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Ernährungshilfe und Bevölkerungsvermehrung in der Welt

Ungern-Sternberg, Roderich von

Abstract

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Ungern-Sternberg, Roderich von Article Ernährungshilfe und Bevölkerungsvermehrung in der Welt Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Ungern-Sternberg, Roderich von (1961) : Ernährungshilfe und Bevölkerungsvermehrung in der Welt, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 81, Iss. 4, pp. 55-65, https://doi.org/10.3790/schm.81.4.55 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/290974 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Ernährungshilfe und Bevölkerungsvermehrung in der Welt Von Rode rieh von Ungern-SternbergKirchzarten Seitdem die allgemeine Rationalisierung der Lebensführung im westeuropäischen Kulturkreis sich auch im Bereich der intimsten Liebesbeziehungen durchgesetzt hat und die Geburteneinschränkung zu einem anhaltenden Rückgang des BewölkeTirngswachstums führt, ist die Diskrepanz zwischen der Bevölkerungsvermehrung in Westeuropa und in den osteuropäischen, besonders aber in den außereuropäischen Ländern, immer größer geworden, wie aus den folgenden Angaben, die repräsentativ sind für die natürliche Bevölkerungsbewegung in den betreffenden Kulturkrei&en, ersichtlich ist: Natürliche Bevölkerungsbewegung für 1958 — 1959 — 1960, je 1000 Einwohner 1958 1959 1960 In der Bundesrepublik Geburtenhäufigkeit 17,0 17,6 17,7 Sterblichkeit 10,8 10,8 11,3 Geburtenüberschuß 6,2 6,8 6,4 In der DDR Geburtenhäufigkeit 15,6 16,9 . •. Sterblichkeit 12,7 13,3 ... Geburtenüberschuß 2,9 3,6 ... In Frankreich Geburtenhäufigkeit 182 18,4 17,9 Sterblichkeit 11.2 3 3,3 U,4 Geburtenüberschuß 7,0 7,1 6,5 In Großbritannien Geburtenhäufigkeit 16.8 16,9 17,5 Sterblichkeit 11,7 11,7 11,5 Geburtenüberschuß 5,1 5,2 6,0 In Italien Geburtenhäufigkeit 17,9 18,4 18,4 Sterblichkeit 9,4 9,3 9.6 Geburtenüberschuß 8,5 9,1 8,8 In Schweden Geburtenhäufigkeit 14.2 14,1 13,6 Sterblichkeit 9,6 9,5 10.0 Geburtenüberschuß 4,6 4,6 3,6 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.81.4.55 | Generated on 2023-04-04 11:30:36 56 Roderich von Ungern-Sternberg 440 1958 1959 1960 In S i» a n i e n Geburtenhäufigkeit Sterblichkeit Geburtenüberschuß 21,8 9,0 12,8 21,9 8,9 13,0 In USA Geburtenhäufigkeit Sterblichkeit Geburtenüberschuß ............ 24,3 9,5 14,8 24,1 9,4 14,7 23,5 9,4 14,1 In der Sowjetunion Geburtenhäufigkeit Sterblichkeit Geburtenüberschuß 25,3 7,2 18,1 25,0 7,6 17,4 24,9 7,2 17,7 In Polen Geburtenhäufigkeit Sterblichkeit Geburtenüberschuß 24,9 8,6 16,3 22,4 7,5 14,4 In Indien Geburtenhäufigkeit Sterblichkeit Geburtenüberschuß 21,5 11,2 10,3 25,7 12,1 13,6 ... In Brasilien Geburtenhäufigkeit Sterblichkeit Geburtenüberschuß 1950 43,0 20,6 22,4 ... In Argentinien Geburtenhäufigkeit Sterblichkeit Geburtenüberschuß 22,6 8,0 14,6 22.3 8,1 14,2 In Japan Geburtenhäufigkeit Sterblichkeit Geburtenüberschuß 17,5 7,4 10,1 17,1 7.5 9.6 In Ägypten Geburtenhäufigkeit Sterblichkeit Geburtenüberschuß 1950/54 43,8 18,4 25,4 1956 47.6 18,9 28.7 1957 36 8 17,4 19,4 Der statistischen Übersicht ist zu entnehmen, daß die weitere Bevölkerungszunahme in der Welt vor allein durch die hohe Geburtenhäufigkeit und die — gegenüber weiter zurückliegenden Jahren — abnehmende Sterblichkeit in Asien, Mittelund Südamerika und in Afrika bewirkt werden wird. Die>3 sind aber zugleich die Gebiete, in denen die Ergebnisse der Getreideernten vergleichsweise sehr niedrige und schwankende sind. Wie gering sie sind, ergibt ein Vergleich der Prohektarerträge in landwirtschaftlich hochentwickelten Ländern, wie zB. Dänemark oder Holland, mit den Erträgen in Indien oder OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.81.4.55 | Generated on 2023-04-04 11:30:36 441 Ernährungshilfe und Bevölkerungsvermehrung in der Welt 57 Ägypten: während die Erträge in Weizen in Dänemark und Holland durchschnittlich 37 bis 40 dz je ha1 erreichen, konnten bisher in Indien nur 7 bis 8 dz, in Ägypten 18 bis 20 dz je ha im Bereich des Nilgebiets erzielt werden. Hinzu kommt, daß die Extensivität, mit dem der Ackerbau in Indien z. B. betrieben wird, große Schwankungen in den Jahresdurchschnitten mit sich bringt. Infolgedessen herrscht in Indien alljährlich in einigen Gebieten, infolge von schlechten Ernten, Unterernährung oder Hunger. Diese Tatsache ist erst neuerdings weiten Kreisen der westeuropäischen Welt ins Bewußtsein gekommen, und hat dazu geführt, daß die Frage, wie dem Übel -der Unterernährung abzuhelfen wäre, die öffentliche Meinung heute stark bewegt. Dabei wird häufig in sensationeller Aufmachung2 das Gespenst des Hungers infolge einer „beängstigenden und bedrohlichen Zunahme der Bevölkerung der Erde"3 den Lesern als etwas Unbestreitbares und Unabwendbares hingestellt, ohne Kenntnis der einschlägigen Literatur, in der bereits im Jahre 19254 u. a. von namhaften deutschen Autoren nachgewiesen worden ist, daß die Tragfähigkeit der Erde für ieiine öehr viel größere Menschenzahl als die gegenwärtige ausreicht. Alois Fischer schätzt die Tragfähigkeit der Erde, ausgehend von gewissen Prämissen hinsichtlich des jeweils wünschenswerten Lebensstandards und der im Jahre 1925 verfügbaren technischen Mittel auf 6,2 Milliarden Menschen. Die Schätzungen anderer Forscher liegen alle noch viel höher: die Penks bei 10 Milliarden, die des Statistikers K. Ballod schwankt zwischen 2,3, 5,6 und 22,4 Milliarden, je nachdem, ob die Menschen einen amerikanischen, einen deutschen oder einen japanischen Lebensstandard für angemessen halten. W. Fuchs schätzt den menschlichein Fassungsraum der Erde auf 10 Milliarden, wenn die ganze bebaubare Fläche nach den heute bekannten besten Methoden bearbeitet wird. F. Baade5 nimmt zu diesem Problem wie folgt Stellung: „Der Versuch einer Abschätzung führt uns aber zu dem Ergebnis, daß bei einer Weltproduktion in der Größenordnung von 15 Milliarden Tonnen Getreidewert auf der Erde 30 Milliarden Menschen und bei einer solchen von 19 Milliarden Tonnen 38 Milliarden Menschen ernährt werden können." 1 Siehe Statist. Jahrb. der Bundesrepublik., Intern. Teil Abt. D 2 Die „Zeit", Nr. 5, 1960. 3 Siehe die Rede von Chandresekhar in „Economics of International Migration". Proceedings of a Conference held by the International Economic Assiciation. 1958. — Siehe u. a. R. Demoll in „Mensch ohne Nahrung" im Sammelwerk „Im Schatten der Technik", S. 279. 4 Siehe Heft 10 und 11 1925 der Zeitschr. f. Geopolitik. 5 Der Wettlauf zum Jahr 2000, S. 65. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.81.4.55 | Generated on 2023-04-04 11:30:36 58 Roderich von Ungern-Sternberg 442 Von einer allgemeinen „Übervölkerung" der Erde kann nicht die Rede sein. Es handelt sich lediglich um eine Übervölkerung bzw. um einen überwindbaren Mangel an Lebensmitteln in einzelnen Gebieten der Erde, wobei meist völlig unbeachtet bleibt, daß gleichzeitig in anderen Erdteilen große Überschüsse an Getreide erzielt werden und noch viel höhere erzielt werden könnten. Die Malthusianische Art, die Tatsache zu übersehen, daß die Bevölkerungszunahme in der Welt begleitet wird von einer anhaltenden Steigerung der Lebensmittelerzeugung, wird von den Malthusianem bereits seit jetzt 160 Jahren verschwiegen oder unterbewertet und behauptet, da& Schreckgespenst einer „explosiven" Bevölkerungsvermehrung sei nur durch sofortige künstliche Geburteneinschränkung zu bekämpfen. Es kann gewiß nicht Aufgabe der Bevölkerungspolitik sein, eine unterschiedslose schrankenlose Vermehrung der Bevölkerung als wünschenswert hinzustellen. Es wäre im Gegenteil, in der gegenwärtigen Situation, erwünscht, daß die asiatischen und afrikanischen Völker ihre Bevölkerungsvermehrung einschränkten, weil infolge der stark rückläufigen Sterblichkeit (Bekämpfung der Seuchen!) die gegenwärtige Ernährungslage, in einigen asiatischen und afrikanischen Ländern, sich immer wieder als unzulänglich erweist, der Bevölkerung eine genügende Ernährung zu sichern, solange nicht aus den Ergebnissen der Weltgetreideernte, in einer organisierten Weise, alljährlich den darbenden Gebieten die erforderlichen Mengen zugeführt werden, eine Aufgabe, der sich die Food and Agriculture Organisation bei den UNO zu unterziehen hätte. Was nun die Propaganda der künstlichen Geburteneinschränkung in den asiatischen und afrikanischen Ländern anbelangt, so muß man sich gegenwärtig halten, daß diese Propaganda im ganzen islamitischen und hindustaniseben Kulturkreis und innerhalb der Negerbevölkerung Afrikas, keine Aussicht hat, zu bewirken, daß eine in demographischer Hinsicht ins Gewicht fallende Verminderung der Geburtenhäufigkeit erzielt werden kann, weil diese Propaganda auf große religiöse und gewohnheitsmäßige Widerstände stößt. Kenner des Islams sind der Überzeugung, daß vom Standpunkt der islamitischen Religion eine künstliche Geburteneinschränkung undenkbar ist, weil schon im Koran der Grundsatz vertreten wird, daß Gott die Menschen, bei aller Armut, zu ernähren weiß. Allerdings ist darauf hinzuweisen, daß dies« religiöse Überzeugung heute nicht mehr ganz uneingeschränkt gilt. In Ägypten z. B. hat die Regierung seit 1955 eine öffentliche Diskussion darüber zugelassen, ob es erlaubt und zweckmäßig sei, die Größe der Familie einzuschränken. Die Ansichten hierüber stoßen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.81.4.55 | Generated on 2023-04-04 11:30:36 443 Ernährungshilfe und Bevölkerungsvermehrung in der Welt 59 hart aufeinander6 und einstweilen findet die Propaganda der Geburteneinschränkung einige Anhänger allenfalls in den sozial aufgerückten Kreisen, die von westeuropäischen Einflüssen nicht unberührt sind. Es sind aber doch schon in Ägypten Kliniken eröffnet worden, die in Fällen von Krankheit, also mit medizinischer Indikation, und einer großen wirtschaftlichen Notlage der Familie, Unterbrechungen der Schwangerschaft vornehmen können sowie Auskunft über Vorbeugungsmittel zu erteilen befugt sind. Die giroße, des Lesens unkundige Masse bleibt aber einstweilen von diesen Veranstaltungen völlig unberührt und vermehrt sich in Ägypten in herkömmlicher Weise außerordentlich schnell, wozu die Polygamie und das sehr niedrige Heiratsalter wesentlich beitragen. Man muß eich auch gegenwärtig halten, daß bei primitiven und armen Menschen deT Sexualgenuß ein konkurrenzloser ist, dem sich der Mensch ohne Bedenken hingibt, so daß, abgesehen von religiösen Hemmungen, allein schon die geistige Verfassung einer primitiven Bevölkerung im islamitischen und hindustanischen Kulturkreis einer Einschränkung der Geburtenhäufigkeit die größten Widerstände entgegensetzt2. Allerdings, es ist ein Irrtum anzunehmen, der vorbeugende Geschlechtsverkehr und die absichtliche Schwangerschaftsunterbrechung seien neuzeitliche Errungenschaften und primitiven Völkern unbekannt. Mittel zur Abtreibung der Leibesfrucht sind in Westeuropa bereits im 15. Jahrhundert bekannt und in Gebrauch gewesen. Dies kann man daraus schließen, daß eine Medizinalordnung den Apothekern untersagt, solche Mittel zu verkaufen. Gelegentlich werden audi Mittel genannt, so vor allem der Gebrauch deö Sevenbaumes7. Würde die Fruchtbarkeitsperiode der Frauen stets unbeschränkt ausgenutzt worden sein, dann wäre die Bevölkerungszunahme in der Welt noch viel schneller vor sich gegangen. Mit Einschränkung wird man der Ansicht von Norman E. Hirnes zustimmen können, wonach "the desire to control conception, as distinct from its general practice is nearly as old as the social history of man, reaching back into the dim and remote beginnings of social life .. . Trace« of such knowledge and practice have been found in virtually every important historical epoch and culture"8. Der Wunsch, die Geburtenhäufigkeit einzuschränken, ist bei der Frau naturgemäß viel stärker als beim Mann. Männer primitiver Kulturstufen haben diesen Wunsch überhaupt nicht. Die Frau, auf 6 Mohemond Seklani »La fécondité dans les pays arabes«, in: Population Nr. 5, 1960. 7 Mitgeteilt durch Dr. Jägel, Nürnberg. 8 Bericht auf dem Bevölkerungs-Kongreß, Paris 1937. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.81.4.55 | Generated on 2023-04-04 11:30:36 60 Roderich von Ungern-Sternberg 444 der die ganze Bürde des Gebarens, der Ernährung und Aufzucht der Kinder lastet, ist, wenn sie bereits Mutter zahlreicher Kinder ist, meisten teils gewillt, den Verkehr im Sinne des coitus interruptus auszuüben. Sie stößt aber auf den sexuellen Egoismus des Mannes. Ohne sein Einverständnis kann die Frau aber ihr Verhalten bei Ausübung des Verkehrs im Sinne des coitus interruptus kaum erreichen, weil sie der physisch schwächere Partner ist. In islamitischen und indostanischen Kulturkreisen ist die Frau gegenwärtig noch viel zu wenig emanzipiert, um gegen den Willen des Mannes aufzubegehren und sich so zu verhalten, daß die Schwängerung verhindert wird. Es ist nicht anzunehmen, daß in absehbarer Zeit in dieser Hinsicht in den genannten Kulturkreisen sowie unter den afrikanischen Negern sich in dieser Hinsicht etwas Wesentliches ändern kann und die westeuropäische Verhaltensweise sich durchsetzt. Infolgedessen wird in Ostasien die starke Bevölkerungsvermehrung, vor allem infolge des Rückganges der Sterblichkeit, anhalten. Man darf sich auch nicht irremachen lassen durch die Tatsache, daß in Japan nach der Niederlage im zweiten Weltkrieg die Regierung sich gezwungen gesehen hat, Anstalten zu treffen, die geeignet sind, die Bevölkerungsvermehrung im Wege der künstlichen Geburteneinschränkung zu bremsen und damit auch Erfolg hat. Audi in China, wo seit 1955 gleichfalls die Regierung bestrebt ist, die Bevölkerungsvermehrung zu bremsen, ist es möglich, daß gewisse Erfolge erzielt werden, weil sowohl in Japan wie in China religiöse Hemmungen gegenüber einer künstlichen Geburteneinschränkung nicht bestehen und die Mentalität der Bevölkerung eine wesentlich andere ist als in islamitischen und hindustanischen Kulturkreisen. Mithin sind die Aussichten, die Bevölkerungsvermehrung in Ostasien in absehbarer Zeit wesentlich einzuschränken, sehr gering, und die ganze Propaganda, durch mechanische oder chemische Mittel die Geburtenfrequenz einzuschränken, kann allenfalls als ein zeitweiliger, wenn auch sehr wenig aussichtsreicher Notbehelf angesehen werden, als eine zeitweilige Übergangsmaßnahme, solange durch eine Steigerung der Weltgetrrideernte und eine ausgleichende alljährliche Verteilung dieser Ernte, d. h. im Wege einer weltumspannenden Nahrung smittelpolitik nicht wirkungsvoll gegen gebietsweise Mißernten vorgegangen wird. Man hat geltend gemacht, daß bei fortschreitender Industrialisierung asiatischer und afrikanischer Länder sich auch das Verhalten der Bevölkerung in der generativen Frage ändern würde. Ob das tatsächlich eintreten wird, ist eine Frage an die Zukunft, die heute nicht entschieden werden kann. Jedenfalls liegt es viel näher, darauf hinzuwirken, durch Steigerung der Ergebnisse der Weltgetreideernten OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.81.4.55 | Generated on 2023-04-04 11:30:36 445 Ernährungshilfe und Bevölkerungsvermehrung in der Welt 61 der zunehmenden Bevölkerung die erforderlichen Nahrungsmittel bereitzustellen. Ob daö möglich ist, ob bei einer Weltbevölkerung von rund 6 Milliarden, wie sie voraus sichtlich in 50 Jahren erreicht werden wird, die erforderliche Menge an Lebensmitteln gesichert werden kann, das gilt es jetzt zu untersuchen. Versuchen wir zunächst, uns an Hand der einschlägigen Statistik, ein Bild zu machen von den mengenmäßigen Ergebnissen der Welternten während der letzten Jahre, und zwar für die drei wichtigsten Getreidearten: Weizen, Mais und Reis. Dabei stoßen wir allerdings auf eine große Lücke in der Statistik: es fehlen die fortlaufenden Angaben für die Sowjetunion oder »sie sind völlig unzureichend9. Das ist um so bedauerlicher, als die Sowjetunion jedenfalls der größte Weizenproduzent ist: im Durchschnitt der Jahre 1934/38 werden 381430 Tonnen angegeben, während in der USA nur 194 760, in Kanada 71 700 Tonnen, in Argentinien 66 340 Tonnen Weizen geerntet worden sind. Wir können folglich nur so verfahren, daß wir die Sowjetunion auch bei der Zunahme der Weltbevölkerung in den nächsten 50 Jahren ausklammern. Setzen wir für die Sowjetunion eine zweiprozentige jährliche Bevölkerungszunahme ein, so ergibt daß in 50 Jahren eine Verdoppelung. Das wären wenigstens rund 400 Millionen, die wir von den 6 Milliarden der Weltbevölkerung, die im Jahre 2000 voraussichtlich erreicht werden wird, abziehen müssen. Die Frage stellt sir.h dann so: wird für eine Weltbevölkerung von 5,6 Milliarden (bei einer jährlichen Zunahme von durchschnittlich 2 %>) die voraussichtliche Steigerung der Ernten der wichtigsten Getreidearten, die wir als Richtmaß für die allgemeine Steigerung der Lebensmittel anWelternten in Weizen, Mais und Reisa) in 1000 t Jahr Weizen Mais Reis (Jahresdurchschnitt) 1934/38 129 000 110 300 151 200 1048 145 100 149 400 153 600 1949 140 200 139 800 153 000 1950 143 100 130 800 153 900 1951 142 900 130 200 152 200 1952 162 500 138 800 161 000 1953 162 500 145 400 170 600 1954 152 300 149 800 189 400 1955 159 200 154 600 205 300 1956 159 200 158 000 215 700 1957 163 100 173 700 211 200 1958 180 000 188 700 253 700 (Jahresdurchschnitt) 1956/58 167 433 173 300 226 867 a) Quelle: Statist. Jahrb. der Bundesrep., Intern. Teil, entsprechende Jahrgänge. 9 Siehe hierüber bei Otto Schiller: Agrarsystem der Sowjetunion S. 83 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.81.4.55 | Generated on 2023-04-04 11:30:36 62 Roderich von Ungern-Stemberg 446 nehmen, bei dem gegenwärtigen Stande der Agrikultur ausreichend sein zur Befriedigung des anfallenden Bedarfs? Aus dieser Statistik kann man schließen, daß im Laufe von rund 20 Jahren: 1934/38 bis 1956/58 die Weizenerträge der Welternte um rund 30% gestiegen waren, trotz des zweiten Weltkrieges, der natürlich nachteilig auf den Weizenanbau (Sowjetunion ausgeklammert!) eingewirkt hat. Dieses Ergebnis entspricht, schätzungsweise, für die kommenden 50 Jahre einer Steigerung des Weizenertrages von 70 b:»3 75 % (in 20 Jahren waren es rund 30%, in 50 Jahren kann man folglich schätzen, werden es 70'% sein). Dieser Ertrag würde nicht ganz ausreichen zur Befriedigung des Bedarfs einer um fast 100 %, also verdoppelten Weltbevölkerung. Die Maiserträge sind in den oben angegebenen 20 Jahren um 57 % gestiegen. In 50 Jahren kann man folglich mit einer 100 böigen Erhöhung rechnen. Dieses Ergebnis würde den Bedarf einer Weltbevölkerung, die im Laufe von 50 Jahren auf 5,6 Milliarden angestiegen ist, reichlich decken und einen Ausgleich bieten für den etwaigen Fehlbetrag in der Weizenversorgung. Das gleiche ist von der Reiserzeugung zu sagen, die in den vergangenen 20 Jahren um 50 % zugenommen hat, was in Anbetracht dessen, daß in Asien die Reisernte für die Ernährung der Bevölkerung ausschlaggebend ist, von großer Bedeutung sein kann. Schon diese statistischen Anhaltspunkte berechtigen zu der Erwartung, daß in den kommenden 50 Jahren eine annähernd verdoppelte Weltbevölkerung ausreichend versorgt werden kann mit Getreide, das als Richtmaß für sämtliche Nahrungsmittel anzunehmen ist, zumal im Laufe der Jahre 1954 bis 1958 die Ergebnisse bei allen drei Getreidearten eine ununterbrochene Zunahme aufweisen (mit Ausnahme des Jahres 1957 gegenüber 1956 bei dem Reis). Aber, für die Abschätzung der Versorgung der Weltbevölkerung, die, wie wir annahmen, nach Ausklammerung der Sowjetunion, 5,6 Milliarden erreichen wird, sind von entscheidender Bedeutung folgende zu erwartenden Vorgänge im Bereich der Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität. Die Entwicklungshilfe wird sich in erster Linie angelegen sein lassen müssen, da»3 Gespenst des Hungers ein für allemal aus der Welt zu vertreiben. Dazu sind folgende Maßnahmen und Verfahren, die hier nur kurz angedeutet werden können, erforderlich: 1. Ist in den Entwicklungsländern das landwirtschaftliche Bildungswesen auf das nachhaltigste zu fördern. Dabei ist einer rationellen Ernährung (Düngung) der Pflanzen und einem richtigen Fruchtwechsel besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Die diesbezüglichen MöglichOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.81.4.55 | Generated on 2023-04-04 11:30:36