Tab. II im Anhang) zeigt das deutlich. Bereits 1905 wurden 64% aller Arbeitnehmererfolge streiklos erzielt und nur 33 % in Streiks. 1913 war der Anteil der Streiks noch weiter gesunken. Nun stellte sich das Verhältnis auf 77% : 19%. Dieser Rückgang wird noch klarer und zugleich verständlicher, wenn man den Erfolg auf die am Arbeitskampf Beteiligten bezieht. Ein streikender Arbeiter hatte in den Jahren 1905 -1913 eine recht konstante Erfolgschance von etwa 45 %. Für den an streiklosen Bewegungen Beteiligten betrug sie ebenso konstant 78%. Diese Differenz fällt um so stärker ins Gewicht, als der Streik mit erheblichen materiellen und psychischen Belastungen verbunden war. Sie lassen sich für den betroffenen Arbeiter nicht quantitativ fassen34. Aber die Aufwendungen der Gewerkschaften bieten für den materiellen Aspekt einen brauchbaren Ersatz und erklären das auch finanzielle Interesse der Organisation an einem sparsamen Einsatz der Streikwaffe. Den Freien GewerkAktionen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen, die nicht zu Streiks und/oder Aussperrungen führten. 31a Die der Grafik zugrunde liegenden Daten sind Tab. II im Anhang entnommen. 32 Die Einstellung der Freien Gewerkschaften zum Streik hat in Eduard Benisteins Beitrag zur Massenstreikdebatte (Der Streik. Sein Wesen und sein Wirken. Frankfurt 1906.) ihre klassische Darstellung und Begründung gefunden. Für Bernstein war der Streik ein gewerkschaftliches Kampfmittel unter vielen mit der deutlichen Tendenz zur „ultima ratio". Ebd., S. 33, 37. 33 Berechnet nach den Angaben im Correspondenzblatt, Jg. 24 (1914), Anhang I, S. 282 (Tab. 30). 34 Oldenberg (a.a.O., S. 922) schätzt allein den durchschnittlichen Lohnvcrlust eines streikenden Arbeiters im Jahre 1904 auf 60 Mark. Das ist nicht wenig, wenn man nach derselben Quelle den durchschnittlichen Monatslohn für diese Zeit mit 80 - 100 Mark ansetzt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:47:19
536 Hartmut Kaelble und Heinrich Volkmann Schäften entstanden nach eigenen Angaben35 von 1905 -1909 Streikkosten in Höhe von 27,6 Mio. Mark. Das sind 65 Mark pro erfolgreich Streikenden im Durchschnitt des Jahrfünfts, ein Betrag, der auf 85 Mark im Durchschnitt der Jahre 1910 -1913 anstieg. Dabei ist die gewerkschaftliche Unterstützung Ausgesperrter, die ja auch zu den Kosten des Erfolgs gehört, nicht einmal berücksichtigt. Im Vergleich dazu kosteten die streiklosen Erfolge pro Person fast nichts, etwa 40 Pfennig (1905-1909) bzw. 90 Pfennig (1910-1913). Bei aller Aussagekraft für die Methodenpräferenz der Gewerkschaften im Arbeitskampf darf der Kostenvergleich freilich nicht überinterpretiert werden. Denn nur vollzogene Streiks konnten den Ernst der Streikdrohung demonstrieren, in deren Klima auch streiklose Erfolge gediehen. Unter der Voraussetzung des formalisierten Konflikts, d. h. der Bindung der Gegner an Regeln der Auseinandersetzung, die ihr Verhalten wechselseitig kalkulierbar machen, müssen Streiks — über ihr Nahziel hinaus — als Investitionen für streiklose Erfolge verstanden werden. So gesehen sinkt der Kosten-Erfolgs-Quotient erheblich: Die Aufwendungen der Gewerkschaften pro erfolgreich an einem Arbeitskampf Beteiligten stellen sich dann für beide Vergleichszeiträume auf rd. 20 Mark36. Eine Folge der geschilderten Entwicklung und zugleich der vielleicht beste Einzelindikator für die organisationsabhängigen Veränderungen im Verhältnis von Arbeitern und Unternehmern in dieser Zeit ist die sprunghaft wachsende Zahl von Tarifverträgen. Um die Jahrhundertwende waren sie noch äußerst selten37. Am 31. 12. 1912 bestanden bereits für 15 % aller industriell Beschäftigten kollektive Lohnvereinbarungen38. An der Spitze lag das traditionell gut organisierte Druck35 Berechnet nach den Angaben im Correspondenzblatt, Jg. 24 (1914), Anhang I, S. 282-284 (Tab. 30, 33, 34, 35). — Die Streikkosten betrugen: 27 636 882 Mk (1905 -09), 34 566 785 Mk (1910-13); die Aufwendungen für streiklose Bewegungen: 746 438 Mk (1905 -09), 2 160 848 Mk (1910-13). Die den Lokalorganisationen entstandenen Kosten sind in diesen Beträgen nicht enthalten. 36 Die Kosten der Freien Gewerkschaften für alle „Bewegungen ohne und mit Arbeitseinstellung" betrugen 47 656 342 Mk (1905 -09) und 61 740 274 Mk (1909 bis 1913) (ebd., Tab. 30). Dividiert durch die Zahl der an Bewegungen Beteiligten ergibt sich für beide Perioden ein Erfolgsaufwand von 19,80 Mk. 37 Verläßliche Zahlen fehlen. Waldemar Zimmermann (Art. Tarifverträge. In: Handw. d. Staatsw. 3. Aufl. Bd. 7. Jena 1909. S. 1094) läßt sie „erst im neuen Jahrhundert in Deutschland . .. tiefgreifende öffentliche Bedeutung erhalten". In diesem Art. auch Zahlen ab 1903. Vgl. auch Fanny Imle: Die Tarifverträge zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern in Deutschland. Jena 1907. S. 77 ff. 38 Beschäftigtenzahl nach Grumbach und König: a.a.O., S. 129. Die kontinuierliche Tarifstatistik beginnt in Deutschland für 1908 als Zählung der jährlich neu in Kraft getretenen Tarifverträge. Die wesentlich aufschlußreichere Bestandserfassung setzt 1912 ein mit dem 7. Sonderheft zum Reichsarbeitsblatt unter dem Titel: Die Tarifverträge im Deutschen Reich am Ende des Jahres 1912. Berlin 1913. Die Freien Gewerkschaften haben die Angaben des Kaiserlich Statistischen Amtes in ihren CorOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:47:19
Konjunktur und Streik in Deutschland 543 55 :3 I « S g g 0 ¿8 § g C i g i ~ S ^ ^ .-5 'S ^ ^ o C 3 2 -S ® 60 S TO v - i-a «-> n t Ü.JJ g O 3 tß ¡3 C5 0> i T! .3 3 tc s k-i D ^ ö D g j.S« " ~ * £ § U« « M g ^ <U - C m/J <U ü «T tvi • , er! r S'H « ^ £ (D "Ö SN o -s s ~ s g > Ü .¡3 « w ^ -r, «-I H 5 13 1-1 <Z 'SSO c <V 5 hl 5 1 S e-ä* ö 2 £ öo ^ -S 2 S J 5 • M .5 i H N N £ T3 « o -M u, S S ^ Ö g d « « Ö g ^ :3 S W).C CN « 5 i^3 t ? ^ öw £ CS 3 I ~ " S ^ S * -O'so uflaisttgS-r I» £ I ^ss 58. V .ss-SS ¿ssnissg ^ 1 g-Ssw^"^^ S«£.g Sil js -S^-S > . E-t § 2 5 •• e »Je ii, Sa 2 -s-.i ^ i 2 "ö .M so ^ «7. «y? S 2 cd S - N o ^^ PJ ^Q s g^ jo« g Ä | ^gOg Ö -Ja .2 ^Scn « s 3 « § 5 ? . 'S O g. ^ cn (N g -g O. 5 a« ü ns 5 a S "On T; ^ X bnX ^ «'S ö-S g.stl'S -§ ^^ Q ° S)« ö H ^ 00 Jc!.^ ö| s « £ O^ 'S § Q . .«llJ^ g-sLa-a-gf ¿s .-sw g« .""i-g h| Itia ¡s Sil O II S2 -lülss-al SS «¿'S. 2 ««o Sa W § «3. iSi s° 1 i|« 3 IS S -o"3 s ,§ Qj "Sül-S-i J_> r-" . x LrJ «5 ri ^ —I aj l , MJU r! -M t» « £ S ^ « ^¿O ® Sfl S Scot, -3 '"S^ «H^-t fi «M- • -2 "» 3 S - > .5 B TS . ^ es o h g" gs tl GS I § ^ „^•s®-3 =ll ¿S 3 §>8 1 ^ -S^g-s g^ z (J fj 3 -H ft ^ (_, 2 Oo\ rT a i J H m 2 ¡».sssTi-S! «II J 08 11 I § H ö N JnH w fcDoW O PC5 ,—I Q CH <1 M "C ^ C^ s • CM vo IN! 00 CD Q) Q) Q) Q) "S a ö ß. a, a. cn CO CO CO CO CO CO OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:47:19
544 Hartmut Kaelble und Heinrich Volkmann b£ a 3 b£ OJ CQ e 3 ns fl 3 £ 'S o Erfolgreiche Streiks (6) in fl/o der erfolgreichen Lohnbewegungen (5) TO* CO<NlOt^-rf<i—ILOi—ION COCO<N<N<N<N<N<Nr-l Streiks (3) in °/o d. Lohnbewegungen (2) t^ 0\OOr-t(NCOCOCOlO<N MMfJrtNINNlNN Streikerfolg VO 1 372 2 025 1 531 994 1 195 1576 1956 1717 1510 Erfolg von Bewegungen etc. (2) W 4 108 6 308 6 071 3 676 4 892 7 599 7 897 8 061 7 901 Bewegungen ohne Arbeitseinstellung 2 968 4 647 5 067 3 607 4 507 6 496 6 756 7 136 7 372 Streiks s 2 070 3 059 2 469 1795 1839 2 224 2 707 2 469 2173 Bewegungen mit u. ohne Arbeitseinstellung c? 5 291 8127 7 859 5 659 6 552 9 690 9 670 9 961 9 972 Jahr 1—1 1905 1906 1907 1908 1909 1910 1911 1912 1913 Dh CD bß fl 3 m CD s a CO 3 -i N H co CD i—I i_T 00 ^ <N W> . 3 CD et •a 4 Tf IN ti « J2 fl i-Q 'S N Jd Ö Ci »» ns " fl TS a> o 3 u f-t Ui o 3 U VO <N co ö a. .o« OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.5.513 | Generated on 2023-04-04 11:47:19
