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Über einige Beziehungen zwischen technischem Fortschritt, Außenhandel und Wachstum

Lorenz, Detlef

Abstract

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Lorenz, Detlef Article Über einige Beziehungen zwischen technischem Fortschritt, Außenhandel und Wachstum Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Lorenz, Detlef (1966) : Über einige Beziehungen zwischen technischem Fortschritt, Außenhandel und Wachstum, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 86, Iss. 3, pp. 257-272, https://doi.org/10.3790/schm.86.3.257 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291109 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Von den drei im Thema genannten Gebieten soll der technische Fortschritt im Mittelpunkt der Ausführungen stehen. Die Beziehungen zwischen den angesprochenen Bereichen werden keine empirische oder deskriptive Behandlung erfahren, vielmehr stehen die außenhandelsund wachstumstheoretischen Gesichtspunkte im Vordergrund. Auch dabei muß noch eines betont werden, nämlich die Beschränkung auf die neoklassische Version sowohl der Außenhandelswie auch der Wachstumstheorie1. Folgende Überlegungen sprechen dafür: 1. Beide Theorien haben einen gemeinsamen theoretischen Unterbau: Sie sind nicht nur neoklassischer Herkunft, sondern besitzen gewissermaßen das Strukturmerkmal Faktorangebot. Das Wachstum wird aus einer makroökonomischen Produktionsfunktion erklärt, in der die Faktoren Kapital und Arbeit mit einem Restfaktor verbunden sind. Der Außenhandel und seine Struktur werden aus der unterschiedlichen Ausstattung der Länder mit Produktionsfaktoren abgeleitet2. 2. Den genannten Theorien ist weiterhin gemeinsam, daß die ausdrückliche Berücksichtigung des technischen Fortschritts für sie seit * Antrittsvorlesung vor der Wirtschaftsund Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Freien Universität Berlin, gehalten am 2.2. 1966. Der Text wurde nur an einigen Stellen geringfügig abgeändert oder erweitert und durch Literaturhinweise ergänzt. 1 Von den verschiedenen Versionen der Außenhandelstheorie, die man als neoklassisch bezeichnen mag, soll in unserem Zusammenhang nur die Ohlinsdie Faktorproportionen-Theorie (bzw. das sog. Heckscher-Ohlin-Samuelson-ModeW) berücksichtigt werden, die in der internationalen Diskussion der letzten 20 Jahre im Vordergrund des Interesses gestanden hat. Haberlers Theorie als neoklassisch zu bezeichnen, halte ich für unzweckmäßig. Sie ist primär eine modernere Version der Ricardianischen Außenhandelstheorie. 2 Im Standardmodell der Außenhandelstheorie spielen auch nur zwei bzw. drei Faktoren eine Rolle: Kapital und Arbeit oder Kapital und Boden. 17 Schmollers Jahrbuch 86,3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.3.257 | Generated on 2023-04-04 11:38:53 258 Detlef Lorenz einiger Zeit besonders aktuell geworden ist3. Jedoch ist die Bedeutung dieses Tatbestandes für beide Theorien nicht die gleiche. Bei der neoklassischen Wachstumstheorie geht es um die Einbeziehung des technischen Fortschritts in die Produktionsfunktion, um damit deren Erklärungswert zu erhöhen. Für die Faktortheorie des Außenhandels geht es dagegen darum, ob sie durch Einbeziehung des technischen Fortschritts überhaupt erweitert werden kann. Sollte das nicht möglich sein, erhebt sich die Frage, inwieweit dann der technische Fortschritt als eigenständige Determinante des Außenhandels mit dem Erklärungsgehalt der Faktortheorie konkurriert. Den erwähnten neoklassischen Versionen könnte die Keynesianische Wachstumstheorie und die „modernisierte" klassische Theorie der komparativen Vorteile4 gegenübergestellt werden. Das Problem scheint mir hier aber nicht so exponiert, da diese Theorien dem technischen Fortschritt letztlich methodisch besser gerecht werden. II. Ich wende mich nun der Erörterung einer ersten Beziehung zu, derjenigen zwischen Außenhandel und Wachstum. Die Fragestellung lautet, inwieweit der Außenhandel bei der Erklärung der Wachstumsrate mit Hilfe der neoklassischen Produktionsfunktion berücksichtigt werden kann oder soll. Die Wachstumstheoretiker haben es nach einem Bonmot von Balassa vorgezogen, in einer Welt offener Volkswirtschaften geschlossene Wachstumsmodelle zu entwerfen5. Das stimmt nicht ganz für einige Variationen der Harrod-Domar-Theorie6, und glücklicherweise besitzt auch die neoklassische Theorie mit dem viel diskutierten, rätselhaften dritten Produktionsfaktor, dem Restfaktor der Produktionsfunktion, immerhin einen Anknüpfungspunkt. 3 Für die Wachstumstheorie vgl. z. B. Ott, Alfred E.: Produktionsfunktion, technischer Fortschritt und Wirtschaftswachstum. In: Einkommensverteilung und technischer Fortschritt. Schriften d. Vereins f. Socialpol. NF Bd. 17 (1959). Bombach, Gottfried: Artikel: Wirtschaftswachstum. In: HdSw. Bd. 12. Für die Außenhandelstheorie vgl. etwa Posner, Michael V.: International Trade and Technical Change. Oxford Economic Papers. Vol. 13 (1961); Kindleberger, Charles P.: Foreign Trade and the National Economy. New Häven/London 1962. Kap. 6; Johnson, Harry G.: Effects of Changes in Comparative Costs as Influenced by Technical Change. In: International Trade Theory in a Developing World. Ed. by Roy HarrodJDouglas Hague. London 1963. 4 Vgl. zur „modernen" Version der Ricardianischen Theorie Bhagwati, Jagdish: The Pure Theory of International Trade: A Survey. The Economic Journal. Vol. 74 (1964). S. 4r-3 insbes. 5 Balassa, Bela: Some Observations on Mr. Beckerman's „Export-Propelled" Growth Model. The Economic Journal. Vol. 73 (1963). S. 781. 6 Vgl. z.B. Abb, Fritz: Die Außenwirtschaft in der Modellanalyse des Ökonomisrhen Wachstums. Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft. 114. Bd. (1958). Keilter, Peter: Außenhandel und wirtschaftliches Wachstum. Diss. München 1959. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.3.257 | Generated on 2023-04-04 11:38:53 Beziehungen zwischen technischem Fortschritt, Außenhandel, Wachstum 259 Obwohl dieser Restfaktor meistens als technischer Fortschritt bezeichnet wird, ist es andererseits kein Geheimnis, daß es sich hier um einen sog. Omnibus-Faktor handelt, der neben dem technischen Fortschritt eine Reihe anderer heterogener Größen enthält. Bombach ist m. W. der einzige, der bei einer Aufzählung verschiedener Einflußgrößen den internationalen Handel nicht vergessen hat. Es bleibt aber bei einer flüchtigen Erwähnung7. Mehr Beachtung fand der Außenhandel bezeichnenderweise bei zwei „Praktikern44 der Wachstumsforschung, bei Beckerman und Maddison, ehemaligen Mitarbeitern der OECD in Paris. Beckerman nimmt ausdrücklich Bezug auf die Wachstumsmodelle vom Produktionsfunktions-Typ, wie er sie nennt8. Er wirft ihnen vor, daß sie wegen ihrer ausschließlichen Basierung auf binnenwirtschaftlichen Determinanten vor allem die unterschiedlichen Wachstumsraten zwischen Ländern ungefähr gleichen Entwicklungsstandes nicht erklären könnten. Die Diskussion um den Restfaktor der Produktionsfunktion spiegle diesen Mangel nur wider und ginge so lange am wesentlichen vorbei, wie nicht erkannt werde, welche bedeutsame Rolle die Exportentwicklung spiele. Ebenso wie Maddison 9 weist er auf die enge Korrelation zwischen Sozialprodukt-, Produktivitätsund Exportzuwachs hin. Die Unterschiede in den Wachstumsraten der westlichen Industrieländer nach 1945 ließen sich daraus weitgehend erklären. Diese Argumentation überzeugt jedoch nicht ganz. Insofern unterschiedliche Exportraten das Vorliegen von Handelsbilanzsalden einschließen, beruhen die unterschiedlichen Wachstumsraten letztlich auf der internationalen Zurverfügungstellung oder Inanspruchnahme von Kapazitätsoder Faktorpotential. Das wird ganz -deutlich, wenn die entsprechenden autonomen oder induzierten Salden der Kapitalbilanz nicht außer acht gelassen werden. Liegen aber Kapitalübertragungen vor, dann mögen die Wachstumsraten zwar von der Exportentwicklung beeinflußt werden, es ist jedoch zweifelhaft, ob der Außenhandel im Rahmen der Produktionsfunktion der neoklassischen Wachstumstheorie als eigenständige Determinante eingestuft werden kann. Da letztlich nur eine Aufteilung des Produktionsfaktors Kapital zwischen Inland und Ausland vorliegt10, bleibt dieser Produktionsfaktor die übergeordnete Determinante. Allerdings trifft dieser Einwand wie7 Bombach , Gottfried: Quantitative und monetäre Aspekte des Wirtschaftswachstums. In: Finanzund währungspolitische Bedingungen stetigen Wirtschaftswachstums. Schriften des Vereins für Socialpolitik. NF Bd. 15 (1959). S. 184. 8 Beckerman , Wilfrcd: Projecting Europe's Growth. The Economic Journal. Vol. 72 (1962). S. 918/919. 9 Maddison , Angus: Economic Growth in the West. New York/London 1964. S. 66/67 und 73/74. 10 Vgl. zu einem anderen Aspekt dieser Aufteilung des Produktionsfaktors Kapital S. 270 f. 17* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.3.257 | Generated on 2023-04-04 11:38:53 260 Detlef Lorenz derum nur zu, wenn vorausgesetzt wird, daß der gesamte Kapitalfonds voll und mit ungefähr gleichem Gewinn im Inland verwendet werden könnte. Die Frage nach dem eigenständigen Beitrag des Außenhandels läßt sich m. E. mit einer anderen Argumentation besser beantworten. Dazu müssen wir uns nur vergegenwärtigen, daß sich die Wirkungen des technischen Fortschritts und des Außenhandels analytisch in gleicher Weise niederschlagen. Der Produktivitätseffekt, das Resultat des kostens-enkenden technischen Fortschritts, besteht bekanntlich in der Verbesserung des Einsatzes der Produktionsfaktoren im Sinne einer Ertragssteigerung oder einer Einsparung von Faktoren bei gleichem Ertrag. Geometrisch ausgedrückt: Die Isoquanten verlagern sich gegen den Ursprung des Koordinaten-Kreuz.es. Genau den gleichen Produktivität&effekt bewirken aber die Umstellungsprozesse der Außenhandelsspezialisierung, die auch als organisatorischer Fortschritt begriffen werden können. Die Einschränkung der kostenungünstigen zugunsten der kostengünstigen Produktionen läßt die sog. Reallokationsgewinne der statischen Außenhandelstheorie entstehen. Außenhandelsgewinne aus der Spezialisierung fallen jedoch nicht nur einmalig an bei der Eröffnung des Außenhandels oder beispielsweise bei der Reintegration der Weltwirtschaft in der Nachkriegszeit oder im Falle der EWG. Da der Außenhandel integraler Bestandteil der internationalen Wachstumsprozesse und deren Strukturveränderungen ist, sind im System offener Volkswirtschaften die simultanen Spezialisierungsgewinne im Rahmen der laufenden Allokation der Produktionsmittel zu berücksichtigen. Auch Linder hat in seiner wachstumstheoretischen Erweiterung der traditionellen Analyse der Außenhandelsgewinne mit Recht diesen laufenden Spezialisierungsgewinnen Rechnung getragen11. Beide Spielarten des Außenhandelsgewinns bewirken also, daß sich die Wachstumsrate des Sozialprodukts einer geschlossenen von der einer offenen Volkswirtschaft in der Regel positiv unterscheidet. Die erörterten Thesen, daß der Außenhandel als Determinante der Wachstumsrate des Sozialprodukts eine Rolle spielt und somit der Restposten der Produktionsfunktion auch aus diesem Grunde nicht mehr mit dem technischen Fortschritt gleichgesetzt zu werden braucht, bedürfen aber einer nicht unwesentlichen Korrektur. Es muß nämlich dem Einwand Rechnung getragen werden, daß der Außenhandel und seine Entwicklung vom technischen Fortschritt nicht unabhängig ist. Speziell die Exportentwicklung wird in erheblichem Ausmaß von der unterschiedlichen Realisierung des technischen Fortschritts in den ein11 Linder. Steffan B.: An Essay on Trade and Transformation. Stockholm 1961. Kap. IT/B. Siehe audi Abb: a.a.O. S. 485 f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.3.257 | Generated on 2023-04-04 11:38:53 Beziehungen zwischen technischem Fortschritt, Außenhandel, Wachstum 261 zelnen Ländern beeinflußt. Das ist besonders dann der Fall, wenn der von Kindleberger so bezeichnete Typ des Abramovitz-Solow-Wachstums vorliegt, bei dem der technische Fortschritt eine entscheidende Rolle spielt im Gegensatz zum Harrod-Wachstumstyp, der durch eine allgemeine Nachfrageexpansion gekennzeichnet sei12. Wird der Außenhandel jedoch vom technischen Fortschritt bestimmt, dann ist selbstverständlich wenig damit gewonnen, ihn als Erklärungssubstitut gerade für den technischen Fortschritt in der Produktionsfunktion heranzuziehen. Dieser Einwand richtet sich sowohl gegen die erwähnte Argumentation von Beckerman wie auch gegen die Erklärung der Wachstumsraten aus einmaligen Reallokationsund laufenden Allokationsgewinnen. Um den reinen Beitrag des Außenhandels beurteilen zu können, müßte man erst einmal in der Lage sein, ihn eindeutig zu identifizieren. Dabei entstehen nun freilich durch ein weiteres Moment Schwierigkeiten. Der technische Fortschritt wird ja seinerseits wiederum vom internationalen Wettbewerb auf den Weltmärkten induziert. Wir haben es also mit einer gegenseitigen Abhängigkeit zwischen technischem Fortschritt und Außenhandel zu tun. Es liegt hier praktisch eine andere Version der bekannten wechselseitigen Interdependenz von Wettbewerb und Außenhandel&entwicklung vor. Das ändert freilich nichts daran, daß hinsichtlich der Determinanten-Eigenschaft des Außenhandels für die Wachstumsmodelle vom Produktionsfunktionstyp vorläufig noch ein ungelöstes Identifikationsproblem besteht. III. 1. In meinen weiteren Ausführungen sollen nun einige Beziehungen zwischen technischem Fortschritt und Außenhandel unter außenhandelstheoretischem Aspekt etwas näher betrachtet werden. Für eine speziellere Analyse halte ich zwei prinzipielle Tatbestände für wesentlich. Es darf erstens nicht übersehen werden, daß es zwei anerkannte Hauptarten des technischen Fortschritts gibt: Neue Güter und neue kostensenkende Produktionsverfahren (Produktionsfunktionen). Zweitens ist auch für den Außenhandel zu unterscheiden: a) zwischen einem Modell für den substitutiven Austausch identischer Güter, nämlich dem Standardmodell der klassischen und neoklassischen Außenhandelstheorie, und b) einem Modell für den komplementären Austausch zwischen Ländern mit nicht-identischen Güteroder Faktorverfügbarkeiten. 12 Kindleberger: a.a.O. S. 194. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.3.257 | Generated on 2023-04-04 11:38:53 262 Detlef Lorenz Hinsichtlich des technischen Fortschritts ist es nun so bestellt, daß zwar beide genannten Hauptarten in jeder einschlägigen Studie grundsätzliche Beachtung finden, in der Regel aber nur der kosten&enkende oder produktivitätsorientierte Fortschritt eingehend analysiert wird. Als typisch für diesen Tatbestand darf ich den Artikel „Technischer Fortschritt" von Ott im Handwörterbuch der Sozialwissenschaften anführen13. Der Fortschritt in Gestalt neuer Güter wird fast nur der Vollständigkeit halber zu Beginn kurz erörtert, im übrigen beherrscht die zweite Hauptform des technischen Fortschritts den Artikel. Daß dem so ist, läßt sich u. a. aus dem prinzipiellen methodischen Aufbau der herrschenden Wirtschaftstheorie erklären, insbesondere aus der klassischen und neoklassischen Tradition auf dem Gebiet der Produktionsund Preistheorie. Diese „Präferenz" der allgemeinen Theorie in bezug auf die Behandlung des technischen Fortschritts hat sich für die Außenhandelstheorie nicht gerade fruchtbar ausgewirkt. Das bedarf kaum der Erläuterung. Der Austausch neuer Güter im Wege des internationalen Handels dü>cte im Rahmen des gesamten Welthandelsvolumens nicht gerade marginal und zudem ständig im Wachsen begriffen s<ein14. Zu der erwähnten „Reduzierung" des technischen Fortschritts in der ökonomischen Theorie kommt noch hinzu, daß auch das beherrschende Substitutionsmodell der Außenhandelstheorie die volle Berücksichtigung des technischen Fortschritts keineswegs begünstigt hat, im Gegenteil. Wenn es in diesem Modell allein darum geht, die Vorteilhaftigkeit des Außenhandels aus der Angebotssubstitution zwischen den bereits in allen Ländern zugleich verfügbaren identischen Gütern zu erklären, und zwar lediglich auf Grund von relativen Kosten-, Preisoder Produktivitätsdifferenzen, dann bleibt für den Fortschritt in Gestalt neuer Güter kein Raum. Anders sieht die Situation im Komplementaritätsmodell aus. Dieses Modell tritt in der traditionellen Außenhandelstheorie eigentlich nur ex post als Ergebnis völliger substitutiver Spezialisierung in Erscheinung und spielt damit praktisch kaum eine Rolle. Es gewinnt freilich sehr an Bedeutung, wenn man es nicht als Grenzfall des Substitutionsmodells interpretiert und ihm z. B. durch Verwendung für den Fall des Außenhandels mit neuen Gütern einen erheblichen Realitätsbezug gibt. Im Komplementaritätsmodell steht nicht die Substitution des 13 Bd. 11, S. 302 f. Vgl. jedoch Walter , Helmut: Technischer Fortschritt und Faktorsubstitution. Jahrb. für Nationalökonomie und Statistik. Bd. 175 (1963). S. 112—114. 14 Direkte und eindeutige statistische Aussagen liegen bislang wegen Identifikationsschwierigkeiten nicht vor. Vgl. aber Maizels , Alfred: Industrial Growth and World Trade. Cambridge 1963. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.3.257 | Generated on 2023-04-04 11:38:53 Beziehungen zwischen technischem Fortschritt, Außenhandel, Wachstum 263 einheimischen Angebotspotentials durch günstigere ausländische Angebotsquellen zur Debatte, sondern der Austausch von Gütern, über die die Partnerländer jeweils überhaupt nicht oder noch nicht produktionsmäßig verfügen. Der Austausch hat ausgesprochenen Ergänznngscharakter und umfaßt nicht nur neue Güter. In seinen Bereich gehört ebenfalls ein nicht unerheblicher Teil des Welthandels mit sogenannten Primärgütern sowie der Austausch ausgeprägt qualitativ differenzierter Industrieproidukte, sofern diese nicht bereits Ausdruck des technischen Fortschritts sind15. Für die Beziehungen zwischen technischem Fortschritt und substitutivem Außenhandel läßt sich jedoch folgendes feststellen: Würde der technische Fortschritt als Produktionsfaktor begriffen werden, was allerdings seine Schwierigkeiten hat und schon von Samuelson als problematisch angesehen wurde16, dann hätten wir nicht nur in der Wachstumstheorie einen neuen Produktionsfaktor. Daraus folgt aber keineswegs eine Erweiterung der Faktorproportionentheorie. Analytisch gesehen kann sich der technische Fortschritt gewissermaßen nur absolut oder indirekt, nicht aber relativ in einem spezifischen Substitutionsverhältnis zu den anderen Produktionsfaktoren auf die Außenhandelsstruktur auswirken. Abgesehen davon hat der Fortschritt in Gestalt neuer Güter, wie erwähnt, keinen Platz im Substitutionsmodell der Faktortheorie. ¡Es scheint demnach richtiger, diese Art des technischen Fortschritts als eine unter mehreren Determinanten des Außenhandels anzusehen, also etwa neben den traditionellen Faktorproportionen, den Transportkosten, der Massenproduktion, der Marktstrategie des Qualitätswettbewerbs und der Ausstattung mit speziellen Bodenprodukten. Diese Auffassung steht im Einklang mit einer neueren Äußerung Ohlins, wonach eben nicht ein Modell oder eine Determinante den Außenhandel in toto erklären könne17. 2. Selbst im Rahmen dieser kurzen Ausführungen würden die Beziehungen zwischen technischem Fortschritt und Außenhandel jedoch unvollständig erfaßt werden ohne Einbeziehung der typischen Kombination von substitutivem Außenhandelsmodell und produktivitätsorientiertem technischen Fortschritt. 10 Die Bedeutung des Komplement'araustauschs wird auch betont bei Eulenburg, Franz: Außenhandel und Außenhandelspolitik. G. d. S. VIII Abt., Tübingen 1929. S. 284 sowie bei Kravis, Irving B.: Availability and other Influences on the Commodity Composition of Trade. Journal of Political Economy. Vol. 64 (1956). S. 154 ff. 16 Samuelson, Paul A.: International Trade and the Equalisation of Factor Prices The Economic Journal. Vol. 58 (1948). S. 181/182. Vgl. jedodi Düesberg, Peter: Determinanten der internationalen Güterströme. Berlin 1965. S. 26. 17 Diskussionsbeitrag von Ohlin, Bertil. In: International Trade Theory in a Developing World. Ed. by Roy Harrod!Douglas Hague. London 1963, S. 398 f. und 420 f OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.3.257 | Generated on 2023-04-04 11:38:53 264 Detlef Lorenz Hier ist nun zunächst an die entscheidende Voraussetzung der Faktortheorie zu erinnern, die auch dem sog. Hedtscher-Ohlin-Modell zugrunde liegt: nämlich die Annahme identischer Produktionsfunktionen für die Herstellung der jeweiligen Güter in allen Ländern. Diese Voraussetzung ist deswegen so entscheidend, weil ohne sie die unterschiedliche relative Faktorausstattung der Länder für die Bestimmung der Außenhandelsstruktur keinen Erklärungswert mehr besitzt. Kann ein Gut beispielsweise im Land A mit gleichen Kosten kapitalintensiv und im Land B arbeitsintensiv hergestellt werden, dann ist offenbar der Faktortheorie der Boden entzogen. Die Annahme identischer Produktionsfunktionen allein genügt jedoch nicht. Hinzukommen muß eine Aussage über den Typ der Funktionen. Streng genommen gilt die obige Behauptung nur dann, wenn Leontief-Funktionen zugrunde gelegt werden, die fixe Prodoiktionskoeffizienten besitzen, d. h. deren Substitutionselastizität in bezug auf die Faktorsubstitution gleich Null ist. Üblicherweise wird jedoch im Heckscher-Ohlin-Modell mit Produktionsfunktionen gearbeitet, deren Substitutionselastizität größer als Null ist, meistens ist der Substitutionsbereich sogar erheblich (dieser Unterschied kommt sehr plastisch in der geläufigen Isoquantendarstellung der Funktionstypen zum Ausdruck). Je größer aber der Substitutionsbereich ist und je unterschiedlicher vor allem die Substitutionselastizitäten der Produktionsfunktionen (die Krümmung der Isoquanten) für verschiedene Güter (Industrien) sind, um so eher kann es zu der vieldiskutierten Faktorumkehr kommen — oder was das gleiche besagt — um so unbestimmter ist die Faktorintensität der Güter. Diese Möglichkeit besagt also, daß selbst unter der Voraussetzung identischer Produktionsfunktionen der Erklärungswert der Faktortheorie sehr gering werden kann, weil die Faktorintensität unbestimmt bleibt bzw. in Abhängigkeit von der Veränderung des Faktorpreisverhältnisses wechselt. Auch die in jüngster Zeit entwickelte sog. CES-Funktion beseitigt dieses Dilemma der Faktortheorie nicht, weil sie theoretisch alle Werte der Substitutionselastizität zwischen 0 und 1 aufweisen kann und überdies im Unterschied z. B. zur Cobb-Douglas-Funktion unterschiedliche Elastizitätswerte für verschiedene Güter (Industrien) zuläßt. Die CES-Funktion ist in der Außenhandelstheorie gerade für den, bisher allerdings nicht genügend gesicherten, Nachweis verwendet worden, daß auch bei gleichen Produktionsfunktionen eine Faktorumkehr durchaus möglich und empirisch nicht unwahrscheinlich ist18. Zum gesamten Komplex vgl. Michaely, Michael: Factor Proportions in International Trade: Current State of the Theory. Kyklos. Vol. 17 (1964). S. 533—544; Bhagwati: a.a.O. S. 18 ff.; Bardhan, Pranas: International Differences in Production OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.3.257 | Generated on 2023-04-04 11:38:53 Beziehungen zwischen technischem Fortschritt, Außenhandel, Wachstum 271 Auslandsinvestitionen bzw. Kapitalexporte können u. a. drei teilweise miteinander verbundene Zielsetzungen oder Wirkungen haben. Ihnen ist gemeinsam, daß sie in einer Welt schneller wirtschaftlicher Entwicklung, erheblichen technischen Fortschritts und scharfen internationalen Wettbewerbs recht kritisch beurteilt werden müssen. Es handelt sich um folgendes: Erstens können Kapitalexporte zur Erlangung der Stellung eines sogenannten reifen Gläubigerlandes beitragen, das mit seinen Kapitalerträgen eine passive Handelsbilanz finanziert. Zweitens kann eine gegebene Exportstruktur durch Kapitalexporte intensiviert, aber nicht der Entwicklung des Welthandels angepaßt werden. Und drittens mag schließlich mit Kapitalexporten in Gestalt der Kapitalhilfe Protektionismus oder eine geringe Transformationselastizität erkauft werden30. Insbesondere die beiden letzten Gesichtspunkte hängen eng miteinander zusammen. Der Einsatz von Kapitalexporten als Mittel zur Finanzierung des Absatzes beispielsweise von Eisenbahnmaterial im 19. Jahrhundert oder von anderen Investitionsgütern im 20. Jahrhundert läßt oft die langfristigen Rückwirkungen solcher internationalen Finanzierung außer acht. Dabei scheint mir in der Regel vor allem übersehen zu werden, daß die Absatzfinanzierung zur Ausschöpfung eines gegebenen Exportpotentials nicht überzogen, sondern durch die Notwendigkeit der Transformation&finamzierung kontrolliert werden sollte. Da sich »Entwicklungsprozesse im Zeitverlauf vollziehen, geht es darum, die Absatzfinanzierung nach und nach in richtiger Zuordnung zu den Entwicklungsphasen eines Marktes durch die Umstellungsfinanzierun« einzuschränken. Gelingt das nicht oder wird es nicht gewollt, nimmt der Kapitalexport den Charakter von „Defensivinvestitionen" (Larafalussy) an. Auf Grund dieser, hier nur angedeuteten, Überlegungen möchte ich die These vertreten, daß der Zuwachs an Kapitalexport gerade insoweit überhöht sein kann, wie die obengenannten Wirkungen auftreten oder angestrebt werden. Soll die internationale Wettbewerbsposition eines Landes stark sein und sollen die dynamischen Außenhandelsgewinne groß sein, dann müssen so viele neue gewinnbringende komparative Entwicklungsvorteile hinzugewonnen werden und so viele ehemalige, in ihrer Ertragskraft gesunkene Vorteile abgeschrieben werden, wie irgend möglich. Beides stellt nicht zuletzt hohe Anforderungen an das Finanzierungspotential. Ein Weniger an Kapitalexporten zugunsten der Finanzierung der Dynamik des volkswirtschaftlichen Kapitalumschlags muß sich nicht nur vom Standpunkt der nationalen Wachstumspolitik ren30 Siehe Lorenz, Detlef: Entwicklungshilfe und Konjunkturstabilisierung. In: Konjunkturelle Stabilität als wirtschaftspolitische Aufgabe. Hrsg. von Gerhard Zeitel und Jürgen Pahlke. Tübingen 1961. S. 145 u. 153 f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.3.257 | Generated on 2023-04-04 11:38:53 272 Detlef Lorenz deren, sondern ebenfalls unter dem Blickwinkel der Außenhandelspolitik und einer befriedigenden Entwicklung des gesamten Welthandels auf Gegenseitigkeit. Es braucht dann keinen Konflikt zwischen Wachstumsund Außenhandelspolitik aus diesem Grunde zu geben. Mit „goldenen Regeln" für ein „goldenes Zeitalter" wird sich das Problem kaum lösen lassen. Vielleicht aber durch mehr Einsichten in die Dynamik der weltwirtschaftlichen Entwicklung und deren enger Verbundenheit mit volkswirtschaftlichen Wachstumsprozessen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.3.257 | Generated on 2023-04-04 11:38:53