scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

Der Begriff der "produktiven Kräfte" bei Friedrich List und das heutige Entwicklungsproblem

Jaksch, Hans Jürgen

Abstract

EconStor is a publication server for scholarly economic literature, provided as a non-commercial public service by the ZBW.

Full text

Jaksch, Hans Jürgen Article Der Begriff der "produktiven Kräfte" bei Friedrich List und das heutige Entwicklungsproblem Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Jaksch, Hans Jürgen (1972) : Der Begriff der "produktiven Kräfte" bei Friedrich List und das heutige Entwicklungsproblem, Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik, ISSN 0342-1783, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 92, Iss. 3, pp. 307-319, https://doi.org/10.3790/schm.92.3.307 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291275 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Der Begriff der „produktiven Kräfte" bei Friedrich List und das heutige Entwicklungsproblem Von Hans Jürgen Jaksch, Tübingen 1. In Lists Hauptwerk, dem „Nationalen System der politischen Ökonomie" [5], wird die Ausbildung der produktiven Kräfte einer Volkswirtschaft als das umfassende Ziel der Wirtschaftspolitik bezeichnet. Die Förderung der nationalen Arbeitsteilung durch den Eisenbahnbau und die Beschränkung der internationalen Arbeitsteilung durch die Einführung von Erziehungszöllen für die in den Kinderschuhen steckende Industrie, beides weithin bekannte Vorschläge Lists, sind Mittel zu diesem Zweck. Hier sei die Frage aufgeworfen, welche Vorstellungen List mit der Entwicklung der produktiven Kräfte verbunden hat. Außerdem sei untersucht, ob die daraus folgenden Erkenntnisse auf Volkswirtschaften angewandt werden können, die man heute gemeinhin als Entwicklungsländer bezeichnet. Die Tatsache, daß List selbst diese Länder aus seinen Untersuchungen weitgehend ausgenommen hat (vgl. etwa [5], S. 185), dürfte kein schlüssiges Gegenargument gegen dieses Vorgehen sein, da er die Entwicklung in vielen dieser Länder, die seit der Abfassung seines Werkes eingetreten ist, nicht hat voraussehen können. 2. List nennt das zwölfte Kapitel seines Werkes, das das zweite Kapitel des theoretischen Teils ist, „Die Theorie der produktiven Kräfte und die Theorie der Werte". Hier stellt er seine eigenen Thesen den Ausführungen der englischen Klassiker gegenüber und beginnt mit den folgenden Worten: „Adam Smiths berühmtes Werk führt den Titel: ,Über die Natur und die Ursachen des Reichtums der Nationen.6 Damit hat der Stifter der herrschenden Schule richtig den doppelten Gesichtspunkt angegeben, aus welchem die Ökonomie der Nationen wie der einzelnen Privaten zu betrachten ist. Die Ursachen des Reichtums sind etwas ganz anderes als der Reichtum selbst. Ein Individuum kann Reichtum, d. h. Tauschwerte besitzen, wenn es aber nicht die Kraft besitzt, mehr wertvolle Gegenstände zu schaffen als es konsumiert, so verarmt es. 20* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.3.307 | Generated on 2023-04-04 11:48:02 308 Hans Jürgen Jaks di Ein Individuum kann arm sein, wenn es aber die Kraft besitzt, eine größere Summe von wertvollen Gegenständen zu schaffen als es konsumiert, so wird es reich" ([5], S. 143/44; Hervorhebungen im Original). Auch Smith habe erkannt, welche Bedeutung den produktiven Kräften zukomme, wenn er sein Werk mit dem folgenden Satz einleitet ([9], S. 3): „Die Arbeit sei die Quelle, aus welcher jede Nation ihre Reichtümer schöpfe, und die Vermehrung der Reichtümer hänge größtenteils ab von der produktiven Kraft der Arbeit, nämlich von dem Grad der Kenntnisse, der Geschicklichkeit und der Zweckmäßigkeit, womit die Arbeit der Nation verwendet werde, und von dem Verhältnis zwischen der Zahl der produktiv Beschäftigten und der Zahl der nicht Produktiven." ([5], S. 144, Hervorhebungen im Original.) Smith habe diese Idee jedoch nicht aufgenommen, sondern sei „von seiner eigenen großen Entdeckung ,Teilung der Arbeit6 zu sehr beherrscht" gewesen, „um die Idee produktive Kraft4 zu verfolgen" ([5], S. 145; Hervorhebung im Original). Weiterhin folgt bei List ein Beispiel, um seine Theorie der produktiven Kräfte gegen die Smith zugeschriebene „Theorie der (Tausch)- Werte" abzugrenzen: „Wenn von zwei Familienvätern, die zugleich Gutsbesitzer sind, jeder jährlich 1 000 Taler erspart und jeder fünf Söhne besitzt, der eine aber seine Ersparnisse an Zinsen legt und seine Söhne zu harter Arbeit anhält, während der andere seine Ersparnisse dazu verwendet, zwei seiner Söhne zu rationellen Landwirten auszubilden, die drei übrigen aber je nach ihren besonderen Fähigkeiten Gewerbe erlernen läßt, so handelt jener nach der Theorie der Werte, dieser nach der Theorie der produktiven Kräfte. Bei seinem Tode mag jener an Tauschwert weit reicher sein als dieser, anders aber verhält es sich mit den produktiven Kräften. Der Grundbesitz des einen wird in zwei Teile geteilt werden, und jeder Teil wird mit Hilfe einer verbesserten Wirtschaft so viel Reinertrag gewähren wie zuvor das Ganze, während die übrigen drei Söhne in ihren Geschicklichkeiten Nahrungsquellen erworben haben. Der Grundbesitz des anderen wird in fünf Teile geteilt werden, und jeder Teil wird ebenso schlecht bewirtschaftet werden wie früher das Ganze. In der einen Familie wird eine Masse verschiedenartiger Geisteskräfte und Talente geweckt und ausgebildet werden, die sich von Generation zu Generation vermehren; jede folgende Generation wird mehr Kraft besitzen, materiellen Reichtum zu erwerben als die vorangegangenen, während in der anderen Familie die Dummheit und Armut in der Verminderung der Anteile am Grundbesitz steigen muß" ([5], S. 147/48). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.3.307 | Generated on 2023-04-04 11:48:02 Der Begriff der „produktiven Kräfte" bei Friedrich List 309 Versuchen wir, Lists Theorie der produktiven Kräfte zusammenzufassen und in der Sprache der heutigen Wirtschaftstheorie darzustellen. Dann kommen wir etwa zu der folgenden Aussage: Entwicklungspolitik besteht in der zweckmäßigen Gestaltung der Ursachen und Bedingungen für das Wachstum einer Volkswirtschaft. Wird statt dieser Förderung sozusagen der direkte Weg eingeschlagen und statt der Ursachen des Wohlstandes nur der Wohlstand selbst gefördert, so wird es im allgemeinen zu keiner anhaltenden Wohlstandssteigerung kommen können. Um eine Analogie aus der Mathematik zu verwenden: Die Lösung eines Extremalproblems mit Nebenbedingungen hängt von den Parametern ab, die in den Extremanden und die Nebenbedingungen eingehen. Das Aufsuchen des Extremums bei gegebenen Parametern entspricht dem Problem der Theorie der Werte, die Umgestaltung der Parameter derart, daß ein Extremum Extremorum bestimmt werden kann, der Theorie der produktiven Kräfte. 3. Von Lists wirtschaftspolitischen Empfehlungen für das Deutschland seiner Zeit sind zwei auch außerhalb der Wissenschaft am bekanntesten geworden: sein Eintreten für Erziehungszölle zum Schutz der in den Kinderschuhen steckenden deutschen Industrie und seine Empfehlungen zum Bau von Eisenbahnen. Fragen wir, inwieweit durch beides die „produktiven Kräfte" der deutschen Volkswirtsdiaft hätten gestärkt werden können. Der Eisenbahnbau, überhaupt die Entwicklung des Transportwesens, gehört zu den Investitionen in die heute so genannte Infrastruktur. Zwar wurde sie im vorigen Jahrhundert vornehmlich dem privaten Unternehmer überlassen, und List hat sich in den Vereinigten Staaten von Amerika selbst an der Finanzierung solcher Investitionen beteiligt (vgl. [1], S. 153),sie ist aber heute im allgemeinen wenigstens staatlicher Kontrolle unterworfen. Aber abgesehen davon, ob die Entwicklung des Transportwesens überhaupt Privaten überlassen werden sollte, bleibt zu fragen, inwieweit sein Ausbau die „produktiven Kräfte" der Nation fördert. Die Antwort ist einfach: Die Wirtschaftswissenschaft ist mindestens seit Smith die Wissenschaft von der Arbeitsteilung. Transportkosten hemmen jedoch die Ausbildung der Arbeitsteilung. Eine Senkung der Transportkosten bewirkt also stets eine Vergrößerung der Produktivität durch eine bessere Ausnutzung der Arbeitsteilung (vgl. [6], S. 72 ff.). Der Eisenbahnbau begünstigt daher die Ausnutzung der Ressourcen einer Volkswirtschaft. Die Verteilung des Produkts ist unproblematisch, solange man davon ausgeht, daß die politische Führung durch OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.3.307 | Generated on 2023-04-04 11:48:02 310 Hans Jürgen Jaksch. eine gerechte Besteuerung und durch Unterstützung der Bedürftigen dafür sorgt, daß das Ergebnis der Arbeitsteilung gerecht verteilt wird. Was gerecht ist, wird durch eine politische Entscheidung bestimmt. Anders jedoch im internationalen Handel. Hier gibt es keine übergeordnete Instanz, die den Gewinn aus der internationalen Arbeitsteilung nach übergeordneten Gesichtspunkten umverteilen kann; vielmehr wird dieser Gewinn von der berühmten „unsichtbaren Hand" Smiths verteilt. Man kann zwar nachweisen, daß alle aus dem Freihandel in dem Sinn gewinnen, daß ein größeres Produkt zur Verteilung gelangt als bei der Existenz von Handelsschranken, nicht aber, daß sich alle Nationen besser stellen, wenn es keine Beschränkungen des Handels gäbe. (Die heutige Entwicklungshilfe mag als ein schwacher Versuch zur Umverteilung des Gewinns aus der internationalen Arbeitsteilung angesehen werden.) Im Gegenteil, geht man davon aus, daß Nationen am internationalen Handel teilnehmen, die über einen gut ausgebildeten Vorrat an produzierten Produktionsmitteln oder, allgemeiner, an produktiven Kräften verfügen, und andere, in denen dieser Vorrat kaum ausgebildet ist, so werden die ersteren den ganzen Gewinn aus dem internationalen Handel einstreichen. Nicht nur das: Die Ausbildung von Industrien oder, wieder allgemeiner, produktiven Kräften wird in den unterentwickelten Volkswirtschaften gehemmt, so daß sie niemals den erstrebten Zustand erlangen können, der ihnen gestattet, auch aus dem internationalen Handel zu gewinnen. (Die oben apostrophierte Entwicklungshilfe kann diesen Zustand noch verschlimmern, wenn sie nämlich die Herausbildung der produktiven Kräfte eher hemmt als fördert.) Hieraus folgt, daß die internationale Arbeitsteilung unter Umständen beschränkt werden muß, solange die anderen Nationen ihre produzierten Produktionsmittel oder, allgemeiner, ihre produktiven Kräfte nicht ausgebildet haben. Ist das aber der Fall, und spielt sich der internationale Handel unter mehr oder weniger gleich entwickelten Volkswirtschaften ab, so ist mit dem Freihandel eine einigermaßen gerechte Verteilung des Gewinns verbunden. Deswegen wird auch List die These „Durch Schutzzoll zum Freihandel" zugeschrieben, und das Motto seines „Nationalen Systems" lautet „Et la patrie et l'humanité". Daß umgekehrt nicht jede Schutzzollpolitik durch den Verweis auf List gerechtfertigt werden kann, sondern eben nur diejenige, die zur Entwicklung der produktiven Kräfte beiträgt, ist leicht zu belegen. 4. Was würde man heute unter den produktiven Kräften einer Volkswirtschaft verstehen? Versuchen wir, uns ihrer Definition auf einem Umweg zu nähern, und fragen wir einen modernen Volkswirt OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.3.307 | Generated on 2023-04-04 11:48:02 Der Begriff der „produktiven Kräfte" bei Friedrich List 311 nach den Ursachen für die Wohlstandsunterschiede in der Welt. Als Antwort dürfte er auf die unterschiedliche Ausstattung der Volkswirtschaft mit Ressourcen hinweisen. Nach einer auf die englischen Klassiker zurückgehenden Tradition wird er möglicherweise erwähnen, daß die Ausstattung mit produzierten Produktionsmitteln (oder „Kapital") und Bodenschätzen verschieden ist und daß die Fähigkeiten der Arbeitskräfte verschieden ausgebildet sind. Außerdem wird er vielleicht noch hinzufügen, daß das technische und organisatorische Wissen in verschiedenen Ländern der Erde verschieden ist und daß außerdem auch die Menschen unterschiedliche Ansichten darüber haben, was produziert und konsumiert werden soll. Wird beispielsweise die Arbeitsleistung einer bestimmten Art gering geschätzt, so werden Güter, die nur mit Hilfe dieser Leistungen produziert werden können, relativ teuer sein. Diese Liste wird abgeschlossen werden mit einem Hinweis auf die rechtliche und soziale Ordnung in der fraglichen Volkswirtschaft, und je nach Temperament und Weltanschauung des Befragten wird dieses Datum mehr oder weniger stark betont werden, besonders dann, wenn die konkrete Volkswirtschaft, die .möglicherweise Gegenstand des Gesprächs bildet, eine rechtliche und soziale Ordnung aufweist, die den Vorstellungen des Redenden nicht entspricht. Zusammengefaßt: Ursachen für den Wohlstand einer Volkswirtschaft sind also die Ausstattung an Produktionsfaktoren, das technische Wissen und die Bedürfnisstruktur sowie die herrschende rechtliche und soziale Ordnung. Dies sind die gesamtwirtschaftlichen „Daten" Euchens, die nach seiner Ansicht nicht mehr Gegenstand wirtschaftswissenschaftlicher Forschung und damit erst recht nicht wirtschaftspolitischer Beeinflussung sein sollten. Er erkennt, daß Lists produktive Kräfte seine „Daten" umfassen und schreibt dazu: „Was Friedrich List produktive Kräfte6 nennt, sind Daten, die er allerdings anders und ausführlicher bezeichnet. ,Kaum ist ein Gesetz oder eine öffentliche Einrichtung denkbar, wodurch nicht auf die Vermehrung oder Verminderung der produktiven Kraft ein größerer oder geringerer Einfluß geübt würde/ Wir würden sagen: Wodurch nicht ein Datum geändert würde. — Aufgabe der Wirtschaftspolitik muß es also sein, daß diese produktiven Kräfte geweckt und gepflegt werden6." „Bis dahin hatte List recht. Aber er irrt, wenn er eine ,Theorie6 der produktiven Kräfte forderte, die er neben die Theorie der Werte stellen wollte. Unter einer Theorie der produktiven Kräfte verstand er eine Theorie, welche das Zustandekommen konkreter Daten erklären soll. — Jeder Versuch zu ihrer Schaffung muß scheitern, da die Bildung konkreter Daten nur dem geschichtlich-individuellen VerOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.3.307 | Generated on 2023-04-04 11:48:02 312 Hans Jürgen Jaksdi stehen erkennbar ist: Etwa die Frage, warum Deutschland heute eine bestimmte Bevölkerung von bestimmten Fähigkeiten und Bildungsgrad hat oder warum eine bestimmte soziale und rechtliche Ordnung da ist" ([2], S. 26). Bei der Beurteilung dieser Ansicht Euchens gehen wir davon aus, daß die Abgrenzung einer Wissenschaft von einer anderen eine Konvention ist. Der Vorteil der engen, von Euchen gegebenen Abgrenzung der Nationalökonomie liegt in der Möglichkeit der Beschränkung auf wenige, grundsätzliche Fragen, etwa auf die von Euchen aufgeworfene Frage nach der Wirtschaftsordnung. Andererseits ist der Nachteil dieser Beschränkung offenkundig: Allenfalls die Auswirkungen von Änderungen der „Daten", nicht aber ihre Beeinflussung und die damit zusammenhängenden Gesetzmäßigkeiten können von der Nationalökonomie untersucht werden. Da nun aber die „Daten" bewußt verändert werden sollen, um das Ergebnis des Wirtschaftsablaufes zu verändern, kann ihre Analyse nicht allein NichtÖkonomen überlassen bleiben. So gesehen ist die Politik der Datenänderung Wirtschaftspolitik, und mindestens die wirtschaftlichen Voraussetzungen und Folgen dieser Änderungen müssen auch von Ökonomen untersucht werden. Man könnte nun meinen, es sei doch gleichgültig, welche Wissenschaft sich mit bestimmten Fragestellungen beschäftigt, solange sie überhaupt aufgeworfen werden. Obwohl dieser Aussage zuzustimmen ist, muß man doch darauf verweisen, daß sozusagen die Nahtstellen der Wissenschaften besonders schlecht zu fahren scheinen, wobei sich dies sehr zum Nachteil unserer Kenntnis und Beherrschung der Vorgänge in der Realität auswirken kann. Hierzu ein Beispiel: Die Kapitaltheorie ist seit jeher ein legitimes Kind der Wirtschaftstheorie. Während aber die Anhäufung materieller produzierter Produktionsmittel lange Zeit allein Gegenstand der Untersuchung war, hat man die Bildung immateriellen Kapitals, etwa die Ausbildung des Menschen, lange vernachlässigt. Erst als offensichtlich wurde, daß Entwicklungspolitik eben nicht nur in der Anhäufung materieller produzierter Produktionsmittel besteht, hat sich die Wirtschaftstheorie auch der Untersuchung der Ausbildungsinvestitionen zugewandt (vgl. [10]). Hält man übrigens nur die Förderung aller das Wachstum beeinflussenden produktiven Kräfte für eine sinnvolle Entwicklungspolitik, so wird manchem diese Erweiterung noch zu eng sein. Denn nur ein Teil der Wirkungen von Erziehungsausgaben lassen sich in Erträge umrechnen, denen ein bestimmter Geldwert zugeschrieben werden kann und die allein mit den Ausgaben vergleichbar sind, wenn die „Rendite" dieser Investitionen berechnet wird (vgl. [7], S. 168). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.3.307 | Generated on 2023-04-04 11:48:02 Der Begriff der „produktiven Kräfte" bei Friedrich List 313 5. Die „Daten" oder produktiven Kräfte müssen also mindestens insofern von der Wirtschaftstheorie untersucht werden, als ihre Veränderung wirtschaftliche Leistungen erfordert und die Bedingungen für die wirtschaftliche Entwicklung schafft. Wirtschaftliche Probleme im engeren Sinn des Wortes werden von nichtwirtschaftlichen Phänomenen verursacht, und umgekehrt gibt es wirtschaftliche Vorgänge, die Auswirkungen im nichtwirtschaftlichen Bereich haben. Zwei Folgerungen hieraus scheinen mir wesentlich zu sein: Erstens ist es nicht möglich, das Entwicklungsproblem dadurch zu lösen, daß man es mit den Begriffspaaren Marktwirtschaft und Zentralverwaltungswirtschaft angeht. Dies ist auch nicht verwunderlich. Denn selbst Euchen , der glaubte, die Steuerung aller in der Geschichte bekannten Volkswirtschaften auf eine Mischung dieser beiden Lenkungsprinzipien zurückführen zu können, ging von gegebenen „Daten" aus. Ist aber schon die Zweckmäßigkeit dieses Ansatzes fragwürdig (zu einer Kritik vgl. [4], S. 110 ff.), so wird er vollends problematisch, wenn diese Daten verändert werden sollen. Ähnliches gilt für das marxistische Begriffspaar Kapitalismus und Sozialismus. Wie das Beispiel derjenigen Volkswirtschaften zeigt, die innerhalb der letzten Jahre das Etikett gewechselt haben und zum Sozialismus übergegangen sind, ist es dadurch nicht zu einer kohärenten und alle wesentlichen Aspekte erfassenden Entwicklungspolitik gekommen. Sinnvolle, die wirtschaftliche Entwicklung fördernde Maßnahmen wurden von unsinnigen und nur ideologisch zu begründenden Eingriffen begleitet. (Vgl. hierzu etwa die Darstellung der wirtschaftlichen Entwicklung Kubas in den letzten zehn Jahren bei Furtado, [3], S. 231 ff.) Zweitens ist der durch die bisherige Selbstbeschränkung der Nationalökonomie erklärliche Versuch, aus den produktiven Kräften die eine oder andere „Kraft" auszuwählen und ihre Förderung zu empfehlen (z.B. Ausbildungsinvestitionen), mindestens fragwürdig, wenn nicht gar im allgemeinen zum Scheitern verurteilt. Denn man muß wohl davon ausgehen, daß zwischen diesen „Kräften" weitgehend limitationale Beziehungen bestehen. Fördert man also nicht alle Engpaßfaktoren gleichzeitig, und zwar so, daß die Entwicklung keiner dieser Faktoren zurückbleibt und damit den weiteren Fortschritt hemmt, so muß das Wachstum zurückgehen oder gar aufhören. Ein Beispiel dafür, wie wichtig die Auswahl des die Entwicklung hemmenden Engpaßfaktors sein kann, zeigt die Geschichte Westdeutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Errichtung der Sozialen Marktwirtschaft und die Schaffung von Anreizen zur Kapitalbildung sorgten für ein rapides Wachstum. Will man heute OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.3.307 | Generated on 2023-04-04 11:48:02 314 Hans Jürgen Jaksch die sinkende Wachstumsrate der westdeutschen Volkswirtschaft wieder erhöhen, so wäre es nicht mehr nach dem gleichen Rezept möglich — die Engpaßfaktoren haben sich gewandelt (vgl. hierzu [8], S. 565). 6. Um an einem empirischen Beispiel zu verdeutlichen, in welchem Sinn man die Entwicklung der produktiven Kräfte als Aufgabe der Wirtschaftspolitik verstehen kann, seien die Verhältnisse in der Republik Kolumbien betrachtet. Sie weist alle wichtigen Merkmale eines unterentwickelten Landes auf: ein verhältnismäßig geringes Bruttoinlandsprodukt je Kopf der Bevölkerung (etwa 350 US-Dollar), ein großer Teil der Wertschöpfung in der Landwirtschaft (etwa 33%), eine ungleichmäßige Einkommens» und Vermögensverteilung (das reichste Zehntel der Bevölkerung erhält mindestens 50% des Einkommens), starke Abhängigkeit der Exporterlöse von der Ausfuhr nur eines Gutes (der Kaffeexport bringt etwa 60% der Exporterlöse), eine starke Reglementierung der Importe durch Lizenzen und Zölle und eine Inflationsrate von fast 10% im Jahr. Für die Ordnungspolitik ist von Bedeutung, daß zumindest ein wichtiger Preis in diesem Land seine Funktion nicht erfüllen kann: Der Lohnsatz für ungelernte Arbeit ist nicht nur ein Preis, also Knappheitsindikator, sondern auch ein wesentliches Einkommenselement, kann also nicht beliebig tief sinken. Das hat bei der sehr großen Wachstumsrate der Bevölkerung zur Folge, daß auf dem Land ebenso wie in den schnell wachsenden Städten die Arbeitslosigkeit außerordentlich hoch ist. Während sich dort eine Arbeitslosenquote schwer bestimmen läßt und man sogar die Zweckmäßigkeit dieses Begriffes in Frage stellen kann, dürfte sie in den Städten etwa ein Fünftel des Arbeitspotentials betragen. Außerdem sind weitere fünf Prozent unterbeschäftigt, arbeiten also in der Woche weniger als 32 Stunden und dürften damit nicht genug verdienen, um sich am Leben zu erhalten. Eine Mobilisierung der produktiven Kräfte in Kolumbien bedeutet also in erster Linie, daß Bedingungen geschaffen werden müssen, die eine möglichst rasche Absorption der Arbeitskräfte gestattet, zumal eine Senkung der sehr hohen Geburtenrate von 4% schwierig ist. Auch dürfte das hohe Bevölkerungswachstum dazu beitragen, daß Einkommen und Vermögen so ungleich verteilt sind. Bei Knappheit der Arbeitskraft kann selbst eine recht ungleiche Vermögensverteilung mit einer ausgeglicheneren Einkommensverteilung vereinbar sein. Zweifellos kann das Arbeitskräftepotential Kolumbiens nur dann produktiv absorbiert werden, wenn das Land industrialisiert wird. Jedoch dürfte es kaum möglich sein, diese Industrialisierung so schnell voranzutreiben, daß kurzfristig die Arbeitslosigkeit abgebaut werden OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.3.307 | Generated on 2023-04-04 11:48:02