scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

Aktuelle Probleme der Arbeitslosigkeit

Issing, Otmar

Abstract

EconStor is a publication server for scholarly economic literature, provided as a non-commercial public service by the ZBW.

Full text

Issing, Otmar (Ed.) Book Aktuelle Probleme der Arbeitslosigkeit Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. 100 Provided in Cooperation with: Verein für Socialpolitik / German Economic Association Suggested Citation: Issing, Otmar (Ed.) (1978) : Aktuelle Probleme der Arbeitslosigkeit, Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. 100, ISBN 978-3-428-44305-5, Duncker & Humblot, Berlin, https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/285520 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/legalcode.de OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Schriften des Vereins für Socialpolitik Gesellschaft für Wirtschafts· und Sozialwissenschaften N eue Folge Band 100 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 SCHRIFTEN DES VEREINS FtJR SOCIALPOLITIK Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften Neue Folge Band 100 Aktuelle Probleme der Arbeitslosigkeit DUNCKER & HUMBLOT I BERLIN OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Aktuelle Probleme der Arbeitslosigkeit Von Ingeborg Esenwein-Rothe, Egon Görgens, Walter Hamm, Erich Kaufer, J. Heinz Müller, Gertrud Neuhauser, Adolf Nussbaumer, Egon Tuchtfeldt Herausgegeben von Otmar Issing DUNCKER & HUMBLOT I BERLIN OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Alle Rechte vorbehalten @ 1978 Duncker & Humblot, Berlin 41 Gedruckt 1978 bel Berliner Buchdruckerei Union GmbH., Berlin 61 Printed in Germany ISBN 3 428 04305 7 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Vorwort In der Periode ungebrochener Vollbeschäftigung bzw. der zeitweisen Überbeschäftigung konnte die Vorstellung aufkommen, das Problem der Arbeitslosigkeit sei endgültig gemeistert; die Erfahrungen der letzten Jahre haben diese Illusion gründlich zerstört. Die Fragen nach den Ursachen der anhaltenden Arbeitslosigkeit und den Möglichkeiten zur Wiedererlangung der Vollbeschäftigung stellen in gleicher Weise eine Herausforderung für die praktische und die theoretische Wirtschaftspolitik dar. Der Wirtschaftspolitische Ausschuß der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (Verein für Socialpolitik) hat diese Thematik aufgegriffen und auf zwei Sitzungen in Anif/Salzburg (1977) und Hohenheim (1978) behandelt. Die in diesem Band abgedruckten Beiträge sind zum einen als eine Art Bestandsaufnahme unseres Wissens zu verstehen; zum anderen stellen sie auch überkommene, weithin akzeptierte Ansichten in Frage und zeigen Ansätze für eine Weiterentwicklung. Am Anfang steht ein Beitrag zur Terminologie, u. z. untersucht G. Neuhauser, ob sich in Verwendung der geläufigen Begriffe konjunktureller und struktureller Arbeitslosigkeit die konkurrierenden Hypothesen zur Existenz struktureller Arbeitslosigkeit empirisch testen lassen; am Ende der Studie steht die Schlußfolgerung, daß die in der Literatur bisher erarbeiteten Definitionen und Abgrenzungsversuche zu den verschiedenen Arten der Arbeitslosigkeit diesem Anspruch nicht genügen. Analysen der Ursachen der Arbeitslosigkeit wie auch spezifischer Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung sollten von der Kenntnis der Fakten ausgehen; mit der Zuverlässigkeit der "Datenbasis" setzen sich zwei Artikel auseinander. J. Esenwein-Rothe gibt einen überblick über den gegenwärtigen Stand der Arbeitsmarktstatistik und prüft die vorliegenden Informationen daraufhin, inwieweit sie zur Unterscheidung zwischen konjunkturellen und strukturellen Einflußfaktoren herangezogen und als Orientierungshilfen für die Beschäftigungspolitik dienen können. J. H. Müller untersucht die Frage, ob die bisher vorliegenden Prognosen, Projektionen usw. über die langfristige Entwicklung des Arbeitsmarktes in der Bundesrepublik eine geeignete Grundlage für eine quantitative, aktive Arbeitsmarktpolitik abgeben. In seinem Resümee warnt er vor den Gefahren, die von einer Politik ausgehen, welche die gravierenden Unsicherheiten über die zukünftige Entwicklung nicht berücksichtigt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 6 Vorwort Mit der Ursachenanalyse der Arbeitslosigkeit beschäftigen sich drei Beiträge. W. Hamm geht der Frage nach, warum in der Bundesrepublik - im Gegensatz zu früher - strukturelle Wandlungen in neuester Zeit zu einer hohen, anhaltenden Arbeitslosigkeit führen. Die entscheidenden Ursachen sieht er in einem überhöhten Lohnniveau, einer nicht marktgerechten Lohnstruktur und in einer ganzen Reihe von Fehlern der Wirtschaftsund Sozialpolitik. E. Kaufer richtet seine Ausführungen auf den Zusammenhang zwischen Marktkonzentration und Schwankungen der Beschäftigung innerhalb eines Wirtschaftszweiges, d. h. ein Problem, zu dem in der Literatur bisher völlig kontroverse Positionen vertreten werden. Der Verfasser beschränkt sich in den empirischen Aussagen auf US-amerikanische Daten und warnt vor einer Übertragung der Ergebnisse auf andere Länder. A. Nußbaumer gibt einen Überblick über die Ansätze, die in der Theorie zum Zusammenhang zwischen Außenhandel und Beschäftigung entwickelt wurden; im Mittelpunkt stehen dabei die Anwendungen der Multiplikatorund Akzeleratortheorie auf diesen Bereich sowie die internationale Übertragung von Beschäftigungsschwankungen via Preisund Einkommenseffekte. E. Tuchtfeldt analysiert das Problem, ob die Schweiz mit einer maximalen "Arbeitslosenquote" von 0,7 % im Jahre 1977 bei weitgehender Preisstabilität tatsächlich einen "Sonderfall" im Sinne eines wirtschaftspolitischen Musterlandes darstellt; das besondere Augenmerk gilt dabei der Ausländerbeschäftigung. Soll und kann die Wirtschaftspolitik auf die Diagnose verschiedener Arten der Arbeitslosigkeit mit unterschiedlichen Arten der Politik reagieren? Mit dieser Frage setzt sich E. Görgens in seinem Beitrag auseinander. Seine Überlegungen münden in ein Plädoyer für eine "gemischte Strategie", die simultan die Angebotsund Nachfragebedingungen verbessert. Otmar Issing, Würzburg OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Inhaltsverzeichnis Zum Problem der begrifflichen Unterscheidung von konjunktureller und struktureller Arbeitslosigkeit Von Gertrud Neuhauser, Salzburg .................................. 9 Strukturelle Arbeitslosigkeit im Spiegel der Statistik Von Ingeborg Esenwein-Rothe, Nürnberg ........................... 23 Die Orientierung der Arbeitsmarktpolitik an Aussagen über die mittelund langfristige Entwicklung des Arbeitsmarktes - Eine Untersuchung der Erfahrungen und der aufgetretenen Probleme Von J. Heinz Müller, Freiburg ....... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 51 Hypothesen zur Erklärung der "strukturellen" Arbeitslosigkeit Von Walter Hamm, Marburg ....................................... 69 Marktkonzentration und Beschäftigungsschwankungen Von Erich Kaufer, Innsbruck ....................................... 97 Makro-ökonomische Ansätze zur Untersuchung außenwirtschaftlicher Einflüsse auf die Beschäftigung Von Adolf Nussbaumer, Wien ...................................... 129 Die schweizerische Arbeitsmarktentwicklung - ein Sonderfall? Von Egon Tuchtfeldt, Bern ......................................... 165 Strategien zur Bekämpfung nicht-konjunktureller Arbeitslosigkeit Von Egon Görgens, Bayreuth ....................................... 201 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 14 Gertrud Neuhauser wird "wegdefiniert", wenn man diesen Indikator benützt. Die Arbeitslosenquote kann auch dann hoch sein, wenn gleich viel oder sogar mehr offene Stellen als Arbeitsplatzsuchende ausgewiesen werden. Problematisch ist dieser Indikator auch noch deswegen, weil zu den "offenen Stellen" regelmäßig nur die gemeldeten offenen Stellen gezählt werden, und unter die "Arbeitsplatzsuchenden" nur solche Personen fallen, die offiziell (amtlich) als arbeitsplatzsuchend registriert sind. Die Dunkelziffern lassen sich kaum schätzen. 3. 3.1. Schon im vorigen Jahrhundert hat man Arbeitslosigkeit in verschiedene Arten eingeteilt. Nach dem Wörterbuch der Volkswirtschaft von 1898 gibt es drei Arten: die " Saison-Arbeitslosigkeit" , die "Konj unkturenAr bei tslosigkei t" und die " überfüll ungs-Ar bei tslosigkei t" , die dadurch charakterisiert ist, daß entweder insgesamt zuviele Arbeiter da sind oder zuviele in bestimmten Berufen oder an bestimmten Arbeitsorten. Das Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 3. Auf!. 1909, unterscheidet konjunkturelle Arbeitslosigkeit, saisonale Arbeitslosigkeit und "durch Bevölkerungsvermehrung verursachte" Arbeitslosigkeit. Der Ausdruck "strukturelle Arbeitslosigkeit" wird da wie dort nicht verwendet, aber mit "überfüllungs-Arbeitslosigkeit" und "durch Bevölkerungsvermehrung verursachte" Arbeitslosigkeit werden Tatbestände bezeichnet, die man heute gewöhnlich unter den Begriff "strukturelle Arbeitslosigkeit" subsumiert. Das Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 4. Auflage 1923, nennt in einem recht wirren Katalog von Arbeitslosigkeitsarten unter (I) Arbeitslosigkeit "infolge von Unauffindbarkeit von Arbeit" auf Grund "mangelhafter Organisation des Arbeitsmarktes". Unter (I!) 2.a) findet sich die konjunkturelle Arbeitslosigkeit. "Strukturelle Arbeitslosigkeit" fehlt auch hier. Die Massenarbeitslosigkeit der dreißiger Jahre war nicht dazu angetan, den Blick für andere Arten von Arbeitslosigkeit zu schärfen. Keynes' makroökonomische Behandlung des Beschäftigungsproblems schloß diesen Blick ganz aus. Beveridge kennt "strukturelle Arbeitslosigkeit" und sieht darin eine Arbeitslosigkeit, die je nach den Umständen, als Form der friktionellen Arbeitslosigkeit angesehen oder einem Mangel an Gesamtnachfrage zugeschrieben werden kann 12• Zu einem in unserer Wissenschaft allgemein gebrauchten Begriff wurde "strukturelle Arbeitslosigkeit" erst nach dem zweiten Weltkrieg. Das Problem der empirischen Unterscheidung von struktureller und 12 Vgl. W. H. Beveridge, Full Employment in a Free Society, London 1945, S.408 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Unterscheidung v. konjunktureller u. struktureller Arbeitslosigkeit 15 konjunktureller (Gesamtnachfragemangel-) Arbeitslosigkeit wurde in den USA aufgeworfen, nachdem die Arbeitslosigkeitsrate etwa ab Mitte der fünfziger Jahre erheblich zugenommen hatte 13• Die Unterscheidung von konjunktureller und struktureller Arbeitslosigkeit ist ein klassifikatorisches Problem, das mit einer scharfen definititorischen Abgrenzung dieser beiden Arten von Arbeitslosigkeit nicht vollständig gelöst ist. Das wäre nur der Fall, wenn man davon ausgehen könnte, daß andere als diese beiden Arten von Arbeitslosigkeit nicht vorkommen können, oder wenn wir strukturelle Arbeitslosigkeit mit niclltkonjunktureller gleichsetzten. Eine solche Gleichsetzung wäre aber unzweckmäßig. "Strukturelle Arbeitslosigkeit" muß also auch gegenüber anderen Arten von nicht-konjunktureller Arbeitslosigkeit abgegrenzt werden. 3.2. In der modernen Literatur werden meistens konjunkturelle, strukturelle, saisonale und friktionelle Arbeitslosigkeit unterschieden. Manchmal kommt noch die Fluktuationsoder Sucharbeitslosigkeit hinzu. Die gelegentlich genannte "Bodensatzarbeitslosigkeit" der beschränkt Vermittlungs fähigen kann man insofern ausklammern, als sie Personen betrifft, die nicht voll arbeitsfähig sind. Zur Klassifizierung werden hauptsächlich vier Unterscheidungsmerkmale, regelmäßig alternativ, verwendet: 1. Die Dauer der Beschäftigungslosigkeit der betroffenen Personen, 2. das Verhältnis zwischen offenen Stellen und Arbeitslosen auf Teilarbeitsmärkten, 3. die geeignete wirtschaftspolitische Therapie und 4. die Arbeitslosigkeitsursachen. 3.2.1. Verwendet man das Kriterium "Dauer der Beschäftigungslosigkeit", werden friktionelle, saisonale, konjunkturelle und strukturelle Arbeitslosigkeit danach unterschieden, wieviel Zeit vergeht, bis die Arbeitslosen einen Arbeitsplatz finden. Friktionelle Arbeitslosigkeit wird regelmäßig als die am kürzesten, strukturelle als die am längsten dauernde Arbeitslosigkeit definiert. Saisonale und konjunkturelle gelten als mittelfristig. Bei den gemeldeten Arbeitslosen läßt sich nun zwar leicht feststellen, wie lange sie arbeitslos sind - aber das ist nur ex post möglich14• Außerdem und vor allem ist die definitorische Unterscheidung nach der Dauer der Beschäftigungslosigkeit willkürlich. Sie 13 Vgl. R. G. Lipsey, structural and Deficient-Demand Unemployment Reconsidered, in: A. M. Ross (ed.), Employment PoLicy and the Labor Market, Berkeley and Los Angeles 1967, bes. S.220 ff. 14 Man kann zwar zu jedem Zeitpunkt ermitteln, wie lange die zu diesem Zeitpunkt gezählten Arbeitslosen bisher arbeitslos waren, aber nur schätzen, wieviel Zeit noch vergehen wird, bis sie einen Arbeitsplatz finden. -Wie H. König kürzlich gezeigt hat, wird die Arbeitslosigkeitsdauer in den offiziellen Angaben überschätzt. -Vgl. H. König, Zur Dauer der Arbeitslosigkeit: ein Markov-Modell, in: Kyklos, Internationale Zeitschrift für Sozialwissenschaften, Vol. 31, 1978. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 16 Oertrud Neuhauser kann verschieden ausfallen, je nachdem, welche Arbeitslosigkeitsdauer als kurzfristig, welche als mittelfristig und welche als langfristig aufgefaßt wird. Verwendet man die Arbeitslosigkeitsdauer als Definitionsmerkmal, kann ein und dieselbe beobachtete Arbeitslosigkeit ex post als strukturelle oder als konjunkturelle (oder als friktionelle oder saisonale) Arbeitslosigkeit identifiziert werden -es kommt nur darauf an, wie man die Arbeitslosigkeitsarten zeitlich voneinander abgrenzt. Das Unterscheidungskriterium "Dauer" ist also unzulänglich. Das gleiche gilt für Lamperts Versuch zur Identifizierung der strukturellen Arbeitslosigkeit, mit dem sich Maneval kritisch auseinandersetzt 15• Dieser Versuch ist eine Modifikation der Unterscheidung von Arbeitslosigkeitsarten nach der Dauer der Arbeitslosigkeit. 3.2.2. Auf dem Unterscheidungskriterium "Verhältnis zwischen offenen Stellen und Arbeitslosen auf den Teilarbeitsmärkten" bauen statistische Versuche zur Trennung und Messung der verschiedenen Arbeitslosigkeitsarten auf t6 • "Konjunkturelle" Arbeitslosigkeit wird dabei definiert als der gesamtwirtschaftliche Überschuß der Arbeitslosen über die offenen Stellen. "Strukturelle" Arbeitslosigkeit ist dadurch gekennzeichnet, daß auf einzelnen Teilarbeitsmärkten die Zahl der Arbeitslosen die Zahl der offenen Stellen übersteigt, auf anderen dagegen umgekehrt mehr Arbeitsplätze angeboten als nachgefragt werden. Der Gesamtarbeitsmarkt kann nach verschiedenen Kriterien in Teilarbeitsmärkte aufgegliedert werden. Je nachdem wie man gliedert, kann man verschiedene Arten von struktureller Arbeitslosigkeit unterscheiden: z. B. regionale, beruflich-fachliche oder branchenmäßige. "Friktionelle" Arbeitslosigkeit liegt vor, wenn auf den Teilarbeitsmärkten Gleichgewicht zwischen offenen Stellen und Arbeitslosen besteht -also für jede als arbeitslos identifizierte Person ein passender Arbeitsplatz angeboten wird. Diese definitorische Unterscheidung von drei Arbeitslosigkeitsarten ist auf den ersten Blick bestechend. Die Problematik besteht aber darin, daß jeder gesamtwirtschaftliche Überschuß von Arbeitslosen über die offenen Stellen als konjunkturelle Arbeitslosigkeit identifiziert wird. Damit wird gerade die Frage, um die es in der wissenschaftlichen Diskussion über konjunkturelle und strukturelle Arbeitslosigkeit heute geht, verdeckt - nämlich die Frage, ob in jedem Fall eines globalen Defizits an offenen Stellen ein Mangel an Gesamtnachfrage vorliegt und daher der Einsatz von Mitteln zur Beeinflussung der Gesamtnachfrage geboten ist. 15 Vgl. H. Maneval, P,robleme der Erfassung struktureller Arbeitslosigkeit und Probleme der wirtschaftspolitischen Beeinflussung struktureller Arbeitslosigkeit, in: B. Külp und H.-D. Haas (Hrsg.), a.a.O. S.125 f. 16 Vgl. die Darstellung ebendort, S. 116 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Unterscheidung v. konjunktureller u. struktureller Arbeitslosigkeit 17 Maneval weist auf einen anderen gravierenden Mangel dieses Klassifikationsversuches hin 17• Wenn in einer Volkswirtschaft zu Beginn eines Konjunkturabschwunges nur "strukturelle" Arbeitslosigkeit konstatiert wurde, also nur partielles Ungleichgewicht zwischen Arbeitsplatzangebot und Arbeitsplatznachfrage, so kann sich diese Arbeitslosigkeit in ex definitione "konjunkturelle" verwandeln - nämlich dann, wenn der Überschuß an angebotenen Stellen, der bisher auf einzelnen Teilarbeitsmärkten bestand und den Mangel auf anderen ausglich, aus konjunkturellen Gründen verschwindet. Die Arbeitsplatzsuchenden, die bisher als "strukturell" arbeitslos galten - weil sie die offenen Stellen nicht besetzten - zählen jetzt zu den "konjunkturell" Arbeitslosen. Kommt es wieder zu einem Konjunkturaufschwung, kann das Umgekehrte geschehen: die "konjunkturelle" Arbeitslosigkeit sinkt, die "strukturelle" nimmt zu. Diese Unterscheidung ist also auch nicht brauchbar. 3.2.3. Wenn man die "geeignete wirtschaftspolitische Therapie" als Unterscheidungs kriterium heranzieht, kommt man zur Definition von konjunktureller, struktureller und friktioneller Arbeitslosigkeit "in terms of the results of poliey aetions" 18. Dann unterscheidet man: a) "Nachfragedefizit-Arbeitslosigkeit" -sie spricht auf Maßnahmen an, durch die die Gesamtnachfrage erhöht wird. b) "Strukturelle Arbeitslosigkeit" - sie kann durch "Arbeitsmarktpolitik", d. h. nicht global wirkende Maßnahmen, die vor allem auf den Abbau von Mobilitätshemmungen zielen, vermindert oder beseitigt werden. e) "Friktionelle Arbeitslosigkeit" wird als Restarbeitslosigkeit verstanden, die in Kauf genommen wird, weil die Kosten ihrer Bekämpfung zu hoch sind. R. G. Lipsey und B. Berman, die dieses Unterscheidungskriterium benützen, weichen bei der Abgrenzung der "strukturellen" von den beiden anderen Arbeitslosigkeitsarten etwas voneinander ab 19 • Lipsey definiert "defieient-demand unemployment" als jene Arbeitslosigkeit, oder genauer: jenen Teil der Arbeitslosigkeit, that "eould be removed by raising aggregate demand without ereating unaeeeptable eonfliets with other goals of poliey" - z. B. ohne die "aeeeptable rate of inflation" zu überschreiten. "Strukturelle Arbeitslosigkeit" nennt Lipsey die Arbeitslosigkeit, that "ean be removed by struetural eures, some of which pay for themselves on an analysis of the money eosts and money benefits and some of which are justified beeause the non17 Vgl. ebendort, S.118. 18 Siehe B. R. Berman, An Approach to an Absolute Measure of Structural Unemployment, in A. M. Ross (ed.), a.a.O., S. 256. 19 Vgl. R. G. Lipsey, a.a.O., S. 210 ff. und B. R. Berman, a.a.O., S. 256 ff. 2 Schriften d. Vereins f. Soclalpolitik 100 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 18 Gertrud Neuhauser pecuniary social benefits are judged to justify the net money costs of the schemes". Als "frictional unemployment" bezeichnet er schließlich den Rest, "that we do not wish to remove ... on grounds of an assessment of either the monetary or the social benefits of doing so; the persistence of this amount of unemployment is thus consistent with our notion of full employment .... ". Der Begriff "structural unemployment" wird dann von Lipsey noch einmal umschrieben: " .... in a very real sense, structural unemployment is that part of frictional unemployment wh ich is not acceptable either because there could be a net money gain in removing it or because the social gains of removing it are judged to outweigh the net money costs of so doing 2o ." Berman definiert "strukturelle Arbeitslosigkeit" als den Teil der Arbeitslosigkeit, der übrig bleibt, wenn eine bestehende Arbeitslosigkeit durch global wirkende monetäre oder fiskalische Maßnahmen auf das Ausmaß reduziert worden ist, das erreichbar ist, ohne daß es zu regionalen oder qualitativen Engpässen auf wichtigen Teilarbeitsmärkten kommt. Nach der Definition von Berman ist "structural unemployment" "that part of unemployment which should be eliminated through labor market policies, except for that amount which could be eliminated by general demand-stimulation measures unaccompanied by other measures 21 • The essence of structural unemployment as we have defined it is the heterogeneity of labor force22 ." Als "Unemp}oyables" bezeichnet Berman "those whose (transition, d. V.) prob ability it is impossible or too expensive 10 raise by retraining or relocation"23. Sind diese Definitionen und definitorischen Abgrenzungen dazu brauchbar, konjunkturelle und strukturelle Arbeitslosigkeit in der Realität zu unterscheiden - wenn auch nur ex post? Nach Lipseys Überzeugung läßt sich auf keine andere Weise als im Wege beschäftigungspolitischer Versuche, durch trial and error, ermitteln, ob und inwieweit man es im konkreten Fall von Arbeitslosigkeit (im makroökonomischen Sinn) mit konjunktureller oder struktureller Arbeitslosigkeit zu tun hat. Lipsey muß entgegengehalten werden, daß auch dieser Weg nur dann zum Ziele führen könnte, wenn die lags aller getroffenen Maßnahmen bekannt wären. Ein zweiter Einwand, der sich vor allem gegen die Begriffsbestimmungen Lipseys richtet, kommt hinzu: Bei Lipsey werden die Grenzen zwischen konjunktureller, struktureller und friktioneller Arbeitslosigkeit durch politische Entscheidungen gezogen. Ob und wann Maßnahmen zur Ausweitung der Naclürage in unakzeptable Konflikte 20 Siehe Lipsey, a.a.O., S.214 f. 21 Siehe Berman, a.a.O., S.257. 22 Siehe ebendort, S.261. 23 Siehe ebendort, S. 268. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Unterscheidung v. konjunktureller u. struktureller Arbeitslosigkeit 19 mit anderen Zielen der Wirtschaftspolitik geraten, ist eine Frage, die nicht der Wissenschaftler, sondern nur der Politiker beantworten kann. Das gleiche gilt für die Frage, bei welchem Ausmaß an Arbeitslosigkeit sich weitere beschäftigungspolitische Maßnahmen nicht mehr lohnen und das Vollbeschäftigungsziel als erreicht anzusehen ist. 3.2.4. Die Einteilung in verschiedene Arbeitslosigkeitsarten nach ihren Ursachen geht zurück auf Hypothesen darüber, unter welchen Bedingungen Arbeitslosigkeit eintritt. Auch der Klassifizierung von Lipsey und Berman liegen letzten Endes solche Hypothesen zugrunde, denn Aussagen über geeignete wirtschaftspolitische Therapien setzen Erklärungshypothesen voraus. Bei der Klassifizierung nach Ursachen der Arbeitslosigkeit wird mehr oder weniger fein unterschieden. Weitgehend differenziert wird bei der folgenden Einteilung, die typisch für die in der jüngsten Literatur enthaltenen Versuche zur Unterscheidung verschiedener Arbeitslosigkeitsarten ist. a) "Saisonale Arbeitslosigkeit": Damit ist die Arbeitslosigkeit gemeint, die auf jahreszeitliche Schwankungen des Bedarfs an Arbeitskräften in bestimmten Branchen zurückgeht. Diese Schwankungen haben natürliche, traditionelle oder institutionelle Ursachen. b) "Fluktuationsoder Sucharbeitslosigkeit" wird die Arbeitslosigkeit genannt, die bei freiwilligem Wechsel des Arbeitsplatzes dadurch entsteht, daß das Suchen und Besetzen eines neuen Arbeitsplatzes Zeit braucht. Diese Beschäftigungslosigkeit dauert regelmäßig nur kurze Zeit. Die Betroffenen nehmen sie als unvermeidlich in Kauf. c) "Friktionelle Arbeitslosigkeit" wird definiert als die Arbeitslosigkeit, die wegen mangelhafter Transparenz des Arbeitsmarktes und ungenügender Mobilität der Arbeitskräfte auftritt, wenn einzelne Arbeitnehmer von einzelnen Arbeitgebern entlassen werden und sich eine neue Beschäftigung suchen müssen, die sie unter Umständen nur an einem anderen Ort oder/und an einem Arbeitsplatz mit anderen Qualifikationsforderungen bekommen können. d) "Konjunkturelle Arbeitslosigkeit". über ihre Definition besteht praktisch Konsens. "Konjunkturelle Arbeitslosigkeit" heißt die Arbeitslosigkeit, die im Konjunkturverlauf auftritt, wenn die Gesamtnachfrage zu klein ist, um die Produktionskapazität der Volkswirtschaft auszulasten. Sachkapazitäten und Arbeitskräfte sind dann gleichermaßen unbeschäftigt. Die Ursachen dieser Arbeitslosigkeit sind die Ursachen der Konjunkturschwankungen. e) "Strukturelle Arbeitslosigkeit" ist der Sammelname für mehrere, wiederum nach Ursachen unterschiedene Arbeitslosigkeitsarten, die im Grunde nicht viel miteinander gemeinsam haben. 2' OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 20 Gertrud Neuhauser aa) Traditionell bezeichnet man mit "struktureller Arbeitslosigkeit" eine partielle, d. h. nur auf einzelnen Teilarbeitsmärkten zu beobachtende Arbeitslosigkeit, die zwei Ursachen hat: Die erste ist eine wachstumsbedingte Veränderung der fachlich-beruflichen Zusammensetzung des Bedarfs an Arbeitskräften, hervorgerufen durch technischen Fortschritt und durch Verschiebungen in der Zusammensetzung der Güternachfrage infolge von Änderungen der Konsumentenpräferenzen. Diese Veränderung der Struktur des Arbeitskräftebedarfs führt zu partiellen Ungleichgewichten auf den Teilarbeitsmärkten: einem Überschuß an Arbeitskräften auf einem Teilarbeitsmarkt steht ein Mangel an Arbeitskräften auf anderen Teilarbeitsmärkten gegenüber. Zwischen den Teilarbeitsmärkten kommt es zu keinem Ausgleich, weil - und das ist die zweite Ursache -die Anbieter und Nachfragenden auf den Arbeitsmärkten nicht genügend mobil und die Löhne zu wenig flexibel sind. Nur als eine Variante dieser Art von "struktureller" Arbeitslosigkeit ist eine Disproportionalität von Arbeitskräfte-Angebot und Arbeitskräfte-Nachfrage aufzufassen, die durch Präferenzen für bestimmte Berufe hervorgerufen wird. bb) Als "regionale strukturelle Arbeitslosigkeit" bezeichnet man meistens eine auf bestimmte Regionen beschränkte Arbeitslosigkeit, die auf ein regionales Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt zurückgeht, das wegen bestehender Mobilitätshemmungen und ungenügender Anpassung der Löhne nicht beseitigt wird. Das Mißverhältnis kann durch Standortverschiebungen entstanden sein oder mit der oben beschriebenen, auf Teilarbeitsmärkten auftretenden "strukturellen" Arbeitslosigkeit zusammenfallen - nämlich dann, wenn die Teilarbeitsmärkte mit schrumpfendem Arbeitskräftebedarf auf bestimmte Regionen konzentriert sind. ce) "Regionale strukturelle Arbeitslosigkeit" nennt man auch eine regional beschränkte Arbeitslosigkeit, die unmittelbar zu erklären ist durch ein Mißverhältnis zwischen der Entwicklung des Arbeitskräftepotentials (infolge von Bevölkerungswachstum) und der Zunahme des Bestandes an ökonomisch nutzbaren Arbeitsplätzen (Sachkapazitäten) in der betreffenden Region. Regelmäßig werden als Definitionsbestandteile aber auch hier Mobilitätshemmungen genannt. Das unterscheidet diese Art von "regionaler struktureller" Arbeitslosigkeit (manchmal kurz "regionale Arbeitslosigkeit" genannt) von der dd) "strukturellen Arbeitslosigkeit der Entwicklungsländer", die hier beisei tegelassen werden kann. ee) "Exogene strukturelle" Arbeitslosigkeit heißt jede globale oder partielle Arbeitslosigkeit, die auf vorübergehende, von "außen" (z. B. durch Kriege, Revolution, Naturkatastrophe) verursachte Gleichgewichtsstörung zurückgeht. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Unterscheidung v. konjunktureller u. struktureller Arbeitslosigkeit 21 ff) Der Ausdruck "strukturelle Arbeitslosigkeit" wird in jüngster Zeit aber auch dazu gebraucht, ein globales Ungleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt zu bezeichnen, das nicht konjunkturell bedingt ist und auch nicht mit der "strukturellen Arbeitslosigkeit der Entwicklungsländer" identisch ist. Der entscheidende Unterschied zwischen der "konjunkturellen" und dieser Art von "struktureller" Arbeitslosigkeit wird im folgenden gesehen: Bei "konjunktureller" Arbeitslosigkeit besteht ein Mißverhältnis zwischen der Zahl der Arbeitsplatzsuchenden und der Zahl der angebotenen Stellen. Bei der "neuen Art" von "struktureller" Arbeitslosigkeit handelt es sich um ein Mißverhältnis zwischen der Zahl der Arbeitsplatzsuchenden und den vorhandenen Stellen, dessen unmittelbare Ursache ein "unbewältigter Strukturwandel" ist. Mit "vorhandenen Stellen" ist der Bestand an ökonomisch nutzbaren Arbeitsplätzen gemeint. Ein "unbewältigter Strukturwandel" liegt ex definitione vor, wenn sich partielle Defizite und Überschüsse auf dem Arbeitsmarkt, die durch Strukturveränderungen der Güternachfrage entstehen, nicht gegenseitig ausgleichen, sondern die Defizite überwiegen. Die Gründe dafür, daß mehr Arbeitsplätze (in den schrumpfenden Branchen) aufgelassen als in den expandierenden neu geschaffen werden, sieht man vor allem in mangelnder Innovationsfreudigkeit und Investitionslust und in der Währungs-, Lohnund Sozialpolitik 24 • Wie sind diese Definitionen zu beurteilen? Obwohl man einer beobachteten Arbeitslosigkeit nicht ohne weiteres ansehen kann, welche Ursachen sie hat, lassen sich bei der einen oder anderen Arbeitslosigkeit die Ursachen prinzipiell ermitteln 25• Das gilt grundsätzlich für die Fluktuationsarbeitslosigkeit, die kein wirtschaftspolitisches Problem ist. Auch gewisse Fälle der traditionell so genannten "strukturellen" Arbeitslosigkeit dürften als solche identifizierbar sein. Das gleiche gilt, wenn auch eingeschränkt, für saisonale Arbeitslosigkeit, zumindest in bestimmten Branchen. Für die "regional-strukturelle" Arbeitslosigkeit gibt es ebenfalls einigermaßen brauchbare Indikatoren. Die "friktionelle" Arbeitslosigkeit ist ex ante kaum identifizierbar - zumal sie in ihrem Ausmaß im Konjunkturverlauf schwankt. Ob "konjunkturelle Arbeitslosigkeit" empirisch von der traditionell "strukturell" genannten abzugrenzen ist, muß als äußerst fraglich hingestellt werden. Denn Konjunkturaufschwung wie Konjunkturabschwung gehen unter Strukturveränderungen vor sich. "Konjunkturelle" und diese Art "struktureller" Arbeitslosigkeit sind daher immer miteinander verwoben, und es fragt sich, ob diese "strukturelle" 24 Vgl. hiezu Autorengemeinschaft, Zum Problem der "strukturellen Arbeitslosigkeit", a.a.O. S.70, G. Fels, Das Problem der strukturellen Arbeitslosigkeit, in: Kieler Diskussionsbeiträge, 49, hrsg. vom Institut für Weltwirtschaft Kiel, Kiel 1977, und W. Hamm, Hypothesen zur Erklärung der "strukturellen" Arbeitslosigkeit, in diesem Band. 25 Ob das beim gegenwärtigen Stand der Statistik möglich ist, ist eine andere Frage. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 22 Gertrud Neuhauser Arbeitslosigkeit nicht teilweise konjunkturell bedingt ist. Maneval kann allerdings nicht zugestimmt werden, wenn er meint, "ein gesamtwirtschaftlicher Nachfragerückgang (Rezession oder Depression)" wirke sich "einigermaßen gleichmäßig auf alle Wirtschafts zweige einer Volkswirtschaft aus" und führe "daher auch in fast allen Sektoren einer Wirtschaft zu zyklischer Arbeitslosigkeit 26 ." Die Identifizierung der "konjunkturellen" Arbeitslosigkeit ist gerade wegen der ungleichmäßigen Auswirkung der Nachfrageentwicklung auf die Teilarbeitsmärkte schwierig. Ganz unmöglich erscheint aber die empirische Unterscheidung von "konjunktureller" Arbeitslosigkeit und "struktureller" Arbeitslosigkeit "neuer Art". Um von einer beobachteten Arbeitslosigkeit sagen zu können, ob und inwieweit sie "konjunkturell" oder "strukturell" nach "neuer Art" ist, müßte man sie erklären können. Man müßte wissen, ob ein bestehendes Defizit an Arbeitsplätzen ganz oder teilweise auf einen Mangel an Gesamtnachfrage oder auf eine "Vernichtung" von Arbeitsplätzen zurückzuführen ist. Ob es aber einen Schwund von Arbeitsplätzen ohne Mangel an Gesamtnachfrage geben kann, ist gerade die Streitfrage, von der eingangs die Rede war, und die nur entschieden werden kann, wenn die verwendeten Begriffe so bestimmt sind, daß die konkurrierenden Hypothesen testbar sind. 4. Die Untersuchung hat gezeigt, daß die begrifflichen Grundlagen der Diskussion um die strukturelle Arbeitslosigkeit unbefriedigend sind. Es besteht kein Konsens darüber, was mit "struktureller" Arbeitslosigkeit gemeint ist. In der Literatur finden sich verschiedene Definitionen und definitorische Abgrenzungen von konjunktureller und struktureller Arbeitslosigkeit, die eines gemeinsam haben: Allen fehlen Eigenschaften, die sie besitzen müßten, um Bestandteile testbarer Hypothesen darüber zu sein, wie Arbeitslosigkeit entstehen und "geheilt" werden kann. Das -1967 veröffentlichte - Papier, das Lipsey auf einer Tagung in Boulder, Colorado, im Jahre 1964 vorlegte, enthält folgende Sätze: "The issue of structuralist versus deficient-aggregate-demand theories will arise at other times and at other places. It seems important, therefore, that an effective method of testing between these two theories should be developed, so that the procedure will be ready, when the debate breaks out again 27 ." Diese Methode ist noch immer nicht entwickelt. Daher wird die Frage nach der richtigen beschäftigungspolitischen Therapie im konkreten Fall von Arbeitslosigkeit auch weiterhin eine Streitfrage bleiben. 26 Siehe H.Maneval, Artikel Arbeitslosigkeit, a.a.O., S.270. 27 Siehe R. G. Lipsey, a.a.O., S. 218. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Strukturelle Arbeitslosigkeit im Spiegel der Statistik Von Ingeborg Esenwein-Rothe, Nürnberg 1. Die Suche nach einem statistisch operationalen Begriff für Formen der Arbeitslosigkeit Die Schwierigkeiten einer jeden Wirtschaftsstatistik bestehen darin, daß Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik quantitativ formulierte Antworten auf Fragen fordern, ohne daß zuvor genau erklärt würde, wie der Erkenntnisgegenstand konzipiert und wie er im Rahmen der Konzeption definitorisch in Zeit und Raum abgegrenzt werden soll. Das gilt schon für Summengrößen, wie "das" Handwerk oder "den" Viehbestand; es gilt erst recht für so umfassende Pluralbegriffe wie "Volkseinkommen" oder "Preisniveau". Die anderen Referate l dürften hinreichend beweisen, daß es auch weder eine ökonomisch befriedigende noch eine einheitliche Definition für die Massenerscheinung "Arbeitslosigkeit" gibt. So erklärt es sich, daß eine wissenschaftstheoretisch fundierte Unterscheidung zwischen "friktioneller" und "struktioneller" Arbeitslosigkeit fehlt, etwa im Vergleich mit einer "saisonalen" oder "konjunkturellen" Freisetzung von Arbeitskräften. Deshalb erscheint es wenig verwunderlich, daß es Schwierigkeiten bereitet, die statistisch ermittelte Anzahl von Arbeitslosen danach zu untergliedern, ob ihre Arbeitslosigkeit durch konjunkturelle Schwankungen des Wirtschaftsprozesses ausgelöst worden ist oder ob sie aus Strukturwandlungen der Wirtschaft resultiert 2• Vordergründig könnte wohl so argumentiert werden, daß jene Freisetzung von Arbeitskräften als konjunkturell bedingt gelten soll, die auf eine Verunsicherung der Unternehmererwartungen zurückzuführen ist. Es erscheint plausibel, daß sich jegliche Unsicherheit über die Ur1 Vgl. dazu die Beiträge von G. Neuhauser und W. Ramm im gleichen Band. 2 Vgl. Strukturanalyse der Arbeitslosen und der offenen Stellen, Ergebnisse der Sonderuntersuchung von Ende Mai 1977, Amtliche Nachrichten der Bundesanstalt für Arbeit, 25. Jg., Heft 8, 1978 S.900: " ... Gegenwärtig besteht keine Möglichkeit, zweifelsfrei zu ermitteln, inwieweit die Unterbeschäftigung auf eine mangelhafte Auslastung der Arbeitsplatzkapazitäten (= konjunkturelle Arbeitslosigkeit) oder auf das Fehlen von Arbeitsplätzen (=strukturelle Arbeitslosigkeit im quantitativen Sinn) zurückzuführen ist ... " OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 30 Ingeborg Esenwein-Rothe beitsmarktstatistik in der BRD9. Außerdem stört diese Divergenz den internationalen Vergleich von Arbeitslosenquoten 1o • (i) Die "Erwerbslosen" im Mikrozensus (MZ)11 Nach dem traditionellen Konzept der Amtlichen Deutschen Statistik ist eine "Erwerbslosigkeit" primär bei solchen Erwerbspersonen zu vermuten, die bisher nicht als Selbständige oder Mithelfende Familienangehörige erwerbsbeteiligt waren. Denn die Erwerbspersonen werden wie folgt gegliedert: Erwerbspersonen I I I I Mithelfende Unselbständige Selbständige Familienr------,----- angehörige Beschäftigte I Erwerbslose I -' I Erwerbstätige I Diese Sicht des Erwerbslosenstatus wurde im Mikrozensus seit 1975 definitorisch aufgegeben, um den Anforderungen der internationalen Vergleichbarkeit zu genügen. Im Mikrozensus werden seit 1968 - den Wünschen des Statistischen Amtes der Europäischen Gemeinschaften folgend - auch solche Erwerbspersonen zu den Erwerbslosen gezählt, die lediglich eine grund9 Vgl. Karr, W., Zur Altersstruktur der Arbeitslosen, Analyse ihrer längerfristigen Entwicklung, in: Mitteilungen aus der Arbeitsmarktund Berufsforschung, H 3, 1977, S. 349 - 362. 10 Vgl. KoHer, M., König,!., Internationaler Vergleich der Arbeitslosenquoten, Studie im Auftrag der Kommission der Europäischen Gemeinschaften, Generaldirektion für soziale Angelegenheiten, in: Beiträge zur Arbeitsmarktund Berufsforschung, (Hrsg.) Institut für Arbeitsmarktund Berufsforschung, Bd. 29, 1977, S. 30 - 32, S.39. 11 Das Konzept dieser "Repräsentativstatistik der Bevölkerung und des Erwerbslebens" (gern. Ges. v. 15.7.75) hat sich in den erhebungstechnischen, definitorischen und systematischen Ansätzen zuerst als Stichprobenerhebung über Arbeitslosigkeit in Groß-Britannien und den USA bewährt. Es wurde 1947 von der 6. Intern. Konferenz der Arbeitsstatistiker in Montreal aneTkannt, 1957 durch Ratsbeschluß der OE CD für alle Mitgliedsstaaten verbindlich gemacht. In der BRD sind die Eckwerte der Wochenstunden für die Angabe des Beschäftigungsgrades dem geltenden Sozialrecht angepaßt worden: Wochenstundenzahlen unter 15/15 bis zur tariflichen Normalarbeitszeit i übertarifliche Arbeitszeit. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Strukturelle Arbeitslosigkeit im Spiegel der Statistik 31 sätzliche Erwerbsbereitschaft bekunden bzw. die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit planen. Dabei wird also nicht gefordert, daß sie bisher erwerbstätig waren oder die Arbeitssuche aufgenommen hatten 12 • Auch das nach internationalem Brauch verbindliche Kriterium der sofortigen Verfügbarkeit der erwerbslosen Person zur Arbeitsaufnahme wird nicht berücksich tigt13• Demnach gelten im Mikrozensus auch nicht aktivierte Arbeitslose als Erwerbslose, weil sie ein potentielles Kräftereservoir gegenüber den "Erwerbstätigen" darstellen. Unkontrollierbare Schwankungen entstehen offenbar im Zahlenbild, weil sich in Zeiten angespannter Arbeitsmarktlage eine unbekannte Anzahl von "Mithelfenden Familienangehörigen" als "arbeitssuchend" meldet, ohne tatsächlich einsatzbereit oder auch nur im häuslichen Produktionsprozeß abkömmlich zu sein, obgleich sie die festgesetzte Mindeststundenzahl nicht erreichen 14 • Die Zahlen des Mikrozensus sind Niveauangaben über Bestände, die für den Jahresdurchschnitt gelten. Diese Zahlen sind außerordentlich fehleranfällig. Einmal ist ein nicht unbeträchtlicher Stichprobenfehler zu vermuten. Wie erwähnt, wird der Mikrozensus als "Repräsentativstatistik der Bevölkerung und des Erwerbslebens" im Wege einer Befragung von 230000 Haushalten durchgeführt 15• Die Hochrechnung der für die "Segmente" (Zählbezirke) ermittelten Durchschnittsund Anteilswerte bezieht sich also auf Haushalte als Merkmale der im Wege einer geschichteten Zufallsstichprobe ausgewählten Zählflächen. Die Fortschreibung von hochgerechneten Zahlen für den Beschäftigtenstand der Wohnbevölkerung bzw. der Erwerbsbevölkerung erstreckt sich so dann auf die Merkmale einer "angepaßten" Hochrechnung von Haushaltsangehöri12 Vgl. dazu, Karr, W., Zur Altersstruktur ... , a.a.O., S.351: Dies führte natürlich zu einer beachtlichen Vergrößerung der Zahlen der Erwerbslosen. So nahmen die registrierten Arbeitslosen der Arbeitsverwaltung von 501000 im April 1967 auf 331 000 im April 1968 ab, die Mikrozensuszahlen nahmen dagegen im gleichen Zeitraum aus dem dargelegten Grund von 288 000 auf 402000 zu. 13 Bei KoUer und König wird demzufolge festgestellt: "So kann es vorkommen, daß im April oder Mai Schüler und Studenten als Erwerbslose erfaßt werden, obwohl sie erst im Juni oder Juli bereit sind, eine Tätigkeit aufzunehmen. Vgl. Koller, K., König,!., Internationaler Vergleich der a.a.O., S. 30. U Vgl. ergänzend Karr, W., Zur Altersstruktur ... , a.a.O., S.350. 15 Zur Beschreibung des (Flächen-) Stichprobenplanes, der auf einer Schichtung von Zählbezirksergebnissen der VZ 1970 beruht, vgl. Veröffentlichungen des Statistischen Bundesamtes, Fachserie A, Reihe 6, 1, 1972; sowie Das Arbeitsgebiet der Bundesstatistik, (Hrsg.) Statistisches Bundesamt, 1976, Methodische Grundzüge der Stichprobenstatistiken, 1977, S. 374 - 375. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 32 Ingeborg Esenwein-Rothe gen. Wie groß der Stichprobenfehler bei den Gesamtzahlen für die Bundesländer und das Bundesgebiet letztlich werden kann, mag noch berechenbar sein. Die Fehlermarge bei regionalen, branchenoder berufsbezogenen disaggregierten Angaben ist kaum abzuschätzen. Dies gilt umsomehr, als die Stichprobensegmente technisch nach einem Rotationsverfahren ausgewählt werden, so daß als Basis für Hochrechnung und Fortschreibung nicht einmal homogene Stichprobenelemente vorhanden sind 16• Die nach dem Erwerbskonzept des Statistischen Bundesamtes erhobenen und hochgerechneten Zahlen müssen nun aber noch auf das engere Labour-Force-Konzept umgerechnet werden, wenn sie international mit jenen Quoten vergleichbar gemacht werden sollen, die dem UN-System entsprechen. Für die Bezugsgröße (Erwerbspersonen = Erwerbstätige + Erwerbslose) ist eine Berichtigung in bezug auf die Teilgesamtheit "Mithelfende Familienangehörige" erforderlich. Denn im Mikrozensus wird (wie unter 2.1.2. ausgeführt) nicht die übliche Mindeststundenzahl von 15 Wochenstunden zur Abgrenzung gegenüber "Angehörigen" verwendet. Daraus ergibt sich die erwähnte Möglichkeit einer übererfassung solcher Personen, die normalerweise nicht für eine hauptberufliche, regelmäßige Tätigkeit verfügbar sind. (ii) Die "Al1beitslosen" nach dem Arbeitsmarktkonzept (AMSt.) Träger der laufenden Bestandsstatistiken für (unselbständig) Beschäftigte und Arbeitslose ist die Bundesanstalt für Arbeit mit dem Sitz in Nürnberg. Die in der regionalen Zuständigkeit von Arbeitsund Landesarbeitsämtern erforderliche Erfassung aller Leistungsberechtigten der Arbeitslosenversicherung und aller anderen Arbeitslosen bietet die Möglichkeit zu einer sekundärstatistischen, personenbezogenen Erfassung der Arbeitslosen. Der Erhebungsrahmen dieser Statistik ist unabhängig von demjenigen des Mikrozensus. Er umfaßt den Personenkreis der demographisch und sozio-institutionell Erwerbsfähigen, grundsützlich unter Ausschluß der Selbständigen, der Mithelfenden Familienangehörigen und der Beamten, es sei denn, sie wären als Stellungssuchende beim Arbeitsamt registriert. Deshalb ist hier auch der Bezugsrahmen für die vergleichende Beurteilung der "Arbeitslosigkeit" anders zu definieren: anstelle der Gesamtheit der Erwerbspersonen müßte die Gesamtheit der unselbständig Erwerbsbeteiligten als Bezugsgröße eingesetzt werden. Fraglich bleibt dabei, ob die vom Risiko einer Arbeitslosigkeit nicht betroffene Per16 Vgl. dazu auch die kritischen Anmerkungen bei Koller, M., König, 1., Internationaler Vergleich ... , a.a.O., S. 38 -39. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Strukturelle Arbeitslosigkeit im Spiegel der Statistik 33 sonengruppe der Beamten zu den "unselbständigen Erwerbsbeteiligten" gerechnet werden sollte oder ob sie als "unbeteiligte Masse" auszuschalten ist. Die traditionelle Arbeitsmarktstatistik hatte sich bei Erfassung und Analyse der Arbeitslosigkeit auf das Konzept der "social securities"17 bezogen, wie dies im Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenverwaltung (AVA VG) von 1927 bzw. in der Fassung von 1952 festgelegt worden war. Danach gelten als "arbeitslos" diejenigen Personen, die berechtigt sind, Arbeitslosengeld (bzw. nach Ablauf von 24 Monaten Arbeitslosenhilfe) zu beanspruchen, weil sie während ihrer früheren Tätigkeit als unselbständig Beschäftigte Beiträge zur Arbeitslosenversicherung geleistet haben 18 . Nach dem im Arbeitsförderungsgesetz (1969) vorgegebenen AMStKonzept ist der statistische Begriff der "Arbeitslosen" völlig losgelöst vom System der sozialen Sicherheit. Er umfaßt die in der BRD und in Berlin (West) wohnhaften Erwerbspersonen, die sich beim zuständigen Arbeitsamt als arbeitslos gemeldet haben, um in ein Arbeitsverhältnis als Arbeitnehmer oder in Heimarbeit vermittelt zu werden und weder erwerbstätig noch arbeitsunfähig krank sind. (Der vormalige Ausschluß von Beamten, Selbständigen und Mithelfenden Familienangehörigen entfällt demnach insoweit, als eine Bereitschaft zum Übergang in unselbständige Erwerbstätigkeit deklariert wird.)!'1 Er umfaßt nicht jene Personen, die lediglich eine "geringfügige" Beschäftigung suchen oder eine Erwerbstätigkeit für weniger als drei Monate, noch Arbeitssuchende, die sich schriftlich um Einstellung in einem bestimmten Betrieb bemühen. Als Kriterium für die "Geringfügigkeit" der Beschäftigung gilt nach deutschem Arbeitsrecht (§ 102 AFG) die Nebenbeschäftigung oder gelegentliche Dienstleistung von unselbständig Erwerbstätigen, die wegen geringer Stundenzahl und/oder geringen Entgelts nicht der Arbeitslosenversicherungspflicht unterliegen. 17 Vgl. Galland T., Statistik der Beschäftigten und Arbeitslosen in der BRD, in: Schriftenreihe des Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung, Heft 3, 1966. 18 Diese "leistungsberechtigten" Arbeitslosen sind insofern nach dem Arbeitsförderungsgesetz nicht gleichzusetzen mit "Leistungsempfängern" als Arbeitslose, über deren Antrag auf Leistung noch nicht entschieden ist oder deren Anspruch auf Leistung erschöpft ist, in den Zahlen der Empfänger von Arbeitslosengeld und -hilfe nicht enthalten sind. -Vgl. dazu Karr, W., Die Leistungsberechtigten in der Arbeitslosenstatistik, in: Mitteilungen d. Instituts für Arbeitsmarktund Berufsforschung, Heft 1, 1978, S.l - 6. 19 Diese "marginale" Definition folgt den erläuternden Ausführungen von Kar'r, W., Die Leistungsberechtigten ... , a.a.O., S. 1. Sie ist weiter gefaßt als dies in entsprechenden früheren Publikationen der BA geschehen war und zugleich genauer in bezug auf die Abgrenzungskriterien. 3 SChriften d. Vereins f. Socialpolitik 100 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 34 Ingeborg Esenwein-Rothe Dieses "aktuelle" Arbeitsmarktkonzept stimmt weitestgehend mit den neuesten Empfehlungen der OECD und der ILO überein, bietet aber Raum dafür, einige spezifisch deutsche arbeitsrechtliche und sozialpolitische Fakten zu berücksichtigen, wie beispielsweise Berufsförderungsmaßnahmen, Schlechtwettergeld u. a. m. 20• Tatsächlich trägt diese Anpassung im Erhebungsrahmen und in den Definitionen wesentlich dazu bei, Arbeitsmarktzahlen international vergleichbar zu halten. Allerdings bewirkt die Erweiterung des als "arbeitslos" zu erfassenden Personenkreises, daß Störungen im zwischenzeitlichen Vergleich auftreten, wie andererseits das Prinzip der Freiwilligkeit bei den Arbeitslosenmeldungen die Vollständigkeit der Erfassung gefährdet. Die Monatszahlen der BA sollen über die Veränderungstendenzen im Bestand an Arbeitslosen unterrichten. Dafür wäre es unabdingbar, daß der in den Zeitvergleich einbezogene Personenkreis eindeutig definiert ist. Dies ist jedoch nicht der Fall, solange sich Selbständige, Mithelfende Familienangehörige und auch Schulentlassene als "arbeitslos" registrieren lassen können, ohne wirklich sofort für eine Erwerbstätigkeit zur Verfügung zu stehen. (Zwar gilt als Voraussetzung für die Registrierung die Verfügbarkeit; die entsprechenden Angaben sind aber nicht kontrollierbar!) Nach den Erfahrungen der Arbeitsverwaltung gibt es verschiedene Motive, in irgendeiner Form (primär) Leistungen aus dem Netz der sozialen Sicherung in Anspruch zu nehmen, " ... ohne (primär) an einer Arbeitsaufnahme interessiert zu sein ... "2\ so etwa das Streben nach Anrechnung von Ausfallzeiten in der gesetzlichen Rentenversicherung, nach übernahme der Beiträge zur Krankenversicherung durch die Arbeitsverwaltung, oder auch der Verzicht auf ernsthafte Arbeitssuche bei denjenigen älteren Arbeitslosen, deren Arbeitslosengeld durch den bisherigen Arbeitgeber (im Rahmen eines betrieblichen Sozialplanes) dem bisherigen Nettoverdienst angenähert wird, bis sie das Lebensalter zum Bezug der Altersrente erreichen. Resignierend wird im zitierten Bericht festgestellt (Anm.21), es bestünde keine Möglichkeit, " ... über die quantitative Bedeutung dieser Form der Arbeitslosigkeit genauere Aussagen zu machen". (iii) Die "registrierten Arbeitslosen" und die "Nichtaktiven" nach den Empfehlungen von ILO und SAEG Die definitorischen Unterschiede in den Konzepten zur Erfassung der Arbeitslosigkeit sind neuerlich Gegenstand von klärenden Empfehlun20 Vgl. im einzelnen KoHer, M., König,!., Internationaler Vergleich ... " a.a.O., S. 33 - 34. 21 Vgl Strukturanalyse der Arbeitslosen ... , a.a.O., S.901. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Strukturelle Arbeitslosigkeit im Spiegel der Statistik 35 gen des International Labor Office (ILO) gewesen, denen sich das Statistische Amt der Europäischen Gemeinschaften (SAEG) angeschlossen hat. Sie zielen darauf ab, die nach der jeweiligen Sozialgesetzgebung des einzelnen Staates "registrierten" Arbeitslosen gesondert von der Gesamtheit der "marginal Erwerbslosen" auszuweisen. Die Unterscheidung sollte mittels tatsächlich statistisch erfaßbarer Kriterien getroffen werden. Sie würden zu folgenden Gruppen führen. (a) Arbeitslose i. e. S. 1: vormals Erwerbstätige, nach dem Verlust eines Arbeitsplatzes 2: Erwerbspersonen, die im Erhebungszeitpunkt ohne Tätigkeit sind, jedoch verfügbar und auf Suche nach einer abhängigen Erwer bstä tigkei t (b) Inaktive Personen im erwerbsfähigen Alter, jedoch 1: nicht aktiv bei der Arbeitssuche 2: zwar arbeitssuchend, aber nicht verfügbar 3: nur beschränkt arbeitsfähig 4: nur eine gelegentliche oder geringfügige Beschäftigung suchend Bei der Berechnung von Arbeitslosenquoten und Veränderungsraten sollte überdies berücksichtigt werden, ob die Wehrdienstpflichtigen in der Gesamtzahl der sozial-institutionell definierten Erwerbspersonen enthalten sind. (Diese Teilgesamtheit könnte die Quote der Jugendarbeitslosigkeit erheblich beeinflussen!) 3. Das Zahlenwerk der Arbeitslosenstatistik Um eine Vorstellung davon zu vermitteln, welche Möglichkeiten für eine Strukturanalyse von Zahlen der Amtlichen Arbeitslosenstatistik gegeben sind, muß das Verfahren geschildert werden, mit dem die "Arbeitskräftebilanz" erstellt wird. Sie erscheint in zwei Versionen. 3.1. Das integrierte Gesamtsystem der Erwerbstätigkeitsstatistik (i) Die Grundidee Seit 1975 wird an einem neuen System der Erwerbsstatistik gearbeitet. Es soll darin bestehen, die Bestandsstatistik aus Volkszählung und Mikrozensus anhand repräsentativer Zahlen über Beschäftigtenfälle aus Zensuserhebungen fortzuschreiben und diese geschätzten Zahlen mit OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 36 Ingeborg Esenwein-Rothe denen der Arbeitslosenund Beschäftigtenstatistik der BA abzustimmen. Dabei werden folgende Anpassungsrechnungen 22 erforderlich: (1) Die aus einer Berichtswoche stammenden Hochrechnungswerte der 1 vHMikrozensuserhebung müssen an die Fortschreibungszahlen der Wohnbevölkerung angepaßt werden, die beim Statistischen Bundesamt zusammenlaufen; außerdem wird eine Abstimmung mit dem Nachweis der unselbständig Beschäftigten und Arbeitslosen in den Tabellen der BA erforderlich. (2) Die in der Beschäftigtenstatistik der BA fehlenden Zahlen für "Beamte" müssen aufgrund der Personalstandsstatistiken des Öffentlichen Dienstes (bzw. nach den Sondererhebungen über die Dienstverhältnisse im Bildungs-, Rechtsund Gesundheitswesen) geschätzt werden. (3) Die Zahlen für Selbständige und für unbezahlt Mithelfende Familienangehörige müssen sowohl nach den MZ-Ergebnissenals auch gemäß den in den Wirtschaftsbereichen (Landwirtschaft, Handel, Produzierendes Gewerbe usw.) veranstalteten Zensen "fortgeschätzt" werden. Die Anpassungsrechnungen werden vom Statistischen Bundesamt wie folgt charakterisiert: " . " Die aus den Daten dieser Total-, Teilund Stichprobenerhebungen unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Definitionen, Abgrenzungen und Erhebungszeitpunkte geschätzten Durchschnittszahlen der Erwerbstätigen sind im Gegensatz zu den meisten verwendeten Basisstatistiken nicht zeiipunkt-, sondern zeitraumbezogen ... " (vgl. Wirtschaft und Statistik, 4/1977, S.247.) (ii) Die Arbeitslosenzahlen im Gesamtsystem Die für das "Gesamtsystem" erforderlichen Jahresdurchschnittszahlen für die "Arbeitslosen" werden nicht, wie diejenigen für unselbständig beschäftigte Arbeiter und Angestellte, aus den Mikrozensuszahlen hochgerechnet; vielmehr werden sie aus den Monatszahlen der BA errechnet 23• Dies erscheint nach den Erörterungen über das Erhebungskonzept für die "Erwerbslosen" im Mikrozensus und die "Arbeitslosen" im neuen BA-Konzept plausibel. Weniger verständlich ist jedoch die Richtung der Zahlendifferenz. Es wäre zu erwarten, daß die MZ-Zahlen höher lägen als die der Arbeitsverwaltung, einmal wegen der breiteren Abgrenzung der "Erwerbsbeteiligung" als "gainful working" (bereits bei mehr als 1 Wochenstunde); zum anderen wegen der Annahme einer "Erwerbslosigkeit" in dem 22 Vgl. dazu im einzelnen Herberger L., Das Gesamtsystem ... , a.a.O., Anm. 4 sowie (bezüglich der im Aufbau befindlichen Statistik über Bestandsveränderungen in der Gesamtheit unselbständig beschäftigter Arbeitnehmer) Hoffmann, H. P., Hoyer, H., Bayer, H., Die neue Beschäftigtenstatistik der Bundesanstalt für Arbeit, in: Arbeit, Beruf und Arbeitslosenhilfe, Das Arbeitsamt, 23. Jg. Heft 9, 1972, S. 281 - 284. 23 Vgl. Anm. 4 zu Tab. 1 bei Herberger, L., Das Gesamtsystem ... , a.a.O., S.99. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Strukturelle Arbeitslosigkeit im Spiegel der Statistik 37 Falle, daß eine Arbeitsbereitschaft für 3 Monate bestünde. Tatsächlich lagen die MZ-Zahlen jedoch meist unter denen der Arbeitsmarktstatistik, insbesondere in den Rezessionsjahren 1966/67 und seit 1973. Diese Divergenz kann nicht allein auf den Stichprobenfehler in den hochgerechneten MZ-Zahlen zurückzuführen sein. Selbst wenn für die hochgerechneten Zahlen ein relativer Fehler von 5 vH vorgegeben wäre, so wäre der Schwankungsbereich seit 1974 allenfalls mit ± 50000 anzunehmen. Die effektive Abweichung lag aber in diesen kritischen Jahren ausschließlich im negativen Bereich und machte zwischen 100 000 und 150 000 aus! Deshalb sind systematische Fehler zu vermuten, von denen einige besonders plausibel erscheinen: (1) Die gesetzlich erlaubte "Nebentiitigkeit" führt beim MZ zur Einreihung der "geringfügig Beschäftigten" zu den Erwerbstätigen; zugleich können sie jedoch als Stellungssuchende bei der Arbeitsverwaltung registriert sein und dort als Arbeitslose ausgewiesen werden. (Demzufolge liegt die Arbeitslosenzahl nach dem MZ-Konzept niedriger als bei der AMSt.) Ebenso ist vorstellbar, daß Teilzeitbeschäftigte nach einer Kündigung zwei oder mehrere Arbeitsstellen in Form einer gesetzlich zulässigen "geringfügigen Beschäftigung" finden. Dabei würden sie als Leistungsempfänger selbst nach dem engsten Arbeitsmarktkonzept zu den Arbeitslosen zu zählen sein, während der Interviewer sie beim MZ wegen des mehrfach "gainful working" als "erwerbstätig" bezeichnen würde. (2) Andererseits könnte das Ausmaß der gelegentlichen Nebentätigkeit so gering sein, daß die Interviewer erkennen würden, wie wenig die "geringfügig Beschäftigten" (Invaliden, Hausfrauen, Schüler) bereit oder in der Lage wären, eine tatsächlich zugewiesene Arbeit (15 Wochenstunden) aufzunehmen. Die Zuordnung solcher registrierter "Arbeitsloser" würde in den MZ-Tabellen bei den Nichterwerbspersonen erfolgen; wieder läge die absolute Zahl der Arbeitslosen beim MZ-Konzept unter derjenigen der AMSt. (3) Völlig anders läge der Fall beim Ausweis registrierter Arbeitsloser, die als Selbständige oder Mithelfende Familienangehörige tätig sind. Sie würden in ihrer sozialen Umwelt weiter als unabhängige Erwerbstätige erscheinen und sich beim MZ auch als solche bezeichnen. Nach dem "aktuellen" AM-Konzept würden sie aber als "Arbeitslose" erfaßt und ausgewiesen, weil sie als Stellungssuchende registriert sind. Statistisch wären alle Abweichungen dieser Art als Coverage-Fehler zu bezeichnen. Die Auswirkung eines solchen Fehlers auf die berechneten Arbeitslosenquoten wird nach dem Fehlerfortpflanzungsgesetz OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 38 Ingeborg Esenwein-Rothe besonders groß, wenn die Abweichungen im Zähler und Nenner nicht gleichgerichtet sind 24• (iii) Der Informationsgehalt von Arbeitslosenquoten im Gesamtsystem Die Aussagekraft der Arbeitslosenzahlen wird übrigens dadurch beeinträchtigt, daß innerhalb des Corpus der Erwerbspersonen eine Umschichtung von bisher Selbständigen und Mithelfenden zur Teilgesamtheit der unselbständig Erwerbsbeteiligten erfolgt, die sich als "Arbeitssuchende" registrieren lassen. Auch hier handelt es sich nicht um eine Freisetzung von Arbeitskräften aus dem Produktionsprozeß, sondern -allenfalls um einen sozialen Strukturwandel im Erwerbspotential. Außerdem enthalten die Zahlen über den Zugang von Arbeitslosen - je nach der konjunkturellen Gegebenheit - einen mehr oder weniger großen Andrang an Jugendlichen, Hausfrauen, Invaliden, Rentnern usw., die definitionsgemäß zu den Nichterwerbspersonen gehören würden. Beide Formen der statistisch nicht exakt gegenüber den Leistungsberechtigten i. e. S. abzugrenzenden "Arbeitslosigkeit" sind nicht nur bei der Zeitreihenanalyse störend; sie verhindern faktisch, daß Ausmaß und Erscheinungsformen der Freisetzung von Arbeitskräften aus bestehenden Beschäftigungsverträgen ermittelt werden könnten. Dennoch wäre es wohl hinzunehmen, daß Arbeitslosenquoten und Veränderungsraten im Zeitvergleich durch definitorische Unterschiede in den Zugangswie in den Bestandsgrößen leicht verzerrt sind, wenn nur über das Niveau als solches eindeutige Informationen vorlägen. Auch das ist nicht der Fall. Wie erwähnt, liegen die Zahlen für "Erwerbslose" im Mikrozensus unter denen des "Gesamtsystems" -1975 betrug die Differenz 156000. Indem nun die Zahlen der Arbeitsverwaltung als "korrekt" in das Gesamtsystem eingebracht werden, ergibt sich nebenstehendes Zahlenbild. Wohlgemerkt: Die in Tabelle 1 angegebenen Arbeitslosenquoten enthalten im Zähler die absoluten Zahlenangaben für die "Arbeitslosen" unverändert! Die Abweichungen resultieren aus einer unterschiedlichen Wahl der Bezugsgröße. Bei weitergehenden Formen abweichender Abgrenzung der Teilgesamtheit "Arbeitslose" vermehrt sich die Anzahl möglicher Ausprägungen der Arbeitslosenquote auf 11 Kennzahlen, die für 1975 eine Spanweite zwischen 3,42 und 5,5825 haben. Daß jede dieser Quoten für eine bestimmte Fragestellung sinnvoll sein kann, braucht kaum betont zu werden. Problematisch ist aber eben die zwischenzeitliche und zwischenstaatliche Vergleichbarkeit. 24 Vgl. Esenwein-Rothe, I., Die Arbeitsmarktstatistik im Lichte der Fehlertheorie, in: Allgemeines Statistisches Archiv, 2, 1977, S. 146 -149. 25 Vgl. dazu im einzelnen Esenwein-Rothe, I., Die Arbeitsmarktstatistik . . .• a.a.O., S. 155. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Strukturelle Arbeitslosigkeit im Spiegel der Statistik 39 Tabelle 1 Arbeitslose in der Wohnbevölkerung der BRD im Jahre 1975 Zahlen der Personengruppen in vH der Erwerbstätige --- Personenabsolut darunter gruppe in I abI Er1000 ErWohnwerbshängig werbst. I bevölinsges. kerung persoI dar. nen I insges. ohne I Beamte Nichterwerbspersonen ... 35432 57,3 ---- Erwerbspersonen ...... 26397 42,7 100 --- davon Erwerbstätige ... 25323 40,9 95,93 - - - dar. AbhänI gigeb) .... (19253) (31,1) i Arbeitslose ...... 1074 1,8 I 4,07 4,24 , 5,02 I 5,58 , I I i WohnbevölI I I kerung ..... 61829 100 i I I a) vgl. Esenwein-Rotlte, 1., Die Arbeitsmarktstatistik ... , a.a.O., S. 151, Tab. 1 und S. 153, Tab. 2. - Das Statistische Bundesamt gibt keine solche Zusammenschau der unterschiedlichen Zahlenangaben für einheitlich definierte Personengesamtheiten. Diese ist aus den Artikeln und Arbeitstabellen in Wirtschaft und Statistik und der dort publizierten Zahlen zusammengestellt worden. Vgl. Wirtschaft und Statistik, (Hrsg.) Stastisches Bundesamt, Hefte 4 und 6, 1976, Hefte 3, 4 und 6, 1977. b) 8378000 Angestellte } = 19253 abhängige Erwerbstätige 10 875 000 Arbeiter ' . 3.2. Die Arbeitslosenzahlen im Vergleich unterschiedlicher Erhebungsprogramme Angesichts dieses unbefriedigenden Informationswertes werden die Empfehlungen von ILO und EUROSTAT (Statistisches Amt der Europäischen Gemeinschaft) stark beachtet, nach denen künftig die Arbeitskräftebilanz mit einer UntersCl'1.eidung zwischen registrierten und marginalen Arbeitslosen vorgenommen werden soll (vgl. Tab. 2, S. 40). Welches Ausmaß die Divergenz der Arbeitslosenzahlen nach den verschiedenen Erhebungsprogrammen annehmen kann, wird an Zahlen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 46 Ingeborg Esenwein-Rothe geographische Verteilung von Arbeitslosenquoten nicht zurückzuweisen. Aber ein Zeitraum von sieben Jahren genügt nicht, um die Anwendung der multivariablen Einflußgrößenrechnung auf fehlerhaftes Ausgangsmaterial zu rechtfertigen. Ebenso unergiebig muß jeder Versuch bleiben, die durch die Freisetzung von Arbeitskräften entstehenden Veränderungen in der Branchenstruktur der Beschäftigtenzahlen zu beschreiben oder gar für analytische Urteile zu nutzen. Gegen einen solchen Ansatz spricht zunächst, daß die Zuordnung von Erwerbspersonen und Arbeitslosen zu Wirtschaftszweigen und Berufsklassen - je nach dem Träger der Statistik und dem Zweck der Erhebung - nach unterschiedlichen Klassifikationssystemen erfolgt. Die systematische Gruppierung kann vorgenommen werden a) nach dem Schwerpunkt der wirtschaftlichen Aktivitäten der jenigen Institutionen, in denen die Erwerbstätigen beschäftigt sind (Wirtschaftszweigsystematik), b) nach den fachlichen Kenntnissen und Fertigkeiten, welche die Erwerbspersonen für die jeweilige wirtschaftliche Tätigkeit benötigen (Berufssystematik)32. Tabelle 5 Anzahl der Positionen in den genannten Systematiken Wirtschaftszweigsystematik Klassifikationsschema Stufenfolge Grundsysteder Berufe, matik 1961 Fassung für Ausgabe 1975 in der Fassg. die BZ 1970 (Berufssysteder AZ 1970 matik) Bereiche .............. ;/. 4 6 Abteilungen ........... 10 10 ;/. Abschnitte ............. ;/. ;/. 40 Unterabteilungen ...... 29 36 ;/. Gruppen .............. 206 100 86 Untergruppen 669 ./ ;/. ........ . / . Klassen ............... 1397 ;/. 1669 I .I. = Nicht vorgesehen. 32 Eine sachgerechte Unterscheidung der beruflichen Qualifikationen einzelner Erwerbspersonen wäre nur dadurch möglich, daß sowohl der "erlernte" als auch der "ausgeübte" Beruf erfaßt und tabelliert würde. Dieses Gliederungsprinzip ist noch in der BZ 1939 praktiziert worden, wurde aber seit 1961 aufgegeben. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Strukturelle Arbeitslosigkeit im Spiegel der Statistik 47 Ohne die inhaltlichen Verschiedenheiten der Systematiken eingehend zu erörtern, läßt sich allein von ihrem technischen Aufbau her einsichtig machen, daß keine Vergleichbarkeit zwischen den fachlich gegliederten Teilgesamtheiten gegeben ist, wie aus Tab. 5 ersichtlich. Die Zuordnung von 18 -20 000 Berufsbenennungen zu 1 669 Berufsklassen in der Berufssystematik erfolgt nicht mehr nach den früher geltenden Grundsätzen. Damals galt als Ordnungsprinzip das jeweilige Berufsbild; dies war durch Ausbildungsweg und Tradition desjenigen Gewerbezweiges geprägt, in dem sich das Arbeitsleben der Berufsangehörigen abspielen sollte. Neuerlich soll der Beruf (in Anlehnung an "ISCO"33) als "Job" in seiner typischen wirtschaftlich-technischen Spezialisierung so beschrieben werden, wie dies den vielfältigen Einsatzmöglichkeiten in der modernen Arbeitswelt entspricht (Schlosser oder Elektroniker in der Spinnerei, Kraftfahrzeughandwerker im Großhandel usw.), d. h. unter dem Aspekt der Arbeitsvermittlung und Berufsberatung. In jüngerer Zeit überwiegt somit in den meisten Tabellen wegen der solcherart "modernisierten" Berufsklassifikation eine funktionale Gliederung der Erwerbspersonen nach Einsatzbereichen, also nach einer Wirtschaftszweigsystematik. Damit läßt sich beschreiben, in welcher Weise die "gesellschaftliche Arbeitsteilung" vor sich geht - genauer: wie die Berufshäufung sich in einzelnen Wirtschaftszweigen darstellt. Die Vergleichbarkeit zwischen einzelnen Ausweisen der Erwerbsstatistik ist dadurch aber in doppelter Weise beeinträchtigt: (i) Die "Beteiligung der Personen am Erwerbsleben" - nach Alter, Geschlecht und Arbeitszeiten - wird nach BZ und MZ lediglich für die Wirtschaftsbereiche der Wirtschaftszweigsystematik nachgewiesen. Nur für die BZ erfolgt eine Ausfächerung nach den Positionen beider Systematiken bis auf die Ebene der Gruppen. (ii) Die Beschäftigtenstatistik der Bundesanstalt für Arbeit ist nach 100 Gruppen der Wirtschaftszweigsystematik gegliedert, die Arbeitslosenstatistik im allgemeinen nur nach 40 Berufsabschnitten; allenfalls bei regional nicht unterteilten Spezialuntersuchungen erfolgt der Ausweis der Arbeitslosen nach 86 Berufsgruppen 34• 33 International Standard Classification of Occupation von 1957. 34 übrigens ist von der Problematik der Branchensystematik aus auch ein wichtiger Einwand gegen den Versuch begründet, die sog. Strukturveränderungsgeschwindigkeit für einzelne Zweige der Industrie als Instrument für die Erkenntnis struktureller Arbeitslosigkeit nutzen zu wollen, wie dies hei Goergens, E., Strategien zur Bekämpfung nicht-konjunktureller Arbeitslosigkeit angelegt ist (vgl. den Beitrag dieses Autors im gleichen Band). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 48 Ingeborg Esenwein-Rothe 4.2.2. Die Zuund Abgänge zu Arbeitslosenbeständen als Basis für wirtschaftspolitische Strukturanalysen Schließlich bestehen von der zeitlichen Abstimmung her wenig Aussichten darauf, daß sich die strukturelle Arbeitslosigkeit statistisch in einer Form darstellen ließe, die eine Analyse der wirtschaftspolitischen Vorgänge von der Seite der Nachfrage nach Arbeitskräften aus ermöglichen würde. Wie erwähnt, fallen die Erwerbslosenzahlen des Mikrozensus einmal jährlich (für etwa 1 vH der Wohnbevölkerung) aufgrund des Beschäftigungsstandes in einer Berichtswoche an. Die Beschäftigtenund Arbeitslosenzahlen der Arbeitsverwaltung sind Bestandsermittlungen zum jeweiligen Monatsende, die aufgrund der fortlaufenden Zugangsund Abgangsmeldungen erstellt werden. Aus dieser zeitlichen Divergenz erwächst nun aber nicht allein die Notwendigkeit, im "integrierten Gesamtsystem" anstelle von MZ-Zahlen Jahresdurchschnittswerte der Arbeitsmarktstatistik zu verwenden (vgl. unter 3.1.(ii». Sondern hieraus ergab sich auch innerhalb der Arbeitsmarktstatistik eine Divergenz in der Beurteilung der Arbeitslosigkeitsdauer; völlig unmöglich ist es beim reinen Bestandsvergleich, jene Strukturveränderungen zu ermitteln, die sich im Periodenbestand vollzogen haben, indem sich der Ausgangsbestand durch Zuund Abgänge zwischen zwei Monatsenden "erneuert"35. Daß es sinnvoll wäre, sich des Instrumentariums der Zeitraumanalyse zu bedienen, um die Wirtschaftsund Sozialstruktur der Arbeitslosen überhaupt erkennen zu können, ist erst in jüngster Zeit realisiert worden: es hat sich nämlich herausgestellt, daß der Bruttozugang an Arbeitslosen nicht identisch ist mit der Vermehrung des Arbeitslosenbestandes 36 . Die Verfasser plädieren für eine Zerlegung der Arbeitslosenquoten in die Bewegungskomponenten "Betroffenheit" (= Häufigkeit der Freisetzung von Erwerbspersonen in der Beobachtungsperiode), "Mehrfacharbeitslosigkeit" (= Häufigkeit der Freistellung je Person) und "Dauer der Arbeitslosigkeit" (= mittlere Verweildauer der Freistellungen je Person). Damit dürfte es in der Tat möglich werden, die jeweiligen Konstellationen in bezug auf die nicht-konjunkturelle Arbeitslosigkeit zu verdeutlichen. 35 Zur Terminologie der Zeitraumanalyse mittels chronologischer Mittelwerte und zum einschlägigen Schrifttum vgl. Esenwein-Rothe, L, Die Methoden der Wirtschaftsstatistik, UTB, Bd. 1, Göttingen 1976, S. 158 -191. 36 Nach einer Studie von Egle, F., Karr, W. war der Bruttozugang an Arbeitslosen seit Beginn der letzten Rezession (Oktober 1973) bis zur Jahresuntersuchung 1977 (Mai 1977) " ... etwa 17 mal höher als der Nettozugang". Vgl. Egle, F., Karr, W., Statistische Probleme einer systematischen Beobachtung der Arbeitslosigkeit, in: Mitteilungen d. Instituts für Arbeitsmarktund Berufsforschung, Heft 3, 1977. S. 364. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Strukturelle Arbeitslosigkeit im Spiegel der Statistik 49 5. Ausblick Die ersten Publikationen über methodologische und sachliche Einsichten zu dieser Problematik der Arbeitslosenstatistik sind erfolgversprechend. Auch die Ankündigung, mit den Methoden der Verlaufsstatistik, in Anlehnung an die Empfehlungen Richard Stones, die Abgangsordnung von Arbeitslosen mit branchenund berufsspezifischen Zahlen über die Besetzung offener Stellen zu kombinieren, verspricht neuartige Informationen, insbesondere auch über die Bedeutung des technischen Fortschritts für den Arbeitsmarkt. Aber auch mit dieser Ergänzung der Bestandsstatistik durch eine Erneuerungsstatistik werden nur dann zuverlässige Informationen über die strukturelle Arbeitslosigkeit zu gewinnen sein, wenn zuvor alle konzeptionellen und definitorischen Ungereimtheiten beseitigt sein werden und wenn darüber hinaus eine regionale und fachliche Disaggregation der ermittelten Indikatoren möglich gemacht wird. Der Weg bis zu diesem Ziel ist noch weit. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Die Orientierung der Arbeitsmarktpolitik an Aussagen über die mittelund langfristige Entwicklung des Arbeitsmarktes - Eine Untersuchung der Erfahrungen und der aufgetretenen Probleme Von J. Heinz MüHer, Freiburg Seit emigen Jahren, und zwar bemerkenswerter Weise beginnend schon vor der Zeit einer größeren Arbeitslosigkeit, wird in der Bundesrepublik Deutschland immer wieder die Forderung nach einer aktiven Arbeitsmarktpolitik erhoben 1• Dieter Mertens 2, der Leiter des Instituts für Arbeitsmarktund Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit, schlägt in die gleiche Kerbe. Er kritisiert das "Defizit an Quantifizierung und modellhafter Aufbereitung von Zielen und Verfahren auf dem Gebiet der Arbeitsmarktpolitik" . Stattdessen will er die Teilziele auf den verschiedenen Gebieten der Arbeitsmarktpolitik "durchweg innerhalb eines Modellzusammenhanges quantitativ darstellen und auf Plausibilität (z. B. Widerspruchsfreiheit und simultan verträgliche Beschäftigungseffekte) kontrollieren, und zwar sowohl für die kurze wie für die mittlere und lange Sicht"3. Nachdem eine größere Zahl einschlägiger Untersuchungen vorliegt und eine gewisse Zeit verstrichen ist, will die vorliegende Arbeit sich mit den dabei aufgetretenen Problemen befassen und die Erfahrungen aufzeigen, die sich daraus ergeben. Das soll unter besonderer Betonung des mittelund langfristigen Bereiches erfolgen. Eine quantitativ abgestimmte Einflußnahme auf Arbeitsmarktgrößen, wie sie wesentlicher Inhalt einer Forderung nach einer aktiven Arbeitsmarktpolitik allgemein ist oder speziell den Ausführungen von Mertens als Forderung zugrunde liegt, ist nur möglich auf der Basis von Prognosen der wahrscheinlichen Entwicklung, von Projektionen oder auch von Modellrechnungen. So berechtigt methodische Unterschiede zwischen den damit verbundenen Fragestellungen sind, muß doch zweierlei 1 So z. B. Peter Michels: Start in eine aktive Arbeitsmarktpolitik, in der gleichnamigen Schrift des DGB-Landesbezirks Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 1974. 2 Dieter Mertens: Quantitative Arbeitsmarktpolitik - Aktuelle Zielprobleme der Arbeitsmarktpolitik und der Arbeitsmarktforschung, in: Schriften des Vereins für Socialpolitik, NF Bd. 81, Berlin 1975, S. 10. - Das dieser Publikation zugrundeliegende Referat wurde bereits 1973 gehalten. 3 Ebenda, S.I1. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 52 J. Heinz Müller klargestellt werden. Zunächst wechselt in einschlägigen Untersuchungen nicht selten der methodische Charakter etwa zwischen überschrift und Schlußfolgerung. Sodann wird dieser entscheidende Unterschied mit großer Wahrscheinlichkeit verloren gehen, wenn die Untersuchungen zur Grundlage einer aktiven Arbeitsmarktpolitik gemacht werden. Im Rückblick auf diese Untersuchungen kann es nicht Aufgabe der vorliegenden Arbeit sein, einfach Prognosen, Modellannahmen o. ä. und tatsächliche Entwicklung einander gegenüberzustellen. Wer das tut, wie es heute leider oft geschieht, wenn man etwa die "Treffergenauigkeit" von Sachverständigenratsprognosen bestimmt, handelt leichtfertig: Zunächst ignoriert ein solches Vorgehen die Möglichkeit der Selbstaufhebung von Prognosen, wie sie z. B. bei den der Öffentlichkeit zugänglichen Berufsprognosen oft eintritt. Man übergeht dabei aber auch die Schwierigkeiten, die sich auf vielen Gebieten auch heute noch bei quantitativen Prognosen selbst für sehr fachkundige Untersucher ergeben. Die Fragestellung dieser Arbeit lautet vielmehr, ob die bisher entwikkelten einschlägigen Methoden ausreichen, um dem sehr weitgehenden Ziel zu genügen, eine geeinete Basis für eine quantitative, aktive Arbeitsmarktpolitik zu bilden. Methodisch gehen alle hier zu behandelnden Arbeitsmarktuntersuchungen in der gleichen Weise vor, indem sie getrennt voneinander die Entwicklung der Zahl der Arbeitsplätze und des Erwerbspersonenpotentials 4 (Inländerkonzept) schätzen. Dabei bewegt sich - abseits der Frage möglicher Zuwanderungen - die Prognose des inländischen Erwerbspersonenangebotes auf einem verhältnismäßig sicheren Fundament, da alle bis ca. 1990 neu ins Arbeitsleben eintretenden Personen heute bereits geboren sind und die Sterberaten für den arbeitenden Teil der Bevölkerung niedrig liegen. Für die Zeit bis ca. 1990 spielt beim Erwerbspersonenangebot auch die problematische Frage nach der weiteren Entwicklung unserer Geburtenrate nur eine sehr untergeordnete Rolle, nämlich in Bezug auf die durch die Zahl ihrer unversorgten Kinder familiär gebundenen Frauen. So wird sich nach neuen Schätzungen des Instituts für Arbeitsmarktund Berufsforschung das deutsche Erwerbspersonenpotential bis 1990 wie folgt entwickeln: "von rund 24,5 Mio. im Jahr 1975 über rund 24,8 Mio. im Jahr 1980 auf knapp 25,5 Mio. im Jahr 1990"5. 4 Es werden im folgenden die damit nicht immer identischen Termini der jeweiligen Untersuchungen verwendet. 5 Gerhard Kühlewind/Manfred Thon: Projektion des deutschen Erwerbspersonenpotentials für den Zeitraum 1975 bis 1990. in: Mitteilungen aus der Arbeitsmarktund Berufsforschung, 9. Jg., 1976, S. 157. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Die Orientierung der Arbeitsmarktpolitik 53 Damit liegen die prozentualen Differenzen gegenüber der vorhergehenden Schätzung auf der Basis von 1972 im Durchschnitt aller Jahre bei ca. 1 °/0. Im einzelnen beruhen diese Abweichungen auf folgenden Änderungen 6: 1. Revision der Basiszahlen zur Erwerbstätigkeit durch das Statistische Bundesamt, 2. neue Bevölkerungsvorausschätzungen des Statistischen Bundesamtes, verbunden mit neuen Annahmen zur Entwicklung von Geburten und Sterbefällen, 3. neuere Entwicklungen bei altersspezifischen Erwerbsquoten von Männern und Frauen. Diese neuen Erkenntnisse und Entwicklungen haben, wie die oben wiedergegebenen Differenzen zeigen, nur ganz unbeträchtliche Änderungen in den Projektionen zur Folge. Hier befindet man sich mithin offensichtlich auf einer methodisch recht sicheren Basis. Die Ergebnisse dieses Teils der Projektionen könnten daher für eine Orientierung der Arbeitsmarktpolitik durchaus verwendet werden 7• Ganz anders verhält es sich jedoch mit den Projektionen des Arbeitsplatzangebotes. Da in dieser Hinsicht die Arbeiten des IAB bzw. der Bundesanstalt für Arbeit methodisch sehr verschieden vorgehen, ist eine intensive, getrennte Befassung mit den einschlägigen Untersuchungen erforderlich. Einen Sonderweg gehen zunächst methodisch die überlegungen der Bundesanstalt für Arbeits. Ausgangspunkt für das Arbeitsplatzangebot ist hier die Forderung, daß die deutsche Volkswirtschaft in der Zukunft mit einer bestimmten Rate wachsen müsse 9, nämlich mit ca. 4,7 G/o p. a. 6 Gerhard Kühlewind/Manfred Thon, a.a.O., S. 158. 7 Andererseits sind auch hier langfristig Abweichungen möglich, z. B. bei einer stärkeren Änderung der Frauenerwerbsquoten oder bei erheblichen Abwanderungen. S "Überlegungen zu einer vorausschauenden Arbeitsmarktpolitik - zugleich ein Beitrag der Bundesanstalt für Arbeit zu den Perspektiven der Arbeitsmarktpolitik des Bundesministers für Arbeit und Sozialordnung" , hrsg. von der Bundesanstalt für Arbeit, Nürnberg 1974 - im folgenden zitiert als "Überlegungen der BA". Zum methodischen Anspruch heißt es im Vorwort des Präsidenten der BA (S.3) wie folgt: "Dazu" -d. h. zu einem konzeptionellen Planen und vorausschauenden Handeln im Sinne des AFG (aus dem Vorsatz ergänzt, H. M.) - "bedarf es der Analyse und Prognose der Arbeitsmarktentwicklung. Ihre Bestimmungsgrößen, Alternativen, Interdependenzen und Auswirkungen müssen geprüft werden, damit Ansatzpunkte für mittelund längerfristige politische Entscheidungen und arbeitsmarktpolitische Maßnahmen erkannt werden können". 9 Ebenda. S. 34 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 54 J. Heinz Müller Eine direkte Begründung für diesen Ziel ans atz enthält die Untersuchung nicht; wohl finden sich in der Ablehnung von Alternativen, "die langfristig zu einem geringeren Kräftebedarf führen könnten"10, wichtige Hinweise dafür, warum die BA ein derartiges Wachstum für erforderlich hält 11 • Zunächst wird darauf hingewiesen, daß ein Wachstumsverzicht negative Folgen zeitigen müßte. "Ein Wachstumsverzicht durch Verringerung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen erscheint unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht möglich ohne unerwünschte Rückwirkungen auf die Beschäftigungssicherheitt 2 ." Dazu muß zuerst klargestellt werden, daß ein Wachstumsverzicht, wie er seinem Umfang nach damals allein zur Debatte stand, langfristig keinesfalls einen absoluten Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage hätte bedeuten müssen. Dann kann es sich bei der Alternative aber nur darum handeln, daß die gesamtwirtschaftliche Nachfrage nicht in dem gleichen Maße wächst, wie es in der Zielprognose unterstellt wird. Für diesen Fall werden unerwünschte Rückwirkungen auf die Beschäftigungssicherheit gefolgert. Zwar ist klar, daß jede Zurücknahme des Wachstums tempos eine gewisse Einbuße an Beschäftigungssicherheit zur Folge hat, vor allem für die Fluktuationsarbeitslosigkeit, aber auch für die Arbeitslosigkeit einiger Randgruppen. Doch muß festgestellt werden, daß ein sehr hoher Grad an Vollbeschäftigung, wie ihn die BA mit ihrer angestrebten Höhe der "Beschäftigungssicherheit" an dieser Stelle verlangt, bei anderen Zielen, vor allem bei der Preisstabilität, nicht unerhebliche Opfer fordert. Wegen der Zielinterdependenz ist schon bei einem geringfügig reduzierten Wachstum eine minimale Einbuße an letzter Beschäftigungssicherheit unvermeidlich; aber wegen des gleichen Zusammenhanges aller Ziele der Wirtschaftsund Sozialpolitik bringt eine jede extreme Erfüllung einzelner Ziele unwiderruflich andere Ziele in eine höhere Gefahr. Da schon eine geringe Rücknahme der Wachstumsrate genügt, um einen nachhaltigen inländischen Arbeitskräftemangel von 560 000 Personen, wie er damals von der BA für 1980 erwartet wurde l3 , zu vermeiden, können andere Nachteile unerörtert bleiben, nachdem die BA sie ausdrücklich nur für den Fall einer wesentlichen Verringerung des Wachstumstempos für wahrscheinlich hält. 10 Ebenda, S. 34. 11 Dazu muß die damals erwartete Fortdauer des Wachstums als Grundlage unterstellt werden. 12 Überlegungen der BA, S. 34. 13 überlegungen der BA, S.27. -Differenz zwischen der "auszufüllenden Potentiallücke" und den 1972 im Inland anwesenden ausländischen Erwerbspersonen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Die Orientierung der Arbeitsmarktpolitik 55 Ein Argument, das die BA für besonders wichtig ansieht, ist dabei das folgende: "Verringertes Wirtschaftswachstum würde außerdem die Bundesrepublik Deutschland international aus der Spitzengruppe der westlichen Industrieländer zurückfallen lassen"14. Auch diese überlegung erscheint nicht stichhaltig 15 , vor allem dann nicht, wenn sich nur geringe Wachstumsunterschiede zwischen den Ländern ergeben. Es kommt hinzu, daß die meisten für die internationale Rangordnung relevanten Aspekte weniger das absolute Sozialprodukt als das Sozialprodukt je Kopf betreffen. Niemand wird z. B. deshalb die Schweiz nicht zur Spitzengruppe der westlichen Industrienationen zählen, weil in ihr - wegen ihrer im Vergleich mit anderen Ländern geringen Bevölkerungszahl -das absolute Sozialprodukt niedrig liegt; entscheidend für die Einordnung ist vielmehr das Sozialprodukt je Einwohner oder je Beschäftigten, das in der Schweiz hoch ist. Dieser Wert würde sich aber für die Bundesrepublik auch bei dem damals zur Diskussion stehenden Maß an Wachstumseinbuße kaum ändern, wenn - was im vorliegenden Zusammenhang weitgehend der Fall wäre-dieserWachsturnsverzicht mit einer Verringerung der Zahl der zusätzlich anzuwerbenden ausländischen Arbeitnehmer verbunden gewesen wäre. Wegen der Verringerung der Zahl der Arbeitskräfte gegenüber dem Modell könnte sogar, da dadurch bei der zu erwartenden geringeren Kapitalknappheit ertragsgesetzliche Wirkungen teilweise hätten vermieden werden können, eher mit einem zusätzlichen Anstieg des (realen) Sozialproduktes je Beschäftigten gerechnet werden. Mit diesen Begründungen eine reale Wachstumsrate von 4,7 % p. a. oder mehr als notwendig zu fordern, erscheint wenig fundiert. Warum kann man sich z. B. nicht mit einer Wachstumsrate zwischen 4,5 und 4,0 % zufrieden geben? Würde diese Reduktion, die - wie noch zu zeigen sein wird - die damals prognostizierten Spannungen auf dem Arbeitsmarkt vermieden hätte, wirklich entscheidende negative Wirkungen im o. g. Sinne hervorgerufen haben? Das war doch nicht zu erwarten. Hinsichtlich der weiteren Alternativen - der Reduktion des Exportüberschusses, einer beschleunigten Steigerung der Produktionsleistung je Beschäftigungsstunde und einer Trendumkehr bei der Verkürzung der Arbeitszeiten - kann man hier der Ablehnung durch die BA und den dabei verwendeten Argumenten folgen, auch wenn im Rahmen einer darauf speziell eingehenden Untersuchung sich manches kritisch vorbringen ließe. Mit Hilfe von Annahmen über das jährliche Wachstum der Stundenproduktivität (knapp 50 /0) und über den jährlichen Rückgang der Jah14 Überlegungen der BA, S. 34. 15 Selbst dann nicht, wenn man sie auf dem Hintergrund der damaligen weltweiten Wachstumseuphorie sieht. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 62 J. Heinz Müller wesentlich weniger empfindlich gegenüber Variationen wäre, weil sich entsprechende Änderungen bei den verwendeten Größen im Rahmen der Formel weitgehend ausgleichen müßten. Es zeigt sich mithin, daß bei der Art der von der BA gewählten Analyse das Ergebnis-Potentiallücke oder nicht und ggf. Größe der Potentiallücke - von der Höhe der gewählten Wachstumsraten in sehr starkem Maße abhängig ist. Daran ändert sich auch nichts, wenn man berücksichtigt, daß die BA an späterer Stelle zwei unterschiedliche Strategien einführt 31 . Diese beziehen sich nämlich nur auf das Maß, in dem die angebliche Potentiallücke mit Hilfe ausländischer Erwerbstätiger gefüllt wird. Bei dieser hohen Sensibilität des Modells in Bezug auf das Ergebnis - "Potentiallücke" oder "Arbeitskräfteüberschuß", also nur das Vorzeichen der Differenz zwischen Arbeitskräftebedarf und Zahl der inländischen Erwerbstätigen, erst recht aber in Bezug auf die Höhe dieser Differenz - lassen sich aus ihm für die praktische Arbeitsmarktpolitik keinerlei gesicherte Folgerungen ableiten 32 . Dazu muß in besonderem Maße betont werden, daß bei dem hier verwendeten Ansatz die Wachstumsrate des BIP als Ziel vorgegeben wird, ein Ziel, das in seiner genauen Höhe ganz und gar nicht begründet werden kann. Es kann doch niemand ernsthaft behaupten, daß die Bundesrepublik - selbst wenn keine Änderung in den von der BA für den "Rest der Welt" unterstellten Wachstumsraten eintreten würde 33 - wirklich "international aus der Spitzengruppe der westlichen Industrieländer zurückfallen"34 würde, wenn nur ein um 0,2 % -Punkte geringeres BIP-Wachstum 35 erreicht würde. Das Gleiche trifft auch für die anderen Argumente zu: Die "Beschäftigungssicherheit" der inländischen Erwerbstätigen würde bei einer solchen Wachstumsreduktion zwar ein wenig zurückgehen; das käme aber anderen Zielen des Stabilitätsgesetzes, vor allem einer größeren Preisstabilität, zugute. Auch würde sich das Tempo der Umstrukturierung der Wirtschaft etwas verringern, aber auch hier würde die Einbuße kaum merklich sein. 31 überlegungen der BA, S. 36 ff. 32 So operiert z. B. der Finanzbericht 1975 des Bundesministeriums für Finanzen vom 15.8.1974 für die mittlere Frist von 1973/78 mit einer Wachstumsrate des BIP von 3,7 ~/o p. a., eine Arbeitszeitabnahmt! von 0,8 % p. a. und einer Zunahme der Stundenproduktivität von 4,8 G/ o p. a., was eine jährliche Abnahme der Zahl der Erwerbstätigen von 0,3 11 /0 p. a. zuläßt. 33 Der Einwand gilt erst recht, wenn sich auch diese Wachstumsraten, über deren wahrscheinliche Konstanz keinerlei Untersuchungen angestellt werden, nach unten verändern. 34 Überlegungen der BA, S. 34. 35 Statt 4,7 0 /G p. a. 4,5%. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Die Orientierung der Arbeitsmarktpolitik 63 Mithin kann festgestellt werden, daß die Sensibilität des verwendeten Modells die daraus gezogene Feststellung einer "Potentiallücke" und darüber hinaus ihre größenmäßige Fixierung 36 keinesfalls zulassen. Das Modell ist - das gilt in gleichem Maße für die Projektion der BA in den "Überlegungen" wie für die des lAB in den "Quintessenzen" - viel zu sensibel, als daß man das Prognose ergebnis als Basis für eine darauf aufbauende Arbeitsmarktpolitik verwenden könnte37• In einer neueren Projektion des lAB wird eine ganze Reihe von Varianten der Arbeitsplatzangebots-Entwicklung vorgestellt. Dieses Vorgehen wird mit folgenden Argumenten begründet, "um zum einen das breite Spektrum der möglichen Entwicklungen, zum anderen aber auch die Sensibilität des Arbeitsplatzangebotes auf unterschiedliche Raten des Wirtschaftswachstums deutlich zu machen"38. Diesen Begründungen ist nach den vorhergehenden Ausführungen nur zuzustimmen. Aber was sind die Folgen eines derartigen, methodisch sicherlich vorzuziehenden Vorgehens? Die Autoren fassen selbst ihr Resultat an Hand mehrerer Tabellen und eines Schaubildes zusammen. Das Prognoseergebnis schwankt dabei für 1980 zwischen 26,73 Mio. (Variante I) und 25,11 Mio. (Variante V) und für 1990 zwischen 27,79 Mio. (Variante I) und 24,00 Mio. (Variante V) Plätzen für Erwerbstätige. Die Schwankungsbreite beträgt also im ersten Fall - für einen vom Veröffentlichungsdatum aus gerechnet nur vier Jahre entfernten Zeitpunkt - 1,62 Mio. Personen oder ca. 6,5 %, für 1990 39 3,79 Mio. Personen oder rd. 16 0 /0. Dabei kann man noch sehr wohl darüber streiten, ob die Varianten das Spektrum der wahrscheinlichen Entwicklung voll abdecken. Sicherlich sind damit - das zeigt etwa ein Hinweis auf eine mögliche Wiederholung der Erdölkrise - keineswegs alle möglichen Entwicklungen eingefangen. Stellt man nunmehr diesen Varianten des Arbeitsplatzangebotes die Prognose des Arbeitspotentials gegenüber, so wird die Schwäche des Ansatzes besonders deutlich. Die beiden ausgewählten extremen Varianten weisen hinsichtlich ihres Arbeitsmarktresultates außerordentlich differenzierte Ergebnisse 36 Bis 1990 hin! 37 Es erscheint geboten, darauf hinzuweisen, daß eine hohe Sensibilität -wenn auch nicht unbedingt in dem gleichen Ausmaß wie bei dem Modell der BA -bei allen ähnlich angelegten langfristigen Modellen auftritt. Wird eine Wachstumsrate statt mit 3 Ofo p. a. mit 3,1 % angesetzt, so stellt sich nach einem Jahr eine Abweichung von O,l %-Punkten, nach 30 Jahren aber eine solche von 7,2 %-Punkten ein. 38 W. Klauder/P. Schnur, a.a.O., S. 240. 39 D. h. 14 Jahre nach der Publikation. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 64 J. Heinz Müller auf: Bezogen auf die deutschen Erwerbspersonen steht für 1980 ein Arbeitsplatzüberschuß zwischen 2,04 und 0,42 Mio. Arbeitsplätzen zu erwarten. Für 1990 schwankt das entsprechende Ergebnis zwischen einem Überschuß von 2,43 Mio. und einem Defizit von 1,36 Mio. Arbeitsplätzen. Arbeitsmarktbilanz 1980 und 1990 in Mio. (Auszug) Erwerbspersonenpotential (deutsche Erwerbspersonen) Arbeitsplatzangebot: Variante I ...................... . Variante V ..................... . Arbeitsplatzüberschuß (+) Arbeitsplatzmangel (-) Variante I ...................... . Variante V ..................... . Quelle: W. Klauder/P. Schnur, a.a.O., S. 247. 1980 24,69 26,73 25,11 + 2,04 + 0,42 1990 25,36 27,79 24,00 + 2,43 1,36 Es ist aber zu bedenken, daß in den obigen Werten des Erwerbspersonenpotentials die heute bereits im Inland anwesenden ausländischen Arbeitnehmer nicht enthalten sind, deren Zahl aus vielfältigen Gründen in Zukunft kaum wesentlich reduziert werden kann. Geht man davon aus, daß die Ausländerbeschäftigung sich etwa auf dem heutigen Stand von ca. 2 Mio. Erwerbstätigen stabilisieren wird, so ließe die Variante I für 1980 eine ausgeglichene Gesamtarbeitsmarktbilanz erhoffen, für 1990 wäre sogar wieder ein leichter Anstieg der Ausländerbeschäftigung möglich. Bei der unteren Varian'.;e müßte man für 1980 mit ungefähr 1,6 Mio. inund ausländischen Arbeitslosen in der Bundesrepublik Deutschland rechnen, wenn nicht eine größere Zahl von ausländischen Arbeitnehmern es vorzieht, in ihre Heimat zurückzukehren. Für 1990 wäre ohne einen solchen Ausweg eine Arbeitslosenzahl von fast 3,5 Mio. zu erwarten. Auf Prognosen/Projektionen, die mit einem solchen Grad von Schwankungen arbeiten müssen, läßt sich eine konkrete Arbeitsmarktpolitik nicht aufbauen. Die Ausarbeitungen sind zwar in der Lage, "unter genau bestimmten Annahmen und Bedingungen die Zusammenhänge, Größenordnungen und Tendenzen auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft sichtbar zu machen ... 40, aber ihre Ergebnisse sind auch nicht mehr als 40 Quintessenzen des lAB, Heft 1/1975, S. 1. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Die Orientierung der Arbeitsmarktpolitik 65 solche Folgerungen aus den jeweils gewählten Voraussetzungen. Sie dürfen insbesondere nicht unabhängig von den Voraussetzungen gesehen werden, wie es leider immer wieder geschieht und wie es geschehen muß, wenn man mit Hilfe dieser Untersuchungen eine konkrete Arbeitsmarktpolitik betreiben will. Dafür fehlt es, wie das lAB durch sein methodisches Vorgehen selbst klar macht, völlig an den erforderlichen Voraussetzungen hinsichtlich der Eindeutigkeit der zu erwartenden Entwicklungen oder der Unempfindlichkeit der Modelle gegenüber den zugrundegelegten Annahmen. Nun deuten sich aber in der heutigen Arbeitsmarktpolitik noch weitergehende Tendenzen an, die auch in den Publikationen des lAB ihren Niederschlag finden. Sie versuchen, auch Aussagen darüber zu treffen, wie sich in Zukunft die Erwerbstätigkeit in den verschiedenen Wirtschaftssektoren entwickeln wird. Entsprechende Ansätze enthalten sowohl die "Überlegungen der BA" als auch die Untersuchungen Klauder/ Schnur. Ergebnisse werden in folgender Übersicht lediglich für die Änderungen bis 1980 und nur für zwei Varianten summarisch einander gegenübergestellt. Man fragt sich, was angesichts dieser Schwankungsbreiten mit diesen Unterlagen im Rahmen einer wirtschaftsabteilungsbezogenen Arbeitsmarktpolitik anzufangen sein könnte. Dabei ist wiederum zu berückArbeitskräftebestand und Arbeitskräftebedarfsänderungen nach Wirtschaftsabteilungen 1970 und 1980 (jeweils in 1 000 Personen) Änderungen 1970/80 Bestand "Über1970 Klauder/Schnur legunI gen" Var. I Var. V 1 2 3 4 Landu. Forstwirtsch. . ...... 2262 -1078 -910 -700 Produzierendes Gewerbe ..... 12973 -252 -550 - 1630 Handel und Verkehr ......... 4769 + 121 + 100 -50 Dienstleistungen ............. 2943 + 597 + 540 + 350 Organis. o. Erwerbschar. " ..... 645 + 117 + 70 + 80 Staat, Sozialvers. ............ 2990 + 1067 + 890 + 490 26582 I + 572 I + 140 I - 1470 I Quellen: Spalte 1 und 2: überlegungen der BA, S. 120. Spalte 1: Istwerte, Spalte 2: Erwartete Änderungen. - Spalte 3 und 4: W. Klauder/P. Scnnur, a.a.O., S.260, Bei den Varianten I und v: Erwartete Änderungen. 5 Schriften d. Vereins f. Soclalpolitlk 100 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 66 J. Heinz Müller sichtigen, daß im Zeitpunkt der Aufstellung dieser übersichten bei den "überlegungen der BA" ca. drei, bei der Untersuchung KlauderlSchnur fünf Jahre des Zeitraumes, für den die Veränderungen berechnet wurden, schon tatsächlich abgelaufen waren, so daß dafür keine Vorausschätzungen erforderlich waren. Sieht man von dem Problem des Zustandekommens dieser Schätzungen ab, worüber die herangezogenen Untersuchungen bemerkenswert wenig Konkretes aussagen, so bleibt die Frage des "cui bono". Man muß sich fragen, wie angesichts der oben herausgestellten Unsicherheiten eine branchenbezogene aktive Arbeitsmarktpolitik möglich sein soll. So liegen z. B. die zu erwartenden Veränderungen beim Produzierenden Gewerbe in der Zeit von 1970/80 zwischen - 252 000 und - 1630000 Erwerbspersonen, bei Staat und Sozialversicherung schwanken die Zuwächse an Erwerbspersonen für 1970/80 in den Prognosen zwischen 1 067 000 und 490 000. Auch in den anderen Wirtschaftsabteilungen sind die Abweichungen in den prognostizierten Veränderungen, obwohl absolut geringer, so doch prozentual beträchtlich. Auf dieser Basis läßt sich eine entsprechend aufgefächerte Arbeitsmarktpolitik sicherlich nicht betreiben. Wie diese Ausführungen gezeigt haben dürften, ist nach dem gegenwärtigen Stand unseres Wissens eine Prognose des Arbeitsplatzangebotes für die mittlere oder lange Frist mit hinreichender Sicherheit nicht möglich. Was dagegen angeboten werden kann sind Untersuchungen, in denen bestimmte Prämissen gesetzt und aus diesen sodann die Folgerungen abgeleitet werden. Solche Untersuchungen haben aber für konkrete Planungen nur in dem Maße Bedeutung, wie die ihnen zugrundeliegenden Prämissen in der Zukunft auch tatsächlich erfüllt werden. Der Theoretiker kann sich daran erfreuen, aus konditionalen Prämissen Folgerungen im Rahmen eines Modells abzuleiten, die im Grundprinzip bereits in den Prämissen enthalten sind, also ausschließlich explikative Bedeutung besitzen 41• Für die praktische Wirtschaftspolitik haben solche Untersuchungen aber nur einen sehr begrenzten Wert. Sie können, falls es sich um realitäts konforme Prämissen handelt, aufzeigen, wohin eine diesen Prämissen entsprechende Entwicklung tatsächlich führen wird. Besonders wertvoll sind sie in dem Fall, daß die allgemeinen Prämissen den tatsächlichen Verhältnissen sehr weitgehend entsprechen und es dann nur um die Frage geht, wie eine bestimmte Maßnahme - z. B. eine Ausdehnung der flexiblen Altersgrenze oder die Einführung eines zehnten Pflichtschuljahres -sich auf 41 So ist z. B. in der Prämisse eines Kreises mit einem bestimmten Radius bereits sein Umfang vorwegbestimmt; trotzdem hat es einen (explikativen) Sinn, ihn zu bestimmen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Die Orientierung der Arbeitsmarktpolitik 67 das Arbeitsplatzangebot und/oder auf die Arbeitsplatznachfrage auswirken wird. Je größer die Zahl der verwendeten Varianten ist, um so stärker werden allerdings auch in diesem thematisch sehr eingeschränkten Aufgabenkreis die Ergebnisse auseinanderfallen. Aber die Analyse lehrt uns noch ein weiteres: Es ist in sonstigen Bereichen, z. B. bei der Wetterprognose, selbstverständlich, daß man die Grenzen respektiert, die hic et nunc einer jeden Prognose gesetzt sind. So verzichtet man z. B. gegenwärtig (noch) auf eine LangfristW etterprognose. Ein entsprechender Verzicht ist aber auch im Bereich der Wirtschaftsund Arbeitsmarktpolitik überall da zwingend geboten, wo uns -realistisch gesprochen -die methodischen Voraussetzungen für derartige Überlegungen (z. Zt.) noch nicht zur Verfügung stehen: Genau so unverantwortlich, wie gute Prognosemöglichkeiten nicht zu nutzen, ist es, sich der Grenzen der Prognose nicht bewußt zu werden, und diese Grenzen sind für eine sinnvolle Verwendung im Augenblick noch sehr eng. Insbesondere hängt es von der Art des gestellten Problems und auch davon ab, in welcher Form es gestellt wird. So läßt sich etwa, wie vorstehend gezeigt, das inländische Arbeitskräftepotential für eine Frist von ca. 15 Jahren durchaus mit hinreichender Sicherheit bestimmen, die Arbeitskräftenachfrage jedoch nicht. Ist die Unsicherheit bei der relativen Änderung der Arbeitskräftenachfrage schon sehr groß, so gilt das erst recht hinsichtlich der zu erwartenden relativen Änderung des Arbeitsmarktsaldos. Noch empfindlicher werden aber die Werte, wenn sie auf Wirtschaftsabteilungen oder ähnliche sektorale Untergruppierungen bezogen werden. Das gerade Ausgeführte gilt grundsätzlich auch hinsichtlich Modellen, Projektionen oder ähnlichen Ansätzen. Sie besitzen für die praktische Wirtschaftspolitik nur Aussagefähigkeit, wenn die Randbedingungen, von denen sie ausgehen, im wesentlichen denen der jeweils gegebenen tatsächlichen Situation entsprechen. Ansonsten sind sie für die praktische Wirtschaftspolitik ohne Wert. Sie können sogar zu einer großen Gefahr werden, wenn - wie es leider oft vorkommt - an der praktischen wirtschaftspolitischen Arbeit beteiligte Personen sich dieser Ansätze bemächtigen, sich da über die Grenzen ihrer Aussagefähigkeit - bewußt oder unbewußt - hinwegsetzen und dann Maßnahmen durchsetzen, die eine schwere Schädigung der Volkswirtschaft zur Folge haben können. Nach dem jetzigen Stand dürfte ein kurzfristiges Reagieren der Arbeitsmarktpolitik auf bestimmte Anzeichen des Arbeitsmarktes zweckmäßiger sein als eine Ausrichtung an langfristigen Prognosen, Projektionen o. ä. Auf jeden Fall sollte man dabei aber stets all jenen Maßnahmen den Vorzug geben, die leicht revidiert werden können, wenn die spätere Entwicklung anders als ursprünglich erwartet verläuft. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Hypothesen zur Erklärung der "strukturellen" Arbeitslosigkeit Von WalteT Ramm, Marburg Die hohe Dauerarbeitslosigkeit ist in der Bundesrepublik Deutschland zur wichtigsten politischen und sozialen Frage geworden. Die eingehende Betrachtung der Ursachen, die den abrupten Umschwung von der überbeschäftigung zur Dauerarbeitslosigkeit zu erklären vermögen, erscheint vor allem aus zwei Gründen vordringlich: Erstens verspricht das Aufspüren der Ursachen Hinweise darauf zu liefern, mit welchen Strategien die Dauerarbeitslosigkeit wirksam bekämpft werden kann. Zweitens eröffnet eine systematische Ursachenanalyse die Chance, durch sorgfälttge Beachtung negati~er Erfahrungen ähnliche Fehlentwicklung.en in der Zukunft zu vermeiden. Monokausale Erklärungsversuche werden dem komplexen Phänomen "Dauerarbeitslosigkeit" ganz offensichtlich nicht gerecht. Es wäre vordergründig, den Tarifvertragsparteien und den von ihnen vereinbarten Lohnsätzen die alleinige Schuld zuzuweisen oder allein die "W eltwirtschaftskrise" für die hohe Arbeitslosrgkeit verantwortlich zu machen. Offensichtlich sind in der Wirtschaftsund Sozialpolitik der letzten Jahre ebenfalls folgenschwere Fehler unterlaufen. Diese beiden Bere1che - Lohnpolitik sowie Wirtschaftsund Sozialpolitik - werden im Mittelpunkt der folgenden Bemerkungen stehen. Unter "struktureller" Arbeitslosigkeit wird im folgenden jene längere Zeit anhaltende gesamtwirtschaftliche Arbeitslooigkeit verstanden, die durch eine Diskrepanz fachlicher und regionaler Ang,ebotsund Nachfragestrukturen und/oder dur,ch ein Zurückbleiben des Arbeitsplatzangebots hinter dem Angebot an Arbeitsleistungen hervorgerufen wi:rd. Die im Verlauf eines Konjunkturzyklus auftretende und wieder verschwindende Arbeitslosigkeit bleibt damit ebenso außer Betracht wie die Saisonund die Friktionsarbeitslosigkeit. Zwar läßt sich eine scharfe Trennlinie zwischen friktioneller, saisonaler, konjunktureller und struktureller Arbeitslosigkeit nicht zi'ehen1. Es wird jedoch allgemein davon ausgegan1 Siehe hierzu Hans WürgZeT, Arbeitslosigkeit: Schicksal oder .gesellschaftHches Versagen?, in: Schaffhauser Kantonalbank (Hrsg.), Die Begegnung, Vortragsreihe 1975/76 des Kaufmännischen Vereins Schaffhausen, Schaffhausen 1976, S. 28 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 70 WalterHamm gen, daß der überwiegende Teil der zur Zeit (Anfang 1977) in der Bundes republik Deutschland Arbeitslosen auch bei fortschreitender konjunktureller Erholung keinen Arbeitsplatz fände, daß mit anderen Worten ein erhebliches Ausmaß an struktureller oder Dauerarbeitslosigkeit besteht. Eine klärende Vorbemerkung erscheint zweckmämg. Strukturelle Arbeitslosigkeit wird oft ausschließlich als Folge des Auseinanderfallens zweier Gruppen von Eigenschaftsmerkmalen verstanden: der Qualifikationen von Arbeitslosen und der Anforderungen, die Unternehmen an Arbeitskräfte stellen, sowie der regionalen Angebotsund N achfragekomponenten 2• Strukturelle Arbeitslosigkeit ist in dieser Sicht Folge eines strukturellen Wandels der Produktion von Gütern und Diensten, dem sich das Angebot an Arbeitsleistungen wegen zu geringer Flexibilität und Mobilität nicht schnell genug anzupassen vermag. Aufgabe der Wissenschaft ist bei dieser Betrachtungsweise die Analyse der Struktur der nachgefragten und angebotenen Qualifikationen und das Auffinden von Möglichkeiten, das Angebot an Arbeitsleistungen über Ausbildung, Fortbildung, Umschulung, höhere räumli.che Mobilität, regionale Arbeitsbeschaffungsprogramme sowie "Anpassungsund Überbrückungshilfen für in eine Krise geratene Wirtschaftszweige" besser mit der Nachfrage nach Arbeitsleistungen in Übereinstimmung zu bringen 3• Dieser von Hardes und Maneval (verschiedenen Vorbildern folgend) beschrittene Weg wird im folgenden nicht eingeschlagen. Vielmehr wird versucht, einen gedankliclJ.en Schritt früher anzusetzen. Die westdeutsche Wirtschaft hat naclJ. dem Zweiten Weltkrieg tiefgreifende strukturelle Veränderungen durchgemacht. Zugleich ist in den fünfziger Jahren die hohe Arbeitslosigkeit als Folge von Kriegszerstörungen, Demontagen, partiellen Überkapazitäten in den drei westlichen Besatzungszonen, von Wanderungsbewegungen aus den ehemals deutschen Ostgebieten und von Flüchtlingen aus der DDR allmählich abgebaut worden. Die beträchtlichen strukturellen Veränderungen innerhalb der sechziger Jahre 4 sind nicht von struktureller Arbeitslosigkeit begleitet 2 Siehe hierzu das Referat von H.-D. Hardes, Zur Problematik struktureller Arbeitslosigkeit. Theoretische Analyse, auf der Tagung 1976 der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften in Ausburg, als Manuskript vervielfältigt, S.3 ff., insbesondere S. 5, und die dort zitierten Literaturstellen. 3 Siehe hierzu Helmut Maneval, Probleme der Erfassung struktureller Arbeitslosigkeit und Probleme der wirtschaftspolitischen Beeinflussung struktureller Arbeitslosigkeit, Referat auf der Tagung 1976 der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften in Ausburg, als Manuskript vervielfältigt, S. 23 ff., inbesondere S. 25. 4 Vgl. Autorengemeinschaft des Instituts für Arbeitsmarktund Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit, Zum Problem der "strukturellen Arbeitslosigkeit", in: Mitteilungen aus der Arbeitsmarktund Berufsforschung, Heft 111976, inbesondere S. 79 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Hypothesen zur Erklärung der "strukturellen" Arbeitslosigkeit 71 gewesen. Es muß daher gefragt werden, warum strukturelle Wandlungen neuerdings zu einer hohen Dauerarbeitslosigkeit führen, warum also die marktwirtschaftliche Steuerung auf den Arbeitsmärkten heute schlechter funktioniert als noch vor wenigen J ahren 5• Unter den in Frage kommenden Erklärungen erscheinen zwei von besonderer Bedeutung zu sein: Nach den Ermittlungen des Instituts für Arbeitsmarktund Berufsforschung in Nürnberg hat sich erstens die ,.jährliche Strukturänderungsgeschwind:i.gkeit"6 1974 und 1975 wesentlich erhöht. Die jährliche Änderungsgeschwindigkeit der Beschäftigtenstruktur in der Gesamtwirtschaft hat zwar (von einem niedrigeren Ausgangspunkt beginnend) nicht ganz die Werte des Rezessionsjahres 1967 erreicht, lag aber erstmals zwei Jahre hintereinander wesentlich über dem linearen Trend 7• Möglicherweise ist damit kurzfristig die Leistungsfähigkeit des marktwirtschaftlichen Steuerungssystems überfordert worden. Auch hier wäre freilich die Frage zu ste11en, wie es zu den ausgeprägten und anhaltenden Strukturänderungen gekommen ist. Der These des Nürnberger Instituts, daß die ungewöhnlich hohen und langanhaltenden Strukturänderungen "vorwiegend konjunkturbedingt"8 seien, soll die These entgegengesetzt werden, daß Versäumnisse und Fehlentscheidungen in der Wirtschaftspolitik zu strukturellen Verzerrungen und zu einem aufgestauten Strukturanpassungsbedarf geführt haben. Als sich die Korrektur früherer wirtschaftspolitischer Fehler als unabweisbar erwies, kam es zu einem zeitlich komprimierten Nachholen verhinderter struktureller Änderungen und zugleich zur Bereinigung wirtschaftspolitisch induzierter Fehlentwicklungen. Zweitens könnten lohnpolitische Vorgänge sowie Maßnahmen der Sozialund Wirtschaftspolitik dazu geführt haben, daß Marktkräfte in gering,er:em Ausmaß als früher zur Bewältigung struktureller Wandlungen beizutragen vermögen. Hierfür sprechen mehrere Gründe, auf die einzugehen sein wird. Gegenstand der folgenden Überlegungen sind also nicht primär die technologische und die durch regionale und sektorale Strukturwand5 In ähnlicher Weise ist Herbert Giersch vorgegangen. Siehe: Ursachen und Auswirkung der Investitionsschwäche, in: Investititionen - Element der Zukunftssicherung, Köln 1976, S. 112 ff. -Vgl. auch die Jahresgutachten 1975/76 und 1976/77 des Sachverständigenrats sowie Walter Hamm, Strukturelle Arbeitslosigkeit, Ursachen und Bekämpfungsmöglichkeiten, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 164, vom 19.7.1975. 6 Vgl. Autorenkollektiv, Zum Problem der "strukturellen Arbeitslosigkeit", a.a.O., S. 78. Bei der "Änderungsgeschwindigkeit der Beschäftigtenstruktur" wird die Geschwindigkeit des Strukturwandels "an der Entwicklung der Summe der sektoralen Anteilsveränderungen je Zeiteinheit (ohne Berücksichtigung des Vorzeichens)" gemessen. 7 Vgl. ebenda, S.79 ff. S Ebenda, S. 80. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 78 WalterHamm erweisen skh als unsozial, weil die Kosteneffekte der Umverteilungsstrategie und die leicht zu prognostizierenden Reaktionen der Unternehmen hierauf nicht bedacht worden sind. Noch in anderer Hinsicht nimmt die Tarifpolitik zu wenig Rücksicht auf Veränderungen der Marktverhältnisse. Starre Einstufungen der Arbeitskräfte in ein althergebrachtes Tarifgefüge ohne Rücksicht auf die Änderung von Angebotsund Nachfrageverhältnissen, wie dies im öffentlichen Dienst der Fall ist, begünstigen die Arbeitslosigkeit in jenen Sparten, in denen ein Überandrang von Bewerbern (z. B. akademisch vorgebildeter Berufsanfänger) herrscht. Falsche Lohnsignale fördern eine nicht nachfragegerechte Steuerung der Berufsausbildung. Soll die Tariflohnpolitik künftig der Arbeitslosigkeit entgegenwirken, anstatt das Arbeitslosigkeitsrisiko bestimmter Gruppen zu erhöhen, so wird wesentlich mehr auf die Veränderungen der Marktverhältnisse geachtet werden müssen. Verteilungspolitische Ziele dürfen nur eine subsidiäre Rolle spielen, wenn den zu Begünstigenden mehr genützt als geschadet werden soll. Einkommensumverteilung kann ohne nachteilige Auswirkungen für die Bezieher niedriger Einkommen über die staatliche SozialpoHtik erfolgen, die "über die Sekundärverteilung die Lohnpolitik entlasten und sich nicht von ihr die Arbeit tun lassen" sollte 18 • Zusammenfassend kann gesagt werden, daß die derzeitige Tariflohnpolitik in mehrfacher Hinsicht Arbeitslosigkeit fördert: -- Verteilungspolitische Erwägungen schaffen zusätzliche Arbeitsplatzrisiken bei den am wenigsten Qualifizierten, bei denen das Verhältnis von Lohn zu produktiver Leistung besonders ungünstig geworden ist. - Die Mißachtung der Angebotsund Nachfrageverhältnisse begünstigt Fehllenkungen in der Berufsausbildung und bewirkt ein partielles Überangebot an Arbeitsleistungen. - Die zunehmende Nivellierung regionaler Lohnunterschiede neutralisiert mehr und mehr die regionalpolitischen Maßnahmen. Für die Unternehmen sinkt der Anreiz, sich an relativ ungünstigen Standorten niederzulassen. Die Arbeitslosigkeit in wirtschaftsschwachen Gebieten wird dadurch verschärft. -- Das verminderte sektorale Lohngefälle erschwert den reibungslosen, nicht von Arbeitslosigkeit begleiteten Umsetzungsprozeß von Arbeitskräften aus schrumpfenden in wachsende Wirtschaftszweige. Der Nachfragesog, der ohne Entlassungen den Übergang in neue Tä18 Bruno MolitOT, Beschäftigungsorientierte Lohnpolitik, a.a.O., S.17. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Hypothesen zur Erklärung der "strukturellen" Arbeitslosigkeit 79 tigkeiten ermöglicht, ist weniger spürbar. Die Umorientierung auf Grund von Marktsignalen wird erschwert. Nochmals sei betont, daß sich derartige Mängel der Tariflohnpolitik nur dann störend bemerkbar machen, wenn die gewerkschaftliche Politik auf möglichst vollständige Vermeidung der Lohnrlrift abzielt. Da die Flexibilität der Tariflöhne nach bisherigen Erfahrungen überaus gering ist und da die Arbeitsmarktparteien auf Veränderungen der Angebotsund Nachfrageverhältnisse kaum mit entsprechenden Veränderungen der LohnunterschiJede reagieren 19, wäre eine Lohnpolitik erwünscht, die zu einer unterschiedlich hohen Lohndrift nach Regionen, Branchen und Qualifikationen führt. Die Effektivlöhne könnten dann die Lenkungsfunktionen übernehmen, die von den Tariflöhnen nicht erfüllt werden. Die laufende Anpassung des Arbeitsleistungsangebots an strukturelle Veränderungen der Nachfrage läßt sich zwar "durch aktive Arbeitsmarktpolitik zur Förderung der Mobilität mildern"20. Von flexibleren Effektivlöhnen gingen jedoch wichtige Impulse aus, die den Arbeitskräften aus freiem Entschluß eine Umorientierung ermöglichten und sie zugleich zu einzelund gesamtwirtschaftlich erwünschten Dispositionen motivierten. Auch ohne oder jedenfalls mit geringeren staatlichen Mobilitätshilfen würden dann offene Stellen zu besetzen sein. Daß ein genereller MobHitätspessimismus fehl am Platze ist, haben die erst wenige Jahre alten Klagen über die übermäßige Fluktuation von Arbeitskräften in der Bundesrepublik Deutschland gezeigt. Ohne wirksame Entzerrung der Lohnrelationen wird sich das Arbeitslosigkeitsrisiko auch weiterhin auf wenige Gruppen von Beschäftigten konzentrieren und dort wachsende Unsicherheit und Unzufriedenheit hervorrufen. Die Forderungen nach wirksamem Kündigungsschutz und nach Arbeitsplatzgarantie zeigen, daß eine marktwidrige Lohnfestsetzung zu Fehlentwicklungen führen kann, die Wünsche nach weiterreichenden Folgeinterventionen auslösen. C. Wirtschaftsund sozialpolitisch bedingte Arbeitslosigkeit Die hohe Dauerarbeitslosigkeit ist keineswegs nur eine Folge der nicht marktgerechten Lohnpolitik. Sozialund wirtschaftspolitische Interventionen haben in mehrfacher Hinsicht die von den Arbeitsmärkten ausgehenden, zum Ungleichgewicht führenden Wirkungen verstärkt, die Kostenbelastungen der Unternehmen zusätzlich erhöht sowie den 19 Zu den Hintergründen dieser Einstellung vgl. Wolfram Mieth, Ein Beitrag zur Theorie der Lohnstruktur, Göttingen 1967, S.167 ff. 20 Herbert Giersch, Konjunkturelle, strukturelle und internationale Aspekte des Arbeitslosenproblems, in: Kieler Diskussionsbeiträge, Heft 49, Wege zur überwindung der Arbeitslosigkeit, Kiel 1977, S.44. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 80 WalterHamm strukturellen Anpassungsbedarf durch zuvor ausgelöste Fehlallokationen und durch strukturkonservierende Maßnahmen beträchtlich vergrößert. Auf die langfristig beschäftigungspolitisch nachteiligen Nebenwirkungen dieser staatlichen Interventionen ist nicht hinreichend geachtet worden. Die erste Gruppe von Maßnahmen (Abschnitte 1. bis 5.) hat die Arbeitskosten der Unternehmen direkt oder indirekt erhöht und auf diesem Wege zur Vernichtung von Arbeitsplätzen bei.getragen. Die zweite Gruppe von Maßnahmen (Abschnitte 6. bis 15.) hat das Ausmaß struktureller Veränderungen künstlich vergrößert oder die Anpassungsfähigkeit und -bereitschaft der Unternehmen oder der Beschäftigten vermindert. 1. Steiles Ansteigen der Personalnebenkosten Die kräftige Erhöhung der Effektivlöhne - zum Teil bewirkt durch unzureichende konjunkturelle Steuerung, durch Zulassung von Inflation und Überbeschäftigung - ist von verantwortlichen Politikern mehrfach kritisiert worden, vor allem in der Lohnrunde des Jahres 1974. Immer wieder ist in diesem Zusammenhang darauf verwiesen worden, daß zu hohe Lohnsteigerungsraten eine Gefahr für die Geldwertstabilität bedeuteten. Verfolgt man die Veränderungen der gesetzlichen Personalnebenkosten in den letzten Jahren, so stellt sich heraus, daß sich der Gesetzgeber und die Bundesregierung an die eigenen Mäßigungsappelle gegenüber den Tarifvertragsparteien bei ihren Maßnahmen nicht gehalten haben. In der Zeit von 1966 bis 1976 sind allein die gesetzlichen Personalnebenkosten, jeweils bezogen auf ein "Entgelt für geleistete Arbeit"21 von 100 DM von 19,40 DM auf 30,10 DM, also wesentlich stärker gestiegen als das Entgelt für geleistete Arbeit. In der gleichen Zeit erhöhten siclJ. die tarifvertraglichen und freiwilligen Personalneben~osten je 100 DM Entgelt für geleistete Arbeit "nur" um 6,80 DM auf 30,80 DM22. Da geset2l1iche Personalnebenkosten die den Unternehmen entstehenden Arbeitskosten genauso erhöhen wie entsprechende Steigerungen des Entgelts für geleistete Arbeit, liegt der Schluß nahe, daß Gesetzgeber und Bundesregierung die Auswirkungen der die Personalnebenkosten erhöhenden Beschlüsse unterschätzt haben. Der Widerspruch zwischen 21 Vgl. v. D. Personalund Personalnebenkosten im Produzierenden Gewerbe 1972, in: Wirtschaft und Statistik, Heft 1/1975, S.59 ff. Die Personalkosten werden dort in "Entgelt für geleistete Arbeit" und "Personalnebenkosten" aufgeteilt. Zu den gesetzlichen Lohnnebenkosten gehören insbesondere Sozialversicherungsbeiträge, bezahlte Feiertage, die Verdienstfortzahlung im Krankheitsfall, Leistungen nach dem Mutterschutzgesetz und Beiträge zur Unfallversicherung. 22 Vgl. Studiengesellschaft für Information und Fortbildung e. V. (Hrsg.), Staat, Gesellschaft, Wirtschaft, Stuttgart 1976. S.73, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Hypothesen zur Erklärung der "strukturellen" Arbeitslosigkeit 81 den Appellen an die Tarifpartner und dem eigenen Verhalten ist jedenfalls auffällig. Das überproportionale Ansteigen der gesetzlichen Personalnebenkosten hat für die Unternehmen den Zwang, nicht mehr rentable Arbeitsplätze zu beseitigen oder "wegzurationalisieren", erheblich verschärft. Dies wäre nicht der Fall gewesen, wenn sich die Erhöhung der gesetzlichen Personalnebenkosten verteilungsneutral entwickelt hätte oder wenn der überproportionale Anstieg der gesetzlichen Personalnebenkosten durch ein Zurückbleiben anderer Arbeitskostenbestandteile kompensiert worden wäre. Mit dem eingeschlagenen forcierten Tempo bei der Einführung neuer betrieblicher Soziallasten sind offensichtlich - wenn auch isoliert kaum zu quantifizierende - beschäftigungsmindernde Wirkungen ausgelöst worden. 2. Erschwerung von Kündigungen Die Kündigungsschutzbestimmungen sind in den letzten Jahren wesentlich verschärft worden. Oft sind Entlassungen nur schwer und unter hohen finanziellen Belastungen für die Unternehmen durchzusetzen. Die ungewöhnlich schwere und lang anhaltende Rezession 1974/75 hat dies vielen Unternehmen deutlich bewußt gemacht. Die Folge ist eine unverkennbare Zurückhaltung der Unternehmen bei der Einstellung neuer Arbeitskräfte. Rationalisierungsschutzabkommen mit den Gewerkschaften wirken in die gleiche Richtung. Auch das Betriebsverfassungsgesetz erschwert in vielen Fällen die Anpassung an veränderte Marktbedingungen. Solange Unklarheit darüber besteht, ob die Auftragslage eine dauernde Beschäftigung der Neueinzustellenden zuläßt, scheuen die Unternehmensleitungen davor zurück, den Personalbestand zu vergrößern. Es gibt Beispiele dafür, daß Unternehmen eher Aufträge abgelehnt haben (sofern sich Widerstand gegen Überstunden regte), als daß sie zusätzliche Kräfte einstellten. Giersch hat darauf verwiesen, daß dem Faktor Arbeit damit der wichtige Flexibilitätsvorteil gegenüber der meist langfristigen Bindung des Realkapitals genommen worden sei 23• Die Erschwerung von Kündigungen hat wie eine wesentliche Verteuerung des Faktors Arbeit gewirkt, die um so stärker ins Gewicht fällt, je kürzer die voraussichtliche Dauer eines Arbeitsverhältnisses ist. Der Abbau der hohen Dauerarbeitslosigkeit wird auf diese Weise behindert, die Substitution von Arbeit durch Kapital wird zusätzlich angeregt, eine mögliche Verminderung der Arbeitslosenzahlen wird unterbunden. Gute soziale Absichten führen zu 23 Vgl. Herbert Giersch, Konjunkturelle, strukturelle und internationale Aspekte des Arbeitslosenproblems, a.a.O., S. 40. 6 Schriften d. Vereins f. Soclalpolitlk 100 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 82 WalterHamm unsozialen Folgen, weil die Nebenwirkungen kündigungserschwerender Hegelungen nicht bedacht worden sind. 3. Erhöhung des Arbeitslosengeldes und Maßnahmen nach dem Arbeitsförderungsgesetz Zwar ist es sozialpolitisch erwünscht, daß Arbeitskräfte gegen das Risiko unverschuldeter Arbeitslosigkeit befriedi~end abgesichert sind. Andererseits ist zu beachten, daß in Abhängigkeit von der Höhe des Arbeitslosengeldes der Bestand an wenig Arbeitswilligen und damit die Gesamtzahl der Arbeitslosen anwachsen dürfte. Wie bei steigendem Arbeitslosengeld den zunehmenden Gefahren des Mißbrauchs der Arbeitslosenversicherung begegnet werden kann, ist an dieser Stelle nicht darzulegen. Nur am Rande sei darauf verwiesen, daß ein hohes Arbeitslosengeld tendenziell die Friktionsarbeitslosigkeit erhöht und damit die Arbeitslosenzahlen insgesamt steigen läßt. "Das Durchhalten eines zu hohen Lohnanspruchsniveaus" wird begünstigt 24• Dies ist bei der Analyse der Arbeitslosenzahlen zu beachten. Vieles spricht dafür, daß "eine verschwenderische Ausbildungsund Arbeitsförderung, die sich nicht an den konkreten Arbeitsmarktverhältnissen orientiert, Beschäftigungslosigkeit geradezu produziert" hat 25• Nehring und Soltwedel haben darauf hingewiesen, daß vor allem die durch die Bundesanstalt für Arbeit stark geförderte Erwerbsbeteiltigung der Frauen zu Fehlentwicklungen geführt haben dürfte. Es sei nicht auszuschließen, daß von den finanziell übera,us attraktiven Ausund Fortbildungsmöglichkeiten nach dem Arbeitsförderungsgesetz auch Personen Gebrauch gemacht hätten, die überhaupt nicht arbeiten, sondern nur arbeitslos werden wollten. Den fertig ausgebildeten Kräften stand selbst dann Arbeitslosengeld zu, wenn sie zuvor niemals erwerbstätig gewesen waren 26• Zwar sind die Ziele des Ausbildungsförderungsgesetzes unverändert wichtig. Die Art und Weise, in der das Gesetz zeitweise angewandt worden ist, war jedoch unzweckmäßig. Die statistisch ausgewiesene Arbeitslosigkeit ist erhöht, die Arbeitslosigkeit subventioniert worden 27• 4. Steigende Ausbildungskosten und Verteufelung der Ausbilder Nicht nur durch tarifvertragliche, sondern auch durch gesetzliche Regelungen sind die Ausbildungskosten beträchtlich erhöht worden, und 24 Sighart N ehring und Rüdiger SoUwedel, Probleme der Beschäftigungspolitik, in: Konjunkturpolitik, 22. Jahr.g., 1976, S.212. 25 Bruno Molitor, Beschäftigungsorientierte Lohnpolitik, a.a.O., S.12. ~6 Sighart Nehring und Rüdiger Soltwedel, Probleme der Beschäftigungspolitik, a.a.O., S.213 f. 27 Vgl. ebenda, S. 215. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Hypothesen zur Erklärung der "strukturellen" Arbeitslosigkeit 83 zwar vor allem dadurch, daß die Anforderungen an die Ausbilder und an die ausbildenden Betriebe heraufgesetzt wurden. Gleichzeitig verminderten sich die Möglichkeiten zu produktivem Einsatz der Lehrlinge und stiegen die Ausbildungsvergütungen. Pauschale Vorwürfe über die angebliche Ausbeutung der Lehrlinge führten zu Vorschlägen, die berufliche Ausbildung zu verstaatlichen. Diese und andere Einflüsse, beispielsweise der Erlaß "neuer, anspruchsvollerer, verbindlicher Ausbildungsordnungen"28, haben die Zahl der Ausbildungsplätze erheblich sinken lassen. Daß diese Zahl der bei den Arbeitsämtern registrierten Ausbildungsstellen zwischen 1970 und 1974 um nahezu 50 Prozent zurückgegangen ist 29 , dürfte maßgeblich auf das Berufsbildungsgesetz zurückzuführen sein. Die ausgeprägte Arbeitslosigkeit Jugendlicher, vor allem der schlecht Qualifizierten, steht mit dieser drastischen Reduzierung der Ausbildungsplatzzahlen im Zusammenhang. Auch in diesem Fall sind die beschäftigungspolitischen Folgen von Reformen offensichtlich nicht beachtet oder erheblich unterschätzt worden. Wie nachteilig es ist, wenn einzelne Gruppen von Erwerbspersonen zu Lasten der Unternehmen ohne Rücksicht auf die Arbeitsmarktverhältnisse begünstigt werden, haben auch die Frauen in Form eines stark gestiegenen Arbeitslosigkeitsrisikos zu spüren bekommen 3o• Gesetzliche und tarifvertragliche Regelungen haben auch hier die Beschäftigungschancen vermindert 31• 5. Prozyklische Personalpolitik der öffentlichen Hand und Fehler in der Bildungspolitik Die öffentliche Hand hat auch mit ihrer Personalpolitik dazu beigetragen, die strukturelle Arbeitslosigkeit zu erhöhen. In der Phase des Booms wurden bei übervollen öffentlichen Kassen über entsprechend attraktive Löhne und Gehälter weit mehr Arbeitskräfte für den öffentlichen Dienst angeworben als nachhaltig beschäftigt werden können. Zu Beginn der Rezession begann dann eillle Sparwelle, in deren Verlauf inzwischen - über Einstellungssperren und Stellenstreichungen - eine 28 Bundesanstalt für Arbeit, Bestandsaufnahme und kritische Analyse sowie Vorschläge für Maßnahmen zum Abbau der Arbeitslosigkeit Jugendlicher und zur Verbesserung der Lage auf dem Ausbildungsstellenmarkt, Arbeitsmarktprobleme Jugendlicher, Nürnberg 1975, S. 15. 29 Vgl. Rüdiger SoHwedel und Dean Spinanger, Beschäftigungsprobleme in Industriestaaten, Heft 10 der Beiträg.e zur Arbeitsmarktund Berufsforschung des Instituts für Arbeitsmarktund Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit, Nürnberg 1976, S. 126. 30 Vgl. Sighart Nehring und Rüdiger SoHwedel, Probleme der Beschäftigungspolitik, a.a.O., S. 215 f. 31 Vgl. Walter Hamm, Soziale Absichten -unsoziale Folgen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 49, vom 28.2.77. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 84 WalterHamm hohe Zahl von Arbeitsplätzen beseitigt worden ist. Offensichtlich hat es an Augenmaß gefehlt, wieviel Personal nachhaltig benötigt wird und wieviel Mittel für die Bezahlung des Personals zur Verfügung stehen. Bedenklich war diese Personalpolitik erstens deswegen, weil die öffentliche Nachfrage nach Arbeitskräften in Zeiten der Überbeschäftigung das Effektivlohnniveau und die Tariflöhne zusätzlich in die Höhe getrieben hat. Die Folgen der erheblichen Tariflohnerhöhungen für die Beschäftigung waren bereits dargestellt worden (vgl. Abschnitt B. 1.). Zweitens hat der Personalabbau zu Beginn der Rezession nicht nur konjunkturell unerwünschte Wirkungen gehabt, sondern auch zur Vernichtung bisher besetzter, wenn auch überflüssiger Arbeitsplätze und damit zur Erhöhung der struktul'ellen Arbeitslosigkeit beigetragen. Das Ausmaß dieses Personalabbaus dürfte beträchtlich sein. Allein bei der Deutschen Bundesbahn sind von Herbst 1974 bis Anfang 1977 rund 40 000 Arbeitsplätze eingespart worden. Bei der Deutschen Bundespost lag der Personalbestand im Jahresdurchschnitt 1975 um rund 12000 unter dem Stand des Jahresdurchschnitts 197332• Besonders stark ist dabei der Bestand an Nachwuchskräften zurückgegangen, nämlich um rund 11 000 auf 29000. Zahlen für das Jahr 1976 liegen noch nicht vor. Der Personalabbau ist jedoch auch bei der Deutschen Bundespost weitergegangen. Bundesbahn und Bundespost hatten ihren Personalbestand in den davorliegenden Jahren beträchtlich erhöht. Danach stellte sich heraus, daß der Personalbestand beider Verkehrsverwaltungen zu hoch liegt. Vor allem die Deutsche Bundesbahn soll nach einem noch unveröffentlichten Wirtschaftsprüfergutachten weitere 100000 Beschäftigte zuviel aufweisen bei einem Personalbestand Anfang 1976 von knapp 410000. Strukturelle Arbeitslosigkeit ist auch durch falsch gesetzte Signale für die Berufswahl entstanden. Noch vor wenigen Jahren wurde über den Lehrermangel geklagt, und jungen Menschen wurde geraten, sich diesem aussichtsreichen Beruf zuzuwenden. Inzwischen hat sich längst herausgestellt, daß viel zuviele diesem Rat staatlicher Organe gefolgt sind, daß kein Geld für die Anstellung weiterer Lehrer da ist und daß wegen der seit langer Zeit rückläufigen Geburtenraten zusätzliche Lehrer nur noch für eine Übergangsperiode gebraucht werden. Für das große Heer der in den nächsten Jahren ihr Studium abschließenden Studenten ist der für sie unvorhersehbare Umschwung auch deswegen bitter, weil es für sie kaum berufliche Alternativen gibt. An rechtzeitigen Warnungen vor den nicht mehr aussichtsreichen Lehrerberufen hat es gefehlt. Bei andel'en akademischen Berufen bahnt sich - mitausgelöst durch verminderte Anforderungen an das Abitur - ebenfalls ein Akademi32 Vgl, Geschäftsbericht der Deutschen Bundespost 1975, S.43. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Hypothesen zur Erklärung der "strukturellen" Arbeitslosigkeit 85 kerüberfluß an. Beträchtliche Fehlinvestitionen in human capital sind die Folge. Auf der anderen Seite herrscht trotz hoherArbeitslosigkeit in einig.en Bereichen Facharbeitermangel. Die Ausbildungskapazitäten sind offensichtlich falsch dimensioniert worden. 6. Vernachlässigung der Berufsausbildung in der Phase der Vberbeschäftigung Jugendliche haben derzeit ein ganz besonders hohes Arbeitsplatzrisiko zu tragen. Das gilt vor allem für Jugendliche mit schlechter beruflicher Ausbildung. Von den arbeitslosen Jugendlichen unter 20 Jahren hatten 1974 fast 70 Prozent keine abgeschlossene Berufsausbildung 33 . Eine wesentliche Ursache hierfür dürfte darin zu sehen sein, daß viele Jugendliche in der vorangegangenen Phase der Überbeschäftigung von den hohen Verdienstchancen für Ungelernte dazu verleitet worden sind, auf eine solche Ausbildung mit zunächst bescheidener Bezahlung zu verzichten. Die versäumte Berufsausbildung nachzuholen sind viele der arbeitslosen Jugendlichen n1cht bereit. Auch die Leistungsbereitschaft scheint bei den Berufsanfängern, die in der Phase der Überbeschäftigung in das Erwerbsleben eintraten, nicht besonders ausgeprägt zu sein. "Der größte Wettbewerbsnachteil der jugendlichen Arbeitslosen ist - neben der naturgemäß fehlenden Berufserfahrung - die geringe Leistungsmotivation und /oder -fähigkeit, die sich in ihrem niedrigen Bildungsstand dokumentiert"34. Da es in der Zeit der Überbeschäftigung auf den Hauptschulabschluß, auf Schulzeugnisse und berufliche Ausbildung wenig ankam und jeder Jugendliche ohne weiteres einen Arbeitsplatz als Ungelernter finden konnte, fehlte es offenbar bei manchen Jugendlichen an dem Willen, durch Schulabschluß und solide Ausbildung die Chancen für die beruflicheQualifikation und den beruflichen Aufstieg zu verbessern. Insofern können viele Jugendliche als Opfer von Überbeschäftigung und Inflat10n bezeichnet werden - Fehlentwicklungen, die durch die Wirtschaftspolitik seit 1970 begünstigt worden sind. Da fehlende Mindestqualifikationen von Arbeitskräften in einer hochentwickelten Volkswirtschaft mit vergleichsweise hohen Mindestlöhnen zu einem dauerhaften Beschäftigungshindernis werden können, ist es nicht auszuschließen, daß der niedrige Bildungsstand vieler arbeitsloser Jugendlicher zu einem dauerhaften Beschäftigungsrisiko wird. Zwar eröffnet das Ausbildungsförderungsgesetz gerade für Arbeitslose berufliche Fortbildungsmöglichkeiten. Inwieweit es gelingt, arbeitslose Jugendliche von 33 Siehe Rüdiger Soltwedel und Dean SpinangeT, Beschäftigungsprobleme in Industriestaaten, a.a.O., S. 125. 34 Ebenda, S. 126. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 86 WalterHamm der Notwendigkeit besserer beruflicher Qualifikation zu überzeugen, bleibt jedoch abzuwarten. 7. Kindergeldregelung für Kinder ausländischer Arbeitskräfte Mit zeitlicher Verzögerung beginnt sich jetzt auszuwirken, daß das Kindergeld für ausländische Arbeitskräfte in unzweckmäßiger Weise geregelt worden ist: Für Kinder, die im Heimatland verblieben waren, wurde das Kindergeld wesentlich niedriger festgesetzt als für jene Kinder, die in der Bundesrepublik Deutschland wohnen. Widersinnigerweise wurde hierdurch gerade bei kinderreichen ausländischen Arbeitskräften ein wirksamer Anreiz geschaffen, samt Familie in die Bundesrepublik überzusiedeln oder die Kinder nachkommen zu lassen. Sofern dabei Sparsamkeitsüberlegungen des Gesetzgebers eine Rolle gespielt haben, sind weder die Reaktionen der Betroffenen noch die Folgekosten realistisch eingeschätzt worden, obwohl es an rechtzeitigen Warnungen nicht gefehlt hat 35• Nicht nur die Schulausbildung zahlreicher Kinder ausländischer Arbeitskräfte läßt erheblich zu wünschen übrig. Mehr und mehr zeigt sich außerdem, daß die schlecht vorgebildeten ausländischen Jugendlichen in der Bundesrepublik Deutschland nur geringe Berufschancen haben und das Heer schwer oder kaum vermittelbarer Jugendlicher von Jahr zu Jahr vergrößern. 8. Arbeitslosigkeit infolge Inflationsduldung Nach 1970 sind die steigenden Inflationsraten von verantwortlichen Politikern mehrfach verharmlost worden. Eine systematische und energische Bekämpfung der Geldentwertung unterblieb bis zum Jahre 1974. Beschäftigungspolitischen Zielen wurde der Vorrang vor der Geldwertstabilität zuerkannt, wobei übersehen wurde, daß Inflation den Keim hoher Arbeitslosigkeit in sich trägt. In mehrfacher Beziehung hat die Inflation zu der hohen Dauerarbeitslosigkeit beigetragen: - Als Folge steigender Inflationsraten sind strukturelle Fehlentwicklungen eingeLeitet worden, die erst nach Abklingen der Inflation voll sichtbar wurden. Infolgedessen ist es zu einer massierten Vernichtung von Arbeitsplätzen, beispielsweise in der Bauindustrie gekommen. Die Flucht in Sachwerte hatte sich vor allem auf Immobilien gerichtet und sowohl in der Bauindustrie als auch auf dem Wohnungsmarkt zu beträchtlichen Überkapazitäten geführt. Zugleich ent35 Siehe etwa W. H., Kindergeld für Gastarbeiter, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 158, vom 12. 7. 1974. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Hypothesen zur Erklärung der "strukturellen" Arbeitslosigkeit 87 standen erhebliche Kapitalverluste der Investoren. Der Strukturanpassungsbedarf wurde künstlich erhöht 36• - Das unerwartet plötzliche Umschalten der Wirtschaftspolitik auf einen Antiinflationskurs hat viele Unternehmen 1974 völlig überraschend getroffen und zu sich häufenden Illiquiditäten und damit häufig auch zur Vernichtung von Arbeitsplätzen geführt. Die Unternehmen, die sich im Vertrauen auf die staatliche Vollbeschäftigungsgarantie der Hoffnung hingegeben hatten, hohe Lohnsteigerungsraten über die Preise abwälzen zu können, sahen sich im Verlauf des Jahres 1974 als Folge des wirtschaftspolitischen Kurswechsels völlig anderen gesamtwirtschaftlichen Daten gegenüber. Die Ertragslage der Unternehmen hat sich infolgedessen in unvorhersehbarer Weise verschlechtert. Hinzu kamen weitere gewinnmindernde Einflüsse (steigende Energiekosten und Rohstoffpreise, höhere Personalnebenkosten, gewinnunabhängige Steuern, Umweltschutzauflagen etc.). -- Scharf sinkende Gewinne und steigende Verluste als Folge der Stabi:lisierungsbemühungen haben zahlreiche Unternehmen zu umfangreichen Entlassungen gezwungen, weil nur so die verbleibenden Arbeitsplätze gesichert werden konnten. Bei steigenden Inflationsraten und Abschreibungen lediglich vom Anschaffungswert gerieten vor allem Unternehmen mit hohem Anteil langlebiger Kapitalgüter in zunehmende Schwierigkeiten, die Substanz aus versteuerten Gewinnen zu erhalten. Die Bereitschaft und ,die Fähigkeit, Investitionen vorzunehmen, ist dadurch geringer geworden. -Die sinkende Verzinsung des in den Unternehmen eingesetzten Kapitals veranlaßte viele Unternehmen zur Zurückhaltung bei Neuinvestitionen. Dies hat einerseits den Altersaufbau des Kapitalbestandes verschlechtert und zu sinkendem Auslastungsgrad der Investitionsgüterindustrien geführt. Andererseits wurde mittelfristig die internationale Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen gefährdet. Außerdem entstanden wegen der Investitionslethargie weniger neue Arbeitsplätze als in der Zeit bis 1970. Die Frage, inwieweit die Bundesregierung die westdeutsche Wirtschaft vor der weltweiten Inflation hätte bewahren können, ist hier nicht zu behandeln. Zwei Anmerkungen erscheinen jedoch angebracht. Erstens hat die Bundesregierung die inflatorische Nachfrageüberhitzung 36 Die Folgen der Inflation für den Wohnungsmarkt und die Bauindustrie hat Otmar Issing in einer "Fallstudie, die Krise im Wohnungsbau. Ein Beitrag zum Thema Spätfolgen der Inflation", in: Wirtschaftswissenschaftlich<!s Studium, 4. Jahrg. 1975, S. 281 ff. und 324 ff., eingehend dargestellt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 94 WalterHamm Art überkompensiert wurden und die Gewinne infolgedessen beträchtlich zurückgingen. Sofern der Schwierigkeitsgrad der Probleme, die den Unternehmen durch lohn-, sozialund wirtschaftspolitische Maßnahmen gestellt werden, nicht auf ein als lösbar empfundenes Niveau zurückgeschraubt wird, ergäbe sich nach diesen überlegungen keine grundlegende Änderung im unternehmerischen Verhalten. D. Ansatzpunkte für Strategien zur Überwindung der Dauerarbeitslosigkeit Welche Schlußfolgerungen lassen sich aus vorstehendem Versuch einer umfassenden Ursachenanalyse ableiten? 1. Der Vielfalt der Ursachen entsprechend dürfte nur eine mehrgleisige beschäftigungspolitische Strategie Erfolg versprechen. Einmalige Investitionsprämien als isolierte Maßnahme werden keine nachhaltigen Wirkungen hervorbringen. 2. Simplifizierende Erklärungen für die Dauerarbeitslosigkeit, wie Hinweise auf die sogenannte Weltwirtschaftskrise, verschleiern die tatsächlichen Ursachen und verstellen den Weg zu problemadäquaten Lösungen. Nur am Rande sei darauf verwiesen, daß mit konjunkturellen Phänomenen (Krise) die derzeitige Dauerarbeitslosigkeit in der Bundesrepublik Deutschland nicht überzeugend zu erklären ist, zum al da der konjunkturbedingte Rückschlag im deutschen Export längst überwunden ist und 1976 sogar die Exportergebnisse der Jahre 1973 und 1974 überschritten worden sind. Die Exportüberschüsse sind allerdings von rund 51 Milliarden DM (1974) auf rund 35 Milliarden DM (1976) zurückgegangen. 3. Vom Gewicht der Kostenfaktoren aus gesehen kommt den Arbeitskosten eine Schlüsselrolle bei der Überwindung der Arbeitslosigkeit zu. Wird der eingeschlagene GelcLwertstabilitätskurs beibehalten und scheidet damit die Überwälzung nicht stabilitätsgerechter Lohnerhöhungen über die Preise aus, entscheiden die Tarifvertragsparteien mit ihren Lohnerhöhungsbeschlüssen über das Ausmaß an Arbeitslosigkeit. 4. Die Arbeitskosten der Unternehmen erhöhende gesetzliche Regelungen zugunsten einzelner Gruppen von Erwerbspersonen {z. B. Jugendliche, Frauen) haben sich als unsozial erwiesen, weil sie das Arbeitslosigkeitsrisiko der Angehörigen dieser Gruppen erhöht haben. Einkommensumverteilung zugunsten dieser Gruppen und die Absicherung besonderer Risiken bestimmter Beschäftigter sollten daher arbeitskostenneutral mit Mitteln der staatlichen Sozialpolitik betrieben werden. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Hypothesen zur Erklärung der "strukturellen" Arbeitslos.igkeit 95 5. Die staatliche Wirtschaftspolitik hat fällige strukturelle Wandlungen durch verschiedenartige Maßnahmen längere Zeit hindurch unterbunden und sie dann während der Rezession in zeitlich komprimierter Form ablaufen lassen. Die Anpassungsfiexibilität des marktwirtschaftlichen Systems ist auf diese Weise zur Unzeit auf die Probe gestellt und überfordert worden. 6. Die ordnungspolitische Ungewißheit und die Unstetigkeit der Wirtschaftspolitik haben die Investitionsrisiken aus unternehmerischer Sicht beträchtlich erhöht und zu einem verbreiteten Vertrauensschwund geführt. Soll es auf breiter Front zu Arbeitsplätze schaffenden innovatorischen Vorstößen und Erweiterungsinvestitionen kommen, wird auf Verbesserungen des wirtschaftspolitischen Klimas hingearbeitet werden müssen. 7. Wegen der überragenden Bedeutung von Innovationen für die Sicherung vorhandener und die Schaffung neuer Arbeitsplätze wird der Förderung von Forschung und Entwicklung ein größeres Gewicht als bisher beigemessen werden müssen. 8. Zahlreiche staatliche Maßnahmen haben zusammen mit den erheblichen Lohnerhöhungen der letzten Jahre die Problembewältigungsfähigkeiten der Unternehmer offensichtlich überfordert. Der verbreiteten Resignation kann entgegengewirkt werden, indem sich die Gewerkschaften bei ihren Lohnforderungen von der Solidarität mit den Arbeitslosen leiten lassen, indem die staatliche Wirtschaftspolitik auf neue kostenerhöhende Maßnahmen verzichtet und indem durch Verminderung politischer Risiken und der öffentlichen Neuverschuldung ein Beitrag zur Senkung der mit Investitionen verbundenen Kosten geleistet wird. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Marktkonzentration und Beschäftigungsschwankungen Von Erich Kaufer, Innsbruck 1. Zur Problemstellung In der wettbewerbstheoretischen Literatur werden zwei unterschiedliche Auffassungen über einen möglichen Einfluß der Höhe der Marktkonzentration 1 auf die Variabilität der Investition wie auch der Beschäftigung vertreten. Nach der einen Auffassung hat die Marktkonzentration einen stabilisierenden, nach der anderen Auffassung einen destabilisierenden Einfluß auf die Investitionstätigkeit innerhalb der Industrie. Ähnlich meint die eine Seite, bei zunehmender Konzentration würde die Beschäftigung während des Konjunkturverlaufs weniger stark schwanken, weil die hochkonzentrierten Industrien im Abschwung Überschußarbeit absorbierten und im Aufschwung entsprechend weniger Arbeit nachfragten. Die andere Seite begründet ihre Gegenposition wie folgt. In hochkonzentrierten Industrien werden die Preise im Aufschwung nur zögernd erhöht und im Abschwung zögernd gesenkt. Also sind die Mengenausschläge größer als bei weniger reaktionsträger Preisbildung. Mit der infolge zunehmender Marktkonzentration wachsenden Absatzvariabilität soll dann eine stärkere Variabilität der Beschäftigung einhergehen. Welche der beiden Auffassungen zutrifft, kann auf verschiedene Weise erörtert und möglicherweise entschieden werden. Erstens kann man versuchen, die Frage indirekt zu beantworten, indem man untersucht, ob sich ein bestimmtes Muster des Preisverhaltens beobachten läßt, das die eine oder andere These über den Beziehungszusammenhang impliziert. Zweitens kann man theoretisch zu klären trachten, ob marktmächtige Firmen - unterstellt Marktmacht und Konzentrationshöhe korrelieren eng miteinander - einen Anreiz haben, sich im Sinne der einen oder anderen Hypothese zu verhalten. Drittens kann die Frage zu dem gemacht werden, was sie auch ist: zur empirischen Frage. Dann ist zu testen, ob die eine oder andere Hypothese ausgeschlossen werden kann. 1 Die Marktkonzentration ist, so wie sie gemessen wird, in der Realität nur eine horizontale Industriekonzentration. 7 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 100 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 98 Erich Kaufer Die Untersuchungen zur ersten Art, die Frage zu beantworten, sind eng mit der Debatte um die Inflation durch "administrierte Preise" verbunden. Diese Debatte war "eine der weniger ausgezeichneten Episoden in der Geschichte der ökonomischen Theorie" (F. M. Scherer, 1970, 234)2. Aber sie hat im Rahmen dieses Themas eine Bedeutung, die unabhängig davon ist, ob administrierte Preise eine wirtschaftspolitisch belangvolle Inflationsursache sind. Ich möchte deshalb kurz den Stand der empirischen Forschung zur "administrierten Inflation" darstellen und daraus ableiten, was zur Frage eines möglichen Beziehungszusammenhanges zwischen Konzentration und Variabilität der Beschäftigung zu klären ist. Dieser klärungsbedürftige Teil wird anschließend unternehmenstheoretisch erörtert. Ferner wird die dazu vorliegende empirische Evidenz geprüft. Im empirischen Teil beschränkt sich die Arbeit auf US-amerikanische Untersuchungen. Das schafft einmal eine gewisse Homogenität in den Ausgangsdaten. Ferner ist auf Grund der Wirtschaftsordnung, insbesondere der Arbeitsmarktordnung in den USA am ehesten die Möglichkeit gegeben, daß die im Thema angesprochene Beziehung in der einen oder anderen Hinsicht besteht. Vor einer Übertragung der Ergebnisse auf andere Länder wird gewarnt. 2. Inflation durch administrierte Preise? 2.1. Die Meanssche Konzeption des administrierten Preises Im Anschluß an die große Depression stellte Means (1935, 1939) in den USA eine Reihe statistischer Untersuchungen zur Bewegung der Preise im landwirtschaftlichen und industriellen Sektor an. Aus der Statistik des Bureau of Labor (BLS-Serie der Großhandelspreise) errechnete er z. B. für fast 750 Preise einen Index der Preissensitivität PS. Um nichtdepressionsbezogene Preiseffekte auszuschalten, bildete er aus den Listenpreisen der Jahre 1929 und 1937 einen durchschnittlichen Listenpreis 1/ 2 (P29 + P37). Die Differenz zum Listenpreis des Depressionsjahres 1932 war sein Index der Sensitivität PS = 1i2 (P29 + P37) - P32 . Die PSIndizes sortierte Means in 10 Gruppen unterschiedlicher Preisamplituden ein, z. B. in eine Gruppe I mit PS-Werten von - 10 bis 0, eine Gruppe II mit solchen von 0 bis 10. Für jede Sensitivitätsgruppe notierte Means ferner die vom Bureau of Labor in der Zeit von 1926 -1933 berichtete Frequenz der Änderungen der Listenpreise. Für jede Sensitivitätsgruppe ergab sich so eine Häufigkeitsverteilung der Preisänderungen. Insgesamt stellte sich dann heraus. Die Gruppe I mit den niedrig2 Demgemäß widmet A. P. Jacquemin dem Disput auch nur noch drei Seiten seines Buches "Economie Industrielle Europeenne", Paris 1975. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Marktkonzentration und Beschäftigungsschwankungen 99 sten Sensitivitätsindizes verzeichnete überwiegend auch die niedrigste Frequenz, der Preisänderungen, und die Gruppe X mit den höchsten Amplituden der Preisausschläge verzeichnete die höchste Frequenz. Also entstand das Bild einer zweigipfligen Häufigkeitsverteilung, und Means las daraus die Existenz zweier reiner Arten der Preise ab: (1) Die "marktdeterminierten" Preise, d1e sich nach dem "klassischen Gesetz" von Angebot und Nachfrage mit hoher Frequenz und Amplitude bilden. (2) Die "administrierten" Preise, die von einer "Firma gesetzt und für eine Zeitlang konstant gehalten werden" und sich deshalb in Frequenz und Amplitude nur wenig ändern (Means, 1963, 216) Zwischen diesen beiden Preis arten liegt die graue Zone der "gemischten Preise". Für Means war Wettbewerb niemals auf die Dimension des Preiswettbewerbes reduziert. Deshalb konnte er auch im Falle eines der Paradebeispiele für "Preisadministration" formulieren: "In spite of vigorous competition (!) in the steel industry, steel prices do not equate supply and demand. Competition alone does not bring the law of supply and demand into operation (1962,10)." Mit solchen Formulierungen löste Means ein gerüttelt Maß an Konfusion aus. Man suchte die Preis administration mit Marktrnacht i. S. fehlenden Preiswettbewerbes in Verbindung zu bringen, während Means sie rein vom Erscheinungsbild mit den Merkmalen Frequenz und Amplitude zu fassen suchte. In der Folgezeit stellte sich heraus, daß die scharf dichotome Einteilung der Preise zum Teil eine statistische Illusion der "industrial prices as administered by Dr. Means" ist, wie Stigler und Kindahl (1973) überpointiert formulieren. Die zweigipflige Häufigkeitsverteilung ist erstens ein aus de,r Art der Preisnotierung des BL resultierendes statistis'ches Artefakt. Das Bureau notiert die Listenpreise einmal im Monat bei einem bis wenigen Unternehmen. Also werden nicht alle Listenpreisänderungen aller Firmen in einer Industrie erfaßt. Vor allem aber werden alle Preisänderungen, welche ,die in der Berichtszeit von 1926 -1933 maximal erfaßbare Frequenz von 88 bis 96 Änderungen überschreiten, in diese Frequenzgruppe zusammengedrängt. Zweitens berücksichtigt die Meanssche Klassifikation nicht die Anzahl der Markttransaktionen je Periode. So ändern sich die Preise auf einer Getreidebörse mehrmals am Tage, während sich der Preis für den Besuch eines College höchstens 2 bis 3mal im Jahr ändern kann. Stigler und Kindahl (1970) griffen den auch schon früher kritisch vorgebrachten Gedanken auf, daß gerade in den höher konzentrierten OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 100 Erich Kaufer Industrien, also dort, wo oligopolitische Kollusion wahrscheinlich auftritt, die Listenpreise eine Preisrigidität vortäuschen, die nach den Transaktionspreisen geurteilt nicht besteht. Stigler und Kindahl verglichen bei 64 Warengruppen, die der "Administration" besonders verdächtig sind, aber nur geringe Qualitätsvariationen aufweisen, die BLSIndizes der Jahre 1957 -1966 mit denjenigen Indizes, die sich aus den tatsächlich realisierten Transaktionspreisen errechnen 3• Meldet das BL während der Rezession der 1950er Jahre Preisrückgänge bei 23 der 64 Produktgruppen, so ermitteln die beiden Autoren 40 Preisrückgänge. Robert Gordon ergänzte diese Feststellung um einen weiteren Aspekt. Die BLS-Großhandelspreise sind vor allem bei dauerhaften Gütern um so stärker nach oben verzerrt, je geringer die Kapazitätsauslastung ist. Steigt sie von 75 % auf 90 %, so erhöht sich die Relation aus Transaktionsund Listenpreis um durchschnittlich 4 %4. Damit lautet ein erstes Ergebnis: Die z,unächst so klar umrissene Gruppe der "administrierten" Preise löst sich in ein Kontinuum von Preisen unterschiedlicher Frequenzen und Amplituden auf. Der Meanssche Versuch, den administrierten Preis phänomenologisch mit Hilfe der Frequenz oder der Amplitude zu definieren, führt nicht zum Erfolg. Soll das Konzept andererseits nicht unter dem endlosen Streit, was "workable competition" generell oder im Einzelfall ist, begraben werden, so bleibt nur ein Ausweg in die Operationalität. Administrierte Preise sind das Ergebnis diskretionärer Ausübung von Marktmacht, und Marktmacht wird mit dem konventionellen Konzentrationsmaß CR4,8 als Proxy erfaßt. 2.2. Administrierte Preise als Inflationsursache Hatte Means (1935) ursprünglich das Ausmaß der Großen Depression wesentlich darauf zurückgeführt, daß die administrierten Preise beim Nachfragerückgang nicht fielen, so sah er (1959) im Preisanstieg während der Rezession der 1950er Jahre eine verzögerte Anpassung der ad3 Allerdings sind die Stigler-Kindahl Transaktionspreise Notierungen aus den Unterlagen von Großnachfragern, die häufig auf der Basis langfristiger Kontrakte oder wenigstens Lieferbeziehungen kaufen. Die BLS-Preise sind Listenpreise für kurzfristige "Kassa-Geschäfte". Also enthält die StiglerKindahl Preisreihe einen Bias in Richtung überhöhte Flexibilität, insofern die Transaktionspreise für kleinere Abnehmer sicher weniger flexibel sind. Damit reduziert sich das Gewicht der Stigler-Kindahl Kritik und die Meanssche Konzeption bleibt bestehen, wenn auch die Unterscheidung der Preise weniger präzise ist. Vgl. auch L. W. Weiss (1977). 4 Vgl. S. Lustgarten 1975 a, S. 15 n. 25. Bei diesen Kritikpunkten sind die Qualitätsänderungen nicht berücksichtigt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Marktkonzentration und Beschäftigungsschwankungen 101 ministrierten Preise an die Nachfragesog-Inflation (und Preiskontrollen) der Zeit von 1942 -1953 5• In seiner Schilderung erscheinen die administrierten Preise weniger als selbständige Inflationsursache, so wie sie etwa von Anhängern der mark-up, bottleneck, wage-push oder demand-shift inflatlion vertreten wird. Vielmehr sind die administrierten Preise dafür verantwortlich, daß der Prozeß einer im übrigen nachfrageseitig bedingten Inflation anders verläuft, als es dem "klassischen" Bild entspricht. Im Sog der Überschußnachfrage reagieren zunächst die administrierten Preise nicht. Die marktdeterminierten Preise steigen deshalb stärker an, als es bei durchgängiger Preisflexibilität der Fall wäre. Dann steigen mit beträchtlicher Zeitverzögerung die administrierten Preise selbst noch, wenn der Nachfragesog bereits in ein Überschußangebot umschlägt. Deshalb müssen die marktdeterminierten Preise jetzt um so stärker fallen. Nach dieser Lehre von den administrierten Preisen hat die Marktkonzentration eR je nach der Phase des inflationären Prozesses einen positiven oder einen negativen Einfluß auf die Änderung des Preisniveaus; zu bestimmten Zeiten mögen sich beide Einflüsse sogar überlagern, so daß kein signifikanter Befund entdeckt wird. Means selbst demonstrierte den Einfluß der administrierten Preise, indem er die Änderungen des Großhandelspreisindex GPI bei 15 Branchen für den Zeitraum 1953 -1957 nebeneinanderstellte. In seinem berühmt gewordenen Stab diagramm bildete Means das Gewicht jeder Branche im Index durch die Breite des Stabes und die Art des Preises durch die Färbung ab. Schwarz waren die seiner Meinung nach administrierten Preise, grau waren die "Mischpreise" und weiß waren die marktdeterminierten Preise. In einem späteren Stabdiagramm für 1953 bis Oktober 1958 teilte Means die Branche (1) in die drei Produktgruppen (a) Stahlerzeugung, (b) Stahlprodukte und (e) andere Metallerzeugnisse auf. Die Preisänderung,en betrugen im Falle (a) + 38 %, (b) + 22 %, und (e) + 7010. Wären die Preise der stahl erzeugenden und stahlverarbeitenden Industrie konstant geblieben, so wäre der Großhandelspreisindex statt um 8,1 (J/o nur um 2 fl/ O gestiegen. 5 "In the beginning of demand inflation, market-dominated prices tend to rise more while administrative-dominated prices lag wen behind. Then in aperiod of readjustment, market-dominated priees fall back while administrative-dominated prices continue to rise until the two groups are more nearly in balance .... Thus, administrative-domina ted prices help to slow down the classical inflation rather than initiate it. Only in later stages of this demand inflation did administered prices catch up with the general rise" (Means, 1959,9). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 102 Erich Kaufer Mit dieser Aussage kommt Means im Ergebnis nahe an die Studie Ecksteins und Fromms (1959) heran. Sie schätzten den Effekt der Stahlpreiserhöhungen auf die stahlverbrauchenden Industrien mit Hilfe der volkswirtschaftlichen Verflechtungsmatrix. Danach wäre der Großhandelsindex von 1947 -1958 um 40 % weniger gestiegen, wenn die Stahlpreise nicht rascher als die anderen Preise des Index angestiegen wären. In dieser Konzeption ist die "administrierte" Inflation kein generelles Problem der Marktkonzentration, sondern ein spezielles Problem der Konzentration bestimmter Märkteil. Selbst wenn wir die Quantifizierung der preissteigernden Rolle dieser Industrien akzeptieren -also insbesondere ignorieren, daß die Input-Outputstudie Substitutioru;effekte außeracht läßt -so ist natürlich zu fragen, inwiefern eine Studie des Preiseinflusses einer oder zweier konzentrierter Industrien als "Inflationstheorie" bezeichnet werden kann. Diese terminologische Frage könnte man sich selbst überlassen, wenn die verordneten wirtschaftspolitischen Rezepturen damit nicht vorausbestimmt würden. Reduziert man, wie es Adelman (1961) vorgeführt hat, die Stahlpreiserhöhungen auf das simple preistheoretische Ergebnis, daß die Stahlpreise steigen, weil sich ein kolludierendes Oligopol an die gesunkene Nachfrageelastizität herantastet, so verlangt die Kur höchsteru; nach einem Einschreiten der Antitrust Division. Verzichtet man jedoch auf mikroökonomische Analyse und möchte man dadurch "profound and up to date" erscheinen, daß man "administered prices" ausspricht (Adelman, 1963, 24), so lautet das Rezept auf Preis-Lohnkontrolle. Depodwin und SeIden -D&S -(1963) testen die Hypothese von der administrierten Inflation im Sinne des generellen Einflusses der Konzentration eR auf das Preisniveau P. Gegenüber Mearu; verlängern sie die Untersuchungsperiode um fast ein Jahr. Sie reicht jetzt von Juli 1953 bis Juli 59. Ist P der Alliltieg des Großhandelspreisindex mit einer Basis von 100, so testen sie eine lineare und eine quadratische Form der Regressionsgleichung (a) P = Q{) + al CR 4 ,8 (b) P = Q{) + al CR4,8 + ~ CR24 ,8 6 So auch Jesse Markham (1964). Markham studiert das Preisverhalten in 9 konzentrierten und 4 nicht konzentrierten Industrien. In 3 konzentrierten Industrien (synthetische Fasern, Mineralölraffinierung, Fleischverpackung) war das Preisverhalten wie in den 4 nicht konzentrierten Industrien (Getreidemühlen, Düngemittel, Baumwollweberei, Kartonagen). In 4 konzentrierten Industrien (Zigaretten, Aluminium, Glasbehälter, Blechdosen) waren die Preise nach oben fixibler als nach unten. Doch stiegen sie stets in Reaktion auf Kostenerhöhungen. In der Stahlund Automobilindustrie blieben die Preise bei Nachfragerückgängen entweder konstant oder sie stiegen sogar an. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Marktkonzentration und Beschäftigungsschwankungen 103 Für 322 von etwas über 1000 Produktklassen (mit 5stelliger SICKennziffer) errechneten D&S einen Korrelationskoeffizienten von + 0,12, wenn die Variablen ungewogen waren, und von + 0,30, wenn sie mit den Industrieumsätzen gewogen wurden. Die quadratische Spezifikation lieferte eine etwas bessere Anpassung der Gleichung. In allen Fällen der gewogenen Gleichungen sind die einfachen Korrelationskoeffizienten signifikant auf dem 50 10 Niveau 7• Anschließend werden die 322 Produktklassen dem Meansschen Stabdiagramm entsprechend zu 11 zweistelligen Branchen aggn~giert, und für jede Branche getrennt wird die Gleicl1ung P = ao + al CR errechnet. In sieben Fällen resultierten negative, in vier Fällen positive Korrelationskoeffizienten. Die höchsten positiven Koeffizienten finden sich in der Textilund Möbelindustrie (r = 0,2780 bzw. T = 0,3773), die beide als nicht administriert gelten. Die administrierten Branchen haben dagegen negative Koeffizienten (z. B. Maschinenbau mit T = - 0,2660, Metallindustrie mit T = - 0,0924)8. D&S halten die Korrelationskoeffizienten (1) für so schwach positiv im Fall der Querschnittsanalyse aller 322 Produktklassen, (2) für so widersprüchlich (positiv oder negativ) im Falle der getrennten Analyse der 11 Branchen, daß sie mit der Aufforderung schließen, die Hypothese von der administrierten Inflation zu beerdigen. Diese Aufforderung ist wenig fundiert. Erstens ist zwar der Anpassungsgrad der Regression gering, doch ist die Assoziation in einigen Fällen nacl1 konventionellen Kriterien signifikant. Means (1964) kann also zurecht entgegnen, daß P ceteris paribus auf dem Indexniveau 100 verharrt, wenn CR -+ 0 geht, und um etwa 20 Punkte ansteigt, wenn CR -+ 1 geht. Zweitens sind speziell die Ergebnisse auf der Basis der 11 Branchen mit Skepsis zu betrachten. Die Aggregation zu Branchen minimiert die Varianz der Konzentrationsgrade, erhält aber die Varianz der Preis-Output änderungen aufrecht. Drittens ist folgender Punkt gewichtig: Alfred C. Neal (1942) hatte die Ursache der von Means hervorgehobenen Unterschiede in den Amplituden der Preis änderungen während 7 Typisch sind z. B. folgende Schätzungen linearer Gleichungen: (a) ungewogen: P = 107,5548 + 0,0895 CR 4; T = 0,1210 Standardfehler der Schätzung 17,1707 (b) gewogen: P = 100,3828 + 0,1969 CR 4; T = 0,2969 Standardfehler der Schätzung 16,8251 (c) gewogen: P = 99,3930 + 0,1727 CRs; T = 0,2451 Standardfehler der Schätzung 17,0823 8 Die Ergebnisse für eine Gruppe von 155 von 420 vierstelligen Industrien sind ähnlich. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 110 Erich Kaufer Ein Rückblick auf die empirische Evidenz ver anlaßt folgende Feststellungen: (1) Alle Regressionsansätze basieren auf Listenpreisen. Niemand weiß, wie die Koeffizienten lauten, wenn die Analysen mit Transaktionspreisen durchgeführt werden könnten. Die einschlägigen Untersuchungen Stiglers u. a. begründen den Verdacht, daß die administrierten Preise zu einem Teil ein illusionäres Phänomen sein können. (2) Wenn wir fortan diesen wichtigen Kritikpunkt vergessen, so hat die Höhe der Marktkonzentration im Verlauf einerlängeren Periode keinen positiven, vielmehr einen nicht-signifikant negativen Einfluß auf A P. In einzelnen Teilperioden hat sie je nach den Phasen der verzögerten und der aufholenden Anpassung einen (nicht) signifikanten positiven/negativen Effekt. (3) Der "Erfolg" eines Tests der administrierten Inflation hängt entscheidend davon ab, daß man zuvor die Phasen der Verzögerung und des Aufholens identifiziert. Eine andere Zeiteinteilung führt oft zu anderen Testergebnissen, die dann - ex post - anders "erklärt" werden. Die administrierte Inflation wird damit leicht zu einem Phänomen, das durch beliebige Datenkonstellationen und empirische Befunde stets verifiziert wird. (4) Im multiplen Regressionsansatz hat die Konzentration in jedem Fall einen cet. par. geringen ± Effekt. Der dominierende Einfluß geht von den Kostenvariablen aus. Das stimmt mit allen Ergebnissen der Konzentration-Gewinnstudien überein. Auch dort hat die CRVariable nur einen besche1denen Erklärungswert. Die mancherorts anzutreffenden generalisierenden wirtschaftspolitischen Schlußfolgerungen müssen deshalb verwundern. Wird tatsächlich bedacht, daß CR bestenfalls etwa 10 (J/o des relativen Preisanstiegs einer Teilperiode "erklärt"? Wieso wird ferner ignoriert, daß in solchen Fällen CR in anderen Teilperiod.en auch ein relatives Zurückbleiben der administrierten Preise um 10 (J/o "erklärt"? (5) Die Konzentration hat nur im multiplen Regressionsansatz einen signifikanten Einfluß auf A P. Damit stellt sich die Frage, ob CR nicht infolge der Interkorrelation mit einer anderen Variablen, z. B. A (LC/Q) einen signifikanten Einfluß gewinnt, der ihr an sich nicht zukommt. Lohndifferenzen hängen in einem industriespezifischen Ansatz signifikant von CR ab. Diese Variable verliert jedoch ihren Einfluß, wenn personengebundene Merkmale in die Gleichung miteinbezog,en werden. Es ist also möglich, daß CR OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Marktkonzentration und Beschäftigungsschwankungen 111 nicht nur ein Index für Marktmacht ist, sondern zugleich als Proxy für Betriebsgröße und personenbezogene Qualifikation fungiert und von daher die Signifikanz bezieht. (6) Nach der bisherigen Evidenz ist der administrierte Preis zwar kein Problem, um das sich der Makroökonom Sorgen zu machen hat. Die Erörterung der Evidenz hat jedoch Hinweise geliefert, daß in konzentrierten Industrien ein besonderes Beschäftigungsrisiko bestehen kann, weil die "Preisadministration" - wo sie besteht - eine erhöhte Outputvariation nach sich zieht. 3. Die Preismengenpolitik einer Firma bei Risikomanagement17 Die Risikoprämie einer unsicheren Investition wird bestimmt durch 18 Da das Marktportfolio im Gleichgewicht des Kapitalmarktes für alle Investitionen dasselbe ist, ist der Bruch der rechten Gleichungsseite }, = (1'.11 - i)/OM eine Konstante, so daß sich die erwartete Rendite der Anlage j bestimmt .als (1) Das ist inhärent plausibel. Denn die erwartete Rendite hängt außer von dem mit dem Marktportfolio gegebenen Preis je Einheit Risiko J. = (1',11 - i)/OM ab - von der Standardabweichung der Rendite Oj und - vom Ausmaß der Korrelation zwischen dieser Anlage j und dem Marktportfolio M. Der Marktwert einer Firma mit den erwarteten Gewinnen nj - sie seien der Einfachheit halber in allen Perioden gleich hoch - beträgt demnach Vi = 1tj/ri. In einer risikofreien Welt würde er 'lr/i betragen. Um den erwarteten Gewinnstrom in sein Sicherheitsäquivalent umzuwandeln, können wir 17 Die folgenden überlegungen sind Teil einer größeren Arbeit zur Theorie der Unternehmung. Einige Aspekte sind bereits in Kaufer (1977) behandelt ·worden. Wesentliche Impulse gehen von der Arbeit R. Shermans und R. Schramms (1974, 1977) aus. 18 Tj ist die erwartete Rendite der Anlage j mit der Standardabweichung C'j; i ist der risikofreie Marktzins, TM ist die erwartete Rendite des Marktportfolios und GM dessen Standardabweichung; R jM ist das Ausmaß der Korrelation zwischen j und M. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 112 Erich Kaufer von 1i:i auch einen Betrag für das Risiko Ci abziehen und dann mit dem risikolosen Zins i diskontieren (2) Vi = (nj - Cj)li oder Vi = (ni - rOjM)/i • In dieser Gleichung ist y der Preis des Gewinnrisikos je Einheit des Gesamtwertes des Kapitalmarktes W m = .}; Si und 0iM ist die Kovarianz ; zwischen dem erwarteten Firmengewinn 1ri und dem erwarteten Gesamtgewinn aus allen Kapitalmarktobjekten 1rJ( 19. Wir betrachten den risikofreien Zins i als gegeben und formen Gleichung (2) um in (3) Die Firma, die ihren Marktwert maximiert, kann also genausogut den einfachen Ausdruck der Gleichung (3) maximieren. Im Fall vollständiger Konkurrenz, wo die einzelne Firma den Preis, der sich bilden wird, nicht kennt, muß die Firma zuerst die Höhe der Produktion q festlegen. Setzen sich ihre Produktionskosten aus den variablen Kosten K (q) und den fixen Kosten F zusammen, K = K (q) + F, so lautet ihre Zielfunktion - E (.) bezeichnet die Erwartungswerte - Z = E [n (p)] -r Cov [n (p), M] oder bei fixierter Produktionsmenge q Z = q E (p) -K (q)- F - r q Cov (p, M) Daraus folgt die Maximumbedingung erster Ordnung Zq = 0 = E (p) -Kq -r Cov (p, M) Aus der Umformung Kq = E (p) -r Cov (p, M) ist ersichtlich, daß bei vollstäIl!diger Konkurrenz und Preisunsicherheit die gewinnmaximale Ausbringungsmenge der einzelnen Firma kleiner ist als bei Gewißheit. 19 D. h. r = U"f;.Sj, wenn es j verschiedene Anlageobjekte des Wertes Si gibt. 1 s·T· Da Tj = "f;. ~ 1 ist, so folgt für r = }J~ Si 1 4 Si ; 1 ~s.T.-i~s. i 1 1 ; l r= -'----::--.:....-- = (nM - iW M)lo M oie Vgl. dazu P. Kumar (1974) und N. C. Nielsen (1975). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Marktkonzentration und Beschärtigungsschwankungen 113 Im Monopolfall, wo die Firma einer sinkenden Nachfragefunktion gegenübersteht, ist die Analyse etwas komplizierter, weil es darauf ankommt, wie die Unsicherheit mit der Nachfragefunktion verknüpft ist. Die in der Nachfragefunktion ausgedrückte Beziehung zwischen p und q kann in additiver oder in multiplikativer Weise unsicher sein. Ist u eine Zufallsvariable mit der Standardabweichung Ou und E (u) = 0, so lauten die Nachfragefunktionen -bei additivem Risiko: p = p (q) + u und -bei multiplikativem Risiko: p = p (q) • u . In einer unsicheren Welt bestehen nun beträchtliche allokationstheoretische Unterschiede zwischen einer Firma, die den Preis fixiert und einer solchen, welche die Menge fixiert 20• Das ist bereits intuitiv einsichtig, wenn wir uns auf den einfachen Fall des additiven Risikos, auf eine lineare Nachfragefunktion und konstante Grenzkosten konzentrieren. (1) Die Gewinngleichung lautet Ji = q(ßGK) , wenn die Firma die Menge fixiert, und (2) 7~ = (p - GK) q , wenn die Firma den Preis fixiert. Bei additivem Risiko q = f (p) + u ist in Gleichung (1) das Risiko unabhängig von der Höhe des Preises p, so daß die Variabilität der Gewinne direkt proportional zur Höhe der fixierten Menge ,ist. Ein niedrigeres Angebot impliziert für die Firma also ein niedrigeres Risiko. Umgekehrt erkennt man aus der Gleichung (2), daß bei additivem Risiko d1e Standardabweichung der Gewinne direkt proportional zur Preishöhe ist. Eine preisfixierende Firma realisiert also ein niedrigeres Risiko, wenn sie einen niedrigeren Preis setzt 21 • Bei multiplikativem Risiko bleiben diese Aussagen im Falle der Mengenfixierung unter gewissen Nebenbedingungen bestehen. Bei Preisfixierung unter multiplikativem Risiko wird die gewinnmaximale Ausbringung nicht tangiert, weil die Neigung zur Fixierung eines niedrigen Preises dadurch aufgehoben wird, daß die mit der Absatzmenge verknüpfte Unsicherheit größer wird, wenn der Absatz zunimmt (N. C. Nielsen, 1975). 20 Vgl. J. Lintner (1975) und N. C. Nielsen (1975). 21 Ein einfacher Fall, sich diese Zusammenhänge klarzumachen, ist die folgende Situation. Die Nachfrage nach den Würstchen einer Bude zwischen Universität und Mensa hängt ab vom Preis des Würstchens und von der variierenden Qualität des Mensaessens. Man kann sich leicht klarmachen, daß bei Mengenfixierung 0" proportional q und bei Preisfixierung 0" proportional p ist. 8 Schriften d. Vereins f. Soclalpolitik 100 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 114 Erich Kauier Marktrnächtige Firmen, von denen der Monopolist ein Extrem ist, können in bestimmten Grenzen über ihre Preis-Mengenkombinationen entscheiden. Für jede risikoscheue marktmächtige Firma, die Preise "administriert", gilt unter obiger Ausnahme: (1) wird bei gegebener Unsicherheit der Preis, den die marktmächtige Firma setzt, um so näher an den Grenzkosten liegen, je höher die Risikoscheu ist, (2) wird bei gegebener Risikoscheu der Preis einer marktmächtigen Firma um so näher an den Grenzkosten liegen, je höher die Unsicherheit ist. Bei Mengenfixierung sind beide Ergebnisse umzukehren. BLeiben wir bei der preisadministrierenden Firma, so ist ihr Anreiz zur Beeinflussung des firmenspezifischen Risikos Oj um so größer, je strammer der positive Zusammenhang RjM mit dem Marktportfolio ist, weil die Risikoprämie bei gegebenem A entsprechend der Bedingung Tj = i + A RjM Oj ansteigt. Ist dagegen RjM gleich null, so können die Investoren ihr Risiko durch Diversifikation beseitigen, Tj = i. Bei RjM = - 1 wird die Risikoprämie sogar negativ. Der stärkste Anreiz, Oj zu senken, besteht folglich bei perfekter positiver Korrelation RjM mit dem Marktportfolio. Dieser Fall wird für die folgenden Überlegungen unterstellt. Konzentrierte Industrien produzieren häufig kapitalintensiver als weniger konzentrierte Industrien. Die Preis-Grenzkostenmargen umfassen deshalb in hoch konzentrierten Industrien einen größeren Spielraum als in weniger konzentrierten Industrien. Entsprechend größer ist auch der Spielraum zur Gestaltung der Varianz der Gewinnraten. Von zwei mit M korrelierten Firmen hat also diejenige, die in einer höher konzentrierten Industrie zur Spitzengruppe gehört, einen größeren Anreiz, eine Politik relativ rigiderer und niedrigerer Preise zu verfolgen. Bis jetzt wurde ein diesen Anreiz dämpfender Faktor außer acht gelassen. Eine Politik rigider Preise, dazu noch auf einem relativ niedrigen Niveau, zieht relativ große Schwankungen der abg,esetzten Menge nach sich, weil auf den Stimulierungsund Rationierungseffekt der Preisvariation verzichtet wird. Die Absatzschwankungen Oqj stehen in einer funktionalen Verbindung mit den Schwankungen B an Beschäftigungsmöglichkeiten in der Firma j : B (Oqj). Für ein bestimmtes Beschäftigungsrisiko wird eine Risikopräme (} B (Oqj) je Outputeinheit verlangt, so daß die risikoabhängigen Lohnkosten insgesamt (} B (Oqj) qj betragen. Die Gewinne der preisadministrativen Firma betragen also n = (p - GK) q -Q B (agj) Ci. Die Firma unterliegt also zwei widerstreitenden Einflüssen. Die Korrelation mit dem Marktportfolio spornt dazu an, stabilere, niedrigere OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Marktkonzentration und Beschäftigungsschwankungen 115 Gewinnraten gegen variablere, höhere Gewinnraten zu tauschen und eine Politik relativ inflexibler Preise zu verfolgen. Damit steigt das Beschäftigungsrisiko an und reduziert die Gewinnrate unter das marktwertmaximale Niveau. Je höher die risikobedingte Beschäftigungsprämie ist, um so flexibler wird die Preispolitik der Firma. Insoweit wie konzentrierte Industrien kapitalintensiver produzieren als weniger konzentrierte Industrien, ist der Anteil der Kapitalkosten größer als der der Lohnkosten, so daß konzentrierte Industrien einem größeren Anreiz unterliegen, den Preis inflexibel unterhalb dem des Pfades der kontinuierlichen Gewinnmaximierung zu halten. In hoch konzentrierten Industrien ist das Gewinnrisiko von der Art der Reaktionsverbundenheit abhängig 22• Das Gewinnrisiko in einer Industrie mag auch deshalb hoch sein, weil die oligopolitische Koordination zuweilen zusammenbricht. Risikomanagement schließt deshalb die üblichen Methoden der oligopoHtischen Koordination ein. Zu nennen sind etwa die koordinierte Limitpreispolitik im Falle von Kostenänderungen mit Hilfe der Vollkostenpreisbildung oder die Koordination über Lieferfristen im Falle von Absatzschwankungen. Beide Koordinationsinstrumente dienen der Marktwertmaximierung durch Risikomanagement. Der Anreiz, die Preispolitik als Instrument des Risikomanagement einzusetzen, hängt vom Ausmaß der positiven Korrelation Ri,\l ab. In der Gleichung Tj = i + (TM -i) RiM aioM ist Pi = RjM oj/OAl ein Maß für das "systematische" Risiko, und aus der Umformung Ti -i = Pi (TM - i) ist zu ersehen, daß der Investor keine dem firmenspezifischen Risiko entsprechende Risikoprämie erhält. Ist RiAl relativ klein, so kann der Investor den größten Teil des Risikos 0i durch Diversifikation seines 22 Das Risikomanagement einer Firma erstreckt sich ja nicht nur auf den Preisparameter. Die erwartete Rendite Tj ist auch seitens der Parameter F & E, Werbung und Wachstumsrate der Firma zu beeinflussen, Ti = Ti (F & E, W, g). Stellt man diesen Ansatz in den Kontext der Heusschen Markttheorie, so kann man zeigen, daß eine marktwertmaximierende Firma -in den Anfangsphasen eine Wachstumsbzw. Umsatzpolitik a la Marris oder Baumol verfolgt, -in den Anfangsphasen im Bereich negativer Grenzerlöse der F & Eoder Werbeausgaben operiert, -erst in den Endphasen dem Gewinnmaximierer bei gegebenem Risiko gleicht. Als Kandidaten für Risikomangement durch bloße Preispolitik kommen deshalb hauptsächlich alt-etablierte Industrien in Betracht. S· OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 116 Erich Kaufer Portfolios beseitigen. Eine Streuung über 8 bis 10 Anlagen reduziert das Risiko bereits sehr beträchtlich 23• In solchen Fällen ist der Anreiz zum Risikomanagement gering, weil Pi sehr viel kleiner als Gi ist und eine Reduktion von Gi durch Preispolitik auf den Marktwert der Firma nur schwach einwirkt. Da sich die Industrien (und Firmen) im Grad ihrer Korrelation mit M unterscheiden, ist der Anreiz zum Risikomanagement auch bei gleich hohen Konzentrationsgraden sehr unterschiedlich. Das Aktivitätsniveau der pharmazeutischen Industrie ist z. B. von allgemeinen wirtschaftlichen Schwankungen fast unabhängig, während das der Stahl-, Zementund Maschinenbauindustrie eng mit dem der anderen Sektoren verflochten ist. Dementsprechend spielt der Preis zur Stabilisierung der Gewinnströme in der ersten Industrie keine, in den anderen Industrien eine große Rolle 24 • Bei der Frage, ob Pi oder Gi ents.cheidungsrelevant ist, taucht eine Komplikation auf. Zwar mögen die Investoren der Publikumsgesellschaften ihre Anlagen diversifizieren. Der Eigentümer-Unternehmer hat "seiner" Firma gegenüber jedoch nicht die Mentalität des bloßen Kapitalgebers, er diversifiziert nicht. Soweit wie eine eigentümerund eine management-kontrollierte Firma jeweils über Marktmacht verfügen, ist es dann möglich, daß die eigentümerkontrollierte Firma sowohl eine höhere Rendite Ti als auch eine geringere Standardabweichung Gi erwirtschaftet 25• Der an das firmenspezifische Risiko gebundene Eigentümer fordert einerseits eine höhere Risikoprämie, weil er das Risiko nicht "weg"-diversifizieren kann, und strebt andererseits danach, die Gewinnschwankungen durch Beeinflussung von Gj zu reduzieren. Die management-kontrollierte Firma kann sich sowohl ,ein niedrigeres Ti als auch ein größeres Gi leisten, auch weil ihre Investoren nicht dem spezifischen Risiko, sondern lediglich dem systematischen, kleineren Risiko Pi unterworfen sind. Eine solche Differenz im Gewinn-Risikoprofil zwischen beiden Firmentypen ist nicht allein durch Risikomanagement mit Hilfe der Preispolitik zu err,eichen. Auch die Parameter Innovation, Werbung, Wachstum, etc. müssen dazu beitragen. Es ist deshalb nicht möglich, für die Frage der "Preisadministration" eindeutige Aussagen abzuleiten. 23 Siehe J. L. Evans, S. H. Archer (1968). 24 In einer 'Querschnittsstudie wird deshalb auch kaum eine systematische Beziehung zwischen eR und 0" festzustellen sein. Die empirische Evidenz ist jedenfalls widersprüchlich. Stigler (1963, 68 - 70) findet keinen Unterschied in der Varianz der Renditen zwischen 14 konzentrierten und 54 unkonzentrierten Industrien. Samuels und Smyth (1968) hingegen fanden in konzentrierten Industrien eine niedrigere (residuale) Varianz. 25 Vgl. den kurzen Überblick über einige Aspekte der einschlägigen Literatur in Kaufer (1977). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Marktkonzentration und Beschäftigungsschwankungen 117 Fassen wir zusammen. (1) Die These von der administrierten Inflation wird mit dem Argument bestritten, daß die Höhe der Konzentration einen Unterschied im Niveau, nicht jedoch in der Rate des Preisanstieges begründet, es sei denn, die Konzentration steige fortlaufend bis auf eR = 1 an. Tatsächlich ändert sie sich jedoch kaum. Dieses klassische Monopolargument ist allokationstheoretisch in einer entscheidenden Hinsicht zu revidieren. Gerade dort, wo Preise administriert werden, führt das Risikomanagement dazu, daß die Preise relativ niedriger festgesetzt werden. Im Niveau der Preise macht die Konzentration insgesamt also kaum einen Unterschied, weil einige hochkonzentrierte Industrien hohe RjM-Werte, andere aber niedrige Werte haben. Die ersten maximieren ihren Marktwert durch inflexible, niedrige Preise, die zweiten durch flexible, höhere Preise. (2) In denjenigen Industrien, in denen die Renditenerwartung eng mit dem Marktportfolio korreliert, besteht ein großer Anreiz, die Gewinnraten durch inflexible Preise zu stabilisieren. Zwar mögen die Renditen dadurch sinken, aber bei Risikoscheu wird das in seiner Auswirkung auf den Marktwert der Firma durch ein niedrigeres Gewinnrisiko ausgeglichen. Risikomanagement setzt Marktmacht voraus, s.o daß diese Politik in hochkonzentrierten Industrien eher anzutreffen ist, als in weniger konzentrierten Industrien. Schließt man in die Beeinflussung des Risikos Oj die oligopolistische Koordination ein, so ergibt sich in diesen konzentrierten Industrien ein Preisverhalten, wie es als "administriert" empirisch bei Listenpreisen beobachtet wird. Da jedoch nicht alle hochkonzentrierten Industrien durch hohe RjMWerte gekennzeichnet sind, ist der "administrierte" Preis kein generelles Problem "der" Konzentration, sondern ein spezielles Problem bestimmter konzentrie·rter Industrien. (3) Insofern wie hoch konzentrierte Industrien kapitalintensiver produzieren als weniger konzentrierte Industrien, wird bei ersteren der Anreiz zum Risikomanagement weniger stark durch die Kosten des Beschäftigungsrisikos g,edämpft. Das Risikomanagement erhöht aber die Beschäftigungsschwankungen, weil die Preisinfiexibilität die OutputschwaJl1kungen verstärkt. Diese Beschäftigungsschwankungen äußern sich über die verzögerte Anpassung der Preise an inflationäre N achfrageschübe als zyklisch verstärkte Unterbeschäftigung. 4. Konzentration und Beschäftigungsschwankungen: Bevor wir uns dem Kernpunkt der Analyse zuwenden, sollen einige Aspekte aus der Randzone dieses Problems hervorgehoben werden. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 118 Erich Kaufer Die empirisch einst als so wohl fundiert geltende Konzentration-Gewinnbeziehung ist in den letzten Jahren im Streit unterschiedlicher Befunde erheblichen Zweifeln ausgesetzt worden. Die damit verknüpften Probleme sind komplex und müssen ebenso wie die umfangreiche Literatur hier unterdrückt werden. In den empirischen Studien zur CR-:TlBeziehung ist u. a. fraglich, ob die Beziehung intertemporal stabil ist. Ferner ist umstritten, wie signifikante oder nicht signifikante Befunde - beide gibt es - zu interpretieren sind. Was widerlegt etwa ein nicht signifikanter CR-Koeffizient, wenn in der Regression so offenkundig einflußreiche Variable wie Elastizität der Nachfrage oder Höhe der Marktschranken nicht oder nur mangelhaft zu berücksichtigen sind, oder wenn das Problem der Interkorrelation der unabhängigen Variablen bedacht wird. Auch ein relativ strammer, partieller Zusammenhang zwischen CR und :Tl kann täuschen, sofern CR keinen stetigen Einfluß hat. Schon Bain vermutete, daß kritische Schwellenwerte der Konzentration existieren. Einige Evidenz spricht dafür, das CR auf die Gewinnrate oder auf die Preis-(Grenz)Kostenmarge einen signifikant positiven Einfluß dann hat, wenn CR4> 0,5 oder CRs> 0,7 ist (Dalton & Penn, 1976). Eine ähnliche, diesesmal trichotome Beziehung existiert offenbar im Ausmaß der chronischen Überkapazität der Industrien. "Atomistische" und "eng" oligopolistische Industrien (d. h. CR4 < 0,4 und CR4> 0,7) haben beide eine signifikant geringere Überkapazität im Ausmaß von 5 bis 6 ()/o als die Industrien ("weite" Oligopole) mit mittleren CR-Werten von 0,4< CR4 < 0,7 (Esposito & Esposito, 1974). Ein strammer Zusammenhang zwischen der stetigen CR-Variablen und :Tl kann also auch daraus resultieren, daß faktisch die Mittelwerte einer oberen und unteren Konzentrationsgruppe aufeinander regressiert werden. Tatsächlich bestünde aber kein kontinuierlich zunehmender Effekt. Vielmehr existierte ein Schwellenwert der Konzentration und oberhalb und unterhalb dieses Wertes gäbe es keine spürbare Beziehung zwischen CR und :Tl. Für unser Problem würde das bedeuten, daß die "Preisadministration" infolge des Risikomanagements nur oberhalb dieser Schwelle (vermutlich) erfolgreich ist. Aber wo Hegt diese Schwelle bei dieser Verhaltensweise? Auf Grund der empirischen Ergebnisse zur wage-push Inflation ist darauf zu achten, daß die CR-Variable tatsächlich als Proxy für Marktmacht und nicht als Pl"Oxy für die persönliche Qualifikation der Beschäftigten dient. Z. B. fand Telser (1972) in einer Analyse von 99 Industrien, daß die Raten der Entlassungen, Kündigungen und Einstellungen in konzentrierten Industrien niedriger als in weniger konzentrierten Industrien waren. Aber sein Versuch, diese Unterschiede durch Faktoren, wie CR, Lohnhöhe, Anteil der weiblichen Beschäftigung und andere OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Marktkonzentration und Beschäftigungsschwankungen 119 industriespezifischen, unabhängigen Variablen zu erklären, ist problematisch, weil wir wissen, daß eR in solchen Ansätzen auch den Einfluß der persönlichen Charakteristiken wiedergibt. Sie und nicht Marktmacht mögen die Unterschiede erklären. In direktem Zusammenhang mit unserer Kernfrage steht ein anderer Punkt. Wenn auch die wage-push Konzentrationshypothese empirisch nicht fundiert ist, so ist damit nicht gesagt, daß Konzentration auf die Flexibilität der Löhne keinen Einfluß hat. Gerade wenn Firmen Risikomanagement betreiben, sollten sie nicht nur den Preis, sondern auch Kostenelemente kontrollieren. Ein Kostenfaktor, der sich dazu anbietet, ist die Lohnhöhe. "Preisadministration" müßte also den Versuch einschließen, die Lohnhöhe während des ganzen Zyklus der wirtschaftlichen Aktivität sowohl nach unten wie auch nach oben (!) in ihrer Flexibilität zu begrenzen. In der Tat stellt sich in einer Analyse der Lohndaten der Jahre 1954 bis 1970 heraus, daß der Konzentrationsgrad im Rahmen anderer Variablen wie etwa Gewerkschaftsstärke und Lohnleitlinien einen selbständigen, starken und signifikanten Einfluß auf die Reagibilität der Löhne ausübt. Obwohl die Häufigkeit der Lohnverhandlungen in konzentrierten und nicht konzentrierten Industrien nicht verschieden ist, ist die Variabilität der Löhne infolge von Änderungen in den Lebenshaltungskosten und der Arbeitslosenquote in den konzentrierten Industrien beträchtlich niedriger (Hamermesh, 1972/73). Statistisch schwache Ergebnisse, die eher die beschäftigungspolitischen Konsequenzen des preispolitischen Risikomanagements unterstützen, statt sie zu widerlegen, stammen von Ferguson (1964, 94 -102), Masters (1965) und Scherer (1970, 311 -314). Ferguson ging von 17 Industrien aus, die er nach verschiedenen Kriterien wie zyklische Stabilität, Konsumvs. Produktionsgüter ausgewählt hatte. Er konstruierte einen Index der Variabilität der Beschäftigung, der rasch wachsenden Unternehmen, die vermutlich deshalb instabilere Beschäftigung aufweisen, trotzdem als stabil erscheinen läßt. In 13 Industrien konnte er schließlich eine Analyse für die Zeit von 1947 bis 1956 auf der Basis von 94 Firmen durchführen. Bei allen 94 Firmen insgesamt und in 5 der 13 Industrien getrennt, boten große Firmen signifikant stabilere (i. s. seiner Definition) Beschäftigungsmöglichkeiten. Die Rangkorrelation zwischen den nach Konzentrationshöhe und Variabilität der Beschäftigung geordneten 13 Industrien war jedoch bloß + 0.15 und nicht signifikant. Masters untersuchte den Rückgang der Umsätze je Beschäftigten in 10 Branchen während rezessiver Phasen. In denjenigen Branchen, in denen der gewogene Konzentrationsgrad höher war, tendierten die Umsätze der Beschäftigten rezessionsbedingt weniger zu fallen. Die Unterschiede waren statistisch jedoch alles andere als signifikant. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 12ß ll:rich :Kaufer Kumar, P. (1974): Market Equilibrium and Corporation Finance: Some Issues, 29 J Fin 1175 -1188. l .. intner, J. (1975): Optimum or Maximum Growth undeUncertainty, in: R. Marris, A. Wood, eds, The Corporate Economy, London 1971. -(1975): The Impact of Uncertainty on the "Traditional" Theory of the Firm: Price Setting and Tax Shifting, in: J. W. Markham, G. F. Papanek, eds., Industrial Organization and Economic Development, Boston, pp. 238 - 265. Lustgarten, S. (1975 a): Industrial Concentration and Inflation, American Enterprise Institute for Public Policy Research, Washington, D. C. 1975. -(1975b): Administered Inflation: A Reappraisal, 13 Ec. Inqu. 191 -206 (June 1975). Markham, J. W. (1964): Administered Prices and the Recent Inflation, in: Inflation, Growth, and Employment, Commis si on on Money and Credit, Englewood Cliffs, N. J. 1964. Masters, S. H. (1965): The Behavior of Output per Man During Recessions: A Study of Underemployment, Ph. D. diss., Princeton 1965. -(1969): An Interindustry Analysis of Wages and Plant Size, 51 RESt 341 -345 (1969). Means, G. C. (1935): Industrial Prices and their Relative Inflexibility, Washington, D. C. 1935. -(1939): The Structure of the American Economy, Washington, D. C. 1939. -(1959): Administrative Inflation and Public Policy, Washington, D. C. 1959. -(1963): Pricing Power and the Public Interest, in: Administered Prices: A Compendium on Public Policy Washington, D. C. 1963, pp. 213 -239. Neat, A. C. (1942): Industrial Concentration and Price Inflexibility, American Council on Public Affaires, Washington, D. C. 1942. Nietsen, N. C., The Price and Output Decisions of the Finn under Uncertainty, 77 SwJ Econ. 459 -469 (1975). PhHps, L. (1971): Effects of Industrial Concentration, Amsterdam 1971. Scherer, F. M. (1970): Industrial Market Structure and Economic Performance, Chicago 1970. Samuels, J. M., D. J. Smyth (1968): Profits, Variability of Profits, and Finn Size, 35 Econ. 127 - 39 (May 1968). Schramm, R., R. Sherman (1974): Profit Risik Management and the Theory of thc Firm, 41 SEJ 352 - 63 (Jan. 1974). - - (1977): A Rationale for Administered Prices, 44 SEJ 125 -135 (July 1977). Smith, D. S. (1971): Concentration and Employment Fluctuations, 9 WEJ 26777 (Sept. 1971). St-igter, G. J. (1963): Capital and Rates of Return in Manufacturing Industries, Princeton 1963. Stigler, G. J., J. K. Kindaht (1970): The Behaviour of Industrial Prices, Princeton 1970. - - (1973): Industrial Prices as Administered by Dr. Means, 63 AER 717721 (Sept. 1973). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Marktkonzentration und Beschäftigungsschwankungen 127 Telser, L. G. (1972): Competition, Collusion, and Game Theory, Chicago 1972. Weiss, L. W. (1966a): Business Pricing Policies and Inflation Reconsidered, 74 JPE 177 - 187 (Apr. 1966). -(1966b): Concentration and Labour Earnings, 56 AER 96 - 117 (March 1966). -(1974): The Role of Concentration in Recent Inflationary Price Movements: A Statistical Analysis, 4 ALER 109 - 121 (1974). -(1977): Stigler, Kindahl, and Means on Administered Prices, 67 ALER 610 - 619 (1977). Weston, J. F., S. H. Lustgarten (1974): Concentration and Wage-Price Changes, in: H. J. Goldschmid et al., eds., Industrial Concentration: The New Learning, Boston 1974, pp. 307 -332. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Makro-ökonomische Ansätze zur Untersuchung außenwirtschaftlicher Einflüsse auf die Beschäftigung Von Adol! Nussbaumer, Wien 1. Außenwirtschaftlicher Strukturwandel und Beschäftigung In der ökonomischen Literatur finden sich kaum Abhandlungen über die Beziehungen zwischen der regionalen bzw. Warenstruktur des Außenhandels und dem Beschäftigungsgrad einer Volkswirtschaft 1• Dies mag einerseits darin begründet sein, daß die Außenwirtschaftstheorie entweder von stark vereinfachten Modellen, die eine Strukturierung nicht zulassen, ausgeht, etwa auf einem Zweiländer-Zweigüterfall aufbaut, oder die verwendeten makroökonomischen Aggregate jeweils die gesamte Volkswirtschaft umfassen. Bei empirischen Untersuchungen sieht man sich anderseits bald mit dem Problem konfrontiert, daß bereits die Auswirkungen des Außenhandels auf die nationale Produktion wegen des Fehlens oder mangelnder gegenseitiger Abstimmung der statistischen Unterlagen nur schwer erfaßt werden können, und daß es überdies theoretisch wie praktisch schwierig ist, Störfaktoren auszuschließen; dieses Identifikationsproblem dürfte auch bei voll befriedigendem Material nie gänzlich überwunden werden können. Stehen jedoch die Beziehungen zwischen Außenhandelsstruktur und nationaler Produktionsstruktur nicht eindeutig fest, so können auch keine exakten Aussagen über deren Einfluß auf die Beschäftigung gemacht werden. Derartige Aussagen implizieren ja überdies auch Annahmen hinsichtlich des Einflusses außenwirtschaftlicher Beziehungen auf die Änderung der im Inland verwendeten Produktionsfunktionen. Ob etwa generell unterstellt werden kann, daß verschärfter internationaler Wettbewerb zu vermehrten Rationalisierungsinvestitionen und damit zur Steigerung der Arbeitsproduktivität führt, ohne daß es zu negativen 1 Eine Voraussetzung dafür wäre die Kenntnis interregionaler InputOutput-Tabellen, wie sie in der Regionalökonomie zu erstellen versucht werden. Dazu: Walter Isard, Methods of Regional Analysis: an Introduction to Regional Science, M. I. T. Press 1960, p. 309 - 374. -Ein anderer, wenn auch recht rudimentärer Ansatzpunkt die Waren struktur des Exports mit der Beschäftigung resp. Faktorentlohnung zu verbinden liegt vor, wenn in der Außenhandelstheorie in einem dualen oder Mehr-Güter-Mehr-Sektoren-MehrFaktoren-Modell die Wirkung von Zöllen und die dadurch ausgelösten Umschichtungen in d. Produktion und bei der Faktorentlohnung untersucht werden. Dazu: W. M. Corden, The Theory of Protection, Oxford 1971. 9 Schriften d. Vereins f. Socialpolitlk 100 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 130 Adolf Nussbaumer Auswirkungen auf das Beschäftigungsniveau kommt, ist durchaus fraglich. Dennoch soll in dem vorliegenden Aufsatz versucht werden, das angedeutete Problem wirtschaftspolitisch näher zu umreißen, auch dann, wenn vorerst sowohl auf ausgeformte exakte Modelle wie auf gesicherte allgemeine wirtschaftspolitische Aussagen verzichtet werden muß. Das zu behandelnde Thema hat übrigens stark an wirtschaftspolitischem Interesse gewonnen. Dies nicht nur deshalb, weil heute auch in vielen marktwirtschaftlich organisierten Staaten seitens der Regierungen durch gezielte Maßnahmen Einfluß auf die Industriestruktur und auf die Außenhandelsstruktur genommen wird. Auch Veränderungen in der Struktur des Welthandels sind weitgehend wirtschaftspolitischen Entscheidungen unterworfen und ihre Auswirkungen auf die Beschäftigung müßten deshalb abschätzbar sein. Änderungen der Handelsverflechtung und der Handelsintensität sind etwa zu erwarten als Folge regionaler wirtschaftlicher Integrationen, der Intensivierung des Handels zwischen den planwirtschaftlich organisierten sozialistischen Staaten in Osteuropa und den westlichen Industriestaaten, als Folge des Überdenkens der Wirtschaftsbeziehungen zwischen entwickelten Industriestaaten in Ost und West und den erst auf einer niedrigeren Stufe der wirtschaftlichen Entwicklung stehenden Ländern. Auch massive Änderungen in den Preisen der gehandelten Produkte und damit verbunden in den terms of trade haben, wie etwa die starke Erhöhung der Rohölpreise in den letzten Jahren zeigte, starken Einfluß auf Handelsstruktur, Zahlungsbilanzen und Beschäftigungentwicklung vor allem in den Industriestaaten genommen. Schließlich kommt es auch im Konjunkturverlauf zu einer Änderung der Außenhandelsstrukturen vor allem dann, wenn einzelne Handelspartner von konjunkturellen Rückschlägen stärker betroffen sind als andere; wirtschaftspolitisch wird man dann meist bemüht sein, Absatzrückgänge in einzelnen Ländern durch Exportinitiativen in anderen, somit durch eine Änderung in der Handelsstruktur hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die inländische Beschäftigungslage auszugleichen. Seit die Sicherung eines hohen Beschäftigungsgrades als Aufgabe der staatlichen Wirtschaftspolitik angesehen wird, werden zu Erreichung dieses Zieles neben Instrumenten der Geldund Fiskalpolitik auch solche der Außenhandelspolitik eingesetzt. Relativ früh hat allerdings auch die Wissenschaft auf die Gefahren aufmerksam gemacht, die mit dem Versuch, die binnenwirtschaftliche Beschäftigung durch Einfuhrrestriktionen zu sichern, verbunden sind 2; denn wenn Einfuhrrestriktionen eben solche Gegenmaßnahmen der ne2 J. Robinson: Beggar-my-neighbour Remedies for Unemployment. In: Readings in the Theory of International Trade, London 1950, p. 393 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Untersuchung außenwirtschaftlicher Einflüsse auf Beschäftigung 131 gativ betroffenen Staaten auslösen, so kommt es insgesamt nicht zu einer Verbesserung der Beschäftigungslage, sondern lediglich zu einem Schrumpfen des Welthandels und zu einer Verschlechterung der internationalen Faktorallokation. So gesehen ist die heute überwiegend angewandte Methode, für die Sicherung der Arbeitsplätze im Inland nicht durch Einfuhrrestriktionen, sondern eher durch Exportförderung zu sorgen, sicherlich vorzuziehen. Allerdings dürfen auch hier die Nebenwirkungen vor allem die Staatsfinanzen betreffend nicht außer acht gelassen werden. Denn während Einfuhrrestriktionen, besonders wenn es sich um Zölle handelt, die Staatseinnahmen erhöhen und es sogar gelingen kann, die Zollbelastung auf die ausländischen Lieferanten rückzuwälzen, belasten Exportförderungsmaßnahmen immer die öffentlichen Haushalte und führen meist zu einem finanziellen Netto-Transfer an das Ausland. Gerade kleine, exportintensive Länder werden bei einer internationalen Förderungskonkurrenz nur beschränkt mithalten können. Manipulierte Senkung der Exportpreise führt darüber hinaus ebenso wie die manipulierte Erhöhung der Importpreise zu einer Verzerrung der internationalen Wettbewerbsverhältnisse und damit zu internationaler Fehlallokation der Produktionsfaktoren. Diese Gefahr muß auch bei dem Versuch im Auge behalten werden, eine neue Weltwirtschaftsordnung zu schaffen, welche den Interessen der Entwicklungsländer stärker entgegen kommt als das heutige Prinzip des freien internationalen Wettbewerbs auf Warenmärkten, der Reziprozität und der Gleichstellung aller Handelspartner 3• Denn alle im internationalen Wettbewerb gewährten einseitigen Bevorzugungen bringen die Gefahr mit sich, daß zumindest vorübergehend die Produktion an suboptimalen Standorten stattfindet. Dies bedeutet, daß es zumindest langfristig wahrscheinlich sein müßte, daß die anfangs an einem bestimmten Standort geförderten Industrien bzw. Wirtschaftszweige international voll konkurrenzfähig sind, sobald sie ihr Entwicklungsstadium hinter sich haben. Dieser Gedanke, welcher sowohl der Theorie des Entwicklungszolls wie dem regionalökonomischen Konzept der grundsätzlichen offenen Region zugrundeliegt"', sollte auch bei den Bemühungen um die Verbesserung der Arbeitsteilung zwischen entwikkelten Industriestaaten und Entwicklungsländenn berücksichtigt werden. 3 GATT, BGB1. 1951/254, (RV 392, AB 400IVI GP). -Siehe dazu u. a.: Art I "Allgemeine Meistbegünstigungsbehandlung" Art II "Begünstigungsverzeichnisse", 1.a). "' Zum Erziehungs(Entwicklungs) effekt von Zöllen siehe als überblick Klaus Rose, Theorie d. Außenwirtschaft, Berlin und Frankfurt/Main, 2. Auf!., 1968, IV. Teil, 4. Kap. -Siehe aber auch jene Positionen, die für einen weltweiten Freihandel anstatt regionaler Liberalisierungen (EWG etwa) plädierten, So z. B. Gottfried Haberler, Die wirtschaftliche Integration Europas, in: Wirtschaftsfragen der freien Welt, hrsg. v. E. v. Beckerath, Fritz W. Meyer, Alfred Müller-Armack, Frankfurt/Main 1957, S. 521 -540. 9* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 132 Adolf NussbaumeT Geht es um die Erfassung der Auswirkungen eines außenwirtschaftlichen Strukturwandels auf die Beschäftigung, so ist schließlich zu prüfen, auf welche Weise Beschäftigungswirkungen gemessen werden können, und wie das Beschäftigungsziel konkretisiert wird. Zumindest vier Zielvarianten, die sich hinsichtlich der volkswirtschaftlichen Größe, welche maximiert werden soll, unterscheiden, sind grundsätzlich denkbar; die Zahl der allenfalls zu optimierenden Zielkomplexe, in deren Rahmen neben dem Beschäftigungsziel auch noch andere Zielsetz,ungen angestrebt werden und die sich deshalb auch mit zweitbesten Lösungen für die Beschäftigung selbst begnügen, ist selbstverständlich noch viel größer. Als Ziel einer aktiven Beschäftigungspolitik kommen insbesondere in Betracht: Erstens, die Maximierung der Zahl der Beschäftigten, bzw. der Erhöhung des Beschäftigtenstandes, wobei von konstanter Normalarbeitszeit ausgegangen wird. Dieses Ziel liegt sowohl für wenig entwickelte Länder mit billigen Arbeitskräften und dennoch hoher Arbeitslosigkeit nahe wie für Industriestaaten mit hohen Arbeitskosten und Mangel an Arbeitsplätzen, die eine genügend hohe Arbeitsproduktivität erlauben. In beiden Fällen sind die Grenzen des Wachstums meist durch den Kapitalbedarf für Investitionen und durch die Aufnahmefähigkeit internationaler Märkte für die hergestellten Waren beschränkt; außenwirtschaftlicher Strukturwandel kann zur Überwindung dieser Scl1wierigkeiten beitragen. Zweitens kann die Erhöhung des Arbeitseinkommens der Unselbständigen, gemessen an der Zahl der Beschäftigten multipliziert mit ihren Durcl1schnittsverdiensten, also der Lohnsumme, Ziel der Beschäftigungspolitik sein. Hier steht die Erhöhung der Wertschöpfung pro Kopf verbunden mit einer Anhebung der durchschnittlichen Arbeitseinkommen im Vordergrund, eine Zielsetzung, welche vor allem für Länder mit relativ billigen Arbeitskräften jedoch ohne nennenswerte Beschäftigungsprobleme aktuell ist, und in denen deshalb auch die Änderung der volkswirtschaftlichen Einkommensverteilung zugunsten der unselbständigen Erwerbstätigen größere Priorität genießt. Drittens kann die möglichst starke Erhöhung der Wertscl1öpfung pro Beschäftigten angestrebt werden. Da hier nicht auf die Lohnsumme abgestellt wird sondern auf alle Erwerbseinkünfte, fällt das Ziel der Einkommensverteilung zwischen Selbständigen und unselbständig Erwerbstätigen weg; bei Verteilungskonstanz deckt sich diese Zielsetzung mit der zweitgenannten. Diese Zielsetzung dürfte vor allem in Wohlfahrtsstaaten mit hohem Beschäftigungsniveau und relativ ausgewogener Einkommensverteilung zu finden sein, und demgemäß vor allem durch Umschichtung der erwerbstätigen Bevölkerung zugunsten von Wirtschaftszweigen mit überdurchschnittlicher Wertschöpfung v,erfolgt werden OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Untersuchung außenwirtschaftlicher Einflüsse auf Beschäftigung J33 können. Hier kann es allerdings auch darum gehen, rechtzeitig neue Arbeitsplätze für qualifizierte Arbeitskräfte, welche in relativ schrumpfenden Sektoren der Wirtschaft freigesetzt werden, bereitzustellen. Als viertes Ziel könnte noch die maximale Erhöhung der Beschäftigung, bzw. der Wertschöpfung in der Zeit genannt werden; hier wäre zusätzlich die Nachhaltigkeit der Beschäftigungswirkung der einzelnen ergriffenen Maßnahmen zu prüfen. Dies könnte etwa durch Schätzung der Bestandsdauer der neu geschaffenen Arbeitsplätze und durch Abzinsung der Arbeitsverträge auf einen Geg,enwartswert erfolgen. Doch dürfte die Erreichung dieses Zieles angesichts der Unsicherheiten hinsichtlich der zu schätzenden Größen, Bestandsdauer des Arbeitsplatzes, künftige Durchschnittseinkommen und Abzinsungsfaktor, für die praktische Wirtschaftspolitik kaum mit ausreichender Genauigkeit meßbar sein. Selbst wenn 'die Auswirkungen auf die Beschäftigung anhand einer relativ leicht feststellbaren volkswirtschaftlichen Größe, wie etwa die Zahl der Beschäftigten, gemessen wird, stehen aber dem Versuch, eine quantifizierbare Beziehung zum außenwirtschaftlichen Strukturwandel herzustellen, erhebliche Hindernisse entgegen. 2. Traditionelle Ansätze zur Untersuchung außenwirtschaftlicher Einflüsse auf Produktion, Einkommen und Beschäftigung Die von der Wirtschaftstheorie bisher erarbeiteten Ansätze verwenden nahezu ausschließlich sehr große volkswirtschaftliche Aggregate, meist Beschäftigung und Wertschöpfung ganzer Volkswirtschaften. Eine Disaggregierung zwecks Erfassung struktureller Einflüsse wäre theoretisch zwar grundsätzlich möglich, doch wird auf sie im allgemeinen verzichtet. Zu nennen sind hier die Theorie der komparativen Kosten, die Theorie des Außenhandelsmultiplikators ohne und mit Begrenzung der inländischen Verfügbarkeit von Arbeit und Kapital, die Anwendung der Akzeleratortheorie zur Erklärung von Beschäftigungsschwankungen in vornehmlich Investitionsgüter exportierenden Industriestaaten, sowie Modelle, welche die internationale Übertragung von Konjunkturund Beschäftigungsschwankungen bei stabilem Wechselkurs erklären. Die Theorie der komparativen Kosten erlaubt schon in ihrer üblichen Darstellung an Hand eines statischen Modells wichtige Erkenntnisse hinsichtlich des Einflusses der internationalen Arbeitsteilung auf die Beschäftigung in den am internationalen Handel teilnehmenden Ländern. Sie zeigt, daß bei gegebenen Faktorpreisen, Beschäftigungsniveaus und Produktionsfunktionen, um nur die wichtigsten von Samuelson und Stolper genannten Bedingungen hervorzuheben , die Kosten bzw. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 134 Adolf Nussbaumer Angebotspreise der am Handel teilnehmenden Industrien bestimmt sind, und die Kostenrelationen die internationale Arbeitsteilung bestimmen. Nimmt man nun die internationale Arbeitsteilung, also die Verteilung der Produktionsstätten in der Welt, als gegeben an -dies ist jedenfalls mittelfristig zulässig, solange nicht durch Investitionen. die Struktur der Weltproduktion geändert wird -, so folgt, daß diese gemeinsam mit den Faktorpreisen und Produktionsfunktionen in den einzelnen Ländern die Beschäftigung bestimmen. Nationale Produktionsstruktur und Spezialisierung, Produktionsmethoden sowie die Kosten von Arbeit, Kapital, Energie und Rohstoffen bestimmen somit im statischen Modell die Beschäftigungsniveaus in den am internationalen Handel teilnehmenden Ländern. Eine Kostensenkung in einem Land erhöht dessen Beschäftigungsniveau, eine Kostensteigerung senkt dieses. In interventionistischen Marktwirtschaften ist daruber hinaus zu beachten, daß es für internationale Arbeitsteilung und nationales Beschäftigungsniveau immer auf die marktwirksamen komparativen Kostenvorteile ankommt, also auf die komparativen Kosten der herkömmlichen Theorie korrigiert durch von der Gesellschaft übernommene Belastungen (social costs), im Interesse der Allgemeinheit vom Unternehmen übernommene Kosten (social benefits), Abgaben, Kostenersätze und Vergütungen. In welcher Recheneinheit immer ausgedruckt, werden die komparativen Kosten auch durch die Austauschrelationen der Währungen beeinflußt und folglich auch die Beschäftigungsniveaus. Eine dynamische Analyse komparativer Kostenvorteile im Außenhandel hat darüber hinaus, wie insbes. Chenery gezeigt hat 5, die Möglichkeit strukturelle Ungleichgewichte auf Faktormärkten, die Variation der Nachfrage nach Exporten und substituierenden Importen in der Zeit sowie die Auswirkungen von Änderungen der Konsumund Produktionsfunktionen zu berücksichtigen. Technischer Fortschritt im Bezug auf die angewandten Produktionsverfahren, und Qualität und Art der hergestellten Produkte ist in der wirtschaftlichen Entwicklung meist entscheidend für Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigtenstand. Ergänzend zu der immer angebotsseitig orientierten Theorie der komparativen Kostenvorteile ist schließlich wegen der untrennbaren Verbindung von Angebot und Nachfrage in allen Beschäftigungsmodellen auch besonders auf die Nachfragefunktionen hinzuweisen. So wird etwa trotz Kostensenkung mit einer Verbesserung des Absatzes und der Beschäftigung nur bei elastischer Nachfrage in Bezug auf den Preis und langfristig auch bei positiver Einkommenselastizität für die angebotenen S B. Chenery: Comparative Advantage and Development Policy. Survey of Economic Theory 2 (1969), S. 125 -155. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Untersuchung außenwirtschaftlicher Einflüsse auf Beschäftigung 135 Produkte zu rechnen sein. In der Praxis kommt deshalb ergänzend zur Produktion immer der Markterschließung durch Werbung, dem Bekanntheitsgrad eines Produktes und der Ausdehnung und Qualität der Absatzorganisation besondere Bedeutung zu. Gemäß der Theorie des Außenhandelsmultiplikators führen Exportüberschüsse eines Landes zu Erhöhung von Einkommen und Beschäftigung im Inland, bewirken jedoch in weiterer Folge einen erhöhten Abfluß von Kaufkraft ins Ausland infolge ansteigender Imporlnachfrage (leakage), welcher nur zum Teil dur,ch die später ebenfalls einkommensinduziert steigende Nachfrage des Auslandes nach Inlandsgütern (seapage) kompensiert wird 6• Entscheidend für die Größe dieses Multiplikators sind also jeweils die Einkommenselastizitäten der inländischen Nachfrage nach Auslandsgütern. Es liegt auf der Hand, daß dieser Ansatz grundsätzlich einer Sektoralisierung zugänglich ist, und daß derartige Elastizitäten für wichtige Güterbzw. Aufwandskategorien wie die Na,chfrage nach Kraftfahrzeugen, Haushaltsmaschinen, Auslandsurlauben oder Investitionsgütern auch meßbar sein müßten. Könnte der Einfluß dieser Strukturkomponenten auf die Entwicklung der Einkommen im Inland und auf die Zahlungsbilanz gemessen werden, so wären damit auch die Auswirkungen eines außenwirtschaftlichen Strukturwandels auf die Beschäftigung im Inland erfaßbar. Auch in nicht nach Sektoren aufgespaltenen Modellen des Außenhandelsmultiplikators können jedoch verschiedene Fälle mit unterschiedlichen Wirkungen auf die Beschäftigung im Inland untersucht werden. So wird die Wirkung einer Nachfragesteigerung im Inland, sei es durch erhöhte Käufe des Auslandes oder durch einen inländischen Investitionsstoß, vorerst davon abhängen, ob im Inland Beschäftigungsreserven und freie Kapazitäten bestehen oder nicht. Ist dies der Fall, so kommt es zu der von der Theorie meist angenommenen realen Expansion von Einkommen und Beschäftigung im Inland, welche in weiterer Folge positive Beschäftigungswirkungen auch im Ausland auslöst. Trifft die Nachfrageerhöhung jedoch auf eine bereits vollbeschäftigte Wirtschaft oder überwiegend auf Sektoren, deren Produktionskapazität bereits voll ausgelastet ist und kurzfristig auch nicht erweitert werden kann, so kommt es im Inland primär zu Preiserhöhungen, d. h. nur zu einem monetären jedoch nicht auch zu einem realen Expansionsprozeß. Die im Inland erhöhte Nachfrage wird weitgehend unmittelbar real an das Ausland weitergereicht, die dennoch im Inland angestiegenen Geldeinkommen 6 F'. MachLup, International Trade and the National Income Multiplier (Philadelphia: The Blakeston Co., 1943, wiederabgedruckt by Augustus M. KeHey, Publisher 1965). -Miltiades Chacholiades, Foreign-Trade Multipliers, in: Charles P. Kindlebergei, International Economics, Homewood, 111., 5th ed. 1973, p. 501 - 509. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 142 Adolf Nussbaumer Versucht man, die Auswirkungen einer Änderung der Außenhandelsstruktur auf Produktion und Beschäftigung festzustellen, so beschränkt man sich deshalb meist auf Partialmodelle, nämlich auf die Untersuchung einzelner Warenströme. Deren unmittelbare Wirkung auf Produktion und Beschäftigung wird festgestellt, nicht jedoch die Verflechtung zwischen den einzelnen Sektoren der nationalen Volkswirtschaft; es kommt somit nicht zur Entwicklung oder Anwendung von nach Sektoren unterteilten gesamtwirtschaftlichen Wachstumsmodellen. Verglichen werden im allgemeinen lediglich die Unterschiede in der regionalen und der Warenstruktur des Außenhandels zwischen einem aufgrund der vergangenen Entwicklungen in die Zukunft extrapolierten Trend und der tatsächlichen Entwicklung, welche sich nach einer ZoHsenkung, Wechselkursänderung, Gewährung von Wirtschaftshilfe oder Abschluß eines Handelsvertrages ergeben hat. Diese Methode wurde etwa von einem Arbeitsteam der EFTA für Messungen der Integrationswirkungen in den 60er Jahren herangezogen 13 • Wir können hier von der Messung des unbereinigten Außenhandelseinflusses auf die inländische Beschäftigung sprechen. Sofern eine Änderung der volkswirtschaftlichen Wachstumsrate offensichtlich nicht ausschließlich auf Änderungen im Außenhandel zurückzuführen ist, müssen zusätzlich jedoch auch die Auswirkungen unterschiedlichen Wirtschaftswachstums auf die Gesamtnachfrage erfaßt werden, und die Einflüsse des nicht außenwirtschaftlich bedingten Wachstums auf Produktion und Beschäftigung müssen ausgeschieden werden. Hinsichtlich der Auswirkwlgen auf die Beschäftigung können wir dann zwischen einer binnenwirtschaftlichen Wachstumskomponente und einer außenwirtschaftlichen Komponente unterscheiden, wobei letztere das Ergebnis von Preisoder Zoll senkungen ist, (Zoll senkungsoder Preiskomponente) das Ergebnis einer Einkommenserhöhung im Ausland (ausländische Einkommenskomponente) und das Ergebnis sekundärer, durch die Auslandsnachfrage im Inland induzierter Wachstumsprozesse (auslandsinduzierte Wachstumskomponente). Die Trennung dieser einzelnen Einflüsse könnte allenfalls mittels einer shift und share-Analyse analog der Trennung der Strukturund Standortkomponente in der Regionalökonomie erfolgen, doch wird dies auch abgesehen von statistischen Problemen nicht leicht sein. Da die einzelnen Sektoren der Volkswirtschaft von einer Änderung der Außenhandelsverflechtung unterschiedlich betroffen werden, kommt es schließlich auch zu einer Änderung der Struktur der Beschäftigung und der Einkommensverteilung. Hierbei wären sowohl die Änderungen in der Einkommensverteilung zwischen Privaten wie die zwischen dem 13 European Free Trade Association: The Effects of Efta on the Economies of Member States, Genf 1969. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Untersuchung außen wirtschaftlicher Einflüsse auf Beschäftigung 143 privaten Sektor der Volkswirtschaft und der öffentlichen Hand sowie die Rückwirkungen auf die öffentlichen Ausgaben zu berücksichtigen, wenn die Wohlfahrtseffekte außenwirtschaftlicher Strukturänderungen gemessen werden sollen. Abgesehen von der statistischen Meßbarkeit der einzelnen Wirkungen dürften hier auch wohlfahrtstheoretische Überlegungen 14 exakte und im Sinne der Wertfreiheit objektive wissenschaftliche Aussagen unmöglich machen. Kehren wir deshalb zu den bisher angestellten Meßversuchen zurück: Die Veränderung der Importund Exportanteile einzelner Länder am gesamten Außenhandel einer Ländergruppe, zu welcher es infolge der Schaffung einer Zollunion kommt, wurde von R. L. Major 15 und A. Lamfalussy16 untersucht; gemessen wurden die Anteile der EWG und anderer Integrationsräume am gesamten Außenhandel der beobachteten Länder, wobei die Zunahme des Inner-EWG-Handels den Zollpräferenzen zugeschrieben wurde. Zwischen handelsschaffenden und handelsablenkenden Wirkungen wurde nicht unterschieden. Durch die Zollpräferenzen hätte sich die Wettbewerbsstärke der Produzenten in den einzelnen EG-Staaten gegenüber ausländischen Lieferanten erhöht und damit ihr Handel ausgeweitet. Eine ähnliche Studie wurde auch vom GATTSekretariat durchgeführt 17• Bezogen sich die bisher genannten Untersuchungen ausschließlich auf den Einfluß der Preiselastizitäten der Nachfrage auf regionale Handelsströme, so berücksichtigt eine Untersuchung von P. J. Verdoorn und F. J. M. Meyer zu Schlochtern auch die Angebotselastizitäten der einzelnen Länder 1B . Dies sollte ermöglichen festzustellen, ob es zu einer handelsschaffenden Wirkung gekommen ist; doch gelingt es auch mit der von ihnen erarbeiteten Formel nicht, den Einfluß von Konjunkturschwankungen und unterschiedlichen Wachstumsraten auszuschalten. Weiters verglich J. Waelbroeck die Außenhandelsmatrix der EG-Länder für 1958 mit der für 1962 19 , um auf diese Weise eine Änderung der HandeIsströme festzustellen. Dies setzt allerdings voraus, daß kein neuer 14 Kenneth J. Arrow, Social Choice and Individual Values, New York and London 1951; - erste Ausgabe. 15 R. L. Major: The Common Market: Produktion and Trade. National Institute Economic Review 1962. 16 A. Lamjalussy: Intra-European Trade .and the Competitive Position of the EEC. Manchester Statistical Society, Transactions 1963. 17 GATT: Report 1967, International Trade, 1966, Genf 1967. 18 P. J. Verdoorn and F. J. M. Meyer zu Schlochtern: Trade Creation and Trade Diversion in the Common Market. Integration Europeenne et Realite Economique, Brugge 1964, S. 96 ff. 19 J. Waetbroek: Le Commerce de la Communaute Europeenne avec les Pays Tiers Integration Europeenne et Realite Economique, Brugge 1964, S.14 0 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 iM Adolf Nussbaumer Handel geschaffen wurde. Diese Methode wurde von J. Tinbergen 20 sowie von P. Pöyhönen 21 und K. Pulliainen dadurch verbessert, daß sie versuchten, die Handelsströme unter der Annahme konstanter Handelshemmnisse in Form einer Handelsmatrix jedoch bei wachsendem Bruttonationalprodukt fortzuschreiben. Abweichungen zwischen der tatsächlich realisierten Handelsrnatrix und der fortgeschriebenen Matrix können dann als Konsequenzen der Integration interpretiert werden. Da von jedem Wachstum jedoch Änderungen der Außenhandelsstruktur ausgelöst werden, bleibt aber das Problem bestehen, welcher Teil der feststellbaren Änderung auf Handelsablenkung zurückgeführt werden kann. Weiters wurde versucht, die handelsschaffenden Wirkungen einer Integration isoliert durch Berechnung der Einkommenselastizitäten im Außenhandel zu messen 22 • Dies kann dann gelingen, wenn die Einkommenselastizitäten der Nachfrage nach ausländischen Gütern für die einzelnen Güter bzw. Gütergruppen ohne Integration konstant sind und sich auch die Nachf'ragestrukturen in den einzelnen Ländern in dem beobachteten Zeitabschnitt nicht geändert haben. Denn dann können Abweichungen in den Einkommenselastizitäten für die Nachfrage nach Gütern aus einzelnen Ländern als Folge veränderter Wettbewerbsverhältnisse interpretiert werden. Bessere Ergebnisse würde freilich die Verwendung eines vollständigen makroökonomischen Modells ermöglichen, mittels dessen Unterschiede zwischen den tatsächlichen und aufgrund vergangener Erfahrungen errechneten Handelsströmen ermittelt werden können, die dann als Ergebnis der handelspolitischen Maßnahmen angesehen werden können; mittels eines derartigen Modells versuchten Johnston und Henderson die Einflüsse einer speziellen Importabgabe auf den Außenhandel des Vereinigten Königreichs zu ermitteln 23 • Schließlich versuchte eine Expertengruppe der EFTA die Auswirkungen der Integration der westeuropäischen Industriestaaten in zwei Wirtschaftsblöcken, nämlich die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und die EE'TA, auf die Außenhandelsströme der beteiligten Länder im Zeitraum 1959 bis 1965 zu messen 24• Auch dieser Versuch geht im wesentlichen vom Vergleich tatsächlicher mit hypothetischen Trends 20 J. Tinbergen: Shaping the World Economy, New York 1962. 21 P. Pöyhönen: Towards a General Theory of International Trade and K. Puliainen: A World Trade Study: An Econometric Model of the Pattern of Commodity Trade Flows in International Trade, 1948 -1960, Ekonomisk Samf. Tidskrift 1963. 22 B. Balassa: Trade Creation and Trade Diversion in the European Common Market, Economic Journal Vol. 72 (1967). 23 J. Johnston and M. Henderson: Assessing the Effects of the Import Surcharge. The Manchester School, 1967. 24 EFTA: The Effects of Efta on the Economies of Member States. 19591965, Genf 1969. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Untersuchung außenwirtschaftlicher Einflüsse auf Beschäftigung 145 aus, wobei die sich bereits aus d€m Wirtschaftswachstum ergebende Zunahme des Außenhandels in den hypothetischen Trendwerten enthalten wäre. Auf die Verwendung eines allgemeinen Simulationsmodells, wie es von einigen Experten vorgeschlagen wurde, wurde hingegen sowohl wegen der unvermeidlichen Größe des Modells wie wegen nicht überwindbarer Datenschwierigkeiten, insbesondere auch hinsichtlich der für ein umfassendes makroökonomisches Simulationsmodell erforderlichen Produktionsstatistiken, verzichtet. Auch in rezenteren Untersuchungen finden sich keine grundsätzlich neuen theoretischen Ansätze, di€ eine wesentlich genauere Erfassung von Integrationseffekten erlauben würden. W. Prewo versuchte deren Messung mittels eines multinationalen Input-Output-Modells 25• M. Kreinin 26 versucht Integrationseffekte durch Vergleich mit der Entwicklung des Außenhandels dritter Länder festzustellen ; diese Methode ist ähnlich wie eine frühere Untersuchung V. Mastaliers 27 dem Vorwurf ausgesetzt, daß die herangezogene Vergleichsentwicklung nicht notwendigerweise einen "Normalverlauf" charakterisiert. Auch Querschnittsvergleiche können di:eses Problem nicht vollständig lösen 28• Wenngleich sehr aufwendig, dürften die besten Ergebnisse noch immer mittels kompletter Simulationsmodelle, die über einen stark detaillierten Außensektor verfügen, erzielt werden können 29• Wir haben bisher nur von Verfahren gesprochen, die entweder ausschließlich oder überwiegend zum Zweck entwickelt wurden, die Auswirkungen internationaler Nachfrageverschiebungen, insbesondere der Änderung von Preisrelationen, auf die Außenhandelsströme zu messen. Wir haben gesehen, daß dies bei Anwendung relativ einfacher Verfahren nur annäherungsweise und unter restriktiven Annahmen möglich ist. Dennoch ist die Messung der Handelseffekte nur ein erster Schritt auf dem Wege zur Messung der Beschäftigungswirkungen. Ein zweiter Schritt müßte in der Umlegung der Veränderungen im Außenhandel auf Veränderungen in der Produktion in den einzelnen Staaten bestehen, doch stößt man hier derzeit vielfach bereits auf das Hindernis 25 W. Prewo: Integration and Export Performance in the EEC. Weltwirtschaftliches Archiv Bd. 110 (1974). 26 M. Kreinin: Effects of the EEC on the Imports of Manufactures, The Economic Journal Vol. 82 (1972). 27 V. Mastalier: Die österreichische Industrieexporte und die europäische Integration. Monatsberichte des Osterreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung 1/1968. 28 N. D. Aitken: The Effects of the EEC and EFTA on European Trade. A Temporal Cross Seetion Analysis. American Economic Review, Vol. 63 (1973). 29 Siehe hierzu J. L. Waelbroek: The Models of Project Link, Amsterdam 1976. 10 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 100 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 146 Adolf Nussbaumer ungenügender oder zumindest mit der Außenhandelsstatistik nur schwer vergleichbarer produktionsstatistischer Unterlagen. Doch selbst wenn diese vorhanden sind, darf nicht ohne weiteres angenommen werden, daß eine Änderung der Produktion für das Ausland ohne Einfluß auf das für den Inlandsabsatz bestimmte Produktionsvolumen erfolgt. Crowding-out-Prozesse sind durchaus denkbar, bei denen entweder weniger attraktive ausländische Abnehmer verdrängt oder ohnehin als sicher angesehene Kunden im Ausland und im Inland vorübergehend auf Warteliste g.esetzt werden. Letzteres ist insbesondere bei Markenartikeln, die nur schwer substituiert werden können, nicht selten und kann eine durcl1 die Steigerung der Auslandsnachfrage induzierte Expansion der Produktion relativ lange verzögern. Auch werden die Produktionskapazitäten nur dann erhöht werden, wenn mit einer länger anhaltenden Absatzsteigerung gerechnet wird; vor allem Investitionsgüterindustrien werden durch verzögerte Anpassung an die gestiegene Nachfrage versuchen, unerwünschte Akzeleratorschwankungen in der Beschäftigung zu vermeiden. Schließlich kann nicht damit gerechnet werden, daß Produktionssteigerung und Beschäftigungsvermehrung fest korreliert sind. Wie die Erfahrung zeigt, sind wegen der Steigerung der Arbeitsproduktivität die Wachstumsraten der Produktion immer höher als die der Beschäftigung. Da die Realisierung technischen Fortschritts mit Erhöhungen des Ausstoßes nicht fest korreliert ist, und die Freisetzung von Arbeitskräften überdies im Zeitablauf nicht nur durch technische Faktoren bestimmt ist, muß vielmehr mit zeitlichen Schwankungen der gemessenen Arbeitsproduktivität gerechnet werden. Wenn überhaupt, so kann nur langfristig mit einer konstanten Entwicklung der Beziehung zwischen dem Produktionsvolumen einzelner Branchen und deren Arbeitskräfteeinsatz gerechnet werden, eine Beziehung, die bei Änderung der Produktionsstruktur einer Volkswirtschaft durch die Unterschiede in der Arbeitsintensität der einzelnen Wirtschaftszweige wieder überdeckt wird. Die Berechnung von Beschäftigungswirkungen struktureller Veränderungen des Außenhandels dürfte deshalb nur entweder bei sehr langfristiger oder bei sehr kurzfristiger Betrachtungsweise möglich sein. Bei sehr langfristigen Untersuchungen müssen auf jeden Fall explizit generelle Annahmen über die Änderung der nationalen Produktionsstruktur im Wirtschaftswachstum und über die Änderung des Arbeitseinsatzes in den einzelnen Wirtschaftszweigen gemacht werden. Ein derartiges langfristiges Entwicklungsmodell kann dann durch zusätzliche Annahmen über die Änderung der Außenhandelsstruktur, welchen meist in der Gegenwart zu beobachtende Trends zugrundeliegen werden, weiter modifiziert werden. Es wird sich jedoch immer mehr um theoretische ModellOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Untersuchung außenwirtschaftlicher Einflüsse auf Beschäftigung 147 projektionen als um realistische Vorhersagen der erwarteten Zukunft handeln. Sehr kurzfristige Modelle wieder haben den Vorteil, daß viele der hier genannten Schwierigkeiten nicht auftreten, weil der Beobachtungszeitraum zu kurz ist, als daß sekundäre Einflüsse auf die Beschäftigung über Änderungen des gesamtwirtschaftlichen Wachstums, die Veränderung der Produktionsstruktur und der Arbeitsproduktivität eintreten könnten. Die vielen Annahmen hinsichtlich konstanter Nebenbedingungen, welche auch allen erwähnten Maßverfahren zugrundeliegen, sind in ganz kurzen Zeiträumen noch. am ehesten erfüllt. Unmittelbare Beschäftigungswirkungen einzelner handelspolitischer Veränderungen, wie etwa des Übertritts Großbritanniens von der EFTA in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, werden noch am ehesten korrekt gemessen werden können. Hingegen dürfte die isolierte Messung der Beschäftigungswirkungen einer handelspolitischen Integration über einen 10-Jahreszeitraum infolge der Unmöglichkeit, andere Veränderungen auszuschalten, praktisch nicht möglich sein. Auch generelle Simulationsmodelle werden hier bestenfalls Aufschluß über die relative Bedeutung der Auswirkungen des Außenhandels im Vergleich zu anderen wirtschaftlichen Einflüssen auf eine Volkswirtschaft geben können. Wohlfahrtsökonomisch.e Überlegungen, in welche auch Änderungen der Einkommensverteilung eingehen müssen, werden auf noch größere Schwierigkeiten stoßen. Für Zwecke der praktischen Wirtschaftspolitik dürfte deshalb die branchenweise Erfassung der unmittelbaren Auswirkungen einer Änderung der Handelsströme auf die Beschäftigung weiterhin im Vordergrund stehen; diese kann ergänzt werden durch die Erfassung indirekter Besch.äftigungswirkungen im Inland, die aufgrund einer Matrix der interindustriellen Verflechtung der inländischen Wirtschaft, somit an Hand eines stationären Modells, errechnet werden. So begrüßenswert empirische Studien über die internationalen Wettbewerbsverhältnisse in einzelnen Industrien sind, und so treffend diese kurzfristig die Entwicklungschancen einzelner Industriezweige darstellen mögen, so dürfen dennoch nicht die möglichen Fehler übersehen werden, die für derartige Untersuchungen durch die Ausklammerung bzw. Annahme der Konstanz von Rahmendaten entstehen können. Deshalb und wegen des generellen Charakters des vorliegenden Artikels wird hier nur allgemein auf die Branchenuntersuchungen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, internationale Produktivitätsvergleiche, wie sie etwa vom Social Science Research Council und der Royal Economic Society in Auftrag gegeben wurden 3o , und empirische Untersuchungen 30 I. B. Kravis: A Survey of International Comparisons of Productivity. Survey of Applied Economics, Bd. 2, London 1977, S.240 ff. 10· OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 148 Adolf Nussbaumer der Wanderung von Arbeitskräften in Westeuropa 31 verwiesen. Im folgenden sollen daher nur einige Aussagen zur Änderung der Beschäftigungsstruktur nach Sektoren der Volkswirtschaft versucht werden. 4. Einige Ansätze zur Erfassung der Beschäftigungswirkungen außenwirtschaftlicher Strukturänderungen Spricht man von Struktur der außenwirtschaftlichen Verflechtung und stellt man hierbei vor allem auf die Struktur des Außenhandels ab, so dürfte unter Struktur vor allem der Anteil der einzelnen Sektoren der Volkswirtschaft am Außenhandel, oder der Anteil einzelner Produktgruppen am Außenhandel, oder der Anteil einzelner Handelspartneram gesamten Außenhandel zu verstehen sein. Die allgemeinste Unterscheidung ist hierbei die in die drei Wirtschaftssektoren Landwirtschaft und Urproduktion, Industrie und Gewerbe sowie den Dienstleistungssektor. Die Landund Forstwirtschaft sieht sich einem im Inland kaum ausdehnbaren Absatzmarkt gegenüber, da die Bevölkerung in den meisten Industriestaaten nur sehr langsam, wenn überhaupt wächst, die Nahrungsmittelaufnahme pro Kopf physiologisch beschränkt ist, und die bei fortschreitender Veredlung von Nahrungsmitteln erhöhte Wertschöpfung überwiegend dem gewerblich-industriellen Sektor zuzurechnen ist. Wiclttigster Fall einer innerlandwirtschaftlichen Veredlung wäre die Umwandlung pflanzlicher Rohstoffe in tierische Produkte. Auch die Absatzmöglichkeiten für landwirtschaftliche Erzeugnisse im Ausland sind beschränkt, vor allem mangels ausreichender Kaufkraft potentieller Importländer, wenn man von den großen Getreidekäufen der Sowjetunion in den letzten Jahren absieht. Da die Möglichkeiten zur Produktionsund Absatzsteigerung deshalb gering sind, führte der in der Landund Forstwirtschaft rasante technische Fortschritt in den letzten Jahrzehnten zu einer raschen Verminderung der in diesem Sektor Beschäftigten. Sogar in Ländern, welche traditionell als Exporteure auf den Weltagrarmärkten auftreten, wie in den USA, ist der Anteil der in der Landwirtschaft tätigen Bevölkerung an den gesamten Beschäftigten kontinuierlich zurückgegangen - er lag 1973 nur noch bei 4,1 (J/o -, ebenso wie der Anteil der landund forstwirtschaftlichen Wertschöp31 W. R. Böhning: The Migration of Workers in the United Kingdom and the European Community, London, etc. 1972; International Labour Office: Some Growing Employment Problems in Europe. Report H. Second Item on the Agenda: Manpower Aspects of Recent Economic Developments in Europe. Second European Regional Conference, Geneva, January 1974. R. Lohrmann, K. Manfrasse: Hrsg. Ausländerbeschäftigung und Internationale Politik. Schriften des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für auswärtige Politik, Bd. 35, München 1974. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Untersuchung außenwirtschaftlicher Einflüsse auf Beschäftigung 149 fung an der gesamten Wertschöpfung (4,4)32. Wie die Erfahrung zeigt, kann somit auch bei Export von Nahrungsmitteln zumindest in entwikkelten Industriestaaten von der Landwirtschaft kein nennenswerter Beitrag zur Verbesserung der Beschäftigungslage im wirtschaftlichen Wachstum erwartet werden. Lediglich bei längeranhaltenden konjunkturellen Rückschlägen stieg bisher der Anteil der landwirtschaftlichen Beschäftigung an der Gesamtbeschäftigung, da industrielle Arbeitskräfte abgebaut wurden, und mangels anderer Erwerbsmöglichkeiten Arbeitskräfte wieder in die Landwirtschaft zurückkehrten, um dort ihren Unterhalt zu suchen; führt dies zu keiner Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion, so wird man allerdings auch hier eher von versteckter Arbeitslosigkeit als von Vermehrung der produktiv Beschäftigten zu sprechen haben. Dennoch sollte vor allem ein Fall der Beschäftigungssicherung über direkten oder indirekten Export von Agrarerzeugnissen nicht unerwähnt bleiben. Da in den meisten westlichen Industriestaaten die landwirtschaftliche Produktion sei es aus Gründen der Erhaltung der ausreichenden Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln, sei es aus regionalpolitischen überlegungen oder wegen der Bedeutung der Landund Forstwirtschaft für andere Wirtschaftszweige wie etwa dem Fremdenverkehr, oder für die Erhaltung einer gesunden Umwelt geschützt ist, der Faktor Boden einer alternativen Verwendung vielfach nicht zugeführt werden kann und auch die Arbeitskräfte trotz eingeschränkter Erwerbsmöglichkeiten nur beschränkt zum Berufswechsel bereit sind, verfügt vor allem die Landwirtschaft meist über erhebliche Produktionsreserven. Trotz Abwanderung von Arbeitskräften werden potentielle Reserven durch technischen, biologischen, und chemischen Fortschritt weiter erhöht 33 . Einmal geschaffene Produktionskapazitäten können wegen der langen Lebensdauer des Kapitals ohne volkswirtschaftliche Verluste auch nicht wieder rasch abgebaut werden. In der Landwirtschaft dürften deshalb relativ häufig, so etwa in der Zuckerwirtschaft, die Grenzkosten der Produktion über den Bereich der im Inland absetzbaren Menge hinaus sinken; oder es kann langfristig infolge technischen Fortschritts bei Erhöhung des Produktionsvolumens mit besonders großen Produktivitätssteigerungen und mit raschem Sinken der Grenzkosten gerechnet werden. Es lohnt dann, die 32 Statistiscl1es Handbuch der Republik Österreich 1975, S.219, 522. 33 So stieg etwa in Österreich der Hektarertrag des Weizens von 24,0 Zentner pro Hektar in 1965 auf 35,1 Zentner pro Hektar 1975. (Zahlen '75 hrsg. Präsidentenkonf.erenz der Landwirtschaftskammern Österreichs, Wien 1976, S. 55). Die Milchleistung pro Kuh stieg von 3086,8 kg 1970 auf 3253,8 kg 1975. (errechnet aus ebenda S.66, bzw. S. 18), in Holland wurden sogar Durchschnittswerte von 4630 kg pro Kuh (1965) errechnet. (ZMB-Berichte: Agrarmärkte 1975, BRD, EMG und Weltmarkt, Tabelle 22, Bad Godesberg 1976). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 150 Adolf Nussbaumer Mehrproduktion zu exportieren, so lange trotz niedrigerer Exportpreise die Grenzkosten gedeckt sind. Die in der Landwirtschaft erzielbare Wertschöpfung und die Beschäftigung steigen hierdurch über jenes Maß hinaus an, welches bei ausschließlichem Verkauf im Inland oder zu gleichen Preisen im Inund Ausland möglich wäre 34• Das Preisniveau auf internationalen Agrarmärkten wird dann niedriger sein können als auf den inländischen Agrarmärkten der einzelnen Staaten. Eine derartige Beschäftigung und Wertschöpfung steigernde Angebotspolitik wird vor allem für jene landwirtschaftlichen Betriebe infrage kommen, deren Produktion zur Sicherung der Inlandsversorgung grundsätzlich aufrechterhalten werden soll. Ist es bereits riskant, generelle Hypothesen über die Auswirkungen des Außenhandels mit landwirtschaftlichen Produkten auf die Beschäftigung aufzustellen, so dürfte dies für den Außenhandel mit Erzeugnissen des industriell-gewerblichen Sektors angesichts der Vielzahl der in diesem Sektor hergestellten Produkte, der Produktionsfunktionen und der Marktsituationen nahezu ausgeschlossen sein. Immerhin könnte ein wichtiger Unterschied zur landwirtschaftlichen Produktion darin 34 Ein relativ aktueller Literaturuberblick über das Problem des sog. "marginal-cost-pricing" vor allem bei öffentlichen Gütern findet sich bei Anton Burghardt, Die Preisbildung bei öffentlicher Produktion und Infrastrukturleistungen unter Anwendung des Grenzkostenprinzips. Diss. Wien 1973. - Ähnlich liegen die Dinge, wenn die Fixkosten im Inland gedeckt werden, denn dann kann im Ausland zu Grenzkosten verkauft werden. Erläuterung der graphischen Darstellung: TDK Totale Durchschnittskosten GK Grenzkosten OQj Absatz im Inland QjQa Absatz im Ausland P 1---3oo,..---------~--------Pinl. 1---------"""'..:1-------""""'-- Paus1• GK ~O+-----------------~--------~a~-----a a OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15 Untersuchung außenwirtschaftlicher Einflüsse auf Beschäftigung 151 gesehen werden, daß die nationalen und die internationalen Märkte für gewerbliche und industrielle Erzeugnisse im allgemeinen aufnahmefähiger sind als für die Erzeugnisse der landwirtschaftlichen Urproduktion, und daß übeldies die Möglichkeit besteht, immer neue Produkte auf den Markt zu bringen und neue Käuferschichten anzusprechen. Hierin dürfte auch der wichtigste Grund zu sehen sein, wieso der industriell-gewerbliche Sektor ebenso wie später der Dienstleistungssektor in der Lage war, im letzten Jahrhundert laufend die von der Landwirtschaft der Industriestaaten freigesetzten Arbeitskräfte aufzunehmen. Seit dem Zeitalter des Kameralismus und späteren Merkantilismus war die Politik der wirtschaftlichen Entwicklung in den europäischen Industriestaaten immer darauf gerichtet, industrielle Arbeitsplätze mit möglichst hoher Wertschöpfung zu schaffen. Eigene Rohstoffe sollten im Land selbst veredelt werden, Rohstoffe und Halbfertigwaren möglichst eingeführt, industrielle Fertigwaren jedoch ausgeführt werden. Auch heute noch unterstützt die Zoll politik der meisten Industriestaaten diese Bestrebungen, wie die Tatsache zeigt, daß angesichts extrem niedriger Zölle auf eingeführte Rohstoffe und Halbfabrikate der effektive Zollschutz industrieller Fertigwaren meist erheblich höher ist als die nominellen Zollsätze35• In Ländern mit bedeutender Arbeitslosigkeit und relativ billigen Arbeitskräften wird es demnach zwar vorerst günstig sein, arbeitsintensive Industriezweige zu fördern, doch mit fortschreitender industrieller Entwicklung und bei grundsätzlich gesicherter Vollbeschäftigung werden arbeits extensive Produktionsmethoden und die Herstellung hochspezialisierter und forschungsintensiver Produkte an Bedeutung gewinnen. Einerseits wird deren Herstellung erst dann in größerem Umfang möglich, wenn genügend gut ausgebildete Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, andererseits können nur aus dem Verkaufserlös technisch hochentwickelter und spezialisierter Produkte die Einkommenserwartungen der in den westlichen Industriestaaten beschäftigten Menschen befriedigt werden. Angesichts des vielfach großen Exportanteils an der Produktion gerade dieser Erzeugnisse, zeichnen si.ch die Märkte für qualitativ hochwertige Industrieprodukte durch besonders starke internationale Konkurrenz und durch raschen technischen Fortschritt aus, welcher wiederum bewirkt, daß nur große und leistungsfähige Firmen eine Chance haben und bereits mittelgroße Unternehmungen vielfach gezwungen sind si,ch mittels langfristiger Kooperationsverträge zusammenzuschließen. Es wird deshalb meist zu dynamischem Wettbewerb auf oligopolistischen Märkten und vielfach zu Substitutionskonkurrenz mittels Produktinnovation kommen. 35 B. J. Cohen, The Use of Effective Tariffs, Journal of Political Economy 1971, S. 128 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44305-5 | Generated on 2023-01-16 12:56:15