Die Rolle des Goldes im Weltwährungssystem. Zum Bericht der Exekutivdirektoren des Internationalen Währungsfonds über die Reform des Weltwährungssystems
Abstract
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Full text
Bosch, Jürgen Article Die Rolle des Goldes im Weltwährungssystem. Zum Bericht der Exekutivdirektoren des Internationalen Währungsfonds über die Reform des Weltwährungssystems Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Bosch, Jürgen (1972) : Die Rolle des Goldes im Weltwährungssystem. Zum Bericht der Exekutivdirektoren des Internationalen Währungsfonds über die Reform des Weltwährungssystems, Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik, ISSN 0342-1783, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 92, Iss. 6, pp. 675-696, https://doi.org/10.3790/schm.92.6.675 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291293 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Die Rolle des Goldes im Weltwährungssystem Zum Bericht der Exekutivdirektoren des Internationalen Währungsfonds über die Reform des Weltwährungssystems Von Jürgen Bosch, Berlin I. Einleitung 1. Zwischen Beharrung und Wandel Dem Gouverneursrat des IWF wurde am 18. August 1972, ein Jahr und drei Tage nach der Verkündigung der Neuen Wirtschaftspolitik durch Nixon, ein Bericht der Exekutivdirektoren über die Reform des Weltwährungswesens übermittelt1. Einer der Hauptpunkte der Neuen Wirtschaftspolitik von 1971 war die Aufhebung der von den USA übernommenen Verpflichtung, Gold nach Artikel IV der IWF-Satzung gegen US-Dollar abzugeben. Genauer: Gold gegen US-Dollar an Währungsbehörden abzugeben; der Anund Verkauf von Gold durch Währungsbehörden am Markt ist nämlich schon seit dem 17. März 1968 eingestellt. Noch genauer wäre: Mit der Verkündigung der Neuen Wirtschaftspolitik haben die USA de jure ihre Weigerung erklärt, etwas zu tun, was sie schon lange vorher und spätestens seit dem 17. März 1968, dem Stichtag der Goldmarktspaltung, de facto nur noch widerwillig und selten getan haben: Gold überhaupt noch aus ihren Währungsreserven abzugeben und damit Währungsbehörden tatsächlich anders als den Markt zu behandeln. Bei den über ein Jahrzehnt andauernden Versuchen der USA, einen seit seiner willkürlichen Festsetzung im Jahre 1934 unverändert belassenen Preis für Gold zu verteidigen und gleichzeitig einen Mindestbesitzstand an Gold in ihren Währungsreserven festzuhalten, scheint in der großen Währungskrise des Jahres 1971 den für ihre Währungspolitik Verantwortlichen kein Weg gangbar erschienen zu sein, der weniger hart und weniger bloßstellend gewirkt hätte als der gewählte Weg der Neuen Wirtschaftspolitik. Dieser ist deshalb nicht nur eine Demonstration der Stärke, sondern auch einer Verlegenheit um Lösungen in 1 International Monetary Fund (Hrsg.): Reform of the International Monetary System. A Report by the Executive Directors to the Board of Governors. Washington, D. C. 1972. 43* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.6.675 | Generated on 2023-04-04 11:47:08
676 Jürgen Bosch einer Lage, die durch Festhalten an Eingabegrößen herbeigeführt worden ist und die vielleicht auch nicht zu ändern ist, bevor eine oder mehrere dieser Eingabegrößen geopfert werden, z. B. der Preis für den US-Dollar, ausgedrückt in Gold. Im Rahmen der Smithsonian-Vereinbarungen vom 18. Dezember 1971 (Nixon: „großartige Errungenschaft der modernen Geschichte"2) wurde dieser Preis zwar geändert, er wurde erhöht, allerdings nur sozusagen symbolisch um einen im Verhältnis zur Preissteigerung anderer Güter in den letzten drei bis vier Jahrzehnten kleinen Betrag, nämlich drei Dollar. So bleibt verständlich, daß die USA auch ein Jahr nach der Verkündigung der Neuen Wirtschaftspolitik immer noch nicht bereit sind, die Aussetzung ihrer Verpflichtung wieder aufzuheben, Gold gegen US-Dollar abzugeben. Hat sich hieran nichts geändert, so doch bei der Preisentwicklung am Goldmarkt. Noch vor der Übermittlung des Berichts der Exekutivdirektoren des IWF, Anfang August 1972, hatte der Goldpreis im Goldhandel erstmals für kurze Zeit 70 Dollar je Feinunze überschritten, das Doppelte des im Währungsbereich bis Ende 1971 festgehaltenen Goldpreises von 35 Dollar. Daß ein verhältnismäßig hoher Goldpreis des Goldhandels zu neuen Überlegungen in den verschiedensten Zusammenhängen Anlaß gibt, liegt auf der Hand. So ist die Bereitschaft der Währungsbehörden, Gold aus Währungsreserven angesichts eines erheblich über dem Preis für Währungsgold liegenden Goldpreises des Goldhandels zum vertraglichen Preis von 38 US-Dollar je Feinunze abzugeben, ebenso berührt wie etwa der Stellenwert von Argumenten gegen eine Anhebung des Preises von Währungsgold, nach denen es nicht wünschenswert sei, gewissen Gold ausführenden Ländern (Südafrika, Sowjetunion) durch eine Verdoppelung des Preises für Währungsgold von 1934 Vorteile zufließen zu lassen. 2. Zwischen Zersplitterung und Einung Die Zerreißprobe für den gespaltenen Goldmarkt, der Kampf um die Rolle des Goldes im Weltwährungswesen, steht unter weiter steigender Spannung nicht nur wegen des Auseinanderklaffens der Goldpreise im Währungsbereich und am Markt, sondern auch wegen großer weltpolitischer Entwicklungserscheinungen. Die seit dem Wiedererstarken der westeuropäischen Volkswirtschaften aufgekommenen Gefahren eines Zerfallens des weltwirtschaftlichen Zusammenhangs der westlichen Welt würden besonders drohend werden angesichts eines Alleinganges europäischer Staaten in der Frage der Erhöhung des Goldprei2 Schweitzer will dem Druck der USA nicht nachgeben. Handelsblatt (26.9. 1972), S. 13. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.6.675 | Generated on 2023-04-04 11:47:08
Die Rolle des Goldes im Weltwährungssystem 677 ses. Die Folgen einer weiteren Aufspaltung der westlichen Welt in Währungsund Wirtschaftsblöcke sind unübersehbar. Was für Europa auf der einen Seite der USA gilt, trifft auf Japan auf der anderen Seite zu. Die Entwicklung eines neuen Verhältnisses zwischen China und Japan könnte einer Blockbildung in diesem Raum Vorschub leisten. Wie Frankreich und Italien in Europa, könnte Japan in Ostasien als Befürworter einer Politik auftreten, die dem Gold eine größere Bedeutung als bisher für die Währungsbeziehungen zwischen den Staaten zuschreibt. Hüben wie drüben fehlt es nicht an deutlichen Anzeichen dafür. Stehen so einerseits Zeichen auf Teilung, so ist gleichzeitig die Entwicklung der weltpolitischen Gesamtlage reif wie lange zuvor nicht mehr für eine wahre weltweite Zusammenarbeit. Die Ost-West-Annäherung könnte zu einer Entwicklung von Wirtschaftsbeziehungen wachsenden Ausmaßes zwischen den beiden Hauptblöcken, in die die Welt heute noch geteilt ist, führen und damit einen Beitrag zu einer Überwindung dieser Teilung und zur Schaffung eines wirklich weltweiten Wirtschaftslebens leisten. Gerade dabei könnte das Gold im Währungswesen im zwischenstaatlichen Bereich eine hervorragende Rolle spielen. Zunehmende Wirtschaftsbeziehungen zwischen Ost und West bedeuten zwangsläufig auch ein Eingehen auf gewisse Grundvoraussetzungen kommunistisch-marxistischer Planwirtschaften. Diese aber gründen ihre Ansichten über die Bedeutung des Goldes auf die marxistische Lehre vom Weltgeld, als das das Gold gilt3. Begünstigt wird die ideologisch begründete Grundeinstellung durch die Erfordernisse der Planwirtschaften einerseits und das Goldaufkommen, über das die Sowjetunion verfügt, anderseits. Während aufgrund der Goldfrage unsere Zeit also einerseits eine immer größere Zersplitterung in Wirtschaftsblöcke stattfinden könnte, bietet eben diesselbe Gold eine Grundlage für ein Zusammenfinden der Welt über gegenwärtige Spaltungen hinweg zu einer umfassenden Einheit im Wirtschaftsleben. Es wird an der Einsicht von vielleicht wenigen Menschen liegen, welche Wendung die Geschicke der Welt nehmen werden. II. Der Bericht 1. Überblick In dieser Lage wurde von vielen Beobachtern der Entwicklung der Bericht der Exekutivdirektoren des höchsten Währungsgremiums der westlichen Welt über die Reform des Weltwährungswesens und besonders über die Rolle des Goldes mit Spannung erwartet. Der Rolle des 3 Vgl. Karl Marx u. Friedrich Engels: Werke. Bd. 23. Berlin (Ost) 1952. S. 157 f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.6.675 | Generated on 2023-04-04 11:47:08
678 Jürgen Bosch Goldes im gegenwärtigen Weltwährungswesen sind im Bericht zusammenhängend zweieinhalb Seiten gewidmet4. Sie stehen im Rahmen einer Betrachtung über die Hauptmedien internationaler Liquidität. Der Bericht beginnt mit der schlichten Feststellung, daß das Gold im gegenwärtigen Weltwährungswesen zwei Hauptaufgaben erfülle: Es diene als Recheneinheit und als Wertaufbewahrungsmittel. Zu diesen beiden Hauptaufgaben, denen jeweils etwa ein Fünftel der Ausführungen gewidmet ist, werden Feststellungen getroffen und Änderungsvorschläge aufgeführt, auf die zum Teil in Überlegungen näher eingegangen wird. Drei Fünftel des Berichts zur Rolle des Goldes sind allein der Frage der Erhöhung des Goldpreises für Währungszwecke gewidmet. 2. Die Hauptaufgaben des Goldes a) Gold als Recheneinheit Im Bericht wird festgestellt, daß Gold in mehrfacher Hinsicht als Recheneinheit im Weltwährungswesen diene: In Gold würden Paritäten, Sonderziehungsrechte (SZR) und Währungsbestände des IWF festgelegt und ausgedrückt. Überdies würden die Marktwerte von Währungen im Zusammenhang mit verschiedenen Fonds-Operationen in Gold ausgedrückt. Es werden dann drei Änderungsvorschläge aufgeführt. Nach dem ersten Vorschlag sollen hinsichtlich der Paritäten SZR an Stelle des Goldes als Recheneinheit herangezogen werden. Dazu wird näher ausgeführt, daß die zukünftige Rolle der SZR von Bedeutung für die Entscheidung dieser Frage sei. De facto seien die Paritäten jetzt schon durch die festgeschriebene Definition einer SZREinheit durch ein Goldgewicht (0,888671 g) ebenso fest an die SZR wie an das Gold gebunden. Jede Änderung des Goldpreises, ausgedrückt in Währungseinheiten, würde demnach eine entsprechende Änderung der SZR, ausgedrückt in Währungseinheiten, bedeuten. Die erstrebte Änderung würde also höchstens eine Änderung in der Präsentation bewirken. Gründe für den Änderungsvorschlag werden nicht aufgeführt. Es wird darauf hingewiesen, daß für die erwähnte Änderung eine Satzungsänderung des IWF erforderlich sei. Hinweise auf Urheber des Änderungsvorschlages fehlen. Der zweite Änderungsvorschlag zielt auf die Lösung der SZR von der jetzigen Goldbestimmung. Hierbei ist wohl nach der Formulierung des Berichts eher an eine Änderung der Golddefinition der SZR gedacht als an eine völlige Lö4 IWF (Hrsg.): Reform, a.a.O., S. 34 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.6.675 | Generated on 2023-04-04 11:47:08
Die Rolle des Goldes im Weltwährungssystem 679 sung der SZR vom Gold. Gründe, welche für den Änderungsvorschlag sprechen, werden nicht genannt. Dagegen wird angeführt, daß eine „solche" Lösung („some loosening") bedenklich sein könnte, weil damit ein neues Element von Unsicherheit in das Verhältnis zwischen verschiedenen Arten von Reservemedien hineingetragen würde. Eine Satzungsänderung sei wie beim ersten Vorschlag erforderlich. Hinweise auf die Verfechter eines solchen Vorschlages fehlen. Hierzu sei in zweifacher Hinsicht Stellung genommen. Zunächst sei auf eine Nebenwirkung der Festschreibung der SZR in Gold bei Paritätsänderungen der Leitwährung hingewiesen. So ergab sich durch die Festschreibung des Goldgewichtsäquivalents einer SZR-Einheit bei der Dollarabwertung im Rahmen der Smithsonian-Vereinbarungen eine Anhebung der SZR-Bestände ausgedrückt in US-Dollar (oder anderer Währungen, soweit deren Verhältnis zum US-Dollar unberührt blieb). Es sei dann noch die Einheit der Goldfunktionen betont. So ist zunächst zur Lösung der Bindung der SZR an das Gold zu sagen, daß tatsächlich Recheneinheiten, wenn sie für sich betrachtet werden, grundsätzlich jeden willkürlichen Wert annehmen könnten. Demnach wäre es also gleichgültig, statt der willkürlichen 0,888671 g Gold je SZREinheit diese völlig vom Gold zu lösen und ex nihilo ein anderes Umrechnungsverhältnis zu bestimmen. Dieses Vorgehen ist nur wenig zweckmäßig, läßt es doch jede Verbindung zur Wirklichkeit vermissen. Ebenso wie es möglich wäre, unsere Entfernungen in anderen Maßeinheiten auszudrücken als den gewohnten, wäre es doch abwegig, dies ohne zwingenden Grund zu tun. Entfernungen etwa in Fuchsschwanzlängen ausdrücken zu wollen, könnte nur Heiterkeit erwecken. Statt das Kind mit dem Bade auszuschütten und, weil die 0,888671 gRelation nicht mehr mit der Marktwirklichkeit übereinstimmt, ganz auf einen Ausdruck in Gold zu verzichten, wäre es angezeigt, einen marktnäheren Wert zu bestimmen. Zumindest wäre dies nicht weniger willkürlich als der gegenwärtige Wert oder andere vorzuschlagende Werte. Die Lösung unter Annäherung an den Marktwert hätte aber den entscheidenden Vorteil, dem Auseinanderfallen der einzelnen Goldfunktionen entgegenzuwirken und so deutlich zu machen, daß eben die Funktion als Recheneinheit nicht für sich betrachtet werden darf, sondern im Zusammenhang mit allen anderen Goldfunktionen gesehen werden muß. Eine Abspaltung von einzelnen Funktionen, wie sie etwa Machlup im Auge zu haben scheint, wenn er für die Fortdauer der Funktion des Goldes als Recheneinheit plädiert, aber gegen die Beibehaltung der Funktion des Goldes als Währungsreserve ist5, oder etwa Aschin5 Fritz Machlup: Was heißt Entthronung des Goldes? FAZ (20. 7. 1968), S. 17. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.6.675 | Generated on 2023-04-04 11:47:08
680 Jürgen Bosch ger, der gerade das umgekehrte Verfahren befürwortet6, kann nur der Stellung des Goldes insgesamt abträglich sein und ihm seine Aufgaben im Weltwährungswesen erschweren. Ein völlig anderer Lösungsansatz kommt zu diesem Punkt neben anderen von Spreen, von dem ein weit ausgearbeiteter Vorschlag zu einem System kontinuierlicher Goldpreisänderungen vorliegt7. Spreen hat damit eine bedeutende Alternative zur währungspolitischen Diskussion entwickelt. Er baut sie auf dem von den meisten Währungstheoretikern akzeptierten Vorschlag auf, den Wechselkursmechanismus verstärkt wirksam werden zu lassen. Auch in der marxistischen Lehre vom Weltgeld wird die Einheit der Goldfunktionen betont8. Als dritter Änderungsvorschlag wird im Bericht schließlich aufgeführt, daß an Stelle der Goldparität des US-Dollars ein Mischwert aus mehreren Währungen für die Umrechnung der Marktwerte einzelner Währungen in Gold benutzt werden soll. Nähere Ausführungen hierzu fehlen. An dieser Stelle soll nur auf die Fragwürdigkeit des Umweges über die US-Dollar-Goldparität aufmerksam gemacht werden. Die merkwürdige Wirkung des Umweges bei der Umrechnung der Währungen über die Goldparität des US-Dollars kommt am deutlichsten bei der Bewertung der Goldbestände von Währungsbehörden außerhalb der USA zum Ausdruck. Angesichts von ausschließlich auf Erhöhung des Preises für Währungsgold stehenden Zeichen bewirkt eine Aufwertung einer Nicht-Dollar-Währung, daß die Goldbestände des aufwertenden Landes mit einem niedrigeren Wert in der Währung dieses Landes in Ansatz gebracht werden müssen. Die Goldbestände bleiben dem Gewicht nach vor und nach der Aufwertung gleich. Demnach auch ihr in US-Dollar ausgedrückter Wert. Dem Dollarwert entspricht aber nach der Aufwertung ein niedrigerer Wert in der aufgewerteten Währung als vor der Aufwertung. In dieser Währung wurde also der Preis des Goldes in den Währungsreserven gesenkt. Wäre die Nicht-DollarWährung nicht aufgewertet worden, sondern der US-Dollar gegenüber dem Gold abgewertet, dann wäre umgekehrt das Gold in den Währungsreserven des Nicht-Dollar-Landes in dessen Währung mit einem höheren Preis anzusetzen. Weitere ähnliche Verzerrungen rühren von 6 Franz E. Aschinger: Die Krise des geteilten Goldmarktes. Abgedruckt in: Deutsche Bundesbank, Ausz. Presse-Art. 1972, Nr. 60, S. 10 f. 7 Eckhardt Spreen: Niveauund Struktursteuerung der internationalen Liquiditätsversorgung im System kontinuierlicher Goldpreisänderungen. Jb. f. Soz.wiss., Jg. 20 (1969), S. 178-201. 8 Marx, Engels: a.a.O., S. 157. — Vgl. auch Harald-Dietrich Kühne: Die Marxsche Lehre vom Weltgeld und ihre Bedeutung heute. Deutsche Finanzwirtschaft, 1968, H. 11, S. G 17. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.6.675 | Generated on 2023-04-04 11:47:08
Die Rolle des Goldes im Weltwährungssystem 681 diesem Umweg her. Dies führt dazu, die Sonderstellung des US-Dollars bei derartigen Umrechnungen grundsätzlich in Frage zu stellen. Möglicherweise noch berechtigt zur Zeit der Goldkonvertibilität des Dollars, erscheint sie willkürlich in einer Zeit, in der der Dollar die Konvertibilität in Gold als ihn vor anderen Währungen auszeichnende Eigenschaft nicht mehr hat. Es wäre also zu prüfen, ob nicht für jede Währung unmittelbar ihre Goldparität festgelegt werden sollte. b) Gold als Reservemedium Im Bericht wird die größere Wichtigkeit der Aufgabe des Goldes als Reservemedium gegenüber seiner Aufgabe als Recheneinheit festgestellt. Ein Hinweis auf den Anteil des Goldes (fast ein Drittel) an den gesamten Währungsreserven zu Ende des Jahres 1971 wird gegeben. Zur Frage der Bedeutung des Goldanteils der Währungsreserven sei hier angemerkt, daß es irreführend sein kann, den Teil der Währungsreserven, der in Gold gehalten wird, als Teil der Gesamtreserven anzugeben. Es werden hier nämlich Reserven sehr unterschiedlichen „inneren" Wertes zusammengezählt. Angesichts der unterschiedlichen Wertschätzung einzelner Währungsreservearten und der Verschiedenheit der Wertverhältnisse zwischen Buchund Marktwert, die für sie besteht, erscheint besonders ein Ausdruck des Goldes als Teil einer Gesamtheit von Währungsreserven bedenklich. So ist es kein Geheimnis, daß in letzter Zeit der nominal am schnellsten gewachsene Teil der Währungsreserven aus US-Dollar besteht, die trotz vielfältiger Abwehrbemühungen der betroffenen Währungsbehörden in deren Reserven zu einem Mindestpreis aufgenommen werden mußten (vgl. Abb. S. 682). Ohne die unfreiwillige Aufnahme dieses Teils der Währungsreserven wäre der Marktpreis dieser Art weit unter dem Mindestpreis und unter der Parität, mit der sie zu Buche stehen, zu vermuten. Dem steht nun der Marktpreis des Goldes gegenüber, der zur Zeit der Übergabe des Berichts fast doppelt so hoch war wie der, zu dem das Gold in den Reserven der Währungsbehörden ausgewiesen wird. Es sei nur angedeutet, daß die vermutliche freie Preisentwicklung für Gold und Dollar noch anders verlaufen würde, wenn dem Gold wieder uneingeschränkt seine Rolle als Währungsreserve mit wirklichkeitsnaher Bewertung eingeräumt werden würde und wenn sämtliche Goldverbote für den privaten Verkehr aufgehoben würden. Wurden die Dollarreserven der Währungsbehörden in letzter Zeit zum Teil trotz verzweifelter Gegenwehrmaßnahmen aufgebaut — selbst die grundsätzlich marktwirtschaftlich ausgerichtete Bundesrepublik Deutschland ging am 29.6.1972 zur Beschränkung der Ausländerkonvertibilität über, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.6.675 | Generated on 2023-04-04 11:47:08
682 Jürgen Bosch Weltwährungsreserven in Mrd.S ohne Ostblock U.China 63 Bestand 1972 (Mai) NeunerEG 54,9 übrige Welt 57,2 davon Gold 16,0 0,8 10,5 11,3 davon Gold 1962 64 66 68 70 1972 (Mai) Quelle: Berechnet nach International Financial Statistics. Zuletzt: Vol. XXV (1972), H. 9, S. 19 f. ein Schritt, dessen Tragweite an der schweren Regierungskrise, die er in diesem Land auslöste, mit ermessen werden mag —, und verweigern einige Länder bei frei schwankenden Wechselkursen völlig eine weitere Aufnahme von US-Dollars in ihre Währungsreserven, so war umgekehrt gleichzeitig ein auffallendes Bemühen der Währungsbehörden festzustellen, an ihren aus Gold bestehenden Währungsreserven festzuhalten. Dies ließe sich schon am Beispiel der USA zeigen, die sich bemühen, ihre Goldreserven nicht unter ein Mindestmaß absinken zu lassen, und die dafür selbst zu sehr harten Mitteln zu greifen sich bereit gezeigt haben. Als weiterer, großes Aufsehen erregender Fall sei auch noch der Italiens angeführt, das schon am 27. 6. 1972 von seinen europäischen Partnern bei der ersten Bewährungsprobe der zwei Monate zuvor in Kraft gesetzten Bandbreitenverengung innerhalb der westeuropäischen Staaten eine Ausnahmeregelung zugebilligt bekam, die auf eine völlige Aushöhlung des wesentlichen Sinnes des vorgesehenen Verfahrens hinausläuft und es Italien erlaubte, die besonders hohen Goldbestände in seinen Währungsreserven zu schonen und statt dessen durch Abgabe von US-Dollar aus seinen Währungsbeständen den LiraKurs zu stützen. Auch das Vereinigte Königreich kann als Beispiel für ein Land angeführt werden, das wiederholt lieber Reservehilfen von außen in Anspruch genommen hat, als sich von seinen Goldbeständen zu trennen. Frankreich verstand es, die schwere Währungskrise, in die es 1968/69 gestürzt worden war, zu durchstehen, ohne mehr als ein OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.6.675 | Generated on 2023-04-04 11:47:08
Die Rolle des Goldes im Weltwährungssystem 689 mit den längst veralteten Golddeckungsbestimmungen nun gleich mit dem Gold überhaupt aufräumen zu wollen, also sozusagen auch hier das Kind mit dem Bade auszuschütten, zumal ja das Gold angesichts der sinkenden Goldwährungsreserven der USA für dieses Land auf einmal ein so unbequemer Gegenstand geworden zu sein scheint. Daß durch eine Anpassung des Goldpreises an Marktgegebenheiten (anders als bei SZR, für die es ja keinen Markt geben kann) die amerikanischen Goldschwierigkeiten hätten auf leichte Weise geregelt werden können und dies zu einer Zeit, zu der die USA noch über große Goldreserven verfügten, gehört nun eben zu den unverständlichen Seiten der ganzen Angelegenheit13. c) Gold als Tauschund Zahlungsmittel Der Bericht stellt diese wichtige Aufgabe nicht besonders heraus. Sie ist aber wiederholt im Verlauf der Ausführungen im Bericht angesprochen. Wenn sie im Rahmen der westlichen Welt angesichts der Immobilisierung der Goldreserven wegen der verfehlten Bewertung des Währungsgoldes gegenwärtig eine geringere Rolle spielt, so ist sie doch sehr wichtig und wird bei einer Annäherung des Preises für Währungsgold an den Marktpreis für Gold auch wieder die ihr zukommende Bedeutung erlangen. Die Berichterstatter gehen übrigens auf die Gründe ein, weshalb die Währungsbehörden gegenwärtig so wenig Neigung zeigen, sich von ihren Goldbeständen zu trennen, solange dies nur zum amtlichen Preis möglich ist. Im Zusammenhang mit erweiterten Wirtschaftsbeziehungen zwischen Ost und West ist aber auch gerade die Aufgabe des Goldes als Tauschund Zahlungsmittel besonders wichtig. „Die Funktion als Zahlungsmittel zur Ausgleichung internationaler Bilanzen herrscht vor"14 heißt es vom Weltgeld (Gold) bei den kommunistischen Klassikern. So war es vielleicht nicht von ungefähr, daß die Moscow Narodny Bank im Jahre der großen sowjetischen Getreideeinkäufe im Westen in London Mitte September 1972 eine Preisanalyse für Gold veröffentlichte. Es könnte daraus geschlossen werden, daß die sowjetische Seite damit zu einer besonneneren Haltung in Fragen des Goldpreises ihren Beitrag leisten wollte, nicht zuletzt um auch den langfristigen Interessen der Sowjetunion am Gold einen Dienst zu leisten. 3. Die Preisschere zwischen Währungsgold und frei gehandeltem Gold Im Bericht wird auf die Preisentwicklung am Goldmarkt in den letzten Monaten verwiesen und festgestellt, daß ein derart weites Aus13 Vgl. Jacques Rueff: Le Péché monétaire de l'Occident. Paris 1971. S. 153. 14 Marx, Engels: a.a.O., S. 157 f. 44 Zeitsdirift für Wirtschaftsund Sozialwissensdiaften 92,6 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.6.675 | Generated on 2023-04-04 11:47:08
690 Jürgen Bosch einanderklaffen der Preise für Währungsgold und am Markt gebändeltes Gold dreierlei Folgen nach sich ziehen könne: 1. Goldabgaben zum amtlichen Preis würden von den Währungsbehörden vermieden. 2. Im Falle einer Notwendigkeit eines Zahlungsbilanzausgleichs könnte versucht werden, Währungsgold am freien Markt zu dem dort herrschenden Preis zu verkaufen. 3. Auch die Inanspruchnahme von SZR und von Reservepositionen beim Fonds könnte unattraktiv werden. Hierzu erscheint es angezeigt, auf die „Lateinischen" Goldgespräche hinzuweisen. Von den im Falle eines europäischen Zusammengehens mit dem Ziel der Anhebung des Goldpreises verbundenen Gefahren ist nämlich im Bericht nicht die Rede. Dabei hat die Diskussion solcher Pläne, die mit französisch-italienischen Besprechungen in Verbindung gebracht worden sind, schon vor Abschluß des Berichts viel Unruhe erzeugt. Weiter unten ist im Bericht der Vorschlag aufgenommen, massiv Gold aus Währungsbeständen zu verkaufen, der als amerikanische Antwort auf die vermuteten französisch-italienischen Pläne gilt. Im Bericht werden zur Lösung von Fragen, die sich im Zusammenhang mit dem Goldpreisproblem ergeben, zehn Änderungsvorschläge aufgeführt. Der erste Vorschlag zielt auf eine Lösung nach Europäischer Schule, d. h. auf Vereinbarungen über den Saldenausgleich mit gemischter Zusammensetzung der verschiedenen verfügbaren Arten von Währungsreserven einschließlich des Goldes. Die Berichterstatter versprechen sich aber offenbar von diesem Ansatz nur teilweise Entlastung von den Folgen, die sich aus dem Bestehen der Preisschere ergeben. Nähere Ausführungen fehlen. Hierzu muß allerdings auch gesagt werden, daß die schlechten Erfahrungen in der ersten Belastungsprobe der Europäischen Währungsunion (Erste Stufe) im Zusammenhang mit der italienischen Lira die zurückhaltende Beurteilung dieses Vorschlags im Bericht bestätigen. Der zweite im Bericht genannte Vorschlag betrifft einen revolvierenden Gold-swap, d. h. es soll die Möglichkeit geschaffen werden, daß gegen Hingabe von Gold beim Fonds SZR eingetauscht werden könnten, wobei auch eine Rückgabe dieser SZR zwecks Rückerlangung des Goldes vom Fonds möglich gemacht werden sollte. Audi hierzu fehlen im Bericht nähere Erläuterungen. Es wird lediglich darauf hingewiesen, daß die Schaffung einer solchen Fazilität eine Satzungsänderung voraussetzt. Der Aufbau des Berichts legt den Schluß nahe, daß die Berichterstatter auch hinsichtlich der Erfolgsaussichten dieses Vorschlags eher zurückhaltend sind. Der dritte im Bericht genannte Vorschlag beinhaltet die Anhebung des Goldpreises zum Ausgleich der gegenwärtigen Unterbewertung des OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.6.675 | Generated on 2023-04-04 11:47:08
Die Rolle des Goldes im Weltwährungssystem 691 Währungsgoldes. Dieser Vorschlag wird nun im Bericht ausführlicher erörtert. Hier wird von der Partei „einiger" gesprochen, die eine Erhöhung des Preises für Währungsgold als geeignet zur Lösung von allen Schwierigkeiten halten, die aus Gründen folgen, die sie in der gegenwärtigen Unterbewertung des Währungsgoldes sehen. Es wird ausgeführt, daß eine Anhebung des Preises für Währungsgold als Nebenwirkung eine Erhöhung der Reserven mit sich bringen würde (nominal). Die Partei „einiger" sei aber der Ansicht, daß alle inflationistischen Gefahren oder ungleichen Wirkungen hinsichtlich der Bevorteilung durch die Preiserhöhung für Währungsgold gemeistert werden können. Sie wären überzeugt, daß es unrealistisch sei, zu glauben, eine anhaltende Minderung der Preisdiskrepanz sei dadurch möglich, daß der hohe Preis des Goldhandels durch Abgabe von Währungsgold an den freien Markt gesenkt werden könnte. Diese letztere Meinung teilen auch die Anhänger einer Partei „einiger anderer", die aber sonst nicht der Meinung der Goldpreiserhöhung-Anhänger sind. Diese letzteren sind also weder für eine Erhöhung des Preises für Währungsgold noch für den Versuch einer Hinwirkung auf eine Absenkung des Preises des Goldhandels durch Abgabe yon Währungsgold an den Markt. Als weitere, dritte Partei wird nun die „all jener" vorgestellt, die heftigen Widerspruch gegen eine Erhöhung des Goldpreises erheben. Sie führen nach dem Bericht fünf Argumente ins Feld. Eine Preiserhöhung würde 1. den Fortschritt, der bis jetzt in Richtung eines rationalen Währungssystems gemacht worden sei, zunichte machen, 2. die SZR-Fazilität unterhöhlen, 3. höchst ungleiche Auswirkungen auf die einzelnen Mitglieder haben. 4. Sie glauben nicht, daß die möglicherweise ernsten inflationären Wirkungen sowie die Wirkungen auf die Verteilung der Währungsreserven wirksam überwunden werden könnten. 5. Schließlich glauben sie, daß jede Preiserhöhung für Währungsgold nur Erwartungen auf weitere Goldpreisänderungen nähren würde. Auf die im Bericht genannten fünf Argumente der Gegner einer Erhöhung des Preises für Währungsgold sei im Folgenden kurz näher eingegangen. Das erste Argument wirft die Frage nach der Ratio auf. Es erscheint besonders schwach. „Alle jene", die es vertreten, sollten wissen, daß es verschiedene Meinungen darüber gibt, wie ein „rationales" Währungswesen aufgebaut sein sollte. Es erscheint wenig klug, in einem solchen Zusammenhang mit Begriffspaaren wie rational/irrational vorzugehen, auch wenn es ein Versuch sein sollte, damit dem (nicht erwähnten) Begriffspaar künstlich/wirklichkeitsgemäß etwas entgegenzusetzen. Wieso schließlich bei einem „rationalen" Währungssystem der bisher gemachte „Fortschritt" schon mit einer Anhebung des Prei44* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.6.675 | Generated on 2023-04-04 11:47:08
692 Jürgen Bosch ses für Währungsgold zunichte gemacht werden können soll, gibt Anlaß zu Zweifeln an der Widerstandskraft des „rationalen" Systems sowie an dem Ausmaß der bisher gemachten „Fortschritte". Wenn schon der jetzige Preis willkürlich ist, müßte jeder andere Preis für Währungsgold — und sei es der jetzige Marktpreis — grundsätzlich die gleiche Wirkung in Augen „all jener" haben, die offenbar nicht bereit sind, einen willkürlichen Preis als etwas Störendes zu betrachten. Aus dem zweiten Argument (Aushöhlung der SZR-Fazilität) könnte abgeleitet werden, daß es schlecht um die SZR steht, wenn der Goldpreis erhöht wird. Oben, bei der Beschreibung der Folgen der Preisschere, wurde aber auch gesagt, daß der Gebrauch von SZR unattraktiv werden könnte bei dem gegenwärtigen niedrigen Preis für Währungsgold. Beide Argumente zusammengenommen würden ergeben, daß es um die SZR bedenklich stünde sowohl bei dem niedrigen jetzigen als auch bei einem künftigen höheren Preis für das Währungsgold. Zum dritten und vierten Argument (Disproportionale Auswirkungen, Ausgleichspläne) ist zu bemerken, daß die bei einer Erhöhung des Preises für Währungsgold auftretende Erhöhung der nominalen Reserven und gewisse Bevorund Benachteiligungen einzelner Währungsbehörden entsprechend dem Goldanteil ihrer Währungsreserven Gegenstand weit ausgearbeiteter Pläne sind. Einer dieser Pläne geht auf Anregung von Rueff zurück15. Das fünfte Argument (Ermutigung einer Hausse) erscheint voll zutreffend, was die Überlegung anbelangt, wie der Markt reagieren könnte. Doch darf es nicht gegen eine Abkehr von der gegenwärtigen Preispolitik des Festhaltens vorgebracht werden, solange es das Anliegen ist, einen möglichst durch künstliche Eingriffe unverfälschten Goldpreis zustande kommen zu lassen. Wäre die Bereitschaft gegeben, den Goldpreis hinzunehmen, wie er sich nach den Marktverhältnissen ergibt, dann wären jedenfalls für die Spekulation alle diejenigen Elemente hinfällig, die sich aus der Tatsache der Manipulierung des Preises durch Währungsbehörden ergeben. Als vierter Änderungsvorschlag wird im Bericht genannt: Hinwirkung auf eine Preissenkung am Goldmarkt durch eine klare Ablehnung einer Preiserhöhung für Währungsgold. Außer einem Hinweis auf die Partei „all jener", die gegen die Goldpreiserhöhung sind, fehlen im Bericht nähere Ausführungen. Dazu ist festzustellen, daß von den Anhängern dieses Arguments deutlich gemacht werden müßte, wie sie sich es vorstellen, daß durch einfaches Festhalten an dem gegenwärtigen Preis für Währungsgold 15 Vgl. etwa: Rueff: a.a.O., S. 243 f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.6.675 | Generated on 2023-04-04 11:47:08
Die Rolle des Goldes im Weltwährungssystem 693 Preissenkungen am Markt für freies Gold bewirkt werden könnten. Sie müßten dazu auch Angaben zu ihren Vorstellungen über Ausmaß und Dauer der von ihnen erwarteten Preissenkung machen können. Schon an dieser Stelle sei schließlich auf die Bedeutung der Übereinstimmung der Preise für Währungsgold und freigehandeltes Gold auf zwei entgegengesetzten Ebenen hingewiesen. Vom vierten bis zum letzten Änderungsvorschlag geht es deren Befürwortern um eine Senkung des Marktpreises für Gold, weil sie die bestehende Preisschere nicht hinnehmen möchten. Wenn es schon um eine größere Annäherung der Preise für Währungsgold und für frei gehandeltes Gold geht (Verminderung der Preisschere), dann könnte zunächst mit gleichem Recht wie die Absenkung des Handelspreises die Anhebung des behördlichen Preises gefordert werden. Bedenkt man aber, daß Absenken des Handelspreises bedeutet, daß ein Marktpreis durch künstliche Maßnahmen auf das Niveau eines künstlichen, willkürlichen Preises gesenkt und damit verfälscht werden soll, während Anheben des behördlichen Preises bedeutet, daß ein bisher künstlicher Preis der Marktwirklichkeit angepaßt werden soll, dann erscheint es nicht mehr gleichgültig, ob die Annäherung der Preise auf der oberen (marktgemäßen) oder unteren (künstlichen) Ebene gesucht wird. Hinzu kommt die Überlegung, daß der Vorrat, aus dem auf den Marktpreis eingewirkt werden soll, begrenzt ist. Daß also irgendwann diese Beeinflussungsmöglichkeit doch endet. Außerdem ist noch einmal auf die großen technischen Schwierigkeiten eines Ausverkaufs des Goldes in den Währungsreserven und die damit verbundenen Verlustgefahren hinzuweisen. Wenn es heute allgemein auch in der Diskussion um die zukünftige Gestaltung des Weltwährungswesens anerkannt wird, daß die Wechselkurse einen größeren Freiheitsraum zugestanden bekommen sollen, dann kann nicht gleichzeitig für das Gold eine entgegengesetzte Meinung vertreten werden. Der fünfte im Bericht genannte Änderungsvorschlag beinhaltet: Verkäufe von Gold aus den Reserven der Währungsbehörden am freien Markt mit dem Ziel, eine Preissenkung am Goldmarkt zu bewirken. Diese Verkäufe sollen auf eigene Rechnung der Währungsbehörden erfolgen. Im Bericht wird dazu näher ausgeführt, daß die bereits genannte Partei ,, all jener" bei den Goldverkäufen an möglicherweise größere Mengen, die von den Währungsbehörden abgestoßen werden sollten, denkt. Es sei hierzu auf die Schwierigkeiten verwiesen, die ein Ausverkauf des Währungsgoldes mit sich bringen müßte. Daß ein Ausverkauf auf eigene Rechnung der Währungsbehörden durchgeführt werden könne, wird im Bericht nur für größere Gold haltende Staaten für möglich erachtet. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.6.675 | Generated on 2023-04-04 11:47:08
694 Jürgen Bosch In diesem Zusammenhang sei noch hervorgehoben, daß zwar bei dem Vorschlag, den Goldpreis zu erhöhen, von Bedenken die Rede ist, eine solche Maßnahme könnte zu Ungleichheiten führen (vgl. dritter Vorschlag, drittes und viertes Argument dagegen), daß aber im Zusammenhang mit der Goldpreissenkung der Hinweis auf ähnliche Gefahren fehlt. Dabei sind im Falle einer Preissenkung solche Gefahren noch empfindlicher, da es hier um große Verlustmöglichkeiten geht, falls der Goldmarkt vorübergehend durch den Ausverkauf zusammenbrechen sollte, während es bei der Goldpreiserhöhung nur um die ungleiche Beteiligung an Gewinnen geht. Der sechste im Bericht wiedergegebene Änderungsvorschlag gleicht dem fünften, nur daß der Verkauf des Goldes über den Fonds auf Rechnung der Währungsbehörden erfolgen soll. Hierzu werden im Bericht keine besonderen Ausführungen gemacht. Im Zusammenhang mit dem sechsten Änderungsvorschlag wird deutlich, daß sich auch die Berichterstatter der großen technischen Schwierigkeiten eines Ausverkaufs des Währungsgoldes bewußt sind. Der siebente im Bericht aufgeführte Änderungsvorschlag zielt auf Verkäufe von Gold aus dem Generalkonto des Fonds. Der Verkauf soll auf Rechnung des Fonds erfolgen. Zu diesem Vorschlag wird im Bericht nur bemerkt, daß hierfür eine Satzungsänderung erforderlich wäre. Beim achten im Bericht aufgeführten Änderungsvorschlag geht es um Verkäufe von Gold im Rahmen eines Einweg-Gold-swaps, d. h. Gold wird vom Fonds gegen Ausgabe von SZR erst erworben und dann auf Rechnung des Fonds verkauft. Auch für diesen Vorschlag wäre eine Satzungsänderung nötig. Weitere Ausführungen fehlen im Bericht. Der neunte im Bericht genannte Ausweg geht davon aus, daß die Mitgliedsländer bevorzugt SZR anstelle von Gold als Währungsreserve aufgrund eines Sinneswandels halten. Diesen Vorschlag bezeichnen die Berichterstatter selbst als „vielleicht wenig naheliegend" (perhaps remote). Wird ein Sinneswandel der Mitgliedsländer einmal vorausgesetzt, dann könnte dies, so wird im Bericht ausgeführt, den Fonds vor praktische Schwierigkeiten stellen im Hinbiidt auf eine Verwertung des ihm auf diese Weise zugeflossenen Goldes, ja, der Fonds könnte im Rahmen einer solchen Operation in Liquiditätsschwierigkeiten kommen. Als Ausweg wird im Bericht auf neu zu schaffende Fazilitäten verwiesen. Der zehnte und letzte im Bericht genannte Änderungsvorschlag zielt auf eine Ermächtigung des Fonds, SZR gegen Gold aus dem Generalkonto auszugeben. Dieser Vorschlag erscheint im Bericht nicht für sich alleinstehend, sondern gehört in den Zusammenhang mit den beim OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.6.675 | Generated on 2023-04-04 11:47:08
Die Rolle des Goldes im Weltwährungssystem 695 neunten Vorschlag angeführten Liquiditätsschwierigkeiten. Hier soll auf eine Möglichkeit, ihnen durch die Schaffung neuer Fazilitäten entgegenzuwirken, hingewiesen werden. III. Ausblick Der Bericht der Exekutivdirektoren des IWF hat — veröffentlicht am Vorabend der Jahrestagung des IWF im Jahre 1972 — nicht wenig Aufsehen erregt. Manche gehen so weit, die Frage einer Ablösung des langjährigen Vorsitzers des Exekutivrats, Schweitzer, in Zusammenhang mit diesem Bericht zu bringen. Sie sei von amerikanischer Seite aufgeworfen worden, weil sich der „Franzose" in Pierre Schweitzer zu sehr entpuppt hätte16. Hiermit ist gleichzeitig die Frage der Unabhängigkeit des Fonds angesprochen und damit die Frage, ob seine Entscheidungen noch nach objektiven Gesichtspunkten gefällt werden oder — wie es auf französisch häufig gesagt wird — nach dem Grundsatz: la raison du plus fort est toujours la meilleure. Die meisten Beobachter der Szene waren sich schon vor Beginn der Tagung einig, daß sie nicht gerade entscheidende Beschlüsse erwarten lasse. Dafür standen die Wahlen in den USA zu kurz ins Haus. Dasselbe gilt auch für einige andere wichtige Länder. Dennoch, auch diese Jahrestagung ist ein Schritt auf dem Weg zu einer Reform des Weltwährungswesens, deren Notwendigkeit fast einhellig anerkannt wird. Es wurden Positionen eingenommen. Es wurde beobachtet. Es wurde auch ein Ausschuß (der 20) eingesetzt, dem die Ausarbeitung von Vorschlägen für die Reform des Weltwährungswesens übertragen wurde. Dieser Ausschuß wird sich auf den Bericht der Exekutivdirektoren des IWF als eine wichtige Unterlage stützen müssen. Die Bestandsaufnahme, wie sie die Exekutivdirektoren sehen, wird Ausgangspunkt ihrer weiteren Überlegungen sein müssen. Schweitzer, der Vorsitzer des Rates der Exekutivdirektoren, sagte selbst von dem Bericht, er biete zum ersten Mal in einer bis dahin nicht vorliegenden Präzision eine umfassende Darlegung der diskutierten Reformvorschläge17. Der Bericht war eine schwere Geburt. Erst die fünfte Fassung wurde nach vielen Vollsitzungen angenommen. Jetzt wird es Sache weiterer Überlegungen und Verhandlungen sein, was schließlich von dieser quinta essentia eines Berichtes zur Wirklichkeit werden wird. 16 Klaus Engelen: Krach in Washington. Handelsblatt (19. 9.1972), S. 2. 17 Schweitzer will dem Druck der USA nicht nachgeben, a.a.O. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.6.675 | Generated on 2023-04-04 11:47:08
696 Jürgen Bosch Summary The Role of Gold in the International Monetary System On the Report by the Executive Directors of the IMF on Reform of the International Monetary System The statements, suggestions and observations presented in the report, both on gold functions and discrepancy between private and official gold price, are analysed and commented. The author wants to show that reconsidering the role of gold appears particularly important in a moment, in which the existing unity of world economy is seriously menaced to be broken up into blocks in the case some of the Western countries should let culminate their individual gold policies in separation producing acts. Could the world so be divided further on account of different views on the role gold should play, the author develops how gold could, on the other side, also become a catalysator for the establishment of true global economic relations. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.6.675 | Generated on 2023-04-04 11:47:08
